Matavese, der Fürst des Felsens

Teil 1
1. Kapitel.

Geht man in Paris am rechten Ufer der Seine vom Bassin du Canal St. Martin nach dem Boulevard Morland hinab, so kommt man nach den Quais des Célestins, des Ormes, de la Grève, Pelletier, de Gesvres und de la Mégisserie. Hinter dem letzteren zieht sich von Place des Louvres nach der Place du Châtelet als Fortsetzung der Rue des Prêtes die Straße St. Germain l'Auxerrois, an der sich die Mairie des vierten Arrondissements befindet. Gegenüber dieser Mairie, in der Rue de Lavande, Nummer 4, bewohnte Professor Letourbier die erste Etage.

Es war dies derselbe Professor, bei dem Doktor Karl Sternau assistiert hatte, ehe er nach Rodriganda ging. Er gehörte zu den berühmtesten medizinischen Größen der Metropole und hatte in Sternau ein Talent erkannt, in dem er einen würdigen Nachfolger finden konnte. Darum hatte er den Deutschen nicht gern nach Spanien gelassen und freute sich herzlich, als er ihn wiedersah.

Wir haben bereits gesehen, daß Sternau seinen Verfolgern in Spanien glücklich entkommen war; wir haben ihn sogar bereits in Rheinswalden bei dem Oberförster Rodenstein getroffen, wir wissen aber auch, daß er vorher in Paris bei Professor Letourbier war, um diesem seine geisteskranke Geliebte zu zeigen.

Zur Zeit dieses Aufenthalts in Paris war es, daß Sternau eines Abends ziemlich spät sich von dem Professor verabschiedete, um nach seinem Hotel zurückzukehren. Dieses lag in der Rue de la Barillerie, und er mußte daher durch die Saunerie über den Pont au Change gehen.

Die Brücke war infolge eines starken Nebels kaum notdürftig erleuchtet, so daß man Gesicht und Gehör anstrengen mußte, um Kollisionen zu vermeiden, und da sie jetzt nur von wenigen Passanten belebt wurde, erregte der einzelne mehr Aufmerksamkeit als zu einer bewegteren Tageszeit. Sternau hatte die Brücke fast überschritten, als er plötzlich vor sich eine halblaute Stimme hörte:

»Jesus, vergib mir!«

Von einer schnellen Ahnung getrieben, sprang er rasch vorwärts, aber er kam bereits zu spät. Eben als er den Mittelpunkt zwischen zwei Pfeilern erreichte, warf sich eine weibliche Gestalt von dem Geländer, das sie erstiegen hatte, hinab in die von dichten Nebeln überwallte Flut.

»Hilfe!« rief Sternau, so laut er vermochte.

Mehrere Stimmen antworteten vom Ufer und von der Brücke her.

»Es ist jemand von der Brücke gestürzt!« rief er ihnen zu.

Dann hatte er aber auch bereits Hut und Rock von sich geworfen und schwang sich nun seinerseits ebenfalls über das Geländer hinab.

Er war ein ausgezeichneter Schwimmer. Die Gewalt des Sprungs tauchte ihn tief unter die Oberfläche des Wassers, aber einige Augenblicke später schwamm er bereits oben, und da er sich denken konnte, daß die Unglückliche abwärts getrieben werde, gab er sich einige Stöße in dieser Richtung hin und hatte es gerade ganz außerordentlich gut getroffen, denn bald erschien vor ihm ein Frauenrock auf den Wogen. Er griff nach ihm und hielt ihn fest, warf ihn sich auf den Rücken, ließ sich treiben und zog den leblos scheinenden Körper an sich, um ihn dann quer über sich herüberzulegen.

»Holla, hier ist ein Kahn!« rief eine Stimme. »Gibt es noch Leben?« – »Hierher!« gebot er.

Am Ufer hatten sich bereits viele Neugierige versammelt. Der Kahn kam näher; es saß nur ein Mann darin.

»Ah«, sagte dieser, als er den Schwimmenden bemerkte, »das nenne ich Mut und Glück!« – »Bitte, nehmen Sie zunächst die Dame hinein«, bat Sternau. – »Natürlich, her damit!«

Die Frau wurde in den Kahn gehoben, und während der Ruderer sich auf der anderen Seite bestrebte, das Gleichgewicht zu halten, schwang sich auch Sternau hinein.

»Das ist gelungen!« meinte der Fremde. »Nun schnell an das Ufer!« – »Nein«, entgegnete Sternau. »Dort sind zu viele Leute!« – »Aber, das ist ja gut, mein Herr!« – »Unter diesen Umständen kaum, weil es eine Dame ist.« – »Sie sprang absichtlich in das Wasser?« – »Ja.« – »Dann haben Sie vielleicht recht. Man muß ihr die Beschämung ersparen. Aber die nächste Pflicht wäre es doch, für ihr Leben zu sorgen.« – »Ich bin Arzt!« – »Ach so, dann ist ja alles in Ordnung. Befehlen Sie also, daß ich abwärts fahre?« – »Ich bitte darum.«

Der Mann war ein Seinematrose. Während die Leute am Ufer auf die Befriedigung ihrer Neugierde warteten, lenkte er das Boot nach der Mitte des Stromarms und ließ es dort abwärts treiben. Unterdessen beschäftigte sich Sternau mit der Untersuchung der Geretteten. »Ist sie tot?« fragte der Matrose. – »Nein. Sie lebt; sie ist nur ohnmächtig.« – »Gott sei Dank! Das arme Kind hätte mir leid getan.« – »Wissen Sie nicht abwärts ein Haus, wohin wir es tragen könnten?« – »Ich weiß eins, mein Herr«, erwiderte der Matrose. »Da links am Quai Conti, gleich am Anfang der Straße Guénégaud wohnt unsere Mutter Merveille, die sicher ein kleines Stübchen zur Verfügung hat.« – »Wer ist diese Mutter Merveille?« – »Sie hat einen Kaffeeschank für ärmere Leute und ist eine sehr gute und anständige Frau.« – »So führen Sie uns zu ihr.«

Der Matrose lenkte nun nach dem linken Ufer des Flusses, wo er sein Boot befestigte. Sternau nahm das Mädchen auf den Arm und ließ sich von dem Mann führen.

Sie traten in ein Haus in der angegebenen Straße. Eine Parterrehälfte desselben wurde von dem Kaffeelokal eingenommen. Der Matrose bat den Arzt, einen Augenblick zu warten, und ging in die Küche. Bald trat die Wirtin heraus, einen Schlüssel und ein Licht in den Händen.

»Mein Gott!« sagte sie. »Ist es möglich! Eine Ertrunkene!« – »Nein, sie lebt noch, Madame«, erwiderte Sternau. »Haben Sie nicht ein Bett übrig?« – »Gern, sehr gern, mein Herr!« versetzte sie mit der eifrigsten Bereitwilligkeit »Kommen Sie nach hinten; dort ist das Schlafzimmer meiner Tochter.«

Der Matrose wollte sich anschließen, wurde aber von Mutter Merveille abgewiesen.

»Bleib, Gardon«, sagte sie. »Wir sind genug, der Herr Doktor und ich; deine Gesellschaft ist bei einer kranken Dame ganz überflüssig.«

Sternau hatte seine Gerettete noch gar nicht genauer betrachtet. Jetzt, als er sie in dem kleinen Zimmer zunächst auf das Sofa legte, damit sie von der Wirtin entkleidet werde, konnte er ihre Züge deutlich erkennen.

»Wie schön!« sagte Mutter Merveille. »Gebe Gott, daß sie wirklich lebt.« – »Sie lebt; sie wird genesen«, versicherte er, ergriffen von dem Ausdruck der sanften, bleichen Züge. »Legen Sie sie in das Bett.« – »Was mag sie veranlaßt haben, in das Wasser zu springen?«

Diese Frage wurde im Ton innigster Teilnahme, aber nicht in dem der Neugierde ausgesprochen.

»Ich vermute es«, sagte Sternau. »Vielleicht ist sie vom Vater ihres Kindes verlassen worden.« – »Ah«, sagte die Wirtin mit einem verständnisvollen Nicken. »Sie vermuten –? Hm, Sie sind Arzt; Sie werden das wissen. Armes Kind! Was ist jetzt zu tun?«

– »Sorgen Sie für eine Tasse Fliedertee. Ich werde bei ihr bleiben.« – »Aber, Monsieur, Sie sind ja durch und durch naß. Wo haben Sie Ihren Rock?« – »Ah, daran denke ich jetzt erst! Wie heißt der Matrose, der mich zu Ihnen brachte?« – »Gardon.« – »Senden Sie ihn nach dem Pont au Change, von welchem ich in den Fluß sprang. Dort warf ich Rock und Hut ab. Die Uhr und das Portemonnaie steckte ich in eine Tasche des Rocks. Ich vermute, daß man diese Sachen respektiert hat.« – »Sicher. Er soll eilen.«

Die Frau ging, und noch war sie kaum eine Minute fort, so begann das Gesicht der Geretteten sich zu röten. Ihre Hände bewegten sich, sie öffnete auch bald die Augen und blickte zunächst verwundert um sich.

»Was ist's?« fragte sie leise. »Wo bin ich?« – »Sie sind bei guten Leuten, Mademoiselle«, antwortete Sternau. »Wie befinden Sie sich?« – »Ich? Mich?« fragte sie langsam und sinnend.

Dann erschien ihr das Geschehene einzufallen. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und weinte. Er ließ sie gewähren und saß bei ihr, ohne ein Wort zu sagen.

»Oh, warum bin ich nicht tot!« sagte sie endlich. – »Ist es Ihnen so leicht geworden, in den Tod zu gehen?« fragte er in mildem Ton.

Sie sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an. »Leicht? Oh, schwer, so schwer!« – »Und dennoch taten Sie es!« Wieder legte sie ihr Gesicht in die Hände, um in ein erschütterndes Schluchzen auszubrechen.

»Oh, Monsieur, hätten Sie mich doch sterben lassen!« sagte sie. – »Der Mensch soll erst sterben, wenn Gott ihn ruft. Und Sie, wissen Sie nicht, daß Sie im Begriff standen, nicht nur sich selbst, sondern auch noch ein zweites Leben zu töten?« – »Oh, woher wissen Sie das? Sie kennen mich!« – »Nein. Ich bin Arzt. Ich habe Sie im Wasser gehalten und hierher getragen.«

Sie erglühte.

»Mein Herr, ich weiß, daß ich im Begriff gestanden habe, eine große Sünde zu begehen«, sagte sie, »aber mein Mut ist dahin.« – »Fassen Sie Vertrauen! Gott ist gut; er läßt keinen Menschen verlorengehen.« – »Ja, Gott ist gut; aber die Menschen, die Menschen …!« – »Haben Sie bereits so schlimme Erfahrungen gemacht?« – »So schlimme, daß es nur noch den Tod gab.« – »Gab es keine Hilfe, keine Rettung?« – »Keine«, erwiderte sie dumpf. – »Mein Kind, das ist ja eine wirkliche Verzweiflung, zu der Sie jedenfalls das Recht nicht haben.« – »Nicht? Oh, wenn Sie wüßten!« – »So teilen Sie mir Ihren Kummer mit. Ich zweifle nicht daß ich imstande sein werde, Ihnen, wenn nicht Hilfe, so doch Rat zu bringen.« – »Unmöglich, mein Herr!« – »Warum unmöglich? Sie dürfen an meiner Bereitwilligkeit, Ihnen zu nützen, nicht zweifeln.« – »Ich zweifle nicht; ich sehe es Ihnen an, daß es Ihr Ernst ist, daß Sie ein Herz besitzen, das mild von einer Unglücklichen denkt; aber ich vermag Ihnen nicht zu erzählen.« – »Warum nicht?«

Sie errötete abermals tief und schwieg.

»Stehen Sie allein?« fragte er, um ihr die Mitteilung zu erleichtern. »Sie haben doch noch Eltern und Geschwister?« – »Nur den Vater und einen Bruder. Jener ist eigentlich Fischer, aber, ach, es ist lange her, seit er seinen Beruf nicht mehr betreibt« – »So hat er einen anderen Beruf erwählt?«

Sie schüttelte den Kopf und erwiderte nach einer Pause.

»Einen anderen? O nein, leider nein! Ach, mein Herr, wie bin ich doch so unglücklich!«

Sie hüllte ihr Gesicht in die Decke des Bettes und weinte wiederum. Er bat sie, aufrichtig zu sein, und seinem freundlichen Zureden gelang es endlich, sie zu beruhigen und zur Mitteilung zu bewegen.

»Mein Vater war ein so guter und nüchterner Mann«, sagte sie. »Ja, das war er – bis meine Mutter starb. Er hatte sie liebgehabt; er grämte sich und suchte Trost im Branntwein. Ich war ein Mädchen von neun Jahren, und mein Bruder war nur drei Jahre älter als ich. Der Vater gewann den bösen Trunk immer lieber, denn er kam in schlimme Gesellschaft. Er verkehrte bald mit Männern, die er früher verachtet hatte. Er verlernte die Arbeit, er verkaufte nach und nach alles, was er hatte, und wir begannen zu hungern.«

Sie hielt inne. Es wurde ihr sichtlich schwer, diese Geständnisse zu machen. Endlich fuhr sie fort:

»Mein Bruder war ein starker Knabe; er wurde Schmied. Die Schmiede sind sehr oft rohe und gewalttätige Leute; er wurde es auch, aber er hat mich immer liebbehalten, obgleich er bald in die Fußtapfen des Vaters trat, seine lohnende Arbeit aufgab und des Abends mit dem Vater ausging. Wenn sie dann des Nachts nach Hause kamen, so waren sie oft reich, oft auch arm, und ich durfte niemals fragen, woher sie die Dinge brachten, von deren heimlichem Verkauf sie lebten.« – »Armes Kind!« sagte Sternau.

Sie nickte traurig und fuhr fort:

»Einst kehrten sie nicht zurück, und ich wurde des anderen Tages zur Mairie zitiert. Dort erfuhr ich, daß beide gefangen seien: Man hatte sie bei einem Einbruch ertappt. Oh, das war ein trauriger Tag! Ich habe damals viel geweint, aber ich ließ den Mut nicht sinken. Während beide viele Monate lang im Gefängnis saßen, arbeitete ich bei einer Näherin; ich hatte keine Not und legte mir etwas Geld zurück, damit die Meinen nicht hungern sollten, wenn sie wieder frei würden. Sie kamen; sie nahmen mein Erspartes und vertranken es. Ich mußte zu ihnen ziehen, das alte Leben begann von neuem, und obwohl sie wiederholt bestraft wurden, besserten sie sich nicht. Nun war ich groß geworden, und der Vater sagte, daß ich hübsch sei, und meinte, jetzt sei die Zeit gekommen, in der er sich nicht mehr zu plagen und zu sorgen brauche. Darauf brachte er junge Männer zu mir, Männer, vor denen mir graute. Ich widerstand lange, aber ich erhielt Schläge. Ich wollte gehen, fliehen, aber ich wurde eingeschlossen. Endlich zwang man mich eines Abends, starken Wein zu trinken; ich wurde sehr betrunken, alles andere können Sie sich denken.«

Sie hielt abermals inne. Die Erinnerung an jene Zeit entlockte ihr ein Meer von Tränen.

Sie hatte in kurzen Worten eine Biographie gegeben, wie sie in Paris auf Tausende junger Mädchen paßte, denen die Ehrlosigkeit und Pflichtvergessenheit der Eltern zum Fluch wird.

»Haben Sie nie einen Schritt getan, um sich von der Behörde Hilfe zu verschaffen?« fragte Sternau. – »Nein«, antwortete sie. »Es waren ja mein Vater und mein Bruder.« – »Und nun? Was gedenken Sie nun zu tun, mein Kind?« – »Oh«, klagte sie, »ich weiß, daß ich dennoch in die Seine gehen muß.« – »Nein, das sollen Sie nicht. Ich werde dafür sorgen, daß Sie es nicht nötig haben.«

Ihr trauriges Angesicht klärte sich auf, und mit einem hoffnungsvollen Leuchten ihrer Augen fragte sie:

»Mein Gott, ist dies Wahrheit? Sie wollen mir wirklich helfen, ohne daß es dem Vater und dem Bruder Schaden bringt?« – »Ja, ich werde helfen, und, wenn es zu umgehen ist, jeden Schaden vermeiden.« – »Oh, Monsieur, wie dankbar wollte ich Ihnen sein«, rief sie entzückt »Man hat mich zu den Verachteten gezählt, aber ich bin nicht schuld daran. Ich will ja gern arbeiten; ich will gern alles tun, um Ihre Zufriedenheit zu erlangen. Glauben Sie es mir?«

– »Ich glaube es Ihnen«, erwiderte er. »Wo wohnen Sie?« – »Wir wohnen in einem Hinterhaus der Rue St. Cloy.« – »Das ist allerdings ein schlimmes Quartier. Zu einer in dieser Winkelstraße liegenden Hinterwohnung kann man kein Vertrauen haben.«

Da öffnete sich die Tür, und die Wirtin trat ein.

»Hier ist der Fliedertee«, sagte sie. »Ah, Sie sind wieder zu sich gekommen, mein Kind?« – »Ja«, antwortete das Mädchen. »Oh, Madame, wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie sich meiner so freundlich angenommen haben!« – »Ich tat es gern. Sie haben nur diesem Herrn zu danken. Trinken Sie schnell den Tee, damit die Schmerzen aufhören. Ah, da kommt ja unser braver Gardon wieder.«

Wirklich trat der Matrose wieder ein. Hinter ihm befanden sich zwei Männer, die mit hereinwollten, von ihm aber bedeutet wurden, zurückzubleiben.

»Hier, mein Herr, sind Ihre Sachen«, sagte er. – »Ah, sie sind nicht verlorengegangen?« fragte Sternau. – »Nein, ein Polizist hatte sie an sich genommen.« – »Und er gab sie Ihnen ohne Weigerung?« – »Wie Sie sehen. Er kannte mich. Ja, Monsieur, der Matrose Gardon ist hier als ein ehrlicher Mann bekannt, man darf ihm schon etwas anvertrauen.« – »Wie fanden Sie es an der Brücke?« – »Es standen viele Menschen da, die auf die Rückkehr unseres Bootes warteten. Zwei von ihnen sind mitgekommen.« – »Was wollen sie?« – »Sie wollen diese Demoiselle sehen, sie vermuten, daß es eine Anverwandte von ihnen sei.« – »Wie heißen sie?« fragte das Mädchen. – »Sie nannten sich Mason, Vater und Sohn.« – »Sie sind es«, sagte sie. »Mein Name ist Annette Mason.« – »Wünschen Sie, sie zu sehen?« fragte Sternau. – »Darf ich, mein Herr?« – »Ja. Wir werden uns einstweilen entfernen.« – »Die anderen mögen gehen, Sie aber bitte ich zu bleiben, Monsieur. Ich fürchte mich vor dem Vater!« – »Gut«, sagte Sternau zur Mutter Merveille. »Lassen Sie die beiden eintreten.«

Dieselbe entfernte sich mit dem Matrosen, und die beiden Masons traten ein.

Der Vater hatte ein wüstes, versoffenes Aussehen; es war gar nicht zu verkennen, daß er der Sünde und dem Verbrechen ohne Rettung verfallen sei. Der Sohn war eine kräftige, robuste Gestalt und ganz sicher ein ungeschlachter, gewalttätiger und gewissenloser Mensch, aber in seinem Auge glänzte doch so etwas wie ein Freudenschimmer, als er seine Schwester erblickte. Der Vater eilte sofort auf sie zu.

»Endlich habe ich dich!« rief er. »Heraus aus dem Bett und folge mir!« – »Ich bin krank, Vater«, entgegnete sie bittend. – »Krank?« fragte er. »Du bist ja wach, du kannst ja sprechen. Heraus und fort mit dir!«

Da trat ihr Bruder zu ihr heran und fragte:

»Du bist wirklich in die Seine gesprungen, wie du uns drohtest, Annette?« – »Ja«, gestand sie leise. – »Welch eine Dummheit!« – »Dummheit?« rief der Vater. »Nein, eine Schlechtigkeit war es! Sie wollte uns blamieren, sie wollte uns um das Geld bringen, was sie zu verdienen hat. Sie mag uns jetzt folgen, und daheim soll sie sehen, was ihrer wartet.« – »Du wirst ihr nichts tun«, versetzte der Sohn. – »Nichts? O nein, nichts, gar nichts!« antwortete der Vater höhnisch. – »Nein, ich verbiete es dir!« – »Was hättest du mir zu befehlen! Sie soll gehorchen lernen!« – »Das wird sie, aber ohne daß du sie schlägst. Sie hat eine Dummheit begangen und wird sie bereuen. Komm, Annette!«

Das Mädchen blickte Sternau hilfesuchend an. Die beiden Männer hatten sich bisher gar nicht um ihn gekümmert. Er sagte nun mit ruhiger, aber fester Stimme:

»Die Demoiselle wird hierbleiben.« – »Ah«, entgegnete der Vater. »Wer sind Sie?« – »Ich habe Ihre Tochter aus der Seine geholt und hierhergebracht und glaube mir dadurch das Recht erworben zu haben, an Ihrer Unterhaltung teilnehmen zu können.«

Der Alte blickte ihn giftig an und erwiderte:

»Meinetwegen. Aber unsere Unterhaltung ist leider bereits vorüber.« – »Wohl schwerlich«, meinte Sternau. »Sie verlangen, daß Ihnen Ihre Tochter folgt, und ich verbiete es ihr.« – »Ah! Wirklich?« fragte Mason höhnisch. »Mit welchem Recht?« – »Zunächst mit dem Recht des Arztes.« – »Oh, Sie sind Arzt? Sie holen sich Ihre Patienten selbst aus dem Wasser? Das ist außerordentlich praktisch. Leider aber steht es hier nur allein mir zu, zu bestimmen, von welchem Arzt meine Tochter behandelt werden soll.« – »Schweig, Alter!« gebot der Sohn. »Dieser Herr hat Annette gerettet, er ist ihr nachgesprungen und hat sein Leben gewagt, seine Kleider triefen noch jetzt vom Wasser des Flusses. Du bist ihm Dank schuldig und wirst höflich mit ihm sein. Wenn er Arzt ist, werden wir seine Meinung anhören.« – »Den Teufel werde ich anhören!« entgegnete der Alte. »Das Mädchen will ich haben, weiter nichts! Vorwärts!«

Damit faßte er Annette bei der Hand, um sie aus dem Bett zu ziehen, da aber schob ihn Sternau zur Seite.

»Halt«, sagte er. »Sie haben diese Patientin nicht zu berühren. Ich als Arzt muß wissen, ob sie bereits jetzt das Bett verlassen darf. Sie wird bleiben, sie wird Ihnen nicht folgen, jetzt nicht und vielleicht auch nicht später.« – »Ah, wirklich?« fragte der Alte ganz erstaunt. – »Ja, wirklich!« – »Und das sagen Sie mir, mir, dem Vater?« – »Wie Sie hören. Zunächst ist Ihre Tochter krank, sie bleibt heute hier liegen. Und sodann weiß ich ganz genau, was für ein Schicksal ihrer daheim wartet, sie wird nicht nach Hause zurückkehren.« – »Nicht? Gewiß nicht?« fragte der Alte zwischen maßlosem Erstaunen und aufkeimendem Zorn. – »Nein, gewiß nicht Sie haben nicht als Vater an ihr gehandelt. Sie haben Ihre Vaterrechte verloren, es wird anderweit für sie gesorgt werden.« – »Nicht als Vater an ihr gehandelt? Nicht, nicht? Wer hat dies gesagt? Sie selbst, keine andere als sie selbst. Und das soll sie mir büßen.«

Er erhob den Arm, um nach seiner Tochter zu schlagen, Sternau aber gab ihm einen Stoß, daß er zurückfuhr und an die Wand taumelte. Da trat der Sohn, der sich bisher nur beobachtend verhalten haue, vor und sagte:

»Mein Herr, Sie haben meine Schwester gerettet, aber das gibt Ihnen noch kein Recht, meinen Vater zu schlagen!«

Sternau erhob sich von dem Stuhl, auf dem er saß, und stellte sich mit seiner Herkulesgestalt dem Schmied gegenüber, der nun erst merkte, welch einen Mann er vor sich hatte.

»Monsieur Mason«, sagte er, »es ist gar nicht meine Absicht Ihren Vater zu schlagen, ich beabsichtige nur, mich dieses Mädchens anzunehmen. Ich sage Ihnen aufrichtig, daß sie Ihnen nicht folgen wird, sondern daß ich sie in die Familie braver, rechtlicher Leute bringen werde, wo sie sich glücklich fühlen wird. Das werde ich tun, und wer mich daran zu hindern versucht, der hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn ich Gewalt anwende.« – »Wie schön das klingt«, höhnte der Alte. »Er will sie für sich selbst behalten.« – »Pah«, antwortete Sternau, »ich bin fremd, ich verlasse sehr bald diese Stadt, meine Absicht ist eine reine und ehrliche.« – »Ich glaube es Ihnen«, sagte der Sohn. »Sie sehen wie ein ehrlicher Mann aus. Aber was wollen Sie tun, wenn wir Ihnen die Schwester nicht lassen?«

Sternau lächelte überlegen und antwortete:

»Glauben Sie, daß Sie mir dieselbe vorenthalten können?« – »Gewiß!« – »Sie irren sich. Ich brauche nur zu beweisen, daß Sie ohne Existenzmittel sind und daß Sie es Ihrer Tochter und Schwester zumuten, Sie auf eine Weise zu ernähren, die gegen alle sittlichen Gesetze verstößt, so wird sich die Polizei sofort Ihrer Schwester annehmen und auch auf Sie ein wachsameres Auge haben als bisher.« – »Donnerwetter, Sie drohen uns?« – »Allerdings!« – »Und Sie glauben, daß wir uns fürchten?« – »Ich vermute es!« – »Ah, das hat mir noch keiner gesagt.« – »Das ist möglich, also sage ich es. Ich rate Ihnen sehr, sich den gegenwärtigen Umständen gutwillig zu fügen. Ihr Widerstand würde nicht nur nutzlos, sondern Ihnen sogar schädlich sein.« – »Das wollen wir sehen«, meinte der Vater. »Fasse an, Junge, sie muß mit!«

Aber der Sohn folgte diesem Ruf nicht. Er sah den hohen stolzen Deutschen vor sich stehen, er blickte in dessen mildes und doch so ernstes Auge und fühlte sich durch den Blick desselben besiegt und entwaffnet. Es war der Eindruck einer reinen, festen Männlichkeit auf einen moralisch haltlosen Charakter.

»Schweige!« gebot er seinem Vater. Und dann fragte er den Arzt: »Sie meinen es mit meiner Schwester wirklich ehrlich und werden dafür sorgen, daß sie einen guten Weg durch das Leben findet, dadurch, daß Sie ihr eine Stellung in einer hiesigen Familie geben?« – »Ja, gewiß werde ich dies tun.« – »Und sie nicht veranlassen, ihren Vater und Bruder zu verleugnen und zu verachten?« – »Es wird das auf sie selbst ankommen, ich werde sie in dieser Beziehung nicht im mindesten beeinflussen. Ich bahne ihr den Lebensweg; ob und wie sie ihn wandeln wird, das ist ganz allein nur ihre eigene Sache.« – »Werden wir erfahren, wo sie sich befindet?« – »Sie wird es Ihnen mitteilen.« – »Gut, mein Herr, so sind wir einig. Ich überlasse Ihnen meine Schwester gern.« – »Aber ich überlasse ihm meine Tochter nicht!« rief der Vater. »Ich brauche sie, ich bin alt und schwach, ich kann nicht mehr arbeiten.« – »Sie haben einen Sohn«, sagte Sternau, »einen starken, kräftigen Sohn, der gewiß gern für Sie sorgen wird.« – »Ja«, sagte der Sohn. »Komm, Vater, wir gehen unseren Weg weiter, aber wir wollen uns dabei von dem Vorwurf freihalten, daß wir Annette mit uns gerissen haben.« – »Nein, ich gehe nicht, ich bleibe, bis das Mädchen gehorcht«, behauptete der Alte. – »Pah! Ich will es, und so wirst du es auch wollen«, meinte der Sohn. »Ich will morgen wieder nachfragen, jetzt aber gehen wir. Vorwärts!«

Der Vater wollte sich sträuben, der Sohn aber faßte ihn und schob ihn zur Tür hinaus.

Annette hatte während des Verlaufs des Gesprächs wortlos im Bett gelegen, jetzt aber streckte sie dem Arzt ihre Hand entgegen.

»Mein Herr, oh, wie danke ich Ihnen«, sagte sie. »Sie sind mein doppelter Retter. Sie haben mich zweimal gerettet, erst aus dem Wasser der Seine und nun aus dem Schlamm des Elendes, in das man mich zurückziehen wollte.«

Sternau bemerkte, daß ihr große Schweißtropfen auf der Stirn standen.

»Was ist Ihnen?« fragte er. »Sie schwitzen infolge des Tees?« – »Ich weiß es nicht Ich habe so große Schmerzen.« – »Plötzlich?« – »Ja, ich kann sie kaum ertragen!« – »Ach, ich ahnte es. Ich werde Ihnen jemand schicken. Haben Sie nur kurze Zeit Geduld.«

Damit zog Sternau seinen Rock an und setzte seinen Hut auf, um zu gehen. Draußen trat ihm bereits die Wirtin entgegen.

»Ich hörte die beiden Menschen gehen. Mein Gott waren dies rohe Leute!« – »Sie sind bereit Madame, das Mädchen bis zu ihrer Genesung bei sich zu behalten?« – »Von Herzen gern, mein Herr.« – »Aber Sie werden viel Störung von ihr haben.« – »Davor scheue ich mich nicht. Das Mädchen ist nicht schuld an seinem Elend.« – »Gewiß nicht. Was Sie an ihr tun, wird Gott Ihnen lohnen. Übrigens versteht es sich von selbst, daß ich die auflaufende Rechnung auf mich nehme.« – »Das ist sehr edel von Ihnen, mein Herr, obgleich ich nicht danach fragen würde, trotzdem ich selbst arm bin.« – »Nun, dann nehmen Sie hier diese Börse, Madame. Ich werde jetzt gehen, morgen früh aber wieder hier sein. Gute Nacht!«

Als Sternau sein Hotel in der Rue de la Barillerie erreichte, war es bereits Mitternacht. Er besuchte zunächst seine kranke Braut die sich in abgeschiedenen Räumen unter der Aufsicht der guten Elvira und einer barmherzigen Schwester befand, und ging dann schlafen.

Am anderen Morgen besuchte er seine Gerettete bei Mutter Merveille wieder. Es ergab sich, daß er gestern abend ganz richtig vermutet hatte, Annette befand sich aber trotz der Schwäche außer Gefahr.

Sternau begab sich hierauf zu Professor Letourbier, bei dem er zum Frühstück eingeladen war. Im Lauf des letzteren erzählte er sein gestriges Abenteuer und erregte dadurch die Teilnahme der Frau Professorin in einer solchen Weise, daß sie sich erbot, das Mädchen zu sich zu nehmen. Das hatte er beabsichtigt.

Besonders erfreut war er, als die Professorin bei seinem Fortgang bat, ihn zu seiner Patientin begleiten zu dürfen.

Sie fanden dieselbe jetzt einigermaßen gekräftigt. Das Mädchen weinte Tränen der Freude, als es hörte, daß es eine solche Beschützerin erhalten solle, und wurde von Sternau auch sofort der Professorin definitiv übergeben.

Zwei Tage später reiste er mit Rosa, Alimpo und Elvira ab, um seine Mutter und Schwester in Rheinswalden aufzusuchen. Der geehrte Leser weiß bereits, daß es ihm dort gelang, die Geliebte von ihrem Irrsinn zu heilen.

2. Kapitel.

Es war nur einen Tag nach Sternaus Abreise von Paris, als auf dem Perron der Bahn nach Orleans ein junger Herr aus einem Wagen erster Klasse stieg. Ein schwarzgekleideter Diener, der in einem Wagen zweiter Klasse gesessen hatte, eilte herbei, um ihm behilflich zu sein.

»Das Gepäck bleibt hier. Einen Wagen nach irgendeinem Hotel!«

Der Diener gehorchte, und bald rollten beide einem auf dem nahen Platz Walhubert liegenden Hotel zu. Dort verlangte der Fremde neben einer Flasche Wein das Adreßbuch der Stadt Paris und schlug da die Abteilung »L« auf. Hier glitt er mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bis er auf den Namen »Letourbier, Charles François, Professeur de medecin« stieß.

»Dort ist seine Adresse ganz sicher zu erfahren«, murmelte er. »Bei diesem Professor war er, ehe er nach Rodriganda kam, und bei ihm wird er jedenfalls auch wieder vorgesprochen haben. Also Rue de Lavande 4.«

Darauf gab er seinem Diener einen Wink und sagte zu ihm mit gedämpfter Stimme:

»Du erwähntest, als ich dich in Orleans engagierte, daß du Paris kennst.« – »Allerdings, gnädiger Herr.« – »Weißt du, wo die Rue de Lavande liegt?« – »Ganz genau. Sie verbindet die große Rue de Rivoli mit dem Quai de la Mégisserie.« – »Gut. Du nimmst jetzt eine Droschke und suchst Nummer 4 dieser Straße. Dort wohnt ein Professor Letourbier, bei dem erfahren werden kann, wo ein gewisser Doktor Karl Sternau zu finden ist, der vor kurzer Zeit aus Spanien zurückkehrte.« – »Darf ich direkt beim Professor nachfragen?« – »Es würde mir das nicht angenehm sein, ist es aber nicht zu umgehen, so mußt du es tun.« – »Darf man wissen, wer die Adresse dieses Arztes haben will?« – »Nein, auf keinen Fall.« – »Ich werde bald wieder zurück sein.«

Der Diener ging und setzte sich in eine Droschke. Da, wo die Rue de Lavande an die Straße St Germain l'Auxerrois stößt, stieg er aus und trat in das Portal der Mairie, der die Nummer 4 gegenüberlag. Er sah da drüben zahlreiche Leute ein und aus gehen und bemerkte endlich ein Mädchen, das begann, mit einem Besen den Flur zu reinigen. Er begab sich hinüber zu ihr und grüßte höflich:

»Guten Morgen, Mademoiselle. Verzeihen Sie! Dienen Sie in diesem Haus?« – »Ja«, antwortete sie, sichtlich geschmeichelt von dem höflichen Ton seiner Anrede. – »In welcher Abteilung desselben?« – »Im Parterre.« – »Ah, wie schade, ich hätte nämlich gern in der ersten Etage eine kleine Erkundigung eingezogen.« – »Darf ich es Marion sagen?« – »Wer ist Marion?« – »Das Stubenmädchen des Professors, der da oben wohnt.« – »Ja, bitte, Mademoiselle. Aber es wird doch nicht auffallen?« – »Nein, mein Herr.«

Sie hüpfte davon und die Treppe empor. In kurzer Zeit kehrte sie mit einem Mädchen zurück, das die eigentümliche Tracht der Bretagne trug.

»Das ist der Herr, Marion«, sagte sie. – »Was wünschen Sie zu wissen, Monsieur?« fragte Marion in dem harten Dialekt der Bretagne. – »Eine kleine Auskunft, mein Fräulein.«

Dabei griff der Diener in die Tasche und offerierte einem jedem der beiden Mädchen ein blankes Frankstück.

»Sie soll Ihnen werden, mein Herr«, entgegnete Marion. »Ich sehe, daß Sie in einem gebildeten Haus dienen.« – »Das ist allerdings wahr«, versetzte er. »Mein Herr ist der Vicomte de Rallineux, der leider bereits längere Zeit krank darniederliegt.« – »Ah, ich bedaure«, sagte das Mädchen des Parterres höflich. – »Ich ebenso«, fügte Marion hinzu. – »Danke, meine Damen. Der Herr Vicomte bediente sich früher eines Doktors Sternau, dessen Geschicklichkeit er fast seine Heilung zu verdanken hatte, als dieser Arzt plötzlich nach Spanien verreiste.« – »Ich weiß das«, beeilte Marion sich zu bemerken. »Monsieur Sternau erhielt einen Ruf zu dem berühmten Grafen de Rodriganda.« – »Das war schlimm für den Herrn Vicomte, denn sein Übel wurde sofort größer, und kein Arzt brachte Hilfe. Jetzt erfährt mein Herr zufällig, daß Monsieur Sternau von Spanien zurückgekehrt sei …« – »Allerdings, mein Herr!« – »So erteilte er mir den Auftrag, mich hier zu erkundigen, natürlich aber, ohne den Herrn Professor selbst zu inkommodieren.« – »So wollen Sie also wissen, wo Monsieur Sternau wohnt? Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Kennen Sie die Straße de la Barillerie?« – »Ich kenne sie«, nickte er. »Auf der rechten Seite dieser Straße liegt der Justizpalast und die kleine Straße St. Chapelle, und an der Ecke dieser Straße steht das Hotel d'Aigle. In demselben bewohnt Monsieur Sternau einige Zimmer der ersten Etage.«

Das Mädchen hatte das in sehr umständlicher Weise gesagt, dennoch aber machte der höfliche Diener eine tiefe Verbeugung und erwiderte:

»Ich danke Ihnen, Mademoiselle. Wird Monsieur Sternau um diese Zeit zu sprechen sein?« – »Ich weiß es nicht. Ah, da fällt mir ein, gehört zu haben, daß vorgestern von seiner Abreise die Rede war.« – »Sie meinen also, daß ich mich beeilen muß?« – »Gewiß, mein Herr. Ich hörte zwar nur im Vorübergehen eine Silbe fallen, aber es ist doch besser, Sie gehen sicher.« – »Dann darf ich Ihnen nicht länger mißfällig sein. Adieu, meine Damen!«

Er verabschiedete sich mit einem Kompliment, als wenn er zwei Herzoginnen vor sich habe. Sie blickten ihm nach, und dann meinte Marion:

»Ein sehr feiner Herr!« – »Sehr fein«, nickte die andere. – »Ich wollte, er fände den Doktor nicht. Dann käme er vielleicht wieder.« – »Hm, ja! Ich werde den Flur ein wenig langsam kehren, damit ich noch da bin, wenn er etwa zurückkommt.« – »Aber du wirst mich sofort rufen?« – »Gewiß. Dieser Vicomte de Rallineux muß ein sehr feiner Herr sein!« – »Sicherlich, denn einen Herrn erkennt man an seinem Diener. Ein Diener ist nicht immer in der Lage, Douceurs von zwei Franken zu geben.«

Die Erwartung der beiden Mädchen erfüllte sich nicht. Der Diener kehrte zu seinem Herrn zurück und teilte ihm mit, was er erfahren hatte.

»Hotel d'Aigle sagst du?« fragte dieser. – »Ja, Rue de la Barillerie.« – »So werden wir dort wohnen.« – »Soll ich einen Wagen besorgen, gnädiger Herr?« – »Nein.«

Der Herr starrte eine Weile ins Leere und drehte sich, wie in einiger Verlegenheit, die Spitzen seines Schnurrbarts; dann sagte er:

»Du bist wirklich in Paris gut orientiert?« – »Sehr genau.« – »Hm, es gilt nämlich einen Scherz.«

Der Diener verbeugte sich.

»Dieser Doktor Sternau ist ein Freund von mir, soll mich aber nicht erkennen.« – »Ah, ich verstehe, gnädiger Herr! Sie wünschen, sich zu verkleiden und bedürfen eines falschen Bartes und so weiter!« – »Ja, aber alles sehr fein gearbeitet. Kennst du einen Ort, wohin man sich in dieser Angelegenheit mit Vertrauen wenden könnte?« – »Hm, es ist bedenklich, der gnädige Herr verzeihen; aber das Verlangen nach einer solchen Veränderung des Äußeren ist leicht verdächtig.« – »Ich weiß das!« – »Darum gestatte ich mir einen Vorschlag, der allerdings kühn ist. Es gibt hier Leute, die sehr oft ihr Äußeres verändern, doch nicht eines Scherzes halber…« – »Ah, die Ritter des Verborgenen!« – »Ja. Ihnen stehen Künstler zu Diensten, denen selbst der gewandteste Theaterfriseur das Wasser nicht zu reichen vermag. Diese Künstler wohnen freilich nur im Dunklen, im Schmutz, und ich weiß nicht…« – »Pah! Kennst du einen solchen Menschen?« – »Ja, es ist der alte Papa Terbillon; er wohnt im Keller eines Hauses der Rue de l'Odéon.« – »Du meinst, daß er imstande sein wird, mich so zu verändern, daß mich selbst mein bester Freund nicht erkennt?« – »Ganz gewiß.« – »Ist man bei ihm vor Verrat sicher?« – »Er ist stumm in solchen Dingen.« – »Schlingel! Hätte doch nicht gedacht, einen Diener zu bekommen, der in diesen Dingen solche Erfahrung besitzt.« – »Verzeihung, gnädiger Herr! Die Herren, denen ich diente, zwangen mich, mir Kenntnisse solcher Art anzueignen.« – »So führe mich! Ist es weit?« – »Ziemlich! Es ist am Ende der Rue de Vaugirard in der Nähe von St. Sulpice.«

Sie verließen das Hotel und bestiegen eine Droschke, mit der sie sich bis zur Straße Monsieur le Prince fahren ließen. Dort stiegen sie aus und begaben sich zu Fuß nach der Odéonstraße.

»Kennt der Alte dich?« fragte der Herr. – »Ja.« – »So magst du mit eintreten.«

Als sie das Haus erreichten, schritten sie durch den weiten Torweg desselben nach dem Hof und gelangten dort an eine Art Kellertür, neben der ein hölzerner Klingelgriff befestigt war. Der Diener klingelte, und es dauerte eine geraume Zeit, bis geöffnet wurde. Ein altes Weib erschien.

»Was wollt ihr?« fragte sie. – »Ist Papa Terbillon daheim?« erkundigte sich der Diener. – »Ja.« – »So laßt uns ein! Wir sind Freunde. Sagt es ihm!« – »Wartet!«

Sie verschwand und schloß die Tür hinter sich zu, und die beiden mußten sich abermals eine längere Weile gedulden.

Dies hatte seinen guten Grund. Papa Terbillon nämlich war nicht allein, sondern hatte Besuch. Es befand sich bei ihm ein junger, ungewöhnlich stark gebauter Mensch, in dem wir den Schmied Gerard Mason, den Bruder Annettes, wiedererkennen.

Der alte Terbillon war ein vorn und hinten ausgewachsenes Männchen mit einem vollständig kahlen Kopf. Er trug eine große Hornbrille auf der langen Nase und steckte in einem Schlafrock, der aus Flicken und Flecken zusammengesetzt war.

Das Zimmer, in dem die beiden saßen, war nur ein Loch zu nennen. Es enthielt einen alten Tisch, drei Stühle, ein Bänkchen, einen kleinen Windofen, einen alten Spiegel und eine Petroleumlampe, die immer brennen mußte, da der Raum kein Fenster besaß.

Aus diesem Meublement hätte man sicher nicht auf den Stand und die Beschäftigung des Alten zu schließen vermocht, der auf dem Schemel hockte, die Arme um die emporgezogenen Knie gelegt hatte und dem zuhörte, was ihm der Schmied mitteilte.

»Und sie rannte wirklich fort?« fragte er. – »Ja.« – »Und ins Wasser?« – »Geradewegs.« – »Welch eine Dummheit! Sie ist natürlich ertrunken?« – »Nein.« – »Nicht?« Bei Gott, was denn?« – »Sie wurde von einem Herrn gesehen; der sprang ihr nach und zog sie wieder heraus.« – »Wieder heraus? Welch eine Albernheit! Einen Menschen, der sich ersäufen will, den läßt man im Wasser; das versteht sich ja ganz von selbst. Wer war der Kerl?« – »Ich weiß es nicht.« – »Hast du ihn nicht gesehen?« – »Allerdings, sogar gesprochen habe ich ihn.« – »Und weißt nicht, wer er war! Welch eine Dummheit!« – »Ja, ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesprochen, aber ich habe ihn nicht gefragt, wer er ist. Er hatte etwas an sich, was mir den Mut zur Frage nahm.« – »Dummheit!« – »Und zudem glaubte ich, daß Annette ihn fragen würde.« – »Und sie hat es wohl auch nicht getan? Welch eine Albernheit!«

Der alte Terbillon schien die Worte Dummheit und Albernheit vorzugsweise gern zu gebrauchen. Sein Gesicht hatte Affenzüge, und seine ganze Gestalt zeigte etwas Meerkatzenähnliches.

»Sie hat geglaubt, ihn öfters zu sehen, aber er ist nicht wiedergekommen«, entschuldigte sich der Schmied. »Er ist abgereist« – »So war er ein Fremder?« – »Jedenfalls. Er ging über die Brücke, als Annette ins Wasser sprang; er stürzte sich ihr nach und rettete sie, er trug sie zur Mutter Merveille, wo sie verpflegt wurde, und nun soll sie in die Familie des großen Letourbier kommen.« – »Des Professors! Wie kommt sie zu diesem?« – »Ihr Retter hat sie empfohlen.« – »Und das laßt ihr euch gefallen? Welch eine Dummheit wieder! Wißt ihr, daß sie euch eine sehr gute Revenue einbrachte? Daß ihr also gar nicht zu arbeiten brauchtet?« – »Richtig! Das ist wahr.« – »Und daß ihr nun arbeiten müßt?« – »Das wollen wir; deshalb komme ich zu dir, Papa Terbillon. Du wirst mir Arbeit geben.« – »Ich? Hm! Du hast bisher für den alten Gambreully gearbeitet?« – Ja, an der Garotte.«

An der Garotte arbeiten heißt nämlich, einsame Spaziergänger überfallen, ihnen die Kehle zudrücken oder zuschnüren, um ihnen die Barschaft abzunehmen. Hierzu gehören sehr kräftige Leute, und gewöhnlich arbeiten zwei miteinander. Diese Arbeit wird förmlich geschäftsmäßig betrieben. Es gibt wirkliche Entrepreneurs – Unternehmer –, die fünfzig und mehr Arbeiter in verschiedenen Fächern beschäftigen.

»Was hast du dir verdient?« – »Verdammt wenig. Sechs Franken pro Tag.« – »Hm, ich würde dir acht Franken geben, denn du bist ein kräftiger Bursche. Wie oft bist du bereits gefangen gewesen?« – »Erst fünfmal.« – »Und dein Vater?« – »Zwölfmal.« – »Welche Dummheit! Zwölfmal! Du scheinst klüger zu sein als dein Alter. Willst du für acht Franken arbeiten, so schlage ein.« – »Ich möchte doch nicht bei der Garotte stehenbleiben, vielmehr avancieren. Was gibst du einem guten Einbrecher?« – »Das ist verschieden. Bis hundert Franken pro Tag, nämlich pro Arbeitstag!« – »Ach so, hast du schon genug Kräfte?« – »So ziemlich, obgleich ein tüchtiger Kerl allezeit zu gebrauchen ist. Laß dir also etwas sagen. Ich werde dich einmal auf Probe nehmen, zunächst für zehn Franken an die Garotte. Ist's dir recht?« – »Gut, ich tue mit, habe aber kein Geld.« – »So beginnen wir gleich heute. Ich werde dir den heutigen Tag bezahlen.«

Terbillon griff in die Seitentasche seines alten Schlafrocks und zog einen ledernen Beutel heraus; diesem entnahm er ein goldenes Zwanzigfrankenstück und gab es dem Schmied.

»Hier hast du deinen ersten Tagelohn. Bin ich mit dir zufrieden, so gehst du bald zu den Einbrechern über. Aber, du kennst unsere Gesetze und weißt, daß für den Lohn, den ich dir zahle, alles mir gehört, was du erbeutest.« – »Ja, dies ist mir vollständig bekannt.« – »Denke daran, daß man seine Arbeiter zu kontrollieren versteht! Es hat mich schon mancher betrügen wollen, für kurze Zeit ist ihm dies gelungen, dann aber …« – »Nun, dann?« – »Dann sind sie zur Strafe stets in das Zuchthaus gewandert. Ich bezahle meine Leute gut, sind sie aber unehrlich gegen mich, so weiß ich ihnen stets die Polizei auf den Hals zu schicken. Aber da fällt mir ein, du hast einen Spitznamen?« – »Ja.« – »Man nennt dich Gerard l'Allemand, ›den Deutschen‹. Warum?« – »Weil ich deutsch spreche und verstehe.« – »Wo hast du es gelernt?« – »Von meiner Mutter, sie war eine Deutsche. Und vor drei Jahren habe ich das ganze Elsaß und Baden durchwandert.« – »Das ist mir lieb; du wirst gut zu gebrauchen sein.«

In diesem Augenblick ertönte eine Klingel, und einige Zeit später trat die Alte ein.

»Was gibt es?« fragte Papa Terbillon. – »Es sind zwei Männer draußen. Sie seien Freunde, sagte der eine; ich kenne sie aber nicht.« – »Ich werde sie mir ansehen.«

Terbillon erhob sich und verließ den Raum. Draußen gab es vor der Kellertür einige finstere Stufen, die er emporstieg. In der Tür waren einige feine Löcher eingebohrt, durch die man blicken konnte, und so sah sich der Alte die beiden Kommenden an, kehrte dann in seine Wohnung zurück und sagte zu dem Schmied:

»Vielleicht gibt es sogleich Arbeit für dich.« – »Ah, das sollte mich freuen!« – »Ja. Den einen kenne ich; er ist ein Diener, der mir bereits manchen Herrn gebracht hat. Der andere scheint sein gegenwärtiger Herr zu sein, ein feiner Mann mit Ringen unter dem Handschuh und einer Fünfhundertfrankenkette an der Uhr.« – »Donnerwetter!«

Der Alte zeigte auf eine niedrige Tür, die neben dem Ofen angebracht war.

»Gehe hier hinaus. Du kannst dir ihn durch das Glasfenster betrachten. Das übrige wird sich dann später finden.«

Gerard verschwand hinter der Tür. Er befand sich jetzt in einer Art von Kammer, die allerlei Raub zu enthalten schien. Es war vollständig dunkel in ihr, aber er fühlte verschiedene Gegenstände, darunter auch einen Sack, der mit weichen Stoffen gefüllt war und gerade hinter der Tür lag, so daß er sich auf ihn setzen und dabei ganz bequem durch das Fensterchen in die Stube blicken konnte.

Eben jetzt traten die beiden Fremden ein.

»Guten Tag, Papa Terbillon!« grüßte der Diener den Alten. – »Guten Tag«, dankte dieser mürrisch, ohne sich von seinem Sitz, auf dem er wieder Platz genommen hatte, zu erheben. – »Nun, stehe auf, Papa Terbillon, wenn feine Leute zu dir kommen!« mahnte der Diener. – »Das tue ich, wie ich will. Es sagt mancher hier, er sei fein, und wenn man ihm gefällig ist, erfährt man das Gegenteil.« – »Aber hier wirst du es nicht erfahren. Dieser Herr ist ein Edelmann.«

Der Alte machte ein sehr verwundertes Gesicht und fragte:

»Woher?« – »Das ist Nebensache.« – »Für mich aber Hauptsache! Ich muß die Leute kennen, die zu mir kommen. Was wollt ihr?« – »Dieser Herr hat einen kleinen Maskenscherz vor …« – »Es ist nicht Fastnacht!« – »Du bist bei schlechter Laune. Es handelt sich um einen Masken-, aber nicht um einen Fastnachtsscherz.« – »Ich bin kein Maskenverleiher.« – »Das weiß ich. Aber dieser Herr wünscht, unkenntlich gemacht zu werden. Willst du dies übernehmen? Es wird gut bezahlt!« – »Ich tue es dennoch nicht, da es verboten ist. Es kommen oft Spitzbuben nach falschen Haaren, wenn ich ihnen den Willen täte, käme ich nicht aus dem Gefängnis heraus.« – »Aber hier handelt es sich doch nicht um einen Spitzbuben!« – »Weiß ich es?«

Da nahm auch der Herr das Wort:

»Papa Terbillon, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Ich bin nicht gewohnt so lange Zeit gute Worte zu geben!«

Erst jetzt erhob sich der Alte und machte eine Art Verbeugung.

»Ah, das klingt wirklich, als ob Sie ein echter Edelmann seien. Werden Sie gut zahlen, wenn ich Ihnen diene?« – »Was verlangst du?« – »Das richtet sich ganz nach der Arbeit. Was wünschen Sie also?« – »Ich wünsche, vollständig unkenntlich gemacht zu werden. Wie du das anfängst und wie du es fertigbringst das ist deine Sache.« – »Unkenntlich für welche Zeit?« – »Hm«, sagte der Fremde nachdenklich. »Wenn ich es für längere Zeit sein will, und ich hätte Veranlassung, mein echtes Gesicht wieder zu zeigen, ehe diese Zeit verflossen ist, kann man dann die Imitation entfernen?« – »Sofort.« – »Und welches ist die längste Zeit?« – »Fünf bis sechs Wochen. Später wird der Bart zum Verräter.« – »So wollen wir es für diese Zeit versuchen. Was verlangst du?« – »Zweihundert Franken.« – »Alle Teufel, das ist viel«, meinte der Fremde. – »So gehen Sie zu einem anderen.« – »Pah, ich bleibe! Ich werde sie zahlen, aber nach beendigter Arbeit.« – »Und ich beginne die Arbeit nicht vorher. Es kommt mancher zu mir, der mich betrügt.«

Der Fremde machte eine verächtliche Handbewegung und entgegnete:

»Es handelt sich nur darum, ob deine Arbeit zweihundert Franken wert ist.« – »Tausend Franken ist sie wert«, beteuerte der Alte. – »Nun gut, so zahle ich dir jetzt die Hälfte und die andere Hälfte dann, wenn ich mit dir zufrieden bin.« – »Ich will es gelten lassen, Monsieur.« – »So nimm, hier.«

Der Fremde zog ein Portefeuille hervor, öffnete es und nahm eine der darin liegenden Hundertfrankennoten hervor, die er dem Alten gab.

Dieser tat gar nicht, als ob er das Portefeuille beachte, aber es war doch ein blitzschneller, scharfer Blick gewesen, den er darauf geworfen hatte.

»Ich danke«, sagte er, indem er die Note in die Tasche seines Schlafrocks schob. »Setzen Sie sich gefälligst auf diesen Stuhl.«

Während der Fremde Platz nahm, verschwand der Alte hinter einer dritten Tür und kehrte bald mit einem großen Kasten zurück, der Messer, Scheren, Kämme, Haare, Bartwolle, Farben und Beizen und verschiedene Flaschen, Schachteln und Büchsen enthielt.

»Sie sind dunkelblond«, sagte er. »Soll ich Sie brünett oder schwarz machen?« – »So, daß man mich nicht erkennt, weiter verlange ich nichts.« – »Also schwarz.« – »Aber daß keine nachträglichen Spuren bleiben.« – »Keine Sorge, Monsieur.«

Papa Terbillon begann sein Werk. Es ging höchst langsam vorwärts, aber es gelang ihm ausgezeichnet, er mußte eine ganz besondere Übung besitzen. Endlich trat er auf einen Augenblick in den Raum, in dem der Schmied saß.

»Hast du dir ihn genau angesehen?« flüsterte er ihm zu. – »Ja«, antwortete Gerard ebenso leise. – »Er hat Geld, viel Geld.« – »Ich habe es gesehen.« – »Ich muß es haben, und zwar durch die Garotte. Wenn du es mir bringst, erhältst du zweihundert Franken Gratifikation.« – »Ich werde es versuchen und ehrlich sein.« – »Du hast deinen Tagelohn, du hast den Mann bei mir kennengelernt, folglich gehört sein Geld nun nur mir allein.« – »Mache dir keine Sorge, Papa Terbillon.« – »Gut, so verlasse jetzt das Haus und warte draußen auf ihn. Dann folgst du ihm und läßt ihn heute nicht wieder aus den Augen.« – »Wie kann ich das Haus verlassen, ohne daß er mich sieht?« – »Komm!«

Terbillon zog Gerard weiter in das Dunkel hinein, bis an eine Treppe, die nach oben ging. Diese stieß an eine Tür, und als der Alte diese öffnete, stand Gerard auf dem Flur des Hinterhauses.

»So, nun gehe! Ich werde heute warten, bis du kommst«, sagte Terbillon. – »Und wenn er mir nun erst spät in die Hände gerät?« – »So kommst du morgen früh.« – »Und wenn er heute vorsichtig ist?« – »So wird er morgen unvorsichtig sein. Adieu.«

Terbillon schloß hinter dem jungen Mann wieder zu und kehrte dann nach seinem Atelier zurück. Hier tat er, als habe er noch einiges hinzuzufügen, und endlich sagte er:

»Fertig! Das war eine tüchtige Geduldprobe.« – »Allerdings«, entgegnete der Fremde. »Ich hoffe, daß dein Werk desto besser geraten ist« – »Ich bin zufrieden«, sagte der alte Terbillon wohlgefällig. – »Wie steht es?« fragte der Fremde seinen Diener. – »Ausgezeichnet«, meinte dieser. »Der gnädige Herr sind unmöglich zu erkennen.« – »So wollen wir sehen!«

Er trat an den Spiegel und fuhr um einen Schritt zurück.

»Verdammt«, rief er. »Es ist wahr. Ich kenne mich selbst nicht.« – »Und welch noble Maske«, rief der Diener. – »Alter, du bist ein Virtous!« sagte der Fremde zu Terbillon. »Hier hast du die zweiten hundert Franken. Wie lange wird das Zeug halten?« – »Sechs Wochen.« – »Und wie habe ich mich zu verhalten?«

Terbillon belehrte ihn, und die beiden Fremden gingen fort. Draußen auf der Straße blieb der Herr stehen und sagte zu seinem Diener:

»Jetzt gehst du nach dem Bahnhof und holst die Effekten nach dem Hotel d'Aigle. Ich komme nach.« – »Als was soll ich Sie ankündigen, gnädiger Herr?« – »Als das, was ich bin, als den Marchese Acrozza.«

Der Diener eilte die Rue Racine hinab, um zum Bahnhof von Orleans zu gelangen, während der Herr langsam die Rue Mazarin hinaufschlenderte und sein Bild in den großen Ladenfenstern spiegelte.

An einem derselben blieb er stehen. Er sah sich in Lebensgröße und erkannte erst jetzt, welch ein Meisterwerk Papa Terbillon geliefert hatte.

Bei Gott, es kann mich kein Mensch erkennen, dachte er. Nicht einmal dieser scharfsinnige Vater, dieser Gasparino Cortejo, würde in mir seinen unehelichen Sohn, den Grafen Alfonzo de Rodriganda vermuten.

Er ging weiter und setzte dabei seinen Gedankengang folgendermaßen fort: Wie gut ist es, daß auch dieser französische Diener meinen eigentlichen Namen nicht weiß! Er hält mich für den Marchese Acrozza. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Damit trat er in ein Café und blieb darin, bis er glaubte, daß sein Diener sich bereits eingerichtet habe. Dann bestieg er eine Droschke und fuhr ebenfalls nach der Rue de la Barillerie.

Vor dem Hotel d'Aigle angekommen, wurde er mit Auszeichnung empfangen und von dem Wirt selbst auf seine Zimmer begleitet. Dort fragte der letztere nach den Wünschen des Gastes.

»Diese Wünsche wird Ihnen mein Diener melden«, erwiderte Alfonzo de Rodriganda. »Für jetzt habe ich nur eine Frage: Wohnt hier vielleicht in der Nähe ein tüchtiger Arzt?« – »Mein Hausarzt, der der tüchtigste des ganzen Arrondissements ist, wohnt nicht weit von hier, in der Rue de la Calaudel.« – »Weiter gibt es keinen? Auch in Ihrem Haus zufällig nicht?« – »Nein.« – »So bin ich falsch berichtet. Ich hörte, daß ein Doktor Sternau bei Ihnen wohne.« – »Ah, das war bis gestern richtig.« – »So ist er gestern ausgezogen?« fragte Alfonzo enttäuscht. – »Ausgezogen nicht, sondern abgereist nach Deutschland.« – »Wo ist er abgefahren?« – »Vom Nordbahnhof. Er ließ sich sein Gepäck nach dem Bahnhof an der Barre St. Denis schaffen.« – »Welche Stadt war das Ziel seiner Reise?« – »Ich glaube, daß er von Mainz gesprochen hat, er stammte ja wohl aus jener Gegend. Er erzählte beiläufig, daß er dort Mutter und Schwester hat, und zwar auf einem Dorf oder Schloß der Umgegend.« – »Haben Sie den Namen desselben nicht gehört?« – »Ich glaube er nannte Rheinswalden.« – »Ich danke Ihnen. Wohnte er allein hier?« – »Nein. Er hatte einen Herrn und zwei Damen bei sich, die Spanier waren.« – »In welchem Verhältnis standen sie zu ihm?« – »Die jüngere Dame war krank. Er behandelte sie mit außerordentlicher Aufmerksamkeit, so daß man vermuten konnte, daß sie seine Gemahlin sei. Die beiden anderen Personen waren Diener.« – »Wurden sie nicht eingetragen?« – »Nein.« – »Ich denke, Sie haben jeden Gast einzutragen!« – »Monsieur Sternau war nicht mein Gast Er wohnte bei mir bereits, ehe er nach Spanien reiste. Er hatte seine Zimmer von mir gemietet, und ich nahm mir also nicht das Recht, diejenigen Personen zu kontrollieren, die er bei sich hatte.« – »So wissen Sie wohl auch keine Namen?« – »Nein.« – »Beschreiben Sie mir den Diener!« – »Er war klein und trug ein sehr eigentümliches Bärtchen. Die Dienerin war auch klein, aber sehr dick. Beide schienen recht gute Menschen zu sein.« – »Und die jüngere Dame?« – »Sie war von einer außerordentlichen Schönheit und – ah, ich hörte einst, daß sie von Monsieur Sternau ›Rosa‹ genannt wurde.« – »Sie sagten, daß sie leidend gewesen sei. Welcher Art war ihr Leiden?« – »Sie war geisteskrank. Ich sah sie nur dreimal, dann aber auch stets betend. Es war das wohl eine Monomanie.« – »Ich danke Ihnen, Monsieur. Diese Auskunft genügt. Ich werde leider morgen Paris wieder verlassen, um nach Lyon zu gehen.«

Der Wirt entfernte sich, und als Alfonzo sich allein sah, schritt er erzürnt im Zimmer auf und ab. Er war Sternau gefolgt, um ihn zu erreichen und zu verderben, und sah ihn nun doch nach Deutschland entkommen.

»Aber er ist noch nicht gerettet! Nein, nein! Von uns beiden kann nur einer bestehen, denn er weiß bereits zu viel. Er muß fallen. Ich reise ihm nach Deutschland nach!«

Er grübelte eine Zeitlang und murmelte:

»Ja, ich reise ihm nach. Ich kann ihm getrost begegnen, ich kann mich von ihm sehen lassen, er wird mich nicht erkennen. Und diesen Diener, der von meiner Maske weiß? Ah pah, den werde ich bald loswerden, den führe ich an der Nase bis nach – ja, bis wohin denn? Bis nach Rouen. Von ihm darf ich mir nicht in die Karten sehen lassen.«

Er klingelte, und der Diener erschien.

»Warst du bereits einmal in Rouen?« fragte er ihn. – »Einmal«, antwortete derselbe. – »Welches ist dort das beste Hotel?« – »Das Hotel zu den ›Drei Kronen‹.« – »Wo liegt es?« – »Ganz in der Nähe der Kirche St. Quentin.« – »Es erwartet mich ein kleines Abenteuer dort. Ich muß morgen dort sein, muß aber sofort bei meiner Ankunft wissen, ob eine Gräfin Rossey sich in einem der dortigen Hotels befindet.« – »Soll ich voranreisen und mich erkundigen?« – »Allerdings muß ich dir diesen Auftrag erteilen. Du magst mit dem ersten Mittagszug reisen und mich im Hotel zu den ›Drei Kronen‹ erwarten.« – »Soll ich dort Zimmer bestellen?« – »Nein, denn ich weiß nicht vorher, ob ich wirklich dort bleibe.«

Das war nur eine Finte, den Diener loszuwerden. Er gab ihm darauf das nötige Reisegeld und ließ ihn ohne Gewissensbisse per Bahn nach Rouen reisen.

Nun erst hielt er sich in seiner Verkleidung für sicher. Als er des Nachmittags spazierenging, bemerkte er nicht, daß eine Person ihm stets von weitem folgte. Es war Gerard Mason, der Schmied, der es sich wirklich zur Aufgabe gemacht hatte, ihm seine Barschaft abzunehmen.

Alfonzo begab sich später in das Theater, nicht der Vorstellung wegen, sondern um zu sehen ob die an ihm vorgenommenen kosmetischen Manipulationen vielleicht auffällig seien. Doch es bekümmerte sich niemand um sein Äußeres, und das beruhigte ihn. Nach dem Theater besuchte er ein sehr frequentiertes Weinhaus in der Straße Montorgueil, und dann kehrte er nach seinem Hotel zurück.

Es war ziemlich spät geworden, wohl eine Stunde nach Mitternacht. Er bog daher in die Rue de la Tonnellerie ein und dann in die enge Straße de la Poterie, weil er glaubte, hier näher nach Hause zu kommen, hätte aber besser getan, durch die Rue de Gonte nach dem Quai de l'Ecole zu gehen.

Die enge Gasse war kaum notdürftig erleuchtet und fast ganz menschenleer. Indem er langsam dahinschritt, bemerkte er wohl, daß jemand mit schnellen Schritten hinter ihm herkam, aber es dünkte ihm das nicht weiter auffällig. Der Betreffende war kein anderer als Gerard, der Schmied. Er erreichte den Grafen. Dieser wollte sich zur Seite halten, um den schnellen Passanten vorüber zu lassen, fühlte sich aber in demselben Augenblick von hinten an der Kehle gepackt, die ihm gleich darauf so fest zusammengeschnürt wurde, daß er keinen Atem holen konnte, die Besinnung verlor und zur Erde stürzte.

Der Schmied garottierte dieses Mal ohne Gehilfen; er war allein. Jetzt bückte er sich über den Ohnmächtigen, nahm ihm Uhr und Kette, Börse und Brieftasche und zog ihm sogar, nachdem er die Handschuhe herabgerissen hatte, die Ringe vom Finger. »Das ging leicht!« murmelte er vergnügt. »Nun schnell fort.«

3. Kapitel.

Gerard eilte durch die Rue de la Poterie und wandte sich dann rechts in die kurzen Gassen Lenoir, Bourdonnais und Bertin Poiree, bis er zum Quai de la Mégisserie kam. Da dies aber der Weg war, den auch der Beraubte einzuschlagen hatte, um zum Hotel d'Aigle zu kommen, so drehte sich der Schmied abermals nach rechts, ging den Quai de l'Ecole und den Quai du Louvre hinab, an Port St. Nicolas vorüber bis an die große Galerie du Musee, schritt links über die Nationalbrücke hinüber und befand sich nun bei den Bateaux à vapeur – Dampfbooten.

An dieser Stelle legten die Dampfschiffe von St. Cloud an. Es gab auch leere Kähne genug hier. Gerard suchte sich einen derselben aus, der hell von einer der Quailaternen beschienen wurde, stieg hinein und setzte sich. Es sah aus, als ob er der Eigentümer sei. Nun hatte er auch Muße und Beleuchtung genug, um seinen Raub zu betrachten. Die Uhr war kostbar, und was die Kette betraf, so hatte Terbillon deren Wert heute sicherlich nicht unterschätzt Die Ringe, deren er fünf hatte, waren sämtlich mit Brillanten besetzt; die Börse enthielt mehrere hundert Franken in Gold und wenig Silber, und in dem Portefeuille staken achtzehnhundert Franken in Staatsscheinen.

»Donnerwetter«, brummte der Schmied, »ist das ein Fang! Wie heißt der Kerl?«

Damit schlug er das Notizbuch auf, das in das Portefeuille eingebunden war, und las auf der ersten Seite desselben:

»Alfonzo Graf de Rodriganda y Sevilla.«

Er blätterte weiter und schüttelte den Kopf. Die Notizen waren alle in spanischer Sprache abgefaßt.

»Das verstehe ich nicht; das ist eine fremde Sprache. Soll ich das Portefeuille fortwerfen?«

Er sann einen Augenblick nach.

»Nein. Wer weiß, wozu es nützen kann! Ich werde sehen, ob es Italienisch oder Spanisch ist; dann kaufe ich mir ein Wörterbuch und schlage so lange nach, bis ich mir den Inhalt übersetzt habe. Ich brauche mir ja nur eine Zeile abzuschreiben und einen Buchhändler zu fragen, welche Sprache es ist.«

Er steckte alles zu sich.

»Was nun?« fragte er sich dabei. »Gebe ich das alles wirklich an Papa Terbillon ab? Ah, daß ich ein Tor wäre! Ich habe über zweitausend Franken bar; davon kann ich längere Zeit leben, ohne daß ich diesen alten Terbillon brauche. Und die Uhr und die Ringe? Pah, die behalte ich keine Viertelstunde bei mir. Etienne Lecouvert kauft sie mir sofort ab. Also fort, zu ihm!«

Er verließ den Kahn, schritt die Quais Voltaire, Malaquais, Conti, des Augustins und St. Michel hinauf und wandte sich dann durch die hier liegenden kleinen Gassen rechts bis zur Rue de Carmes hinüber.

In dieser Straße wohnte zu jener Zeit einer der berüchtigsten Hehler von Paris. Er nannte sich Etienne Lecouvert und war der Besitzer einer viel besuchten Bier- und Branntweinkneipe. Sein Lokal zerfiel in zwei Teile; der eine war öffentlich und der andere geheim. Zu dem letzteren hatten nur seine vertrauten Kunden Zutritt, zu denen auch der Schmied gehörte.

Dieser trat in den Flur des Hauses, schritt an der eigentlichen Gaststubentür vorüber und blieb im Hintergrund des dunklen Hausgangs vor einem alten Schrank stehen, an den er auf eigentümliche Weise klopfte. Es wurde wieder geklopft, und als er eine ähnliche Antwort gab, bewegte sich der Schrank auf unsichtbaren Rollen von seiner Stelle, und es kam nun eine offenstehende Tür zum Vorschein.

Der Schmied trat ein, und sofort rückte der Schrank an seine vorherige Stelle zurück.

Der Gast befand sich in einem nicht sehr großen Zimmer, in dem mehrere Tische mit Stühlen standen. Es gab da kein einziges Fenster, sondern nur ein Loch in der Decke, durch das die ungesunde Luft abziehen sollte.

Ein Gast war noch nicht anwesend; nur der Wirt saß vor dem Schenktisch, und am Eingang stand ein gnomenartiges Geschöpf, welches das Öffnen und Schließen des Eingangs zu besorgen hatte.

»Guten Abend, Etienne Lecouvert!« grüßte Gerard. – »Ah, Gerard l'Allemand!« erwiderte der Wirt. »Willkommen!«

Er erhob sich von seinem Sitz und reichte dem Eingetretenen die Hand.

»Noch niemand hier?« fragte dieser. – »Kein Mensch.« – »Ist mir lieb, da ich ein Geschäft habe.«

Der Wirt hatte das Aussehen eines Biedermanns, niemand hätte in ihm so leicht einen berüchtigten Hehler vermutet Aber bei den letzten Worten des Schmieds warf er einen Blick auf denselben, der gar nicht habgieriger sein konnte.

»Bringst du etwas, das lohnt?« fragte er. – »Ich denke. Sind wir aber wirklich sicher?« – »Wie im Himmel!« – »Da, Etienne, sieh dir einmal diese Uhr an!«

Gerard zog die Uhr heraus und reichte sie dem Hehler hin.

»Verdammt!« fluchte dieser, als er einen Blick darauf geworfen hatte. »Diese Uhr hat keinem Lumpen gehört! Seit wann hast du sie?« – »Seit zehn Minuten.« – »Alle Teufel, du gehst sehr schnell zu Werke. Was willst du haben?« – »Was bietest du?«

Der Wirt drehte Uhr und Kette nach verschiedenen Richtungen, untersuchte beide genau und sagte:

»Zweihundert Franken sollst du haben. Mehr nicht.« – »Dann verkaufe ich die Uhr an einen anderen«, entgegnete der Schmied kaltblütig. – »Es wird sie dir kein anderer abkaufen«, meinte der Wirt ebenso ruhig, »weil Papa Terbillon allen Kollegen heute verboten hat, von dir zu kaufen. Er schickte seine Alte, die sagte, daß du bei ihm in Arbeit stehst.« – »Der Teufel soll ihn holen. Ich werde ihm seinen Tagelohn wiedergeben und mein eigener Herr bleiben. Her mit der Uhr!«

Der Hehler besah sich dieselbe abermals und sagte:

»Du weißt daß ich mir aus dem alten Terbillon nichts mache; die anderen aber fürchten ihn. Ich bin wirklich der einzige, der sie kauft.« – »Um dieses Lumpengeld bekommt sie keiner.« – »Gut so will ich dir fünfzig Franken zulegen.« – »Die Uhr samt Kette kostet dreihundert Franken. Gibst du sie, so habe ich noch weitere und weit bessere Sachen für dich; gibst du sie nicht so gehe ich sofort wieder!« – »Gemach, gemach!« sagte da der Hehler besänftigend. »Du hast noch anderes?« – »Ja, ich habe noch Juwelen.« – »So hast du heute eine glückliche Hand gehabt. Zeig her!« – »Nicht eher, als bis die Uhr bezahlt ist.« – »Höre, Gerard, das ist nicht freundschaftlich gehandelt! Zweihundertfünfzig Franken gebe ich dir!« – »Gute Nacht!«

Gerard nahm dem Wirt schnell die Uhr aus der Hand, steckte sie ein und wandte sich zum Gehen. »Halt!« sagte jetzt der Wirt, indem er ihn zurückhielt. »Du sollst die dreihundert haben!«

Der Schmied drehte sich kaltblütig wieder um.

»Geld her!« sagte er. – »Aber du hast auch wirklich Juwelen?« – »Habe ich dich einmal belogen?« – »Nein, ich glaube dir. Hier hast du das Geld.«

Der Wirt zog einen Kasten des Schenktischs auf und nahm die Summe heraus, die der Schmied einsteckte.

»Hier, sieh dir diesen Ring an«, nahm dieser dann wieder das Wort und zog den unscheinbarsten der Ringe hervor, um ihn dem Wirt zu geben. Dieser ließ den Stein gegen das Licht spielen. – »Echt!« sagte er nickend. »Ich gebe fünfzig Franken.« – »Gut. Und für diesen?«

Gerard gab einen zweiten hin.

»Donnerwetter, ein Rubin, und so groß. Ich gebe zweihundert Franken.« – »Und für diesen?«

Der Wirt hielt den Ring gegen das Licht.

»Ah, das ist ein sibirischer Smaragd, für den ich auch zweihundert Franken biete.« – »Und dieser?« – »Ein Saphir«, rief der Wirt, indem er den Stein betrachtete. »Du bist ja zu einer förmlichen Sammlung gekommen. Nun, für diesen bekommst du hundert Franken.« – »Und für diesen letzten?«

Gerard gab dem Wirt den fünften und kostbarsten Ring hin. Das Auge des Hehlers blitzte auf, als er ihn erblickte, denn er erkannte einen echten, wasserhellen Diamanten.

»Ein Brillant! Alle Teufel, hast du Glück gehabt! Für den sollst du den höchsten Preis von fünfhundert Franken haben.« – »So erbitte ich mir die Ringe zurück.« – »Zurück? Warum?« fragte Lecouvert mit gut gespieltem Erstaunen. – »Weil ich sie für diese Preise nicht verkaufe.« – »Es bietet dir keiner mehr.« – »Das wollen wir nicht untersuchen, ich verkaufe sie anderswo sicher.« – »Hm. Wir sind Freunde, Gerard, du darfst mich nicht drücken. Sage, was du haben willst.« – »Du kennst mich, Etienne, und weißt, daß ich nicht weiche, wenn ich einmal eine Zahl gesagt habe. Du gibst für diese Steine fünfzehnhundert Franken. Willst du?« – »Kerl, du prellst mich!« rief der Wirt mit scheinbarem Entsetzen. – »Her damit!«

Er wollte die Steine wieder an sich nehmen, aber Etienne wehrte sich dagegen. Er wußte, daß der Brillant allein den zehnfachen Preis des Geforderten selbst unter Hehlern bringen werde.

»Zwölfhundert gebe ich«, sagte er. – »Fünfzehnhundert.« – »Zwölf … ah, du bist schlecht!«

Gerard hatte nämlich mit einem kräftigen Griff seine Hand erfaßt, ihm die Ringe aus derselben gewunden und wollte sich mit einem »Gute Nacht« entfernen.

»Vierzehnhundert will ich wagen«, erklärte der Wirt. – »Fünfzehnhundert. Keinen Sous weniger.« – »Ah! Na, gut. Weil du es bist, sollst du sie haben. Gib die Ringe her!« – »Erst das Geld; aber noch eins. Papa Terbillon darf nichts erfahren.« – »Das versteht sich ganz von selbst.« – »So sind wir einig. Hier sind die Ringe.« – »Und hier ist das Geld.«

Der Hehler zählte Gerard aus dem Kasten fünfzehnhundert Franken auf den Tisch, so daß der Schmied sich jetzt auf einmal im Besitz von gegen viertausend Franken befand.

»Und nun sage auch, wo du den Fang gemacht hast!« bat der Wirt. – »Auf der Rue de la Poterie.« – »An, wo deine Mignon wohnt! Der Besitzer war gewiß ein Fremder. Du garottiertest ihn?« – »Ja. Es war gerade vor der Wohnung der Mignon; ich kannte den Fremden nicht.« – »So wünsche ich dir und mir alle Tage einen so guten Fang. Denn ich hoffe, daß er nicht bloß die Uhr und die Ringe, sondern auch eine Börse, wohl gar ein Portefeuille bei sich hatte.« – »Es war eine Wenigkeit und …«

Gerard hielt inne, denn es war am Eingang gepocht worden.

»Öffne!« befahl der Wirt dem Türhüter. »Es war das richtige Zeichen.«

Der Mensch schob den Schrank zurück, und es erschienen zwei Personen, voran ein Mädchen und hinter ihr ein Herr.

»Donnerwetter, die Mignon!« rief der Wirt beim Anblick des Mädchens erfreut aus.

Auch der Schmied ließ einen Ruf der Freude hören, wurde aber im nächsten Augenblick leichenblaß, denn der Herr, der mit eintrat, war – Alfonzo, der von ihm Garottierte.

4. Kapitel.

Das Haus, vor dem der Schmied den Grafen gewürgt hatte, gehörte zu den dunkelsten Häusern von Paris. Es enthielt im Parterre eine Weinkneipe, deren Besitzerin zugleich die Gebieterin von ungefähr zwölf Mädchen war. Die Hübscheste unter ihnen führte den Spitznamen Mignon, den keines dieser Mädchen wurde bei seinem ursprünglichen Namen genannt.

Die zwölf Magdalenen saßen heute abend schön herausgeputzt in der Trinkstube zusammen, die sie Salon nannten. Es befand sich kein einziger Gast bei ihnen, und darum herrschte eine ungewöhnliche Stille im Gemach.

Doch diese Stille wurde plötzlich unterbrochen. Die Tür wurde geöffnet, und es trat ein junger Mensch ein, der zu den gewöhnlichen Gästen des Lokals gehörte. Die Mädchen sprangen alle auf ihn zu und umringten ihn.

»Ah, der Robert Barlemy!« riefen sie. »Willkommen, willkommen!«

Sie faßten ihn darauf von allen Seiten und wollten ihn zu einem Sitz drängen, er aber wehrte ihnen entschieden ab und sagte:

»Laßt mich, Mädels! Wir haben Notwendigeres zu tun.« – »Notwendigeres? Was?« fragten zwölf Stimmen. – »Kommt und helft mir. Draußen vor der Tür liegt ein Toter!« – »Ein Toter! Oh! Ah! Mein Gott!«

So erklangen zwölf Schreckensrufe durcheinander.

»Ist's wahr?« fragte die Wirtin erschrocken. – »Ja«, antwortete der Gast. »Ich fiel beinahe über ihn hinweg.« – »So muß man zur Polizei laufen. Der Tote muß fort!« – »Nein«, sagte der Mann. »Zunächst muß er hier hereingeschafft werden.«

Die Wirtin stieß einen Ruf des Entsetzens aus.

»Sind Sie verrückt!« rief sie. »Ein Toter zu uns? Was wollen wir mit ihm?« – »Es kann ja noch Leben in ihm sein; es schien zwar, daß er tot sei, aber man muß sich doch überzeugen, ob es wirklich so ist. Eine Blutung sah ich nicht; im übrigen war er sehr fein gekleidet. Er scheint den höheren Ständen anzugehören.« – »So mag man ihn bringen, aber nicht herein in den Salon, vielmehr nach dem hinteren Zimmer.« – »Nein«, sagte Mignon, die ein mitleidiges Herz besaß, »man trage ihn nach meiner Stube.«

Der Gast trat mit dem Hausknecht hinaus auf die Gasse und hob mit Hilfe desselben den Grafen auf. Sie trugen ihn herein und nach dem kleinen Zimmer, das Mignon bewohnte. Dahin folgte die Wirtin mit den Mädchen.

»Er ist wirklich nicht verwundet«, sagte sie. – »Wie hübsch er ist«, meinte eins der Mädchen. – »Und noch so jung«, ein zweites. – »Und so elegant«, ein drittes. – »Man muß nach einem Arzt schicken«, sagte die Wirtin. – »Halt!« rief der Gast. »Er lebt.« – »Er lebt?« schrien alle zugleich. – »Ja. Er ist warm, und sein Puls geht.« – »Mein Gott, er schlägt die Augen auf, rief Mignon. Alfonzo kam allerdings jetzt zu sich und öffnete die Augen.

»Ja, er lebt! Er ist gerettet! Er sieht uns!« ertönte es rundum im Kreis der Mädchen.

Alfonzo mußte sich erst besinnen, was geschehen war, dann fragte er

»Wo bin ich?«

Seine Stimme klang ganz rauh von dem Würgen.

»Sie sind in sehr guten Händen, Monsieur«, antwortete die Wirtin. »Wünschen Sie etwas?« – »Um einen Schluck Wein bitte ich.« – »Den sollen Sie sofort haben. Aber darf ich fragen, wer Sie sind?« – »Ich bin der Marchese Acrozza.« – »Ein Marchese? O mein Gott, holt schnell ein Glas Wein, ein Glas vom besten oder vielmehr eine ganze Flasche! Schnell, schnell!« gebot die Wirtin. »Aber, Monsieur le Marchese, wie kommen Sie in eine solche Lage?« – »Man hat mich gewürgt und niedergerissen.« – »Und niedergerissen! Vielleicht gar garottiert?« – »Was ist das?« fragte er. – »Man würgt die Passanten, um sie zu berauben.« – »Berauben, ah!« sagte er.

Erst jetzt bemerkte er, daß ihm die Handschuhe abgezogen seien. Er griff in die Taschen und erschrak.

»Sie erschrecken«, sagte die Wirtin. »Fehlt Ihnen etwas, Monsieur?« – »O ja, leider«, stöhnte er. »Es fehlt mir alles. Meine Brillantringe, Uhr und Kette sowie meine Börse mit einigen hundert Franken; dann auch mein Portefeuille, das achtzehnhundert Franken enthielt.« – »Das ist ja ein ganzes Vermögen«, jammerten die Anwesenden. – »Ich möchte dies gern verschmerzen«, sagte er, »aber es enthielt auch ein Notizbuch mit sehr kostbaren Bemerkungen, die mir ganz unersetzlich sind.« – »Welch ein Unglück! Aber da kommt der Wein. Trinken Sie, Monsieur.«

Alfonzo nahm das Glas, und nun erst während des Trinkens ließ er sein Auge forschend über die Umgebung schweifen. Er bemerkte sofort, in welch einem Haus er sich befand, und fragte:

»Wie komme ich zu Ihnen, Madame?« – »Sie lagen vor unserer Tür.« – »Und Sie haben sich meiner angenommen?« – »Ja. Dieser Herr fand Sie.« – »Ich danke Ihnen. Wem gehört dieses Zimmer?« – »Mir«, antwortete Mignon. – »So bleiben Sie hier, während ich mich ein wenig erhole. Die anderen aber bitte ich, sich nicht länger zu bemühen.«

Die Mädchen verschwanden sofort mit der Wirtin und dem ersten Gast, und Alfonzo befand sich nun mit Mignon allein, die ihm gegenübersaß. Er verfiel in ein finsteres Nachdenken. Die Bemerkungen seines Notizbuchs waren zwar nicht so unersetzlich, wie er gesagt hatte, aber sie enthielten gewisse Enthüllungen, die er unter Umständen fürchten mußte.

»Grämen Sie sich nicht, mein Herr«, bat das Mädchen nach einer Weile. »Vielleicht ist es möglich, den Täter zu entdecken.« – »Wer sollte ihn entdecken?« – »Die Polizei. Oh, wir haben in Paris eine sehr schlaue Polizei.« – »Wohin müßte man sich da wenden?« – »An die Mairie des Arrondissements; sie liegt gleich hier an der Straße St. Honoré« zwischen der Straße de l'Arbre sec und der Rue du Roule.« – »So werde ich dort Anzeige machen. Aber ich glaube nicht, daß es etwas hilft. Dieser Garotteur wird sich nicht fangen lassen.« – »So lassen Sie sich einen Vorschlag machen, Monsieur. Sie sagen, daß es Ihnen meist um das Notizbuch zu tun ist. Machen Sie in einigen Blättern bekannt, daß Sie den Diebstahl nicht verfolgen werden, wenn der Dieb wenigstens das für ihn nutzlose Taschenbuch an Ihre Adresse sendet.« – »Ah«, rief Alfonzo, »der Gedanke ist gut!« – »Ich glaube, daß Sie auf diese Weise Erfolg haben werden, denn diese Garotteurs sind zwar sehr gewalttätig, aber oft sonst gute Menschen.« – »Meinen Sie?« – »Ja«, sagte sie. »Ein Garotteur ist ehrenhafter als ein Taschendieb oder Einbrecher.«

Das war nun allerdings eine eigentümliche Ansicht, und darum sagte Alfonzo mit einem leichten Lächeln:

»Das dürfte schwer zu beweisen sein.« – »Nein, das ist leicht, wenn ich nur wollte.« – »Ah! Erklären Sie sich, Mademoiselle.« – »Nun«, entgegnete sie, leicht errötend, »Sie wissen vielleicht nicht, in welch einem Haus Sie sich gegenwärtig befinden.« – »Ich ahne es«, antwortete er. – »So werden Sie auch glauben, daß hier Männer aller Stände verkehren, sogar Verbrecher, auch Garotteurs.«

Mignon dachte dabei an Gerard, ihren Geliebten, von dem sie ganz genau wußte, daß er sich durch die Garotte seinen Unterhalt erwarb.

»Und das sind gute Menschen?« lächelte er. – »Wenigstens einer von ihnen. Er ist gut und treu, tapfer und verschwiegen. Er ist ein braver Kamerad, der zwar weiß, wie man einen festen Griff oder einen Hieb anzubringen hat, aber der Freund kann sich auf ihn verlassen!«

Alfonzo horchte auf. Bei den Worten des Mädchens kam ihm ein Gedanke. Dieser Mensch war vielleicht mit anderen Garotteurs bekannt und konnte ihm zu seinem Notizbuch verhelfen. Ja, noch weiter. Dieser Mensch war vielleicht auch später zu gebrauchen.

»Kennen sich die Verbrecher untereinander?« fragte er. – »Meist, und die Garotteurs sicher. Eine jede Abteilung kennt ihre Angehörigen genau.« – »Vielleicht könnte der, den Sie meinen, mir behilflich sein, mein Notizbuch zu erlangen?« – »Ah, Monsieur, das ist sehr leicht möglich.« – »Wenn ich ihn nur einmal sprechen könnte. Kommt er öfter zu Ihnen?« – »Ja, aber heute nicht, denn er war erst gestern da.«

Alfonzo blickte das Mädchen schweigend an, dann sagte er:

»Aber, Mademoiselle, Sie sind unvorsichtig.« – »Inwiefern, Monsieur?« – »Weil Sie mir solche Geheimnisse anvertrauen. Wie leicht könnten Sie sich selbst, Ihrem Haus und auch dem betreffenden Menschen schaden.«

Sie lächelte unbesorgt und entgegnete:

»Sie irren sich, mein Herr. Auch die Polizei kennt diese Leute, aber sie weiß, daß ein Garotteur nur bestraft werden kann, wenn er ertappt oder überführt wird.« – »Wann wird dieser Mann wieder zu Ihnen kommen?« – »Das ist unbestimmt.« – »Ah, wenn ich wüßte, wo er zu treffen ist« – »Hm. Werden Sie ihn für seine Mühe belohnen?« – »Ja. Ich gebe ihm hundert Franken für das Portefeuille, und Ihnen gebe ich fünfzig, wenn Sie mich zu ihm bringen.« – »Monsieur, soll ich Sie führen?« – »Ja, jedoch sogleich?« – »Das ginge wohl, aber es ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn Madame läßt so spät kein Mädchen fort.« – »Auch nicht gegen eine Belohnung?« – »Dann vielleicht.« – »So rufen Sie die Frau.«

Das Mädchen ging und brachte die Wirtin mit.

»Was wünschen Sie, Monsieur?« fragte diese. – »Würden Sie mir diese junge Dame für eine kurze Zeit anvertrauen? Sie soll mich zu einer Person bringen, die ich kennenzulernen wünsche.« – »Zu wem?« – »Zu Gerard l'Allemand«, antwortete Mignon. – »Ah«, sagte die Wirtin. »Du weißt ja, wo er zu finden ist. Ich werde es erlauben, Monsieur, wenn Sie dreißig Franken zahlen.« – »Ich zahle sie.« – »Aber Sie sind ja ausgeraubt worden!« – »Ich habe meine Hauptkasse im Hotel. Ich werde mit dieser Demoiselle zunächst nach meinem Hotel fahren, um mich mit Geld zu versehen.« – »Welches Hotel ist es?« – »Hotel d'Aigle in der Rue de la Barillerie.« – »Gut, ich vertraue und gebe meine Erlaubnis.«

Als die Frau gegangen war, fragte Mignon:

»Aber wie steht es mit der Anzeige auf der Mairie?« – »Diese werde ich unterlassen in der Hoffnung, daß Ihr Freund mir nützlich sein wird. Wie nannten Sie ihn?« – »Gerard l'Allemand.« – »L'Allemand? Ist er denn ein Deutscher?« – »Nein, sondern er spricht deutsch. Seine Mutter war eine Deutsche.«

Alfonzo horchte auf. Ein Garotteur war ein sehr brauchbarer Mann für ihn, und da dieser Garotteur des Deutschen mächtig war, so hielt er es für einen glücklichen Zufall, mit ihm bekannt zu werden. Von der Anzeige auf der Polizei sah er ab, denn die Wertsachen konnte er verschmerzen, und es wäre ihm sehr peinlich gewesen, seine Notizen in den Händen der Behörde zu sehen. Dort hätten sie ihm leicht gefährlich werden können.

»Sind Sie bereit, mit mir zu gehen?« fragte er. – »Ja. Ich brauche nur einen Mantel überzuwerfen.« – »So bitte ich Sie, eine Droschke holen zu lassen.«

Mignon tat es, und bald rollten sie der Rue de la Barillerie zu, wo die Droschke vor dem Hotel d'Aigle halten mußte. Dort stieg Alfonzo aus und begab sich nach seinem Zimmer. Hier öffnete er seinen Koffer, um ihm neuen Geldvorrat zu entnehmen, und steckte zugleich auch einen Revolver für den Fall ein, daß er abermals in Gefahr geraten sollte.

Hierauf setzte er mit Mignon seine Fahrt nach der Rue de Carmes fort.

»Wo werden wir Ihren Freund finden?« erkundigte er sich. – »In einer Schenke.« – »Da wird man aber gar nicht ungestört mit ihm sprechen können.« – »Keine Sorge, Monsieur. Es ist dafür gesorgt, daß Sie nicht beobachtet werden.«

Mignon ließ den Wagen an der Rue des Noyers halten und führte Alfonzo dann zu Fuß nach der Branntweinschenke. Sie war hier bekannt, denn ihr Geliebter hatte sie oft mit dorthin genommen. Darum klopfte sie an den Schrank und trat, als derselbe sich bewegte, ohne Scheu in die verborgene Stube.

»Donnerwetter, die Mignon!« rief der Wirt, als er sie erblickte. – »Weiß Gott, die Mignon!« stimmte auch Gerard bei.

Doch im nächsten Augenblick erbleichte er, denn er erkannte Alfonzo, den von ihm Garottierten, und sein erster Gedanke war natürlich, daß dieser auf irgendwelche Weise erfahren habe, wer der Täter sei und wo man denselben finden werde.

»Alle Teufel, woher noch so spät?« fragte der Wirt. – »Direkt von Haus.« – »Und mit – mit einem Fremden?«

In dem Ton und Blick des Wirts lag ein Vorwurf. Mignon aber sagte rasch:

»Keine Sorge, Etienne Lecouvert! Dieser Monsieur sucht meinen Gerard l'Allemand.« – »Was will er von mir?« fragte Gerard, indem sein Auge halb besorgt, halb drohend glänzte. – »Das sollst du sofort erfahren. Setze dich zu uns. Dieser Monsieur, der ein Marchese d'Acrozza ist, wird dafür sorgen, daß wir nicht dürsten.« – »Ja«, meinte Alfonzo mit einem verbindlichen Lächeln. »Sie erlauben, daß ich dies tue.«

Gerard nickte stumm. Er konnte noch nicht klug werden. Dieser Marchese tat allerdings nicht so, als ob er wisse, wer ihn beraubt habe.

»Haben Sie Wein?« fragte Alfonzo den Wirt. – »Nein«, sagte dieser. »Bei mir trinkt man Absinth oder ein Glas Bier aus dem Elsaß. Aber wenn dem Herrn Marchese der Wein lieber ist, so werde ich welchen besorgen!«

Der Wirt hatte allerdings Wein im Keller, verleugnete es aber, um ihn teurer anzubringen.

»Wird dies nicht zu schwierig sein?« fragte Alfonzo. – »Nein. Wir haben eine Weinstube in der Nähe, die wohl noch offen ist Welche Sorte wünschen Sie, mein Herr?« – »Was gibt es?« – »Am liebsten trinkt man dort einen roten Rousillon.« – »Nun gut so lassen Sie ein Dutzend holen. Was wir nicht trinken, wird trotzdem nicht verderben. Hier sind fünfzig Franken.«

Alfonzo zog die Börse und entnahm ihr die angegebene Summe.

Gerard Mason erstaunte. Woher hatte dieser Mann das Geld? Hatte er zwei Börsen einstecken gehabt? Der Wirt gab das Geld seinem Türsteher, der dabei einen heimlichen Wink bekam, was er zu tun habe. Der Mensch begab sich nun in den eigenen Keller und setzte in einen Korb zwölf Flaschen eines Rotweins, den Etienne Lecouvert gewöhnlich für achtzig Centimes verkaufte.

Unterdessen hatten sich die Gäste an einen der Tische gesetzt, und auch der Wirt nahm bei ihnen Platz.

»Also du suchtest mich?« fragte Gerard die Geliebte, den es drängte, so bald wie möglich Klarheit zu erhalten. – »Ja«, erwiderte sie. »Dieser Grundbesitzer möchte mit dir über ein Geschäft sprechen. Willst du dir hundert Franken verdienen, Schatz?«

Gerard zeigte lachend seine weißen Zähne.

»Oh, tausend, wenn es sein kann«, sagte er. – »Einstweilen nur hundert. Dieser Herr wird sie dir zahlen. Übrigens gibt er mir bereits fünfzig Franken dafür, daß ich ihn zu dir gebracht habe.«

Mignon blickte Alfonzo dabei schalkhaft, aber erwartungsvoll an, so daß dieser schnell in die Tasche griff.

»Ah, Mademoiselle, ich hatte das fast vergessen«, sagte er. »Hier, nehmen Sie.«

Er legte ihr die Summe auf den Tisch.

»Ich danke Ihnen«, entgegnete sie. »Ein prompter Zahler wird auch gut bedient. Sie werden sich auf Gerard l'Allemand verlassen können.« – »Das sage ich selbst auch«, meinte der Schmied. »Aber darf ich erfahren, um was es sich handelt? Es naht bald die Stunde, in der die Stammgäste kommen, und dann sind wir nicht mehr ungestört.« – »Die Sache ist nämlich die, daß dieser Herr garottiert worden ist«, sagte Mignon. »Vor vielleicht einer Stunde geschah es in der Rue de la Poterie.« – »Das ist ja dort, wo du wohnst, Mignon!« – »Allerdings. Es ist sogar gerade vor unserer Tür geschehen.« – »Nicht möglich!«

Gerard spielte den Erstaunten sehr gut. Der Wirt zog die Brauen zusammen und warf ihm einen unbemerkten Blick zu, der gar nicht sprechender sein konnte.

»Nicht möglich, sondern sogar wirklich«, fuhr Mignon fort. »Er lag ohne Leben vor der Tür, und wir haben ihn nach meinem Zimmer geschafft.« – »Welche Barmherzigkeit!« meinte der Wirt ironisch. – »Und man hat ihn unbarmherzig bestohlen.« – »Das muß man anzeigen!«

Da wandte sich Gerard an Alfonzo:

»Aber, mein Herr, wie kam es, daß man Sie überfiel?« – »Es war kein Mensch auf der Straße«, antwortete der Gefragte, »und ich bin hier fremd. Ich hatte keine Ahnung, daß mir Gefahr drohen könne.« – »Des Nachts muß jeder vorsichtig sein, das müssen Sie sich merken. Sie wurden plötzlich überfallen?« – »Nein. Es kam ein Passant hinter mir her, ich hörte ihn kommen, also eigentlich plötzlich ist es nicht geschehen.« – »So waren Sie sehr unvorsichtig. Des Nachts blickt man sich um, wenn man von jemandem verfolgt wird. Was geschah weiter?« – »Ich ging zur Seite, um ihn vorüber zu lassen, aber er faßte mich bei der Gurgel und drückte sie so zusammen, daß ich den Atem und die Besinnung verlor.« – »Alle Teufel!« sagte der Wirt. »Das ist ein kräftiger, resoluter Kerl gewesen.« – »Ja, Kraft hatte er«, nickte Alfonzo und schloß dann seinen Bericht. »Als ich erwachte, befand ich mich in dem Zimmer dieser Demoiselle und bemerkte, daß ich beraubt worden sei.« – »Was hat man Ihnen genommen?« fragte der Wirt lauernd. – »Meine fünf Ringe, dann die Uhr mit Kette, die Börse, die über zweihundert Franken enthielt, und endlich das Portefeuille, das achtzehnhundert Franken in Staatsscheinen barg.«

Der Wirt sperrte vor Erstaunen den Mund auf.

»Dieser Halunke!« rief er. »Zweitausend Franken in Geld! Und wer weiß, wie er den armen Kerl, an den er die Pretiosen verkauft, drückt und schindet. Der Teufel soll ihn holen!«

Er warf einen ärgerlichen Blick auf den Schmied, den aber zum Glück weder Alfonzo noch das Mädchen bemerkten.

»Aber, was hat dies mit mir zu tun?« fragte Gerard gespannt. – »Ich wollte erst Anzeige machen …«, meinte Alfonzo. – »Ganz recht. Wird nur nicht viel nützen.« – »Das dachte ich auch. Übrigens kann ich das Geld verschmerzen, aber um das Portefeuille ist es mir zu tun. Es enthält sehr wertvolle Notizen. Darum werde ich in einigen Blättern den Garotteur auffordern, mir wenigstens das Portefeuille zuzustellen. Er kann dies ja ganz ohne Gefahr für sich tun, und das übrige mag er behalten.« – »Hm!« brummte der Wirt. »Ohne Gefahr es tun zu können, daran glaube ich nicht Wie sollte dies möglich sein?« – »Er braucht es ja nur zur Post zu geben!« – »Ja. Und die Postbeamten haben Ihre Annonce auch gelesen und werden, sobald sie die Adresse sehen, den Überbringer festhalten. Denn in Briefform könnte die Tasche doch nicht in den Kasten geworfen werden.« – »Das ist richtig«, meinte Alfonzo nachdenklich. »Aber er könnte sie mir doch direkt senden.« – »Durch einen Boten, den Sie vielleicht festhalten.« – »Das werde ich nicht tun.« – »Das wird er nicht glauben. Solche Leute pflegen sehr mißtrauisch und vorsichtig zu sein.« – »Er kann ja einen Boten wählen, der ihn gar nicht kennt!« – »Der ihn aber möglicherweise wiedererkennen wird! Nein, ich glaube nicht daß er so unvorsichtig sein wird.« – »Ich glaube es auch nicht«, stimmte der Schmied bei. »Er wird sich den Teufel daraus machen, ob Sie das Portefeuille brauchen oder nicht.« – »Nun, so bleibt mir noch ein letzter Weg. Mademoiselle hat mir gesagt daß Sie vielleicht imstande seien, gewisse Erkundigungen einzuziehen …« – »Ah!« machte der Schmied mit einem finsteren Blick auf das Mädchen. – »Ja, daß Sie vielleicht besser als ein Polizist imstande seien, den Täter zu erfahren.« – »Und Ihnen anzuzeigen?« fragte Gerard rasch. – »Nein, das verlange ich nicht Vielleicht aber könnten Sie mir mein Portefeuille verschaffen.« – »Hm! Wieviel ist es Ihnen wert?« – »Hundert Franken.« – »Das ist zu wenig. Wenn ich den Mann ja finden sollte, so wird er erfahren, daß das Buch Wert für den Besitzer hat. Er wird mehr als hundert Franken von mir fordern. Was bleibt mir dann für meine Mühe?« – »Gut, so wollen wir zweihundert sagen!« – »Das mag eher sein, obgleich ich meine gewissen Gründe habe, anzunehmen, daß ich den Mann nicht entdecken werde.« – »Darf man diese Gründe erfahren?« – »Ja. Der Hauptgrund ist, daß ich nicht nachforschen kann.« – »Warum nicht?« – »Ich muß arbeiten, um zu leben; zum Nachforschen aber gehört Zeit und Geld, und ich habe keins von beiden.« – »So werde ich Ihnen hundert Franken auf Abschlag zahlen.« – »Das läßt sich hören«, lachte Gerard. – »Hier sind sie!«

Der Schmied steckte das Geld gleichmütig ein und sagte:

»So werde ich bereits morgen früh sehen, was sich tun läßt. Wohin habe ich meine Nachrichten zu bringen?« – »Nach dem Hotel d'Aigle, Rue de la Barillerie.« – »Schön. Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber Mühe werde ich mir geben.«

Damit war die Angelegenheit genügend besprochen, und man begann nun, dem Wein sein Recht zu geben. Es war auch Zeit gewesen, da sie nicht länger allein blieben.

Es begann jetzt nämlich die Zeit, in der die Industrieritter verschiedenster Art zu Etienne Lecouvert kamen, um ihre nächtliche Beute zu verwerten. Alfonzo sah sie kommen, einen nach dem anderen, und wußte nun, in welch ein Lokal er geraten sei. Es wollte ihm in dieser Gesellschaft etwas ängstlich werden, und darum brach er bald auf, mußte aber dem Wirt versprechen, das Geheimnis seines Lokals nicht zu verraten.

Als er fort war, wandte sich der Schmied an sein Mädchen:

»Dummkopf, was fällt dir ein, diesen Kerl hierher zu bringen!« – »Er dauerte mich«, sagte sie. – »Der?« – »Ja. Er sieht so vornehm und anständig aus.« – »Vornehm und anständig? Hahaha! Ich sage dir, daß er ein Spitzbube ist, zehnmal gefährlicher als ich und hundert andere.« – »Das ist nicht zu glauben!« – »Oh, doch! Ich habe ihn bei Papa Terbillon gesehen.« – »Unmöglich! Bei Papa Terbillon verkehren ja nur …«

Sie stockte.

»Nur Spitzbuben – willst du sagen?« lachte er. »Du hast recht, und dieser sogenannte Marchese d'Acrozza ist auch einer, weil er falsche Haare, falschen Bart und falschen Teint trägt. Sogar seine Züge sind verändert worden. Er ist ursprünglich nicht schwarz, sondern dunkelblond.« – »Das hat ihm Papa Terbillon gemacht?« – »Ja, und diesen Menschen führst du zu mir!« – »Oh, ich ahnte doch nicht…« – »Sei still. Du hast ihm sogar gesagt, daß ich ein Garotteur bin.« – »Gerard …« – »Gestehe es! Du hast ihm gesagt, daß ich den Täter entdecken werde, weil ich als ein Garotteur sämtliche Kameraden kenne.« – »Vergib mir! Ich wollte mir gern die fünfzig Franken verdienen und wollte auch haben, daß du die hundert bekommst. Ah, da fällt mir ein, daß er mir die dreißig Franken für Madame nicht gegeben hat!« – »Madame forderte dreißig?« – »Ja. Was tue ich, um sie zu erhalten?« – »Ich werde sie dir geben und sie morgen von ihm zurückverlangen.« – »Ich danke dir! Wird es dir Schaden machen, daß ich ihn zu dir geführt habe?« – »Hm, das muß erst noch abgewartet werden!«

In diesem Augenblick winkte der Wirt ihn zu sich hin an den Schenktisch.

»Weiß Mignon alles?« fragte er ihn. – »Nein.« – »Also du selbst bist es gewesen, Halunke! Was dachtest du, als er eintrat?« – »Hm, ich glaube fast, daß ich für den ersten Augenblick erschrocken war, dann aber stand es fest: Ich hätte ihn kaltgemacht, wenn er gewußt hätte, daß ich es war, der ihn erleichterte.« – »Ich traue es dir zu. Ich traue dir überhaupt seit heute abend alles, jede Schlechtigkeit, ja, jeden Verrat gegen Freunde zu!« – »Habe ich dich verraten?« – »Nein, aber betrogen im höchsten Grad!« – »Du willst doch nicht sagen, daß du mir für die Sachen zu viel bezahlt hast?« – »Ja, gerade das will ich sagen!« – »So gib sie mir wieder heraus, du erhältst dein Geld sofort zurück!« – »Das will ich dir nicht antun«, sagte der Wirt verlegen. – »Oh, bitte, tue es getrost«, antwortete der Schmied. »Es wird mein Schade ganz und gar nicht sein.« – »Du solltest mit tausend Franken zufrieden sein.« – »Fällt mir gar nicht ein!« – »Du hast ihm ja über zweitausend Franken bar abgenommen!« – »Das hat mich Arbeit gekostet!« – »So gib wenigstens die hundert Franken, die er dir vorhin auszahlte.« – »Welches Recht hast du daran?« – »Als dein Mitwisser, ein Wort von mir hätte dich verraten.« – »Und dich mit, Alter! Nein, nein, von mir bekommst du keinen Centime heraus. Ich liebe die glatten Geschäfte. Übrigens hast du an deinem Wein vierzig Franken verdient, abgerechnet auch, daß wir nur drei Flaschen getrunken haben, und du also, den heutigen Preis gerechnet, für fast vierzig Franken übrigbehältst. Gute Nacht! Ich muß Mignon nach Hause bringen.« – »Wann kommst du wieder?« – »Vielleicht morgen.« – »Dann gute Nacht, Geizhals!«

5. Kapitel.

Der Schmied verließ mit seiner Geliebten das Lokal. Unterwegs fragte er sie:

»Mignon, wieviel bist du deiner Madame schuldig?« – »Gegen vierhundert Franken.« – »Wenn du die bezahlst, so bist du frei?«

Das Mädchen blieb vor Erstaunen stehen und blickte ihn an:

»Wie kannst du so fragen!« sagte es. »Du weißt ja, daß ich dich sehr liebhabe!« – »Und daß du dich sehnst, ein braves Mädchen werden zu können?« – »Ja. Ich gäbe viel, sehr viel darum, wenn ich von Madame fort könnte. Ich kann nähen, häkeln und sticken, ich kann waschen und bügeln, ich würde nicht Hunger zu leiden brauchen. Ich würde Tag und Nacht arbeiten, damit auch du die gefährliche Garotte nicht mehr brauchtest. Aber woher diese vierhundert Franken nehmen!« – »Und du würdest mich wirklich liebbehalten und mir nicht nachtragen, daß ich ein Garotteur gewesen bin?« – »Ich würde nicht daran denken, denn du sollst ja auch vergessen, was ich war.« – »Nun wohl, Mignon, ich habe die vierhundert Franken.« – »Ist's wahr, ist's möglich?« fragte sie ungläubig. »Aber von wem?« – »Von diesem Marchese Acrozza.« – »Du scherzt! Er hat dir ja nur hundert gegeben.« – »Nein, er hat mir viertausend gegeben.«

Mignon blieb abermals stehen, sie war beinahe starr vor Erstaunen.

»Das begreife ich nicht«, sagte sie. – »Habe ich dir nicht erzählt, daß ich ihn bei Papa Terbillon gesehen habe?« – »Allerdings.« – »Nun, dort sah ich auch seine Kette, seine Ringe und die Banknoten, die er bei sich trug.« – »Weiter, weiter«, bat sie dringend. – »Papa Terbillon hatte mich als Garotteur engagiert für täglich zehn Franken; er gebot mir, diesen Marquis oder Marchese nicht aus den Augen zu lassen …« – »Oh, nun ahne ich alles. Du selbst hast ihn vor unserem Haus niedergeschlagen. Hätte ich das gewußt!« »Ich habe ihm sein Geld abgenommen und seine Pretiosen bei Etienne Lecouvert verkauft; ich bin im Besitz von viertausend Franken.« – »Mein Gott, welch ein Glück!«

Das Mädchen dachte nicht daran, daß dieses Glück eine sehr verbrecherische Grundlage habe.

»Ich werde morgen kommen und dich loskaufen.«

Mignon fiel ihm entzückt um den Hals.

»Gerard ich schwöre dir, daß du es nie bereuen sollst«, sagte sie. – »Auch ich werde nichts Böses mehr tun«, gelobte er. – »O mein Gott, wie gut das ist!« – »Ja. Auf diesen Gedanken hat meine Schwester Annette mich gebracht Ich habe dir bereits erzählt daß sie in den Fluß sprang. Jetzt ist sie wieder gesund. Heute war ich bei ihr. Sie wohnt bereits bei Professor Letourbier, und ich habe eingesehen, daß es viel besser und vorteilhafter ist dem Laster Adieu zu sagen.« – »Das habe ich längst gedacht. Aber – Papa Terbillon gehören doch eigentlich die viertausend.« – »Hm, er mag sie sich holen.« – »Er wird sich rächen.« – »Vielleicht erfährt er gar nicht daß mir der Überfall gelungen ist.« – »Oh, er ist schlau, er erfährt alles.« – »Nun, ich fürchte ihn dennoch nicht Er wird mich allerdings verfolgen, aber ich werde Paris verlassen, so daß er mich nicht findet Du gehst mit mir.« – »O Gerard, welche Seligkeit! Wohin wirst du gehen?« – »In die Provinz. Du wirst dort meine kleine Frau sein. Du wirst für die Leute nähen und sticken, und ich werde als Schmied in die Fabrik gehen. Annette soll nicht sagen, daß sie einen Bruder habe, dessen sie sich schämen muß.« – »Und dein Vater?« – »Der geht mit uns.« – »Gerard, werden wir dies wagen dürfen?« – »Ja. Mein Vater war ursprünglich gut. Der Gram um den Tod der Mutter hat ihn haltlos gemacht und der Schnaps trug das übrige dazu bei. Ich werde streng mit ihm sein, und so wird er tun müssen, was ich will.« – Ich füge mich in alles, mein Gerard, nur bitte ich dich, mich wirklich aus diesem Haus zu holen, ich halte es da nicht länger aus.« – »Habe keine Sorge; ich komme noch am Vormittag.«

Während dieses Gesprächs waren sie bereits über die Isle de la Cité hinübergekommen, und bald standen sie vor der Wohnung des Mädchens. Es war noch Licht im Salon, denn in diesen Häusern pflegt man erst spät schlafen zu gehen.

»Gehst du mit herein?« fragte sie. – »Nein. Ich sehne mich nach Ruhe.« – »Ich werde nicht ruhen können. Ich gehe sogleich auf mein Zimmer und schließe mich ein, um ungestört an unser Glück denken zu können.«

Sie nahmen Abschied.

Gerard hatte einen weiten Weg, um seine Wohnung zu erreichen. Er fand dort seinen Vater vollständig betrunken auf der Matratze liegen und legte sich neben ihn, ohne ihn zu wecken. Er war bereits früh wieder munter und ging vor allen Dingen, um der Geliebten sein Wort zu halten. Sie hatte wirklich nicht geschlafen und empfing ihn mit großer Freude.

»Ist's denn wirklich wahr, daß ich frei sein soll?« fragte sie. – »Ich komme ja deshalb.«

Sie fiel ihm um den Hals, und dabei hatte sie ein ganz anderes Aussehen als früher. Sie erschien ihm so lieblich, so züchtig, daß er sich ganz glücklich zu fühlen begann.

»Wo ist Madame?« fragte er. – »Sie schläft noch, wecken darf man sie aber nicht, sie wird sehr zornig.« – »So warten wir«, erklärte er.

Sie setzten sich darauf nebeneinander und begannen von der Zukunft zu sprechen.

»Du wirst gleich jetzt das Geld bezahlen und mich auch sofort mitnehmen?« fragte sie ihn. – »Natürlich! Wirst du überall hingehen, wohin ich dich führe?« – »Ja, gewiß.« – »So höre, was ich mir ausgesonnen habe: Wir können noch nicht zusammen wohnen.« – »Nein«, sagte sie verschämt. – »Einesteils weil es sich nicht schickt, und sodann auch aus Vorsicht vor Papa Terbillon.« – »Ja, er wird dich suchen.« – »Und wenn er bemerkt, daß wir zusammenziehen, so wird er wissen, daß ich den Marchese garottiert habe. Übrigens wollen wir ja nach der Provinz gehen, und da muß ich vorher hin, um mir Wohnung und Arbeit auszumachen. Da muß ich dich an einem Ort unterbringen, wo ich dich sicher weiß, doch denke ich, daß du nicht gern hingehst.« – »Ist der Ort schlimm?« – »Nein, gut. Nur für die Bösen ist er schlimm.« – »So sage es, ich fürchte mich nicht.« – »Hast du einmal von den Häusern gehört, in denen Mädchen aufgenommen werden, die von der Sünde nichts mehr wissen wollen?« – »Ja. Man nennt sie Magdalenenhäuser.« – »Und weißt du, wie das Leben in diesen Häusern ist?« – »Es soll ernst sein. Die Zöglinge arbeiten und beten.« – »Ja, aber sie sind dort sicher vor allen Verfolgungen und Versuchungen. Würdest du dich vor einem solchen Haus fürchten?« – »Nein. Wer es ernst mit seiner Besserung meint, der braucht sich doch nicht zu fürchten.« – »Nun wohl, in einem solchen Haus sollst du wohnen, bis ich eine Heimat für uns gefunden habe.« – »Gerard, ich will. Ich freue mich auf ein so stilles Leben.«

Sie sah ihn so aufrichtig und gut an, daß er sie an sich zog und herzlich küßte.

»Wir werden sehr glücklich sein, denn wir werden uns viel zu vergeben haben«, sagte er.

In dieser Weise unterhielten sie sich fort, bis die Madame kam. Sie wunderte sich, den Schmied schon bei sich zu finden.

»Mignon ist gestern gar nicht in den Salon gekommen, sondern gleich schlafen gegangen«, sagte sie. »Wie steht es mit meinen dreißig Franken?« – »Hier sind sie«, sagte das Mädchen, indem sie das Geld auf den Tisch legte. – »Hast du dir auch etwas verdient?« fragte die Wirtin. – »Ja, einen Führerlohn von fünfzig Franken.« – »Teufel, das ist viel!« – »Ja, und Gerard hat gar hundert bekommen dafür, daß er den Garotteur entdecken helfen soll.« – »Wenn das so fortgeht, so werdet ihr reich, und du wirst nicht mehr bei mir bleiben wollen.« – »Das kann möglich sein.« – »Ah, du sehnst dich fort?« fragte die Madame einigermaßen beleidigt – »Wir möchten gern Mann und Frau werden.« – »Das hat gute Weile. Verdient euch erst das Geld dazu. Heiraten ist teuer. Mir allein hast du dreihundertachtzig Franken zu zahlen, ehe du von mir fortdarfst.« – »Dreihundertachtzig?« fragte Gerard rasch.

Er wußte, daß er sie jetzt schnell beim Wort halten müsse, da später die Rechnung jedenfalls eine weit höhere geworden wäre. So aber ahnte die Wirtin nicht daß das Mädchen wirklich schon im Begriff stehe, fortzugehen, und darum antwortete sie:

»Ja, dreihundertachtzig.« – »Das ist wohl zu viel, Madame!« sagte der schlaue Schmied, ich bitte, mir es vorzurechnen.« – »Ah, Sie glauben, daß ich meine Mädchen übervorteile?« – »Nein, aber ich möchte gern wissen, wie eine solche Summe zusammenkommen kann.« – »Sie werden es gleich erfahren.«

Die Wirtin holte ein Buch herbei und zog aus demselben alle das Mädchen betreffenden Posten aus.

»Nun, addieren Sie selbst!« sagte sie.

Der Schmied rechnete genau nach und entgegnete dann:

»Wirklich, es stimmt, genau dreihundertachtzig Franken.« – »Nicht wahr?« sagte die Wirtin triumphierend. »Glauben Sie nun, daß ich ehrlich bin?« – »Oh, Madame, das habe ich stets geglaubt Also sobald Mignon diese Summe bezahlen könnte, wäre sie frei und könnte sofort gehen?« – »Gewiß.«

Da griff Gerard in die Tasche, zog ein Portemonnaie hervor und sagte:

»Nun gut, so wollen wir sogleich bezahlen.«

Die Wirtin riß die Augen vor unendlichem Staunen weit auf.

»Bezahlen?« rief sie, als ob sie ein Wunder sähe. »Aber das ist ja gar nicht möglich, denn woher wollen Sie das viele Geld haben?« – »Oh, wir haben es, das ist genug.« – »Aber, ich begreife nicht …« – »Es ist genug, wenn ich es begreife, Madame! Ich hatte bereits etwas gespart, dann bekam ich gestern hundert, und Mignon bekam fünfzig Franken, das machte die Summe voll. Hier ist sie.«

Er zählte das Geld auf den Tisch.

»Mein Gott«, rief sie. »Sie will also fort, wirklich fort? Mein liebstes, hübschestes Mädchen!« – »Eben deshalb heirate ich sie, weil sie hübsch ist.« – »Das kann ich nicht zugeben«, zürnte sie, »denn Sie haben mich überrascht, überrumpelt. Sie haben mich überlistet. Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie fort wollte.« – »So wissen Sie es nun jetzt.« – »Ja, aber die Rechnung wird anders, und zwar höher. Ich habe hier viel zu wenig angerechnet.« – »Sie werden es aber doch gelten lassen müssen«, sagte der Schmied bestimmt. – »Wer will mich zwingen?« fragte sie, indem sie sich drohend erhob. – »Ich, Madame!« antwortete er ruhig. – »Und wie, wenn ich fragen darf?« – »Das will ich Ihnen erklären: Sie betreiben ein verbotenes oder höchstens sehr ungern geduldetes Gewerbe. Ein jedes Mädchen, das wünscht, Sie zu verlassen, steht unter dem Schutz der Polizei. Sie müssen ein jedes Mädchen trotz aller Schulden sofort entlassen. Ich nun aber will ehrlich sein und Sie bezahlen. Nehmen Sie das Geld nicht, so zwingen Sie mich, unter zwei Wegen denjenigen zu wählen, der mir der vorteilhafteste zu sein scheint.« – »Ah! Welche wären diese Wege?« – »Entweder lasse ich Ihre Rechnungen gerichtlich prüfen, und das würde nur von großem Nachteil für Sie sein, da die Herren vom Gericht manche Angabe streichen oder wenigstens reduzieren würden.« – »Und der andere Weg?« – »Ich zahle Ihnen gar nichts, nehme Mignon mit und stelle sie unter polizeilichen Schutz. Sie erhalten dann keinen Centime!«

Die Wirtin sah ein, daß er recht hatte, aber sie ergab sich doch noch nicht.

»Sie sind schlecht!« rief sie grollend. – »Und Sie unklug.« – »Ich werde mich rächen. Ich werde Ihnen bei der Polizei zuvorkommen.« – »Womit?« fragte er lächelnd. – »Ich werde verraten, daß Sie ein Garotteur sind.« – »Oh, Madame, das weiß die Polizei bereits sehr gut. Man wird sich freuen, daß ich im Begriff stehe, ein ehrlicher Mann zu werden und auch meine Geliebte zu einer ehrlichen, braven Frau zu machen. Nehmen Sie das Geld oder nicht?« – »Ich nehme es nicht«, trotzte sie. – »So stecke ich es wieder ein und nehme trotzdem Mignon mit!«

Er tat, als wolle er die Summe wieder einziehen, da aber griff sie schnell zu und strich das Geld in ihre Tasche.

»Halt!« sagte sie. »Ich sehe, daß Sie keinen Verstand annehmen, und darum werde ich großmütig sein. Aber eins müssen Sie noch bezahlen. Der Marchese hat gestern seine Flasche Wein nicht bezahlt, die kostet zehn Franken.« – »Ich gebe fünf.« – »Zehn!« – »Gut, so gehen Sie selbst zu ihm. Mich geht das nichts an.« – »Gerard Mason, Sie haben keine Bildung!« rief sie. »Wissen Sie nicht, wie man eine Dame behandelt?« – »Man gibt ihr, was sie verlangt, dennoch handle ich in diesem Fall aber lieber ohne Bildung.« – »Gut, so zahlen Sie fünf.« – »Hier sind sie. Mignon, packe ein.«

Gerard legte das Fünffrankenstück auf den Tisch, und das Mädchen ging, um ihre Effekten in den Koffer zu legen.

»Wo werden Sie mit ihr hingehen?« fragte ihn die Wirtin.

Er zuckte die Schultern.

»Das werde ich Ihnen nicht sagen«, antwortete er. – »Warum nicht?« – »Mignon geht von hier fort, und mit diesem Schritt hat sie mit der Vergangenheit gebrochen und ein neues Leben begonnen. Es sollen alle Fäden zerrissen sein.« – »So wird man sie niemals wiedersehen, und Sie auch nicht?« – »Nein.« – »Dann sind Sie ein Undankbarer, und ich werde Sie ganz und gar zu vergessen suchen!« – »Tun Sie das; ich bitte darum!«

Gerard ging, um eine Droschke zu holen. Als diese kam, war Mignon fertig. Sie luden den Koffer auf, stiegen ein und fuhren fort, ohne dem Haus der Sünde nur einen einzigen Blick zuzuwerfen.

6. Kapitel.

Es war am Nachmittag desselben Tages, als Alfonzo de Rodriganda, der sich hier Marchese d'Acrozza nannte, in seinem Zimmer saß und in banger Sorge an seine Brieftasche dachte. Da wurde ihm vom Kellner ein Schmied namens Gerard gemeldet.

»Lassen Sie ihn eintreten!« sagte er schnell.

Der Garotteur kam herein und verbeugte sich sehr höflich.

»Ah, endlich!« sagte Alfonzo. »Haben Sie geforscht und gefunden?« – »Das geht nicht so schnell, mein Herr. Diese Art Leute gehen sehr vorsichtig zu Werke.« – »Also noch gar nichts?« – »Ich habe Gelegenheit gehabt, einem der Garotteurs einen kleinen Dienst zu erweisen, und da er sich mir da zum Gegendienst verpflichtet fühlt und diese Leute einander alle kennen, so glaubte ich Hoffnung zu haben …« – »Papperlapapp!« unterbrach ihn der Graf. »Machen Sie mir nichts weis! Ich weiß genau, daß Sie selbst Garotteur sind.« – »Wirklich?« fragte der Schmied. »Von wem wissen Sie es?« – »Von Ihrem Mädchen.« – »Schön, ich gebe es zu, Monsieur. Zugleich aber erkenne ich auch, daß man sich auf Sie nicht verlassen kann, denn Sie sind unvorsichtig und plauderhaft.«

Der Graf trat stolz einen Schritt zurück.

»Was wagen Sie!« rief er. »Ich bin ein Marchese!« – »Und ich ein Garotteur!«

Diese vier Worte waren in einem Ton gesprochen, der dem Grafen Respekt einflößte.

»Was bezwecken Sie mit Ihren Worten?« fragte er. – »Daß ich jedem die Wahrheit sage, er mag sein, wer er will. Warum mußten Sie mir sagen, daß ich ein Garotteur bin? Warum mußten Sie es mich wissen lassen, daß mein Mädchen so unvorsichtig gewesen ist, mich Ihnen zu verraten? Kein Mensch hat Sie gezwungen, und irgendeinen Nutzen haben Sie auch nicht davon!«

Alfonzo begann Respekt vor diesem Mann zu bekommen. »Er paßt für dich; er ist kühn, rücksichtslos und verschwiegen!« dachte er, und laut fügte er hinzu:

»Sie haben recht, Gerard, ich war unvorsichtig. Also, was haben Sie erfahren?« – »Ich will offen gestehen, daß ich alle Garotteurs der Hauptstadt kenne. Ein jeder hat seinen bestimmten Bezirk, in welchen ein anderer nur ausnahmsweise einmal kommt; daher wissen wir stets mit ziemlicher Gewißheit zu sagen, wer diese oder jene Garotte unternommen hat. Ich habe nun heute früh den Inhaber des Bezirks, in dem Sie beraubt wurden, aufgesucht, aber er ist es nicht gewesen, er liegt krank. Ich bin nun weiter forschen gegangen und glaube, den Richtigen gefunden zu haben.« – »Ah, welch ein Glück!« – »Ich sagte, ich glaube, den Richtigen gefunden zu haben. Ich muß mich zunächst überzeugen. Darf ich die Frage aussprechen: Sie waren gestern abend im Theater und besuchten dann ein Weinhaus in der Rue Montorgeuil, vor der Sie durch die Rue de la Tonnellerie gingen?« – »Ja, es ist so, wie Sie sagten.« – »Und bogen von da in die verhängnisvolle Straße de la Poterie ein?« – »Das stimmt! Woher wissen Sie das?« fragte der Graf schnell. – »Derjenige, den ich im Verdacht habe, der Täter zu sein, war auch im Theater, auch in demselben Weinhaus und ist dann denselben Weg gegangen. Er teilte es mir mit, ohne zu ahnen, was ich eigentlich bei ihm wollte.« – »Ah, er ist es, er ist es! Haben Sie ihn gefragt?« – »Nein, das wäre sehr unvorsichtig.« – »Aber was kann mir das übrige nützen?« – »Sorgen Sie sich nicht! Ich habe ihm von dem Überfall erzählt. Er tat natürlich so, als ob er gar nichts davon wisse.« – »Sagten Sie, daß ich keine Anzeige gemacht habe und ihn nicht bestrafen lassen will, vielmehr daß er die Wertsachen behalten darf, da es mir nur auf die Brieftasche ankommt?« – »Ja.« – »Und was antwortete er?« – »Ich erzählte, daß ich Sie getroffen hätte, Monsieur, und daß ich dies alles aus Ihrem eigenen Mund erfahren hätte. Er wußte natürlich sofort, daß ich ihn für den Täter hielt und daß ich die Absicht hatte, ihn zur Herausgabe des Portefeuille zu bewegen; aber er war vorsichtig, er gestand nichts ein, er tat, als wisse er von nichts. So viel aber habe ich ganz gewiß erreicht, daß er das Portefeuille aufbewahrt, wenn er es nicht vielleicht bereits vernichtet hat.« – »Aber was nützt mir das Aufbewahren? Haben muß ich es!« – »Dies Aufbewahren nützt Ihnen sehr viel, Monsieur. Sie können von dem Mann doch nicht verlangen, daß er so mir nichts dir nichts gesteht, daß er es gewesen ist, und mir dann die Brieftasche gibt« – »Nein.« – »Sie können auch nicht verlangen, daß er die Brieftasche umsonst herausgibt da er ja nun weiß, welchen Wert dieselbe für Sie hat« – »Nein. Aber ich will ihn ja bezahlen!« – »Richtig. Sie werden jedoch zugeben, daß er versuchen wird, möglichst viel zu erlangen.« – »Wenn das, was ich geboten habe, noch nicht zureicht so gebe ich mehr.« – »Gut Ich werde ihn heute abermals besuchen.« – »Tun Sie Ihr Möglichstes; ich werde dankbar sein. Vielleicht habe ich dann etwas Lohnenderes für Sie, ich werde noch mit Ihnen darüber sprechen, sobald wir mit dieser Angelegenheit zu Ende sind.« – »Dann wird es vielleicht zu spät sein, weil ich Paris bereits in den nächsten Tagen verlasse.« – »Wirklich?« – »Ja! Ich ziehe in die Provinz.« – »Das ist mir nicht lieb – das ist mir unangenehm«, meinte der Graf sinnend. – »Vielleicht entschließen Sie sich zu einer vorläufigen Mitteilung!« – »Hm, ja, setzen Sie sich.«

Der Schmied nahm in gespannter Erwartung Platz, der Graf schritt einige Male hin und her und sagte dann:

»Kann ein Garotteur Blut sehen?« – »Haha!« lachte Gerard statt aller Antwort verächtlich.

Er wußte, daß das, was der Graf von ihm verlangen würde, nur ein Verbrechen sein könne; er war fest entschlossen, es nicht zu begehen, aber auch ebenso entschlossen, alle sich ihm bietenden Vorteile auszunützen, denn er wollte einen neuen Hausstand gründen, und dazu war vor allen Dingen Geld nötig.

»Es kann vorkommen, daß ihm eins seiner Opfer unter den Händen stirbt, trotzdem er dies eigentlich gar nicht bezweckt hat?« – »Ja, das kommt wohl vor, Monsieur.« – »Er bebt also vor einem Mord nicht zurück?« – »Fällt ihm nicht ein. Alle Menschen müssen sterben!«

Der Schmied versuchte, sich ein möglichst gewissenloses Air zu geben.

»Ist es Ihnen auch schon passiert, daß Ihnen jemand starb?« – »Hm!« machte er schulterzuckend. »Kommen Sie zur Sache, Monsieur! Ich bin kein Freund von unnützen Einleitungen.« – »Nun, die Sache ist die, daß ich eines Mannes bedarf, der Blut sehen kann; nun habe ich geglaubt, daß Sie der Rechte sind.« – »Möglich!«

Gerard legte dabei die Beine sorglos übereinander und lächelte so verschmitzt wie möglich.

»Sie sagen ja?« – »Wie kann ich das? Ich weiß ja noch gar nicht, um wen oder was es sich handelt!« – »So hören Sie! Ich habe einen Feind, der mir sehr zu schaden sucht, sowie meine ganze Existenz bedroht …« – »So packen Sie ihn bei seiner Existenz an!« – »Das will ich ja, nur fragt es sich, was Sie unter seiner Existenz verstehen!« – »Sein Leben natürlich!« – »Gut, soweit sind wir eins! Wollen Sie mir behilflich sein?« – »Warum tun Sie es nicht selbst?« – »Das ist mir unmöglich. Sie verstehen die deutsche Sprache, die Sie vollkommen sprechen. Sehen Sie, das ist bei mir nicht der Fall, und daher kann ich die Rache nicht selbst übernehmen. Und Zeit, das Deutsche vorher zu erlernen, gibt es nicht.« – »Was hat diese Sprache mit Ihrer Rache zu tun?« – »Der Mann, den ich meine, wohnt in Deutschland, gegenwärtig hielt er sich hier in diesem Hotel auf. Ich verfolgte ihn bis hierher, aber er ist einen Tag vor meiner Ankunft abgereist.« – »So wollen Sie ihm nach?« – »Ja, und Sie sollen mit.« – »Das wird schwer gehen. Ich bin vorbereitet, Paris zu verlassen und mein Mädchen zu heiraten …« – »Dieselbe, die ich gestern gesprochen habe?« – »Ja. Sie hat das Haus, worin Sie sie trafen, verlassen. Sie sehen, daß es mich große Opfer kosten würde, Sie zu begleiten.« – »Ich bin reich, ich vergüte Ihnen alles.« – »Hm! Wohin soll die Reise gehen?« – »Nach Mainz. – Wie lange wir abwesend sind, das kommt ganz auf die Verhältnisse und auf Ihre Geschicklichkeit und Entschlossenheit an.« – »Sie meinen, daß ich Ihnen zunächst als Dolmetscher zu dienen habe?« – »Ja, als Dolmetscher in Gestalt eines Dieners in Livree; und zweitens, daß Sie diese Person zu beseitigen haben, sowie auch eine Dame.« – »Die sämtlich sich an demselben Ort befinden?« – »Ja.« – »Und wenn ich Ihnen nun diese Opfer bringen möchte, was bieten Sie mir dafür?« – »Was verlangen Sie?« – »Ich habe eine Braut und einen Vater zurückzulassen, ich habe Pläne aufzuschieben oder gar aufzugeben, welche sich auf meine Zukunft beziehen; dafür sind tausend Franken wohl nicht zu viel!« – »Ich zahle sie, und zwar vor der Abreise.« – »Ferner habe ich zwei Menschen verschwinden zu lassen. Was zahlen Sie für ein Menschenleben, das Sie so außerordentlich belästigt, daß sogar Ihre Existenz dadurch in Frage gestellt wird?« – »Auch tausend Franken.« – »Pah, das ist zu wenig. Ich frage jetzt nicht, wer diese beiden Personen sind, denn später, wenn ich bemerke, daß sie den höheren Standen angehören, könnte ich wohl einen sehr hohen Preis verlangen!« – »Was fordern Sie?«

»Fünfzehnhundert Franken mindestens.« – »Das wäre dreitausend Franken für beide, ich gebe sie, sind Sie nun einverstanden?« – »Noch nicht.« – »Was gibt es noch?« – »Ein jeder Geschäftsmann hat das Risiko zu berechnen. Ich riskiere Leben und Freiheit, das kann ich nicht umsonst tun.« – »Alle Teufel, Sie sind ein guter Rechner.« – »Das muß ich. Wie nun, wenn man mich in Mainz fängt und köpft? Ich muß in diesem Fall für die Meinen sorgen.« – »Ich sehe, daß Sie sehr sorgfältig verfahren, und hoffe, daß Sie in meiner Angelegenheit ebenso handeln. Darum will ich auf Ihre sonst ungewöhnliche Forderung eingehen. Wieviel verlangen Sie für Ihr Risiko?« – »Tausend Franken.« – »Verdammt, das ist viel!« – »Sie werden mir erlauben anzunehmen, daß mein Leben mir tausend Franken wert ist, das Glück der Meinen gar nicht mit gerechnet.« – »Gut. Die Summe beträgt also fünftausend Franken.« – »Ja, und zwar sind dreitausend vorher zu bezahlen, weil ich sie brauche.«

Der Graf lachte zynisch.

»Das ist allerdings ein sehr triftiger Grund. Aber wenn ich sie nun verweigere?« – »So reisen Sie allein nach Mainz. Was ich sage, das gilt. Sie werden mich in dieser Beziehung noch kennenlernen.« – »Gut, so will ich mich einverstanden erklären. Aber ich hoffe auch, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen!«

Der Graf bemerkte das zweideutige Lächeln nicht, mit welchem Gerard antwortete:

»Kein Sorge, Monsieur, ich werde meiner Pflicht sicherlich richtig nachkommen.« – »So ist dies abgemacht. Wir werden abreisen, sobald ich die Brieftasche in den Händen habe. Wann gehen Sie wieder hin zu dem Mann?« – »Vielleicht am Abend; eher würde es auffällig sein, auch fürchte ich, daß er dann eine größere Entschädigung verlangen möchte, da er meinen müßte, das Portefeuille sei von höchstem Wert.« – »Gut. So können Sie mir jetzt helfen. Ich habe Ursache, dieses Hotel zu verlassen. Der Wirt soll denken, daß ich nach der Bahn von Orleans fahre, ich will aber in der Nähe des Nordbahnhofs wohnen. Wissen Sie dort ein gutes Hotel?« – »Das Hotel de l'Empereur auf der Rue de St. Quentin, in der Nähe des Bahnhofs.« – »So senden Sie mir den Kellner mit der Rechnung herauf, und holen Sie mir eine Droschke.«

Der Schmied erhob sich von seinem Sitz und ging. Draußen blieb er einen Augenblick stehen und reckte die riesigen Glieder drohend empor.

»Schuft!« murmelte er drohend. »Warte, ich werde dir das Handwerk legen. Zunächst aber muß ich wissen, wem der Mordanschlag gilt.«

Er stieg die Treppe hinab und traf unten auf den Hausknecht.

»Ah, Freund, eine Frage«, sagte er, griff dabei in die Tasche und reichte ihm ein Frankstück hin. – »Danke! Was?« – »Hat kürzlich ein Deutscher hier gewohnt, und zwar Herr Doktor Sternau?« – »Ja, es war ein Deutscher aus Mainz.« – »Hatte er Damen mit?« – »Eine Spanierin. Außerdem waren ein Diener und eine Dienerin bei ihm.« – »Danke! Schicken Sie den Kellner hinauf zum Marchese d'Acrozza. Er will die Rechnung haben.«

Der Schmied ging, um eine Droschke zu holen, und zwar sehr langsam, denn die Auskunft, die er erhalten hatte, gab ihm viel zu denken.

»Ein Doktor, ein Arzt ist es«, brummte er leise vor sich hin. »Und die Dame ist eine Spanierin. Was hat mir denn Annette gesagt, als ich sie gestern bei dem Professor besuchte? Ein deutscher Arzt war es, der sie gerettet hat, und eine kranke spanische Dame ist bei ihm gewesen. Das hat sie von Marion, dem Stubenmädchen, erfahren. Himmel, wenn er es wäre, dem ich an das Leben soll!«

Gerard machte eine Geste in der Luft, als ob er jemand erwürgen wolle, und brummte weiter:

»Das muß ich zu erfahren suchen. Aber wenn diese Dame eine Spanierin ist, so ist dieser unechte Marchese d'Acrozza jedenfalls ein Spanier, und sein Taschenbuch ist in spanischer Sprache geschrieben. Sein richtiger Name steht darin. Er heißt Alfonzo de Rodriganda y Sevilla, und sie ist nicht Italienisch sondern Spanisch; wenigstens liegt Sevilla in Spanien. Na warte, Bursche! Eine Droschke hole ich dir, aber zum Teufel sollst du fahren, wenn der Sternau, dem ich an das Leben soll, derselbe Arzt ist, der meine Schwester Annette aus den Fluten der Seine gezogen hat.«

Gerard erreichte den Halteplatz der Fiaker und nahm einen mit zum Hotel. Dort wurden die Effekten des Marchese aufgeladen. Dieser stieg ein, der Schmied hinten auf, und nun ging es scheinbar dem Bahnhof von Orleans und Lyon zu. Bei der Brücke Notre Dame angekommen aber, gebot der Marchese, in die lange Straße Martin einzulenken und nach dem Nordbahnhof zu fahren.

So gelangten sie an das Hotel de l'Empereur auf der Straße St. Quentin, wo sie abstiegen und Alfonzo sich einige Zimmer anweisen ließ.

»Jetzt weißt du genau, wo du mich zu finden hast?« – »Gewiß, Monsieur.« – »Ich werde nicht ausgehen. Sobald du das Portefeuille hast, kommst du.« – »Ich gehe heute abend hin.« – »Vergiß nicht daß ich mitten in der Nacht für dich zu sprechen bin!«

Der Schmied ging. Als er außer Sicht des Hotels war, nahm er eine Droschke und ließ sich nach der Rue de Lavande Nummer 4 fahren, wo der Professor wohnte. Der Zutritt zu seiner Schwester stand ihm offen, und als er sich mit seiner Erkundigung an sie wandte, erfuhr er, daß ihr Retter allerdings jener Doktor Sternau gewesen sei, der eine spanische Dame bei sich gehabt.

Er sagte von dem Grund seiner Erkundigung nichts und ging zunächst nach Hause, um seinen Vater aufzusuchen, den er ganz ohne Mittel wußte. Er hatte sich vorgenommen, während seines Aufenthalts in Deutschland in der Weise für den Vater zu sorgen, daß dieser keine Not litt, ohne aber seiner Trunksucht weiter frönen zu können.

Er traf ihn, auf einer alten Matratze liegend, doch in vollständig nüchternem Zustand, da er keine Mittel gehabt hatte, sich Branntwein zu kaufen, und sein Kredit so erschöpft war, daß kein Budiker ihm mehr borgte.

»Kommst du endlich!« grollte der Alte. »Man könnte sterben und verderben.« – »Wie ich sehe, lebst du noch«, antwortete der Sohn. – »Aber wie! Hast du Geld?« – »Hm! Wenig.«

Der Alte sprang von seinem Lager auf.

»Gib her!« sagte er, die vor Begierde zitternde Hand ausstreckend.

Gerard griff in die Tasche und gab ihm einen Frank.

»Eins!« sagte der Vater mit heiserem Lachen. »Zwei –!«

Dabei streckte er die Hand abermals aus.

»Aus zwei wird nichts«, antwortete der Sohn, »weil ich nicht mehr geben kann, als ich selbst habe. Das andere brauche ich für mich.« – »Halunke!«

Bei diesem Wort faßte der Vater den Sohn beim Arm und schüttelte ihn.

»Du schimpfst mich?« fragte dieser. »Mit welchem Recht?« – »Du belügst mich, wenn du behauptest, du habest nichts weiter, und bist doch reich.« – »Reich? Wo soll bei mir der Reichtum herkommen?« – »Pah! Von der Garotte natürlich.« – »Das Geschäft geht schlecht.« – »Nein, es geht gut; ich weiß es ganz genau. Du hast einen reichen Italiener garottiert.« – »Ah«, sagte Gerard überrascht. »Wer sagt das?« – »Papa Terbillon, der bei mir war.« – »Welche Seltenheit!« – »Ja, eine Seltenheit; es konnte sich also nicht um eine Kleinigkeit handeln. Er suchte dich eben dieses Italieners wegen. Er hat dir dieses Mannes wegen zehn Franken gegeben.« – »Das ist wahr.« – »Du stehst also in seinem Dienst.« – »So lange es mir gefällt.« – »Aber du hast den Italiener garottiert in der Rue de la Poterie.« – »Donnerwetter!« meinte Gerard überrascht. »Wer sagt das? Wer will das wissen?« – »Papa Terbillon. Er weiß das ganz genau.« – »Pah! Es ist eine Lüge.« – »Nein, Spitzbube. Der alte Terbillon geht ganz sicher. Er hat es selbst beobachtet. Er war im Theater und in der Weinstube, der Italiener auch, und du ebenso.« – »Das mag sein, er wird sich verkleidet gehabt haben. Aber das beweist noch gar nichts.« – »Der Beweis ist dennoch da, denn Papa Terbillon ist euch gefolgt und hat gesehen, daß du den Italiener in der Straße de la Poterie niedergeschlagen hast.« – »So hat er falsch gesehen.« – »Lüge nicht! Er hat gute Augen und wird dich ins Verderben bringen.« – »Das wollen wir abwarten.« – »Er hat mir anbefohlen, daß du sofort zu ihm kommen sollst.« – »Ich werde zu ihm gehen, sobald es mir beliebt. Übrigens habe ich jetzt keine Zeit dazu; ich muß nach Italien verreisen, wohin ich als Diener eben dieses Mannes gehe, den ich garottieren sollte.« – »Alle Teufel!« – »Das beweist doch zur Genüge, daß ich ihn nicht garottiert habe. Ich werde Papa Terbillon seine zehn Franken zurückerstatten, dann kann er mir nicht sagen, daß ich ihn betrogen habe.« – »Gib sie mir, ich werde sie ihm bringen.« – »Hopp, Alter, das werde ich bleibenlassen, weil du das Geld für dich verwenden würdest.« – »Donner und Doria! Hältst du mich für einen Spitzbuben?« – »Ja, ganz gewiß«, lachte Gerard. »Ich habe Erfahrung genug, um zu wissen, was du bist.« – »Halunke!« rief der Alte. »Und das will mein eigener Sohn sein. Wie kommt denn der Kavalier gerade auf dich?« – »Ich habe mich gemeldet.« – »Bist du des Teufels! Jetzt bist du dein eigener Herr, dann aber ein Diener, ein Sklave.« – »Ich will aufhören, ein Verbrecher zu sein.« – »Ah! Und was wird aus mir? Erst hast du mir Annette genommen, und nun gehst du selbst fort. Wovon soll ich leben?« – »Arbeite!« – »Bist du verrückt?« – »Nein. Hast du früher nicht auch gearbeitet?« – »Das war anders, da lebte deine Mutter noch; da war ich jung und kräftig und – und …«

Er stockte.

»Und hattest dich dem Branntwein noch nicht ergeben«, fügte Gerard hinzu. – »Hm, du magst recht haben«, sagte der Alte. »Aber man glaubt gar nicht, wie gut ein Schluck dem alten Körper tut.« – »Das ist Täuschung.« – »Was weißt du! Du bist jung!« – »Eine Suppe, ein Glas Bier tut ganz dasselbe. Ich werde es dir beweisen, Vater.« – »Ah, wie?« – »Vielleicht bin ich gar nicht sehr lange fort von hier, und ich will dafür sorgen, daß du während meiner Abwesenheit nicht zu hungern und zu dürsten brauchst« – »Also hast du Geld?« fragte der Alte rasch. – »Dazu ja; aber zum Vertrinken nicht.« – »So gib her, Junge!«

Der Alte streckte abermals die Hand aus. Gerard schüttelte den Kopf.

»Nein, so nicht«, sagte er. »Du würdest alles vertrinken.« – »Ich sage dir, daß ich sparsam sein werde!« beteuerte der andere. – »Ich glaube es nicht.« – »Ja, wie willst du denn für mich sorgen, wenn du mir nichts gibst?« – »Du kennst die Restauration der alten Mutter Merveille. Ich werde zu ihr gehen und für dich abonnieren. Du sollst täglich dort dein Frühstück, Mittags- und Abendbrot haben, das ich für dich im voraus bezahle.« – »Welch eine Schlechtigkeit! Dieser Mensch hat Geld und vertraut es seinem Vater nicht an! Ich mag nicht zur Mutter Merveille!« – »Pah! Überdies werde ich Mutter Merveille noch fünfzig Franken für dich geben.« – »Ah, endlich! Wann kann ich sie mir holen?« – »Täglich.« – »Gut. So hole ich sie mir gleich morgen.« – »Nur nicht so hitzig, Alter! Ich habe gesagt, jeden Tag einen Franken. Auf diese Weise hast du täglich ein Taschengeld; gebe ich dir die Summe sofort, so ist sie in einigen Tagen durch die Gurgel gerollt.« – »Ich verspreche dir, sparsam zu sein.« – »Ich glaube es nicht.« – »Donnerwetter! Soll ich dich massakrieren? Welch ein Gedanke, fünfzig Franken zu besitzen und nicht anrühren zu dürfen.« – »Dieser Gedanke ist ganz heilsam. Überdies werde ich die Wohnungsmiete bezahlen, die während meiner Abwesenheit fällig werden wird.« – »So gib mir das Geld: Ich will es sofort zum Wirt tragen.«

Der Alte steckte zum dritten Mal die Hand aus. Gerard aber lachte und erwiderte:

»Daraus wird nichts; ich werde selbst zu ihm gehen.« – »Du bist ein Teufel!« – »Und du ein Engel, der nicht mit Geld umzugehen versteht. Also du wirst täglich deine Mahlzeiten und einen Franken haben; das genügt. Bist du klug, so suchst du dir etwas dazu zu verdienen; dann stehst du dich wie ein Kavalier. Adieu!« – »Du willst schon fort? So gib mir wenigstens noch fünf Franken.« – »Keinen einzigen. Und nun merke dir: Komme ich zurück, und du hast gut Haus gehalten, so mache ich dir eine große Freude. Ich werde dir dann etwas schenken, und zwar eine Schwiegertochter.« – »Eine Schwie…«, rief der Alte ganz erstaunt. »Wie kommst du auf diesen Witz?«

Er lachte und fragte dann weiter:

»Kerl, so bist du verliebt?« – »Sehr.« – »Nun, dann ist es aus mit dir, und das ganze Geschäft geht kaputt.« – »Welches Geschäft meinst du? Etwa die Garotte? Dieses Geschäft soll allerdings kaputtgehen. Ich will ein ehrlicher Arbeiter werden, Vater.« – »Unsinn! Das bringt kein Garotteur fertig.« – »Ich werde dir das Gegenteil beweisen.« – »Man wird es dir schwer werden lassen. Die Polizei kennt dich zu sehr.« – »Ich werde nicht in Paris bleiben, ich gehe vielmehr in die Provinz. Wohin, das weiß ich noch nicht« – »Und wer ist dein Mädchen, he?« – »Eine Arbeiterin; doch sie hat Geld; ich glaube viertausend Franken.« – »Donnerwetter, das ist etwas!« – »Für den Anfang«, lächelte Gerard.

Er sagte die Unwahrheit um den Vater für sein Mädchen gut zu stimmen, und war entschlossen, sein Geld für das ihrige auszugeben.

»Und wo wohnt sie?« fragte der Alte. – »Das erfährst du später.« – »Ah, du denkst, ich besuche sie und pumpe sie an?« – »Ja.« – »Alle Wetter, du bist verdammt vorsichtig. Aber was wird mit mir, wenn ihr fortzieht?« – »Du gehst mit« – »Hei! Wird sie mich mitnehmen?« – »Ja, obgleich sie weiß, daß du den Branntwein liebst und Garotteur bist« – »Und will es versuchen mit mir? Kerl, du bist dieses Mädchen gar nicht wert Es muß dich sehr liebhaben, Gerard; darum heirate es. Es muß überdies gut und brav sein.« – »Ich hoffe es.« – »Gut, so will ich mir Mühe geben, ich will einmal sehen, ob ich mit dem Branntwein fertig werde.« – »Versuche es, und du wirst sehen, daß es gelingt. Siehe, ich selbst gewinne ja über mich.« – »Das ist etwas anderes, du bist jung. Wohin gehst du jetzt?« – »Zum Wirt und zur Mutter Merveille.« – »Darf ich gleich mit?« – »Hm, ja; es ist besser, du hörst was ich mit ihr bespreche. Komm.«

Sie gingen zum Besitzer des Hauses, um die Miete zu bezahlen, und suchten darauf die Restauration der Mutter Merveille auf, wo Gerard den Vater als Tischgast anmeldete und den Betrag zweier Monate sofort pränumerando entrichtete.

Am späten Abend suchte dann Gerard einen jener alten, kleinen, aber wohl renommierten Gasthöfe auf, in denen man gut wenn auch einfach und billig wohnt, und ließ sich ein Zimmer geben. In demselben saß er die ganze Nacht und schrieb das Notizbuch des Grafen ab. Außerdem kopierte er noch eine einzelne Seite desselben.

Mit dieser begab er sich am Morgen zu einem Buchhändler, um zu fragen, welche Sprache dies sei. Er erfuhr, daß es Spanisch sei, und wußte also nun, was er zu tun hatte.

7. Kapitel.

Gerard ging dann nach der Rue de St. Quentin, um den Grafen aufzusuchen. Er fand diesen, mit großer Ungeduld seiner wartend.

»Nun, wie steht es?« fragte der Graf. – »Leidlich, vielleicht auch gut«, antwortete Gerard. – »Was soll dies heißen?« – »Es soll heißen, daß ich das Buch gesehen habe, aber nicht weiß, ob Sie es bekommen werden, weil Ihnen der Preis zu hoch sein wird; er verlangt tausend Franken und sagte, daß er keinen Sous herablassen würde.« – »Dieser Schuft! Warum verlangt er eine solche Summe? Das Buch hat ja keinen Wert für ihn!« – »Er sagte, es habe desto mehr Wert für die Polizei.«

Der Graf verfärbte sich.

»Warum?« fragte er. – »Er hat mir gar nichts Ausführliches darüber mitteilen wollen.« – »So handelt es sich vielleicht um eine andere Brieftasche. Die meinige hat wohl Wert für mich, aber nicht das mindeste Interesse für die Polizei.« – »Das kommt wohl auf eine Probe an. Er hat eine Seite des Notizbuchs abgeschrieben und mir die Abschrift mitgegeben.« – »Ah! Zeige her!«

Gerard nahm das Blatt heraus und zeigte es dem Grafen. Dieser las es und sagte dann:

»Es stimmt; es ist mein Portefeuille. Hast du diese Zeilen gelesen?« – »Nein; ich verstehe nicht Spanisch.« – »Donnerwetter, aber du weißt, daß es Spanisch ist!« – »Er sagte es mir, da er Spanisch versteht.« – »Wirklich?« fragte der Graf erbleichend. – »Ja; er hat in Spanien als Kaufmann konditioniert.« – »Alle Teufel! Das ist verdammt unangenehm!«

Alfonzo zerknitterte das Papier in der geballten Faust und trat an das Fenster. Seine Mienen bewegten sich in der Reihenfolge der Gedanken und Gefühle, die über sein Gesicht gingen.

»Wie heißt er?« fragte er, sich endlich wieder umdrehend. – »Das kann ich nicht sagen, denn ein Kamerad verrät den anderen nicht.« – »Und wenn er nun im Weg ist?« – »Gute Kameraden sind sich nie im Weg.« – »Aber einem anderen?« fragte der Graf mit eigentümlicher Betonung.

Gerard verstand ihn sofort, tat aber so, als ob er ihn nicht begriffen habe.

»Das geht mich nichts an«, sagte er. – »Aber, wenn er nun mir im Weg wäre und du tausend Franken erhieltest, wenn …«

Erst jetzt warf Gerard dem Grafen einen verständnisvollen Blick zu und fragte:

»Dieser Mann, der Ihr Taschenbuch in der Hand hat, ist Ihnen im Weg?« – »Ja, und zwar dieses Taschenbuchs wegen.« – »So enthält es Dinge, die Ihnen schaden können, und mein Kamerad hat recht gehabt, als er von der Polizei sprach …« – »Hm, ja, vielleicht. Ich denke, daß ich dir mein Vertrauen schenken darf!« – »Ganz gewiß, Monsieur. Mein Kamerad hat Ihr Notizbuch durchgelesen.« – »Ich kann es mir denken. Also dir hat er nur wenig davon gesagt? Sei aufrichtig!« – »Er sagte, wenn das Buch Ihnen gehöre, so könnten Sie unmöglich der Marchese d'Acrozza sein.« – »Wer sonst?« – »Das sagte er nicht.« – »Ah«, meinte der Graf mit einem Atemzug der Erleichterung, »er ist verschwiegen gewesen.« – »Ferner sagte er, daß Sie aus Spanien kommen.« – »Sagte er weiter gar nichts?« – »Kein Wort.« – »Und tausend Franken will er dafür? Das stellt mich aber nicht sicher. Jetzt zahle ich die Summe, und später plaudert er dennoch.« – »Er wird mir Verschwiegenheit geloben müssen!« – »Das ist noch keine Bürgschaft. Kann ich ihn einmal sehen?« – »Nein, er hat es verboten.« – »Dann kenne ich nur ein Mittel, mir Sicherheit zu verschaffen, und dies ist sein Tod.« – »Alle Teufel! Er wird keine Lust haben, Ihnen zuliebe zu sterben!« – »Ich glaube es. Aber du wirst Lust haben, dir tausend Franken zu verdienen.« – »Das ist wahr. Es fragt sich, wofür ich diese Summe erhalten soll.« – »Nun, für sein Leben.« – »Ah, Sie scherzen, Monsieur!« lachte der Schmied. – »Es ist mein voller Ernst« – »Das glaube ich nicht, weil Sie mir, wenn es Ihr Ernst wäre, etwas mehr bieten würden, als tausend Franken.« – »Schlingel!« – »Rechnen Sie nach, Monsieur! Tausend Franken geben Sie diesem Mann für seinen Raub, mir aber wollen Sie dieselbe Summe für diesen Raub und für sein Leben geben. Das ist sehr unverhältnismäßig.« – »Nun gut wieviel verlangst du?« – »Es ist ein Kamerad von mir, unter zweitausend tue ich es nicht« – »Mensch, du wirst ja ein reicher Mann durch mich; fünfzehnhundert gebe ich dir.« – »Zweitausend, anders nicht. Sonst sprechen wir gar nicht mehr davon.« – »Gut, ich will nachgeben. Wann kann es geschehen?« – »Sobald es paßt.« – »Es muß sofort geschehen. Ich muß sonst gewärtig sein, er mißbraucht meine Notizen.« – »So will ich sehen, ob ich ihn treffe.«

Gerard wandte sich zum Gehen, aber der Graf rief ihn zurück.

»Halt!« sagte er. »Welche Sicherheit bringst du mir, daß du ihn getötet hast?« – »Ihr Portefeuille.« – »Das ist keine Bürgschaft, daß er getötet ist.« – »Doch jedenfalls, Monsieur. Oder glauben Sie, daß er mir das Buch freiwillig gibt?« – »Ja, ich glaube es. Ihr seid Kameraden. Ihr teilt die zweitausend Franken!« – »Ah, Ihr Vertrauen zur mir ist kein sehr großes!« – »Das kannst du nicht übelnehmen.« – »So dürfen auch Sie es nicht übelnehmen, wenn mein Vertrauen zu Ihnen schwindet.« – »Was soll das heißen?« – »Wer garantiert mir meine zweitausend Franken, wenn ich meinen Auftrag ausführe?« – »Mein Wort!« – »Und wenn ich diesem Wort nicht glaube?« – »Mensch, ich bin ein Edelmann.« – »Ah, schön«, sagte Gerard mit versteckter Ironie. »Und von mir verlangen Sie Garantie?« – »Ja, ein Glied seines Leibes.« – »Alle Teufel! Welches Glied?« – »Den Kopf.« – »Das geht nicht, Monsieur. Es ist mir zu gefährlich, den Kopf eines Gemordeten zu transportieren.« – »Gut, so bringe die rechte Hand.«

Der Schmied sann nach.

»Hm«, sagte er endlich, »das würde weniger gefährlich sein. Eine Hand läßt sich eher verstecken als ein Kopf. Also, wenn ich diese Hand bringe und Ihr Portefeuille, so erhalte ich zweitausend Franken?« – »Sofort!« – »Gut, ich will mich auf Ihr Edelmannswort verlassen. Wo finde ich Sie, wenn Sie nicht hier sind, Monsieur?« – »Ich gehe gar nicht aus.« – »Dann adieu, Monsieur le Marchese.«

Gerard ließ den Grafen in banger Erwartung zurück und schritt der Cité zu. Sein Gesicht hatte einen außerordentlich pfiffigen Ausdruck, als er vor sich hinmurmelte:

»Ein Kunststück, ein wahres Kunststück; ich soll einen umbringen, der gar nicht lebt, den es gar nicht gibt. Wie fange ich das an? Pah, für zweitausend Franken wird es fertiggebracht.«

Indem er die lange Rue de Faubourg St. Denis hinabging, griff er in die Tasche und zog sein Messer heraus, öffnete es und probierte die Schärfe an dem Nagel seines Fingers.

»Es geht«, murmelte er. »Die Schärfe ist gut; sie geht durch die Flechsen und Sehnen wie durch Butter, und der Rücken ist auch stark, die Klinge wird also nicht abbrechen.«

Nun steckte er das Messer wieder ein und wanderte nach der Morgue.

Die Morgue ist ein Haus, in dem die Leichen von Verunglückten oder Selbstmördern aufbewahrt bleiben, um rekognosziert zu werden. Dieses Haus ist jedermann geöffnet.

Als Gerard den Türschließer stehen sah, sagte er:

»Ist hier heute ein Mädchen eingeliefert worden, Monsieur?« – »Ein Mädchen? Wie alt?« – »Sechzehn Jahre, die Haare sind blond und die Gestalt voll und lang.« – »Das dürfte stimmen. Suchen Sie ein solches Mädchen?« – »Leider. Es ist eine Cousine von mir, seit gestern verschwunden.« – »So gehen Sie hinein. Es ist gerade jetzt kein Mensch zugegen, und ich warte auf jemand. Nehmen Sie sich die Tücher gefälligst selbst hinweg.«

Das war dem Schmied sehr lieb. Er betrat den schauerlichen Raum, in welchem sechzehn mit weißen Tüchern bedeckte Leichen lagen, lüftete diese Tücher und erblickte bald einen Mann, der seinem Zweck geeignet war. Im Nu hatte er sein Messer gezogen, und ebenso schnell löste er der Leiche die rechte Hand vom Arm, steckte rasch die Hand und das Messer in die Tasche und zog den Ärmel des Toten weiter herab, damit man die Amputation so spät wie möglich bemerke. Hierauf verließ er die Morgue, um sich einige Stunden lang in der Stadt herumzutreiben und dann zu dem Grafen zurückzukehren. Dieser hatte ihn kommen sehen und kam ihm bis zur Zimmertür entgegen.

»Nun?« fragte er. »Wie steht es?« – »Schlecht!« antwortete Gerard. »Es war gefährlich, weil ich beinahe erwischt worden wäre; der Kerl schrie wie ein Spatz und wehrte sich wie ein Bär.« – »So verstehst du dein Handwerk nicht« – »Pah! Ich hatte es mit einem Garotteur zu tun.« – »Du hast die Hand?«

Der Gauner zog sie hervor und zeigte sie dem Grafen; derselbe betrachtete sie ohne Grauen und sagte:

»Das ist ein starker Kerl gewesen! Aber ich sehe nicht die mindeste Blutspur!« – »Das fehlte auch noch! Sollte ich mich verraten?« – »Du hast die Hand wohl abgewaschen?« – »Ja, im Waschtisch.« – »Gescheit! Aber mein Portefeuille?« – »Wo haben Sie die zweitausend Franken?«

Der Bandit zog das Portefeuille hervor und hielt es dem Grafen entgegen, dieser wollte zugreifen, aber der Schmied zog die Hand schnell zurück und sagte:

»Sachte, Monsieur, ist es Ihre Brieftasche?« – »Ja.« – »So erbitte ich mir das Geld.« – »Aber ich muß doch sehen, ob alles vorhanden ist« – »Das heißt, wenn etwas fehlt erhalte ich mein Geld nicht?« – »Allerdings.« – »Das wurde nicht ausgemacht, Monsieur.« – »Das versteht sich ja ganz von selbst« – »Aber ich kann doch nicht dafür, wenn etwas fehlen sollte.« – »Ist die Brieftasche nicht vollständig, so hat sie keinen Wert für mich.« – »Das hätten Sie eher sagen sollen, Monsieur, so lebte mein Kamerad noch.« – »Meinetwegen! Also her damit!«

Gerard steckte das Portefeuille jedoch behutsam wieder ein.

»Sie erhalten es nicht, Monsieur«, sagte er sehr bestimmt. »Ich sehe, Sie halten nicht Wort, obgleich Sie ein Edelmann sind, und obgleich ich, der Garotteur, Wort gehalten habe.«

Alfonzo wollte aufbrausen, hielt aber an sich.

»Ich hoffe nicht, daß du mir Moral predigen willst«, sagte er. – »Nein«, antwortete der Schmied kalt; »aber ebenso hoffe ich nicht, daß Sie glauben, ich werde mit nach Deutschland gehen.« – »Alle Teufel, du opponierst!« – »Ja. Ich hantiere nur mit Leuten, auf die ich mich verlassen kann. Adieu!«

Damit wandte sich Gerard um, als ob er gehen wollte, da aber faßte ihn Alfonzo beim Arm und hielt ihn fest.

»Halt, bleib!« sagte er. – »Nein, ich gehe, Monsieur.« – »Ich gebe dir die zweitausend Franken und zugleich das übrige, ausbedungene Geld.« – »Gut, so bleibe ich.« – »Also her das Portefeuille.« – »Vorher das Geld.«

Alfonzo zog die Stirn in Falten, aber er erkannte sich als den Schwächeren. Er öffnete also den Koffer, entnahm demselben das Geld und zählte es dem Schmied auf den Tisch. Als dieser nachgezählt hatte, sagte er:

»Es stimmt, Monsieur, hier ist das Buch!«

Er gab das Portefeuille hin, das der Graf sofort genau untersuchte.

»Stimmt es?« fragte Gerard. – »Ja«, lautete die Antwort. – »So sind wir quitt.«

Gerard strich die Summe ein, sehr zufrieden mit sich, daß er einen so feinen Spitzbuben übertölpelt hatte.

»Was geschieht mit der Hand?« fragte der Graf. – »Ich werfe sie in die Seine.« – »Gut. Bist du zur Abreise fertig?« – »Nein. Ich habe Abschied von meiner Braut zu nehmen.« – »Dazu wirst du nicht lange Zeit brauchen. Was hast du noch zu tun?« – »Ich muß einen Manufakturisten und einen Schneider aufsuchen, und zwar der Livree wegen.« – »Ja, das ist wahr. Kann man in Paris fertige Livreen bekommen?« – »In Phantasie, ja; nach Vorschrift natürlich nicht!« – »So suche dir eine Phantasielivree aus.« – »Und wer bezahlt sie?« – »Du!« sagte Alfonzo lachend. – »Ah, ich hätte nicht gedacht, daß ein Marchese d'Acrozza so ein Geizhals sein könnte!« – »Gut, so nimm sie auf meine Kasse. Was wird sie wohl kosten?« – »Vierhundert Franken, da sie anständig sein muß.« – »Schelm!« – »Pah! Da muß ich mir Wäsche und Fußzeug aus meiner Tasche dazukaufen.« – »Hier hast du sie!«

Gerard steckte die vierhundert Franken schmunzelnd ein und fragte:

»Wie lange geben Sie mir Urlaub?« – »Wie lange brauchst du ihn?« – »Drei Stunden, wenn ich eine Droschke nehme.« – »So gebe ich dir vier Stunden.« – »Ich danke. Adieu!«

Gerard steckte die Hand ein und ging. Unten stieg er in einen Fiaker und fuhr direkt nach dem Magdalenenstift, in dem sich Mignon befand. Er ließ sich zunächst der Oberin melden und wurde sogleich vorgelassen. Sie erkannte ihn sofort und empfing ihn mit den freundlichen Worten:

»Siehe da, Monsieur Mason, dem wir den neuen Zögling verdanken!« – »Ja, Madame«, sagte er. »Verzeihen Sie die Störung.« – »Ich stehe Ihnen zu Diensten. Was bringen Sie?« – »Eine Bitte, Madame. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Mignon meine kleine Frau werden soll; wie urteilen Sie über sie?« – »Oh, bis jetzt bin ich mit ihr zufrieden, obgleich ich gestehen muß, daß uns sehr oft der Schmerz bereitet wird, uns in unseren Hoffnungen und in unserem Vertrauen getäuscht zu sehen.« – »Ich bin gewiß, daß Sie sich in ihr nicht täuschen werden!« – »Ich wünsche dies von Herzen. Sie kommt mir vor, als ob sie sich wirklich nach einem ordentlichen Leben sehne. Haben Sie auch daran gedacht, was es heißt, ein Weib zu besitzen, das eine solche Vergangenheit hat?« – »Ich habe mir es sehr reiflich überlegt.« – »Und lieben Sie Mignon genug, um sie später achten zu können?« – »Gewiß, Madame. Auch ich habe meine Fehler.« – »Und haben Sie auch daran gedacht, daß Sie beide arm ins Leben treten werden?«

Gerard lächelte fröhlich und erwiderte:

»Oh, arm sind wir nicht, Madame, dieses Punktes wegen komme ich ja zu Ihnen. Ich habe nämlich einen kleinen Gewinn gemacht Ich hatte ein Los in der Dombaulotterie von Besançon und habe soviel gewonnen, als wir brauchen. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß ich Paris verlassen will, und dieser Punkt macht mir Sorgen, des Geldes wegen.« – »Tun Sie es zu einem Bankier.« – »Dazu habe ich keine Lust.« – »So geben Sie es einem Verwandten in Aufbewahrung.« – »Ich habe keinen; und mein Vater ist nicht zuverlässig – der trinkt zuweilen, deshalb komme ich zu Ihnen.« – »Zu mir …?« – »Allerdings. Ich dachte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden, mir das Geld aufzubewahren, bis ich wiederkomme.«

Das Gesicht der Oberin wurde noch freundlicher als vorher, und sie erwiderte:

»Haben Sie denn so viel Vertrauen zu mir?« – »Gewiß! Ich habe Ihnen ja meine Braut anvertraut, die mir lieber ist als dieses Geld.« – »Nun, wir wollen sehen. Wie hoch ist die Summe?«

Gerard griff in die Tasche, trat an den Tisch und zählte ihr das Geld vor. Je weiter er zählte, desto erstaunter wurde ihr Gesicht.

»Aber, Monsieur Mason, das ist ja ein Reichtum!« rief sie. – »Ja«, lachte er, »das wird beinahe langen, um mir eine kleine Schmiede zu kaufen.« – »Und diese große Summe soll ich Ihnen aufheben?« – »Gewiß, wenn Sie wollen!« – »Ich will. Ich werde sie Ihnen so anlegen, daß sie Zinsen bringt.« – »Das werden Sie tun, wie es Ihnen gefällig ist.« – »Und vor allen Dingen werde ich Ihnen einen Depositenschein einhändigen.« – »Ist dies unbedingt nötig? Ich weiß ja, daß Sie mich nicht schädigen werden.« – »Ja, es ist geschäftlich unbedingt notwendig.« – »So tun Sie es. Dann habe ich noch eine Bitte. Mignon soll von diesem Geld nichts wissen, um sie bei unserer Hochzeit damit überraschen zu können.« – »Ich bin einverstanden, Monsieur.« – »Aber Sie wissen, daß auf Reisen manches Unvorhergesehene geschehen kann – auch mir kann so etwas passieren. Sollte ich in drei Monaten noch nicht zurückgekehrt sein, so geben Sie das Geld meiner Braut, und zwar unter der Bedingung, daß sie meinen Vater pflegt.« – »Sie setzen ein großes Vertrauen auf sie, Monsieur.« – »Ich kann es; ich weiß das genau.« – »Gut, so werde ich diesen Punkt auf dem Depositenschein mit bemerken.«

Sie stellte den Schein aus, den Gerard an sich nahm, und strich dann das Geld zur Aufbewahrung ein. Nachdem er Mignon gesehen und von ihr Abschied genommen hatte, ging er zunächst nach der Seine, wo er die Hand unbemerkt ins Wasser warf. Hierauf kaufte er sich eine Livree nebst Wäsche und andere Requisiten und war, ehe die vier Stunden verstrichen waren, wieder bei Alfonzo.

Dieser hatte sehr bald eingepackt. Sie fuhren nach dem Bahnhof und dampften innerhalb kurzer Zeit von Paris ab. Der Zug, in dem sie sich befanden, nahm für Doktor Sternau und Rosa von Rodriganda eine große Gefahr mit nach Deutschland.

8. Kapitel.

Es war noch im Winter, aber trotzdem sehr mildes Wetter. Zur Mittagszeit konnte man glauben, sich mitten im Mai zu befinden, und die Abende glichen jenen elegischen Oktoberabenden, die fast noch schöner sind, als die Abende des Frühlings.

Daher war es kein Wunder, daß auf allen Höhen und Gebirgen der Schnee verschwand; er verwandelte sich in Wasser, das alle Ströme, Flüsse, Seen und Bäche füllte. Der warme Sonnenstrahl lockte die Feuchtigkeit wieder empor, und so entstanden feuchte Niederschläge, die in Form von anhaltendem Regen wieder zur Erde fielen.

Dadurch wuchsen die Fluten, und alle Zeitungen berichteten von Überschwemmungen, die in ungeahnter Rapidität zu einer Höhe wuchsen, die man seit Menschengedenken nicht beobachtet hatte. Ganze Täler wurden überschwemmt, ganze Ortschaften fortgerissen. Der Verkehr stockte, denn die Flut bedeckte die Straßen und riß die Bahndämme ein.

Auch die sonst so ruhige Nahe, die bei Bingen in die linke Seite des Rheins mündet, brachte eine Wassermasse, für die ihr Bett lange, lange nicht tief und breit genug war. Die Fluten glichen den Wogen eines großen Stromes. Sie hatten die Straße überstiegen und leckten gierig am Damm der Bahn, die Bingerbrück über Neunkirchen, Saarbrücken, Forbach, Metz und Nancy mit Paris verbindet.

Die Bahnbeamten hatten Befehl erhalten, ganz außerordentlich aufmerksam zu sein, und ein jeder Bahnwärter mußte seine Strecke zwischen den einzelnen Zügen ganz genau untersuchen.

Zwischen Bingerbrück und Langenlonsheim stand ein Bahnhäuschen, dessen Inhaber heute Besuch hatte. Der Forstgehilfe Ludwig aus Rheinswalden war ein Vetter des Bahnwärters, hatte gestern einen kleinen Sprößling desselben aus der Taufe gehoben und befand sich auch heute noch hier, um seinen Urlaub tüchtig auszunützen.

Er saß mit der Familie am Tisch. Man hatte das Abendbrot gegessen; es hatte neun geschlagen, und in nicht ganz einer halben Stunde mußte der Eilzug vorüberkommen, der um fünf Uhr von Metz abgeht.

»Sieht es bei euch in Rheinswalden auch so traurig aus?« fragte der Wärter. – »Nein, Gevatter«, antwortete Ludwig. »Wir liegen dahier nicht so nahe am Rhein, daß uns das Wasser packen könnte.«

Man sieht, daß der gute Ludwig sein liebes »Dahier« auch in der Fremde nicht vergaß.

»Und es geht bei euch alles gut?« fragte der Wärter weiter. – »Es geht uns allen wohl. Der Oberförster flucht immer noch wie vorher, und die gute Frau Sternau ist mit Fräulein Helene lieb und gut wie immer; auch ist der Steuermann Helmers noch da, und sein Junge – der Tausendsapperment, aus dem wird einmal was Tüchtiges werden, er ist aber auch in tüchtigen Händen.« – »Du bist noch immer sein Lehrmeister?« – »Versteht sich!« meinte der Forstgehilfe mit Selbstgefühl. – »Und die Gäste?« – »Du, da wird's dahier wohl bald eine Hochzeit geben. Ich gönne das unserem guten Herrn Sternau recht von Herzen.« – »Donnerwetter, macht der da eine Partie!« – »Ja, sie ist eine Gräfin dahier.« – »Und noch dazu eine spanische! Sagtest du nicht früher einmal, daß es ihr im Kopf gerappelt hätte?« – »Gerappelt? Dummes Zeug! Unter Rappeln verstehe ich verrückt sein. Das ist sie aber gar nicht gewesen.« – »Aber es hieß doch überall, daß sie geisteskrank wäre?« – »Gevatter, du bist ein Schafskopf dahier. Ja, ein Schafskopf. Unsere gute, liebe Gräfin verrückt zu heißen! Da hört doch alles und Verschiedenes auf dahier. Spanisch ist sie gewesen, reineweg spanisch, aber doch nicht verrückt. Sie haben ihr etwas eingegeben, daß sie wahnsinnig ward. Und was ist das gewesen, he Gevatter?« – »Ja, das weiß doch ich nicht!« antwortete der Bahnwärter ganz verblüfft. – »Na, was denn weiter als eine spanische Fliege dahier!« »Eine spa – a… Oh!« sagte der Wärter, indem er vor Verwunderung den Mund sperrangelweit öffnete. – »Ja, eine spanische Fliege.« – »Wird man denn da wahnsinnig?« – »Versteht sich. Hast du schon einmal eine solche spanische Fliege gesehen?« – »Das ist ein Pflaster.« – »Dummheit, Gevatter. Eine spanische Fliege ist eine Fliege, aus der erst das Pflaster gemacht wird dahier. Eine spanische Fliege ist nicht etwa wie eine deutsche Fliege. Sie hat Flügel gerade so groß wie die Hügel einer Gans.« – »Sapperment, muß die aber summsen!« – »Ja. Sechs Beine hat sie, so groß wie Storchbeine.« – »Himmelelement!« – »Ja; ich als Jäger muß das wissen.« – »Hast du schon mal eine geschossen?« – »Nein, aber beinahe. Ihr Kopf ist halb wie ein Pferde- und halb wie ein Krötenkopf, und einen Leib hat sie dahier, gerade wie eine große Stachelsau.« – »Himmelelement!« – »Ja. Der Schwanz klappert wie bei einer Klapperschlange, und ernähren tut sie sich nur von Leichen und Weintrauben.« – »Darum ist sie so giftig!« – »Ja, Leichen und Weintrauben zusammen, das gibt das schrecklichste Gift dahier. Ein einziger Tropfen Blut von so einer Fliege in eine Netzkanne voll Wasser getan, Leinwand hinein und wieder ausgequetscht, das gibt unser spanisches Fliegenpflaster.« – »Darum zieht das Zeug so.« – »Ja. Ist's da ein Wunder, wenn man konfus wird, wenn man so eine ganze spanische Fliege einnehmen muß?« – »Eine ganze – mit den Flügeln und den Beinen, sowie mit dem Kopf und dem Schwanz?« – »Ja.« – »Donnerwetter, da dauert mich eure Gräfin!« – »Natürlich! Sie hätte auch sterben müssen dahier, wenn unser Doktor Sternau nicht gewesen wäre. Der hat sich das mit der spanischen Fliege natürlich gleich gedacht.« – »Wie hat er sie denn rausgebracht?« – »Das weiß ich nicht dahier.« – »Ich denke, du warst mit dabei?« – »In der Krankenstube nicht« – »Und die Fliege, hast du sie denn nachher gesehen?« – »Nein. Ich glaube, sie haben sie in Spiritus gesetzt dahier, aber sie zeigen sie keinem Menschen. Es soll kein schöner Anblick sein.« – »Hm«, sagte der Bahnwärter kopfschüttelnd, »was doch in der Welt alles vorkommt! Unsereiner ist doch noch recht dumm.« – »Richtig.« – »Ich hatte mir eine spanische Fliege ganz anders vorgestellt« – »So geht es, wenn man kein Jäger ist« – »Ja, ihr seht mehr als andere Leute und habt viele Bücher. Bei uns gibt es bloß das Gesangbuch und die Instruktion.« – »Eure Instruktion mag der Teufel holen!« – »Hm, sag das nicht so laut. Recht hast du. Sieh, in zwei Minuten kommt der Eilzug. Ich muß hinaus. Gehst du mit?« – »Ja.«

Es war bereits das Zeichen gegeben, daß der Zug in Langenlonsheim abgegangen sei. Der Bahnwärter nahm daher seine Laterne und ging mit dem Gast hinaus, wo die Frau des Wärters stand, die das Signal besorgt hatte.

In kurzer Zeit hörte man das donnernde Rollen des Zuges, darauf sah man die beiden Lichter der Lokomotive, und nun brauste der Zug vorüber, wobei der Wärter das Zeichen gab, daß alles in Ordnung sei.

»Der wahre Teufel, so eine Lokomotive!« sagte Ludwig. – »Schon mehr feuerspeiender Drache«, fügte der Wärter hinzu. »Ich möchte wissen, was vor hundert Jahren die Leute gedacht hätten, wenn so ein Ding vorübergesaust wäre.« – »Sie wären vor Schreck rein übergeschnappt.« – »Gerade wie von der spanischen Fliege. Aber jetzt muß ich meine Strecke revidieren. Weiter unten steht das Wasser am Damm.« – »Ich gehe mit.«

Sie schritten miteinander in die Dunkelheit hinein. Die Bahnstrecke, auf der sie sich befanden, wurde nur von dem Licht der kleinen Laterne erleuchtet, die der Wärter bei sich trug. Von der Seite her hörte man das Rauschen der Flut, und aus der Nähe erklang das bedenklich Gurgeln und Glucksen des Wassers, das den Damm bedrohte. Der Wärter ging sehr vorsichtig und sorgfältig zu Werke. Nach einer halben Viertelstunde hatte er diesen Teil seiner Strecke absolviert, und da nahte auch das Licht seines Nachbarkollegen, der ihm entgegenkam.

»Guten Abend!« grüßte derselbe, als er herangekommen war. – »Guten Abend!« dankten die beiden. – »Ah, der Herr Pate ist noch mit da?«

Da er auf dem gestrigen Tauffest mitgewesen war, so kannte er den Forstgehilfen.

»Ja«, antwortete dieser. »Hören Sie die Flut? Hier scheint es gefährlicher zu werden, als droben bei meinem Gevatter.« – »Allerdings; aber ich habe noch keine Angst. Das Wasser steht zwar am Damm, aber die Strecke ist gut gebaut, und solange drüben am Fluß der Damm noch hält, solange sind wir hier auch sicher.«

Die Männer trennten sich und schritten nun rasch wieder zurück, denn es ertönte soeben das Signal, daß der dem Eilzug in einer Viertelstunde folgende Personenzug in Langenlonsheim abgehe. Sie kamen gerade zur rechten Zeit an das Häuschen, um den Zug kommen zu sehen. Er kam ganz mit derselben Geschwindigkeit wie der Eilzug.

Sie standen an der Bahn, und der Wärter gab ganz wie vorher das Zeichen, daß alles in Ordnung sei. Doch noch war der Zug im Vorübersausen, als sich von fernher ein Geräusch vernehmen ließ, das selbst das Rollen des Zuges übertönte. Es war ein eigentümliches Geräusch, fast ein Brüllen zu nennen, unter dem die Erde bebte, und dieses Beben unterschied sich ganz genau von dem Zittern, das durch den Zug veranlaßt wurde.

»Herrgott, was ist das?« fragte der Wärter. – »Ein Erdbeben«, antwortete Ludwig. – »Nein, nein, das ist kein Erdbeben; der Damm, der Damm ist geborsten, ganz gewiß!« – »So ist der Zug verloren!« – »Vielleicht noch nicht, wenn er glücklich vor der Flut vorüberkommt. Frau, Laternen her! Fort, fort! Wir müssen sehen, wie es steht!«

So rief der brave Mann. Die Frau kam mit einer Laterne herbei, und eben setzten sie sich in Bewegung, als von weit unten herauf ein Krach erscholl, als sei die Erde geborsten und habe alles in ihren dunklen Schlund hinabgerissen.

»Das ist's! Das war's!« rief der Wärter, indem er mit doppelter Schnelligkeit vorwärts strebte. – »Der Zug verunglückt?« fragte der Forstgehilfe. – »Ja, ganz gewiß.« – »So macht um Gottes willen rasch!« – »Frau, renne zurück und hole Leinwand und was sonst zum Verbinden nötig ist.«

Sie gehorchte in fliegender Eile der Aufforderung, während die beiden Männer mit den Laternen weiterrannten.

Sie waren eine Wegstrecke von wohl einer Viertelstunde vorwärts gekommen und befanden sich längst auf dem Gebiet des Nachbars des Bahnwärters, als sie entsetzt halten blieben. Vor sich hörten sie ein wirres Schreien und Rufen, während ein dumpfes Tosen und Donnern zu ihnen drang, das nur von dem Wasser herrühren konnte, welches das Ufer und dann den Bahndamm durchbrochen hatte.

»Weiter, weiter!« rief der Wärter.

Da, da endlich standen sie an der Stelle.

Der Bahndamm war wirklich durchbrochen. Die Lokomotive war in den Riß hinabgestürzt und hatte sich jenseits desselben in die Erde hineingewühlt. Die vordersten Wagen waren ihr gefolgt die hinteren aber hatten nicht mit hinab gekonnt. Im Zusammenprall waren sie teils zertrümmert, teils umgeworfen worden, und nur die allerletzten standen noch aufrecht auf den Schienen.

Der Zug war ein gemischter, und es war ein Glück, daß sich die Güterwagen vorn, die Personenwagen aber hinten befunden hatten.

Die Passagiere, die in den unversehrten Waggons gesessen hatten, waren ausgestiegen, um den Stand der Dinge zu untersuchen. Sie hatten die Wagenlampen genommen und leuchteten über die Unglücksstätte hin. Jetzt kam der Wärter mit dem Jägerburschen dazu, auch der andere war bereits da.

»Ist es schlimm?« fragte der erstere. – »Sehr. Drei Personenwagen zertrümmert zwei umgeworfen und zwei nebst dem Postwagen unversehrt«, antwortete der letztere. »Das andere liegt alles im Wasser.«

Man suchte an Menschenleben zu retten, was zu retten war; aber das war nicht viel. Diejenigen, die in den zertrümmerten Wagen gesessen hatten, waren zermalmt worden, der Maschinist, der Heizer, die Bremser, sie waren tot. Alle, die sich in den umgestürzten Waggons befunden hatten, waren mehr oder weniger, meist aber schauderhaft verletzt. Man suchte ihre Körper in das Freie zu bringen. Zu dem, was im Wasser lag, konnte man nicht kommen, da die Flut zu reißend war, als daß Menschenkräfte hier etwas vermocht hätten.

Da kam die Frau des Wärters und brachte Verbandszeug.

»Spring zurück und gib das Zeichen, damit Hilfe kommt!« gebot ihr Mann.

Auch der jenseitige Bahnwärter kam jetzt. Das Unglück war hart an seiner Grenze geschehen; er hatte sofort gewußt, woran er war, und seinerseits bereits das Signal nach Bingerbrück gegeben.

Es wurde jetzt nicht gefragt, wer Schuld sei; an diese Frage zu denken, hatte kein Mensch die Zeit; man bemühte sich nur, zu retten und zu bergen, was möglich war.

Ein junger Mann in der Livree eines Bedienten machte sich an einem der umgestürzten Waggons zu schaffen.

»Hier ist es, mein Herr«, sagte er zu einem der unverletzten Passagiere, der mit ihm ein und dasselbe Kupee innegehabt hatte und ihm nun behilflich war. – »Ist es das richtige Kupee?« fragte dieser. – »Ja.« – »Das Fenster ist zertrümmert. Öffnen wir die Tür.«

Sie taten es, und es ertönte ihnen ein erschütterndes Ächzen und Stöhnen entgegen. Der Bahnwärter trat mit seiner Laterne heran und leuchtete hinein.

»Drei Passagiere!« sagte er. – »Alle tot?« rief der Diener. – »Nein. Sie hören ja das Ächzen.« – »Ich denke, es kommt aus dem Nachbarkupee. Da liegt mein Herr; heraus mit ihm.«

Der Diener faßte eine der drei Personen behutsam an und hob sie heraus. Als er sie langgestreckt auf die Erde legte, sah man, daß der Verletzte sehr fein gekleidet war; aus diesem Umstand und dem weiteren, daß er einen Diener hatte und in einem Kupee erster Klasse fuhr, konnte man schließen, daß er ein Herr von Distinktion sei.

»Und hier ist auch sein Koffer«, sagte der Diener, indem er ein kleines, feines Handköfferchen zum Vorschein brachte. – »Nun auch noch die beiden anderen«, mahnte der Wärter.

Ludwig war hinzugetreten und half. Es stellte sich heraus, daß der eine von ihnen tot und der andere innerlich schwer verletzt war. Der Herr des Dieners befand sich in einer tiefen Ohnmacht, aus der er erst erwachte, als der Diener ihm die Glieder bewegte, um zu sehen, ob er verletzt sei. Er schlug die Augen auf und stieß einen Ruf des Schmerzes aus.

»Oh!« sagte er. »Hier nicht!« – »Der Arm ist gebrochen«, meinte der Diener.

Er probierte weiter, und es fand sich, daß sonst nichts verletzt sei.

Mittlerweile war von den Nachbarstationen Hilfe angelangt Auch einige Ärzte waren gekommen. Als einer derselben den fremden Herrn untersuchte, erklärte er, daß der Arm zweimal gebrochen sei.

»Wer ist der Herr?« fragte er.

Der Fremde war während der Untersuchung in eine neue Ohnmacht gefallen. Der Diener antwortete:

»Marchese d'Acrozza, ein Italiener.« – »Wünschen Sie, daß ich für ihn sorge?« – »Ich bitte darum.« – »Sie sind sein Diener?« – »Ja.« – »Sehen Sie jene Lichter da drüben?«

Der Arzt deutete in das Dunkel des Abends hinein; man erblickte aus weiter Ferne den Schein einiger Lichter.

»Ja«, antwortete der Diener. – »Das ist das Dorf Genheim. Ich kenne den Lehrer dort Er wird den Herrn Marchese recht gern aufnehmen.« – »Wer soll ihn benachrichtigen?« – »Sie.« – »Ich weiß keinen Weg und bin dem Herrn vielleicht sehr nötig.« – »Ihr Herr braucht Sie jetzt nicht und wir anderen sind hier nötiger als Sie. Getrauen Sie sich, durch das Wasser zu kommen?« – »Weiter unten, ja.« – »So gehen Sie. Sie brauchen nur die Lichter fest im Auge zu behalten.«

Gerard Mason, denn dieser war der Diener, glitt von der Böschung des Bahndamms hinab und schritt dann vorsichtig an dem sich hier weit ausbreitenden Wasser hin. Er kam nur langsam vorwärts, und daher war er hocherfreut als er Stimmen hörte, die sich ihm näherten. Er rief.

»Holla!« antwortete es ihm. »Wer ruft?« – »Ein Fremder. Kommen Sie näher.«

In kurzer Zeit standen mehrere Männer vor Gerard, die Decken und Tragbahren trugen.

»Wir hörten ein Krachen und Prasseln«, sagte ihr Anführer. Der Zug ist verunglückt, wie wir vermuteten. Wir sind sofort aufgebrochen, und hinter uns kommen noch andere, sie sind aus Genheim.« – »Ah, das ist gut; dahin wollte ich.« – »Zu wem?« – »Zum Lehrer.« – »Das paßt; der bin ich.« – »Ah, das trifft sich glücklich. Einer der Ärzte, die sich an der Unglücksstätte befinden, sendet mich zu Ihnen. Mein Herr, der Marchese d'Acrozza, gehört zu den Verunglückten, er hat einen Doppelbruch am Arm, und der Arzt meinte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden, ihn bei sich aufzunehmen.« – »Das versteht sich ganz von selbst. Aber ein Marchese …?« – »Das ist er.« – »Wird er mit einem armen Dorflehrer vorliebnehmen?« – »Oh, gewiß.« – »Und Sie werden auch bei ihm sein?« – »Ich wünsche es.« – »Nun, so wollen wir sehen, ob sich Platz schaffen läßt. Kehren Sie also wieder um.«

Der Lehrer schien ein sehr resoluter Mann zu sein. Er schritt voran und trat, als sie an der Unglücksstätte ankamen, zu dem Arzt, den er sogleich bemerkt hatte.

»Da bin ich, Herr Doktor«, sagte er. – »Ah, so rasch!« – »Ich traf den Diener unterwegs.« – »Gut, kommen Sie, mir zu helfen!« – »Die Brüche einrichten?« – »Nein, nur einen Notverband anlegen. Sobald ich hier entbehrt werden kann, komme ich zu Ihnen nach Genheim, wo das andere dann besser geschehen kann.« – »Er ist nicht weiter verwundet?« – »Vielleicht noch eine Kontusion, die ich in der Eile nicht bemerkte.« – »So ist ja keine Gefahr.«

Als sie zu Alfonzo traten, lag dieser wieder in einer Ohnmacht. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte:

»Hm, ich scheine mich doch geirrt zu haben.« – »Wieso?« fragte der Lehrer. – »Er fällt aus einer Ohnmacht in die andere, es scheint also doch eine innerliche Verletzung vorzuliegen. Kommen Sie!«

Die beiden Männer legten den Arm in Verband, wobei Alfonzo erwachte und Zeichen des Schmerzes gab.

»Was fühlen Sie?« fragte der Arzt. – »Im Arm sowie auch im Kopf Schmerz, ein schreckliches Drücken und Zusammenpressen.« – »Hm! Es müssen während der Nacht fleißig Umschläge gemacht werden, kalt natürlich.« – »Wollen Sie sich mir anvertrauen, Herr Marchese?« fragte der Lehrer. – »Wer sind Sie?« – »Ich bin der Lehrer aus Genheim.« – »Werde ich dort einen Arzt haben?« – »Ja, diesen Herrn hier.« – »So nehmen Sie mich mit, ich werde es Ihnen lohnen.«

Natürlich war diese Unterhaltung von Seiten Alfonzos nicht in deutscher Sprache geführt worden, sondern Gerard Mason machte den Dolmetscher.

Der Verletzte wurde mittels Decken auf eine der Tragen gebettet. Gerard legte auch das Köfferchen darauf, griff dann mit einem der Bauern zu, und so setzten sie sich, von dem Lehrer geführt, in Bewegung.

Unterwegs begegneten ihnen noch einige Trupps von Hilfsbereiten, die zur Unglücksstätte eilten. An ihnen vorüber erreichten sie das Dorf und bald auch das Schulhaus.

Dieses war ein nicht sehr geräumiges, aber, wie es schien, freundliches Gebäude. Eine Frau trat ihnen, mit der Lampe in der Hand, unter der Tür entgegen.

»Mein Gott, was bringt ihr da?« fragte sie besorgt – »Einen Verunglückten, Mutter«, antwortete der Lehrer. – »So ist also wirklich der Zug verunglückt?« – »Ja. Mach rasch das Besuchsstübchen bereit« – »Oh, das ist ja stets in Ordnung. Kommt schnell herein.

Als die Trage niedergesetzt wurde, leuchtete sie Alfonzo in das Gesicht.

»Er liegt in Ohnmacht«, sagte sie. »Das arme, junge Blut. Weißt du, was er ist?« – »Ein Herr von Adel.« – »O weh! Ach ja!« rief sie, denn jetzt erst achtete sie auf die Livree Gerards. – »Er ist ein Marchese d'Acrozza, ein Italiener.« – »Aber, Mann, wird er mit uns vorliebnehmen?« – »Wir müssen es versuchen.« – »So kommt. Könnt ihr die Treppe empor?« – »Ich denke.«

Es ging langsam und schwierig, aber dennoch gelang es, mit der breiten Trage die verhältnismäßig schmale Treppe zu passieren. Die brave Lehrerin öffnete eine Tür, und nun traten sie in das kleine, aber sehr freundlich eingerichtete Besuchsstübchen, in dem der Kranke, nachdem ihn die Männer vorsichtig seiner Kleider entledigt hatten, auf das Bett gelegt wurde. Den Ärmel des Rocks hatte ihm bereits der Arzt aufgeschnitten.

Nachdem für alles gesorgt war, entfernten sie sich.

9. Kapitel.

Nur Gerard blieb bei Alfonzo zurück. Dieser betrachtete sich, während sein Herr noch in Ohnmacht lag, das Stübchen. Es enthielt außer dem Bett einen Tisch, eine Kommode, einige Stühle, einen Waschtisch, einen Spiegel und zwei Bilder.

Nach einiger Zeit machte der Graf eine Bewegung, und infolgedessen stellte Gerard die Lampe so, daß ihr Schein den Patienten nicht in das Gesicht treffen konnte. Dadurch fiel dieser Schein nun direkt auf die Bilder, so daß Gerard sie deutlich erkennen konnte.

»Alle Teufel!« sagte er leise, sich erhebend und hinzutretend. »Wer ist denn das?«

Das eine Bild stellte einen jungen Mann und das andere ein junges Mädchen dar. Der erstere war in spanische Tracht gekleidet, und das letztere trug die Fetzen einer Zigeunerin. Obgleich es nur Kreidezeichnungen waren, erkannte man sehr deutlich, daß die Zigeunerin eine große Schönheit war.

»Wer ist denn das?« wiederholte Gerard verwundert. »Das ist doch mein Herr!«

In diesem Augenblick bewegte Alfonzo sich, und Gerard eilte zu ihm hin. Der Kranke hatte die Augen geöffnet und blickte im Raum umher.

»Wo bin ich?« fragte er, sich besinnend. – »Beim Lehrer«, antwortete Gerard. – »Bei welchem Lehrer?« – »Sie wissen das nicht?« – »Nein.« – »Oh, dann sind Sie auch im Kopf verletzt. Sie haben ja mit dem Lehrer gesprochen.« – »Ich? Wo?« fragte Alfonzo verwundert. – »An der Bahn.« – »An der Bahn? Ach so. Es kam ein Mann und wollte mich zu sich nehmen. Ich besinne mich. In welchem Ort sind wird?« – »In einem Dorf, das Genheim heißt. Der Lehrer hat Ihnen sein bestes Zimmer angewiesen.« – »Wo bin ich verletzt? Ah, am Arm.«

Alfonzo hatte den Arm bewegen wollen und fühlte dabei Schmerz.

»Ja, Monsieur. Sie haben ihn zweimal gebrochen.« – »Donnerwetter! Was wird da aus unserer Reise?« – »Sie wird auf einige Zeit unterbrochen werden.« – »Das ist verdammt unangenehm! Aber ein Armbruch geniert ja nicht beim Gehen. Wenn er eingerichtet ist, werden wir die Reise fortsetzen.« – »Dazu müßten wir die Erlaubnis des Arztes haben.« – »Ich frage nicht nach seiner Erlaubnis. Wann wird er zu mir kommen?« – »Sobald er von der Unglücksstätte fort kann.« – »So werde ich gleich nach dem Verband abreisen.«

Gerard lächelte.

»Sie sind ja nicht nur am Arm verletzt«, sagte er. »Am Kopf ebenfalls.« – »Dummheit! Ich fühle nur ein wüstes Pressen.« – »Aber Sie geraten doch aus einer Ohnmacht in die andere.« – »Wirklich?« – »Ja. Ich denke, wir werden einige Zeit hier verweilen müssen.« – »Sind mein Köfferchen und die übrigen Effekten gerettet?« – »Das muß sich erst finden. Sie waren im Gepäckwagen.« – »Wie heißt der Lehrer, bei dem ich mich befinde?« – »Ich weiß es nicht. Soll ich fragen?« – »Nein.«

Alfonzo drehte sich ab, und dabei fiel auch sein Blick auf die beiden Bilder. Seine Augen vergrößerten sich, und seine Lippen bebten.

»Mein Gott, was ist das?« fragte er. – »Kennen Sie die Bilder, gnädiger Herr?« – »Kennen? Oh, gewiß, ich kenne sie!« – »Wer ist es?«

Unter anderen Verhältnissen wäre es sicher nicht geschehen, jetzt aber gab der Graf doch eine Antwort. Er war jedenfalls am Kopf verletzt

»Das ist mein Vater.« – »Ihr Vater? Ah, darum sieht das Bild Ihnen so ähnlich.« – »Und Zarba.« – »Zarba? Wer ist das?« – »Eine Zigeunerin. Spring rasch hinunter und frag, wie der Lehrer heißt« – »Das wird auffallen, Monsieur. Es ist besser, wir warten. Die Lehrerin hat versprochen, bald wiederzukommen.«

Der Kranke nickte und schloß die Augen. Nach einiger Zeit öffnete er sie wieder, fuhr sich mit Hand an den schmerzenden Kopf und fragte:

»Gerard, hast du diese Bilder bereits gesehen?«

Der Gefragte stutzte. War sein Herr denn irre?

»Ja«, antwortete er. – »Hast du mich vielleicht gefragt, wen sie vorstellen?« – »Nein«, sagte Gerard, um ihn auf die Probe zu stellen. – »Wirklich nicht?« – »Nein.« – »Mir war es gerade so, als wenn ich mit dir darüber gesprochen hätte.« – »Ich weiß nichts davon.« – »So bekümmere dich nicht darum. Du brauchst nicht zu wissen, wer sie sind.«

Alfonzo schloß die Augen wieder, aber über sein Gesicht zuckte und zitterte es, als ob er mit wirren Gedanken ringe. Da trat die Lehrerin vorsichtig herein und fragte leise:

»Ist er noch nicht wieder erwacht?« – »O doch«, antwortete Gerard ebenso leise.

Aber der Kranke hatte das Flüstern doch vernommen.

»Wer ist da?« fragte er, ohne die Augen zu öffnen. – »Ich bin es, die Wirtin«, antwortete die Lehrerin französisch.

Da öffnete der Kranke die Augen, blickte sie forschend an und sagte:

»Sie sprechen französisch?« – »Ja, mein Herr.« – »Wo haben Sie es gelernt?« – »Im Institut. Ich war Erzieherin.« – »Ah, das ist gut. So können wir miteinander sprechen.«

Dann schloß Alfonzo die Augen wieder, und es verging fast eine Viertelstunde, ehe er sie wieder öffnete, aber er schien die Gegenwart des Dieners ganz vergessen zu haben, er richtete den Blick auf die Bilder und fragte:

»Wer ist dieses Mädchen, Madame?« – »Eine Zigeunerin«, antwortete sie. – »Wohl ein Phantasiebild?« – »Nein, ein Porträt.« – »Ah, sie ist eine Schönheit. Wo lebt sie?« – »Sie lebt in Spanien, in Saragossa, sie hieß Zarba.« – »Zarba! Lebt sie noch?« – »Vielleicht.« – »Und wer ist der Herr neben ihr?« – »Ein Spanier.« – »Ja, er trägt spanische Tracht. Auch ein Porträt?« – »Ja. Es war ein gewisser Gasparino Cortejo.« – »Ah! Was war er?« – »Er war Haushofmeister bei dem Herzog von Olsunna.« – »Sie sind eine Deutsche?« – »Ja.« – »Wie kommen Sie zu diesen Porträts?« – »Wir haben sie von einer entfernten Verwandten meines Mannes.« – »Wie heißen Sie?« – »Mein Mann heißt Wilhelmi.« – »Ah! Und wie heißt jene Verwandte?« – »Sie ist eine geborene Wilhelmi, jetzt aber eine verwitwete Sternau.«

Alfonzo schwieg eine Weile, er hatte viel zu denken, aber sein Kopf war zu schwach dazu. Endlich aber sagte er, langsam und jedes einzelne Wort sich überlegend:

»Wo ist Sternau zu den Bildern gekommen?« – »In Spanien. Die Verwandte meines Mannes war Gouvernante dort.« – »Bei wem?« – »Erst bei einem Bankier Salmonno, dann bei dem Herzog von Olsunna.« – »Und sie lebt noch?« – »Ja.« – »Hat sie Kinder?« – »Zwei. Einen Sohn und eine Tochter.« – »Was ist der Sohn? – »Er ist Arzt, er war in der letzten Zeit in Spanien bei einem Grafen de Rodriganda.«

Bei diesem Namen horchte der Diener Gerard auf.

»Ah! Wie ist sein Name?« – »Karl Sternau.« – »Wo befindet er sich?« – »Auf Schloß Rheinswalden bei dem Hauptmann von Rodenstein, wo er zur Heilung seiner Braut, eine Gräfin de Rodriganda, lebt.« – »Ah! Kommt er zuweilen zu Ihnen?« – »Niemals.« – »Woher wissen Sie denn so genau, daß er hier ist?« – »Ein Jäger des Schlosses war in der Nähe Gevatter, er suchte mich auf, da er unsere Verwandtschaft kennt, und erzählte mir alles.« – »Aber warum hat jene Frau Sternau die beiden Bilder aus der Hand gegeben?« – »Um nicht an eine Zeit erinnert zu werden, in der sie sehr unglücklich gewesen ist. Aus diesem Grund hat sie dieselben dem Vater meines Mannes zur Aufbewahrung gegeben.« – »Haben Sie von den Erlebnissen dieses Doktor Sternau etwas gehört?«

Jetzt wurde Frau Wilhelmi aufmerksam. Warum fragte der Kranke so angelegentlich nach diesem allen?

»Kennen Sie ihn etwa, Monsieur?« fragte sie. – »Nein«, antwortete er. – »Oder haben Sie von ihm gehört?« – »Nein. Ich interessiere mich nur für ihn, weil jemand, der als deutscher Arzt eine spanische Gräfin als Braut besitzt, sicherlich doch Interessantes erlebt haben muß.«

Die Frau fühlte sich durch die Antwort beruhigt und erwiderte:

»Da haben Sie recht. Es ist wahrhaft Romanhaftes, was dieser Karl Sternau erlebt hat.« – »Darf man es erfahren?« – »Gern, aber Sie sind zu schwach dazu.«

Die Röte des Fiebers färbte allerdings Alfonzos Wangen. Er fühlte sich auch zu Tode matt, und der Arm schmerzte ihn fürchterlich, ebenso wie sein Kopf, aber er wollte, er mußte hören, was diese Frau von der Sache wußte.

»Ich bin nicht schwach«, sagte er. »Bitte, erzählen Sie immerhin!«

Während der Diener mit großer Spannung horchte, begann nun die Lehrerin:

»Der alte Graf de Rodriganda war blind, und Karl Sternau sollte ihn operieren. Die Operation gelang, aber dafür wurde der Graf wahnsinnig.« – »Es wird ihm bei der Operation ein Gehirnnerv verletzt worden sein.« – »Nein, man hat ihm ein Gift eingegeben, das wahnsinnig macht« – »Ah!«

Alfonzo war ganz erstarrt, in diesem versteckten Winkel Deutschlands einen Bericht über jene Vorkommnisse anhören zu müssen. Es begann ihm unheimlich zu werden, er fühlte, daß eine neue Ohnmacht die Arme nach ihm ausstreckte, aber er strengte alle seine Kräfte an, sie von sich fernzuhalten. Er mußte alles hören, was diese Frau wußte.

»Doktor Sternau hat das Gift entdeckt und auch das Gegenmittel gewußt«, fuhr die Lehrerin fort, »aber da hat man den alten Grafen geraubt« – »Geraubt? Unmöglich!« – »Ja, doch!« – »So etwas kommt nur in Romanen vor.« – »Oh, auch in Wirklichkeit« – »Weshalb sollte man ihn geraubt haben?« – »Man hat ihn entführt, damit er nicht wiederhergestellt werden könne. Sogar seiner Tochter hat man dieses fürchterliche Gift gegeben.« – »Und ist auch sie wahnsinnig geworden?« – »Ja.« – »Und jetzt ist sie Braut! Wie läßt sich dies vereinigen?« – »Man hat dann Doktor Sternau falsch beschuldigt und ihn eingesteckt, damit er sie nicht heilen könne. Aber es ist ihm gelungen, zu entkommen, er hat die Gräfin befreit und ist mit ihr nach Deutschland gekommen. Hier hat er sie wie durch ein Wunder geheilt. Sie ist seit zwei Tagen gesund, und nun wird es wohl bald eine Hochzeit geben.« – »Das wird nicht so schnell gehen!« – »Warum nicht?« – »Weil Verschiedenes dazu erforderlich ist, ehe eine spanische Gräfin mit einem deutschen Arzt getraut werden kann.« – »Oh, ich kenne diesen Karl Sternau, für ihn gibt es niemals Hindernisse.« – »Aber, wozu hat man denn dem Grafen und der Gräfin Gift gegeben? Man muß doch einen Grund dazu gehabt haben.« – »Der Erbfolge wegen.« – »Ah! Sehr romanhaft!« – »Ja, es soll ein Sohn dasein, der gar nicht der Sohn des Grafen ist.« – »Donnerwetter.«

Dieser Fluch sollte wohl ironisch klingen, aber er klang mehr nach Überraschung. Sogar die Röte des Fiebers wich dabei aus dem Gesicht des Kranken.

»Ja«, fuhr die Frau des Lehrers fort. »Der Hauptspitzbube ist ein gewisser Gasparino Cortejo, eben der, dessen Jugendbild Sie hier erblicken.«

Gerard Mason horchte auf. Hatte sein Herr nicht gesagt, daß es das Bild seines Vaters sei? War dieser falsche Marchese d'Acrozza der Sohn dieses Gasparino Cortejo? Aber wie kam er da zu dem Notizbuch, in dem »Alfonzo, Graf de Rodriganda y Sevilla« zu lesen war?

»Inwiefern der Hauptspitzbube?« fragte der Kranke. – »Er hat den richtigen Sohn des alten Grafen vertauscht und seinen eigenen Bankert an dessen Stelle geschoben.« – »Alle Teufel!« rief Alfonzo, jetzt noch mehr erschrocken als vorher. – »Ja, nun ist der Sohn dieses Cortejo der junge Graf de Rodriganda, aber Doktor Sternau wird dafür sorgen, daß er es nicht lange bleibt.«

Gerard warf einen Blick auf das Bild und dann auf seinen Herrn, er nickte leise mit dem Kopf, er wußte nun, woran er war; da er seinen Herrn gesehen hatte, bevor er noch bei Papa Terbillon in Paris sein Äußeres verändern ließ, war ihm wohlbekannt, wie ähnlich dieser Marchese dem Gasparino Cortejo war. Die Lehrerin freilich konnte dies nicht erkennen.

»Und hat Ihnen dies alles der Jäger erzählt?« fragte Alfonzo. – »Ja.« – »Von wem weiß er es?« – »Auf Schloß Rheinswalden wissen es alle.« – »Bedientenphantasie«! – »Nein, Wahrheit! Wie der gute Ludwig es erzählte, mußte man es glauben, obgleich es allerdings einen Punkt gab, der lächerlich war. Er sagte nämlich, er kenne das Gift, das Graf und Gräfin bekommen haben.« – »Ah! Welches sollte es sein?« – »Die sogenannte spanische Fliege.« – »Bringt diese etwa Wahnsinn hervor?« – »Möglich, obgleich die Wirkung vorher eine andere ist, aber der Wahnsinn des Grafen und der Gräfin scheint mir nicht derart gewesen zu sein, daß er durch den Genuß von Kanthariden hervorgebracht worden sein könnte.« – »Eine Geschichte, ein Roman«, meinte Alfonzo, indem seine Stimme immer müder wurde. – »Oh, Monsieur, Sie werden ohnmächtig!« rief erschreckt die Lehrerin und wollte beispringen, aber Gerard hielt sie zurück. – »Lassen Sie!« flüsterte er. »Die Ohnmacht wird ihn stärken. Bitte, kommen Sie heraus.«

Damit führte er die Frau leise aus dem Zimmer und fuhr fort: »Madame, wollen Sie mir versprechen, meinem Herrn nichts zu sagen, daß ich dieser Unterredung beigewohnt habe. Ich habe triftige Gründe zu dieser Bitte.« – »Und diese Gründe darf ich nicht erfahren?« – »Jetzt noch nicht, aber später werde ich sie Ihnen mitteilen.« – »Ihr Herr scheint der Familie Rodriganda nicht fernzustehen, vielleicht ist er verwandt mit ihr?« – »Das ist mir nicht wahrscheinlich. Sie sprachen von einem Jäger, von dem Sie das Erzählte erfahren haben, ist er noch in der Nähe?« – »Er wollte erst nächsten Mittag abreisen. Sie wollen mit ihm sprechen in dieser Angelegenheit?« – »Vielleicht« – »Er hat Gevatter gestanden bei dem zweiten Bahnwärter von der Unglücksstätte aufwärts, und dort ist er jedenfalls noch zu finden.« – »Ah, es war auf der Unglücksstelle ein Mann, der Jägeruniform trug. Er kam mit einem Bahnwärter herbei.« – »Das ist er ganz sicher gewesen.« – »So werde ich warten, bis der Arzt hiergewesen ist und dann zu ihm gehen.« – Ich habe nichts dagegen einzuwenden, da ich glaube, Ihren Herrn bis zu Ihrer Rückkehr allein pflegen zu können.«

Als jetzt Gerard wieder in das Zimmer trat, lag Alfonzo mit offenen Augen im Bett. Er hatte einen abwesenden Blick, der aber wieder zu sich kam, als er auf den Diener fiel.

»Gerard?« fragte Alfonzo leise. – »Monsieur!« – »Warst du fort?« »Ja.« – »War die Wirtin jetzt bei mir?« –, Ja.« – »Hast du gehört, was ich mit ihr gesprochen habe?« – »Sie sehen ja, daß ich nicht hiergewesen bin.« – »Hm! Gib mir einmal deinen Taschenspiegel her!«

Gerard griff in die Tasche und gab ihm das Verlangte hin. Als Alfonzo nun sich sehr aufmerksam in dem Spiegel betrachtete, dachte sein Diener bei sich: Jetzt will er sehen, ob bei dem Zusammenprall die Toilettenkünste gelitten haben.

Der Graf schien das Resultat seiner Forschung für ein befriedigendes zu halten, denn er gab den Spiegel zurück und meinte:

»Ich sehe nicht so leidend aus, als ich glaubte. Hast du schon einmal ein Glied gebrochen oder einer deiner Bekannten? Das Einrichten muß sehr weh tun …« – »Hm! Jacques Guijard, mein Meister, brach einst den Arm. Und als der Arzt denselben zurechtgezogen hatte, meinte er, das hätte nicht weher getan, als ob einen ein Floh sticht.« – »Das war ein Schmied?« – »Ja.« – »Aber kein Marchese. Du hättest das viel besser ausgehalten als ich. Warum mußte doch mein Wagen umstürzen und nicht der deinige! Du bist ja auch ein Schmied.« – »Sie fuhren erster Klasse und ich dritter, Monsieur, und der gute Gott scheint der dritten günstiger zu sein als der ersten.«

Das lange Gespräch mit der Wirtin hatte die Kräfte des Grafen doch zu sehr angestrengt. Er fiel wieder in seine Apathie zurück. Es war dieses Mal keine wirkliche Ohnmacht, sondern eine Stumpfheit, eine Unempfänglichkeit gegen äußere Eindrücke.

Erst gegen Morgen kam der Arzt. Auch er sah außerordentlich angegriffen aus, er hatte sich über seine Kräfte anstrengen müssen und kam nun doch noch zu dem entfernten Patienten, dem er seine Hilfe versprochen hatte, und zwar in Begleitung des Lehrers, der bis jetzt an der Unglücksstätte mitgearbeitet hatte, um den Verunglückten die erste Hilfe zu bringen.

Die Lehrerin empfing sie.

»Wie steht es?« fragte sie. »Ist das Unglück groß?« – »Es sind der Opfer weit mehr, als wir erwarteten«, antwortete Wilhelmi. »Wie geht es unserem Marchese?« – »Er fällt aus einer Ohnmacht in die andere.« – »So sind edle Teile verletzt«, sagte der Arzt. »Wir haben glücklicherweise alles bei uns, was wir brauchen. Kommen Sie, Wilhelmi!« – »Soll ich mit?« fragte die Frau. – »Nein, das ist nichts für Sie.«

Die beiden Männer gingen nach oben, und bald hörte die lauschende Lehrerin das laute Wimmern des Patienten, der nicht die Kraft besaß, seiner Schmerzen Herr zu werden.

Nach langer Zeit kamen die Herren wieder herab. Gerard war bei ihnen.

»Das war ein böser Akt«, sagte der Arzt »So ein feiner Herr hat keine Widerstandsfähigkeit. Er wird aufopfernder Pflege bedürfen.« – »Daran soll es nicht fehlen«, erwiderte die Lehrerin. »Ist die Einrichtung des Armes gelungen?« – »Ich glaube. Aber sein Kopf macht mir Sorgen, er hat eine mehr als kräftige Kontusion erlitten. Wir müssen unausgesetzt Eisumschläge machen. Haben Sie Eis?« – Ja«, entgegnete der Lehrer. Im Wald draußen gibt es trotz des milden Wetters dessen mehr als genug. Wir haben da Schluchten, wohin keine Sonne dringen kann. Ich werde mir sogleich welches holen lassen.« – »Darf ich jetzt einmal fort?« fragte Gerard. – »Ja«, versetzte der Arzt. »Ihr Herr ist so angegriffen, daß er vor einigen Stunden sicher nicht erwachen wird.« – »Bis dahin bin ich zurück.« – »Ich werde mich seiner in Ihrer Abwesenheit annehmen«, meinte die brave Lehrerin.

Gerard ging. Es war Tag geworden, so daß er den Weg finden konnte. Je mehr er sich der Bahn näherte, desto deutlicher sah er, welche Verwüstung der Fluß angerichtet hatte. Der fürchterliche Aufprall der Wogen hatte den Bahndamm gerade in dem Augenblick zerrissen, in dem der Zug an die gefährliche Stelle kam. Jetzt waren zahlreiche Arbeiter beschäftigt den Durchbruch zu verstopfen. Das war bei der Macht, mit der sich die Fluten hindurchdrängten, eine sehr schwierige Arbeit. Man rollte schwere Baumstämme hinab, die sich vor die Dammöffnung legten und so dem Wasser Halt geboten. Darauf warf man riesige Quaderstücke, die die Kraft des Wassers zum großen Teil brachen und nun durch Steinschutt verbunden wurden, der die Wogen vollends zur Seite lenkte, so daß man zur Ausfüllung durch Erde schreiten konnte. Oben auf dem Damm war man bereits beschäftigt die beschädigten Schienen zu entfernen und durch neue zu ersetzen.

Das sah Gerard, als er kam. Am Fuß des Dammes standen die Herren der Kommission, die gekommen waren, den Sachverhalt zu untersuchen und zu ermitteln, wen die Schuld treffe. Es hatte sich bereits herausgestellt daß der Wärter, auf dessen Strecke das Unglück geschehen war, seine Pflicht getan habe. Die Hauptzeugen waren sein Kollege und der Jäger Ludwig, der auch vernommen worden war. Beide konnten beschwören, daß der Betreffende vor der Ankunft des Zuges seine Strecke besichtigt habe. Die einzige Ursache bildete der Fluß, der seine Ufer durchbrochen und sich nun mit aller Macht gegen den Bahndamm geworfen hatte.

Aus fernen Maschinen Werkstätten waren kräftige Eisenarbeiter herbeigeeilt, die mit ihren schweren Werkzeugen unter den Wagentrümmern aufräumten. Ihnen sah Gerard eine Weile zu, bis er bemerkte, daß der Jäger sich einmal allein befand und nun zu sprechen sei, dann trat er zu ihm und sagte höflich:

»Erlauben Sie, daß ich mich bei Ihnen bedanke!« – »Warum?« fragte Ludwig, aber er besann sich sofort und fügte hinzu. »Ah, ich habe Sie heute nacht bereits gesehen.«

»Ja, Sie kamen sofort, nachdem das Unglück geschehen war, um uns zu helfen.« – »Sie sind unverletzt hier?« »Ja, Gott sei Dank. Aber mein Herr hat den Arm zweimal gebrochen und auch eine Kontusion am Kopf.« – »Das ist schlimm dahier! Wo liegt er?« – »Drüben im Dorf Genheim, beim Lehrer Wilhelmi.« – »Da ist er an einem guten Ort.« – »Sie kennen diese braven Leute?« fragte Gerard. – »Sehr gut. Sie sind ja mit meiner Herrschaft daher verwandt. Ich war gestern dort.« – »Mit Ihrer Herrschaft? Darf ich fragen, wer das ist?« – »Jawohl. Ich stehe da drüben in Rheinswalden beim Oberförster Hauptmann von Rodenstein in Dienst. Er ist verwitwet, und seinem Haus steht eine Frau Sternau vor, die mit dem Lehrer Wilhelmi verwandt ist.« – »Diese Dame ist nicht verheiratet?« – »Nein, sie ist Witwe dahier.« – »Sternau, Sternau …!« sagte Gerard nachdenklich. – »Ist dieser Name Ihnen bekannt?« – »Ja, von Paris her.« – »Ah! Möglich!« – »Ich kannte dort einen Doktor Sternau, der ein Deutscher war.« – »Vielleicht ist dies der Sohn unserer Frau Sternau.« – »Er war bei Professor Letourbier…« – »Das stimmt, das stimmt dahier! Der junge Herr war bei diesem Professor.« – »Ah! Wo befindet er sich jetzt?« – »In Rheinswalden, bei uns.« – »Er hat eine Dame aus Spanien bei sich?« – »Ja. Er hat sie von einer fürchterlichen Fliege geheilt dahier.« – »Und einen Spanier nebst einer Spanierin als Dienerschaft?« – »Ja, das ist unser Alimpo und unsere Elvira. Woher wissen Sie das?«

Gerard durfte nicht zu viel sagen, er antwortete also:

»Ich erfuhr es ganz zufällig. Ich sprach mit einer Dienerin des Professors, die mir es im Lauf des Gesprächs erzählte.« – »So sind Sie ein Franzose dahier?« – »Ja.« – »Und Ihr Herr auch?« – »Nein; er ist ein Italiener, ein Marchese d'Acrozza.« – »Ein Marchese? Das ist so viel wie ein Marquis dahier?« – »Ja.« – »So freut es mich, daß er sich in so guten Händen befindet. Bei Wilhelmis ist er so gut aufgehoben, daß er gewiß zufrieden sein wird dahier. Ich denke, daß er sich …«

Der Jäger wurde unterbrochen.

Droben auf dem Damm war eine Schiene gesprungen, und die eine Hälfte derselben stürzte herab, gerade in der Richtung, in der die beiden Sprechenden standen.

»Vorsicht! Weg da unten!« rief es von oben.

Es war bereits zu spät. Sie sprangen zwar beide zur Seite, aber das Schienenstück traf auf einen Stein auf, dadurch wurde die Richtung seines Falls verändert und es schlug mit seiner ganzen Schwere auf Gerard hernieder, der augenblicklich zusammenbrach.

»Mein Gott, den hat es erschlagen dahier!« rief Ludwig erschrocken.

In der Zeit von einer Minute waren alle Anwesenden um den Bewußtlosen versammelt

»Es ist ein Diener. Wer kennt ihn?« fragte ein Herr der Untersuchungskommission. – »Ich«, sagte der Jägerbursche. – »Nun?« – »Er steht bei einem italienischen Marchese in Diensten, der heute nacht mit verunglückt ist.« – »Und wo befindet sich dieser Herr?« – »Drüben in Genheim beim Lehrer Wilhelmi.«

Der Herr bog sich nieder und untersuchte den Verletzten.

»Er ist nicht tot«, sagte er, »er atmet noch. Der Schlag hat ihn auf die Schulter getroffen. Welch eine Unvorsichtigkeit, sich hierher zu stellen!«

Ein anderer Herr schnitt den Livreerock auf und untersuchte die Schulter.

»Die Knochen dieses Mannes müssen von Panzerstahl geschmiedet sein. Ich glaube, daß nur das Schlüsselbein verletzt ist«, sagte er.

Die Schmerzen dieser etwas derben Untersuchung erweckten Gerard aus seiner Betäubung, er schlug die Augen auf und blickte sich im Kreis um.

»Wie befinden Sie sich?« fragte ihn der Herr, der ihn zuletzt untersucht hatte.

Gerard machte sehr erstaunte Augen, besann sich aber, erhob sich und fühlte nach seiner Schulter.

»Donnerwetter, die Clavicula ist kaputt!« sagte er. – »Die Clavicula? Was ist das dahier?« fragte Ludwig. – »Das Schlüsselbein«, antwortete der Schmied gleichmütig.

Dann bückte er sich nieder, faßte die Schiene mit der Hand der unverletzten Seite, hob sie empor, wog sie prüfend, blickte forschend an dem Damm empor und sagte:

»Ein Wunder ist es nicht. Wenn ein solches Stück sieben Meter hoch herunterstürzt, so mag der Teufel ein ganzes Schlüsselbein behalten!«

Die Anwesenden blickten sich ganz erstaunt an, dann begann einer zu lächeln, nachher zu lachen, die anderen stimmten ein. Und so ernsthaft die Situation eigentlich war, es erschallte rundum ein lautes Gelächter, das erst verstummte, als einer der Herren rief:

»Aber Mensch, ich denke, es muß Sie totgeschlagen haben!« – »Pah! Das müßte anders kommen!« – »Ich wollte Sie eben aufladen und nach Genheim schaffen lassen.« – »Danke sehr, Monsieur! Ich gehe selbst.«

Gerard machte in der Tat Miene, den Platz zu verlassen.

»Aber so warten Sie doch!« warnte man ihn jedoch da. »Nehmen Sie wenigstens jemand mit. Sie werden unterwegs umfallen!« – »Keine Sorge, meine Herren!« sagte er. »An einem Schlüsselbeinbruch fällt man nicht um, der heilt unter Umständen sogar von selbst. Besten Dank, und adieu!«

Damit ging er. Die Leute blickten ihm nach, so lange sie ihn sehen konnten, aber sie bemerkten nicht das leiseste Zittern an ihm. Er war ein Garotteur, seine Nerven waren von Eisen, seine Flechsen von Stahl und seine Knochen von einer Materie, die einen Bruch wohl auszuhalten vermag.

10. Kapitel.

Auf das außerordentlich milde Wetter folgte plötzlich eine ganz ungewöhnliche Kälte, die die übergetretenen Gewässer zu Eis erstarren ließ und in Feld und Wald alles Leben zu ertöten schien.

Das war eine böse, schwere Zeit für die armen Heimgesuchten, deren Obdach von den Fluten der Überschwemmung zerstört worden war. Sie litten am meisten, wenn auch nicht allein. Die Armut getraute sich nicht in die grimmige Kälte hinaus, um ein Bündel Leseholz für die kalte Stube zu holen, die Sperlinge fielen von den Dächern, und das Wild kam in die unmittelbare Nähe der Menschen, um bei ihnen Hilfe gegen Frost und Hunger zu suchen.

Aber nicht bloß Frost und Hunger drohte den Bewohnern des Waldes, es gab noch andere, gefährlichere Feinde, die der Frost aus den Höhen der Gebirge herbeigezogen hatte.

Der Hauptmann von Rodenstein saß in seiner Arbeitsstube, qualmte seine Morgenpfeife und brachte allerlei Rechnungen zu Papier, was nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung war. Daher lag seine Stirn in Falten, und sein Auge warf grimmige Blicke auf die Ziffern, die er aneinanderreihen mußte, wie die Soldaten einer Kompanie. Da klopfte es.

»Herrrein!« rief er.

Die Tür ward geöffnet, und der kleine Kurt Helmers trat ein.

»Guten Morgen, Herr Hauptmann!« grüßte er. – »Morgen!« brummte der Alte, indem er weiterschrieb.

Erst nach längerer Zeit warf er einen forschenden Blick auf den Knaben, der noch immer in militärischer Haltung an der Tür stand.

»Donnerwetter!« rief er da. »Wo hast du deine Pelzjacke, Junge?« – »Im Kleiderschrank.« – »Im Kleiderschrank! So!«

Der Hauptmann warf die Feder von sich und erhob sich mit drohender Gebärde.

»Sage einmal, wozu du die Jacke hast, Bube!« – »Zum Anziehen, Herr Hauptmann!« antwortete Kurt furchtlos. – »Gut, zum Anziehen. Im Sommer oder im Winter, he?« – »Im Winter.« – »Was ist denn jetzt? Etwa Sommer?« – »Es ist Winter, Herr Hauptmann.« – »Na, warum ziehst du sie denn nicht an, he?« – »Der Vater hat's verboten.« – »Der Va…! Ah, den soll der Teufel reiten! Warum hat er es verboten, he?« – »Er sagt, ich würde eine alte Frau, wenn ich mich so einmummele.« – »So, so! Hm, hm! Eine alte Frau. Jetzt, bei zweiundzwanzig Grad Kälte! Sage einmal, wer hat da drüben auf dem Vorwerk die Herrschaft?« – »Der Vater.« – »Und hier im Schloß?« – »Der Herr Hauptmann von Rodenstein.« – »Und wo bist du jetzt?« – »Auf dem Schloß.« – »Wem hast du also zu gehorchen?« – »Dem Herrn Hauptmann.« – »Gut Ja. Also. Jetzt packst du dich hinüber, ziehst die Pelzjacke an, setzt die Pelzmütze auf die Ohren und kommst wieder!« – »Und wenn es der Vater nicht leiden will?« – »So sagst du ihm, daß ich hinüberkomme und ihm einige Pfund Rehposten auf den Pelz brenne. Basta! Abgemacht! Rechtsum kehrt! Marsch!«

Der Knabe hatte bis jetzt in Achtung gestanden. Nun machte er kehrt und stampfte mit militärischem Schritt zur Tür hinaus.

Der Hauptmann konnte bei diesem Anblick ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Wetterjunge!« brummte er. »Ist mir weiß Gott ans Herz gewachsen, wie das Kraut an den Strunk!«

Er dachte keineswegs daran, daß dieser Vergleich für ihn nicht schmeichelhaft sei, sondern setzte sich wieder nieder, nahm die Feder zur Hand und schrieb Ziffern. Aber schon nach wenigen Minuten wurde er von neuem gestört. Es klopfte abermals.

»Herrrein!« rief er.

Kurt war es wieder, aber in Pelzjacke und einer gewaltigen Fuchsmütze, unter der seine Augen hell und lustig in die Welt blickten.

»Guten Morgen, Herr Hauptmann!« grüßte er zum zweiten Mal. – »Morgen!« brummte der Alte.

Erst nach einer ganzen Weile warf er einen Blick auf den Knaben, dann aber erheiterte sich sein Gesicht, er warf die Feder abermals fort und sagte:

»Na, ist das nicht etwas anderes, Junge?« – »Ja, wärmer, Herr Hauptmann!« – »Versteht sich! Du sollst mir keine alte Frau werden, aber bei dieser Kälte fährt man in die Federn oder in den Pelz. Wie steht es mit deiner Aufgabe?« – »Fertig!« – »Her damit!« – »Hier!«

Kurt griff in die Tasche und zog eine Papierrolle hervor, die er dem Oberförster überreichte. Dieser machte sie auf und sagte: »Rührt euch!«

Auf dieses Kommandowort nahm der Knabe eine bequemere Stellung an. Der Alte aber betrachtete mit leuchtenden Augen die Figuren, die auf das Papier gezeichnet waren. Es waren die Fährten der verschiedensten jagdbaren Tiere. Der Junge mußte seine Sache sehr gut gemacht haben. Plötzlich aber verfinsterte sich das Gesicht des Oberförsters, er fuhr den Knaben an:

»Wer hat geholfen?« – »Niemand, Herr Hauptmann.« – »Lüge nicht, Kerl!«

Da blitzten die Augen des Knaben zornig auf; er trat schnell an den Schreibtisch, zog einen leeren Bogen herbei, ergriff einen Bleistift und sagte:

»Probieren!«

Er sprach nur dies eine Wort, aber auf seinem jugendlichen Gesicht lag und aus dem Ton seiner Stimme klang eine solche Zuversicht, daß der grimmige Alte einsehen mußte, daß er ihm unrecht getan habe.

»Papperlapapp!« meinte er. »Wozu probieren! Also du hast das wirklich ganz allein gemacht?« – »Ja.« – »Auch niemand gefragt oder es ihm gezeigt?« – »Nein.« – »Na, das ist Gott Strambach alles, was nur möglich ist! Zeichnet dieser Bube die Fährten so richtig und genau, daß ich es nicht besser machen könnte. Komm her, Schlingel; ich muß dir einen Schmatz geben, und zwar einen ordentlichen.«

Gerade als der Hauptmann seine bärtigen Lippen auf den jugendlichen Mund drückte, klopfte es abermals an die Tür.

»Herrrein!« rief er.

Der Bursche Ludwig trat ein.

»Guten Morgen, Herr Hauptmann!« – »Morgen. Was gibt es?« – »Kaffee oder Warmbier?« – »Warmbier. Zweiundzwanzig Grad Reaumur.«

Der Bursche drehte sich um, trat hinaus, nahm dem draußen stehenden Mädchen eines der beiden Services ab, die es in den Händen hatte, und setzte es dem Oberförster vor. Es enthielt Warmbier.

»Schön«, sagte der Alte. »Abtreten!«

Aber Ludwig ging nicht, sondern blieb stehen.

»Na, warum nicht?« fragte der Hauptmann. »Was gibt es noch?«

– »Etwas Außerordentliches dahier, Herr Hauptmann!« – »Ah, was denn?« – »War heute im Wald und habe eine Spur gesehen.«

Da griff der Alte nach der Zeichnung des Knaben, reckte sie dem Burschen hin und fragte:

»Welche von diesen?«

Ludwig blickte die Zeichnung durch und rief erstaunt: »Donnerwetter! Prachtvoll gemacht! Gewiß eine Arbeit des Herrn Hauptmann, noch von der Akademie aus, dahier.«

Der Alte machte ein sauersüßes Gesicht.

»Dummheit, Akademie«, sagte er, »der Junge da hat es gemacht«

– »Der da, der Kurt?« fragte der Bursche ganz erstaunt. – »Ja. Hörst wohl schwer?« – »Da fahre doch das Wetter drein! Der Kerl hat sogar mich über dahier!«

Jetzt lachte der Alte vergnügt.

»Dazu gehört nicht viel«, sagte er, während des Knaben Augen vor Genugtuung leuchteten. »Aber welche Fährte von diesen hast du heute gesehen?« – »Sie ist hier nicht mit dabei.« – »Dann ist's was ganz Außerordentliches!« – »Allerdings.« – »Nun?« – »Darf ich sie hinzumalen, Herr Hauptmann?« – »Ja.«

Ludwig ergriff den Bleistift und zeichnete. Er hatte den dritten Tapfen noch nicht fertig, so sprang der Hauptmann auf und rief:

»Ist's wahr! Ein Wolf!« – »Ja, Herr Hauptmann, ein Wolf, und was für einer. Er war am Forellenbach.« – »Donnerwetter! Mach dich fertig; wir holen ihn.« – »Wer noch mit?« – »Die andern alle und die Hunde. Ich will erst frühstücken und die Rechnungen fertig machen. In einer halben Stunde geht es fort.«

Der Hauptmann hatte diese Befehle im Ton der Begeisterung gegeben, denn ein Wolf war hier eine Seltenheit.

»Darf ich mit, Herr Hauptmann?« fragte da der Knabe. – »Du? Bist du gescheit? Der Wolf würde dich fressen.« – »Mich?« fragte Kurt, indem seine Augen zornig blitzten. – »Ja. Das ist nichts für Knaben. Ein Wolf ist in solcher Kälte ein gefährliches Tier.« – »Ich habe ja meine Doppelbüchse.« – »Papperlapapp! Habe jetzt keine Zeit! Packt euch!«

Der Hauptmann schob alle beide zur Tür hinaus. Draußen blieb der Knabe stehen und flüsterte:

»Ludwig, geht es wirklich nicht?« – »Nein, mein Junge; er hat es einmal gesagt.« – »Gib du ihm doch gute Worte.« – »Ich werde mich hüten. Dieser Wolf ist ein ganz außerordentlicher Kerl dahier; so groß wie ein richtiges Kalb. Da wärst du verloren.«

Damit ließ Ludwig den Knaben stehen und eilte davon.

Kurt verweilte einen Augenblick ganz betrübt an derselben Stelle; dann erhellte sich plötzlich sein Gesicht und er eilte davon, zur Treppe hinunter, zum Hof hinaus und nach dem Vorwerk hinüber.

»Warte, nun grade, nun grade!« räsonierte er unterwegs. »Mich soll kein Wolf fressen, mich nicht, mich nicht!«

Im Vorwerk angekommen, ging er nach der Stube. Dort saß sein Vater, der Steuermann, über verschiedenen Seekarten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Er sah, daß der Junge nach seinem Hinterlader griff und Patronen einsteckte.

»Wohin?« fragte er. – »Krähen schießen, Papa.« – »Gut, aber nicht lange; es ist zu kalt.«

Es kam täglich vor, daß Kurt zu seiner Übung Krähen schoß, darum fiel es nicht auf. Der Junge steckte also unbemerkt ein kleines Weidmesser und eine feste Leine zu sich; dann ging er. Draußen hinter dem Vorwerk blieb er überlegend stehen.

»Am Forellenbach soll der Wolf gewesen sein!« murmelte er vor sich hin. »Hm, sie dürfen nicht sehen, daß ich vor ihnen hinaus bin. Ich mache einen Umweg, gehe durch die Erlen und dann hinüber nach dem Eichberg; da habe ich auch die Luft für mich.«

Also die Richtung des Windes hatte er doch schon, und zwar ganz unwillkürlich gesichert. Der mutige Knabe hatte gar keine Ahnung, welcher Gefahr er entgegenging.

Er huschte auf die Straße hinüber, eilte eine Strecke auf derselben hin und trat dann in einen Erlenschlag ein, der sich links hinüberzog. Hier schritt er unbesorgt wohl zehn Minuten lang zwischen den Büschen hin, bis ein trockenerer Boden kam, der mit hohen Eichen bestanden war. Er hatte wohl noch eine halbe Stunde bis zum Forellenbach zu gehen, nahm aber doch sein scharf geladenes Doppelgewehr, das er vom Hauptmann geschenkt erhalten hatte, von der Schulter und hielt es schußgerecht im Arm.

Er fühlte nichts von der grimmigen Kälte; der Gedanke, einen Wolf zu sehen, erwärmte ihn. Er dachte nicht daran, daß das Tier erst gesucht werden müsse, daß es zwar am Forellenbach seine Fährte gezeichnet habe, jetzt aber bereits stundenweit davon entfernt sein könne. Er schritt nur immer weiter, dem Bach zu.

Da krachte im Forst ein Baum. Ganz unwillkürlich wandte Kurt das Auge nach der Richtung, aus der der Schall gekommen war, und sofort blieb er stehen.

»Ein Hund!« flüsterte er. »Ein fürchterlich großer Hund! Oder ist das der Wolf?«

Rasch trat er hinter die nächste Eiche. Nicht dreißig Schritt von ihm entfernt stand die Gestalt eines hundeähnlichen Tieres, das auch nach der Richtung äugte, in der der Baum gekracht hatte. Die spitzen Ohren waren horchend emporgerichtet und der buschige Schwanz steckte zwischen den hinteren Beinen. Es war ein großes, mächtiges, aber sehr mageres Tier; es mußte der Wolf sein.

Er mochte sich beruhigt haben und kam im Trottelschritt näher. Jetzt war er kaum noch zwanzig Schritt entfernt. Die Luft stand gut.

Da hob Kurt sein Gewehr, und nicht im geringsten zitternd, da er ja zwei Schüsse hatte, zielte er gerade auf die Brust des Tieres und drückte ab. Der Schuß krachte, das Tier fuhr auf die Hinterbeine zurück, tat einen halben Sprung vorwärts, brach zusammen, wollte sich wieder aufraffen, stieß ein halbes, abgebrochenes Heulen aus und lag verendet am Boden.

Zunächst lud Kurt den abgeschossenen Lauf wieder, dann trat er zu dem Tier; es bot einen so ekelhaften Anblick, daß der Knabe sofort im stillen meinte: Das ist kein Hund, sondern der Wolf. Vor Freude glühend, stand er da.

»Was tue ich?« fragte er sich. »Schaffe ich ihn heim? Nein. Sie werden seiner Fährte folgen und ihn bereits erlegt finden. Dann sehen sie auch meine Fußtapfen. Welch ein großer, großer Ärger für sie! Ich gehe fort und lasse ihn liegen.«

Und das tat er auch wirklich. Aber er befand sich nun einmal im Wald und wollte nicht gleich wieder nach Hause gehen, darum schritt er langsam durch den Schnee, immer weiter in den Eichwald hinein, in der Hoffnung, vielleicht noch auf irgendein kleines Wild zum Schuß zu kommen.

So suchte und suchte er, bis er fühlte, daß er ermüdet sei. Es gab da eine umgebrochene Blutbuche, auf deren Stamm er sich setzen konnte, und er tat dies, um ein wenig auszuruhen.

Hier saß er wohl eine Viertelstunde lang, als er auf einen ganz eigentümlichen Laut aufmerksam wurde. Es klang, als ob ein Eichkätzchen da oben in den Eichen seine Kletterversuche mache, aber viel lauter und kräftiger. Er blickte nach der Richtung, aus welcher dieses Geräusch kam, empor und duckte sich im Nu unter den Stamm nieder, auf dem er gesessen hatte.

»Eine Katze, eine wilde Katze gewiß«, flüsterte er. »Aber was für ein Vieh!«

Es war allerdings ein katzenähnliches Tier, das er erblickte, aber von ganz bedeutender Größe. Es bewegte sich nicht am Boden, sondern oben in den Zweigen von einem Baum zum anderen. Es war über einen und einen halben Meter lang, sah oben fuchsrot und unten weiß aus und hatte einen schwarzgeringelten Schwanz. Es machte Sprünge von bedeutender Weite und duckte sich, von einem Baum auf dem anderen angekommen, immer erst tief und eng auf dem Ast nieder, um zu gewahren, ob es sicher sei.

»Nein, eine Wildkatze ist es nicht«, sagte Kurt. »Aber was sonst? Ah, mag es sein, was es will, ich schieße!«

Das mußte aber schnell geschehen, denn das Tier nahm seine Richtung nach seitwärts hinüber. Eben schlich es sich nach dem vorderen Teil eines starken Astes und erhob sich, um einen Sprung zu tun, da legte der mutige Knabe sein Gewehr an. Das Tier gab ihm in seiner gegenwärtigen Stellung ein schönes Ziel. Nur einen einzigen Augenblick zielte er, dann krachte der Schuß. Da sprang das Tier nach einem Ast des nächsten Baumes, erreichte diesen aber nicht, sondern stürzte, sich in der Luft zweimal wendend, zu Boden herab. Nun aber richtete es sich empor und starrte nach der Richtung, aus der der Schuß gefallen war. Seine Augen glühten wie Feuer.

»Noch einmal!«

Diese Worte rief Kurt ganz laut. Das Tier bot ihm jetzt gerade die vordere Brust. Rasch drückte er den zweiten Lauf ab, und im nächsten Augenblick prallte das Tier gegen den Stamm, hinter dem er lag. Es krallte seine Klauen in denselben ein, aber es kam nicht hinüber; es war tödlich getroffen. Ein eigentümliches Fauchen und Knurren erscholl; dann ertönte ein Schrei, und nun war es still.

Der Knabe hatte nach dem zweiten Schuß die Büchse fortgelegt und das Messer gezogen. Er wußte, daß es so richtig sei. Er hatte auch in kniender Stellung das Messer zum Stoß bereitgehalten, falls das Tier über den Stamm herüberkommen würde, aber was wäre er in diesem Fall gegen ein solches Raubzeug gewesen!

Jetzt erhob er sich, lud sein Gewehr wieder und betrachtete sich das Tier. Er erschrak.

»Oh, was ist das!« rief er vor Schreck ganz laut »Das Vieh hat Ohrpinsel; das ist ein Luchs!«

Es schien ihm ganz unglaublich, ein solches Tier erlegt zu haben; aber er erhielt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er vernahm von weitem her ein Geräusch und drehte sich nach demselben um. Er brauchte nicht lange zu waren, so erschien ein Mann aus dem nächsten Dorf mit einem Holzschlitten. Er war arm und trotz der Kälte in den Wald gegangen, um sich Fallholz aufzulesen, was ja erlaubt war. Beide kannten einander.

»Wer ist denn das?« sagte der Mann. »Mosjeh Kurt! Guten Morgen!« – »Guten Morgen, Klaus!« entgegnete der Kleine hocherfreut. »Höre, Klaus, willst du dir einen Taler verdienen?«

Der Mann schlug die Hände zusammen.

»Einen Taler? Oh, wie gern! Aber wie?« – »Du sollst mir einen Luchs und einen Wolf nach dem Schloß fahren.« – »Einen Luchs und einen Wolf? Die gibt es ja hier bei uns nicht« – »Nicht?« lachte der Knabe fröhlich. »Wollen wir wetten?« – »Ich bin arm; ich habe; nichts zu verwetten.« – »So schau einmal hierher!«

Kurt deutete hinter den Stamm, und der Mann sah sich das erlegte Tier an.

»Herrgott, das ist wirklich ein Luchs!« rief er. »Wer hat den geschossen?«

»Ich natürlich.« – »Sie, Mosjeh Kurt? Das ist unmöglich!« – »Hast du die Schüsse nicht gehört, und siehst du andere Tapfen als die meinigen?«

Der Mann blickte sich aufmerksam um.

»Es ist bei Gott wahr!« rief er erfreut. »Sie sind es gewesen! Aber, Mosjeh Kurt, da hat Sie der liebe Gott beschützt!« – »Ja, aber mache schnell! Der Luchs und der Wolf müssen aufgeladen werden, ehe der Hauptmann kommt. Er will den Wolf schießen.« – »Denselben?« – »Denselben«, nickte der Knabe lachend. »Ich wollte mit, aber ich durfte nicht, denn der Herr Hauptmann dachte, daß der Wolf mich fressen würde.« – »Und da sind Sie allein gegangen?« – »Ja.« – »Welch ein Wagnis!« rief der Mann ganz entsetzt. – »Oh, nun kann ich den Wolf essen, und den Luchs dazu! Aber nun schnell, lade auf!«

Die seltene Beute wurde aufgeladen, und eben wollte sich der Mann in Bewegung setzen, da hielt ihn Kurt noch zurück.

»Höre, Klaus«, sagte er, »der Herr Hauptmann wird meine Spur finden und ihr nachgehen; darum wollen wir sie verbergen. Du trittst in die Tapfen, die ich gemacht habe, und nun vorwärts.«

Damit schritt Kurz voran, ganz in seinen früheren Fußtapfen, und Klaus folgte, indem er die Tapfen des Knaben größer trat. So gelangten sie zu der Stelle, wo der Wolf lag. Auch er wurde aufgeladen, und Klaus deckte beide Tiere mit Reisig zu.

Nun ging es auf demselben Weg zurück, auf dem Kurt durch die Erlen gegangen war, wobei auch hier seine Tapfen verwischt wurden. Auf diese Weise gelangten sie nach dem Vorwerk.

Der Steuermann trat aus dem Haus und wollte zanken, daß Kurt so spät zurückkehrte, dieser jedoch fiel ihm in die Rede.

»Papa, hast du einen Taler?« – »Einen Taler?« fragte Helmers, ganz erstaunt über diese Forderung. »Für wen?« – »Für den Klaus hier. Da unter dem Reisig steckt etwas; er hat es mir aus dem Wald hierhergefahren, und ich habe ihm dafür einen Taler versprochen.« – »Du bist nicht klug.« – »Hältst du mich für dumm, Papa?« – »Hm! Was ist es denn?« – »Das darf jetzt nicht gesagt werden, sondern erst wenn der Herr Hauptmann aus dem Wald kommt.«

Helmers überlegte sich die Sache. Der Hauptmann konnte ja etwas erlegt haben.

»Ist es einen Taler wert, was du da bringst?« fragte er den Mann. – »Ja, noch viel mehr«, antwortete dieser. – »Gut, so sollst du ihn haben. Hier!«

Helmers gab Klaus das Geldstück und fragte dann seinen Sohn: »Also ich darf nicht wissen, was es ist, und sonst auch niemand?« – »Nein.« – »Aber Klaus braucht seinen Schlitten, du mußt also abladen.« – »So gehst du in die Stube, und wir laden im Holzstall ab, dessen Schlüssel ich behalte.« – »Heimlichkeit über Heimlichkeit!« schalt Helmers.

Aber er tat doch Kurt seinen Willen und ging in die Stube.

Klaus fuhr nun mit dem Schlitten und seinem Taler ab, ohne das Geheimnis zu verraten, und Kurt lief den ganzen Vormittag im Vorwerk und im Schloß umher, wie einer, dem irgend etwas das Herz abdrücken will.

Endlich kehrte der Hauptmann mit seinen Untergebenen aus dem Wald zurück. Kurt sprang ihm entgegen.

»Haben Sie ihn, Herr Hauptmann?« fragte er. – »Packe dich zum Teufel, Bube!« lautete die Antwort.

Der Oberförster war augenscheinlich in einer höchst grimmigen Stimmung. Er schob den Knaben beiseite und ging nach seiner Wohnung. Kurt wartete, bis die Burschen sich in ihrer Stube versammelt hatten, ehe er dort eintrat.

»Habt ihr ihn, Ludwig?« war auch hier seine erste Frage. – »Nein, sondern er hat uns gefoppt«, antwortete der Gefragte und zog den Tabaksbeutel hervor, um sich eine neue Pfeife zu stopfen. Als dies geschehen war und der Tabak brannte, setzte er sich zu den anderen an den Ofen und sagte. »Kurt, du bist noch sehr jung dahier, aber man darf dir schon etwas sagen.« – »Nun?« fragte der Knabe neugierig. – »Ich meine etwas, was du noch nicht zu wissen brauchst, weil dabei selbst uns Großen der Verstand stillsteht dahier.« – »Ja, vollständig still«, stimmte ein anderer bei. – »Halte den Mund, wenn ich rede!« fuhr ihn Ludwig an. »Dein Verstand steht übrigens stets still. Kurt, hast du einmal von der schwarzen Henne gehört oder von einem dreibeinigen Hasen?« – »Nein.« – »Vom achtbeinigen auch nicht?« – »Nein.« – »Von der Eule mit den vier Flügeln oder vom Hund mit einem Kopf und Schwanz vorn und hinten?« – »Auch nicht.« – »Aber vom wilden Hackelberg hast du gehört, sowie vom wilden Jäger und vom getreuen Eckart?« – »Ja.« – »Nun gut, wir sollen dir von solchen Sachen nichts erzählen, der Herr Hauptmann hat es uns verboten, aber aus ihnen geht doch hervor, daß es im Wald nicht ganz ohne ist dahier. Verstanden?« – »Ja.« – »Ich habe auch vieles nicht geglaubt, aber seit heute glaube ich alles und jedes, weil ich ein Gespenst gesehen habe.« – »Ein Gespenst?« fragte der Knabe. – »Jawohl, Gottstrambach, es ist wahr dahier!« – »Was denn für eins?« – »Hast du etwas gehört vom verwünschten Bär oder vom Geisterwolf?« – »Nein.« – »Nun siehst du, Kurt, den habe ich gesehen.« – »Den Geisterwolf?« – »Ja. Wenn du dem Herrn Hauptmann nichts wiedersagst, will ich es dir erzählen.« – »Ich sage nichts.« – »Nun gut. Also ich gehe heute morgen in den Wald und nehme einige Bunde Heu mit für die Rehe. Auf dem Rückweg komme ich an den Forellenbach, und da huscht etwas, so etwa zwanzig Schritt weit, an mir vorüber ins Gebüsch.« – »Der Wolf?« – »Ja. Als ich hinkomme, sehe ich sofort an der Fährte, daß es ein Wolf ist. Ich ging zum Herrn Hauptmann, zeichnete ihm die Fährte vor, und auch er sagte, daß es ein Wolf sei.« – »Ich war dabei.« – »Ja, du bist also Zeuge dahier! Darauf ziehen wir mit dem ganzen Hundezeug hinaus, um den Wolf zu stellen. Wir finden seine Fährte, folgen ihr und – weg ist sie auf einmal, wie fortgeblasen. Sie verlor sich auf einer Schlittenfährte, der wir bis auf die Straße gefolgt sind. Es sieht also ein jeder sehr leicht ein, daß es der Geisterwolf gewesen ist.« – »Ihr hättet mich mitnehmen sollen«, meinte Kurt sehr ernsthaft. – »Nein, beileibe nicht, denn weißt du, was es bedeutet, wenn der Geisterwolf erscheint?« – »Nun, was denn?« – »Es stirbt einer aus der Gesellschaft. Mich mag es immerhin betreffen. Seit ich damals den Sauschuß getan habe, ist mir alles egal dahier!«

11. Kapitel.

Am Nachmittag hatte sich Kurt abermals bei dem Oberförster einzustellen; er erhielt um diese Zeit Unterricht von ihm. Er machte sich also in Pelzjacke und Pelzmütze auf den Weg zu ihm, klopfte wie gewöhnlich an und trat auf das »Herrrrrein!« des Alten ein.

»Guten Tag, Herr Hauptmann!« – »'n Tag! Was gibt's?« – »Stunde, Herr Hauptmann.« – »Heute ist keine«, brummte der Oberförster. »Werde mir eine Stunde geben.«

Er saß auf seinem Stuhl und starrte durch das Fenster; erst nach langer Zeit wandte er sich zu dem Knaben und fragte:

»Hast du mit Ludwig gesprochen über den Wolf?« – »Ja.« – »Was sagte er?« – Ich darf es nicht sagen, Herr Hauptmann, weil ich es versprochen habe.« – »So! Das muß ich gelten lassen. Aber ich kann mir trotzdem denken, wovon die Rede gewesen ist. Von Geistern und Gespenstern. Hm! Junge, glaubst du, daß ein Tier verschwinden kann?« – »Ja, Herr Hauptmann, wenn es fortläuft oder fortgeschafft wird.« – »Hm, nicht übel! Heute ist uns unser Wolf verschwunden.« – »So ist er fortgelaufen oder fortgeschafft worden.« – »Könnte ich diesen Halunken nur erwischen! Ein gescheiter Kerl ist er. Ich gäbe gleich zehn Taler darum, wenn ich ihn bekommen könnte!« – »Den Wolf oder den Kerl, Herr Hauptmann?« – »Den Kerl zunächst« – Ich kenne ihn.«

Da sprang der Hauptmann auf.

»Wer ist es?« – »Ich darf es nicht sagen.« – »Donnerwetter! Hast du etwa auch ihm Verschwiegenheit versprochen?« – »Ja. Sagen darf ich nichts; aber zeigen darf ich dem Herrn Hauptmann etwas, woraus sich gleich erraten läßt wer der Kerl gewesen ist.« – »Kerl, ich will nicht hoffen, daß du mit mir Unsinn treibst!« – »Es ist mein Ernst.« – »Wo ist das, was ich sehen soll?« – »Drüben bei uns.« – »So gehe ich gleich mit jetzt gleich.« – »Herr Hauptmann, darf der Ludwig mit? Es ist auch für ihn.« – »Gut meinetwegen!« – »Und die anderen? Ich bitte darum!« – »Nun gut sie mögen mitlaufen, alle miteinander. Aber der Teufel soll dich holen, wenn es dir vielleicht einfallen sollte, Unsinn zu treiben!«

Sie brachen auf; die Burschen wurden gerufen, und nun ging es in Gesamtheit hinüber in den Hof des Vorwerks. Dort stand der Steuermann, der große Augen machte über den Zug, der bei ihm einwanderte. »Guten Tag, Herr Hauptmann!« grüßte er ehrfurchtsvoll. – »'n Tag! Wißt ihr, was wir hier wollen?« – »Nein.« – »Uns von eurem Jungen an der Nase führen lassen!« – »Das mag ihm ja nicht einfallen!« – »Will's ihm auch nicht raten!«

Kurt jedoch machte eine triumphierende Armbewegung und sagte zu seinem Vater:

»Hier, Papa, hast du den Schlüssel. Mache dem Herrn Hauptmann den Holzstall auf!«

Der Steuermann nahm den Schlüssel.

»Ah«, sagte er, »endlich klärt sich das Geheimnis auf!« – »Ein Geheimnis?« fragte der Hauptmann. – »Ja. Er hat hier etwas versteckt; wir werden es aber sogleich sehen.«

Helmers öffnete und trat zur Seite, um dem Hauptmann den Vortritt zu lassen. Dieser trat ein, blieb unter der Tür stehen und war einige Augenblicke lang ganz sprachlos.

»Himmeldonnerwetter!« rief er endlich; aber der Steuermann sah nur des Hauptmanns Rücken und merkte daher nicht, ob dies ein Ruf des Zorns oder der Überraschung sei. Er warf aber seinem Sohn einen drohenden Blick zu und fragte: »Was ist's, Herr Hauptmann?« – »Kreuzhimmeldonnerwetter!« – »Herr Hauptmann«, sagte Helmers, »wenn der Bube eine Dummheit gemacht hat, so …«

Da drehte sich der Alte endlich um. Sein Gesicht strahlte vor freudigem Erstaunen, und er unterbrach den Steuermann:

»Mund halten! Ludwig, er hat ihn!« – »Wen?« fragte der Bursche. – »Rate!«

Ludwig sann eine Weile nach und erwiderte:

»Ja, wer soll sich das denken!« – »Nun, den wir heute suchten!«

Da machte der Bursche eine sehr bestürzte Miene und sagte:

»Doch nicht etwa gar den Wolf!« – »Ja, ihn gerade!« – »Den Geisterwolf?« – »Den Geisterwolf, du Esel!« lachte der Oberförster grimmig und wollte soeben beiseite treten, um den anderen einen Einblick in den Holzstall zu lassen, als in demselben Augenblick der Briefträger durch das Hoftor eintrat. Aller Augen richteten sich auf ihn. Als er den Oberförster sah, fragte er:

»Herr Hauptmann, soll ich Ihre Briefe hinübertragen, oder darf ich sie sogleich hier abgeben?« – »Gib her!«

Der Briefträger übergab dem Oberförster nunmehr einige Briefe, darunter ein großes, amtlich versiegeltes Kuvert.

»Vom großherzoglichen Oberforstamt!« sagte letzterer erstaunt. »Und ein ›Eilig‹ darauf. Das muß sofort gelesen werden!«

Er steckte die anderen Briefe in die Tasche, öffnete diesen einen und las ihn durch. Sein Gesicht erhielt dabei einen ganz eigentümlichen Ausdruck. Als er fertig war, rief er:

»Da schlage doch ein hundertneunundneunzigtausendfaches Wetter drein!« – »Eine Hiobspost, Herr Hauptmann?« fragte Helmers. – »Nein, eine solche Freudenpost, daß man unbedingt fluchen muß. Hört einmal!«

Der Oberförster stellte sich in Positur, noch immer unter der Stalltür, so daß niemand hineinsehen konnte, und las langsam mit erhobener Stimme folgendes:

»An den Herrn Oberförster Kurt von Rodenstein,
Hauptmann a.D., auf Rheinswalden.

Geehrter Herr!

Nachdem die Strenge des Winters auch aus den Ardennen und anderen Bergen und Wäldern allerlei ebenso seltenes wie schädliches Raubzeug herbeigeführt hat, so werden Unsere Ober- und Unterforstämter hiermit bedeutet, allen Ernstes gegen dasselbe vorzugehen.

Wie vernommen, lassen sich hier und da Wölfe sehen; also teilen wir mit, daß demjenigen, der das erste dieser Tiere im Bereich unseres Landes schießt, eine Prämie von zwanzig Talern, jedem folgenden aber eine solche zu fünf Talern angezahlt werden soll. Zu unserem großen Erstaunen vernehmen wir, daß vorgestern in der Gegend von Winnweiler gar ein Luchs gesehen worden ist, ein Tier von der Gattung, die man Rotluchs nennt. Da nun dieses Tier ohne allen Zweifel das schädlichste Raubtier in Europa ist und auch höchst gefährlich für den Menschen, so ergeht an alle unsere Forstbeamten die Weisung, dasselbe unverweilt aufzusuchen und zu erlegen. Derjenige, der es erlegt, soll einen Ehrenpreis von hundert Talern erhalten, und soll die Meldung sofort anhero an Unsere Oberforstdirektion geschehen. Wonach genau zu achten und sich zu verhalten! Geschehen zu

Darmstadt, den

»Großherzogl. Oberforstdirektion.

Postskriptum:

Zum Erweise der Wahrheit sind von jedem Wolfe die beiden Ohren, von dem Luchse aber das ganze Fell nach hier abzuliefern, welches letztere noch extra nach Preis und Umständen honoriert werden soll.

D. O…«

Man kann sich kaum denken, welchen Eindruck der Inhalt dieses Schreibens auf die Burschen machte.

»Ein Luchs!« rief Ludwig. »Unmöglich!« – »Ist seit Menschengedenken noch gar nicht vorgekommen«, sagte einer zweiter. – »Wir müssen sofort eine große, allgemeine Streife vornehmen«, meinte ein dritter. – »Juchhe, hurra!« rief ein vierter, und dieser vierte war kein anderer als Kurt.

Der Oberförster warf ihm einen verweisenden Blick zu und sagte zu ihm:

»Halte den Schnabel, Junge! Bei solcher Streiferei mußt du hübsch zu Hause bleiben! Aber diese Streiferei ist gar nicht notwendig, denn hört, ihr Leute, wir haben sie!« – »Wen?« wagte Ludwig zu fragen. – »Den Wolf und auch den Luchs.« – »Den Wolf und auch den L…«

Das Wort blieb dem braven Gehilfen im Mund stecken.

»Ja, seht her.«

Der Oberförster trat zur Seite und ließ den Zutritt frei. Die Leute gingen in den Schuppen, und sofort erscholl ein vielstimmiger Ruf der höchsten Verwunderung.

»Gottstrombach, es ist wahr dahier!« rief Ludwig. – »Weiß Gott, der Wolf!« rief einer zweiter. – »Und der Luchs!« fügte ein dritter hinzu. – »Ja, sie sind es«, sagte der Oberförster triumphierend. »Jungens, ihr sollt heute einen Grog kriegen, der sich gewaschen hat, da mir die Ehre zuteil wird, daß dieses Zeug auf meinem Revier erlegt wurde.« – »Hallo, hurra, der Herr Hauptmann!« riefen alle. – »Aber«, fragte dieser den Steuermann, »wo ist denn der Wendelin oder der alte Stengler, he?«

Er meinte seine beiden Unterbeamten.

»Habe sie nicht gesehen, Herr Hauptmann«, antwortete der Gefragte. – »Sie waren also heute nicht zu Hause?« – »Ich bin heute nicht vom Hof fortgekommen.« – »So müssen Sie doch die Förster gesehen haben oder einen von ihnen.« – »Nein.« – »Na, wer soll denn sonst das Viehzeug gebracht haben?« – »Der alte Klaus.« – »Der alte Klaus?« fragte der Hauptmann erstaunt. »Wer hat ihn denn geschickt? Doch nur der Stengler oder der Wendelin. Ein anderer hat die Tiere doch nicht erlegt.« – »Herr Hauptmann, fragen Sie den da.«

Helmers zeigte auf seinen Sohn.

»Den da, Dummheit! Was hat der damit zu tun?« – »Er ging mit seinem Hinterlader in den Wald und …« – »In den Wald? Wann denn?« – »Gleich als er von Ihnen kam.«

Das Gesicht des Alten verfinsterte sich.

»Ich habe es ihm ja verboten. Der Sakkermenter, er soll seine Strafe erhalten. Wollte der dumme Junge mit auf die Wolfshatz gehen! Aber weiter, Steuermann.« – »Also«, sagte dieser, »er ging mit seinem Hinterlader in den Wald und kam erst nach ungefähr anderthalb Stunden wieder …« – »Der Bengel!« rief der Oberförster zornig. »Anderthalb Stunden! Der Wolf konnte ihn packen oder gar der Luchs ihn zerreißen! Weiter!« – »Er brachte den alten Klaus mit …« – »Ah, jetzt kommt's!« – »Sie hatten auf einem Schlitten eine Last, die mit Reisig zugedeckt war. Ich sollte nicht wissen, was es war, und da versteckten sie es hier im Holzstall. Jetzt nun ist's der Luchs und der Wolf.« – »Und wo ist der Klaus?« – »Gleich wieder fort.« – »Er hat aber doch gesagt, welcher Förster das Zeug schickt?« – »Nein, kein Wort.« – »Dummheit von dem alten Kerl. So etwas vergißt man doch ganz und gar nicht.«

Nun wandte er sich an Kurt und sagte:

»Hat er es dir gesagt, Junge?« – »Nein.« – »Hast auch nicht gefragt?« – »Nein.« – »Donnerwetter, nach so etwas fragt man doch! Warum hast du den Mund nicht aufgetan?«

Der Knabe tat sich eine innerliche Güte, alle diese Leute so auf die Folter zu spannen.

»Weil ich es eher wußte als der Klaus, wer es gewesen ist«, lachte er. – »Du weißt es? Nun, heraus damit!«

Sie alle lauschten in gespannter Erwartung auf den Namen.

»Ich selber!« sagte er triumphierend. – »Du sel… Junge, mache keine Faxen, sonst fuchtele ich dich!« schrie der Hauptmann. – »Es ist wahr!« – »Kurt!« warnte sein Vater. – »Es ist aber doch wahr!« behauptete er.

Sie standen alle sprachlos um ihn her. Der Hauptmann war ganz außer Fassung.

»Junge, entweder bist du ein verdammter Lügner; oder du hast den Teufel!« rief er. »Sag, wie ist es!« – Ich habe sie geschossen, Herr Hauptmann!« – »Alle beide?« – »Alle beide!«

Da machte Ludwig drei Kreuze und meinte:

»Er hat Gottstrambach den Teufel! Sonst ist's nicht die Möglichkeit dahier!« – »Kerl«, sagte der Oberförster, der das unmöglich begreifen konnte, »wenn du uns jetzt belügst, so ist es aus, du mußt mir von Haus und Hof!«

Da endlich ging dem Jungen die Geduld aus. Er machte ein finsteres Gesicht, stampfte mit dem Fuß und erwiderte:

»Sie brauchen mich gar nicht fortzujagen, ich gehe schon von selber!« – »Ah!« – »Ja, ich gehe jetzt gleich. Wer da denkt, daß ich wegen eines lumpigen Wolfes und wegen einer alten Katze ein Lügner werde, der hat's bei mir weg. Da muß ja auch einmal ein Kreuzhimmeldonnerwetter dreinschlagen. Verstanden?«

Kurt drehte sich um und ging in das Haus. Die anderen standen da, ganz perplex vor Erstaunen. So etwas ging ihnen doch über alle Begriffe, sogar dem Hauptmann selbst. Der Steuermann zitterte fast in Erwartung dessen, was nun kommen werde. Er wußte, daß sein Sohn kein Lügner sei, aber er konnte auch nicht glauben, daß so ein Knabe zwei solche Tiere erlegen könne, noch dazu in so kurzer Zeit.

Da endlich faßte sich der Hauptmann, holte tief Atem und sagte:

»Himmelbataillon, hat der es mir gesteckt. Helmers, laufe Er und hole Er ihn mir rasch!«

Er beachtete nicht, daß er in seiner Aufregung Er anstatt Sie gesagt hatte.

Der Steuermann ging in die Stube und brachte den Knaben, der ein sehr trotziges Gesicht machte.

»Also, du bist es wirklich gewesen, Schlingel?« fragte Rodenstein. – »Ich hab's schon zehnmal gesagt, ich sage es nicht wieder!« klang die zornige Antwort. – »Holla, Kerl, zanke nicht.« – »Brechen Sie das Viehzeug auf, rief Kurt, »so werden Sie meine Kugeln finden!« – »Ach ja, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wie sind sie denn getroffen worden?«

Er bückte sich nieder und untersuchte zuerst den Wolf.

»Sapperment, im Feuer zusammengebrochen!« sagte er. »Die Kugel ist ihm vorn gerade ins Herz gegangen. Das ist brav! Besser schieße ich selber nicht. Und der Luchs?« – »Er hat zwei Schüsse«, sagte Kurt. – »Wo?« – »Ich sehe sie von weitem.« – »Ah, ich glaube gar, der Junge untersteht es sich, mir eine moralische oder intellektuelle Maulschelle zu geben. Ja, da sind die Schüsse, der eine von der Seite in die Lunge, und der andere gerade von vorn ins Herz. Drei Meisterschüsse! Junge, wenn du sie getan hast, so hast du den Teufel. Es ist kein Zweifel daran!« – »Er hat ihn!« murmelte Ludwig.

Dabei blickte er aber doch mit Stolz auf Kurt, der ja sein Zögling war.

»Erzähle einmal!« gebot der Hauptmann.

Der Knabe stellte sich in Positur. Er hatte seine gute Laune wiedergefunden, und sein Gesicht glänzte vor Freude und Genugtuung, als er begann:

»Also ich ging in den Wald …« – »Das solltest du aber doch nicht«, unterbrach ihn der Hauptmann. – »Nun gerade ging ich, denn Sie sagten, daß der Wolf mich fressen werde. Ich nahm meine Büchse und sagte, daß ich Krähen schießen wolle.« – »Schöne Krähen! Gott sei Dank, daß alles gut abgelaufen ist, wie man sieht!« – »Ich machte einen Umweg durch die Erlen und ging dann nach dem Eichberg, ich wollte nach dem Forellenbach.« – »Wie schlau! Wir sollten seine Spur nicht sehen, Junge, du hast wahrhaftig den Teufel im Leib!«

Ludwig machte abermals drei Kreuze und murmelte:

»Er hat ihn! Aber ein tüchtiger Kerl ist er dennoch dahier.«

Kurt fuhr fort:

»Da krachte ein Baum, ich blickte hin und sah den Wolf. Ich sprang sogleich hinter die nächste Eiche.« – »Wie weit war das Vieh von dir?« – »Dreißig Schritt.« – »Ah, ein prächtiger Schuß!« – »Ich ließ den Wolf bis auf zwanzig herankommen …« – »Und hast nicht gezittert?« – »Warum zittern?« fragte der Knabe aufrichtig. »Ich wußte doch, daß ich ihn gut treffen werde. Ich legte an und drückte ab, da brach er zusammen. Er wollte noch einmal auf, aber es ging nicht, er fiel mausetot um.« – »Ein Kapitalschuß! Junge, ich glaube, du wirst in deinem Leben nicht erfahren, was Angst ist oder Furcht. Weiter!« – »Ich lud meinen Lauf wieder …« – »Natürlich!« – »Und guckte mir dann den Wolf an. Erst wollte ich ihn mitnehmen, ich hatte eine Leine und konnte ihn schleifen, aber ich dachte, Sie würden kommen und ihn finden.« – »Sapperment, das Kerlchen hat uns ärgern wollen«, lachte Rodenstein. – »Ja, weil Sie gesagt hatten, daß der Wolf mich fressen würde«, gestand Kurt aufrichtig. »Nachher ging ich noch ein bißchen in die Eichen hinein. Ich dachte, ich könne vielleicht einen Waldhasen schießen. Aber der Schnee war tief, und ich wurde müde. Da setzte ich mich auf die Blutbuche, die neben den zwei großen Eichen umgebrochen ist« – »Ah, dort!« nickte der Oberförster. – »Da hörte ich etwas kommen…« – »Im Schnee?« – »Nein, sondern oben im Geäst. Ich sah hin und dachte, es wäre eine wilde Katze. Das Vieh wollte seitwärts vorüber, es sprang von Ast zu Ast. Ich duckte mich aber unter die Buche und zielte, und als es springen wollte, hatte ich einen guten Schuß, der Luchs fiel zu Boden …« – »War aber nicht tot?« – »Nein.« – »Ja, solch Zeug hat ein zähes Leben. Aber du warst in Lebensgefahr, Bursche, denn der Luchs springt sogar dem stärksten Mann nach dem Kopf.« – »Oh, er kam auch, aber ich gab ihm die zweite Kugel. Er sprang bis jenseits des Buchenstamms, da legte ich die Büchse weg und zog mein Messer.« – »Wetterjunge! Schulgerecht wie ein Oberforstmeister. Glücklicherweise war es mit dem Vieh vorüber?« – »Es kratzte und schlug nach mir, aber es konnte nicht mehr über den Stamm herüber. Es fauchte, schrie noch ein wenig, und dann war es tot!« – »Eine Heldentat, eine wirkliche Heldentat für so einen Jungen! Ich bleibe dabei, er hat den leibhaftigen Gottseibeiuns!«

Ludwig bekreuzigte sich abermals und murmelte:

»Den Beelzebub; er hat ihn ganz gewiß dahier, der gute, wackere Junge!«

Kurt fuhr fort:

»Da kam der Klaus dazu. Er wollte gar nicht glauben, daß ich einen Wolf und einen Luchs geschossen. Er hatte den Schlitten mit, und ich versprach ihm einen Taler, wenn er mir das Viehzeug nach dem Vorwerk schaffen wolle. Mein Papa hat ihn bezahlt.« – »Aber wie kam es, daß wir deine Spur nicht fanden? Nicht einen Tapfen haben wir gesehen.« – »Der Klaus mußte alle meine Tapfen austreten.« – »Ah, wie schlau! Der Junge hat uns richtig an der Nase herumgeführt! Na, Bube, ich werde mich abfinden. Doch später davon. Jetzt, Steuermann, sagen Sie mir zunächst einmal, was wir mit ihm machen. Soll er seine Prügel bekommen?« – »Hm!« antwortete dieser. »Er hat sie eigentlich verdient. Ein Glück ist's, daß meine Frau nach der Stadt ist; sie wäre vor Angst gestorben!« – »Ja, da stehen die Hasen am Berg. Er hat sich die Prämie verdient und auch die Strafe. Na, das wollen wir uns noch überlegen. Jetzt das Notwendigste: die Ohren des Wolfs und den Pelz des Luchses. Wir müssen uns mit dem Wolf beeilen, weil es mehrere geben soll, sonst kommt uns ein anderer zuvor, und zwanzig Taler oder fünf, das ist doch ein Unterschied. Ludwig, du bist der beste Reiter …« – »Herr Hauptmann, das will ich meinen dahier!« sagte der Angeredete. – »Sattele den Braunen. Ich werde den Bericht schreiben, und dann reitest du sofort nach Darmstadt.«

Ludwig tat einen Freudensprung.

»Zum Oberforstdirektor?« fragte er. – »Ja.« – »Mit den Ohren und dem Fell?« – »Natürlich, und mit meinem Bericht.« –

»Sapperment, das wird fein. Darf ich meine Staatsuniform anziehen?« – »Das mußt du sogar. Du kommst ja zur Audienz. Ich gebe dir übrigens einen Taler Auslösung.« – »Danke! Und soll ich erzählen, wer das Zeug geschossen hat?« – »Natürlich!« – »Vorwärts! Knöpfe putzen!«

Ludwig sprang davon, um sich in Wichs und Glanz zu werfen, und in einer halben Stunde ritt er zum Tor hinaus, das Fell hinter sich auf das Pferd geschnallt.

12. Kapitel.

Der Braune war lange Zeit nicht an die Luft gekommen, darum flog der Weg nur so unter ihm hin, und er erreichte Darmstadt in der Hälfte der sonstigen Zeit. In der Wohnung des Oberforstdirektors erfuhr Ludwig, daß derselbe mit dem Großherzog nach dem Jagdschloß Kranichstein gefahren sei, das drei Viertelstunden im Nordwesten der Stadt liegt

Er ritt in Karriere hinaus und stieg vor der Rampe des Schlosses vom Pferd. Ein Stallknecht trat herbei und fragte ihn, was er wolle.

»Ist seine Exzellenz, der Herr Oberforstdirektor hier?« – »Ja, auf einige Tage.« – »Ich muß zu ihm.« – »Oho! Müssen!« – »Ja«, antwortete Ludwig stolz. – »Man muß erst abwarten, ob man vorgelassen wird«, sagte der Stallknecht ebenso stolz. – »Ich bin Kurier!« sagte nun Ludwig noch stolzer. – »Ah, das ist etwas anderes. Von wem?« – »Das ist Geheimnis. Führen Sie mein Pferd in den Stall!«

Ludwig schnallte das Fell ab, das in einen Mantelsack geschlagen war, und stieg die Treppe empor. Der Stallknecht ließ sich verblüffen und nahm sich des Pferdes mit aller Sorgfalt an.

Droben traf Ludwig auf einen Lakaien.

»Wie kommt man zum Herrn Oberforstdirektor Exzellenz?« fragte er diesen. – »Was wollen Sie?« –»Depesche!« – »Von wem?« – »Vom Herrn Oberförster Hauptmann von Rodenstein.« – »So ist es notwendig?« – »Ja, sehr!« – »Hm! Seine königliche Hoheit der Großherzog, sind beim Herrn Direktor, aber da es so notwendig ist, werde ich Sie melden.«

Der gute Ludwig dachte gar nicht, daß seine einfache Sendung nicht unter die Rubrik der notwendigen oder dringlichen Kurierbotschaften fiel. Die Erlegung des Luchses hatte ihn so sehr berauscht.

Der Lakai führte ihn einen Korridor entlang in ein Zimmer, wo er warten mußte. Nach kaum zwei Minuten bereits wurde ihm eine hohe Flügeltür geöffnet. Als er eintrat, war es aber doch, als ob ihm sein Mut entfallen wolle.

Er trat in ein Zimmer, dessen Pracht ihn fast betäubte. Auf kostbaren Fauteuils saßen ein Herr und zwei Damen. Der Herr war der Großherzog Ludwig III., die Damen waren die Großherzogin, eine geborene Prinzeß von Bayern, und die Oberforstdirektorin. Der Oberforstdirektor aber hatte sich erhoben und trat auf den Jägerburschen zu. Er hatte jedenfalls von den hohen Herrschaften die Erlaubnis erhalten, den Kurier in ihrer Gegenwart zu empfangen.

»Sie sind ein Untergebener des Herrn Oberförsters von Rodenstein?« fragte der Oberforstdirektor.

Ludwig stand in Achtung, mit dem Mantelsack unter dem Arm.

»Zu Befehl, Exzellenz«, erwiderte er. – »Und kommen als Kurier von ihm?« – »Zu Befehl!« – »Das muß eine höchst wichtige Angelegenheit sein.« – »Höchst wichtig dahier!« stimmte Ludwig bei.

Der Direktor war über dieses Dahier einigermaßen überrascht, fragte jedoch weiter:

»Welche Angelegenheit betrifft Ihr Ritt?« –»Exzellenz, wir haben den ersten Wolf geschossen!«

Ludwig sagte dies mit möglichst stolzem Nachdruck. Er sprach einstweilen nur von dem Wolf, denn er wollte der Exzellenz so nach und nach zu wissen geben, was für Leute es in Rheinswalden gebe. Leider aber machte die Exzellenz ein sehr enttäuschtes Gesicht. Und über das Gesicht des Großherzogs, der bisher in sichtlicher Spannung dagesessen hatte, zuckte eine gewisse Ironie.

»Mir dies zu sagen, kommen Sie als Kurier?« fragte der Oberforstdirektor. – »Zu Befehl!« – »Hat Ihnen der Oberförster gesagt, daß Sie sich als Kurier melden sollen?« – »Zu Befehl, nein.«

Die Züge des Herrn verfinsterten sich.

»Und warum taten Sie das?« fragte er mit scharfer Stimme.

Der gute Ludwig wurde sehr verlegen.

»Hm«, sagte er, »weil ein Wolf doch immerhin eine ganz verteufelte Bestie ist dahier!«

Der Direktor warf einen überraschten Blick auf ihn und dann einen forschenden auf den Großherzog; da er aber auf dem Gesicht desselben ein belustigtes Lächeln bemerkte, so beruhigte er sich auch seinerseits und fragte:

»Was haben Sie denn hier?« – »Das Fell, Exzellenz!«

Da ließ sich ein leises, kurzes, goldenes Lachen hören. Es war die Großherzogin Mathilde, der es komisch vorkam, daß man ein Wolfsfell per Kurier sende. Dieses Lachen gab dem Oberforstdirektor seine gute Laune wieder.

»Was soll ich denn mit dem Fell?« – »Hm, das geht mich nichts an, dahier. Exzellenz haben es verlangt« – »Ich weiß nichts davon.« – »So ist es Seine königliche Hoheit, der Herr Großherzog selbst gewesen.«

Da warf die Exzellenz einen fragen Blick auf den Großherzog. Dieser meinte mit sehr heiterer Miene:

»Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?« – »Ich habe doch den Brief gehört«, antwortete Ludwig mutig. – »Welchen Brief?« – »Den, den der Herr Hauptmann heute aus der Oberforstdirektion erhalten hat. Er hat ihn uns vorgelesen, und da stand darunter Ludwig der Dritte.«

Die beiden Damen konnten ihr Lachen kaum verbergen. Der Großherzog ahnte eine komische Szene und erhob sich.

»Ah, diese Zuschrift!« sagte er. – »Ja, zu Befehl, Hoheit!« – »Und da ist in Rheinswalden sofort der erste Wolf geschossen worden?« – »Zu Befehl!« – »So zeigen Sie nur das Fell«, sagte er freundlich.

Dem guten Ludwig kam bei der guten Laune der Anwesenden seine ganze Verlegenheit abhanden. Er fühlte sich als Held der Situation und wickelte mit wichtiger Miene den Mantelsack auf.

»So, da ist das Fell!« sagte er und breitete es ganz ungeniert auf dem getäfelten Boden aus.

Die Damen hatten sich jetzt auch erhoben, aber alle vier zeigten eine große Überraschung, als sie das Fell erblickten, und der Großherzog meinte:

»Ah, was wollen Sie denn? Das ist ja das Fell eines Luchses, aber nicht eines Wolfes!«

Das war dem braven Ludwig zu viel. So dumm hatte er sich diese Herrschaften doch nicht gedacht Er trat in höchster Entrüstung einen Schritt zurück, machte mit der Hand eine Bewegung der Überlegenheit und platzte heraus:

»Na, das versteht sich doch Gottstrambach ganz von selber dahier!«

Die Herrschaften sahen ihn zunächst ganz erstaunt an; als sie aber seine tragikomische Entrüstung bemerkten, konnte sich der Großherzog nicht halten; er brach in ein schallendes Gelächter aus, die Großherzogin folgte ihm, und nun brauchten sich die beiden anderen auch keinen Zwang mehr aufzuerlegen; es erscholl ein munteres, herzliches Lachquartett in dem Zimmer, wie es hier vielleicht noch nicht gehört worden war.

»Sagen Sie einmal, Mann, wie heißen Sie?« fragte der Großherzog, noch immer lachend. – »Ich bin der Ludwig Straubenberger dahier«, lautete die Antwort. – »Ludwig Straubenberger? Den Namen muß man sich merken.« – »Zu Befehl, Hoheit!« antwortete der Gehilfe ganz verkehrt.

Ein erneutes Lachen erscholl, und dann fragte der Großherzog weiter:

»Wie lange dienen Sie bereits?« – »Fünfzehn Jahre.« – »Und sind noch nicht Förster?« – »Ich mag nicht dahier, denn ich habe den Herrn Hauptmann zu lieb. Wir passen so gut zusammen, und so mag ich nicht von ihm fort.«

Über dieses »Wir passen so gut zusammen« lachten die Herrschaften abermals, und dann fragte der Großherzog weiter:

»Ist Ihnen denn bereits ein Avancement angeboten worden?« – »Das versteht sich. Bereits dreimal dahier.« – »Und Sie haben es abgeschlagen?« – »Ja.« – »Hm, das spricht sehr für Ihre Treue und Anhänglichkeit. Aber sagen Sie, haben Sie denn nicht Schriftliches von dem Herrn Oberförster?«

Jetzt erst besann sich Ludwig auf das Schreiben.

»Sapperment«, meinte er, »so albern bin ich in meinem ganzen Leben noch gar nicht gewesen dahier! Hier ist der Brief!«

Er griff in die Tasche, zog das Schreiben hervor und hielt es den Herren entgegen. Der Großherzog langte danach, aber da zog Ludwig die Hand zurück und sagte:

»Halt, nein! Es ist nur für den Herrn Oberforstdirektor Exzellenz.« – »Exzellenz wird mir gestatten, es zu öffnen!« versetzte der Großherzog.

Der Direktor verbeugte sich, nahm das Schreiben und hielt es ihm entgegen. Der Herzog öffnete und las, dann sagte er, zu den Damen gewandt:

»Unser guter Rodenstein bleibt doch der Alte, er hat immer etwas Originelles für uns. Erst sendet er uns diesen braven Ludwig Straubenberger, und dann schreibt er uns einen Brief, den ich Ihnen vorlesen muß.«

Er las folgendermaßen:

»Schloß Rheinswalden, den …

An die hohe Großherzogl. Oberforstdirektion zu Darmstadt

Trotzdem ich nicht viel Zeit habe, teile ich einer hohen Oberforstdirektion mit, daß ich einen Knaben besitze, fünf Jahre alt und einige Monate. Er schießt, reitet, schwimmt, haut und sticht und heißt Kurt Helmers, ein tüchtiger Kerl! Ist heute in den Wald gelaufen, schießt den ersten Wolf und nachher sogar den Luchs und sagt doch, es sei eine alte Katze.

Ich sende sofort den Ludwig Straubenberger. Ist auch ein guter Kerl, versteht das Forstwesen aus dem Fundament, fast besser als ich, hat zwei Ohren und ein Fell, worüber ich mir Quittung und Prämie ausbitte.

Sollten wir noch mehr Wölfe schießen, so schicke ich ihn mit noch mehr Ohren, was ich wünsche, ihm gut zu bekommen, da er ein Freund vom Trinkgeld ist.

Wünsche noch allerseits bestes Wohlsein und Betragen und zeichne mich selbst so wie auch mit Untertänigkeit

Kurt von Rodenstein
Hauptmann a. D.,
Oberförster.«

Natürlich brachte dieses Schreiben eine abermalige Heiterkeit hervor, die jedoch in Rücksicht auf die Stellung des Schreibers möglichst unterdrückt wurde. Dann suchte der Großherzog sich aufzuklären.

»Was ist es mit diesem Knaben?« fragte er. – »Das ist der Kurt«, antwortete Ludwig. »Sein Vater ist der Steuermann Helmers.« – »Er wohnt auf Rheinswalden. Der Knabe ist, wie es scheint, der Liebling des Herrn Oberförsters?« – »Oh, er ist allen ihr Liebling dahier, Hoheit!« – »Wirklich erst fünf Jahre alt und soll einen Wolf geschossen haben, auch den Luchs dazu?« – »Ja.« – »Das ist ein Irrtum oder eine Mystifikation!« – »Ein Irrtum ist es nicht, von dieser Mystifikation weiß ich nicht, was das Wort bedeutet dahier.« – »Ich meine eine Fopperei.« – »Das ist es nicht. Der Kurt foppt uns nicht und läßt sich auch nicht foppen.« – »Aber es ist doch unglaublich!« – »Wir wollten es auch nicht glauben, aber er hat es bewiesen.« – »Ist er ein solcher Schütze?« – »Er schießt die Schwalben.« – »Ah, das wäre ja ein Wunderkind! Aber dennoch, ein Wolf, ein Luchs!« – »Na, Hoheit, ich dächte doch, ein Wolf oder ein Luchs wären leichter zu treffen als eine Schwalbe dahier.« – »Ja«, lachte der Großherzog, »aber die Angst, die Angst vor einem solchen Tier!« – »Angst? Oh, die kennt der Bube nicht! Da kürzlich ging ein wilder Eber auf unseren Doktor Sternau und unsere Gräfin Rosa los, und den hat der Junge sofort erschossen.« – »Doktor Sternau? Hm! Dieser Name …«

Da fiel ihm die Großherzogin in die Rede:

»Erlaube! Doktor Sternau ist der berühmte Arzt, über den uns Geheimrat Belling kürzlich referierte.« – »Ah, ja! Doktor Sternau wohnt bei euch und auch jene spanische Gräfin Rodriganda?« – »Ja, Hoheit.«

Der Großherzog tat einige Schritte auf und ab. Endlich sagte er zu Ludwig:

»Wird der Herr Oberförster morgen zu Hause sein?« – »Jedenfalls, Hoheit.« – »Doktor Sternau und die Gräfin auch?« – »Ich denke.« – »Und dieser Kurt Helmers auch?« – »Der ist auch da, wenn er nicht im Wald herumläuft dahier.« – »Sie reiten heute noch nach Rheinswalden zurück?« – »Zu Befehl!« – »So grüßen Sie den Herrn Oberförster von uns, und sagen Sie ihm, daß wir ihn morgen mittag Punkt zwölf Uhr besuchen würden.« – »Sapperlot!« rief Ludwig erschrocken. – »Und daß wir mehrere Herren und Damen mitbringen.« – »Kreuzdonnerwe… Ah, Verzeihung dahier, Hoheit!« – »Wir wollen uns selbst überzeugen, ob es wahr ist, was er uns über diesen Knaben berichtet.« – »Es ist wahr; ich gebe mein Wort darauf!«

Der Großherzog lächelte und fuhr fort:

»Und ob Sie wirklich ein Fell und zwei Ohren haben, für die wir Quittung und Prämie geben sollen.« – »Da liegt es ja! Und die Ohren – heiliges – na, die habe ich ganz vergessen!« – »Sie haben die Ohren vergessen?« – »Ja, bisher. Aber sie stecken glücklicherweise noch in der Tasche. Hier sind sie.«

Ludwig zog die Wolfsohren hervor und überreichte sie dem Großherzog. Dieser nahm sie und legte sie auf den Tisch. Dann sagte er:

»Sie bemerken ferner dem Herrn Oberförster, daß wir wünschen, er stelle uns den Herrn Doktor Sternau und dessen Verlobte vor.« – »Das wird richtig besorgt dahier, Hoheit!« – »Und nun zur Hauptsache, mein Lieber! Der Herr Oberförster ist so fürsorglich, uns auf ein Trinkgeld aufmerksam zu machen.« – »Hm!«

Ludwig zuckte verlegen die Schultern.

»Sind Sie auch seiner Ansicht?«

Die Augen der Herrschaften glänzten vor Vergnügen. Ludwig antwortete endlich beherzt:

»Na, Hoheit, Sie können es ja auch noch lassen dahier!« – »Ah!« – »Ja. Sie kommen ja morgen nach Rheinswalden!«

Jetzt brach ein erneutes Lachen los. So köstlich hatte man sich seit langer Zeit nicht amüsiert

»Ich habe also Kredit bei Ihnen?« scherzte der Großherzog.

Ludwig fühlte sich so wohlig und animiert daß er sofort antwortete:

»Na, wenn Sie nicht, wer denn sonst dahier!«

Das Lachen setzte sich fort. Der Herzog griff in die Tasche und zog seine Börse.

»Sagen Sie dem Herrn Oberförster, daß wir die Prämien morgen persönlich zahlen werden«, meinte er. »Wie hoch schätzen Sie das Fell?« – »Hm, es ist hier eine Seltenheit«, erwiderte Ludwig langsam. – »Ha, Sie werden Geschäftsmann; Sie machen die Ware teuer!« – »Nein, Hoheit. Es stand in dem Brief, daß das Fell bezahlt werden soll?« – »Allerdings.« – »Na, ein sibirischer Luchsbalg kostet bis fünfzehn Taler und taugt nichts.« – »Das wissen Sie so genau?« – »Ja, die Haare brechen. Dieser hier wird nicht viel billiger sein. Geben Sie, was Sie gutwillig dranwenden wollen dahier!« – »Sind zwanzig Taler genug?« – »Ich wäre schon zufrieden, wenn ich sie kriegte; aber sie gehören dem Herrn Hauptmann oder unserem Kurt« – »Beide werden zufrieden sein. Hier sind nun noch fünf Taler für Sie. Ist's genug?« – »Sapperment, das versteht sich!« rief Ludwig erfreut. »Der Herr Hauptmann hat mir für den Ritt einen Taler gegeben, und ich dachte, das wäre schon nobel dahier!«

Da nahm auch der Oberforstdirektor das Wort:

»Die Sendung war eigentlich an mich gerichtet. Gestatten Hoheit einen Beitrag?« – Ja, aber ja nicht weniger als ich!« lautete die Antwort. – »Ich gehorche gern. Also, hier sind noch fünf Taler!«

Ludwig griff schmunzelnd zu.

»Danke!« sagte er. »Ich wollte, es gäbe alle Tage einen solchen Luchs dahier!« – »Und wir Frauen?« fragte die Großherzogin. – »Oh, bitte«, meinte Ludwig bescheiden, »Das wäre doch ungalant von mir!« – »Na, nehmen Sie; es sind nur drei Taler!« – »Zehn und drei macht dreizehn! Sapperlot, ich werde noch ganz zu Geld!« – »Und zwei macht fünfzehn!« sagte die Oberforstdirektorin. »Ich habe nicht mehr bei mir.«

Ludwig nahm das Geld und nickte ihr freundlich zu.

»Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen, Madame Exzellenz«, sagte er. »Ich bin nicht habsüchtig, ich bin mit allem zufrieden dahier.« – »Na, so sind wir also einig«, lachte der Großherzog. »Richten Sie unsere Aufträge gut aus. Wir werden uns gern an Sie erinnern. Leben Sie wohl!«

Er machte die Handbewegung der Entlassung, aber Ludwig blieb stehen und sagte:

»Hoheit, es muß erst noch etwas von meinem Herzen herunter, ehe ich gehe!« – »Sprechen Sie!« nickte der Großherzog leutselig. – »Meine Herrschaften, ich freue mich zwar auch über das Geld, aber die Hauptsache ist doch die Freundlichkeit. Man hat immer einen gewissen Respekt für solche Leute, und wenn es zum Treffen kommt, so sind sie vielleicht besser, als andere Menschen dahier. Sie haben mir nichts übelgenommen, und ich Ihnen auch nicht; das ist die Würze des Lebens, und darum wollte ich, daß Sie so glücklich wären wie ich in dieser Stunde dahier. Adieu!«

Ludwig machte eine sehr tiefe Reverenz, hob dabei seinen Mantelsack vom Boden auf und ging. Hinter ihm erscholl noch ein herzliches Lachen.

Drunten ging er nach dem Stall, in dem er den Reitknecht bei seinem Pferd fand.

»Fertig?« fragte dieser. – »Ja.« – »Waren die Herrschaften gnädig?« – »Gnädig?« fragte Ludwig mit wichtiger Miene. »Die Herrschaften sind mit mir stets gut dran. Haben Sie dem Pferd etwas Heu und Wasser gegeben?« – »Ja.« – »So sagen Sie mir, wieviel Sie gewöhnlich Trinkgeld bekommen, wenn Sie das Pferd eines Offiziers oder Grafen einstellen.« – »Hm, Trinkgeld! Meist nichts. Diese Leute sind am knickrigsten. Zuweilen bekomme ich zehn Groschen. Man denkt, wir haben Gehalt genug.« – »Hm! Welches war Ihr höchstes Trinkgeld?«

Der Reitknecht hatte während dieser Unterhaltung das Pferd aus dem Stall geführt, und Ludwig stieg auf.

»Das höchste war ein Taler, den bekam ich von einem englischen Lord.« – »Wie hieß dieser Lord?« – »Lord Wellesfield.« – »So. Hier haben Sie zwei Taler. Und wenn Sie nach meinem Namen gefragt werden, ich bin der Forstgehilfe Ludwig Straubenberger. Adieu dahier!«

Er sprengte davon.

13. Kapitel.

Unterdessen hatte in Schloß Rheinswalden eine ernste Unterredung stattgefunden. Kaum nämlich war Ludwig fort, so fuhr ein Wagen in den Schloßhof. In demselben saß jener Staatsanwalt, der sich Doktor Sternaus so warm angenommen hatte.

»Ist der Herr Hauptmann zu Hause und auf seinem Zimmer?« fragte er den Burschen, der herbeigekommen war, um die Pferde zu halten. – »Jedenfalls.«

Er stieg die Treppe empor und traf zufällig mit Sternau zusammen, der aus seinem Studierzimmer trat.

»Ah, das trifft sich gut, Herr Doktor«, sagte er. – »Willkommen! Sie wollen zu mir?« – »Zu Ihnen, ja. Vorher aber stand ich im Begriff, den Herrn Hauptmann zu begrüßen.« – »So kommen Sie.«

Der Staatsanwalt wurden von Rodenstein herzlich willkommen geheißen.

»Sie bringen Nachricht?« fragte der letztere. »Nehmen Sie Platz!«

Nachdem man sich eine Zigarre angebrannt hatte, begann der Beamte:

»Sie wissen, daß ich mich nach dem Schiff ›La Pendola‹ und dem spanischen Kapitän Henrico Landola erkundigen wollte.« – Allerdings wollten Sie die Güte haben«, meinte Sternau. – »Nun, ich habe es getan. Ich habe Verwandte und auch sonstige Verbindungen in dem Auswärtigen Amt in Berlin. Ein Freund von mir ist bei der Gesandtschaft in London angestellt. Ich habe da nun alle Minen springen lassen und heute eine Depesche erhalten.« – »Günstig?« fragte Rodenstein. – »Man hat von Berlin und London aus an verschiedene Konsulate telegrafiert, und das Ergebnis ist die Nachricht, daß die ›Pendola‹ vorige Woche auf Sankt Helena angelegt hat, um Wasser einzunehmen. Dann ist sie nach Kapstadt gegangen, wo sie jetzt noch vor Anker liegt.« – »Das ist allerdings eine günstige Nachricht!« rief Sternau erfreut. »Man weiß ja nun, wo man den Mann zu suchen hat!« – »Weiß man bloß das?« fragte der Hauptmann. »Nein, man weiß weit mehr, und zwar, wo man ihn zu suchen und wo man ihn festzuhalten hat!«

Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf.

»Das geht nicht, Herr Hauptmann.« – »Donnerwetter, warum nicht?« – »Erstens sind keine genügenden oder vielmehr keine erwiesenen Gründe vorhanden, um die Polizei zum Einschreiten zu bewegen.« – »Ah! Und zweitens?« – »Zweitens ist Landola ein Spanier, und wir sind Deutsche. Das soll sagen, daß, selbst wenn die angeregten Gründe vorhanden wären, es doch verschiedene Formalitäten zu erfüllen gibt, die für uns sehr fatal sind.« – »Warum fatal?« – »Weil sie ihm Zeit geben, zu entkommen.«

Der Hauptmann rückte zornig auf seinem Stuhl hin und her.

»Sie wollten wohl sagen, daß wir ihn durch die Organe der Regierung niemals fassen werden?« – »Wie die Sachen jetzt liegen, ja. Herr Doktor, haben Sie mir über Ihre Verhältnisse alles mitgeteilt?« »Alles!« beteuerte Sternau. »Selbst das Geringste.« – »Und es gibt nichts, das Sie vergaßen oder mir verheimlichten?« – »Ich weiß wirklich nichts.« – »Nun, so bin ich sicher, daß wir das Material noch nicht besitzen, diesen Seekapitän gefangenzunehmen. Darum habe ich die nötigen Schritte getan, um mehr solches Material zu sammeln.« – »Darf ich fragen, worin diese Schritte bestehen?« – »Sie sagten, daß Henrico Landola in Barcelona anzulegen pflegt?« – »Ja.« – »Nun, so bald er dort ankommt, wird er sich festrennen. Ich habe nämlich einen unserer gewandtesten Polizisten dort stationiert.« – »Wie freundlich und umsichtig! Die Kosten trage natürlich ich!« – »Darüber sprechen wir später. Dieser Polizist hat zugleich die Aufgabe, Schloß Rodriganda genau zu überwachen.« – »Das ist gut, das kann von großem Vorteil sein.« – »Einen Erfolg habe ich schon zu verzeichnen.« – »Welchen?« fragte Rodenstein neugierig. »Er telegrafierte mir, daß Graf Alfonzo nach Frankreich verreist sei. Ich setzte mich sofort mit Paris in Verbindung und habe da bereits erfahren, daß er sich in Orleans einen Diener genommen hat und mit demselben in Paris angekommen ist. Dort ist er aber spurlos verschwunden.« – »Man wird ihn finden.« – »Ich hoffe es. Ich ahne, daß diese Reise mit Ihnen in Verbindung steht. Ferner teilt mir jener Polizist mit, daß man gesonnen ist, Ihre Flucht aus dem Gefängnis in Barcelona zu ignorieren.« – »Das erwartete ich«, sagte Sternau. »Ich hatte nichts begangen.« – »Er hat ferner noch andere Schritte getan. Er teilt mir mit, daß man nicht mehr gewillt ist zu bestreiten, daß die Dame, die sich hier befindet, die Gräfin Rosa de Rodriganda sei.« – »Daraus folgt also, daß man ihr das Recht zuspricht, ihr Erbe zu beanspruchen?« – »Allerdings. Ich habe gerade in dieser Beziehung auch mit dem spanischen Gesandten in Berlin korrespondiert und Depeschen gewechselt Er ist gewillt das Möglichste zu tun.« – »Ich bin Ihnen wirklich zu sehr großem Dank verpflichtet.« – »Sie sehen, daß in dieser kurzen Zeit bereits sehr viel geschehen ist. Weiter habe ich mich hier an den Geheimrat Belling gewandt« – »In Darmstadt?« – Ja. Er besitzt großen Einfluß bei Hof. Ich habe ihm das Nötigste mitgeteilt und er hat mir versprochen, dahin zu wirken, daß der Großherzog sich für Sie interessiert. Geschieht dies, so haben Sie hier festen Grund gefunden. Ich erwarte stündlich seine Resolution.« – »Dann würde es ja geraten sein, mich ihm einmal vorzustellen.« – »Tun Sie das. Sie haben zunächst die Aufgabe, Ihre Braut zu Ihrer Gemahlin zu machen, und hierbei fällt die Gunst des Hofes bedeutend in die Waagschale. Übrigens kann uns jeder Tag Neues bringen. Ich lebe der schönen Hoffnung, daß alles sich schnell zum besten lenken lassen wird.« – »Halten Sie noch fest an Ihrer früheren Meinung, daß jener spanische Kapitän nur zur See gefangen werden kann?« – »Es ist noch jetzt meine Überzeugung. Sie müssen wissen, wohin er Ihren Freund, jenen Husarenleutnant Alfred de Lautreville, entführt hat. Sie müssen ferner wissen, welche Bewandtnis es mit dem Mann hat, der in Mexiko aufgeladen und als Sklave nach Harar – heute Harer – transportiert wurde. Das alles erfahren Sie nur dann von ihm, wenn Sie sein Meister werden, wenn Sie, Gewalt gegen Gewalt, ihn in Ihre Hände bekommen.« – »So ist es beschlossen, daß ich eine Dampfjacht kaufe und nach dem Kap gehe, um ihn zu verfolgen.« – »Ich rate Ihnen dazu. Vorher aber stellen Sie Ihre hiesige Existenz fest. So, das wäre, was ich Ihnen für heute bringe. Darf man die Damen sehen?« – »Ich bitte darum.« – »Ich möchte sie begrüßen, und wir können ja in ihrer Gegenwart noch weiter über unser Thema verhandeln.«

Man begab sich also nach dem Salon, wo der Hauptmann, Sternau, der Anwalt, Gräfin Rosa und die beiden Damen Sternau bis über die Dunkelstunde hinaus beisammensaßen.

Eben erhob sich der Anwalt, um aufzubrechen, als ein Reiter in den Hof galoppierte.

»Wer mag das sein?« fragte er. »Vielleicht ein Bote nach mir. Ich werde erwartet.« – »Nein, den Schritt dieses Pferdes und die Art und Weise dieses Reiters kenne ich«, versetzte Rodenstein. »Es ist mein Ludwig.«

Er hatte im Lauf der Unterhaltung dem Anwalt die Heldentat Kurts erzählt und auch gesagt, daß er den Burschen nach Darmstadt geschickt habe. Darum kannte dieser die Angelegenheit und sagte, sich wieder niedersetzend:

»So bleibe ich noch eine Minute. Ich möchte doch sehen, was der Oberforstdirektor zu unserem kleinen Nimrod gemeint hat.«

Es dauerte gar nicht lange, so trat Ludwig ein.

»Eingetroffen, Herr Hauptmann!« meldete er. – »Du warst länger, als ich dachte«, sagte der Oberförster. – »Der Herr Oberforstdirektor war gar nicht in Darmstadt dahier«, entschuldigte sich der Bursche, »sondern in Kranichstein.« – »Und da bist du hinaus? Nun, wie ging es?«

Ludwig trat mit stolzen Schritten an den Tisch und zählte das Geld auf denselben.

»Dahier!« sagte er. »Das ist für den Balg.« – »Zwanzig Taler? Ah, das ist viel. Das hätte ich dem Oberforstdirektor nicht zugetraut«, meinte der Oberförster. – »Es ist auch gar nicht von ihm, vielmehr von der Hoheit selbst.« – »Von der Hoheit? Du meinst doch nicht etwa von dem Großherzog?« – »Ja, gerade den meine ich dahier!« – »Bist du toll?« – »Nein, aber reich.«

Ludwig lachte mit dem ganzen Gesicht, griff in die Tasche und klimperte mit seinem Geld.

»Mensch, das klingt ja nach lauter harten Talerstücken!« rief der Hauptmann. »Von wem sind sie?« – »Ich hätte sogar noch zwei Taler mehr; aber die habe ich dem großherzoglichen Stallknecht als Trinkgeld gegeben, weil er mir den Braunen versorgt hat.« – »Zwei Taler?« fragte Rodenstein. »Du bist wohl übergeschnappt?« – »Nein. Ich gab sie, weil der Kerl mich erst über die Schulter ansah dahier, und geben konnte ich sie, weil ich fünfzehn Taler Trinkgeld erhalten habe.« – »Fünfzehn … Ah, Halunke, du hast einen Rausch!« – »Das wäre gar kein Wunder, wenn man vor lauter Freude einmal besoffen würde.« – »Wer gab dir denn das Trinkgeld?« – »Ich will es erzählen, Herr Hauptmann. Vom Großherzog fünf Taler …« – »Mit dem Großherzog hast du gesprochen?« fragte der Hauptmann überrascht. – »Ja, mit ihm habe ich gesprochen, und zwar so wie mit mir selbst. Er hat mich ›unsern guten Straubenberger‹ genannt dahier! Also von ihm fünf Taler, von dem Oberforstdirektor fünf Taler, macht zehn …« – »Mir bleibt der Verstand stillstehen!« sagte der Hauptmann.

Ludwig fuhr fort:

»Von der Frau Großherzogin drei, macht …« – »Alle Teufel!« fuhr Rodenstein auf, »auch mit der hast du gesprochen?« – »Ja. Von ihr drei, macht dreizehn, und von der Frau Oberforstdirektor zwei, macht fünfzehn dahier.« – »Aber Mensch, wie kommst du denn zu dem Glück, mit dem Großherzog zu reden?« – »Oh, dazu kann mancher kommen, Herr Hauptmann. Zum Beispiel Sie, und schon morgen.« – »Morgen?« Rodenstein sprang auf. »Was willst du damit sagen, Kerl?« – »Morgen kommt der Großherzog, der Oberforstdirektor und noch eine ganze Menge anderer Herren, alle mit ihren Weibern dahier.« – »Kerl, ich schlage dich tot, wenn du es etwa wagst, dir einen Spaß zu machen!« rief der Oberförster außer sich vor Überraschung. – »Sie kommen, weiß Gott, sie kommen, Herr Hauptmann!« beteuerte der Bursche. – »Herrgott, ist's möglich! Welch eine Überraschung! Und so viele, mit ihren Damen?« – »Ja.« – »Na, das wird eine schöne Prosit die Mahlzeit! So etwas muß man doch viel länger vorher wissen! Weshalb nur gerade morgen?« – »Den Kurt wollen sie sehen! Ja, und den Herrn Doktor und die gute Gräfin Rosa; und die Prämien will der Großherzog bringen, hundertzwanzig Taler in Summa dahier.«

Diese Nachricht brachte eine ungeheure Aufregung in der Versammlung hervor. Die Anwesenden alle erhoben sich von ihren Plätzen und drangen mit Fragen auf Ludwig ein. Der Oberförster wehrte aber ab und sagte:

»Halt, meine Herrschaften! Das muß ordentlich gehen, nicht alles durcheinander! Laßt mich allein fragen, dann kommen wir schneller zum Ziel.« Und sich nun wieder zu dem Jägerburschen wendend, erkundigte er sich: »Zu welcher Zeit wollen sie kommen?« – »Punkt zwölf Uhr mittags.« – »Und wie viele wollen kommen?« – »Sehr viele. Weiter weiß ich nichts dahier.« – »So erzähle, wie es dir in Kranichstein ergangen ist.« – »Nun, ich übergab mein Pferd dem Stallknecht und sagte einem Diener, zu wem ich wollte dahier. Er sagte, daß der Großherzog bei dem Oberforstdirektor sei, daß er mich aber anmelden werde, weil ich ein Kurier sei.« – »Donnerwetter, du hast dich für einen Kurier ausgegeben?« – »Ja.« – »Bist du gescheit oder nicht, Kerl?« – »Ich bin gescheit; das wird sich gleich zeigen.« – »Da bin ich doch neugierig! Na, ich werde eine schöne Nase erhalten, wenn morgen die Herrschaften kommen! Erzähle weiter.« – »Der Lakai meldete mich, und ich kam nun in ein Zimmer, wo es Gottstrambach schöner war als im Himmel dahier. Da saßen der Großherzog und der Oberforstdirektor mit ihren Weibern.« – »Wem gabst du den Brief?« – »Hm, den kriegte jetzt einstweilen noch niemand.« – »Niemand? Aber Mensch, den mußtest du doch sofort abgeben!« – »Das fiel mir gar nicht ein, denn ich hatte es vergessen. Sie fragten mich zunächst, wer ich bin dahier, und warum ich mich wegen eines Wolfes als Kurier ausgeben könne …« – »Da hat man's! Meine Nase werde ich ganz sicher bekommen, daß ich so einen Dummhut geschickt habe!« – »Dummhut, Herr Hauptmann? Das dürfen nur Sie mir sagen, einen anderen würde ich zu Boden schlagen, daß ihm die Seele aus der Haut fahren sollte dahier! Ich habe keine Dummheit begangen, sondern mit den Herrschaften gesprochen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Sie sind auch ganz prächtig mit mir einverstanden gewesen, und ich mit ihnen auch. Ich habe ihnen sogar tüchtig vor die Zähne gesprochen, als ich ihnen das Fell ausbreitete, und sie dachten, es wäre eine Wolfshaut.« – »Eine Wolfshaut?« fragte der Hauptmann ungläubig. – »Ja.« – »Unmöglich. Der Großherzog und der Oberforstdirektor wissen schon eine Wolfshaut von einem Luchsbalg zu unterscheiden!« – »Es ist aber doch so. Sie hatten es für eine Wolfshaut angesehen, bis sie dann selber einsahen, daß es ein Luchsfell war. Und da konnte ich mich nicht halten, da habe ich ihnen die Paten gesteckt.« – »Sapperlot, du bist doch nicht etwa unvorsichtig gewesen?« – »Nein, nicht im geringsten.« – »Was hast du gesagt?« – »Hm! Der Großherzog sagte: Das ist doch ein Luchsbalg. Und da sagte ich: Na, das versteht sich doch Gottstrambach ganz von selber!« – »Himmelheiligeskreuz …! Bist du denn geplatzt, Halunke?« – »Nein, Herr Hauptmann.« – »Haben sich dich denn nicht gleich arretieren lassen?« – »Nein.« – »Was haben sie denn gemacht?« – »Gelacht haben sie, weiter nichts.« – »Da hat man's! Das ist noch schlimmer! Meinen Boten haben sie ausgelacht; das ist gerade so gut, als ob sie mich selber ausgelacht hätten.« – »Ausgelacht, Herr Hauptmann? Das ist nicht wahr! Vor Vergnügen haben sie gelacht, vor Freude über mich dahier. Dann haben sie mich gefragt, wie lange ich diene und warum ich keine Försterstelle annehme, und als ich sagte, daß ich nicht von dem Herrn Hauptmann weg wolle, da haben sie mich gelobt, und der Großherzog hat gemeint, daß er an mich denken wolle dahier. Und als ich nachher den Brief hingab, da hat ihn der Großherzog laut vorgelesen…« – »Die anderen und auch die Damen haben ihn gehört?« erkundigte sich der Hauptmann ganz stolz. – »Ja.« – »Nun, was sagten die denn zu einem solchen Brief?«

Der Hauptmann hielt sich nämlich für einen großen Schrifthelden, er erwartete, jetzt eine große Lobrede zu hören, doch der wahrheitsliebende Bursche sagte:

»Ausgelacht sind Sie worden, Herr Hauptmann.« – »Wa-wa-wa-waaaas?« – »Ausgelacht!« – »Un-un-möglich!«

Seine Nase war vor Schreck ganz kreidebleich geworden, und sein Mund stand vollständig offen.

»Ja!« behauptete Ludwig mit Nachdruck. »Von allen, auch von den Damen.« – »Aber weshalb denn, beim Teufel?« – »Ja, wegen vielerlei.« – »Nun, zum Beispiel?«

Der gute Ludwig hatte seinen Herrn lieb, aber es tat ihm gut, ihm auch einmal einen Jagdhieb versetzen zu können. Daher sagte er:

»Na, wegen dem Stil dahier.« – »Wegen dem Stil? Das ist mir Gottstrafmich doch zu stark! Kein Mensch hat so einen schönen Stil wie ich.«

Die Anwesenden lächelten, sagten aber nichts. Nur der Jägerbursche meinte:

»Die Herrschaften verstehen vielleicht von einem guten Stil nichts, sie lachten, und der Herzog sagte, das wäre originell.« – »Schafskopf, das ist doch ein Lob, aber kein Tadel!« – »Gottstrambach, da bin ich also doch ein tüchtiger Kerl dahier!« – »Wieso?« – »Der Großherzog sagte: Unser Rodenstein bleibt doch immer der Alte; erst schickt er uns diesen braven Straubenberger und dann diesen Brief! – Also wenn der Brief tüchtig war, so bin ich auch tüchtig; das versteht sich ja ganz von selber dahier. Aber gelacht haben sie doch, besonders wegen der Haut und den zwei Ohren.« – »Wieso?« – »Nun, Sie hatten doch geschrieben, daß ich eine Haut und zwei Ohren hätte.« – »Kerl, ich haue dich! Ich werde doch wissen, was ich geschrieben habe! Ich habe geschrieben: Hier schicke ich meinen Ludwig Straubenberger, und so weiter, der hat eine Haut und zwei Ohren, für die Sie ihm die Prämie geben sollen.«

Der Oberförster blickte sich im Kreis um und sah, daß alle sich Mühe gaben, ihr Lachen zu verbergen; da ging ihm eine Ahnung auf, und er fragte:

»Na, Herr Staatsanwalt, Sie lachen. War es nicht richtig?« – »Hm! Aus Ihrer Wortstellung geht allerdings hervor, daß Sie von der Haut und den Ohren Ihres Ludwigs gesprochen haben.«

Der Hauptmann glaubte es noch immer nicht, und darum fragte er Sternau:

»Ist's wahr, Herr Doktor?« – »Es ist allerdings so, wie der Herr Staatsanwalt sagte«, antwortete dieser. – »Heiliges Pech, so habe ich mich blamiert, gewaltig blamiert!« – »Und dann das Trinkgeld!« sagte Ludwig. »Sie haben doch geschrieben, daß sie mir Trinkgeld geben sollen.« – »Das habe ich mit Fleiß getan, da habe ich den Zahlmeister gemeint. Wer denkt denn, daß mein Brief dem Großherzog in die Hände kommt! Na, ich werde eine schöne Nase kriegen morgen, eine Nase, zwölf Meilen lang! Wer gab dir denn das Geld für den Balg?« – »Der Großherzog.« – »Donnerwetter, dem hättest du es schenken sollen!« – »Das fällt mir gar nicht ein, so dumm bin ich nicht dahier. Er hat mir die zwanzig Taler sehr gern gegeben, ich sah es ihm an.« – »Etwas Schriftliches hast du nicht bekommen?« – »Nein. Sie wollen morgen alles mündlich abmachen.« – »Also was verlangten sie für morgen?« – »Den kleinen Kurt wollten sie sehen.« – »Sie glaubten nicht, daß er's gewesen ist?« – »Nein. Der Großherzog sprach sogar von Fopperei.« – »Alle Teufel!« – »Ja. Dann will der Großherzog den Herrn Doktor vorstellen.« – »Papperlapapp! Ich soll ihm den Herrn Doktor vorstellen, so wird er es gemeint haben.« – »Möglich! Den Herrn Doktor und die gnädige Gräfin von Rodriganda.« – »So wußte er bereits von uns?« fragte Sternau. »Hat er keine Bemerkung fallenlassen, aus der man erraten könnte, durch wen er von uns erfahren hat?« – »Hm, die Großherzogin sagte so etwas, doch muß ich mich erst besinnen. Es war ein Geheimrat dabei, wie ich glaube.« – »Wurde der Name genannt?« – »Allerdings, er fällt mir aber gar nicht gleich ein dahier.« – »Vielleicht Belling?« – »Ja, ja, Belling, Geheimrat Belling, so war es.« – »Sehen Sie, Herr Staatsanwalt«, sagte Sternau, zu diesem gewandt, »daß der Herr Geheimrat sein Wort bereits gehalten hat!« – »Ich war überzeugt davon«, entgegnete der Beamte, »ihm haben Sie den Besuch der Herrschaften zu verdanken. Es würde mir angenehm sein, wenn ich morgen auf Schloß Rheinswalden sein dürfte.« – »Was hält Sie davon ab?« fragte der Hauptmann. »Etwa Ihre amtlichen Verrichtungen?« – »Diese weniger …« – »Nun, wenn es nur an meiner Einladung fehlt, so wissen Sie ja, daß Sie mir jederzeit herzlich willkommen sind. Wollen Sie zusagen?« – »Gut, ich komme!« – »Schön, abgemacht! Frau Sternau, wie steht es mit der Küche?« – »Da befinde ich mich allerdings sehr in Verlegenheit«, antwortete sie. »Ich weiß ja nicht, was die Herrschaften zu genießen wünschen…« – »Dummheit! Sie müssen nehmen, was sie kriegen; nach ihren Wünschen zu fragen, ist es zu spät. Aber sie sollen zufrieden sein. Wild haben wir?« – »Genug! Schweinernes auch.« – »Na, wegen des übrigen schicken Sie gleich einen Expressen in die Stadt.« – »Aber ich weiß nicht für wie viele Personen …« – »Abermals Dummheit! Wir machen so viel, als wir fertigkriegen können, was übrigbleibt essen wir selber. Den Weinkeller werde ich gleich untersuchen.« Frau Sternau hatte den Haushalt in einer musterhaften Ordnung, aber die Ankunft solcher Gäste war doch immerhin bedenklich. Es verging der Abend und fast die ganze Nacht mit Vorbereitungen, und erst als am anderen Vormittag der Staatsanwalt ankam, konnte man sagen, daß man der Ankunft des Großherzogs nun mit Ruhe entgegensehe.

14. Kapitel.

Auch außerhalb des Schlosses war während der ganzen Nacht gearbeitet worden. Der Hauptmann hatte sämtliche Bewohner von Rheinswalden aufgeboten, um die Straße, die durch den Wald führte, mit grünen Girlanden und Festons zu schmücken. Da nur zwei Böller vorhanden waren und Rodenstein ein Freund von Ehrensalven war, so wurden Kanonenschläge gefertigt, die in regelmäßigen Zwischenräumen angezündet werden sollten, kurz, man traf alle Vorbereitungen, um den Landesherrn gebührendermaßen zu empfangen.

Ludwig hatte den Braunen wieder bestiegen und war den Herrschaften entgegengeritten, um bei ihrem Anblick sofort umzukehren und ihre Ankunft zu melden.

Der Großherzog war pünktlich. Zwei Minuten vorher sprengte Ludwig zum Tor herein und rief:

»Sie kommen!«

Draußen begannen allsogleich die Kanonenschläge zu krachen, der hundertstimmige Ruf eines begeisterten Hurras kam schnell näher, und da rollten auch schon acht vollbesetzte Equipagen herein, begleitet von Herren, die es vorgezogen hatten, zu reiten. Es waren wohl vierzig Personen.

Der Hauptmann stand in seiner Oberförsteruniform am Portal, um die Herrschaften zu empfangen. Die Burschen glänzten in ihren Staatsuniformen, an ihrer Spitze Ludwig. Neben diesem stand der kleine Kurt. Auch er steckte in einer grünen Uniform und hatte einen Hirschfänger an der Seite.

Der Großherzog sprang, die Hilfe des Lakaien verschmähend, aus dem Wagen, und eben bog er sich nach demselben zurück, um der Großherzogin die Hand zu geben, da erblickte er den Burschen.

»Ah, unser Ludwig Straubenberger!« sagte er. »Kommen Sie heran!«

Ludwig pflanzte sich kerzengerade vor ihm auf.

»Geben Sie Ihrer königlichen Hoheit die Hand«, befahl der Fürst. »Sie dürfen Ihr aus dem Wagen helfen.« – »Ist sie krank dahier?« fragte der gute Bursche.

Er hatte keine Ahnung, daß ihm hier eine Ehre geboten wurde, nach der mancher hohe Offizier und manche Hofcharge vergebens schmachtete.

»Nein«, lachte der Großherzog, »sie will es so.« – »Na, wenn's sein muß, so denn los!«

Mit diesen Worten trat er an den Wagen, streckte der Großherzogin die Hand entgegen und sagte:

»Guten Tag, Hoheit! Da, kommen Sie her, wenn Sie denken, Sie purzeln heraus!«

Er faßte sie an und hob sie buchstäblich aus dem Wagen.

Der Oberforstdirektor hatte inzwischen zu der Kavalkade von der gestrigen Unterhaltung gesprochen, die Herren und Damen waren infolgedessen begierig, den braven Ludwig zu sehen, aber daß er mit der Königlichen Hoheit so summarisch verfahren werde, hatten sie doch nicht gedacht.

Die Großherzogin machte übrigens gute Miene zum bösen Spiel und legte ihre Hand in den Arm ihres hohen Gemahls. So schritten sie, gefolgt von den anderen Herrschaften, nach dem Portal.

Der Oberförster machte sein schneidigstes Honneur. Sein Gesicht brannte förmlich vor Freude, seinen Landesherrn bei sich zu sehen.

»Hier sind wir«, sagte dieser jovial. »So zahlreich haben Sie uns nicht erwartet, mein lieber Rodenstein.« – »Je mehr, desto besser, Hoheit!« antwortete er. »Geben Sie meinem Haus die Ehre, näher zu treten.«

Der Fürst reichte ihm die Hand, die er leise drückte, dann führte Rodenstein diejenige der Fürstin mit Ehrerbietung an seine bärtigen Lippen, verbeugte sich vor dem Gefolge und schritt nun allen voran nach den heute geöffneten Staatsgemächern des Schlosses. Im Saal desselben, der mit seltenen Geweihen und anderen Jagdtrophäen geschmückt war, nahm man Platz, um eine Erfrischung zu nehmen.

Der Großherzog hatte einige Lakaien mitgebracht, um sich von ihnen bedienen zu lassen, aber Rodenstein kannte seine Schuldigkeit als Wirt, seine wackeren Burschen waren da und machten ihre Sache wider Erwarten ganz gut.

Nach dem ersten Trunk sagte der hohe Herr:

»Ich komme zunächst, um mir einmal Ihren kleinen Nimrod anzusehen, doch ist es dazu noch Zeit. Ist Doktor Sternau zu Hause?« – »Ja. Befehlen Hoheit?« – »Er soll kommen.«

Rodenstein gab einen Wink, und Ludwig eilte hinaus.

Die abenteuerlichen, fast romanhaften Erlebnisse des Arztes hatten sich bereits überall herumgesprochen, man kannte ihn noch nicht und war daher nicht wenig begierig, den Mann zu sehen, dem die schönste Gräfin Spaniens ihre Hand schenken wollte.

Sternau trat ein.

Hatte man vielleicht gedacht, daß ein Arzt schon durch seine äußere Haltung eingestehen werde, welche Gnade und Auszeichnung es sei, in der Mitte solcher Herrschaften erscheinen zu dürfen, so hatte man sich hier allerdings bedeutend geirrt. Hoch und breit von Gestalt, ein echter Enakssohn, trat er in der Haltung eines Königs ein. Kein einziger Zug seines offenen, männlichen Gesichts verriet eine Spur von Verlegenheit, und sein großes, schönes Auge flog mit einem ruhigen, forschenden Blick über die Versammlung, als sei er der Gebieter, der hier erwartet werde.

Der Großherzog erhob sich unwillkürlich, und die anderen folgten seinem Beispiel.

»Mein Gott der Herzog von Olsunna!« sagte ziemlich laut und erstaunt ein Herr vom Hof, der hinter dem Fürsten stand.

Schon hatte Sternau das Fürstenpaar erreicht und der Hauptmann eilte an seine Seite.

»Der Herr Doktor Sternau!« stellte er ihn vor und trat dann zurück.

Der Fürst und die Fürstin erwiderten die Verbeugung des Arztes, und der erstere sagte:

»Man hat mir von Ihnen gesprochen. Sie sind in meinem Land geboren?« – »Ich habe die Ehre, ein Landeskind Eurer Hoheit zu sein.« – »Wie kamen Sie nach Spanien?« – »Ich befand mich in Paris bei Professor Letourbier, als ich nach Rodriganda gerufen wurde, um den Grafen dieses Namens von einem doppelten Leiden, dem Stein und dem Star, zu befreien.« – »Ah! Gelangen die Operationen?« – »Ich war glücklich.« – »So darf man Ihnen Glück zu so großem Erfolg wünschen.«

Sternau verbeugte sich dankend, und der Großherzog fuhr fort:

»Übrigens haben wir gehört, daß Sie sich ein außerordentlich angenehmes Honorar mitgebracht haben?«

Der Großherzog lächelte freundlich, was die Eigentümlichkeit seiner Worte in der Weise milderte, daß Sternau mit einem leisen Lächeln antwortete:

»Es wurde freiwillig gegeben, Hoheit.« – »Wir haben von Ihren Schicksalen gehört, und Königliche Hoheit, die Großherzogin, wünscht die Gräfin de Rodriganda zu sehen. Oder hält die Dame sich so zurückgezogen, daß …« – »O nein, Hoheit. Darf ich Rosa de Rodriganda holen?« – »Ja, wir bitten darum.«

Man nahm wieder Platz. Ein leises Flüstern ging von Mund zu Mund, der Arzt hatte auf alle, besonders aber auf die Damen, einen bedeutenden Eindruck gemacht. Nun war man desto neugieriger auf die Gräfin, der man den Vater geraubt und sie selbst dann wahnsinnig gemacht hatte, so daß sie nur von einem Arzt wie Sternau hatte gerettet werden können.

Während dieser leisen Unterhaltung hatte sich der Großherzog an den Herrn gewandt, der jene Äußerung bei Sternaus Anblick getan hatte.

»Es entschlüpften Ihnen vorhin einige Worte, Exzellenz …?« fragte er so, daß es nur die Großherzogin hören konnte. – »In einer wirklichen Überraschung, Hoheit.« – »Sie nannten einen hohen Namen.« – »Den des Herzogs von Olsunna.« – »Was hat es für eine Bewandtnis damit?« – »Dieser Doktor Sternau gleicht dem Herzog so, daß ich fast erschrocken war.« – »Zufall.« – »Hm.«

Der Mann machte bei diesem Laut ein so eigentümliches Gesicht, daß der Großherzog aufmerksam wurde.

»Was meinen Sie?« fragte er. – Ich dachte soeben an einige Eigentümlichkeiten.« – »Die man erfahren darf?« – »Nur Hoheit gegenüber spreche ich davon. Haben Hoheit die zwei kleinen Male bemerkt, die der Doktor im Gesicht hat?« – »Auf der Stirn und an der linken Wange?« – »Ja, sie sind nicht auffällig, sie geben den Zügen eher etwas Pikantes.« – »Was ist's mit ihnen?« – »Dieselben Male hatte der Herzog ganz an derselben Stelle.« – »Ah, das könnte allerdings aufmerksam machen.« – »Ferner ist Madame Sternau, die die Honneurs von Schloß Rheinswalden macht…« – »Sie ist hier?« unterbrach ihn der Fürst. – »Sie und ihre Tochter. Sie war als Gouvernante in Spanien, und zwar auch kurze Zeit bei dem Herzog von Olsunna als Erzieherin von dessen Tochter.« – »Das ist allerdings sehr auffällig.« – »Sie ging ungewöhnlich schnell ab und verließ Spanien. Es mußte irgendeine Szene gegeben haben. Ich kenne das, da ich gerade zu jener Zeit bei der Gesandtschaft war und ihren Paß in die Hand bekam.« – »Stimmt das Alter des Arztes mit der Zeit?« – »Ja, und noch mehr: Ich habe diesen Doktor Sternau schon früher gesehen.« – »Ah!« – »Als Kind, ganz zufällig. Das war bei einem Verwandten der Frau Sternau, einem gewissen Wilhelmi, dessen Sohn jetzt in Genheim Lehrer ist. Ich rechnete bereits damals nach und kam zu dem überraschenden Resultat, das Ew. Hoheit jedenfalls vermuten werden.« – Eigentümlich, sehr eigentümlich.«

Die Großherzogin hatte alles gehört.

»Man wird sich für diesen Arzt wirklich interessieren müssen!« meinte sie, und lächelnd fügte sie hinzu: »Er hat wirklich so etwas – hm, so etwas ›Herzogliches‹ an sich.« – »Gewiß!« stimmte ihr der Herzog bei.

Eine weitere Bemerkung konnte er nicht machen, denn es öffnete sich soeben die Tür, und Rosa trat am Arm Sternaus ein.

In einer anderen Versammlung wäre ein hörbares »Ah!« der Bewunderung durch den Saal gegangen, diese Hofleute aber waren es gewöhnt, sich zu beherrschen, und doch rückte hier und da ein Stuhl, man hörte das leise Scharren eines Fußes oder das Rauschen eines seidenen Kleides, das durch eine Bewegung der Überraschung hervorgebracht worden war.

Und schön war sie, unendlich schön, so schön, daß sich keine der anwesenden Damen nur im entferntesten mit ihr hätte messen können. Und wie einfach ging sie! Sie trug nichts als ein Kleid von weißem Alpaka, eine Rose im Haar und zwei Nelken am Busen. Es war, als ob die Schönheit sich verkörpert habe und nun hier eintrete, um die Herren in Entzücken und die Damen in bitteren Neid zu versetzen.

Auch bei ihrem Eintritt erhoben sich alle. Die Großherzogin aber ging ihr einige Schritte entgegen und reichte ihr die Hand. Rosa beugte sich mit vornehmstem Anstand auf dieselbe nieder, und als sie den schönen Kopf wieder erhob, senkte sich der vorhin so stolze, königliche Blick so innig bittend und vertrauend in das Auge der Fürstin, daß diese ergriffen wurde und sofort fühlte, daß sie diesem schönen Geschöpf eine Beschützerin sein werde.

»Gräfin Rosa de Rodriganda y Sevilla!« sagte Sternau laut.

Dann trat er einen Schritt zurück.

»Erlaucht«, wandte sich jetzt die Großherzogin an Rosa, »ich heiße Sie willkommen in unserem Land und empfehle Sie hiermit der Gewogenheit Seiner Hoheit.«

Der Großherzog neigte gütig den Kopf und erwiderte:

»Wenn Sie es gestatten, Erlaucht, werden wir Ihnen gern mit unseren Kräften zur Verfügung stehen. Man wird Sie veranlassen, sich den Kreisen unseres Hofes nicht länger zu entziehen.« – »Ich danke, Hoheit, danke von ganzem Herzen«, sagte Rosa, »aber gestatten Sie mir noch länger, mich in der Einsamkeit dem Andenken von Ereignissen zu widmen, die mein ganzes Leben umgestaltet haben. Mein Herz schätzt Ihre Freundlichkeit und findet sie unendlich wertvoll für ein verwaistes Leben; aber ich habe noch stillen Abschluß zu halten mit allem, was hinter mir begraben wurde.« – »Was aber doch wieder auferstehen soll!« versetzte die Großherzogin. – »Oh, wo gibt es einen Christus, der hier sprechen kann: Jüngling, ich sage dir, stehe auf!«

Da entgegnete der Großherzog:

»Erlaucht, wir sind keine Erlöser, Propheten und Wundertäter, doch wenn es möglich wäre, ein Wort zu sprechen, das imstande ist, eine der gestorbenen Hoffnungen wieder aufzuwecken, so werden wir dieses Wort sicher und von Herzen gern sprechen. Wir wollen Sie Ihrer Einsamkeit, die Ihnen vielleicht wohltut und Ihrer Seele den Frieden bringt, nicht entreißen, aber sollten Sie einmal unseres Wortes bedürfen, so hoffen wir bestimmt, daß Sie uns dann nicht vergessen haben. Lassen Sie uns Platz nehmen. Bitte, Erlaucht, an meine Seite! Und Sie, Herr Doktor, nehmen Sie neben Ihrer Königlichen Hoheit Platz. Sie sollen uns erzählen von dem schönen Land der Kastanien.«

Die beiden Verlobten erhielten also die Ehrenplätze neben den Hoheiten. Und nun begann die Aufgabe des Hauptmanns, sich als Wirt zu zeigen.

Es gelang ihm vortrefflich. Das Mahl hatte in allen seinen Gängen den Beifall der Herrschaften, und der Wein, der so lange unberührt im dunklen Schloßkeller gelegen hatte, war so gut, daß am Ende der Tafel eine fast animierte Stimmung herrschte.

»Rodenstein«, sagte da der Großherzog, »treten Sie einmal näher!«

Der Oberförster folgte dem Befehl.

»Wie lange dienen Sie bereits?« – »Vierunddreißig Jahre.« – »Und haben es noch zu nichts gebracht?« – »Zu nichts, Hoheit? Hm, ich dächte, ich wäre doch bereits etwas!« – »Ja, aber es ist ein Unterschied zwischen etwas sein und etwas haben!« – »Hm!«

Der Hauptmann wußte gar nicht, wo hinaus der Großherzog wollte; dieser aber fuhr fort:

»Da Sie nach Ihrer Meinung etwas sind, so sollen Sie heute auch etwas dazu haben. Treten Sie noch näher. Exzellenz, geben Sie her!«

Die alte Exzellenz, die vorhin von dem Herzog von Olsunna gesprochen hatte, griff in die Tasche und zog ein zierlich gearbeitete Etui hervor. Der Großherzog öffnete es und entnahm ihm den hohen Ludwigsorden, den er dem Hauptmann an die Brust heftete.

Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er wurde bald bleich, bald rot; seine Lippen zitterten, und der Atem ging ihm schwer.

»Dies soll Ihnen ein Zeichen unserer außerordentlichen Huld und Gewogenheit sein«, sagte der Großherzog. »Tragen Sie ihn heute, uns allen zur Freude. Das übrige werden wir noch verfügen.«

Da endlich kam dem Hauptmann die Sprache wieder: »Königliche Hoheit – Sapperlot – das ist ja – o heiliges – na, so eine Überraschung! Das habe ich ja gar nicht verdient!« – »Ob Sie diese Auszeichnung verdient haben, das zu ermessen, kommt uns allein zu. Jetzt aber lassen Sie einmal Ihren kleinen Nimrod kommen.«

Rodenstein winkte einem seiner Burschen, und dieser ging, den Befehl des Großherzogs auszurichten, der weiter fragte:

»Wie alt ist er? In Ihrer Zuschrift stand fünf Jahre.« – »Und einige Monate«, entgegnete Rodenstein. – »Also ein Knabe, der noch nicht schulpflichtig ist, schießt einen Wolf, sogar einen Luchs? Das ist unglaublich!« – »Der Junge ist ein Mirakel, Hoheit!« – »Das muß so sein, wenn hier nicht ein Irrtum vorliegt. Was meinen Sie, Herr Doktor?«

Sternau antwortete:

»Der Knabe hat beide Tiere ganz gewiß geschossen, Hoheit. Auch ich würde es nicht glauben, aber ich kenne ihn. Er würde ebenso ruhig auf einen Elefanten anlegen wie auf einen Hasen. Er hat bereits einmal in meiner Gegenwart einen wütenden Eber erlegt, der Gräfin Rodriganda in Lebensgefahr brachte.« – »So bin ich allerdings begierig, den kleinen Helden zu sehen.«

Jetzt trat Kurt ein. Man hatte ihm gesagt, wie er sich zu benehmen habe. Er machte seine Sache ganz vortrefflich, er kam in kerzengerader Haltung furchtlos heranmarschiert, stellte sich in Achtung vor dem Großherzog auf und machte sein Honneur.

»Ah, da bist du ja!« sagte der Fürst. – »Hoheit haben befohlen!« meinte Kurt, indem er die hellen, klugen Augen fest auf seinen Landesvater richtete. – »Wie heißt du?« fragte dieser. – »Kurt Helmers. Helmers von meinem Papa und Kurt von dem Herrn Hauptmann, der mein Pate ist.« – »Schön, das ist deutlich! Wie alt bist du?« – »Fünf und ein Viertel.« – »Was ist dein Vater?« – »Seemann.« – »Wo ist er?« – »Er war Steuermann auf der Jeffrouw Mietje, jetzt aber ist er zu Hause, hier auf Rheinswalden.« – »Was willst du einmal werden?« – »Hoheit, ein tüchtiger Kerl!«

Bei dieser Antwort kniff Kurt die Lippen so energisch zusammen, daß man es ihm ansah, es sei sein voller Ernst.

»Das ist brav von dir! Aber ich meine, welchen Stand du dir wählen wirst.« – »Das verstehe ich nicht; das überlasse ich Papa und dem Herrn Hauptmann, vielleicht auch dem Doktor Sternau.« – »Warum diesen dreien?« – »Sie sind gescheiter als ich und wissen es besser, wozu ich tauge.«

Der Großherzog nickte wohlgefällig, sagte aber doch:

»So hast du also keine Vorliebe für irgendeinen Stand?« – »O doch! Ich will etwas werden, was recht schwer ist, wo man recht viel zu lernen hat, und wo man recht kämpfen muß. Ein Jäger, ein Seemann oder ein Soldat.« – »Das gefällt mir. Lernst du gern? Zähle einmal auf. Lesen?« – »Hm«, entgegnete Kurt stolz, »das rechnet man nicht! Lesen und Schreiben und so weiter kann jeder Gänsebube. Ich kann Englisch und Französisch; ich muß zeichnen und vieles andere tun, was mich der Herr Hauptmann lehrt.

Sodann kann ich schießen, reiten, fechten, schwimmen, turnen, na, das ist alles ja nicht schwer.« – »Du bist ein Hauptkerl. Was hast du denn schon geschossen? Scheibe?«

Diese Frage war in einem ein wenig spöttischen Ton ausgesprochen, aber der Knabe antwortete ganz ruhig:

»Ja, Scheibe; erst feste und nachher Schwingscheibe, sodann Steine, die man in die Luft warf.« – »Nachher? Einen Hasen etwa schon?« – »Ja, Hasen, in diesem Winter bereits einige hundert.« – »Auch bereits anderes Wild?« –, Ja.« – »Und wie war es mit dem Wolf?« – »Oh, das war sehr einfach: Ich sah ihn, und da schoß ich ihn nieder. Was kann man weiter tun!« – »So, so. Hattest du keine Furcht?«

Der Knabe sah den Großherzog groß an.

»Furcht? Vor wem denn? Vor dem Wolf? Der hat sich doch vor mir zu fürchten, vor mir und vor meiner Büchse!« – »Ah so! Aber der Luchs?« – »Das war ebenso; doch er hat zwei Kugeln erfordert« – »Und auch den hast du nicht gefürchtet?« – »Nein, ich war dumm; ich dachte erst es sei eine Wildkatze; ich hatte die Ohrpinsel nicht bemerkt.«

Der fünfjährige Bube sprach so furchtlos und verständig, daß die Hoheiten sich förmlich verwunderten. Die Großherzogin legte ihm die feine Hand auf den Kopf und zog ihn zu sich heran.

»Hast du denn deine Mama noch?« fragte sie. – »Jawohl«, beteuerte er. – »Und hast du sie lieb?« – »Gar sehr!« – »Hast du denn nicht an sie gedacht als der Wolf vor dir stand?« – »Nein«, sagte er ehrlich. – »Das ist unrecht von dir, mein Sohn.« – »Unrecht?« fragte er. »Warum?« – »Denke an die Tränen deiner Mutter, wenn dich der Wolf oder der Luchs getötet hätte!« – Ja«, gab Kurt zu, »da hätte sie sehr viel geweint, denn sie hat mich lieb. Aber meine Mama geht doch auch in den Wald…« – »Was willst du damit sagen, Kind?« – »Wenn nun der Wolf oder der Luchs die Mama getötet hätte? War es da nicht besser, ich ging hinaus und schoß das Viehzeug nieder?«

Die Großherzogin fühlte sich überrumpelt und geschlagen. Sie lächelte und antwortete:

»Du sprichst richtig wie ein Held!« – »Ach, Hoheit ich bin kein Held! Wenn Sie einen Helden sehen wollen, so müssen Sie hier meinen Onkel Sternau ansehen, der ist in Amerika und Afrika gewesen, sogar in Asien. Da hat er Löwen, Panther, Tiger und Elefanten gejagt; da hat er auch mit wilden Menschen gekämpft. Was bin ich da gegen ihn. Ein dummes Kind!« – »Ah«, sagte der Großherzog, »das haben wir nicht gewußt. Sie waren in Amerika, Herr Doktor?« – »Allerdings«, antwortete Sternau. – »Und im Orient?« – »Einige Jahre.« – »Und haben wirklich diese Tiere gejagt?« – »Nebenbei. Der Hauptzweck meiner Wanderungen waren natürlich die Studien.« – »Dann werden wir gewiß bald Gelegenheit suchen, uns von Ihnen erzählen zu lassen. Dieser Kleine profitiert gewiß auch von Ihren Erfahrungen.« – »Einigermaßen. Jetzt zum Beispiel lehre ich ihn, den Lasso zu gebrauchen.« – »Nicht möglich! Einen fünfjährigen Knaben!« – »Und doch. Ich habe ihm einen Lasso gefertigt, fünfzehn Fuß lang und vierfach geflochten. Er gebraucht ihn bereits ziemlich gut.« – »Gegen wen?« – »Gegen die Hunde und Ziegen, sowie gegen sein kleines Pony, das zwar nicht die Kraft hat wie größere Tiere.« – »Das möchte man einmal sehen«, sagte die Großherzogin. – »Oh, das ist nichts«, fiel Kurt ein. »Hoheit müssen den Onkel Sternau sehen, wenn er eine Stunde gibt. Schieße ich fünfzig Schritt weit, so nimmt er dreihundert; reite ich über einen Baumstamm, so sprengt er über eine Mauer; fange ich mit dem Lasso eine Ziege, so reißt er ein Pferd nieder. Er schießt von vier Steinen, die ich emporwerfe, zwei mit einem Schuß herab, und jeden Stein, jede Kugel, die ich werfe, trifft er im raschesten Galopp. Das ist der richtige Held! Aber ich lerne es auch noch!«

Kurts Wangen glühten, und er sah dabei so hübsch aus, daß ihn die Großherzogin streichelte. Der Großherzog aber sagte:

»Dann wundere ich mich nicht mehr, daß du Wölfe schießt. Ist der Wolf noch zu sehen?« – »Ja«, erwiderte Kurt. »Er liegt im Holzstall.« – »Und der Luchs?« – »Der liegt auch noch drüben, nackt, ohne Haut.« – »So werden sie nachher in Augenschein genommen. Also auch fechten kannst du, und mit allen Waffen?« – »Ja, Hoheit!« – »Wer war denn dein Lehrer?« – »Der Herr Hauptmann. Und jetzt lerne ich gar noch boxen vom Onkel Sternau.« – »Das geht ja nicht, du bist klein und er so groß.« – »Ach, das wird anders gemacht! Es muß ein Junge aus dem Dorf her, den nehme ich; der Onkel nimmt den Ludwig; diese beiden machen es vor, und wir machen es nach.« – »Ach so! Und wer bekommt da die Hiebe?« – »Der Junge und der Ludwig. Dann ruft er immer: ›Gottstrambach dahier!‹ Es ist das ein sehr lustiger Unterricht!« – »Das glaube ich«, lachte der Großherzog. »Also auch ein Reiter bist du?« – »Oh, nur ein Ponyreiter; aber man hat dennoch Respekt vor mir.« – »So wirst du uns nachher etwas vorreiten.« – »Sehr gern.« – »Und wie steht es mit den Sprachen? Du sprichst französisch?« – »Ja. Wir können jetzt ja französisch oder englisch sprechen, Hoheit. Mir ist's egal.« – »Du Tausendsassa! Aber wir wollen doch beim Deutschen bleiben. Wer hat dich in diesen Sprachen unterrichtet?« – »Der Herr Hauptmann und Frau Sternau. Jetzt aber habe ich noch einen anderen Lehrer, den Tombi, er ist ein Waldhüter, eigentlich ein Zigeuner.« – »Welche Sprache lernst du von ihm?« – »Das sagt er noch nicht; aber ich habe ihn überlistet und einmal nachgeschlagen. Man liest verkehrt, nämlich von rechts nach links; es wird wohl Arabisch sein oder Malaiisch.« – »Davon weiß ich ja noch gar nichts!« sagte Sternau. – »Ach, ich soll es geheimhalten, denn Tombi denkt, der Herr Hauptmann räsoniert darüber.« – »Aber warum lehrt er es dich?« – »Er sagt, ich könne es einmal gebrauchen, und er will in der Übung bleiben.« – »So wird es wohl die Zigeunersprache sein. Die sollst du allerdings nicht lernen.« – »Zigeunerisch ist es nicht, nein! Die Zigeuner beten doch nicht!« – »Ah, er lehrt dich Gebete?« – »Ja. Alle meine Sprüche, Lieder und Gebete übersetzt er mir. Onkel, nicht wahr, du verstehst Arabisch?« – »Ja.« – »Nun, so kannst du gleich einmal sehen, ob es vielleicht Arabisch ist. Soll ich dir einmal den Anfang des Vaterunser sagen?« – »Ja. Arabisch heißt er: ›Ja abana Iledsi fi s-semavati jata-haddeso smok‹.« – »Nein, das ist es nicht; der meinige lautet: ›Bapa kami jang ada de surga, kuduslah kiranja namamu‹.« – »Was? Woher hat der Waldhüter diese seltene Sprache! Es ist Malaiisch.« – »Malaiisch?« fragte der Großherzog. »Ein deutscher Waldhüter und Malaiisch! Wie es scheint, sind hier auf Rheinswalden lauter außerordentliche Menschen zu finden.« – »Er ist in der Malaiensee gewesen«, entgegnete der Knabe. »Er hat mir von Borneo und Timur und Celebes erzählt« – »Dann muß ich mit ihm hierüber sprechen.« – »Also, Onkel Sternau, darf ich diese Sprache weiter lernen?« – »Jawohl, in Gottes Namen. Auch ich kann einiges davon; ich werde mittun.« – »Außerordentlich!« meinte die Großherzogin. »Man sieht, daß man Veranlassung hat zum öfteren nach Rheinswalden zu kommen.« – »Ja, ja, kommen Sie!« rief Kurt freudig. – »Ah, warum sagst du das?« fragte sie freundlich. – »Weil ich Sie liebhabe.«

Da beugte sich die Großherzogin über den Knaben und fragte: »Und warum bist du mir gut Kurt?« – »Weil Sie so gute Augen haben.« – »Also du fürchtest dich nicht vor mir?« – »Nein. Warum sollte ich mich fürchten?« – »Weil – nun, weil ich eine Fürstin, eine Großherzogin bin«, lächelte sie. – »Darum? O nein«, sagte er. »Ist denn eine Großherzogin so etwas Schreckliches? Wie kann ich mich vor Ihnen fürchten, wenn ich mich nicht vor dem Luchs gefürchtet habe.«

Die Hofdamen wurden verlegen. Dieser Verstoß war zu groß, als daß nach ihrer Meinung die Großherzogin ihn ruhig hinnehmen konnte; diese aber dachte anders als ihre Damen. Sie nickte gütig und entgegnete:

»Du hast recht, mein Sohn. Auch eine Fürstin braucht Liebe; man soll sie ehren, aber man soll sie nicht fürchten. Nun aber magst du uns einmal deine Künste zeigen.« – »Nicht erst den Wolf und den Luchs?« – »Ja, auch so ist es uns recht. Komm.«

Die schöne Frau nahm Kurt bei der Hand, und nun spazierten sämtliche Herrschaften hinüber nach dem Vorwerk, um die beiden Tiere zu besichtigen, die man ihrer Seltenheit wegen noch gar nicht aufgerissen hatte. In der jetzt herrschenden Kälte waren sie gefroren und boten also nichts Widerliches. Der Großherzog untersuchte die Schüsse mit eigenen Händen.

»Und das bist du wirklich gewesen?« fragte er erstaunt. – »Ja«, antwortete der Kleine. – »Und niemand war bei dir?« – »Kein Mensch.« – »Kind, so bist du ein Liebling der Vorsehung. Sie muß dich zu Ungewöhnlichem bestimmt haben. Sei immer brav und gut und hüte dich vor allem Unrecht!« – »Das werde ich«, erwiderte Kurt sehr ernsthaft. »Aber nun darf ich wohl mein Pony und meine Waffen holen?« – »Tue das«, sagte der Hauptmann. »Die Herrschaften werden aus den Fenstern zusehen.« – »Und«, wandte sich die Großherzogin an Sternau, »werden auch Sie uns eine Ihrer ritterlichen Künste zeigen?«

Über Sternaus Stirn legte sich eine leise Falte; es widerstrebte ihm, als Kunstreiter oder Kunstschütze aufzutreten. Die hohe Dame bemerkte es und fügte hinzu:

»Wir haben noch nie einen Lasso gesehen. Bitte, Herr Doktor.«

Da glättete sich die Falte, und Sternau machte eine zustimmende Verbeugung und sagte:

»Ich stelle mich zur Verfügung.« – »Ja, Onkel Sternau, Sie müssen mittun«, rief Kurt. »Dann habe ich auch mehr Lust, und es geht weit besser.«

15. Kapitel.

Der Schloßhof war groß genug zu den beabsichtigten Experimenten. Der Kälte wegen gingen die Damen in den Saal, durch dessen Fenster sie alles sehen konnten; die Herren aber blieben erwartungsvoll im Freien stehen.

Sternau war schnell nach seiner Wohnung gegangen. Nach einiger Zeit kam er wieder herab. Man kannte ihn kaum wieder. Er trug ein wildledernes Jagdhemd und ebensolche Hosen, lange, schwere Trapperstiefel und einen breitrandigen Filzhut. In seinem Gürtel staken zwei Revolver, ein Bowiemesser und ein Tomahawk; über seinem Rücken hingen zwei Gewehre, und um die Hüfte hatte er einen langen Lasso geschlungen, an dem noch eine südamerikanische Bola hing.

»Ah, ein Präriejäger!« rief der Großherzog, ganz enthusiasmiert.

Auch die anderen Herren stießen sich leise an. Der Anblick dieses Mannes war verheißungsvoll.

»Allerdings, ein Präriejäger«, erwiderte Sternau lächelnd. »Ich bin kein Künstler, sondern ein einfacher Savannenläufer; aber vielleicht gelingt es mir, den Herrschaften ein Bild des dortigen Kampflebens zu geben. Da kommt Kurt.«

Der Knabe kam jetzt in den Hof hineingeritten, ohne Sattel, nur mit einem einfachen Zaum. Er hatte seine grüne Kleidung abgelegt und trug einen Anzug, der ganz demjenigen Sternaus glich. Seine Doppelflinte hing ihm über der Schulter.

»Was tun wir zuerst, Onkel Sternau?« fragte er. – »Wir machen den Lasso.« – »Gut. Ludwig, laß einmal den Ziegenbock heraus.«

Der Jägerbursche ging sofort nach dem Stall und lockte einen großen, ungewöhnlich starken Bock heraus, der beim Anblick des Ponys sich sofort in kampfbereite Positur stellte.

Sternau stand an der Seite des Großherzogs.

»Hoheit werden nur Kindliches sehen«, sagte er. »Von einem fünfjährigen Knaben geleistet ist es jedoch immerhin interessant.« – »Keine Sorge«, antwortete der Fürst. »Wir sind alle außerordentlich gespannt.« – »Soll ich?« fragte Kurt. – »Ja, fange an«, rief der Hauptmann.

Der Knabe band sich nunmehr das eine Ende des Lassos um den Leib, legte den übrigen Teil in Rollen und nahm diese in die rechte Hand. Mit der Linken lenkte er das Pferd.

Sobald sich dieses in Bewegung setzen wollte, stellte sich ihm der mutige Bock entgegen und stieß mit den Hörnern nach ihm.

»Der Bock weiß, was losgehen soll, er wehrt sich«, sagte Sternau.

Das Pony schlug mit den Vorderhufen nach ihm; aber der Bock wich nicht.

»Drüber weg!« rief Sternau. – »Hallo!« antwortete der Knabe.

Er nahm das Pferdchen hoch, schnalzte mit der Zunge und schnellte im nächsten Augenblick über den Bock hinweg.

»Mein Gott, dieser kühne Sprung! Welch ein Knabe!«

Dies sagte hinter dem Fenster die Großherzogin zu Rosa, die neben ihr stand.

»Ja, es ist ein außerordentliches Kind. Es leistet wirklich bereits mehr als mancher Erwachsene«, antwortete die Spanierin. »Sehen Sie, wie er jetzt rund um den Hof sprengt! Welche Karriere, ventre à terre!« – »Und ohne Sattel!« sagte eine Hofdame. – »Ohne Bügel!« fügte eine andere hinzu.

Der Knabe flog im rasenden Galopp um den Hof. Er saß frei auf dem Pferd. Jetzt zog er die Füße empor und kniete auf dem Rücken des Ponys. »Hallo, Ludwig!« rief er. – »Ja«, antwortete dieser. – »Nimm die Peitsche.«

Der Bursche, der bei diesen Übungen seine Obliegenheiten kannte, hatte die Peitsche bereits in der Hand. Jetzt trat er vor und trieb den Bock von der Stelle. Das Tier wollte sich zuerst zur Gegenwehr stellen, gehorchte aber doch und flog bald im Galopp davon – Kurt hinter ihm her. Der Bock wußte, daß er mit dem Lasso gefangen werden sollte. Er strengte alle seine Kräfte an, um zu entkommen. Er rannte nicht in kontinuierlichem Lauf herum, sondern im Zickzack durch den Hof, machte Finten und Seitensprünge, aber es half ihm alles nichts – der gewandte Knabe war auf seinem Pferdchen immer hinter ihm her.

»Exquisit!« rief der Großherzog. – »Er reitet wirklich meisterhaft!« meinte einer der erstaunten Hofherren.

Auch droben hinter den Fenstern hörte man ein Beifallsklatschen von zarten Händen. Der Junge blickte empor und warf während eines Seitensprungs, den er meisterlich ausführte, eine Kußhand hinauf.

»Er hätte den Bock schon lange«, bemerkte Sternau. – »Warum nimmt er ihn nicht?« – »Er wartet mein Kommando ab; das macht es ihm schwieriger.« – »So geben Sie es.« – »Achtung!« rief jetzt Sternau.

Der Knabe, der bis dahin noch immer gekniet hatte, setzte sich nunmehr schnell wieder zurecht und ließ die Schleifen des Lassos um seinen Kopf schwingen.

»Jetzt!« kommandierte Sternau. – »Hallo!« rief da Kurt begeistert.

Im selben Augenblick flog der Lasso, rollten sich die Schleifen auf und warf sich die Schlinge um den Kopf des Bockes. Und dann riß der Knabe sein Pferd in die Höhe und herum; es war geschult; es stand fest Der Bock aber tat noch einige Sprünge, wobei der Lasso ablief, dann zog sich die Schlinge zusammen, und der Bock stürzte zur Erde.

»Bravo!« rief es rund im Kreis. – »Bravo!« erschallte es auch von oben herab. – »Sie sind wirklich ein ausgezeichneter Lehrer«, sagte der Großherzog zu Sternau. – »Oh«, antwortete dieser, »bei einem solchen Schüler ist der Unterricht eine Lust.« – »Er wird einmal ein ausgezeichneter Mensch.« – »Ich bin überzeugt davon.« – »Aber dieser Lasso ist eine fürchterliche Waffe.« – »In der Hand des Geübten allerdings.« – »Kann man ihr nicht entkommen?« – »O doch, aber es gehört ein außerordentlich scharfes Auge dazu. Man muß gerade in dem Augenblick, in dem die Schlinge über dem Kopf schwebt Abwehr treffen, keinen Moment früher oder später.« – »Ist dies möglich?« – »Darf ich es Euer Hoheit zeigen?« – »Ich bitte.« – »Ich hoffe, daß es gehen wird, obgleich ich dieses Experiment mit Kurt noch nicht vorgenommen habe.«

Kurt war abgestiegen und hatte den Bock, der zu ersticken drohte, von der Schlinge befreit. Jetzt kam er langsam herbei.

»War es so recht, Hoheit?« fragte er. – »Sehr, mein Junge. Das hatte ich nicht von dir erwartet.« – »Oh, eine solche Schlinge ist hübsch; man fängt alles mit ihr.« – »Auch mich?« fragte Sternau lächelnd. – »Nein! Sie reiten besser als ich. Sie würden sich immer in einer solchen Entfernung halten, daß mein Lasso zu kurz ist, Sie zu erreichen.« – »Nein, das würde ich nicht tun.« – »Oh, dann fange ich Sie!« – »Wirklich?« – »Ganz sicher!« versetzte der Knabe zuversichtlich. – »Auch wenn ich mich hier in die Mitte des Hofes stelle und gar nicht fortschreite?« – »Na, dann ist es ja ganz leicht.« – »Wollen wir es versuchen?« – »Sie machen doch bloß Spaß.« – »Nein, ich bleibe fest auf der Stelle stehen, und wenn es dir gelingt, mich mit dem Lasso zu umschlingen, dann …, ah, was dann?« – »Dann schenken Sie mir einen kleinen Tomahawk und lehren mich, ihn zu gebrauchen«, sagte Kurt mit leuchtenden Augen. – »Gut, es gilt.« – »Na, so ist der Tomahawk bereits mein.« – »Warte es ab, Kleiner.«

Sternau stellte sich inmitten des Hofes auf und nahm von den beiden Gewehren, die er auf dem Rücken trug, das lange herunter.

»Nun, Kurt, es kann losgehen«, sagte er. – »So gelingt es gleich beim ersten Wurf; passen Sie auf.«

Der kleine Präriejäger stellte sich in abgemessener Entfernung auf, rollte den Lasso kunstgerecht zusammen, schwang ihn über dem Kopf und warf ihn. Aber in dem Augenblick, als die Schlinge über dem Kopf Sternaus schwebte, hob dieser seine Büchse empor, schlug einen Wirbel und fing die Schlinge auf.

»Nun?« fragte er lachend. – »Ja«, sagte der Knabe ganz verblüfft, »da bringe ich nichts fertig.« – »Versuche es noch einmal.«

Der Versuch wurde wohl noch ein Dutzend Mal gemacht, aber immer mit demselben Mißerfolg.

Ludwig war inzwischen näher geschlichen. Er stand fast hinter dem Großherzog.

»Das ist viel, sehr viel von dem Herrn Doktor«, sagte er; »das macht ihm keiner nach; das ist ein wirkliches Kunststück dahier.« – »Es geht nicht«, rief Kurt endlich ganz enttäuscht. – »Nun, so zeige dich zu Pferd, mit Hindernissen.« – »Schön!« rief der Knabe. »Ludwig!« – »Ja.« – Schaff meine Hindernisse her.« – »Hat sich was zu Hindernissen«, brummte dieser. »Sie sind ja für den Jungen gar keine Hindernisse mehr dahier.«

Damit legte Ludwig Bretter und Latten, stellte alte Töpfe und Kessel, Kisten und Fässer kreuz und quer und zog über die Zwischenräume noch verschiedene Stricke, alles ohne Symmetrie und Berechnung.

»Da kommt keiner durch«, meinte einer der Offiziere. – »Wenigstens dieser Knabe nicht«, stimmte auch der Großherzog bei, der selbst ein sehr gewandter Reiter war. – »Ohne Sattel und Bügel! Das sind ja keine berechneten Kunstreiterhindernisse!« – »Hoheit werden sich vom Gegenteil überzeugen. Der Junge reitet wirklich famos, und das Pony ist ein ausgezeichnetes Tierchen.« – »Na, wollen sehen; Sie machen mich wirklich gespannt.«

Der Block war in seinen Stall geschafft worden, und Kurt stieg nun wieder auf und ritt im Schritt durch das Labyrinth, ohne einen Augenblick lang anzuhalten oder verlegen zu werden, dann im Trab, wobei er sich in sehr schwierigen Sprüngen und Wendungen zeigen mußte, und endlich im Galopp. Die Herren rissen förmlich die Augen auf über die Kühnheit, mit der er über die Fässer, Kisten und Stricke hinwegsetzte, und über den Scharfblick, mit dem er die Töpfe, Teller und Scherben zu vermeiden wußte.

Droben wurden trotz der Kälte von den Damen die Fenster geöffnet, und je mehr man ihm zuklatschte und zurief, desto mehr wagte er, bis ihm endlich Sternau das Zeichen gab, einzuhalten. Dann ging er wieder in den Trab und dann in den Schritt über und sprang endlich vom Pferd.

»Unglaublich!« rief der Großherzog. – »Das war noch nie da. So etwas hat man nicht gedacht!« In solchen und ähnlichen Ausdrücken sprachen die Herren ihre Bewunderung aus. – »Nicht wahr«, meinte der Hauptmann, »es ist ein Donnerwetterjunge?« – »Er hat sich heute selbst übertroffen«, sagte Sternau. »Die Gegenwart der Herrschaften hat ihn förmlich begeistert.«

Der Großherzog wandte sich ernst zu den beiden:

»Meine Herren, dieser Knabe wird einmal nicht nur ein fescher, schneidiger Husarenoffizier, sondern in ihm steckt noch Größeres. Wer bei solcher Kühnheit eine solche Umsicht und einen solchen Scharfblick besitzt, der hat ganz sicher das Zeug zu einem Kommandeur. Herr Oberförster, lassen Sie später mich für den Knaben sorgen.« – »Es wird mir eine Genugtuung sein, Hoheit, diesem Befehl nachzukommen«, antwortete der Hauptmann im höchsten Grad geschmeichelt. – »Herr Oberförster!« ertönte die Stimme der Großherzogin von oben herab. »Senden Sie uns den Knaben herauf. Wir müssen den kleinen Ritter einmal bei uns haben.«

Kurt erhielt einen Wink und verschwand im Portal, während Ludwig das warm gewordene Pony in den Stall führte.

»Und Sie, Herr Doktor«, fragte der Fürst, »auch Sie haben Ihren Lasso mit? Ah, was ist denn das?«

Er deutete nach dem dreistrahligen Riemenstern, der an Sternaus Lasso hing.

»Das ist eine Bola.« – »Ah, davon habe ich gelesen. Die Gauchos von Südamerika bedienen sich ihrer. Ist sie praktisch?« – »Mehr als das, Hoheit. Sie ist sogar noch gefährlicher als der Lasso. Sie zerbricht, wenn sie von geschickter Hand geschleudert wir, die Beine eines Pferdes, ja eines Ochsen. Ich will Ihnen den Gebrauch zeigen, darf aber dazu kein Tier nehmen, da ich es ganz sicher schwer verletzen würde.«

Sternau zeigte zunächst die Bola herum, die aus drei kurzen Lederriemen bestand, die an einem Ende zusammengebunden, am andern aber mit je einer schweren Kugel versehen waren, die in einer festen, ledernen Hülle steckte, ließ von den Knechten an dem einen Ende des Hofes einen Pfahl in die Erde rammen und schritt nach dem anderen Ende hin.

»Hoheit«, sagte er, »damit die Herrschaften sehen, wie sicher ein guter Bolawerfer trifft, werde ich dieses mal den Pfahl zehn Zoll unter seiner Spitze treffen.«

Er stand wohl über fünfzig Schritt von dem Pfahl entfernt, nahm die eine Kugel der Bola in die rechte Hand, wirbelte die beiden anderen einige Male um den Kopf und ließ sie dann fliegen. Sich immer umeinander drehend, flogen die Kugeln in einem Bogen durch die Luft, trafen den Pfahl mit erstaunlicher Sicherheit und schlangen sich um denselben. Man hörte einen Krach – die Spitze des Pfahles war abgebrochen.

»Außerordentlich!« rief der Großherzog.

Er eilte zu dem Pfahl, und die anderen folgten ihm. Eine zehn Zoll lange Spitze war abgebrochen. Der Fürst nahm sie vom Boden auf und gab sie von Hand zu Hand.

»Welche Sicherheit, welche Kraft!« sagte er. »Treffen Sie stets so genau?« – »Stets! Ich will es beweisen«, entgegnete Sternau.

Er warf nun noch viermal und traf jedesmal die Stange an dem Ort, den er bezeichnet hatte.

»So ist dies die gefährlichste Waffe, die es gibt, wenigstens in der Prärie«, sagte der Großherzog. – »Oh, dieses Schlachtbeil ist noch gefährlicher«, meinte Sternau.

Damit nahm er seinen Tomahawk aus dem Gürtel und zeigte ihn vor.

»Dieses schwache Beil mit dem kurzen Griff?« sagte da der Fürst. »Ist es nicht nur eine Waffe für den Nahkampf?« – »Nein. Es spaltet den dicksten Schädel, aber es trifft auch aus großer Entfernung das kleinste Ziel. Ich töte mit ihm einen Flüchtling, der im Galopp entspringt, indem ich hier ruhig stehenbleibe. Ich berechne ganz genau, ob ich seinen Kopf, seinen Hals, seinen Arm, seinen Leib oder sein rechtes oder linkes Bein treffen werde.« – »Das wäre ja kaum zu denken.« – »Doch. Und was das sonderbarste ist, dieses Beil fliegt, wenn ich es werfe, erst waagerecht mit dem Boden fort, dann steigt es empor, so hoch, als ich es berechnet habe, senkt sich wieder nieder and trifft gerade den Punkt, den ich mir zum Ziel nahm. Darf ich dies den Herrschaften beweisen?« – »Bitte, wir sind ganz außerordentlich gespannt«, sagte der Großherzog. – »So werde ich zunächst den Rest dieses Pfahles treffen.«

Sternau hing die Bola in den Gürtel und nahm den Tomahawk zur Hand. Als er an das äußerste Ende des Hofes zurückgekehrt war, stellte er sich mit der linken Seite nach der Gegend des Ziels, schwang mit der Rechten den Tomahawk und ließ ihn dann fahren. Er traf den Pfahl gerade in der Mitte.

»Erstaunlich!« rief der Großherzog. »Es sind wenigstens fünfzig Schritt.« – »Ich treffe das Ziel auf fünfhundert Schritt«, behauptete Sternau. – »Unmöglich! Wenigstens nicht so genau.« – »Ich werde es beweisen. Zwar ist der Hof nicht so lang, aber es wird sich dennoch machen lassen. Um Ihnen die Sicherheit des Wurfs zu beweisen, werde ich das Ziel nur einen Fuß vom Fenster wählen; dann verlasse ich den Hof durch das Tor, dessen Flügel wir weit öffnen, gehe genau fünfhundert Schritt auf die Straße hinaus und werfe den Tomahawk.«

Keiner der Herren glaubte an die Möglichkeit des Gelingens. Aber Sternau ließ gerade unter einem Fenster der hinteren Hoffront einen Pfahl einschlagen und legte auf diesen einen Stein. Dann wurden die Torflügel geöffnet

»Die Herren sehen«, sagte er, »daß dieser Stein nur einen Fuß unterhalb des Fensters liegt; ihn will ich treffen. Man könnte ganz getrost das Fenster öffnen und herausblicken, ich schädige niemand.« – »Das wäre ein Wunder!« ließ sich einer hören. – »Es ist nur die Folge einer langen Übung.«

Sternau verließ jetzt den Hof und schritt die Straße, die gerade auf das Tor zulief, fünfhundert Schritt weit hinaus. Die Herren retirierten sich hinter die Mauern, um nicht getroffen zu werden, und die Damen hatten zwar die Fenster geöffnet, getrauten sich aber nicht, aus denselben herabzublicken.

Jetzt schwang Sternau den Tomahawk, beschrieb mit demselben zunächst einige vertikale Kreise und schleuderte ihn dann nach dem Ziel. Das Indianerbeil flog, ganz wie er es gesagt hatte, erst am Boden hin, stieg rasch und plötzlich bis über die erste Etagenhöhe empor, senkte sich dann jäh und – warf mit einem lauten Krach den Stein vom Pfahl und gegen die Mauer, ohne den Pfahl dabei im mindesten zu berühren.

Auf dieses Meisterstück brach ein außerordentlicher Beifallssturm los. Sternau kam zurück, bedankte sich mit einer stummen Verbeugung und sagte:

»Die Herren sehen, welch eine Waffe das ist.« – »Die fürchterlichste!« meinte der Großherzog. – »Ich stimme unbedingt bei«, entgegnete Sternau. – »Aber es gehört bei einer solchen Entfernung nicht nur die von Ihnen erwähnte Übung dazu, sondern auch eine Riesenkraft, wie nur Sie dieselbe unter uns allen besitzen.«

Sternau lächelte.

»Hier ist die Kunst, den Tomahawk zu schleudern, eine brotlose«, sagte er, »aber da drüben in der Prärie ist sie eine Lebensfrage. Was Sie jetzt gesehen haben, bringt ein jeder Indianer fertig.« – »Und nun Ihren Lasso? Bitte!« sagte der Großherzog. – »Nur Ihnen und diesen Herrschaften zuliebe, Hoheit«, meinte der Arzt. »Anderen eine Fertigkeit zu zeigen, würde nichts als eine prahlerische Schaustellung sein.« – »Tun Sie es immerhin, mein Lieber! Sie sollen uns nicht amüsieren, sondern belehren.«

Sternau ließ das Tor jetzt wieder schließen und den Braunen des Hauptmanns satteln. Dann wurden sämtliche Pferde aus dem Stall gelassen. Nun hatten die Damen wieder den Mut, aus den Fenstern zu blicken. Sternau stieg zu Pferd und tummelte es einige Male hin und her. Man konnte sich keine ritterlichere Figur denken als ihn.

»Ein schöner, ein sehr schöner Mann!« flüsterte die Großherzogin der Gräfin Rosa zu.

Diese erglühte und antwortete:

»Und ein edler Mann, Hoheit, ein Mann, der Kind und Held zu gleicher Zeit ist.« – »Dann sind Sie glücklich?« – »Unendlich!« hauchte Rosa.

Auch die anderen Damen flüsterten sich ihre Bemerkungen zu.

»Man könnte diese Rodriganda beneiden!« meinte die eine. – »Er hat die Attitüde eines Bayard!« sagte eine andere. – »Er reitet wie ein Gott!«

Der, dem diese Worte galten, knüpfte jetzt das eine Ende seines Lassos an den Sattelknopf und legte ihn in Schlingen.

»Meine Herren«, sagte er, »mein Pferd ist den Lasso nicht gewöhnt, und der Raum ist hier zu beschränkt, um Ihnen das richtige Bild einer Pferdebändigung zu geben. Mein Lasso hat eine Länge von vierzig Fuß, viel zu viel, um frei agieren zu können, doch wollen wir es versuchen.«

Er gab darauf den Burschen den Befehl, die Pferde scheu zu machen und durcheinanderzutreiben. Mit Hilfe von Peitschen und Stücken angebrannten Schwamms gelang dies sehr bald. Die Tiere fegten im Galopp im Hof umher.

»Welches Pferd wünschen Sie, Hoheit?« fragte Sternau. – »Den Rapphengst«, lautete die Antwort. – »Gut!«

Sternau gab jetzt seinem Pferd die Sporen und sprengte mit lautem Indianergeschrei zwischen die anderen hinein. Diesen war so etwas noch nicht passiert, sie wurden noch wilder als vorher und rannten wie toll im Kreis herum.

Sternau befand sich mitten unter ihnen und regte sie durch seine Schreie bis auf das höchste auf. Dann zog der plötzlich die Füße aus den Bügeln und stellte sich auf den Rücken seines Pferdes.

»Ah, ein Büffelritt!« meinte der Großherzog. »Ein Ritt mitten in einer wilden Herde!« – »Herr Doktor«, rief da Ludwig von weitem, »ich habe noch einen Kanonenschlag dahier, soll ich?« – »Los damit!« antwortete der Gefragte.

Der Bursche brannte den Zunder an und warf dann die Kapsel mitten auf den Hof.

»Mein Gott, das wird lebensgefährlich!« rief die Großherzogin. – »Ich vergehe!« zitterte Rosa. – »Doktor, um aller Welt willen…« rief der Großherzog.

Er kam nicht weiter. Noch stand Sternau frei auf dem Pferd, da krachte der Schuß, und sämtliche Pferde schnellten erschreckt hoch empor. Auch Sternaus Brauner stieg. Jeder glaubte, der Arzt müsse stürzen und unter die stampfenden Hufe geraten, aber er hatte den rechten Augenblick ersehen; gerade als sein Pferd sich bäumen wollte, war er herab in den Sattel geglitten, in dem er nun fest saß, wie mit dem Pferd zusammengewachsen.

Ein »Ah« der Erleichterung erscholl, aber dennoch war die Situation gefährlich. Die durch den Schuß auf das äußerste aufgeregten Pferde jagten nämlich wie toll im Hof herum. Sternau dirigierte jedoch den Braunen in eine Ecke, musterte mit scharfem Auge den wirren Knäuel, der im Galopp umhersetzte, und gab endlich seinem Pferd die Sporen.

»Herrgott, was fällt ihm ein!« rief der Großherzog.

Die Damen aber schrien aus den Fenstern, und die Herren standen steif vor Schreck. Sternau flog gerade auf die rasenden Pferde zu; es sah aus, als müsse er ganz unvermeidlich mit ihnen zusammenprallen, aber da nahm er den Braunen empor und setzte in einem wilden, verwegenen Satz über zwei nebeneinanderher galoppierende Pferde hinweg.

Es hatte ganz den Anschein, als ob er gegen die Mauer springen müsse, aber mitten im Sprung riß er sein Pferd herum, das kühne Wagnis gelang, und frei galoppierte er nun hinter dem vor ihm fliehenden Pferdetrupp her.

»Bravo! Hurra!« rief der Großherzog, ganz hingerissen von dieser Verwegenheit.

Die Herren und Damen stimmten ein. So etwas hatten sie noch nie gesehen, selbst in einem Zirkus nicht. Sternau nickte dankend mit dem Kopf und schwang den Lasso. Dieser schwirrte durch die Luft und flog mitten im Jagen dem Rapphengst um den Hals. Sofort riß er sein Pferd herum in die entgegengesetzte Richtung – ein fürchterlicher Ruck, sein Pferd ward auf die Hinterbeine niedergerissen, aber der Rappe flog zu Boden und schlug mit den Hufen in der Luft herum, der Lasso schnürte ihm den Hals zusammen und raubte ihm den Atem.

Jetzt sprang Sternau aus dem Sattel und erlöste den Hengst.

Ein erneuter Beifall erscholl.

»Ma foi, Doktor, sind Sie ein Reiter!«

Sternau übergab mit einem Wink den Knechten die Pferde und trat hinzu.

»Was ich tat, tut jeder Indianerknabe«, sagte er. – »Aber Sie hatten die beiden Gewehre auf dem Rücken!« – »Die legt ein Präriejäger niemals ab. Soll ich Ihnen zeigen, wie man mit ihnen umgeht?« – »Ja, tun Sie das, wir bitten darum!« – »Dann möchte ich wünschen, Kurt sei wieder da.« – »Sogleich!«

Der Großherzog teilte Sternaus Wunsch seiner Gemahlin mit, und sogleich wurde der Knabe, der oben von den Damen mit Liebkosungen überhäuft worden war, von ihr entlassen.

»Nimm dein Gewehr«, sagte Sternau zu ihm. »Es gilt zu zeigen, daß du auch noch anderes treffen kannst als einen Hasen.«

16. Kapitel.

Der Knabe hatte sein Gewehr vorhin gegen die Mauer gelehnt, er nahm es jetzt und trat zu Sternau.

»Die Krähe auf dem Dachfirst!« sagte dieser.

Hoch oben auf dem steilen First des Daches saß eine einsame Krähe. Kurt legte an und drückte ab. Sie fiel herunter, und als man sie beobachtete, ergab es sich, daß sie mitten durch den Leib geschossen war.

»Vortrefflich!« rief der Großherzog. – »Verzeihung, Hoheit, das ist ein schlechter Schuß«, sagte Sternau. – »Warum?« – »Eine Krähe ist ein so großes Objekt, daß man sie billigerweise nur durch den Kopf schießen wird.« – »Ah, bringen Sie das fertig?« – »Ich?« fragte Sternau lächelnd. – »Ja.« – »Dieser Knabe tut es bereits!« – »Aber in welcher Nähe!«

Sternau wandte sich gegen die Burschen:

»Ludwig, gehen Sie hinaus nach der Tanne und bringen Sie die Krähe, die Kurt jetzt herabschießen wird.« Der Bursche ging.

Draußen vor dem Schloß stand eine hohe Tanne, deren Äste über die Mauer emporragten. Auf ihren Zweigen saß eine ganze Schar von Krähen. Sie hatten sich durch den einen Schuß nicht erschrecken lassen, denn sie waren in der Nähe des Försters das Schießen gewöhnt.

»Welche?« fragte Kurt. – »Auf dem dritten Ast die äußerste.« – »Ungezählt?« – »Nein, das wäre zu leicht.« – »Gut, ich bin fertig.« – »Eins – zwei – drei!«

Sternau sprach diese Zahlen nicht etwa langsam, sondern schnell hintereinander aus. Bei eins erhob Kurt das Gewehr, und bei drei krachte sein Schuß. Die Krähe fiel herab, und die anderen erhoben sich kreischend in die Luft.

»Aufpassen!« rief Sternau.

Dann riß er das kleinere seiner beiden Gewehre vom Rücken und zielte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Schüsse krachten, fast schneller als man zählen kann, und ebenso viele der entfliehenden Vögel fielen aus der Luft herab.

»Ah, was ist das für ein Gewehr?« fragte der Großherzog. – »Ein Henrystutzen.« – »Ein Repetiergewehr?« – »Ja.« – »Mit wie vielen Schüssen?« – »Mit fünfundzwanzig.« – »Zeigen Sie!«

Sternau gab das Gewehr zur Besichtigung ab. Unterdessen kam Ludwig wieder herein.

»Nicht eine, sondern sieben sind es dahier«, schmunzelte er.

Er legte die Vögel vor, und die Herren staunten, denn eine jede der Krähen war durch den Kopf geschossen.

»Wunderbar!« rief der Großherzog. – »Wunderbar!« echoten die anderen nach. – »Das ist keine Kunst«, meinte Sternau lächelnd. »Kurt, gehe hinauf in mein Zimmer und hole das Lineal von meinem Schreibtisch.« – »Darf ich nicht vorher den Sperling schießen?« fragte der Knabe. – »Welchen?« – »Oben auf dem Glockentürmchen.« – »Ja.«

Auf einem hohen Seitengebäude des Schlosses befand sich ein kleines, offenes Türmchen, in dem eine Glocke hing, die dazu diente, die in Wald und Feld zerstreuten Leute heimzurufen. Dieses Türmchen hatte eine Wetterfahne, und auf derselben saß ein Sperling.

»Den trifft er nicht«, meinte einer der Herren. – »Wollen wir wetten?« fragte der Knabe. – »Ja«, lachte der Herr. – »Wie hoch?« – »Fünf Taler«, lautete die Antwort, wohl um den Knaben abzuschrecken. – »Gut, es gilt!« rief Kurt, und schon hatte er sein abgeschossenes Gewehr wieder geladen. »Onkel Sternau, zählen Sie«, bat er dann, »aber rasch, ehe er fortfliegt.« – »Eins – zwei – drei!« rief Sternau.

Kurt hatte bei diesem schnellen Zählen kaum Zeit zum Zielen gehabt, aber er drückte ab, und der Sperling fiel von der Wetterfahne auf das Dach und rollte von demselben in den Hof herab. Es zeigte sich, daß ihm die Kugel mitten durch den Leib gegangen war.

»Erstaunlich!« rief der Großherzog. »Major, Sie zahlen die Wette.« – »Dieses Mal sehr gern«, entgegnete dieser.

Dann zog er die Börse und hielt dem Knaben einen Doppellouisdor entgegen:

»Hier, mein kleiner Tell!«

Kurt griff zu und entgegnete: »Danke, Herr Major. Einen so wertvollen Sperling habe ich noch nie geschossen.«

Alle lachten, und der Knabe ging, um das Lineal zu holen.

»Ich glaube, meine Herren, das macht ihm von uns so leicht keiner nach!« meinte der Großherzog. – »Hm!« sagte der Major. – »Oder glauben Sie etwa, Major?« fragte der Fürst. – »Ja, wo gleich einen Sperling hernehmen?« antwortete dieser. – »Da fliegt einer«, sagte Sternau, in die Luft deutend. – »Donner, wer soll den treffen? Kein Mensch!«

Sternau lächelte leise, da sagte der Herzog:

»So schießen Sie nach der Wetterfahne, wie Hans Winkelsee im Eschenheimer Turm, wie uns Simrock erzählt. Sie ist zwar auch größer als ein Sperling, aber es bleibt bei dieser Höhe immerhin ein Meisterschuß.«

Der Major nahm den Hinterlader auf, den Kurt einstweilen weggelegt hatte, und betrachtete ihn.

»Ein prachtvolles Gewehr, sehr gut und sorgfältig gearbeitet; ein kleines Meisterstück!« sagte er. »Ich werde es versuchen.«

Er zielte und drückte ab – es war ein Fehlschuß.

»Donner!« rief er. – »Hier sind zwei Patronen, Herr Major«, rief Kurt, der mittlerweile zurückgekehrt war. – »Gut. Ich werde es noch einmal versuchen«, entgegnete der Offizier, lud und gab noch zwei Schüsse ab, jedoch wiederum ohne zu treffen. – »Teufel!« sagte er. »Das ist wahrhaftig eine Blamage.«

Der Major war als ein guter Schütze bekannt, darum sagte der Großherzog:

»Es ist keine Blamage, Major. Sie kennen das Gewehr nicht und das Ziel ist wirklich ein wenig zu entfernt. Lassen Sie ab davon. Was soll das Lineal, Herr Doktor?« – »Es soll ein Ziel sein«, antwortete Sternau. »Kurt, vertraust du mir?« – »Ja«, antwortete dieser. – »Willst du es halten?« – »Ja.« – »Auch über den Kopf?« – »Das ist bei Ihnen egal.« – »So tritt hier an das Tor, fasse das Lineal mit beiden Händen an den Enden und halte es über den Kopf empor.« – »Halt, Herr Doktor!« rief da der Großherzog, »das ist lebensgefährlich, das ist ja der reine Tellschuß!« – »Das soll er auch sein, Hoheit!« – »Aber das können wir nicht dulden. Wir glauben, daß Sie treffen, aber wir wissen auch, daß der kleinste Umstand hier den Tod zur Folge haben kann.« – »Den Tod?« lachte der Knabe zuversichtlich. »Oh, Onkel Sternau schießt noch ganz anders als so, wie er es jetzt zeigen will. Ich gehe.« – »Nein, du bleibst!«

Da trat der Hauptmann vor und sagte:

»Hoheit, lassen Sie die zwei. Die wissen, was sie wollen und können.« – »Aber ich trage keine Verantwortung.« – »Es gibt hier faktisch keine.«

Kurt eilte nun nach dem Tor und hielt dort mit beiden Händen das Lineal quer über den Kopf empor.

»Wie viele Schüsse?« fragte er. – »Zehn«, antwortete Sternau.

Dieser war inzwischen an das entgegengesetzte Ende des Hofes gegangen und nahm dort den Henrystutzen empor. Die Damen, die von oben die Unterhaltung der Herren nicht bis in das einzelnste verstehen konnten, merkten erst jetzt, um was es sich handelte.

»Mein Gott, was geht da vor!« rief die Großherzogin herab. – »Ein Tellschuß!« antwortete ihr Gemahl empor. – »Nein, zehn Tellschüsse!« fügte der Oberförster hinzu.

Da wollte die hohe Frau Einspruch erheben und sagte:

»Das soll nicht sein, das darf …«

Doch sie wurde unterbrochen, denn Sternaus sonore Stimme erklang soeben:

»Fertig, Kurt?« – »Ja.« – »Halt fest und still!«

Dann fielen ein, zwei, drei, fünf – sieben – neun, zehn Schüsse so schnell hintereinander, daß man sie kaum zu zählen vermochte; darauf kam Sternau rasch herbeigeschritten und hielt, ohne sich um Kurt und das Lineal zu bekümmern, dem Großherzog den Stutzen hin.

»Hoheit, sehen Sie, welch eine Arbeit dieses Gewehr ist. Zehn Schüsse so schnell hintereinander abgegeben, und doch ist der Lauf noch nicht erhitzt.« – »Das wäre allerdings fast ein Wunder.«

Das Gewehr ging von Hand zu Hand, und alle überzeugten sich von der vortrefflichen Konstruktion desselben. Endlich fragte der Großherzog:

»Und das Lineal?« – »Hier, Hoheit!« rief Kurt, der bereits herbeigekommen war und hinter ihm gewartet hatte.

Der Fürst nahm ihm das Lineal aus der Hand und sah zu seinem Erstaunen in demselben zehn Schußlöcher, eins neben dem anderen, in einer so geraden Linie, als sei sie mit dem Lineal gezogen, und so gleichweit voneinander entfernt, als ob die Distanzen mit einem Zirkel abgemessen worden seien.

Natürlich gab es Ausrufe der Verwunderung und verschiedene Lobeserhebungen, aus denen sich aber Sternau nicht viel zu machen schien. Er wandte sich ruhig an den Major:

»Mein Herr, Sie sagten vorhin, daß ein Sperling im Flug nicht zu treffen sei?« – »Ich behaupte es«, antwortete dieser. – »Oh, man schießt sogar die Schwalbe.« – »Zufall!« – »Ich will Ihnen keine Wette anbieten, und Schwalben gibt es hier nicht; aber warten wir, den ersten Sperling, der wieder über den Hof kommt, den hole ich herab.« – »Da bin ich doch neugierig!« entgegnete der Major zweifelnd.

Von jetzt an hingen aller Augen in der Höhe. Sternau hielt das Gewehr in beiden Händen, aber nicht angelegt. Eine, zwei, drei Minuten vergingen.

»Da – da – da – da!« rief es endlich aus aller Munde.

Ein Sperling kam schnell wie der Blitz über das eine Dach herüber und schwippte nach dem anderen. Aber ehe er es erreichte, blitzte der Schuß, und er stürzte zur Erde herab.

»Erstaunlich, ganz erstaunlich!« rief der Großherzog. – »Oh«, antwortete Sternau, »ein leidlicher Schuß garantiert für jeden Sperling. Es ist das ja nichts Schweres.« – »Sie sind ein ausgezeichneter Schütze, auf Ehre!« ließ sich da eine Stimme vernehmen, die man noch nicht gehört hatte.

Sie gehörte einem Herrn an, dessen Verhalten bisher ein sehr reserviertes gewesen war. Er hatte noch kein Wort gesprochen, aber als er jetzt aller Blicke auf sich gerichtet sah, fuhr er fort:

»Habe kürzlich viel von Prärie erzählen hören. In Berlin, bei amerikanischem Gesandten. Sprachen von Savanne, von Trapper und Squatter, von Rothaut und Bleichgesicht. War interessant, sehr interessant auf Ehre.« – »Das ist etwas für Sie gewesen, mein lieber Graf«, versetzte der Großherzog. »Sie sind ja unser Sportsmann comme il faut« Und sich an Sternau wendend, sagte er vorstellend: »Graf Walesrode, bester Doktor.«

Die beiden Herren verbeugten sich, dann fuhr der Graf fort:

»Habe viele Romane gelesen, Reisebeschreibungen. Cooper, Marryat, Möllhausen, Gerstäcker. Habe gedacht, alles Schwindel. Aber doch anders. Hörte in Berlin beim Gesandten, daß alles wahr. Gesandter früher selbst in Prärie gewesen. Berühmte Häuptlinge und Jäger gesehen. Allerberühmteste Häuptlinge in Neumexiko. Sollen heißen Bärenherz und Büffelstirn. Gesandte viele Abenteuer von ihnen erzählt.« – »Bärenherz und Büffelstirn?« rief da Sternau hoch erfreut. »Ah, das sind Shoshinliett und Mokaschimotak, die Häuptlinge der Jicarilla-Apachen und der Mixtekas.« – »Ah, kennen Sie?« – »Ich habe sie nicht gesehen, aber viel von ihnen gehört. Sie schweifen viel nach dem alten Mexiko hinüber.« – »Richtig. Also doch wahr. Auch noch gehört von zwei sehr berühmten Jägern.« – »Wie heißen sie, Graf? Wenn sie wirklich berühmt sind, so muß ich sie kennen.« – »Habe ihre Indianernamen vergessen, hießen aber Donnerpfeil und Fürst des Felsens. Fürst des Felsens soll famoser Kerl sein. Nie Fehlschuß, nie verlaufen in Prärie, Urwald oder Felsenbergen. Famoser Yankee, auf Ehre.« – »Sie irren, Graf; dieser ›Herr des Felsens‹ ist kein Yankee.« – »Was sonst?« – »Ein Deutscher.« – »Ah! Wunderbar. Kennen ihn?« – »Ja. Ich kenne auch den Namen des anderen. Donnerpfeil wird von den Wilden Itintika genannt. Ich habe ihn nicht gesehen. Aber den Herrn des Felsens kenne ich sehr genau; die Rothäute nennen ihn Matavase.« – »Ah, wahrhaftig! War dieser Name, auf Ehre. Soll ein Riese sein.« – »Ja, er ist kein Zwerg«, lächelte Sternau. – »Wahrer Goliath. Schlägt ein Pferd mit Faust nieder.« – »Oho!« ertönte es rundum.

Der Graf blickte sich im Kreis um und fragte:

»Wer glaubt nicht? Schlägt ein Pferd nieder, auf Ehre! Wer zweifelt noch?«

Auf diese drohende Frage erfolgte keine Antwort, der Großherzog meinte:

»Ich möchte doch einmal so einen berühmten Westmann sehen!«

Und der Graf fügte nickend hinzu:

»Ich auch. Würde ihn einladen. Freund sein. Famos reiten und schießen, auf Ehre!« – »Oh, der Wunsch der Herren ist ja bereits erfüllt!« sagte Sternau. – »Wann? Wo?« fragte der Graf. – »Jetzt, hier«, antwortete Sternau. – »Ah, Sie?« – »Ja, ich.« – »Hm, ja. Sind sehr famoser Kerl, aber doch nur Tourist gewesen. Habe mich erst zurückgezogen; dachte an Humbug; habe aber gesehen, daß Sie exquisiter Mann. Aber noch kein echter Westläufer, kein Kerl wie Donnerpfeil oder gar Fürst des Felsens.« – »Sie irren abermals«, sagte Sternau, »denn dieser Matavase, dieser Fürst des Felsens bin ich selbst.« – »Ah!«

Der Graf riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter. Vor Überraschung drückte er das Monokel vor das Auge und blickte den Arzt starr an. Auch die anderen glaubten eher an einen Scherz als an Ernst.

»Ist es wahr, Doktor?« fragte der Großherzog. – »Gewiß. Oder dürfte ich es wagen, mir mit Eurer Hoheit einen Scherz zu erlauben?« – »Halt!« sagte der Graf. »Wollen sehen! Prüfen!« – »Prüfen Sie!« sagte Sternau ruhig. – »Fürst des Felsens soll mal fürchterlichen Stich in Hals erhalten haben.« – »Hier ist die Narbe. Blicken Sie her!«

Sternau zog den Kragen zurück, und alle überzeugten sich von dem Dasein der Narbe.

»Gut, sehr gut!« sagte der Graf. »Fürst des Felsens hat berühmte Kugelbüchse, Bärentöter, schießt Kugel Nummer Null. Ungeheuer schwer.« – »Hier ist die Büchse.«

Sternau nahm die große Büchse und hielt sie dem Grafen hin. Man sah ihm nicht an, daß dieses Gewehr schwer sei, aber als der Graf zugriff, ließ er sofort den Arm sinken.

»Teufel!« rief er. »Schweres Tier! Fünfundzwanzig Pfund, wie?«

Auch der Großherzog griff nach der Bärenbüchse, und nun begann ein großes Wundern.

»Aber, Doktor«, sagte der Fürst, »Sie hantieren mit dieser Büchse ja wie mit einem leichten Stock. Vorhin, als Sie den Lasso mit ihr parierten, sah es aus, als ob sie kaum ein Pfund schwer sei.« – »Riesige Kraft! Ist wirklich Fürst des Felsens, auf Ehre!« meinte der Graf. – »Ich werde den Herren noch einen weiteren Beweis geben. Es wurde vorhin nicht geglaubt, daß dieser Matavase mit der bloßen Faust ein Pferd niederschlägt. Ludwig!« – »Ja, Herr Doktor«, antwortete der Bursche. – »Führe einen der schweren Ackergäule vor!« – »Ah!« rief der Graf jetzt ganz begeistert. »Prachtvolles Experiment! Ackergaul niederschlagen. Famos! Nicht dagewesen! Prächtiges Amüsement!«

Der Bursche brachte das Pferd; es war ein etwa neunjähriger Fuchs, der lange nicht an die Luft gekommen war. Infolgedessen zeigte er sich sehr lebhaft, es gelang ihm, sich loszureißen, und nun trabte er wiehernd im Hof umher. Ludwig wollte ihn wieder fangen.

»Laß ihn!« sagte Sternau. »Er wird gehorchen.«

Um es sich noch schwerer zu machen, warf er sich die Gewehre über den Rücken und schritt auf das Pferd zu. Dieses wandte sich wiehernd von ihm ab und entsprang. So entstand ein Haschen, das dem Fuchs Spaß zu machen schien. Da aber holte Sternau aus, noch einen Anlauf – ein Sprung, und er saß auf dem Pferd.

»Ah, glanzvoll! Auf Ehre!« rief der Graf.

Sternau trieb durch den einfachen Schenkeldruck den Fuchs einige Male im Hof auf und ab, dann stieg er wieder ab.

»Aufpassen, meine Herren!« rief er. »Nicht niederschlagen, sondern niederwerfen.«

Er steckte darauf dem Pferd zwei Finger der rechten Hand in die Nüstern, so daß es vom emporsteigen wollte – ein kurzer Schritt zur Seite, eine Wendung nach hinten, ein gewaltiger Ruck, und der Fuchs lag an der Erde.

Die Herren klatschten, und auch die Damen fielen ein.

»Wahrer Goliath! Simson! Auf Ehre!« meinte der Graf. »Ist Fürst des Felsens! Glaube es gern!«

Der Fuchs hatte sich aufgerafft und stand zitternd vor dem riesenstarken Mann.

»Jetzt niederschlagen!« rief dieser.

Damit holte er aus und traf mit einem fürchterlichen Hieb seiner Faust die Stirn des Pferdes, gerade über dem einen Auge. Eine einzige Sekunde lang ging ein sichtbares Zittern durch den Körper des Tieres, dann aber brach es mit einem einzigen Ruck zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.

»Ach! Oh! Verteufelter Kerl!« jubelte der Graf, ganz enthusiasmiert. »Wer macht das nach? Keiner. Auf Ehre!«

17. Kapitel.

Die Zuschauer waren ganz starr vor Erstaunen über eine solche physische Stärke. Droben standen die Damen noch erstaunter als die Herren.

»Mein Gott, solch ein Herkules ist mir noch nicht vorgekommen!« sagte die Großherzogin. »Haben Sie das gewußt, teuerste Gräfin?«

Rosas Gesicht glänzte vor Genugtuung.

»Ja«, sagte sie. »Er hat sich bei uns in Rodriganda gleich als Held eingeführt.« – »Ach!« – »Wir wurden von einer ganzen Schar Räuber überfallen; es waren wohl fünf, vier tötete er, und der fünfte floh.« – »Außerordentlich!« – »Einen unserer größten Feinde hielt er frei über den Abgrund hinaus.« – »Gott! Vor solch einem Mann sollte man sich eigentlich fürchten!« – »Ja, wenn er nicht auch an Herz und Gemüt ein ebensolcher Riese wäre!« – »Er sollte Offizier sein. Denken Sie sich diesen Mann, diese Gestalt in Uniform.«

Rosa errötete.

»Ja, man muß ihn auch so lieben«, fügte die Großherzogin hinzu. »Sie erlauben doch, daß wir ihn Ihnen öfters zu uns entführen?« – »Er wird Euer Hoheit Befehlen stets gehorsam sein.«

Auch unten sprachen sich die Herren in gleicher Weise über Sternau aus. Der Oberförster aber war zu ihm und dem Pferd getreten, er hatte doch eine kleine Sorge.

»Doktor, Sie sind weiß Gott ein ganz verteufelter Kerl!« sagte er. – »Danke«, lachte Sternau. »Ich wollte mich ein wenig in Respekt setzen.« – »Aber das hat mich ein Pferd gekostet« – »Wieso?« – »Es ist ja tot« – »Fällt ihm gar nicht ein!« – »Also nur betäubt?« – »Ja. Oder glauben Sie wirklich, daß ein Mensch, selbst wenn er wirklich ein Riese wäre, mit einem Faustschlag ein Pferd zu töten vermag? Nur zu betäuben vermag er es.« – »Aber es war ein Schlag, gerade wie mit dem Schmiedehammer. Was tut Ihre Hand?« – »Nichts.« – »Oh, ich denke, die muß ganz zerschmettert sein!« – »Das fällt ihr gar nicht ein.« – »Zeigen Sie her!« – »Hier!«

Der Oberförster untersuchte die Hand, wobei auch die anderen Herren sich neugierig näherten, und schüttelte den Kopf.

»Meine Herren«, sagte er, »sehen Sie diese Hand, so weich wie eine Frauenhand. Nur der kleine Finger ist etwas gerötet« – »Unbegreiflicher Mensch! Famoser Kerl!« meinte Graf Walesrode. »Müssen zu mir kommen, Doktor! Auf Schloß Grillstein schöne Waffen, vortreffliche Pferde, guten Wein, auf Ehre! Müssen Freunde werden! Wie?« – »Ich akzeptiere!« entgegnete Sternau. – »Hier Hand, topp!« – »Topp!« – »Aber nun noch zeigen Bärentöter! Nur ein Schuß, ein einziger! Bitte, Doktor!« – »Wenn die Herren es wünschen …« – »Ja, wir bitten um einen Schuß«, sagte der Großherzog. – »Geben Sie mir ein Ziel!«

Die Herren sahen sich vergebens nach einem solchen um. Da sagte Sternau:

»Sehen die Herren drüben über der Mauer und weit jenseits der Tanne die Eiche?« – »Gewiß!« entgegnete der Graf. »Ist groß genug! Famoses Geäst! Echt deutsche Eiche, auf Ehre!« – »Nehmen Sie den langen Ast, der rechts am weitesten hervorsteht« – »Gut.« – »Ein Zweig geht von ihm abwärts?« – »Sehe ihn!« – »An seiner Spitze sind drei Blätter, und auf dem mittelsten sitzt ein Eichapfel.« – »Unmöglich! Wer kann Eichapfel sehen so weit! Mein Auge ist kein Riesenteleskop, auf Ehre!«

Auch die anderen Herren sahen nichts. Den Zweig konnten sie wohl erkennen, aber die drei Blätter und gar der Apfel waren für sie nicht zu unterscheiden.

»Sie sehen wirklich den Apfel, Doktor?« fragte der Graf. – »Ja, ganz genau.« – »Mirakulös, ganz vehement mirakulös!« – »Ich habe Prärieaugen.« – »Hm, ja! Und diesen Apfel wollen Sie schießen?« – »Ja.« – »Unmöglich! Ganz und gar unmöglich. Diese Distanz und dieses Objekt! Bringen es nicht fertig, Doktor!«

Sternau nahm aber doch den Bärentöter vor und wandte sich an den Großherzog:

»Wollen Hoheit die Güte haben, sich in die Nähe des Baumes zu begeben, bis der Eichapfel zu sehen ist? Auf ein Zeichen werde ich ihn herabholen.« – »Halt«, sagte da der Oberförster, »ich habe ja ein Fernrohr und auch einen Operngucker.«

Diese Instrumente wurden herbeigeholt, und dann verließen auch die Herren den Hof, um sich nach der Eiche zu begeben. Da trat Ludwig heran und fragte:

»Sehen Sie wirklich den Apfel, Herr Doktor?« – »Ja, aber nur als kleinen, dunklen Punkt.« – »Und Sie werden ihn treffen?« – »Den Apfel nicht direkt, denn sonst fehlte mir der Beweis. Ich werde das Blatt herabschießen, an welchem er sich befindet.« – »Wenn Ihnen das gelingt, so haben Sie den Teufel, gerade wie der Kurt dahier!«

Nach einiger Zeit erscholl ein lauter Zuruf. Sternau nahm die Büchse empor, frei in die Hand und ohne anzulegen, zielte sehr sorgfältig, setzte auch ein und zwei Male ab, denn es galt, einen Meisterschuß zu tun, aber endlich krachte der Schuß.

Dann setzte er die Büchse ab, warf einen scharfen Blick nach der Eiche und lächelte befriedigt.

»Getroffen?« fragte Ludwig. – »Ja.« – »Und ich habe nicht einmal das Blatt, geschweige denn den Apfel gesehen dahier!«

Eine Minute lang blieb alles ruhig, dann aber ließ sich von draußen ein Jubelruf vernehmen, und die Herren kehrten zurück. Ihnen voran eilte Graf Walesrode. Er hatte das Blatt und hielt es in die Höhe.

»Getroffen!« rief er von weitem. »Famoser Kerl! Noch nie gesehen. Das Blatt Ihr Eigentum natürlich!«

Sternau zuckte die Schultern.

»Wollen Sie das Blatt verkaufen? Kostbares Blatt! Viel Effekt damit machen! Zahle jeden Preis, auf Ehre!« – »Pah, ich verkaufe kein Blatt, Graf.« – »So wollen behalten?« – »Nein. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so bewahren Sie es auf, es mag ein kleines Andenken sein an den Mann, dem Sie nicht glaubten, daß er der Fürst des Felsens sei.« – »Oh, Pardon, mein Lieber! Müssen verzeihen, auf Ehre, müssen verzeihen! Sind ja Freunde!«

Da trat der Großherzog an Sternau heran und streckte ihm die Hand entgegen.

»Doktor«, sagte er, »Sie sind ein ganz außerordentlicher Mann. In allem, was Sie einmal begonnen haben, sind Sie Meister. Ich muß Sie näher kennenlernen. Wollen Sie mich morgen auf Schloß Kranichstein besuchen?« – »Ich stehe zu Befehl, Hoheit« – »Nein, nicht zu Befehl. Sie sollen mir einen Gefallen tun, das nur ist es. Nicht als Fürst will ich Sie empfangen. Aber nun haben wir die Damen genug vernachlässigt. Lassen wir uns diese Sünde gutmachen. Vorher aber, Doktor, zeigen Sie mir Ihr Zimmer. Ich muß wissen, wie ein solcher Mann wohnt und arbeitet.«

Sternau verbeugte sich zustimmend und führte den Großherzog nach seiner Wohnung. Die anderen Herren aber kehrten in den Saal zurück.

Nach einiger Zeit erschien daselbst Sternau, um die Großherzogin und Rosa de Rodriganda mit sich zu nehmen. Später wurden der Staatsanwalt und Frau Sternau geholt. Es mußte eine wichtige Unterhaltung geben, denn es währte wohl über eine Stunde, ehe die Herrschaften wieder erschienen. Als sie zurückkehrten, bemerkte man, daß Rosa geweint hatte, und auch die Lider der Großherzogin Mathilde waren gerötet.

Nun ließ der Großherzog nach Kurts Eltern schicken, die ihren Sohn mitbringen sollten. Die braven, einfachen Leute wurden von dem Fürsten mit außerordentlicher Huld empfangen.

»Sie sind Seemann?« fragte er Helmers. – Ja, Hoheit.« – »Und haben es bis zum Steuermann gebracht?« – »Ja.« – »Haben Sie Ihre Eltern noch?« – »Nein.«

Diese Fragen wurden mehr aus Gewohnheit gesprochen, aber es sollte sich bald zeigen, welche Folgen sie hatten.

»Auch keine Geschwister?« – »Einen Bruder, Hoheit.« – »Ist auch er ein Untertan von mir?« – »Er ist in Hessen geboren, befindet sich aber in Amerika.« – »Als was?« – »Als – als – ich kann das wirklich nicht sagen, das Richtige ist wohl, wenn ich sage, daß er Jäger ist.« – »Ah, Jäger! Das ist interessant! Wissen Sie nichts Genaues über ihn?« – »Seit einem halben Jahr haben wir keine Nachricht von ihm. Er hat sich als Squatter versucht, dann als Fallensteller, nachher ist er in die Goldminen gegangen …« – »Und ein Millionär geworden«, lächelte der Fürst – »Das Gegenteil. Er verließ Kalifornien und wurde Cibolero. Er schrieb mir dieses Wort, aber ich weiß nicht, was es bedeutet« – »Der Herr Doktor wird es uns erklären«, sagte der Großherzog. – »Ciboleros werden die mexikanischen Büffeljäger genannt«, antwortete dieser. – »Auch da brachte er es zu nichts, da wurde er Gambusino.« – »Goldsucher«, erklärte Sternau. »Dabei wurde er von den Komantschen gefangen. Er floh und nahm zur Strafe einen ihrer Häuptlinge mit …« – »Ah!« rief da Sternau schnell. »Einen Häuptling?« – »Ja.« – »Wissen Sie das gewiß?« – »Ganz gewiß. Er hat es mir ja geschrieben.« – »Haben Sie den Brief noch?« – »Ja. Es steht auch der Name des Häuptlings darin.« – »Ah, hieß er vielleicht Yo-ovuts-tokvi?« – »Ein solch kauderwelsches Wort ist's, was da steht, aber dahinter steht in deutsch der Name ›Der Schwarze Wolf‹.« – »Ja, ja. Yo-ovuts-tokvi heißt in der Utahsprache, die viele Stämme der Komantschen sprechen, Der Schwarze Wolf. Ist das möglich? Wie wunderbar!« – »Was ist wunderbar?« fragte Graf Walesrode. – »Meine Herren, wir haben vorhin von einem berühmten weißen Jäger gesprochen, es wurden zwei Namen genannt, der meinige und der seinige, nun, unser Helmers ist der Bruder dieses berühmten Mannes.«

Das gab nun wieder eine Überraschung. Sogar der Großherzog sagte:

»Heute ist ein ganz außergewöhnlicher Tag. Aber, irren Sie sich nicht, Doktor?« – »Nein, Hoheit. Wenn der Bruder des Steuermanns wirklich den Häuptling der Komantschen entführt hat, so ist er derjenige, den wir meinten. Ich werde gleich den Beweis führen.« Und sich an Helmers wendend, fragte Sternau: »Wenn Ihr Bruder den Namen des Komantschen genannt hat, so hat er Ihnen jedenfalls auch geschrieben, wie er selbst da drüben genannt wird?« – »Ja.« – »Nun?« – »Er hat auch so einen indianischen Namen, und weil es der Bruder ist, so habe ich ihn mir gemerkt, daneben steht auch die deutsche Übersetzung.« – »Nun, wie heißt er?« – »Itintika, das heißt Donnerpfeil.« – »Nun, meine Herren, habe ich recht oder nicht?« fragte Sternau. – »Außerordentlich! Wunderbar! Famose Geschichte!« rief Graf Walesrode. »Donnerpfeil habe ich gehört bei amerikanischem Gesandten.« – »Und ich habe gesagt, daß Donnerpfeil auf indianisch Itintika heißt«, meinte Sternau. – »Das würde, wenn es eine Folge dieser interessanten Entdeckung gäbe, eine Fügung Gottes genannt werden müssen«, sagte die Großherzogin. – »Oh, Hoheit, ich bin überzeugt, daß die Folge nicht ausbleiben wird«, entgegnete Sternau. »Ich glaube an Gott und habe tausendmal erkannt, wie seine Hand selbst das Entfernteste verbindet. Es war das damals eine ganz außerordentliche Geschichte, als Donnerpfeil als Gefangener entwich und sogar den Schwarzen Wolf mit sich entführte. Das war eine Heldentat, die geradezu in aller Munde lebte. Wenn Hoheit gestatten, so werde ich dieses hochinteressante Abenteuer morgen in Kranichstein erzählen.« – »Ja, gewiß«, sagte der Großherzog. »Wir rechnen darauf, daß Sie kommen. Sie bringen natürlich hier unseren Rodenstein mit. Ich würde Sie heute um diese Geschichte bitten, aber unsere Zeit ist bereits längst abgelaufen. Ich wollte nur nicht scheiden, ohne die Eltern unseres kleinen Kurts gesehen zu haben. Komme her, mein Sohn!«

Kurt trat näher heran.

»Weißt du, welche Prämie auf den Wolf und auf den Luchs gesetzt waren?« – »Ja.« – »Nun?« – »Zwanzig Taler und hundert Taler.« – »Sie gehören dir. Komm, halte deine Hände auf.«

Der Knabe streckte, übers ganze Gesicht lachend, seine beiden Hände hin. Da zog der Großherzog seine gefüllte Börse und zählte sie ihm voll Goldstücke.

»Hier hast du fünfzig Dukaten.« – »Fünfzig Dukaten?« fragte Kurt. »Das stimmt nicht!« – »Wie? Nicht?« fragte der Großherzog. – »Nein, es ist zu viel, Hoheit.« – »Nun, das übrige ist auch dein. Nimm es als Dank für die Künste, die wir heute von dir gesehen haben.«

Da blickte der Knabe dem Fürsten freudig bewegt in die Augen und fragte:

»Ist das wahr, Hoheit?« – »Ja.« – »Und ich darf damit machen, was ich will?« – »Ja«, sagte der Großherzog gespannt. – »Nun, so bekommen meine hundertzwanzig Taler die Eltern, und das übrige erhält der Klaus.« – »Warum?« – »Der hat mir das Viehzeug nach Hause gefahren, der hat kein Holz, und vor einer Woche sagte mir seine kleine Anna, daß ihr der Bauch so weh tut, weil sie nichts zu essen haben.«

Das war nicht gewählt gesprochen, aber die Großherzogin zog den Jungen an sich und drückte ihm einen Kuß auf den Mund.

Nun wurde aufgebrochen. Da der Großherzog über Mainz fuhr, so erhielt der Staatsanwalt die Erlaubnis, sich ihm anzuschließen. Der Abschied der Herrschaften war ein herzlicher, und die Einladung auf morgen wurde abermals wiederholt.

Als die Wagen und Reiter verschwunden waren, stand der Hauptmann von Rodenstein vor dem großen Pfeilerspiegel, um zu sehen, wie ihm das Kreuz des Ludwigsordens stand, da trat der Forstgehilfe Ludwig herein.

»Nun, Herr Hauptmann, habe ich meine Sache gestern wirklich so schlecht gemacht, wie Sie sagten?« fragte er. – »Kerl, du bist ein Prachtjunge!« lautete die Antwort. »Statt der Nase diesen Orden. Himmeldonnerwetter, ist das ein Unterschied! Ich muß gleich zum Doktor gehen, um zu erfahren, was in seinem Zimmer gesprochen worden ist!«

18. Kapitel.

»Das Segel schwillt, es weht der Wind,
Hinaus drum in die blaue See!
Es winkt die Flut. Lieb Weib und Kind,
Es muß geschieden sein, ade!
Ich fürchte nicht des Sturmes Wut
Und nicht der Klippe Korallenriff;
Es wächst in der Gefahr mein Mut,
Und fest im Steuer läuft das Schiff.

Es schwellt die Hoffnung mir das Herz,
Hinaus treibt es mich ohne Rast.
Es strebt mein Glaube himmelwärts,
Wie auf dem Decke ragt der Mast.
Es gilt, ein kühnes Werk zu tun
Mit frohem, ungetrübtem Sinn;
Drum darf des Schiffes Kiel nicht ruhn,
Bis ich am fernen Ziele bin.«

Der Hauptmann fand den Doktor mit Rosa beisammen. Sie saßen traulich nebeneinander und schienen sich über denselben Gegenstand unterhalten zu haben, der den Hauptmann herbeiführte.

»Gott sei Dank«, sagte dieser. »Es ist eine große Ehre, diese Herrschaften bei sich zu sehen, aber heiß wird es einem doch dabei. Den Wirt greift es am meisten an, obgleich ich sagen muß, daß auch Sie ganz tüchtig gearbeitet haben, Doktor. Diese hohen Herren und Damen haben einen ganz gewaltigen Respekt vor Ihnen bekommen.« – »Ja«, nahm Rosa ganz glücklich das Wort, »man möchte fast sagen, daß er eine Schlacht gewonnen hat. Er hat sich die Achtung und das Wohlwollen von Personen erkauft, denen wir viel zu verdanken haben werden.« – »Ja«, entgegnete Sternau, »wir haben dem Großherzog alles erzählen müssen.« – »Und …« – »Er hat uns einen Rat gegeben, den ich schleunigst befolgen werde.« – »Welchen?«

Rosa errötete, Sternau antwortete:

»Ich werde baldigst abreisen, um Kapitän Landola aufzusuchen, vorher aber, so lautet der Rat der Hoheiten, sollen wir uns vermählen.« – »Donnerwetter. Ist dies so schnell möglich?« – »Ja. Der Großherzog will alle Hindernisse beseitigen und dann während meiner Abwesenheit Rosa unter seinen besonderen Schutz nehmen.« – »Oho! Sie steht jetzt bereits unter meinem Schutz. Sollte dieser etwa nicht ausreichen?« – »Gewiß, mein bester Hauptmann, aber Sie werden zugeben, daß in unseren eigentümlichen Verhältnissen die Protektion eines solchen Herrn für uns von großem Vorteil ist.« – »Zugegeben. Aber ob ich mir unsere liebe Gräfin entreißen lasse, das werde ich mir doch sehr überlegen.«

Am anderen Tag ritt Sternau mit dem Hauptmann nach dem Lustschloß, wo sie mit Auszeichnung empfangen wurden. Der erstere mußte von seinen Abenteuern erzählen, dann kam seine gegenwärtige Lage zur Sprache, und nun zeigte sich, daß der Großherzog bereits Schritte getan hatte, um ihm den Weg zu ebnen. Sternau erfuhr, daß die Vermählung bereits innerhalb einer Woche stattfinden könne, und die Hoheiten luden sich zu derselben ein.

Nun begann eine fleißige, freudige Tätigkeit auf Schloß Rheinswalden. Rosa wünschte, daß die Hochzeit in aller Stille vor sich gehe, und dieser Wunsch kam den Ansichten Sternaus entgegen.

Es war am Montag, wo der Großherzog zum zweiten Mal, dieses Mal aber ohne Gefolge, nach Rheinswalden kam. Nur die Großherzogin war bei ihm.

Man hatte im Saal einen Altar errichtet, und mit Hilfe der großherzoglichen Orangerie war der Raum in einen südlichen Blumengarten verwandelt worden. Der Hofprediger war bereits vor dem Fürsten angekommen, es war Wunsch des letzteren gewesen, daß dieser Geistliche die Trauung vornehmen sollte.

Rosa erschien in einem einfachen Seidenkleid, außer dem Schleier und der Myrtenkrone nur von ihrer eigenen Schönheit geschmückt. Das Hochzeitspaar wurde vom Großherzog und der Großherzogin zum Altar geleitet. Ihnen folgte der Hauptmann mit der Mutter und Schwester des Bräutigams, dann kam der wackere Alimpo mit seiner Elvira, während die Jägerburschen in ihrer Galauniform den Hintergrund füllten.

Der Prediger sprach Worte, die vom Herzen kamen und zum Herzen gingen. Aller Augen standen voll Tränen, und man kann wohl sagen, daß der gute Kastellan und seine Elvira sich fast ebenso glücklich fühlten wie das Hochzeitspaar selbst.

Nach dem feierlichen Akt vereinte ein einfaches Mahl die wenigen Teilnehmer. So war es der Wunsch der Braut, und das hatte die Zustimmung aller gefunden. Nicht so einfach aber waren die Geschenke, die die Glücklichen von dem Großherzog und dessen gütiger Gemahlin erhielten. Man sah es, daß die beiden letzteren sich nicht nur als Protektoren, sondern als Freunde zu dem schönen, interessanten Paar stellten.

Nun war der einfache, deutsche Arzt mit der schönen, reichen, spanischen Gräfin vereint, und er konnte daran denken, an die Lösung der tiefen Geheimnisse zu gehen, die sich über die Verhältnisse der Familie Rodriganda ausbreiteten. Er gestattete sich nur eine einzige Woche Zeit, um das Glück seiner jungen Ehe zu genießen und die Vorbereitungen zu seiner Reise zu treffen. Dann verließ er mit dem Steuermann Rheinswalden, sein Teuerstes unter dem Schutz des Großherzogs und des Hauptmanns zurücklassend.

Er hatte sich neben einer größeren Barsumme auch mit guten Wechseln auf England versehen und wurde von dem Hauptmann nach Mainz begleitet, der ihn auf das Dampfschiff brachte, auf dem er den Rhein hinabfahren wollte.

Der Abschied von seinem jungen Weib war ein rührender, Rosa wollte sich gar nicht von ihm trennen und lag immer und immer wieder weinend an seiner Brust, ihn mit ihren Armen umschlingend. Und dann stand sie noch unter dem Tor und blickte dem Wagen, der ihn nach Mainz brachte, nach, so lange als sie ihn nur zu sehen vermochte. Alimpo und Elvira standen bei ihr.

»Weinen Sie nicht, meine teure Gräfin«, sagte letztere. »Unser guter Herr wird bald wieder zurückkommen, das sagt mein Alimpo auch.« – »Ja«, meinte dieser. »Der Herr Doktor ist ganz der Mann dazu, diesen Capitano Landola zu fangen. Er wird ihn sicherlich finden.«

Und von weitem stand Ludwig neben Kurt, auch der Knabe weinte, und dem Jägerburschen stand eine dicke Träne im Auge, deren er sich fast schämen wollte.

»Was weinst du, Junge!« sagte er zu dem Knaben. »Man darf keine Memme sein dahier.« – »Du weinst doch auch«, meinte Kurt, ihm in das Auge blickend. – »Ich? Weinen? Dummheit! Das ist nur ein Schweißtropfen. Es ist eine ganz verteufelte Hitze heute. Vor acht Tagen war es kalt wie in Sibirien dahier, und heute fährt sogar das Dampfschiff wieder. Es ist eine ganz abnorme Witterung heuer.«

Alle diese Bewohner von Rheinswalden ahnten nicht, welche Reihe von Jahren vor ihnen lag, ehe Sternau mit dem Steuermann wiederkehren würde.

Dieser fand am Landeplatz den Staatsanwalt, der gekommen war, ihn noch einmal zu sprechen. Der Beamte versicherte, daß Sternau ruhig reisen könne, er werde seine Interessen auf das sorgfältigste wahren und sich der jungen Frau Doktor stets mit aller Aufmerksamkeit annehmen.

Der Hauptmann fuhr bis Köln mit. Hier trennten sie sich. Die Reise mußte per Bahn fortgesetzt werden, da infolge der Überschwemmung das Fahrwasser nach abwärts nicht mehr zuverlässig war.

»Wie lange gedenken Sie fortzubleiben, Herr Doktor?« fragte er. – »Wer kann das wissen«, antwortete Sternau. »Meine Wege stehen in Gottes Hand.« – »Das ist richtig. Und ich hoffe, daß Gott ein Einsehen haben und Sie uns recht bald wieder zurückbringen wird.« – »Grüßen Sie mir Rosa noch, und auch alle übrigen.« – »Soll geschehen, Doktor! Na, wollen uns das Herz nicht länger schwermachen. Auf das Scheiden kommt ja ein Wiedersehen! Adieu!« – »Leben Sie wohl!«

Sie drückten sich die Hand, dann – ging Sternau mit dem Steuermann einer Zukunft entgegen, die glücklicherweise noch im dunkeln vor ihnen lag.

19. Kapitel.

An der Westseite Schottlands, da, wo der Clydefluß sich in das Meer ergießt, bildet dieser einen Busen, an dessen Südseite die unter allen seefahrenden Nationen berühmte Stadt Greenock liegt. Auf den Werften dieser Stadt sind viele Schiffe des deutschen Lloyd und der deutschen Kriegsmarine gebaut worden, und manches stolze Orlogschiff, sowie manches große oder kleine Handelsfahrzeug durchfliegt die See, das Greenock zum Geburtsort hat In einem der am stärksten frequentierten Hotels dieser Stadt finden wir Sternau und den Steuermann Helmers. Sie hatten sich hierher begeben, weil es hier am leichtesten ist, ein kleines Fahrzeug, wie sie es suchten, kaufen zu können. Sie hatten bereits den ganzen Hafen und auch die Werften abgesucht, ohne ein solches zu finden, und saßen nun an der Table d'hôte – Tafel –, sich während des Essens von dieser Angelegenheit unterhaltend.

Gegenüber saß ein alter Herr, der ihre Worte hörte und daraufhin ihnen mitteilte, daß oben am Fluß eine ganz prachtvolle Dampfjacht liege, die zu verkaufen sei.

Er fügte hinzu, daß ein dort in der Nähe wohnender Advokat mit dem Verkauf derselben beauftragt sei; das Fahrzeug liege gerade vor der Tür der Villa, die derselbe bewohne.

Sternau dankte ihm für diese Mitteilung und machte sich nach beendigtem Diner sofort mit dem Steuermann auf, die Jacht anzusehen. Sie hatten nur den Hafen bis dahin untersucht, wo der Fluß in denselben mündet, jetzt aber schritten sie am Ufer weiter aufwärts, und nach einiger Zeit entdeckten sie die betreffende Jacht, die am Ufer vor Anker lag. Es war einer jener ausgezeichneten Schnelldampfer, hundert Fuß lang, sechzehn Fuß breit und sieben Fuß tief, mit zwei Masten, Takel- und Segelwerk versehen, um den Dampf durch die Kraft des Windes zu unterstützen, so daß in Beziehung auf Geschwindigkeit es kein anderes Schiff mit einer solchen Jacht aufzunehmen vermag.

Da ein Brett das Ufer mit dem Bord verband, gingen sie vorläufig an Deck, die Luken waren offen, und auch die Kajüte war unverschlossen. Die Jacht zeige eine prachtvolle Einrichtung, und als Helmers als Kenner alles übrige genau untersucht hatte, sprach er sein Gutachten dahin aus, daß das Schiff ein ausgezeichnetes sei und nichts zu wünschen übriglasse.

Sie kehrten nun an das Ufer zurück, und als sie die betreffende Villa in einem Garten liegen sahen, an dessen offenstehender Pforte ein Schild mit der Aufschrift befestigt war: »Emery Millner, Advokat«, traten sie ein, schritten durch den Garten und trafen da eine Dienerin, die sie nach dem Zimmer des Advokaten führte. Hier gaben sie ihre Absicht kund und erfuhren, daß sowohl die Villa als auch die Jacht Eigentum des Grafen von Nothingwell seien.

»Des Grafen von Nothingwell?« fragte Sternau überrascht. »Darf ich Sie um den vollständigen Namen des Grafen bitten?« – »Sir Henry Lindsay von Nothingwell«, antwortete der Advokat – »Ach, dessen Tochter vor einiger Zeit auf Schloß Rodriganda in Spanien bei Gräfin Rosa, ihrer Freundin, zu Besuch war?« – »Gewiß«, antwortete der Engländer, nun seinerseits erstaunt »Kennen Sie die Dame?« – »Sehr gut sogar. Auch ich befand mich auf Rodriganda und darf mir wohl erlauben, mich ihren Freund zu nennen.«

Sternau sowohl als auch der Steuermann hatten natürlich ihren Namen genannt, daher rief der Advokat erfreut:

»So sind Sie wohl gar jener Arzt Sternau, der den alten Grafen operierte?« – »Allerdings.« – »Dann ist es mir eine große Freude, Sie bei mir zu sehen! Sir Lindsay und Miß Amy waren vor ihrer Abreise nach Mexiko hier, und die Dame hat uns sehr viel von Ihnen erzählt Sie müssen wissen, daß sie sehr freundschaftliche Gesinnungen für meine Frau hegt und ihr alles mitteilte, was in Rodriganda geschehen ist« – »So will ich aufrichtig sein und Ihnen sagen, daß Gräfin Rosa de Rodriganda jetzt meine Frau ist Sie wohnt in Deutschland bei meiner Mutter.« – »So schnell ist das gegangen!« rief der Advokat »Aus der Erzählung von Miß Amy ersahen wir allerdings, daß sich ein solches Ereignis vermuten lasse, daß es aber so bald eingetreten ist kann nur eine Folge ganz außerordentlicher Verhältnisse sein. Fast bin ich begierig, dieselben zu erfahren.« – »Da Miß Amy Ihnen ihr Vertrauen geschenkt hat so habe ich keinen Grund, Ihnen das meinige zu verweigern«, sagte Sternau höflich. – »So bitte ich Sie, Ihnen vor allen Dingen meine Frau vorstellen zu dürfen. Ich ersuche Sie dringend, für die Zeit Ihres Aufenthalts in Greenock mein Gast zu sein.«

Sternau mußte trotz seiner anfänglichen Weigerung die Einladung annehmen. Die Frau des Advokaten hörte mit großer Freude, wer die Fremden seien, und tat alles mögliche, ihnen den Aufenthalt so angenehm als denkbar zu machen. Der Deutsche erzählte seine Erlebnisse und wurde infolgedessen geradezu mit Freundlichkeit überschüttet Er erfuhr, daß Lord Lindsay die Jacht nur deshalb verkaufe, weil er sie während seines voraussichtlich langen Aufenthalts in Mexiko nicht brauchen könne, und Sternau erhielt sie für eine Summe, die klein genannt werden konnte.

Nun ging es an die Ausstattung und Bemannung des Fahrzeugs. Die letztere bestand außer Helmers aus vierzehn Matrosen, von denen einige die Maschine zu bedienen verstanden. Diese Matrosen nannten den bisherigen Steuermann Helmers »Kapitän«, und Sternau bestätigte als Eigentümer diesen Titel.

Die Jacht hatte bisher »The Fleet« geheißen, wurde aber nun »Rosa« genannt!

Der Advokat war behilflich beim Einkauf des Proviants, der Munition und der Waffen. Da es galt, einen Seeräuber aufzufinden, so waren auch einige Kanonen nötig. Aus diesem Grund erhielt die »Rosa« sechs Bordkanonen und zwei drehbare Geschütze, sogenannte Drehbassen, von denen je eine am Vorder- und Hinterteil angebracht wurde.

Das Fahrzeug hatte eine Schnelligkeit von achtzehn Meilen per Stunde und verbrauchte während dieser Zeit zweihundert Pfund Kohlen. Daher war es nötig, öfters anzulegen, um neuen Kohlenvorrat einzunehmen. Als erste dieser Stationen wurde der Hafen von Avranches in Frankreich bestimmt, und dann dampfte die Jacht den Clyde hinab, dem Meer entgegen und einem Ziel zu, das noch niemand bestimmen konnte. Nur war so viel zu vermuten, daß Kapitän Landola wahrscheinlich an der Westküste Afrikas zu suchen sei.

Avranches liegt nicht unmittelbar am Meer, sondern auf einem Höhenzug, der die Seeküste überragt; aber ganz nahe schiebt sich die Bucht von St. Michel in das Land, und von dem inneren Ufer derselben hat man kaum eine halbe Stunde zu gehen, um die Stadt Avranches zu erreichen. Auf einer Höhe an der Bucht stand damals einer jener hölzernen, kühn gebauten Leuchttürme, die an den gefährlichen Küsten der Normandie den Schiffen als Wahrzeichen dienen. Der Wärter dieses Leuchtturms hieß Gabrillon, verkehrte nur selten mit den Menschen und galt für einen Sonderling. Er hatte weder Weib noch Kind, und nur eine alte, taube Frau hauste mit ihm auf dem Leuchtturm, den sie nur für kurze Zeit verließ, um das geringe Gehalt Gabrillons einzukassieren und dann die wenigen Einkäufe zu besorgen, die die Führung ihrer kleinen Wirtschaft nötig machte.

Früher war es zuweilen vorgekommen, daß Fremde oder Einheimische den Leuchtturm besuchten, um von seiner Höhe aus einen Blick auf den ewig gleichen und doch stets wechselvollen Ozean zu genießen, aber seit einigen Monaten zeigte Gabrillon sich gegen solche Besucher so widerstrebend, ja geradezu grob, daß den Leuten die Lust zum Wiederkommen verging.

Man forschte nach der Ursache dieses Widerstrebens, fand aber nichts. Nur einige alte Fischer, die sich mit nächtlichem Schiffhandel abgaben, behaupteten, des Nachts ganz oben auf der Galerie, die sich um das Lichtgehäuse des Leuchtturms zog, eine lange, hagere Gestalt bemerkt zu haben, die in spanischer oder einer ähnlichen Sprache kurze, klägliche Laute ausgestoßen habe.

Von dieser Zeit an meinten die abergläubischen Strandbewohner, der Wärter Gabrillon stehe mit dem Teufel oder andern bösen Geistern, die ihn nächtlich besuchten, im Bund, und mieden ihn nun noch mehr, als sie es schon früher getan hatten. Nur der Maire – Bürgermeister – der Stadt dachte anders, denn Gabrillon war bei ihm gewesen und hatte ihm in seiner mürrischen, verschlossenen Weise gemeldet, daß er einen alten Vetter, der nicht so ganz richtig im Kopf sei, bei sich aufgenommen habe. Gabrillon hatte diese Meldung nicht umgehen können, und der Maire schwieg, weil es ihm Spaß machte, daß die Leute diesen verrückten Vetter in den Teufel verwandelten.

Noch eine andere Neuerung hatte sich in Avranches vollzogen. Ein junger Arzt, der erst kürzlich hergezogen war, hatte eine Quelle untersucht, deren trübes, gelbes Wasser bisher nicht benutzt worden war, weil es einen außerordentlich üblen Geschmack besaß. Dieser Mann behauptete, daß es ein Mineralbrunnen sei, der verschiedene, sonst tödliche Krankheiten heile. Er analysierte das Wasser, sandte seine Analyse und eine Probe des Wassers an die Akademie der Wissenschaften ein, die ihm beistimmte, ließ große Berichte und Annoncen in die Blätter setzen, faßte die Quelle ein und erbaute ein Kurhaus in unmittelbarer Nähe derselben.

Von da an kamen allerlei Kranke und Gesunde herbeigepilgert, um sich heilen zu lassen oder sich in der erquickenden Seeluft und in den stärkenden Meereswogen zu erfrischen. Es wurden Wege gebaut, Promenaden mit Ruhebänken angelegt, und bald entwickelte sich in der Nähe des alten Leuchtturms ein Leben, dem der mürrische Wärter Gabrillon mit immer finsterem Blick zuschaute.

20. Kapitel.

Es war an einem schönen Sommernachmittag. Gestern hatte es ein wenig gestürmt, und die See zeigte heute noch einen ziemlich hohen Gang, aber die Luft war klar, und man konnte bis weit in die See hinaus die Möwen erkennen, die über die Wogenkämme strichen, um Fliegen und Mücken zu haschen. Ihre Flügel glänzten im Sonnenstrahl, und wenn ein breitschwingiger Albatros durch die Lüfte schoß, so funkelte sein weißes Gefieder zwischen den dunklen Schwingen wie hellpoliertes Silber.

Ein dicker Mann, mit einer goldenen Brille auf der Nase und einem spanischen Rohr in der Hand, schritt von der Stadt her nach einer der Fischerhütten, die am Strand lagen, herab. Ihm folgte ein junger Mensch, der eine große Schreibmappe und ein riesiges Tintenfaß zu tragen hatte.

Vor der Hütte saß der Besitzer derselben und strickte an einem Netz.

»Ihr seid der Fischer Jean Foretier?« fragte der Dicke.

»Ja, so heiße ich, Herr Notar.« – »Es wohnen Badegäste bei Euch?« – »Ja. Es ist ein vornehmer Herr mit seiner Tochter, einem Diener und einer Dienerin. Sie haben ihre eigenen Möbel und Betten mitgebracht, und da sie das ganze Haus gebrauchen, so mußte ich weichen und schlafe beim Nachbar Grandpierre.« – »Wer ist der Herr?« – »Es ist ein Spanier; er nennt sich Herzog von Olsunna.« Leise setzte der Fischer hinzu:»Er wird nicht mehr lange machen, Herr Notar. Er hat die Auszehrung; er spuckt Blut, hustet Tag und Nacht und kann kaum noch einen Schritt weit gehen. Ich denke, unsere Seeluft kann ihn nicht mehr retten, und in einer Woche wird er gestorben sein.« – »Liegt er?« – »Ja. Die beiden Domestiken sind zur Stadt gegangen, aber die gnädige Dame ist bei ihm.« – »In welchem Zimmer?« – »Hier unten auf der anderen Seite. Sie können klopfen und eintreten. Er ist nicht stolz und verlangt nicht, daß man sich vorher anmelden lasse.«

Der Notar folgte dieser Anweisung, klopfte behutsam an und trat nach einem leisen, von einer weiblichen Stimme gesprochenen »Herein« in die Stube.

Der Raum war einfach und niedrig, wie er in einem Schifferhaus zu sein pflegt, aber die Möblierung war bequem, beinahe elegant. Auf einer Chaiselongue ruhte der Patient. Sein wachsbleiches Gesicht war über alle Maßen abgemagert, und seine dunklen Augen blickten glanz- und hoffnungslos aus den tiefen Höhlen, Ein langgewachsener, schwarzer, struppiger Vollbart ließ seinen Teint noch bleicher erscheinen, und die hohe, breite, kahle Stirn schien einem ausgegrabenen Totenkopf anzugehören.

Neben ihm saß eine hoch und stark gebaute Dame. Sie mochte fast dreißig Jahre zählen, aber ihr Gesicht zeigte eine reine, mädchenhafte Frische, und ihre bei aller Fülle doch schlanke Gestalt hatte so jungfräuliche Linien, daß man sie für noch unverheiratet halten mußte. Eine Falte, die sich über ihre weiße, hohe Stirn zog, schien mehr die Folge einer tiefen Herzenssorge als des Alters zu sein. Ihr großes Auge hatte einen zwar jetzt bewegten, aber offenen Ausdruck. Wer in dieses Auge und in diese Züge sah, mußte der Dame vertrauen und sie liebgewinnen.

Es war Prinzeß Flora von Olsunna, die Tochter des Herzogs.

Sie blickte die beiden Eintretenden überrascht und erwartungsvoll an. Der Notar verbeugte sich höflich und sagte:

Exzellenz haben nach mir gesandt. Ich bin der Notar Belltoucheur aus Avranches.« – »Nach einem Notar hast du gesandt, Papa?« fragte Flora, indem sie sich erschrocken erhob. – »Ja, mein Kind«, antwortete der Herzog mit leiser, trockener Stimme. »Ich wollte dich nicht beunruhigen, darum sagte ich es dir nicht. Du brauchst nicht zu erschrecken, es ist eine Geschäftsangelegenheit, die ich mit diesem Herrn zu ordnen habe.« Nachdem ihn ein böser Husten unterbrochen hatte, fuhr er, zu dem Notar gewandt, fort: »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, mein Herr, aber ich ließ Sie bitten, drei Zeugen mitzubringen.« – Ich bin diesem Wunsch nachgekommen«, antwortete der Mann. Ich wußte nicht, welcher Art das Geschäft ist, das mich zu Ihnen ruft, Hoheit; ich hielt eine kleine Vorbesprechung für vielleicht notwendig, und darum traf ich die Vorkehrung, die Zeugen eine Viertelstunde später zu bestellen.« – »Diese Vorkehrung ist mir erwünscht«, meinte der Herzog. »Nehmen Sie Platz.« Und zu Flora sich wendend, fügte er hinzu: »Du kannst mich jetzt verlassen, mein Kind; ich werde deiner vor einigen Stunden nicht bedürfen.«

Flora warf einen besorgten Blick auf ihn und fragte:

»Aber wirst du eine so lange Konferenz auch aushalten können, Vater?« – »Gewiß. Und sollte ich gezwungen sein zu klingeln, so brauchst du nicht selbst zu kommen, sende mir den Diener.«

Da trat in Floras Auge eine nicht zurückzudrängende Feuchtigkeit; sie war überzeugt, daß es sich um die Anfertigung eines Testaments handle, aber dem Vater zuliebe beherrschte sie sich möglichst und verließ das Zimmer.

Gerade in diesem Augenblick kehrte der Diener aus der Stadt zurück, und so war für Flora keine Veranlassung vorhanden, sich länger zu verweilen. Sie erteilte also dem Diener die nötige Instruktion und bereitete sich dann zu einem kurzen Spaziergang vor. Die Pflege des kranken Vaters nahm ihre Kräfte so sehr in Anspruch, daß sie um ihretwillen gezwungen war, sich diese Erholung zu gönnen.

Sie stieg langsam die Anhöhe hinauf. Rechts von ihr lag die Stadt, und zur linken Hand dehnte sich die weite, unruhige See. So unruhig war auch ihr Herz. Sie wußte, daß sie bald den Vater verlieren werde; sie stand dann allein auf der Welt. Zwar hatte sie ihren unermeßlichen Reichtum; beides war genug, um ihr die Welt, die Gesellschaft mit allen ihren Genüssen zu öffnen, aber sie trachtete nach dem allen nicht.

Während sie so emporstieg, ging ihre Vergangenheit an ihrem geistigen Auge vorüber. Sie hatte ihre Mutter niemals gekannt, war stets nur fremden Händen anvertraut gewesen, denn auch ihr Vater hatte sich nicht viel um sie gekümmert. Alle diese Bonnen und Erzieherinnen waren ihr fremd vorgekommen und fremd geblieben; nur eine einzige hatte sie liebgehabt, jene Deutsche, Señorita Wilhelmi, die so plötzlich wieder verschwunden war, um die sie aus ihr unbegreiflichen Gründen jedoch niemals klagen, die sie niemals in der Gegenwart des Vaters erwähnen durfte.

So war die Zeit vergangen, und sie war zur Jungfrau herangereift. Sie war schön gewesen, der Spiegel hatte es ihr gesagt, und von hundert Anbetern war es ihr in allen Tönen versichert worden. Aber keiner von diesen hundert war der Mann gewesen, dem sie sich hätte zu eigen geben mögen. Der Herzog hatte sie gescholten, aber vergebens. Er hatte schließlich an ihrer Stelle für sie gewählt, aber sie war hier zum ersten Mal so mutig gewesen, Widerstand zu leisten. Sie hatte erklärt, daß sie denjenigen, dem sie ihre Hand geben werde, selbst wählen wolle. Der Vater hatte gezürnt, war aber durch ihre Festigkeit genötigt worden, ihr nachzugeben.

Plötzlich aber war ein Umschwung seiner Stimmung eingetreten. Eine Krankheit hatte ihn auf das Lager geworfen, zwar hatte ihm die Kunst der Ärzte das Leben erhalten, aber die Folgen der Krankheit waren nicht zu vermeiden gewesen, sie entwickelten sich zu einer unaufhaltsamen Abzehrung. Der Herzog hatte seinen Jugendkräften zu viel zugemutet, und jetzt kam die Strafe. Er wurde ernst, er lernte an das Ende und an das Jenseits zu denken, er hielt Heerschau über die vergangenen Tage seines Lebens, und er sah, daß die Sünde seine Tätigkeit gewesen sei. Da erfaßte ihn bittere Reue. Er dachte an die, denen er ihre Jugend, ihre Unschuld geraubt hatte, er gedachte besonders jener Deutschen, die er durch den Teufelstrank gezwungen hatte, sich zu ergeben, er fühlte den Wunsch, ja, die heilige Verpflichtung, dieses wiedergutzumachen, und in seinem immer schwächer werdenden Hirn tauchte die Erinnerung eines Tages auf, den er längst vergessen zu haben glaubte.

Er war einst im Park seines Schlosses Olsunna promenieren gegangen, voll untröstlicher Gedanken an seine Vergangenheit und ein sich mit grausamer Sicherheit näherndes Ende. Da hatte es plötzlich in den Büschen geraschelt, und es war ein altes, widriges Zigeunerweib vor ihn hingetreten.

»Kennst du mich, Olsunna?« hatte es gefragt

Er hatte es betrachtet, aber keinen bekannten Zug in seinem durchfurchten Gesicht gefunden.

Die Zigeunerin aber hatte ihn schadenfroh angegrinst und unter boshaftem Lachen gesagt.

»Ja, wir sind beide in Schande alt geworden, niemand kennt uns mehr!« – »Weib, wer bist du?« hatte er sie da angedonnert, so daß seine kranke Lunge ihn schmerzte. – »Ich glaube, daß du Zarba, die Zigeunerin, nicht mehr kennst, aber vergessen hast du sie sicherlich nicht!«

So war ihre Antwort gewesen. Er erschrak, aber er faßte sich und fragte:

»Was willst du von mir?« – »Rechenschaft!« rief sie, die braune Rechte erhebend. – »Rechenschaft!« sagte er, wie zu sich selbst im Traum. »Ja, Rechenschaft! Oh, die habe ich mir bereits selbst abgefordert Ich gehe ein, ich sterbe. Mein Leben ist zu kurz, um wieder gutzumachen, was ich tat und ich habe keinen Erben, der um des Vaters willen die Sühne auf sich nimmt« – »Keinen Erben!« lachte Zarba. »Ja, keinen Erben hast du! Die stolze, edle Familie der Olsunnas geht zu Grabe, ihr Wappen wird zerbrechen, und ihr Geschlecht stirbt aus. Das ist der Fluch deiner Jugendsünden. Aber ich will dir etwas sagen: Einen Erben hast du, du stolzer Herzog, aber er ist illegitim. Zwar bist du einflußreich und mächtig, du könntest ihn legitimieren lassen, du könntest dich mit seiner Mutter noch vor deinem Tod vermählen, denn sie ist Witwe, aber ich werde dir nicht sagen, wo sie sich befindet. Das ist die Rache, die ich an dir nehme!« – »Ha!« rief er. »Diese Rache wäre fürchterlich!« – »Nicht so fürchterlich wie dein Verbrechen war!« – »Ich habe ein Kind, einen Knaben?« fragte er. – »Ja, einen Knaben, einen Mann, der herrlicher ist als tausend andere, er ist ein Held an Tugend, an Wissen und an Tapferkeit, aber du sollst ihn nicht finden!« – »Wer ist seine Mutter?« – »Jene deutsche Erzieherin, Señorita Wilhelmi. Sie ging nach Deutschland und fand dort einen braven Mann. Sie ward Witwe, aber sie erzog deinen Sohn zu einem Mann, der würdig ist wie kein zweiter, die Herzogskrone zu tragen. Suche sie, ja, suche sie nur, du wirst sie niemals finden!«

Da hatte er ihr die Hände entgegengestreckt und sie bittend angerufen:

»So grausam darfst du nicht sein. Sage mir, wo er zu finden ist, und ich werde alles gutmachen. Ich will dir Gold und Steine, ich will dir Hunderttausende geben, nur sage mir, wo ich diesen Sohn finde!«

Zarba hatte ihn jedoch nur höhnisch angelacht und war dann im Gebüsch verschwunden, das war ihre Antwort, ihre Rache, aber nur der Anfang derselben.

Von dieser Zeit an hatte er keine Ruhe mehr gehabt, keine Ruhe bei Tag und keine Ruhe bei Nacht. Er hatte Boten ausgesandt, Deutschland zu bereisen und seinen Sohn zu suchen. Er hatte mit fieberhafter Ungeduld ihre Berichte erwartet, aber sie waren alle wieder zurückgekehrt, ohne ihre Aufgabe gelöst zu haben. Er wußte den Namen jenes von ihm verführten Mädchens noch, aber er hatte vergessen, aus welcher Gegend Deutschlands Señorita Wilhelmi gewesen war. Er schrieb dem Gesandten seines Landes in Deutschland, aber auch dies war ohne Erfolg, denn die nachmalige verwitwete Frau Sternau lebte in solcher Abgeschiedenheit bei dem Oberförster, so daß man ihre Verhältnisse gar nicht kannte.

So verging Monat um Monat. Krankheit und Reue, Ungeduld und Sehnsucht zehrten um die Wette an dem Leben des Herzogs. Und das allerschlimmste war, daß nun die fürchterliche Zigeunerin, die Mitwisserin seiner leichtsinnigen Jugendstreiche, der auch er einst Liebe geheuchelt und sie betrogen hatte, sich an seine Fersen heftete und ihm häufig erschien, um ihn zu verhöhnen. So oft er seine Wohnung verließ, begegnete er ihr, und ihre Worte oder ihre Blicke sagten ihm, daß ihre Rache eine unversöhnliche sei und daß er von ihr niemals erfahren werde, wo sich sein Sohn befinde.

Das rieb ihn auf. Die Ärzte rieten ihm eine Veränderung des Ortes, er verreiste, aber kaum war er aus dem Wagen gestiegen, so hielt ein anderer an, aus dem ihm das höhnische Gesicht Zarbas entgegengrinste.

Da las er von der neu entdeckten Heilquelle in Avranches, und er ließ alle Pracht und allen Glanz hinter sich, nahm nur seine Tochter und zwei Domestiken mit und reiste nach Frankreich. Diese Reise verzehrte einen großen Teil seiner noch übrigen Kräfte, aber er hatte die Hoffnung, von der fürchterlichen Zigeunerin erlöst zu sein.

Bereits nach einiger Zeit bemerkte er, daß die Seeluft ihm schade, anstatt ihm zu nützen. Er wurde immer schwächer, es war, als ob der Tod seine kalte Hand nach ihm ausstrecke. Darum dachte er daran, sein Testament zu machen, und daher ließ er den französischen Notar mit drei Zeugen rufen.

Von dem Augenblick an, in dem er erfahren hatte, daß er einen Sohn habe, war er froh gewesen, daß seine Tochter noch unverheiratet war. Von diesem Augenblick an hielt er sie von jeder Gesellschaft fern und suchte sie zu hindern, männliche Bekanntschaften zu machen. Ja, er ging noch weiter; er fragte sie, ob ihr Herz noch frei sei, und als sie dies bejahte, so bat er sie inständigst, die Selbständigkeit festzuhalten. Den Grund konnte sie nicht erfahren. Noch heute am Vormittag hatte er sie gebeten, ihr Herz zu wappnen und nicht an einen Mann zu denken.

»Ich kann dir den Grund noch nicht sagen«, hatte er gemeint, »aber du wirst ihn bald erfahren, zu bald vielleicht«

An diese Worte dachte Flor, als sie jetzt die Höhe emporstieg. Es war ihr bisher sehr leicht gewesen, den Vater über diesen Punkt zu beruhigen, heute fragte sie sich, ob sie nicht im Begriff stehe, ungehorsam zu werden.

Seit einiger Zeit hielt sich ein Badegast hier auf, der sich keinem Menschen anschloß. Er schien weniger aus Gesundheitsrücksichten, als vielmehr um die See zu studieren, hier zu sein. Er saß halbe Tage lang auf der Höhe bei den Weichselbüschen und beobachtete die immer sich neu gebärenden Wogen der See. Zuweilen öffnete er sein Skizzenbuch, um dies hehre Bild festzuhalten.

Da oben war sie ihm begegnet. Sie hatte auf derselben Bank gesessen, als er kam, und er hatte umkehren wollen, als er sie erblickte. Sie aber hatte ihm zugerufen, seinen Sitz einzunehmen, und war dann selbst gegangen. Später hatten sie sich wiedergesehen und darauf fast alle Tage, wenigstens auf einige Minuten. Sie hatte erfahren, daß er Maler sei, aber nicht nach seinem Namen gefragt. Sie hatten sich unterhalten über Kunst und Wissenschaft, über alles, was ein Prüfstein für die innere und äußere Bildung des Menschen ist, und sich gegenseitig achten gelernt, ohne einander zu kennen.

Er hatte ein schönes, offenes Gesicht, über das die Schwermut eines geheimen Leidens ausgebreitet lag. Das erweckte ihr Mitgefühl. Sie begann in seinen Zügen zu forschen; sie traf dabei oft sein Auge, das mit einem tiefen, klaren Blick auf ihr ruhte. Sie errötete, ihr Herz klopfte. Sie fühlte, daß dieser Mann ihr gefährlich sei und daß sie ihn meiden müsse, aber stets, wenn die Stunde kam, in der sie ihn oben auf der Höhe wußte, trieb es sie hinaus aus dem Fischerhaus und hinauf zu ihm.

So auch heute. Der Wunsch des Vaters, das Zimmer zu verlassen, machte es ihr leicht, dem Zug ihres Herzens zu folgen. Sie schritt dem Ort zu, der ihr so lieb geworden war. Der Vater ging dem Tod entgegen und ließ sie dann allein. War sie aber wirklich so allein? War es denn wirklich unmöglich, sich vor einer so traurigen Vereinsamung zu bewahren? Sich selbst und vielleicht auch das Herz? So dachte sie, und dabei schlug ihr Herz immer lebendiger.

Flora blieb stehen, legte die Hand auf den wogenden Busen und atmete tief auf. Es wurde mit einem Mal hell und klar in ihr. Sie liebte ihn! Sie, die Tochter eines Herzogs, diesen unbekannten Maler! Welch ein Gedanke!

21. Kapitel.

Flora fragte sich, ob sie zurückkehren solle, und doch schritt ihr Fuß vorwärts; sie zitterte vor der Begegnung, und so sah sie ihn bereits vor sich. Er hatte ihr Kommen bemerkt und sich vom Sitz erhoben, um ihr einige Schritte entgegenzugehen. Er grüßte sie ehrfurchtsvoll; er bemerkte die Röte ihrer Wangen, und da er diese der Anstrengung des Weges zuschrieb, sagte er:

»Sie echauffieren sich, Señorita, und das ist bei dieser scharfen Seeluft nicht geraten. Hüllen Sie sich in Ihre Mantille und nehmen Sie Platz.«

Er gab ihr den seidenen Umhang über den Kopf und führte sie zum Sitz. Sie hatte ihn nur mit einer Verneigung begrüßt; es war ihr unmöglich, zu sprechen. Auch er saß neben ihr und hatte lange Zeit den Blick wortlos auf die See gerichtet Was dachte er? Auf seinen Zügen war kein Wechsel der Gedanken geschrieben, aber seine schweren, fast halb geschlossenen Augenlider ließen erraten, daß die gegenwärtige Stimmung seines Inneren keine glückliche sei.

Endlich ließ er das Auge von der See hinweg auf seine schöne Nachbarin gleiten und sagte mit leiser, vibrierender Stimme, aus der sich auf große innere Erregung schließen ließ:

»Sehen Sie diese Wogen, Señorita? Vorgestern war die See ruhig, gestern gab es Sturm, und heute grollt die Flut noch immer. Wird sie sich beruhigen? Wird es einen neuen Sturm geben? So ist es im Leben, und so ist es im Herzen. Und wie vielen Genezarethseelen fehlt der Heiland, der seine Hand erhebt, den Sturm zu beschwören!«

Das war ein verfängliches Thema; es wäre besser gewesen, nicht zu antworten, Flora fühlte das, aber dennoch fragte sie ganz unwillkürlich:

»Bedürfen Sie eines solchen Heilands?« – »Ja, ich bedarf seiner!« seufzte er. – »Ich auch«, hauchte sie unbedachtsam. – »Sie auch? Ja, ich habe es Ihnen sofort, als ich Sie zum ersten Mal erblickte, angesehen, daß Sie an einem Leid tragen. Aber tragen Sie es allein? Haben Sie keinen Menschen, der Urnen diese Last wenigstens zum Teil abnehmen könnte?« – »Keinen!« antwortete sie. – »Das ist traurig. Stehen Sie so einsam in der Welt?«

Flora hob den niedergesunkenen Blick zu ihm empor und antwortete:

»So kennen Sie mich nicht?« – »Sie meinen Ihren Namen? Denn Ihr Herz, Ihr Gemüt, Ihre Seele sind mir nicht unbekannt Nein, ich kenne Sie nicht Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Anhänger der gesellschaftlichen Neugierde sind. Ich stand allein in der Welt mit einem großen Kummer im Herzen. Der Gram vereinsamt den Menschen, ich zog mich zurück und suchte Trost und Frieden nur am Herzen der Natur. Da erschienen Sie mir. Es war, als ob der Glanz eines versöhnenden Gedankens mich umleuchte, und darum floh ich Sie nicht, wie ich andere fliehe. Ich sah Sie wieder und tat einen Blick in Ihr reines Wesen, einen Blick, der mir den verlorenen Glauben an die Menschheit brachte. Ich war glücklich in Ihrer Nähe, zum ersten Mal seit langer Zeit. Ich hätte vor Ihnen niederknien und Ihnen sagen mögen, daß Sie meine Madonna sind, zu der ich beten möchte. Wenn ich hier auf Sie wartete, so fragte jede Faser meines Inneren, ob Sie auch kommen würden, und wenn Sie dann nahten, so war meine Seele ein einziges großes Dankgefühl. Sie sind meine Sonne geworden. Ich weiß, daß diese Sonne mir untergehen wird, aber ich werde trotzdem nicht in finstere Nacht versinken, denn den Wahrheitsstrahl Ihrer Augen werde ich nie vergessen, sie werden mir leuchten jetzt und immerdar; sie werden die Sterne sein, die meine Erinnerung erhellen und mich das Glück im Angedenken genießen lassen, das mir in der Wirklichkeit versagt ist. Ihre Seele ist mein geistiges Eigentum geworden, und etwas anderes als dies können Sie mir nicht sein. Darum habe ich nicht gefragt, wer und was Sie sind, darum habe ich Sie nicht um Ihren Namen gebeten, und darum habe ich mich nicht einmal erkundigt, wo Sie wohnen.«

Er hatte sich in seiner Erregung erhoben, er stand vor ihr mit über der Brust gekreuzten Armen. Es sprühte aus seinen Augen keine versengende Liebesglut, seine Worte enthielten ja auch nicht eine Liebeserklärung im gewöhnlichen Sinn, aber es lag auf seinem Gesicht eine Helligkeit, eine Verklärung, deren Ursache nicht die Sonne sein konnte, eine Verklärung, die ihre Strahlen auch auf Flora warf. Ihr Herz bebte, und ihr Busen wogte. Sie hob das Auge zu ihm empor und erwiderte leise bebend:

»Mit ging es ebenso.«

Diese Worte durchzuckten ihn wie ein elektrischer Schlag.

»Auch Ihnen ging es so?« fragte er. »Mit wem? Sagen Sie, mit wem?« – »Mit Ihnen«, hauchte sie.

Da machte er eine Bewegung, als wolle er sich ihr zu Füßen stürzen, aber er beherrschte sich, wandte sich ab und sandte seinen umflorten Blick weit hinaus auf die See. Dann hob er den Arm und zeigte nach dem Meer.

»Sehen Sie da draußen die englische Jacht, Señorita«, sagte er. »Sie kämpft mit den Wogen und wird doch die schützende Bucht erreichen. Ich aber habe keinen Hafen, ich habe keinen Vater, keine Mutter, weder Bruder noch Schwester, ich habe nicht einmal einen Namen, den ich tragen darf, ich bin verfemt und verflucht und darf es nicht wagen, die Hand nach einem Herzen auszustrecken, das mir gehören will. Ich bin wie der junge Adler, den die Alten aus dem Nest werfen, denn anderen gehören die Firnen und der Äther, er aber soll da unten im Abgrund jammervoll verschmachten. Und selbst wenn er nicht verdirbt, so sind ihm die Schwingen gebrochen, und er hockt einsam und verlassen zwischen den Felsen.«

Das war nicht eine leere Tirade, sondern das waren schrille Schmerzensschreie, die aus der Tiefe einer gequälten Brust erschollen. Flora fühlte das, sie ahnte, daß sein Weh ein ungewöhnliches, wahres sei, und das Leid macht die Menschen ebenbürtig. Auch sie erhob sich, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte:

»Sie sind ein Mann, Señor, wollen Sie verzweifeln?« – »Sehe ich aus wie ein Verzweifelnder?« fragte er mit einem stolzen, aber doch auch wehmütigen Lächeln. – »Nein. Ich wollte sagen zweifeln, anstatt verzweifeln. Sie dürfen sich nicht absondern. Es gibt kein Herz, das nicht ein anderes fände, und wenn Sie keinen Vater und …« – »Nein, ich habe keinen, obgleich er noch lebt«, unterbrach er sie in einem Ton, dem man einen tiefen Groll anzuhören vermochte. – »Keinen? Und doch lebt er?« fragte sie. »Wie soll ich das verstehen?«

Er zuckte die Achseln, es war, als ob ein tiefer Zorn ihm die Lippen zusammenpressen wolle, aber er besiegte diese Regung, so daß seine nächsten Worte nur bitter erklangen:

»Oh, sehr einfach, Señorita: Ich bin der verlorene Sohn im Evangelium. Ich war dem Vater ungehorsam, und darum verstieß er mich. Er verbot mir sogar, seinen Namen zu tragen. Ich führe denjenigen meiner verstorbenen Mutter, die dies ihrem einzigen Kind verzeihen wird.«

Seine Augen füllten sich mit Tränen, es waren Mannestränen, die doppelt tief brennen. Kein fühlendes Weib bleibt dabei ungerührt.

»Verstoßen? Unmöglich!« rief Flora. »Sie sind kein verlorener Sohn! Alles glaube ich Ihnen, nur dieses nicht! Eher nehme ich an, daß Sie einen Rabenvater besitzen! Was haben Sie getan, daß er Ihnen sogar den Namen genommen hat, der Ihr Eigentum ist, den Sie berechtigt sind zu tragen?«

Es war nicht Neugierde, die ihr diese Frage diktierte, er wußte das, und darum antwortete er:

»Ich bin ein Deutscher. Mein Vater war Offizier und bekleidet jetzt die Stelle eines Oberförsters in Rheinswalden bei Mainz. Ich darf seinen Namen nicht führen, aber nennen kann ich Ihnen denselben, er heißt Kurt von Rodenstein. Er war ein heftiger, strenger Mann, ob jetzt noch, weiß ich nicht. Auch ich sollte Offizier werden. Ich besuchte die Kriegsschule. Da entwickelte sich während des Zeichenunterrichts mein Talent, das man mir bisher nicht zugemutet hatte, und meine Lehrer waren überzeugt, daß ich zum Maler geboren sei. Sie machten meinem Vater Vorstellungen, und ich vereinte meine Bitte mit ihren, er aber hörte nicht darauf. Ich mußte beim Mordhandwerk bleiben, und er drohte mir mit seinem Fluch, wenn ich nicht gehorsam sei. Ich gehorchte, bestand mein Examen und wurde Offizier. Ich tat meine Pflicht, aber während jeder freien Stunde saß ich an der Staffelei. Ich hätte es für eine Sünde gehalten, mein mir von Gott gegebenes Talent nicht auszubilden. Lange Zeit wagte ich mich nicht an die Öffentlichkeit, endlich aber gab mir das Zureden meines Professors den Mut dazu. Ich fertigte ein Bild und bat den Vater, es zur Ausstellung senden zu dürfen, er verbot es mir. Da überredeten mich die Freunde, dies doch zu tun; sie glaubten, einer vollendeten Tatsache gegenüber werde der Vater nachgeben müssen; auch ich glaubte es, da alle Kenner überzeugt waren, daß ich mich meines Werkes nicht zu schämen haben werde. Lassen Sie mich kurz sein, Señorita. Ich sandte es ein, es wurde vom Komitee angekauft, und ich erhielt den ersten Preis, zu gleicher Zeit aber auch vom Vater einen Brief, in dem er mir verbot, die Heimat wieder zu betreten.« – »Mein Gott, wie hart, wie grausam!« rief Flora. – »Ich richte ihn nicht, er ist mein Vater! Trotz seines Verbots eilte ich zu ihm. Ich versprach, nie wieder ein Bild öffentlich auszustellen, aber alles half nichts; ich hatte in dieser nach seiner Ansicht hochwichtigen Angelegenheit seinem Befehl entgegengehandelt, ich hatte meinen Offizierscharakter, meine Ehre verleugnet, war unter das Volk der Künstler getreten, ich war also seiner nicht mehr würdig. Er verbot mir abermals sein Haus, verbot mir, seinen Namen zu tragen, und als ich nicht sogleich ging, ließ er mich durch seine Diener vor das Tor führen. Da stand ich wie vom Schlag gerührt. Die Diener weinten, aber sie verschlossen das Tor, ich klopfte daran, erst leise bittend, dann laut im Grimm – es öffnete sich mir niemals wieder. Ich mußte gehen. Ich kam um meinen Abschied ein und erhielt ihn. Ich warf mich nun der Kunst ganz in die Arme, und sie war nicht so grausam gegen mich wie der Vater, sie schmückte mich mit Ruhm, sie brachte mir Gold und Unabhängigkeit, aber mein Herz blieb erschrocken, wie damals, als ich an der Tür des Vaterhauses stand, vergeblich wieder Einlaß begehrend, ein ausgestoßenes Menschenkind, das kein Recht hat auf das Glück dieses Lebens.«

Da umfaßte sie in heißer Aufwallung ihrer Gefühle seine Hand und sprach:

»Kein Recht, Señor? O doch, Sie sind nicht rechtlos. Ein jeder Mensch hat von Gott die Erlaubnis erhalten, glücklich zu sein. Fassen Sie getrost zu! Folgen Sie mutig der Stimme Ihres Herzens! Diese Stimme wird Sie ganz gewiß nicht täuschen!«

Er hielte ihre Hand fest und antwortete:

»Señorita, wissen Sie, was Sie sagen? Ahnen Sie, was ich tun müßte, um dieser Stimme zu gehorchen?«

Sie antwortete nicht, aber der vertrauensvolle Blick, mit dem ihr Auge in dem seinen ruhte, sagte ihm, daß sie nicht nur ahne, sondern wisse.

»Ich müßte Sie, ja Sie, Señorita, an mein Herz nehmen und nimmer davon lassen«, fuhr er fort. »Ich müßte Sie festhalten, damit meine Sonne nicht untergehe und meine Sterne mir nicht nur in der Erinnerung, sondern in der Nähe leuchten. Habe ich denn die Erlaubnis dazu, Señorita?«

Es traten ihr schwere Tränentropfen in die Augen, sie schlang, ihrer nicht mehr mächtig, die Arme um seinen Nacken und antwortete:

»Ja, du heißgeliebter Mann, du hast das Recht dazu, ich gebe es dir, denn ich bin dein, ich kann nicht anders!«

Da drückte er sie an sich, fest und innig, und im lauten Jubelton rief er

»Herrgott, ich danke dir! Jetzt wird mein Leben hell, jetzt weicht der Alp von mir, der auf mir lastete, nicht zentner-, sondern bergeschwer! Und meine Erlöserin bist du, du, die ich liebe mit jedem Gedanken meines Innern, für die ich tausend Leben geben würde, und die ich anbete, wie man zu einer Gottheit betet! Sage mir, du herrliches Wesen, wie ich dich nennen soll!« – »Flora!« flüsterte sie erglühend. – »Flora, meine süße, herrliche Flora, hast du mich lieb, wirklich lieb?« fragte er, sich zu ihr niederbeugend, in jenem unbeschreiblichen Ton, dessen nur die Liebe fähig ist.

»Sehr, so sehr!« lispelte sie. – »Und du willst mein eigen sein und bleiben, trotzdem der Vater mich verstieß?« – »Ich werde dir ihn und die ganze Welt ersetzen, mein …« – »Otto«, ergänzte er. – »Mein Otto!«

Sie blickte innig zu ihm auf, ihre Augen waren halb geschlossen, und ihre vollen Lippen schwollen ihm gewährend entgegen. Da legte er seinen Mund auf den ihren zu einem langen, langen, heißen Kuß. Sie tranken Seligkeit voneinander und hatten alles um sich her vergessen, bis ein lauter Kanonenschuß sie aus ihrem Entzücken erweckte. Sie blickten hinab nach der Bucht. Dort kräuselte sich noch das Rauchwölkchen des Pulverdampfs.

»Siehst du«, sagte Otto, »die Jacht hat die Bucht glücklich erreicht, sie hat einen braven Kapitän. Auch ich werde nun einen Hafen erreichen, und meine Liebe soll der Führer sein, der mich zu demselben leitet. Nur ihr will ich leben, nur ihr und dir ganz allein!« – »So hast du also keinen Menschen, dem du dich angeschlossen hättest?« – »Nein. Ich habe nicht nach Freunden gesucht. Und doch, einen habe ich, einen einzigen. Und dieser ist ein Freund im vollsten, edelsten und wahrsten Sinn des Wortes.« – »Wer ist es, mein Otto? Ich werde ihn auch lieben, aus Dankbarkeit dafür, daß er dein Freund gewesen ist.« – »Er heißt Karl Sternau. Wir lernten uns auf dem Gymnasium kennen. Sein Vater war Professor, starb aber bald. Dann ging Karl zur Universität, ich aber zur Kriegsschule, doch sahen wir uns noch weiter. Unsere Freundschaft hatte zur Folge, daß seine Mutter als Witwe zu meinem Vater gerufen wurde, um dessen Hauswesen vorzustehen. Er ist jetzt einer der berühmtesten Ärzte. Er hat fremde Erdteile bereist und sich mit wilden Tieren und Menschen herumgeschlagen, jetzt erkämpft er seine Siege mit dem Messer und der Lanzette. Er wird der berühmteste Operateur werden, davon bin ich überzeugt.« – »Weiß er, daß dein Vater sich von dir trennte?« – »Ja. Er befand sich damals in Algier, und ich schrieb es ihm. Als er zurückkehrte, konnte er nichts für mich tun, denn er wurde in Paris festgehalten, aber schrieb seiner Mutter oft und bat sie, für mich zu wirken. Sie hat den Versuch gemacht, ist aber auf so furchtbaren Widerstand gestoßen, daß sie fliehen mußte. Mein Vater hat ein für allemal befohlen, mich nie mehr zu erwähnen. Wer es dennoch zu tun wagt, der wird augenblicklich fortgejagt. Ob Sternau sich noch in Paris befindet, das weiß ich nicht. Ich war jetzt längere Zeit in Ägypten und hielt mich weit oben bei den Nilkatarakten auf, wo eine Korrespondenz sehr erschwert ist.« – »Ich möchte ihn wohl einmal sehen.« – »Er ist ein herrlicher Mann, hoch und stolz gewachsen. Und wie sein Äußeres ist, so ist auch sein Inneres. Und ein sonderbares Spiel der Natur muß ich dabei erwähnen. Ihr beide seht nämlich einander ganz ähnlich. Das fiel mir sogleich auf, als ich dich zum ersten Mal erblickte, und diese Ähnlichkeit mit dem einzigen Freund, den ich habe, ist es wohl auch gewesen, die die erste Ursache war, daß ich nicht vor dir geflohen bin.«

Sie standen Arm in Arm auf der Höhe und konnten die ganze Bucht überblicken. Sie sahen, daß die Jacht Anker warf, und gleich darauf gingen zwei Männer von Bord an Land. Man konnte die Gesichter nicht erkennen, denn die beiden hatten sehr breitkrempige Hüte auf, aber die Gestalten waren deutlich sichtbar.

»Schau den einen!« sagte Otto zu Flora. »Gerade so eine hohe, stolze Gestalt wie er ist auch Sternau, auch sein Gang ist so sicher und elegant. Befände ich mich nicht in diesem abgelegenen Winkel der Erde, so würde ich behaupten, daß dieser Mann kein anderer sei als Sternau.«

Er hatte recht, die beiden Männer waren Sternau und Helmers. Sie waren gekommen, um Kohlen einzunehmen und gingen nach der Stadt, um den betreffenden Kauf abzuschließen. Otto von Rodenstein kannte natürlich auch den Steuermann, den jetzigen Kapitän der Jacht ›Rosa‹, denn dieser wohnte ja in Rheinswalden. Aber die Entfernung zwischen den beiden Paaren war zu bedeutend, als daß ein Erkennen möglich gewesen wäre.

Das unerforschliche Schicksal bereitete hier eine jener Begegnungen vor, die ganz unerwartet eintreten und doch für die Zukunft der Betreffenden von außerordentlichen Folgen sind.

Die beiden Menschen saßen noch lange droben auf der Bank und flüsterten ganz glücklich sich jene Fragen, Antworten, Beteuerungen und Versicherungen zu, die für Liebende von hoher Bedeutung sind, während ein dritter darüber lächeln würde.

Endlich aber entwand Flora sich den Armen Ihres Geliebten und sagte:

»Verzeih, Otto, meine Zeit ist längst abgelaufen, und mein Vater wird mich mit Sehnsucht erwarten.« – »Dein Vater ist hier?« fragte er. »Nicht auch deine Mutter, mein Leben?« – »Nein. Ich habe nur den Vater. Und«, fügte sie mit einer plötzlich hervorquellenden Träne hinzu, »ich werde ihn nicht lange mehr haben, vielleicht nur noch wenige Tage.« – »Mein Gott, er ist krank?« fragte Otto erschrocken. – »Ja, sehr«, meinte sie. »Er ist zu Tode krank.« – »Vermögen die Ärzte nichts zu tun?« – »Gar nichts, denn er leidet an Schwindsucht, die unheilbar ist.« – »An Auszehrung! Eine fürchterliche Krankheit, in der der Patient mit vollem Bewußtsein den Tod Schritt um Schritt sich nähern sieht. Wie bedauere ich ihn und dich, mein Herz! Wäre ich ein Arzt, so stellte ich mich an das Krankenbett, um mit dem Tod zu kämpfen mit allen Mitteln der Wissenschaft. Aber da fällt mir ein, wir sprachen von Sternau. Kann ein Mensch helfen, so ist er es. Ich werde sofort an seine Mutter schreiben und mir seine Adresse geben lassen. Nein, ich werde telegrafieren und ihn dann telegrafisch herbeirufen.« – »Es ist zu spät, Otto! Ach, während ich hier an deinem Herzen die Wonnen der Liebe genoß, liegt mein Vater auf dem Sterbelager, und der Notar ist bei ihm, um das Testament aufzusetzen. Welch eine schlechte Tochter bin ich.« – »Tröste dich! Auch die Liebe hat ihre unveräußerlichen Rechte, selbst in so ernsten Stunden. Ich werde aber jedenfalls telegrafieren, und zwar sogleich!« – »Wird Sternau aber kommen?« – »Sicher. Er wird alles im Stich lassen, um die Bitte des Freundes zu erfüllen. Ich eile. Aber, mein Herz, darf ich deine Wohnung wissen? Ich möchte in diesen trüben Stunden nicht von deiner Seite weichen.« – »Ich danke dir, du Guter«, antwortete sie. »Wahrlich, ich bedarf des Trostes, und doch darf ich deinen Wunsch nicht erfüllen. Meine Wohnung sollst du wissen, sie ist im Haus des Schiffers Jean Foretier, aber deine Gegenwart ist dort noch nicht möglich.« – »Warum nicht, Flora?«

Sie blickte sinnend zur Erde, dann erhob sie das Auge zu ihm und fragte:

»Hast du Vertrauen zu mir, Otto?« – »Ja«, antwortete er mit einem Blick voller Aufrichtigkeit, »ich vertraue dir aus voller, ganzer Seele.« – »So erfülle mir meine erste Bitte: Frage mich jetzt noch nicht, wer ich bin, erkundige dich auch nicht in der Stadt nach uns. Du sollst es bald erfahren, aber nur aus meinem eigenen Mund. Es bang mir, es dir zu sagen, denn ich fürchte, dich dann doch noch zu verlieren. Aber glaube mir, der Grund liegt in dir und nicht in mir. Ich habe mich meiner Verhältnisse nicht zu schämen, ja, ich bin überzeugt, daß sie deinem Vater reichlich Veranlassung geben werden, seine Härte zu bereuen und sich mit dir auszusöhnen. Willst du?« – »Ja«, nickte er. »Du hast den Ausgestoßenen an dein reines Herz genommen, und ich werde nicht fragen, sondern ruhig warten, bis du selbst sprichst. Aber wenn Sternau kommt darf ich ihn zu euch senden?« – »Ja, sogleich. Wir treffen uns wie immer hier. Ich werde, wenn es mir möglich ist, niemals fehlen. Jetzt lebe wohl, mein Geliebter!« – »Lebe wohl, mein Engel, mein Trost, mein Glück, mein ein und alles auf der Erde!«

Eine lange, heiße Umarmung vereinte ihre Herzen, die warm aneinanderschlugen, noch ein Kuß, noch einer und abermals einer, dann trennten sie sich.

Flora schritt den Berg hinab, und Otto stand oben, um ihr nachzublicken, so lange er sie zu sehen vermochte, dann ging er nach der Stadt direkt nach dem Telegrafenamt. Dort gab er seine an Frau Sternau gerichtete Frage auf, fügte seine Adresse bei und bat um sofortige Beantwortung. Sein Herz war zum Zerspringen voll, er fühlte ein Glück, wie noch nie in seinem Leben. Er hielt die ganze Welt nicht für würdig, den Ausdruck der Seligkeit auf seinem Gesicht zu sehen. Er ging nach seinem Gasthaus und schloß sich in seinem Zimmer ein.

Dort öffnete er seine Mappe, nahm ein Blatt heraus und lehnte es auf dem Tisch gegen die Wand, so daß der Strahl des Lichtes voll darauf fiel. Es enthielt das sprechend ähnliche Porträt Floras. Das war ihr reiches Haar, ihre reine, hohe Stirn, die sanft geborene Nase, das waren die großen, sprechenden Augen, das volle, lieblich geschweifte Lippenpaar, der schön aufgesetzte Hals, die volle, schwellende Büste. – Er trat mit verschlungenen Armen einen Schritt zurück, betrachtete das Bild mit strahlender Miene und sagte, als ob das Original vor ihm stände:

»Ja, so bist du, meine Flora! So habe ich dir im stillen einen Kultus gewidmet ohne daß du es ahnen solltest, und nun bist du doch mehr als bloß im Geist mein geworden. Deine Liebe hat mich gefangengenommen, sie umwebt mich wie ein magisches Fluidum, sie leuchtet in das Dunkel meines Lebens hinein, nicht ernst und düster wie ein Nordlicht sondern warm, freundlich und erlösend wie der belebende Blick der Morgensonne. Du gibst mir meinen Gott, meinen Glauben und mein Vertrauen wieder, darum sollst auch du an mich glauben und mir vertrauen dürfen, trotzdem ich dich noch nicht kennen darf.«

Es war dem Glück ein braver Mensch zurückgewonnen. Die Liebe kommt von Gott, darum führt sie auch zu Gott. Sie ist die Tochter des Himmels, ohne welche unsere Erde ein Jammertal sein würde.

Der Tag verging, es wurde Abend, ja, es wurde Nacht. Es war im Gasthaus still geworden, es hatte sich alles zur Ruhe begeben. Nur Otto wachte, er erwartete mit fieberhafter Ungeduld die Beantwortung seiner Anfrage. Die Minuten wurden ihm zu Stunden, da endlich, endlich läutete unten die Hausglocke. Der Portier öffnete, und gleich darauf trat der Bote des Telegrafenamts ein.

Otto fertigte den Mann schnell ab und öffnete, als sich der Bote entfernt hatte, das Kuvert. Doch als er die wenigen Worte las, ließ er die Hand, welche die Depesche hielt, entmutigt sinken. Die Antwort lautete:

»Mein Sohn ist in England. Wo, weiß ich nicht. Kehrt erst nach langer Zeit zurück.«

Das war ein harter Schlag für den Maler, der gehofft hatte, in dem Freund einen Retter für den Vater der Geliebten zu finden. Es trieb ihn mit bangen Schritten im Zimmer auf und ab. Er konnte keine Ruhe finden und suchte erst mit dem grauenden Tag sein Lager auf.

Darum war es sehr spät, als er erwachte, sich erhob, Toilette machte und in die Gaststube hinabging, um sich den Morgenkaffee geben zu lassen. Hier war nur ein einziger Gast zugegen, er trug Seemannskleider und saß vor einem großen Glas Rum. Als Otto ihn erblickte, traute er seinen Augen kaum.

»Ist's möglich!« rief er. »Helmers, Steuermann Helmers! Sehe ich recht?«

Helmers erhob sich, ebenso überrascht, wie es der Sprecher war.

»Herr von Rodenstein!« rief er. »Herr Otto! Ja, ich bin es! Welch ein Zusammentreffen!«

Sie eilten aufeinander zu und schüttelten sich die Hände.

»Was tun Sie hier in Avranches, hier in diesem Haus?« fragte der Maler. – »Hier in diesem Haus habe ich heute nacht geschlafen, hier in diesem Zimmer trinke ich soeben ein Glas Rum, und hier in Avranches will ich Kohlen einnehmen, damit meine Jacht weiterdampfen kann.« – »Ihre Jacht? So sind Sie gestern nachmittag hier angekommen?« – »Ja.« – »Da hätte ich mir meine Depesche ersparen können!« – »Welche Depesche?« – »Ich telegrafierte an Frau Sternau, um zu erfragen, wo sich Doktor Sternau befindet.« – »Ach, wunderbar. Was antwortete sie?« – »Daß er wahrscheinlich in England sei, sie weiß aber nicht, wo. Ich sah die Jacht in die Bucht laufen. Hätte ich gewußt, daß Sie an Bord waren, so wäre ich mit Dampfesgeschwindigkeit den Berg hinuntergerannt.« – »Den Berg? Ah, Sie standen oben auf der Höhe?« – »Ja.« – »Sapperlot, das hätte ich wissen sollen! Wir sahen einen Herrn und eine Dame …« – »Das war ich!« – »Die hatten sich gepackt und umschlungen, als ob kein Mensch in der Nähe wäre.« – »Ja«, wiederholte Otto lächelnd, »das war ich. Wir sahen, als die Jacht kaum Anker geworfen hatte, zwei Männer an Land und in die Stadt gehen.« – »Das war ich.« – »Und der andere?« – »Ha!« antwortete Helmers mit einem fröhlichen Spiel seiner Mienen. »Das war der Eigentümer der Jacht« – »Er war gerade wie Sternau gebaut« – »Glaube es. Er heißt auch so.« – »Was? Wie?« rief Otto rasch. »Das ist doch nur ein Zufall!« – »Nein«, meinte Helmers mit einem lustigen Augenzwinkern, »der Name eines Mannes ist niemals Zufall. Ein Zufall ist es eher, daß wir gerade hier in Avranches Kohlen einnehmen. Wir hätten dies auch in Cherbourg, Morlaix oder Brest tun können. Aber jedenfalls ist es nun nicht nötig, daß Sie den Herrn Doktor Sternau in England suchen!« – »Mein Gott! Ist's wahr? Ist er hier, er selbst?« – »Freilich«, lachte Helmers.»Die Jacht ist ja sein.« – »Wo ist er? Schnell! Wo finde ich ihn?« – »Auch er wohnt hier im Haus. Er ist erst spät schlafen gegangen und wird wohl noch im Bett – o nein, da kommt er ja.«

In diesem Augenblick hatte sich die Tür geöffnet und Sternau trat ein. Er erkannte den Freund, der ihm entgegeneilte, sofort und öffnete seine Arme, ihn zu empfangen.

»Otto, du hier?« fragte er. – »Ja, Karl. Welch ein Zufall! Welch ein Glück! Ich habe gestern nach dir telegrafiert und heute triffst du hier ein. Das muß Gottes Schickung sein!« – »Du wohnst in diesem Haus?« – »Ja.« – »So hättest du mich bereits gestern sehen können.« – »Ich habe dies soeben von Helmers erfahren. Aber es soll alles nachgeholt werden, denn es ist noch Zeit genug vorhanden. Komm mit auf mein Zimmer, wir haben uns sehr viel zu erzählen.« – »Gewiß, Otto, jedenfalls aber ich dir mehr, als du mir.«

Die Freunde zogen sich jetzt aus dem nicht verschwiegenen Gastzimmer zurück, so daß Helmers in der sehr angenehmen Lage war, noch ungestört einige Glas Rum trinken zu können.

22. Kapitel.

Als Flora am gestrigen Tag von ihrem Ausgang zurückkehrte, fand sie den Vater schlafend. Der Notar hatte ihn mit den drei Zeugen eben verlassen, die lange Konferenz hatte ihn so angestrengt, daß der Schlummer sofort wieder Gewalt über ihn bekommen hatte. Sie zog sich leise zurück, um zu warten, bis er erwachen und nach ihr klingeln werde.

Dies geschah erst am späten Abend, als Mitternacht bereits nahe war. Sie eilte zu ihm und fand ihn aufrecht auf der Chaiselongue sitzend; ein großes, versiegeltes Schreiben lag auf der Decke vor ihm. Flora eilte auf ihn zu und liebkoste ihn.

»Wie befindest du dich, mein Vater?« fragte sie. – »Ich danke dir, mein Kind«, antwortete er. »Ich habe einen sehr guten Schlummer gehabt, und es ist mir leichter und wohler als lange Zeit vorher. Dies mag wohl auch mit daher kommen, daß ich eine heilige Pflicht erfüllt habe. Die Pflichterfüllung gibt dem Menschen innere Ruhe und neue Kraft.«

Sein Blick ruhte auf dem Schreiben, auch ihr Auge fiel auf das große Notariatssiegel, und sie schauderte. Er bemerkte es und sagte, matt lächelnd:

»Der Anblick dieses Dokuments ist dir unangenehm? Wie unangenehm wird dir erst sein Inhalt sein! Und doch mußt du ihn erfahren, und zwar noch heute, jetzt gleich. Komm, meine Tochter, setz dich und höre mir zu.«

Sie gehorchte diesem Befehl und setzte sich neben ihn, aber es standen ihr bereits die Tränen in den Augen.

»Ahnst du, was dieses Schriftstück enthält?« frage er. – »Ja«, antwortete sie leise. – »Was ist es?« – »Dein – dein – o Papa, ich mag das Wort gar nicht aussprechen!« – »Meinst du mein Testament, Flora?« – »Ja, mein Vater«, antwortete sie, jetzt bereits laut schluchzend. – »Du hast recht geraten«, sagte er, »aber weine nicht! Man kann an sein Ende denken, ohne den Tod nahe zu wissen. Will es Gott, so wirst du mich noch lange nicht verlieren, aber ich habe gefühlt, daß es meine Pflicht ist, an die Zukunft zu denken und meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«

Sein Husten unterbrach ihn und übertäubte auch das leise Weinen der Tochter, dann fuhr er fort:

»Dieses Testament lege ich in deine Hände nieder, Flora. Ein Duplikat davon liegt bei dem Notar, der es angefertigt hat. Schwöre mir, daß du nach meinem Tod alle darin getroffenen Bestimmungen erfüllen wirst Willst du?« – »Papa«, schluchzte sie, »es bedarf des Schwures nicht, aber wenn es dich beruhigt, so will ich hiermit schwören, daß dein Wille bis in das kleinste befolgt werden soll.« – »Auch dann, wenn dieser Wille für dich ein harter, unväterlicher zu sein scheint?« – »Auch dann, Papa. Ich weiß, er wird nur hart scheinen, aber nicht hart sein. Du liebst dein Kind und wirst mich nicht unglücklich machen.« – »Ich danke dir! Und nun trockne deine Tränen, denn ich habe mit dir zu sprechen, ich will dir die Härten, die mein Testament für dich enthält, erklären, ich will dir erzählen, ich will – ja, mein Kind, dein Vater will dir – beichten!«

Flora sollte ihre Tränen trocknen, aber dies gelang ihr nicht. Ihr Vater wollte – beichten. Wie dieses Wort so fürchterlich klang! War er ein Verbrecher? Warum wollte er sich gerade vor seinem Kind demütigen?

Der Herzog wartete geduldig die lange Zeit die seine Tochter brauchte, um wenigstens äußerlich ruhig zu erscheinen. Dann begannen

»Mein Kind, ich habe eine große, eine schwere Sünde auf dem Gewissen. Du hast einen Bruder, ohne daß ich dir von ihm gesagt habe. Kannst du mir dies verzeihen?«

Anstatt zu erschrecken, blickte sie in freudigem Staunen zu ihm hin.

»Einen Bruder!« sagte sie. »Ist das wahr, Papa?« – Ja.« – »Oh, da habe ich dir ja nichts zu verzeihen! Du wirst schon deine weisen Gründe gehabt haben, seine Existenz geheimzuhalten. Du erfreust mich mit dieser Nachricht außerordentlich, anstatt mich zu betrüben.« – »Deine Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele, Flora, aber ich muß leider bekennen, daß es nicht weise Gründe waren, die mir Schweigen auferlegten. Ich selbst wußte bis vor einiger Zeit von dem Dasein dieses Sohnes nichts. Er ist nicht ein Sohn deiner Mutter, er ist der Sohn einer anderen, er ward geboren, als deine Mutter bereits längst tot war; er ist ein illegitimes Kind.«

Es wurde dem Kranken schwer, dieses Bekenntnis auszusprechen, und Flora errötete, als ob sie selbst es von sich abgelegt hätte. Aber sie erkannte den Ernst dieser Mitternachtsstunde und sagte mild:

»Papa, er ist dessenungeachtet mein Bruder, und ich werde ihn herzlich lieben. Wo befindet er sich?« – »Oh, wenn ich das wüßte!« – »Du weißt es nicht? Aber wo ist seine Mutter, Papa?« – »Auch dieses habe ich nicht erfahren können; aber sie ist dir bekannt, mein Kind. Es ist nämlich Señorita Wilhelmi, die einst für kurze Zeit deine Erzieherin war.«

Das Gesicht Floras zeigte eine vollständige Bestürzung. Sie brauchte Zeit, sich von derselben zu erholen, dann sagte sie:

»Meine liebe, gute Wilhelmi? Mein Gott, was mag sie gelitten haben!« – »Ja«, nickte er voll Reue. »Und was mag sie noch leiden! Aber sie soll entschädigt werden. Vorher will ich dir alles erzählen. Höre, meine Tochter!«

Es mag einem Vater schwer werden, ein reines, unverdorbenes Kind einen Einblick in seine Jugendsünden tun zu lassen. Auch dem Herzog wurde es nicht leicht, aber er besiegte alle Zurückhaltung und erzählte Flora von seinem wüsten Leben, von Gasparino Cortejos, seines ehemaligen Haushofmeisters, Verführungen, von jener Maskerade, während der er Señorita Wilhelmi zum ersten Mal gesehen hatte. Er erzählte ihr aufrichtig, wie er sie in sein Haus gelockt und mit jenem teuflischen Mittel überwunden habe. Er verschwieg ihr auch nicht, daß sie dann fortgegangen sei, ohne eine Unterstützung von ihm zu erhalten, so daß sie also, wie er noch jetzt meinte, ohne alle Subsistenzmittel gewesen sei. Auch über sein späteres Leben sprach er, über die Zigeunerin Zarba, mit der er ebenfalls auf Veranlassung jenes Cortejo, der dann später nach Rodriganda ging, ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, nachdem Cortejo ihrer überdrüssig geworden war. Sie hatte ihn zuerst auf das Vorhandensein eines Sohnes aufmerksam gemacht, und über die Reue sprach er, von der er nun ergriffen worden sei. Diese Reue war so aufrichtig, so tief und wahr, sie sprach sich so in seinen Worten, seinen Gebärden und seinen Tränen aus, daß Flora auf das tiefste davon ergriffen wurde. Als er geendet hatte, fragte sie schluchzend:

»Glaubst du nicht, Papa, daß diese fürchterliche Zarba dich belogen hat?« – »Nein; sie hat die Wahrheit gesprochen.« – »So müssen wir alles tun, um meinen Bruder aufzufinden. Ist er wirklich so ein Mann, wie sie gesagt hat, so brauchen wir uns ja seiner nicht zu schämen, und lebt er in Armut und Elend, so ist es ja noch viel mehr unsere Pflicht, ihn zu erretten und an die ihm gebührende Stelle zu setzen.« – »Aber«, fragte er, »denkst du dabei auch an die Verluste, die du erleiden wirst, an die schweren Opfer, die du zu bringen hast?« – »Nein, Vater, daran denke ich nicht«, antwortete sie aufrichtig. »Das alles wird für mich kein Opfer sein. Ich werde einen Bruder haben, dem meine Liebe gehört; das wiegt alles auf. Wir müssen die Nachforschungen von neuem beginnen!«

Seine matten Augen leuchteten bei diesen Worten auf, die eine so schwesterliche Großmut bekundeten. Das hatte er nicht erwartet. Er sagte:

»Und doch ist es Pflicht dich über alles aufzuklären, Flora. Wenn ich keinen Sohn habe, so gehört dir nicht nur mein vollständiges Erbe, sondern auch mein Rang und Titel. Nach spanischen Gesetzen bist du nach meinem Tod Herzogin, und dein erster Sohn erbt die Herzogskrone der Olsunnas, mag dein Gemahl immer heißen, wie er wolle. Auf dieses Erbe und diese Krone verzichtest du für dich und deine Nachkommen, wenn du nach dem Bruder suchst, der ja auch jünger ist als du.« – »Das ist erstens meine Pflicht und zweitens tue ich es gern, Papa. Diese Frage ist ein für allemal entschieden.« – »Gott sei Dank!« seufzte er nun endlich erleichtert »Es wird sich also die große Besorgnis, die mich in letzter Zeit so peinigte, nicht erfüllen, du wirst meinem Andenken, wenn ich gestorben sein werde, nicht fluchen, mein Kind?«

Da legte sie die Arme um ihn, küßte ihn auf die bleichen Lippen und rief:

»Was denkst du von mir, mein Vater! Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe! Was du gefehlt hast, darüber darf ich nicht richten, denn ich bin deine Tochter, ich bin ja selbst sünd- und fehlerhaft. Dein Gewissen und Gott sind deine einzigen Richter, und unsere Religion lehrt, daß Gott die Liebe sei, er zürnt nicht ewig. Du hast den Willen, alles zu sühnen, und ich gebe dir mit Freuden die Hand dazu. Ich versichere dich, daß mir dies nicht schwerfällt, ja, ich fühle vielmehr eine unendliche Freude, so unerwartet ein brüderliches Herz zu finden, dem ich meine Liebe widmen darf, handle ganz so, wie eine Reue es dir eingibt, ich bin ja gern mit allem einverstanden!«

Der früher so stolze und starke Mann drückte sie an sich und weinte.

»Meine Tochter, meine liebe, gute Tochter!« sagte er. »Gott wird dir es lohnen, daß du so nachsichtig mit mir bist! Nun aber weißt du auch, warum ich in letzter Zeit so froh war, dein Herz noch frei von Liebe zu wissen. Du wirst auf das Glück der Ehe verzichten müssen. Alles, was ich habe, gehört dem Sohn, und es steht ganz in seinem Belieben, wieviel er dir abtreten will. Eine Rente und eine Aussteuer hast du zwar zu fordern, doch, wenn ich sterben sollte, nur von ihm. Dein mütterliches Erbteil beträgt nur zwei Millionen, es gehört zwar unbeschränkt nur dir, aber du siehst ein, daß es zu wenig ist, eine standesgemäße Ehe zu schließen.«

Da lachte sie trotz des Ernstes des Augenblicks hell auf und sagte:

»Nun, so schließe ich eine nicht standesgemäße Ehe. Dazu werden die zwei Millionen gewiß hinreichend sein.«

Er blickte sie forschend an.

»Flora«, fragte er dann besorgt, »du hast mir etwas verheimlicht?« – »Nein, Papa«, antwortete sie, »aber es ist gestern etwas geschehen, was ich dir ganz offen erzählen muß.«

Bei diesen Worten bedeckte eine tiefe Glut ihre Wangen, so daß er ausrief:

»Kind, du liebst!« – »Ja«, gestand sie. »Ich liebe, Papa, und dem, den ich liebe, gehört mein Herz und mein ganzes Leben. Ich werde sein Weib und das keines anderen!« – »Wer ist es?« – »Er ist ein Künstler, ein deutscher, berühmter Maler, zwar von Adel, aber nur mit einem ganz einfachen ›Von‹. Ich gestehe dir sogar, daß er seiner Kunst wegen von seinem Vater verstoßen wurde!«

Der Herzog schwieg. Seine Augen schlossen sich, und sein Kopf sank leise in das Kissen zurück. So lag er lange, lange wortlos da. Was mochte er denken, er, der Herzog, dessen Tochter ihm gestand, daß ihre ganze Liebe einem armen, von seinem Vater verstoßenen Maler gehöre!

Flora beobachtete die Mienen des Vaters, aber es zeigte sich in seinem eingefallenen Gesicht nicht ein einziger Zug, der seine Gedanken verraten hätte. Da wurde es ihr angst. Es war, als ob er tot vor ihr daläge, gestorben vor Schreck über die ebenso unerwartete wie erschütternde Mitteilung, die sie ihm gemacht hatte. Das preßte ihr abermalige Tränen aus, ihr kindliches Herz zitterte, und sie sagte stockend:

»Papa, er ist ein Sohne ohne Vater, ganz wie der deinige. Wenn du es haben willst, so werde ich dieser Liebe entsagen!«

Es verging abermals eine Weile, dann öffnete er die Augen und antwortete:

»Mein Kind, ich habe soeben einen schweren Kampf durchkämpft, einen Kampf mit meinem Recht und den Ansichten unseres hohen Standes, und ich habe – gesiegt. Die Tochter des Herzogs von Olsunna liebt einen Edelmann, einen von seinem Vater Verstoßenen! Dieses Geständnis hat mich tief erschüttert. Ich sehe darin eine wohlverdiente Strafe für mich, denn ich habe die Liebe einer Erzieherin, die Liebe von noch tiefer stehenden Mädchen besessen und – betrogen. Meine Liebe war unlauter, die deinige aber ist rein. Du hast mir deine Hand geboten und Opfer gebracht, um den Sohn der Erzieherin zu deinem Bruder zu machen, es wäre grausam, wenn ich dir dein Herz brechen wollte. Ich stehe am Rand des Grabes, da rechnet man mit anderen Faktoren als im vollen, frischen Leben. Ich sehe den Menschen, aller äußeren Würden, alles falschen Glanzes entkleidet, den ihm eine zufällige Geburt verleiht, ich taxiere jetzt mit dem Auge Gottes, vor dem nicht der Rang, sondern nur die Eigenschaft des Herzens gilt, und so will ich dir meine Antwort sagen: Der Name Olsunna darf nicht aussterben; die Traditionen unseres Geschlechts müssen erhalten und fortgeführt werden; bleibst du die einzige Trägerin dieses Namens, so bist du gezwungen, eine standesgemäße Ehe einzugehen, und dein erster Sohn wird Herzog von Olsunna werden; findet sich aber dein Bruder, so habe ich ihn in meinem Testament zu meinem Nachfolger ernannt. In den Händen des Notars befindet sich ein Gesuch an den Herrscher Spaniens, das zur Folge haben wird, daß man ihn anerkennt, wenigstens hoffe ich das. Diese Anerkennung stände außer allem Zweifel, wenn ich länger leben und die einstige Erzieherin nachträglich zu meinem Weib machen könnte. Bleibt diese Anerkennung aus, so bist du die Erbin der Olsunnas und hast deine Pflicht zu tun, wird sie aber nicht verweigert, so gebe ich dir hiermit die Erlaubnis zur Verbindung mit dem Geliebten, vorausgesetzt, daß er beweist, daß er ein Ehrenmann ist, der nur unschuldigerweise von seinem Vater verstoßen wurde.«

Diese lange Rede war oft durch längere Hustenanfälle unterbrochen worden. Als er jetzt schwieg, kniete Flora vor seinem Lager nieder, benetzte seine Hände mit Tränen des Schmerzes und der Freude zugleich und schluchzte:

»Dank, tausend Dank, mein lieber, nachsichtiger Vater! Dein Wille soll mir als unumstößliches Gesetz gelten, aber ich versichere dir, daß Otto ein Ehrenmann ist Ich bitte dich, dir ihn vorstellen zu dürfen! Prüfe ihn und sei überzeugt, daß er diese Prüfung vollständig bestehen wird.« – »Ich hoffe es, mein Kind! Jetzt aber gönne mir die Ruhe, deren ich bedarf! Ich habe mir doch zuviel zugemutet und bin sehr müde. Schlafe wohl, Flora, und bitte Gott, daß er alles zum besten lenke und deinem Vater vergebe, was dieser gefehlt und verbrochen hat.«

Sie trennten sich. Flora fand keinen Schlaf, ihre Erregung war zu groß, und die widerstreitendsten Gefühle ihres Herzens stürmten auf sie ein. Es ging ihr wie dem Geliebten, sie fand erst gegen Morgen die nötige Ruhe und erwachte erst, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand.

Eine Stunde später saß sie wieder beim Vater. Draußen auf der Bank vor dem Haus hatte abermals der Schiffer Platz genommen und strickte an seinem Netz. Da hörten sie nahende Schritte, und dann fragte eine tiefe, sonore Stimme::

»Hier wohnt der Schiffer Jean Foretier?« – »Ja, mein Herr«, antwortete der Gefragte. »Ich bin es selbst.« – »Ich danke.«

Man hörte, daß der Frager in den Flur trat und an die Tür klopfte. Auf das »Herein« Floras trat ein junger Mann ein, dessen hohe Figur einem Riesengeschlecht entstammt zu sein schien. Er war von einer ungewöhnlichen männlichen Schönheit, und der tiefe Ernst, der auf seiner Stirn thronte, wurde durch den milden Blick seines Auges und das freundliche Lächeln seiner vollen Lippen angenehm gemildert.

»Verzeihen Sie meine Kühnheit!« bat er mit einer tiefen Verbeugung. »Man hat mir gesagt, daß ich in diesem Haus einen Patienten finden werde.« – »Zu wem sind Sie gewiesen worden?« fragte der Herzog. – »Man konnte mir keinen Namen nennen, denn er war dem Freund, der mich sandte, selbst unbekannt.«

Da erhob sich Flora rasch.

»Ah, bitte, mein Herr, wie ist Ihr Name?« – »Ich nenne mich Sternau.« – »Sternau! Ah, Doktor Sternau! Sie sind hier infolge der Depesche Ihres Freundes! Doch nein, so schnell kann dies doch nicht geschehen.« – »Allerdings nicht«, lächelte Sternau. »Ich bin der Besitzer der Jacht, die gestern hier eingelaufen ist, ich befand mich in Avranches, ohne daß der Freund es ahnte. Er telegrafierte gestern nach mir und erhielt während der Nacht die Benachrichtigung, daß mein gegenwärtiger Aufenthaltsort nicht angegeben werden könne, und es war eine eigentümliche Schickung, daß wir uns heute morgen trafen.«

»Das ist mehr als seltsam, das ist fast, als ob es der Wille Gottes sei!« meinte Flora. »Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie Platz, und erlauben Sie mir, meinem Vater den Zusammenhang zu erklären. Ich habe ihm noch nicht gesagt, daß zwischen Otto und mir die Rede von Ihnen gewesen ist.«

Sternau setzte sich, und Flora erzählte dem Herzog den Zusammenhang. Dieser hatte den Arzt mit einem seltsamen Blick betrachtet. Als die Tochter mit ihrem Bericht zu Ende war, sagte er mit mattem Lächeln:

»Das ist allerdings ein mehr als eigentümliches Zusammentreffen, und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich zu mir bemüht haben. Aber ich befürchte, daß die Kunst selbst des berühmtesten Arztes an meiner Krankheit scheitern wird, sie ist bereits zu weit vorgeschritten; die Ärzte, die mich bisher behandelten, haben mich alle aufgegeben.« – »Unsere Kunst und unsere Wissenschaft sind allerdings schwach dem Willen Gottes und den Kräften der Natur gegenüber«, antwortete Sternau, »jedoch gibt Gott uns oft einen Fingerzeig, dem wir zu gehorchen haben. Der Arzt hat die Pflicht, sein Wissen zu bereichern, sich in seiner Kunst zu üben und seine Erfahrungen zu vermehren, aber sein Wirken soll nur darauf gerichtet sein, das Vertrauen auf Gott zu lenken und die Selbstheilkraft der Natur anzuregen und zu unterstützen. Dann wird er sich segensreicher Erfolge zu erfreuen haben.«

Das waren allerdings Anschauungen, wie man sie bei den meisten Ärzten nicht findet. Der Herzog wie seine Tochter blickten mit Überraschung auf den Sprecher. Der erstere warf einen Blick der Hochachtung, in den sich noch ein eigenartiger Glanz mischte, auf Sternau, und die letztere sagte:

»Sie sprechen mir aus dem Herzen. Gott gibt uns zuweilen einen Fingerzeig. Sollte Ihre unvermutete Anwesenheit nicht auch ein solcher sein?« – »Oh«, antwortete der Gefragte, »es kommt mir nicht in den Sinn, mich als Werkzeug Gottes zu präsentieren, aber ich gestehe aufrichtig, daß ich während meiner Reisen und Praxis zahlreiche Erfahrungen gesammelt habe in Beziehung auf das Leiden, mit dem wir es, wie es scheint, hier zu tun haben. Man darf sich dem Ausspruch der Ärzte nicht unbedingt überlassen. Es gibt bei einem Krankheitsbild so zahlreiche und oft verwickelte Umstände zu berücksichtigen, daß es kein Wunder ist, einmal in einen Irrtum zu verfallen. Ich zum Beispiel habe bereits, jetzt die Überzeugung, daß unser Patient nicht an Phthisis, nicht an Auszehrung leidet.« Der Eindruck dieser Worte auf den Kranken und seine Tochter war ein gewaltiger.

»Nicht, wirklich nicht?« fragte Flora erregt. – »Nicht Verzehrung?« rief der Herzog, indem er sich mit einer Kraft aufrichtete, als ob er ein Jüngling sei.

»Nein«, antwortete Sternau. »Die Verzehrung hat ihre ganz eigentümlichen Erkennungszeichen, und eines dieser Zeichen fehlt in Ihrem Auge. Fast möchte ich Sie ersuchen, sich mir auf fünf Minuten zu einer eingehenden Untersuchung anzuvertrauen.« – »Papa, tue es, ich bitte dich inständig«, sagte Flora, indem sie sich erhob, um zu gehen und den Patienten mit dem Arzt allein zu lassen. – »Ihre Worte sind sehr kühn«, versetzte der Herzog, »aber wenn man Ihnen in das Auge schaut, kann man nicht anders, als Ihnen vertrauen. Wollen Sie mich untersuchen?« – »Gewiß; ich bat Sie ja bereits darum!« – »So stelle ich mich Ihnen zur Verfügung.«

Der Herzog entfernte alle hinderlichen Hüllen, und Sternau begann sein Werk. Es nahm bedeutend mehr Zeit in Anspruch, als die erwähnten fünf Minuten. Man sah, daß der Arzt mit einer ganz besonderen Gewissenhaftigkeit verfuhr. Die Diagnose schien außerordentlich schwierig zu sein, und der Patient hatte sehr viele Fragen zu beantworten.

Endlich war Sternau zu einem bestimmten Resultat gelangt und sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Herr, der Dame zu klingeln?« – »Ah, Herr Doktor, Ihre Frage ist für mich eine sehr tröstliche«, antwortete der Herzog, indem ein glückliches Leuchten über sein blasses Gesicht flog. »Sie würden meine Tochter nicht als Zeugin ihres Ausspruchs dulden, wenn dieser nicht so ganz unverhofft ein beruhigender wäre. Rate ich richtig?« – »Sie raten recht«, nickte Sternau, »doch ehe ich klingle, muß ich vorher eine höchst diskrete Frage aussprachen, die Sie mir erstens verzeihen und dann aufrichtig beantworten werden. Sie haben in Ihrer Jugend einmal an einer Hautkrankheit gelitten?«

Der Herzog errötete trotz seiner Blutarmut.

»Welche Hautkrankheit meinen Sie, Herr Sternau?« fragte er, – »Ich meine, beim richtigen Namen genannt, die Skais.« – »Herr! Wie können Sie glauben …«

Der Herzog sprach diese Worte mit einer krankhaften Entrüstung, hielt aber plötzlich inne; als er das scharfe durchdringende Auge des Arztes auf sich gerichtet sah. Er versuchte, sein neues Schamgefühl zu bekämpfen, schwieg eine Weile und sagte dann mit gesenkter Stimme:

»Sie haben recht, im Angesicht des Todes wäre ein Leugnen geradezu ein Selbstmord zu nennen. Und Sie glauben, mich retten zu können?« fragte Olsunna in fieberhafter Erregung. – »Ja. Teilen Sie diesen Ausspruch getrost Ihrer Tochter mit, ich vertrete ihn.«

Sternau zog an der Glocke, und bald trat Flora ein. Das Gesicht ihres Vaters glänzte wie Sonnenschein. Er streckte die Arme nach ihr aus und rief:

»Komm her, mein Kind! Dieser Arzt gibt mir die Hoffnung des Lebens. Ich soll nicht sterben.«

Flora eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen, blieb aber auf halbem Weg vor Sternau stehen und fragte:

»Ist es wahr, mein Herr? Wären Sie imstande, das Leben meines Vaters festzuhalten?« – »Ich hoffe es, ja, ich bin davon überzeugt«, antwortete er bescheiden und ohne alle Überhebung.

Da stieß sie einen lauten Jubelruf aus, faßte seine Hand und küßte dieselbe schnell, ohne daß er es verhindern konnte.

»Siehst du, Papa, daß es ein Fingerzeig Gottes war!« rief sie. »Oh, Herr Sternau, wie glücklich machen Sie uns durch den Trost, den Sie uns geben.«

Sie standen einander gegenüber, und als sie ihm so selig in das Angesicht schaute, erinnerte sie sich an die Worte ihres Geliebten, der ja gesagt hatte, daß Sternau ihr ganz außerordentlich ähnlich sehe. Sie fand dies bestätigt, es war ein eigentümliches Gefühl, das sich ihrer bemächtigte, sie hätte diesen hohen, schönen Mann augenblicklich umarmen und küssen können, ohne zu glauben, daß sie damit einen Fehler begehe. Und er stand vor diesem schönen Mädchen, und es war ihm dabei, als hätte er sie lange, lange Zeit schon gekannt, als wäre er vertraut mit ihr gewesen, wie ein Bruder mit der Schwester, als könne er ihr sein ganzes Herz offenbaren, ganz und rückhaltlos, wie es eben nur einer Schwester gegenüber geschieht.

»Ich danke Ihnen für die Zuversicht, mit der Sie meine Worte hinnehmen«, sagte er. »Ich wiederhole, daß die Heilung nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist, wenn Sie mich unterstützen wollen.« – »Oh, gern!« antwortete sie. »Fordern Sie alles, was Sie wollen.«

Sternau blickte sich im Zimmer um und fragte dann mit halbem Lächeln.

»Würde Ihnen ein Ortswechsel möglich sein?« – »Warum nicht?« fragte der Kranke. – »Verzeihung! Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, und ein Ortswechsel pflegt mit mehr oder weniger Kosten verknüpft zu sein.« – »Ah, Sie kennen unsere Verhältnisse, vielleicht sogar meinen Namen nicht?« – »Allerdings nein. Mein Freund kennt ihn nicht, da das Fräulein ihn aufforderte, nicht danach zu forschen, und er bat mich, deshalb meinerseits auch nicht zu fragen. Ich bin einfach zu dem Patienten gekommen, der im Haus des Fischers Jean Foretier wohnt.« – »Sonderbar!« sagte der Herzog.

»Oh, Papa«, fiel Flora ein, »ich hatte ja noch nicht mit dir gesprochen, darum mußte Otto mir versprechen, sich nicht zu erkundigen.« – »Nun verstehe ich dich, mein Kind, und dieser Herr Otto gewinnt dadurch sehr in meiner Achtung. Sagen Sie ihm das und benachrichtigen Sie ihn, daß ich ihn morgen vormittag bei mir erwarte, um ihm Dank zu sagen, daß er mir einen so ausgezeichneten Arzt gesandt hat. Übrigens teile ich Ihnen mit, daß meine Kasse vielleicht auch einen nicht ganz billigen Ortswechsel vertragen wird. Ich will mich nicht reich nennen, aber um die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens brauche ich nicht mit großer Anstrengung zu sorgen.«

Es war, als ob die Nähe des zuversichtlichen Arztes bereits einen recht guten Einfluß auf seinen Zustand ausübe. Er hatte den langen Satz ohne alle Anstrengung und ohne zu husten gesprochen, und die letzten Worte hatten sogar einen schalkhaften Klang, der nichts mit der Todesgewißheit zu tun hatte, in der er sich vorher befunden hatte.

»Nun, so werde ich Sie also ersuchen, Avranches zu verlassen«, sagte Sternau. »Weder das hiesige Klima, noch die hiesige Quelle können Ihnen Heilung bringen. Die rauhe Seeluft muß ich Ihnen ganz verbieten. Ich rate Ihnen ein mittleres Klima, einen Ort an einem Fluß, Wald und Feld, mit Raum genug zu Spaziergängen und einer erheiternden Aussicht.« – »Spaziergänge?« fragte Olsunna. »mein Gott, ich kann ja das Zimmer nicht einmal durchschreiten!« – »Haben Sie keine Sorge! Ich werde Ihnen Quebracho, Coca und männliche Dattelblüte geben, Dinge, die sich in der hiesigen Apotheke nicht finden werden, wohl aber unter meinen Reisevorräten. Sie werden in einer Woche kräftig genug sein, eine Bahntour mit Unterbrechung auszuhalten. Sie fahren also – ah, da kommt mir ein Gedanke! Waren Sie bereits einmal am Rhein?« – »Nein«, antwortete der Herzog. – »So reisen Sie hin. Ich werde nicht nach Ihrem Namen fragen, aber ich werde Ihnen Empfehlungen mitgeben. In der Nähe des Rheins gibt es ein Schloß, dessen Bewohner mir verwandt sind und die Sie mit Freuden aufnehmen werden. Dort warten Sie Ihre Heilung ab. Sie haben jetzt die vorhin erwähnten Mittel in der Weise zu nehmen, wie ich es auf der Etikette des Fläschchens vermerke, und nach Ihrer Ankunft am Rhein gebrauchen Sie ein Rezept, das ich Ihnen schreiben werde. Eine einfache, milde Kost, den Kräften angemessene Spaziergänge, ein heiteres Gemüt und sorgsames Fernhalten aller Aufregung, das ist es, was ich Ihnen befehle oder empfehle. Ihre Krankheit wird durch die Haut treten; dann gebrauchen Sie fleißig warme Bäder. Ich werde jetzt gehen, um die Medizin zu bereiten.« – »Ach, ich bin wie neugeboren«, rief der Herzog. – »Und ich, o mein Gott, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!« stimmte Flora bei, indem ihr die Freudentränen über die Wangen strömten.

Sie kniete vor dem Vater nieder, nahm seinen Kopf in ihre Arme und küßte seine Lippen immer und immer wieder. Diesen Ausbruch der Freude benützte Sternau, um sich leise zu entfernen. Draußen forderte er den alten Schiffer auf, mit ihm zu gehen.

Als Vater und Tochter ihre Umarmung lösten, bemerkten sie erst, daß der Arzt fort war.

»Er ist zu zartsinnig, um zu bleiben«, sagte Olsunna. »Er ist gegangen, um die Arznei zu holen. Ich habe noch keinen Arzt gesehen, der einen solchen Eindruck macht wie er. Schon sein Anblick, sein Wort bringt Heilung.« – »Er ist ein Mann wie ein Halbgott, Papa. Oh, Papa, du wirst gesund werden; denke dir dieses Glück!«

Sie umarmten sich abermals und schwelgten in der reinen Freude, die ihnen die neuerwachte Hoffnung gewährte. Sie warteten auf Sternaus Rückkehr wohl eine Stunde lang, bis es anklopfte und Jean Foretier eintrat. Er hatte einen Brief in der Hand und in der anderen ein in Papier gewickeltes Fläschchen. Er streckte beides Flora entgegen und sagte:

»Eine Empfehlung von dem Arzt, gnädiges Fräulein. Er sendet diesen Brief und diese Arznei.« – »Er sendet es; er kommt nicht selbst zurück?« fragte sie erstaunt. – »Ja. Er kann nicht kommen.« – »Warum nicht?« – »Weil soeben die Jacht in See geht. Hören Sie den Schuß?«

In diesem Augenblick ertönte ein Kanonenschuß. Flora eilte an das Fenster, von dem aus man die Bucht überblicken konnte. Sie sah die Jacht, die die Anker gelichtet hatte und sich von der Küste löste. Auf dem Hinterdeck stand Sternau und schwang sein weißes Tuch, um einen Mann verabschiedend zu grüßen, der am Ufer stand und dasselbe Zeichen gab. Dieser Mann war Otto von Rodenstein. Sie hätte hinauseilen mögen, um die Jacht zurückzurufen, wenn das nicht auffällig gewesen wäre. Es war ihr, als sei ihr plötzlich ein Leid getan worden, als habe ihr jemand einen Stich ins Herz versetzt.

»Geht sie wirklich in See?« fragte da der Herzog. – »Ja, Papa«, antwortete sie. »Er hat nicht länger bleiben können und es uns nicht gesagt, um sich unserem Dank zu entziehen.« – »Mein Gott, ich hatte meine ganze Hoffnung auf ihn gesetzt!« – »Er wird die Hoffnung nicht täuschen. Wir müssen sehen, was in seinem Brief steht.«

23. Kapitel.

Flora gab dem Schiffer das Zeichen, daß er sich zurückziehen könne, und öffnete das große Kuvert, das sich sehr inhaltsreich anfühlte. Es enthielt das versprochene Rezept, zwei versiegelte Briefe und eine offene Zuschrift Sternaus, die folgendermaßen lautete:

»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht von der Notwendigkeit meiner Abreise sprach! Es gibt Verhältnisse, die mir nicht gestatten, eine Minute zu verlieren. Als ich bei Ihnen war, wurde bereits der Kessel meiner Jacht geheizt, und ich sah die Notwendigkeit ein, Ihnen die Aufregung und Anstrengung eines mündlichen Abschieds zu ersparen. Sie dürfen aber trotzdem an der Zuversicht festhalten, daß Ihre Gesundheit zurückkehren wird. Nehmen Sie den Inhalt der beifolgenden Flasche so, wie ich es Ihnen gesagt habe, und Sie werden in einer Woche ihre Reise antreten können. In Paris und in Straßburg werden Sie ausruhen und dann über Mannheim nach Mainz gehen, wo man Sie leicht nach Rheinswalden weisen kann. Dort wird man Sie infolge der beiden beiliegenden Briefe mit offenen Armen aufnehmen.

Sobald Sie sich dort ausgeruht und eingerichtet haben, lassen Sie sich nach dem beifolgenden Rezept das Mittel bereiten, das Sie vollständig herstellen wird. Alle Ihre weiteren Fragen kann mein Freund, Herr Otto von Rodenstein, Ihnen beantworten, dem ich soeben die ausführlichsten Instruktionen gegeben habe, und der infolge Ihrer freundlichen Einladung Ihnen morgen seine Aufwartung machen wird.«

*

Der Schluß des Briefes enthielt die gewöhnlichen Höflichkeitsphrasen und die dringende Bitte Sternaus, seinen Anordnungen Folge zu leisten.

»Ich atme wieder auf!« gestand der Herzog. »Diese Worte geben mir meine Zuversicht wieder, und ich werde alles tun, was er anbefohlen hat. Dieser Sternau ist nicht nur ein außerordentlicher, sondern auch ein edler Mensch. Er bietet uns eine Gastfreundschaft ohne zu wissen, wer wir sind, und ich werde dieselbe schon deshalb akzeptieren, weil mir auf diese Weise die sichere Gelegenheit geboten wird, die Dankbarkeit, die ich ihm schuldig bin, wenigstens den Seinen zu erweisen. Wie sind die Briefe adressiert mein Kind?« – »Der eine an Frau Sternau und der andere an den Oberförster, Hauptmann von Rodenstein in Rheinswalden. Ah, welche Überraschung!« – »Was, Flora?« – »Dieser Hauptmann von Rodenstein ist ja – der Vater Ottos!« – »Wirklich?« fragte er überrascht. »Sollte dies auch ein Fingerzeig sein, meine Tochter? Wir werden also den Vater deines Geliebten kennenlernen und imstande sein, den inneren Wert dieses letzteren beurteilen zu können.« – »Oh, mein Vater, über diesen Wert gibt es bei mir keinen Zweifel. Du wirst ihn achten und lieben, sobald du ihn kennenlernst.« – »Ich hoffe das um deinetwillen. Aber bitte, gib mir einmal von der Medizin!«

Flora öffnete die Flasche und reichte ihrem Vater die vorgeschriebene Dosis, die eine wunderbare Wirkung hatte, denn er fiel bereits nach einigen Minuten in einen Schlaf, dem man anmerkte, daß er erquickend sei, denn es lagerte sich über das Gesicht des Kranken ein ruhiges, glückliches Lächeln; seine schwache Brust hob und senkte sich in regelmäßigen Zügen, und sein Atem ging leise und gleichmäßig wie in den Tagen seiner Kraft und Gesundheit.

Dieser Schlaf dauerte sehr lange, fast bis zum Abend, und als der Herzog dann erwachte, fühlte er sich so gestärkt, daß er vermeinte, aufstehen und im Zimmer herumspazieren zu können. Doch blieb er auf seinem Ruhebett liegen und nahm vor Freude über die Wirkung des Mittels eine abermalige Dosis desselben. Der darauf folgende Schlaf dauerte bis zum Morgen, und als Flora eintrat, dem Vater den Morgenkuß zu bringen, fand sie ihn – angekleidet auf einem Stuhl sitzen. Er hatte alle Vorstellungen des besorgten Dieners siegreich bekämpft.

»Mein Gott, Papa, was tust du?« rief sie. – »Komme her, mein Kind, und umarme mich!« antwortete er mit seligem Lächeln. »Ich fühle, daß ich gerettet werde. Dieser Sternau ist wirklich ein von Gott begnadeter Arzt, und ich kann ihn mit allen meinen Reichtümern nicht bezahlen. Ich bin wie neu geboren; meine Muskeln spannen sich, und meine Beine zitterten nicht, als ich das Lager verließ. Sobald die Sonne wärmer scheint, werde ich mich nach der Bank vor dem Haus führen lassen.« – »Du wagst viel, Papa!« wandte sie ein. – »Nein, mein Kind. Die wenigen Schritte werden mich nicht anstrengen; ich fühle es. Dieser Sternau hat mich durch seinen bloßen Anblick gestärkt, und seine Medizin wird seine Weissagung zur Wahrheit machen.« – »Papa, hast du nicht bemerkt, wie ähnlich er mir sieht?« – »Ja, ich habe es mit Staunen gesehen. Gerade wie er war ich in meiner Jugend. Die Natur gefällt sich oft in einer frappanten Wiederholung ihrer Formen. Es war mir, als ob ich mich selbst vor mir stehen sähe, als er sich bei uns befand. Auch meine Stimme, meine Bewegungen waren ganz dieselben. Aber siehe, da kommen die Sonnenstrahlen. Rufe den Diener, damit er mich zur Bank führe.«

Flora versuchte es, den Vater von der Ausführung dieser Absicht zurückzuhalten, aber er behauptete, stark genug zu sein, und so mußte sie sich in seinen Willen fügen. Einige Minuten später ruhte er, in einen weichen, warmen Negligérock gehüllt, draußen auf der Bank und ließ seine Blicke mit der Wonne eines Genesenden über die lichtüberflutete Landschaft und über die glänzende See gleiten, die sich seit vorgestern wieder beruhigt hatte.

Flora saß bei ihm, hatte seine Hand in der ihrigen und schaute freundlich in sein Angesicht, dessen tödliche Blässe gewichen war, um einer leichten Röte der wiedererwachenden Gesundheit Platz zu machen. Sie war in diesem Augenblick von heißem Dank erfüllt für den Retter ihres Vaters, sie gab sich ganz dem Eindruck hin, den Sternau auf sie gemacht hatte, und ohne daß sie es wollte, entfuhren ihr infolge ihres Gedankengangs die halblauten Worte:

»Oh, ich liebe ihn sehr!«

Der Herzog wandte schnell den Kopf zu ihr und sagte lächelnd:

»Ah, du denkst an den Geliebten!« – »Nein, Papa«, antwortete sie errötend. Ich dachte an einen ganz andern.« – »Darf ich wissen, an wen?« – »Ja, an Sternau.«

Er nickte mit dem Kopf.

»Wie sonderbar! Auch ich dachte an ihn. Er kam zu uns wie ein Engel, der Glück und Freude bringt; auch ich möchte rufen: Ich liebe ihn! Er ist vor meinen Augen, und ich kann den Blick nicht von ihm wenden. Alle sehen auf ihn und sind ruhig, denn sie wissen, daß sie ihm vertrauen können.«

Sie versanken wieder in jenes Schweigen, das dem Glück eigen ist, bis der Herzog einmal nach dem Weg sah, der von der Stadt herabführte. Er erhob schnell den Kopf, blickte schärfer hin und erbleichte.

»Was ist dir, Vater?« fragte Flora.

Sie hatte gefühlt, daß seine Finger wie unter einem tiefen Schreck in ihrer Hand zuckten.

»Schau da hinauf!« antwortete er.

Ihr Auge folgte der angegebenen Richtung.

»Eine Zigeunerin!« – »Warum erschrickst du da so sehr?« – »Oh, Madonna! Das ist Zarba, das fürchterliche Weib!«

Nun erschrak auch Flora. Sie faßte die Alte scharf in das Auge und fragte:

»Irrst du dich nicht vielleicht?« – »Nein, sie ist es, sie ist es sicher und gewiß! Dieser Teufel ist mir nachgefolgt, um mich zu quälen. Sie muß allwissend sein, sonst könnte sie nicht ahnen, daß ich hier bin.« – »Fasse dich, mein Vater! Du hast mich an deiner Seite. Der Herzog von Olsunna darf nicht vor einer Vagabundin zittern. Sei ruhig; ich werde an deiner Stelle mit ihr sprechen.«

Es war wirklich Zarba. Dieses Weib war nicht allwissend. Es hatte nicht die mindeste Ahnung, daß sich der Herzog in Avranches befand. Es war aus einer ganz anderen Ursache gekommen. Es wollte Gabrillon, den Leuchtturmwärter, besuchen, der der Hüter eines seiner Geheimnisse war.

Zarba kam langsam des Weges daher, der an der Fischerhütte vorüberführte. Da fiel ihr Blick auf die beiden vor der Tür Sitzenden, und unwillkürlich stockte ihr Fuß. Sie erkannte den Herzog und seine Tochter. Ein Zug der Freude und Genugtuung blitzte über ihr faltenreiches Gesicht, und ohne sich lange zu besinnen, lenkte sie ihre Schritte nach dem Haus. Dort angekommen, nahm sie eine demütige Haltung an, streckte die Hand aus und sagte zu Flora:

»Eine kleine Gabe für eine arme Zingaritta, meine schöne, schlanke Dame!«

Flora griff in die Tasche und gab ihr ein Fünffrankenstück.

»Hier, Alte«, sagte sie. »Du erhältst es gern!«

Ihre Miene zeigte nicht im geringsten, daß sie die Zigeunerin kenne, ihr Vater aber hatte sich mit halb geschlossenen Augen zurückgelehnt und gab sich alle Mühe, gleichgültig zu erscheinen.

»Ich danke«, erwiderte Zarba, indem sie das Geld einsteckte. »Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen, schöne Dame?« – »Nein«, antwortete Flora mit einer abwehrenden Handbewegung. – »Nicht? Warum nicht? Ich bin Zarba, die Königin der Gitanos. Ich kann in die Vergangenheit sehen und in die Zukunft. Geben Sie mir immerhin Ihre Hand.« – »Schon gut, schon gut«, wehrte Flora ab. »Was vergangen ist, weiß ich, und was die Zukunft betrifft, gelüstet mich nicht, vorher zu erfahren!« – »Wie stolz!« grinste die Zigeunerin. »Aber vielleicht beliebt es diesem Herrn, sich wahrsagen zu lassen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff sie die Hand des Kranken und hielt sie so fest, daß er sie ihr nicht wieder zu entziehen vermochte. Dann tat sie, als studiere sie die Linien dieser Hand, und sagte:

»Was sehe ich! Eine düstere Vergangenheit, ein Leben voll Untreue, Falschheit und Betrug, ein Leben …« – »Halt!« sagte da Flora mit strenger Stimme. »Schweig, Alte! Deine Gaukeleien sind hier am unrechten Platz!« – »Gaukeleien?« fragte Zarba höhnisch. »Was ich sage, daß steht in diesen Linien geschrieben, ich sehe und lese es deutlich.« – »Lies, was du willst, aber wir wollen es nicht hören.« – »Oh, wenn die schöne Dame es hören wollte, so würde sie erstaunen darüber.« – »Über deine Zudringlichkeit und Frechheit, Alte!« unterbrach sie Flora. »Ich kenne dich und weiß alles, was du beabsichtigst.« – »Sie wissen es? O sicherlich nicht!« antwortete Zarba. »Ich las aus dieser Hand das Dasein eines Bruders, der nicht aufzufinden ist. Ja, holde Dame, die Freche, die Zudringliche sagt Ihnen, was für einen Vater Sie haben. Der Fluch folgt jedem seiner Schritte, denn er hat …« – »Genug!« gebot Flora. »Bei mir findet deine Rachsucht keinen fruchtbaren Boden. Du willst mein Herz von dem des Vaters trennen, du willst durch dein Erscheinen ihn in Krankheit und Tod treiben, du verbirgst den Sohn, damit der Vater vor Sehnsucht nach ihm vergehe. Du bist ein Ungeheuer! Wer nicht vergeben kann, der ist ein Teufel. Pack dich fort, Alte! Du hast über niemanden zu richten, sondern du wirst selbst gerichtet werden!«

Flora stand nicht etwa mit zornblitzenden Augen vor der Zigeunerin, sondern sprach diese Worte mit jener gleichgültigen Kälte des Tones und jener stolzen Unbeweglichkeit der Mienen, die mehr verletzt als der lauteste Zorn. Und als die Zigeunerin sich nicht entfernte, wandte sie sich nach der Tür, unter der infolge der heftigen Worte Zarbas der Diener erschienen war, und befahl diesem:

»Fort mit dem Weib!«

Diese mit einer gebieterischen Handbewegung begleiteten Worte befolgte der Diener, indem er ohne Verzug die Alte beim Arm faßte und fortführte. Sie sträubte sich nicht dagegen, aber sie wandte sich noch einmal um und rief unter schadenfrohem Lachen:

»Und Ihr werdet ihn niemals finden, den Herzogssohn, nie, nie, niemals! Das ist meine Rache!«

Der Herzog lehnte schwach und angegriffen auf seinem Sitz. Das Zusammentreffen mit dem rachsüchtigen Weib hatte ihn tief erschüttert.

»Oh, sie ist eine Furie!« seufzte er. »Wirst du klug getan haben, sie zu erzürnen, meine Tochter?«

Flora schüttelte den Kopf und antwortete:

»Du hast diesem Weib gegenüber einen falschen Weg eingeschlagen, mein Vater. Kein Mensch hat das Recht, die Bestrafung einer Tat selbst in die Hand zu nehmen, dazu sind die Gesetze und die Richter da. Was sie dir vorzuwerfen hat, ist ja nicht mehr vor das Forum irgendeiner Gerichtsbarkeit gehörig. Deine Richter sind dein Gewissen und die Mutter deines Sohnes.« – »Aber Zarba weiß, wo er sich befindet. Ich glaubte immer, sie durch ein freundliches Verhalten zu bestimmen, mir seinen Aufenthalt mitzuteilen.« – »Du siehst ja, was diese Freundlichkeit gefruchtet hat, sie ist von der Zigeunerin für Schwäche gehalten worden. Soll dieses Weib dich, den Herzog von Olsunna, beherrschen? Soll es deinen Stolz demütigen, dein Selbstbewußtsein zertreten, dein Gemüt verfinstern und deine Gesundheit zerstören? Nein, mein Vater! Seit du mir den Grund deines Kummers mitgeteilt hast, habe ich die heilige Pflicht, deine Seele von ihm zu befreien. Gott ist allgütig; er wird uns den Weg finden lassen, der zu deinem Sohn, meinem Bruder, führt. Und wenn alles andere nutzlos wäre, so wende ich mich an die Behörde und lasse die Zigeunerin festnehmen. Man wird sie zu zwingen wissen, den Aufenthalt des Gesuchten anzugeben.«

Da leuchtete das Auge des Kranken freudig auf.

»Welch ein guter Gedanke!« sagte er. »Deine Entschlossenheit gibt mir neue Hoffnung, wie mir dieser Arzt Sternau neues Leben gegeben hat. Gott scheint deinen Vorschlag zu billigen, da er die Zigeunerin hierhergeführt hat. Laß uns überlegen, wie wir zu handeln haben, ehe sie verschwindet.« – »Das wird in diesem Augenblick nicht möglich sein, denn siehe, dort kommt der Besuch, den wir erwarten.«

Der Kranke blickte nach dem Weg, der von der Stadt nach dem Hafen führte, und sah einen Herrn langsam daherkommen. Flora ging demselben entgegen. Es war Otto von Rodenstein.

24. Kapitel.

Otto hatte noch immer keine Ahnung von dem hohen Stand, dem die Geliebte angehörte. Er sah zwar in diesem Augenblick, daß der galonierte Diener, der die Zigeunerin fortgebracht hatte, in das Haus trat, das Flora bewohnte, aber er dachte nicht, daß sie die Herrin des Dieners sei. Er sah also mit ziemlicher Unbefangenheit dem Augenblick entgegen, der ihn mit dem Vater der Geliebten bekanntmachen sollte.

Sie kam ihm entgegen und bot ihm beide Hände zum Gruß dar.

»Willkommen!« sagte sie mit einem Lächeln der Freude in den Zügen und dem Strahl des Glücks in den großen, treuen Augen. »Du kommst zur guten Stunde. Vater wird dich gern willkommen heißen!«

Die Augen des Herzogs ruhten forschend auf der Gestalt und den Zügen Ottos, der sich ihm mit der Haltung eines Edelmannes und Künstlers näherte und nach einer gewandten Verbeugung sagte:

»Ich bin von ganzem Herzen erfreut, Sie begrüßen zu können, mein Herr. Mein Name wird Ihnen bereits bekannt sein. Es ist mein höchster Wunsch, nach dem Besitz Ihrer Achtung trachten zu dürfen.« – »Man sieht, daß Sie dieselbe zu erlangen wissen werden«, entgegnete der Herzog in wohlwollendem Ton.

Das Äußere Ottos hatte sichtlich einen vorteilhaften Eindruck auf ihn gemacht. Er lud denselben mit einer Handbewegung ein, an seiner Seite Platz zu nehmen, da der aufmerksame Diener einen Gartensessel für Flora gebracht hatte. Diese lenkte das Gespräch sofort auf einen passenden Gegenstand.

»Vater war sehr leidend«, sagte sie, »fühlt sich aber von neuer Hoffnung beseelt, seit Doktor Sternau bei ihm gewesen ist.« – »Ja«, fiel der Herzog lebhaft ein. »Schon das Äußere, das ganze Auftreten, die geistige Sicherheit dieses Mannes machten einen Eindruck, der das innigste Vertrauen erweckt. Ich habe Ihnen sehr zu danken, daß Sie ihn zu mir sandten. Wie ich höre, ist er Ihr Freund?« – »Der einzige, den ich habe, Monsieur; aber er ersetzt mir alle anderen, die ich haben konnte, aber nicht haben mag. Die Richtung, die mein Leben verfolgt hat, ist mir keine Aufmunterung zum Anschluß an andere gewesen.« – »Ja, ich hörte bereits, daß Sie die Einsamkeit lieben«, meinte der Herzog, indem er mit einem feinen, aber doch nicht unfreundlichen Lächeln seinen Blick von Otto auf Flora gleiten ließ. »Und ich gebe Ihnen recht. Die Einsamkeit hat auch ihr Anziehendes. Doch, um nicht von Sternau abzukommen, so hat es mich sehr betrübt, daß er so plötzlich und unerwartet abreiste. Ich war sogar zunächst erschrocken über seine Abreise.« – »Sie müssen ihn entschuldigen, mein Herr«, bat Otto. »Mein Freund lebt in ganz außerordentlichen Verhältnissen, die ihn gerade jetzt zwingen, eine Seereise zu unternehmen, während welcher ihm jede Minute kostbar ist. Er hat auch mir nur eine Stunde widmen können. Darf ich fragen, ob er Ihre Behandlung abgelehnt hat oder nicht?« – »Er hat mir Medizin gegeben …« – »Ach, dann können Sie sicher sein, daß Sie genesen, wenn Sie seinen Ratschlägen genau Folge leisten. Er macht niemals einem Patienten vergebliche Hoffnungen, und ich habe noch nie einen so gewissenhaften, aber auch wahrheitsliebenden Arzt gekannt, wie er ist. Er ist einer der ersten Operateure der Gegenwart, und das Glück begleitet ihn treu in seiner Tätigkeit. Er sprach zu mir von einigen Empfehlungsschreiben, die er Ihnen zustellen wollte.« – »Ich habe sie erhalten. Wissen Sie, an wen sie gerichtet sind?« – »Ja; er hat es mir natürlich mitgeteilt. Der eine Brief lautet an seine Mutter und der andere an meinen Vater …« – »Von dem Sie getrennt leben, wie ich gehört habe«, fiel der Herzog ein. – »Allerdings«, antwortete Otto, indem sich sein Blick verschleierte. »Ich kann nicht sagen, daß ich falsch gehandelt habe; ich bin einem inneren Drang gefolgt, dem ich nicht widerstehen konnte, ich glaube, daß mein Vater mir unrecht tut, aber ich wäre zum größten Opfer bereit, wenn er sich versöhnen lassen wollte. Das Herz des Menschen ist mit unzerreißbaren Banden mit dem Erzeuger seines Daseins vereint; ich habe ihn lieb von ganzer Seele. Die Kunst hat mir eine sorgenfreie Existenz verschafft, aber jetzt wäre ich stark genug, ihr zu entsagen, nur um sagen zu können, daß ich einen Vater habe, dessen Liebe ich mir zwar einst verscherzt, nun aber wieder errungen habe.«

Sein Auge schimmerte feucht, und seine Lippen bebten vor innerer Erregung. Die Kunst hatte ihm alles gebracht, was ein begabter Jünger nur von ihr erwarten kann, und dennoch war er bereit, sie zu verleugnen. Wie schwer ist ein solcher, tief in das innere und äußere Leben eingreifender Schritt zu tun! Wie lieb mußte er seinen Vater haben! Sein Gemüt war rein und tief. Das Zerwürfnis zwischen ihm und dem alten Hauptmann mußte ihn fürchterlich ergriffen und um den ganzen Frieden seiner Seele gebracht haben. Als er so dasaß, das Bild eines von Gott begnadeten Künstlers und doch auch eines von einem tiefen Schmerz gequälten und gefolterten Mannes, da tropfte von der Wimper Floras ein großer, heller Tropfen. Auch der Herzog fühlte sich ergriffen und zu dem Mann hingezogen, der trotz seiner unverschuldeten Leiden dem Urheber derselben nicht zürnte, sondern ihm seine Liebe treu bewahrt hatte. Er streckte Otto unwillkürlich die Hand entgegen, um ihm die seinige zu drücken, und sagte:

»Verzagen Sie nicht, Herr von Rodenstein. Es ahnt mir, daß Sie noch glücklich werden, und wenn ich nicht sterbe, so ist es mir vielleicht vergönnt, Ihren Vater zu versöhnen. Er ist vielleicht hart, aber ich hoffe, nicht grausam!«

Otto erzählte nun ausführlich, wie es gekommen war, daß man ihm das Vaterhaus verboten hatte. Er klagte den Vater nicht an, er entschuldigte auch sich nicht; er sprach so wahr, so mild, daß der Herzog sich gar nicht wunderte, wenn dieser Mann das Herz seiner Tochter gewonnen hatte.

»Und werden Sie die Empfehlungsbriefe Sternaus benutzen?« fragte Otto schließlich. – »Ja, ich werde nach Rheinswalden reisen, nicht nur meiner Gesundheit wegen, sondern auch um Ihretwillen«, antwortete der Kranke. »Fast möchte ich mich vor Ihrem Vater fürchten, doch werde ich mir Mut einreden, und ich hoffe, daß auch Flora sich Mühe gibt, den alten Herrn milder zu stimmen.«

Diese letzten Worte erfüllten Otto mit unendlichem Glück. Daß der Vater seiner Tochter eine solche Aufgabe zuerteilte, war ein fast vollgültiger Beweis, daß ihm ihre Liebe nicht mißfiel. Und so saßen sie noch längere Zeit beisammen, bis man die alte Zigeunerin vom Leuchtturm her, in dem sie gewesen war, des Weges kommen sah. Der Herzog wollte sich durch den Anblick des alten Weibes nicht um seine jetzige gute Stimmung bringen lassen und bat Flora, ihn in das Haus zu führen, was für Otto das Zeichen war, sich zu verabschieden. Er empfahl sich und erhielt die freundliche Aufforderung, recht bald wiederzukommen.

Er fühlte sich innerlich so selig, so glücklich, daß er es vermeiden wollte, sich durch den Anblick kalter, ernster Menschen stören zu lassen. Er suchte daher die Einsamkeit und fand sie am Ufer des Meeres, wo die weichen, flüsternden Wogen die Spitzen seines Fußes spielend benetzten.

Er befand sich unweit des Leuchtturms. Am Fuß desselben gab es ein moosbedecktes Felsenstück, das zum Sitzen einlud. Otto trat näher und ließ sich darauf nieder. Er verfiel in die Krankheit aller Verliebten, er träumte still vor sich hin und malte sich das Glück aus, das er an dem Herzen und in den Armen Floras finden werde. Er dachte gar nicht daran, daß der Vater der Geliebten seinen Namen nicht genannt hatte. Er hatte ihr Auge in Glück und Liebe aufleuchten sehen, er durfte wiederkommen, so bald und so oft es ihm beliebte, was wollte er mehr?

Da wurde er aus seinem Sinnen durch eigentümliche Töne aufgeschreckt, die an sein Ohr klangen. Kamen sie von einer menschlichen Stimme? Das klang so klagend, so trostlos, und doch so sanft und ruhig. Jetzt wieder! Ja, es war ein Mensch, der sprach. Die einzelnen Worte waren nicht zu verstehen, aber sie wiederholten sich immer wieder, es war stets derselbe Klang, derselbe klagende, ergreifende Ton.

Otto fühlte sich im Innern gepackt, ohne daß er sagen konnte, warum. Ein Glücklicher war derjenige, der solche Laute hören ließ, sicherlich nicht. War es vielleicht einer, der der Hilfe bedurfte?

In seiner seligen Stimmung konnte Otto nicht gleichgültig bleiben bei dem Gedanken, daß es einen gebe, den er trösten könne. Er erhob sich also, trat um die Ecke des Turmes herum und befand sich bei der Eingangstür. Sie war nicht verschlossen, er öffnete und trat ein.

Der Turm bestand hier nur aus den vier hölzernen Wänden, die an hoch emporstrebende Schiffsmasten genagelt waren. Eine schmale, hölzerne Wendeltreppe führte nach oben. Otto stieg empor und gelangte nun an einen stubenähnlichen Verschlag, dessen Tür von innen verriegelt war. Aus diesem Verschlag klangen die Töne, die er gehört hatte, sie klangen auch jetzt noch fort. Er klopfte an, und sofort schwieg der geheimnisvolle Sprecher.

Doch nach einem abermaligen Pochen hörte er Schritte, die sich näherten. Dann wurde der Riegel zurückgeschoben und die Tür geöffnet. Es stand ein Mann vor derselben, schlank und hoch, aber von gebeugter Gestalt. Sein Bart und Haar waren schneeweiß, und sein Gesicht trug fast die weiße, mattglänzende Farbe des Alabasterglases.

»Sie entschuldigen, mein Herr, daß ich Sie störe«, sagte Otto, natürlich französisch, da er sich ja in Frankreich befand. »Ich hörte jemand in einem sehr klagenden Ton sprechen, und da ich dachte, daß …«

Er hielt mitten in seiner Rede inne, die zwei Augen, die starr und ausdruckslos auf ihm ruhten, machten ihn irre. Dieses schöne Greisenantlitz konnte dennoch keinem ganz hochbejahrten Mann angehören, wie die Weiße des Haares es vermuten ließ, es war öde und leer, und das starr geöffnete Auge war tot, ohne alles geistige Leben. Otto faßte sich wieder und fragte:

»Sind Sie vielleicht unglücklich, mein Herr? Bedürfen Sie vielleicht der Hilfe?«

Der Fremde stand noch immer unbeweglich unter der Tür, die er in der Hand hielt, und blickte ihn mit den glanzlosen Augen an. Da öffnete er plötzlich die bleichen, farblosen Lippen und sagte, nicht in französischer, sondern in spanischer Sprache:

»Ich bin der gute, treue Alimpo!«

Das klang in einem leisen, klagenden, geistesabwesenden Ton, in demselben Ton, den Otto vorhin gehört hatte. Er hatte sofort die Überzeugung, daß er es hier mit einem geistig gestörten Menschen, mit einem Wahnsinnigen zu tun habe, der aber nicht gefährlich sei. Darum blieb er stehen und fragte:

»Sind Sie ein Bewohner dieses Turmes?« – »Ich bin der treue, gute Alimpo«, klang es zum zweiten Mal.

Ja, das war der Wahnsinn, dieser Ton der Stimme, die unbeweglichen Züge, das erstorbene Auge bestätigten es. Otto schauderte, aber dennoch sagte er:

»Ich wünschte, es wäre erlaubt, den Turm einmal zu betreten. Man muß von seiner Höhe eine weite Aussicht nach der See haben.«

Der andere hatte jedenfalls kein Wort dieses Wunsches verstanden, denn er wiederholte abermals:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.«

Da trat Otto einen Schritt näher, und nun wich der Wahnsinnige zurück, so daß der erstere eintreten konnte. Jetzt ließen sich Schritte vernehmen, die von oben herabkamen. Aus diesem Raum führte nämlich eine Treppe abermals in die Höhe. Es erschien ein Mann, der die rauhe Kleidung eines armen Seemanns trug. Ein dichter, struppiger Bart verbarg den unteren Teil seines Gesichts. Sein Auge blickte zornig auf den Eingetretenen, und mit einem höchst barschen Ton fragte er:

»Was wollen Sie? Wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten?«

Es war Gabrillon, der Leuchtturmwärter. Otto war nicht gewohnt, in einem solchen Ton mit sich reden zu lassen; zumal von einem so gewöhnlich aussehenden Menschen duldete er es nicht. Daher antwortete er in einem ruhigen, aber sehr bestimmten Ton:

»Bitte, sprechen Sie ein bißchen weniger grob! Wer sind Sie?« – »Ob ich grob bin oder nicht, das ist meine Sache! Und wer ich bin, das geht Sie gar nichts an«, lautete die noch gröbere Antwort. – »Vielleicht geht es mich aber doch etwas an! Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind!« – »Ich bin der Wächter des Leuchtturms«, erwiderte Gabrillon, der sich unwillkürlich dem Eindruck der gebieterischen Blicke Ottos nicht entziehen konnte. – »Nun wohl, ich wünsche den Leuchtturm besteigen zu können.« – »Das geht nicht.« – »Warum nicht?« – »Es ist nicht erlaubt!« – »Wer hat es verboten?«

Diese Frage brachte Gabrillon einigermaßen in Verlegenheit, denn es war behördlich nicht untersagt, den Leuchtturm zu betreten, die dabei verabreichten Trinkgelder hatten vielmehr bisher einen nicht ganz unbedeutenden Teil seiner Einnahmen gebildet.

»Es ist verboten, und damit gut!« antwortete er trotzig. – »Ich wünsche aber doch sehr, zu erfahren, von wem dieses Verbot ausgeht!« sagte Otto, dem das Verhalten des Wärters als dasjenige eines Menschen vorkam, der sich nicht auf einem rechtlichen Weg befindet. – »Ich bin der treue, gute Alimpo!« sprach jetzt der Wahnsinnige zum vierten Mal.

Da erschrak Gabrillon so, daß es Otto deutlich bemerkte, und fuhr den Geisteskranken mit harter Stimme an:

»Pack dich, alter Tor, und halte den Mund mit deinen Faseleien!«

Dann faßte er ihn beim Arm und schob ihn zur Treppe. Der Wahnsinnige gehorchte willig und entfernte sich, zur Höhe emporsteigend. Nun wandte sich Gabrillon wieder zu Otto und sagte mit zusammengezogenen Augenbrauen:

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß der Zutritt zu dem Turm verboten ist. Was wollen Sie noch hier?« – »Ich will noch immer wissen, von wem dieses Verbot ausgegangen ist!« – »Erkundigen Sie sich woanders danach. Ich habe keine Zeit, mich mit jedem abzugeben, dem es beliebt, mich in meiner Behausung zu stören. Gehen Sie!«

Gabrillon trat bei diesen Worten drohend auf Otto zu, und da dieser keine Lust fühlte, sich mit diesem Mann in Tätlichkeiten einzulassen, verließ er das Gemach, dessen Tür hinter ihm mit lautem Geräusch verriegelt wurde.

Als Otto am Strand entlang dahinschritt, kam ihm das Verhalten des Leuchtturmwärters immer verdächtiger vor. Warum sollte kein Mensch den Turm betreten?

Doch wohl nur des Wahnsinnigen wegen. Warum verweigerte dieser Mensch die Auskunft darüber, wer den Zutritt verboten hatte? Doch nur deshalb, weil es kein solches Verbot gab. »Ich bin der treue, gute Alimpo!« Was war das für eine Rede? Steckte da irgendein Sinn dahinter? Das war jedenfalls eine Monomanie! Wer war der Wahnsinnige? Er hatte trotz seiner geistigen Gestörtheit so distinguiert ausgesehen. Diese feinen Züge, diese kleinen aristokratischen Hände konnten nicht einem Mann angehören, der in näherer Beziehung mit dem Wärter stand, dessen ganzes Auftreten dasjenige eines rohen Menschen aus der Hefe des Volkes war. Hatte man ihm den Kranken anvertraut? Diesen Gedanken konnte Otto nicht fassen. Der in allen Fugen krachende Leuchtturm war kein Ort, einen Wahnsinnigen zu beherbergen. Beim Sturm der aufgeregten Elemente konnte ein geistig Gestörter die ihm so notwendige Ruhe hier nicht finden, Heilung aber noch viel weniger.

Hier mußte ein Geheimnis vorliegen. Das schien dem Maler um so wahrscheinlicher, je mehr er darüber nachdachte. Darum beschloß er, sich den Eingang zum Turm zu erzwingen und zu diesem Behuf den Maire aufzusuchen, als den einzigen, von dem ein etwaiges Verbot ausgegangen sein konnte.

Er fand ihn in der Expedition und wurde von ihm sehr freundlich empfangen, da die beiden Männer sich von ihren Promenaden und von der Reserve her kannten.

»Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?« fragte der Beamte. – »Mit einer kleinen Auskunft, Monsieur. Wer hat den Zutritt zu dem Leuchtturm verboten?« – »Meines Wissens niemand«, lautete die Antwort – »Ihres Wissens? Ich denke, daß Sie infolge Ihres Amtes jedenfalls der Mann sind, es am ehesten und besten zu wissen.« – »Ja, wer hat denn von einem solchen Verbot gesprochen?« – »Der Wärter!« – »Ah, Gabrillon! Der ist ein eigentümlicher Kerl, eine Art Menschenhasser oder Menschenfresser. Er sieht es gern, wenn man ihn in Ruhe läßt er mag nicht gern gestört sein, mein Herr.« – »Ah! Worin könnte ein Mann gestört werden, der nichts zu tun hat als des Abends seine Lichter anzubrennen und des Morgens wieder zu verlöschen? Gibt es etwas Gesetzwidriges bei ihm, was er nicht sehen lassen will?« – »Wie kommen Sie auf diese Idee, Monsieur?« fragte der Maire erstaunt. – »Weil Sie von einer Störung sprechen, für die ich keine Ursache aufzufinden vermag, besonders weil ihm die Trinkgelder doch willkommen sein sollten, und ferner, weil er mich mit einer Dringlichkeit fortwies, die ganz aussah wie eine Grobheit, der eine unverkennbare Angst zugrunde lag.« – »Ah, Sie waren bei ihm?« – »Ja. Ich wollte die Aussicht über die See genießen.« – »Und er wies Sie fort?« – »Sogar mit ausgesuchter Unverschämtheit. Er sagte, der Zutritt sei verboten, wollte mir aber nicht mitteilen, von wem das Verbot ausgegangen ist. Und als ich es zu wissen begehrte, sah ich mich veranlaßt, die Flucht zu ergreifen, um Tätlichkeiten zu entgehen, die mir jedenfalls auch als Sieger nicht zur Ehre gereicht hätten.« – »Das ist allerdings stark! Wir sind gewohnt, Gabrillon seine Wege gehen zu lassen, aber wenn die Fremden, deren Besuch des hiesigen Bades uns nur willkommen sein muß, darunter zu leiden haben, da muß man denn doch eingreifen. Ich werde sofort einen meiner Beamten beauftragen, nach dem Turm zu gehen und dem Wärter solche Ungebührlichkeiten unter Androhung einer Strafe zu untersagen.« – »Ich habe nichts anderes erwartet, Monsieur, und ich danke Ihnen herzlich. Soll hier aber von einer Genugtuung wirklich die Rede sein, so ersuche ich Sie um die Erlaubnis, bei der Ausführung dieses Ihres Befehls gegenwärtig sein zu dürfen.« – »Dies steht ganz in Ihrem Belieben. Der Gendarm steht im Vorzimmer, er kann den Weg sofort antreten.« – »So werde ich vorangehen und ihn erwarten. Apropos, ich sah einen ältlichen Herrn im Turm, dessen Geist mir gestört zu sein schein. Wer ist dieser Mann?« – »Er ist ein Verwandter Gabrillons.« – »Ein Verwandter? Hm!« – »Ja, ein Vetter oder Oheim oder so etwas.« – »Wie heißt er, und woher stammt er?« – »Wie er heißt?« fragte der Beamte verlegen. »Ah! Hm! Er heißt – ich glaube, ich weiß es selbst nicht. Gabrillon hat ihn zwar angemeldet, aber nichts Schriftliches vorgelegt.« – »Ich habe geglaubt, daß bei einer jeden Anmeldung die Vorzeigung gewisser Dokumente erforderlich sei.« – »Ja, hm, eigentlich! Ich werde das wohl noch besorgen müssen. Man hat so viel zu tun, daß es kein Wunder ist, wenn eine solche Kleinigkeit übersehen wird.«

Damit mußte der Maler sich begnügen. Er ging, und zwar wieder nach dem Turm. Da er hart an den Klippen des Ufers hinschritt, so konnte er von Gabrillon nicht gesehen werden. Er hatte kaum eine Minute gewartet, so sah er den Gendarm kommen.

»Sind Sie der Herr, der mich erwartet?« fragte dieser. – »Ja. Es tut mir leid, Sie meinetwegen belästigt zu sehen. Hier haben Sie eine kleine Entschädigung.«

Otto griff in die Tasche und gab dem Gendarm ein Fünffrankenstück, bei dessen Anblick dieser, der ein so hohes Trinkgeld wohl noch nie gesehen hatte, ein Gesicht machte, das erwarten ließ, daß er seine Pflicht mit dem allergrößten Ernst erfüllen werde.

»Kommen Sie, mein Verehrtester«, sagte er. »Wir werden diesem Gabrillon zeigen, wie er sich gegen Herren von Ihrer Großmut zu benehmen hat.« – »Lassen Sie mich voransteigen, und warten Sie auf der Treppe«, entgegnete Otto.

Als er die Tür erreichte, war dieselbe verschlossen, aber er bemerkte einen Klingelzug, den er bei dem vorigen Besuch nicht gesehen hatte. Er klingelte, und nach einiger Zeit wurde die Tür geöffnet. Der Wärter blickte hervor und rief, als er Otto erkannte, mit ärgerlicher Stimme.

»Sie wieder? Das ist stark! Packen Sie sich zum Teufel!«

Er wollte die Tür zuschlagen, aber Otto hielt sie fest.

»Lassen Sie offen«, sagte er, »ich will den Leuchtturm besteigen!« – Ich habe Ihnen bereits gesagt daß dies verboten ist. Sind Sie taub?« – »Und ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich wissen will, wer es verboten hat« – »Das geht Sie nichts an! Fort!«

Gabrillon wollte die Tür mit Gewalt zuziehen, da aber kam der Gendarm herbei, der die Unterredung mit angehört hatte.

»Was fällt dir ein, Gabrillon!« sagte er. »Wer hat dir den Befehl gegeben, solche Besuche abzuweisen?«

Der Wärter war beim Anblick des Beamten rasch zurückgetreten.

»Soll ich mir denn gefallen lassen, daß ein jeder hergelaufene Mensch mich stört und belästigt?« fragte er. – »Sieht dieser Herr wie hergelaufen aus, du Grobian?« rief der Gendarm. Ich werde dich sofort arretieren, wenn du noch ein einziges solches Wort sagst. Ich habe dir auf Befehl des Herrn Maire zu melden, daß der Besuch des Leuchtturms nicht verboten ist. Kommt noch ein solcher Fall vor, so wirst du abgesetzt! Verstanden? Dieser Herr wird uns melden, ob er sich abermals über dich zu beklagen hat. Richte dich danach!«

Der Gendarm schritt nach diesen Worten mit der stolzen, selbstbewußten Miene eines siegreichen Helden die Treppe wieder hinab. Otto trat jetzt in das zur Erde gelegene Gemach des Leuchtturms. Der Wärter aber begrüßte ihn mit keiner Silbe, sondern stieg in höchster Eile die zweite Treppe empor, ohne sich scheinbar weiter um ihn zu kümmern.

Der Maler folgte langsam. Als er das zweite Gemach erreichte, sah er die alte Wirtschafterin des Wärters, die auf einem Schemel saß und ihn mit den Blicken eines bösartigen Krokodils anglotzte. Er achtete nicht auf sie und stieg höher. Die dritte Abteilung des Turms war in zwei kleine Gemächer geteilt. Das eine derselben war verschlossen, aber Otto hörte da drinnen deutlich die Stimme des Wahnsinnigen und die klagenden Worte:

»Ich bin der treue, gute Alimpo!«

Jetzt wußte Otto, daß Gabrillon so schnell emporgestiegen war, um den Geisteskranken einzuschließen, damit der Besuch ja in keine nähere Berührung mit ihm komme. Der Wärter stand in dem anderen Gemach und beobachtete mit finsterer Miene, ob Otto Notiz von den Worten nehme, die er hörte.

»Warum schließen Sie den Kranken ein?« fragte dieser. – »Das geht Sie nichts an!« entgegnete der Gefragte rauh und verbissen. – »Haben Sie etwa kein gutes Gewissen in Bezug auf diesen Patienten?« – »Herr«, brauste Gabrillon auf, »was kümmert Sie meine Familie? Ich bin gezwungen, Ihnen Zutritt zu gewähren, aber sobald Sie mich beleidigen, werfe ich Sie die Treppe hinab.« – »Sie? Mich?« fragte Otto geringschätzend. »Wenn es mich nicht ekelte, lägen Sie bereits unten!«

Er stieg weiter und hatte noch vier Abteilungen zu passieren, ehe er den Lampenapparat erreichte. Die Aussicht von hier oben war allerdings großartig, aber sie konnten in diesem Augenblick auf den Beschauer den gewaltigen Eindruck, den sie ein anderes Mal gemacht hätte, nicht hervorbringen. Seine Gedanken waren bei dem Wahnsinnigen. Es schien ihm über allen Zweifel gewiß zu sein, daß hier irgendein schweres Geheimnis vorliege. Er sann und grübelte, kam aber immer wieder zu dem Resultat, daß ihn die Sache nichts angehe.

So stieg er denn, ohne die Aussicht genossen zu haben, wieder hinab und fand Gabrillon noch immer vor der Tür des kleinen Gemaches, das er wie ein wilder, bissiger Kettenhund bewachte. Er schritt an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen oder ihm ein Geschenk zu verabreichen. Doch er hatte sich den verweigerten Zutritt erzwungen; das war für jetzt genug.

Aber der Gedanke an den Wahnsinnigen verfolgte ihn den ganzen Tag hindurch, und des Nachts träumte ihm, er selbst sei wahnsinnig und werde von Gabrillon vom Turm herab in die See geworfen. Er kämpfte mit aller Anstrengung gegen die wilden Fluten und – erwachte, in Schweiß gebadet.

25. Kapitel.

Am Nachmittag ging Otto, um die Geliebte zu besuchen. Sie sah ihn kommen und eilte ihm aus dem Tor entgegen. Das war so schön, so wonnig. Seine Brust hob sich, und sein Herz wurde weit, als ob eine ganze Welt voll Glück in ihm wohne. Gerade so dachte er es sich, daß sie als sein liebes, süßes Weib ihm zur Umarmung entgegeneilen werde, wenn er von einer Wanderung oder einem Ausgang heimkehrte. Er hätte sie umarmen und küssen mögen, so schön, so lieb und gut stand sie vor ihm; aber drin im Zimmer saß der Vater am geöffneten Fenster, und da war es geraten, sich zu beherrschen. Aber der Blick seines Auges verkündete ihr, wie selig er sich fühlte.

»Willkommen, Otto«, sagte sie. »Vater fühlt sich heute noch wohler als gestern. Wir haben bereits nach dir ausgeschaut.« – »Wirklich?« fragte er innig, indem er ihr in die seelenvollen Augen blickte. – »O ja, seit langem schon!« antwortete sie. – »Hätte ich das gewußt, so wäre ich schon längst gekommen.« – »So will ich dir sagen, daß du mich niemals warten lassen darfst, Otto. Ich bin so glücklich, wenn du bei uns bist, und ich bemerke, daß Vater dich gern leiden mag.« – »Tut er das?« – »Ja, du hast ihm gefallen.« – »Ich danke dir, mein Leben. Erst jetzt bin ich sicher, daß wir glücklich sein werden.«

Sie waren bei diesen Worten in den Flur getreten, und da kein Mensch zugegen war, so schlang er den Arm um sie, hob ihr Köpfchen empor und küßte sie auf die ihm so voll und warm entgegenblühenden Lippen. Sie schloß die Augen und trank seinen Kuß wie eine Himmelsgabe; ihr voller, schwellender Busen hob sich, ihre Hand legte sich um ihn, er atmete ihren reinen Odem und küßte und küßte sie immer wieder, bis sie sich ihm entzog und mit reizendem Schmollen warnte:

»Nicht zu viel, du Kühner, du Böser! Vater merkt es sonst. Komm!«

Als sie eintraten, leuchtete sein Auge noch, trunken von der Wonne dieses Augenblicks, und ihr schönes Angesicht glühte wie die Farbe der Rosenknospe, die schwillt, um aufzubrechen und den Strahl der Sonne zu saugen.

Der Herzog bemerkte es, aber er tat, als sähe er nichts, und sagte:

»Willkommen, Herr von Rodenstein! Ich habe Sie bereits erwartet, um Ihnen zweierlei und zwar sehr Gutes mitzuteilen.«

Bei diesen Worten lachte aus seinen hageren Zügen ein Strahl inniger Freude.

»So muß ich mein spätes Kommen entschuldigen«, antwortete Otto. »Aber eine gute Nachricht zu hören, ist es nie zu spät.« – »Ich hoffe es! So hören Sie. Erstens sollen Sie mit uns dinieren. Ist Ihnen das recht?«

Otto nickte mit dankbarem Lächeln. Diese Einladung war ihm ja ein neuer Beweis, daß er das Wohlwollen des Kranken besitze. Er fühlte in diesem Augenblick nicht die geringste Spur seines früheren Menschenhasses, seiner Verbitterung mehr und antwortete:

»Ich akzeptiere mit Freuden. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich mich innig beglückt fühle, Ihnen Gesellschaft leisten zu können.« – »Nun ja«, sagte Olsunna freundlich. »Die Gesellschaft eines Patienten ist nicht immer angenehm. Flora wird die Aufgabe haben, dies auszugleichen. Nun aber schnell meine zweite Nachricht, die jedenfalls noch besser ist als die erste, wenigstens für mich: Ich fühle mich nämlich heute noch viel wohler als gestern. Dieser Trank von Doktor Sternau tut wirklich Wunder. Er besteht aus Dattelblüte, Coca und Quebracho, wie ich glaube. Ich fühle mich so munter, so stark und rüstig, daß ich eine längere Tour machen möchte, zu Fuß oder auch – zu Pferd, etwa von hier bis Petersburg und noch weiter.«

Es war rührend, den abgemagerten Mann diese Worte sagen zu hören. Floras Blicke hingen mit unendlicher Liebe an seinem Mund, und Otto ergriff seine Hand, drückte sie an seine Lippen und beteuerte mit vibrierender Stimme:

»Glauben Sie mir, ich danke Gott recht innig, daß er Sie von neuem hoffen läßt. Fast bin ich auf Freund Sternau eifersüchtig. Ich wollte auch, ich könnte einiges zu Ihrer Genesung beitragen.« – »Das können Sie ja«, antwortete der Herzog. »Eine angenehme Gesellschaft ist für den Kranken immer erquickend. Wenn meine Genesung mit solchen Riesenschritten vorwärtsschreitet, so darf ich sicher sein, daß Sternaus Voraussagung sich erfüllt und ich in kurzer Zeit meine Reise antreten kann.« – »Könnte ich Sie begleiten!« sagte Otto. – »Des Vaters wegen, ja. Verfügen Sie nicht frei über Ihre Zeit?« – »O doch! Es ist auch nicht allein des Vaters wegen. Es würde mir eine große Beruhigung sein, Sie während Ihrer Reise unter sorgsamen Augen zu wissen.« – »Ich danke Ihnen«, sagte Olsunna nachdenklich. »Vielleicht sprechen wir über diesen Punkt noch einmal ausführlicher. Aber, Flora, willst du nicht befehlen, daß man serviere?«

Flora klingelte, und der Diener trat ein.

Jetzt erst erkannte Otto, daß dieser so reich galonierte Domestik zu Flora gehöre. Ah! War sie so wohlhabend? Aber wie staunte er erst, als die Tafel gedeckt wurde und sämtliche Geschirre von der feinsten getriebenen Silberarbeit waren. Dieses Porzellan war echt chinesisches, und dieses Silber war massiv, Tafeltuch und Servietten waren vom feinsten, teuersten, französischen Damast. Und dieses Geschirr war – er saß zu entfernt, um es genau erkennen zu können – mit einer Krone gezeichnet. Träumte er?

Der Diener lud ein, Platz zu nehmen. Als der Maler die Serviette entfaltete, hätte er sie vor Schreck fast fallen lassen. Sie war mit einer Herzogskrone gezeichnet und darunter befand sich das Monogramm E. O.

Beide, der Herzog sowohl wie seine Tochter, sahen sein Erschrecken und weideten sich an demselben, ohne ein Wort zu verlieren.

Tausend Gedanken drangen auf ihn ein, und darunter war auch einer, der ihn beruhigte. Konnte der Vater der Geliebten nicht der Beamte eines hohen Aristokraten sein, in dessen Aufbewahrung sich dies kostbare Tafelzeug befand? Ja, so war es jedenfalls. Und um den Geliebten festlich zu bewirten, hatte Flora sich das Vergnügen gemacht, es einmal für sich zu benutzen.

Dieser Gedanke gab ihm seine Fassung wieder, so daß er frei von Sorgen an der Unterhaltung teilnehmen konnte, die fast nur zwischen ihm und Flora geführt wurde, nachdem der Diener sich entfernt und Flora selbst die kleinen Handreichungen übernommen hatte.

Welche Seligkeit durchströmte ihn, wenn sie so hausfraulich für ihn besorgt war und das beste für ihn auswählte! Sie reichte ihm etwas dar, er griff danach, und dabei berührte er ihr Händchen. Es war nur eine leise, kaum merkbare Berührung, aber sie durchzuckte dennoch seinen Körper wie ein magnetisches Fluidum. Auch Flora schien dasselbe zu fühlen, denn stets, wenn ihre Hände sich gestreift hatten, flog eine tiefe Röte über ihr Gesicht.

Der Herzog aß wenig, aber mit sichtbarem Behagen, der böse Husten schien ihn fast ganz verlassen zu haben.

»Sternau ist ein Wundermann«, sagte er. »Möchte doch jeder meiner Wünsche für ihn ein Segel sein, das ihn glücklich durch die Fluten führt. Ich beneide seine Eltern. Ein solcher Sohn, der die Mühen der Eltern so belohnt, ist ein Glück, dessen Größe nur ein Vater und eine Mutter empfinden können.« – »Sein Vater ist leider schon längst tot«, bemerkte Otto. – »Ah, das bedaure ich! Was war er?« – Er starb als Professor. Er war ein sehr gelehrter Mann und liebte Weib und Kind über alles. Er hatte seine Frau in Spanien kennengelernt.« – »In Spanien? Was war er dort?« – »Er war Erzieher in einem vornehmen Haus und sie Erzieherin in ebensolchen Verhältnissen.«

Der Herzog horchte auf, und auch Flora blickte auf den Sprecher.

»In welchem Haus war sie Gouvernante?« fragte der Herzog, der keineswegs ahnte, wie nahe er der Entdeckung sei, nach der er bisher so vergeblich getrachtet hatte. – »Beide waren zu gleicher Zeit engagiert in Saragossa bei einem Bankier – hm, ich glaube, der Name ist mir doch entfallen.«

Da legte der Herzog das Messer fort. Seine Augen öffneten sich, und über sein bleiches Gesicht zog ein roter Schein.

»Papa!« rief Flora, die dies bemerkte, warnend, obgleich sie selbst tief erregt war. »Nimm dich in acht!« – »Laß mich! Ich bin stark genug!« wehrte er ab. Und mit einer Stimme, die vor Erwartung plötzlich ihren natürlichen Klang verloren hatte und nur stockend und fast heiser tönte, sagte er: »Hieß dieser Bankier vielleicht Salmonno?« – »Salmonno, ja, Salmonno, so war der Name«, antwortete Otto.»Aber mein Herr, was ist Ihnen?« rief er dann bestürzt.

Olsunna war nämlich in die Lehne des Stuhls zurückgesunken und hatte die Augen geschlossen. Alles Blut, alles Leben schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Flora war aufgesprungen und schlang angstvoll die Arme um ihn.

»Vater, mein Vater!« rief sie. »Ich wußte es! Erwache, lieber Papa! Hörst du mich? Ich bin da, deine Flora ist bei dir!«

Sie drückte schluchzend seinen Kopf an sich. Auch Otto war hinzugetreten und hatte eine Kristallkaraffe ergriffen, die Wasser enthielt, aber diese Hilfe war nicht nötig, denn der Herzog öffnete die Augen, warf einen unbeschreiblichen Blick empor, drückte dann die Hand der Tochter und sagte:

»Ängstige dich nicht, mein Kind! Ich war nicht ohnmächtig; aber es drang auf mich ein wie die Flut eines ganzes Meeres von Wonne, Glück und Seligkeit. Doch noch ist das keine sichere Nachricht, noch muß ich die Antwort auf weitere Fragen haben.« – »Aber wirst du auch stark genug sein, mein Vater?« – »Ja, das versichere ich dir.«

Wie um zu beweisen, daß er keine Schwäche fühle, erhob er sich, richtete das Auge erwartungsvoll auf Otto und sagte:

»Sind Sie mit den weiteren Schicksalen der Frau Sternau bekannt, Herr von Rodenstein?« – »Ich glaube«, antwortete dieser, gar nicht begreifend, daß diese Schicksale Floras Vater so interessieren, ja, so tief ergreifen konnten. – »So sagen Sie mir, ob die Stellung bei dem Bankier Salmonno ihre letzte gewesen ist in Spanien?« – »Nein. Sie nahm eine andere Stellung an, die aber nicht von langer Dauer war. Sie wurde Erzieherin der Prinzeß Flora von Olsunna.«

Da fuhr der Herzog mit beiden Händen nach seinem Kopf; aber er nahm sich mit all seinen Kräften zusammen, stützte sich auf die Lehne des Stuhls und auf die Schulter seiner Tochter und fragte:

»Wie war ihr Mädchenname?« – »Wilhelmi.« – »Flora! Kind, Kind!« jauchzte da der Herzog auf und öffnete die Arme.

Flora umfing ihn und hielt ihn, an seinem Herzen liegend, fest Beide schluchzten laut wie Kinder. Otto konnte zwar den Vorgang nicht begreifen, aber er trat näher, um den Herzog nötigenfalls zu stützen, dem die hellen Tränen über die Wangen liefen.

»Erlöst erlöst! Endlich! Oh mein guter, gnädiger, barmherziger Gott, wie danke ich dir!« rief er. »Erst sendest du mir den Erretter von dem leiblichen Tod, und nun steht hier ein zweiter Bote, der mir auch für das arme, so lange gemarterte Herz das Evangelium bringt.«

Er legte bei diesen Worten die Hand auf Ottos Schulter.

»Ist das wirklich, wirklich so, wie Sie mir es sagen?« fragte er. – »Ja.« – »Flora, halte mich fest! Ich fühle doch, daß alle meine Fasern beben.« – »Setze dich, Papa, oder lege dich lieber«, bat sie, »es ist zu viel für dich!«

Sie selbst zitterte auch an allen Gliedern, und ihre Wangen waren vor Erregung mit tiefer Blässe bedeckt

»Nein, stehend will ich das Weitere hören! Stehend, ja; dann mag es mich meinetwegen niederstürzen. Es ist ein Sturz in das größte Glück hinein, und ich weiß, daß ich nicht daran sterben werde. Herr von Rodenstein, Sie werden das alles nicht verstehen und begreifen, aber Sie sollen es erfahren. Wir stehen vor einem Augenblick, der in seinem Schoß Tod oder Leben trägt Ich weiß, entweder wird meine Hoffnung erfüllt, oder – ich sterbe!« – »Mein Herr«, bat da Otto bestürzt, »heben wir dies doch für jetzt noch auf. Ich sehe allerdings, daß ein gewaltiger Sturm Ihr Inneres bewegt Lassen Sie ihn vorübergehen, und dann werde ich jede Ihrer Fragen beantworten.« – »Nein, nein! Dann müßte ich auch sterben – vor Ungeduld. Reden Sie, um Gottes willen, ich flehe Sie an! Sie stehen vor mir wie ein Heiland, der mir den Himmel öffnen kann; ich werde Ihnen das nicht vergessen, nie, nie! Reden Sie und sagen Sie: Hat Frau Sternau mehrere Kinder?« – »Ja.« – »Ah! Wie viele?« – »Zwei. Diesen Sohn und eine Tochter.« – »Sind ihr vielleicht andere Kinder gestorben?« – »Nein, sie hat nur diese beiden gehabt.« – »Wer ist älter, der Doktor oder die Schwester von ihm?« – »Er. Sie ist bedeutend jünger.« – »O Gott, es ist, als ob sich eine große, eine herrliche Sonne vor mir erhöbe. Wissen Sie vielleicht genau, wie alt Sternau ist?« – »Ganz genau. Wir beschenkten uns immer an unseren Geburtstagen. Er ist am zwanzigsten März geboren und zählt jetzt achtundzwanzig Jahre.« – »Er ist's! Er ist's!« rief jetzt der Herzog; dann frohlockend die Hände zum Himmel erhebend, fügte er leiser hinzu: »Nun will ich mich setzen.« Die Arme sanken ihm nieder, und mit immer leiser werdender, ersterbender Stimme fügte er hinzu: »Ja, setzen! Ich bin matt – müde – o Gott, ich – ich bin …«

Er schloß die Augen und brach zusammen; aber er fiel nicht zur Erde, sondern Otto hielt ihn in seinen Armen fest.

»Ich dachte es!« rief Flora, weinend vor Entzücken und zugleich vor Sorge um den Vater. »Es kann ihn töten!« – »Nein, er lebt!« sagte Otto. »Meine Hand liegt auf seinem Herzen, und ich fühle es schlagen, leise zwar, aber auch deutlich genug. Komm, laß uns ihn niederlegen.«

Er trug den Herzog darauf nach einem Sofa, wo er ihn in die Kissen bettete; dort knieten sie beide bei ihm nieder. Flora ergriff mit der einen Hand die Rechte des ohnmächtigen Vaters, und die andere schlang sie um den Geliebten, legte, noch immer schluchzend, ihren Kopf an seine Brust und sagte:

»Otto, lieber Otto, welch eine Nachricht, welch ein Glück hast du uns gebracht!« – »Ein Glück muß es sein, ein großes Glück, das sehe ich«, antwortete er, »obgleich es mir ein Rätsel ist.« – »Es wird dir gelöst werden, mein Geliebter. Aber wirst du mir dann auch verzeihen?« – »Verzeihen? Hätte ich dir etwas zu verzeihen, meine Flora?« – »Ja. Ich habe dich für eine große Sünde um Vergebung zu bitten.«

Da drückte er ihr Köpfchen innig an sich, strich ihr liebkosend über das Haar und sagte:

»Die Sünde wird sehr klein sein, und nur deine Sorge ist groß. Ich verzeihe dir und bitte dich, daß auch du immer nachsichtig mit mir sein mögest« – »Nein, nicht im voraus«, bat sie fast ängstlich. »Es ist wirklich etwas sehr Schweres.« – »Darf ich es nicht jetzt erfahren?« – »Nein, Vater muß es mit hören, sonst fürchte ich mich vor dir.«

Otto lächelte glücklich und drang nicht weiter in sie. So knieten sie noch eine Zeit, bis der Herzog endlich zu sich kam, die Augen aufschlug und beim Anblick der beiden Liebenden da vor ihm mit einem Strahl der Verklärung im Gesicht sagte:

»Wie ist es, habe ich geträumt, Flora?« – »Nein, Papa«, antwortete sie. »Oh, ich hatte Angst um dich.« – »Nein, die Freude tötet mich nicht; ich muß ja leben, um mein Werk zu vollbringen. Ja, leben, leben, leben für ihn und – für sie!«

Damit richtete sich der Herzog auf, und auch sie erhoben sich. Das köstliche Essen stand noch in den noch köstlicheren Gefäßen, aber niemand dachte daran. Olsunna blickte lange zum Fenster hin. Er sah durch dasselbe das Meer und die Landschaft, überstrahlt von dem goldenen Licht der Sonne. So warm und hell war es auch in seinem Innern. Endlich sagte er:

»Flora, mein Kind, sagte ich nicht heute, daß Gott allgütig sei und uns den Weg zeigen werde? Hat er uns nicht erhört, weit über alles Hoffen und Erwarten? Was bleibt nun noch von der Rache dieser Zigeunerin übrig!« – »Wie wunderbar, Papa«, entgegnete Flora, die Hände zusammenschlagend wie zum Gebet »Wir sachten ihn, and wir kennen ihn nun doch!« – »Ja, er war hier. Wir sahen ihn, und dennoch wußten wir es nicht Bebte mir nicht das Herz, als ich seine Stimme hörte? So klang die meinige, als ich noch jung war. Erfüllte mich nicht seine hohe Heldengestalt mit unsagbarem Stolz? Das war das Ebenbild meiner Jünglingszeit Und er ist reiner und edler, als ich es war!« – »Und sagte ich nicht daß ich ihn lieben müsse, Papa?« fügte sie hinzu. »Ich hätte ihn umarmen und küssen mögen, als er so selbstbewußt, so siegesgewiß und doch so mild, so warm zu sprechen wußte.«

Und in ihrem Glück vergaß sie alle Zurückhaltung, die sie zu anderer Zeit dem Vater schuldig zu sein geglaubt hätte, sie wandte sich zu Otto und sagte:

»Du brauchst nicht zu zürnen, Lieber, der, den ich umarmen und küssen wollte, ist nicht ein Fremder, sondern mein – mein oh, Papa, sage du es! Ich habe dieses schöne Wort nicht aussprechen dürfen.« – »Ja, ich, ich will das Wort sagen, ich zuerst«, meinte der Herzog. »Herr von Rodenstein, Flora spricht von ihrem – Bruder, von meinem – von meinem Sohn.«

Bei diesen letzten Worten strahlte sein Gesicht vor Liebe und vor Stolz.

»Sie haben einen Sohn?« fragte Otto, auch in freudigster Überraschung. »Oh, so erlauben Sie, daß ich mich nach ihm erkundige.« – »Ja, ja, fragen Sie! Fragen Sie immer zu! Ich werde Ihnen gern antworten. O ja, wie gern, wie so sehr gern will ich Ihnen Auskunft über meinen Sohn erteilen! Ich bin nämlich stolz auf ihn, unendlich stolz, und ich habe alle Ursache dazu. Also fragen Sie, mein lieber Herr von Rodenstein!«

Mein lieber Herr von Rodenstein! Wie drang dieses Wort so beseligend in die Brust des Mannes, der bisher von sich gesprochen hatte, als von einem verstoßenen Sohn! Er dachte nicht daran, daß seine Fragen eine Zudringlichkeit, eine Indiskretion enthalten könnten, und erkundigte sich:

»Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?« – »Auf der See.« – »So ist er Seemann?« – »Nein«, lächelte der Herzog. –»Also handelt es sich um eine Reise?« – »Jedenfalls. Aber diese Reise soll von großer Wichtigkeit sein, wie Sie mir gestern sagten.« – »Ich?« fragte Otto erstaunt. – »Ja, Sie! Wir sprachen doch von meinem Sohn!«

Das Gesicht Ottos war ein sehr beredtes Fragezeichen. Jetzt lachte der vor kurzem noch todkranke Mann so vergnügt, wie seit langer Zeit nicht, und sagte:

»Ja, wir haben von ihm gesprochen. Sie haben ihn sogar gesehen und mit ihm geredet. Ja, Sie haben ihn zu mir geschickt, wie Sie sich erinnern werden.« – »Ich? Mein Gott, ich bin ja ganz irre, ganz fassungslos!« – »Sie sandten ihn zu mir, damit er mich vom Tod erretten möge!« – »O Himmel, Sie sprechen von Sternau?« fragte Otto, der befürchtete, daß der Herzog im Fieber redete. –»Ja, von Doktor Sternau, von meinem Sohn.«

Da warf Otto einen ängstlichen Blick auf Flora. Er fürchtete für die Zurechnungsfähigkeit ihres Vaters; aber auch sie sah ihn mit ihren von Glück strahlenden Augen an und sagte:

»Du darfst es glauben, Otto, Sternau ist mein Bruder.«

Da fuhr er vom Stuhl in die Höhe und rief:

»Aber davon weiß ich ja gar nichts, nicht ein einziges Wort!« – »Oh, auch wir haben es nicht gewußt«, meinte Olsunna. »Sie selbst sind es gewesen, der es uns gesagt hat.«

Otto kam aus dem Nichtbegreifen gar nicht heraus, aber Flora eilte ihm zu Hilfe:

»Wir wollen ihn nicht martern, Papa, sondern es ihm sagen«, bat sie. »Sternau ist mein Bruder, ohne daß wir es gewußt haben, und auch er hat es jedenfalls nicht gewußt« – »Ja«, fügte der Herzog hinzu, »Ich habe Ihnen vorhin gesagt daß ich Ihnen dankbar sein werde, so lange ich lebe, und darum will ich Ihnen ein Geständnis machen, obgleich Sie mich dann hart beurteilen mögen: Ich kannte Frau Sternau kurz vor ihrer Vermählung; ihr Sohn ist auch der meinige, obgleich er den Namen eines anderen trägt« – »Ah«, rief Otto, bei dem es nun endlich klar wurde. »Habe ich dir nicht gesagt Flora, daß er dir so ähnlich sehe?« –»Ja, aber da hatte ich ihn noch nicht gesehen, da hatte ich noch keine Ahnung von dem, was wir heute von dir erfuhren. Ich bin nämlich Spanierin. Señorita Wilhelmi war meine Erzieherin.«

Da richtete der Maler einen raschen Blick auf beide und sagte:

»So sind Sie der Bankier Salmonno?« – »Nein«, lachte der Herzog vergnügt – »Nicht? Welche Rätsel! Aber Señorita Wilhelmi ist nur an zwei Orten Erzieherin gewesen, bei Salmonno und beim Herzog von Olsunna.« – »Nun«, sagte der Herzog, »ich sah vorhin bei beginnender Tafel, daß Sie unser Wappen mit einiger Befremdung betrachteten. Kennen Sie diese Krone?« – »Es ist eine herzogliche, mein Herr.« – »Richtig! Und mein Monogramm haben Sie auch bemerkt?« – »E. O.? Allerdings.« – »Nun, das ist mein Name: Eusebio, Herzog von Olsunna. Meine Tochter hier – Sie verzeihen, daß ich sie Ihnen noch nicht vorgestellt habe – ist eine Prinzessin Olsunna.« – »Eine herzogliche Prin…«

Otto von Rodenstein stockte. Er brachte das Wort nicht heraus. Es war ihm, als sei ihm mit einer Keule ein fürchterlicher Hieb versetzt worden; er wankte. Da eilte Flora auf ihn zu. Er aber streckte den Arm abwehrend gegen sie aus und raffte sich mit aller Gewalt zusammen. Sein ganzes Inneres bebte; er fühlte sich tausendmal unglücklicher als je zuvor und sagte:

»Bleiben Sie, Durchlaucht! Ich war einige Tage glücklich, und ich werde den Himmel preisen für diesen Lichtblick in meinem dunklen Leben, aber ich kehre in meine Einsamkeit zurück, um von dieser einen zauberhaft schönen Erinnerung zu zehren bis an mein Ende.« – »Mein Gott Otto«, rief sie, »das sollst du ja nicht Das ist ja das, was du mir verzeihen sollst!« – Ja, jetzt verstehe ich Sie, Durchlaucht«, antwortete er. »Sie sprachen von einer Sünde, die ich Ihnen zu vergeben habe. Es ist eine Sünde, eine fürchterliche Sünde. Es wird mir das Herz brechen. Ich habe den Fluch des Vaters getragen, für das übrige aber sind meine Kräfte zu schwach. Es wird« – er preßte die Zähne knirschend zusammen, um sein Herz zu bemeistern, und ergriff die Lehne des Stuhls, um sich daran festzuhalten; der Sessel krachte in allen seinen Fugen, denn auf ihm ruhte jetzt das ganze Gewicht des Mannes, der vor Schmerz kaum mehr wußte, was er sprach – »es wird wieder finster um mich werden, finsterer als vorher – und – und …«

Seine Blicke verschleierten sich; es wurde ihm dunkel vor den Augen, die Zunge versagte ihm den Dienst; er bewegte die Lippen, um zu sprechen, aber es war kein Laut zu hören. Es war der Ausdruck und das Bild einer Verzweiflung, der seine ganze Manneskraft nicht gewachsen war. Er mußte im nächsten Augenblick zusammenbrechen, einen einzigen Laut stieß er mit letzter Anstrengung hervor, es war ein Lallen, ein unverständliches Stammeln, dann knickte er – nein, er brach nicht zusammen, denn Flora war herbeigesprungen; sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest.

»Otto, mein Otto!« rief sie. »Sei stark! Ich liebe dich ja, ich liebe dich!«

Sie drückte ihn an sich und küßte ihn auf die bleichen, wortlosen Lippen, und dabei rannen ihr die Tränen einer unbeschreiblichen Angst über die Wangen.

Auch der Herzog erhob sich und kam herbei.

»Fassen Sie sich, Herr von Rodenstein!« sagte er. »Sie haben kein Opfer zu bringen, wir nehmen es nicht an.«

Er kam unter den Küssen der Geliebten wieder zu sich. Sie fühlte, daß seine Kräfte wieder zurückkehrten, daß sie ihn nicht mehr zu halten brauchte.

»Otto, sei gut!« bat sie. »Komm, setz dich und höre uns an!«

Sie führte ihn zum Stuhl, auf dem er sich mechanisch niederließ. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Blick war verstört; aber sie schlang den Arm um ihn, legte ihm die Hand an die kalte Stirn und flüsterte ihm Worte ins Ohr, so innig, so zärtlich und liebevoll, daß der Ausdruck seines Auges klarer und milder wurde und er endlich fragte:

»Du liebst mich wirklich, Flora?«

Das klang immer noch wie mechanisch, wie die Stimme eines Automaten.

»Ja, unendlich liebe ich dich, Otto!« beteuerte sie. – »Eine Herzogin und – und ein verstoßener Sohn! Oh, warum hast du mir das getan! Wir dürfen uns nie, nie gehören! Du kennst die Pflichten deines hohen Standes, diese Pflichten, auf denen der Fluch so manchen gebrochenen Herzens ruht.« – »Was gehen mich diese Pflichten an! Mein Vater hat mich von ihnen entbunden. Er hat mir versprochen, meiner Liebe folgen zu dürfen, wenn der Bruder gefunden wird. Hier steht er, frage ihn selbst, Otto!«

Da kehrte ihm das Blut in die Wangen zurück. Er holte tief, tief Atem, als söge er mit demselben neue Lebenskraft ein. Dann stand er auf und trat auf den Herzog zu.

»Sie haben mich schwach gesehen«, sagte er, »verzeihen Sie mir. Es steht dem Mann nicht an, sich von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen, aber denken Sie an das, was mein Herz bereits gelitten hat, ich möchte nicht noch Schlimmeres erdulden. Ist es wahr, was Flora sagte?« – »Ja«, antwortete der Herzog milde. »Kommen Sie her, mein lieber Herr von Rodenstein. Setzen Sie sich zu uns und lassen Sie sich alles erzählen, warum ein Vater seinen Sohn suchen muß. Dann werde ich sehen, ob Sie mit mir ins Gericht gehen wollen oder ob ich auf Ihre Hilfe rechnen kann.«

Er zog, wie er es bereits Flora gegenüber getan hatte, den Schleier schonungslos von seiner Vergangenheit, und Otto hörte zu. Welche Gefühle drangen dabei auf den Maler ein! Er wurde bald warm und bald kalt; es war ihm, als ob er im Fieber liege. Da saß sie neben ihm, die Heißgeliebte. Er fühlte, daß es ohne sie weder Glück noch Heil für ihn geben könne. Konnte er von ihr lassen? Durfte und mußte er von ihr lassen? War es nicht Feigheit, zurückzutreten, wo es galt, ein solches Juwel festzuhalten und zu verteidigen gegen alle Vorurteile und Herkömmlichkeiten?

Jetzt hatte der Herzog geendet

»Sie sind es«, sagte er zum Schluß, »der mir heute Licht in dieses Dunkel brachte, dem ich das Glück verdanke, das mir neue Kräfte gibt. Zweifeln Sie an meiner Dankbarkeit?« – »Nein, ein edler Mann ist immer dankbar«, antwortete Otto. »Aber nicht mir haben Sie zu danken, sondern dem Zufall oder Gottes Schickung. Und selbst dann, wenn ich Dankbarkeit zu beanspruchen hätte, würde das, was ich fordern würde, so köstlich, so hoch und wertvoll sein, daß …« – »Daß ich es Ihnen demnach nicht versagen würde«, unterbrach ihn Olsunna. – »Wie? Höre ich recht? Sie wollten …!« rief Otto, einige Schritte auf den Herzog zutretend. – »Ja. Ich denke jetzt nicht an meinen Rang, sondern an das Glück meines Kindes. Sie sind Künstler. Der Adel der Kunst steht vielleicht noch höher als der Adel der Geburt. Es gibt Könige, Herzöge, Fürsten, Grafen und Ritter des Geistes. Nun wohl, Sie gehören diesem Adel an; Sie stehen nicht auf der niedersten Stufe desselben: Sie sind mir und meiner Tochter ebenbürtig. Sie sind ein reiner, edler Mann und haben unverschuldet viel gelitten. Flora, liebe ihn und mache ihn glücklich.«

Als wäre ein Blitz vor ihm niedergezuckt, so erstarrt stand Otto für einen Augenblick, dann aber stürzte er vor dem Herzog auf die Knie.

»Ist's war? Ist's wahr?« fragte er. »Sie wollen mir das köstlichste Kleinod anvertrauen, das Sie besitzen, das Kleinod, das millionenmal mehr wert ist als Ihre Herzogskrone? O mein Gott, wo nehme ich die Worte her, Ihnen meinen Dank zu sagen.« – »Danken Sie nicht mit Worten, sondern mit der Tat. Machen Sie mein Kind glücklich, glücklicher, als ihr Vater gewesen ist.«

Auch Flora war vor ihm niedergesunken, überwältigt von ihren Gefühlen. Sie lagen innig umschlungen vor ihm auf den Knien. Da legte er einem jeden von beiden eine seiner Hände auf das Haupt, erhob den Blick gen Himmel und sagte mit zitternder Stimme, aber innig flehendem Ton:

»Gott, Vater, der Du überall bist und auch jetzt bei uns, ich flehe Dich an aus der tiefsten Tiefe meines Vaterherzens, lege meine Schuld nicht auf die Meinigen. Laß Deine Güte auf sie leuchten und Deine Liebe über ihnen walten jetzt und allezeit. Ich lege meinen Vatersegen auf ihre teuren Häupter; gib diesem Segen Kraft und Beständigkeit; sei Du ihr Freund und Beschützer, ihr Schirm in allen Nöten, ihr Helfer, wenn kein anderer helfen kann; leite sie zur Wahrheit und führe sie zum Frieden, den niemand geben kann, als nur Du allein. Erhöre mein Gebet, um Deiner ewigen Gnade willen. Amen.«

Es war ein heiliger Augenblick. Der Segen und das Gebet eines Priesters hätten keine andächtigeren, ergriffeneren Zuhörer haben können, als diese Bitte aus dem Mund eines Vaters, der für seine Tochter auf den Glanz einer Herzogskrone verzichtet hatte, nur um sie glücklich zu sehen.

Als Olsunna geendet hatte, hob er sie zu sich empor und drückte sie beide ans Herz. Ihre Umarmung war wortlos, denn die Gefühle, von denen die drei Personen bewegt wurden, konnten nicht durch schwache Laute beschrieben werden.

»Von jetzt an, mein Sohn, sage ›du‹ zu mir«, meinte endlich der Herzog. »Ich werde dir Vater sein, da der deinige dir fremd geworden ist. Aber ich hoffe, daß er seinen Groll schwinden lassen wird, wenn ich bei ihm bin und mit ihm spreche.« – »Vater, mein Vater! Oh, ich habe einen Vater!« jubelte Otto. »Ja, er wird und er muß mir verzeihen.« – »Und will er auf euch nicht hören«, sagte Flora, »so werde ich einen Kampf mit ihm beginnen, in dem er unterliegen muß. Meiner Liebe und meinen Bitten soll er sicherlich nicht widerstehen. Aber Papa, Otto reist doch mit uns nach Rheinswalden?« – »Natürlich! Außer er findet es für gut, seine Verlobte und seinen Vater zu verlassen.« – »Oh, ich gehe mit, wie gern, wie gern!« rief Otto, indem er die Geliebte an sich zog. – »So bist du unser Reisemarschall und hast alle Unannehmlichkeiten von uns fernzuhalten, mein Sohn. Ich fühle eine Kraft in mir, als könnten wir bereits morgen abreisen.« – »Davon rate ich entschieden ab«, sagte der Maler. »Den Anordnungen Sternaus muß unbedingt Folge geleistet werden. Flora kann einstweilen an Frau Sternau und meinen Vater schreiben, um die Empfehlungsbriefe zu übersenden und unsere Ankunft zu melden. Nur bitte ich, mich noch nicht zu erwähnen.« – »Ja, tue das«, stimmte der Herzog eifrig bei. »Aber die Briefe geben wir erst persönlich ab. Frau Sternau darf nicht wissen, daß ich komme. Schreibe einen anderen Namen, meine Tochter, schreibe, daß uns Doktor Sternau sende und daß wir seine Empfehlungsbriefe selbst überbringen werden.« – »Wird das nicht unrecht sein, Papa?« – »O nein«, lachte er vergnügt »Ein Herzog hat das Recht, inkognito zu reisen. Überhaupt gehe ich ja, mir meine Braut anzusehen; das tut der Bräutigam in einem jeden Roman gewiß nicht anders als inkognito.«

Der alte Herr war recht fröhlich geworden. Er scherzte und lachte, und diese Gemütsstimmung hatte einen ganz vorteilhaften Einfluß auf sein körperliches Befinden. Er fühlte sich so wohl, wie neugeboren, daß er endlich gar vorschlug, das unterbrochene Mahl von neuem zu beginnen, ein Vorschlag, der die Billigung der beiden anderen fand, die sich über die gute Stimmung des Vaters herzlich freuten.

Als Otto von Rodenstein sich vorher an die Tafel gesetzt hatte, war es ihm nicht eingefallen, zu denken, daß er nach so kurzer Zeit bereits als der Verlobte Floras an deren Seite sitzen werde. Er aß, aber er wußte vor Glück nicht, was er aß. Die Geliebte schob ihm das Beste hin; er ließ es sich schmecken, aber er sah nur auf die zarten, weißen Hände, die ihn bedienten, und in ihre Augen, die so seelenvoll vergnügt auf ihn leuchteten.

Der Herzog bemerkte dieses Versunkensein in die Liebe; er lächelte, als er sah, welche Portionen Otto hinunterschluckte, ohne darauf zu achten, nach und nach aber wurde er besorgt; es wurde ihm bange, und er sagte:

»Halt ein, Flora, sonst bringst du mich um den Sohn, den ich soeben erst gewonnen habe!«

Sie sah ihn an und fragte unbefangen:

»Wie meinst du das, Papa?« – »Wirf doch nur einen Blick auf die Tafel, mein Kind. Muß denn die Liebe gar so nachhaltig gespeist, ich möchte fast sagen, gemästet werden? Ich sage dir, er wird ganz sicher ersticken.«

Jetzt lachten sie alle drei, und nun der Maler aufmerksam geworden war, fühlte er erst, daß er der schönen Hände und Augen der Geliebten wegen fast ganz allein den Tisch abgeräumt hatte.

»Eine Hungerkur macht alles gut«, sagte er. »Hat man aus Liebe gegessen, kann man aus Liebe auch hungern; ich will es wenigstens versuchen.«

26. Kapitel.

Die Unterhaltung war durch dieses kleine Intermezzo noch lebhafter geworden als zuvor und kam zuletzt doch wieder auf den Angelpunkt der ganzen Situation, auf Sternau, um den sich alles drehte.

»Es ist eine unangenehme Fügung, ihn gefunden und sofort wieder verloren zu haben«, klagte der Herzog. »Es handelte sich nur um eines Tages Länge, so säße er hier bei uns, ebenso glücklich wie wir, wie ich hoffe. Hat er nicht gesagt, wann seine Seereise beendet sein wird?« – »Nein«, antwortete Otto. »Er kann dies selbst nicht wissen. Er hat nämlich eine außerordentlich abenteuerliche Aufgabe zu lösen.« – »Welche?« – »Er will einen Seeräuber fangen.« – »Einen Seeräuber?« fragte Flora erschrocken. »Mein Gott, welche Gefahr!« – »Unser Otto scherzt!« lächelte der Herzog. »Mit einer kleinen Luxusjacht fängt man keinen Seeräuber.« – »Und dennoch scherze ich nicht«, sagte Otto. »Diese Sache ist ernst, sehr ernst. Es handelt sich um das Glück, ja um die ganze Existenz einer hochgestellten Familie. Hast du einmal von dem berüchtigten Korsarenschiff ›Lion‹ gehört, Papa?« – »Von dem ›Lion‹, Kapitän Grandeprise? Ja, oft. Er soll ein schrecklicher Mensch sein, wie man sich erzählt.« – »Nun, diesen Grandeprise will Sternau fangen.« – »Nicht möglich!« rief Olsunna erbleichend. – »Und doch ist es so.« – »So ist er verloren.« – Ich glaube es nicht. Sternau ist ein Held. Er hat fremde Welten bereist, sich mit Löwen, Panthern, Elefanten, Krokodilen, Kaffern, Arabern und Indianern herumgeschlagen, er ist ein Riese an Kraft und ein Virtuose in Führung der Waffen. Wenn es einen gibt, der Grandeprise fängt, so ist er es.« – »Oh, nun sinkt mir all mein Mut!« klagte der Herzog. »Ich werde den Sohn wohl nie wiedersehen.« – »Aber warum begibt er sich in diese fürchterliche Gefahr?« fragte Flora. – »Um Geheimnisse zu entdecken, die für ihn sehr wichtig sind, um Menschen zu finden, die man geraubt und versteckt hat, um Verbrecher zu bestrafen, die ihn und seine Familie in das Verderben bringen wollen.« – »Seine Familie? Also seine Mutter und Schwester?« – »Ich meine eigentlich die Familie seiner Frau.« – »Seiner Frau! Ah, er ist verheiratet?« rief der Herzog, indem er vom Stuhl emporsprang. »An diese Möglichkeit habe ich noch gar nicht gedacht.« – Ja, er ist sehr glücklich verheiratet«, sagte Otto, der jetzt ein innerliches Lächeln kaum unterdrücken konnte. – »Das ist unangenehm, höchst unangenehm!« rief der Herzog. »Ich habe die Absicht, ihn anzuerkennen; er soll der Erbe meiner Titel, meiner Würden und Besitzungen werden, und nun steht zu erwarten, daß …« – »Daß er als Arzt keine solche Partie gemacht hat wie ich als Maler, nicht wahr?« vervollständigte Otto. – »Ja, das meine ich.« – Ich kann dich glücklicherweise beruhigen, lieber Papa. Er ist keine Mesalliance eingegangen.« – »Nach dem Maßstab eines Arztes?« – »Allerdings, auch nach diesem nicht. Es ist übrigens eigentümlich; auch seine Frau ist eine Spanierin.« – »Ah! Woher?« fragte Flora. – »Aus Rodriganda in Aragonien.« – »Aus Rodriganda, der Besitzung des Grafen Emanuel de Rodriganda y Sevilla?« – Ja, mein Herz.« – »Dort bin ich bekannt. Ich war einmal einige Zeit bei der Gräfin Rosa; sie besuchte dann auch uns in Madrid. Ich war leider älter als sie, sonst wären wir sicher Freundinnen geworden. Sie hatte sich nur einer einzigen Dame angeschlossen, einer Engländerin, die Amy Lindsay hieß.« – »Diesen Namen kenne ich; Sternau nannte ihn mir vorgestern.« – »Er kennt sie?« fragte Flora überrascht. – »Sehr gut. Er war zu gleicher Zeit mit ihr auf Rodriganda. Er war aus Paris dorthin gerufen worden, um einen Kranken zu operieren; dabei lernte er die Dame kennen, die jetzt seine Frau ist.« – »O weh!« sagte der Herzog enttäuscht. »Rodriganda ist klein. Dort gibt es keine einzige Familie, deren Tochter ich mir als Schwiegertochter wünschte.« – »Nicht?« fragte Otto, indem sein inneres Lächeln nun auch äußerlich zutage trat. »Eine Familie gibt es doch wohl dort, lieber Papa!« – »Welche wäre das?« – »Diejenige des Grafen.« – »Pah! Graf Emanuel sucht sich für seine Tochter keinen Arzt aus!« – »Warum nicht? Da doch der Herzog von Olsunna sich einen Maler ausgesucht hat?« – »Schelm!« – »Übrigens ist der jetzige Besitzer von Rodriganda nicht mehr Graf Emanuel, sondern dessen Sohn Alfonzo.« – »Wirklich?« rief der Herzog bestürzt. »So wäre Graf Emanuel gestorben? Wir haben längere Zeit im Ausland und überdies sehr abgeschieden gelebt; ich konnte also so rein private Ereignisse nicht verfolgen.« – »Man sagt allerdings, daß er gestorben sei, Sternau bezweifelt dies. Er reist doch eben deshalb, um den Grafen zu suchen, wie er mir erzählte.« – »Das verstehe ich nicht. Steht ihm die Familie des Grafen so nahe?« – »Freilich, lieber Vater! Der Graf ist sein Schwiegervater, und Gräfin Rosa ist seine Frau.«

Jetzt war es an Flora und ihrem Vater, überrascht zu sein, jedoch auf freudige Weise.

»Gräfin Rosa, seine Frau!« rief der Herzog. – »Meine gute, süße Rosa, meine Schwägerin!« rief Flora. – »Freilich, freilich!« lachte Otto, ganz entzückt darüber, daß er diesen zwei lieben Menschen eine so fröhliche Nachricht geben konnte. »Oh, Freund Karl hat keine Mesalliance getan; das fällt ihm gar nicht ein! Wir werden Rosa sehen. Sie wohnt jetzt ja in Rheinswalden, sie und Elvira mit ihrem Alim … Mein Gott, was ist das! Dieser Name …!«

Er war vom Stuhl emporgefahren und starrte verstört ins Leere.

»Was hast du?« fragte Flora. »Du meinst wohl den Kastellan Alimpo, der immer spricht: Das sagt meine Elvira auch?« – »Ja, den meine ich. Ich kenne ihn nicht, aber Sternau hat mir von ihm erzählt. Oh, und an ihn dachte ich nicht. Gott, wäre es möglich!« – »Was denn?« rief Flora fast angstvoll, als sie Ottos erschreckte Züge sah.

Er beantwortete diese Frage nicht, sondern wandte sich zu dem Herzog:

»Lieber Vater, du kennst den Grafen Emanuel?« – »Ja, sehr gut.« – »Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?« – »Vor zwei Jahren. Er ist blind geworden.« – »Er ist wieder sehend. Er war eben der Kranke, dessentwegen Sternau aus Paris geholt wurde; er hat ihn glücklich operiert, so daß er wieder sehen kann. Und du, Flora, kennst du den Grafen auch?« – »Ja, ich war ja bei ihm.« – »Würdet ihr ihn wiedererkennen, selbst wenn er durch eine abzehrende Krankheit erschreckend hager geworden wäre?« – »Ich hoffe es«, sagte der Herzog. – »Ich auch«, stimmte Flora bei. »Die Züge, die Graf Emanuel trägt, können sich nicht in der Weise verändern, daß man ihn nicht erkennen könnte. Warum fragst du so, Otto?«

Der junge Maler antwortete abermals nicht Es war ein beinahe ungeheuerlicher Gedanke, der ihn in Anspruch nahm. Sternau hatte ihm seine Erlebnisse mitgeteilt und dabei auch den treuen Alimpo und seine Elvira erwähnt. Er hatte ferner im Lauf des Gesprächs erwähnt, daß der wahnsinnig gewordene Graf Emanuel nichts gesprochen habe, als einige stereotype Worte; er habe sich für seinen Diener gehalten. Diese stereotype Redensart hatte Sternau leider aber nicht wörtlich angeführt.

Nun war Otto auf dem Leuchtturm gewesen und hatte den Wahnsinnigen gesehen und auch sprechen gehört. Das war ihm eingefallen, aber er hatte die gehörten Worte in keinerlei Beziehung zu der Angelegenheit der Rodrigandas gebracht. Jetzt aber, da er von Sternau gesprochen hatte, war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, ob der Wahnsinnige auf dem Leuchtturm nicht Graf Emanuel sein könne. Dieser Gedanke war, wie bereits gesagt zwar ungeheuerlich, aber es war bisher so Außerordentliches geschehen, daß man alles für möglich halten konnte.

Er faßte einen Entschluß und trat an das kleine Schreibpult, das in dem Zimmer stand, nahm ein weißes Blatt Papier und schrieb darauf:

»Dringendes Telegramm an Frau Doktor Sternau in Rheinswalden bei Mainz.

Welches sind die Worte, die Graf Emanuel immer wiederholte, als er wahnsinnig geworden war? Bitte um sofortige Rückantwort Sehr eilig und wichtig. Meine Adresse weiß Frau Sternau.«

Er las die Depesche den beiden vor.

»Was soll das bedeuten? Warum fragen Sie an?« fragte der Herzog. – »Weil es möglich ist, daß ich den Grafen hier gesehen habe.« – »Hier? Es häufen sich immer mehr Rätsel. Der Graf ist wahnsinnig. Er soll hier sein!« – »Es ist möglich. Ich werde Ihnen sogleich alles erzählen.«

Otto klingelte und übergab dem Diener die Depesche zur schleunigen Besorgung. Dann fand er Zeit, alles zu erzählen, was Sternau ihm berichtet hatte. Man kann sich denken, mit welcher Spannung die Augen der beiden Zuhörer an seinen Lippen hingen. Wie sie stolz leuchteten, wenn er einen neuen Zug von Sternaus Mut und Tatkraft erwähnte; wie verhielten sie den Atem, wenn er berichtete, daß sein Freund sich in Gefahr befunden habe! Es war so vieles, so Unglaubliches! Und nun war dieser Held gar zur See gegangen, um den Knoten der Verwicklung zu zerhauen, wie einst der mazedonische Alexander.

Hunderte von Ausrufungen der Freude, des Schmerzes, des Staunens, der Bewunderung, des Entzückens, des Schreckens unterbrachen ihn. Es verging weit über eine Stunde, ehe Otto bis an den gestrigen Tag und seinen Besuch auf dem Leuchtturm gelangt war. Als er geendet hatte, schlug der Herzog die Hände zusammen und rief:

»Welch ein Mensch ist dieser Sternau, mein Sohn! Ich werde ihn mit Freuden in meine Arme schließen, wenn Gott mir die Gnade gewährt, ihn wiederzusehen.« – »Und ich werde stündlich für ihn beten«, fügte Flora bei, »daß der gute Gott ihn beschützen möge auf seinem gefahrvollen Weg. Zürne ihm nicht, mein Vater, daß er sein schönes Weib verlassen hat, um den Bösewicht zu verfolgen.« – »Zürnen? O nein!« sagte Olsunna. »Wenn meine Stimme hinaustönen könnte über die weite See, so würde ich ihm nachrufen, daß ich ihn für diesen kühnen Entschluß segne. Nun ich weiß, was ihn auf seiner kleinen Nußschale hinausgetrieben hat in die Wüste des Meeres, bin ich überzeugt, daß er zurückkehren wird. Gott muß einen solchen Mann beschützen; er kann den Gerechten nicht untergehen lassen, um den Ungerechten mit Glück zu überschütten. Jetzt aber liegt uns der Graf Emanuel nahe. Was werden wir tun, mein Sohn?« – »Wir gehen sofort nach dem Leuchtturm und rekognoszieren den Wahnsinnigen«, erwiderte Flora. »Mann kann nicht begreifen, wie er hierher kommen konnte, aber nun ich deine Erzählung gehört habe, Otto, ist mir selbst das Allerunglaublichste glaubhaft geworden.«

– »Wir wollen nicht unvorsichtig sein«, antwortete der Maler. »Dieser Wärter Gabrillon ist mir sehr verdächtig erschienen, aber …« – »Ach«, unterbrach ihn der Herzog, dem ein neuer Gedanke kam, »was hat diese Zarba bei ihm gewollt?« – »Zarba, die Zigeunerin, von der Sternau mir erzählte?« fragte Otto. – »Ja, dieselbe.« – »Sie war gestern auf dem Leuchtturm?« – »Gestern. Sie sprach ja auch mit uns. Ach, das zu erzählen, hatte ich vergessen, mein Sohn.« – »Da gewinnt meine Vermutung sehr an Wahrscheinlichkeit. Diese Zarba hat überall die Hand im Spiel. Wenn sie hier gewesen ist so steht zu erwarten, daß sie einen Faden der uns jetzt interessierenden Begebenheiten bis hierher gesponnen hat. Dieser Gabrillon hat ganz das Aussehen eines Zigeuners; sie soll ja die Königin der Gitanos sein. Und warum hat er keine Legitimation über den Wahnsinnigen auf der Mairie niedergelegt?« – »Wir müssen sofort zu ihm!« rief Flora. – »Nein, jetzt noch nicht. Wir müssen erst die Antwortdepesche aus Rheinswalden erwarten, dann können wir mit um so größerer Sicherheit auftreten. Wie gut daß ich mein Telegramm als dringend bezeichnet habe! Wir können die Antwort bereits in zwei Stunden erhalten, und ich werde um diese Zeit mich nach meiner Wohnung verfügen, um sie empfangen zu können.«

Es wurden nun die Einzelheiten besprochen, die vorher nicht ausführlich zu behandeln gewesen waren. Der Herzog fühlte sich gar nicht mehr krank. Durch die Schicksale seines Sohnes hatte sein Geist eine Spannkraft erhalten, die sich auch seinem Körper mitteilte. Er war nicht müde, er sah zwar hager, aber sehr wohl aus, und als die Zeit gekommen war, trieb er selbst den Maler fort, damit die Eröffnung der erwarteten Depesche ja keinen Augenblick verzögert werde.

Otto ging nach seinem Hotel, aber noch war keine Antwort da. Er wartete von Viertelstunde zu Viertelstunde – da endlich klopfte es an, und der Bote des Telegrafenamts trat ein. Er riß, als dieser die Tür kaum hinter sich geschlossen hatte, das Telegramm auf und verschlang die Worte. Ja, da stand, nach vorheriger Angabe der Adresse, die wichtige, verhängnisvolle Antwort:

»›Ich bin der treue, gute Alimpo.‹

Gott, warum fragen Sie? Haben Sie eine Spur gefunden? Teilen Sie es mir ja sogleich mit

Rosa Sternau.«

Er steckte das Telegramm ein, nahm den Hut und stürmte zur Tür hinaus und die Treppe hinab, ohne sich erst Zeit zu nehmen, die Tür zu verschließen. Die Leute blickten ihm verwundert oder lächelnd nach, als sie ihn im Sturmschritt vorüberlaufen sahen. Erst vor dem Eingang der Mairie holte er Atem, dann begab er sich nach der Expedition, klopfte an und trat ein, ohne die Aufforderung dazu abzuwarten.

Der Beamte sah ihn halb freundlich, halb mißbilligend an und fragte:

»Sie scheinen es sehr eilig zu haben, Monsieur? Wollen Sie mir vielleicht melden, daß Sie mit der gestrigen Genugtuung zufrieden sind?« – »Ja, das will ich, mein Herr. Also meinen besten Dank! Aber ich komme in einer noch viel, viel wichtigeren Angelegenheit.« – »Ah!« sagte der Maire, indem er sich erhob und erwartungsvoll die Brille von der Nase auf die Stirn schob. »Es muß allerdings sehr wichtig sein, denn Sie sind ganz echauffiert!« – »Das hat seinen guten Grund. Ich komme, um mir in einer kriminellen Angelegenheit Ihre amtliche Hilfe zu erbitten.« – »Kriminell?« fragte der Beamte, indem er schnell die Brille wieder auf die Nase rückte und den jungen Mann forschend anblickte. »Ach, kriminell! Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?« – »Ich denke.« – »Kriminell kommt her von crimen, Verbrechen; es handelt sich also um ein Verbrechen?« – »Ja. Sie haben schleunigst eine Zigeunerin namens Zarba verfolgen zu lassen, respektive dem Präfekten sofort telegrafisch Meldung zu tun, daß er diese Verfolgung in seinem ganzen Kreis anbefiehlt. Sie ist gestern hiergewesen. Ferner haben Sie …« – »Pst, Monsieur!« unterbrach ihn der Maire. »Nicht so hitzig! Was ich tue, oder was ich zu tun habe, das werde ich selbst entscheiden, nachdem ich gehört habe, um was es sich handelt. Bis jetzt hatten Sie nicht die Güte, es mir mitzuteilen.«

Otto verbeugte sich ein wenig.

»Verzeihen Sie, Monsieur!« sagte er. »Ich bin so aufgeregt, daß ich wirklich die schuldige Höflichkeit verletzt habe. Gestatten Sie mir also, Ihnen das Nötige in kurzen Worten zu sagen!« – »Gut, setzen wir uns!«

Sie nahmen Platz, und Otto begann:

»Der spanische Graf Emanuel de Rodriganda y Sevilla wurde plötzlich geisteskrank, und einer der bedeutendsten Ärzte konstatierte, daß dies die Folge einer Dosis Kuraregift oder Pohon Upas sei, die ihm verbrecherischer Weise beigebracht worden war. Es gab Personen, die Veranlassung hatten, den Grafen zu töten, oder wenigstens seiner Selbstbestimmung zu berauben, um sein Erbe anzutreten. Der betreffende Arzt nahm ihn in Behandlung; er hätte ihn hergestellt, aber des anderen Morgens war der Graf verschwunden. Später fand man in einem nahen Abgrund eine Leiche. Die betreffenden Leute rekognoszierten dieselbe als diejenige des Grafen, der Arzt aber behauptete, es sei der Körper eines ganz anderen Menschen. Die Personen, von denen ich spreche, waren mächtig, die Aussage des Arztes wurde nicht berücksichtigt, und man setzte die Leiche als die des Grafen in der Familiengruft bei. Auch Gräfin Rosa, die Tochter des Grafen, war durch eine Dosis des erwähnten Giftes um den Gebrauch ihres Verstandes beraubt worden, der erwähnte Arzt aber entriß sie mit Gewalt den Händen ihrer Feinde, entführte sie in das Ausland und stellte sie vollständig wieder her.« – »Parbleu! Das ist ja ein Kriminalroman, wie er im Buche steht! Aber was habe ich als französischer Maire mit einem Verbrechen zu tun, das in Spanien vollbracht wurde?« – »Was ist jetzt sagte, betrifft Sie nicht, mein Herr; es war nur die Einleitung. Der Arzt war überzeugt, daß man eine falsche Leiche untergeschoben und den wahnsinnigen Grafen entfernt habe. Er sucht ihn jetzt überall, sogar auf der See, kann ihn aber nicht finden, denn der Wahnsinnige ist mit Gewalt nach Frankreich geführt worden und wird dort gefangengehalten.« – »Donnerwetter! Das ginge uns nun allerdings etwas an! Aber warum kommen Sie gerade zu mir?« – »Weil sich das Versteck in Ihrem Amtsbereich befindet.« – »Teufel! Ein crimen, ein ordentliches, regelrechtes crimen! Ich werde sofort einschreiten. Wo befindet sich der Graf?« – »Auf dem Leuchtturm!«

Der Maire fuhr einige Schritte zurück und rief entsetzt:

»Unmöglich!« – »Nein, wirklich! Sie können in arge Verlegenheit geraten, Monsieur! Sie haben einen wahnsinnig Gemachten aufgenommen, ohne nach seiner Legitimation zu fragen. Derjenige, den Gabrillon für seinen Verwandten ausgibt, ist der Graf Emanuel de Rodriganda.«

Dem Maire stand bereits der Angstschweiß auf der Stirn.

»Höchst fatal!« sagte er. Ich werde diesen Gabrillon coram nehmen! Aber, mein Herr, können Sie beweisen, daß dieser Mann wirklich der Graf ist?« – »Ja. Als er vom Wahnsinn befallen wurde, verging ihm das Gedächtnis vollständig; dies ist eine spezifische Wirkung des Gifts. Nur eine Erinnerung ist ihm geblieben. Es befand sich sein Kastellan Alimpo bei ihm, und dies hat er festgehalten; er hält sich für jenen Diener und sagt stets nur die Worte: ›Ich bin der treue, gute Alimpo.‹ Sie geben zu, daß kaum die Möglichkeit vorhanden ist, daß ein zweiter Wahnsinniger auf gerade diese Monomanie und ganz dieselben Worte verfällt. Sie sind also ein sichere Erkennungszeichen.« – »Wahrscheinlich. Doch müßte zuvor amtlich bestätigt werden, daß der unglückliche Graf sich gerade dieser Worte bedient hat.« – »Diese Bestätigung wird mir leicht werden. Aber es gibt hier noch Herrschaften, die den Grafen ganz genau kennen und ihn rekognoszieren werden.« – »Das wäre allerdings sehr wesentlich. Aber sind diese Personen nicht etwa gerichtlich zu beanstanden?« – »Nein. Es sind der Herzog von Olsunna und Prinzeß Flora, seine Tochter.« – »Das genügt! Das genügt vollständig, mein Herr!« – »Um ganz sicher zu gehen, habe ich an die Gräfin Rosa de Rodriganda depeschiert und um telegrafische Mitteilung jener Worte gebeten. Hier ist die Antwort. Bitte, lesen Sie!« – »Ah! ›Ich bin der treue, gute Alimpo!‹ Richtig! Hm! Mein Herr, ich stehe mit allen Kräften zu Diensten, aber ich hoffe, daß Sie diese fatale Angelegenheit in einer Weise behandeln, die mir keinen Schaden wegen meiner kleinen Vergeßlichkeit bringt.«

Dieser Mann hatte wirklich Angst.

»Ich werde mich bemühen, Ihren Wunsch zu erfüllen«, antwortete der Maler. – »Aber was ist's mit jener Zigeunerin? Zarba heißt sie, nicht wahr?« – »Sie ist jedenfalls diejenige, die in diese Angelegenheit eingeweiht ist. Sie ist vielleicht eine Bekannte Gabrillons und war gestern vormittag hier, ihn zu besuchen. Wir müssen sie finden!« – »Ich werde alles tun, was Sie befehlen.« – »So geben Sie sofort Order, daß nach der Zigeunerin gefahndet werde, und sodann kommen Sie mit der nötigen Hilfe zum Herzog. Wir begeben uns nach dem Leuchtturm; das übrige wird sich finden.« – »Schön! Gut! Vortrefflich. In einer Viertelstunde werde ich bei Durchlaucht sein. Ich finde Sie dort?« – »Ja, ganz sicher!« – »Sie malen wohl für die Durchlaucht?« – »Nein«, antwortete Otto lächelnd. »Ich bin der Verlobte der Prinzessin.«

Der Maire schob die Brille zurück, trat beiseite und rief:

»Unmöglich, mein Herr!« – »Warum unmöglich, Monsieur?« – »Sie ein Maler, und die Durchlaucht eine herzogliche Prinzessin?« – »Überzeugen Sie sich selbst« – »Also doch! Also wirklich! Gratuliere demütigst Monseigneur, gratuliere!«

Er machte die tiefste Reverenz, die er fertigbrachte, und begleitete den Verlobten einer Prinzessin bis auf die Straße, wo er die Brille von der Nase nahm und mit derselben einige Höflichkeitsphrasen in die Luft zeichnete.

Nun eilte Otto zu Olsunna. Dort war seine Rückkehr mit der größten Ungeduld erwartet worden, und als er eintrat riefen ihm zwei Stimmen zugleich entgegen:

»Wie ist's? Wie steht's?«

Er blieb vor ihnen stehen, faltete die Depesche auseinander und las:

»›Ich bin der treue, brave Alimpo! Gott, warum fragen Sie? Haben Sie eine Spur gefunden? Teilen Sie es mir ja sogleich mit, Rosa Sternau.‹« – »Also er ist es!« rief der Herzog. – »Kein Zweifel!« – »Nun sogleich nach dem Leuchtturm, vorher aber auf die Mairie!« sagte Flora. – Ich war bereits dort. In einer Viertelstunde ist der Maire hier.« – »Recht so, mein Sohn!« meinte Olsunna. »Aber werde ich bis zum Leuchtturm gehen können?« – »Dies wird gar nicht nötig sein, mein lieber Vater. Wir bringen den Grafen her. Der Maire wird ganz gern darauf eingehen.« – »Aber ich gehe mit!« sagte Flora entschlossen. »Oh, warum mußte uns der Bruder so schnell verlassen! Er hätte hier einen der Gesuchten gefunden.«

Der Maire stellte sich eher ein, als er gesagt hatte. An dieser Eile war jedenfalls der Rang der Personen schuld, mit denen er es zu tun hatte. Er erging sich in den demütigsten Verbeugungen und Redensarten und meldete, daß er drei Gendarmen und noch fünf handfeste Zivilisten mitgebracht habe.

»So vieler Menschen bedarf es gar nicht«, sagte Otto lächelnd. »Wir wollen kein Aufsehen erregen und uns deshalb verteilen. Wir nähern uns dem Turm in der Art und Weise von absichtslosen Spaziergängern, das übrige wird sich dann ergeben.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen, und man entfernte sich. Otto nahm Flora am Arm, die ihm mitteilte, daß auch ihr Diener den Grafen de Rodriganda genau kenne. Er hatte früher sogar in dessen Diensten gestanden und erinnerte sich genau eines kleinen Males, das die Erlaucht gerade unterhalb des linken Ohres habe. Das war ein Zeichen mehr.

27. Kapitel.

Ungefähr eine halbe Stunde bevor sich die Beteiligten in Bewegung setzten, huschte eine Frauengestalt hart am Gestade längs der Küste hin, so daß man sah, daß sie nach dem Turm wollte. Es war Zarba. Sie hatte keine Ahnung von der Gefahr, die ihr drohte, sondern sie schlug diesen abgelegenen Weg nur deshalb ein, weil sie nicht mehr vor dem von dem Herzog bewohnten Häuschen vorüber wollte. Die ihr gestern von Flora und dann von dem Diener gegebene Lektion wollte sie nicht noch erneuert haben.

Als sie den Turm erreichte, trat sie ein, stieg die Treppe empor und wollte eben klingen, als die Tür geöffnet wurde. Gabrillon war es.

»Ich sah dich kommen«, sagte er. »Warum kommst du so früh?« – »Es ist besser, ich bin bei dir, wo mich niemand sieht, als draußen auf der Straße oder im Feld, wo man mich bemerken könnte. Es gibt Leute hier, die mich kennen«, sagte sie. – »Wann kommen deine Leute?« – »Gleich nach Beginn der Dunkelheit. Sie bringen ein Boot mit. Man hat nichts gesehen, als der Graf gebracht wurde, so soll man auch nichts sehen, wenn wir ihn wieder fortschaffen.« – »Es wird Zeit!« brummte der Wärter. »Sogar dieser Fremde schien Verdacht zu schöpfen.« – »Wer ist es? Kennst du ihn?« – »Nein, ich habe vom Turm aus beobachtet, daß er in das Haus des Herzogs ging.« – »Dann ist er uns gefährlich!« sagte sie rasch. »Hast du die Papiere, die ich dir mit dem Grafen sandte, hervorgesucht?« – »Ja. Sie liegen oben beim Ofen schon bereit.« – »So laß sie uns sogleich verbrennen. Man weiß nicht, was geschehen kann. Wie befindet sich der Graf, Gabrillon?« – »Wie immer. Er war mir eine große Last, und ich bin froh, daß ich ihn loswerde.«

Sie stiegen empor bis zu dem Gemach, das dem Wärter als Wohnung diente. Dort stand ein Ofen, und auf einem Schemel daneben lag ein altes, geöffnetes Kästchen, in dem sich einige Papiere befanden. Sie enthielten den Ausweis über die Person des Grafen, über den Leichenraub und die Verwechslung des Toten mit dem Grafen. Es wäre daraus manches klargeworden, vor allen Dingen aber die Absicht der Zigeunerin, dem Grafen nicht an Leib und Leben zu schaden, sondern ihn nur zum Werkzeug ihrer Rache zu gebrauchen.

Sie las den Inhalt durch und steckte dann die Papiere in den Ofen, ein daran gehaltenes Zündhölzchen versetzte sie in lodernden Brand.

»So«, sagte sie. »Und wenn selbst in diesem Augenblick etwas passierte, so könnte man uns doch nichts beweisen. Dein Vetter Marcello ist gestorben, ihn können sie nicht anfassen, und so würdest du sagen, daß er es gewesen ist, der dir den Wahnsinnigen brachte. Jetzt komm wieder hinab in die niedere Stube. In dieser schwindelnden Höhe wird es mir angst«

Sie stiegen hinab, und eben, als sie in den Raum kamen, klingelte es, Gabrillon öffnete und blickte hinaus. Er sah Otto, hinter dem Flora auf der steilen Treppe stand.

»Was wollen Sie schon wieder?« fragte er zornig. – »Ich wünsche, dieser Dame von der Höhe des Leuchtturms aus die See zu zeigen«, antwortete er und trat ohne alle weiteren Umstände ein und die Dame mit ihm. Er kannte Zarba nicht, er hatte sie noch nie gesehen, darum beachtete er sie mit keinem Blick. Die Zigeunerin aber, die ihre Zurechtweisung nicht vergessen konnte, fühlte sich unter dem Schutz Gabrillons sicher, wandte sich an Flora und sagte:

»Das ist ja die schöne, stolze Dame, die mich nicht anhören wollte! Jetzt wird sie wohl erlauben müssen, daß ich rede. Ihr Vater ist …«

Otto, der sofort begriff, wen er vor sich hatte, unterbrach sie rasch, indem er die Geliebte fragte:

»Ist diese Person die Zigeunerin Zarba, von der wir sprachen?« – »Ja, ich bin Zarba«, antwortete die Alte hastig selbst. »Also der stolze Herr hat bereits von mir gehört? Nun, so werde ich ihn zum Zeugen meiner Mitteilung machen, die ihn sehr interessieren wird.« – »Ich verzichte auf deine Mitteilungen, Alte!« antwortete der ihr stolz. »Mach Platz, wir wollen nach oben.« – »Ich mache nicht eher Platz, als bis ich gesprochen habe«, sagte sie hartnäckig, indem sie vor der zweiten Treppe stehenblieb. »Und wenn der Herr meint, daß das, was ich zu sagen habe, nicht nötig ist, da irrt er sich. Ich könnte diesen Herzog von Olsunna glücklich machen, wenn ich wollte, aber ich tue es nicht Ich weiß, wer …« – »Schweig!« gebot er ihr. »Leute deines Gelichters hätten das Zeug, einen Herzog glücklich zu machen.« Und in verächtlichem Ton sagte er: »Was du willst, das weiß ich. Wir brauchen deine Mitteilungen nicht; wir kennen Sternau besser als du. Da hast du deine Neuigkeiten. Packe dich fort!«

Otto schob Zarba zur Seite und stieg mit Flora, die die Alte keines Blickes gewürdigt hatte, die Treppe empor. Zarba widerstrebte nicht; sie stand ganz starr da und blickte den beiden mit weitgeöffneten Augen nach. Daß ihr Geheimnis verraten sei, daß der Herzog wußte, wer sein Sohn war, das hatte sie erschreckt, das machte einen großen Teil ihrer Pläne zunichte. Aber bald faßte sie sich und murmelte:

»Und dennoch sollt ihr ihn nicht haben! Der Waldhüter in Rheinswalden wird dafür sorgen!« Und dem Leuchtturmwärter flüsterte sie zu: »War dies der Fremde, der Verdacht gefaßt zu haben schien?« – »Ja«, antwortete Gabrillon leise. – »Und den du beim Herzog eintreten sahst?« – »Ja.« – »Ist die Tür zu dem Grafen verschlossen?« – »Nein, nur verriegelt.« – »So folge ihnen schnell, sie könnten die Absicht haben, ihn zu sehen.«

Er gehorchte diesen Worten und holte die beiden jungen Leute bald ein. Diese erreichten eben das dritte Stockwerk, in dem sich die kleine Kammer befand, die der Wahnsinnige bewohnte.

»Hier wird er sein«, sagte Otto zu Flora, indem er nach dem Riegel griff. – »Halt!« rief da Gabrillon, »Was wollen Sie hier?« – »Ich will mir nur deinen Vetter ansehen, Alter«, lautete die Antwort. – »Der geht Sie nichts an! Gehen Sie!« sagte der Wärter, indem er sich vor die Tür stellte. – »Vielleicht geht er mich doch etwas an! Gib Raum, sonst werde ich mir zu öffnen wissen!« – »Sie?« fragte Gabrillon mit funkelnden Augen. »Sollten Sie es wagen, mich anzugreifen, so werde ich mein Hausrecht zu verteidigen wissen.« – »Angreifen? Dich?« sagte Otto. »Pah! Du bist mir zu schmutzig! Wirst du nicht freiwillig öffnen, so wird man, auch ohne daß ich mich mit dir beschmutze, schon erfahren, warum man diesen Unglücklichen nicht sehen darf.« – »Nein, öffne nicht!« erklang es von der Tür her.

Zarba war ihnen gefolgt. Die Besorgnis um die Geheimhaltung des Wahnsinnigen hatte ihr keine Ruhe gelassen. Da zog Otto sein Taschentuch heraus und winkte damit durch die Fensteröffnung hinaus.

»Was ist das für ein Zeichen?« fragte Zarba argwöhnisch.

Otto antwortete ihr nicht, sondern horchte nach der Treppe hin, die nach unten führte. Es ließen sich bald rasche Schritte hören. Der Maire erschien.

»Wir treffen es sehr glücklich, Monsieur«, sagte der Maler zu ihm. »Dieses Weib ist die Zigeunerin, die wir suchen.« – »Ah! Schon gut!« erwiderte der Beamte, indem er die Alte durch seine Brille musterte. »Du also bist das Weib, das gestorbene und begrabene Leute versteckt?«

Sie erschrak bei diesen Worten, beherrschte aber ihren Schreck und antwortete:

»Ich verstehe Sie nicht. Wer sind Sie?« –»Ich bin der Maire und wünsche einige Worte mit dir zu sprechen, Alte. Zuvor aber sollt ihr uns einmal den Wahnsinnigen zeigen. Wo ist er?«

Jetzt sah Zarba ihre Befürchtung eingetroffen, aber sie erkannte auch, daß an eine Gegenwehr gar nicht gedacht werden konnte. Hier war nur ein hartnäckiges Leugnen am Platz, und dann kamen ja heute abend ihre Leute, um den Grafen zu holen und an einen anderen sicheren Ort zu schaffen.

»Da drin ist er«, sagte Gabrillon, auf die Tür deutend.

Er war nicht sehr besorgt, denn er glaubte es nur mit dem Maire zu tun zu haben.

»Also er ist ein Verwandter von dir?« fragte dieser. »Wie heißt er?« – »Anselmo Marcello.« – »Und woher ist er?« – »Aus Varissa.« – »Hast du seine Legitimationen in Ordnung?« – »Mein Vetter brachte ihn zu mir und versprach, mir diese Papiere zu senden. Er ist aber unterdessen gestorben.« – »So hättest du dir diese Papiere durch einen anderen besorgen lassen sollen. Ich werde mich in Varissa erkundigen, ob dieser Vetter wirklich einmal verreist war, um dir diesen Mann zu bringen. Öffne die Tür!«

Der Wärter gehorchte, und nun sahen sie ein Kämmerchen vor sich, kaum so lang und breit, um für einen Strohsack Raum zu bieten. Auf diesem lag der Wahnsinnige. Als er die Anwesenden sah, erhob er sich. Sein Auge ruhte geistesabwesend auf ihnen, und in klagendem Ton sagte er:

»Ich bin der treue, gute Alimpo.« – »Hören Sie, Monsieur!« sprach Otto zu dem Maire. – »Ja, es sind wahrhaftig diese Worte!« meinte dieser. Und sich zu Flora wendend, fragte er: »Finden Sie eine Ähnlichkeit, Durchlaucht?«

Die Augen der Gefragten hatten erst forschend auf dem Wahnsinnigen geruht, jetzt aber waren sie bereits voller Tränen. Sie trat auf den Kranken zu, faßte seine beiden Hände und fragte unter tiefer Bewegung:

»Erlaucht, Don Emanuel, kennen Sie mich noch?« – »Ah, er ist es also?« rief der Maire. »Ja, Monsieur, er ist es!« beteuerte Flora. »Ich kenne ihn zu gut, es ist der Graf Emanuel und kein anderer. Er ist hagerer geworden, hat sich aber sonst nicht im mindesten verändert, ausgenommen nur, daß er sehen kann. Oh, Don Emanuel, reden Sie doch! Sagen Sie mir doch, ob Sie mich erkennen! Ich bin Flora Olsunna, die Sie in Rodriganda besucht hat.«

Der Kranke hielt seine Augen mit einem öden, leeren Blick auf sie gerichtet. Sein Gesicht war bleich, wie aus Wachs geformt, ohne Bewegung, ohne einen einzigen Zug, der auf eine Spur von noch vorhandenem Seelenleben hätte schließen lassen. Nur seine bleichen Lippen öffneten sich, und mit jener Stimme, die dem Erzeugnis einer künstlichen Sprechmaschine glich, sagte er:

»Ich bin der treue, gute Alimpo!«

Otto fühlte sich von diesem Anblick tief ergriffen, auch der Maire räusperte sich, um eine Aufwallung des Mitleids zu bekämpfen, die er mit der Würde seines Amtes nicht vereinbar hielt. Flora aber fühlte ihr ganzes Gemüt in Aufruhr. Ein unendlicher Jammer trieb ihr immer neue Tränen in die Augen, es überkam sie ein so herzliches, so inniges Erbarmen über den Anblick dieses früher so oft gesehenen Mannes, daß sie die Arme um ihn schlang und unter lautem Schluchzen rief:

»Oh, mein guter, unglücklicher Don Emanuel, wie finde ich Sie wieder! Wer Ihnen das angetan hat, wird es in jenem Leben nicht verantworten können.«

Zarba war erschrocken, als sie den Grafen erkannt sah. Sie trat jetzt vor und sagte:

»Diese Donna irrt sich. Der Kranke ist Anselmo Marcello, ich kenne ihn.« – »Schweig, Betrügerin!« rief Flora. »Herr Maire, ich fordere Sie auf, dieses Weib und den Wärter festzunehmen!« – »Uns?« fragte da Gabrillon mit gut gespielter Entrüstung. »Was habe ich getan? Dieser alte, verrückte Mann ist mein Vetter. Wenn er ein Graf wäre, so wäre er nie wahnsinnig geworden. Die Not und der Hunger haben ihn um den Verstand gebracht. Ich habe ihn aus Mitleid zu mir genommen und soll nun zum Lohn dafür gefangengesetzt werden? Es ist lächerlich!«

Der Maire fühlte sich durch diese Auslassung außerordentlich beleidigt.

»Ruhe!« gebot er. »Was das Gericht und die Polizei tun, das ist niemals lächerlich. Du bist mein Gefangener. Ich verhafte dich und die Zigeunerin im Namen des Gesetzes!« – »Verhaften? Mich?« fragte Gabrillon. »Greift zu, wenn ihr es fertigbringt!«

Er sprang auf den Maire, der das nicht erwartet hatte, zu, stieß ihn zur Seite und flog – nicht die Treppe hinab, wie er beabsichtigt hatte, sondern den Gendarmen in die Arme, die da postiert waren.

»Donnerwetter!« rief er erschrocken. – »Haltet ihn fest!« gebot der Maire. »Durch diesen Fluchtversuch hat er seine Schuld bestätigt. Nehmt auch dieses alte Weib fest. Sie soll uns sagen, wie sie den Grafen hergebracht hat!« – »Ich? Ich soll arretiert werden? Ich, die Unschuldige!« rief Zarba. »Ich bin die Königin der Gitanos, wer will mich richten! Ihr habt in diesem Augenblick die Gewalt mich festzunehmen, aber nicht die Macht, mich festzuhalten.« – »Keine Faselei, Alte!« sagte der Gendarm, der sie beim Arm faßte. »Dein Königreich ist der Bettel, und deine Untertanen sind Lumpen, man wird wenig Federlesens mit dir machen.«

Sie wurde zur Tür hinausgeschoben und, ebenso wie der Leuchtturmwärter, nach dem Gefängnis gebracht. Als sie fort waren, sagte der Beamte:

»Man wird ihnen wegen dieses crimen einen bösen Prozeß machen. Nun aber bitte ich die Herrschaften, sich zu seiner Durchlaucht, dem gnädigen Herzog, zu bemühen, um auch ihn zu fragen, ob er den Grafen erkennt« – »Wir haben noch einen Zeugen, nämlich den Diener des Herzogs«, bemerkte Otto. »Dieser hat früher bei dem Grafen Rodriganda gedient und kennt ihn ebenfalls. Er behauptet, daß Seine Erlaucht unterhalb des linken Ohres ein kleines Mal besitze.« – »Das können wir ja gleich untersuchen!« meinte der Maire, indem er zum Grafen trat und die Stelle betrachtete. »Ja wahrhaftig, hier ist es, das Mal! Er ist's, es ist kein Zweifel mehr. Lassen Sie uns gehen. Ich habe bereits dafür gesorgt daß der arretierte Wärter sogleich ersetzt wird.«

Der Graf ging ohne alles Widerstreben mit ihnen. Als sie das Fischerhaus erreichten, trat ihnen der Diener entgegen.

»Graf Emanuel!« rief er, sobald er diesen erblickte. Und nachdem er die linke Seite des Halses betrachtet hatte, fügte er hinzu: »Hier ist das Mal, meine Herren. Sehen Sie es? Das ist der Beweis, wenn Sie mir sonst nicht glauben wollen.« – »Wir haben das Mal bereits gesehen und glauben Ihnen«, sagte der Maire. »Es ist nur, um gar nichts zu versäumen, daß wir nun auch die Meinung Seiner Durchlaucht hören.«

Als sie beim Herzog eintraten, stand dieser aufrecht mitten in der Stube, und man sah es seinen Zügen an, daß er tief ergriffen war. Er hatte die Männer kommen sehen und den Grafen sogleich erkannt.

»Er ist's!« rief er ihnen entgegen. »Ich erkannte ihn bereits von weitem. O mein Gott, wie muß ich ihn wiedersehen!« – »So sind wir also einig«, meinte der Beamte. – »Ja, er ist's!« wiederholte der Herzog in überzeugendem Ton. Und indem er die Hand des Grafen ergriff, sagte er zu ihm: »Don Emanuel, blicken Sie mich an! Erkennen Sie Ihren Freund Olsunna?«

Der Graf schien gar nicht zu bemerken, daß eine Ortsveränderung mit ihm vorgenommen worden sei. Er nahm auch nicht die mindeste Notiz von seiner Umgebung, er merkte nur, daß gesprochen wurde, und erwiderte:

»Ich bin der treue, gute Alimpo!«

Nun wiederholte sich ganz derselbe rührende Auftritt, der bereits auf dem Turm stattgefunden hatte, bis endlich Otto den Maire fragte:

»Sie sind hoffentlich nun überzeugt, daß ein Irrtum nicht obwalten kann?« – »Gewiß, Monseigneur! Ich werde sofort nach meiner Heimkunft das Protokoll abfassen, und dann ist es meine Pflicht, nach Rodriganda zu berichten, daß man einen falschen Toten an Stelle des Grafen beerdigt hat, da derselbe hier bei uns aufgefunden worden sei. Aber, meine Herrschaften, wie verfügen Sie über den Wahnsinnigen? Soll auch hier die Behörde eingreifen, oder …« – »Nein, er bleibe bei uns!« sagte Flora. »Nicht wahr, lieber Papa?« – »Das versteht sich ganz von selbst«, antwortete der Gefragte. »Wir werden uns dann überlegen, was weiter zu geschehen hat.« – »Ich rate davon ab, ihn vorläufig wieder nach Spanien zu schicken und dadurch seinen Feinden wieder zu überliefern«, warnte Otto. »Wir reisen ja nach Deutschland und nehmen ihn mit, um ihn Donna Rosa, seiner Tochter, zu überbringen.« – »Das ist das allerbeste, was wir tun können«, stimmte der Herzog bei. – »Nun, dann bin ich beruhigt«, meinte der Maire. »Ich gehe jetzt, meine Pflicht zu erfüllen. Zu einem Verhör der Gefangenen ist es heute zu spät, ich werde es indessen morgen früh sofort vornehmen und Ihnen die Stunde anzeigen, da ich mir denken kann, daß Sie dabeisein wollen.«

Er empfahl sich, und nun wurde sofort nach der Stadt geschickt, um den Grafen mit anderen Kleidern und Wäsche zu versehen, er war in dieser Beziehung mehr als vernachlässigt worden. Dies war zum Anbruch des Abends geschehen, und nun saß der Graf bei den Freunden, ohne sie zu erkennen, ohne zu ahnen, was mit ihm vorgegangen war.

Sie besprachen sich darüber, ob es ratsam sei, seine Tochter sofort zu benachrichtigen. Nach längerer Überlegung beschlossen sie, es nicht zu tun. Der freudige Schreck hätte auf Rosa eine nachteilige Wirkung ausüben können. Und übrigens war vorauszusehen, daß Rosa die Ankunft nicht erwarten, sondern von ihrer Sehnsucht nach dem Vater getrieben werden würde, die weite Reise nach Frankreich zu unternehmen. Darum schrieb Flora mit Zustimmung der beiden Männer folgenden Brief nach Rheinswalden:

»An Frau Rosa Sternau in Rheinswalden bei Mainz.

Geehrte Dame!

Ich befinde mich meiner leidenden Gesundheit wegen in dem hiesigen Bad, doch haben weder der Brunnen noch die Ärzte es vermocht, den Fortschritt der Krankheit aufzuhalten. Da gefiel es Gott, mir Ihren Herrn Gemahl als Retter zu senden. Er kam auf seiner Jacht aus Greenock in Schottland, um hier Kohlen einzunehmen und dann weiterzufahren. Während seiner Anwesenheit gelang es ihm, mir neue Hoffnung einzuflößen, und ich befinde mich infolge der mir von ihm verabreichten Mittel bedeutend wohler, so daß ich fast die volle Überzeugung habe, durch ihn zu genesen.

Zur Genesung nun hat er mir eine Ortsveränderung anbefohlen. Ich soll mit meiner Tochter nach Deutschland an den Rhein. Und zwar wurde mir von ihm Rheinswalden vorgeschlagen. Er gab mir die Versicherung, daß mein Aufenthalt daselbst keine Beschwerden verursachen werde, und hat mich mit Empfehlungsbriefen an seine Frau Mama und den Herrn Hauptmann von Rodenstein versehen. Dann reiste er ab. Wohin sein Kurs gerichtet ist, darüber werden wohl die beiden Briefe Auskunft erteilen. Nachdem er uns verlassen hatte, kamen wir zur Kenntnis eines eigentümlichen Umstands, der für ihn wohl von großem Interesse gewesen wäre. Der Maler Otto von Rodenstein, der sich hier aufhält, ist der Verlobte meiner Tochter. Wir sprachen mit ihm von Ihrem Herrn Gemahl und erfuhren so einiges von den Verhältnissen, infolge deren Sie sich gegenwärtig in Deutschland befinden. Wir erfuhren, daß sich an einem Ort ein Wahnsinniger befinde, den man zu verbergen trachte und der immer nur die Worte sagt. ›Ich bin der treue, gute Alimpo!‹

Herr Rodenstein telegrafierte an Sie, um sogleich zu erfahren, ob es dieselben Worte seien, die Ihr Herr Vater, der Graf Emanuel, ausspreche, und ihre Antwort bestätigte dies. Nun haben wir sogleich mit unseren Recherchen begonnen und werden Ihnen den Erfolg derselben mitteilen.

Wollten Sie uns gestatten, diese Mitteilung mündlich zu machen, so würden wir sehr erfreut sein. Wir werden nach Verlauf einer Woche in Begleitung des Herrn von Rodenstein in Mainz eintreffen und dann auch erfahren, ob die Befolgung der Anordnung des Herrn Doktor Sternau auf Schloß Rheinswalden wirklich nicht mit Belästigungen für Sie verbunden ist.

Indem ich mich und meine Tochter Ihrer Güte empfehle, habe ich die Grüße des Herrn von Rodenstein beizufügen und zeichne

mit der vorzüglichsten Hochachtung
Baron Franz von Haldenberg.«

Dieser Brief wurde noch am Abend zur Post gebracht, und es stand zu erwarten, daß er ganz den Eindruck hervorbringen würde, den man beabsichtigte.

28. Kapitel.

Zu derselben Zeit, in der die drei mit diesem Brief beschäftigt waren, geschah etwas, was mit den heutigen Begebenheiten eng zusammenhing.

Es war dunkel, und die gewöhnliche Abendkühle wehte leicht über die Fluten des Meeres dahin. Ein Boot kam um die südliche Landzunge, die die Bucht begrenzt, herumgesteuert. Es saßen sechs Männer in demselben, von denen vier ruderten, einer das Steuer und einer das Kommando führte.

»Das ist das Licht des Leuchtturms«, sagte der letztere. »Wir halten gerade auf denselben zu und legen an der Klippe an.«

Das geschah. Als das Boot festsaß, stieg nur dieser eine aus und ging nach dem Turm. Er schien hier bekannt zu sein, denn er trat ein und stieg die Treppe empor, um an der ersten Tür zu klingeln.

Der von dem Make neu angestellte Wärter erschien und fragte nach dem Begehr des Fremden.

»Ich will mit dem Wärter des Leuchtturms sprechen«, antwortete dieser. – »Der bin ich.« – »Sie? Ich denke, er heißt Gabrillon?«

In seinem Ton drückte sich ein großes Erstaunen aus.

»Gabrillon hatte dieses Amt bis heute, wurde aber von demselben suspendiert.« – »Alle Wetter! Warum?« – »Er wurde arretiert.«

Wäre der Schein der kleinen Öllampe auf das Gesicht des Fremden gefallen, so hätte der Wärter bemerken können, daß sein scharfgezeichnetes, verbranntes Gesicht den Ausdruck des höchsten Schreckens zeigte.

»Arretiert? Warum?« erklang nach einiger Zeit die gefaßte Frage. – »Hm! Das ist eine sehr schlimme Angelegenheit! Er wird wohl für lebenslang die Galeere erhalten. Sind Sie etwa ein Freund oder gar ein Verwandter von ihm?« – »Nein, er geht mich gar nichts an, als daß er mir eine kleine Summe schuldig ist«, log der Fremde. – »Da verzichtet nur! Er ist mit einer Zigeunerin von dem Herrn Maire selbst gefangengenommen worden …« – »Mit einer Zigeunerin?« fragte der Fremde rasch.

Der Ton seiner Stimme zitterte, und sein Schreck war jetzt jedenfalls noch viel größer als vorher. Der Wärter bemerkte oder beobachtete dies jedoch nicht und antwortete:

»Ja. Dieses Weib heißt Zarba. Gabrillon hat einen spanischen Grafen, den man wahnsinnig gemacht hat, bei sich festgehalten, und die alte Hexe ist seine Mitschuldige.« – »Das ist schlimm, verdammt schlimm«, sagte der Fremde mehr zu sich selbst als zu dem Wärter. – »Ja«, meinte dieser. »Man sollte ihnen den Strick geben, anstatt der Galeere.« – »Und was ist mit dem Grafen geworden?« – »Er befindet sich bei dem Herzog von Olsunna, der derjenige ist, durch den die Sache an den Tag kam.« – »Ah, der Herzog befindet sich hier?« – »Ja, er ist todkrank und wohnt mit seiner Tochter in dem Haus des Schiffers Jean Foretier. Es ist das erste Haus, wenn man von hier nach der Stadt geht. Wie ich Ihnen sagte: Streichen Sie die Schuld aus, Sie erhalten nichts.« – »Und wo ist die alte Frau, die bei Gabrillon war?« – »Niemand weiß es. Sie ist in der Stadt gewesen, als er verhaftet wurde, und seit dieser Zeit nicht wieder gesehen worden. Sie wird von der Verhaftung gehört und sich da gleich aus dem Staub gemacht haben. Aber ich muß nach dem Leuchtapparat sehen und habe keine Zeit mehr. Gute Nacht.«

Der Fremde ging und kehrte nach dem Boot zurück. Als man ihn dort allein kommen sah, fragte der, der am Steuer saß:

»Nun, Garbo, wie steht es? Es ist hoffentlich alles in Ordnung.«

Der Gefragte war also Garbo, der vertraute Zigeuner Zarbas, der damals die Ausgrabung der Leiche und die Entfernung Don Emanuels geleitet hatte. Er antwortete:

»Es ist vielmehr alles in der verfluchtesten Unordnung. Haltet euch ruhig! Dieser Gabrillon ist ein großer Esel, er ist arretiert worden, und da Zarba bei ihm war, hat man sie mit eingesteckt.«

Alle Männer in dem Boot waren Zigeuner. Sie erschraken, vermieden aber jeden Ausruf, der ihre Anwesenheit hätte verraten können. Der Steuerer erkundigte sich leise:

»Weshalb hat man sie denn arretiert?« – »Man hat entdeckt, daß der Wahnsinnige der Graf ist«, antwortete Garbo und erzählte alles, was er erfahren hatte.

Die Gitanos hielten nun eine kurze Beratung, deren Ergebnis war, daß man die Königin befreien müsse. Sie zerstreuten sich, um zu rekognoszieren, und nur einer blieb bei dem Boot zurück, um dasselbe zu bewahren.

Als sie sich nach einiger Zeit wieder zusammenfanden, war das Ergebnis ihrer Nachforschung ein nicht ganz unbefriedigendes. Diese Leute waren im Nachspüren alle außerordentlich erfahren, und so wußten sie nach kurzer Zeit, daß der Inspektor des Gefängnisses alle Abende in das Weinhaus gehe und spät nach Mitternacht heimkehre. Seine Familie legte sich zeitig schlafen, und der Schließer, der der einzige war, dem die Bewachung des Gefängnisses oblag, pflegte dann eine gegenüberliegende Absinthkneipe zu besuchen, anstatt seinen Pflichten nachzukommen. Garbo hatte sich sogar nach dem Gefängnis gewagt und sowohl den Inspektor als auch den Schließer gesehen.

Es wurde nun beschlossen, den Ausgang des Gefangenenhauses heimlich zu bewachen. Den Inspektor wollte man passieren lassen, den Schließer aber einfach niederschlagen oder erwürgen, ihm die Schlüssel abnehmen und dann die Gefangenen befreien.

Dies wurde ausgeführt. Bei der herrschenden Dunkelheit hatte kein Mensch eine Ahnung, daß fünf bewaffnete und entschlossene Männer sich in der Nähe des Gefängnisses befanden. Garbo stand dem Ausgang am nächsten. Er sah den Inspektor gehen. Später verlöschten die Lichter in der Wohnung desselben, dies war das Zeichen, daß die Seinen schlafen gingen.

Nun verging eine halbe Stande, dann wurde die Tür leise auf- und zugeschlossen, der Schließer trat seinen heimlichen Kneipweg an. Er hatte kaum einige Schritte getan, da legten sich zwei kraftvolle Hände von hinten um seine Kehle, die so zusammengepreßt wurde, daß er keinen Atem holen und keinen Laut ausstoßen konnte. Die Todesangst riß ihm den Mund weit auf, und sofort wurde ihm ein Knebel zwischen die Zähne geschoben.

»So ist's gut«, hörte er eine leise Stimme sagen. »Nun brauchen wir ihn wenigstens nicht zu töten. Schafft ihn beiseite!«

Er wurde nach einem abgelegenen, abends nicht besuchten Ort getragen, wo sein leises Röcheln nicht gehört und zum Verräter werden konnte. Die Schlüssel hatte Garbo ihm abgenommen.

Nun drangen die Zigeuner leise in das Gefängnis ein. Sie hatten ein Fenster erleuchtet gesehen, dies war jedenfalls dasjenige des Raumes, in dem der Schließer eigentlich zu wachen gehabt hatte. Sie begaben sich dorthin und fanden da auf dem Tisch ein Zellenverzeichnis, aus dem sie ganz leicht ersahen, in welcher der Zellen sich die Gesuchten befanden.

Sie wurden herbeigebracht, ohne daß man das geringste Geräusch dabei verursachte. Dann verließen sie das Gefängnis, dessen Schlüssel sie steckenließen.

Erst jetzt fühlten sich die beiden gefangen Gewesenen frei, und Zarba sagte:

»Ich wußte, daß ihr mich holen würdet, und habe es dem Maire gesagt, daß er nicht die Macht besitzen würde, mich festzuhalten.« – »Ja, du bist frei«, erwiderte Garbo. »Aber hier droht uns Gefahr, wir wollen schnell das Boot aufsuchen und dieses Nest verlassen.« – »Ohne den Grafen?« fragte sie. »Das fällt mir nicht ein! Ich bin gekommen, um ihn zu holen, und was ich mir vorgenommen habe, führe ich aus.« – »Wir sind einverstanden«, meinte Garbo für die anderen. – »Habt ihr erfahren, wo er sich befindet?« – »Beim Herzog von Olsunna. Ich kenne das Haus.« – »Ah, beim Herzog! Ich konnte es mir denken! Es freut mich, daß er sich an keinem anderen Ort befindet, denn ich habe mit diesem Olsunna abzurechnen. Kommt, wir wollen uns das Haus betrachten und sehen, wie wir hineingelangen.«

Sie schlichen sich aus der Stadt hinaus und nach der Bucht hin, wo die Wohnung lag, der der Überfall gelten sollte.

Um diese Zeit hatte Otto von der Geliebten und von deren Vater Abschied genommen, um nach Hause zu gehen. Am Weg stand eine hohe Ulme, deren Stamm von Rasen umgeben war. Er ging nicht vorüber, sondern setzte sich auf den Rasen. Die Liebe macht träumerisch, und er fand es schön, hier noch ein wenig an das Glück zu denken, das seinem Leben so ganz unerwartet eine neue, glanzvolle Wendung gegeben hatte.

So saß er in der Dunkelheit ganz still und allein, mit dem Rücken an den Stamm des Baumes gelehnt. Infolge dieser Stille mußte ihm das geringste Geräusch auffallen, das auf dem Weg entstand, und so kam es denn auch, daß ihm das leise und vorsichtige Nahen mehrerer Personen auffiel.

Warum gingen diese Leute so leise? Er bückte sich und sah nun sieben Gestalten, die, indem sie an ihm vorüberhuschten, sich gegen den Himmel abzeichneten. Es war eine Frau dabei, fast hatte es ihm geschienen, als ob sie eine Kleidung trüge, wie er sie bei Zarba gesehen hatte. Zarba! Dieser Name rief alle seine Besorgnis wach. Sie hatte gesagt, daß man sie nicht halten könne. War sie entflohen? War sie von Verbündeten befreit worden? Dann galt ihr heimliches Herschleichen ganz sicher dem Grafen.

Dieser Gedanke erschreckte Otto. Er zog die Stiefel aus und huschte ihnen nach. Es gelang ihm, nicht gehört zu werden. Sie hielten vor dem Fischerhaus still. Nun war er überzeugt, daß es auf den Grafen abgesehen sei. Er wußte, daß man hinter ihm die Haustür verschlossen hatte, daß aber die hintere Tür offen gewesen war. Schnell schlich er sich nach dem kleinen Gärtchen, stieg über den Zaun und ging nach der Tür. Sie war noch offen. Man hatte keine Veranlassung gehabt, sie zu verschließen.

Er trat in den Flur, schob den großen, hölzernen Riegel vor, so daß nun wenigstens die beiden Eingänge wohlverwahrt waren und die Bewohner des Hauses sich wenigstens für den Augenblick in Sicherheit befanden. Er kannte die Räumlichkeiten alle. Rechts war die Wohnung des Herzogs, der heute mit dem Grafen auch hier im Parterre schlief. Links wohnte der Diener und in einem anderen Raum Floras Zofe. Flora selbst schlief in einem Stübchen, das eine Treppe hoch lag.

Der Diener hatte noch Licht, er war beschäftigt, sich auszukleiden, und seine Tür war noch unverschlossen. Das war Otto lieb, da er es nicht für geraten hielt, den Lauschenden durch das Anklopfen zu verraten, daß man auf ihren Besuch vorbereitet sei. Otto trat ein, und der Diener war nicht wenig erstaunt, den Maler, hinter dem er vor kaum einer Viertelstunde die Tür verschlossen hatte, jetzt hier im Haus wiederzusehen. Er blickte ihn bestürzt an und wollte eine Frage aussprechen, da aber kam ihm Otto zuvor.

»Pst!« sagte er leise. »Schweigen Sie! Ich komme durch die hintere Tür wieder zurück. Ich glaube, man hat Zarba und den Leuchtturmwärter befreit Draußen stehen sieben Personen, die jedenfalls die Absicht haben, den Grafen zu entführen.«

Der Diener war Soldat gewesen und ein entschlossener Mann. Er verlöschte sofort das Licht, damit man von außen nicht bemerken konnte, daß man im Haus noch wach sei.

»Ach«, sagte er dann leise. »Wir werden sie empfangen.« – »Haben Sie Waffen?« – »Ja. Zwei Paar Doppelpistolen, die wir auf unseren Reisen stets bei uns führen. Ich habe sie hier im Kasten.« – »Sind sie geladen?« – Ja.« – »Gut. Geben Sie mir zwei und nehmen Sie die anderen. Können wir den Herzog benachrichtigen, ohne daß man Geräusch von außen bemerkt?« – »Ja. Den Schlüssel zum Wohnzimmer habe ja ich, denn ich muß stets dort sein, ehe Durchlaucht sich erhebt.« – »So wecken Sie ihn. Es ist besser, die Herrschaften sind wach und vorbereitet, als daß sie durch unsere Schüsse erschreckt werden. Auch Donna Flora und die Zofe müssen geweckt werden.« – »Ich werde das besorgen«, sagte der Diener. »Treten Sie einstweilen in den Flur, um alles zu hören, was geschieht Hier sind Ihre Pistolen, und hier haben Sie auch einige Patronen.«

Sie verließen das Stübchen leise und trennten sich.

Otto lauschte. Er vernahm ein leises Schleichen, und dann probierte man zunächst an der vorderen, dann auch an der hinteren Tür. Da der Diener die Tür zum Wohnzimmer des Herzogs, in welches er jetzt getreten war, offengelassen hatte, so konnte Otto deutlich hören, daß man dort die Läden untersuchte, ob sie fest verschlossen seien.

Unterdessen gelang es, die Schlafenden zu wecken. Die Zofe wurde zu dem Grafen gewiesen, um diesen zu bewachen; Flora war heruntergeschlichen und traf da auch ihren Vater, der eine der Pistolen forderte, um an der Verteidigung teilzunehmen, obgleich er Patient war. Er erhielt von seinem Diener eine der Waffen.

Auch Flora verlangte eine Pistole, ließ sich aber von Otto überzeugen, daß diese in der Hand eines geübten Schützen von größerem Wert sei als in der ihrigen. Da trat sie zu dem offenen Herd und nahm von dort ein großes Messer zu sich. Man konnte nicht wissen, was geschah.

Man schien mit der Untersuchung zu Ende zu sein. Vor der hinteren Tür hörten die Wartenden flüsternde Stimmen. Otto schlich sich hin und horchte.

»Ohne Lärm kommen wir nicht hinein«, sagte einer. »Es ist alles zu fest verschlossen.« – »So müssen wir durch eins der oberen Fenster steigen.« – »Pah! Durch die Fenster eines normannischen Fischerhauses? Die sind ja viel zu klein. Nein, wir müssen etwas anderes finden.« – »Wenn man nur wüßte, wieviel Menschen das Haus bewohnen.«

Da ließ sich eine weibliche Stimme vernehmen, es war diejenige Zarbas, Otto hörte dies sofort.

»Wer soll denn da wohnen?« fragte sie. »Kein Mensch, den wir zu fürchten hätten. Da ist Gabrillon, der wird es euch sagen.«

Gabrillon mußte eben erst hinzugetreten sein, denn es dauerte einen Augenblick, ehe man ihm erklärt hatte, um was es sich handelte.

»Ich habe dieses Haus vom Turm aus beobachtet«, flüsterte er. »Jean Foretier, dem es gehört, hat es dem Herzog ganz überlassen und wohnt bei seinem Nachbar; ihn haben wir also nicht zu fürchten. Hier gibt es nur den Herzog, der ist bereits eine halbe Leiche, er tut uns nichts; ferner seine Tochter und eine Zofe, die werden sich unter die Bettdecken verkriechen und wimmern; endlich gibt es einen Diener, der der einzige ist, mit dem wir zu rechnen haben. Aber wir sind ihm sechsfach überlegen.« – »Da wißt ihr's«, sagte Zarba. »Hört, was ich euch sage: Diese hintere Tür ist nicht so fest wie die vordere; wenn zwei sich dagegen stemmen, so drücken wir sie ein. Wir dringen in das Haus und suchen zunächst Licht. Finden wir dieses, so ist es nicht schwer, auch den Grafen zu finden. Ehe sich die anderen besonnen haben, sind wir fort und wieder auf unserem Boot. Ich freilich darf nicht in das Haus. Euch kennt man nicht, mich aber mehr als genau, und wenn man auch ahnen wird, daß der Plan von mir ausgeht, so soll man mir es doch nicht beweisen können. Also vorwärts! Macht los, ich warte hier!«

Es vergingen einige Augenblicke, dann stemmten sich von draußen mehrere kräftige Schultern gegen die Tür. Diese krachte, erst leise, dann stärker und immer stärker. Otto hatte sich von ihr zurück- und zu den anderen hingeschlichen.

»Sie kommen«, sagte er. »Wir haben acht Kugeln, das genügt vollständig. Doch wollen wir nicht sofort schießen, sondern sie erst anrufen.«

Die Tür wurde vom Riegel gehalten, aber endlich schien er nachzugeben. Es prasselte abermals, dann folgte ein lauter Krach, und die Tür flog auf. Die Zigeuner schickten sich an, einzutreten.

»Halt!« rief ihnen der Maler entgegen. »Was wollt ihr? Wir schießen!« – »Drauf!« gebot als Antwort Garbo, der Anführer der Zigeuner. »Das ist der arme Wicht, der Diener.«

Sie drangen ein, wurden aber von krachenden Schüssen empfangen. Laute Schreie und Flüche erschollen, daneben einige Hilferufe, denen ein schmerzliches Ächzen und Stöhnen folgte. Die Kugeln hatten getroffen.

»Zurück!« hörte man Garbo kommandieren.

Dann vernahm man, daß die noch Unverwundeten davonrannten. Sie ließen die anderen im Stich, sie wagten nicht, sich mit Fortschaffen der Niedergeschossenen aufzuhalten, da die Pistolensalve sie auf die Vermutung gebracht hatte, daß die Verteidiger zahlreich seien. Diese wiederum standen von einer Verfolgung ab, die bei dem Dunkel der Nacht keinen Erfolg haben konnte.

Es wurde Licht angebrannt, und nun sahen sie, daß drei Zigeuner im Haus lagen, zwei tot und einer schwer verwundet. Otto eilte schleunigst in die Stadt, wo er die Polizei bereits in Aufregung fand. Der Gefängnisinspektor hatte bei seiner Heimkehr die Abwesenheit des Schließers und die Flucht der Gefangenen entdeckt und sofort Anzeige erstattet. Infolgedessen fand der Maler den Maire wach und teilte ihm das Geschehene mit.

Der Beamte begab sich nun sofort in Begleitung seiner Gendarmen nach der Wohnung des Herzogs, um dort den Tatbestand aufzunehmen.

Der verwundete Zigeuner wurde verhört. Seine Verletzung war tödlich, aber selbst die Nähe des Todes bewog ihn nicht, ein offenes Geständnis abzulegen. Er hing an Zarba so sehr, daß er kein Wort sprach, das ihr den geringsten Schaden hätte bereiten können. Nur das sagte er aus, daß der Wahnsinnige wirklich Graf Emanuel Rodriganda sei, den man vom Leuchtturm habe entfernen wollen. Aber wie der Graf dorthin gekommen sei und wohin er hatte gebracht werden sollen, das sagte er nicht. Er behauptete, es nicht zu wissen.

Er wurde mit den beiden Leichen fortgeschafft und starb noch während der Nacht im Gefängnis. Von den entflohenen Zigeunern war keine Spur mehr zu finden. Die Polizei vigilierte vergebens nach ihnen, sie wurden nicht entdeckt. Freilich schienen die Nachforschungen nicht sonderlich angestrengt betrieben zu werden. Es handelte sich ja um Ausländer, und dem Maire nebst seinen Vorgesetzten lag nichts daran, von der ganzen Angelegenheit viel Geschrei zu machen, sie konnten nichts dabei gewinnen. Im übrigen gaben sich auch der Herzog und Otto zufrieden, den Grafen Emanuel als solchen amtlich festgestellt und anerkannt zu sehen. Alles Weitere konnte nur Unbequemlichkeiten für sie mit sich bringen oder gar ihre Abreise verzögern.

Sie machten vor Gericht ihre Aussagen betreffs der Abwehr der Zigeuner, und da sie in berechtigter Selbstverteidigung gehandelt hatten, erwuchsen ihnen aus der Tötung der drei Männer keinerlei Unannehmlichkeiten. Indessen besserte sich die Gesundheit des Herzogs dermaßen, daß er nach der von Sternau angegebenen Zeit seine Reise antreten konnte. Einige Tage Aufenthalt zuerst in Paris und dann in Straßburg übten einen wohltätigen Einfluß auf ihn, und als er Mainz erreichte, hatte er zwar noch ein leidendes Aussehen, aber seine Kräfte waren gestärkt, und er bot einen ganz anderen Anblick als bei Beginn der letzten Woche, die eine so verhängnis- und ereignisvolle gewesen war.

29. Kapitel.

»Ich jage durch die wilde Flut,
Die Wogen sind meine Meute;
Ich sehne mich nach des Feindes Blut,
Vergossen um goldene Beute.

Im Kampf wird doppelt stark die Faust,
Zu Helden werden die Feigen,
Drum, wer meine Flagge erkennt, dem graust,
Er weiß ja, er kann nicht entweichen.

Selbst im Orkan, wenn's andren graut,
Erhebe ich Steuern und Zölle:
Der Sturm ist mein Kumpan, die See meine Braut.
So segle ich kühn in die Hölle.«

Sternau war, nachdem er die Bucht verlassen hatte, nach Süden gedampft. Er kam glücklich über den der Seefahrt so gefährlichen Meerbusen von Biskaya, der von den Schiffern der Matrosenkirchhof genannt wird, und legte, um Nachforschungen anzustellen, bei den Kapverdischen Inseln, bei den Kanaren und den Azoren an, konnte aber nichts erfahren.

Nun ging er direkt nach Sankt Helena, wo er seinen Kohlenvorrat ergänzen wollte, und fand hier endlich die erste Spur. Auch Kapitän Landola hatte mit seiner »Pendola« hier angelegt, um Wasser einzunehmen, und war nach Süden gegangen. Nun stand zu erwarten, daß man in der Kapstadt weiteres von ihm hören werde, und darum hielt Sternau nach dem Kap der Guten Hoffnung zu.

Die Jacht »Rosa« befand sich einige Grad nördlich vom Kap, und es war früher Morgen, als Helmers, der jetzt nicht mehr Steuermann, sondern Kapitän genannt wurde, in die Kajüte kam, wo Sternau sich befand, und ihm meldete, daß in West ein Dreimaster in Sicht sei.

Man hatte einen Neger an Bord, namens Quimbo, einen ehemaligen Matrosen Landolas, den Helmers zufällig in einer Hafenstadt getroffen und für die »Rosa« angeheuert hatte. Dieser Neger besaß ein sehr scharfes Auge und hatte das Schiff vom Mast aus mit bloßem Auge eher entdeckt, als es von Helmers mit dem Fernrohr bemerkt worden war.

»Ist es die ›Pendola‹?« fragte Sternau. – »Das ist noch nicht zu entscheiden«, antwortete Helmers. »Aber nach der Stellung der Segel scheint es ein Kauffahrer zu sein. Ich werde auf ihn zuhalten lassen.«

Sie gingen miteinander an Deck und nahmen das Fernglas zur Hand. Nach der Zeit von einigen Minuten bemerkten sie, daß der Dreimaster ebenso südlichen Kurs hatte wie sie, doch kamen sie schneller vorwärts als er, denn sie hatten sehr günstigen Wind und konnten das Segelwerk benutzen und damit die Dampfkraft unterstützen.

Während sie so mit erhöhter Geschwindigkeit dahinschossen, stieß der Neger, der immer noch oben im Topp des Mastes hing, einen lauten, scharfen Ruf aus, der halb wie Schreck und halb wie Überraschung klang.

»Was gibt's?« fragte Sternau hinauf. – »Noch ein Schiff, Massa!« antwortete der Gefragte. – »Wo?« – »Da in West. Aber man kann es nicht gut sehen; es hat schwarze Segel.« – »Schwarze Segel?« fragte Helmers schnell. »Die hat kein anderes Fahrzeug, das ist der schwarze Kapitän!«

Er richtete das Fernrohr nach der Gegend, die der Neger mit dem ausgestreckten Arm angedeutet hatte, und sah nun allerdings ein zweites Schiff, das mit vollem Wind auf das erste zuhielt. Die dunkle Farbe seiner Segel machte, daß man es nur schwer erkennen konnte.

»Es ist wirklich der Schwarze!« sagte endlich Helmers mit erregter Stimme. – »Täuschen Sie sich nicht?« meinte Sternau. – »Nein. Dieser Landola ist ein schlauer Schurke. Er hat zweierlei Segeltuch. Wenn er einen Hafen anläuft, so hängt er das weiße an, befindet er sich aber auf hoher See, so braucht er das schwarze. Das Umtauschen verursacht eine riesige Arbeit, aber er scheut sie nicht, da sie zu seiner Sicherheit beiträgt. Wie es scheint, hat er es auf den Kauffahrer abgesehen, er hält gerade auf ihn los.« – »So kommen wir dem Angegriffenen zu Hilfe!« sagte Sternau. »Endlich, endlich habe ich diesen Landola, und ich hoffe, daß er mir nicht entkommen soll!«

Der Kapitän schüttelte mit sehr ernster Miene den Kopf und erwiderte:

»Wir dürfen nicht vergessen, daß unsere kleine Jacht dem Seeräuber nicht gewachsen ist. Unsere Aufgabe kann nur sein, ihn an Bord zu treffen, bei einem Kampf auf hoher See können wir ihm zwar großen Schaden machen, aber in die Hand bekommen wir ihn nicht. Doch hoffe ich, daß der Kauffahrer sich wehren wird, dann sind wir zwei gegen einen. Ich werde die Segel beschlagen lassen und den Dampf benutzen, damit er uns so spät wie möglich bemerkt.«

Es wurden nun alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Die Segel, die man sehr weit sehen konnte, wurden einbezogen und die Geschütze geladen. So schoß das kleine Fahrzeug jetzt unbemerkt dem voraussichtlichen Kampf entgegen.

Nach einiger Zeit hatte der Seeräuber sich dem Kauffahrer genügend weit genähert. Er zog die rote Piratenflagge auf und gab durch einen Kanonenschuß das Zeichen beizudrehen. Der Kauffahrer schien sein Schicksal bereits erkannt zu haben. Er hatte alle seine Segel beigesetzt und gab sich Mühe, zu entkommen. Eine rasche Schwenkung brachte ihn aus dem Kugelbereich des Piraten; dieser aber führte sogleich dasselbe Manöver aus und schoß hinter ihm her. Er war ein besserer Segler und holte den anderen bald wieder ein.

Ein zweiter Schuß erdröhnte über die See herüber. Dieses Mal hatte der Pirat scharf geladen, man sah, daß seine Kugel in das Holzwerk des Kauffahrers eindrang und mächtige Splitter aus demselben riß. Ein lauter Jubelschrei erscholl auf dem Seeräuber, und Wut- und Schreckensrufe antworteten vom Kauffahrer her. Dann ließ letzterer plötzlich einige Segel fallen und drehte bei, so daß der Pirat an ihm vorüberflog. In diesem Augenblick kräuselten zwei Wölkchen vom Verdeck des Kauffahrers empor, zwei Schüsse krachten, und sogleich sah man, daß eine augenblickliche Verwirrung an Bord des Piraten entstand; die beiden Schüsse hatten getroffen.

»Ach, sehr gut!« rief Helmers. »Der Kauffahrer ist ein Engländer; er hat einige Kanonen an Bord und ist entschlossen, sich seiner Haut zu wehren. Seine Jungens können brav zielen. Vorwärts! Wir nehmen den Räuber von der anderen Seite!«

Die beiden Schiffe lagen jetzt einander gegenüber und wechselten Schüsse. Es war klar, daß der Pirat dem Engländer überlegen war, aber eine langweilige Kanonade schien ihm nicht zu behagen. Er setzte nämlich plötzlich die vorher eingezogenen Marssegel wieder bei, um den Wind zu fangen und sich mit dem Kauffahrer Bord an Bord zu legen.

»Er will ihn entern!« rief Sternau. – »Ja«, antwortete Helmers. »Aber sehen Sie, daß der Engländer auch ein ganz geschickter Junge ist! Auch er fängt den Wind und dreht sich auf dem Kiel! Er zeigt dem Piraten nur den Bug, gerade wie ein Fuchs, der dem Hund nur die Zähne zeigt. Ich gebe vollen Dampf; in fünf Minuten sind wir da und reden ein gewichtiges Wort mit«

Die Jacht hatte bisher vermieden, Rauch zu machen, und war also von den beiden Schiffen gar nicht bemerkt worden. Jetzt aber zog ein dunkler, langer Streifen aus ihrem Schornstein empor, und sofort erscholl auf dem Engländer ein lauter Ruf der Freude. Auch der Pirat sah den neuen Gegner wohl, hielt es aber gar nicht für nötig, den Zwerg zu beachten, sondern ließ sich in seinem Angriff nicht im mindesten stören.

Da schoß die »Rosa« bei dem Engländer vorüber. Der Kapitän stand auf dem Quarterdeck und rief herunter:

»Holla, Jacht! Ist's Hilfe oder nicht?« – »Es ist Hilfe!« antwortete Sternau. »Ergebt euch nicht!« – »Fällt uns nicht ein!«

Der Kapitän machte diese Worte auch sofort wahr, indem er dem Räuber eine neue Salve gab, die, nach den Flüchen zu urteilen, die an Deck desselben erschollen, gut gezielt sein mußte. Da hörte man eine laute, zornige Stimme rufen:

»Ruder in See! Kommt an ihn! Fertig zum Entern!« – »Ah, das ist Landola!« sagte Helmers. »Diese Stimme kenne ich. Aber wir werden ihm das Entern sofort verleiden.«

Die Jacht steuerte nun einen Bogen und hielt dann gerade vor Backbord des Piraten, an dem sie so nahe beidrehte, daß sie von den Kanonen desselben gar nicht getroffen werden konnte.

»Feuer!« kommandierte jetzt Helmers.

Da krachten seine Geschütze, und der Räuber erbebte. Die sämtlichen Kugeln hatten ihn in den Rumpf getroffen.

»So ist's recht!« rief Helmers. »Gebt ihm Kartätschen auf das Deck!«

Während die zwei Mittelgeschütze der Jacht sich bemühten, dem Feind unter der Wasserlinie ein Leck beizubringen, bestrichen die Drehbassen sein Verdeck mit Kartätschen. Der Pirat sah erst jetzt ein, daß der kleine David ein ganz respektabler Gegner sei, und schenkte ihm seine Aufmerksamkeit. Aber seine Geschütze konnten nicht treffen, und gegen die Büchsenkugeln hatte Helmers sein Verdeckt durch Matten geschützt, die längs des Bords aufgehängt waren.

So lag der Pirat zwischen dem Engländer und der Jacht. Beide hielten sich wacker, und er mußte erkennen, daß er sich in keiner angenehmen Lage befand. Es war klar, daß er dem Kauffahrer nicht eher beikommen konnte, als bis er die Jacht von sich abgeschüttelt hatte.

»Entert die verdammte Nußschale!« rief er.

In Zeit von einigen Minuten waren zwei seiner Boote herabgelassen und bemannt, die Jacht anzugreifen.

»Das ist mir recht!« lachte Helmers. »Sie sollen sogleich Wasser trinken.«

Er ließ sofort Rückdampf geben, um freies Ziel zu erhalten, und stellte sich selbst an eines der Geschütze. Soeben kam das größere der Boote auf ihn zu. Helmers zielte selbst höchst sorgfältig und gab Feuer. Die Kugel fuhr in den Bug des Bootes, ging durch die ganze Länge desselben und hinten wieder hinaus. Mehrere der Ruderer wurden zerrissen und das Steuer zerschmettert. Das Fahrzeug faßte Wasser und sank. Die Leute sprangen in die See, und das zweite Boot eilte herbei, sie aufzunehmen, da aber wurde auch dieses von einer Kugel getroffen, erhielt ein großes Leck und schöpfte Wasser.

»So!« rief Helmers. »Gebt ihnen nun Kartätschen. Sie sollen nicht wieder an Bord kommen!«

Dies geschah, und nun erst sah Landola ein, daß die kleine Jacht ein gefährlicherer Gegner sei als das englische Vollschiff. Er bebte vor Wut. Man sah ihn droben am Ruder stehen und hörte seine Stimme deutlich.

»Werft Handgranaten herab!« befahl er. »Wir wollen diesen Zwerg zerreißen.«

Jetzt trat Sternau hinter der schützenden Matte hervor und rief hinauf:

»Henrico Landola, ich grüße dich von Cortejo in Rodriganda!« Da erbleichte der Räuber. Er sah sich entlarvt und brüllte:

»Granaten! Schnell! Schnell! Dieser Kerl darf uns nicht entgehen!«

Aber Helmers ließ die Maschine arbeiten und zog sich in solche Entfernung zurück, daß die Handgranaten die Jacht nicht erreichen konnten; doch nun lagen sie vor den Mündungen der Kanonen des Piraten, die ihnen gefährlich werden konnten; darum legte Helmers sich vor das Steuer des Feindes, wo ihm nur die Sternkanone desselben gefährlich werden konnte, und versuchte, das Steuer zu zerschießen. Gelang dies, so war der Pirat manövrierunfähig gemacht. Dies sah Henrico Landola ein. Er zog daher die Segel auf und trachtete, die Jacht in Grund zu segeln, doch wich sie ihm hurtig und geschwind aus.

Unterdessen war auch der Engländer tätig gewesen. Er war zwar mehrfach beschädigt, aber seine Kugeln hatten bedeutende Spuren zurückgelassen. Dadurch, daß der Pirat seine Aufmerksamkeit und seine Kräfte teilen mußte, kam er in Nachteil. Von einem Entern des Kauffahrers war keine Rede mehr, und als jetzt die Jacht alle ihre Schüsse nach seinem Steuer richtete, sah er sich bedroht, kampfunfähig gemacht zu werden. Er zog also alle seine Segel auf und ging unter dem Wind davon, nachdem er dem Engländer noch eine ganze Breitseite in den Rumpf geschossen hatte.

An Bord des Kauffahrers erhob sich ein lautes Jubelgeschrei, und als jetzt die Jacht sich ihm näherte, um an seinem Fallreep anzulegen, wurde sie mit freudiger Dankbarkeit begrüßt.

Sternau ging mit Helmers an Bord des geretteten Schiffes.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit, Sir!« rief ihnen der Kapitän zu, indem er ihnen die Hände reichte. »Ihre Jacht ist ein verdammt kleiner Held!« – »Und Sie selbst sind auch kein Feigling, Sir!« antwortete Sternau. – »Pah, ich tat meine Schuldigkeit! Aber ich bin doch neugierig, ob der Kerl mich wieder angreifen wird.« – »Das läßt er sicherlich bleiben, denn ich würde Ihnen wieder Gesellschaft leisten.« – »Ah, das klingt ja, als ob Sie mich begleiten wollten.« – »Nicht Sie, sondern ihn werde ich begleiten. Ich habe diesen Kerl bereits seit Wochen gesucht und werde ihn nicht wieder aus den Augen lassen.« – »Wirklich?« fragte der Kapitän verwundert. »Haben Sie mit ihm vielleicht eine kleine Rechnung abzuschließen?« – »Oh, nicht eine kleine, sondern eine ziemlich große. Aber sagen Sie, Sir, gehen Sie vielleicht nach Kapstadt?« – »Ja.« – »So tun Sie mir den Gefallen und melden Sie, daß Sie mit dem ›Lion‹, Kapitän Grandeprise, gekämpft haben, daß aber diese Namen falsch sind. Das Schiff heißt ›La Pendola‹, und der Kapitän ist ein Spanier namens Henrico Landola. So wird man ihn greifen können. Ich werde so tun, als ob ich in Ihrem Kielwasser auch nach Kapstadt gehe, er wird sich dann sicher fühlen und nicht vermuten, daß ich ihm folge.« – »Aber, was haben Sie mit ihm, Sir?«

Sternau erzählte ihm so viel, als er für nötig hielt, und kehrte dann auf die Jacht zurück, die nach Süden dampfte, während der Räuber den Kurs nach Südwest einhielt. Als er sich so weit entfernt hatte, daß von seinem Verdeck aus die Jacht selbst mit dem besten Fernrohr nicht mehr zu erkennen sein konnte, schlug Helmers dieselbe Richtung ein.

30. Kapitel.

Während also Sternau nach Amerika und der Herzog von Olsunna auf der Eisenbahn nach Deutschland dampften, glaubten die Bewohner von Rheinswalden sicher nicht, daß ihnen eine Gefahr drohe, und dennoch war es so.

Zu Genheim bei Bingen saß Graf Alfonzo am Fenster und blickte hinaus auf die vor ihm sich ausbreitenden Gärten und Felder. Er war sehr lange krank gewesen, trug auch jetzt noch den Arm in der Binde, fühlte sich aber sonst ziemlich wohl und hergestellt.

In seiner Nähe stand Gerard Mason. Auch er trug den Arm in der Binde; der Schlag der Eisenbahnschiene war schlimmer gewesen, als er es vorher eingestanden hatte; doch konnte ihn das nicht mehr hindern, für seinen Herrn tätig zu sein. Er empfing eben jetzt einen Befehl desselben. Er sollte sich nämlich nach Rheinswalden begeben und dort Erkundigungen einziehen.

Graf Alfonzo schärfte ihm alle Einzelheiten ein und machte ihn besonders darauf aufmerksam, daß er ja mit dem Jägerburschen des Oberförsters bereits bekannt sei und sich nur an diesen zu wenden brauche.

Gerard fuhr also mit der Bahn nach Mainz und ging von da nach Rheinswalden, um sich das Opfer anzusehen, das durch ihn sterben sollte. Das Glück war ihm günstig, denn als er so die Straße durch den Wald dahinschritt, trat Ludwig zwischen den Bäumen hervor und erkannte ihn sogleich.

Sie begrüßten sich und sprachen, weiterschreitend, zunächst über den Eisenbahnunfall. Dies gab dem Franzosen Gelegenheit, von den Verletzungen zu sprechen, die er und sein Herr erlitten hatten. Er habe gehört, daß es hier einen Doktor Sternau gäbe, der ein berühmter Arzt sei; zu ihm wolle er gehen, um sich nochmals untersuchen zu lassen, ob sein Arm richtig behandelt worden sei. Auch kenne er den Doktor Sternau bereits von Paris aus.

Er erfuhr nun von dem redseligen Ludwig, daß Sternau nicht mehr hier sei. Der Jagdgehilfe freute sich, einmal so recht von der Leber weg sprechen zu können, und erzählte alles, was er von den Bewohnern des Schlosses wußte. So erfuhr denn der Garotteur von Rodriganda, von Cortejo, von Henrico Landola, der jetzt gesucht wurde, von Sternau und Helmers, die zur See waren.

Sonderbar! Alle diese Namen standen in dem Notizbuch, das Gerard Mason sich abgeschrieben hatte. Dieses Buch mußte mit all den abenteuerlichen Begebenheiten in direkter Beziehung stehen. Es lag ihm sehr daran, den Zusammenhang zu erfahren, doch handelte es sich zunächst nur noch darum, Gräfin Rosa zu sehen, um sein Opfer genau kennenzulernen.

Darum sagte er dem Jäger, daß er Frau Doktor Sternau sprechen wolle, da Sternau selbst nicht zugegen sei, und als sie Rheinswalden erreicht hatten, meldete ihn Ludwig an. Frau Sternau, ihre Tochter und Rosa befanden sich in der Wohnung der ersteren, als Ludwig sagte, daß ein Franzose aus Paris sie zu sprechen wünsche; es sei derjenige, der damals bei dem Eisenbahnunfall von der Schiene verletzt worden sei. Der Fremde erhielt die Erlaubnis, einzutreten; als er drei Damen gegenüberstand anstatt nur einer, überkam ihn eine Art von Verlegenheit, doch überwand er dieselbe und machte eine ziemlich gelungene Verbeugung.

»Verzeihung, Madame«, sagte er zu Frau Sternau. »Ich wollte eigentlich mit dem Herrn Doktor Sternau sprechen.« – »Der ist leider verreist«, entgegnete Rosa in französischer Sprache sehr freundlich zu ihm. – »Ich hörte es; aber ich bringe ein Herz voll Dankbarkeit mit, das ich Ihnen zu Füßen legen möchte, da der Herr Doktor nicht selbst anwesend ist.« – »Ah, Sie kennen ihn? Sie sind Franzose, wie mir der Diener sagte?« – »Ja.« – »Und wohnen in Paris?« – »Allerdings.« – »So hat er Ihnen gewiß in einer Krankheit beigestanden?« – »Nein. Hat der Herr Doktor Ihnen nicht erzählt von der armen Annette Mason?« – »Ich kenne den Namen nicht.« – »Welche sich in die Fluten der Seine stürzte?« – »Nein. Mein Gott, welch ein armes Kind!« – »Und der er nachsprang, mitten in der dunkelsten Nacht und in einer der tiefsten und gefährlichsten Stellen?« – »Kein Wort hat er davon erzählt! Er ist ihr nachgesprungen?« – »Ja, und er hat sie herausgeholt und auf seinen Armen zu einer braven Frau getragen. Und dann hat er ihr bei dem Professor Letourbier eine gute Stellung verschafft. Das alles hat er getan.« – »Und davon wissen wir nichts, gar nichts!« – »Nun, ich bin zufällig in der Nähe, und so kam ich, um ihn einmal zu sehen und ihm zu danken. Wie schade, daß ich ihn nicht sprechen kann!«

Rosa hatte sich erhoben und war ihm nahe getreten. Ihr schönes Antlitz strahlte von Glück über die Heldentat, die von dem geliebten Mann berichtet wurde.

»Sie müssen ein braver Mann sein, da Sie so dankbar sind«, sagte sie. »Wann ist das geschehen, was Sie hier erzählen?« – »Kurz vor seiner Abreise von Paris nach hier.«

Gerard blickte in Rosas Augen und fühlte sich überwältigt von dem Strahl, der aus denselben drang. Das also war Sternaus Frau; das war Rosa de Rodriganda, die er verschwinden lassen sollte! Nie, niemals!

»Wir danken Ihnen! Sie haben uns mit Ihrer Erzählung eine große Freude bereitet. Können wir Ihnen irgendeine Bitte erfüllen?« fragte sie. – »Ich habe keinen Wunsch, als daß es Ihnen stets wohlergehen möge, gnädige Frau.« – »Ich danke, mein Freund!« – »Es gibt Menschen, die Ihnen das Gegenteil wünschen …« – »Warum denken Sie dies?«

Gerard, der den Blick nicht von ihr wenden konnte und von ihrem Anblick immer mehr berauscht wurde, fuhr fort:

»Es gibt sogar Leute, die Ihnen nach dem Leben trachten.« – »Mein Gott!« rief sie, erschrocken zurückweichend. »Ja, es gibt Leute, die Mörder dingen und bezahlen, um Sie und den Herrn Doktor verschwinden zu lassen, aber Gott hat Sie in seinen besonderen Schutz genommen; er wird nicht zugeben, daß Ihnen ein Haar Ihres Hauptes gekrümmt werde.« – »Sie erschrecken mich! Wovon sprechen Sie?« – »Ich will es Ihnen sagen, Madame«, antwortete er, ganz trunken von der Nähe eines so herrlichen Wesens. »Hier in der Nähe wohnt Graf Alfonzo de Rodriganda unter einem falschen Namen; er hat aus Paris einen Mörder mitgebracht, der Sie töten soll, aber dieser Mann ist nur mit nach Deutschland gegangen, um Sie zu warnen. Mehr kann ich nicht sagen, adieu!«

Ehe ihn jemand halten oder fragen konnte, war er verschwunden. Die drei Damen standen einander regungslos gegenüber.

»Was war das?« fragte Rosa. – »Gott, bin ich erschrocken!« seufzte die Mutter. – »Ist das Wahrheit oder Mystifikation?« fragte Fräulein Sternau. – »Das war Wahrheit«, sagte Rosa. – »Ja, dieser Mann war kein Lügner!« stimmte Frau Sternau bei. – »Aber wer war er?« – »Er nannte den Namen seiner Schwester, Annette Mason.« – »War er selbst der gedungene Mörder?« – »Seine Worte machen es wahrscheinlich!« – »Also der Graf ist in der Nähe!« – »Aber wo?« – »Mein Kind, rufe einmal Ludwig!« bat die bedachtsame Mutter.

Die Tochter rief den Gehilfen. Er erschien augenblicklich.

»Wissen Sie, wie der Mann heißt, den Sie eben zu uns brachten?« fragte Frau Sternau. – »Nein.« – »Auch nicht, was er ist?« – »Er ist Diener.« – »Bei wem?« – »Bei einem italienischen Marchese.« – »Wo befindet sich dieser?« – »Beim Lehrer Wilhelmi in Genheim.« – »Bei Wilhelmi? Wie kommt ein Marchese in das Schulhaus?« – »Er hat beim letzten Unglück den Arm gebrochen, und der Arzt ließ ihn hinschaffen.« – »Hast du ihn gesehen?« – »Nein.« – »Oder gehört, ob er jung ist oder alt?« – »Nein.« – »Hm! Laß anspannen!« – »Sogleich?« fragte er, als er sah, daß es sich um etwas Wichtiges handeln müsse. – »Sofort!« beschied sie ihn. Ludwig eilte hinaus, und Rosa fragte die Mutter:

»Sie wollen ausfahren?« – »Ja, und Sie sollen mit.« – »Wohin?« – »Nach Genheim, um uns diesen Marchese anzusehen.« – »Das ist auffällig, Mama!« – »Nein. Der Lehrer ist ein Cousin von mir.« – »Und wenn es der Graf wäre, der sich bei ihm befindet?« fragte Rosa besorgt. – »So lassen wir ihn auf der Stelle festnehmen.« – »Aber die Gefahr, in die wir uns begeben! Ich habe einen anderen Vorschlag.« – »Welchen?« – »Wir fahren nach Mainz zum Staatsanwalt und nehmen denselben mit.« – »Kind, das ist ein sehr kluger Einfall. Machen wir schnell Toilette, daß wir keinen Augenblick versäumen.« – »Ist Eile so dringend nötig?« – »Ja, sonst fliegt der Vogel aus.« – »Gerade jetzt?« – »Gewiß. Dieser brave Mann ist ehrlich. Er hat uns gewarnt, aber er wird es auch dem Grafen sagen, daß er uns gewarnt hat. Und was dann geschieht, das kann man sich denken.« – »Er wird sofort abreisen.« – »Und lieber alles andere im Stich lassen, denn wenn er festgenommen würde, so hätte er sein ganzes Spiel verloren. Darum müssen wir eilen!«

Gerard hatte das Zimmer und das Schloß verlassen und wollte nach Mainz zurückkehren, aber er war so entzückt, so aufgeregt, daß er beschloß, nicht die Straße zu gehen, sondern, den Wald durchquerend, die Einsamkeit zu genießen.

So wanderte er langsam in der angenommenen Richtung weiter, als er plötzlich eine Blöße erreichte, auf der ein einsames Häuschen stand. Es war die Wohnung des Waldhüters Tombi.

Dieser baute davor an einem der Läden herum, als er den Fremden kommen sah. Beide standen und blickten einander an.

»Wer sind Sie?« fragte Tombi. – »Ein Fremder, der durch den Wald nach Mainz will«, antwortete Gerard. »Und wer sind Sie?« – »Ich bin Forsthüter.« – »Bei wem?« – »Beim Herrn Hauptmann von Rodenstein. Haben Sie es so eilig, daß Sie gerade durch den Wald gehen wollen?« – »Nein, es war eine kleine Laune von mir.« – »Sie sprechen das Deutsche recht fremd.« – »Ich bin Franzose.« – »Ah, und ich Spanier.« – »Spanier? Ist's wahr?« – »Ja, ich bin ein spanischer Zigeuner.«

Gerard dachte sofort an das geschriebene Notizbuch. Was der Waldhüter las, erfuhr sicherlich niemand, denn wer kümmerte sich um einen Zigeuner.

»Darf man bei Ihnen ein bißchen ausruhen?« fragte er daher. – »Gewiß! Kommen Sie mit herein in die Stube.«

Die Männer traten ein und unterhielten sich dort über alle möglichen Gegenstände. Der Waldhüter erzählte, daß er trotz seiner Jugend in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Polen und anderen Ländern gewesen sei, und da fragte Gerard:

»Aber sprechen Sie denn auch die Sprachen dieser Länder?« – »So ziemlich!« – »Und schreiben und lesen?« – »So ziemlich!« »Lesen Sie spanisch?« – »Ja.« – »Ich habe da ein altes Heft gefunden, das spanisch sein muß. Wollen Sie es einmal ansehen?« – »Zeigen Sie!«

Gerard gab dem Hüter das Buch hin, das er bei sich stecken hatte, dieser nahm und las es. Je weiter er hinein kam, desto eifriger wurde er, bis er es endlich, als er ganz damit fertig war, ruhig in seine eigene Tasche steckte.

»Nun?« fragte Gerard. – »Es ist spanisch.« – »Was ist der Inhalt?« – »Das ist nichts für Sie.« – »Oho! Sie haben wohl die Güte, mir das Heft zurückzugeben!« – »Nein, diese Güte werde ich nicht haben.«

Da richtete sich Gerard, der Garotteur, langsam auf und fragte:

»Darf ich erfahren, warum Sie mir die Rückgabe verweigern?« – »Weil dieses Heft nicht Ihr Eigentum ist«, antwortete Tombi gleichmütig. – »Ach! Wem sollte es denn sonst gehören?« – »Dem Grafen Alfonzo de Rodriganda. Ich ersehe es aus dem Inhalt.« – »Nun gut, so habe ich es ihm wiederzugeben, denn er hat es verloren.« – »Das ist nicht wahr!« – »Nicht wahr?« rief Gerard zornig. »Mein Herr, reizen Sie mich nicht; ich bin nicht gewohnt, Widerstand zu finden.« – »So haben wir beide ganz dieselben Gewohnheiten, wie es scheint«, sagte Tombi ruhig. »Eine solche Handschrift hat kein Graf; man sieht, daß dies hier nur eine Abschrift ist. Sie haben das Buch gefunden und abgeschrieben. Dem Grafen gaben Sie das Original zurück, die Abschrift aber behielten Sie, um sie zu verwerten.«

Der einfache Waldhüter stand wie ein Examinator vor dem riesigen Garotteur. Dieser blickte ihn mit zornig glühenden Augen an und erwiderte:

»Und selbst wenn es so wäre, gehörte doch diese Abschrift mir. Sie ist ein Produkt meiner Arbeit, und Sie werden sie mir herausgeben!« – »Nein, das werde ich nicht«, antwortete Tombi. – »So werde ich Sie zu zwingen wissen!« rief Gerard, indem er die mächtigen Fäuste ballte und drohend erhob.

Da lächelte der Waldhüter und sagte:

»Sie kennen mich nicht, sonst würden Sie in einem anderen Ton mit mir sprechen. Aber im Gegenteil habe ich das Glück, Sie zu kennen, und das kommt mir sehr zustatten. Sie werden nie wagen, Hand an mich zu legen. Ich erkannte Sie sofort, als ich Sie sah, obgleich ich mich wundere, Sie hier in Deutschland zu sehen.« – »Ach, wirklich? Sie wollen mich kennen?« fragte Gerard erschrocken. – »Ja. Sie sind ein Schüler unseres famosen Friseurs, den wir Papa Terbillon nennen! Habe ich recht?«

Mason trat einen Schritt zurück und rief:

»Bei Gott, Sie kennen Terbillon?« – »Ja. Sie sind Gerard Mason, der berühmte Garotteur.«

Gerard erbleichte; Tombi aber fuhr in beruhigendem Ton fort:

»Erschrecken Sie nicht, wir sind ja Freunde! Papa Terbillon gehört zu uns. Ich bin Zigeuner; ich bin Tombi, der Sohn der Mutter Zarba. Sie kennen Sie doch?« – »Zarba?« rief der Franzose erstaunt. »Oh, wer sollte diese nicht kennen! Sie ist überall und nirgends; sie ist nicht nur die Königin der Zigeuner, sondern sie beherrscht alle Leute, die vom Gesetz aus der Gesellschaft gestoßen sind.« – »Ja, sie hat ein Verzeichnis aller ihrer Verbündeten. Ihr Name, Monsieur Gerard, ist auch mit dabei. Ich war längere Zeit in Paris, daher kenne ich Sie. Sie wissen nun, daß Sie mir vertrauen können. Wie sind Sie zu diesem Buch gekommen?« – »Das darf ich nicht sagen.« – »Warum nicht?« – »Ich habe nicht das Recht, einem Mann zu schaden, dem ich diene. Sollte ich aber seinen Dienst verlassen, so bin ich bereit, Ihnen alles mitzuteilen.« – »Gut. Sie sind mir sicher. Ich will nicht forschen, was Sie nach Deutschland führt, es hat ein jeder das Recht, seine Geheimnisse zu bewahren. Muß ich es dennoch später wissen, so werden Sie es mir doch sagen. Für jetzt genügt mir der Besitz dieses Buches, das für mich sehr wichtig ist, und ich bin überzeugt, daß Sie es mir nun, da Sie mich kennen, freiwillig überlassen werden. Wie lange gedenken Sie, sich in Deutschland aufzuhalten?« – »Ich reise baldigst ab.« – »So weiß ich, daß Sie bald in Paris zu finden sind. Der Sohn Zarbas, der zukünftige König der Gitanos, hat das Recht, eine solche Rücksicht zu fordern. Haben Sie sonst noch einen Wunsch oder einen Befehl?« – »Nein. Lassen Sie uns also als Freunde scheiden, nachdem wir uns einen Augenblick lang scheinbar als Feinde gegenübergestanden haben.«

Die Männer nahmen Abschied voneinander.

Als der Franzose die Hütte verlassen hatte, schlug Tombi das Buch abermals auf, überflog den Inhalt und sagte mit triumphierender Miene:

»Welch ein Zufall! Welch ein Glück! Da kommt dieser Mason, der mich nicht erkannt hat, weil ich in Paris falsche Frisur trug, aus Frankreich nach Deutschland, weiß nicht, welchen Schatz er besitzt, und gibt mir mit demselben den Schlüssel zu dem Rätsel, das wir bisher vergebens zu lösen trachteten! Jetzt endlich ist es in unsere Hand gegeben, klar zu blicken und mit der Rache zu beginnen. Das muß ich Zarba sofort melden.«

Auch Gerard wunderte sich über das Zusammentreffen, obgleich es ihm bereits oft begegnet war, daß er in einem scheinbar völlig fremden Menschen ein Mitglied jener großen Verbrüderung kennengelernt hatte, welche sich über ganze Länder verbreitet hatte und zu der auch Zarba mit den Ihrigen gehörte.

Er ging durch den Wald und dachte an Rosa. Dieses herrliche Weib hatte einen tiefen, nicht sinnlichen, sondern ethischen Eindruck auf ihn gemacht. Diese Frau sollte er ermorden? Nein und abermals nein! Sie war ja noch dazu die Frau desjenigen Mannes, der seine Schwester vom Tod des Ertrinkens errettet hatte.

Aber an seinem gegenwärtigen Herrn wollte er auch nicht zum Verräter werden. Er war ein gewalttätiger Mensch, der vor keinem Raub, vor keinem Mord zurückbebte, aber eine Lüge machte er nicht gern. Darum beschloß er, seinem Herrn alles zu sagen.

Er kam erst spät am Abend nach Hause. In dem Zimmer des Grafen war kein Licht; dieser befand sich bei der Familie des Lehrers.

»Ach!« sagte der Garotteur zu sich. »Das paßt! Töte ich die schöne Frau nicht, so komme ich um die Summe, die ich noch zu erhoffen habe. Dieser sogenannte Marchese d'Acrozza ist ein Schurke, ich trete aus seinem Dienst, und dann ist es keine Untreue, wenn ich mich bezahlt mache.«

Er schlich sich also leise zur Wohnung Alfonzos empor und brannte das Licht an. Da stand der Handkoffer, in dem die Wertsachen aufbewahrt wurden, der Schlüssel steckte dran. Gerard öffnete und sah eine gefüllte Brieftasche, deren Inhalt er untersuchte. Sie enthielt sechzigtausend Franken. Daneben lagen zwei Beutel, mit Goldstücken gefüllt.

»Eine schöne Summe!« schmunzelte der Garotteur. Jetzt kann ich Hochzeit machen und ein ehrlicher Mann werden. Wie wird sich mein Mädchen freuen! Es ist kein Verbrechen, dieses Geld zu nehmen. Der Marchese, der sicherlich nicht d'Acrozza, sondern Rodriganda heißt, benutzt es, um Verbrechen auszuführen, ich aber benutze es, um glücklich zu sein und glücklich zu machen!«

Er steckte darauf alles zu sich, verschloß den Koffer, verlöschte das Licht und schlich sich leise wieder zur Treppe hinab. Nun erst tat er, als ob er von seinem Ausflug zurückkehrte, trat unten ein und wurde von seinem Herrn bedeutet, ihm nach oben zu folgen. Als sie aber aus dem Wohnzimmer des Lehrers in den Hausflur traten, sagte er zu Alfonzo:

»Monsieur, gehen wir nicht hinauf in das Zimmer! Was wir zu sprechen haben, das eignet sich am besten für die dunkle Nacht.«

Darauf trat er hinaus ins Freie, und Alfonzo folgte ihm. Als sie sie nun überzeugt hatten, daß kein Lauscher vorhanden sei, fragte Alfonzo:

»Warum führst du mich nach hier? Was gibt es so Geheimnisvolles?«

Der Gefragte stellte sich breitspurig vor ihn hin, steckte die Hände in die Taschen, in denen sich das Geld befand, und sagte im Vollgefühl eines reichen Mannes, der mit einem armen Schlucker spricht:

»Sehr vieles gibt es, sehr vieles, was Sie gar nicht erwarten werden, Monsieur. Unsere Mission ist nämlich gescheitert!« – »Alle Teufel! Ist Rosa de Rodriganda nicht in Rheinswalden?« – »Sie ist da. Ich habe aber von meinem Bekannten, dem Jäger, so vieles gehört, was der Sache eine ganz andere Wendung gibt.« – »So rede!« gebot Alfonzo drängend. – »Hören Sie zunächst, daß Rosa de Rodriganda verheiratet ist!« – »Alle Teufel!« rief der Graf. »Mit wem?« – »Mit Herrn Doktor Sternau. Und dieser ist verreist, um einen Seekapitän Landola aufzusuchen.« – »Tollheit!« sagte Alfonzo; seiner zitternden Stimme war der Schreck leicht anzumerken. – »Warten Sie, Monsieur, es kommt noch toller! In Rheinswalden weiß man, daß ein gewisser Graf Alfonzo de Rodriganda von Spanien nach Deutschland gekommen ist.« – »Bist du verrückt?« – »Nein«, kicherte der Franzose listig, »man hat mir kein Gift gegeben, wie der Gräfin Rosa, ich bin also noch nicht wahnsinnig.« – »Mensch!« brauste Alfonzo auf. – »Pst, Monsieur, lassen Sie uns leise reden!« warnte Mason in überlegenem Ton. »In Rheinswalden weiß man sogar, daß dieser Don Alfonzo sich bereits in Deutschland befindet, ja, daß er hier unter dem Namen eines Marchese d'Acrozza bei einem Lehrer wohnt.«

Alfonzo antwortete nicht. Er brauchte einige Zeit, um sich zu sammeln, dann sagte er:

»Ist das möglich?« – »Ja. Ich glaube sogar, daß man bereits unterwegs ist, um diesen Alfonzo, der aber ein geborener Cortejo ist, festzunehmen.«

Da verriet sich der Spanier, indem er sagte:

»Pah, sie mögen kommen! Sie werden mich nicht erkennen, denn ich trage ja die Maske, die mir Papa Terbillon angefertigt hat.« – »Oh, diese Maske ist bereits sehr hinfällig geworden, Monsieur. Die Schminke entfärbt sich, die Falten trocknen aus, und der Bart wird von dem natürlichen Haar, welches nachwächst, abgestoßen. Ein leidlicher Polizist wird sofort erkennen, daß alles Kunst ist; ich bin überzeugt davon.« – »So gehen wir von hier fort und suchen einen sicherern Ort. Ich verlasse Deutschland jedenfalls nicht eher, als bis diese Rosa tot ist!« – »Sie wird nicht sterben; sie ist bereits gewarnt, Monsieur.« – »Ah! Wer sollte sie gewarnt haben? Es weiß niemand von unserem Vorhaben!« – »Ich selbst habe sie gewarnt«, sagte Gerard aufrichtig. – »Du?« fragte Alfonzo. »Mensch, fällt es dir ein, Spaß mit mir zu treiben?«

Da trat der Franzose näher, legte ihm seine mächtige Faust auf die Schulter und sagte:

»Monsieur, hören Sie, daß ich im Ernst zu Ihnen spreche! Ich bin Gerard Mason, der Garotteur; man kennt mich in meinen Kreisen als einen braven Kerl, mit dem aber nicht gut zu spaßen ist. Dieser Doktor Sternau hat meine Schwester mit eigener Lebensgefahr aus der Seine gefischt; ich werde es nicht dulden, daß ihm oder einem der Seinigen ein Haar gekrümmt werde. Sie wollen seine Frau töten, die für Ihre Schwester gilt. Wir stehen uns gleichberechtigt gegenüber. Sie sind weder ein Marchese, noch ein Graf. Ich bin Gerard Mason, der Garotteur, und Sie sind Alfonzo Cortejo, der Betrüger, Giftmischer und Mörder. Wir sind uns ebenbürtig, und ich sage Ihnen, daß Doktor Sternau mit all den Seinen unter meinem Schutz steht. Ich war bis jetzt in Ihren Diensten und werde nicht hinterlistig an Ihnen handeln. Ich habe die Familie Sternau zwar gewarnt, aber ich habe Sie nicht verraten. Sie haben Zeit zur Flucht. Kehren Sie augenblicklich nach Spanien zurück! Ich werde Frau Sternau überwachen und sage Ihnen: Geschieht ihr das geringste Leid von Ihnen, so sterben Sie unter den unerbittlichen Fäusten des Garotteurs. Denken Sie nicht, daß Sie mächtiger sind, als ich es bin. Ihre Macht bestand in dem Geld. Sie haben keins mehr; diese Macht befindet sich jetzt in meinen Händen. Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen sagte, ich werde Wort halten. Leben Sie wohl, Monsieur!«

Er preßte mit seiner Faust die Schulter Alfonzos, daß diesem ein lauter Schmerzensschrei entfuhr, und trat zurück – um dann im Dunkel des Abends zu verschwinden.

Alfonzo stand da, als hätte ihn der Schlag gerührt. Alles war vergebens. Er erkannte, daß mit diesem schrecklichen Mann nicht zu spaßen sei.

»Diese Macht befindet sich jetzt in meinen Händen! Was wollte er damit sagen?«

Mit diesen Worten kehrte Alfonzo in das Haus zurück und begab sich nach seinem Zimmer. Dort angekommen, zündete er die Lampe an und öffnete den Koffer. Mit einem Ruf des Schreckens fuhr er zurück.

»Fort! Alles fort! Die Brieftasche und die Beutel! Sechzigtausend in Scheinen und zehntausend in Gold! Dieser Dieb!«

Alfonzo starrte mit offenen Augen auf die leeren Stellen, an denen sich das Verschwundene befunden hatte, und murmelte:

»Es bleiben mir noch dreihundert Franken, die ich zufälligerweise in meiner Börse habe. Ich muß fliehen, sogleich! Er sagte ja, daß die Verfolger unterwegs seien. Aber diese kleine Summe wird reichen, bis ich zu einem Bankier komme, dem ich mich ohne Gefahr vorstellen kann. Glücklicherweise habe ich meine Legitimationen nicht im Portefeuille gehabt, sonst wären auch sie verschwunden.«

Er packte in den Koffer, was unumgänglich notwendig war, und verließ dann heimlich das Haus. Auch er verschwand ebenso im Dunkel der Nacht, wie vorhin der Garotteur. Rosa Sternau war einer großen Gefahr entgangen.

Nur zwei Stunden später erschien der Mainzer Staatsanwalt in Begleitung mehrerer Gendarmen im Schulhaus, wo sich alles bereits zur Ruhe gelegt hatte. Die Familie des Lehrers wurde geweckt, aber als man die Stube des Marchese untersuchte, fand man die überzeugendsten Beweise, daß beide, er und sein Diener, die Flucht ergriffen hatten. Es wurden sofort alle Maßnahmen getroffen, ihrer habhaft zu werden, aber vergebens, sie waren glücklich entkommen.

31. Kapitel.

Einige Tage später brachte der Rheindampfer, der in Mainz anlegte, einige fremde Passagiere, die sich nach dem vornehmsten Hotel der Stadt begaben. Es waren ein älterer und ein junger Herr, eine Dame von großer Schönheit, und dann noch ein männlicher und ein weiblicher Domestik.

Der alte Herr schien schwer krank gewesen zu sein, ging aber jetzt aufrecht und hatte ein höchst distinguiertes, gebieterisches Aussehen. Den jüngeren Herrn konnte man für einen Künstler halten, und der Dame sah man es an, daß sie es gewöhnt sei, sich in den exklusiveren Kreisen zu bewegen.

Es waren der Herzog von Olsunna, Flora, seine Tochter, und Otto von Rodenstein, deren Verlobter. Sie erkannten, daß ihre Ankunft hier den Beginn großer, entscheidender Ereignisse bilden werde. Besonders bewegt war der Maler, dessen kindliche Liebe beim Anblick der heimatlichen Gegend doppelt stark entflammt war. Da der Herzog baldigste Gewißheit haben wollte, diktierte er seiner Tochter, nachdem sie es sich in der Hotelwohnung bequem gemacht hatten, folgendes Billett in die Feder:

»An Frau Rosa Sternau in Rheinswalden.

Wir melden Ihnen, gnädige Frau, hiermit unsere Ankunft. Da wir noch nicht wissen, ob unser Besuch dem Herrn Hauptmann von Rodenstein genehm ist, so ersuchen wir Sie um eine gütige, kurze Benachrichtigung. Gründe, die wir brieflich nicht andeuten können, lassen uns jedoch wünschen, Sie möchten persönlich kommen, damit wir uns vor unserem Aufbruch vorstellen können.

Mit der ergebensten Hochachtung
Franz, Baron von Haldenberg.«

Mit diesem Billett wurde ein Diener des Hotels nach Rheinswalden gesandt Er traf die Bewohner des Schlosses beim Oberförster versammelt. Rosa konnte, als sie die Zeilen gelesen hatte, den Inhalt derselben nicht verschweigen. Sie teilte ihn den übrigen mit und verursachte damit große Freude, da man sich auf den bereits von Frankreich aus angesagten Besuch vorbereitet hatte.

»Gott sei Dank, daß dieser Baron Haldenberg endlich anmarschiert kommt!« meinte der Hauptmann in seiner derben Weise. »Nun werden wir ja auch ausführlich erfahren, in welcher Weise er unseren guten Sternau kennengelernt hat.« – »Und ob er die Spur meines armen, verschwundenen Vaters verfolgt hat«, fügte Rosa hinzu. »Was mich aber wundert, ist, daß der Herr Baron eine Frauenhand schreibt. Mir fiel dies bereits an dem ersten Brief auf, und es ist mir ganz so, als ob ich diese Schriftzüge schon einmal gesehen hätte.« – »Ja, es gibt Männer, die so zierlich schreiben wie die Frauen«, sagte der Hauptmann, und lachend fügte er hinzu: »Meinem Duktus merkt man es sogleich an, welcher Bär ihn geschrieben hat. Aber, meine liebe Frau Sternau, spannen Sie uns nicht so lange auf die Folter, sondern fahren Sie sogleich mit dem Boten nach Mainz, um diesen Baron schleunigst herbeizuholen!«

Diesem Wunsch wurde Genüge getan. Der Wagen rollte bereits nach kurzer Zeit zum Tor hinaus, seinem Ziel entgegen. Als der Herzog die Ankommende aussteigen sah, führte er den Grafen Emanuel in ein Nebenzimmer, um ihn bis zur geeigneten Zeit daselbst zu verbergen.

Rosa ließ sich durch den Diener anmelden und wurde sofort vorgelassen. Als sie beim Eintritt die Anwesenden erblickte, zauderte ihr Fuß vor Überraschung.

»Mein Gott, ist es möglich!« rief sie erstaunt. »Durchlaucht von Olsunna! Sie hier! Und auch Durchlaucht Flora?«

Flora eilte ihr entgegen, um sie zu umarmen.

»Ja, wir sind es, meine Liebe«, sagte sie. »Sie konnten uns in Deutschland allerdings nicht erwarten, ebensowenig wie wir Sie. Desto größer aber ist meine Freude, Sie zu sehen.« – »Oh, auch ich bin ganz glücklich«, meinte Rosa. »Meine Freude ist größer als meine Überraschung. Ich suchte einen Baron von Haldenberg und bin wohl in ein falsches Zimmer gewiesen worden. Dennoch aber will ich …« – »Nein«, unterbrach sie der Herzog, »man hat Sie nicht in ein falsches Zimmer gewiesen, sondern wir sind es, die Sie erwarten.« – »Sie selbst?« fragte Rosa befremdet. »Wie ist das möglich?« – »Wir hatten Gründe, unseren Namen einstweilen zu verschweigen, und so nannte ich mich Baron von Haldenberg.« – »Ah, und Durchlaucht Flora hat den Brief und auch das heutige Billett geschrieben?« – »Allerdings.« – »So ist es mir klar, warum diese Damenhand mir so bekannt erschien.« – »Ja, ich habe Ihnen einst einige Zeilen geschrieben, wie ich mich erinnere«, bestätigte Flora. »Lassen Sie sich nieder, liebe Gräfin! Wir haben einiges zu besprechen, was Ihnen Freude machen wird.« – »Sie meinen von meinem Mann?« – »Ja. Wir haben mit Herrn Doktor Sternau gesprochen. Wir teilten Ihnen dies bereits in dem Brief mit, den ich Ihnen schrieb.«

Flora erzählte von der Krankheit Ihres Vaters, von der Hoffnungslosigkeit, in der sie geschwebt hatten, und von der unerwarteten Hilfe, die Sternau gebracht hatte. Rosa lauschte ihren Worten; es war ihren Mienen, ihren strahlenden Augen und ihren hochgeröteten Wangen anzumerken, wie sehr sie ihren Gemahl liebte und wie glücklich sie sich fühlte, ihn von diesen hochstehenden Leuten so geachtet zu sehen. Der Herzog verhielt sich schweigsam; er beobachtete die junge Frau und sagte sich im stillen, daß es auf Erden kein schöneres und lieblicheres Wesen geben könne als sie.

Otto von Rodenstein saß ebenso still dabei. Er war Rosa mit Absicht nicht vorgestellt worden und hielt sich und seinen Freund Sternau für die beiden glücklichsten Menschen unter der Sonne, von zwei solchen Frauen geliebt zu sein.

Als Flora geendet hatte, fragte Rosa:

»Sie schrieben mir von einer Spur meines Vaters, die Sie erst nach der Abreise meines Mannes entdeckt haben?« – »Ja«, antwortete Flora. »Es hat uns ernstlich leid getan, daß der Doktor Sternau nicht mehr zugegen war.« – »O bitte, erzählen Sie, erzählen Sie! Haben Sie die Spur verfolgt?« – »Wir haben sie verfolgt«, antwortete der Herzog, der sich jetzt des Gesprächs bemächtigte, um zu verhindern, daß die Aufregung der jungen Frau eine zu große werde. – »Haben Sie Glück dabei gehabt? O bitte, sagen Sie es schnell!« bat diese. – »Vielleicht«, antwortete Olsunna reserviert. – »Vielleicht! Was soll dies heißen, Durchlaucht?« – »Es befand sich ein Wahnsinniger in unserer Nähe. Er wurde versteckt gehalten, und wir erfuhren, daß er immer die Worte ausspreche: ›Ich bin der gute, treue Alimpo.‹ Wir forschten nun weiter und fanden, daß eine alte Zigeunerin bei dieser Angelegenheit die Hand im Spiel habe.« – »Eine alte Zigeunerin? Wie hieß sie?« fragte Rosa schnell. – »Zarba.« – »Zarba, ah, wenn sie es ist, so ist's der Vater sicherlich gewesen. Gott, ach Gott, Sie haben die Spur doch sicher nicht aus den Augen verloren?« – »Nein, Gräfin. Ich hoffe, daß wir zum Ziel gelangen werden.« – »Wann? Doch bald, ja, recht bald!« – »Vielleicht. Es ist möglich, daß wir den Aufenthalt Ihres Vaters baldigst kennenlernen.« – »Ich denke, Sie wissen ihn bereits?« – »Er befand sich auf einem Leuchtturm in halber Gefangenschaft. Er sollte, wie es scheint, heimlich wieder von da entfernt werden. Jetzt befindet er sich …« – »Wo, wo …?« – »Bitte, meine liebe Gräfin, beherrschen Sie sich! Eine übermäßige Freude ist ebenso gefährlich wie ein großer Schreck.« – »Eine Freude! Sie sprechen von einer Freude! Oh, Sie haben eine gute, eine glückliche Nachricht für mich!« – »Ich will das nicht ableugnen. Versprechen Sie mir, sich zu fassen, falls wir Ihnen diese Nachricht mitteilen?«

Rosa blickte ihm forschend ins Gesicht, erhob sich von dem Sessel, auf dem sie Platz genommen hatte, und antwortete ernst:

»Durchlaucht, ich habe so Schweres und Trauriges erlebt, daß mein Herz fest geworden ist. Ich könnte beides, das Schrecklichste und das Seligste erleben, ohne so schwach zu sein, in eine Ohnmacht zu fallen. Antworten Sie! Lebt mein Vater noch?« – »Ja.« – »Im Wahnsinn?« – »Ja, leider.« – »Sie wissen, wo er sich befindet?« – »Ja.« – »Weit von hier?« – »Nein.«

Da zuckte trotz ihrer vorigen Versicherung eine tiefe Erregung über Rosas schönes Angesicht, aber sie beherrschte sich doch und sagte:

»Ah, ich danke Ihnen! Nun weiß ich, warum Sie sich so sehr befleißigen, in Ihren Antworten so vorsichtig wie möglich zu sein. Soll ich Ihnen sagen, was ich denke und vermute?« – »Ich bitte darum.«

Der Strahl ihrer Augen wurde inniger; ihre Lippen zuckten leise, und auf ihren Wangen wechselte die Röte mit der Blässe. Sie hatte die drei durchschaut und sagte mit bebender Stimme:

»Durchlaucht, Sie haben den Vater bei sich, und ich werde ihn mir holen.«

Rosa blickte im Zimmer umher. Ihr Auge fiel auf die Tür, die zum Nebenkabinett führte. Mit einem raschen Schritt eilte sie dorthin, streckte die Hand aus und öffnete. Ein lauter Jubelruf erscholl, und als die anderen herbeitraten, sahen sie Vater und Tochter innig umschlungen, sie unter lautem, erschütterndem Schluchzen Freudentränen vergießend, ihn aber kalt und teilnahmslos, das geistlose Auge auf sie gerichtet. Er fühlte ihre Arme um seinen Hals und ihr Köpfchen an seiner Brust, aber er wußte nicht, wer sie war und was mit ihm vorging.

»Vater, mein Vater, mein lieber, armer, guter Papa, kennst du mich denn nicht?« fragte sie. »Ich bin es, ich, deine Rosa! Antworte, oh, antworte mir doch ein Wort, ein einziges, einziges Wort nur!«

Sie blickte erwartungsvoll zu ihm auf, aber in seinem Gesicht gab es keinen Zug, der auf eine Spur von Seelenbewegung hätte schließen lassen. Nur seine schmalen, bleichen Lippen öffneten sich, und mit monotonem Klang sagte er.

»Ich bin der gute, treue Alimpo.«

Die Dabeistehenden erwarteten, daß dieser Mißerfolg Rosa erschüttern werde, aber dies war keineswegs der Fall. Sie küßte dem Wahnsinnigen wieder und wieder die Hände und den Mund und rief:

»Ja, du bist krank, mein lieber Papa, aber wenn du heute unseren Alimpo siehst, so wirst du dich nicht länger mit ihm verwechseln. Und wenn auch das nicht helfen sollte, so wird mein Mann zurückkehren und dich gesund machen. Er hat ja das Mittel, das auch mir geholfen hat«

Sie zog den Kranken hinaus zu den übrigen und zu sich auf das Sofa nieder, und während sie sich da in tausend Liebkosungen erschöpfte, mußten sie erzählen, wie es ihnen gelungen war, seiner habhaft zu werden. Dabei kam natürlich auch Otto von Rodenstein zur Sprache, der ihr nun erst vorgestellt wurde. Als sie seinen Namen hörte, stutzte sie.

Sie hatte während ihres Aufenthalts auf Rheinswalden von dem Zerwürfnis zwischen dem Hauptmann und seinem Sohn gehört, wußte aber auch, daß dieser letztere stets und zu aller Zeit ein treuer Freund ihres Mannes gewesen sei.

»Wie wunderbar!« sagte sie. »Herr von Rodenstein, Sie haben so sehr viel zur Entdeckung meines Vaters beigetragen, das wird bei dem Ihrigen gar sehr in die Waagschale fallen. Ich schmeichle mir, seine ganze Liebe zu besitzen, und ich hoffe, daß meine Bitte bei ihm keine Fehlbitte sein wird. Sie stehen durchaus nicht ohne Schutz und Hilfe da!«

Rosa reichte dem jungen Maler das Händchen dar, das er achtungsvoll an seine Lippen zog.

»Was die Hilfe betrifft«, wandte sich jetzt der Herzog an Rosa, »so sind Sie nicht die einzige, auf deren Beistand Herr von Rodenstein rechnen kann. Ich selbst und auch Flora werden uns aus allen Kräften bemühen, ihn mit dem Vater zu versöhnen, und ich hoffe ein glückliches Gelingen, da es kaum denkbar ist, daß der Herr Hauptmann seiner Schwiegertochter gleich die erste Bitte abschlagen wird.« – »Seiner Schwiegertochter?« fragte Rosa befremdet. – »Ja.« – »Ah, ich wußte nicht… hat er vielleicht einen Sohn, der verheiratet ist, Durchlaucht?« – »Nein.« – »So sind Sie verheiratet, Herr von Rodenstein?« – »Nein, sondern einstweilen erst verlobt«, antwortete der Gefragte, mit dem glücklichsten Lächeln, das es nur geben kann. – »Ah, darf ich fragen, mit wem?« – »Gewiß, meine Gnädige. Gestatten Sie, Ihnen meine Braut vorzustellen!«

Otto nahm Flora bei der Hand, und beide machten vor Rosa eine tiefe, halb zeremoniös ernsthafte, halb spaßhafte Verbeugung.

Rosa wußte nicht, wie ihr geschah. Sie blickte das Paar erstaunt an; aber da hier eine Mystifikation ganz unmöglich am Platz war, so sagte sie:

»Ist das wahr, ist das möglich?« – »Es ist nicht nur möglich, sondern wirklich und wahr«, antwortete der Herzog. »Sie hatten sich lieb, und meine Tochter behauptete, sie könne ebensogut die Gattin eines Malers werden, wie Gräfin de Rodriganda die Gemahlin eines Arztes geworden ist.« – »Oh, Durchlaucht, sagen Sie nicht bloß Gemahlin, sondern glückliche Gemahlin!« rief Rosa, indem sie aufsprang und Flora innig umarmte.»Das ist ein Ereignis, das ich mit Entzücken begrüße. Oh, nun wird der alte, brave Isegrim nicht länger zögern, seine Hand zur Versöhnung zu bieten, und wir alle wollen nur dem Herzensglück leben, das an keine Rangstufe gebunden ist. Fahren wir sogleich nach Rheinswalden!« – »Gern«, sagte Olsunna; »aber Herrn von Rodenstein möchte ich für jetzt doch noch raten, nicht dort zu erscheinen. Sein Auftreten kann nur dann erst erfolgreich sein, wenn die Einleitungen vorüber sind.« – »Allerdings«, antwortete Rosa. »Aber zu entfernt darf er auch nicht sein, er muß bei der Hand sein und zu unserer Verfügung stehen.«

Da entschied Otto selbst:

»Ich fahre mit nach Rheinswalden, gehe aber nicht aufs Schloß, sondern bleibe auf dem Vorwerk bei der Frau Steuermann Helmers.« Dies wurde als das Beste anerkannt, und nachdem der Herzog sich noch vorher nach der Anwesenheit und dem Befinden von Sternaus Mutter erkundigt hatte, trat man die Fahrt nach Rheinswalden an, zu der allerdings der Wagen Rosas nicht genügend war, es mußte noch ein zweiter genommen werden.

Es war dabei rührend anzuschauen, mit welcher kindlichen Liebe und Aufmerksamkeit Rosa um ihren Vater besorgt war. Sie wich nicht von seiner Seite, und wollte ihr Angesicht beim Anblick seines Leidens ja einen Zug tiefen Leides annehmen, so wurde er doch sofort wieder durch den glücklichen Gedanken ausgewischt, den Vater wiedergefunden zu haben. Dies war ja für jetzt die Hauptsache, das übrige stand in Gottes Hand, und Rosa war überzeugt, daß die Kunst ihres Mannes auch den gefangenen Geist des Grafen sicher von seinen Fesseln befreien werde.

32. Kapitel.

Otto stieg eine Strecke von Rheinswalden aus, um unter dem Schutz des Waldes nach dem Vorwerk zu gelangen und dabei Frau Helmers die erfreuliche Botschaft zu bringen, daß er sich an Bord der Jacht befunden und mit ihrem Mann bei dieser Gelegenheit gesprochen habe. Die anderen setzten ihre Fahrt nach dem Schloß fort.

Dort angekommen, fanden sie den Hauptmann unter dem Portal stehend, um die Gäste zu empfangen. Die beiden Damen Sternau, Mutter und Tochter, waren nicht zugegen, sie befanden sich in der Küche, um die Vorbereitungen zum ersten, gastlichen Mahl zu treffen.

Es war ganz außerordentlich, welch ein befriedigendes Aussehen der Herzog hatte. Sein Befinden war ein höchst günstiges. Er fühlte sich in einer gehobenen, glücklichen Stimmung, durch welche seine Kräfte ganz ihre alte Spannkraft wiedererhalten hatten.

»Willkommen auf Rheinswalden!« rief der Hauptmann, indem er an die Wagen herantrat, um beim Öffnen derselben behilflich zu sein. »Der Herr Baron von Haldenberg?« – »Zu dienen«, antwortete der Herzog schnell, um Rosa keine Zeit zu einer Antwort zu lassen, durch welche sein Inkognito bereits jetzt hätte verraten werden können. »Und hier meine Tochter Flora, Herr Hauptmann!«

Der Hauptmann machte seine tiefste Verbeugung, indem er im stillen dachte: Alle Teufel, das ist ein hübsches Frauenzimmer! Die hat Augen wie eine Prinzessin!

»Und hier, wer ist das, Herr Hauptmann?« fragte Rosa, indem sie auf ihren neben ihr sitzenden Vater zeigte. – »Dieser Herr, hm, den kenne ich nicht.«

Da wandte sich der Wahnsinnige zu ihm hin und sagte:

»Ich bin der gute, treue Alimpo.« – »Donnerwetter!« rief da der Oberförster, indem er geradezu erschrocken zurückwich. »Das sind ja die Worte – die verteufelten Worte – oh, ich hoffe, ich meine, ich denke – hm, Donnerwetter!« – »Nun, was meinen Sie?« fragte Rosa. – »Etwa gar eine Überraschung?« – »Allerdings.« – »Himmelelement! Etwa gar Ihr Vater, der Herr Graf de Rodriganda?« – »Ja, er ist es«, antwortete Rosa, aus dem Wagen steigend. »Denken Sie sich meine Überraschung, meine Freude.« – »Holla! Hurra! Hosianna! Halleluja! Donner und Doria! Der Herr Graf ist da! Ludwig, Kurt, Heinrich, Wilhelm, wo steckt ihr denn, ihr Halunken? Wollt ihr wohl sofort kommen, um Seine Erlaucht, den Grafen Emanuel aus dem Wagen zu heben, ihr Faulpelze!«

Die gerufenen Jägerburschen eilten herbei und hoben den Kranken zur Erde, wo sich Rosa sofort wieder ihm anschloß, um ihn nach dem Empfangssaal zu führen. Dort wiederholte sich üblicherweise die Vorstellung, und dann konnte der Oberförster sich nicht enthalten, seiner riesigen Neugierde Ausdruck zu geben.

»Aber Baron, wie kommen Sie zu dem Grafen?« fragte er.

Der Gefragte erzählte ihm den Hergang kurz, nannte aber den Sohn des Hauptmanns nicht mit Namen, sondern bezeichnete ihn einfach als einen Freund des Doktors Sternau.

»Alle Wetter, das war ein sehr glückliches Zusammentreffen!« meinte der Oberförster. »Wenn dieser Freund nicht gewesen wäre, so hätten wir den Grafen heute nicht hier.« – »Allerdings. Und außerdem kämen Sie und wir alle um ein freudiges Ereignis, von dem Sie baldigst hören werden.« – »Was ist es?« – »Gedulden Sie sich nur eine kurze Zeit, Herr von Rodenstein! Sie werden dann alles erfahren.« – »Ja, ja. Ich bin zwar nicht sehr geduldig geartet, aber hier sehe ich doch ein, daß Sie ermüdet sind und sich wohl ein wenig auszuruhen haben. Erlauben Sie mir, Ihnen und Fräulein Flora Ihre Zimmer anzuweisen. Unsere Rosa wird für ihren Papa einstweilen selber sorgen.«

Er führte die beiden nach den für sie bestimmten Räumen, wo sie dienende Kräfte vorfanden, die ihrer bereits warteten; dann trug er Sorge, daß das Mahl bereitstehe, weshalb er sich in die Küche begab.

»Sie sind da!« meldete er den beiden Damen. »Und Graf Rodriganda dazu.« – »Graf Rodriganda?« fragte Frau Sternau erstaunt »Welcher?« – »Der Wahnsinnige.«

Jetzt herrschte auch hier großes Erstaunen, doch sorgte der Hauptmann dafür, daß trotzdem nichts versäumt wurde. Rosa hatte sich mit ihrem unglücklichen Vater zuerst im Speisesaal eingefunden. Die beiden Damen Sternau servierten. Sie unterhielten sich mit dem Hauptmann, als Flora mit ihrem Vater eintrat. Frau Sternau warf einen forschenden Blick auf die beiden und erkannte trotz der Länge der Jahre und trotz der Veränderungen, die inzwischen mit dem Herzog vorgegangen waren, diesen sofort.

»Herzog Eusebio von Olsunna!« rief sie, vor Schreck erbleichend. – »Der Herzog von Olsunna?« fragte Rodenstein. »Nein, Frau Sternau, dieser Herr ist der Baron von Haldenberg und diese Dame seine Tochter.« – »Verzeihung!« fiel da der Herzog ein. »Mein Name ist allerdings nicht Haldenberg, sondern Olsunna. Es gab einen Grund, meinen Namen für kurze Zeit zu verändern, doch ich hoffe, daß dies von Ihnen entschuldigt wird.« – »Donnerwetter! Ein Herzog! Ja, das habe ich der jungen Dame, Ihrer Tochter, gleich angesehen! Sie sieht aus wie eine Prinzessin!« rief der Hauptmann, indem ihm vor Erstaunen der Mund geöffnet blieb.

Unterdessen war Flora bereits zu Frau Sternau getreten. Sie streckte derselben herzlich die Hände entgegen und sagte: »Wir erkennen einander nicht, denn es ist eine lange Zeit her, daß ich die Señorita Wilhelmi einst so lieb gewann und ich so viel nach ihr geweint habe. Ich bin Ihre kleine Flora Olsunna, Frau Sternau. Wollen wir so gute Freunde sein wie damals? Ich bitte recht herzlich darum!«

Diesem Entgegenkommen konnte der Schreck der Damen nicht widerstehen. Die Blässe wich von ihren Wangen, eine schimmernde Feuchtigkeit breitete sich über ihre Augen, und in ihrer Stimme war ein leises Vibrieren zu hören, als sie die angebotenen Hände nahm und antwortete:

»Eine solche Dame ist aus meiner kleinen Floritta geworden? Seien Sie herzlichst gegrüßt, Hoheit! Warum sollte ich Ihnen die Gesinnungen meines Herzens nicht bewahrt haben? Sie sind mir hochwillkommen!«

Während Flora nun auch zu Fräulein Sternau trat, näherte sich der Herzog der Mutter derselben.

»Señora«, sagte er spanisch, um von dem Hauptmann nicht verstanden zu werden, »ich habe einst schwer an Ihnen gesündigt. Ich war lange Zeit dem Tod nahe und konnte doch nicht sterben, bevor ich meiner großen Schuld ledig war. Wollen Sie mir verzeihen? Tun Sie es um meiner Tochter willen.«

Es war ein tiefer, ernster, inhaltsreicher Blick, den sie auf ihn warf. Es sprach sich darin alles Elend, alle Sorge von damals aus, aber es glänzte aus demselben auch die unentwegte Güte und Großmut des weiblichen Herzens. Sie nahm die Hand an, die er ihr dargeboten hatte, und erwiderte:

»Durchlaucht, ich verzeihe Ihnen.«

Es waren nur wenige Worte, die sie sprach, aber der Herzog hörte und verstand, daß sie in Wahrheit und ohne Heuchelei alles enthielten, was er sich gewünscht hatte. Darum versetzte er:

»Ich danke Ihnen! Vielleicht geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen zu zeigen, wie tief meine Reue ist und wie ernstlich mein Bestreben, meine damalige Schuld an Ihnen zu sühnen.«

Während der Tafel herrschte zunächst, wie dies ja gewöhnlich zu geschehen pflegt, ein etwas befangener Ton, der aber später ein ungezwungener, herzlicher wurde. Der Herzog beobachtete Frau Sternau und fand, daß sie trotz ihrer Jahre noch immer einen großen Teil jener Schönheit bewahrt hatte, die damals so verhängnisvoll für sie geworden war. Auch sie warf öfters einen forschenden Blick auf ihn und gewahrte, daß er jetzt einen ganz anderen Eindruck auf sie mache als früher. Das Herz des Weibes ist schwach gegen den Eindruck des Leidens, und die Spuren seiner schweren Krankheit erweckten eine Teilnahme in ihr; die sie diesem Mann gegenüber gar nicht für möglich gehalten hätte.

Und wenn sie dann Flora betrachtete, so ging ihr das Herz auf. Ja, das war die Dame, die zu werden das Kind bereits damals versprochen hatte, das war ein Charakter ganz ohne Falsch und Tadel. Sie fühlte sich auf das innigste zu ihr hingezogen und freute sich daher herzlich, als sie sah, daß Flora sich ihr anschloß, als man nach der Tafel sich eine Zeitlang im Garten erging.

Hier näherten sich die Seelen der beiden Frauen einander mit offener Herzlichkeit. Sie fühlten, daß sie einander nahestehen, nahe bleiben und sich lieben müßten, und Flora schlang schließlich den Arm um die Taille ihrer einstigen Erzieherin und sagte:

»Meine liebe Frau Sternau, Papa wird Ihnen eine große Bitte vortragen. Werden Sie dieselbe erfüllen?« – »Ja, wenn ich kann«, antwortete die Gefragte. – »Vielleicht werden Sie können, oh, ich wünsche es von ganzem Herzen.« – »Welche Bitte wird es sein?«

Nach einem kurzen, nachdenklichen Zögern antwortete Flora:

»Ich bin nicht beauftragt, es Ihnen zu sagen, aber es ist besser, ich bereite Sie darauf vor. Papa will Sie bitten – Herzogin von Olsunna zu werden.«

Das war ein unvermittelt ausgesprochenes Wort. Es traf mit seiner ganzen Schwere die, an welche es gerichtet war. Frau Sternau trat mehrere Schritte zurück und sagte ganz erschrocken:

»Herzogin von Olsunna? Ich?« – »Ja, meine liebe, liebe Señora Wilhemi«, antwortete Flora, sie schmeichelnd bei ihrem Mädchennamen rufend. »Sie sollen Herzogin von Olsunna werden und also meine Mama. Oh, wie unendlich würde es mich freuen, wenn Sie diese Bitte meines Vaters erfüllen wollten!« – »Unmöglich! Unmöglich! Ich träume! Was will der Herzog mit einem so ungeheuerlichen Antrag bezwecken?«

Da zog Flora die früher so schwergeprüfte Frau näher an sich und entgegnete:

»Ich soll die Schwester meines Bruders sein dürfen, meines Bruders, nach dem ich mich so innig sehne. Karl Sternau soll Don Carlos von Olsunna werden, damit alles vergessen werde, was früher geschehen ist.«

Da errötete Frau Sternau so tief wie das jüngste Mädchen. Wer sie jetzt gesehen hätte, dem wäre es wohl beigekommen, daß sie einst ein sehr schönes Mädchen gewesen sein müsse.

»Mein Gott«, sagte sie, »der Herzog hat geplaudert. Sie wissen …?« – »Daß Ihr Sohn mein Bruder ist? Ja, das weiß ich. Als Papa zum Sterben darniederlag, hat er es mir mitgeteilt, und ich bin mit großer Freude darauf eingegangen, mir diesen Bruder aufzusuchen und zu gewinnen.« – »Das freut mich um Ihretwillen, mich aber drückt es unendlich nieder, denn ich weiß nicht, ob der Herzog Ihnen alles erzählt hat.«

Flora ahnte die Gedanken der Sprecherin und antwortete darum schnell:

»Alles, alles hat er mir gesagt, seine ganze, schwere Schuld hat er mir eingestanden. Auf Ihnen liegt nicht die geringste Spur eines Vorwurfs. Dennoch würden Sie ihm verzeihen, wenn Sie wüßten, wie schwer er bereut!« – »Ich habe ihm verziehen«, erklang es mit milder Stimme. – »Ich danke Ihnen! Er hat nach Ihnen und nach seinem Sohn geforscht, eine lange Zeit, er hat sich alle Mühe gegeben, Sie aufzufinden, doch vergeblich, bis Herr von Rodenstein zu uns kam und uns sagte, wo Sie sich befänden. O bitte, weisen Sie den Vater nicht zurück! Gräfin Rosa ist eine herrliche Frau, Sie hat Ihrem Sohn aus reiner Liebe ihre Hand gegeben, sie hat so unendlich viel gelitten, sie ist es wert, Herzogin von Olsunna zu werden.« – »Verzeihen Sie mir, mein liebes Kind, daß ich nicht sogleich zur Entscheidung komme. Es handelt sich hier um einen so ungewöhnlichen, ja außerordentlichen Schritt, daß man dabei nicht stürmisch sein kann. Ich will Ihnen gestehen, daß ich meinem Gemahl nicht jene heiße, glühende Liebe entgegengebracht habe, die auch nach seinem Tod mein ganzes Herz mit Trauer um sein Andenken erfüllen müßte, ich will auch gestehen, daß ich Ihrem Vater nicht mehr zürne, daß sein Anerbieten einer anderen unwiderstehlich verlockend vorkommen würde und daß ich um meines Sohnes, ja auch um Ihretwillen, auf einen so ehrenvollen Vorschlag eingehen müßte, aber geben Sie mir Zeit, gewähren Sie mir Sammlung. Es ist eine glanzvolle Zukunft, die mir entgegenwinkt, aber ich glaube nicht, daß sie mir den Frieden zu ersetzen vermag, den ich hier in der Stille und Einsamkeit gefunden habe und den ich um keinen noch so hohen Preis verlieren oder verkaufen möchte.« – »Ich weiß das. Ich weiß, daß Sie uns ein großes Opfer bringen. Auch für mich hat der trügerische Glanz, der lügenhafte Schimmer, von dem Sie sprachen, keinen Wert. Sie sollen Ihren lieben Frieden uns nicht zum Opfer bringen, denn wir wünschen nichts sehnlicher, als Ihre Einsamkeit zu teilen. Vater ist nur durch die Kunst Ihres Sohnes, meines geliebten Bruders, gerettet worden. Er ist vom Tod erstanden und wünscht, seine Tage nur der Liebe der Seinigen widmen zu dürfen. Karl, sein Sohn, würde dies billigen, und auch ich bin herzlich gern bereit, mich Ihnen anzuschließen.« – »Auch Sie? Sie dürfen Ihrer reichbevorzugten Stellung nicht entsagen. Sie sind berufen, an der Seite eines hochgestellten Mannes die Würden zu vertreten, die ein Attribut des hohen Standes sind, in dem Sie geboren wurden.« – »Oh, ich habe bereits entsagt, ich habe mir bereits den Mann gewählt, der mein Glück ist und der dasselbe Glück aus meiner Hand empfangen wird. Es ist kein Herzog, kein Fürst, es ist ein – einfacher Maler.« – »Ein Maler! Ist's möglich! Und Ihr Vater …?« – »Er billigt meine Wahl, er hat sie gebilligt unter der Voraussetzung, daß Sie seinem Sohn erlauben, der Erbe seiner Reichtümer und Würden zu sein. Sie sehen, daß es nur von Ihnen abhängt, auch mich glücklich zu machen.« – »Sie legen da eine schwere Verantwortung auf mich, mein liebes Kind«, entgegnete Frau Sternau nachdenklich. – »Ja, aber mit dieser Verantwortung lege ich auch die Macht und den Einfluß in Karls Hände, die Feinde der Rodrigandas, die nun auch die unsrigen sind, niederzuschmettern.« – »Das ist allerdings sehr zu beherzigen. Darf ich vielleicht wissen, wer der Maler ist, dem Sie mit Ihrem Herzen ein so köstliches Geschenk gemacht haben?« – »Sehr gern! Meine Mama wird ja meine beste Freundin und Vertraute sein, es soll ihr keine Falte meines Herzens verborgen bleiben. Überdies werden Sie ja recht bald erfahren, wer er ist. Er heißt Rodenstein.«

»Rodenstein?« fragte Frau Sternau überrascht. »Doch nicht etwa …?« – »Ja, Sie raten richtig. Es ist Otto von Rodenstein.« – »Der Sohn des Herrn Hauptmanns?« – »Ja.« – »Mein Gott, welch eine Schickung! Welch eine Fügung des Himmels! Wahrlich, die Wege des Herrn sind wunderbar! Wie oft hat dieses unglückselige Zerwürfnis meine ganze, vollste Teilnahme erregt. Herr Otto trägt nicht die mindeste Schuld daran, ich kenne ihn genau, ich liebe ihn sehr, er ist Ihrer Liebe in jeder Beziehung vollständig würdig. Die Starrheit seines Vaters hat ihn schwer darniedergebeugt, nun schickt der gütige Gott Sie als Engel, der die Versöhnung bringt, ich danke ihm von ganzem Herzen.« – »Und ich bin so unendlich glücklich, auserlesen zu sein, den Frieden bringen zu dürfen. Sie sehen, wir Frauen haben den herrlichen Beruf, die Liebe und Versöhnung ausstreuen zu dürfen. Auch Sie sind dazu berufen, und ich bitte Sie mit aller Inständigkeit, Papa nicht zurückzuweisen. Sie erblicken gewiß in dem allen die weisen, allgütigen Fügungen des Himmels. Gott will nicht, daß der Sünder untergehe und verderbe. Seien Sie der Dolmetsch, der Vermittler der Vorsehung, und lassen Sie meinen armen, guten Papa die Vergebung finden, nach der er sich so innig gesehnt hat. Wir alle werden es Ihnen danken, solange wir atmen. Ihr Sohn hat ja mit seinem außerordentlichen Scharfblick sogleich erkannt, daß das Leiden meines Vaters keine körperliche Ursache hat, sondern eine Folge des Leides ist, das seine Seele belastet.«

Flora, die herzogliche Prinzessin, stand so innig und demütig bittend vor ihrer einstigen Erzieherin, in ihren Augen, die von Tränen überströmten, lag ein so inniger Ausdruck heißen Flehens, daß Frau Sternau sich tiefergriffen fühlte und auch ihren Tränen nicht gebieten konnte.

»Seien Sie getrost, mein gutes Kind!« sagte sie. »Ich werde mit Gott zu Rate gehen, und er wird alles zum Besten lenken. Lassen Sie uns jetzt schweigen. Was so tief die Seele bewegt, darf auch nur im Heiligtum des Herzens zur Klarheit gelangen.«

Die beiden Frauen umschlangen sich und setzten in dieser herzlichen Vereinigung nun still und wortlos den begonnenen Spaziergang fort.

Es war gewiß, daß der Herzog keinen besseren Anwalt, keinen glücklicheren Fürsprecher haben konnte, als seine Tochter.

33. Kapitel.

Unterdessen schritt der Hauptmann an der Seite des Herzogs im Gespräch dahin. Er fühlte sich hoch geehrt, einen solchen Mann als Gast bei sich sehen zu dürfen, und war ganz entzückt von dem einfachen, anspruchslosen Wesen desselben. Man begab sich in die Stallungen und besichtigte die Wirtschaftsräume, man ging sogar ein Stück in den Wald hinein. Dabei fand der brave, wenn auch etwas schroffe Hauptmann Gelegenheit, sich auszusprechen, und als er dann später in sein Zimmer zurückkehrte, fühlte er sich so glücklich wie noch selten in seinem Leben, und der bei ihm eintretende Gehilfe Ludwig Straubenberger, der eine dienstliche Meldung zu machen beabsichtigte, fand den Oberförster in einer ganz selten guten Laune. Ja, dieser ließ sich sogar so weit herab, daß er fragte:

»Wie gefallen dir unsere Gäste, Ludwig?« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann, ganz ausgezeichnet dahier.« – »Der fremde Herr?« – »Der Baron, ein feiner Kerl!« – »Baron? Pah, ein Herzog ist er.« – »Ein Herzog? Donnerwetter!« rief der brave Ludwig ganz erstaunt.

»Ja, ein Herzog. Er ist nur inkognito gekommen, wie es bei solchen hohen Herrschaften Mode ist.« – »Eine hübsche Mode, Herr Hauptmann! Unsereiner bringt kein Inkognito fertig.« – »Ich wollte es mir auch sehr verbeten haben, daß du einmal so inkognito zu mir kämest! Und seine Tochter – Was sagst du zu ihr?« – »Hm!« schmunzelte der Gehilfe, daß ihm die Backen breit wurden. – »Was denn, hm?« – »Ein ganz famoses Frauenzimmer! Fast so schön wie unsere liebe Gräfin, Frau Sternau, dahier!« – »Dummheit! Sie ist ebenso schön wie sie. Die Schönheiten sind nämlich ganz und gar verschieden. Man teilt sie in verschiedene Kompanien, Bataillone, Regimenter und Divisionen ein. Es gibt schwarze, braune und blonde Schönheiten, es gibt auch große und kleine, dicke und dünne Schönheiten, es gibt endlich feurige und schmachtende, zärtliche und zurückhaltende, stolze und bescheidene Schönheiten, es gibt Rosen und Veilchen, Himmelschlüssel und Disteln, Klatschrosen und Vergißmeinnicht unter den Schönheiten, es gibt endlich echte und künstliche, süße und saure Schönheiten.« – »Brrr!« – »Ja, brrr! Du hast recht. Wir wollen beide Gott danken, daß wir von diesen sauren nichts zu kosten haben! Aber diese herzogliche Prinzessin hat es mir wahrhaftig angetan. Hätte ich einen Sohn, und wäre ich ein Herzog, so …«

Er stockte mitten in der Rede. Es war bei ihm seit langer Zeit nicht vorgekommen, daß er das Wort Sohn ausgesprochen hatte, jetzt war es ihm doch entschlüpft, und halb zornig, halb verlegen darüber, fuhr er den Gehilfen an:

»Nun, was stehst du noch da? Wir sind fertig. Oder denkst du etwa, daß ich meinen Vortrag über die Schönheiten gerade dir gehalten habe? Ich dachte, du wärst längst hinaus. Pack dich!« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Der brave Ludwig ging. Er war diesen Ton bei seinem Herrn längst gewöhnt und nahm sich dergleichen Schroffheiten nicht zu Herzen. Draußen auf dem Korridor traf er auf die schöne Prinzessin, von der soeben die Rede gewesen war. Er stellte sich an die Wand, um sie vorüber zu lassen, aber sie blieb bei ihm stehen und fragte:

»Wie ich beim Diner sah, haben Sie die Bedienung bei Tafel?« – »Ja«, antwortete er. – »Heute abend beim Souper auch wieder?« – »Ja.« – »Können Sie schweigen?« – »Ganz fürchterlich dahier!« beteuerte Ludwig mit Nachdruck. – »Nun, so will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Herr Otto von Rodenstein befindet sich hier in Rheinswalden …« – »Donnerw – Sapperm – Herrjeh, wollte ich sagen! Entschuldigen Sie dahier! Aber der junge Herr darf ja gar nicht nach Rheinswalden!« – »Leider! Aber ich hoffe, daß sich dies heute noch ändern wird. Er befindet sich jetzt drüben bei Frau Helmers. Wenn ich Ihnen heute abend beim Souper einen Wink gebe, so springen Sie eiligst hinüber, um ihn zu holen. Lassen Sie dann die Tür nur angelehnt, so wird er unsere Unterhaltung hören und wissen, wann er einzutreten hat. Wollen Sie das tun?« – »Das versteht sich dahier ganz von selbst«, versicherte Ludwig.

Flora nickte ihm freundlich zu und ging weiter. Er blickte ihr lange nach und brummte dann vor sich hin:

»Ja, ja, der Herr Hauptmann hat ganz recht, diese Herzogin hat es auch mir angetan. Wäre mein Vater nicht ein Holzhacker, sondern ein Herzog gewesen dahier, so wüßte ich, was ich täte. Wollen täte sie mich schon, denn ich bin kein unebener Kerl, und sie hat mich ganz freundlich angelacht. So eine könnte manchmal auch ein bißchen sauer sein, die macht man bald wieder süß! Also der junge Herr ist da! Hm! Das wird einen schönen Skandal geben; aber ich tue ihr doch den Gefallen und hole ihn. Für so eine holte ich meinetwegen den Teufel bei den Ohren herbei, besonders wenn sie einen so zärtlich anblickt, wie mich eben!«

Es gab zwischen den Bewohnern des Schlosses und ihren Gästen so viel zu erzählen, daß der Nachmittag sehr schnell verging. Zur Abwechslung mußte der kleine Kurt Helmers erscheinen, um seine Künste zu zeigen. So kam der Abend heran und mit ihm das Souper, bei dem man recht munter war. Der Herzog fühlte sich fast gar nicht mehr als Patient; eine frohe Nachricht hatte ihm seine frühere Spannkraft fast ganz zurückgegeben. Flora hatte ihm nämlich ihre Unterredung mit Frau Sternau mitgeteilt; kurz vor dem Souper hatte eine ähnliche Unterredung stattgefunden, sie war zwar nur sehr kurz gewesen, aber Frau Sternau hatte angedeutet, daß sie entschlossen sei, dem Glück so vieler nicht entgegenzutreten. Auch das hatte der Herzog natürlich sofort erfahren, und er beschloß nun, den alten Hauptmann durch einen Handstreich zu überrumpeln, um jede Abweisung von vornherein abzuschneiden.

Die während des Essens auf ihn mild und versöhnlich gerichteten Augen der einstigen Gouvernante, der sanfte Ton ihrer Stimme hatten ihm Mut gemacht. Er war heiter gestimmt, und als von seiner Krankheit die Rede war und von der Hoffnung, da er hier in Rheinswalden vollständig genesen werde, da sagte er:

»Gerade deshalb hat mich der Herr Doktor Sternau hergeschickt, und ich danke ihm herzlich dafür; aber es gibt noch einen zweiten Grund meines Kommens, er bezieht sich auf Sie, Herr Hauptmann.« »Auf mich?« fragte dieser. »Darf ich ihn erfahren, Durchlaucht?« – »Freilich! Meine Tochter steht nämlich im Begriff, sich zu vermählen, und da ich dann einsam sein werde, habe ich, um diesem zu entgehen, mich entschlossen, denselben Schritt zu tun wie sie.« – »Sich zu vermählen?« fragte der Hauptmann. – »Ja«, antwortete der Herzog.

Frau Sternau wußte, was nun kommen werde, und gab sich alle Mühe, ihre Bewegung zu verbergen. Flora aber gab Ludwig den betreffenden Wink, worauf er sofort aus dem Speisesaal verschwand.

»Zwar bin ich nicht mehr jung«, fuhr Olsunna fort, »und habe mich von meinem Leiden noch nicht ganz erholt, doch hoffe ich, bald wieder rüstig zu sein und dann die Befähigung zu besitzen, jenes heitere Glück genießen und geben zu können, das auf gegenseitiger Achtung und freundlicher Zuneigung beruht. Ich habe auch bereits gewählt, nicht eine Spanierin, sondern eine Deutsche, die auch zu dem Kreis Ihrer Bekannten zählt, Herr Hauptmann.« – »Ah, wirklich? Wer ist es?« fragte dieser, vor Erstaunen gar nicht überlegend, daß er mit seiner Frage eine große Indiskretion begehe. – »Ich werde es Ihnen nachher mitteilen. Sie wissen, daß es Gepflogenheit ist, sich in solchen Angelegenheiten an einen Fremden zu wenden, der das Amt eines Freiwerbers übernimmt Ich hoffe, Sie glauben meiner aufrichtigen Versicherung, daß ich Sie als meinen Freund betrachte, und so kenne ich keinen geeigneteren Herrn, mich ihm anzuvertrauen, als Sie, mein bester Herr Hauptmann. Wollen Sie die Werbung für mich übernehmen?«

Der Oberförster machte ein Gesicht wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er saß mit weit geöffnetem Mund da, er war ganz perplex. Er sollte den Freiwerber für einen Herzog machen! Er, der einfache Hauptmann außer Dienst! Welche Ehre! Sein Selbstgefühl dehnte sich ins Unendliche und gab ihm die Fassung zurück. Er sprang rasch auf und rief eifrig:

»Mit allergrößtem Vergnügen, Durchlaucht! Ich werde meine Sache so schön machen, wie kein anderer; ich werfe mich in die feinste Gala; befehlen Sie über mich! Und der Teufel soll das Frauenzimmer holen, das es wagt, Sie nicht zu mögen!«

Alle, sogar Frau Sternau, lachten über diese drastische Äußerung, zu welcher der Hauptmann sich von seinem Eifer hatte hinreißen lassen.

»Einer besonderen Galauniform bedarf es nicht mein bester Herr von Rodenstein«, sagte der Herzog. »Die Dame, die ich meine, ist sehr anspruchslos; Sie können Ihres Amtes gerade in demselben Kostüm walten, das Sie gegenwärtig tragen. Darf ich Ihnen die Zeit angeben, wann ich die Werbung von Ihnen getan wünsche?« – »Jawohl, jawohl! Ich bin in jedem Augenblick bereit!« – »Nun gut, so haben Sie die Güte, sofort zu beginnen.« – »Sofort? Wie meinen Sie das, Exzellenz?« – »Ich meine, daß Sie jetzt, in dieser Minute, die betreffende Dame fragen sollen, ob sie mich mit ihrer Hand und dadurch uns alle beglücken will.« – »Jetzt! In dieser Minute! Die betreffende Dame!« rief der Hauptmann ganz verwirrt. »Das klingt ja, als ob die Dame sich hier befände.« – »Allerdings befindet sie sich hier. Flora, du sitzt neben dem Herrn Hauptmann; sage ihm den Namen.«

Flora beugte sich zum Ohr des Hauptmanns hinüber und flüsterte ihm den Namen ins Ohr. Da machte dieser ein Gesicht, als ob er eine Ohrfeige erhalten habe, streckte die Hände wie abwehrend von sich und sagte:

»Sie scherzen, Durchlaucht! Aber ich sage Ihnen, meine brave Frau Sternau ist nicht die Dame, mit der ich spaßen möchte!«

Doch Olsunna antwortete ernst:

»Sie haben recht. Ich scherze keineswegs. Frau Sternau war in Spanien, sie ist eine Bekannte von mir. Ich habe sie geliebt, als sie noch eine Señorita Wilhelmi war, und dieser Liebe gebe ich jetzt Ausdruck, indem ich ihr meine Hand antrage. Mein Rang kommt hier gar nicht in Betracht, ich trete in das stille Leben zurück und erkläre den Herrn Doktor Sternau für meinen Sohn, der mein Nachfolger und der Träger aller meiner Ehren werden soll.«

Diese Erklärung war für Rosa und Fräulein Sternau fast ebenso überraschend wie für den Hauptmann.

»Das ist entweder ganz toll oder die reine Wahrheit!« rief der letztere. – »Es ist die reine Wahrheit; tun Sie also jetzt Ihre Pflicht, Herr Hauptmann!«

Dieser befand sich noch immer in einer großen Verlegenheit. Die ganze Sache war ihm so ungeheuerlich, daß er nicht daran glauben konnte. Wollte man ihn narren? War es vielleicht in Spanien erlaubt, solche Scherze zu treiben? Aber der Ton des Herzogs war ein so ernster, fast befehlender. Es war ja alles möglich. Hatte doch auch Gräfin Rosa den Doktor Sternau zum Mann genommen! Es mußte gesprochen werden, es mochte daraus werden, was, nur wolle; darum nahm er eine möglichst würdevolle Haltung an und sagte, zu Frau Sternau gewandt:

»Meine liebe Frau Sternau, ich weiß allerdings nichts, woran ich eigentlich bin, aber Sie haben ja selbst gehört, daß ich nicht anders kann. Seine Durchlaucht, der Herzog Eusebio von Olsunna gibt mir den ehrenvollen Auftrag, Sie um Ihre Hand für ihn zu bitten. Weiß Gott, diese Hand ist brav; sie ist ebensoviel wert wie die Hand einer Hofdame! Sie wissen besser als ich, ob es im Scherz gemeint ist. Ist es aber wirklich Ernst so wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück zu dieser Verbindung und ersuche Sie, mir eine klare und offene Antwort zu geben!«

Da stand die Befragte auf, reichte ihre Linke dem Oberförster und ihre Rechte dem Herzog und antwortete:

»Mein bester Herr Hauptmann, es ist wirklich ernst gemeint. Ich danke Ihnen herzlich und erkläre, daß ich bereit bin, die Gemahlin eines Herzogs zu werden, nicht des Glanzes wegen, sondern um dererwillen, die ich liebe und welche diese Verbindung wünschen.«

Da sprang Flora auf sie zu und schloß sie in ihre Arme.

»O Mutter, jetzt habe ich eine Mutter, die ich lieben kann! Wie glücklich machst du deine Tochter!«

Das hagere Gesicht des Herzogs glänzte vor Freude.

Rosa konnte das alles noch nicht so recht verstehen, auch Fräulein Sternau ging es so, doch traten beide herbei, um den Verlobten ihre Glückwünsche darzubringen.

An der Tür stand Ludwig wieder.

»Ist dies Komödie oder Wahrheit?« brummte er. »Unsere Frau Sternau eine Herzogin dahier! Das hätte ich ihr doch nicht angesehen! Wie sich so eine Frau doch verstellen kann, vielleicht war sie auch bloß inkognito auf Rheinswalden!«

Und hinter der Tür lauschte einer, dem das Herz in banger Erwartung stürmisch klopfte – Otto von Rodenstein. Er wußte, daß jetzt die Entscheidung kommen werde, und wünschte nichts sehnlicher, als daß sie bald vorüber sei.

Der Hauptmann begriff jetzt endlich, daß man keinen Scherz getrieben habe; er konnte zwar das ungeheure Glück nicht begreifen, das seiner Wirtschafterin widerfuhr, aber er blieb nicht zurück und brachte nun auch seine Gratulation an. Dann fügte er hinzu:

»Durchlaucht, Sie nehmen mir da eine Dame fort, die mir nie zu ersetzen sein wird. Und das schlimmste ist, daß nun auch Fräulein Sternau nicht mehr wird bei mir bleiben wollen.« – »Tragen Sie keine Sorge!« antwortete Olsunna. »Ich glaube heute nicht, daß wir uns auf weite Entfernungen und längere Zeit trennen werden, doch werde ich sofort für einen Ersatz sorgen, von dem ich hoffe, daß er Ihnen genügend sein wird.« – »Eine neue Haushälterin?« fragte der Hauptmann zweifelnd. – »Ja, und auch noch etwas viel besseres. Sie haben die Ihnen von mir anvertraute Werbung übernommen, Herr Hauptmann, ich bin Ihnen dafür zu Dank verpflichtet, und der angemessenste Gegendienst, den ich Ihnen dafür zu leisten vermag, ist der, daß ich nun meinerseits bei Ihnen als Freiwerber auftrete.« – »Bei mir?« fragte Rodenstein erstaunt. – »Ja, mein Bester!« – »Ich habe keine Tochter!« – »Aber einen Sohn, und ich hoffe, daß ich keine schlimmere Antwort erhalte, als Sie Ihnen von meiner jetzigen Braut gegeben worden ist!« – »Bitte, Durchlaucht, schweigen wir!« sagte da der Hauptmann streng. »Dies ist ein Thema, von dem ich befohlen habe, daß es bei mir niemals berührt werden soll!« – »Sie werden mir erlauben, nicht zu den Untertanen zu gehören, denen Sie diesen Befehl gegeben haben. Und ferner werden Sie als derjenige, dessen Gast ich bin, die Höflichkeit besitzen, mich anzuhören!«

Das Gesicht Rodensteins hatte einen ganz anderen Ausdruck angenommen als vorher, dennoch beherrschte sich der sonst so jähzornige Mann und sagte:

»Einem anderen würde ich eine solche Rede nicht erlauben. Sprechen Sie!« – »Sie haben Ihrem Sohn das Recht genommen, sein Vaterhaus zu betreten«, begann Olsunna. – »Er hat es nicht besser verdient! unterbrach ihn Rodenstein. – »Das ist Ihre Meinung, Herr Hauptmann, ich aber will es nicht untersuchen, ob es recht oder unrecht ist, einen begabten Sohn zum Sklaven eines Prinzips zu machen und ihm darum zu verbieten, Gottes Stimme zu gehorchen, der ihm sein Talent gegeben hat, um Großes zu leisten. Ihr Sohn hat der Stimme Gottes gehorcht; Sie haben ihn von sich verbannt, ihn des Vaterhauses, der Vaterliebe, des Namens beraubt; vielleicht hätten Sie anders gehandelt, wenn die vermittelnde Stimme der Mutter dazwischen hätte klingen können, des Weibes, das Sie einst geliebt haben und an das Sie denken mußten, ehe Sie den Sohn von sich stießen, denn dieser gehört nicht Ihnen allein.« – »Donnerwetter!« brummte der Hauptmann.

Es war nicht zu bemerken, ob es ein Wort des Zorns sein sollte, oder ob es Mißmut bedeutete über eine weiche Regung, die sich aus seinem verschlossenen Innern empordrängte. Alle wußten, daß er an seiner Frau mit großer Innigkeit gehangen hatte und daß gerade der Harm über ihren Verlust ihn so rauh und grillig gemacht hatte. Der Herzog fuhr unbeirrt fort:

»So ist Ihr Sohn also seinen eigenen Weg gegangen, und dieser Weg hat ihn zur Höhe geführt. Trotzdem hat er seinem Ruhm entsagen wollen, um das Vaterherz wiederzugewinnen. Dieses Opfer war groß, war ungeheuer; es gehörte die ganze Kraft einer außerordentlichen Selbstverleugnung und Kindesliebe dazu, es zu bringen, Sie aber haben es nicht angenommen und die Großherzigkeit Ihres Sohnes nicht erkannt. Ich hege eine bessere Meinung von ihm, er hat sich meine vollste Hochachtung erworben. Er ist ein ungewöhnlicher Mann, auf den Sie stolz sein sollten, und so bin ich bereit ihm Achtung und Teilnahme auf eine ungewöhnliche Art zu beweisen. Er hat eine junge Dame von sehr ehrenwerter Stellung kennengelernt aber er will sich ohne Wissen seines Vaters nicht vermählen, er ist der Künstler, durch den wir den Grafen Rodriganda entdeckt haben; ich bitte an seiner Stelle für ihn um die Erlaubnis, jener Dame die Hand reichen zu dürfen!«

In dieser Weise hatte noch niemand mit dem Hauptmann zu sprechen gewagt. Es wurmte ihn gewaltig, aber über sein Gesicht zuckte es doch wie väterlicher Stolz, seinen Sohn von einem solchen Mann so gelobt zu sehen, und wie eine herzliche Rührung, die er nicht zu unterdrücken vermochte.

»Wer ist diese Dame?« fragte er endlich. – »Hier steht sie«, antwortete der Herzog. »Meine Tochter Flora.«

Staunend tat der Oberförster einen Schritt vorwärts und rief:

»Ihre Tochter, die Prinzessin? Wenn vorhin alles Ernst war, so ist doch dies hier Scherz!« – »Glauben Sie wirklich, daß der Herzog von Olsunna seine einzige Tochter einem armen Künstler geradezu anbietet, um sich nur einen Spaß zu machen? Meine Tochter liebt Ihren Sohn; er ist es wert; sie sollen glücklich sein, darum gab ich ihnen mein Jawort. Jetzt tun Sie, was Sie vor uns, vor Gott und Ihrem Vaterherzen verantworten können!«

Da legte der Hauptmann die beiden Hände an seine Stirn:

»Bin ich irrsinnig? Mein Sohn und die Tochter des Herzogs von Olsunna? Sollte ich mich wirklich so gewaltig in ihm geirrt haben? Sollte er wirklich so ein Sapperlot sein, der sich an eine Prinzessin wagt? Hole mich der Kuckuck, dann wäre ich ja der dümmste Kerl gewesen, den es nur geben kann! Aber, Durchlaucht, wo ist er denn? Wenn Sie ihm die Hand Ihrer Tochter geben wollen, so müssen Sie doch wissen, wo er sich befindet!«

– »Hier bin ich, Vater, hier!« rief es von der Tür her.

Und Otto drang herein, eilte auf den Vater zu und faßte ihn bei beiden Händen.

»Was, hier?« fragte der Hauptmann. »Das habe ich dir verboten. Beweise mir erst, daß alles wahr ist, sonst glaube ich es nicht!« – »Es ist wahr!« bestätigte da Flora, indem sie näher trat, ihren Verlobten umarmte und küßte und dann auch die Arme um den Hauptmann schlang. »Nicht wahr, lieber Papa, Sie sind ihm nicht mehr bös?« schmeichelte sie. »Er hat Sie so lieb; er hat so sehr getrauert, und ohne Ihre Liebe ist es mir ganz unmöglich, ihn glücklich zu machen!«

Da rieb der Hauptmann sich abermals die Stirn und fragte: »Prinzessin, Blitzmädel, ist's wahr, du umarmst den alten Rodenstein?« – »Oh, ich küsse ihn sogar, denn ich habe ihn bereits recht lieb!«

So antwortete Flora, und ehe der Hauptmann sich's versah, fühlte er ihre vollen, warmen Lippen ein-, zwei-, dreimal auf seinem bärtigen Mund.

Da warf er jubelnd die Arme in die Luft und rief:

»Es ist wirklich wahr! Mein Junge heiratet eine Herzogin! Er ist ein Kerl, vor dem sogar ein König Respekt haben muß! Viktoria! Halleluja! Hosianna, Davids Sohn! Hussa! Hurra! Ludwig, lauf, renn hinunter in den Hof. Die Kerle sollen sogleich ihre Jagdhörner hernehmen und dreißigtausend Fanfaren blasen, bis ihnen der Atem ausgeht!«

Im Nu war der treue Jagdgehilfe verschwunden. Der Hauptmann aber breitete die Arme aus, so weit er konnte, und rief:

»Kommt an mein Herz, Kinder, alle, alle! Verzeiht dem alten Rodenstein, daß er ein solcher Dummrian gewesen ist, sich und seinem guten Jungen das Leben so sauer zu machen. Von nun an soll es anders werden!«

Jetzt flossen allerseits die hellsten Freudentränen, denn das Glück drängt die heißen Tropfen ebenso aus dem Herzen wie das Leid. Eine solche Freude war auf Schloß Rheinswalden noch gar nicht erlebt worden, und bis in die späte Nacht saßen die Versöhnten und Vereinten beisammen, um sich einer an der Wonne des anderen zu berauschen.

Den einzigen Schattenpunkt bildeten der Zustand des Grafen Emanuel, der bei all dem Jubel teilnahmslos blieb, und die Abwesenheit Sternaus.

Man beschloß, den letzteren sofort von allem zu benachrichtigen, sobald man eine sichere Adresse von ihm erfahre. Dies geschah auch später, und wir werden noch erfahren, ob dieser Brief an ihn gelangt ist oder nicht.

34. Kapitel.

Nachdem der Pirat Landola von Sternaus Jacht »Rosa« einen so gehörigen Denkzettel erhalten hatte und die von ihm gegen den Feind ausgesandten Barken samt der Mannschaft durch wohlgezielte Kugeln Helmers in den Meeresgrund versenkt worden waren, sah er ein, daß er seine Absicht die Jacht und den englischen Kauffahrer zu erbeuten, unmöglich erreichen werde, und segelte nach Süden. Der »Gruß aus Rodriganda« war ihm ein Rätsel. Derjenige, der ihm denselben zugerufen hatte, war sicherlich ein Feind; daran konnte gar nicht gezweifelt werden; aber Landola konnte sich nicht denken, wer es sei. Immerhin sagte er sich, daß die Jacht jedenfalls nach dem Kap dampfen werde, um dort Anzeige zu machen, und traf daher seine Vorkehrungen danach.

Er selbst mußte nach Kapstadt, um dort Nachrichten einzunehmen, die vor einigen Tagen noch nicht eingegangen gewesen waren, und doch durfte er sich nicht sehen lassen, da die Jacht jedenfalls vor ihm dort anlangte und gewiß sofort Anzeige erstattete. Daher hielt er weit nach West über den eigentlichen Kurs hinaus, um keinem Fahrzeug zu begegnen, ging dann nach Süd und lenkte einige Seemeilen vor der Höhe von Kapstadt gerade nach Ost um.

Als er sich in dieser Breite befand, war es Nacht, und er konnte also ungesehen sich der Küste nähern. Dort suchte er einige Zeit vor dem vollen Anbruch des Tages, also beim ersten Morgengrauen eine einsame Bucht auf, in der er vor Anker ging, ohne von jemand gesehen worden zu sein.

Dann schrieb er einen Brief an seinen Agenten in Kapstadt, dem er vertrauen konnte und der die Aufgabe hatte, alle eingehenden Briefe und Depeschen für ihn aufzubewahren. Diesen Brief erhielten zwei Leute, die ein Fahrzeug bestiegen, ein Segel setzten und nach Kapstadt fuhren.

Sie erreichten diese Stadt unbehelligt, und während der eine im Boot blieb, ging der andere zu dem Agenten, der den Brief las:

»Es ist ein Glück, daß Ihr Euch versteckt habt«, meinte derselbe, als er fertig war. »Ein Deutscher, der gestern abend auf einer Dampfjacht hier einlief, hat angezeigt, daß Kapitän Landola gleichbedeutend ist mit dem Piraten Grandeprise.« – »Ist er noch hier?« fragte der Mann. – »Ja; er nimmt Kohlen ein; sein Vorrat ist auf die Neige gegangen.« – »Wie heißt er?« – »Sternau. Und der Kapitän der Jacht heißt Helmers. Der Gouverneur hat alle Agenten zu sich beordert, um sie zu warnen, mit Landola auch nur schriftlich zu verkehren, oder alle Korrespondenzen, die sich auf ihn beziehen, sofort an die Behörde abzuliefern. Auch ich bin gezwungen, vorsichtig zu sein. Zwar werde ich jetzt eine Depesche, die ich gestern erhielt, noch aushändigen, weiter aber kann ich für die nächste Zeit nichts mehr wagen.«

Der Agent gab dem Mann danach die Depesche, die geöffnet, aber in einer Art von Chiffreschrift abgefaßt war, und dieser entfernte sich. Er hatte von Landola die Weisung erhalten, sich so genau wie möglich nach der Jacht zu erkundigen, und ging deshalb nach dem Hafenteil, an dem sie vor Anker lag.

Er hatte diesen Ort jedoch noch nicht erreicht, so begegnete ihm ein Mann, der bei seinem Anblick wie sinnend stehenblieb und sich dann wieder umwandte, um ihn anzuhalten. Der Fremde trug die Tracht eines gut situierten Seemannes.

»Holla, Junge«, sagte er, »zu welchem Schiff gehörst du?« – »Zu dem Amerikaner da draußen«, antwortete schnell gefaßt der Pirat und deutete nach einer amerikanischen Brigg, an der er bei seiner Einfahrt in den Hafen vorübergekommen war. – »So, so«, meinte der andere zweifelnd. »Ich glaube, dich bei einem anderen Schiff gesehen zu haben. Kennst du Funchal, mein Bursche?« – »Ja.« – »Wann warst du dort?« – »Vor langen Jahren; ich diente damals auf einem Franzosen.« – »So? Da kennst du wohl auch die lange, dürre Mutter Dry?« – »Kann mich nicht besinnen. Es ist zu lange her.« – »Hm, ich dachte, dich vor nicht gar zu langer Zeit dort gesehen zu haben, hast du einmal etwas von ›Jeffrouw Mietje‹ gehört?« – »Nie.« – »Dann irre ich mich allerdings. Ich dachte wirklich, du gehörtest noch vor kurzem auf die ›Pendola‹, Kapitän Landola.« – »Kenne den Mann nicht, habe überhaupt keine Zeit. Adieu!«

Der Pirat ging weiter, aber hinter der nächsten Ecke blieb er einen Augenblick stehen, um hinter ihrem Schutz vorsichtig zu lugen, und da sah er, daß der Fremde ihm folgte. Er erkannte sofort, daß es gefährlich sei, sich länger aufzuhalten, und suchte deshalb rasch seine Zille auf, mit der er sofort die Stadt verließ.

Der Fremde, der ihn angeredet hatte, war kein anderer als Helmers, der zum Hafenmeister gehen wollte, um seine Papiere zu klaren, denn die »Rosa« war fertig mit der Aufnahme der Kohlen und sollte wieder in See stechen.

Er erinnerte sich ganz genau des Gesichts des Mannes und schöpfte Verdacht, daher folgte er ihm von weitem und kehrte, als dieser vom Land stieß, schnell zur Jacht zurück, auf der er Sternau traf.

»Herr Sternau, sehen Sie die Zille, die dort draußen hält?« fragte er. – »Ja.« – »Es sitzen zwei Kerle darin, von welchem der eine noch vor kurzem auf die ›Pendola‹ gehörte. Er sagte mir, daß er auf dem Amerikaner da draußen diene, aber ich glaube es ihm nicht denn die Zille war verdammt wenig amerikanisch gebaut. Hier gibt es vielleicht eine Spur. Setzen Sie das Boot aus und lassen Sie ihn von zwei Mann verfolgen, aber so, daß er nichts merkt. Ich wäre selbst dabei, aber ich muß auf das Hafenamt«

Helmers verließ das Schiff, und Sternau folgte seinem Rat. Er bemerkte bald, daß die Zille nicht bei dem Amerikaner anlegte, sondern an ihm vorüber segelte. Daher beorderte er vier tüchtige Ruderer und einen Steuerer in das Boot, das den Befehl erhielt die Zille zu verfolgen, ohne sich sehen zu lassen.

Das Meer ging zwar nicht unruhig, aber dennoch waren die Wogen so hoch, daß man das Boot das kein Segel führte, von weitem gar nicht bemerken konnte, da die Wogen es verdeckten; das Segel der Zille aber leuchtete auf weite Entfernung hin.

Die beiden Piraten hatten eine gute Fahrt Sie brauchten nicht zu rudern und saßen faul auf der Bank. Der Wind war hinter ihnen, so erreichten sie in angemessen kurzer Zeit die »Pendola«.

Der Kapitän Landola nahm die Meldung wortlos hin und ging sodann in die Kajüte, um die Depesche zu entziffern. Sie lautete:

»Doktor Sternau, der, den wir in Barcelona einschließen ließen, ist hinter Ihnen her. Er weiß alles. Cortejo.«

Graf Alfonzo hatte nämlich nach seiner Ankunft in Rodriganda alles erzählt und auch das, was sein Diener Gerard in Rheinswalden erfahren hatte, und so hielt es Gasparino Cortejo für geraten, den Kapitän sofort zu benachrichtigen. Er hatte dieselbe Depesche an verschiedene Plätze geschickt, von denen er wußte, daß Landola dort verkehre. Die Chiffreschrift war einst von ihnen entworfen worden, und sie hatten bereits seit längerer Zeit in derselben miteinander verkehrt.

Kapitän Landola kehrte nun auf das Verdeck zurück und suchte seinen ersten Offizier auf.

»Laß den Anker lichten«, sagte er. – »Jetzt?« fragte der Offizier erstaunt. »Ist es nicht gefährlich, sich bei Tag hier sehen zu lassen?« – »Allerdings, aber noch gefährlicher ist es, hier zu bleiben. Wir gehen direkt nach Westindien.«

Der Offizier wußte, daß der Kurs nach dem Indischen Ozean gewesen war, darum machte er ein so erstauntes Gesicht, daß Landola ihm erklärte:

»Wir haben einen Verfolger hinter uns, den wir irreführen müssen. Auch ist es bekannt geworden, daß die ›Pendola‹ der ›Lion‹ ist. Wir müssen Bau und Takelage verändern und andere Papiere haben. Vorwärts also!«

Als das Schiff die Bucht verließ, hielt das Boot Sternaus nicht viel über eine halbe englische Meile entfernt hart am Ufer, von dem es nicht gut unterschieden werden konnte. Die fünf Männer blickten der »Pendola« nach, so lange sie zu sehen war, und kehrten dann nach Kapstadt zurück, wo sie, da sie den Wind gegen sich hatten und den Weg rudernd zurücklegen mußten, erst spät eintrafen.

Die »Rosa« wartete ihrer bereits mit geheiztem Kessel. Als Sternau und Helmers ihren Bericht vernommen und auch ganz genau nach den Manövern der »Pendola« gefragt hatten, sagte Helmers:

»Er reißt aus, er geht nicht um das Kap.« – »Aber wohin sonst?« – »Ha, das ist schwer zu erraten. Man muß ihm gleich folgen. Ich habe einen Gedanken, der zwar falsch sein, aber auch das Richtige treffen kann.«

Helmers ging einige Male auf dem Verdeck der Jacht hin und her und fuhr dann fort:

»Landola weiß nun, daß er verraten ist. Er muß, um sicher zu sein, sein Schiff und auch den Namen desselben verändern. Und wo kann er das tun? Auf einer öffentlichen Werft nicht. Er muß vielmehr einen verborgenen Ort aufsuchen, und den findet er am besten in Westindien, hinter den Antillen, auf einer der kleinen Inseln, die dort zu Hunderten zu treffen sind. Ich glaube, daß meine Vermutung die richtige ist.« – »So müssen wir ihm schnell nach.« – »Das ist schwer! Er wird alle gebahnten Seewege vermeiden, und so ist er nicht leicht aufzufinden. Den Golfstrom aber muß er aufsuchen, und wenn wir ihm dorthin vorausdampfen, so finden wir ihn sicher.« – »Ich begreife das nicht« – »Herr Doktor, Sie sind kein Seemann! Für uns gib es ebenso genau Straßen wie für den Fuhrmann zu Lande. Verlassen Sie sich auf mich, er entgeht uns nicht. Und zu Ihrer Beruhigung will ich ein Stück nach West gehen und dann zwischen Nord und Süd kreuzen, wo wir ihn ganz sicher zu sehen bekommen. Dann werden wir ja finden, welchen Kurs er einhält.« – »Wir greifen ihn sofort an.« – »Das geht nicht Wir können ihn nur verwunden, er kann uns töten. Er hat Boote, um sich zu retten, wenn es uns gelingen sollte, sein Schiff anzuschießen; trifft aber uns eine einzige Kugel unglücklich, so sind wir verloren. Unsere zwei Boote fassen nicht die Hälfte unserer Leute, sie sind gebaut für kurze Ruderstrecken, nicht aber, um über den Ozean zu fahren.«

Sternau mußte dem erfahrenen Kapitän recht geben und bemerkte also, daß er sich seiner Einsicht fügen werde. In kürzester Zeit fuhr darauf die »Rosa« zum Hafen von Kapstadt hinaus, um die hohe See zu gewinnen.

35. Kapitel.

Es war zwei Wochen später, da saß drüben in Mexiko ein wunderhübsches Mädchen in ihrer Hängematte und hielt zwei Briefe in der Hand. Den einen hatte sie bereits gelesen, und der andere, auf dem jetzt ihr schönes Auge ruhte, lautete:

»An Miß Amy Lindsay, Mexiko.

Teure Miß!

Es waren sehr eigentümliche Verhältnisse, unter denen Sie Rodriganda verließen, und da ich wohl annehmen darf, daß Sie die Entwicklung derselben zu hören wünschen, so glaube ich, auf Ihre Verzeihung rechnen zu können, wenn ich mich zum Berichterstatter anbiete.

In der Anlage erhalten Sie, da ich jetzt Muße besitze, eine ausführliche Darstellung aller Ereignisse bis auf den heutigen Tag, und Sie werden aus dem Schluß ersehen, daß ich diese Zeilen hier in Greenock auf einem Ihrer Wohnsitze und als Gast des Herrn Advokaten Millner schreibe. Morgen reise ich ab, und so Gott will, finde ich die Spur des Herrn von Lautreville, der sich als Gefangener an Bord der ›Pendola‹ befindet.

Da Sie heute die gegenwärtige Adresse von Rosa erfahren, so darf ich vielleicht hoffen, daß Rosa ein freundliches Lebenszeichen von Ihnen erhält. Sobald ich nur einigen Erfolg habe, wird Ihnen derselbe gemeldet von

Ihrem ergebenen
Karl Sternau.«

Dies war der Begleitbrief. Nun begann sie die Einlage zu lesen. Sie erfuhr daraus alles, was sich seit ihrer Abreise von Rodriganda ereignet hatte, auch die Vermählung ihrer Freundin mit Sternau, und dies brachte sie dann wieder auf die trüben Gedanken über das unerklärliche Verschwinden ihres Geliebten.

Wie oft hatte sie an diesen gedacht, und nun erfuhr sie, daß er als Gefangener mitgeschleppt werde, hinaus in die weite Welt, hinaus auf das unendliche Weltmeer! Warum? Was hatte er verbrochen? Warum besaß er so grausame Feinde? Würde es Sternau, diesem braven, starken, kühnen Mann, gelingen, ihn zu befreien? Amy saß und sann und merkte gar nicht, daß ihr dabei eine Träne um die andere aus den schönen Augen perlte.

Da wurde sie aus ihrem trüben Sinnen gestört. Die Dienerin erschien und meldete ihr Señorita Josefa Cortejo.

Sie wischte schnell die verräterischen Tränen fort und hatte noch nicht Zeit, die Briefe wegzulegen, als bereits die Angemeldete erschien.

Die beiden Damen hatten sich in einer Tertulia kennengelernt. Unter einer Tertulia versteht man in Mexiko eine gesellige Zusammenkunft von Herren und Damen, die nur den Zweck der Unterhaltung hat. Bei dieser Gelegenheit war Josefa Cortejo ihr vorgestellt worden und hatte sich nicht wieder von ihrer Seite fortbringen lassen.

Josefa Cortejo mit den unangenehmen Eulenaugen war Miß Amy Lindsay gleich im ersten Moment widerwärtig; sie hatte sie daher auch gar nicht aufmunternd behandelt, war aber von ihr bei ähnlichen Zusammenkünften immer wieder von neuem aufgesucht worden, und gestern hatte Señorita Josefa sogar um die Erlaubnis gebeten, Miß Amy besuchen zu dürfen. Amy konnte diese Bitte nicht abschlagen, ohne ganz und gar unhöflich zu sein, und die Folge war der jetzige Besuch.

Als die Angemeldete eintrat, erhob sie Amy mit einem Lächeln, das zwar höflich, aber nicht sehr freundlich war. Diese Josefa war förmlich zudringlich, trotzdem Amy sich nicht einmal erkundigt hatte, wer oder was ihr Vater eigentlich sei. Sie pflegte das bei Personen, die ihr gleichgültig oder gar unsympathisch waren, niemals zu tun.

»Sie verzeihen, beste Miß, daß ich störe«, sagte Josefa mit einer Verneigung, die verbindlich sein sollte, zu der aber ihre Gestalt nicht die nötige Eleganz besaß. – »O bitte, ich heiße Sie willkommen«, lautete die kühle Antwort.

Als ihr ein Sitz angewiesen war, fuhr Josefa fort:

»Ich würde von der mir gestern gewährten Erlaubnis so baldigst keinen Gebrauch gemacht haben, wenn mir nicht ein Besuch meines Vaters die Gelegenheit dazu geboten hätte. Er befindet sich gegenwärtig bei Don Lindsay.« – »Ach, Ihr Vater ist bei dem meinigen?« fragte Amy verwundert – »Ja. In einer Geschäftsangelegenheit, die mein Vater mit dem Ihrigen als dem Vertreter Englands zu besprechen hat. Ich schloß mich ihm an, weil ich mich freue, die Bekanntschaft einer Dame von wirklicher Distinktion gemacht zu haben. Man ist in dieser Beziehung hier nur auf sich selbst angewiesen.«

Amy warf einen verwunderten Blick auf die Besucherin; diese kam ihr doch gar nicht so vornehm und distinguiert vor.

»Ich denke doch, daß Mexiko sehr viele hervorragende Familien zählt«, bemerkte sie. – »Hm, vielleicht«, entgegnete Josefa mit einem widerwärtigen Naserümpfen. »Hervorragende allerdings, aber doch nicht wirklich vornehme. Ich als Braut des reichsten Grundbesitzers Mexikos habe in der Wahl meiner Freundinnen vorsichtig zu sein.«

Soeben erschien die Dienerin und brachte die in Mexiko gebräuchliche Schokolade. Als sie sich wieder entfernt hatte, setzte Amy das Gespräch mit der Frage fort:

»Sie sind verlobt?« – »Öffentlich noch nicht, da diplomatische Gründe zu berücksichtigen sind.« – »Ach, Ihr Verlobter ist Diplomat?« – »Eigentlich nicht«, antwortete Josefa mit einiger Verlegenheit, »aber ich durfte diesen Ausdruck gebrauchen, da meinem Erwählten drüben im Vaterland eine bedeutende Zukunft offensteht, die er gerade jetzt im Begriff steht, anzutreten.« – »Dann gratuliere ich.« – »Ich danke, Miß Lindsay. Sie haben von dem Grafen de Rodriganda gehört?« – »Von dem Grafen de Rodriganda?« fragte Amy überrascht. – »Ja. Der Name scheint Sie zu frappieren.«

Amy hatte sich schnell gefaßt und antwortete:

»Ich habe eine Freundin dieses Namens.« – »Eine Spanierin?« – »Ja. Rosa de Rodriganda y Sevilla. Ihr Vater war der Graf Emanuel de Rodriganda.«

Die Eulenaugen Josefas zogen sich zusammen wie die eines Raubtiers. Sie fragte: »Wo lernten Sie Rosa kennen?« – »In Madrid. Später besuchte ich sie auf Rodriganda.« – »Wann?«

Dieses »Wann« war in einem förmlich inquisitorischen Ton ausgesprochen worden. Er berührte Amy unangenehm, und darum gab sie unwillkürlich nicht die Zeit an, sondern sagte nur:

»Einige Zeit nach unserem ersten Zusammentreffen.« – »Wann war dies, Miß?«

Der Ton dieser Frage war streng. Amy war keine Politikerin, auch kein polizeiliches Talent, aber sie hatte soeben brieflich von Sternau erfahren, was vorgegangen war, und so kam ihr der Gedanke, hier vorsichtig sein zu müssen. Darum erlaubte sie sich eine kleine Unwahrheit, indem sie antwortete:

»Vor ungefähr sechs Monaten.« – »Es muß später gewesen sein«, behauptete Josefa zudringlich.

Amy errötete, aber nicht vor Scham, sondern vor Ärger über den Ton, in dem dieses Mädchen zu sprechen sich erlaubte.

»Woraus schließen Sie das?« fragte sie kurz. – »Weil Sie vorhin von jener Rosa sagten, ihr Vater war Graf Emanuel.« – »Vor sechs Monaten ist er es noch gewesen. Ich erfuhr erst später, daß er tot sei.« – »Wann?« – »Heute.« – »Heute? Ah, Miß Lindsay, von wem?« – »Von einem Freund.« – »Und wer ist dieser Freund?«

Das war Amy denn doch zu viel. Sie erhob sich und sagte mit ihrem kühlsten Ton:

»Señorita, rechnet man es hier in Mexiko zu den Höflichkeiten, sich in einer so – polizeilichen Weise nach Privatverhältnissen zu erkundigen?«

Das Mädchen mit den Eulenaugen ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Es antwortete:

»Man rechnet es hier zu den Beweisen der Teilnahme.« – »So nehmen auch Sie es als Teilnahme, wenn ich frage, wer Sie sind?« – »Ich wurde Ihnen vorgestellt, Miß.« – »Einfach als Señorita Josefa.« – »Mein Name ist Cortejo.« – »Das erfuhr ich allerdings nachträglich. Aber wer ist Señor oder Don Cortejo?« – »Er ist Sekretär des Grafen Ferdinando gewesen und ist dasselbe heute noch bei Graf Alfonzo.« – »Sekretär? Also Schreiber!« entgegnete Amy, indem sie einen Schritt zurücktrat. »Wissen Sie, was ein englischer Lord bedeutet?« – »Ganz genau.«

Da blitzten die schönen Augen Amys erzürnt auf, sie trat wieder einen Schritt näher und sagte:

»Und Sie wissen, daß mein Vater ein solcher ist?« – »Ja, Miß Amy.« – »Und Sie, die Tochter eines Schreibers, wagten es, sich mir vorstellen zu lassen und mich zu besuchen? Aber das mag sein, das erlaube ich dem einfachsten Mädchen, wenn ich es leiden kann. Aber Sie wagen es, mich auszufragen wie ein spanischer Alkalde eine Zigeunerin? Was fällt Ihnen ein? Bitte, verlassen Sie meine Wohnung.«

Josefa wurde kreidebleich. Sie griff nach ihrer Mantille, die sie abgelegt hatte, und fragte:

»Das ist Ihr Ernst, Miß?« – »Ja, mein voller Ernst. Ist Ihr Vater mit Gasparino Cortejo in Rodriganda verwandt?« – »Ja, sie sind Brüder und außerdem die innigsten Freunde.« – »So ist meine Antipathie gegen Sie doch begründet gewesen. Ich habe Sie stets nur mit Widerwillen sehen können. Ihr Oheim Gasparino ist ein Bösewicht, dem man das Handwerk legen wird. Er macht Grafen und Gräfinnen wahnsinnig; er läßt Menschen verschwinden, um sie über das Meer zu versenden, der … ah, gehen Sie! Ich mag Sie nicht mehr sehen.«

Amy wandte sich und verließ das Zimmer, Josefa stand allein, fast steif vor Überraschung und Wut. Der Grimm wirkte wie ein Starrkrampf auf ihre Glieder, aber endlich bewegte sie sich doch, ballte die Fäuste, erhob sie drohend gegen die Tür, hinter der Amy verschwunden war, und knirschte:

»Das sollst du mir büßen, du stolzes Weib! Und zwar bald!«

Als sie das Zimmer verlassen hatte, kehrte Amy zurück. Sie war durch die Unterredung mit der Mexikanerin zornig aufgeregt, beruhigte sich aber bald wieder, als sie schaukelnd in der Hängematte lag und an ihre Freundin Rosa dachte, die jetzt so glücklich verheiratet war.

Nach einiger Zeit trat die Dienerin abermals ein und meldete den Lord. Lindsay befolgte auch seiner Tochter gegenüber die Höflichkeit, sich bei ihr stets anmelden zu lassen. Sie ging ihm entgegen und empfing ihn mit einem Kuß.

»Wie gut, daß du kommst, Pa!« sagte sie.

Pa ist die Abkürzung für Papa, ebenso wie man Mama in Ma abkürzt. Diese Zärtlichkeitsform wird besonders häufig in Amerika, aber auch in England angewandt.

»Hast du mich erwartet?« fragte er. – »Nein; doch wird deine Gegenwart mich wieder aufheitern. Ich habe mich sehr geärgert.« – »Du?« fragte er lächelnd. »Worüber?« – »Über diese Josefa Cortejo.« – »Ihr Vater war bei mir. Er sagte mir, daß seine Tochter bei dir sei. Ist sie deine Freundin?« – »Nein. Sie wollte es sein; sie ist mir verhaßt, diese Tochter eines – Schreibers.«

Der Lord machte eine Gebärde komischen Erstaunens.

»Wie kommt es denn, daß meine gute Amy plötzlich so stolz geworden ist?« fragte er. – »Stolz? Stolz bin ich nicht, aber leiden kann ich sie nicht. Sie drängte sich stets an mich heran, ließ sich nicht zurückweisen, machte mir heute sogar einen Besuch und wagte es dabei, mich nach ganz privaten Dingen auszufragen wie ein Schulmeister!« – »Was tatest du?« – »Ich wies ihr die Tür.« – »Ganz so, wie ich es mit ihrem Vater getan habe«, sagte der Lord. – »Du hast ihn fortgejagt?« – »Ja.« – »Warum?« – »Er wollte mich betrügen. Er hat gehört, daß ich die Absicht habe, mich in Mexiko anzukaufen; da bot er mir kürzlich eine große Besitzung an, die im Norden liegt, eine Hazienda, ›Del Erina‹ heißt sie, und ein gewisser Pedro Arbellez sollte dort Inspektor sein. Heute kam er wieder, um meinen Bescheid zu hören.« – »Und da hast du ihn fortgejagt?« – »Ja, denn ich habe unterdessen erfahren, daß die Hazienda diesem Arbellez gehört; Cortejo hat gar nicht das Recht, sie im Auftrag des Grafen Rodriganda zu verkaufen.« – »Sie hat dem Grafen Rodriganda gehört?« – »Ja, und dieser hat sie Arbellez geschenkt. Aber, weshalb ich zu dir komme: du reist gern?«

Amy horchte auf.

»Ja, das weißt du doch«, antwortete sie. – »Du hast bereits sehr weite Reisen ganz allein unternommen; ich weiß, daß ich um dich keine Sorge zu tragen brauche, jetzt aber kann ich mich doch nicht so leicht entschließen.« – »Hast du eine Reise für mich, Pa?« – »Ja. Ich habe dem Gouverneur von Jamaika sehr wichtige Depeschen zu überbringen, die einen solchen Wert haben, daß ich sie gar nicht fremden Händen anvertrauen darf. Es liegt ein Kriegsschiff im Hafen von Verakruz, das sie überbringen soll, aber ich darf sie dem Offizier desselben nicht geben, denn er ist kein Diplomat. Ich weiß kein anderes Mittel, als dich zu senden. Zwar hat eine Dame eigentlich keinen Zutritt auf einem Orlogschiff, aber man muß hier eine Ausnahme machen, wenn ich es wünsche.«

Da sprang Amy auf.

»Vater, ich reise! Überlaß diese Sendung getrost mir!« – »Gut«, nickte er. »Ich vertraue dir und dachte nur, dir beschwerlich zu fallen. Aber ich sehe, daß du eine echte Engländerin bist, die sich vor einem solchen Ausflug nicht fürchtet. Doch ist die Angelegenheit eine dringende. Wann kannst du fertig sein?« – »Bereits morgen früh.« – »So mach dich bereit. Ich werde dich bis nach Verakruz begleiten und auf das Schiff bringen. Der Gouverneur von Jamaika ist mein Freund, an den ich dir einen Privatbrief mitgebe. Er wird dich hoch willkommen heißen, darauf kannst du dich verlassen.«

36. Kapitel.

»Ich lag in tiefer, finsterer Nacht,
Von Tränen des Grimmes befeuchtet.
Es hat kein Stern mich angelacht,
Kein Sonnenstrahl mir geleuchtet.

Doch deine Liebe war mein Stern,
Und die Hoffnung war meine Sonne.
Ich schrie empor zu Gott, dem Herrn,
Und dachte des Rächers mit Wonne.

Nun hat der Barmherzige mich erhört;
Er weiß auch, was noch ich erflehe:
All denen, die mir mein Glück zerstört,
Ein Wehe, ein dreifach Wehe!«

Am anderen Morgen traf eine Kavalkade von zwanzig Reitern ein, die den Wagen begleitete, in dem Lindsay seine Tochter nach Verakruz brachte. Sie wurde von dem Befehlshaber des Kriegsschiffs mit Auszeichnung aufgenommen. Er räumte Amy seine eigene Kajüte ein, und nachdem der Vater von der Tochter Abschied genommen und ihr seine wichtigen Depeschen anvertraut hatte, verließ das Schiff den Hafen.

Das Wetter war günstig und die Fahrt darum eine schöne und schnelle. Am Tag saß Amy unter einem Zeltdach, das die Sonnenhitze von ihr abhielt, und des Abends erfreute sie sich an der wunderbaren Klarheit des westindischen Meeres, das ja sowohl wegen seiner Gefährlichkeit berüchtigt, als auch wegen seiner Schönheit berühmt ist.

Keine See leuchtet so herrlich wie diejenige, durch welche das Kriegsschiff dampfte. Man sah wie durch flüssiges Kristall bis hinab auf den tiefen Grund. Man sah die wunderbaren Gestalten der Tiere und Pflanzen des Meeres. Vorm am Bug spritzte der leuchtende Gischt in funkelnden Perlen empor, und hinten am Steuer bildete sich eine silberne Furche, die durch den Lauf des Schiffes immer von neuem gebildet und belebt wurde.

So ging die Fahrt durch die Campeche-Bai nach dem Kanal von Yukatán und dann in das Karibische Meer hinein. Man hatte die Honduras-Bai zur Rechten und die Insel Kuba zur Linken. Es ging an Groß- und Klein-Cayman vorüber, und dann kam man in die Nähe von Jamaika. Um die Hauptstadt Kingston zu erreichen, mußte man die gefährliche Pedro-Bank passieren, die mit ihren Korallenriffen bereits hunderten von Schiffen gefährlich geworden ist.

Das war am Vormittag. Die Sonne stand noch nicht hoch, und man konnte kaum auf der Fläche der See mit dem Auge verweilen, ohne in demselben Schmerzen zu fühlen, wie es in diesen sonnendurchglänzten Breiten immer der Fall zu sein pflegt. Da meldete der Mann auf dem Ausguck ein Segel in Sicht. Als dasselbe näher kam, erkannte man eine kleine Dampfjacht, die sich neben dem Dampf auch noch zweier Rahsegel zum Fortkommen bediente.

Amy saß unter ihrem Zeltdach, und der Kapitän stand bei ihr.

»Ein kleines, verteufeltes Fahrzeug«, sagte er. »Es kommt mit einer Geschwindigkeit daher, wie ich sie gar nicht für möglich gehalten habe. Sehen Sie, Miß Lindsay.«

Sie trat mit ihm an den Bord des Schiffes, um die Jacht besser in Augenschein nehmen zu können. Jetzt löste der Kriegsdampfer eine Kanone, um das Fahrzeug zum Beidrehen aufzufordern.

»Was für ein Fahrzeug?« fragte der Deckoffizier hinüber. – »Privatjacht ›Rosa‹!« lautete die Antwort. – »Wem gehörig?« – »Karl Sternau aus Deutschland!«

Bei diesem Namen stieß Amy einen Ruf der Überraschung aus. Sie strengte ihre Augen an und sah nun auch die hohe Gestalt Sternaus am Steuer stehen.

»Kennen Sie den Mann, Miß?« fragte der Kapitän, der ihren Ruf gehört. – »Ja, Sir; er ist einer meiner besten Freunde. O bitte, darf er nicht an Bord kommen?« – »Gewiß, wenn Sie es wünschen.«

Und die Hände an den Mund legend, fragte er nach der Jacht hinüber. »Ist Mr. Sternau selbst an Bord?« – »Ja«, ertönte die Antwort. – »Kommen Sie an Bord!« – »Ich habe keine Zeit«, erwiderte der Aufgeforderte, trotzdem er wohl wußte, daß er gezwungen war, an Bord zu kommen, sobald er von einem Kriegsschiff dazu aufgefordert wurde. – »Miß Amy Lindsay ist hier!« erklärte der Kapitän. – »Ah, ich komme!«

Bald stieß ein Boot von der Jacht ab, und je mehr es sich dem Kriegsschiff näherte, desto besser konnten sich die beiden erkennen. Sie ließ ihr Taschentuch wehen, und er schwenkte den Hut Endlich stieg er das Fallreep empor und stand auf Deck. Seine erste Begrüßung galt dem Kapitän, und dann wandte er sich an Amy, die ihn mit hoher Freude bewillkommnete.

»Ich glaubte Sie in Afrika!« sagte sie, nachdem sie ihm beide Hände gereicht hatte. – »Ich habe den ›Lion‹ bis hierher gejagt«, antwortete er. – »Den ›Lion‹? Welchen ›Lion‹? Doch nicht etwa das Piratenschiff?« fragte der Kapitän. – »Allerdings, Sir«, antwortete Sternau. »Ich habe nicht viel Zeit; ich darf es nicht aus den Augen lassen. Oh, Sir, wenn Sie mir helfen wollten, die Kapitän Grandeprise zu fangen!« – »Sofort, Sir, sofort!« rief der Engländer ganz erregt. »Es ist das ja ein Glück, das ich sogleich festhalten muß. Wo ist er?« – »Er ist hinter der Pedro-Bank. Wenn Sie Steuerbord fahren und ich Backbord, bekommen wir ihn in die Mitte.« – »Aber um Gottes willen, wie kommen Sie mit ihrer Nußschale dazu, diesen Grandeprise zu verfolgen?« – »Ich habe jetzt keine Zeit, dies zu erklären, Sir. Hier steht Miß Amy, die Ihnen indessen alles erzählen soll. Nur das will ich noch sagen, daß ich ihm an der Küste von Südafrika bereits ein Schiff in den Grund gebohrt habe. Wir müssen uns beeilen, ihn hinter der Pedro-Bank zu treffen.«

Sternau machte Miene, das Fallreep wieder hinabzusteigen, doch der Kapitän hielt ihn noch einen Augenblick zurück.

»Sir«, sagte er, »sollte der Pirat den Kampf vermeiden wollen, so treiben wir ihn einfach entweder auf die Serranille- oder auf die Rosalin-Bank, wo er zwischen den Felsen steckenbleiben wird. Jetzt gehen Sie.«

Sternau kehrte nach der Jacht zurück und lief mit derselben mit vollem Dampf um die Pedro-Bank herum. Nach einer halben Stunde sah er die »Pendola« vor sich. Der Kapitän lächelte vor sich hin, blickte auf die Seekarte und sagte zu Sternau:

»In zehn Minuten hat er die Bank umsegelt. Er wird uns nicht kennen und uns also heranlassen. Wir schießen ihm das Steuer weg; dann ist er vollständig hilflos.« – »Gut. Aber schießt nicht unter die Wasserlinie; dort steckt jedenfalls der Gefangene. Das Schiff darf um keinen Preis sinken.« – »Dasselbe müssen wir auch dem Engländer sagen.«

Die Jacht tat nun, als ob sie sich um den Piraten gar nicht kümmere, und da das Fahrwasser sehr eng war, so fiel es nicht weiter auf, daß sie sich nahe zu ihm hielt. Als er wieder in freieres Meer gekommen war, lenkte sie plötzlich auf ihn zu, strich hart hinter seinem Stern vorüber und feuerte erst die eine, dann die andere Breitseite so wohlgezielt ab, daß das Steuer getroffen wurde und augenblicklich brach.

Dieses ebenso kühne wie unerwartete Manöver erregte auf der »Pendola« natürlich den größten Schrecken. Alles eilte auf das Verdeck; auch Landola kam herauf.

»Ah, das ist derselbe Schurke!« rief er. »Gebt es ihm!«

Aber die »Pendola« war nicht klar zum Gefecht. Hier in der Nähe so vieler Häfen hatte man die Luken maskiert und die Geschütze versteckt. Die wenigen Büchsen, die schnell herbeigeschafft und zur Hand genommen wurden, reichten nicht mehr zur Jacht hinüber. Dort stand Sternau auf dem Deck.

»Ein Gruß von Rodriganda!« rief er, dann hob er im Nu seine Büchse und zielte. Das weittragende Gewehr krachte, und sofort brach Kapitän Landola zusammen. »Ich habe ihn nicht getötet, sondern nur tödlich verwundet.« – »Der Schuß ist durch die Schulter gegangen und hat die Knochen zerschmettert. Der Mann muß ja noch reden«, gab Helmers zur Antwort, dann krachte auch bereits sein Schuß, und der erste Offizier, der an seiner Standarte kenntlich war, fiel tot um.

Sternau ließ nun die Maschine stoppen, so daß die Jacht sich ruhig wiegte, und lud die beiden Läufe wieder. Sein nächster Schuß traf den Steuermann, und der vierte nahm dem zweiten Offizier das Leben.

»So ist's richtig, jetzt sind sie ohne Offiziere!« rief Helmers. »Und sehen Sie, da kommt auch bereits der Engländer.«

Das Panzerschiff kam in der Tat um das Riff herum und legte sich vor den Piraten.

»Hallo!« rief der Kapitän zu Sternau herab. »Sie haben ihn lahm gemacht? Bravo!« – »Und ihm die vier Offiziere getötet«, fügte Sternau hinzu. »Schonen Sie den Gefangenen, der im Kielraum steckt« – »Soll geschehen!«

Dann gab der Engländer einen Schuß ab, dessen Kugel über das Deck der Piraten hinflog, zum Zeichen, daß er die Flagge zeigen solle. Er zog die spanische.

»Welches Schiff?« fragte der Engländer. »›La Pendola‹, Kapitän Landola.« – »Wieviel Mann an Bord?« – »Vierundzwanzig!« lautete die Antwort – »Verdammter Lügner! Herüber mit den Leuten auf mein Schiff!«

Die »Pendola« war verloren, sie konnte nicht gesteuert werden. Für ihre Bemannung gab es keine andere Rettung als die Flucht. Man tat, als ob man den Befehl des Engländers befolgen wolle, und ließ die Boote in See, doch anstatt herüber zu steuern, ruderten die Piraten mit aller Macht gegen das Land von Jamaika zu. Die Leute hatten keine Zeit gehabt, etwas mitzunehmen; sie retteten nichts als das nackte Leben. Aber auch dies sollte ihnen nicht gegönnt werden, denn Sternau war im Nu mit seiner Jacht hinter ihnen her. Als er sah, daß sie keinen Gefangenen bei sich hatten, segelte er zwei von den Booten einfach in den Grand, während er das dritte und vierte zusammenschoß.

Jetzt kehrte er zu dem Schiff zurück.

Auch der Engländer hatte seine Boote herabgelassen und steuerte nun auf den Piraten zu. Auf dem Deck desselben fand man drei Leichen; es war der Steuermann mit den beiden Offizieren. Der verwundete Kapitän fehlte. Man hatte ihn mit in eins der Boote genommen, die Sternau zusammengeschossen hatte. Nun war von ihm allerdings keine Auskunft mehr zu erlangen.

Jetzt begann die Durchsuchung des Schiffs. Man fand die deutlichsten Beweise, daß es ein Seeräuberschiff gewesen war. Um diese Sachen aber bekümmerte Sternau sich nicht, sondern brannte sich eine der vorgefundenen Laternen an und stieg hinab in den Kielraum.

Damit ein Schiff tief im Wasser gehe, wird der unterste Teil seines Raumes mit Steinen oder Sand beladen. Dies nennt man den Ballast. Hier bei der »Pendola« bestand er aus lauter Sand. Und da ein jedes Schiff Wasser schöpft, so war dieser Sand vollständig durchfeuchtet. In diesen nassen Sand hinein nun hatte man eine Grube gegraben und mit starken Bohlen ausgelegt, so daß sie einem niedrigen Schweinestall glich, und in diesen verpesteten Raum stak, mit Ketten belastet, das lebendige Skelett eines Menschen, der ganz genau einer der bekannten Abbildungen des Todes glich.

Als er die beiden Männer kommen hörte, klirrte er mit den Ketten.

»Wer ist da?« fragte er.

Der Grabeston dieser Stimme war erschütternd. Sternau trat näher und sagte:

»Herr Leutnant, es kommen Freunde.« – »Welch eine Stimme! Ist's wahr, oder irre ich mich?«

Der Gefangene richtete sich mühsam im Sand empor und starrte die Männer an.

»O mein Gott«, rief da der Gefangene. »Señor Sternau!«

Er konnte nicht weiterreden, er fiel vor Freude ohnmächtig in das Loch zurück.

Sternau untersuchte seine Fesseln und fand, daß sie mit einer Zange zu lösen seien. Quimbo aber, ein Neger, der früher auf dem Piratenschiff gedient hatte, war nach oben geeilt und kehrte mit dem Schlüssel zurück. Er hatte gewußt, daß derselbe in der Kajüte des Kapitäns hing. Jetzt wurde der Leutnant frei gemacht und in noch bewußtlosem Zustand nach oben getragen. Da seine Augen nicht mehr an das Licht gewöhnt waren, so schaffte man ihn nicht auf das Verdeck, sondern in die Kajüte, worauf Sternau sofort ein Boot nach dem Kriegsschiff sandte, um Amy Lindsay holen zu lassen.

Mittlerweile kam der Leutnant, oder Mariano, wie er bei den Räubert des Gebirges genannt worden war, wieder zu sich.

»Señor Sternau, Engel des Himmels, ist es wahr, ist es kein Traum?« fragte er. – »Es ist Wirklichkeit«, antwortete dieser. »Aber fragen Sie nicht. Man wird Ihnen alles sagen und erzählen. Bitte, Ihre Kleidung ist verfault. Es ist vollständig unmöglich, daß Sie noch länger in diesem Zustand bleiben. Dieser Kapitän Landola wird in seinem Koffer einen Anzug haben. Lassen Sie uns suchen, denn Sie werden in einigen Minuten Besuch erhalten.« – »Aber, wie ist das gekommen, Señor? Ich hörte schießen!« – »Das erfahren Sie später. Ich bin Ihrer Spur von Europa nach Afrika und von da wieder hierher gefolgt Wir befinden uns bei Jamaika. Doch davon später. Hier ist eine Hose, eine Jacke, ein Hemd, Schuhe, Taschentuch, Hut alles, was Sie brauchen.« – »Wer ist der Besuch, der kommen will?« – »Eine Dame. Weiter sage ich nichts. Klopfen Sie, wenn Sie fertig sind!«

Sternau verließ die Kajüte, und Mariano begann sich um- und anzukleiden. Während er damit beschäftigt war, hörte er draußen ein leises Flüstern. Er war sehr schwach, aber es gelang ihm doch, in die Kleider zu kommen, und als er sich im Spiegel besehen und bemerkt hatte, daß er nun wenigstens ein sauberes Aussehen habe, öffnete er den Riegel und klopfte.

»Treten Sie ein, Miß. Er wird vor Freude nicht sterben.«

So hörte er draußen die Stimme Sternaus sagen. Er blickte auf und – sah die Geliebte vor sich, die sein einziger Gedanke gewesen war in all der Zeit seiner schweren, bitteren Gefangenschaft. Ihr Antlitz strahlte ihm entgegen, wie die Sonne, deren Anblick er so lange entbehrt hatte. Er wankte, aber er raffte sich zusammen. Die Arme ausbreitend in unendlichem Entzücken trat er auf das jetzt vor Freude doppelt schöne Mädchen zu und jauchzte:

»Amy, Miß Amy, welch eine Wonne!«

Sie sah nicht die abgezehrte Gestalt, seine bleichen, eingesunkenen Wangen, sie sah nur das Leuchten seiner Augen und streckte ihm die Hände entgegen.

»Alfred«, antwortete sie, »endlich, endlich bist du wieder frei!«

Sie sanken einander an das Herz und hielten sich fest umschlungen. Kein Wort wurde gesprochen, aber ihre Lippen fanden sich immer und immer wieder, ihre Herzen schlugen aneinander, und die Wonne des Wiedersehens ließ sie den Augenblick vergessen und dazu alles, was zwischen ihrer Trennung in Rodriganda und dem heutigen Tag lag. Da endlich lösten sich seine Arme, mit denen er sie hielt, langsam von ihrer Schulter, sie sanken ermattet herab, Todesblässe breitete sich über sein Angesicht seine Augen schlossen sich, und sein Körper wankte.

»Alfred!« rief sie, ihn voller Angst festhaltend. »Was ist mit dir?« – »Das Glück – ist zu mächtig – für mich!« seufzte er mit leiser Stimme und griff mit den Händen, wie um einen Halt zu suchen, in die Luft. Er wurde ihr zu schwer, und sie ließ ihn vorsichtig in einen der vorhandenen Sessel gleiten.

»Setz dich und ruhe aus«, bat sie. »Du hast viel gelitten, du bist zu schwach.«

Dann kniete sie vor ihm nieder, schlang die Arme um ihn und blickte besorgt zu ihm auf. Erst jetzt bemerkte sie die Zerstörung, die Gefangenschaft, Hunger, Durst und seelisches Leid in seinem Gesicht und an seinem Körper angerichtet hatten. Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie hätte aufschreien mögen vor Mitleid und Schmerz, aber sie bezwang sich und gab ihre angstvolle Teilnahme nur durch die mit zitternder Stimme ausgesprochene Frage kund:

»Du leidest? Du bist krank, mein Geliebter!«

Es währte einige Zeit, bis Mariano seiner augenblicklichen Schwäche Herr werden konnte, dann öffneten sich seine Augen, sein Blick senkte sich mit glücklichem Ausdruck in die ihrigen, es kehrte eine leichte Röte auf seine Wangen zurück, und er antwortete:

»Ich habe viel erduldet, ich wäre meinen Leiden in kurzer Zeit erlegen, aber nun ist alles, alles gut.«

Sie streichelte ihm vor überquellender Zärtlichkeit die hageren Wangen und erwiderte:

»Ja, mein Alfred, du sollst wieder stark werden, so stark wie damals, als du in Spanien unser Schutz und Retter warst. Ich werde dich nicht wieder von mir lassen, ich werde dich pflegen, bis alle Spuren deiner Leiden verschwunden sind. Und dann …«

Sie hielt errötend inne und sprach den begonnenen Satz nicht aus.

»Und dann …?« fragte er, sich liebevoll zu ihr niederbeugend. – »Und dann fuhr sie leise fort, »dann werden wir vereinigt werden für das ganze Leben.«

Sie schmiegte ihr schönes Köpfchen innig an ihn, er aber schüttelte langsam das Haupt und erwiderte:

»Das wird wohl nicht möglich sein!« – »Warum nicht?« fragte sie betroffen. – »Du kennst mich nicht. Du weißt nur wenig von mir, und das, was du weißt, das ist – das ist die reine Unwahrheit.«

Man sah es ihm an, wie schwer es ihm wurde, diese letzten Worte auszusprechen. Über ihr Gesicht flog es wie ein leichtes Erschrecken. Sie blickte ihm forschend in die Augen, und als sie darin nur Liebe und Trauer sah, drückte sie seine Hände und erwiderte:

»Haben dich die Leiden so verzagt gemacht? Dein Mut wird wiederkehren, mein Geliebter. Ja, ich weiß wenig von dir, aber ich weiß, daß du mich liebst, und das ist genug für mich. Alles andere ist meinem Herzen Nebensache.« – »Aber dennoch mußt du es erfahren. Höre mich an! Ich bin nicht der, der ich scheine …«

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und unterbrach ihn rasch:

»Nicht jetzt, Alfred! Ich weiß, daß du rein und edel bist, und mehr mag ich jetzt nicht erfahren. Hast du dich gekräftigt, dann magst du mir erzählen, was du auf dem Herzen trägst. Jetzt aber laß uns nur daran denken, Gott zu danken, daß er dich aus solch einer Trübsal erlöst und mir wiedergegeben hat«

Ein glückliches Lächeln breitete sich über sein Angesicht, und er tat ihr den Willen. Seine Hände lagen in den ihrigen, und sein Auge hing trunken an ihren schönen Zügen. Sie dachten nur an sich, sie achteten nicht des Lärms, der dadurch erregt wurde, daß vielfache Schritte die Lukentreppe auf- und niederstiegen, was daher kam, daß die auf dem Piratenschiff vorhandenen Waren, Waffen und andere Gegenstände auf das Kriegsschiff übergeladen wurden.

Endlich klopfte es leise an die Tür, und auf Amys Aufforderung trat Sternau herein.

»Entschuldigen Sie«, bat er. »Die Sorge um den Freund veranlaßt mich zu der Störung. Ich komme als Arzt und möchte den Herrn Leutnant ersuchen, mit auf das Verdeck zu kommen. Ein Mann, der monatelang im Kielraum eines Schiffes eingekerkert war, darf sich der Sorge um seine Gesundheit nicht länger entziehen, als es durchaus nötig ist.«

Sie folgten ihm hinauf.

Da oben sah es wirr genug aus. Da lagen Kisten, Säcke, Ballen, Waffen, Munition und Proviant bunt durcheinander, und alle Hände waren beschäftigt, diese Dinge auf das Kriegsschiff zu bringen, das sich Seite an Seite mit dem Piraten gelegt hatte. Am anderen Bord des letzteren lag die kleine Dampfjacht, deren Bemannung den Engländern bei der Arbeit half.

Jetzt, da der Spanier von dem vollen Licht der Sonne beschienen wurde, sah man erst mit Deutlichkeit, welchen Einfluß seine traurige Gefangenschaft auf ihn gehabt hatte. Er glich dem Abbild des Todes. Seine Farbe spielte ins Grüne, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, und die Haut spannte sich scharf über die hervortretenden Knochen. Er war der körperlichen Auflösung ebenso nahe gewesen, wie dem geistigen Verschmachten.

Sternau untersuchte ihn sorgfältig, wobei das Auge des Mädchens voller Angst auf seinem ernsten Angesicht ruhte.

»Wir wollen Gott danken«, sagte er endlich, »daß wir Sie heute getroffen haben, Herr Leutnant. Eine Woche später wären Sie nicht mehr unter den Lebenden gewesen.«

Amy erschrak und entfärbte sich.

»Oh, mein Gott!« rief sie. »Ist sein Zustand so besorgniserregend, Herr Doktor?« – »Nein, Miß«, antwortete Sternau. »Ich konstatiere nichts weiter als eine allerdings hochgradige Schwäche, derer wir aber bei einiger Vorsicht recht bald Meister werden wollen. Freie Luft, fleißige Bewegung und eine sorgfältige, dem Leiden angemessene Ernährung werden das ihrige tun, unserem Freund seine früheren Kräfte bald wiederzugeben.« – »Oh, ich danke Ihnen für diesen Trost!« sagte sie, dem Arzt ihre Hand entgegenstreckend. »Ich werde ihn pflegen nach besten Kräften und nichts versäumen, was nötig ist.«

Sternau blickte die schöne Sprecherin lächelnd an und fragte:

»Werden Sie auch Gelegenheit dazu finden, Miß Amy?« – »Gewiß. Ich werde mich ja nicht wieder von ihm trennen!« – »Dann bitte ich Sie vor allen Dingen, mich zu unterrichten, wie Sie an Bord dieses Kriegsschiffs in die Nähe von Jamaika kommen.« – »Ich will zum Gouverneur dieser Insel, um ihm wichtige Briefschaften zu überbringen.« – »So ist unser Zusammentreffen also ein rein zufälliges …« – »O nein«, unterbrach sie ihn schnell. »Es ist viel mehr als das; es ist eine Fügung Gottes, dem wir nicht genug Dank dafür sagen können.« – »Ich gebe dies natürlich zu. Wie lange werden Sie auf Jamaika verweilen?« – »So lange, bis ich die Antwort erhalten habe. Oder meinen Sie, daß der Zustand unseres Freundes einen längeren Aufenthalt nötig macht?« – »Ich möchte ihm allerdings eine längere Zeit der inneren und äußeren Ruhe verordnen, aber das Klima von St. Jagon de la Vega ist sehr ungesund.« – »Der Gouverneur residiert nicht in dieser Hauptstadt, sondern in Kingston.« – »Oh, Kingston ist noch gefährlicher. Diese Stadt ist ja berüchtigt in Beziehung auf ihre Fieberluft, ich möchte dort keinen Patienten wissen. Das Ziel ihrer Rückreise ist Mexiko?« – »Ja. Der Kriegsdampfer hat Auftrag, mich nach Verakruz zu bringen.«

Sternau nickte nachdenklich. Dann erwiderte er:

»Der Dampfer wird bis morgen hier liegenbleiben, um die Güter der Piraten zu überladen. Ich schlage daher vor, Sie dampfen sogleich mit meiner Jacht nach Kingston. Der Gouverneur wird, wenn Sie ihn darum ersuchen, sich beeilen, Ihnen seine Antwort zu geben, und dann bringe ich Sie selbst nach Verakruz. Sie können sich meiner Jacht getrost anvertrauen. Sie ist schneller als das Kriegsschiff und auch gut bewaffnet, so daß wir nichts zu befürchten haben. Je eher wir den Leutnant nach der Hochebene von Mexiko bringen, desto sicherer können wir auf seine baldige Herstellung rechnen.«

Amy ging auf diesen Vorschlag ein, und Mariano, der einstige Räuber, stimmte bei. Der Kapitän des englischen Kriegsschiffs wurde von diesem Entschluß benachrichtigt. Er bemerkte zwar, daß die Dame ihm anvertraut sei, konnte sie aber doch nicht zwingen, auf seinem Fahrzeug zu bleiben. Er machte nur ehrlicherweise Sternau darauf aufmerksam, daß dieser bei dem Angriff des Piraten mitgewirkt habe und also Teilhaber am Prisengeld sei, doch dieser schlug dies aus, ließ die Effekten der Engländerin an Bord der Jacht bringen und dampfte dann davon, Kingston entgegen.

Als sie dort anlangten, wurde nach den notwendigen Formalitäten Amy an Land gesetzt, und Sternau begleitete sie zum Gouverneur. Dieser wollte sie seiner Familie vorstellen und bat sie, längere Zeit der Gast derselben zu sein; sie aber ersuchte ihn, sie von einem solchen Aufenthalt zu dispensieren, da sie Veranlassung habe, mit möglichster Schnelligkeit nach Mexiko zurückzukehren. Als der Beamte merkte, daß sein Bitten nichts fruchtete, versprach er sofortige Erledigung der Depeschen und hielt auch in der Weise Wort, daß die Jacht »Rosa« bereits am nächsten Vormittag in See stechen konnte.

Sie dampfte ganz denselben Weg zurück, den das Kriegsschiff gekommen war; darum traf sie an der Pedro-Bank wieder auf dasselbe. Es lag noch immer neben der »Pendola«, um deren Ladung zu löschen. Sternau legte einige Augenblicke bei und erfuhr da, daß man bald mit der Arbeit fertig sei und dann das Räuberschiff anbohren und in die Tiefe versenken werde.

»Es wird von den Piraten wohl keiner entkommen sein«, sagte Amy. – »Das ist sehr fraglich«, meinte der englische Kapitän. »Als Sie uns nämlich gestern verlassen hatten, suchte ich mit dem Fernrohr die drüben liegende Küste von Jamaika ab, und da glaubte ich einige Männer in Seemannstracht zu bemerken, die einen Verwundeten oder Kranken trugen. Da dieser Teil der Küste unbewohnt ist, fiel mir die Anwesenheit dieser Leute auf, und ich sandte sofort ein Boot ab, doch fanden meine Jungen zwar menschliche Spuren, aber keine Personen.« – »Sollte es wirklich dem Kapitän gelungen sein, an das Ufer zu kommen?« meinte Sternau. »Dann wäre es gut, einmal dort anzulegen.« – »Warum sollte es gerade der Kapitän sein?« fragte der Engländer. – »Weil ich ihn allein verwundet habe, und zwar mit Vorbedacht; die anderen habe ich erschossen.«

Da meinte Mariano mit finsterer Miene:

»Er ist das Leben nicht wert, aber ich würde mich freuen, wenn er lebte, denn dann hätte ich Hoffnung, ihm noch einmal zu begegnen und mit ihm abzurechnen. Er ist wie ein Teufel gegen mich gewesen, ich habe Höllenqualen bei ihm erduldet, und das soll er mir mit doppelten Qualen entgelten.« – »Gut, verschaffen wir uns Gewißheit«, sagte Sternau. »Die Nachforschung erfordert einen Aufenthalt von höchstens einer Stunde, und es ist besser, wir wissen, woran wir sind.«




Teil 2
1. Kapitel.

Die Jacht dampfte nun dem Punkt der Küste entgegen, den der Kapitän bezeichnet hatte, und erreichte denselben binnen einer Viertelstunde. Da Sternau sich von den anderen die Spuren nicht verderben lassen wollte, stieg er allein aus, um den Ort sorgfältig abzusuchen, aber die Küste bestand aus hartem Korallenfelsen, und da gestern, als der Kampf stattgefunden hatte, gerade Ebbe gewesen war, so hatte die Flut inzwischen die Spuren verwaschen. Man mußte also unverrichteter Sache wieder abfahren.

Die Fahrt nach Verakruz war eine sehr schnelle und glückliche. Als man dort anlangte, wurde beschlossen, daß Sternau und Helmers die beiden Liebenden nach Mexiko begleiten sollten. Die Jacht blieb unter der Obhut der Matrosen zurück.

Da Mariano an so großer Schwäche litt, so war es unmöglich, zu Pferd zu reisen. Es wurde also die Postdiligence benutzt, die zwischen Mexiko und dem Hafen regelmäßig hin- und hergeht. Die drei Männer bewaffneten sich, versahen sich mit Proviant, da man in jenen Gegenden von unseren wohleingerichteten Restaurationen nichts weiß, und dann verließen sie die Hafenstadt.

Eine Fahrt mit der mexikanischen Diligence ist nichts Bequemes und Erfreuliches. Ein solcher Wagen ist für zwölf bis sechzehn Personen eingerichtet und wird von acht halbwilden Maultieren gezogen. Vorn sind zwei, in der Mitte vier und an der Deichsel wieder zwei angespannt. Die Tiere weiden Tag und Nacht im Freien und müssen vor dem Gebrauch immer erst mit dem Lasso eingefangen werden. Sie lassen sich das Geschirr nur mit höchster Widerspenstigkeit anlegen, aber einmal im Zug, sind sie auch kaum aus ihrem rasenden Galopp herauszubringen.

Die Gegend, die man durchfährt, ist beinahe ganz unbevölkert, der Weg geht durch öde Felsenstrecken, tiefe Schluchten, finstere Urwälder, und selten bemerkt man einmal eine einsame, armselige Indianerhütte, die von einem herabgekommenen Nachkommen der einstigen Beherrscher des Landes bewohnt wird. Kein Europäer kann sich einen Begriff von den Hindernissen machen, die der Reisende zu überwinden hat! Oft ist die Straße weiter nichts als das ausgetrocknete, mit Felsbrocken bedeckte Bett eines im Frühjahr reißenden Bergstroms, oft führt sie an Abgründen vorüber, in die man beim geringsten Fehltritt stürzt. Und dabei braust die Diligence in einem rasenden Galopp immer weiter. Der Kutscher sitzt auf dem Dock, die sechzehn Zügel in der Hand, und neben ihm sein Adjutant, der Mauleselbube.

Dieser hat keine Minute Ruhe. Er springt mitten im Galopp vom hohen Bock, um die Tiere zu richten oder den Wagen zu halten, dabei sammelt er sich die Taschen voller Steine, springt mitten im Lauf wieder auf, ohne daß dem Tempo im geringsten Einhalt getan wird, und bombardiert nun mit seinen Steinchen diejenigen Tiere, die sich faul oder unlenksam zeigen.

Dies ist die Schule, durch die er gehen muß, um später Kutscher werden zu können. Ein guter Diligencekutscher ist eine geschätzte Persönlichkeit, und zwar mit Recht. Er wird von jedermann »Señor« genannt. Wenn er die Strecke zwischen Mexiko und Verakruz versieht, so bezieht er eine Gage von hundertzwanzig Peseta pro Monat, das sind nach unserem Geld ungefähr fünfhundert Mark. Dabei wird er beköstigt und hat am Ende des Jahres, wenn er kein einziges Mal umgeworfen hat, noch Anspruch auf eine Extrabelohnung von tausend Mark zu machen. Er steht sich also besser als ein deutscher Postillion.

Eine große Plage ist die Unsicherheit des Weges. Jeder Mexikaner ist mehr oder weniger ein Freibeuter, zuweilen tun sich mehrere zusammen, und so ist es kein Wunder, wenn man eine Reise nur wohl bewaffnet unternimmt. Und dennoch kommt es häufig vor, daß die Passagiere ihr Ziel nicht unberaubt, vielleicht auch gar nicht erreichen, weil sie getötet werden.

Am Abend gelangten unsere Reisenden an eine Art von Gehöft, wo sie gezwungen waren zu übernachten. Dasselbe bestand aus einer niedrigen, schmutzigen Hütte, an die eine Umzäunung stieß, die von stachligem Kaktus hergestellt worden war. Innerhalb dieser Umzäunung weideten einige magere Pferde und Maultiere. Die Hütte bewohnte der »Postmeister«, ein hagerer Mexikaner, der einem Raubmörder ähnlicher sah als einem ehrlichen Mann.

Er führte neben der »Posthalterei« einen Pulque-Schank, das heißt, er sammelte den Saft einer Agavenart, ließ denselben in schmutzigen Töpfen gären und verkaufte ihn gegen so hohes Geld an diejenigen Insassen der Diligence, die sich nicht ekelten, ihren Durst mit dieser Brühe zu stillen.

Amy behauptete, sich vor diesem Mann zu fürchten, sie scheute sich überdies vor dem gräßlichen Schmutz seiner Wohnung, und so wurde ihr in der Diligence ein Lager zubereitet. Die drei Männer wollten in der Nähe derselben im Freien schlafen.

Der Abend war ein herrlicher. Die Sterne leuchteten wie glühende Funken vom Himmel hernieder, und balsamische Lüfte fächelten die ruhende Erde. Amy und Mariano hatten sich von den anderen getrennt und wandelten unter dem Schutz der Umzäunung auf und nieder. Sie führten sich am Arm; das Herz war ihnen voll, und doch fanden sie keine Worte, um die Größe ihres Glücks zu beschreiben. Endlich sagte Amy mit leiser Stimme:

»Welch eine Zeit zwischen jetzt und Rodriganda!« – »Eine Zeit schwerer Trübsale für mich«, antwortete er. – »Und für mich eine Zeit bitterer Sorge um dich, mein Alfred.«

Da ließ er ihren Arm fahren, blieb stehen und sagte:

»Nenne mich nicht mehr Alfred, sondern Mariano, denn so ist mein Name.« – »Mariano?« – »Ja. Alfred de Lautreville war nur ein angenommener Name.«

Amy blickte überrascht zu ihm empor und sagte nach einer kleinen Pause:

»War es das, was dich so sehr bedrückte?« – »Ja, das war es. Komme, laß uns niedersetzen, ich muß wahr gegen dich sein.« – »Hat dies nicht noch Zeit, mein Geliebter?« – »Nein. Es lastet schwer auf meiner Seele, und diesen Druck will ich loswerden.« – »Aber du bist krank. Du wirst dich aufregen!« – »Trage keine Sorge, Amy. Das Bewußtsein, unredlich zu handeln, schadet mehr als die Erinnerung an eine Zeit, von der ich wünsche, daß sie nicht gewesen wäre.«

Ein Felsblock gab ihnen einen bequemen Sitz. Sie nahmen Platz, und nachdem Mariano einige Zeit lang trübe vor sich hingeblickt hatte, begann er:

»Du hast von Sternau einiges über meine mutmaßliche Abstammung gehört?« – »Ja, bereits in Rodriganda gab er mir einige Andeutungen, und später schrieb er mir darüber.« – »Nun wohl. Ich bin das Opfer eines Verbrechens, das aufzudecken meine Lebensaufgabe ist. Ich wurde meinen Eltern geraubt und kam in eine Räuberhöhle.«

Amy stieß einen Ruf der Überraschung aus.

»Ist's möglich! In eine Räuberhöhle?« – »Ja. Ich bin ein Brigant, ein Räuber.«

Das hatte Amy allerdings nicht erwartet, das stürmte mit voller Wucht auf sie ein. Sie holte tief Atem, aber sie vermochte nicht, ein Wort zu sprechen.

Er bemerkte das mit unendlichem Schmerz, rückte von ihr fort und sagte:

»Du schweigst. Du verachtest mich. Das war es, was ich fürchtete.«

Da faßte sie ihn bei der Hand und fragte:

»Du konntest nicht dafür, daß du an diesen schauerlichen Ort kamst?« – »Nein, denn ich war noch ein Kind.« – »Und du wurdest ohne deine Schuld als Brigant erzogen?« – »Ich lebte unter den Briganten, aber ich wurde nicht als solcher erzogen. Ich habe nie das Geringste getan, was mich mit dem Gesetz hätte in Konflikt bringen können.« – »Gott sei Dank!« sagte sie. »Da ist ja alles gut. Aber wie konntest du unter den Räubern der Mann werden, der du geworden bist?« – »Weil der Kapitän höhere Absichten mit mir verfolgt zu haben scheint. Er ließ mich ganz nach dem Stand erziehen, dem ich eigentlich angehöre. Das einzige Unrecht, das ich beging, war, daß ich in Rodriganda einen falschen Namen trug.« – »Du konntest nicht anders, mein Mariano.«

Es war das erste Mal, daß sie diesen Namen aussprach. Er preßte ihre Hand an sein Herz und erwiderte:

»Ich danke dir, mein Leben! Du machst mir das Herz leicht, und nun habe ich auch den Mut, dir alles, alles zu erzählen, was mich so lange und so schwer bedrückte.«

Er zog sie nun an sich, legte leise ihr Köpfchen an seine Brust und begann zu erzählen. Er berichtete von den Erinnerungen an die ersten Tage seiner Kindheit, von seinem Leben unter den Briganten, und von allem, was später gekommen war. Es dauerte lange, ehe er fertig wurde, aber als er geendet und ihr dann auch all die scharfsinnigen Kombinationen Sternaus berichtet hatte, da schlang sie die Arme um seinen Hals, küßte ihn und sagte:

»Ich danke dir für deine Offenheit! Nun ist alles, alles gut, denn nun weiß ich, daß du meiner würdig bist. Gott wird alles zum Besten lenken.« – »Aber dein Vater…?« fragte er. – »Trage um ihn keine Sorge! Er ist gerecht und mild und liebt mich von ganzem Herzen; er wird tun, was ihm seine Liebe gebietet.«

Sie saßen noch eine ganze Weile beieinander, versunken in Hoffnung und Glück, dann aber kehrten sie zu den anderen zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Amy schlief in dem Wagen, und die anderen lagen, in ihre Decken gehüllt, neben demselben.

Am anderen Morgen wurde die Reise fortgesetzt. Das fürchterliche Fahren griff Mariano bei seinem geschwächten Zustand außerordentlich an, und als sie Mexiko erreichten, war er fast noch kränker als vorher, aber Sternau beruhigte das besorgte Mädchen und sagte, daß einige Wochen der Erholung hinreichen würden, Mariano seine Kräfte und seine Gesundheit zurückzugeben.

Amy wollte, daß ihre drei Begleiter sofort mit nach dem Palast ihres Vaters fahren sollten, aber Sternau schlug dies ab.

»Wir bleiben im Hotel«, sagte er. »Ihr Vater kennt uns noch nicht persönlich, und was Sie ihm von uns erzählt haben, das reicht nicht hin, so ohne weiteres seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.« – »Aber Sie haben mir so große Dienste geleistet und mich sicher nach Mexiko gebracht.«

Sternau lächelte und antwortete:

»Miß Amy, wollen Sie unseren Freund Mariano so ganz ohne alle Einleitung Ihrem Vater als ihren Verlobten vorstellen?«

Sie errötete und antwortete:

»Sie mögen recht haben. Steigen Sie einstweilen im Hotel ab, aber versprechen Sie mir auch, daß Sie sich nicht zurückziehen werden, wenn mein Vater wünscht, daß Sie bei uns wohnen sollen.« – »Das verspreche ich gern, Miß. Ich bin nach Mexiko auch in der Absicht gekommen, um diesen Cortejo kennenzulernen, und das wird leichter sein, wenn ich bei Ihnen wohne. Vielleicht finden wir hier den Schlüssel zu dem Rätsel, dessen Lösung unsere Aufgabe ist.«

2. Kapitel.

Die Diligence brachte zunächst die drei Männer nach dem Hotel, wo sie abstiegen, und dann Amy nach dem Palast ihres Vaters.

Dieser hatte keine Ahnung gehabt, daß seine Tochter so schnell zurückkehren werde, und war daher im höchsten Grade erstaunt sie bei sich eintreten zu sehen.

»Amy!« rief er, sich von seinem Arbeitssessel erheben. »Ist das möglich!« – »Oh, Papa, es ist sogar wirklich«, lachte sie. »Wenigstens hoffe ich, daß du mich nicht als einen Geist ansiehst!« – Aber du kannst ja gar nicht in Jamaika gewesen sein.« – »Freilich war ich dort. Ich werde dir dies beweisen, indem ich dir die Antwort des Gouverneurs überreiche.«

Sie zog ihr Portefeuille und legte ihm die Skripturen vor.

»Wahrhaftig!« meinte der Lord. »Aber wie ist das zugegangen?« – »Das hast du nur den Herren zu verdanken, die mich begleiteten, Pa.« – »Welchen Herren?« – »Nun, vor allen Dingen Herrn Sternau.« – »Herrn Sternau?« fragte er abermals verwundert – »Ja, Herrn Doktor Sternau.« – »Alle Tausend! Du meinst doch nicht etwa jenen famosen Doktor Sternau, von dem du mir erzählt hast und den du in Rodriganda trafst?« – »Gerade den meine ich.« – »Der hat dich nach Mexiko gebracht?« – »Erst nach Jamaika und dann nach Mexiko. Er ist in Begleitung zweier Herren hier. Ich werde dir das erklären, nachdem du die Antworten des Gouverneurs gelesen hast. Bis dahin habe ich Zeit gefunden, meine Reisetoilette abzulegen.«

Erst jetzt fanden Vater und Tochter Zeit, sich durch eine Umarmung zu begrüßen, dann verließ sie ihn, um sich von den Spuren der Reise zu befreien.

Nach einer Stunde befand sie sich abermals bei ihm. Sie saß an seiner Seite und erzählte, wahr und aufrichtig, wie es einer Tochter geziemt. Er hörte ihr mit sehr ernster Miene zu. Das, was er hörte, klang ja abenteuerlicher als ein Roman und machte ihm schwere Sorgen. Amy war seine einzige Tochter, er hatte weitgehende Pläne mit ihr gehabt, und nun teilte sie ihm auf einmal mit, daß sie – einen spanischen Räuber liebe.

Als sie geendigt hatte, wartete sie vergebens auf Antwort. Er erhob sich und schritt wortlos im Zimmer auf und ab. Endlich aber blieb er vor ihr stehen und sagte mit milder Stimme:

»Amy, mein Kind, ich habe immer nur Freude an dir erlebt, heute aber ist es das erste Mal, daß du mich betrübst.«

Da sprang sie empor und schlang die Arme um seinen Hals.

»Verzeih mir! Ich will dich nicht betrüben«, sagte sie, »aber Gott hat diese Liebe in mein Herz gelegt, und nun kann ich nicht anders.«

Er schob sie leise von sich und fragte:

»Und du glaubst an alles das, was du mir jetzt von diesem Mariano erzählt hast?« – »Ja, ich glaube es sicher und fest.« – »Und du liebst wirklich diesen – diesen Zögling eines Räuberhauptmanns?« – »Ich liebe ihn«, sagte sie, indem sie den Vater offen anblickte, »ich liebe ihn so, daß ich ohne ihn nie glücklich werden kann!« – »Und an mich, deinen Vater, denkst du nicht?« fragte er, beinahe traurig. – »Doch, Pa, ich denke auch an dich.« – »Und dennoch sprichst du von dieser – abenteuerlichen Liebe!«

Da trat sie einen Schritt auf ihn zu und fragte:

»Vater, du gönnst es mir, glücklich zu sein?« – »Gewiß! Und eben weil ich wünsche, daß du glücklich seist, tut es mir so weh, dein Herz in diesen Fesseln zu wissen.« – »Prüfe Mariano, Pa, prüfe ihn. Und wenn du dann noch sagst, daß er meiner unwürdig sei, so werde ich dir gehorchen und ihn nie wiedersehen.«

Es lag ein großes, kindliches Vertrauen in diesen Worten. Der Lord fühlte das, und daher klärten sich seine Züge auf.

»Ich danke dir für dieses Wort, Amy!« sagte er. »Du sollst dich in deinem Vater nicht täuschen. Gehe jetzt und ruhe von deiner Reise aus, ich werde unterdessen nachdenken, was ich tun kann, um dich glücklich zu sehen.«

Er küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit, und dann wandte er sich seiner Arbeit zu, aber nur scheinbar, denn als Amy ihn verlassen hatte, erhob er sich wieder von seinem Sessel und wanderte ruhelos im Zimmer auf und ab. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben.

»Es gibt nur einen, an den ich mich in dieser schlimmen Angelegenheit wenden kann«, sagte er zu sich selbst. »Das ist kein anderer als jener Sternau, der ein wahrer Held an Geist und Körper zu sein scheint. Ich kenne ihn zwar persönlich nicht, aber was ich von ihm gehört habe, das ist genug, um ihm mein volles Vertrauen zu schenken.«

Er klingelte seinem Diener und ließ sich zum Ausgehen ankleiden. Heute aber machte er von seiner Equipage keinen Gebrauch. Zwar ist es in Mexiko fast eine Schande, sich als Fußgänger auf der Straße sehen zu lassen, aber der Lord zog es dennoch vor, nach dem Hotel zu gehen, das ihm als Absteigequartier der drei Herren von seiner Tochter bezeichnet worden war.

Als er dort angekommen, erkundigte er sich bei dem Wirt nach Señor Sternau.

»Er ist in seinem Zimmer«, lautete die Antwort. »Wollen Sie ihn sprechen?« – »Ja.« – »Wen soll ich melden?« – »Einen Herrn, der ihn unter vier Augen zu sprechen verlangt.«

Sternau wunderte sich allerdings, als er so kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte, daß ihn bereits ein Fremder zu sprechen wünsche, noch dazu unter vier Augen, doch gewährte er sofort diese Bitte. Als der Lord eintrat und nun die beiden Männer sich gegenüberstanden, maßen sie sich zunächst mit forschenden Blicken. Sternau erkannte sofort, daß er keinen gewöhnlichen Mann vor sich habe, und das Auge des Lords wiederum hing mit sichtbarem Wohlgefallen an der Riesengestalt und dem offenen Angesicht des Deutschen.

»Sie haben mich zu sprechen verlangt?« fragte der letztere in wohlklingendem Spanisch. – »Allerdings«, antwortete der erstere. »Vielleicht ist es Ihnen lieber, wenn wir uns der deutschen Sprache bedienen?« – »Ah, Sie sind ein Deutscher?« – »Nein, ein Engländer. Mein Name ist Lindsay.«

Sternau machte eine Gebärde der Überraschung.

»Lindsay, Sir? Sie sind vielleicht gar Lord Lindsay, der Vater von …?« – »Allerdings bin ich der, mein Herr.« – »Dann bitte ich dringend, Platz zu nehmen, Sir. Ich konnte nicht ahnen, daß ich einen so unerwarteten Besuch bei mir sehen würde.« – »Unerwartet ist dieser Besuch allerdings«, sagte Lindsay, indem er sich setzte. Aber Sie werden dennoch den Grund desselben ahnen.« – »Vielleicht«, antwortete Sternau mit einer ernsten Neigung seines Hauptes. – »Lassen Sie sich zunächst Dank sagen, Herr Doktor, für die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, die Sie meiner Tochter erwiesen haben.« – »O bitte! Ich tat nichts anderes, als was jeder gebildete Mann tun würde.« – »Und sodann erlauben Sie mir, mich in einer sehr ernsten Sache an Sie zu wenden.«

Sternau hielt es für seine Pflicht, dem Lord entgegenzukommen.

»Sie meinen den Freund, der bei mir ist?« fragte er. – »Ja. Ich meine das Verhältnis dieses Herrn zu meiner Tochter.« – »So hat Miß Amy Ihnen sofort erzählt …?« – »Sofort! Ich konnte das auch gar nicht anders von ihr erwarten. Sie ist gewöhnt, ihrem Vater zu vertrauen. Sie kennen diesen Freund genau, Herr Sternau?« – »Ja.« – »Und auch seine Vergangenheit?« – »Ja.« – »So ist Ihnen dieselbe also kein Rätsel?« – »Nein.« – »Aber Amy sagte doch, daß er sich in Verhältnissen befinde, die eine geradezu abenteuerliche Entwicklung derselben erwarten lassen.« – »Wollen Sie mich nicht falsch verstehen, Sir!« bat Sternau. »Sie fragten mich, ob ich die Verhältnisse meines Freundes kenne, und ich bejahte diese Frage, weil ich die Lage meinte, in der er sich gegenwärtig befindet. Er ist – um kurz zu sein – ein entsprungener Räuberzögling, der auf Gottes weiter Welt nichts, gar nichts sein eigen nennt. Das ist, was ich über ihn zu sagen habe.«

Der Lord sah den Sprecher fragend und ungewiß an. Dann sagte er:

»Aber dieser Zögling der Räuber hat wohl eine Zukunft?« – »Höchstwahrscheinlich.« – »Und welche?«

Sternau zuckte die Schultern. Er kannte den Lord nicht, er wußte nicht, mit welchen Hintergedanken derselbe gekommen sei, und verhielt sich daher zurückhaltend.

»Sie sind sehr reserviert, Herr Sternau«, versetzte Lindsay. »Lassen Sie sich sagen, daß ich nichts so sehnlich wünsche, als daß mein Kind glücklich sei. Sie werden aber einsehen, daß ein vorsichtiger Vater keineswegs das Glück seines Kindes in einer Verbindung mit einem Mann gesichert sieht, von dem er nichts anderes weiß, als daß derselbe ein Räuber war.« – »O bitte, Mariano war nicht Räuber, Sir!« – »Gut, ich will das zugeben. Sie werden jedoch meinen Wunsch begreifen, etwas Näheres über diesen Mariano zu erfahren. Und da Sie mir als ein Ehrenmann geschildert worden sind, so hielt ich es für das einfachste, Sie um Aufklärung zu bitten. Wird diese Bitte eine Fehlbitte sein?«

Diese Worte waren in einem so offenen und herzlichen Ton gesprochen, daß Sternau sich besiegt fühlte. Er antwortete:

»Mylord, was ich weiß, das sollen Sie erfahren. Fragen Sie!« – »Man vermutet, daß Mariano das geraubte Kind des Grafen Emanuel de Rodriganda sei?« – »Ja.« – »Und was halten Sie selbst von dieser Vermutung?« – »Ich halte sie für sehr begründet. Ja, ich bin sogar derjenige, dem diese Vermutung zuerst gekommen ist.« – »Darf ich Sie um die Gründe bitten, die Sie auf einen ebenso seltsamen wie kühnen Gedanken gebracht haben?« – »Gewiß! Wenn es Ihnen Ihre Zeit erlaubt, werde ich Ihnen meine Erlebnisse erzählen.« – »Ich ersuche Sie darum. Zwar hat mir meine Tochter bereits einige Mitteilungen gemacht, doch sind diese noch so lückenhaft, daß ich auf die Ihrigen förmlich gespannt sein muß.« – »So hören Sie!«

Sternau erzählte nun auf das ausführlichste alle seine Erlebnisse und Gedanken, von seiner Ankunft in Spanien an bis auf die gegenwärtige Stunde. Der Lord hörte mit immer mehr wachsender Spannung zu. Sternaus Worte trugen das Gepräge der nüchternsten Wahrheit, und die Schlüsse, die er zog, ruhten auf so sicheren Gründen und Voraussetzungen, daß der Lord sich schließlich ganz überzeugt fühlte.

»Aber das ist ja etwas ganz Außerordentliches!« rief er. »Das liest man ja auf diese Weise kaum in einem Roman!« – »Ich gebe das zu, Mylord«, erwiderte Sternau. »Aber Sie werden nicht glauben, daß ich Ihnen Unwahrheiten erzählte!« – »Keineswegs!« versetzte Lindsay schnell. – »Und ebensowenig werden Sie sagen, daß meine Berechnungen in der Luft ruhen!« – »Auch das nicht. Ich fühle mich im Gegenteil von der Schärfe Ihrer Schlüsse ganz fortgerissen und überzeugt. Also lassen Sie uns einmal die Summe ziehen: Dem Grafen Emanuel des Rodriganda wurde der einzige noch lebende Sohn geraubt …« – »So ist es.« – »Der Raub geschah mit Hilfe von Briganten, die den Knaben in ihrer Höhle verbargen. Der eigentliche Räuber aber ist Gasparino Cortejo.« – »Ich bin vollständig überzeugt davon.« – »In welcher Absicht geschah der Raub? Das ist eine hochwichtige Frage.« – »Um einen Sohn dieses Gasparino zum Grafen Rodriganda zu machen.« – »Und die Mutter dieses Kindes ist jene fromme Schwester Clarissa?« – »Ja.« – »Gut, so wollen wir weiter summieren! Der Pater Dominikaner kannte das Geheimnis und verriet es auf Veranlassung jenes Bettlers Pedro so ziemlich an den geraubten Knaben. Dieser erhielt dadurch eine Ahnung von seiner Abstammung. Er kam nach Rodriganda und wurde von Cortejo erkannt. Infolgedessen übergab dieser ihn dem Piratenkapitän, der ihn unschädlich machen sollte. Sie retteten ihn und bringen ihn nach Mexiko. Ist es so?« – »Vollständig.« – »Was aber beabsichtigten Sie mit Ihrer gegenwärtigen Reise nach Mexiko?« – »Zunächst will ich sehen, ob jene Marie Hermoyes, die das untergeschobene Kind nach Mexiko brachte, noch lebt, und ebenso jener Pedro Arbellez, der zur damaligen Zeit Inspektor des Grafen Ferdinando hier war. Und ferner dürfen Sie nicht vergessen, Mylord, daß ich vermute, daß Graf Ferdinando damals gar nicht gestorben ist. Jener Steuermann, der im Gefängnis von Barcelona starb, erzählte von einem Gefangenen, der nach Harrar verkauft worden ist.« – »Und Sie vermuten in jenem Gefangenen den Grafen Ferdinando?« – »Ja. Diese Vermutung mag Ihnen außerordentlich kühn erscheinen, aber wenn Sie bedenken, mit welchen Mitteln Cortejo operiert, so werden Sie keine Unwahrscheinlichkeit darin erblicken. Ich bin fest entschlossen, das Erbbegräbnis der Rodriganda hier in Mexiko zu öffnen, um zu sehen, ob sich die Leiche im Sarg befindet.« – »Ich werde Ihnen behilflich sein, die Erlaubnis der Behörde dazu zu erhalten.«

Sternau machte eine geringschätzige, verneinende Handbewegung und erwiderte:

»Ich danke Ihnen, Mylord. Ich sehe von aller behördlichen Hilfe ab.« – »Aber Sie begeben sich da in große Gefahr, Herr Sternau.« – »Pah, diese Gefahr fürchte ich nicht! Wenn ich Sie um etwas bitte, so ist es ein anderes.« – »Was?« – »Vielleicht ist es Ihnen möglich, mir die Bekanntschaft mit Pablo Cortejo zu erleichtern.« – »Das will ich Ihnen sehr gern zu Gefallen tun. Sie wollen ihn kennenlernen?« – »Ja; es ist dies durchaus notwendig.« – »Gut. Ich verkehre in Kreisen, in denen auch er zuweilen anwesend ist. Übrigens bin ich überzeugt, daß er ein Schurke ist. Er wollte mich kürzlich ah, da fällt mir ja gleich ein … Sie suchten den Aufenthalt des Pedro Arbellez?« – »Ja; ich sagte dies bereits vorhin.« – »Nun, da kann ich Ihnen Auskunft geben. Er ist jetzt der Besitzer der Hacienda del Erina im Norden des Landes. Cortejo wollte mich betrügen. Ich sollte diese Hazienda von ihm kaufen, obgleich sie Eigentum dieses Arbellez ist. – »So bin ich vielleicht gezwungen, diese Hazienda aufzusuchen.« – »Aber Herr Sternau, warum geben gerade Sie sich so große Mühe in der Sache?« – »Ich bitte daran zu denken, daß Condesa Rosa de Rodriganda jetzt meine Gattin ist. Mariano ist ihr Bruder, folglich mein Schwager.« – »Weiß er das?« – »Nein. Ich habe es vorgezogen, ihm dies noch zu verschweigen. Auch Miß Amy und meinen Begleiter Helmers bat ich, nicht davon zu sprechen. Er soll es erst erfahren, sobald wir vor sicheren Tatsachen stehen. Auf welche Weise kann man wohl ohne Auffälligkeit erfahren, wo das Erbbegräbnis der Rodriganda sich befindet?« – »Danach will ich mich erkundigen, mein Lieber. Eine Frage meinerseits wird kein Befremden erregen.« – »Ich danke Ihnen, Mylord, und bitte, möglichst schnell dabei zu verfahren, denn …«

Sternau wurde unterbrochen, denn die Tür öffnete sich, und Mariano trat herein. Als er einen Fremden erblickte, wollte er wieder zurücktreten, aber Sternau erhob sich schnell und winkte ihm, herbeizukommen.

»Treten Sie näher, mein Freund«, sagte er. »Sie stören uns nicht.«

Er wandte sich darauf zu dem Lord und erklärte ihm:

»Dieser Herr ist mein Freund Mariano.« Und sich zu dem letzteren wendend, sagte er »Und hier sehen Sie Lord Lindsay, den Vater der Dame, die zu begleiten wir die Ehre und das Vergnügen hatten.«

Als Mariano den Namen des Vaters seiner Geliebten hörte, errötete er, aber er kämpfte die in ihm aufsteigende Verlegenheit schnell nieder und verbeugte sich mit edlem Anstand vor dem Lord.

»Soeben haben wir von Ihnen gesprochen«, sagte dieser aufrichtig. »Ich wünschte Sie infolgedessen zu sehen, und Ihr Erscheinen erspart es mir, mich bei Ihnen melden zu lassen. Sie sind während der Rückreise meiner Tochter ein treuer Beschützer gewesen. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank entgegen.«

Er reichte dem jungen Mann die Hand. Dieser ergriff sie und erwiderte: »O Mylord, mein Schutz hätte Miß Amy wohl von keiner Gefahr befreien können. Ich bin Patient, und als solcher war es mir unmöglich, der tapfere Ritter einer Dame zu sein.«

Sein müdes Auge hatte sich belebt, und über seine bleichen Züge flog eine leichte Röte. Man sah es ihm an, welch ein schöner Mann er in den Tagen seiner Kraft und Gesundheit gewesen sein müsse. Hatten die Auseinandersetzungen Sternaus dazu beigetragen, die Bedenken des Lords abzuschwächen, so war es jetzt das leidende Aussehen Marianos, welches das Mitgefühl des Engländers erweckte. Er behielt die abgemagerte Hand des Armen in der seinigen und sagte mild und freundlich:

»Sie bedürfen sehr dringend der Pflege und Erholung. Werden Sie diese hier im Hotel bei fremden Leuten finden?« – »Ich hoffe es, Mylord.« – »Ja, Sie hoffen es, aber diese Hoffnung wird eine vergebliche sein. Ein mexikanisches Gasthaus ist kein Aufenthalt für einen Kranken. Ich bitte Sie daher, mit meiner Wohnung vorliebzunehmen.«

Mariano blickte schnell auf. Es leuchtete ein Blitz des Glücks aus seinen Augen.

»Mylord«, erwiderte er, »ich bin ein armer, ausgestoßener Mann; ich darf es nicht wagen, von Ihrer Güte Gebrauch zu machen.« – »Tun Sie das immerhin, mein Freund. Herr Sternau hat mir von Ihrem Schicksal einiges mitgeteilt, und das veranlaßt mich gerade erst recht, Ihnen zu beweisen, daß Sie zwar arm, aber doch nicht ausgestoßen sind. Wollen Sie?«

Mariano blickte überlegend nach Sternau hin. Dann sagte er: »Ich möchte mich nicht gern von meinem Freund trennen, Mylord.«

Der Engländer antwortete mit einem Lächeln:

»Was das betrifft, so versteht es sich ja von selbst, daß Herr Sternau mit Ihnen kommt. Auch Herr Helmers, der bei Ihnen ist, wird sich vielleicht bereit finden lassen, das Hotel mit meiner Wohnung zu vertauschen. Nicht?«

Diese Frage war an Sternau gerichtet. Dieser trat erfreut zu dem Lord heran, streckte ihm die Hände entgegen und erwiderte mit einem Leuchten seiner treuen Augen:

»Mylord, das ist mehr als Gastlichkeit. Gott vergelte es Ihnen! Wir kommen!«

»Aber so bald wie möglich, meine Herren! Ich verlasse Sie jetzt, um Ihnen einen Wagen zu senden. Adieu!«

Dann ging der Lord, und Sternau begleitete ihn bis vor die Tür. Als letzterer sein Zimmer wieder betrat, fand er Mariano auf dem Sofa sitzend und mit Tränen in den Augen.

»Was ist Ihnen?« fragte er besorgt. – »Nichts, mein Freund«, antwortete der Spanier. »Es sind Tränen des Glücks. Ich hatte eine solche Bangigkeit, wie der Lord Amys Eröffnung aufnehmen werde.« – »Nun, Sie sehen, daß er Ihnen wenigstens nicht zürnt, mein Lieber.« – »Ja, und das habe ich Ihnen zu verdanken. Ich ahnte ja, daß er zu Ihnen kam, um sich nach mir zu erkundigen. Zürnen Sie mir ob meiner Tränen nicht. Ein Kranker gibt sich sowohl dem Schmerz als auch der Freude leichter hin als ein Gesunder. Und Freude habe ich, nein, noch mehr: Ich fühle mich entzückt und selig darüber, daß dieser Mann mir nicht zürnt, daß er so lieb und mild zu mir gesprochen hat.«

Nach einiger Zeit fuhr eine glänzende Equipage vor, um Sternau, Mariano und Helmers nach dem Palast des Lords zu bringen. Dieser war einer der prächtigsten Palazzis der Stadt und hatte eine Menge der herrlichsten Zimmer. Die drei Gäste erhielten Wohnungen, mit denen ein König hätte zufrieden sein können, und die Bedienung war bemüht, jeden ihrer Wünsche auf das beste und schnellste zu erfüllen.

Mariano konnte nicht ausreiten, und der brave Helmers war kein Pferdebändiger; er hatte während seines Lebens kaum zehnmal auf einem Pferd gesessen, aber der Doktor Sternau mußte bereits am nächsten Tag mit dem Lord auf die Alameda reiten, und dort erregte er nicht geringes Aufsehen.

Der Lord hatte ihm das beste Pferd seines Marstalls anvertraut. Seine hohe, imposante Gestalt zog die Augen aller auf sich, und als er sich, von so vielen Blicken geradezu dazu aufgefordert nun auch als Reiter kühn und gewandt zeigte, da lächelte Lindsay sehr zufrieden und sagte zu ihm:

»Ich mache Effekt mit Ihnen. Sehen Sie das Fächerspiel der Damen, Herr Sternau?« – »Ich habe meine Dame, Mylord«, antwortete Sternau ernst – »Oh, man nimmt es hier nicht so genau!« – »Desto genauer nehme ich es!« – »So beabsichtigen Sie nicht, einen dieser Mexikaner eifersüchtig zu machen?« – »Ich verzichte darauf.« – »Nun, wollen sehen, ob Sie wirklich so hieb- und stichfest sind. Jetzt aber wollen wir die Gelegenheit benützen. Ich werde Sie einigen dieser eleganten Reiter und Reiterinnen vorstellen.«

Dies geschah, und es war den Mexikanern anzusehen, daß sie sich wunderten, daß ein deutscher Arzt eine so noble Haltung besitzen könne. Als die beiden heimkehrten, brachten sie eine ganze Menge Einladungen mit, und in Zeit von nur einigen Tagen sprachen alle Damen der Aristokratie mit Vorliebe von dem ritterlichen Deutschen, der alle Mexikaner tief in den Schatten stellte.

3. Kapitel.

Um diese Zeit war es, als Josefa Cortejo in ihrem Zimmer auf der Hängematte lag. Sie rauchte eine jener Zigaretten, die die Mexikanerinnen so außerordentlich lieben, und hatte ein Buch in der Hand, in dem sie aber nicht las. Ihre Eulenaugen ruhten nicht auf den Buchstaben, sondern sie blickte wie abwesend in die weite Ferne. Sie dachte an Graf Alfonzo, den Geliebten, der ihr vor seiner Abreise die Ehe versprochen hatte, ohne sie doch zu lieben. Sie dachte ferner der schönen, feurigen Spanierinnen und wie leicht es sei, daß er eine finden könne, die imstande sei, ihn zu fesseln. Da trat ihr Vater ein, mit Falten auf der Stirn und einem Brief in der Hand. »Hast zu Zeit?« fragte er. – »Für Wichtiges immer«, antwortete sie. – »Es ist wichtig.« – »Für dich?« – »Auch für dich! Die Post ist angekommen, und unter den übrigen Sachen finde ich einen Brief meines Bruders.«

Im Nu sprang Josefa aus der Hängematte und streckte die Hand nach dem Brief aus.

»Gib her! Wie steht es drüben?« – »Hm! Schlecht und gut! Alfonzo ist in Paris und auch in Deutschland gewesen.« – »Ah! Was wollte er dort?« – »Dieses schlimmen Doktor Sternaus wegen. Dieser Mensch ist doch nur unseres Unheils wegen nach Spanien gekommen. Er ist unser ärgster Feind und schlimmster Gegner.«

Josefas Augen zogen sich verächtlich zusammen.

»Pah, ein Doktor! Wer soll ihn fürchten!« sagte sie mit geringschätzigem Ton. – »Wir müssen ihn fürchten«, meinte Cortejo ernst. »Er hat seit dem ersten Tag seiner Anwesenheit in Rodriganda unsere Pläne durchschaut und durchkreuzt. Er besitzt einen Scharfsinn, der ganz erstaunlich ist, und hat dabei ein Glück, daß man ihn für einen Liebling des Teufels halten könnte.« – »Nun, vielleicht ist er es auch, und der Teufel kommt seiner Zeit, um ihn zu holen. Ich dachte vorhin zufällig an ihn.« – »Zufällig?« – »Ja. Hast du nicht von dem Deutschen gehört, der jetzt hier unsere Salons so unsicher macht?« – »Ja. Er ist Arzt, und Ärzte sind den Frauen ja immer sympathisch.« – »Hast du seinen Namen gehört?« – »Nein.« – »Er heißt Señor Sternau. Er ist Gast des englischen Gesandten und wurde von diesem den höchsten Aristokraten vorgestellt. Sogar beim Präsidenten war er gestern geladen. Ein Arzt, ein einfacher Arzt. Es ist lächerlich.« – »Sternau heißt er? Caramba! Es wird doch nicht derselbe sein?« – »So habe ich mich auch gefragt, aber Name und Stand sind jedenfalls nur ein Spiel des Zufalls. Jener Karl Sternau, vor dem du dich so fürchtest, ist ja gegenwärtig in Deutschland, da kann er füglich doch nicht in Mexiko sein.«

Das Gesicht Cortejos verfinsterte sich.

»Meinst du?« fragte er. »Wer sagt dir, daß er jetzt in Deutschland ist?« – »Nun, der Oheim schrieb es ja in seinem vorletzten Brief.« – »Allerdings, aber seit jenem Brief ist eine geraume, eine lange Zeit vergangen.« – »Du meinst doch nicht etwa …?« fragte Josefa gedehnt. – »Ich meine, daß du den Brief lesen sollst«, antwortete er kurz und reichte ihr das Schreiben. Sie nahm es, öffnete und las:

»Lieber Bruder!

Dieses Mal habe ich Dir Wichtiges mitzuteilen. Wie Du weißt, ist uns Doktor Sternau entgangen, die Briganten halfen ihm, so daß er über die Grenze kam. Ich ließ ihn heimlich verfolgen und erfuhr, daß er nach Paris zu gehen beabsichtige. Natürlich lag mir daran, ihn unschädlich zu machen, und so schickte ich ihm unseren Alfonzo nach.

Leider kam Alfonzo zu spät. Sternau war bereits nach Deutschland abgereist. Alfonzo ging ihm nach, erlitt aber während eines Bahnunglücks eine Verletzung, so daß er liegenblieb. Darüber verging eine wichtige Zeit, und unterdessen wurde dieser Sternau mit Rosa – vermählt.

Es geschah dies in einer deutschen Ortschaft, die Rheinswalden heißt. Alfonzo kam zu spät Die Trauung war vorüber, und Sternau hatte sich auf eine Reise begeben. Wißt Ihr, was er beabsichtigt? Dieser Mensch will den Kapitän Landola aufsuchen, um ihm jenen Mariano, der sich auf Rodriganda Alfredde Lautreville nannte, abzujagen. Diesem Menschen ist das Äußerste zuzutrauen, ich hoffe aber, daß seine Pläne zuschanden werden.

Ich habe sogleich an alle Häfen, in denen Landola zu verkehren pflegt, teils telegrafiert, teils geschrieben, und da es immerhin eine Möglichkeit ist, daß er seinen Kurs auf Mexiko nimmt, so gebe ich auch Dir Nachricht. Dieser Sternau muß unschädlich gemacht werden, sonst sind wir verloren.

Nun zu etwas Besserem und Angenehmerem. Alfonzo steht jetzt an der Spitze des Hauses Rodriganda; er hat die Interessen desselben zu vertreten und auch dafür zu sorgen, daß die Traditionen desselben nicht verlöschen, mit einem Wort: Er muß sich vermählen!

Ich habe an seiner Stelle Umschau gehalten, und es ist mir auch geglückt, sein Auge auf eine Dame zu richten, die alle Erfordernisse besitzt, den Namen Rodriganda zu noch höheren Ehren zu bringen.

Du weißt, daß ich Haushofmeister des Herzogs von Olsunna war. Ich habe Dir von seinem Verhältnis zu jener deutschen Gouvernante erzählt, die ihm entfloh. Diese Liaison hat ihn in meine Hand gegeben, so daß ich ihm vorschreiben kann, was mir beliebt. Er besitzt ein einziges Kind, eine Tochter. Sie ist zwar älter als Alfonzo, aber sie ist schön, unermeßlich reich und von einem höheren Grad als die Rodrigandas. Alfonzo hat sie gesehen und schwärmt für sie. Ich hoffe, daß es meinem Einfluß auf den Herzog gelingt, diese glanzvolle Verbindung zustande zu bringen, und werde Dir, sobald ein Resultat erzielt ist, das Weitere mitteilen.

Dein Bruder
Gasparino Cortejo.«

Während der letzten Hälfte des Briefes hatte Josefa sich entfärbt. Sie war blaß geworden, und als sie jetzt zu Ende war, knirschte sie wild die Zähne zusammen, ballte das Papier zu einem Knäuel, warf diesen auf den Boden und stampfte mit dem Fuß darauf.

»So wie diesem Papier soll es ihnen gehen, wenn Alfonzo nicht Wort hält!« rief sie voller Wut. »Ich zertrete, ich zermalme sie!«

Sie bildete in ihrem Grimm einen Anblick, der nichts weniger als schön genannt werden konnte. Ihr Vater legte beruhigend die Hand auf ihre Schulter.

»Nur ruhig, noch ist es nicht soweit!« sagte er.

Josefa warf den Kopf stolz in den Nacken und antwortete:

»Ja, noch ist's nicht soweit, und es soll auch nie soweit kommen! Aber schon, daß sie einen solchen Gedanken hegen können, das ist ein schmählicher Verrat an mir!« – »Auch das nicht!« – »Wieso? Willst du sie etwa in Schutz nehmen?« – »Den Bruder ja, nicht aber Alfonzo. Gasparino wird gar nichts davon wissen, daß Alfonzo uns sein Wort gegeben hat, gegen ihn also darf sich dein Zorn nicht richten.« – »Aber desto mehr gegen den Treulosen. Ich gebe ihn nicht los. Er ist mein, er ist mein Eigentum, und keine andere soll ihn haben. Ich will Gräfin von Rodriganda werden, und was ich will, das weiß ich auch durchzusetzen, mit allen Mitteln, verstehst du?«

Sie stand wie eine Furie vor dem Vater. Dieser aber erwiderte in möglichster Ruhe:

»Ich werde Gasparino schreiben.« – »Ja, schreibe ihm, und verlange sofortige Antwort.« – »Und wenn er nein sagt?« – »Dann ist er verloren, das schwöre ich dir!« – »Josefa, er ist mein Bruder!« – »Eben deshalb sollte er desto eher auf unseren Willen eingehen, und desto strafbarer ist es, wenn er es nicht tut. Du weißt, daß ich das Testament in der Hand habe.« – »Du wirst es nicht gegen ihn gebrauchen!«

Sie stieß ein höhnisches Lachen aus, trat frech auf den Vater zu und sagte:

»Wie kommst du mir vor? Dein Bruder hat einen Sohn, und du hast eine Tochter. Wir alle sind Diebe, Betrüger, ja, auch Mörder geworden, um Rodriganda zu erlangen. Soll es sein Sohn allein besitzen, soll deine Tochter leer ausgehen? Nein, es gehört ihm und mir. Wenn er Graf wird, so werde ich Gräfin, das ist die einzig richtige Lösung der Frage, und davon gehe ich nicht ab.«

Cortejo hielt es für geraten, einzulenken.

»Ich gebe dir ja recht«, sagte er, »nur halte ich es hier nicht für am Platz, dich unnötig zu ereifern. Wir haben ja genug Veranlassung, zunächst an das Nähere zu denken.« – »So? Und was ist denn wohl jetzt das Nähere?« fragte sie erbost. – »Ich meine dieser Doktor Sternau.« – »Ach so«, sagte Josefa, nun endlich an den ersten Teil des Briefes denkend. »Ja, was sagst du dazu? Also dieser Mensch hat Deutschland verlassen, um den Kapitän Landola zu finden? Pah, ein Arzt, eine Landratte! Macht euch nicht lächerlich!« – »Beurteile die Deutschen nicht falsch. Sie haben harte Köpfe. Sie sind lange Zeit still und geduldig, aber wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt haben, so führen sie ihn auch aus.« – »Und du meinst, daß der Sternau, der sich jetzt hier befindet, und jener Sternau ein und dieselbe Person seien?« – »Ich halte es für möglich.« – »So muß man dies untersuchen.« – »Aber wie? Man kann doch nicht bei Lord Lindsay anfragen!« – »Nein«, lachte sie. »Laß mich machen! Ich werde dafür sorgen, daß wir eine Einladung bekommen und ihn sehen.« – »Ist er dir beschrieben worden?« – »Ja.« – »Nun?« – »Er ist ungewöhnlich hoch und stark gebaut, ein Riese unter allen übrigen.« – »Er ist es. Gasparino schrieb uns ja, daß er ein wahrer Goliath sei.« – »Das beweist noch nichts. Sie können Brüder oder sonstige Verwandte sein. Ich habe gehört, daß es in diesen nördlichen Gegenden viele Menschen geben soll, die zum Geschlecht der Riesen gerechnet werden könnten. Es bleibt dabei, ich besorge uns eine Einladung, und das übrige wird sich finden.«

Sternau war auf ein solches Zusammentreffen gefaßt. Er konnte sich denken, daß er dem Namen nach Pablo Cortejo bekannt sei, er wußte, daß er der Gegenstand der Unterhaltung sei und daß auch Cortejo von ihm hören werde, und so war das Verlangen des letzteren, ihn zu sehen, ja vorauszusetzen.

So erwartete er bei jedem Besuch, den er machte, Cortejo zu treffen. Er hatte sich erkundigt und erfahren, daß Cortejo als Vertreter des Grafen Rodriganda auch in höheren Kreisen angenommen werde. Sich ausfragen zu lassen, war seine Absicht nicht.

4. Kapitel.

Es war bereits eine Woche seit ihrer Ankunft vergangen, als Lindsay den Arzt zu einem ihrer gewöhnlichen Spazierritte aufforderte. Sie verließen die Stadt und tummelten ihre Pferde draußen zwischen den Höhen herum. Bei der Rückkehr kamen sie an einer Mauer vorüber, wobei der Engländer sagte:

»Endlich kann ich Ihnen heute mein Wort halten.« – »Wegen des Erbbegräbnisses, Mylord?« – »Ja.« Der Lord erhob sich im Sattel und zeigte über die Mauer hinüber. »Sehen Sie da drüben das Mausoleum?« – »Das mit den korinthischen Säulen?« – »Ja. Es ist das Erbbegräbnis, in dem Ferdinando Rodriganda begraben liegt.« – »Darf man eintreten?« – »Warum nicht? Die Pforte des Friedhofs ist bei Tag stets geöffnet.«

Sie stiegen von ihren Pferden und traten ein. Da mehrere Besucher vorhanden waren, so taten sie, als ob ein anderer Zweck sie herbeigeführt habe, und näherten sich später wie zufällig dem Mausoleum. Der Eingang zu demselben war durch eine Gittertür verschlossen, doch reichte das Gitter nicht hoch empor. Es ließ oben einen offenen Raum, so daß man übersteigen konnte.

»Wissen Sie gewiß, daß dies das gesuchte ist, Mylord?« fragte Sternau. – »Ja, ich habe es mir genau beschreiben lassen.« – »So ist es uns nicht schwer gemacht, hier einzudringen. Gehen wir wieder fort!« – »Wann werden Sie es tun?« – »Gleich heute abend. Wollen Sie dabeisein?« – »Ich danke. Ich bin der Vertreter einer Nation und muß sehr vorsichtig sein.«

Am Abend, kurz vor Mitternacht, schritten drei Männer diesem Friedhof zu. Es war zwei Tage nach Neumond und also nicht sehr hell. Bei der Mauer angekommen, stiegen sie über dieselbe hinweg. Es waren Sternau, Mariano und Helmers. Mariano hatte sich während der acht Tage so weit erholt, daß er dieses Abenteuer mitmachen konnte.

»Bleiben Sie hier stehen«, flüsterte Sternau. »Ich will erst sehen, ob wir sicher sind.«

Er suchte den Friedhof sorgfältig ab und kehrte erst dann zu den Gefährten zurück, als er sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr der Entdeckung vorhanden war.

»Jetzt kommen Sie hinter mir her, aber leise.«

Auf diese seine Worte setzten sie sich in Bewegung. Bei dem Mausoleum angelangt, schwang er sich zuerst über die Gitterpforte, und dann folgten die anderen. Nun standen sie vor einem starken Zinndeckel, der die Öffnung des Gewölbes bedeckte.

»Dieser Deckel muß aufgeschraubt werden!« sagte Sternau.

Er hatte sich am Tag alles genau angesehen und infolgedessen für drei Schraubenschlüssel gesorgt. Die drei Männer arbeiteten eine Zeitlang leise und unhörbar, dann gab der Deckel nach und ließ sich abnehmen. Eine schmale Treppe führte hinab. Sie stiegen hinunter. Einer hinter dem anderen. Sternau war der vorderste und tastete umher, bis er an einen Sarg stieß.

»Hier steht der Sarg«, meldete er. »Helmers, brennen Sie vorsichtig die Blendlaterne an, daß kein Licht in die Höhe dringt!«

Helmers folgte dem Gebot, und nun sahen sie bei dem kleinen Strahl der Laterne den Sarg vor sich stehen. Es war der einzige, der in dem Gewölbe stand.

»Was werden wir sehen?« flüsterte Mariano. – »Entweder nichts oder die Überreste Ihres Oheims Ferdinando«, antwortete Sternau. – »Mir graut!« – »Fürchten Sie sich?« – »Nein«, antwortete Mariano. »Aber bedenken Sie meine Lage. Der geraubte Neffe steht vor dem Sarg seines Onkels.« – »So fassen Sie sich. Es ist kein Leichenraub, keine Grabschändung, die wir begehen. Wir stehen hier als Vertreter des forschenden Gerichts, und was wir tun, das können wir vor Gott und unserem Gewissen verantworten.« – »Es ist ein Eichensarg«, meinte Helmers. –»In welchem der eigentliche Zinnsarg stehen wird«, fügte Sternau hinzu. »Er ist zugeschraubt. Öffnen wir!«

Sie setzten abermals die Schraubenschlüssel an. Die Schrauben knirschten in dem Holz, sie gaben nach und wurden herausgezogen. Nun konnte der Deckel abgenommen werden, und es kam wirklich der Zinnsarg zum Vorschein. Auch er war mittels Schrauben verschlossen, die herausgedreht werden mußten. Als dies geschehen war, blickten sich die drei Männer gespannt an. Sie standen vor der Enthüllung eines Geheimnisses, und das erweckte in jedem ein Gefühl, das erst bemeistert werden mußte.

»Nun, in Gottes Namen, fort mit dem Deckel!« sagte Sternau.

Dann griff er zu und hob den Deckel in die Höhe, er entschlüpfte seiner Hand und fiel wieder nieder. Das gab einen dumpfen, grausigen Ton in dem tiefen Gewölbe, dessen Finsternis durch das kleine Licht der Laterne nur noch mehr hervorgehoben wurde.

»Es ist, als wehre sich der Tote gegen die Störung seiner Ruhe«, flüsterte Mariano. – »Er wird uns nicht zürnen, wenn wir uns überzeugen, daß mit ihm kein Frevel getrieben worden ist«, antwortete Sternau.

Er faßte darauf den Deckel mit mehr Vorsicht an, nahm ihn ab und legte ihn beiseite. Nun leuchtete Helmers in den offenen Sarg – und die drei Männer blickten wie auf ein Kommando empor und sich einander in das Angesicht.

»Der Sarg ist leer!« sagte Mariano. – »Ganz, wie ich es dachte«, bemerkte Sternau. – »Es hat gar kein Toter drin gelegen!« fügte Helmers hinzu. – »O doch!« meinte Sternau, indem er Helmers die Laterne abnahm und auf die weißen Atlaskissen leuchtete, die das Innere des Sarges füllten. »Hier sehen Sie ganz deutlich die Eindrücke, die der Körper gemacht hat.« – »So ist der Onkel also doch gestorben gewesen!« versetzte Mariano. »Aber warum hat man seine Leiche entfernt?« – »Man hat keine Leiche entfernt, sondern einen Lebenden«, behauptete Sternau. »Die Leiche zu entfernen, hätte keinen Zweck gehabt. Gibt es Gift, um den Wahnsinn hervorzubringen, so gibt es auch Medikamente, einen Menschen scheintot zu machen.« – »So wäre also der Mann, der in Verakruz eingeschifft und nach Harrar verkauft wurde, wirklich Ferdinando de Rodriganda gewesen?« – »Ich bin überzeugt davon. Verschließen wir die beiden Särge wieder, aber so sorgfältig, daß keine Spur unserer Anwesenheit zu bemerken ist!«

Dies geschah, und dann wurde die Laterne ausgelöscht. Die drei Männer stiegen nun empor und schraubten die Zinndecke wieder fest, darauf schwangen sie sich über das Gitter hinaus und verließen den Friedhof so leise, wie sie gekommen waren. Kein Mensch hatte von ihrem Tun eine Ahnung.

Zu Hause wartete Lord Lindsay in großer Spannung auf das Ergebnis ihrer Nachforschung. Er hatte Sternau und Mariano gesagt, daß sie sofort zu ihm kommen sollten. Als sie ihm das Resultat berichteten, sagte er entsetzt:

»Ich wollte es nicht glauben. Welch ein Verbrechen! Man muß Anzeige machen.« – »Das würde zu nichts führen. Ich habe kein Vertrauen zu der mexikanischen Gerechtigkeit.« – »Man wird sie zwingen, ihre Pflicht zu tun!« – »Wer will sie zwingen, Mylord?« fragte Sternau. – »Ich!« antwortete Lindsay sehr energisch. – »Es würde vergeblich sein.« – »Oho! Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen.« – »Sie würden nur beweisen können, daß die Leiche fehlt. Wohin sie gekommen ist, ob der, der begraben wurde, tot oder lebendig war, und wer der Urheber des Verbrechens ist, das würde unentdeckt bleiben. Durch eine Anzeige machen wir unsere Feinde ganz unnützerweise darauf aufmerksam, in welcher Gefahr sie schweben.« – »Aber, Herr Sternau, soll ein solcher Betrug ungestraft bleiben?« – »Nein. Er wird bestraft werden, aber erst dann, wenn wir den Grafen Ferdinando gefunden haben. Dann werden wir die Täter nach dem Friedhof führen und die Leiche des Vermißten von ihnen fordern lassen, eher nicht.« – »So wollen Sie wohl gar nach Harrar?« – »Allerdings! Nachdem wir zuvor auf der Hacienda del Erina gewesen sind. Mit Pedro Arbellez müssen wir sprechen, und zunächst auch mit Marie Hermoyes.« – »Mit dieser können Sie hier nicht sprechen, denn auch sie befindet sich auf der Hacienda del Erina.« – »Sie lebt also dort?« – »Ja.« – »Und warum ging sie fort?« – »Man weiß es nicht. Sie scheint Verdacht gefaßt zu haben. Weil Sie mir die größte Vorsicht anrieten, haben meine Erkundigungen eine längere Zeit in Anspruch genommen. Eine direkte Anfrage hätte uns gleich am ersten Tag eine Antwort gebracht.« – »Das hätte unsere Absicht verraten können.« – »Ich gebe das zu. Darum gab ich einem meiner Diener den Auftrag, eine Liebschaft im Haus der Rodriganda anzuknüpfen. Es ist ihm dies gelungen. Heute abend hat er nun zum ersten Mal Gelegenheit gehabt, seine Frage anzubringen, und er brachte mir die Antwort, als Sie nach dem Friedhof aufgebrochen waren.« – »So bin ich begierig, das Nähere zu hören.« – »Es ist nicht viel. Die alte Marie Hermoyes hat bei Pablo Cortejo und seiner Tochter nicht gut gestanden, auch beim jungen Grafen Alfonzo nicht. Sie scheint Verdacht gefaßt zu haben und ist vielleicht so unklug gewesen, es sich merken zu lassen. Eines Abends nun sind zwei Indianer in den Stall gekommen, haben den Knecht geknebelt und die besten Pferde weggenommen. Mit diesen Indianern ist Marie Hermoyes nach der Hacienda del Erina entflohen.« – »Wunderbar!« – »Ja, und eben weil es so sonderbar ist, muß es Verdacht erregen. Der junge Graf Alfonzo ist dann mit Militär nach der Hazienda geritten, aber als Flüchtling wiedergekommen. Das sind Nachrichten, die mich glauben lassen, daß Sie mit Ihren Vermutungen recht haben, Herr Sternau.« – »Ich ahne irgendein Unheil!« sagte der letztere. »Am besten wäre es wohl, wenn wir baldigst aufbrechen könnten, aber Freund Mariano ist noch zu schwach dazu. Eine Woche Zeit müssen wir ihm gestatten, ehe er stark genug für die Anstrengungen eines solchen Ritts ist.« – »Und«, fügte der Lord hinzu, indem er leise lächelte, »eine Woche wenigstens müssen Sie auch Herrn Helmers gestatten, um sich die nötige Fertigkeit im Reiten anzueignen. Es ist keine Kleinigkeit, als ungeübter Kavallerist an die Grenze der Indianer zu gehen.«

Was Mariano betrifft, so hatte er den besten Arzt in Amy und die beste Arznei in dem Glück, das er an ihrer Seite genoß. Sie waren fast stündlich zusammen, und Lord Lindsay tat, als ob er dies nicht bemerke. Er glaubte, dies sei das Beste, was er tun könne.

5. Kapitel.

Zwei Tage nach der Untersuchung des Grabes war Lord Lindsay nebst Sternau zu einem Fest geladen, und der Diener des ersteren hatte von seiner Geliebten erfahren, daß Cortejo und Señorita Josefa auch erscheinen würden. Sternau war infolgedessen auf das Erscheinen der beiden vorbereitet. Er begab sich zeitig mit dem Lord dahin, um noch vor Cortejo anzukommen.

Das Fest fand bei einer reichbegüterten Familie statt, und es standen den Geladenen mehrere Räume zur Verfügung, in denen sie sich nach Belieben zerstreuen und ergehen konnten. Nach ihrer Ankunft, als sie der Dame des Hauses ihr Honneur gemacht hatten, trennte sich Sternau von Lindsay und sagte ihm, daß er in der Orangerie zu finden sein werde. Dort wartete er, bis Lindsay erschien und ihn benachrichtigte, daß Cortejo gekommen sei.

»Wollen Sie mich vorstellen, Mylord?« – »Wünschen Sie es?« – »Ja, sehr!« – »So kommen Sie!«

Sie kehrten nun nach den vorderen Gemächern zurück und sahen Cortejo nebst seiner Tochter bei einer Gruppe soeben angekommener Gäste stehen.

»Der lange, hagere Señor ist Cortejo«, bemerkte der Lord. – »Ah, er sieht seinem Bruder außerordentlich ähnlich«, sagte Sternau. – »Und die Señorita zu seiner Rechten ist seine Tochter.« – »Die mit dem Uhugesicht?« – »Ja.« – »So halte ich die Tochter für schlimmer als den Vater selbst.« – »Sie sind ein großer Physiognomiker! Aber kommen Sie! Wir werden sie überraschen, denn sie stehen mit dem Rücken jetzt gegen uns.«

Sie schritten auf die Gruppe zu, der Lord schnell, Sternau etwas langsamer.

»Ah, Mylord«, sagte Cortejo, als er den ersteren bemerkte, »welche Freude, Sie hier zu sehen! Haben Sie sich meinen Antrag überlegt?« – »Welchen?« – »Wegen der Hacienda del Erina?«

Lindsays Brauen zogen sich zusammen.

»Ich liebe es nicht, in Gesellschaften Geschäfte zu besprechen«, sagte er. »Übrigens muß ich zuvor wissen, ob die Hazienda wirklich Eigentum des Grafen Rodriganda ist.« – »Natürlich ist sie es!« – »Und Sie haben den Auftrag, sie zu verkaufen?« – »Ja.« – »Aber man sagt ja, der Besitzer sei Pedro Arbellez, dem die Hazienda nach dem Tod des Grafen Ferdinando zufallen mußte.« – »Das ist eine Unwahrheit, Mylord, ein leeres Gerede.« – »Nun, das wird sich finden, ich werde die Wahrheit ja bald erfahren.« – »Durch wen?« – »Durch einen Freund von mir, der sich nächstens nach der Hazienda begeben wird. Ich mache mir das Vergnügen, Sie ihm vorzustellen.«

Der Lord deutete mit der Hand nach rückwärts, wo Sternau stand, und sofort drehten sich Cortejo und seine Tochter nach demselben um. Der erstere trat schnell zwei Schritt zurück, ein starres Erstaunen breitete sich über seine Züge, und er rief:

»Der Herzog von Olsunna!«

Alle in der Nähe Stehenden blickten ihn höchst überrascht an. »Ach nein, das ist ja gar nicht möglich!« fügte er sich besinnend hinzu. »Aber welch eine ganz außerordentliche Ähnlichkeit!« – »Sie irren sich allerdings«, lächelte der Lord. »Dieser Señor ist mein Freund, Doktor Sternau.« – »Doktor Sternau?« fragte Cortejo, indem er sein Auge scharf und spitz über das Gesicht und die Gestalt des Deutschen gleiten ließ. Dann aber nahm seine Miene den Ausdruck der Gefälligkeit an, und er sagte: »Es ist eine Ehre für mich, Señor Sternau, Sie kennenzulernen. Sie sind, wie man mir bereits sagte, ein Deutscher?« – »Ja.« – »Ich liebe die Deutschen. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen meine Tochter Josefa vorstelle.«

Sternau wechselte mit der Dame eine Verbeugung und wurde dann von ihr und ihrem Vater in die Mitte genommen und nach einer Bank geführt, die sich rund um das Zimmer zog. Dies geschah so auffällig, daß Sternau sogleich ahnte, daß ein Verhör beginnen werde. Er hatte sich nicht geirrt, denn kaum hatte er sich zwischen den beiden auf der Bank niedergelassen, so begann Cortejo:

»Ich höre, daß Sie nach der Hacienda del Erina wollen, Señor Sternau?« – »Vielleicht«, antwortete Sternau lakonisch, denn es war ihm außerordentlich unlieb, daß der Lord diese seine Absicht verraten hatte.

»Darf ich fragen, zu welchem Zweck?« – »Ich will Mexiko und seine Bewohner kennenlernen. Daher werde ich auch den Norden des Landes bereisen. Als dies der Lord erfuhr, bat er mich, mir die Besitzung del Erina einmal anzusehen, da es sein Wunsch war, sie anzukaufen.« – »Ach so!« meinte Cortejo befriedigt. »Ich habe in del Erina einen renitenten Pächter, der behauptet, die Hazienda sei ein Eigentum. Lächerlich! Wie es scheint, reisen Sie viel?« – »Allerdings.« – »Dann sind Sie zu beneiden!« sagte Josefa mit liebenswürdig sein sollender Miene. »Ein Mann, der vollständig Herr seiner Zeit ist, ist glücklich zu preisen. Welche Länder haben Sie bereits besucht, Señor Sternau?« – »Amerika, Afrika und einen Teil von Asien.« – »Und Europa?« – »Da bin ich geboren!« lächelte der Gefragte. – »Ja, richtig, das nennt so ein Weltläufer nicht eine Reise. Kennen Sie Frankreich?« – »Ja.« – »Vielleicht auch Spanien?« – »Ich war auch da.«

Josefa tauschte mit ihrem Vater einen schnellen Blick des Einverständnisses und sagte weiter:

»Spanien ist unser Mutterland, für das wir uns natürlich am meisten interessieren. Darf ich erfahren, welche Provinz oder Städte Sie kennen?«

Sternau nahm seine gleichgültigste Miene an und antwortete:

»Ich war nur kurze Zeit in diesem schönen Land. Ich bekam als Arzt einen Ruf zu einem Grafen Rodriganda, um ihn von einem Übel zu befreien.« – »Rodriganda? Ach, wissen Sie, daß dieser Graf auch hier Besitzungen hat?« – »Ja.« – »Und daß mein Vater Verwalter dieser Besitzungen ist?«

Sternau heuchelte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Ach, ist das möglich, Señor Cortejo?« rief er. Und dann setzte er, wie sich besinnend hinzu: »Es gibt auch in Rodriganda einen Señor Cortejo. Sie sind vielleicht verwandt mit ihm?« – »Er ist mein Bruder.« – »Das freut mich sehr, Señor, denn ich bin mit Señor Gasparino sehr oft zusammengetroffen.« – »Er ist nicht sehr umgänglich.« – »Das habe ich nicht gemerkt. Wir haben uns im Gegenteil sehr gut kennengelernt.«

Josefa biß sich erzürnt auf die Lippe, denn sie verstand den Doppelsinn dieser Worte nur zu gut, dennoch sagte sie in ihrem freundlichsten Ton:

»Wollte Gott, Sie hätten unseren guten Grafen Emanuel retten können, Señor.« – »Ja, ich gäbe vieles, sehr vieles darum, Señorita.« – »Woran starb er? Ich glaube an einem unglücklichen Fall?« – »Ja, dieser Fall war allerdings ein sehr unglückseliger.«

Auch in diesen Worten lag ein Doppelsinn, den Cortejo und seine Tochter gar wohl verstanden.

»So haben Sie doch auch Gräfin Rosa kennengelernt?« forschte Josefa eifrig weiter. – »Gewiß. Sie ist jetzt meine Frau.«

Sternau war überzeugt, daß beiden dies bereits bekannt sei, trotzdem sie sich den Anschein der allerhöchsten Überraschung gaben.

»Was Sie sagen, Señor!« rief nämlich Cortejo, und Josefa fragte: »Ist das denn möglich?« – »Oh, der Liebe ist alles möglich, Señorita«, lächelte Sternau. »Man mag in Spanien allerdings etwas strenger auf die Abgeschlossenheit des Standes halten als in meinem Vaterland. Wir aber sind in letzterem vermählt worden.« – »So hat Condesa Rosa ihr Vaterland verlassen?« – »Ja.« – »Und Graf Alfonzo gab dies zu?« – »Er hat es nicht gehindert«, antwortete Sternau gleichgültig. »Sie kennen Graf Alfonzo auch?« – »Natürlich! Er war ja seit seiner frühesten Jugend bei uns in Mexiko.« – »Ja, wirklich, ich dachte nicht daran.« – »Es wurde uns geschrieben, daß Condesa Rosa gefährlich erkrankt sei.« – »Sie ist vollständig geheilt, Señorita. Aber entschuldigen Sie! Dort winkt mir Lord Lindsay. Er wird gewiß die Absicht haben, mich jemand vorzustellen.«

Sternau erhob sich, um sich zu entfernen, und die beiden standen gleichfalls auf.

»Das ist ein wunderbarer und sehr lieber Zufall, einen Señor hier zu treffen, der Rodriganda kennt«, sagte Cortejo dabei. »Würden Sie uns gestatten, Sie einmal bei uns zu sehen?« – »Ich stehe mit Vergnügen zu Gebote.« – »Oder Sie einmal bei Lord Lindsay zu besuchen?« fügte Josefa bei. »Ich bin glücklicherweise mit Miß Amy sehr eng befreundet.« – »Es soll mir ein Vergnügen sein, Sie bei mir zu sehen!«

Sternau verbeugte sich und entfernte sich. Vater und Tochter aber warteten, bis er ihren Augen entschwunden war, und dann sagte Josefa:

»Caramba, er war es!« – »Ja, er war es!« murmelte auch Cortejo. – »Hast du ihn genau betrachtet?« – »Sehr genau.« – »Nun?« – »Er ist ein Gegner, den man nicht unterschätzen darf.«

Josefa blickte ihren Vater fast verächtlich von der Seite an und antwortete:

»Den man nicht unterschätzen darf? Du sprichst eigentümlich. Ich sage dir, das ist ein Gegner, der allerdings vielleicht hundert Männern gewachsen ist, ob aber einem Weib, das soll und wird sich zeigen. Diese Gestalt, diese Stirn, dieses Auge! Jetzt begreife ich Rosa, daß sie ihn liebt! Wie ruhig er sprach! Und doch kennt er uns, doch weiß er alles, doch ist er in irgendeiner feindseligen Absicht nach Mexiko gekommen. Nun, er muß untergehen, es geht nicht anders, wenngleich er mir auch leid tut und ein Feind ist, für den man schwärmen könnte.« – »Du schwärmst ja bereits! Wie konntest du sagen, daß wir ihn besuchen wollen.« – »Glaubst du wirklich, daß er zu uns kommt? Wenn wir ihn ausforschen wollen, so müssen wir zu ihm.« – »Er wird zu uns kommen. Er sieht ganz aus wie ein Mann, dem es ein Kleines ist, in die Höhle des Löwen zu gehen. Wenn ich nur wüßte, was er in Mexiko will.« – »Wir werden es erfahren, denn wir werden ihn bereits morgen besuchen.« – »Bist du toll? Nachdem die Engländerin dich in dieser Weise abgefertigt hat?« – »Daran denke ich nicht, wenn es sich um eine solche wichtige Angelegenheit handelt.« – »Ich begleite dich nicht!« – »So gehe ich allein«, sagte sie trotzig. – »Ich glaube fast, daß du dies tun würdest.« – »Ich tue es sicher. Aber ich weiß, daß du mitgehst. Wir müssen ihn aushorchen, wir müssen alles erfahren, alles, um zu wissen, mit welcher Waffe er anzugreifen ist.«

Während beide so von Sternau sprachen, wurde dieser von dem Lord gefragt:

»Nun, wie finden Sie das Paar?« – »Habicht und Eule, nur daß hier die Eule mehr Courage und Energie besitzt als der Habicht.« – »Sie halten also beide für dessen fähig, wessen wir sie beschuldigen?« – »Ganz gewiß. Diese Gebrüder Cortejo sind einander vollständig ebenbürtig. Aber, Mylord, verderben wir uns diesen Abend nicht mit dem Gespräch über solche Menschen. Es ist genug, daß man sie sieht.« – »Wurden Sie nicht eingeladen?« – »Ja.« – »Und werden Sie gehen?« – »Jedenfalls, wenn sie nicht etwa vorher mich aufsuchen.« – »Sie sind des Teufels! Haben Sie etwa davon ein Wort fallenlassen?« – »Nicht ich, sondern die Dame. Sie behauptet, mit Miß Amy sehr befreundet zu sein.«

Der Lord zuckte die Schultern und wandte sich ab. Auch Sternau gab sich während des ganzen Abends Mühe, nicht mehr in die Nähe Cortejos und Josefas zu kommen, aber noch während der Nacht träumte es ihm von Eulen und Ungeziefer, mit denen er zu ringen hatte.

6. Kapitel.

Bereits am anderen Morgen öffnete der Diener die Tür und meldete Señor und Señorita Cortejo. Sternau wollte seinen Ohren nicht trauen, mußte ihnen aber endlich doch Glauben schenken, als seine Augen ihm die Wahrheit des Gehörten bestätigten: Cortejo trat mit seiner Tochter ein.

»Verzeihen Sie, Señor Sternau«, sagte er, »daß wir Sie so bald aufsuchen. Josefa hatte so große Sehnsucht, etwas aus ihrer Heimat zu hören. Wir haben sehr lange Zeit keine Nachricht von dort erhalten, und so machen wir von ihrer freundlichen Erlaubnis Gebrauch.«

Sternau bemeisterte seinen Ärger und bewillkommnete sie mit möglichster Höflichkeit. Das Examen, das er zu erwarten hatte, begann sofort, nachdem sie Platz genommen hatten.

»Sie sind in Verakruz gelandet?« fragte Cortejo. – »Ja, Señor.« – »Mit welcher Gelegenheit?« – »Per Dampf, antwortete Sternau kurz. – »Ich nehme an, daß Sie an Lord Lindsay empfohlen waren?« – »Ich lernte Miß Amy in Rodriganda kennen.« – »Ah«, sagte Josefa überrascht, »sie ist eine Freundin von Condesa Rosa gewesen?« – »Gewiß.« – »War das Leben in Rodriganda ein gesellschaftlich bewegtes, Señor?« – »Ich habe das strikte Gegenteil gefunden.« – »Das glaube ich nicht. Sie sagen, Miß Amy sei zugegen gewesen, und in einem Brief an uns wurde ein französischer Offizier erwähnt. Ich glaube aus diesem Grund, daß man nicht einsam gelebt hat«

Sternau merkte sehr wohl, daß er jetzt über Mariano ausgefragt werden solle.

»Ja, es war fast einsam«, sagte er kalt. – »Aber diesen Offizier lernten Sie auch kennen?« – »Ja.« – »Können Sie sich seines Namens erinnern?« – »Er nannte sich Alfred de Lautreville.« – »Und war er lange in Rodriganda?« – »Einige Tage.« – »Dann kehrte er nach Frankreich zurück?« – »Hm! Er reiste ab, ohne uns das Ziel zu nennen, Señorita.«

Josefa sah, daß Sternau so nicht zu fassen war. Er sagte ihr zwar keine direkte Unwahrheit, aber er gab ihr auch die gewünschte Auskunft nicht. Sie stand eben im Begriff, eine neue Frage zu formulieren, als Helmers eintrat. Dies war Sternau sehr lieb. Er konnte sich somit auf kurze Zeit entfernen, da Helmers als Seemann genug Spanisch gelernt hatte, um sich leidlich verständlich machen zu können. Er stellte daher den Seemann vor und entfernte sich unter einem schnell gesuchten Vorwand.

Dann eilte er zu dem Lord, bei dem er Amy und Mariano fand.

»Was bringen Sie?« fragte ersterer. »Sie treten ja in einer ganz besonderen Eile ein.« – »Ich bringe Ihnen die Bestätigung meiner gestrigen Mutmaßung; Cortejo ist da.« – »Unmöglich! Bei Ihnen?« – »Ja, er und seine Tochter.«

Der Lord schüttelte den Kopf und entgegnete lachend:

»Und Sie haben beide sitzenlassen?« – »Nein, Helmers ist bei ihnen. Ich komme nur, um Ihnen eine Bitte vorzutragen.« – »Sprechen Sie!« – »Laden Sie die beiden zum Frühstück ein.«

Der Lord machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Die beiden Cortejos?« fragte er. »Ich nehme an, daß Sie im Scherz sprechen.« – »O nein, ich spreche im vollsten Ernst. Zwar sehe ich, daß auch Miß Amy sich über meine Bitte wundert, aber ich ersuche dennoch um die Erlaubnis, sie aufrechterhalten zu dürfen.« – »Aber, beim Teufel, aus welchem Grund denn?« fragte Lindsay. »Dieses Geschmeiß ist mir so verhaßt und widerwärtig, daß ich es gar nicht sehen mag!« – »Ich muß wissen, welchen Eindruck der Anblick Marianos auf dasselbe macht.« – »Ah so, das ist etwas anderes! Aber so nehmen Sie ihn doch mit hinüber zu ihnen.« – »Nein, Mylord. Sie beide sollen ja Zeugen dieses Eindrucks sein!«

Der Lord nickte leise vor sich hin, und da er jetzt auch auf dem Angesicht seiner Tochter die Gewährung von Sternaus Bitte las, so erwiderte er:

»Gut, das kann von Wert für uns sein. Sie mögen also zum Frühstück kommen.« – »Aber ich kann sie nicht einladen, Mylord!« meinte Sternau. – »Hm, auch das noch! Nun wohl, gehen Sie in Gottes Namen; ich werde das besorgen.«

Sternau kehrte in sein Zimmer zurück, wo er jetzt von unbequemen Fragen verschont blieb, da die Anwesenheit des Seemanns dem Gespräch eine allgemeine Richtung gab. Nach einiger Zeit trat der Lord ein. Sich den Anschein gebend, als ob er geglaubt habe, Sternau allein zu treffen, und als sei er von der Anwesenheit Cortejos und Josefas gar nicht unterrichtet, begrüßte er sie mit vornehmer Freundlichkeit, blieb einige Zeit und lud sie dann ein, am Frühstück mit teilzunehmen, was sie bereitwilligst annahmen.

Nach kurzer Zeit versammelte man sich im Speisesalon. Es waren alle da, und nur Marianos Stuhl war unbesetzt; dennoch aber wurde begonnen, und ein lebhaftes Gespräch würzte die reichlich aufgetragenen mexikanischen Delikatessen.

Da, nach einer ziemlichen Weile erst, trat Mariano ein. Man hatte Cortejo und seine Tochter so placiert, daß sie ihn jetzt nicht sofort sehen konnten. Erst als er näher trat und sich bei seinem leeren Stuhl, der neben dem Sitz Cortejos stand, aufstellte, merkte der letztere, daß ein neuer Gast eingetreten sei, und blickte auf. Kaum aber hatte er in das Gesicht Marianos gesehen, so fuhr er erschrocken von seinem Stuhl empor und rief:

»Graf Emanuel!«

Sein Gesicht war bleich geworden, und seine Augen standen weit geöffnet. Auch seine Tochter hatte sich erhoben und starrte Mariano an. Es befand sich im Palast der Rodriganda ein Bild aus des Grafen Emanuel Jugendzeit, und diesem Bild glich der junge Mann so genau, daß auch Josefa erschrak.

»Sie irren«, sagte Sternau. »Dieser Herr ist nicht Graf Emanuel de Rodriganda, sondern der Leutnant des Lautreville, nach dem Sie mich gestern fragten.« – »Sie scheinen überhaupt ältere Personen mit jüngeren gern zu verwechseln«, bemerkte der Lord. »Gestern hielten Sie Herrn Sternau für den Herzog von Olsunna und heute den Leutnant für einen Grafen Rodriganda. Das ist merkwürdig!«

Jetzt endlich hatten sich die beiden wieder gefaßt.

»Verzeihung!« sagte Cortejo. »Es liegt hier eine kleine Ähnlichkeit vor, die mich irreführte und nicht daran denken ließ, daß die Jahre vergehen.« – »Und mich hast du förmlich erschreckt!« entschuldige sich Josefa. – »Sie sagen, es liege eine Ähnlichkeit vor zwischen dem Leutnant und dem Grafen Emanuel?« fragte Lindsay. – »Allerdings, Mylord.« – »So gab es wohl auch wirklich eine Ähnlichkeit zwischen Señor Sternau und dem Herzog von Olsunna?« – »Sogar eine frappante.« – »Haben Sie den Herzog gekannt?« – »Sehr genau. Mein Bruder war Haushofmeister bei ihm. Darf ich vielleicht Señor Sternau fragen, wo er geboren ist?« – »In Mainz«, antwortete der Gefragte. – »Wunderbar! Eine solche Ähnlichkeit zwischen Angehörigen ganz verschiedener Nationalitäten! Es ist der reine Zufall. Ihr Vater war gewiß auch Arzt wie Sie?« – »Nein. Er starb als Professor und war früher in Spanien Erzieher gewesen.«

Der Frage warf seiner Tochter einen Blick zu, den nur sie verstand, und dann bewegte sich das Gespräch wieder in einem gewöhnlicheren Gleise.

Während des weiteren Verlaufs ruhten die Augen Josefas fortwährend auf Mariano und Amy. Als das scharfsinnige Mädchen die Herzensverwandtschaft, die zwischen beiden bestand, bemerkte, zog ein nie geahntes Gefühl ihr das Herz zusammen.

Wie oft hatte sie vor dem Bild des Grafen Emanuel gestanden! Sie hatte es als einen Inbegriff männlicher Schönheit zu betrachten gelernt, ihre Phantasie hatte sich mit demselben beschäftigt, sie hatte von diesen Zügen geträumt und es sich als das größte Glück vorgestellt, von einem solchen Mann geliebt zu sein. Und nun saß das Ebenbild dieses Gemäldes ihr gegenüber. Das waren ganz genau dieselben Züge. Josefa hätte aufjauchzen mögen vor Wonne, ihr Traumbild verkörpert zu sehen. Sie fühlte in diesem Augenblick, daß Graf Alfonzo ihr vollständig gleichgültig sei, sie erkannte, daß es eine Liebe gibt, die in einem einzigen Augenblick kommt und siegt. Sie verschlang die Züge Marianos förmlich und konnte sich nur gezwungen von diesem Anblick trennen, als das Frühstück beendet war.

Als sie mit ihrem Vater nach Hause gekommen war, sagte er:

»Weißt du nun, woran du bist?« – »Nun?« fragte sie wie abwesend. – »Dieser Leutnant ist der echte Graf Alfonzo.«

Sie nickte schweigend.

»Sternau hat ihn befreit.« – »Wahrscheinlich.« – »Aber wie und wo? Was ist aus Landola und seinem Schiff geworden?« – »Ich weiß es nicht.«

Cortejo bemerkte in seinem Eifer das eigentümliche Verhalten seiner Tochter gar nicht und fuhr höchst zornig fort:

»Und wie habe ich mich blamiert! Erst gestern abend, und dann heute! So eine zweimalige Verwechslung. Aber die Ähnlichkeit war zu groß. Und, Josefa, weißt du, wer jener Sternau ist?« – »Ein ganz ungewöhnlicher und bedeutender Mensch!« – »Das mag sein, aber ich meine etwas anderes. Erinnerst du dich, was Gasparino vom Herzog von Olsunna schrieb?« – »Meinst du die Liaison mit der Gouvernante?« – »Ja. Nun, diese Gouvernante ging mit einem deutschen Erzieher in ihr Vaterland zurück, und dieser Erzieher – caramba, es fiel mit vorhin wie Schuppen von den Augen – dieser Erzieher hieß Sternau. Ich hörte den Namen von meinem Bruder.«

Josefa sah ihren Vater fragend an und erwiderte:

»Nun, was weiter?« – »Was, weiter?« rief er ganz ereifert. »Was ist's denn mit dir, Mädchen? Hast du denn deine Gedanken verloren, he? Was weiter? Dieser Sternau ist der Sohn, und noch dazu der einzige Sohn des Herzogs von Olsunna!«

Jetzt erst wurde Josefa aufmerksam.

»Du phantasierst wohl?« fragte sie. – »Das fällt mir gar nicht ein. Ich muß noch einen Brief von Gasparino da haben, in dem er auf jenes Abenteuer zurückkommt. Ich werde ihn sogleich suchen.«

Damit eilte Cortejo fort. Josefa aber warf sich in die Hängematte und blickte lange sinnend ins Leere. Ihre Eulenaugen bekamen einen milderen Ausdruck, ihre bleichen Wangen röteten sich, und endlich erhob sie sich wieder und schritt hinauf in das Bibliothekzimmer ihres Vaters, wo das Jugendbild des Grafen Emanuel an der Wand hing. Sie nahm es herab, trat damit an das Fenster und betrachtete es.

»Es gleicht ihm aufs Haar«, sagte sie leise. »Oh, was ist Alfonzo gegen ihn! Was ist der falsche gegen den echten Rodriganda!«

Ohne es zu wissen, drückte sie ihre Lippen auf das Bild.

»Wie erschrak ich, als ich ihn erblickte!« dachte sie laut. »Es gab mir einen Stich durch das Herz, aber dieser Stich tat nicht weh, er brachte keinen Schmerz. Und dann, als er sprach, da drang seine Stimme mir bis in die Tiefe meiner Seele. Was war das? War das etwa die Liebe?«

Und abermals drückte sie ihre Lippen auf das Bild.

»Und er saß neben dieser blonden Amy, und er hatte sie lieb! Ihre Augen suchten und fanden sich in jedem Augenblick. Ihre Hände begegneten einander unter dem Tisch; ich habe es gesehen. Da gab es mir abermals einen Stich durch das Herz; aber dieser Stich tat weh, er brachte mir Schmerz. War das die Eifersucht?«

Josefas Blick senkte sich inniger und inniger auf das Bild.

»Gibt es wirklich eine Liebe, die keine Jahre, keine Monate und Wochen braucht, um zu entstehen? Gibt es eine Liebe, die beim ersten Blick erwacht und dann nimmer wieder vergehen und sterben kann? Ja, es gibt eine solche, es gibt eine, ich fühle es. Und diese Liebe ist bei mir erwacht, für ihn, der dir gleicht, du süßes, süßes Angesicht!«

Sie küßte wieder und immer wieder das Bild, bis eine Stimme sie aus ihrer Verzückung weckte. Ihr Vater war unbemerkt eingetreten und rief verwundert:

»Josefa, Mädchen, was machst du? Was fällt dir ein? Ich glaube gar, du küßt das alte Bild! Willst du es gleich wieder an den Nagel hängen!«

7. Kapitel.

Von diesem Tag an ging eine eigentümliche Veränderung mit Josefa Cortejo vor. Sie war für ihren Vater nur wenig zu sprechen. Aber ihr Mädchen erzählte ihm, daß die Señorita stets am Spiegel stehe, um sich zu schmücken, dann aber immer wieder die Blumen und den Schmuck herabreiße und dabei zornig ausrufe:

»Wie häßlich, wie häßlich! Kein Gold, kein Stein, keine Rose macht das anders!«

Und wenn Cortejo sich nach dem Zimmer seiner Tochter schlich, so hörte er sie sprechen, als ob jemand bei ihr sei; aber er wußte, daß sie allein war. Und legte er dann lauschend das Ohr an die Tür, so hörte er sie sagen:

»Oh, wie lieb, wie so lieb habe ich dich. Komm, küsse, o küsse mich!«

Und wenn er wiederkam und horchte, so vernahm er sie zornig sprechen:

»Unbarmherziger, ich töte dich, ich erwürge dich! Ich hasse dich, denn du hast mir das Herz aus der Brust gerissen!«

Er wußte gar nicht, was er sich dabei denken sollte. Darum erzwang er sich einmal Zutritt zu ihr, um ernstlich mit ihr zu reden. Er fand sie vor dem Spiegel stehen. Sie hatte sich ganz dekolletiert angekleidet und musterte sich, ob sie schön sei. Aber ihre hageren Arme, ihr dürrer Hals, ihr scharfer Nacken traten nur um so häßlicher hervor.

»Was tust du hier?« fuhr er sie zornig an. »Ich glaube gar, du bist von Sinnen!«

Josefa wandte sich schnell um und warf, als sie ihn erblickte, errötend ein Tuch über.

»Was ich tue, ich probiere meine Toilette an«, entschuldigte sie sich. – »Das soll eine Toilette sein? Wo willst du dich so zeigen?« – »Ich war ja noch nicht fertig. Ich will heute zur Fantasia gehen.« – »Ah, endlich ein vernünftiges Wort! Also ausgehen willst du? Und zwar zur Fantasia? Das ist gut. Die ganze Noblesse wird zugegen sein. Der erste Preis besteht in einem kostbaren Reitzeug, das die Gräfin Montala dem Sieger übergeben wird.« – »Die Gräfin Montala? Warum diese? Gibt es keine andere?« – »Sie ist die Schönste. Oder willst du die Preise verteilen?« fragte er.

Josefas Augen glühten zornig, aber sie biß die Zähne zusammen und wandte sich ab.

»Hast du dir überlegt, was ich dir gestern sagte?« fuhr er fort. – »Nein«, entgegnete sie kalt. – »Warum nicht?« – »Ich habe keine Zeit.« – »Keine Zeit!« rief er zornig. »Wann hast du jemals keine Zeit gehabt, dich mit unseren Feinden zu beschäftigen? Vorhin habe ich es erfahren, wann sie abreisen.«

Bei diesen Worten drehte sie sich im Nu zu ihm herum und fragte mit bebender Stimme:

»Wann reisen sie?« – »Übermorgen.«

Es war, als ob ihr blasses Gesicht noch blässer werde, aber sie bezwang sich und erwiderte kalt:

»So mögen sie!« – »Was? So mögen sie? Wir sollen den wirklichen Grafen Rodriganda entkommen lassen?« – »Der falsche bringt uns auch keinen Nutzen.« – »Das sollst du nicht sagen! Ich habe dir ja gestern wieder versprochen, daß er dich heiraten soll. Ich werde an meinen Bruder schreiben.« – »Warte noch.« – »Bis wann?« – »Bis übermorgen.«

Cortejo schüttelte den Kopf. Er verstand sie nicht; sie war ihm ein Rätsel.

»Also gehst du zur Fantasia?« erkundigte er sich. – »Ja.« – »Ich begleite dich.« – »Ich gehe allein.«

Er schüttelte abermals den Kopf und hielt es für das beste, sich zurückzuziehen. Kaum aber war er fort, so riegelte sie die Tür hinter ihm zu, warf das Tuch ab und begann, sich Hals, Busen, Stirn und Nacken mit Puder zu bestreichen und auf die Wangen Rot zu legen. Sie wollte sehen, ob sie auf diese Weise schöner werden könne.

Da klopfte es leise an die Tür.

»Wer ist da?« fragte sie. – »Amaika.«

Sofort sprang Josefa zur Tür und öffnete. Es trat eine alte Indianerin ein. Sie diente im Haus und genoß das Vertrauen der Señorita, deren eigentliches Mädchen für eine Plaudertasche galt. Josefa schloß wieder zu, stellte sich vor den Spiegel und sagte:

»Amaika, sieh mich an! Bin ich schön oder häßlich?«

Die Alte schlug die Hände zusammen und antwortete:

»Häßlich? O Madonna, wie können Sie häßlich sein. Schön, sehr schön sind Sie!« – »Meinst du das wirklich?« – »Ja, bei meiner armen Seele!« beteuerte die heuchlerische Alte. – »So hat der Puder also wirklich geholfen? Soll ich die Wangen noch mehr röten?« – »Nein, Señorita. Sie sehen so recht zart und lieblich aus. Man muß Sie lieben.« – »Man, ja man, aber er nicht.« – »Er?« lächelte die Indianerin. »Er wird Sie umarmen und küssen, wenn Sie so wie jetzt heute abend nach der Fantasia zu ihm treten. Sie sind ja so reizend, daß er gar nicht widerstehen kann.« – »Aber ob er kommen wird?« fragte sie, sich geschmeichelt fühlend. – »Er wird kommen.«

Diese Worte wurden in einem so bestimmten Ton ausgesprochen, daß diese Sicherheit Josefa auffiel. Sie wandte sich daher rasch zu der Indianerin und fragte:

»Weißt du das genau?« – »Sehr genau, Señorita. Ich wache über Ihnen und tue alles, um Sie glücklich zu sehen.« – »Wer sagte das?« – »Dieser Zettel.«

Dabei zog die Alte einen gedruckten Zettel aus der Tasche und reichte ihn Josefa hin.

Die hervorragenden Bewohner Mexikos pflegen von Zeit zu Zeit wilde Kampfspiele zu veranstalten, bei denen oft ganz bedeutende Preise erstritten werden. Sie finden gegen Abend statt, wenn die Sonnenhitze nicht mehr so drückend ist, und dann folgt am Abend noch eine Maskerade, an der sich alles beteiligen kann, was Lust und Freude an dergleichen Dingen findet. Die höchsten Señores beteiligen sich an diesen Kampfspielen, die oft wirklich lebensgefährlich sind, und auch jeder anständige Fremde wird zur Arena gelassen, natürlich mit den Waffen, für die er sich entscheidet.

Ein solches Kampfspiel wird Fantasia genannt, und heute abend sollte eines derselben stattfinden. Der Zettel, den die Alte gebracht hatte, enthielt die Namen derer, die mit kämpfen wollten.

Josefa las diese Namen der Reihe nach leise, zwei aber laut, und zwar folgende:

»Señor Carlos Sternau für Lasso, Büchse, Degen und Dolch. Señor Alfred de Lautreville für Büchse, Degen und Dolch. – Ah, ich wußte es, er ist ein Held!« sagte sie. »Er kämpft nicht nur mit einer Waffe, sondern mit drei, er wird einen Preis gewinnen. Oh, wenn er denselben aus meiner Hand erhalten könnte!«

Die Indianerin machte ein sehr verschmitztes Gesicht.

»Das kann er ja«, sagte sie. – »Inwiefern? Die Gräfin Montala teilt ja die Preise aus.« – »Diese Preise, ja. Aber können Sie ihm nicht auch einen Preis geben?«

Josefa errötete und fragte:

»Welchen?« – »Einen Kuß, eine Umarmung, eine recht innige und zärtliche.« – »Vielleicht. Du wirst mich begleiten und dafür sorgen, daß ich ihn finde.«

Damit war die Alte von Herzen einverstanden, und beide trafen ihre Vorbereitungen für den genußreichen Abend.

Auch im Palazzo des Lords Lindsay traf man Vorbereitungen, denn da Mariano sich wieder erholt hatte, da seine Augen wieder leuchteten, seine Wangen sich gefüllt und frisch gerötet hatten und er ein Pferd mit derselben Sicherheit wie früher tummeln konnte, hatte er sich entschlossen, an der Fantasia teilzunehmen, und Sternau hatte ihm versprochen, das gleiche zu tun.

Sternau war übrigens in den letzten Tagen sehr einsilbig und nachdenklich gewesen, und zwar infolge eines kurzen Gesprächs. Am Abend nach jenem Frühstück, an dem die beiden Cortejos teilgenommen, hatte ihn nämlich der Lord unter vier Augen gefragt:

»Herr Sternau, was sagen Sie zu dem Herzog von Olsunna?« – »Sie meinen zu der Verwechslung?« – »Ja, und zu Ihrer Ähnlichkeit mit ihm?« – »Das ist ein seltenes und interessantes Naturspiel, weiter nichts.« – »Ich finde es auffällig. Ihr Vater war aus Deutschland?« – »Ja.« – »Und Ihre Mutter?« – »Auch sie.« – »Sprachen Sie nicht vorgestern mit Mariano davon, daß Ihre Mutter in Spanien Erzieherin gewesen sei?« – »Das ist sie allerdings gewesen.« – »Nun, mein Freund, ich will das Andenken Ihrer Mutter nicht entheiligen, aber aus Zufall scheinen keine solchen Ähnlichkeiten zu entstehen. Denken Sie nach!«

Und Sternau hatte nachgedacht. Aber dieses Nachdenken war ihm wie eine Sünde gegen die Mutter erschienen; er hatte gegen die aufkeimenden Gedanken gekämpft, war ihrer aber doch nicht völlig Meister geworden, und um sich zu zerstreuen, war er gern bereit, an der Fantasia mit teilzunehmen.

Der Nachmittag rückte heran, und Tausende zogen hinaus auf die Ebene, wo eine Arena für die Kämpfer abgesteckt worden war. An einem bestimmten Ort versammelten sich die Kämpfer und ritten dann hinaus. Als ihr Zug den Platz erreichte, tönte ihnen ein donnernder Zuruf entgegen, und manches Frauenauge leuchtete den Gestalten der Tapferen glühend entgegen, die sich nicht scheuten, ihre Geschicklichkeit im Kampf zu messen.

Auf einem Balkon saßen die Preisrichter, umgeben von einem reichen Flor stolzer, schöner Frauen und Mädchen. Unter diesen befand sich auch Gräfin von Montala, die schönste Witwe des ganzen Landes. Sie war umworben und angebetet von vielen, aber keiner von ihnen konnte Gnade finden vor ihren Augen. An ihrer Seite saß eine Freundin, die aus Morelia herbeigekommen war, die Kampfspiele mit anzusehen.

Soeben nahte der Zug der Streiter, alle ohne Unterschied in die reiche, mexikanische Tracht gekleidet. Da stieß die Freundin die Gräfin an und fragte:

»Dios, wer ist der Ritter, der dort auf dem Rappen soeben durch den Eingang reitet?« – »Hast du ihn noch nicht gesehen?« fragte die Gräfin wieder. – »Nie.« – »Ja, ja, du warst seit drei Wochen nicht in der Hauptstadt.«

Die schöne Gräfin verfolgte den Reiter mit glühenden Blicken und vergaß dabei, der Freundin Antwort zu geben.

»Nun?« erinnerte diese. – »Er ist ein Deutscher«, klang die kurze Antwort.

Die Freundin blickte die Gräfin forschend an, lächelte heimlich und sagte:

»Ein Deutscher! Ist das alles, was du von ihm weißt?« – »Er ist der Gast des englischen Gesandten.« –»Lord Lindsays? – »Ja.« – »So ist er nicht von gewöhnlichem Stand, denn Lindsay ist exklusiv.« – »Im Gegenteil, er ist Arzt« – »Und heißt?« – »Auf der Kampfliste steht Carlos Sternau.«

Wieder lächelte die Freundin.

»Auf der Kampfliste? Du hast den Namen früher nicht gekannt und gehört?« – »Gehört, aber wieder vergessen.« – »Wohl dir!« – »Warum?« – »Ich glaubte, wer diesen Mann einmal gesehen hat, der könne ihn nie vergessen. Dir ist dies wenigstens mit dem Namen gelungen. Sieh diese Gestalt!« – »Zu massiv, viel zu massiv.«

Die Freundin lächelte zum dritten Mal heimlich.

»Das ist Sache des Geschmacks«, sagte sie. – »Ich traue seiner starken Figur keine Gewandtheit zu. Und ein Deutscher, wie kann er sich in Lasso und Dolch mit einem Mexikaner messen! Die Deutschen sind zu zahm. In Büchse und Degen mögen sie einige Übung haben.« – »Du tadelst ihn, folglich ist er dir gefährlich!« – »Pah!« entgegnete die Gräfin stolz. Dabei folgte ihr Auge aber unverwandt der stattlichen Gestalt Sternaus. – »Und wer ist der Señor an seiner Seite?« fragte die Freundin. – »Ein Freund des Deutschen und ebenso Gast des englischen Gesandten. Er ist Offizier und nennt sich Alfred de Lautreville.« – »Du scheinst diese Fremden genau zu kennen?« – »Was willst du? Die ganze hiesige Damenwelt ist vernarrt in sie.« – »Natürlich außer dir!« – »Ich bestreite das nicht. Man ist gefeit gegen das, was andere Liebe nennen. Ich danke!«

Nachdem jeder der Kämpfer seinen Platz eingenommen hatte, begann das Spiel. Zunächst wurde mit dem Degen gekämpft, immer zwei gegen zwei, und dann kämpften die Sieger gegeneinander. Sternaus Klinge konnte keiner widerstehen, und Marianos Gewandtheit war jedem gewachsen. So kam es, daß beide um den Preis kämpfen sollten, Sternau aber wehrte ab und trat freiwillig zurück.

»Siehst du«, sagte die Gräfin zu ihrer Freundin, »seine rohe Kraft fürchtet sich vor der Gewandtheit des Freundes. Er wird keinen Preis erlangen.«

Nun kam der Dolch an die Reihe. In dieser Waffe besitzt der Mexikaner eine ganz bedeutende Übung. Hier konnte es ohne Wunden gar nicht abgehen. Viele bluteten, andere traten zurück. Nur einer war nicht einmal geritzt worden, nämlich Sternau. Er blieb Sieger.

»Nun, fehlt es ihm noch immer an Gewandtheit?« fragte die Freundin. – »Zufall!« – »Wenn einer mit zwanzig kämpft und Sieger bleibt, nennst du dies Zufall?«

Die Gräfin schwieg, denn jetzt wurden die Pferde bestiegen, um die Lassos schwingen zu können. Es ritten je zwei auf den Schauplatz, von denen der eine den anderen vom Pferd zu reißen suchte. Die Besiegten ritten dann zurück, und nur die Sieger hielten sich bereit, um miteinander zu kämpfen.

Der Freundin schien es Spaß zu machen, die Gräfin zu necken.

»Glaubst du, daß der Deutsche einen Lasso führen kann?« fragte sie. – »Nein.« – »Dann wäre es unklug von ihm, sich mit den anderen messen zu wollen.« – »Der Preis, den er jetzt errungen hat, macht ihn trunken und unvorsichtig.« – »Hm, so war er bereits trunken und unvorsichtig, ehe er diesen Preis erhielt, denn er war ja schon damals entschlossen, mit dem Lasso zu kämpfen.«

Die Entscheidung ließ dieses Mal lange auf sich warten, und als sie endlich gefallen war, hatte sich wieder Sternau den Preis errungen. Er hatte nicht ein einziges Mal im Sattel gewankt, es hatte ihn kein einziger Lasso fassen können, er aber hatte alle Gegner vom Pferd gerissen.

Der vierte Gang mit den Büchsen begann. Es wurden Scheiben aufgestellt. Auch hier besiegte Sternau alle anderen. Als er den Entscheidungsschuß getan hatte, zog ein großer, weißköpfiger Geier hoch droben durch die Luft. Sternau deutete stumm nach dem Vogel empor und lud seine Büchse.

Ein dumpfes Murmeln ließ sich hören. Kein Mensch glaubte, daß eine Kugel den Vogel erreichen könne, aber schon krachte Sternaus Schuß, und der Geier fiel in einer engen Spirallinie zur Erde herab. Ein lauter, tausendstimmiger Jubelruf belohnte den Meisterschuß.

Nun nahten sich die Sieger der Tribüne. Was keiner vorher gedacht hatte, es waren nur zwei, und zwar zwei Fremde. Die mexikanische Tracht saß ihnen ebensogut wie den Einheimischen, und als sie jetzt die Preise in Empfang nahmen, verbeugten sie sich mit solchem ritterlichen Anstand, als ob sie gewohnt seien, sich alle Tage aus schönen Händen einen Preis zu erringen.

Jetzt war das Kampfspiel vorüber, und der Maskenscherz begann. Die Sitte verbot nur den beim Kampf beteiligt Gewesenen das Tragen einer Verkleidung. Sternau und Mariano hatten ihre Pferde und Preise einem Diener des Lords übergeben und schlenderten auf dem Lustplatz umher, wurden aber später getrennt.

Zwei der Kämpfer standen nebeneinander und besprachen den Erfolg des heutigen Spiels. Sie waren voller Wut, daß die beiden Fremden die Ehre des Tages hinweggenommen hatten.

»Was meinst du, Gonzalvo«, sagte der eine, »ist es überhaupt richtig, daß man Fremde zuläßt?« – »Nein, zumal solche Elefanten, denen kein Mensch widerstehen kann. Wenn es mir einfällt, versetze ich diesem Señor Sternau einen kleinen Stich in den Rücken, an dem er genug haben soll.« – Ich bin dabei, aber woher nehmen wir das Geld, um uns die Absolution für eine solche Tat bei den frommen Patres zu erkaufen?« – »Das ist's, was auch mir Bedenken macht, sonst säße ihm mein Dolch bereits im Leib. Es ist nichts Kleines, mit dem Mord auf dem Gewissen dereinst in jene andere Welt zu gehen.«

In ihrer Nähe hatte eine andere Maske gestanden, der diese halblaut geführte Unterhaltung nicht entgangen war. Jetzt trat sie näher und fragte:

»Wieviel wird die Absolution bei den frommen Patres kosten, Señores?« – »Was geht das Euch an?« fuhr ihn Gonzalvo an. – »Vielleicht sehr viel.« – »Warum?« – »Weil ich Euch die Summe schenken will.« – »Alle Teufel. Ist das wahr?« – »Ja«, nickte die Maske. – »Wer seid Dir denn?« fragte Gonzalvo. – »Das tut nichts zur Sache. Ich ärgere mich gerade so wie Ihr, daß dieser Mensch uns Mexikanern den Preis fortnimmt. Stecht den Frechen nieder; die Absolution bezahle ich.« – »Das wird aber ein hübsches Sümmchen sein, Freund!« – »Wieviel?« – »Fünfzig Pesos für uns beide.« – »Ich gebe Euch hundert, wenn dieser Sternau in einer Stunde fertig mit dem Leben ist.« – »Wann gebt Ihr sie?« – »Sofort nach der Tat.« – »Und wo?« – »Wo es Euch paßt und gefällt.« – »Das klingt ganz gut. Aber wenn das Werk vollbracht ist, und Ihr wollt nicht zahlen, dann können wir nichts tun!« – »So stecht Ihr mich nieder!« – »Kennen wir Euch? Nehmt für einen Augenblick die Larve ab!«

Die Maske tat, wie ihr geheißen wurde, und die Männer blickten ihr in das Gesicht.

»Ah«, sagte Gonzalvo, »ich kenne Euch, Señor Cortejo; Ihr betrügt uns nicht. Wir werden unser Werk tun und uns den Lohn morgen holen.«

Die beiden Männer gingen Arm in Arm weiter und ließen Cortejo stehen.

Es klingt unglaublich, daß ein solcher Handel so schnell abgeschlossen werden konnte, aber wer in Mexiko gelebt hat, der weiß, daß dies gar keine Seltenheit ist.

8. Kapitel.

Mariano hatte, als er Sternau verlor, sich wacker in das Menschengewühl gestürzt. Er freute sich seiner wiedererlangten Körperfrische und wandte sich infolgedessen immer nur solchen Gegenden zu, wo es Mühe kostete, sich durch die Menge hindurchzuarbeiten. Da wurde plötzlich seine Hand erfaßt, und er sah an seiner Seite eine weibliche Maske, die ihn mit sich zog. Das schien ein Abenteuer zu bedeuten, und so folgte er ihr.

Als sie das Gedränge hinter sich hatten, führte sie ihn zu dem eingefallenen Gemäuer einer Wasserleitung.

»Setzt Euch, Señor«, sagte sie, »ich habe mit Euch zu reden.«

Er folgte aus Höflichkeit diesem Befehl und lehnte sich mit dem Rücken bequem an einen emporragenden Mauerteil.

»So, Señorita«, sagte er. »Ich bin Euch gehorsam, nun seid auch gefällig und sagt mir, was Ihr von mir begehrt.« – »Ich will Euch eine Frage vorlegen«, antwortete sie. – »So sprecht!« – »Darf ich mich zuvor neben Euch setzen?« – »Ja.«

Sie setzte sich an seiner Seite nieder und machte dabei einiges Geräusch, infolgedessen die beiden ein anderes Geräusch auf der anderen Seite der Mauer nicht vernahmen.

Lord Lindsay war nämlich auch auf den Gedanken gekommen, sich zu maskieren. Er hatte Mariano bemerkt und ihn ein wenig necken wollen. Noch aber hatte er ihn nicht ganz erreicht, als sich die weibliche Maske des jungen Mannes bemächtigte. Das gab eine willkommene Gelegenheit, sich über den Charakter Marianos aufzuklären. Ging er ohne weiteres auf ein Liebesabenteuer ein, so war er Amy nicht wert. Darum folgte Lindsay ihm nach und versteckte sich, als er sah, wo die beiden sich niedersetzten, an der anderen Seite der Mauer, wo er jedes Wort vernehmen konnte.

»Nun, so beginnt, Señorita«, hörte er jetzt Mariano sagen. – »Schwört mir zuvor, daß Ihr mir unter keiner Bedingung die Larve abnehmen wollt, Señor.« – »Seid Ihr so häßlich, daß man Euch nicht ansehen darf?« – »Das ist es nicht Ich will nicht erkannt sein, außer ich erlaube es Euch.« – »Nun wohl, ich gebe Euch mein Wort.« – »Nicht Euer Wort, sondern Euren Schwur!« – »Gut, also meinen Schwur. Nun aber dürft Ihr auch beginnen.« – »Sagt einmal, habt Ihr eine Braut, Señor?« – »Nein.« – »Oder eine Geliebte?« – »Ist Euch das so notwendig zu wissen?« – »Ja. Was ich Euch sagen will, ist von der allergrößten Wichtigkeit für Euch.« – »Das klingt sehr bestimmt. Na, ich kann ja ohnedies aufrichtig sein. Ja, ich habe eine Geliebte.« – »Und Ihr seid ihr von ganzem Herzen gut?« – »Ich mag ohne sie gar nicht leben.«

Ein langer, tiefer Seufzer quoll da unter der Larve hervor, dann fragte die Maskierte weiter:

»Ihr würdet unter keiner Bedingung von ihr lassen?« – »Unter keiner.« – »Aber sie ist ja nur Eure Verlobte, Braut oder Frau noch nicht.« – »Das ist egal. Ich habe ihr in meinem Herzen Treue geschworen, und diesen Schwur werde ich halten.« – »Ihr würdet sie auch nicht verlassen um eines großen Vorteils willen?« – »Fällt mir nicht ein.« – »Und wenn es sich nun um Glück und Leben handelt?« – »Mein Glück gehört ihr und mein Leben Gott, ich halte meinen Schwur.«

Da schwieg die Maske, und wieder ließ sich der vorige lange, tiefe Seufzer hören. Dann sagte sie in einem energischeren Ton:

»Ich will glauben, daß Ihr jetzt so denkt, später aber wird es anders. Ich habe mir vorgenommen, aufrichtig zu sein, und so will ich Euch sagen, daß ich Euch liebe.« – »Alle Wetter«, entgegnete er überrascht, »so soll ich meine Geliebte Euretwegen verlassen?« – »Ja.« – »Das geht nicht.« – »Warum nicht?« – »Weil ich sie liebe und nicht Euch.« – »Ihr kennt mich nicht, vielleicht bin ich schöner als sie.« – »Möglich, aber nicht wahrscheinlich.« – »Und reicher.« – »Ist gleichgültig.« – »Von edlerer Geburt und besserem Charakter.« – »Das ist unmöglich.« – »Ihr würdet mich sicher lieben.« – »Ich würde Euch hassen und mich verachten, daß ich meinen Schwur gebrochen habe.«

Sie schien eine ganze Weile nachzusinnen, dann bat sie mit sanfter Stimme:

»Gebt mir einmal Eure Hand.« – »Hier.«

Sie ergriff seine Hand und schob sie unter den Mantel.

»Greift an mein Herz, Señor«, bat sie, »Und fühlt, wie es für Euch schlägt!« – »Caramba, was fällt Euch ein!« rief er da. »Euren Mantel will ich wohl angreifen, aber nichts weiter. Sprecht um Gottes willen nicht davon, daß Ihr ein braves, ehrliches Mädchen seid.«

Nun zuckte sie zusammen und antwortete in halb zornigem Ton:

»Ich bin es! Was ich tue, das tue ich nur, weil ich Euch glühend liebe.« – »So tut Ihr mir leid, denn ich kann Euch wahrlich nicht helfen.« – »So werde auch ich Euch nicht helfen.«

Sie sprach das in einem Ton, der seine Aufmerksamkeit erregte.

»Ich wüßte auch nicht, in welcher Angelegenheit Ihr mir helfen wolltet«, sagte er. – »Oh, in einer höchst wichtigen«, versetzte sie. – »Ah! Darf ich es wissen?« – »Ja. Ihr nennt Euch Alfred de Lautreville, aber Ihr seid es nicht.«

Er stutzte und fragte:

»Wer bin ich denn?« – »Euer richtiger Name würde Alfonzo de Rodriganda sein.«

Da faßte er sie schnell beim Arm, bog sich zu ihr herab und sagte:

»Weib, was sprichst du da? Woher weißt du das? Wer bist du?«

Sie ließ sich den scharfen Druck seiner Hand gefallen, ohne ein Wort des Schmerzes auszustoßen, denn dieser Schmerz war ihr eine Wonne, aber sie antwortete:

»Das fragt Ihr mich vergebens.« – »Du mußt es sagen.« – »Ich muß? Wer will mich zwingen?« – »Ich.« – »Womit?« – »Ich werde erfahren, wer du bist.« – »Ihr habt geschworen, mir die Maske zu lassen, und wie Ihr der Geliebten den Schwur haltet, werdet Ihr Euer Wort auch mir halten.«

Jetzt ließ er ihren Arm los und sagte:

»Ihr habt recht, ich halte mein Wort. Also Ihr wißt, wer ich eigentlich sein sollte?« – »Ja, und niemand weiß es besser als ich. Ich weiß es besser als Euer Kapitän, als Euer Sternau, als Euer Kapitän Landola, ich weiß es besser als alle, alle, alle.« – »Und du willst es mir nicht sagen?« – »Nein. Nur dem Geliebten würde ich es sagen. Verlasse dein Mädchen.« – »Nie!« – »Ist dir diese Amy wirklich lieber als eine Grafschaft?« fragte sie zornig. – »Tausendmal lieber. Aber woher kennst du den Namen Amy?« – »Das geht dich nichts an. Überlege dir, was du tust! Ich gebe dir eine Bedenkzeit von zehn Minuten. Es handelt sich nicht nur um dich, sondern auch noch um andere. Vielleicht lebt dein Vater noch und ebenso dein Oheim Ferdinando.«

Mariano fuhr empor.

»Weib, bist du allwissend?« rief er erschreckt. – »In deiner Angelegenheit bin ich es. Ich habe alle Macht in meiner Hand. Es kostet mich nur ein einziges Wort, dich zu erhöhen oder zu verderben. Ich liebe dich, ich will dich besitzen, und darum biete ich dir alles für deine Liebe.« – »Du bietest mir dies alles umsonst mein Herz ist nicht mein Eigentum, ich kann es nicht verschenken.« – »So verkaufe es.« – »Was ich nicht verschenken darf, darf ich auch nicht verkaufen.«

Sie hatte bis jetzt verhältnismäßig ruhig gesprochen, jetzt aber, als sie sah, daß all ihr Bitten und Drohen erfolglos sei, erhob sie sich und sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Ich habe dir die Wahl gelassen zwischen Liebe und Haß, Glück und Unglück, Himmel und Hölle. Wenn du mich annimmst, bist du innerhalb einer Woche hier als Graf Alfonzo anerkannt. Verstößt du mich, so soll deine Seele schreien und brüllen vor Schmerz. Die Bedenkzeit ist abgelaufen, jetzt wähle!«

Auch er erhob sich.

»Ich bleibe meinem Wort treu«, sagte er ruhig und bestimmt. – »Ist dies dein letztes Wort?« – »Mein letztes.«

Jetzt zitterte sie vor Eifersucht, Grimm und Rachgier und sagte: »So bist du verloren, du und deine Amy.« Und dennoch fügte sie hinzu. »Entscheide dich noch einmal, entscheide dich anders.« – »Ich kann nicht anders.« – »So sei verflucht, verliebter Tor! Du sollst und wirst mich kennenlernen.« – »Ich kenne dich bereits, ich brauche dir die Larve nicht vom Gesicht zu reißen. Was du weißt, kann nur eine wissen, und was du sprichst das kann nur eine sprechen. Du bist Josefa Cortejo, die Tochter des Mörders und Betrügers.«

Die Maske hatte bereits im Begriff gestanden zu gehen, jetzt aber drehte sie sich schnell um und sagte:

»Ihr irrt, Señor. Ich habe mit dieser Josefa Cortejo nichts gemein.« – »O doch! Du hast alles mit ihr gemein, alles, selbst die Schönheit, mit der du mich anführen wolltest. Packe dich fort von hier!«

Das war der schlimmste Schlag für sie. Sie blieb einen Augenblick stehen.

»Wurm!« knirschte sie. »Zittre! Wenn du nur wüßtest, wer ich bin, so würdest zu erkennen, daß du in meine Hand gegeben bist.« – »Pah!« lachte er. »Sei froh, daß ich dir mein Wort gegeben habe, sonst würde ich dir die Larve vom Gesicht reißen!«

Da ertönte neben ihm eine Stimme:

»Ich werde es tun, denn ich habe ihr mein Wort nicht gegeben.«

Im nächsten Augenblick kam eine Maskengestalt hinter der Mauer hervor und schoß auf das Mädchen zu. Josefa erkannte, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie griff unter den Mantel und zog einen Dolch hervor. Die Klinge desselben fuhr in die Hand, die nach ihr greifen wollte, und während der Lord einen Laut des Schmerzes ausstieß und die Hand schnell an sich zog, huschte das Mädchen fort und verschwand einige Augenblicke später unter der Menge der anderen Masken.

»Alle Teufel, sie hatte einen Dolch«, sagte Lindsay, sein Taschentuch ziehend, um damit das Blut zu stillen. – »Wer seid Ihr, Señor?« fragte Mariano ihn. –»Ein Freund von Euch.«

Die Stimme klang hinter der Larve so dumpf, daß Mariano sie nicht erkannte.

»Und Ihr habt unser Gespräch belauscht?« – »Von Anfang bis zu Ende.« – »Ohne Euch zu entfernen?« – »Ohne davonzulaufen. Ich kam ja zu dem Zweck her, Euch zu belauschen.« – »So seid Ihr ein Schuft.« – »Meinetwegen.« – »Und verdient eine derbe Züchtigung.« – »Ganz richtig.« – »Ich verlange, daß Ihr die Larve abnehmt.« – »Warum?« – »Weil ich sehen will, wer der Schurke ist, der sich herumschleicht, um die Geheimnisse anderer zu belauschen.« – »Das könnt Ihr leicht haben.«

Der Lord nahm die Larve ab und hielt Mariano sein Gesicht entgegen. Mariano erkannte ihn trotz der Dunkelheit, er erschrak auf das heftigste.

»Mylord«, rief er, »Sie sind es! Verzeihung.« – »Pah, ich bin es, dem verziehen werden muß«, entgegnete Lindsay. »Verzeihen Sie mir, daß ich Sie belauscht habe?« – »Gern, Mylord. Jeden anderen aber hätte ich gezüchtigt.« – »Das glaube ich Ihnen, Sie sind ein verteufelter Kerl! Sie steckten da in einer gewaltigen Klemme, dieses Frauenzimmer hat Ihnen die Hölle heiß gemacht. Glauben Sie wirklich, daß es die Tochter des Cortejo ist?« – »Sie war es ganz sicher.« – »Auch ich bin überzeugt davon. Leider habe ich sie nicht gefangen, und nun können wir ihr nichts nachweisen, trotz des Geständnisses, das sie Ihnen gemacht hat. Binden Sie mir doch einmal das Tuch um die Hand, ich habe eine Schmarre davongetragen.«

Mariano verband die Wunde, dann nahm der Lord die Larve wieder vor, steckte seinen Arm in den des jungen Mannes und zog diesen mit sich fort.

Mariano folgte ihm mit einem Gefühl des Glücks. Lindsay hatte alles gehört; er wußte nun genau, wie lieb er Amy hatte, und dieser Gedanke gab Mariano die Hoffnung, daß den Wünschen seines Herzens von jetzt an wenigstens keine unüberwindlichen Schwierigkeiten entgegenstehen würden.

*

Sternau hatte sich, als er Mariano verlor, nach der anderen Seite gewandt. Er ging von Gruppe zu Gruppe und bemerkte nicht, daß ihm zwei Männer nachfolgten. Endlich war er des Lärmens müde und wandte sich dem Freien entgegen. Dort war es still. Er spazierte weiter, in Gedanken versunken.

Er dachte an die Heimat, an das Weib seines Herzens, an den alten Oberförster, an Mutter und Schwester und merkte immer noch nicht, daß ihm zwei Gestalten nachschlichen. Endlich wollte er umkehren, warf sich aber im nächsten Augenblick, nachdem er sich umgedreht hatte, zu Boden.

Die beiden Männer hatten nämlich nicht bedacht, daß er sie beim Umdrehen sofort erblicken müsse, da hinter ihnen der hellerleuchtete Festplatz lag und ihre Gestalten sich in der Helle desselben abzeichneten.

Also Sternau hatte sie sofort bemerkt, und da es klar war, daß sie ihm in einer bösen Absicht folgten, so verschwand er ihnen mit jener Schnelligkeit und Geistesgegenwart, die den Mann der Prärie auszeichnen, kroch am Boden zur Seite hin und ließ sie herankommen. Sie blieben in seiner Nähe stehen und suchten das nächtliche Dunkel mit ihren Augen zu durchdringen.

»Ich sehe ihn nicht mehr«, sagte der eine. »Und du?« – »Ich auch nicht.« – »Er muß sich gesetzt haben.« – »Oder er hat die Richtung verändert!« – »Das wäre verdammt! Kehrt er zum Platz zurück, so wird es uns schwerer, hier hätten wir so leichte Arbeit gehabt« – »Die hundert Pesos wären bald verdient. Wir müssen uns teilen, und wer ihn trifft, führt den Stoß!« – »Gut. So gehe du mehr rechts und ich mehr links!«

Sternau überlegte, was er tun solle. Er hielt es für das klügste, sie laufenzulassen. Schlug er sie nieder und zeigte sie an, so konnte er es ihnen ja nicht beweisen, daß sie es auf ihn abgesehen gehabt hatten. So wartete er also, bis sie sich weit genug entfernt hatten, und kehrte dann nach dem Platz zurück, wo er bald Mariano und den Lord traf.

Als er ihnen sein Abenteuer erzählte, vermuteten die beiden sofort, daß der Anschlag von Cortejo ausgehe, und hielten es für das beste, nach Hause aufzubrechen, was auch sofort geschah. Im Palazzo angekommen, wurden sie von Amy empfangen, die zwar während des Kampfes auf dem Festplatz gewesen, dann aber sofort zurückgekehrt war.

»Da kommen die Sieger«, meinte sie freudig, die drei Männer in den Salon führend, »es ist unsere Pflicht, auf sie stolz zu sein.« – »Vor allen Dingen auf den dreifachen Sieger«, sagte Mariano, auf Sternau deutend. – »Und auch auf den anderen«, fügte der Lord hinzu. »Unser Freund hat nach dem Kampfspiel noch einen Sieg errungen, der größer war als der vorige. Darum soll er auch seinen Preis erhalten.«

Er nahm darauf Amys Hand und legte sie in Marianos Rechte.

»Ihr habt euch lieb, Kinder, und ihr seid einander wert. Werdet glücklich, so wie ich es euch wünsche!«

Das war eine Überraschung, an die niemand gedacht hatte, und ein Preis, wie er nach einem Kampfspiel noch niemals ausgezahlt worden war. Die beiden Liebenden lagen sich in den Armen und waren überglücklich. Der Abend wurde zu einem Freuden- und Wonneabend, ganz anders wie bei Cortejo, der nach Hause gegangen war, um, falls Sternau getötet wurde, nachzuweisen, daß er nicht in der Nähe gewesen sei.

Nach einiger Zeit kehrte auch Josefa zurück. Ihr Angesicht glühte, und ihre Augen blitzten. Sie warf den Maskenanzug von sich und trat vor ihren Vater.

»Vater, dieser Sternau reist übermorgen nach der Hazienda?« fragte sie. – »Ja.« – »Allein?« – »Nein, sondern die beiden anderen mit ihm.« – »Wirst du sie entkommen lassen?«

Cortejo blickte die Tochter verwundert an und antwortete mit verhaltener Ironie:

»Du scheinst dich seit heute vormittag sehr geändert zu haben.« – »Nicht im geringsten, aber ich bin zu einem Entschluß gekommen.« – »Und dieser lautet?« – »Wir lassen diesen Menschen keine Minute Frist.« – »Das ist meine Ansicht auch. Der eine von ihnen ist wohl bereits jetzt schon tot.« – »Welcher?« – »Sternau.« – »Ah, ich dachte der andere.« – »Nein. Ich schickte ihm ein paar Hidalgos auf den Hals, die ich kenne. Für hundert Pesos laufen sie in die Hölle.« – »Gut, so ist der eine abgetan. Aber der andere?« – »Warte bis morgen, dann wird sich darüber sprechen lassen!«

Vater und Tochter saßen noch beisammen, als zwei Männer Einlaß begehrten. Sie wurden eingelassen. Es waren die beiden Hidalgos. Als sie Josefa erblickten, wollten sie sich zurückziehen, aber Cortejo gab das nicht zu.

»Tretet nur ein, Señores«, sagte er. »Meine Tochter darf hören, was Ihr mir zu sagen habt. Ich hoffe, daß Euer Werk Euch gelungen ist?« – »Leider nicht«, lautete die Antwort.

Cortejo blickte sie streng an, ihm schien dieser Fall unglaublich.

»Warum nicht?« fragte er. – »Wir verloren ihn aus den Augen. Er ging in die Nacht hinaus, ganz einsam und allein. Wir folgten ihm und verloren ihn dann aus den Augen, und erst, als wir nach dem Platz zurückkehrten, sahen wir ihn wieder, als er mit Lord Lindsay die Pferde bestieg.«

»Ihr seid Toren und feige Mietlinge, ich mag nichts von Euch wissen.« – »Wir werden es nachholen«, entgegnete der eine. – »Ich brauche Euch nicht, Ihr könnt gehen. Für Eure unnütz verschwendete Mühe sollt Ihr jedoch ein kleines Geschenk haben. Hier habt Ihr zehn Pesos, teilt Euch darein und trollt Euch von dannen.«

Die Hidalgos waren froh, so viel erhalten zu haben und gingen. Josefa begab sich zur Ruhe, aber sie konnte nicht schlafen. Sie brütete Rache wegen ihrer verschmähten Liebe, kam aber zu keinem Entschluß, der der Stärke ihres Grimmes entsprochen hätte. Auch Cortejo schlief nicht. Er sann und grübelte einige Stunden lang und schien endlich zu einem Entschluß gekommen zu sein, denn er ging nach dem Stall und ließ satteln. Gegen Morgen verließ er die Stadt in nördlicher Richtung, und als Josefa am Vormittag nach ihrem Vater fragte, erfuhr sie, daß er auf einige Zeit verreist sei.

9. Kapitel.

»Es lag auf meinem Geist ein Alp,
Nicht zentner-, sondern bergesschwer.
Der Wahnsinn legte dicht und falb
Um mich sein ödes Nebelmeer.

Ich bebte, dennoch war ich tot;
Es schlug mein Herz, doch fühlt' es nichts;
Und mitten in des Morgens Rot
Stand ich, beraubt des Tageslichts.

Und nun ich endlich aufgewacht,
Da hör' ich in mir fort und fort
Von früh bis spät, bei Tag und Nacht
Nur der Vergeltung blutig Wort.«

Nicht einen Tag, sondern zwei Tage später hielten drei tüchtige, kraftvolle Pferde vor dem Palazzo des Lords, während drin in der Wohnung selbst Abschied genommen wurde.

»Also wie lange gedenken Sie auszubleiben, Doktor?« fragte Lindsay. – »Wer kann dies unter den gegenwärtigen Umständen bestimmen?« lautete die Antwort. »Wir kommen so bald wie möglich zurück.« – »Das hoffe ich. Schont die Pferde nicht, es laufen ihrer tausende auf der Weide herum. Haben Sie noch einen Wunsch?« – »Ja, Mylord. Man weiß nicht, was einem in diesem Land begegnen kann. Nehmen Sie sich, wenn sich meine Rückkunft verzögern sollte, meiner Jacht und ihrer Bemannung an.« – »Das werde ich tun, obgleich ich nicht befürchte, daß ich Veranlassung dazu haben werde. Leben Sie wohl!«

Sternau und Helmers saßen bereits zu Pferd, als Mariano noch immer oben an der Treppe stand und sich von Amy gar nicht trennen konnte. Endlich kam er, und nun ging es fort, zur Stadt hinaus, auf ganz demselben Weg, den zwei Tage vorher Cortejo eingeschlagen hatte.

Sternau hatte vorgezogen, ohne Diener und Führer zu reisen. Er hatte eine Karte von Mexiko bei sich, die war ihr Führer, und obgleich keiner von den dreien diesen Weg bereits einmal zurückgelegt hatte, verirrten sie sich doch nicht ein einziges Mal.

Es mochte noch eine kleine Tagereise von der Hazienda sein, als sie über eine mit einzelnen Gebüschinseln bestandene Ebene ritten. Sternau war der Erfahrenere von den dreien; es entging ihm kein gebrochener Halm, kein abgeknickter Zweig, kein von seinem Platz gestoßenes Steinchen. Da sagte er plötzlich, während sie lautlos dahinritten, zu seinen beiden Gefährten:

»Wendet den Kopf jetzt weder nach rechts noch links, aber schielt einmal nach dem dichten Seifenbaumstrauch dort rechts am Wasser.« – »Was gibt's?« fragte Mariano. – »Dort liegt ein Mensch auf der Lauer, und sein Pferd ist hinter ihm angebunden.« – »Ich sehe nichts.«

Auch Helmers versicherte dasselbe.

»Das glaube ich. Es gehört Übung und Erfahrung dazu, in diesem Dickicht bereits von weitem einen Mann und ein Pferd zu unterscheiden. Sobald ich meine Büchse empornehme, tut ihr es auch, schießt aber nicht eher, als bis ich selbst schieße.«

Sie ritten nun weiter, bis sie sich parallel mit dem Buschwerk befanden, da aber hielt Sternau plötzlich sein Pferd an, riß die Flinte vom Rücken und legte auf das Gebüsch an. Auch die beiden anderen folgten seinem Beispiel.

»Holla, Señor, was sucht Ihr da drin an der Erde?« rief er hinüber.

Ein kurzes, rauhes Lachen erscholl, und dann hörte man die Worte:

»Was geht das Euch an?« – »Sehr viel«, antwortete Sternau. »Kommt doch einmal hervor, wenn Ihr so gut sein wollt!« – »Ist das Euer Ernst?« lachte es zurück. – »Ja doch!« – »Na, so will ich Euch den Gefallen tun.«

Die Büsche teilten sich, und es trat ein Mann hervor, der in starkes Büffelfell gekleidet war. Sein Gesicht trug die Spuren indianischer Abstammung, aber seine Kleidung hatte den Schnitt, wie ihn die Ciboleros – Büffeljäger – lieben. Bewaffnet war er mit einer Büchse und einem Messer. Der Mann sah ganz so aus, als ob er sich in seinem Leben noch niemals gefürchtet habe. Sobald er das Gebüsch verlassen hatte, folgte ihm sein Pferd von selbst

Er überflog die Gruppe der drei Männer mit bohrenden Augen und sagte:

»Hm, das war nicht übel gemacht, Señores! Man möchte fast denken, daß Ihr bereits in der Prärie gewesen wäret«

Sternau verstand ihn sofort, aber Mariano fragte:

»Warum?« – »Weil Ihr so tatet, als ob Dir mich nicht bemerkt hättet, und dann doch plötzlich Eure Gewehre auf mich anlegtet.« – »Es kam uns natürlich verdächtig vor, einen Menschen hier versteckt zu sehen«, sagte Sternau. »Was tatet Ihr in dem Busch?« – »Ich wartete.« – Auf wen?« – »Ich weiß nicht. Vielleicht auf Euch!«

Sternau zog die Brauen etwas zusammen und warnte:

»Macht keinen dummen Witz, sondern erklärt Euch deutlicher.« – »Das kann ich tun. Sagt mir aber vorher, wohin Ihr wollt?« – »Nach der Hacienda del Erina.« – »Gut, so seid Ihr auch diejenigen, auf die ich warte.« – »Das klingt ja gerade so, als hätte man unsere Ankunft gewußt und Euch uns entgegengeschickt!« – »So ähnlich ist es! Ich jagte gestern da oben in den Bergen einen Büffel und fand auf dem Rückweg verdächtige Spuren. Ich ging ihnen nach und belauschte da einen Trupp Weiße, die beisammen lagen und sich laut erzählten. Da hörte ich, daß sie einige Reiter abfangen wollten, die nach der Hazienda von Mexiko aus unterwegs sind. Ich brach natürlich sofort auf, um diese Leute zu warnen. Seid Ihr die rechten, so ist es gut, seid Ihr aber die rechten nicht, so bleibe ich hier liegen, bis sie kommen.«

Da reichte ihm Sternau die Hand und sagte:

»Ihr seid ein braver Kerl, ich danke Euch! Wie die Sache liegt, werden wir wohl die rechten sein. Wie viele Männer waren es?« – »Zwölf.« – »Hm, das sind ihrer gerade so viele, als ich auf mich selbst nehme. Fast habe ich Lust, ein Wörtchen mit ihnen zu reden.«

Der Büffelhautmann blickte Sternau von der Seite an und sagte:

»Ihr nehmt zwölf auf Euch, Señor?« – »Ja, unter Umständen noch mehr«, antwortete Sternau ernsthaft. – »Da sind wohl elf zu viel, he?« – »Ganz wie Ihr denkt. Wenn es auf mich ankäme, so würde ich mir diese Leute einmal betrachten. Aber es ist doch wohl nicht geraten, sich unnötig in Gefahr zu begeben.« – »Ich denke das auch«, nickte der Fremde ironisch. – »Wohin geht nun Euer Weg?« fragte Sternau. – »Zur Hazienda. Soll ich Euch führen?« – »Wenn es Euch Vergnügen macht, ja.« – »So kommt.«

Der Fremde bestieg sein Pferd und setzte sich damit an die Spitze der kleinen Truppe. Er hing ganz nach Indianerart vornüber auf dem Pferd, um jede Spur sogleich bemerken zu können, und Sternau sah es seinem ganzen Habitus an, daß es ein Mann sei, auf den man sich verlassen könne.

Gegen Abend, als man ein Nachtlager brauchte, zeigte sich der Mann im Auffinden einer passenden Stelle und in Vorsichtsmaßregeln so erfahren und gewandt, daß Sternau erkannte, es mit keinem gewöhnlichen Menschen zu tun zu haben. Er nahm von den Speisen der drei, er rauchte auch eine Zigarette, aber als man ihm einen Schluck Rum anbot, wies er diesen zurück.

Ein Feuer wurde der Unsicherheit des Weges wegen nicht angemacht, und so wurde das kurze Abendgespräch im Dunkeln geführt.

»Kennt Ihr die Leute auf der Hazienda?« fragte Sternau den Führer. – »Ja, gewiß«, antwortete dieser. – »Wer ist dort zu treffen?« – »Zunächst Señor Arbellez, der Haziendero, sodann Señorita Emma, seine Tochter, sodann Señora Hermoyes und endlich ein Jäger, der am Kopf krank ist. Dann gibt es noch Gesinde und vierzig Vaqueros und Ciboleros.« – »Zu den Ciboleros gehört wohl auch Ihr?« – »Nein, Señor. Ich bin ein freier Mixteka.«

Da horchte Sternau auf.

»Ein Mixteka seid Ihr?« fragte er. – »Ja.« – »Oh, da müßt Ihr doch auch Mokaschimotak, den großen Häuptling Büffelstirn, kennen?« – »Ich kenne ihn«, entgegnete der Gefragte ruhig. – »Wo ist er jetzt zu finden?« – »Bald hier, bald dort, wie der große Geist ihn treibt Wo habt Ihr von ihm gehört?« – »Sein Name ist allüberall; ich habe ihn sogar drüben über dem großen Meer nennen hören.« – »Wenn er das erfährt, so freut er sich. Wie soll ich Euch nennen, Señores, wenn ich mit Euch spreche?« – »Ich heiße Sternau, dieser Señor heißt Mariano und der andere Helmers. Und wie nennen wir Euch, Señor?« – »Ich bin ein Mixteka; nennt mich so.«

Das war das ganze Abendgespräch, dann ging man zur Ruhe, während welcher die Nachtwache unter die vier verteilt wurde. Am anderen Morgen wurde in der Frühe aufgebrochen, und bereits vor der Mittagszeit sah man die Hazienda vor sich liegen. Da hielt der Mixteka an und zeigte mit der Hand nach der Besitzung.

»Das ist die Hacienda del Erina, Señores«, sagte er. »Nun könnt Ihr sie nicht mehr verfehlen.« – »Wollt Ihr nicht mit?« fragte Sternau. – »Nein. Mein Weg ist der Wald. Lebt wohl!«

Der Mixteka gab seinem Pferd die Hacken und sprengte links ab davon. Die drei aber ritten der Ummauerung entgegen und hielten vor dem Tor an. Als Sternau klopfte, erschien ein Vaquero und fragte nach ihrem Begehr.

»Ist Señor Arbellez zu Hause?« – »Ja.« – »Sagt ihm, daß Gäste aus Mexiko zu ihm wollen.« – »Seid Ihr allein, oder kommen noch mehrere?« – »Wir sind allein.« – »So will ich Euch vertrauen und öffnen.«

Der Vaquero schob den Riegel zurück und ließ die Reiter in den Hof. Hier sprangen sie von ihren Pferden, die der Vaquero übernahm, um sie zu tränken. Als sie den Eingang des Hauses erreichten, kam ihnen der Haziendero bereits entgegen. Sein Blick ruhte mit staunendem Erschrecken auf der hohen Gestalt Sternaus.

»Dios mios, was ist das!« sagte er. »Seid Ihr ein Spanier, Señor?« – »Nein, ein Deutscher.« – »So ist es ein Naturspiel. Fast hätte ich Euch für den Herzog von Olsunna gehalten.«

Schon wieder hörte Sternau diesen Namen.

»Habt Ihr ihn gekannt, Señor?« fragte er. – »Ja, ich bin ein Spanier. Aber es ist richtig, Ihr könnt gar nicht der Herzog von Olsunna sein, der viel älter als Ihr ist. Seid willkommen!«

Der Haziendero reichte Sternau die Hand und streckte sie auch Mariano entgegen. Dieser hatte das Gesicht abgekehrt gehalten, weil er nach den Pferden blickte; jetzt drehte er sich herum, und nun der Haziendero in sein Gesicht blickte, zog er die Hand zurück und stieß einen lauten Ruf der Überraschung aus.

»Caramba, was ist das! Graf Emanuel! Doch nein, auch das kann nicht sein, denn Graf Emanuel ist viel älter.«

Er griff sich an die Stirn, diese beiden Ähnlichkeiten machten ihm zu schaffen. Dabei fiel sein Auge auf Helmers, und er schlug die Hände zusammen.

»Valga me Dios, Gott stehe mir bei, bin ich verhext?« rief er. – »Was ist's, Vater?« fragte hinter ihm eine klare, süße Mädchenstimme. – »Komm her, mein Kind«, antwortete er. »So etwas ist mir noch nicht geschehen, das ist ja wunderbar! Da kommen drei Señores; der eine sieht dem Herzog von Olsunna, der andere dem Grafen Emanuel und der dritte deinem armen Bräutigam so ähnlich wie ein Ei dem anderen.«

Emma trat hervor und lächelte; aber als sie Helmers erblickte, sagte sie:

»Es ist wahr, Vater, dieser Herr sieht so aus wie mein armer Antonio.« – »Na, das wird sich aufklären«, meinte der Haziendero. »Seid willkommen, Señores, und tretet ein in mein Haus!«

Er streckte nun auch Mariano und Helmers die Hand entgegen und führte die Gäste in den Speisesaal, wo ihnen eine Erfrischung gereicht wurde. Eben hob Helmers das Glas empor, um zu trinken, als er es wieder absetzte. Sein Auge hing an der Tür, die sich geöffnet hatte, um eine bleiche Gestalt einzulassen, die mit irren, nichtssagenden Augen die Angekommenen überflog. Helmers trat ein paar Schritte nach der Tür zu und fixierte den Kranken.

»Ist es möglich!« rief er dann. »Anton, Anton! O mein Gott!«

Der Irre blickte ihn an und schüttelte den Kopf.

»Ich bin tot, ich bin erschlagen worden«, wimmerte er.

Helmers ließ die Arme sinken und fragte:

»Señor Arbellez, wer ist dieser Mann?« – »Es ist der Bräutigam meiner Tochter«, antwortete der Haziendero. »Er heißt Antonio Helmers, und die Jäger nannten ihn Donnerpfeil.« – »Also doch! Bruder, o mein Bruder!«

Mit diesem Ausruf stürzte Helmers auf den Irren zu, schlang die Arme um ihn und drückte ihn an sich. Der Kranke ließ sich liebkosen, blickte gleichgültig in das Angesicht seines Bruders und sagte nur:

»Ich bin erschlagen worden, ich bin tot!« – »Was ist mit ihm, was fehlt ihm?« fragte Helmers den Wirt. – »Er ist wahnsinnig«, antwortete dieser. – »Wahnsinnig? O Herr, mein Gott, welch ein Wiedersehen!«

Der Deutsche drückte die Hand vor die Augen, warf sich in einen Stuhl und weinte. Die anderen standen wortlos und ergriffen dabei, bis Arbellez ihm die Hand auf die Schulter legte und mit leiser Stimme fragte:

»Ist es wahr, daß Ihr der Bruder von Señor Antonio seid?«

Helmers richtete die in Tränen schwimmenden Augen zu dem Frager empor und antwortete:

»Ja, ich bin sein Bruder! O mein Gott, welch ein Wiedersehen!« – »So seid Ihr Seemann?« – »Ja.« – »Er hat uns viel von Euch erzählt.« – »Ich bin tot, ich bin erschlagen«, klagte der Irre dazwischen.

Sternau hatte bisher kein Auge von ihm verwandt, jetzt fragte er:

»Was ist die Ursache seiner Krankheit?« – »Ein Schlag auf den Kopf«, antwortete Arbellez. – »Haben Sie einen Arzt gehabt?« – »Ja, längere Zeit.« – »Hat dieser gesagt, daß keine Hilfe möglich sei?« – »Ja.« – »So ist dieser Arzt ein Pfuscher, ein unverständiger Ignorant. Fassen Sie sich, Helmers. Ihr Bruder ist nicht wahnsinnig, sondern geistig gestört; es ist noch Hilfe möglich.«

Da ertönte ein heller Jubelschrei. Emma Arbellez hatte ihn ausgestoßen. Sie kam auf Sternau zugeflogen, faßte seine beiden Hände und fragte:

»Sagen Sie die Wahrheit, Señor?« – »Ja.« – »Gewiß? Sind Sie Arzt?« – »Ich bin Arzt und hoffe das Beste. Sobald ich die näheren Umstände weiß, unter denen er erkrankte, werde ich Ihnen mit Gewißheit sagen können, ob ich Hilfe bringen kann.« – »Oh, so lassen Sie sich erzählen …« – »Gemach, Señorita!« unterbrach Sternau sie. »Das möchten wir uns denn doch bis zu einem ruhigeren Augenblick aufsparen. Zunächst haben wir noch anderes zu besprechen, das ebenso wichtig und nötig ist«

Sie ließ sich nur ungern zurückweisen und führte den Irren hinaus.

»Es muß eine sehr wichtige Angelegenheit sein, die Sie hierhergeführt hat«, sagte der Haziendero in einer Art von Vorahnung. – »Eine sehr, sehr wichtige«, bestätigte Sternau. – »Meine Hazienda war Ihr einziges Ziel?« – »Ja.« – »Und Sie haben sie ohne Führer gefunden?« – »So ziemlich. Erst gestern trafen wir einen Mann, der uns bis hierher begleitete. Es war ein Indianer, vom Stamm der Mixtekas.« – »Der Mixtekas? Das ist Büffelstirn gewesen.« – »Büffelstirn ist es gewesen, Büffelstirn?« fragte Sternau überrascht. »Er trug doch gar nicht die Abzeichen eines Häuptlings!« – »Das tut er nie. Er kleidet sich nur in Büffelhaut und trägt als Waffe eine Büchse und sein Messer.« – »So war er es. Ich bin mit Büffelstirn geritten, ohne es zu wissen. Er hat es uns verschwiegen, er ist ein echter, richtiger Mann. Wird man ihn wiedersehen?« – »Er ist jetzt täglich in der Gegend. Sie bleiben doch auf einige Zeit hier?« – »Das werden die Umstände bestimmen. Wann haben Sie Zeit, zu hören, was uns hierhergeführt hat?« – »Sogleich oder auch später, je nachdem Sie es wünschen. Ist die Sache kurz und muß sie sogleich erledigt sein?« – »Nein. Sie bedarf einer längeren Zeit und will überhaupt sehr achtsam behandelt sein. Es handelt sich um ein Familiengeheimnis, zu dessen Aufklärung wir Ihre Hilfe und diejenige von Maria Hermoyes brauchen.« – »Ich stehe zur Verfügung, bitte aber zunächst um die Erlaubnis, Ihnen Ihre Zimmer anweisen zu dürfen.«

Karja, die Indianerin, trat ein. Sie hatte nach den Zimmern gesehen und kam nun, um die Herren zu führen. Sternau erhielt dasjenige, das Graf Alfonzo gewöhnlich bewohnt hatte. Er reinigte sich vom Schmutz der Reise und ging dann auf einen Augenblick hinunter in den Garten. Dort sah er die schöne Tochter des Hazienderos sitzen, neben ihr den Irren, der sich höchst gleichgültig von ihr liebkosen ließ. Sie erhob sich, um dem Gast Platz zu machen.

Er setzte sich so, daß er den Kranken beobachten konnte, und begann nun mit der Señorita ein Gespräch, im Verlauf dessen sie ihm die Abenteuer in der Höhle des Königsschatzes und also auch den Grund von der Erkrankung ihres Bräutigams mitteilte. Er hörte aufmerksam zu, denn ihre Erzählung erregte noch mehr als bloß sein ärztliches Interesse.

»Also der berühmte Bärenherz war auch dabei«, sagte er darauf. »Hat sich dieser Apachenhäuptling seitdem wieder sehen lassen?« – »Nein.« – »Und all, all dieses Unheil nur um eines einzigen Menschen, um dieses Alfonzo Rodriganda willen. Man wird ihm das Handwerk legen und ihn seine Missetat sühnen lassen.« – »Oh, Señor, wird auch hier bei meinem armen Antonio eine Sühne, eine Hilfe möglich sein? Sein Bruder hat mir bereits erzählt, während Sie auf Ihrem Zimmer waren, daß Sie ein großer und berühmter Arzt sind und daß Sie sogar Ihre eigene Gemahlin vom Wahnsinn gerettet haben.« – »Der größte Arzt ist Gott; ich hoffe, daß er auch hier helfen wird. Ist Ihr Patient geduldig und gefügig?« – »Sehr.« – »Wird er mit mir gehen?« – »Sofort.« – »So werde ich ihn mit mir nehmen, um ihn sogleich zu untersuchen. Ich führe meine Bestecks stets bei mir und hoffe, daß ich alles habe, was ich brauche.«

Sternau ergriff die Hand des Patienten, und dieser folgte ihm mit der allergrößten Bereitwilligkeit. Emma ging unterdessen auf sein Zimmer und sank dort auf ihre Knie, um zu beten. Als sie dann in den Salon kam, waren bereits alle erwartungsvoll versammelt, um den Ausspruch des Arztes zu vernehmen. Dieser aber kam erst später. Er wurde sofort mit Fragen bestürmt

»Ich will Ihnen allen eine frohe Botschaft bringen«, sagte er lächelnd. »Ich werde Señor Helmers wiederherstellen.«

Ein lauter, vielstimmiger Ruf erscholl durch den Raum, dann fuhr Sternau fort:

»Der Schlag ist ein außerordentlich kräftiger gewesen, aber er hat dennoch die Hirnschale nicht zertrümmert; doch unter derselben hat irgendein Blutgefäß seinen Inhalt gerade auf das Organ des Gedächtnisses ergossen, und so kommt es, daß der Patient alles vergessen hat, nur nicht das letzte, was er vom Leben fühlte, nämlich den Schlag. Er weiß, daß er totgeschlagen werden sollte, er hat den Hieb gefühlt und glaubt nun, daß er tot sei. Die sicherste Hilfe ist nur durch die Trepanation möglich. Ich werde die Hirnschale öffnen, um das ausgeflossene Blut zu entfernen, dann hört der Druck desselben auf die Hirnmasse auf, das Organ beginnt seine unterbrochene Tätigkeit, und in demselben Augenblick wird auch das vollständige Gedächtnis wiederkehren.« – »Ist diese Operation lebensgefährlich?« fragte Emma besorgt. – »Schmerzlich, aber nicht lebensgefährlich«, tröstete er. »Wenn die Angehörigen des Patienten mir Vollmacht erteilen, werde ich morgen die Trepanation vornehmen.«

Sie erklärten sich alle einverstanden, und Arbellez fügte lächelnd hinzu:

»Und um das Honorar dürfen Sie nicht bange sein, Señor. Der Patient ist reich, steinreich, er hat aus der Höhle des Königsschatzes ein Geschenk erhalten, das ihn in den Stand setzt, sogar eine Trepanation zu bezahlen.« – »Hoffen wir, daß die Operation ihn so weit herstellt, daß er seinen Schatz genießen kann«, entgegnete Sternau und ging wieder fort um nach seinen Instrumenten zu sehen, die ja morgen sich in einem brauchbaren Zustand befinden mußten.

Am Abend nach dem Nachtmahl fand eine Sitzung statt, in der der eigentliche Zweck der Reise erörtert wurde. Was Arbellez und Marie Hermoyes da erzählten, das bestätigte die Vermutungen, die Sternau bis jetzt gehegt hatte.

Der brave Haziendero bot Mariano sofort seine Hazienda an, und in dem ganzen Hausstand war nicht ein einziger, der nicht überzeugt gewesen wäre, daß Mariano der richtige, wirkliche Graf Alfonzo sei.

Nun nahte der nächste Tag, an dem die Operation stattfinden sollte. Sternau bat Helmers, Mariano und Arbellez, ihm zu assistieren, wies aber sonst jede Störung von sich. Um die Mittagsstunde begaben sich die vier Männer nach dem Zimmer des Patienten. Der Korridor, in dem dasselbe lag, war für jedermann verschlossen. Die ganze Bewohnerschaft des Hauses hielt sich beisammen, und jeder Gedanke und jedes ausgesprochene Wort waren ein Gebet um das Gelingen des großen Unternehmens.

Zuweilen war es, als ob ein schmerzhaftes Wimmern oder ein lauter, schriller Ton durch das Haus ertöne, dann aber war alles wieder ruhig. Endlich nach langer Zeit kam Arbellez herab. Er sah bleich und angegriffen aus.

»Wie steht es?« kam ihm Emma entgegen. – »Señor Sternau hat die besten Hoffnungen. Der Patient liegt in Ohnmacht. Du sollst kommen und bei ihm bleiben.« – »Ich allein?« – »Nein, in meiner Gesellschaft. Wenn er erwacht, darf er nur bekannte Gesichter sehen.«

Sie folgte dem Vater. Droben im Korridor begegnete ihnen Helmers Bruder. Auch er hatte die Farbe des Todes.

Als die beiden leise eintraten, stand Sternau über den Kranken gebeugt, um seine Pulsschläge und Atemzüge zu zählen. Als Emma in die fürchterlich ermatteten und entstellten Züge des Geliebten blickte, hätte sie geradezu aufschreien mögen, aber sie bezwang sich.

»Señorita, setzten Sie sich so, daß er Sie sofort sieht, wenn er erwacht. Ich werde mich hinter den Vorhang zurückziehen«, flüsterte Sternau. – »Wird es lange dauern, ehe ihm das Leben wiederkehrt?« fragte sie. – »Höchstens zehn Minuten, und dann wird es sich entscheiden, ob das Gedächtnis wieder da ist. Warten und beten wir!«

Sternau trat hinter den Vorhang zurück, und Emma setzte sich neben das Bett, während Arbellez in der Nähe desselben Platz nahm. So dehnten sich die Minuten zu Ewigkeiten aus, bis endlich, endlich der Patient die Hand regte.

»Erschrecken Sie nicht«, mahnte Sternau ganz leise. »Nach meiner Berechnung wird er einen Todesschrei ausstoßen, weil er meint, erschlagen zu werden.«

Der kluge Arzt hatte sich nicht getäuscht. Der Kranke regte sich mit einem Mal am ganzen Körper, lag einige Sekunden lang starr, und das waren die Augenblicke, in denen sein Denkvermögen wieder in Kraft trat. Nun stieß er einen Schrei aus, so entsetzlich, so schauerlich, daß selbst Arbellez zitterte und Emma sich anhalten mußte, um nicht zusammenzubrechen. Diesem Schrei folgte ein tiefer, tiefer Seufzer, und dann – dann schlug der Kranke die Augen auf. In diesen Augen hatte monatelang keine Spur des Selbstbewußtseins gelegen, jetzt aber war es, als ob der Kranke aus einem Schlaf erwache; er blickte zunächst geradeaus, dann nach rechts, nach links. – Hierauf stutzte er, und als sein Blick sich verschärft hatte und auf Emma gefallen war, da öffneten sich auch die Lippen, und er sagte leise:

»Emma! O Gott, mir träumte, daß mich dieser Alfonzo erschlagen wolle; es war in der Höhle des Königsschatzes. Ist's wahr, daß ich bei dir bin?« – »Ja, du bist bei mir, mein Antonio!« antwortete sie, indem sie seine Hand in die ihrige nahm.

Da griff er nach dem verhüllten Kopf.

»Aber doch tut mir der Kopf gerade dort, wo mich der Schlag traf, so weh«, sagte er. »Warum bin ich verbunden, Emma?« – »Du bist nur ein wenig verletzt«, antwortete sie. – »Ja, ich fühle es«, versetzte er. »Du wirst mir das erzählen, jetzt aber will ich schlafen, denn ich bin sehr müde.«

Er schloß die Augen, und bald zeigte das ruhige Atmen seiner Brust, daß er in Schlaf verfallen sei. Nun trat Sternau wieder hervor und flüsterte mit freudestrahlender, triumphierender Miene:

»Gewonnen! Es ist gelungen! Wenn das Wundfieber gut verläuft, so ist er vollständig hergestellt. Gehen Sie hinab, Señor Arbellez, und bringen Sie den Wartenden diese freudige Nachricht Ich werde mit der Señorita hier wachen.«

Der brave Haziendero eilte fort und versetzte mit seiner Nachricht alle Bewohner des Hauses in Freude und Entzücken.

10. Kapitel.

Der Tag und die folgende Nacht verflossen sehr günstig, aber der Morgen brachte eine Unruhe, die sich allerdings nicht auf den Kranken bezog. Es erschien nämlich Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas, fragte nach dem Haziendero und erzählte, als er zu diesem geführt wurde, daß jedenfalls ein Überfall der Hazienda geplant werde. Arbellez erschrak.

»Da muß ich gleich Señor Sternau holen«, sagte er. – »Señor Sternau? Den großen Fremden, den ich zu Euch brachte?« fragte der Indianer. – »Ja.« – »Was soll dieser?« – »Uns einen guten Rat erteilen.«

Der Indianer machte eine Bewegung der Geringschätzung und fragte:

»Was ist dieser Mann?« – »Ein Arzt.« – »Ein Arzt der Bleichgesichter! Wie kann er Büffelstirn, dem Häuptling der Mixtekas, einen guten Rat geben?« – »Dir soll er ihn nicht geben, sondern mir. Ihr sollt miteinander beraten, was zu tun ist.« – »Ist er ein Häuptling des Rates im Kampf gegen die Feinde?« – »Er ist ein kluger Mann. Er hat Donnerpfeil gestern in den Kopf geschnitten und ihm den Verstand und das Gedächtnis wiedergegeben.«

Der Indianer staunte.

»Mein Freund Donnerpfeil spricht wieder wie ein vernünftiger Mann?« fragte er. – »Ja. Er wird in wenigen Tagen gesund sein.« – »So ist dieser Señor Sternau ein großer Arzt, ein kluger Medizinmann, aber ein Krieger ist er nicht.« – »Warum?« – »Hast du seine Waffen betrachtet?« – »Ja.« – »Hast du ihn reiten sehen?« – »Ja. Ich sah ihn von weitem kommen.« – »Nun siehe, er sitzt auf seinem Pferd wie ein Bleichgesicht, und seine Waffen glänzen wie Silber; das ist bei einem großen Krieger niemals der Fall.« – »Du willst also nicht mit ihm beraten?« – »Ich bin ein Freund der Hazienda, ich werde es tun, aber es wird keinen Nutzen bringen. Er mag geholt werden und kommen.«

Arbellez ging und trat bald darauf mit Sternau ein. Er hatte diesem unterwegs erzählt, was der berühmte Häuptling gesagt hatte. Sternau begrüßte ihn daher lächelnd, dann erkundigte er sich:

»Ich habe gehört, daß Ihr Büffelstirn seid, der größte Häuptling der Mixtekas. Ist dies wahr?« – »Ich bin es«, lautete die Antwort. – »Welche Botschaft bringt Ihr uns?« – »Ich sah, bevor ich Euch nach der Hazienda führte, zwölf Bleichgesichter, die Euch überfallen und töten wollen, jetzt aber sah ich dreimal so viele Weiße, die die Hazienda zerstören und alles Lebendige darin ermorden wollen!« – »Habt Ihr sie belauscht?« – »Ja.« – »Wann wollen sie kommen?« – »Morgen nacht.« – »Wo befinden sie sich?« – »In der Schlucht des Tigers.« – »Ist diese weit von hier?« – »Nach dem Maß der Bleichgesichter muß man eine Stunde reiten oder über zwei Stunden gehen.« – »Was tun sie jetzt?« – »Sie essen, trinken und schlafen.« – »Ist Wald in der Schlucht?« – »Ein großer, dichter Wald. Im Wald ist eine Quelle, und an dem Wasser liegen sie.« – »Haben sie Wachen ausgestellt?« – »Ich habe zwei Wachen gesehen, die eine am Eingang und die andere am Ausgang der Schlucht.« – »Wie sind die Bleichgesichter bewaffnet?« – »Sie haben Flinten, Messer und Pistolen.« – »Wollt Ihr mich hinführen?«

Bei dieser Frage blickte der Häuptling den Arzt mit sichtlichem Erstaunen an.

»Was wollt Ihr dort?« fragte er. – »Ich will mir die Bleichgesichter ansehen.« – »Wozu? Ich habe sie bereits gesehen. Wer sie sehen will, der muß durch den Wald und im Moos kriechen, und da würdet Ihr Euch Eure schönen mexikanischen Kleider beschmutzen.« Dies sagte Büffelstirn mit einem beinahe beleidigenden Lächeln, dann fügte er hinzu. »Und wer zu ihnen geht, sie zu belauschen, den werden sie erschießen.« – »Fürchtet Ihr Euch, mich zu begleiten?« fragte Sternau.

Da blickte ihm der Mixteka verächtlich ins Gesicht und erwiderte:

»Büffelstirn kennt keine Furcht. Er wird Euch führen, aber er kann Euch nicht helfen, wenn dreimal zwölf Bleichgesichter über Euch herfallen.« – »So wartet!«

Mit diesen Worten entfernte sich Sternau, um sich für den Weg vorzubereiten.

»Dieser Doktor wird sterben!« meinte der Indianer mit Bestimmtheit – »So wirst du ihn beschützen!« antwortete Arbellez sehr ernst. – »Er hat gesagt, daß er sich vor zwölf Feinden nicht fürchtet; er hat einen großen Mund und eine kleine Hand, er spricht viel und wird nichts tun.«

Damit trat er an das Fenster und blickte hinaus, als ob ihn alles Weitere nichts angehe.

Sternau hatte seine Jägerkleidung mit auf die Reise genommen. Er hatte sie auf der Jacht eingepackt sie mit nach Mexiko gebracht und in Mexiko hinter sich auf das Pferd geschnallt. Er legte sie jetzt an und kam dann zurück.

»Jetzt können wir gehen«, sagte er.

Der Mixteka drehte sich um. Als sein Auge auf den Mann fiel, der vor ihm stand, spiegelte sich auf seinem Gesicht das lebhafteste Erstaunen.

Sternau trug ein Paar elenlederne Leggins, ein festes Jagdhemd, einen breitkrempigen Hut und hoch heraufgehende Stiefel. Ober seiner Schulter hingen ein Henrystutzen, mit dem man fünfundzwanzigmal schießen kann, ohne zu laden, und eine doppelläufige Bärenbüchse. In seinem Gürtel steckten zwei Revolver, ein Bowiemesser und ein glänzender Tomahawk. Diese Waffen, außer dem Tomahawk, hatte der Indianer bereits gesehen. Das Äußere Sternaus war jetzt so kriegerisch und gebieterisch, daß es wohl Bedenken einzuflößen vermochte.

Der Indianer schritt an ihm vorüber und sagte nur das eine Wort:

»Kommt.«

Da er Sporen an den Stiefeln trug, fragte Sternau:

»Seid Ihr beritten?« – »Ja«, sagte Büffelstirn, noch einen Augenblick stehenbleibend. – »Wollt Ihr nach der Schlucht des Tigers reiten?« – »Ja.« – »Laßt Euer Pferd da, wir werden gehen.« – »Warum?« – »Ein Mann kann sich eher verbergen als ein Reiter, und ein Pferd verrät leicht den, dem es gehört. Ich will nicht die Fährte eines Pferdes machen.«

Der Blick des Mixteka leuchtete auf. Er sah ein, daß Sternau recht hatte. Er führte also sein Pferd nach der Weide, trat dann mit dem Deutschen hinaus ins Freie und schritt mit langsamen Schritten voran, ohne sich umzusehen. Nur einmal, als der Boden sandig war, blieb er stehen und blickte auf die Spur zurück, die sie gemacht hatten. Es war nur die Spur eines einzigen Mannes, denn Sternau war in die Fußstapfen seines Führers getreten.

»Ugh!« sagte dieser und nickte still mit dem Kopf.

Der Weg führte erst über von Sandflächen durchbrochenes Weideland, dann über mit Kleinholz bewachsene Höhen und endlich in einen Wald, dessen Bäume so stark waren, daß sich ein Mann gut hinter ihnen verbergen konnte. Jetzt waren sie fast zwei Stunden gegangen, als Sternau bemerkte, daß der Indianer vorsichtiger wurde; er schloß daraus, daß die Schlucht des Tigers in der Nähe sei. Zum Überfluß blieb der Mixteka stehen und sagte leise:

»Sie sind nicht weit von uns; mache keinen Lärm!«

Sternau beantwortete diese Mahnung mit keiner Silbe, mit keiner Miene und folgte seinem Führer schweigend weiter. Endlich legte sich dieser platt auf den Boden und bedeutete ihm, ein Gleiches zu tun. So krochen sie leise, ganz leise vorwärts, bis laute Stimmen an ihr Ohr schlugen.

Sie kamen in kurzer Zeit an den Rand einer tiefen Schlucht, deren Wände so steil abfielen, daß man sie unmöglich erklettern konnte. Diese Schlucht war vielleicht achthundert Schritte lang und dreihundert Schritte breit. Auf ihrem Grund schlängelte sich ein Wasser dahin, und an dem Ufer desselben lagen, im Gras ausgestreckt, gegen dreißig wohlbewaffnete Gestalten. Sowohl am Eingang als auch am Ausgang der Schlucht saß eine Wache.

Sternau überblickte das in einer Sekunde, dann flüsterte er:

»Ihr habt dreimal zwölf Krieger gesehen?« – »Ja.« – »Jetzt sind es kaum zweimal fünfzehn. Die anderen sind fort.« – »Sie werden auf Kundschaft gehen.« – »Oder auf Raub.«

Sternau horchte hinab. Es wurde so laut gesprochen, daß man ganz deutlich jedes Wort vernehmen konnte. Diese Menschen mußten sich sehr sicher fühlen.

»Und wieviel sollten wir erhalten, wenn wir sie erwischten?« fragte der eine. »Zehn Pesos der Mann? Das wäre genug. So viel sind zwei Deutsche und ein Spanier nicht wert.«

Aus diesen Worten hörte Sternau, daß die Rede von ihm und seinen beiden Gefährten war.

»Sie hatten einen anderen Weg eingeschlagen, hole sie der Teufel!« sagte ein zweiter. – »Warum fluchst du?« fragte dessen Nachbar. »Ich sage dir, es ist gut, daß sie uns entgangen sind, denn nun erhalten wir die ganze Hazienda als Beute, allerdings nur unter der Bedingung, daß wir alles niederschießen, besonders aber den einen Deutschen und den Spanier.« – »Wie nannte der Señor die beiden Namen?« – »Der Deutsche heißt Sternau und der Spanier Lautreville.« – »Ob wir Männer genug sind, um die Hazienda zu überwältigen? Dieser Arbellez soll gegen fünfzig Vaqueros haben.« – »Narr, wir überraschen sie ja!«

Jetzt wußte Sternau genug. Er war nicht der Mann, unnötigerweise Menschenblut zu vergießen, hier aber handelte es sich um die Ausrottung einer Räuber- und Mörderbande. Er griff daher zum Henrystutzen und nahm ihn langsam und vorsichtig von der Schulter.

»Was wollt Ihr tun?« fragte der Indianer besorgt. – »Diese Menschen töten.«

Der Häuptling sperrte den Mund auf.

»So viele?« fragte er. – »Ja.«

Man sah es dem Gesicht des Indianers an, daß er seinen Begleiter für vollständig verrückt halte. Er wollte sich zurückziehen. Aber Sternau gebot:

»Bleib! Oder fürchtest du dich? Ich bin Matavase, der Fürst des Felsens. Diese Mörder sind alle in unsere Hand gegeben.«

Bei Nennung dieses Namens fuhr der Indianer vor Schreck halb empor, um eine Bewegung der tiefsten Ehrerbietung zu machen.

»Du bestreichst den Ausgang mit deiner Büchse! Keiner darf entkommen.«

Bei diesen Worten legte Sternau auch die Büchse handgerecht vor sich hin, griff wieder zum Stutzen, legte an und senkte das Rohr nach abwärts. Aber er besann sich doch anders.

»Du sollst sehen, wie der Fürst des Felsens seine Feinde besiegt.«

Mit diesen Worten erhob er sich, so daß er von unten vollständig gesehen werden konnte, und stieß einen lauten Schrei aus, wie die Präriejäger es tun, wenn sie sich im Wald verirrt haben. Sofort richteten sich aller Augen zu ihm empor.

»Hier steht Sternau, den ihr haben wollt!« rief er hinab.

Seine Stimme schallte im Echo wider, und zugleich krachte sein Stutzen zum ersten Mal. Die Briganten waren aufgesprungen und griffen nach ihren Gewehren, die in der Schlucht zerstreut umherlagen. Aber sobald einer Miene machte, durch den Eingang zu entfliehen, streckte ihn die nächste Kugel nieder.

Die Schüsse fielen so schnell hintereinander, als ob zehn Schützen aus Doppelgewehren feuerten. Auch der Indianer hatte mit seiner Büchse zwei niedergestreckt, und als Sternau endlich den Stutzen wegwarf und nach der Büchse griff, waren nur noch zwei übrig. Den einen schoß er nieder, den letzten aber wollte er schonen.

»Leg dich nieder und beweg dich nicht!« rief er ihm zu. Der Mann gehorchte auf der Stelle.

»Geh hinab zu ihm, während ich ihn von oben bewache«, gebot er dem Häuptling der Mixtekas.

Dieser eilte in weiten Sprüngen am Rand der Schlucht dahin, bis er am Ausgang die Sohle erreichte und den Mann, der noch immer bewegungslos am Boden lag. Nun konnte dieser nicht entkommen. Sternau war dem Indianer gefolgt.

Jetzt gebot er dem am Boden Liegenden: »Steh auf!«

Der Mann erhob sich. Er zitterte an allen Gliedern. Ein solches Massaker war ihm noch gar nicht vorgekommen.

»Wie viele Männer wart ihr?« fragte ihn Sternau. – »Sechsunddreißig.« – »Wo sind die Fehlenden?«

Der Mann zögerte mit der Antwort.

»Rede, sonst kostet es dich dein Leben!« – »Sie sind nach der Hacienda Vandaqua.« – »Was tun sie dort?« – »Sie besuchen den Señor.« – »Wer ist der Señor?« – »Der uns befahl, die Hacienda del Erina zu überfallen.« – »Hat er euch seinen Namen nicht genannt?« – »Nein.« – »Ich kenne ihn dennoch. Habt ihr Pferde bei euch?« – »Ja.« – »Wo sind sie?« – »Sie weiden nicht weit von hier auf einer Lichtung.« – »Wie weit ist es von hier bis zur Hacienda Vandaqua?« – »Drei Stunden.« – »Wann ritten die Leute fort?« – »Vor einer Stunde.« – »Wann wollen sie wiederkommen?« – »Kurz vor Abend.« – »Gut! Führe uns nach der Weide, wo sich die Pferde befinden.«

Sternau lud zunächst seine Gewehre wieder, dann ließ er sich nach der Weide bringen. Hier wurden die drei besten Pferde ausgewählt und nach der Schlucht gebracht. Alle vorhandenen Waffen wurden in Decken gebunden und den Pferden aufgeladen. Darauf wurde auch der Gefangene auf ein Pferd geschnallt. Endlich stiegen die beiden Sieger auf, und fort ging es im Schritt durch den Wald, im Trab über die Berge und im Galopp über die Ebene.

Wie erstaunten die Bewohner der Hazienda, als die kleine Truppe dort anlangte. Sternau hatte seinen Patienten verlassen müssen, daher war sein erster Weg zu diesem. Unterdessen erzählte der Mixteka seinen staunenden Zuhörern, was geschehen war.

»Dieser Arzt ist der größte Held der Prärie«, sagte er. »Er ist Matavase, der Fürst des Felsens. Er hat fast zweimal fünfzehn Feinde getötet in zwei Minuten, und dennoch ist seine Büchse nicht warm geworden.«

Büffelstirn war soeben mit seinem Bericht fertig geworden, als Sternau wieder erschien. Er hatte seinen Patienten schlafend gefunden und Emma seine Maßregeln eingeschärft. Alle anderen Bewohner der Hazienda standen im Hof versammelt. Pedro Arbellez trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand.

»Señor, Sie sind ein wahrer Teufel!« sagte er. »Aber es ist gut so, denn Sie haben mich vor einem fürchterlichen Feind errettet«

Sternau nickte nur und erkundigte sich:

»Wie weit liegt die Hacienda Vandaqua von hier?« – »Drei Reitstunden.« – »Wie stehen Sie mit dem Besitzer?« – »Er ist mein Feind.« – »Ich dachte es. Dort steckt jetzt Pablo Cortejo, der diese Mörderbande gegen Euch gedungen hatte. Wir müssen ihn haben. Ihr, Mariano und ich reiten mit zehn Mann hin. Büffelstirn kehrt mit zehn Mann nach der Schlucht des Tigers zurück, um die Pferde und Beute zu holen, und die übrigen bleiben unter Aufsicht meines Freundes Helmers hier zum Schutz der Hazienda, da man nicht wissen kann, was geschieht. Seid ihr einverstanden?«

Alle die Genannten hatten nichts gegen die Rollen, die ihnen zugeteilt worden waren, und es dauerte nicht lange, so ritten die beiden Trupps von der Hazienda ab, ihrem Ziel entgegen.

Die Abteilung unter Büffelstirn hatte glatte Arbeit. Die Leute erreichten die Schlucht, plünderten die Toten und luden die sämtliche Beute auf die Pferde, die sie nach Hause brachten.

Anders war es mit der Abteilung, die nach der Hacienda Vandaqua bestimmt war. Diese mußte vorsichtig verfahren. Als man die Grenze überschritten hatte, begegnete ihnen ein Cibolero, der von der Hazienda kam. Sternau ritt an ihn heran und fragte:

»Du kommst von der Hacienda Vandaqua?« – »Ja, Señor.« – »Ist der Besitzer zu Hause?« – »Er sitzt beim Monte und spielt um silberne Pesos.« – »Mit wem spielt er?« – »Mit einem fremden Señor aus der Hauptstadt.« – »Wie heißt dieser?« – »Ich habe den Namen wieder vergessen.« – »Cortejo?« – »Ja.« – »Sind noch andere Fremde bei euch?« – »Noch sechs Señores, die vorhin erst kamen. Sie liegen bei den Vaqueros und spielen auch, aber nicht um silberne Pesos.«

Jetzt galt es vor allen Dingen, die richtige Art und Weise zu finden, um Cortejo in die Hand zu bekommen. Einen Hausfriedensbruch zu wagen, davon konnte gar keine Rede sein, dennoch aber stimmten sowohl Sternau als auch Mariano dafür, direkt dem Haziendero vor das Haus zu reiten und zu sehen, was weiter zu machen sei.

Man hatte noch eine tüchtige Viertelstunde zu reiten, ehe man die Hazienda zu Gesicht bekam, aber vorher schon bemerkte man von weitem einige dunkle Punkte, die draußen über die Ebene jagten.

Als die Truppe dort ankam, trat ihnen der Besitzer entgegen.

»Ah, Señor Arbellez«, sagte er, indem ein unbeschreibliches Lächeln um seine Lippen spielte. »Was verschafft mir die so seltene Ehre, Herr Nachbar?«

Da drängte Sternau sein Pferd vor und antwortete an Arbellez' Stelle:

»Verzeiht, Señor! Ich bin hier fremd und suchte Señor Cortejo in der Hacienda del Erina. Ich erfuhr aber, daß ich zu Euch muß, um ihn zu finden. Ist er zu sprechen?«

Das Äußere Sternaus machte einen solchen Eindruck auf den Haziendero, daß sein Lächeln verschwand. Er erhob den Arm, deutete hinaus in die Ferne und antwortete:

»Tut mir leid, Señor. Cortejo ist vor kurzem aufgebrochen.« – »Wohin?« – »Ich weiß es nicht.«

Sternau nickte lächelnd vor sich hin. Es war ja leicht erklärlich, daß dieser Mann Cortejo nicht verraten würde. Es galt nur zu prüfen, ob er die Wahrheit gesprochen habe, als er sagte, daß Cortejo aufgebrochen sei. Darum fragte Sternau:

»Würde es uns erlaubt sein, für kurze Zeit auf dieser Hazienda zu rasten?« – »Gern«, antwortete der Mann. »Tretet näher, Señores!«

Diese Einladung war Beweis genug, daß Cortejo nicht mehr anwesend sei.

»Wer waren die Männer, die da nach Westen hinüber ritten?« fragte Sternau. – »Quien save – wer weiß es!« antwortete der Haziendero.

Es war seinem verschlagenen Gesicht recht gut anzusehen, daß er hätte antworten können, wenn er gewollt hätte. Sternau machte also kurzen Prozeß:

»Lebt wohl!« sagte er, indem er sein Pferd drehte. »Wir werden bald wissen, wer es gewesen ist.«

Er sprengte davon, und die anderen folgten ihm.

Sie schlugen dieselbe Richtung ein, in der sie den Reitertrupp bemerkt hatten; es war die Richtung nach der Schlucht des Tigers. Als sie den Wald erreichten, vermochten sie nur sehr langsam vorzudringen. Die Pferde hinderten das Fortkommen; auch mußten sie besondere Vorsicht anwenden, da die Gegner sich versteckt haben konnten, um die Verfolger aus der Verborgenheit heraus niederzuschießen. Sie gelangten jedoch glücklich an den Eingang der Schlucht. Hier ließ Sternau den Trupp halten, um die Spuren zu untersuchen. Er fand, daß die Vaqueros bereits hiergewesen waren, aber auch Spuren, die aus der Schlucht heraus in westlicher Richtung in den Wald hineinführten. Das war ganz sicher Cortejo mit seinen Leuten gewesen, und nun galt es, zu erfahren, wohin derselbe sich begeben habe.

Aus diesem Grund folgte Sternau mit seinen Leuten diesen Spuren. Dieselben führten immer tiefer in den Wald hinein, schlugen eine südliche Richtung ein und traten in derselben aus dem Wald hinaus in die baumlose Ebene.

Zur Sicherheit blieb man bis gegen Abend auf der Fährte und überzeugte sich während dieser Zeit, daß die Verfolgten die Absicht hatten, sich nach dem kleinen Städtchen El Oro zu begeben. Endlich hielt man beruhigt wieder inne, und Sternau sagte:

»Wir können umkehren. Diese Leute sind uns wenigstens für einige Zeit ungefährlich. Sie haben eine Lehre erhalten, die sie sich merken werden.« – »Ich werde Anzeige erstatten«, bemerkte der Haziendero. – »Was wird dies Ihnen helfen?« – »Nichts, ich weiß es wohl. Dieses von der Natur so reich gesegnete Land ist doch eins der unglücklichsten der Erde. Es wird von Parteien zerspalten und zerrissen, einer ist gegen den anderen, Gerechtigkeit ist nicht zu finden, es gilt das Recht entweder des Schlechteren oder des Stärkeren, und wer Genugtuung haben will, der muß sie sich selbst nehmen. Ja, lasset uns zurückkehren. Der Anschlag, der gegen uns gerichtet war, ist niedergekämpft worden, und man wird uns nicht so bald wieder beunruhigen.«

Sie erreichten die Hacienda del Erina, als es bereits längst dunkel geworden war.

11. Kapitel.

Was Cortejo betrifft, so war er allerdings in der benachbarten Hazienda gewesen. Um seinen Zweck zu erreichen, hatte er eine der herumziehenden Freibanden, auf die er zufällig traf, in seinen Sold genommen. Diese Leute hatten zunächst die Aufgabe, Sternau und seine Begleiter unterwegs zu überfallen und zu töten, und als dies nicht gelang, da die Bedrohten von Büffelstirn gewarnt und sicher nach ihrem Ziel gebracht worden waren, so wurde der Überfall der Hazienda beschlossen, und man begab sich in die Nähe derselben, in die Schlucht des Tigers, dort jedoch wurden sie wieder von Büffelstirn belauscht und dann gar von diesem und Sternau ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergemacht.

Cortejo fühlte sich zu vornehm, als daß er seinen Aufenthalt bei diesen Leuten hätte nehmen mögen, darum besuchte er die benachbarte Hazienda, von deren Besitzer er wußte, daß er dem braven Pedro Arbellez feindlich gesinnt sei. Dort kam ihm die Kunde, daß man in der Gegend der Schlucht des Tigers ein heftiges Schießen gehört habe, und er brach schnell auf, um sich zu überzeugen, wem dasselbe gegolten habe.

Als er die Schlucht erreichte, waren die Vaqueros unter Anführung Büffelstirns mit ihrer Beute bereits wieder unterwegs, und er fand daher nur die nackten, ausgeplünderten Leichen seiner Verbündeten. Im höchsten Schreck sprang er vom Pferd und untersuchte die Schlucht.

»Die von der Hacienda del Erina sind hiergewesen«, sagte er zu seinen Begleitern. »Man hat erfahren, was wir beabsichtigten, und unsere Leute überfallen. Sehen wir rasch nach unseren Pferden!«

Doch als sie den Ort erreichten, an dem die Tiere sich auf der Weide befunden hatten, war keins derselben mehr vorhanden.

»Fort, alles fort!« rief jetzt Cortejo. »Diese Leute haben sich ganz gewiß nach allem genau erkundigt und wissen, daß wir fort waren und hier eintreffen werden. Sie werden also wiederkommen oder haben uns bereits einen Hinterhalt gelegt. Wir müssen fliehen, und zwar schnell, sogleich!« – »Ohne uns zu rächen?« fragte finster einer der Männer. – »Wir werden uns rächen, aber erst, wenn wir Aussicht auf Erfolg haben.« – »Und wohin reiten wir?« – »Dahin, wo wir am schnellsten vor Kampf und Verfolgung sicher sind, also nach der nächsten Stadt.« – »Also nach El Oro?« – »Ja. Wir reiten nicht direkt, sonst könnten sie uns auch dorthin folgen. Wir machen einen Umweg.« – »Gut. Wir tun Euch Euren Willen, aber wir bedingen uns aus, daß wir uns rächen dürfen. Wir haben die Verpflichtung, den Tod unserer Kameraden quitt zu machen.« – »Diesen Willen sollt ihr haben.«

Cortejo sprach diese Worte aus, ohne daß er es gewußt hätte, wie es ihm möglich sei, sein Versprechen zu erfüllen. Er sah ein, daß sein Vorhaben vollständig verunglückt sei und daß man auf der Hacienda del Erina die Augen offenhalten werde. Für die nächste Zeit war nichts zu machen, das glaubte er mit aller Gewißheit annehmen zu können.

Sie schlugen also einen Umweg nach Westen zu ein und wandten sich erst wieder nach Süden, als sie den Wald fast hinter sich hatten. Das nahm eine bedeutende Zeit weg, und als sie in die Nähe von El Oro gelangten, war es bereits Nacht geworden.

Die Pferde traten sicherer auf als vorher, denn sie fühlten jetzt einen gebahnten Weg unter ihren Hufen. Es war der Weg, der nach dem Städtchen führte. Einige Lichter schimmerten ihnen entgegen, und eben tauchte das erste Haus auf, als sie von einer barschen Stimme angerufen wurden.

»Wer da?« ertönte die Frage. – »Was soll das?« entgegnete Cortejo. – »Was das soll? Eine Antwort will ich haben!« – »Wer seid Ihr?« – »Donnerwetter, merkt Ihr das nicht? Dann seid Ihr ungeheuer dumm. Eine Schildwache bin ich, verstanden! Und wissen will ich, wer Ihr seid und was Ihr hier wollt.« – »Eine Schildwache? Macht keinen Spaß!« sagte Cortejo. »Ich möchte wissen, weshalb man hier eine Schildwache aufstellt!« – »Ihr werdet sogleich sehen, ob ich zum Spaß oder zum Ernst hier stehe!« antwortete der Mann mit drohender Stimme. »Also, wer da?« – »Gut Freund!« lachte Cortejo. »Laßt uns weiter!«

Da zog der Mann ein Pfeifchen aus der Tasche und blies hinein. Ein heller Pfiff ertönte.

»Was tut Ihr da?« fragte Cortejo. – »Ihr hört es ja. Ich gebe ein Signal.« – »Macht keine Faxen.«

Mit diesen Worten wollte Cortejo den Mexikaner zur Seite schieben, dieser jedoch schlug sofort sein Gewehr auf ihn an und rief:

»Zurück! Bleibt halten, sonst jage ich Euch eine Kugel durch den Kopf. Ihr habt zu warten, bis Leute kommen. El Oro steht unter Belagerungszustand.« – »Ah! Seit wann?« – »Seit zwei Stunden.« – »Und wer hat es in diesen Zustand versetzt?« – »Señor Juarez.«

Dieser Name verursachte eine sofortige Wirkung. Die Männer, die Cortejo begleiteten, hatten Miene gemacht, den Posten einfach über den Haufen zu reiten, jetzt aber drängten sie ihre Pferde zurück. Auch Cortejo stieß einen Ruf der Überraschung aus.

»Juarez!« rief er. »Ist er hier in El Oro?« – »Ihr hört es ja.« – »Oh, das ist etwas anderes, ich werde mich fügen. Da kommen schon Eure Kameraden.«

Auf den Pfiff des Postens war ein zweiter als Antwort erschollen, und jetzt nahten einige sehr gut bewaffnete Männer, von denen der eine, ihr Anführer, sagte:

»Was gibt es, Hermillo?« – »Diese Männer wollen in die Stadt.« – »Wer ist es?« – »Sie haben den Namen noch nicht gesagt.« – »So werden sie mir ihn wohl nennen.« – »Ich heiße Cortejo«, sagte dieser, »und bin aus der Hauptstadt. Jetzt befinde ich mich auf dem Rückweg nach derselben und wollte in El Oro übernachten.« – »Gehören die anderen zu Euch?« – »Ja.« – »Was seid Ihr?« – »Ich bin Verwalter der Besitzungen des Grafen Rodriganda.« – »Ach, auch so ein vornehmer Blutsauger! Kommt und folgt mir.«

Diese Worte wurden in einem nicht sehr freundlichen Ton gesprochen.

»Ich werde doch vielleicht vorziehen, weiterzureiten«, entgegnete Cortejo schnell, denn er fand augenscheinlich kein Wohlgefallen an seiner gegenwärtigen Lage, die ihm mutmaßlicherweise von keinem Vorteil sein konnte. – »Das geht nicht«, antwortete der Mann. »Ihr seid bis an unsere Vorposten gekommen und dürft nun nicht mehr zurück. Vorwärts.«

Jetzt folgte Cortejo. Es war kein großes Wagestück, auf dem Pferd in der Finsternis der Nacht zu entkommen, aber Cortejo war kein Held, er zog es vor, zu gehorchen.

Der Patrouillenführer geleitete sie in das Städtchen, das nur aus wenigen Häusern bestand, heute aber sehr belebt war. Überall erblickte man angehängte Pferde, deren Reiter sich bei den Einwohnern des Ortes gütlich taten.

Juarez ist derselbe, der in dem traurigen Schicksal des Kaisers Maximilian von Mexiko später eine so hervorragende Rolle spielte. Er war jetzt noch nicht Präsident, sondern nur Parteiführer, doch besaß er bereits genug Berühmtheit, um gefürchtet zu werden. Er war kein Weißer, sondern ein Indianer. Man wußte, daß er verwegen, listig und grausam sei, aber er besaß einen unerschütterlichen Charakter und einen Willen, der fest genug war, in den politischen Wirrwarr des Landes Klarheit und Festigkeit zu bringen.

Er hatte sein Quartier im besten Haus des Städtchens aufgeschlagen. Dorthin wurde Cortejo mit den Seinen geführt. Vor dem Eingang hielten vier bewaffnete Fahnenreiter mit gezogenen Degen Wache. Cortejo stieg mit den Seinen vom Pferd und gelangte mit seinem Führer in das Innere des Hauses. Dort wurde er sofort in ein großes Gemach geleitet, in dem man beim Abendbrot saß.

Am oberen Ende der Tafel präsidierte Juarez, der Indianer. Er trug sein Haar damals ganz kurz geschoren, so daß man den eckigen Bau seines mächtigen Schädels deutlich bemerken konnte, und war sehr einfach gekleidet, einfacher, als alle die Herren seiner Umgebung. Aber selbst ein Fremder hätte ihm angesehen, daß er ihrer aller Herr sei. »Was ist's?« fragte er kurz, als er die Eintretenden bemerkte. – »Diese Leute sind vom Posten angehalten worden«, antwortete der Gefragte.

Das Auge des Indianers richtete sich mit stechender Schärfe auf Cortejo.

»Wer seid Ihr?« fragte er. – »Ich heiße Cortejo, bin der Verwalter des Grafen de Rodriganda und wohne in Mexiko«, antwortete Cortejo.

Juarez sann einen Augenblick nach und fragte dann weiter:

»Des reichen Spaniers Rodriganda, dem die Hacienda del Erina gehörte?« – »Ja.« – »Wo wollt Ihr hin?« – »Heim nach Mexiko.« – »Und wo kommt Ihr her?« – »Von der Hacienda Vandaqua.« – »Was habt Ihr dort getan?« – »Den Haziendero besucht.« – »In welcher Angelegenheit?« – »Aus Freundschaft.«

Die Augenbrauen Juarez' zogen sich finster zusammen, und er stieß die Frage hervor.

»Ach, Ihr seid sein Freund?« – »Ja«, antwortete Cortejo unbefangen. – »So seid Ihr der meinige nicht. Dieser Mensch ist ein Anhänger von Miramon.«

Cortejo erschrak. Miramon war der Präsident von Mexiko. Er zog im Land umher, um sich Anhänger zu sammeln und vernichtete dabei rücksichtslos diejenigen, die sich ihm nicht ergeben zeigten.

»Ich habe ihn nach seiner politischen Ansicht niemals gefragt.«

Damit wollte Cortejo sich verteidigen, schien aber seine Lage nicht verbessert zu haben, denn es traf ihn ein Blitz aus den dunklen Augen, und die Lippen Juarez' zogen sich auseinander, so daß man, etwa wie bei einem zähnefletschenden Kettenhund, die weiß glänzenden Zähne erblickte.

»Das macht mir nicht weis!« rief Juarez. »Wo zwei beieinander sind, da wird von Politik gesprochen, das bringt der gegenwärtige Stand der Verhältnisse mit sich. Übrigens weiß ich, daß auch Ihr ein Anhänger von Miramon seid.«

Das klang noch bedrohlicher als vorher. Cortejo beeilte sich daher, sich zu verteidigen und entgegnete:

»Das muß ein Irrtum sein, Señor. Ich habe den Parteien stets ferngestanden.« – »So seid Ihr weder warm noch kalt, und das ist noch schlimmer. Übrigens habe ich gehört, daß Graf Rodriganda auf bloßem Wunsch hin ein ganzes Detachement Lanzenreiter erhalten hat, um sich die Hacienda del Erina zu unterwerfen. Muß er da nicht Freund des Präsidenten sein?« – »Er vielleicht, aber doch nicht ich.« – »Pah! Wie der Herr, so der Diener. Ich werde mit Euch vorsichtig sein und Euch, so lange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, als Spion betrachten.« – »Señor, der bin ich nicht«, stieß Cortejo ängstlich hervor. – »Das wird sich finden. Ihr kommt mir verdächtig vor. Von Mexiko bis nach der Hacienda Vandaqua macht man keinen bloßen Freundschaftsbesuch!« – »Aber Señor, ich habe ja gar nicht gewußt, daß Sie in El Oro sind!« – »So haben Sie es erfahren wollen. Oder liegt El Oro etwa auf dem Weg von der Hazienda nach Mexiko? Weshalb dieser Umweg?«

Cortejo konnte eine Verlegenheit nicht verbergen.

»Ihr schweigt?« fuhr der Indianer fort. »Gut, ich lasse Euch einsperren, und morgen wird sich die Wahrheit finden.« – »Ich bin unschuldig!« beteuerte Cortejo. – »Das wird gut für Euch sein! Jetzt aber fort mit Euch!«

Da erhob sich unter den an der Tafel Sitzenden eine Stimme:

»Señor Juarez, erlaubt! Haltet Ihr mich für einen aufrichtigen Freund?«

Der Sprecher war ein großer, ungewöhnlich stark gebauter Mexikaner. Seine Gestalt fiel um so mehr auf, als die Bewohner Mexikos gewöhnlich von kleiner Statur sind.

»Welche Frage, Señor Verdoja!« antwortete Juarez. »Hätte ich Euch zum Kapitän meiner Leibwache gemacht, wenn ich Euch nicht traute? Was wollt Ihr mit dieser Frage?« – »Ich möchte Euch bitten, den Worten Cortejos zu glauben!« entgegnete der Große.

Cortejo hatte in seiner Befangenheit die einzelnen noch gar nicht näher gemustert und also auch diesen Mann nicht beachtet, aber bei dem tiefen Klang seiner Stimme zog der Ausdruck einer freudigen Überraschung über sein Gesicht. Er fühlte sich gerettet, denn er kannte seinen Fürsprecher.

Verdoja war zwar kein Millionär, aber doch ein ziemlich wohlhabender Grundbesitzer. Er besaß im Norden des Landes ein weitläufiges Weidegebiet und war dort der Nachbar Rodrigandas. Auch der Graf hatte dort eine Besitzung. Es befanden sich auf derselben alte Quecksilbergruben, und deshalb hätte Verdoja dieses Besitztum gern an sich gebracht, aber Graf Ferdinando hatte nicht verkaufen wollen.

»Wieso? Kennt Ihr ihn?« fragte Juarez. – »Ja«, lautete die Antwort. – »Ihr haltet ihn nicht für gefährlich?« – »Nein, im Gegenteil, er ist Euer Freund. Ich garantiere für ihn!«

Juarez musterte Cortejo nochmals aufmerksam und sagte dann:

»Wenn Ihr garantiert, so mag er gehen. Aber Ihr seid verantwortlich für alles.« – »Gern, Señor.«

Da wandte sich Juarez zu Cortejo:

»Wer sind die Männer bei Euch?« – »Es sind meine Begleiter, brave Leute, die keinem etwas tun.« – »Sie können abtreten und sich ein Lager suchen. Ihr aber mögt mit uns essen. Ich übergebe Euch an Señor Verdoja. Ihr habt gehört, daß er verantwortlich für Euch ist, und ich hoffe, daß Ihr ihn nicht in Schaden bringt«

Somit hatte sich die erst so gefährlich aussehende Angelegenheit zum Besten gewendet Man machte Cortejo Platz am Tisch, er kam neben Verdoja zu sitzen und teilte nun das Abendbrot des berühmten oder vielmehr berüchtigten Indianers Juarez, der berufen war, Präsident von Mexiko zu werden und einem österreichischen Erzherzog die Kaiserkrone vom Kopf zu stoßen.

Das Mahl war nicht fein, aber desto kräftiger. Es wurden Speisen und Getränke in Menge vertilgt und als man fertig war, konnte nicht ein einziger mehr sagen, daß er nüchtern sei. Nur Juarez allein war mäßig gewesen, wie die Indianer es gewöhnlich sind. Er hob die Tafel auf und zog sich zurück.

Dies war das Signal zum Aufbruch, und nun erst konnten Verdoja und Cortejo ungestört miteinander sprechen. Der erstere nahm den letzteren unter den Arm und verließ mit ihm das Haus.

»Ihr werdet bei mir schlafen«, sagte er. »Ich hoffe, daß es Euch nicht unangenehm ist, mein Quartier zu teilen.« – »Ich bin im Gegenteil sehr erfreut darüber«, antwortete Cortejo. »Nehmt übrigens meinen Dank für Eure Fürsprache, Señor Verdoja. Ohne dieselbe hätte ich heute nacht vielleicht nicht sehr bequem geschlafen.« – »Höchstwahrscheinlich. Ich erschrak förmlich, als ich hörte, daß Ihr auf der Hacienda Vandaqua gewesen seid, denn dieser galt ja, im Vertrauen gesagt, unser Besuch.« – »Ist's möglich?«

Cortejo erschrak jetzt nachträglich so, daß es ihm war, als habe er einen Schlag erhalten. Er kannte den Ruf des Indianers und bemerkte, daß sein Leben an einem Haar gehangen habe.

»Ja, es ist so«, antwortete der Hauptmann. »Ich sollte es Euch allerdings nicht sagen, denn es ist bis jetzt noch Geheimnis. Aber, was zum Teufel, habt Ihr denn auf dieser Hazienda zu tun gehabt? So viel ich weiß, ist Euch dieser Nachbar doch niemals recht gewogen gewesen.« – »Das ist anders geworden, Señor Verdoja. Er ist mein Nachbar nicht mehr!« – »Nicht? Wie geht das zu?« – »Die Hacienda del Erina gehört uns nicht mehr.« – »Wem sonst? Habt Ihr verkauft?« – »Nein. Pedro Arbellez hat sie geerbt« – »Donnerwetter! Vom Grafen Ferdinando?« – »Ja.« – »Da schlage das Wetter drein! Mir verkaufte er den Fetzen Landes, den ich haben wollte, nicht, und hier verschenkt er einen Flächenraum von zwanzig geographischen Quadratmeilen. Doch darüber sprechen wir weiter. Tretet ein, ich wohne hier.«

Sie waren an ein anderes Haus gekommen, dessen Tür bei ihrem Nahen geöffnet wurde. Die Eigentümer der Wohnung ließen sich nicht sehen. Verdoja hatte das beste Zimmer inne; sein Lager war bereitet, und auf dem Tisch war ein Mahl aufgetragen.

»Essen werden wir wohl nicht«, sagte er. »In dem Bett schlafe ich, und Ihr müßt mit meiner Hängematte zufrieden sein, die wir aufmachen werden.« – »Ich bin zufrieden; geniert Euch nicht, Señor«, meinte Cortejo.

Die Hängematte wurde befestigt, und Cortejo nahm in derselben Platz. Der Hauptmann aber setzte sich auf sein Bett, streckte dem anderen eine Zigarette hin, steckte sich selbst eine an und fragte dann.

»Wie ich hörte, ist Graf Ferdinando gestorben?« – »Allerdings.« – »Und Alfonzo ist Erbe?« – »Ja.« – »Er befindet sich in Spanien?« – »Seit einiger Zeit.« – »So übernahmt ihr die Verwaltung seiner hiesigen Ländereien allein?« – »Ja.« – »Das will ich Euch gönnen, Señor Cortejo«, lachte Verdoja zynisch. »Ihr sitzt nun im Rohr und werdet Euch Pfeifen schneiden. Könnte dabei nicht vielleicht etwas für mich abfallen, mein lieber Cortejo?« – »Ihr meint in Bezug auf das Quecksilberland?« – »Ja, natürlich.« – »Hm, darüber läßt sich jetzt vielleicht besser sprechen als früher. Aber sagt mir zunächst einmal, was Juarez auf der Hacienda Vandaqua will.« – »Er will dem Haziendero an den Kragen.« – »Alle Teufel! Warum?« – »Er ist von ihm verraten worden.« – »Inwiefern?« – »Das darf ich nicht sagen, aber so viel ist sicher, morgen um diese Zeit lebt der Haziendero nicht mehr. Juarez kennt keine Gnade und Nachsicht. Übrigens werde ich dabei Eure Hacienda del Erina zu sehen bekommen.« – »Ah! Inwiefern?« – »Weil ein Teil von uns dort Quartier nimmt.« – »Hm«, brummte Cortejo. »Und Ihr mit?« – »Ja.«

Cortejo blickte still vor sich hin. Da fragte ihn der Hauptmann, dem dies auffiel:

»Worüber denkt Ihr nach, Señor?« – »Über das Quecksilberland«, lächelte Cortejo. – »Wieso? Wollt Ihr den Grafen Alfonzo bereden, daß er es mir verkauft?« – »Nein, sondern ich will etwas tun, was Euch noch bedeutend lieber sein wird.« – »Was? Ihr macht mich neugierig.« – »Die Besitzung, die Ihr das Quecksilberland zu nennen beliebt, liegt Euch bequem?« – »Natürlich. Sie liegt ja an meiner Grenze.« – »Graf Ferdinando verkaufte sie nicht, weil er meinte, daß dort ein ungeheurer Metallreichtum liege.« – »Er irrt sich.« – »Pah! Ihr wißt ebensogut wie ich, daß er recht hat, Señor Verdoja. Wieviel bietet Ihr für das Land?« – »Wollt Ihr verkaufen?« fragte Verdoja schnell. – »Zunächst will ich wissen, wieviel Ihr bietet.« – »Hm, viel wird es nicht sein. Es ist kein Weideland, und gerade dies brauche ich notwendig.« – »Gebärdet Euch nicht wie ein Jude, der den Gegenstand tadelt, den er zu haben wünscht. Wir kennen uns seit längerer Zeit und ich glaube, daß wir aufrichtig miteinander reden können. Also sprecht.« – »Es ist, wie gesagt, kein Weideland. Es besteht aus schroffen, unbewachsenen Höhen und Tiefen, vegetationslosen Schluchten, aber es liegt in meiner Nachbarschaft, und darum würde ich vielleicht hunderttausend Pesos bieten.«

Cortejo stieß ein Lachen aus und entgegnete:

»Ihr seid hunderttausendmal nicht klug.« – »Warum meint Ihr das, Señor?« – »Das Besitztum wurde vom Grafen mit fünfmalhunderttausend Pesos gekauft und ist wie es jetzt liegt, wenigstens viermal so viel wert« – »Das sind Ansichten.« – »Bewahrheitet sich aber meine Vermutung, daß dort neben dem Quecksilber auch noch die edlen Metalle zu finden sind, so ist es mit fünf Millionen nicht bezahlt, denn es wird eine Rente bringen, die sich nicht nur auf Hunderttausende, sondern vielleicht auf eine Million beziffern kann.« – »Ihr phantasiert.« – »Ich sage meine nüchterne Ansicht spreche aber allerdings nicht von der Gegenwart, sondern nur von der Zukunft und gehe dabei von der Voraussetzung aus, daß jener Landesteil eine reiche Arbeiterbevölkerung erhält.« – »Aber Voraussetzungen pflegt man nicht zu bezahlen.« – »Ich weiß das. Ich stelle Euch das übrigens nicht in egoistischer, sondern nur in einer sehr wohlmeinenden Absicht vor.« – »Donnerwetter, seit wann seid Ihr auf einmal so wohlmeinend geworden?« – »Seit heute. Ihr wißt daß ich zu rechnen verstehe, Ihr habt mir heute einen großen Dienst erwiesen. Ohne Euch wäre ich vielleicht erschossen worden, und darum will ich wegen des Quecksilberlands einmal nicht so mit Euch rechnen.«

Der Hauptmann zog eine spöttische Miene und sagte:

»Ihr wollt mir die Besitzung doch nicht etwa schenken?« – »Ja«, antwortete Cortejo.

Verdoja sprang vom Bett auf.

»Was sagt Ihr da?« rief er. – »Was Ihr gehört habt, daß ich Euch dieses schöne Quecksilberland geradezu schenken will.«

Der andere ließ sich wieder auf sein Bett nieder und erwiderte kalt:

»Unsinn! Das klingt ja zu ungeheuerlich!« – »Und dennoch ist es wahr!« – »Hört, Cortejo, was würdet Ihr tun, wenn es mir einfiele, Euch beim Wort zu nehmen?« – »Ich würde es halten.« – »Hört, jetzt seid Ihr selbst hunderttausendmal nicht klug, wie Ihr vorhin zu mir sagtet.« – »Dieses scheint nur so, ich weiß ganz genau, was ich sage.«

Jetzt wurde Verdoja ungeduldig.

»So redet im Ernst und erlaubt Euch keinen so albernen Scherz mit mir«, sagte er. – »Ich spreche ja im Ernst, Señor.« – »Aber, beim Teufel, ein solches Land verschenkt ja kein halbwegs vernünftiger Mensch.« – »Wenigstens nicht ohne anderweitige Absicht und Berechnung.« – »Ah, jetzt kommt die Erklärung. Ihr habt also eine Absicht und Berechnung dabei?« – »Natürlich!« – »Darf man dieselbe kennenlernen?« – »Versteht sich! Es handelt sich nämlich um einen kleinen Dienst, den Ihr mir leisten sollt.« – »So redet. Ich bin begierig zu erfahren, für welchen Dienst ich eine solche Gratifikation erhalten soll.« – »Hm, man muß dabei ein wenig vorsichtig sein. Wir kennen uns zwar und dürfen uns also Vertrauen schenken. Ich weiß, daß Ihr tüchtige Körperkräfte besitzt …« – »Allerdings. Aber was hat dies hierbei zu tun?« – »Daß Ihr ein tüchtiger Schütze und Fechter seid …« – »Freilich. Auch meinen Dolch weiß ich zu führen.« – »Das ist es, was ich brauche. Auch nehme ich an, daß Ihr Euch stets in guter Übung erhalten habt …« – »Gewiß«, lachte der Hauptmann. »Es hat mancher, der mit mir anzubinden wagte, in das Gras beißen müssen.« – »Nun, so stehen Eure Aktien so ziemlich gut. Es handelt sich nämlich um einige Personen, die mir im Weg stehen.« – »Ah!« rief der Hauptmann. »Meint Ihr einen solchen Dienst, Señor Cortejo?« – »Allerdings.« – »Ihr wollt mich als Meuchelmörder dingen?« – »Nein, ich will Euch nur auf einige Leute aufmerksam machen, mit denen Ihr sonst sehr leicht in Streit geraten könnt. Und dann würdet Ihr Euch, so weit ich Euch kenne, wohl zu helfen wissen.« – »Ich denke es. Also wenn diese Leute mit mir anbinden würden und sich dabei eine Kugel oder einen guten Stich oder Hiebe holten, so … hm?« – »So würde ich Euch das Quecksilberland schenken.« – »Donnerwetter! Ist es wahr?« fragte Verdoja ganz begeistert. – »Gewiß.« – »Aber das Land gehört Euch nicht, es gehört dem Grafen Alfonzo de Rodriganda.« – »Er würde beistimmen.« – »Ihr wollt sagen, daß er die Schenkungsurkunde unterzeichnen würde?« – »Ja, gerade dies und nichts anderes will ich sagen, Señor Verdoja.« – »So wünsche ich nichts sehnlicher, als daß ich diese Leute treffe.« – »Nichts leichter als das. Vielleicht seht Ihr sie bereits am morgenden Tag.« – »Wo?« – »Auf der Hacienda del Erina.« – »Alle Teufel! Ihr meint doch nicht etwa den alten Señor Pedro Arbellez?« – »Nein, sondern seine Gäste. Es befinden sich nämlich einige Männer bei ihm, die ich gern im Himmel oder meinetwegen auch in der Hölle wüßte.« – »Wer sind sie?« – »Da ist zunächst ein deutscher Arzt, der Doktor Sternau heißt.« – »Schön. Ich werde mir diesen Namen merken.« – »Sodann ein deutscher Seemann, der heißt wohl Helmers, und drittens ist es ein Spanier, der sich Mariano oder vielleicht auch Leutnant Alfred de Lautreville nennt« – »Also diese drei?« – »Ja.« – »Sternau, Helmers und Mariano oder Lautreville. Ich werde diese Namen nicht vergessen. Also ich setze den Fall, daß sie Händel mit mir beginnen, und ich erwehre mich ihrer, so ist das Quecksilberland mein?« – »Ja.« – »Wer garantiert mir dafür?« – »Ich, mit meinem Ehrenwort« – »Hm, das ist zwar auch eine Garantie, aber eine ungewisse. Was habt Ihr denn eigentlich gegen diese Leute? Haben sie Euch beleidigt?« – »Ja.« – »Macht mir nichts weis, Señor Cortejo. Um sich wegen einer Beleidigung rächen zu können, gibt man keine solche Besitzung umsonst hin. Es muß etwas anderes sein.« – »Und wenn es das ist, was geht es Euch an?« – »Das ist richtig; aber warum bringt Ihr sie nicht selbst auf die Seite?« – »Kann ich? Ich bin mit Pedro Arbellez verfeindet und darf mich infolgedessen nicht auf der Hacienda del Erina blicken lassen.« – »So lauert sie ab, wenn sie die Hazienda verlassen!« – »Mein Amt läßt mir nicht die Zeit dazu. Übrigens war ich jetzt deshalb hier. Ich will Euch sagen, daß ich mir einen Trupp hübscher Burschen angeworben hatte …« – »Dreier Männer wegen?« spottete der Hauptmann. – »Ja, lacht nur! Diese drei Kerle haben neunundneunzig Teufel im Leib!« – »Das macht pro Mann dreiunddreißig. Nun, und wie es scheint, seid Ihr nicht mit ihnen fertiggeworden?« – »Nein. Sie haben mir meine Leute alle erschossen, und nur zufällig bin ich mit den wenigen davongekommen, die Ihr bei mir gesehen habt.« – »Das wäre ja entweder ein Wunder oder sonst etwas Ähnliches! Da bin ich doch begierig, diese drei Kerle kennenzulernen. Also diese Leute, die Ihr bei Euch habt waren von Euch angeworben?« – »Ja.« – »Sie nehmen es also mit dem, was man Recht und Gewissen nennt, nicht sehr genau?« – »Nein.« – »Hm, die wären zu gebrauchen. Wenn Ihr sie mir doch ablassen könntet, Señor!«

Bei diesen Worten fiel Cortejo eine Last vom Herzen.

»Herzlich gern«, sagte er. »ich wußte nicht, was ich mit ihnen anfangen sollte. Sie sind ganz Feuer und Flamme, sich an den dreien zu rächen. Von mir aus hätten sie jetzt keine Gelegenheit dazu erhalten können.« – »Gut, so sollen sie diese Gelegenheit bei mir finden. Morgen beim Frühstück werde ich mit ihnen sprechen. Ihr kehrt nach Mexiko zurück?« – »Ja.« – »So werde ich Euch Nachricht geben, sobald es mir gelungen ist.« – »Dann wird die Schenkungsurkunde oder der fingierte Kauf sofort nach Spanien gehen, um von Graf Alfonzo unterzeichnet zu werden. Aber wie wollt Ihr es anfangen, die drei Kerle zu beseitigen?« – »Das weiß ich jetzt noch nicht. Das werde ich erst dann sagen können, wenn ich sie gesprochen und beobachtet habe. Habt Ihr in dieser Angelegenheit noch etwas zu bemerken?« – »Nein.« – »So entschuldigt mich jetzt. Schlaft ruhig ein. Ich muß vorher gehen, um die Posten zu inspizieren. Juarez ist in solchen Sachen sehr streng, und wenn er eine Nachlässigkeit bemerkt, so sitzt selbst der Kopf eines Offiziers nicht fest auf seinem Körper.«

Cortejo lehnte sich in seine Hängematte zurück und lächelte befriedigt vor sich hin. Er konnte ruhig und sorgenlos nach Mexiko zurückkehren, denn er war überzeugt, seine Angelegenheit den besten Händen anvertraut zu haben.

Er kannte Verdoja als einen rohen, gewissenlosen Menschen, der wegen des Quecksilberlands nicht nur drei, sondern zehn und zwanzig Morde auf sich nehmen würde. Übrigens behielt er sich die Erfüllung seines Wortes im stillen noch vor. Waren die drei getötet, so konnte man den Fall ja ganz einfach ignorieren. Verdoja wagte es sicher nicht, den Preis seines Verbrechens gerichtlich einzuklagen, denn dann wäre er selbst verloren gewesen.

Während Cortejo diesen Gedanken nachhing, ging der Hauptmann draußen von Posten zu Posten. Er hatte dabei aber weniger auf seine militärischen Obliegenheiten acht, als vielmehr auf die Gedanken, die der eigentümliche Handel in ihm erweckte.

»Also eine Beleidigung ist es nicht, um derentwillen sie verschwinden und sterben sollen«, dachte er. »Was aber ist es dann?«

Er ging eine Strecke in die finstere Nacht hinein und überlegte für sich: »Es ist ein hoher Preis, den er zahlt. Die Besitzung ist eine Million wert, und wer eine Million zahlt, bei dem muß es sich um noch viel mehr handeln. Aber was kann das sein? Der Graf gibt das Quecksilberland, folglich muß es sich um die ganze Grafschaft handeln. So möchte man fast denken. Wer sind diese drei? Ein Arzt und ein Seemann; beide sind Deutsche. Der dritte ist ein Spanier, der heißt Mariano oder Alfred de Lautreville. Das kling sehr geheimnisvoll. Er scheint derjenige zu sein, um den es sich eigentlich handelt.«

Er setzte jetzt seine Inspektion fort, konnte aber seine Gedanken nicht von diesem Gegenstand abbringen. Der ungeheure Vorteil, den ihm der Handel versprach, nahm alle seine Gedanken gefangen.

»Aber wird er auch Wort halten?« dachte er. Ich kenne diesen Cortejo als einen ausgemachten Schlaukopf. Wie nun, wenn ich die drei umbringe, und er tut dann, als ob er gar nichts von der ganzen Sache wisse? Dann wäre das Quecksilberland allerdings zum Teufel. Ich könnte nichts machen. Aber Cortejo ginge auch zum Teufel, das ist gewiß. Ich werde mir die Angelegenheit beschlafen.«

Er kehrte in sein Quartier zurück und legte sich zu Bett. Am anderen Morgen ließ er die bisherigen Begleiter Cortejos zu sich bescheiden und nahm sie in Gegenwart des letzteren vor.

»Wer seid ihr eigentlich?« fragte er sie.

Derjenige, der bereits gestern den Sprecher gemacht hatte, antwortete:

»Hat Euch dies Señor Cortejo nicht gesagt?« – »Nein.« – »Wir sind arme Teufel, die sich auf verschiedene Art und Weise ihr Brot verdienen.« – »Die Art und Weise macht euch also nicht bedenklich?« – »Das fällt uns nicht ein.« – »Wollt ihr euch ein wenig Brot bei mir verdienen?« – »Das geht nicht, denn wir stehen jetzt in Señor Cortejos Diensten.« – »Der hat euch an mich abgetreten.« – »Oho!« rief der Mann. »Das geht nicht!« – »Warum nicht?« – »Das ist unsere und Señor Cortejos Sache.« – Er hat mir alles anvertraut«, sagte der Offizier. »Ihr könnt offen mit mir sprechen.« – »Ist's wahr, Señor?« fragte der Mann Cortejo. – »Ja«, antwortete dieser. – »Das dürfen Sie nicht, Señor! Sie dürfen uns an niemand abtreten; wir sind freie Männer. Sie haben uns versprochen, daß wir unsere Kameraden rächen sollen!« – »Ich habe keine Zeit, euch weiter zu führen, aber dieser Señor wird es an meiner Stelle tun.« – »Ist das wahr?« – »Ja«, sagte Verdoja. »Ihr sollt euch rächen, ihr begleitet mich nach der Hacienda del Erina.« – »Mit den Lanzenreitern?« – »Nein, das geht nicht. Ihr folgt uns. Kennt ihr die Hazienda?« – »Ja.« – »Sie hat eine Umzäunung?« – »Ja, eine sehr feste.« – »Nun wohl. Heute um Mitternacht – bis dahin haltet ihr euch versteckt – kommt einer von euch an die südliche Spitze dieser Umzäunung. Dort werde ich mich befinden, um ihm Verhaltungsmaßregeln zu erteilen.« – »Aber wie steht es mit dem Preis?« – »Es bleibt derselbe wie bei Señor Cortejo.« – »So sind wir zufrieden. Dürfen wir aufbrechen?« – »Nein. Juarez hat noch nichts befohlen.«

Die Freischärler traten einstweilen ab. Der Hauptmann aber begab sich in Juarez' Quartier und erhielt dort bald den Befehl, Cortejo zu holen. Als dieser eintrat, stand der Indianer mitten im Zimmer und empfing ihn mit finsteren Mienen.

»Weißt du, wem du dein Leben zu verdanken hast?« fragte er ihn. – »Ich weiß es. Ich hätte es unschuldigerweise verloren.« – »Schweig! Señor Verdoja hat sich auch weiter für dich verbürgt. Du willst nach Mexiko?« – »Ja.« – »Man soll dort nicht wissen, daß ich hier in El Oro war, aber man wird es durch dich erfahren. Ich darf dich also nicht von mir lassen.« – »Señor, ich werde schweigen!«

Der spätere Präsident machte eine verächtliche Handbewegung und sagte geringschätzig:

»Ein Weißer schweigt nie, nur ein Indianer weiß Herr seiner Zunge zu sein. Ein Weißer hält höchstens dann sein Wort, wenn er es beschworen hat.« – »So will ich schwören, Señor.« – »Gut, schwöre!«

Cortejo mußte die Hand erheben und beschwören, daß er von dem Zusammentreffen mit Juarez nichts verraten wolle. Erst jetzt schien der letztere ihm zu glauben.

»Jetzt kannst du gehen«, sagte er. »Nimm deine Leute mit und merke dir, daß du für sie verantwortlich bist!«

12. Kapitel.

Einige Minuten später saß Cortejo zu Pferd und verließ El Oro auf der entgegengesetzten Seite, wo er gestern eingeritten war. Die Freischärler begleiteten ihn, denn es sollte ja niemand wissen, daß sie mit dem Hauptmann in Beziehung standen. Erst nach einiger Zeit trennten sie sich von Cortejo und suchten auf einem Umweg die Richtung nach der Hacienda del Erina zu gewinnen.

Sie waren bis jetzt unglücklich gewesen in ihren Absichten auf die Hazienda, jetzt aber brannten sie vor Begierde, sich für das Erlebte reichlich zu entschädigen.

Kurz nach Cortejos Abreise verkündigte der Ton einer Trompete den Aufbruch. Die Lanzenreiter bestiegen ihre Pferde. Juarez setzte sich mit den Offizieren an die Spitze, und dann flogen sie auf ihren halbwilden Tieren über die Ebene dahin wie die Windsbraut, der niemand widerstehen kann.

Es waren damals gar schlimme Zeiten für Mexiko. Es hatte sich längst vom Mutterland Spanien losgesagt und sich einen eigenen Herrscher gegeben, aber es hatte nicht die Kraft, ein selbständiger Staat zu sein. Ein Präsident verdrängte den anderen, die Finanzen befanden sich im schlechtesten Zustand, das Beamtentum war korrumpiert, es herrschte weder Treu und Glauben, noch Gehorsam im Land. Kein Militär wollte gehorchen, jeder Offizier wollte regieren, und jeder General wollte Präsident sein.

Wer an das Ruder kam, der suchte das Land schleunigst auszusaugen, denn er wußte, daß ihm nicht viel Zeit dazu übrigbleibe. Der Nachfolger tat ganz dasselbe, ebenso der Statthalter jeder einzelnen Provinz. Zuletzt wußte kein Untertan mehr, wem er zu gehorchen habe, und am wohlsten befanden sich die Hazienderos, die die entlegensten Gegenden bewohnten.

Mitten in diesem Wirrwarr war Juarez aufgetaucht und erlangte bald einen solchen Einfluß, daß er, obgleich er nichts weniger als Präsident war, sogar mit der Regierung der Vereinigten Staaten Traktate abschloß. Er war bald hier, bald dort, um für sich zu werben, um zu belohnen oder zu bestrafen, und ein solcher Zweck führte ihn auch heute nach der Hacienda Vandaqua.

Als die Lanzenreiter dort ankamen, erregte ihr Anblick allgemeinen Schreck. Juarez stieg vom Pferd und trat, gefolgt von einigen Offizieren, in das Haus. Der Besitzer desselben befand sich mit seiner Familie beim zweiten Frühstück, als der Fürchterliche bei ihm eintrat

»Kennst du mich?« fragte der Indianer streng. – »Nein«, antwortete der Haziendero. – »Ich bin Juarez.«

Bei diesen Worten erbleichte der Mann.

»O heilige Madonna!« rief er. – »Rufe die Madonna nicht, es ist vergebens; sie wird dir nicht helfen!« sagte Juarez finster. »Du bist ein Anhänger des Präsidenten?«

Der Mann erbleichte.

»Nein«, sagte er. – »Lüge nicht!« donnerte ihn der Indianer an. »Stehst du mit seinen Anhängern in Briefwechsel?« – »Nein.« – »Ich werde mich überzeugen. – Sucht!«

Das letzte Wort war an die Offiziere gerichtet. Diese winkten einige der Mannschaften herbei, und nun begann eine genaue Untersuchung des ganzen Hauses. Nach einiger Zeit kam einer der Offiziere mit einem Paket Briefe herbei, die er dem Indianer wortlos überreichte. Dieser nahm sie ebenso wortlos entgegen und las sie. Als der Haziendero die Briefe sah, war er totenbleich geworden. Jetzt hing sein Auge angstvoll am Gesicht Juarez'. Die Seinen standen stumm in der Ecke und erwarteten klopfenden Herzens das Kommende. Endlich war Juarez fertig mit Lesen. Er erhob sich von seinem Sitz und fragte den Haziendero:

»Du hast diese Briefe empfangen?« – »Ja.« – »Und gelesen? Und beantwortet?« – »Ja.« – »Du hast vorhin gelogen, du bist ein Anhänger des Präsidenten. Du bist Mitglied einer Verschwörung gegen die Freiheit des Volkes. Hier hast du deinen Lohn!«

Damit zog er ein Pistol hervor, zielte und drückte ab. Der Haziendero stürzte, durch die Stirn getroffen, zu Boden. Ein lauter, vielstimmiger Schrei des Entsetzens erscholl. Er wurde ausgestoßen von den Verwandten des Gerichteten. Juarez aber wandte sich mit unerschütterlicher Ruhe und Kälte an diese:

»Schweigt! Auch ihr seid schuldig, aber ihr sollt nicht sterben. Ihr verlaßt das Haus. Ich konfisziere diese Hazienda mit allem, was dazugehört, als Eigentum des Staates. In einer Stunde müßt ihr fort sein. Ich gewähre euch Pferde, auf die ihr euer Eigentum packen könnt. Auch euer Geld dürft ihr mitnehmen. Jetzt fort aus meinen Augen!« – »Dürfen wir den Toten mitnehmen?« fragte jammernd die Frau. – »Ja. Jetzt aber packt euch!«

Die Leute nahmen ihren Toten auf, trugen ihn hinaus, und als die Stunde vergangen war, verließen sie tränenden Auges die Hazienda. Jetzt gab Juarez dieselbe seinen Soldaten frei, und es wurde geplündert, so lange etwas zu finden war. Dann schlachtete man einige Rinder und begann im Freien nach Herzenslust zu schmausen.

Juarez war unterdessen in dem Zimmer geblieben, während Verdoja die Plünderung beaufsichtigt hatte. Als er nun bei dem Indianer eintrat, sagte dieser:

»So müssen alle enden, die gegen das Wohl des Vaterlands sündigen. Verdoja, seid Ihr treu?«

Er richtete dabei einen wahren Tigerblick auf den Gefragten. Dieser antwortete ruhig:

»Ja, Señor; das wißt Ihr.« – »Gut. Ich werde Euch eine Aufgabe erteilen. Habt Ihr Mut?« – »Hm«, lächelte der Hauptmann. »Habt Ihr mich einmal erbleichen sehen?« – »Nein, und darum werdet Ihr es zu hohen Ehren bringen. Kennt Ihr die Provinz Chihuahua genau?« – »Ich bin dort geboren und habe an der Grenze meine Besitzungen.« – »Gut. Ihr werdet Euch nach der Hauptstadt gleichen Namens begeben und meine Interessen dort vertreten. Wir trennen uns heute. Zuerst aber begleitet Ihr mich nach der Hacienda del Erina.« – »Reise ich mit Militärbegleitung?« – »Ihr erhaltet eine Schwadron, mit der anderen kehre ich zurück. Vorwärts!«

Eine Minute später saßen sie zu Pferde und ritten, nur von einigen Lanzenreitern begleitet, fort. Einer der anwesenden Vaqueros mußte den Führer machen.

Als sie die Hazienda erreichten, waren sie bereits bemerkt worden. Da die Bewohner derselben gewitzigt waren, so hatten sie das Tor verschlossen. Juarez selbst klopfte an.

»Wer ist draußen?« fragte Arbellez von innen. – »Soldaten! Öffnet!« – »Was wollt Ihr?« – »Alle Teufel, wollt Ihr öffnen oder nicht?«

Sternau, Helmers und Mariano standen neben dem Haziendero.

»Soll ich öffnen?« fragte dieser leise. – »Ja«, antwortete Sternau. »Es sind ja nur einige Reiter.«

Als das Tor offen war und Juarez in den Hof ritt, musterte er mit funkelndem Auge die Leute, die vor ihm standen.

»Warum gehorchtet Ihr nicht?« donnerte er. – »Wir kennen Euch nicht«, antwortete Arbellez. »Seid Ihr einer, dem man zu gehorchen hat, Señor?« – »Ich bin Juarez. Kennt Ihr meinen Namen?«

Arbellez verbeugte sich ohne alle Verlegenheit und antwortete:

»Wohl kenne ich ihn. Verzeiht, daß wir nicht sogleich öffneten. Tretet in mein Haus; Ihr seid uns willkommen.«

Er geleitete die beiden Gaste nach dem Salon, wo sie sich ohne Umstände niederließen. Trotz des freundlichen Empfangs hatte Juarez seine finstere Miene nicht verloren und fragte:

»Saht Ihr uns kommen?« – »Ja, Señor.« – »Und Ihr saht, daß wir Soldaten sind?« – »Ja, das sahen wir.« – »Und Ihr öffnetet trotzdem nicht? Das verdient Strafe!« – »Oh, Señor, der Präsident hat auch Soldaten. Diese würden mir nicht willkommen sein. Ich konnte doch nicht wissen, daß Sie es selbst waren.«

Juarez' Züge heiterten sich auf.

»Also, ich bin Euch wirklich willkommen.« – »Von Herzen.« – »Warum?« – »Weil Sie eine feste Hand haben, Señor, und diese fehlt unserem armen Land.« – »Ja. Diese feste Hand hat bereits mancher gefühlt. Vorhin wieder einer. Sagt, kennt Du die Hacienda Vandaqua?« – »Ich kenne sie genau.« – »Und alles, was dazu gehört?« – »Alles; ich bin ja der Nachbar.« – »Wieviel Pacht ist diese Besitzung wohl wert, Señor Arbellez?« – »Sie ist ja Eigentum, aber kein Pachtgut.« – »Beantwortet meine Frage!« sagte Juarez ungeduldig. – »Nun, wenn sie sich unter besseren Händen befände, könnte man zehntausend Duros zahlen, jetzt aber nicht.« – »Gut, so sollt Ihr sie für siebentausend Duros zur Pacht erhalten.«

Arbellez blickte den Indianer verwundert an.

»Señor, ich verstehe Euch nicht«, sagte er. – »Ich spreche deutlich genug. Ich denke, diese Pachtung liegt Euch bequem. Wollt Ihr sie oder nicht?« – »Ich habe keine Ahnung, daß die Hacienda Vandaqua zu verpachten ist!« – »Sie ist's. Ich habe sie für den Staat konfisziert und gebe sie Euch.« – »Und der Besitzer?« fragte Arbellez erschrocken. – »Er starb an meiner Kugel; er war ein Verräter. Seine Familie hat die Besitzung verlassen müssen. Entschließt Euch schnell, Señor!« – »Wenn es so steht, so sage ich ja. Aber …« – »Kein Aber! Holt Schreibzeug! Wir wollen diese Angelegenheit ordnen.«

Wie alles, was Juarez in die Hand nahm, so wurde auch diese Sache in fliegender Eile und doch ganz sorgfältig und ordnungsmäßig erledigt. Dann sagte er:

»Dieser Señor ist Hauptmann Verdoja. Er wird einige Tage bei Euch wohnen.«

Das war dem Haziendero überraschend, aber er ließ sich nichts merken, sondern hieß den Hauptmann willkommen. Juarez fuhr fort:

»Er hat eine Schwadron Reiter mit. Könnt Ihr diese verpflegen?« Arbellez bejahte diese Frage, obgleich er lieber nein gesagt hätte.

»Diese Leute werden gegen Abend hier eintreffen. Sorgt für sie und macht dann mit dem Hauptmann Eure Rechnung. Lebt wohl!«

Er erhob sich und schritt zur Tür hinaus. Verdoja folgte ihm. Sie ritten mit ihrer Begleitung im Galopp davon, die Bewohner der Hacienda del Erina in Verwunderung zurücklassend.

Weshalb hatte der Nachbar sterben müssen? Weshalb sollte gerade Pedro Arbellez der Pächter sein? Also dieser Mann war Juarez, der große Indianer, den ganz Mexiko fürchtete und zugleich liebte und haßte. Diejenigen, die diese Frage aussprachen, ahnten nicht, welche Folgen die Anordnungen des Parteigängers für sie haben würden.

Als dieser die Hacienda Vandaqua erreichte, fand er vor dem Haus alles aufgeschichtet, was die Lanzenreiter des Mitnehmens für wert gehalten hatten. Diese Beute wurde geteilt, und so wenig auf den Mann kam, es erregte bei den nicht an Luxus gewöhnten Leuten doch unendliche Freude.

Nun das vorüber war, erhielt Hauptmann Verdoja seine Instruktion. Sein Aufenthalt bei Arbellez hatte nur den Zweck, die Pferde ausruhen und kräftigen zu lassen, da der Weg hinüber nach Chihuahua ein sehr beschwerlicher ist. Verdoja sollte sich auf der Hacienda del Erina nicht zu lange verweilen und dann schnell seinen Bestimmungsort zu erreichen suchen, wo er im Interesse seines jetzigen Vorgesetzten zu wirken hatte. Beide sprachen lange Zeit heimlich und angelegentlich miteinander. Man sah es ihnen an, daß sie höchst wichtige Sachen besprachen; dann aber schieden sie mit einem einfachen Händedruck voneinander.

Juarez ließ aufsitzen und flog mit seiner Schwadron den Weg zurück, den er heute am Vormittag gekommen war. Er glich einem Rachegeist, der ebenso schnell verschwindet, wie er kommt, immer aber die blutige Spur seines Wirkens hinter sich läßt

13. Kapitel.

Es wogt der Aufruhr durch die Gassen,
Die Höhen leuchten blutig rot;
Es geht durchs Land ein grimmig Hassen,
Und reiche Ernte hält der Tod.

Der Menschheit wild gewordne Scharen
Zieh'n mordend durch den weiten Gau,
Und tausend tückische Gefahren
Wälzt die Empörung durch die Au'.

Das stille Land wird zum Vulkane,
Der weithin sein Verderben speit.
Und die Elemente zum Orkane,
Zertrümmernd alles, weit und breit.

Es war bereits gegen die Zeit der Abenddämmerung, als donnernder Hufschlag das Nahen der Lanzenreiter verkündigte. Nur die Offiziere sollten in dem Haus wohnen, die Mannschaft mußte es sich unter dem freien Himmel so bequem wie möglich machen. Das ist in jenen Breiten nichts Ungewöhnliches und wird nichts weniger als hart empfunden. Die Pferde sind dort halb wild und bedürfen keiner Stallung, und die Menschen führen ein Leben, das es ihnen ganz gleichgültig macht ob sie in einem weichen Bett einer einfachen Hängematte oder auf harter Erde liegen.

Kapitän Verdoja wurde mit seinen Offizieren in den Salon geführt; dann trat nach dem Willkommenstrunk die alte Hermoyes ein, um die Herren nach ihren Zimmern zu führen. Emma Arbellez hatte das Krankenbett des Geliebten verlassen, um diese Zimmer noch einmal zu revidieren, ob sich alles in Ordnung befinde. Sie stand in dem Raum, der dem Kapitän zugewiesen wurde. Sie hörte seine Schritte; es war zu spät, sich zurückzuziehen.

Er öffnete die Tür, um einzutreten, da sah er sie in der Mitte des Zimmers stehen. Sie war vorher bereits schön gewesen, jetzt aber hatte die Sorge um den Geliebten ihren Zügen etwas Bewegt-Inniges aufgeprägt, das den Eindruck ihrer Erscheinung noch um ein Bedeutendes steigerte. Die Sonne sank soeben hinter dem Horizont hinab; ihre letzten Strahlen drangen durch das Fenster herein und umflossen die Gestalt des schönen Mädchens mit einem rosig goldenen Schein. Es war, als ob die Königin des Tages ihre schönsten Strahlen hereinsende, um auf die schwellenden Lippen der Holden einen Abschiedskuß zu drücken. Verdoja blieb überrascht stehen. Das war ein Bild, wie es die Hand des größten Künstlers nicht auf die Leinwand zu werfen vermochte. Er fühlte sich ergriffen und gepackt, aber nicht von jenem reinen, heiligen Gefühl, welches das Schöne liebt und zugleich ehrt, sondern von einer plötzlichen, leidenschaftlichen Empfindung, wie sie dem Herzen eines in Genußsucht und Frivolität versunkenen Menschen eigen ist.

Emma verbeugte sich errötend und bat mit lieblich klingender Stimme:

»Treten Sie näher, Señor! Sie befinden sich in Ihrer Wohnung.«

Er gehorchte dieser Aufforderung und verbeugte sich mit dem Anstand eines gewandten, im Umgang mit dem schönen Geschlecht erfahrenen Kavaliers.

»Ich bin entzückt, meine Wohnung durch die Anwesenheit der Schönheit geweiht zu sehen«, antwortete er, »und bitte um Ihre milde Verzeihung, daß ich diesen Weiheakt durch meine Dazwischenkunft profaniere.«

Sie hatte bereits im Begriff gestanden, ihm nach mexikanischer Sitte die Hand zum Willkommen entgegenzustrecken, jetzt aber zog sie dieselbe wieder zurück. Es lag in seinem Wesen, seinen Worten, in seinem Gesicht etwas, das sie feindselig berührte.

»O bitte, der ganze Weiheakt bestand nur darin, nachzusehen, ob genügend für Ihre Bequemlichkeit gesorgt sei«, sagte sie. – »Ah, so sind Sie also der Schutzgeist des Hauses! Vielleicht gar …?« – »Der Haziendero ist mein Vater«, sagte sie kurz. – »Ich danke, Madonna! Mein Name ist Verdoja; ich bin Hauptmann der Lanzenreiter und fühle mich in diesem Augenblick unendlich glücklich, Ihr kleines, reizendes Händchen küssen zu dürfen.«

Er hatte dabei ihre Hand ergriffen und drückte, ohne daß sie es so schnell zu verhindern vermochte, seine Lippen auf dieselbe. Sie zog die Hand wie erschreckt zurück.

»Erlauben Sie, daß ich Ihr Gebiet Ihnen überlasse«, sagte sie. »Sie werden der Ruhe und Erfrischung bedürfen.«

Sie machte Miene, sich der Tür zu nähern, er aber trat ihr mit einem schnellen Schritt in den Weg.

»Oh, ich bedarf der Ruhe gar nicht«, sagte er, »und mein eigentliches Gebiet ist die Liebe und die Anbetung der Schönheit. Lassen Sie sich nieder, Madonna. Ich sehe Sie erst seit einer Minute, aber ich schmachte danach, hier an Ihrer Seite bleiben zu dürfen.«

Emma geriet in sichtliche Verlegenheit. Dieser Mann war jedenfalls gewöhnt, mit den koketten Damen der Hauptstadt zu verkehren, sie aber fühlte sich einem so selbstbewußten Auftreten gegenüber fast waffenlos.

»O bitte, erlauben Sie!« bat sie. »Ich habe Pflichten zu erfüllen.«

Sein Auge bohrte sich flammend und verlangend in ihr Angesicht Sie antwortete:

»Die vornehmste Pflicht der Wirtin ist, sich dem Gast angenehm zu machen.« – »Und die Pflicht des Gastes ist es, aufmerksam gegen die Wirtin zu sein!« – »Das bin ich, wahrhaftig, das bin ich!« rief er. »Erlauben Sie mir Ihre Hand, und verlassen Sie mich jetzt noch nicht!«

Er griff nach ihrer Hand, sie aber brachte es fertig, in diesem Augenblick an ihm vorüberzuschlüpfen und die Tür zu erreichen.

»Adieu, Señor!« sagte sie, dieselbe öffnend. – »Halt!« rief er. »Ich lasse Sie nicht fort.«

Er griff nach ihr, aber schneller als seine Hand war, huschte sie hinaus und drückte die Tür hinter sich zu. Er stand da und starrte lange Zeit die Tür an.

»Donnerwetter!« meinte er. »Welch eine Schönheit! Es ist mir noch gar nicht so gegangen wie jetzt, daß ich gleich beim ersten Anblick so perfekt verliebt bin. Das wird ein reizendes Quartier. Wäre ich nicht bereits verheiratet so wäre ich vielleicht imstande, hier an dieser wunderbar hübschen Klippe zu scheitern. Aber mein muß sie werden.«

Emma war froh, glücklich entkommen zu sein. Die unlautere Begierde, mit der die Augen dieses wüsten Mannes auf ihr geruht hatten, erschreckte sie, und sie nahm sich vor, seine Nähe so viel wie möglich zu meiden. Sie begab sich von ihm direkt nach dem Krankenzimmer, wo jetzt ihr immerwährender Aufenthalt war.

Dort fand sie Sternau und Helmers, die neben dem Kranken saßen. Der Zustand desselben war ein befriedigender. Die Operation war vortrefflich gelungen, und das Wundfieber machte ihm noch nicht viel zu schaffen. Er besaß sein vollständiges Bewußtsein, wenigstens in diesem Augenblick, und sprach mit dem Arzt der ganz in der Nähe des Bettes saß. Als er die Geliebte bemerkte, breitete sich die Röte der Freude über sein blasses Gesicht.

»Komm her, Emma«, bat er. »Denke Dir, Herr Doktor Sternau behauptet, meine Heimat zu kennen.«

Emma wußte dies bereits, aber sie stellte sich, als ob es ihr neu sei.

»Ah«, sagte sie, »das ist ein sehr glückliches Zusammentreffen.« – »Ja. Meinen Bruder kennt er auch. Er hat ihn vor seiner Abreise gesehen.«

Dieser Bruder saß hinter dem Fenstervorhang; daß er da sei, durfte der Patient noch nicht wissen. Es war notwendig, jede Aufregung, mochte sie nun eine fröhliche oder traurige sein, von ihm fernzuhalten. Er war durch seinen krankhaften Zustand und die darauf folgende Operation so geschwächt, daß er fast stets im Schlaf oder in einem traumhaften Halbwachen lag, und so waren die hellen Augenblicke, wie der gegenwärtige, selten.

Dies zeigte sich auch jetzt. Kaum hatte sich Sternau erhoben und Emma an seiner Stelle Platz genommen, so ergriff der Kranke ihre Hand, lächelte ihr glücklich zu und schloß die Augen. Er pflegte mit ihrer Hand in der seinigen einzuschlafen. Dies tat er auch jetzt.

»Sie hegen keine Befürchtung mehr?« flüsterte da Emma Sternau zu. – »Nein. Diese stets wiederkehrende Ruhe, dieser gesunde Schlaf werden ihn körperlich und geistig schnell kräftigen. Wir haben nichts zu tun, als das Besserungsbestreben der Natur zu unterstützen, indem wir alles Störende von ihm fernhalten. Aber Sie selbst müssen sich auch die nötige Ruhe gönnen, sonst bringt uns die Heilung des einen die Erkrankung des anderen.« – »Oh, ich bin stark, Señor!« sagte sie. »Haben Sie um mich keine Sorge.«

Sternau ging und nahm Helmers mit sich. Sie begaben sich hinab vor das Haus, um das Lagerleben der Soldaten in Augenschein zu nehmen. Dort trafen sie auch Mariano, den die gleiche Absicht herbeigetrieben hatte.

Die Lanzenreiter waren beschäftigt, Holz zu ihren Lagerfeuern herbeizuschaffen. Sie trugen, während die Pferde frei zur Weide gingen, die Sättel zusammen, die als Kopfkissen zu dienen hatten. Arbellez hatte ihnen einen Stier zur Verfügung gestellt, den sie geschlachtet hatten und jetzt bereits zerstückten. Alles das gab ein lebhaftes, bewegtes Bild, dem die Männer eine ganze Weile zuschauten.

Dann kam die Zeit des Nachtmahls. Sie begaben sich nach dem Speisesalon, wo sich auch bald die Offiziere einstellten. Der erste Blick des Hauptmanns oder Rittmeisters flog in der Runde herum, um zu sehen, ob Emma anwesend sei. Verdoja fühlte sich enttäuscht, als er bemerkte, daß sie nicht zugegen war. Die alte, gute Hermoyes mußte ihre Stelle vertreten.

Arbellez stellte die Gäste einander vor. Die mexikanischen Offiziere verhielten sich höflich, aber zurückhaltend gegen die Fremden. So feine Caballeros wie sie brauchten um die Gunst eines Deutschen nicht zu buhlen.

Verdoja beobachtete Sternau, Helmers und Mariano; das waren also die Männer, deren Tod ihm einen Länderbesitz im Wert von über eine Million einzubringen hatte. Sein Auge glitt über Mariano und Helmers schnell fort und blieb auf Sternau haften. Die mächtige Gestalt desselben imponierte ihm. Mit diesem Mann war nicht leicht anzubinden, der war ja ein Riese, stärker als Verdoja selbst. Und welches Selbstbewußtsein in jeder seiner Bewegungen und in jedem der wenigen Worte, die er sprach! Der Rittmeister nahm sich vor, bei diesem Mann sein Heil nur in der List zu suchen.

Im Lauf der Unterhaltung während der Tafel machte Arbellez eine Bemerkung, die der Rittmeister sofort aufgriff.

»Es ist uns nicht nur eine Freude, sondern auch eine Beruhigung, Sie hier zu sehen, Señores«, sagte der Haziendero. »Noch gestern erst drohte uns eine große Gefahr.«

Verdoja kannte diese Gefahr aus seiner Unterredung mit Cortejo, aber er tat doch so, als ob er gar nichts davon wisse.

»Eine Gefahr? Welche war es?« fragte er. – »Wir sollten überfallen werden«, antwortete Arbellez. – »Nicht möglich! Von wem?« – »Von einer Schar von Freibeutern oder Briganten.« – »Dann muß diese Schar eine bedeutende gewesen sein.« – »Über dreißig Mann.« – »Alle Wetter! Wenn sich solche Banden zusammentun, so ist es notwendig, die Zügel fester anzuziehen. Galt es Ihrer Hazienda, oder hatte man es nur auf Personen abgesehen?« – »Eigentlich wohl das letztere, aber da diese Personen sich in meinem Haus in Sicherheit befanden, so plante man, dasselbe zu überfallen, zu zerstören und alles zu töten.« – »Teufel! Darf man erfahren, welche Personen das sind?« – »Gewiß. Es sind die Señores Sternau, Mariano und Helmers.« – »Sonderbar! Wie haben Sie sich der Spitzbuben erwehrt?« – »Unser Señor Sternau hat sie alle niedergeschossen.«

Der Rittmeister blickte überrascht zu dem Genannten hinüber, und auch die anderen Offiziere lächelten überlegen und ungläubig.

»Die ganze Bande?« fragte Verdoja. – »Nur einige wenige ausgenommen.« – »Und das hat Señor Sternau ganz allein fertiggebracht?« – »Ja. Er hatte nur einen Begleiter mit, der vielleicht zwei der Feinde erschossen hat, die anderen kommen alle auf Señor Sternaus Rechnung.« – »Das klingt unglaublich. Dreißig Mann sollten sich so ohne alle Gegenwehr von einem einzigen Mann niederschießen lassen? Ihr irrt!« – »Es ist wahr«, sagte der Haziendero begeistert. »Lassen Sie es sich erzählen.«

Da warf Sternau einen ernsten Blick auf Arbellez und sagte:

»Bitte, lassen wir das. Was geschah, ist keine Heldentat.« – »Es ist eine Heldentat, dreißig Mann zu töten«, sagte der Rittmeister, »und ich hoffe, Señor, daß Sie nichts dagegen haben, daß wir uns diese interessante Tatsache erzählen lassen.«

Sternau zuckte die Schultern und ergab sich in das Unvermeidliche. Pedro Arbellez machte den Berichterstatter, und er erzählte so lebendig, daß die Offiziere mit ihren Blicken bis zu seinem letzten Wort an seinem Mund hingen.

»Kaum glaublich!« rief der Rittmeister. »Señor Sternau, ich gratuliere Ihnen zu einer solchen Tat.« – »Danke«, sagte dieser ziemlich kühl. – »Solche Tapferkeit ist nicht zu verwundern«, meinte Arbellez. »Haben Sie einmal von dem Indianerhäuptling Büffelstirn gehört, Señor Verdoja?« – »Ja. Er ist der König der Büffeljäger.« – »Und kennen Sie vielleicht einen nördlichen Jäger, den man den Fürsten des Felsens nennt?« – »Ja. Er ist der stärkste und verwegenste Jäger, den es geben soll.« – »Nun, Señor Sternau ist dieser Jäger, und Büffelstirn war sein Begleiter nach der Schlucht des Tigers.«

Die Offiziere stießen einen Ruf der Überraschung aus. Sie hatten nicht geahnt, daß sie sich einem so berühmten Mann gegenüber befanden.

»Ist dies wahr, Señor Sternau?« fragte der Rittmeister. – »Ja«, antwortete dieser, »obgleich es mir lieb wäre, meine Person nicht in dieser Weise in den Vordergrund gedrängt zu sehen.«

Verdoja war ein kluger Kombinist. Er sagte sich, dieser Mariano ist die Hauptperson des Geheimnisses, und wenn sich dieser Fürst des Felsens seiner annimmt, so muß das Geheimnis ein wertvolles sein. Er beschloß kurz zu handeln und fragte daher:

»Aber wie kommt es, daß man es gerade auf diese drei Señores abgesehen hat?« – »Das kann ich Ihnen erklären«, antwortete der Haziendero.

Aber ehe er seine Erklärung beginnen konnte, fiel Sternau ein.

»Das ist eine Privatangelegenheit, von der ich nicht glaube, daß sie Señor Verdoja interessieren wird. Brechen wir ab.«

Arbellez nahm diese verdiente Zurechtweisung schweigend entgegen, der Rittmeister gab sich aber nicht zufrieden, sondern fragte:

»Liegt die Schlucht des Tigers weit von hier?« – »Sie ist in einer Stunde zu erreichen«, antwortete Sternau. – »Ich bin begierig, diesen Ort zu sehen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, mich oder uns dorthin zu begleiten, Señor Sternau?« – »Ich stehe zur Verfügung«, antwortete der Gefragte.

Über das Gesicht des Rittmeisters glitt ein Zug der Befriedigung, den er nicht sofort zu beherrschen vermochte. Sternau, gewöhnt, selbst auf das Geringste zu achten, bemerkte dies, es fiel ihm auf; es kam ihm vor, als sei der Rittmeister aus irgendeinem Grund froh, diese Zusage der Begleitung zu erhalten. Er wurde aufmerksam und mißtrauisch, ließ sich aber nichts merken.

»Und wann können wir reiten?« fragte Verdoja. – »Ganz wann es Ihnen beliebt, Señor«, antwortete Sternau. – »So werde ich mir erlauben, Ihnen die Stunde mitzuteilen.«

Damit war dieser Gedanke abgetan und wurde im weiteren Verlauf des Gesprächs auch nicht wieder berührt.

14. Kapitel.

Nach dem Abendmahl begaben sich die Offiziere nach ihren Gemächern. Der eine Leutnant, ein junger Wüstling, legte sich in sein Fenster, um die von dem Wachtfeuer erleuchtete Szenerie zu genießen. Da erblickte er ein weißes Frauengewand, das aus den dunklen Bosketts des Blumengartens emporleuchtete.

»Eine Dame«, dachte er. »Wo Damen sind, da gibt es Abenteuer; da sucht man Liebe und Glück. Ich gehe hinunter.«

Der Mexikaner ist gewöhnt, mit jeder Dame zu tändeln; er findet niemals eine Zurechtweisung, und so machte sich Leutnant Pardero keine Bedenken, ein kleines Abenteuer zu suchen. Die Soldaten hatten den Blumengarten respektiert, sie waren nicht in denselben eingedrungen, und so kam es, daß sich die Dame ganz allein befand. Es war Karja, die Indianerin, die Schwester Büffelstirns.

Sie hatte sich im Garten ergangen, um der Vergangenheit zu gedenken. Sie dachte an Graf Alfonzo, den sie geliebt hatte, und wunderte sich, daß es möglich gewesen war, einem solchen Menschen ihr ganzes Herz zu schenken; jetzt haßte sie ihn. Sie dachte an Bärenherz, den tapferen Häuptling der Apachen, der sie geliebt hatte, und wunderte sich, daß es möglich gewesen war, einem solchen Krieger gegenüber kalt und gleichgültig zu bleiben; jetzt liebte sie ihn. Wie glücklich wäre sie gewesen, ihn einmal wiederzusehen. Aus diesem Sinnen erweckte sie ein leiser Schritt, der in ihrer Nähe erklang. Sie blickte auf und sah den Leutnant. Sie wollte sich entfernen, er aber trat ihr in den Weg und bat mit einer galanten Verbeugung:

»Entfliehen Sie mir nicht, Señorita! Es sollte mir leid tun, wenn ich Sie im Genuß dieser herrlichen Blumendüfte störte.«

Sie blickte ihn forschend an und fragte dann:

»Wen suchen Sie, Señor?«

Es war ziemlich dunkel, aber die Wachtfeuer warfen ihren Schein über die Planken herein, und bei diesem flackernden Licht erblickte er eine schlanke und doch volle Gestalt, die leicht bekleidet war, und ein dunkel gefärbtes Gesicht mit glühenden Augen und einem Lippenpaar, das zum sofortigen Genuß einlud.

»Ich suche niemand«, antwortete er. »Der Abend war so schön, und da trieb es mich in den Garten. Ist der Zutritt zu demselben verboten?« – »Den Gästen des Hauses steht alles offen.« – »Aber Sie werden durch meine Gegenwart gestört, schöne Señorita?« – »Karja läßt sich durch niemand stören«, sagte sie. »Es ist Raum für uns beide in dem Garten.«

Das war ein Wink, sich zu entfernen, aber der Leutnant tat so, als ob er ihn nicht verstanden habe, trat dem Mädchen einen Schritt näher und sagte:

»Karja heißen Sie. Wie kommen Sie auf diese Hazienda?« – »Señorita Emma ist meine Freundin.« – »Wer ist Señorita Emma?« – »Sie sahen sie noch nicht? Sie ist die Tochter von Señor Pedro Arbellez.« – »Haben Sie noch Verwandte hier?« fragte er als ein gewandter Verführer, der stets wissen muß, ob er die Rache eines Verwandten zu fürchten hat. – »Büffelstirn ist mein Bruder.« – »Ah«, sagte er, sehr unangenehm berührt, »Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas?« – »Ja«, antwortete sie in einem selbstbewußten Ton. – »Befindet er sich gegenwärtig auf der Hazienda?« – »Nein.« – »Aber er war doch gestern hier. Er ist mit Señor Sternau nach der Schlucht des Tigers gegangen und hat dort am Kampf mit teilgenommen?« – »Er ist ein freier Mann; er geht und kommt, wie es ihm gefällt, und sagt keinem Menschen, was er tut.« – »Ich habe viel Rühmliches von ihm gehört. Er ist der König der Ciboleros, der Büffeljäger, aber daß er eine so schöne Schwester hat, das wußte ich nicht.«

Er ergriff die Hand der Indianerin, um auf dieselbe einen Kuß zu drücken, aber ehe dies geschehen konnte, entzog sie sie ihm und sagte, sich abwendend:

»Gute Nacht, Señor.«

Jetzt hatte er sie im Profil vor sich. Gerade in diesem Augenblick flackerte eines der Wachtfeuer hoch auf, und diese Flamme beleuchtete hell die weichen, reinen Linien des dunklen Gesichts der schönen Indianerin. Der Leutnant trat hastig einen Schritt näher und versuchte, den Arm um ihre Taille zu legen.

»Fliehen Sie nicht, Señorita«, bat er, »ich bin ja nicht Ihr Feind!«

Sie schob seinen Arm von sich, aber so kurz die Berührung gewesen war, hatte er doch bemerkt, daß sie nach Art der Indianerinnen nur ein einziges Gewand trug, das hemdartig bis auf die Knöchel herabfließend ihren Körper umschloß.

Er faßte jetzt mit festem Griff ihre Hand und sagte:

»Ich lasse Sie nicht gehen, Señorita, ich liebe Sie!«

Sie ließ ihm ihre Hand, aber er fühlte, daß alle Wärme aus derselben wich.

»Sie lieben mich?« fragte sie. »Wie ist das möglich? Sie kennen mich ja nicht!« – »Ich kenne Sie nicht, meinen Sie? Sie irren. Die Liebe kommt wie der Blitz vom Himmel herab, wie die Sternschnuppe, die plötzlich leuchtet, so ist sie bei mir gekommen, und wen man liebt, den kennt man.« – »Ja, die Liebe der Weißen kommt wie der Blitz, der alles vernichtet, und wie die Sternschnuppe, die in einem einzigen Augenblick kommt und vergeht. Die Liebe der Weißen ist das Verderben, ist Untreue und Falschheit.«

Sie entzog ihm die Hand und wandte sich zum Gehen. Da legte er den Arm um sie und versuchte, sie an sich zu ziehen. Aber es war, als ob ihre Gestalt dadurch nur an Höhe und Kraft gewinne, und ihre schwarzen Augen glühten ihm entgegen, so wild und drohend wie die Augen eines Panthers.

»Was wollen Sie?« fragte sie im strengsten Ton. – »Was ich will?« fragte er. »Dich lieben, dich umarmen und küssen!«

Er zog sie näher an sich und bog sich zu ihr nieder, um sie zu küssen.

Da entzog sie sich ihm mit einer schlangengleichen Bewegung und sagte:

»Lassen Sie mich! Wer gibt Ihnen die Erlaubnis, mich zu berühren?« – »Meine Liebe gibt mir sie.«

Er faßte sie von neuem, er preßte sie an sich. Sie bog den Kopf zurück und versuchte, sich von ihm loszureißen.

»Weg, fort von mir!« sagte sie. »Sonst …« – »Was sonst?« fragte er. »Ich liebe dich, ich muß dich küssen um jeden Preis!«

Er hatte seinen Mund bereits an ihren Lippen, da gelang es ihr, sich den rechten Arm frei zu machen, und sofort stieß sie ihm die geballte Faust mit solcher Gewalt unter das Kinn, daß ihm der Kopf nach hinten flog, als ob er das Genick gebrochen hätte.

»Donnerwetter!« fluchte er. »Warte, du Teufel! Das sollst du mir entgelten!«

Er hatte sie unwillkürlich fahrenlassen und wollte sie nun wieder ergreifen, aber sie flog schnell über den Sandweg dahin, dem Eingang des Gartens zu. Er eilte ihr nach.

Auch der Rittmeister hatte sein Fenster geöffnet, um dem Duft seiner Zigarette freien Abzug zu verschaffen. Er schritt sinnend in seinem Zimmer auf und ab und trat dabei einmal an das geöffnete Fenster. Sein blick fiel zufällig in den Garten hinab und wurde durch das weißglänzende Gewand gefesselt. Er strengte seine Augen mehr an und bemerkte, daß eine männliche Person neben der Frauengestalt stand.

»Donnerwetter, wer ist das?« fragte er sich. »Ist das die Hazienderita? Und wer ist der Kerl bei ihr? Wenn sie bereits eine Liebschaft hat, so darf ich mich nicht wundern, daß sie spröde gegen mich ist. Ich werde den Menschen kennenlernen.«

Er eilte nach der Tür und begab sich in den Garten hinab. Eben als er die Pforte desselben geöffnet hatte und im Begriff stand, einzutreten, kam die weiße Gestalt auf ihn zugeflogen, ohne ihn in der Eile der Flucht zu bemerken.

»Ah, Señorita«, sagte er.

Da erst gewahrte sie ihn und blieb stehen. Sofort hatte er sie erfaßt und wollte sie an sich drücken. Da holte sie aus und stieß ihm, gerade wie vorher dem Leutnant, die Faust an die Gurgel, so daß er sie fahren ließ und zurückflog.

»Alle Teufel!« rief er. »Wer ist diese Katze?«

In diesem Augenblick kam der Leutnant nachgesprungen und wollte, auch ohne ihn zu bemerken, an ihm vorüber.

»Leutnant Pardero!« sagte er. »Ihr seid es? Wohin so schnell?«

Bei diesem Zuruf blieb Pardero stehen und sagte:

»Ah, Kapitän, Sie sind es? Ist Ihnen diese kleine Hexe begegnet?« – »Allerdings. Ich habe sie nicht nur gesehen, sondern auch gefühlt!« – »Gefühlt?« fragte der Leutnant. – »Ja, leider!« lautete die Antwort. – »Sie sind wohl mit ihr zusammengestoßen?« – »Ja, das heißt, ihre Faust ist mit meiner Kehle zusammengestoßen.« – »Verdammt. So haben Sie sie küssen wollen, gerade wie ich?« – »Möglich! Gerade wie Sie? Ah, Sie verraten sich!« – »Meinetwegen!« – »Und wie schmeckte der Kuß?« – »Verteufelt gesalzen; ich hatte den Stoß viel eher als den Kuß!« – »Aber den Kuß doch auch?« – »Nein. Der Teufel mag küssen, wenn einem der Kopf ins Genick getrieben wird.« – »Gerade wie bei mir«, lachte der Rittmeister. – »Das tröstet mich!« lachte nun auch der Leutnant. – »Aber, Pardero, Sie gehen auf schlimmen Wegen. Vergilt man die Gastfreundschaft auf diese Weise?« – »Pah! Was hat denn Sie in den Garten getrieben?« – »Nur allein der schöne Abend.« – »Das machen Sie mir nicht weis. Ich wette, daß es Ihnen gerade so wie mir gegangen ist.« – »Nun, wie?« – »Sie sahen zum Fenster heraus…« – »Zugegeben.« – »Erblickten ein weißes Frauenkleid …« – »Auch das.« – »Gedachten sich einen Kuß zu holen oder etwas dergleichen…« – »Eingestanden.« – »Und gingen herab in den Garten.« – »Auch das hat Ihr bekannter Scharfsinn erraten.« – »So haben wir also ganz dieselbe Absicht gehabt und auch ganz denselben Erfolg errungen«, lachte der Leutnant.

Der Rittmeister war der Vorgesetzte, aber in Mexiko sind die Dienstverhältnisse andere als in Deutschland. Übrigens befanden sich beide jetzt nicht im Dienst, und, was die Hauptsache war, sie waren Freunde, sie kannten sich und pflegten sich bei ihren kleinen und großen Abenteuern zu unterstützen. Daher kam es, daß sie jetzt so ohne alle Reserve miteinander sprachen und einander auslachten.

»Wer war denn die Kleine?« fragte der Rittmeister. – »Sie heißt Karja und ist eine Indianerin.« – »Und so spröde. Sie schien reizend zu sein.« – »Außerordentlich. Man könnte dieses Mädchens wegen recht gut irgend jemand umbringen. Ich war ganz Feuer und Flamme.« – »Und sie ganz Eis und Schnee.« – »Leider. Aber ich hoffe, dieses Eis zum Schmelzen zu bringen.« – »Was tut sie denn hier in der Hazienda?« – »Sie scheint eine Gesellschafterin der Tochter des Hauses zu sein.« – »Der Tochter? Also von Señorita Emma?« – »Ja. Kennen Sie diese Emma?« – »Ja.« – »Caramba! Welch ein Glück! Ist sie schön?« – »Schöner noch als diese Karja, weit schöner!« – »Das will viel sagen. Vielleicht auch freundlicher?« – »Ich habe das nicht gefunden. Dieses Haus scheint sehr klösterlich gesinnte Bewohner zu haben. Ich werde Ihnen einen Vorschlag machen, Pardero.« – »Ich höre.« – »Sie wollen diese kleine Indianerin?« – »Um jeden Preis. Und sie diese kleine Señorita Emma?« – »Auch um jeden Preis. Helfen wir uns!« – »Versteht sich! Hier meine Hand.« – »Topp! Da gilt es zunächst zu erfahren, ob die Herzen dieser keuschen Dianen bereits engagiert sind. Es scheint so, nach der Kälte, die wir verspürt haben.« – »Vielleicht ist uns dieser Sternau zuvorgekommen. Er ist ein sehr schöner Mann, der wohl hundert Mädchen die Köpfe verdrehen könnte.« – »Ich meine dies nicht, eher erscheint mir dieser Mariano verdächtig. Haben Sie nicht bemerkt, daß ihn der Haziendero so auf eine stille, unauffällige, feine Weise auszuzeichnen sucht? Es ist fast, als ob er der Höhere von den dreien sei.« – »Ich hatte keine Veranlassung, so scharf zu beobachten. Erlauben Sie mir, schlafen zu gehen. Dieses Mädchen hat eine Faust wie ein indianischer Athlet; man sollte es ihren kleinen weichen Händchen gar nicht anfühlen. Mein Genick schmerzt und ist mir so steif geworden, als ob es aus Holz gedrechselt sei. Der Teufel hole die Liebe, die ihre Stärke und Innigkeit mit der Faust beweist.« – »So schlafen Sie aus, Leutnant. Morgen erneuern wir den Angriff, und ich denke doch, daß es uns gelingen wird, Bresche zu schießen. Gute Nacht!« – »Gute Nacht, Señor Verdoja.«

15. Kapitel.

Pardero ging, der Rittmeister aber verweilte sich noch im Garten, bis seine Uhr die Nähe der zwölften Stunde zeigte. Dann tat er, als ob er die Runde mache, und versuchte dabei, unbeobachtet an die südliche Ecke der Umzäunung zu kommen. Dies war ja der Ort, wohin er den Briganten bestellt hatte.

Dieser war bereits eingetroffen, er hatte sich im tiefsten Schatten so eng niedergehockt, daß ihn niemand sehen konnte, auch der Rittmeister nicht.

»Señor!« flüsterte er, als Verdoja an ihm vorüberschleichen wollte. – »Ah, bist du es?« fragte der Angeredete, indem er stehenblieb. – »Ja, Sie sehen, daß ich pünktlich bin.« – »Das habe ich erwartet. Wo sind deine Gefährten?« – »In der Nähe.« – »Man wird sie doch nicht bemerken?« – »Tragen Sie keine Sorge. Nun, was haben Sie uns zu befehlen?« – »Kennst du diesen Sternau persönlich?« – »Nein.« – »Keiner von euch kennt ihn?« – »Keiner.« – »Das ist unbequem. Er reitet mit mir nach der Schlucht des Tigers.« – »Und wir sollen ihn dort erwarten?« – »Erwarten und niederschießen.« – »Das werden wir tun, bei der heiligen Mutter Gottes, wir werden es tun. Er hat unsere Kameraden getötet, er muß auch sterben, er und die anderen.« – »Aber ihr kennt ihn nicht. Ich weiß noch nicht, wer uns begleitet. Ich kann nicht allein mit ihm reiten und werde wohl einige meiner Leute mitnehmen. Vielleicht gehen noch andere mit. Welch ein Zeichen soll ich dir geben, um ihn zu erkennen?« – »Beschreiben Sie mir ihn!« – »Er ist wohl noch länger und stärker gebaut als ich und trägt einen blonden Vollbart. Was für Kleider er tragen und welch ein Pferd er reiten wird, das weiß ich heute natürlich noch nicht.« – »Nun gut, so wollen wir ein Zeichen bestimmen, an welchem ich ihn erkenne. Halten Sie sich womöglich stets an seiner rechten Seite.« – »Wird das genügen?« – »Vollständig. Aber was wird mit den anderen beiden?« – »Ich liefere sie euch bei einer anderen Gelegenheit. Hauptsache ist, daß du in jeder Mitternacht dich hier einfindest Wir können uns besprechen. Für jetzt aber trennen wir uns. Man könnte uns bemerken.«

Er ging, legte sich schlafen und schlief sehr ruhig; der soeben besprochene Mordanschlag lag ihm nicht im mindesten auf dem Gewissen.

Am anderen Morgen brachte er beim ersten Frühstück, das gemeinschaftlich eingenommen wurde, die Rede auf den beabsichtigten Ritt nach der Schlucht des Tigers. Er hielt es für zweckmäßig, den Morgen dazu zu verwenden, und Sternau erklärte sich bereit dazu. Die beiden Leutnants baten, mitkommen zu dürfen, was ihnen bereitwilligst zugestanden wurde. Von den anderen nahm keiner teil, da ihnen die Offiziere unsympathisch waren.

Das hatte der Rittmeister gewünscht. Sternau war der einzige Zivilist, der bei ihnen war, und so konnte keine Verwechslung vorkommen, die Kugel mußte ihn treffen. Als sie zu Pferd die Hazienda verließen, hatte der Deutsche nicht die entfernteste Ahnung, daß er dem Tod verfallen sei.

Sie ritten ganz denselben Weg, den Sternau mit Büffelstirn gegangen war. Er machte natürlich den Führer. Im Wald wurde abgestiegen, da man die Pferde stellenweise führen mußte. So näherten sie sich der Schlucht. Als man den Eingang zu derselben fast erreicht hatte, blieb Sternau stehen.

»Lassen wir die Pferde hier«, sagte er. »Sie mögen bis zu unserer Rückkehr weiden.«

Die anderen taten mit, und so schritt man ohne die Tiere weiter.

Sternau hatte keine andere Waffe als seinen Stutzen mit, nur das Messer stak ihm noch im Gürtel. Als sie den Eingang der Schlucht erreichten, blieb er plötzlich stehen und blickte nieder, um das Gras zu betrachten.

»Was suchen Sie?« fragte der Rittmeister. – »Hm, gehen wir weiter.«

Mehr sagte Sternau nicht, aber sein Auge haftete nur am Boden.

Als man die Schlucht erreichte, hielt sich der Rittmeister an seiner Seite. Er suchte mit seinen Blicken die beiden Seitenwände und die Ränder der Schlucht ab, jeden Augenblick konnte der tödliche Schuß fallen, es waren Minuten der peinlichsten Erwartung.

Auf der Sohle des Tales lagen die Toten, wie man sie bei der Plünderung hingeworfen hatte, man konnte bereits den Verwesungsgeruch verspüren.

»Also hier war es, Señor?« fragte der Rittmeister. – »Ja«, antwortete Sternau. – »Und diese Leichen sind Ihr Werk, außer zweien?« – »Man zählt solche Dinge nicht genau. Bemerken Sie, daß alle durch den Kopf getroffen sind?« – »Wirklich!«

Sie betrachteten die Leichen und sahen, daß eine jede ganz genau an demselben Punkt der Stirn getroffen war. Bei dieser Betrachtung gewahrten sie nicht, daß Sternau sich mehr bückte, als notwendig war, und daß er hinter ihren Körpern sehr sorgfältig Deckung suchte. Auch sahen sie nicht, daß seine Blicke verstohlen rechts und links an den Seiten der Schlucht emporblitzten.

»Das ist viel«, meinte der Rittmeister. »Sie sind wirklich ein großer Schütze, Señor. Man hat noch nie gehört, daß ein einziger Mann in der Zeit von zwei Minuten gegen dreißig Feinde erschießt.«

Sternau zuckte geringschätzig die Schultern.

»Ja, so ein Henrystutzen ist eine fürchterliche Waffe«, entgegnete er. »Aber es gehört auch etwas dazu, diese Waffe im geeigneten Augenblick zu gebrauchen. Dreißig sichtbare Feinde sind leichter zu erlegen als ein unsichtbarer.« – »Ein solcher dürfte wohl gar nicht zu erlegen sein«, meinte Leutnant Pardero. – »Ein guter Schütze erlegt auch ihn«, lächelte Sternau, indem er sich noch immer hinter den Körpern der anderen hielt. – »Das ist unmöglich!« versetzte der Rittmeister. – »Soll ich Ihnen die Möglichkeit beweisen?« – »Tun Sie es«, meinte der Leutnant neugierig. – »So frage ich Sie, ob Sie glauben, daß sich hier ein einziger Feind befindet.« – »Wer sollte das sein, und wo sollte er stecken?«

Sternau lächelte überlegen und erwiderte:

»Und dennoch lauert man mir hier auf, um mich zu erschießen.«

Er hatte bei diesen Worten seinen Stutzen schon längst von der Schulter genommen und hielt ihn unter dem Arm. Der Rittmeister erschrak. Woher wußte Sternau; daß man sein Leben bedrohte?

»Sie belieben zu scherzen, Señor Sternau«, sagte der Offizier. – »Ich werde Ihnen beweisen, daß es ernst ist.«

Mit diesen Worten riß Sternau den Stutzen empor, zielte und drückte zweimal ab. Ein mehrmaliger Schrei erscholl vom Rand der Schlucht herunter. Sternau aber sprang nach der Seite dieses Randes hinüber und schnellte dann in mächtigen Sätzen, von den Büschen gedeckt, dem Ausgang der Schlucht zu, hinter dem er verschwand. Von seinem ersten Schuß an bis zu diesem Augenblick war nicht eine Minute vergangen.

»Was war das?« rief Pardero. – »Er hat einen Menschen getötet«, antwortete der andere Leutnant. – »Ein fürchterlicher Kerl!« stieß der Rittmeister hervor.

Er konnte nichts anderes sagen.

»Wir stehen in Gefahr, wir müssen uns zurückziehen«, rief Pardero.

Sie retirierten nun nach dem Eingang der Schlucht und warteten. Nach einer Weile ertönten ganz oben noch zwei Schüsse, dann blieb es längere Zeit still. So verging wohl eine Viertelstunde, da raschelte es hart neben ihnen in den Büschen, so daß sie erschrocken hinblicken und zu den Waffen griffen.

»Fürchten Sie sich nicht, Señores«, klang es ihnen entgegen. »Ich bin es.«

Es war Sternau, der hervortrat.

»Señor, was war das, was haben Sie getan?« fragte der Leutnant. – »Geschossen habe ich«, lachte der Gefragte. – »Das wissen wir. Aber warum?« – »Aus Notwehr, denn ich war es, der erschossen werden sollte.« – »Unmöglich! Wer sollte das sein! Woher wissen Sie das?« – »Meine Augen sagten es mir.« – »Und wir haben nichts bemerkt.« – »Das ist Ihnen nicht zu verdenken, denn Sie sind keine Präriemänner. Der Herr Rittmeister bemerkte, daß ich vorhin das Gras betrachtete. Ich sah die Fußspuren von Menschen, die vor einer Viertelstunde hier waren, sie führten da rechts empor. Hier, blicken Sie her, sie sind noch zu sehen.«

Er deutete auf den Boden nieder. Die Offiziere gaben sich alle Mühe, konnten aber nicht das mindeste erkennen.

»Ja, es gehört ein geübtes Auge dazu«, lachte Sternau. »Nun weiter! Weil die Spuren rechts nach der Höhe führen, suchte ich nach unserem Eintritt in die Schlucht den Rand derselben ab, und da bemerkte ich denn einige Männerköpfe, die, hinter dem dort stehenden Buschwerk versteckt, uns beobachteten. Sie konnten nicht sehen, daß ich sie beobachtete, da meine Augen sich im Schatten meiner Hutkrempe befanden.« – »Wie konnten Sie wissen, daß es Feinde waren?« fragte der Rittmeister. – »Weil sie ihre Büchsen durch die Sträucher steckten, als wir in die Schlucht eindrangen. Ich sah ganz deutlich zwei Läufe auf uns gerichtet« – »Caramba!« fluchte Leutnant Pardero, der keine Ahnung von dem Zusammenhang hatte. »Das konnte auch uns gelten anstatt Ihnen.« – »Nein, das galt mir. Ich weiß, daß ich Veranlassung habe, auf meiner Hut zu sein, darum versteckte ich mich, je weiter wir gingen, immer hinter dem Körper des Herrn Rittmeisters. Wer mich schießen wollte, mußte erst ihn treffen.«

Der Rittmeister sperrte den Mund auf.

»Donnerwetter«, meinte er endlich, »so bin eigentlich ich es gewesen, der sich in Lebensgefahr befunden hat.« – »Allerdings«, lachte Sternau. »Es ist mir dabei sehr auffällig, daß diese Männer den Schild, als der Sie mir dienten, so sorgfältig respektiert haben.«

Diese Bemerkung verursachte dem Rittmeister doch einiges Bedenken. Ahnte dieser Sternau vielleicht den Zusammenhang?

Letzterer fuhr fort:

»Übrigens wurde es mir sehr leicht, mich zu decken, die Büchsen blickten von rechts herab, und der Herr Rittmeister hatte die Güte, sich mit einer gewissen Anstrengung stets auch an meiner rechten Seite zu halten.«

Der Rittmeister erbleichte. Jetzt war kein Zweifel übrig, daß er durchschaut war. Sternau ahnte, wer an dem Überfall Schuld trug. Er fuhr fort:

»Sie sahen die Gewehre nicht. Ich aber weiß ganz genau, in welcher Richtung von der Mündung einer Büchse der Kopf des Zielenden zu suchen ist. Als ich meine beiden Schüsse abfeuerte, traf ich zwei Männer gerade in den Kopf. In demselben Augenblick aber fuhren neben ihnen noch zwei Büchsen durch die Sträucher, darum sprang ich nach rechts hinüber, wo ich Deckung fand, und eilte dem Ausgang zu. Die Burschen hatten ihre Position sehr schlecht gewählt, sie verdienen Ohrfeigen für ihre Dummheit.« – »Und wo gingen Sie dann hin?« fragte der Rittmeister. – »Ich pirschte mich so eilig wie möglich hinauf, um den Leuten in den Rücken zu kommen. Aber als ich an den Ort gelangte, waren sie so klug gewesen, sich davonzumachen. Ich hörte noch von weitem die Büsche knacken und schickte ihnen aufs Geratewohl zwei Kugeln nach.« – »Und die Toten?« – »Sie liegen oben. Wollen Sie sie sehen?« – »Ja.« – »So kommen Sie. Ihre Kameraden haben ihnen nur die Waffen und das Geld abgenommen, das übrige werden wir noch finden.«

Sie folgten dem mutigen Mann am Rand der Schlucht empor und fanden dort oben wirklich zwei Männer liegen, die beide durch den Kopf geschossen waren. Der Rittmeister erkannte mit Befriedigung, daß der Anführer, mit dem er um Mitternacht gesprochen hatte, und den er heute um dieselbe Zeit wieder erwartete, nicht dabei war.

»Señor, Sie wagten viel, als Sie die Gewehre auf sich gerichtet sahen und dennoch mit uns gingen«, sagte der zweite Leutnant. – »Ich wagte wenig. Aber diese Toten wagten viel, daß sie mich ihre Läufe sehen ließen, ehe sie zum Schuß kamen. Ein erfahrener Westmann tut das nie.« – »Was tun wir mit den Leichen?« – »Nichts, sie mögen bei den anderen liegen, zu denen sie gehören. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß diese beiden Menschen gestern mit einem gewissen Cortejo in El Oro gewesen sind. Sie selbst kamen ja wohl von dort her?«

Sternau sagte dies in einem scheinbar gleichgültigen Ton, aber der Rittmeister hörte aus demselben doch die Spur einer Anklage heraus.

»Ja, ein gewisser Cortejo kam zu Juarez, als wir gerade zur Tafel saßen«, entgegnete der zweite Leutnant unbefangen und ahnungslos.

Der Rittmeister warf ihm einen wütenden Blick zu, der aber nicht bemerkt wurde.

»Waren Leute bei ihm?« fragte Sternau. – »Ja. Fünf oder sechs.« – »Gehörten diese beiden hier zu ihnen?« – »Ich habe sie nicht so genau angesehen, aber es ist mir so, als hätte ich sie bemerkt. Der Herr Rittmeister kann vielleicht nähere Auskunft erteilen.« – »Warum der Herr Rittmeister?« – »Weil jener Cortejo bei ihm geherbergt hat.«

Ein zweiter wütender Blick traf den Sprecher, wurde aber von ihm ebensowenig bemerkt wie der erste. Nur Sternau fing ihn auf, ließ sich aber nichts merken und sagte ruhig:

»Ich glaube nicht, daß ich von Señor Verdoja Auskunft erhalten werde. Übrigens ist ja die Sache abgemacht. Diese beiden Kerle haben ihren Lohn und mögen nun da verwesen, wo ihre Kameraden verfaulen.«

Er stieß die Leichen über den Rand der Schlucht so daß sie den steilen Abhang hinabstürzten und unten halb zerschmettert liegenblieben. Nun kehrten die vier Männer nach dem Ort zurück, wo sie ihre Pferde stehengelassen hatten. Sie fanden dieselben ruhig weidend, stiegen auf und traten den Heimritt an. Während des Rittes wurde von Sternau kein Wort gesprochen; auch der Rittmeister verhielt sich vollständig schweigsam, und nur die beiden Leutnants plauderten halblaut miteinander. Sternau war der Gegenstand des Gesprächs. Sein Mut, seine Geistesgegenwart und Geschicklichkeit wurden von ihnen mit Bewunderung besprochen, und noch waren sie keine Stunde lang zu Hause, so wußten sämtliche Soldaten von dem Abenteuer, das ihre Offiziere mit dem kühnen Deutschen erlebt hatten.

Die Bewohner der Hazienda erfuhren es natürlich auch, und es wurde von ihnen auf verschiedene Weise aufgenommen. Während der eine nur das Verhalten Sternaus pries, hob der andere hervor, daß man sich nun wohl sicher fühlen könne, und ein dritter bedauerte, daß nur zwei getötet worden seien und nicht auch die anderen mit.

Da Sternau sich von dem Rittmeister beobachtet wußte, so hielt er sich von allem Verkehr fern und machte auch während der Mittagsmahlzeit über sein heutiges Erlebnis nur einige allgemeine Bemerkungen. Als aber am Nachmittag Verdoja einen Spazierritt unternahm, ließ er den Haziendero und die Freunde zu sich kommen und teilte ihnen seinen Verdacht mit.

Sie glaubten anfangs, daß er sich getäuscht habe, schenkten später aber doch seinen Gründen einigermaßen Glauben und beschlossen, den Rittmeister genau zu beobachten und sich möglichst vor ihm in acht zu nehmen.

16. Kapitel.

Der Abend verging wie der gestrige, nur daß die Indianerin sich hütete, in den Garten zu gehen. Als der Rittmeister sich mit einem gute Nacht empfahl, ging Sternau scheinbar auch schlafen, kehrte aber auf der Treppe um und begab sich in eines der Gemächer, die im Parterre neben dem Hausflur lagen.

Wenn der Rittmeister mit dem Mordgesindel in Beziehung stand, so war es klar, daß er nur des Nachts mit diesen Leuten verkehren konnte; daher hatte Sternau beschlossen, sich auf die Lauer zu legen. Die hintere Tür war verschlossen, und da infolgedessen das Haus nur durch die vordere verlassen werden konnte, so mußte Sternau den Rittmeister, sobald dieser einen heimlichen Weg antrat, unbedingt bemerken.

Er öffnete den einen Flügel seines Fensters ein wenig, um besser hören zu können, und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Es kam ihm der Gedanke an die Heimat und an sein schönes Weib, aber er drängte diese Vorstellung zurück, da er seine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu konzentrieren hatte. So saß er lange mit scharf wachenden Sinnen, bis Mitternacht nahe war.

Da kam es ihm vor, als ob er ein Geräusch vernehme, das sich im Flur hören ließ. Er horchte mit doppeltem Fleiß und hörte die vordere Tür, neben der sein Fenster lag, leise öffnen. Ein scharfer Blick durch das Fenster zeigte ihm die Gestalt des Rittmeisters, der behutsam das Haus verließ und nach dem Tor schritt. Dasselbe war nicht verschlossen, da die Gegenwart der Lanzenreiter mehr als genug Schutz und Sicherheit bot Man mußte es offenlassen, damit Mannschaft und Offiziere auch des Abends und Nachts miteinander verkehren konnten. Der Rittmeister trat in das Freie hinaus.

Sternau sprang durch sein Fenster, dessen Flügel er wieder anlehnte, und folgte ihm, aber nicht hinaus in das Freie, sondern nur bis an die Palisaden, die den Hof umschlossen. Über dieselben hinweg konnte er in das Freie blicken und so den Rittmeister sehen, wie er von Feuer zu Feuer ging, um die Wachen zu inspizieren. Wie dieser draußen ging, so folgte ihm Sternau im Inneren des Hofes.

Bei einem zufälligen Rückblick auf das Gebäude bemerkte Sternau oben auf dem platten Dach desselben eine Gestalt, die langsam auf und nieder schritt. Er konnte ihre Züge nicht erkennen, aber er wußte, daß es Emma sei, der er heute ernstlich anbefohlen hatte, frische Luft zu genießen, da sie sonst sich am Krankenbett zu sehr anstrenge. Des Tages wollte sie mit dem Militär nicht in Berührung kommen, und so zog sie es vor, jetzt, da der Geliebte schlief, sich auf dem Dach des Hauses zu ergehen.

Der Rittmeister hatte das ganze Lager durchschritten und hätte nun zurückkehren müssen, aber er huschte nach der südlichen Ecke des Hauses zu.

Was wollte er dort? Warum schritt er nicht laut, wie ein ehrlicher Spaziergänger? Sternau folgte ihm von innen mit unhörbaren Schritten und kam so an die Stelle, wo draußen vor den Planken die beiden miteinander sprachen. Er hörte eine fremde Stimme sagen:

»Sie selbst waren uns im Weg. Wir hätten ja Sie getroffen!« – »Warum postiertet ihr euch nicht auf die linke Seite?« – »Das blieb sich gleich. Wer denkt, daß dieser Mensch so scharfsinnig ist!« – »Es scheint fast, als ob er allwissend sei. Ich kann für den Augenblick nicht gleich einen neuen Plan entwerfen, sondern muß erst abwarten und beobachten. Zudem ist es möglich, daß dieser Señor Sternau mich beobachtet, darum dürfen wir uns hier nicht wieder treffen.« – »Wo denn?« – »Hast du Papier und Blei?« – »Nein.« – »Aber schreiben und lesen kannst du?« – »Ja.« – »Hier hast du einige Bogen und auch eine Bleifeder, die ich dir mitgebracht habe. Wenn man von hier nach der Schlucht des Tigers geht und an den Wald kommt, liegt zwischen den ersten Bäumen ein nicht zu großer Stein. Dorthin werde ich euch des Vormittags oder wenn es paßt eure Instruktion stecken, sie wird unter dem Stein liegen. Und habt ihr mir eine Antwort zu geben, so werde ich sie an demselben Ort finden. Hast du verstanden?« – »Ja; man braucht kein Gelehrter zu sein, um es zu begreifen. Aber sagen Sie, Señor, was ist das für eine Gestalt, die dort oben hin- und herläuft?« – »Wo?« – »Auf dem Dach.« – »Ich habe sie noch gar nicht bemerkt. Ah, das ist Emma, die Tochter des Haziendero. Ich werde ihr ein wenig Gesellschaft leisten. Hast du sonst vielleicht noch etwas zu fragen?« – »Nein.« – »So gehe. Aber das merke dir: Wenn ihr euch abermals so ungeschickt benehmt wie heute morgen, so ist es aus mit unserem Geschäft. Ich kann keine Dummköpfe gebrauchen. Gute Nacht.«

Als Sternau die beiden letzten Worte hörte, schlüpfte er schleunigst zurück, stieg durch das Fenster wieder ein und verschloß dasselbe. Er hatte genug erfahren. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, dieser Rittmeister war als Todfeind zu betrachten; er war von Cortejo beauftragt worden und tat nun sein möglichstes, diesen Auftrag zu erfüllen.

Ein Glück war es, daß Sternau das Versteck der Korrespondenz erfahren hatte, denn nun konnte er leicht die Machinationen seiner Feinde durchkreuzen. Aber was wollte der Rittmeister jetzt droben auf dem Dach? War das nur eine leichtsinnige Bemerkung gewesen, oder war es ihm Ernst, Emma aufzusuchen? Das mußte abgewartet werden.

Sternau sah bald seinen Gegner durch das Tor zurückkehren; er hörte ihn durch den Hausflur eintreten und dann leise, ganz leise die Treppe ersteigen. Nach einigen Minuten öffnete auch er die Tür seines Zimmers geräuschlos und folgte dem Offizier. Mit unhörbaren Schritten stieg er langsam die erste und zweite Treppe empor, welche letztere auf das platte Dach mittels einer leiterähnlichen Fortsetzung führte. Man trat durch eine Falltür hinaus.

Als Sternau diese letztere erreichte, fand er sie offen. Er steckte vorsichtig den Kopf hindurch und erblickte Emma und den Rittmeister, die ganz in der Nähe standen.

»Sie wollen mich wirklich fliehen, Señorita?« fragte soeben der letztere. – »Ich muß fort«, antwortete Emma mit einer Bewegung nach der Tür.

Sternau sah, daß der Rittmeister sie bei der Hand gefaßt hatte und daran festhielt.

»Nein, Sie werden bleiben, Señorita«, entgegnete der Offizier. »Sie werden bleiben und anhören, was ich Ihnen zu sagen habe von meinem vollen Herzen, von meiner unendlichen Liebe und von meinem glühenden Verlangen, Sie an meine Brust zu drücken. Kommen Sie, Emma, sträuben Sie sich nicht, denn dies würde vergeblich sein!« – »Ich bitte inständigst, lassen Sie mich gehen, Señor!« bat sie in einem Ton, der die Größe ihrer Herzensangst erkennen ließ. – »Nein, ich lasse Sie nicht. Ich muß Ihre Lippen küssen.«

Er versuchte sie an sich zu ziehen, sie wehrte sich vergeblich und sagte verzweifelnd:

»Mein Gott, soll ich denn um Hilfe rufen!«

Mit einem raschen Schwung stand da auf einmal Sternau neben ihnen.

»Nein, Señorita, das brauchen Sie nicht, die Hilfe ist schon da. Wenn Señor Verdoja nicht sofort Ihre Hand freigibt, fliegt er vom Dach hinab in den Hof!« – »Ah, Señor Sternau!« stammelte sie erleichtert. »Helfen Sie mir!« – »Sternau!« knirschte der Rittmeister. – »Ja, ich bin es. Lassen Sie die Dame los!«

Da legte der Offizier nun erst recht seinen Arm um sie und fragte:

»Was wollen Sie hier? Was haben Sie mir zu befehlen? Packen Sie sich, Unverschämter!«

Er hatte dieses Wort kaum ausgesprochen, so sauste die Faust Sternaus durch die Luft, ein fürchterlicher Schlag traf Verdojas Kopf, und er brach zusammen. Dann wandte sich der Deutsche zu dem Mädchen, das von dem Offizier fast mit niedergerissen worden wäre.

»Kommen Sie, Señorita, ich werde Sie hinuntergeleiten!« – »O mein Gott«, klagte sie, am ganzen Körper zitternd, »ich habe nichts getan, was ihm den Mut zu einem solchen Überfall geben könnte!« – »Ich weiß es«, antwortete er. »Diese Art von Menschen hat den Mut zu allem Bösen, aber nicht zum Guten.« – »Diese Lanzenreiter lassen mir nur die Plattform des Hauses zum Promenieren übrig, und nun werde ich auch diese meiden müssen.« – »Nein, Señorita. Sie bedürfen der Erholung in freier Luft, und man soll Ihnen diese abendliche Promenade nicht rauben. Ich werde dafür sorgen, daß Sie fernerhin ungestört bleiben.« – »Aber Sie werden sich dadurch grimmige Feinde machen, Señor!« – »Ich fürchte diese Sorte von Feinden nicht«, sagte er in wegwerfendem Ton. – »Sie haben den Mann niedergeschlagen. Wird das zu keinem Streit führen?« – »Vielleicht. Aber sorgen Sie sich nicht um mich. Eine offene Forderung hat ungleich weniger zu bedeuten als eine versteckte Heimtücke, gegen die man nicht gewappnet ist. Lassen wir jetzt den Mann liegen, und versuchen Sie, die freche Beleidigung im Schlaf zu vergessen. Er ist nicht wert, viel Worte um ihn zu verlieren.«

Er geleitete sie die Treppe hinab bis vor die Tür des Krankenzimmers, wo er sich von ihr verabschiedete, denn sie wollte bei dem Bräutigam bleiben. In sein eigenes Gemach zurückgekehrt, an dem der Kapitän der Lanzenreiter vorüber mußte, lehnte er die Tür nur leicht an und wartete. Erst nach längerer Zeit hörte er ihn mit leisen Schritten vom Dach herabkommen und dann den Korridor durchschleichen. Nun erst begab sich auch Sternau zur Ruhe.

Emma fühlte sich durch die ihr angetane Infamie so aufgeregt und geängstigt, daß sie, in der Hängematte am Krankenbett liegend, keinen Schlaf fand. Sie wurde von peinigenden Gedanken gequält. Die Lanzenreiter wollten noch einige Zeit auf der Hazienda verweilen. Da fand Kapitän Verdoja leicht Gelegenheit, seinen Angriff zu wiederholen, und es war mehr als fraglich, ob sich dann abermals ein so mutiger Beschützer finden werde. Auf ihren Vater konnte sie nicht rechnen. Er war erstens nicht zum Helden geboren und hatte zweitens alle mögliche Rücksicht auf die halb wilden Soldaten, die zudem ja seine Gäste waren, zu nehmen. Sie sagte sich ferner, daß die Rolle eines Beschützers unter den gegenwärtigen Umständen mit einer nicht geringen Gefahr verbunden sei. Sternau hatte ganz gewiß sein rasches und energisches Auftreten zu büßen. Was waren zwei oder drei noch so mutige Männer gegen eine zahlreiche Schar unzivilisierter Lanzenreiter, von denen jeder einzelne so ziemlich außerhalb der gesetzlichen Ordnung stand.

In solchen Gedanken und Befürchtungen verging ihr die Nacht. Sie konnte denselben um so mehr nachhängen, als der Kranke die im Zimmer herrschende Stille nicht unterbrach. Er lag in einem festen, gesunden Schlaf, daß er sich nicht ein einziges Mal regte. Er schlief sogar noch, als am Morgen Karja, die schöne Indianerin, hereinschlüpfte, um nach ihrer Gewohnheit Emma in den notwendigen häuslichen Anordnungen für einige Zeit abzulösen.

»War seine Nacht eine gute?« fragte sie. – »Ja«, antwortete Emma. »Er hat ohne Unterbrechung geschlafen, und nun steht, Gott sei Dank, zu erwarten, daß seine Genesung sicher und ungestört fortschreiten wird. Señor Sternau sagte, die Trepanation sei an und für sich nicht gefährlich, aber man müsse das Wundfieber und die sonstigen Folgen fürchten. Wir haben ihm von unserem Wundkraut aufgelegt und eingegeben; infolgedessen ist das Fieber kaum zu spüren. Es steht zu erwarten, daß Gott ihn beschützen und recht bald gesund machen wird.« – »Das ist mein innigster Wunsch«, sagte Karja. »Also um Señor Helmers brauchen wir fast nicht mehr bange zu sein; aber um deinetwillen bin ich besorgt.« – »Warum?« – »Du siehst so bleich und angegriffen aus. Das Nachtwachen schwächt dich zu sehr.« – »Das ist es nicht. Wenn ich mich ermüdet fühle, so ist es nicht der Krankenpflege, sondern eines anderen Grundes wegen.«

Sie erzählte nun mit leiser Stimme, um den Schlummernden nicht zu wecken, ihr Abenteuer auf dem Dach. Karja, die ihr mit vollster Teilnahme zuhörte, wurde dadurch veranlaßt, auch ihre Begegnung mit Leutnant Pardero im Garten zu erwähnen. Beide waren noch dabei, ihren Abscheu über solche unverzeihliche Zudringlichkeiten in Worte zu fassen, als Sternau eintrat. Er hatte gleich nach seinem Erwachen nach dem Patienten sehen wollen, war ganz leise eingetreten und hörte die letzten Worte ihrer Unterhaltung, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Als sie ihn sahen, war es zum Schweigen zu spät. Er entschuldigte sich und fragte die Indianerin:

»Wie, auch Sie haben in ähnlicher Weise wie Señorita Emma zu leiden gehabt?« – »Leider, ja«, antwortete sie. – »Von wem?« – »Leutnant Pardero fiel mich im Garten an, und als ich entfloh, lief ich dem Kapitän in die Hände, der mich fassen wollte.« – »Schurken!«

Sternau sagte nur dieses eine Wort, dann wandte er sich zu dem Schlafenden. Als er ihn aufmerksam betrachtet und besonders auch seine ruhigen Atemzüge gezählt hatte, nickte er befriedigt Er hörte nun, daß der Patient ununterbrochen geschlafen habe; da heiterte sich sein Gesicht noch mehr auf, und er sagte:

»Lassen wir ihn ruhig schlafen. Schlaf und Ruhe sind die besten und sichersten Mittel zu seiner Wiederherstellung.«

17. Kapitel.

Sternau unternahm jetzt einen Morgenspaziergang hinaus nach den Weideplätzen, fing sich eines der Pferde und galoppierte auf demselben eine Strecke in die Savanne hinein; dann kehrte er wieder zurück. Er gab das Pferd frei und schritt zu Fuß der Hazienda zu. Unter dem Tor begegnete ihm der Leutnant Pardero.

»Ah, Señor Sternau!« sagte dieser, stehenbleibend und in einem nicht eben höflichen Ton. »Ich habe Sie gesucht!« – »Weshalb?« fragte Sternau kurz. – »Ich muß mit Ihnen sprechen!« – »Sie müssen?« meinte der Deutsche in einem verwunderten Ton. »Heißt das vielleicht, das ich gezwungen bin, Sie anzuhören?« – »Allerdings«, lautete die spöttische Antwort. – »Nun ja, ein gebildeter Mann verweigert keinem anderen das Gehör, vorausgesetzt, daß die nötigen Höflichkeiten nicht vernachlässigt werden. Unter dem Torweg erteile ich keine Audienz. Haben Sie mich zu sprechen, so kommen Sie nach meinem Zimmer.«

Der Leutnant verfärbte sich, trat einen Schritt zurück und erwiderte:

»Sie sprechen so hochmütig von Audienzen. Halten Sie sich für ein gekröntes Haupt?« – »Pah! Ich verstehe Audienz in weiterem Sinne, bei der es sich um eine Unterredung zwischen einem höher und einem niedriger Gestellten handelt. Sie werden mir doch zugeben, daß unsere Stellungen in bürgerlicher, intellektueller und moralischer Beziehung sich nicht gleich sind. Ich werde dennoch bereit sein, Sie anzuhören.«

Er wandte sich zum Gehen, doch der Leutnant faßte ihn hastig beim Arm und fragte mit drohender Miene:

»Meinen Sie etwa, daß ich moralisch unter Ihnen stehe?« – »Ich meine niemals etwas, sondern ich sage stets nur das, von dessen Wahrheit ich vollständig überzeugt bin. Nehmen Sie übrigens Ihre Hand von meinem Arm, ich liebe derartige Berührungen nicht.«

Er schüttelte die Hand des Spaniers von sich ab und ging fort. Der Leutnant fühlte sich durch den Ton und den Blick des Deutschen eingeschüchtert; er ließ ihn gehen, verfolgte ihn aber mit flammenden Augen und murmelte:

»Prahler, das sollst du büßen! Diese Deutschen sind wie die Maulesel; tragen geduldig und ohne Mut und ohne Ehrgefühl die größten Lasten, rappelt es aber einmal in ihrem Kopf, so werden sie störrisch und ungezogen, man kann sie dann nur durch Prügel zähmen. Und dieses Experiment werde ich hier anwenden. Wir wollen doch einmal sehen, ob dieser Sternau so stolz bleibt, wenn er erfährt, um was es sich handelt.«

Er wartete ein kleines Weilchen und begab sich sodann nach der Wohnung Sternaus. Dieser hatte ihn erwartet; er ahnte, welchen Gegenstand die Unterredung betreffen werde, und empfing den Eintretenden mit einer kalten, aber höflichen Verbeugung.

»Sie sehen, Señor, daß ich komme«, sagte der Spanier mit einem höhnischen Lächeln.

Sternau nickte.

»Zur Audienz«, fügte der Spanier hinzu.

Sternau nickte abermals, ohne ein Wort zu sagen.

»Darum hoffe ich, daß ich jetzt Gehör finden werde!« fügte Pardero drohend hinzu. – »Jedenfalls, wenn Sie sich anständig betragen«, antwortete der Deutsche.

Da brauste der Spanier auf.

»Herr, haben Sie mich einmal unanständig gesehen?« – »Kommen wir zur Sache, Señor Pardero!« entgegnete Sternau eiseskühl. – »Gut, wir können ja diesen Gegenstand einstweilen fallenlassen. Aber ich bin nicht gewöhnt, stehend mich zu unterhalten!«

Der Spanier blickte nach einem der vorhandenen Stühle. Sternau tat, als habe er den Blick gar nicht bemerkt, und antwortete mit einem sarkastischen Lächeln:

»Von einer Unterhaltung ist hier keine Rede, sondern von einer Audienz. Der Empfangene hat sein Gesuch stehend vorzutragen. Ist dies gegen Ihren Geschmack, so muß ich die gegenwärtige Zusammenkunft für beendet erklären.«

Hatte Sternau bei diesen Worten beabsichtigt, den Spanier auf das tiefste zu beleidigen, so war es ihm vollständig gelungen. Parderos Gesicht flammte von der Röte des Zorns, seine Augen glühten, und seine Stimme zitterte, als er antwortete:

»Señor, ich fühle mich nicht mehr in der Lage, Sie für einen Kavalier zu halten!« – »Ihre Lage ist mir vollständig gleichgültig«, lächelte Sternau. »Aber bitte, kommen Sie zur Sache. Ich bin nicht gewillt, mich für einen Schwätzer halten zu lassen.«

Pardero wollte aufbrausen, als er aber sah, daß Sternau sogleich nach dem Hut griff, um sich zu entfernen, bezwang er sich und sagte mit möglichster Gelassenheit:

»Ich komme im Auftrag meines Vorgesetzten, Kapitän Verdoja.«

Als Sternau keine Miene machte, diese Einleitung mit einem Wort zu beantworten, fuhr der Spanier leichthin fort:

»Gestehen Sie, daß Sie ihn beleidigt haben?«

Sternau zuckte die Schultern und erwiderte lächelnd:

»Sie scheinen nicht gewohnt zu sein, Ihre Ausdrücke treffend zu wählen. Gestehen kann nur ein Verbrecher dem Richter gegenüber, und ich bin ebensowenig das erstere, wie Sie das andere sind. Von einem Geständnis meinerseits kann also keine Rede sein. Übrigens habe ich diesen Mann nicht beleidigt, sondern niedergeschlagen. Vielleicht ist das Ihrer Ansicht nach eine Beleidigung im Komparativ oder gar im Superlativ.« – »Ja«, rief der Leutnant, »das ist es allerdings. Der Kapitän fordert Genugtuung!« – »Ah!« dehnte Sternau mit gut gespielter Verwunderung. »Genugtuung? Und diese fordert er durch Sie?« – »Wie Sie hören.« – »Hm! Sind Ihnen die Regeln des Duells bekannt, Señor Pardero?« – »Zweifeln Sie daran?« – »Ja.« – »Donnerwetter!« – »Bitte, ich bin nicht gewöhnt, in meinem Zimmer dergleichen Ausdrücke zu vernehmen. Ich zweifle an Ihrer Kenntnis der Duellgesetze, weil Sie sich zum Kartellträger in einer Angelegenheit hergeben, die nichts weniger als ehrenvoll für Sie sein kann. Ist Ihnen die Veranlassung zu dem Hieb bekannt, den Kapitän Verdoja von mir erhalten hat?« – »Vollkommen«, antwortete der Gefragte mit vor Wut bebender Stimme. – »Nun, dann verachte ich Sie! Ich schlug den Kapitän nieder, weil er eine anständige Dame beleidigte, die sogar die Tochter seines Gastfreundes war. Wer sich zur Vermittlung eines solchen Falles hergibt, der ist in meinen Augen nicht nur eine moralische Null, sondern er ist sogar ein ganz bedeutendes sittliches Minus.«

Da griff der Spanier nach seinem Degen, zog die Klinge halb heraus und rief:

»Was sagen Sie? Was wagen Sie? Ich werde …« – »Nichts werden Sie!« sagte Sternau ruhig, aber diese Ruhe war diejenige vor dem Donnerschlag. In seinen Augen blitzte ein Wetterleuchten auf, das auch einen mutigeren Mann, als der Leutnant war, hätte erschrecken können. Er fuhr fort: »Nehmen Sie die Hand vom Degen, sonst zerbreche ich ihn vor Ihren Augen! Es kann mich eigentlich nicht wundern, daß Sie die Botschaft des Kapitäns übernommen haben, denn Sie sind ein ebenso großer Schurke wie er. Sie haben …« – »Halt!« schrie der Leutnant, den die Wut jetzt übermannte. »Sagen Sie noch ein solches Wort, so durchbohre ich Sie! Wollen Sie mir sogleich diesen Schurken abbitten?«

Er zog den Degen vollends heraus und holte zum Stoß aus. Sternau stellte sich ihm gemütlich gegenüber, schlug die Arme über der breiten, mächtigen Brust zusammen und sagte:

»Gut, wenn Sie es wünschen, so bitte ich Ihnen den ›Schurken‹ ab. Es ist wahr; Sie sind kein Schurke, sondern ein Doppelschurke, ein elender!«

Der Eindruck dieser Worte war kein augenblicklicher. Der Spanier stand ganz steif, er konnte im ersten Moment sich gar nicht fassen und seinen Gegner gar nicht begreifen, dann aber stieß er einen heiseren Schrei der Wut aus und zückte den Degen. Aber in demselben Augenblick befand sich die scharfe, spitze Waffe in der Hand des Deutschen; der Spanier wußte gar nicht, wie sie ihm entwunden worden war. Sternau bog die Klinge zweimal zusammen und warf die drei Stücke dem Leutnant vor die Füße.

»Hier haben Sie Ihren Apfelschäler!« sagte er lachend. »Sie haben Señorita Karja ebenso beleidigt, wie Ihr Kapitän Señorita Emma beleidigte. Es ist ein Schurke so groß wie der andere. Wenn Sie mein Zimmer nicht sofort verlassen, werfe ich Sie zum Fenster hinaus.«

Er streckte seinen Arm drohend nach dem Gegner. Dieser schlüpfte gewandt unter demselben hinweg und sprang nach der Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und rief, dem Deutschen die geballte Faust entgegenstreckend:

»Das sollen Sie büßen, und zwar bald, bald! Sie werden sich mit zweien zu schlagen haben, anstatt nur mit einem, und wenigstens einer von uns wird Sie töten, wenn Sie nicht geradezu den Teufel im Leib haben.«

Er eilte zur Tür hinaus. Sternau brannte sich ruhig eine Zigarette an und wartete nun gleichmütig der Dinge, die da kommen sollten. Seine Geduld sollte nicht lange auf die Probe gestellt werden, denn bereits nach einer kleinen Viertelstunde klopfte es an seiner Tür, und auf sein lautes »Herein!« trat der andere Leutnant durch die geöffnete Tür, verbeugte sich sehr höflich und sagte in einem ebenso höflichen Ton:

»Verzeihung, Señor Sternau, daß ich Sie störe! Können Sie sich mir auf höchstens fünf Minuten widmen?« – »Gern, Señor. Bitte, nehmen Sie Platz, und bedienen Sie sich einer Zigarette!«

Der Offizier war ganz überrascht über diese Freundlichkeit. Leutnant Pardero hatte ihm von dem Verhalten Sternaus erzählt, und anstatt in diesem einen Wüterich zu finden, wurde er mit solcher Höflichkeit empfangen. Was ein europäischer Offizier als Kartellträger unterlassen hätte, der Leutnant tat es, er nahm eine Zigarette und ließ sie sich von Sternau in Brand stecken. Eigentlich mußte ihm die Veranlassung seines Besuchs doch verbieten, sie anzunehmen. Als beide nun einander gegenübersaßen, begann der Offizier.

»Aufrichtig gestanden komme ich nicht gern zu Ihnen, Señor; denn die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, ist eine feindliche.«

Er hielt inne und blickte Sternau erwartungsvoll an. Dieser wollte Ihm das Schwierige seiner Lage erleichtern und sagte daher mild:

»Sprechen Sie getrost, Señor! Ich bin jedenfalls auf das, was Sie mir bringen, bereits genugsam vorbereitet.« – »Nun, ich komme im Auftrag der Señores Verdoja und Pardero, die von Ihnen beleidigt zu sein glauben.«

Sternau nickte leichthin.

»Sie gebrauchen den richtigen Ausdruck«, sagte er. »Die Señores glauben, von mir beleidigt zu sein, aber im Gegenteil sind diese beiden es, die zwei Damen beleidigten, die sich ohne Schutz befanden, dann aber in mir den Rächer fanden. Señor, Sie bringen mir nun eine Aufforderung zum Zweikampf?« – »Ja, Señor Sternau.« – »Und mit wem soll ich mich schlagen?« – »Mit beiden.« – »Hm! Das tut mir leid um Ihretwillen, denn Sie sind der Abgesandte von Männern, die ich nicht achten kann. Übrigens brauche ich die Forderung gar nicht anzunehmen, da man sich nur mit Ehrenmännern schlägt. Aber ich will Sie, der Sie höflich zu mir sprachen, nicht kränken, und ebenso will ich bedenken, daß ich mich gegenwärtig in einem Land befinde, in dem der Ehrbegriff vielleicht noch nicht die notwendige Läuterung erfahren hat, und darum will ich mich zu der Forderung bekennen. Haben die beiden Herren bereits Wünsche in Beziehung auf das Arrangement ausgesprochen?« – »Allerdings.« – »Nun?« – »Der Kapitän wünscht, sich auf Degen zu schlagen, der Leutnant aber auf Pistolen.« – »Das glaube ich!« lachte Sternau fröhlich. »Ich habe des Leutnants Säbel zerbrochen; er weiß also, daß ich mit dieser Waffe umzugehen verstehe, und wählt daher Pistolen. Ich will den beiden Herren die Erfüllung ihrer Wünsche zugestehen, aber nur unter zwei Bedingungen.« – »Ich will sie hören, Señor.« – »Ich schlage mich mit dem Kapitän auf Degen, bis einer von uns durch eine Wunde gezwungen ist, den Degen fallen zu lassen.« – »Dies wird vielleicht zugestanden.« – »Und mit dem Leutnant schieße ich mich über die Barriere mit zwei geladenen Läufen. Die Barriere ist drei Schritte, und jeder hat zwei Kugeln.« – »Mein Gott, Señor, auf diese Weise gehen Sie einem sicheren Tod entgegen!« warnte der Offizier. »Wenn Sie dem Kapitän entkommen, werden Sie doch dem Leutnant nicht entgehen, der der beste Pistolenschütze ist, den ich kenne.« – »Vielleicht gibt es noch bessere, als er ist«, lachte Sternau. »Haben Sie bereits einmal von berühmten Schützen, Jägern und Savannenmännern gehört, Señor?« – »Oh, sehr oft!« – »Können Sie mir die Namen einiger sagen?« – »Nun, ich habe gehört von Sans-ear, von Shatterhand, von Firehand, von Winnetou, von dem berühmten Fürsten des Felsens und von …« – »Halt, Señor, glauben Sie, daß dieser Fürst des Felsens eine Pistole zu führen versteht?« – »Besser wie jeder andere«, meinte der Spanier rasch. – »Nun, dieser Fürst des Felsens bin ich. Haben Sie also keine Sorge, daß ich mich vor Ihrem Leutnant fürchte. Ich teile Ihnen vielmehr mit, daß ich das Resultat des Doppelduells bereits jetzt kenne.«

Der Spanier blickte ihn überrascht an.

»Daß Sie der Fürst des Felsens sind, weiß ich ja, und wie Sie schießen, das weiß ich ebensogut«, entgegnete er. »Aber Sie sind ja auch nur ein Mensch. Ein kleiner Unfall kann Ihnen verderblich sein. Wie wollen Sie das Resultat des doppelten Zweikampfs vorher wissen?« – »Ich würde Ihnen dieses Resultat jetzt mitteilen, wenn Sie nicht der Sekundant meiner Gegner wären, doch vor Beginn des Duells werde ich Ihnen beweisen, daß ich die Wahrheit sagte. Das übrige besprechen Sie gütigst mit Señor Mariano, der so freundlich sein wird, mir zu sekundieren.« – »Und Zeugen, Unparteiische?« – »Brauchen wir nicht!« – »Einen Arzt?« – »Auch nicht. Arzt bin übrigens ich selbst, werde aber meinen Gegnern nicht die mindeste Handreichung leisten.« – »Bedenken Sie, Señor, daß auch Sie verwundet werden können!« sagte der Leutnant. – »Pah, von diesen beiden Männern ist keiner imstande, mich zu verwunden!«

Mit diesen Worten wandte Sternau sich stolz ab, und der Offizier ging. Als dieser fort war, suchte Sternau Mariano auf, um ihn von dem Stand der Sache zu unterrichten. Der junge Mann war bereit, Sekundant zu sein, und ging, um den Sekundanten der beiden Gegner aufzusuchen. Es dauerte nicht lange, so kehrte er wieder zurück und meldete, daß die Bedingungen Sternaus angenommen worden seien. Dieser letztere hatte als der Geforderte das Recht, seine eigenen Pistolen mitzubringen, und da er derselben ganz und gar sicher war, so fühlte er sich des Erfolges völlig gewiß.

Von diesem Augenblick kam er nicht vom Fenster seines Zimmers. Er wußte, was nun geschehen werde, und behielt den Ausgang der Hazienda im Auge. Um die Zeit der Mittagshöhe schwang der Kapitän sich auf sein Pferd und ritt davon. Sternau ahnte, daß er die Absicht habe, einen Brief unter den Stein zu stecken, und ließ auch sich sein Pferd vorführen. Kaum war der Kapitän am nördlichen Horizont verschwunden, so sprengte Sternau nach Süden davon. Beide hatten die Absicht, andere irrezuleiten, denn der Ort, wo sich der Stein befand, lag nach Westen.

Sobald Sternau nicht mehr gesehen werden konnte, lenkte er nach Westen ein und spornte sein Pferd zur größten Schnelligkeit an. Es lag ihm daran, eher dazusein als der Kapitän. Da sich aber dessen Helfershelfer in der Nähe befinden konnten, so war die größte Vorsicht geboten. Je näher er kam, desto aufmerksamer wurde er, er vermied alles freie Terrain und hielt sich sorgfältig gedeckt Endlich stieg er vom Pferd, führte dasselbe in ein Gebüsch und band es dort an. Dann setzte er seinen Weg zu Fuß fort.

In der Nähe des Steins angekommen, legte er sich auf die Erde und kroch leise mit der äußersten Vorsicht weiter fort. Endlich erblickte er ihn, und nun umkroch er ihn in einem weiten Kreis. Er gewann die Überzeugung, daß kein Lauscher in der Nähe sei, und suchte sich nun ein Versteck.

Kaum zehn Schritt von dem Baum entfernt, stand eine nicht zu hohe Zeder, deren dicht behangene Äste nicht schwer zu erreichen waren. Er schwang sich empor, und es gelang ihm, sich so gut zu verbergen, daß er unmöglich gesehen werden konnte.

Dies war kaum geschehen, so erklang der Hufschlag eines Pferdes. Das Geräusch verstummte draußen vor den Bäumen. Ein Mann sprang aus dem Sattel und schritt eilig auf den Stein zu, hob ihn halb empor und legte einen zusammengefalteten Zettel darunter. Dann brachte er den Stein in seine ursprüngliche Lage zurück, ging zum Pferd, schwang sich auf und ritt davon.

Im Nu war Sternau vom Baum herab, holte den Zettel heraus, faltete ihn auseinander und las:

»Heute gerade um Mitternacht bei den Ladrillos. Aber ganz bestimmt; es ist sehr notwendig. Morgen sind wir am Ziel.«

Eine Unterschrift war nicht vorhanden. Verdoja hatte eine solche nicht nur für überflüssig, sondern sogar für gefährlich gehalten. Sternau legte den Zettel genau wieder so zusammen, wie er erst gewesen war, und steckte ihn unter den Stein, vernichtete darauf seine Spuren und kehrte dann nach seinem Pferd zurück, das er bestieg, um im Galopp die Hazienda aufzusuchen.

Als er sie erreichte, war der Kapitän noch nicht wieder da; er kehrte erst nach geraumer Zeit zurück und hatte keine Ahnung, daß sein Geheimnis bereits verraten sei. Vielleicht erfuhr er gar nicht, daß Sternau die Hazienda verlassen gehabt hatte.

Ladrillos ist ein spanisches Wort und bedeutet zu deutsch Ziegelsteine. Die Urbewohner Mittelamerikas bauten nämlich ihre Pyramiden und Städte meist aus in der Sonne gedörrten Back- oder Ziegelsteinen, die von ihnen Adobes genannt wurden, bei den Spaniern aber Ladrillos hießen. Man findet noch heute die Ruinen solcher Adobesstädte und bewundert die Kunst, mit der jene Urvölker zu bauen verstanden. Hier und da trifft man im Urwald, mitten in der Savanne oder in einer Felseneinöde ein einsames, halb oder auch ganz zerfallenes Gemäuer, das aus solchen Ladrillos gesteht und als Zeuge dient, daß früher diese Einöden bewohnt und bebaut waren.

Auch in der Nähe der Hacienda del Erina gab es eine solche Ruine. Sie lag, höchstens eine halbe Stunde von dem Haus entfernt, mitten in einem Felsengewirr und wurde von Domen und Schlingpflanzen so überwuchert, daß sie ganz unzugänglich war. Aber kurz vor der eingefallenen Frontmauer des einstigen Gebäudes befand sich ein rundes Loch, gerade so, als ob hier ein Schacht ausgefüllt worden sei. Dieses Loch war zugänglich und von dichtem Gebüsch umstanden, und Sternau glaubte sicher annehmen zu dürfen, daß die Zusammenkunft hier stattfinden werde.

Er sagte keinem Menschen ein Wort von dem, was er wußte, und saß im Verlauf des ganzen Nachmittags bei dem Kranken, der sich ganz wohl fühlte und seine Erinnerung so vollständig wiedererhalten hatte, daß er ihm sein Abenteuer in der Höhle des Königsschatzes erzählen konnte. Emma brachte die Kostbarkeiten herbei, und Sternau konnte den Reichtum bewundern, durch den der einst so arme Jäger zum Millionär geworden war.

Emma schwebte in Wonne, den Geliebten so wohl zu sehen. Sie hoffte auf ein baldiges Glück und sagte, auf den Steuermann Helmers deutend, zu dem Kranken:

»Eigentlich brauchst du diesen Reichtum gar nicht, denn die Hacienda del Erina wird uns gehören. Solltest du da nicht mit deinem Bruder teilen?«

Der Kranke nickte lächelnd und erwiderte:

»Bruder, was ich habe, gehört auch dir. Sprachst du nicht gestern von einem Sohn, den du hast?« – »Ja. Ich habe Weib und Kind zu Hause«, antwortete der Steuermann.

Er erzählte nun von den Seinen und wurde in dieser Schilderung von Sternau reichlich unterstützt. Der Kranke hörte aufmerksam zu und sagte:

»Dieser Knabe ist ein Wunderkind und muß eine entsprechende Ausbildung erhalten. Du hast an deinem Landesherrn und dem Oberförster zwei mächtige Gönner, aber das ist doch immer eine Abhängigkeit. Du mußt die nötigen Mitteln von mir annehmen, ich bin ja dein Bruder, der Oheim deines Knaben, und darf dir eine Gabe anbieten, ohne dich zu beleidigen.«

Der brave Steuermann wies das von sich ab, aber die Anwesenden waren alle gegen ihn, und auch der Haziendero Pedro Arbellez zeigte dieselbe Gesinnung wie die übrigen. Und so wurde halb im Scherz und halb im Ernst beschlossen, daß die Hälfte des Teiles, den Helmers vom Königsschatz erhalten hatte, dem kleinen Kurt Helmers in Rheinswalden gehören solle.

Gegen Abend fühlte sich der Patient wieder ermüdet und schlief ein. Während Emma bei ihm blieb, gingen die anderen zum Abendbrot Die Offiziere waren nicht dabei. Nach dem, was vorgefallen war, hielten sie es geraten, ganz zurückgezogen auf ihren Zimmern zu speisen.

Nach dem Essen sagte Sternau, daß ihn einige Arbeiten nötigten, ungestört in seiner Wohnung zu bleiben. Er wollte nicht haben, daß man seine Abwesenheit bemerke. Er wartete den geeigneten Augenblick ab, steckte Waffen, Tücher und Riemen zu sich und schlich sich in eins der Zimmer, die nach dem Hof lagen und unbewohnt waren. Er hatte in dem seinigen das Licht brennen lassen, damit man glauben solle, daß er anwesend sei, aber von außen die Tür verschlossen, daß niemand das Gegenteil bemerke. Er öffnete das Fenster, stieg hinaus und zog es wieder zu, dann schlich er sich über den Hof und schwang sich über den Palisadenzaun.

So gelangte er glücklich ins Freie, ohne bemerkt worden zu sein, umging die Hazienda und schlug die Richtung nach den Ladrillos ein.

Es war zwar dunkel, aber sein geübtes Auge erkannte die Umgebung so gut, daß er nicht zu befürchten brauchte, die Richtung zu verfehlen. Er hatte während seiner Wanderungen durch die Wildnis gelernt, unhörbaren Schrittes zu gehen. So hätte auch heute nur dann einer ihn bemerken können, auf den er geradezu gestoßen wäre. Als er glaubte, den Ladrillos nahe gekommen zu sein, verdoppelte er seine Vorsicht und bewegte sich schließlich nur in kriechender Stellung vorwärts.

Plötzlich hielt er an und sog die Luft mit geöffneten Nasenflügeln ein.

»Was ist das?« sagte er. »Das ist ein brenzlicher Geruch, untermischt mit dem Duft von gebratenem Fleisch. Ich glaube gar, dieser Kerl ist so dumm oder so verwegen, ein Feuer zu brennen. Auf ebener Erde aber kann das nicht sein, denn dann müßte man es bemerken. Es ist nahe von hier, denn der Bratengeruch geht nicht weit. Wollen doch sehen!«

Er kroch dem Geruch nach und gelangte bald an das weiter oben beschriebene Loch. Es hatte höchstens zwanzig Fuß im Durchmesser und zehn Fuß in der Tiefe. Am Rand standen Büsche, unter denen Sternau sich versteckte.

*

Er sah nun den Mann, der unten bei einem kleinen Feuer saß und sich ein wildes Kaninchen briet. Mitternacht war gar nicht mehr fern, und Sternau machte es sich so bequem wie möglich in seinem Versteck. Der Mann begann, sein Kaninchen zu verspeisen, und zwar mit einem solchen Appetit, daß bald nichts mehr übrig war. Er hatte eine Doppelbüchse neben sich liegen und ein Messer im Gürtel. Seine Gestalt war zwar kräftig und untersetzt gebaut, aber Sternau sah, daß es ihm nicht schwerfallen werde, diesen Menschen ohne großes Geräusch zu überwältigen.

So wartete er, bis es ihm vorkam, als ob er leise Schritte vernehme. Er war so klug gewesen, sich entgegengesetzt von der Seite zu verbergen, nach der die Hazienda lag, daher brauchte er sich nicht zu sorgen, von dem Nahenden bemerkt zu werden.

18. Kapitel.

Die Schritte wurden deutlicher. Auch der Mexikaner lauschte und erhob sich. Drüben auf der anderen Seite des Randes wurde das Buschwerk auseinandergezogen, und die Gestalt des Rittmeisters oder Kapitäns erschien, von dem matten Schein des Feuers beleuchtet.

»Bist du toll, Mensch?« fragte er. – »Warum?« meinte der Mexikaner. – »Daß du ein Feuer brennst!« – »Oh, das sieht kein Mensch. Ich hatte Hunger und habe mir einen Braten gemacht« – »Der Teufel hole deinen Braten! Man riecht das Feuer ja auf hundert Schritt!« – »Ja, aber auf hundert Schritt kommt nur der heran, der hier zu tun hat. Wir sind hier vollständig sicher. Kommt herab, Señor!«

Der Kapitän stieg hinab, ließ sich aber nicht bei dem Mann nieder.

»Ich darf nicht lange abwesend sein«, sagte er, »darum wollen wir es kurz machen. Wo sind deine Leute? – »Drüben hinter den Bergen im Wald.« – »Wissen sie, wo du bist?« – »Nein.« – »Hm, das ist mir lieb. Ich wünschte, so wenig wie möglich Vertraute haben zu können. Kannst du sie nicht loswerden?« – »Vielleicht. Aber kann ich denn allein verrichten, was Ihr verlangen werdet?« – »Ich hoffe es!« – »Bei derselben Bezahlung?« – »Ja. Ich gebe dir dasselbe, was ich den anderen in summa geben würde. Wenigstens das, was ich jetzt verlange, kannst du allein verrichten.« – »Was ist das?« – »Hm, ich sehe, daß du ein doppelläufiges Gewehr hast. Bist du deines Schusses sicher?« – »Ich fehle nie.« – »Du sollst zwei gute Schüsse für mich tun.« – »Ah, ich errate! Wen soll ich treffen?« – »Den Sternau und den Spanier.« – »Schön, sie sollen die Kugeln haben, aber wann und wo, das ist die Frage.« – »Das sollst du hören. Kennst du den alten Kalkbruch da hinter dem Berg?« – »Sehr gut denn eben dort sind meine Leute.« – »Die müssen fort. Morgen früh fünf Uhr habe ich ein Duell dort.« – »Caramba! Wollt Ihr Euch ermorden lassen?« – »Ohne deine Hilfe ist das sehr leicht möglich. Ich und Leutnant Pardero haben den Deutschen gefordert, und dieser Mariano ist sein Sekundant. Er hat sich zwar zweien zu stellen, aber dieser Sternau hat tausend Teufel im Leib, man muß sich vor ihm in acht nehmen. Er muß bereits vor Beginn des Duells unschädlich gemacht werden, und das sollst du tun.« – »Gern, Señor. Und der Mariano auch?« – »Ja.« – »Ich stehe zu Diensten. Sternau hat meine Kameraden abgeschlachtet; die Hölle soll ihn bekommen! Wie wünscht Ihr, daß die Sache angefangen werde?« – »Du führst deine Leute fort, damit der Platz frei wird, kehrst aber noch vor fünf Uhr zurück und versteckst dich in der Nähe. Es sind genug Bäume und Sträucher da.« – »Richtig, ich begreife! Ihr werdet Euch nicht sehr sputen, daher kommt der Deutsche mit dem Spanier eher an als Ihr, und wenn Ihr mit dem Leutnant eintrefft, so liegen die beiden mit zerschmetterten Schädeln da.« – »Nein, so nicht. Ich muß dabeisein, ich will die Kerle verenden sehen. Es muß werden wie bei einem Schauspiel auf der Bühne. Ich habe ihn auf Degen gefordert; der Leutnant kommt erst nach mir. Ich bin also der erste, und wenn Sternau mir gegenübersteht, schießt du ihn über den Haufen. Die zweite Kugel muß dann sofort den Spanier treffen.« – »Dieser Plan ist nicht übel. Aber der Lohn, Señor?« – »Den erhältst du morgen.« – »Wo?« – »Hier, wieder um Mitternacht.« – »Gut, ich bin es zufrieden, diesen Lohn werde ich allein einstecken, und Ihr könnt weiter auf mich rechnen.« – »Wann warst du bei dem Stein?« – »Erst gegen Abend.« – »Der Ort ist sicher, wir können ihn ohne Sorge vor Entdeckung weiter benutzen. Jetzt weißt du alles. Ich hoffe, daß ich mich auf dich verlassen kann. Gute Nacht!« – »Gute Nacht, Señor! Seid versichert, daß meine Kugeln ganz genau treffen werden.«

Der Rittmeister ging. Der Mexikaner schabte und biß noch ein wenig an seinen Kaninchenknochen herum, dann erhob er sich, warf die Büchse über und kletterte empor. Schnell huschte Sternau aus seinem Versteck hervor und schlich sich dahin, wo der Mann aus dem Kreis der Büsche treten mußte. Ohne die geringste Ahnung von der ihm so nahen Gefahr schob der Mexikaner die Zweige auseinander; kaum aber hatten sie sich hinter ihm geschlossen, so tauchte Sternau vor ihm auf und faßte ihn bei der Gurgel. Nicht einen einzigen Laut konnte der Mann ausstoßen. Die Kehle wurde ihm so fest zugepreßt, daß er zuerst den Atem und dann auch die Besinnung verlor. Die erst konvulsivisch sich bewegenden Arme und Beine wurden steif, und der Bewußtlose fiel zu Boden. Einige Augenblicke später war er geknebelt, gebunden und so mit Tüchern umwickelt, daß er ein steifes Paket bildete.

Sternau faßte ihn nebst seiner Büchse auf, warf sich beide auf die Schulter und kehrte nach der Hazienda zurück. Es schien alles in tiefster Ruhe zu liegen, aber Sternau traute dem Kapitän noch nicht. Dieser war ja erst vor kurzem zurück und konnte sich sehr leicht noch außerhalb des Hauses befinden. Daher wartete er wohl noch eine Stunde, ehe er sich mit seinem Gefangenen dem hinteren Plankenzaun näherte. Dort schob er erst sein lebendes Paket hinüber, und dann sprang er nach. Ebenso schob er den Gefangenen vorsichtig zu dem Fenster hinein, stieg nach und schloß es zu. Nun rekognoszierte er zunächst vorsichtig den Korridor, und als er fand, daß alle schliefen, trug er den Mexikaner nach seiner Wohnung, die er hinter sich wieder verschloß. Das Licht brannte noch, es war kein Mensch hier gewesen.

Als er seinen Gefangenen von den ihn umhüllenden Tüchern befreit hatte, bemerkte er, daß dieser die Augen mit dem Ausdruck des Schreckens auf ihn richtete.

»Ah, Bursche, du erkennst mich«, sagte er mit halblauter Stimme. »Ja, der Kapitän sagte, ich hätte den Teufel im Leib, und das muß wohl so sein, denn sonst hätte ich dich nicht in meine Hände bekommen. Hier kannst du besser schlafen als draußen. Zuvor werde ich dir einmal in deine Taschen greifen. Wer so unvorsichtig ist sich in der Nähe seiner Feinde ein Kaninchen zu braten, der ist vielleicht auch so einfältig, einen Zettel aufzubewahren, den er unter einem gewissen Stein gefunden hat.«

Sternau durchsuchte die Taschen des Mannes und fand wirklich den Zettel zusammengeknittert in einer derselben. Er steckte ihn wieder dahin zurück und sagte:

»Du sollst ihn noch bis früh behalten, denn eher brauche ich ihn nicht. Jetzt aber beschlafe dir die Frage, ob du beim Verhör leugnen oder ein Geständnis ablegen willst.«

Er umband ihn noch sorgfältiger mit Schnüren, fesselte ihn außerdem an zwei Beine des Bettes und legte sich dann in dasselbe, um einige Stunden zu schlafen. Er wurde um die richtige Zeit von Mariano geweckt, der an die Tür klopfte. Er bat diesen, unten zu warten, und erhob sich.

Es war ihm nicht eingefallen, schriftlich oder mündlich eine letztwillige Verfügung zu treffen. Er fühlte sich bereits im voraus als Sieger, untersuchte die Sicherheit seines Gefangenen, verschloß die Tür seines Zimmers und schritt mit den Pistolen so ruhig die Treppe hinab, als ob er zum Frühstück gehe.

Unten wartete Mariano. Sie schritten nach dem Stall, sattelten selbst und trabten fort. Dabei warf Mariano einen Blick nach Verdojas Fenster und bemerkte, daß dieser an demselben stand.

»Der Kapitän sieht uns reiten«, sagte er.

Sternau warf keinen Blick hinauf, sondern fragte:

»Errätst du, was er jetzt denkt?«

Die beiden Freunde nannten einander bereits du.

»Ja«, antwortete Mariano. – »Nun?« – »Er denkt, daß du ihnen nicht entkommen wirst. Wenn dich der eine nicht fällt, so gelingt es dem anderen. Der Leutnant soll ein vortrefflicher Schütze sein. Sie behandelten gestern die Angelegenheit so leicht und sorglos, daß ich überzeugt bin, sie haben nicht die mindeste Angst.«

Sternau trieb sein Pferd zu rascherem Lauf an, und als er sah, daß Mariano dasselbe tat, antwortete er:

»Auch ich bin überzeugt, daß sie sich nicht fürchten, aber aus einem anderen Grund.« – »Welcher sollte das sein?« – »Sehr einfach. Sie glauben ganz bestimmt, daß es gar nicht zum Duell kommt.« – »Ah! Warum?« – »Weil wir beide, du und ich, bereits vorher zwei tote Männer sind.« – »Ich verstehe dich nicht!« – »Du sollst mich gleich begreifen, höre.«

Sternau erzählte dem Freund die Art und Weise, wie er den Kapitän beobachtet hatte und hinter die Schliche desselben gekommen war. Mariano war erschrocken über das, was er vernahm. Eine solche Niederträchtigkeit und Bosheit schien ihm ganz unglaublich. Er fixierte wirklich längere Zeit das Gesicht Sternaus, um zu sehen, ob dieser sich vielleicht einen nicht ganz passenden Scherz mit ihm machen wollte.

»Und dies alles ist wahr, wirklich wahr?« fragte er. – »Natürlich«, antwortete Sternau. – »Und den Mörder hast du in deinem Zimmer?« – »Wie ich dir sagte, ja.« – »Wenn er nun ausbricht!« – »Er ist sehr gut gefesselt.« – »Oder wenn man ihn hört und in die Stube bringt. Er wird die Leute belügen, und sie lassen ihn frei!« – »Auch das wird nicht geschehen. Er ist so geknebelt, daß er kaum zu atmen vermag. Das Rufen ist ihm eine Unmöglichkeit. Und selbst wenn er zu stöhnen vermöchte, daß man es hört, freigeben wird man ihn doch nicht, denn man wird sich ja denken können, daß ich Gründe habe, einen Menschen in meinem Zimmer anzufesseln.« – »Seine Genossen sind nicht beim Kalkbruch?«

Jetzt horchte Sternau auf.

»Alle Teufel, das ist ja wahr, daran habe ich gar nicht gedacht!« sagte er. »Welch eine Unvorsichtigkeit! So leichtsinnig bin ich noch nicht gewesen. Ich nehme den Mann mit mir und denke nicht daran, daß es ihm nun unmöglich ist, seine Kollegen aus dem Bruch zu entfernen. Na, der Fehler wird noch auszubessern sein. Ich kenne zwar den Bruch nicht und habe mir ihn nur von einem Vaquero beschreiben lassen, aber ich glaube nicht, daß wir Gefahr laufen. Wir müssen die Kerle nur überraschen. Wir haben bereits zehn Minuten getrabt; dort liegt der Berg, links herum kommen wir an den Bruch. Wir wollen ihn im Sturm nehmen!«

Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten im Galopp weiter. Nach einigen Minuten öffnete sich vor ihnen der Kalkbruch, der eine breite und nicht sehr tiefe Öffnung in den Berg bildete. Die Höhen rechts und links waren mit Bäumen bestanden, der Bruch selbst aber nur mit Gestrüpp. Er hatte vor Jahren den Kalk zum Bau der Hazienda geliefert. Als sie im Galopp den Einritt beschleunigten, erblickten sie zwei Männer, die sich vom Boden erhoben. Drei Pferde grasten zwischen den Büschen. Sternau ritt sofort einen der Männer und Mariano den zweiten nieder.

»Holla, was tut ihr hier?« rief Sternau, sich vom Pferd werfend und den Mann packend. »Wer seid ihr Strolche?« – »Oho!« antwortete der Mensch, sich das Knie reibend, das er sich beim Sturz beschädigt hatte. »Wer seid denn zuvor ihr, daß ihr es wagt, ehrliche Leute niederzureiten?« – »Wer wir sind, das weißt du genau, Halunke. Ihr habt ja den Auftrag, uns totzuschießen. Ich werde dich unschädlich machen, Bursche!«

Er schlug dem Mann die Faust gegen die Schläfe, daß derselbe zusammenbrach. Nun erst drehte er sich nach Mariano um. Dieser kniete auf dem zweiten Mann, der vollständig überwältigt unter ihm lag.

»Warte, ich werde nachhelfen!«

Mit diesen Worten eilte er hinzu und versetzte dem Mann einen ebensolchen Hieb, der auch ganz dieselbe Wirkung hatte.

»Nun fesseln, knebeln und fortschaffen, damit sie nicht gefunden werden.«

Die beiden Männer wurden mit ihren eigenen Riemen gefesselt und mit ihren eigenen Tüchern geknebelt. Dann wurden sie auf ihre Pferde mittels der Lassos festgebunden. Das dritte Pferd gehörte jedenfalls dem Anführer, den Sternau bereits um Mitternacht überwältigt hatte. Die drei Tiere wurden eine genügende Strecke, um nicht gesehen und gehört zu werden, fortgeschafft und dort an Baumstämmen festgebunden. Dann kehrten die Freunde nach dem Bruch zurück, um die Spuren von der Anwesenheit dieser Leute zu verwischen. Sie waren kaum damit fertig, so erschienen die drei Offiziere.

Man grüßte sie mit förmlicher Höflichkeit. Sternau und Mariano bemerkten mit innerlicher Genugtuung, daß der Kapitän seine Blicke forschend umherschweifen ließ. Er suchte das Dunkel der Büsche und Bäume zu durchdringen, um seinen Verbündeten zu sehen, aber es gelang ihm natürlich nicht.

Die beiden Sekundanten traten zusammen, um sich noch einmal zu besprechen. Der Sekundant der Gegenpartei hatte für Sternau einen Kavalleriesäbel mitgebracht, da dieser sich augenblicklich nicht im Besitz eines solchen befand. Er machte zunächst den Versuch, eine Versöhnung zustande zu bringen, aber der Kapitän lehnte mit stolzer Miene und Bewegung ab.

»Kein Wort weiter!« sagte er. »Mein Gegner hat die Bedingung gemacht, daß Genugtuung erst dann vorhanden sein soll, wenn einer von uns durch seine Verwundung gezwungen ist, seinen Degen fallen zu lassen. Ich habe die Bedingung akzeptiert und fühle nicht die mindeste Lust, von ihr abzugehen.« – »Und Sie, Señor Sternau?« fragte der Sekundant. – »Auch ich halte die Bedingung fest«, antwortete der Gefragte, »und das umsomehr, als sie von mir ausgegangen ist. Übrigens habe ich nur Ihnen noch eine Bemerkung zu machen, wenn Sie dieselbe gestatten.« – »Ich bitte!« sagte der Offizier. – »Ich bemerkte Ihnen bereits gestern, daß mir der Ausgang dieses Kampfes bekannt sei, und Sie glauben mir nicht. Ich werde Ihnen den Beweis liefern. Wer den Degen fallen läßt, ist besiegt. Nun wohlan, ich werde meinem Gegner die vier Finger der rechten Hand abschlagen. Es wäre mir leicht, ihn zu töten, aber ein Schuft muß gezeichnet, nicht aber getötet werden.« – »Herr!« brüllte der Kapitän. – »Pah!« antwortete Sternau mit dem Ton tiefster Verachtung. – »Señor«, erinnerte der Sekundant. »Sie selbst haben mich gestern auf die Regeln des Duells verwiesen. Ist es Sitte, seinen Gegner noch am Platz in einer solchen Weise zu beschimpfen?« – »Nein. Es ist ja nicht Sitte, sich mit einem Schurken zu schlagen, tut man es, so geschieht es nur unter dem Vorbehalt, ihn als solchen zu behandeln. Übrigens will ich jetzt Ihnen noch bemerken, daß ich meinen zweiten Gegner ebenso zeichnen werde. Unsere ersten Schüsse werden zu gleicher Zeit fallen, aber nicht treffen, auch sein zweiter Schuß trifft nicht, der meinige aber wird ihm die rechte Hand zerschmettern. Vorwärts!« – »Ja, vorwärts!« rief auch der Kapitän. »Er soll in die Hölle gehen, noch ehe er es denkt!«

Sternau antwortete ihm nicht; aber als er seinen Degen erhalten hatte und die beiden Gegner sich nun gegenüberstanden, fragte er den Sekundanten:

»Ist mir vorher noch ein Wort erlaubt?« – »Wenn es keine neue Beleidigung enthält, ja«, lautete die Antwort. – »Es enthält keine Beleidigung, sondern nur eine einfache Bemerkung, deren Wahrheit ich später beweisen werde.« – »So sprechen Sie!« – »Wohlan, der Mann, dem ich jetzt gegenüberstehe, erwartet mit großer Bestimmtheit, daß zwei Schüsse fallen werden, vielleicht von der Höhe herab oder zwischen den Büschen hervor. Der eine Schuß soll mich, der andere meinen Sekundanten treffen, der Mörder ist erkauft und soll heute um Mitternacht bei den Ladrillos für den doppelten Meuchelmord seine Bezahlung erhalten.«

Der Offizier trat einen Schritt zurück und rief zornig:

»Señor, das ist unwürdig, das ist eine neue tödliche Beleidigung.« – »Es ist die reine Wahrheit«, antwortete Sternau kalt. »Sehen Sie Ihren Kameraden, diesen Kapitän, diesen Kavalier an! Sieht er nicht leichenblaß aus vor Schreck? Sehen Sie nicht die Klinge in seiner Hand zittern? Sehen Sie nicht seine Lippen beben? Sehen Sie nicht seinen Blick stier vor Schreck und Angst? Ist dies der Anblick eines Unschuldigen?«

Der Sekundant betrachtete seinen Vorgesetzten und sagte, selbst erbleichend:

»O Dios, es ist wahr, Sie zittern, Kapitän!« – »Er lügt!« stammelte dieser. – »Und hören Sie, wie sogar seine Stimme zittert?« fragte Sternau. »Es ist die Angst. Er weiß, daß der Fürst des Felsens nicht besiegt werden kann; er weiß, daß ich Wort halten werde; er weiß, daß seine rechte Hand verloren ist. Vorwärts, beginnen wir die Komödie!«

Da raffte sich der Kapitän zusammen.

»Ja, beginnen wir!« rief er und drang sogleich auf Sternau ein. – »Halt!« rief dieser, indem er ihm mit einem gewaltigen Hieb den Degen aus der Hand wirbelte. »Noch stehen die Sekundanten nicht zu unserer Linken, und noch ist das Zeichen nicht gegeben. Passen Sie auf die Regel auf, sonst werfe ich den Degen fort und greife zur ersten besten Rute.«

Der Degen wurde wieder geholt und die Gegner legten sich aus. Mariano war ein ausgezeichneter Fechter; noch keiner hatte ihn überwunden, aber wie Sternau die in dem Degenkorb steckenden vier Finger seines Gegners von der Hand trennen wollte, das wußte er nicht; er hielt es für eine Unmöglichkeit

Jetzt wurde das Zeichen gegeben, und der Kampf begann. Der Kapitän warf sich mit wildem Mut auf Sternau; dieser aber stand da, stolz, ruhig und lächelnd, jeden Ausfall mit graziöser, aber kraftvoller Leichtigkeit parierend, bis plötzlich seine Augen aufblitzten; ein gewaltiger Hieb trieb den Arm seines Gegners zur Seite; die Klinge wandte sich blitzschnell, die Spitze derselben fuhr in den Korb hinein – ein Ausruf des Kapitäns, und der Degen desselben fiel zur Erde.

»Oh, ich Unglücklicher, meine Hand!« brüllte er.

Der Degen lag am Boden; im Korb der Waffe steckten zwei abgetrennte Finger, zwei andere lagen daneben, während der Verwundete den blutenden Stumpf in die Schöße seines Rocks grub.

Sternau zog ruhig sein Taschentuch und trocknete das Blut von der Spitze seines Degens ab. Dann wandte er sich an den Sekundanten:

»Sie sehen, daß ich Wort halte, Señor. Dieser Mann wird mit seiner Rechten niemals wieder eine Dame berühren, die es ihm nicht erlaubt.«

Da erhob der Kapitän den blutenden Stumpf und rief:

»Mensch, du bist ein Teufel, aber ich mache dich doch noch zahm!«

Sein Sekundant trat zu ihm, Leutnant Pardero auch. Sie sprachen ihm zu und gaben sich Mühe, die Blutung durch einen provisorischen Verband zu stillen. Er ließ es geschehen, indem er wilde, halblaute Drohungen gegen Sternau ausstieß. Dieser kümmerte sich nicht um dieselben. Mariano war zu ihm getreten und sagte:

»Das war ein Meisterstück, das ich nie für möglich gehalten hätte. Wirst du das andere Versprechen auch halten können?« – »Sicher«, antwortete Sternau lächelnd. – »Aber drei Schritte Barriere, und beide schießen zugleich.« – »Pah! Paß auf, wie ich dies mache! Doch tritt nicht seitwärts von mir, sondern gerade hinter mich.« – »Dann kann mich die Kugel des Gegners treffen.« – »Nein. Sie müßte ja erst mich durchbohren.« – »So soll sie seitwärts fliegen?« – »Ja, die meine und die seine.« – »Caramba, du willst auf die Öffnung seiner Pistole zielen?« – »Ja.« – »Auf seinen rechten Lauf?« – »Versteht sich.« – »Und wenn er nun den linken zuerst abschießt?« – »Das tut so ein Männchen nicht. Habe keine Sorge, es geschieht mir nicht das mindeste.«

Diese Worte waren leise gesprochen worden, so daß sie von den drei Offizieren ungehört blieben. Der Kapitän war jetzt zur Not verbunden. Er raunte Pardero zu:

»Wenn Sie diesen Hund niederschießen, quittiere ich Ihnen Ihre ganze Spielschuld!«

Pardero nickte mit dem Kopf, aber es war ein automatisches, seelenloses Nicken, eine fast unbewußte Bewegung. Er sah ebenso bleich aus wie der Kapitän vorher, und sein Auge hing voll Angst an den Sekundanten, die jetzt die Barriere markierten. Die beiden Doppelpistolen wurden sorgfältig untersucht und geladen, dann wurden sie von den Gegnern aus dem Hut gewählt. Sie stellten sich einander gegenüber, nur drei Schritte voneinander entfernt. Der Leutnant stellte sich seitwärts, Mariano aber hinter Sternau.

»Señor, welche Unvorsichtigkeit!« rief ihm der Sekundant des Gegners zu. »Sie müssen ja getroffen werden!« – »Oh, mein Freund und ich, wie sind unverwundbar«, antwortete er lächelnd.

Dennoch war er sich bewußt, daß es nur das Vertrauen in Sternaus Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit sei, die ihn veranlaßte, eine so exponierte Stellung einzunehmen. Der Kapitän stand in der Nähe, hielt seinen Arm in der improvisierten Binde und schleuderte haßlodernde Blicke auf Sternau. Er hätte sein halbes Leben, vielleicht noch mehr darum gegeben, wenn er jetzt hätte die Kugel Parderos nach dem Herzen des Feindes lenken können.

Der Leutnant erhob die Hand und zählte:

»Eins!«

Die rechten Arme der Gegner erhoben sich mit den Pistolen, die Läufe gerade auf die Brust des Gegenübers gerichtet

»Zwei!«

Die Hand Parderos zitterte; er biß die Zähne zusammen, überwand das Beben und hielt das Auge auf die Stelle gerichtet, wo das Herz Sternaus klopfte. Gerade dorthin mußte die Kugel kommen. Auf drei Schritte Entfernung konnte gar nicht gefehlt werden, kein Zoll breit, nicht den Gedanken eines Haares breit. Und diese Überzeugung gab ihm seine Ruhe und sein Selbstvertrauen zurück; die beiden Mündungen seiner Waffe starrten fest und unverrückbar, als ob sie auf einer granitenen Unterlage ruhten, nach dem Herzen des Gegners. Dieser aber, Sternau, stand hoch und stolz vor ihm mit einem überlegenen Lächeln auf den Lippen.

»Drei!«

Das war das Todeswort. Sternau hatte seinen festen Blick nicht vom Auge Parderos verwandt, dennoch richtete sich seine Waffe bei dem letzten Kommandowort von dessen Brust mit Gedankenschnelle weg auf dessen Waffe. Die beiden Schüsse krachten. Parderos Hand wurde samt der Pistole zurückgeschleudert; Sternaus zweiter Schuß blitzte auf, nur einen Augenblick später auch derjenige seines Gegners, aber dieser stieß einen Schrei aus und ließ die Pistole sinken. Zu gleicher Zeit stöhnte auch der Kapitän dort an seinem Busch.

»Meine Hand!« rief der Leutnant. – »Ich bin getroffen!« schrie der Kapitän. – »Unmöglich!« rief der Sekundant und eilte zu ihm. – »Es ist so«, sagt Sternau ruhig. »Señor Pardero hatte keine feste Hand. Meine erste Kugel ging nach seinem Lauf, warf denselben zurück und diagonalisierte mit der seinigen zur Seite. Meine zweite Kugel zerschmetterte seine Hand, und so ging seine zweite ab, rückwärts hinter mich und, wie ich sehe, in den bereits verwundeten Arm meines ersten Gegners. Wer sich schießen will, muß etwas gelernt haben, und wer den Mut hat, Damen zu beleidigen, der muß den Mut haben, die Folgen zu tragen. Ich habe die Gewohnheit, solchen Leuten die rechte Hand zu nehmen. Adieu, Señores!«

Er steckte die beiden abgeschossenen Pistolen zu sich und schritt nach seinem Pferd. Da stellte sich ihm der Sekundant in den Weg und sagte:

»Herr, Sie sind Arzt?« – »Ich hatte bereits gestern die Ehre, es Ihnen zu sagen.« – »Nun wohl, hier sind zwei Verwundete.« – »Ich pflege nicht Wunden zu heilen, die ich schlage, weil sie verdient worden sind; so ähnlich sprach ich mich gestern aus. Übrigens ist die zweite Wunde Ihres Freundes eine einfache Fleischwunde, wie ich bereits aus der Haltung seines Armes sehe, sie hat nichts zu bedeuten. Vielleicht hütet er sich später vor Freunden, die auf ihn schießen, während vom Feind sein Leben geschont wird. Adieu!«

Sternau stieg auf und ritt davon, Mariano folgte ihm. Die drei Offiziere blieben zurück. Pardero stand da mit zerschmetterter Hand, und Verdoja ließ sich den Ärmel aufschneiden und seine Schußwunde verbinden. Ihre Flüche und Verwünschungen folgten den Davonreitenden nach.

Diese kümmerten sich nicht darum, sondern suchten den Ort auf, wo sie ihre Gefangenen verwahrt hatten.

»Wie ist mir jetzt das Herz so leicht«, meinte Mariano. »Ich kam nicht ohne Besorgnis zum Rendezvous.« – »Du hast mich noch nicht gekannt«, meinte Sternau heiter. »Jetzt aber laß uns eilen, daß wir die Hazienda eher erreichen als sie, sonst kommen wir um eine Überraschung, auf die ich mich ganz außerordentlich freue.«

Sie fanden die drei Pferde noch an den Bäumen, banden sie los, nahmen sie bei den Zügeln und galoppierten davon. Die beiden Gefangenen waren so fest auf ihre Tiere gebunden, daß sie sich kaum regen konnten. Unterwegs nahm ihnen Sternau die Knebel aus dem Mund.

»Ihr redet kein Wort«, befahl er ihnen, »sonst jage ich euch eine Kugel durch den Kopf. Ich will euch sogar die Hände freigeben, doch nur unter der Voraussetzung, daß ihr euch stets hart vor uns haltet. Es geht nach der Hazienda del Erina.«

Er knüpfte ihnen auch die Handfesseln auf, so daß sie nun die Zügel regieren konnten. Sie waren nur noch mit Stricken befestigt, die von dem einen ihrer Füße unter dem Pferd hinweg nach dem andern liefen. Dies war nicht nur eine Gnade, sondern auch eine Vorsichtsmaßregel von Sternau. Er wollte die bei der Hazienda lagernden Lanzenreiter nicht wissen lassen, daß er Gefangene bringe, das hätte dann der Kapitän zu früh erfahren. Gab er den beiden Männern also die Zügel frei, so hatten sie das Aussehen freier Begleiter und konnten sehr leicht für Leute gehalten werden, die zur Hazienda gehörten.

Es ging im Galopp dieser letzteren zu. Das Tor stand, wie jetzt gewöhnlich, offen, und so ritten sie in den Hof ein, ohne von den Soldaten beachtet zu werden.

19. Kapitel.

Der Haziendero stand am Portal und staunte, sie mit zwei Begleitern und einem ledigen Pferd ankommen zu sehen.

»Ah, da sind Sie ja. Wir haben nach Ihnen gesucht. Sie bringen mir Gäste mit, Señores?« – »Nicht eigentlich Gäste, Señor«, sagte Sternau. »Es sind Gefangene.«

Der Haziendero machte ein erstauntes Gesicht.

»Gefangene?« fragte er. »Wieso? Mein Gott, was ist Ihnen schon wieder passiert?« – »Das werden Sie erfahren. Aber bitte, öffnen Sie uns ein Gewölbe, in dem wir diese Männer sicher unterbringen können, von deren Hiersein die Offiziere der Lanzenreiter zunächst noch nichts wissen dürfen.«

Es wurden den Männern jetzt die Hände wieder gefesselt, dann band man sie von den Pferden los und steckte sie in ein Gewölbe, das ohne Fenster war und dessen Tür so verschlossen wurde, daß an eine Flucht gar nicht gedacht werden konnte. Die Soldaten merkten nicht das geringste davon.

Nun begaben sich die beiden Freunde nach dem Speisesaal, um das Frühstück einzunehmen. Dort fanden sie Helmers, Karja und Emma, die auf einige Augenblicke ihren genesenden Pflegling verlassen hatten, und erzählten ihnen das gehabte Abenteuer. Pedro Arbellez wußte noch nichts davon, daß seine Tochter auf dem Dach beleidigt worden sei; er erschrak, als er es hörte. Als dann die Rede auf das Duell kam, erbleichte Emma. Mariano berichtete den ganzen Hergang desselben, und Sternau erntete wohlverdiente Bewunderung von den Zuhörern. Diese war aber gemischt mit der Befürchtung, daß die Lanzenreiter nun an der Hazienda und ihren Bewohnern Rache nehmen könnten. Sternau versuchte, diese Befürchtungen zu widerlegen.

»Die Lanzenreiter sind ja Untergebene von Juarez, der es früher oder später ganz sicher zum Präsidenten bringen wird«, sagte er. Juarez aber ist Ihnen wohlgesinnt, Señor Arbellez, das hat er Ihnen bewiesen, indem er Ihnen die Verwaltung der Hacienda Vandaqua anvertraute. Das werden diese Offiziere bedenken müssen. Übrigens haben wir gegen diese eine sehr gefährliche Waffe in der Hand, nämlich unsere Gefangenen, die wir jetzt verhören werden. Der Mensch, den ich gestern abend gefangennahm, liegt wohl noch verschlossen in meinem Zimmer; ich habe heute noch nicht nach ihm sehen können und werde ihn herbeibringen.«

Er ging nach seiner Wohnung und fand den Mann noch in derselben Lage, wie er ihn verlassen. Es stand zu vermuten, daß er sich alle Mühe gegeben hatte, freizukommen, aber seine Fesseln waren zu fest gewesen. Sein Gesicht hatte eine bläuliche Farbe, und ein leises, röchelndes Stöhnen drang unter dem Knebel hervor, der ihn verhindert hatte, in freier Weise zu atmen. Sternau erkannte, daß der Gefesselte in kurzer Zeit dem Erstickungstod erlegen wäre und nahm ihm den Knebel ab. Dann band er ihn vom Bett los und befreite auch seine Beine und Füße von den sich umschlingenden Riemen, so daß er nur noch an den Händen gebunden war.

»Steh auf!« gebot er ihm. »Ich habe mit dir zu sprechen.«

Der Gefangene erhob sich mühsam; er hatte während der Zeit, in der er in Banden gelegen hatte, den freien Gebrauch der Glieder verloren. Er konnte jedoch atmen, und so stellte sich seine natürliche Gesichtsfarbe wieder ein, und seine Augen verloren den stieren Ausdruck, den sie gehabt hatten. Aber der Blick, den er auf Sternau warf, zeigte keine Spur von Ergebung.

»Wie können Sie sich an mir vergreifen!« sagte er. »Ich bin ein freier Mexikaner.« – »Laß diesen dummen Spaß!« antwortete Sternau. »Du siehst ja, daß du jetzt aufgehört hast, ein freier Mexikaner zu sein!« – »Aber ohne meine Schuld. Ich verlange Freiheit und Genugtuung!« – »Was du verlangst, ist uns gleichgültig; was du bekommst, das wird sich baldigst finden. Nur erwarte nicht, daß ich Theater mit dir spiele. Du gehst jetzt mit mir.«

Sternau faßte den Mann und schob ihn vor sich her zur Tür hinaus. Der Mexikaner gab sich Mühe, einen trotzigen Gang und eine ebensolche Haltung anzunehmen, aber es gelang ihm schlecht, da infolge seiner Fesselung das Blut noch nicht in der früheren Weise durch seine Adern pulsierte. Er hatte seine Bewegungen noch nicht wieder in seiner Gewalt, und so kam es, daß er nicht den mindesten Versuch machte, sich durch einen raschen Sprung zu befreien, obgleich ihn Sternau nicht mit der Hand gefaßt hielt.

Als sie in den Speisesaal traten und er die dort Anwesenden erblickte, fragte en

»Was soll ich hier?« – »Meine Fragen beantworten, weiter nichts«, antwortete Sternau, indem er ihn vorwärts stieß. »Hier stellst du dich her! Sieh diesen Revolver, bei der geringsten Bewegung, die du etwa unternimmst, um zu entfliehen, schieße ich dich nieder!« – »Ich protestiere gegen eine solche Behandlung!« meinte der Mexikaner trotzig.

Sternau zuckte geringschätzend die Schultern und antwortete nicht, sondern wandte sich zum Fenster. Draußen war der Hufschlag eines Pferdes zu hören, und als er hinausblickte, sah er einen Lanzenreiter, der auf schweißtriefendem Pferd beim Lager ankam. Es war gewiß ein Bote, der irgendeinen Befehl überbrachte.

Nun wandte sich Sternau wieder zu dem Gefangenen und sagte zu ihm:

»Du stehst vor einem Verhör, das über dein Schicksal entscheidet. Ich hoffe, daß du an deinen Vorteil denkst und mir aufrichtig antwortest.« – »Es hat niemand das Recht, mich zu verhören; ich gestehe dieses Recht nur dem Richter zu, das aber ist keiner von Ihnen.« – »Du irrst. Alle, die hier sind, sind deine Richter; du wirst das bald bemerken. Ich sage dir, daß wir wenig Federlesens mit dir machen werden. Du bist gedungen worden, einige von uns zu töten. Ich habe deine Unterhaltung um Mitternacht unten bei den Palisaden und bei der Ruine belauscht und jedes Wort vernommen; ich bin auch bei dem Stein gewesen und habe den Zettel gelesen, den der Kapitän dort für dich verbarg und den du noch in deiner Tasche hast. Ihr habt in der Schlucht des Tigers auf mich geschossen – ich weiß das alles. Du bist ein Mörder, und ich werde dich ohne alle Umstände binnen zehn Minuten aufhängen lassen, wenn du nicht durch eine offene Bereitwilligkeit dein Leben zu retten versuchst«

Diese Worte waren in strengem Ton gesprochen, der den Mann bedenklich machte. Er hörte zu seinem Schrecken, daß alles verraten sei, und der angenommene Trotz wich aus seinen verwitterten Zügen. Er antwortete nur mit einem Schweigen.

»Ich frage dich zunächst, ob du aufrichtig antworten willst«, fuhr Sternau fort. »Willst du nicht, so ist das Verhör allerdings beendet, und du wirst aufgehängt.«

Der Mann blickte düster zu Boden und entgegnete:

»Wenn Sie das tun, so wird man mich rächen; darauf können Sie sich verlassen!« – »Wer würde denn der Rächer sein?« fragte Sternau. – »Ich habe noch Gefährten.« – »Pah! Du hattest nur noch ihrer zwei übrig. Sie warteten in dem Kalkbruch auf dich, wie du gestern abend zu dem Kapitän sagtest. Wir sind heute dort gewesen und haben sie gefangengenommen. Du wirst sie bald sehen.«

Der Mexikaner erbleichte, antwortete aber doch:

»Das glaube ich nicht. Sie sagen die Unwahrheit, damit ich schüchtern werden soll.« – »Du bist nicht der Mann, um dessentwillen ich eine Unwahrheit sagen würde. Tritt an das Fenster und blicke hinab. Ihre Pferde stehen noch unten im Hof, und das deinige auch.«

Der Mann tat, wie ihm befohlen war. Er sah die beiden Pferde seiner Gefährten, er erkannte auch das seinige und sah nun ein, daß Sternau die Wahrheit gesagt hatte. Dennoch machte er noch einen schwachen Versuch, den Anwesenden Furcht einzuflößen, und sagte:

»Der Kapitän wird mich rächen!«

Sternau war mit seinen Blicken dem Gefangenen, als dieser aus dem Fenster sah, gefolgt, und dabei bemerkte er drei Reiter, die von Westen her auf das Lager zugeritten kamen. Er erkannte sie sofort und antwortete dem Mann:

»Sieh dort hinüber! Erblickst du die drei Reiter? Es ist der Kapitän mit seinen beiden Leutnants. Wenn sie näher kommen, wirst du sehen, daß Verdoja und Pardero die rechte Hand verbunden haben. Ich habe mich heute morgen in dem Kalkbruch mit ihnen geschlagen und dabei beide um die rechte Hand gebracht. Von ihnen hast du keine Hilfe zu erwarten.«

Der Gefangene erschrak von neuem und blickte angestrengt zum Fenster hinaus. Auch die anderen traten herbei, um die Ankömmlinge zu beobachten. Diese kamen im Trab näher, ritten, ohne bei den Ihrigen, den Soldaten, anzuhalten, in den Hof ein und stiegen ab. Nach einigen Augenblicken hörte man an ihren Schritten, daß sie sich nach ihren Zimmern begaben. Alle Anwesenden hatten bemerkt, welch ein Zug entschlossener Rachgier auf den Gesichtern der drei lag; diesen Mienen nach hatte man auf einen friedlichen Weiterverlauf der Dinge allerdings nicht zu rechnen.

»Nun, hoffst du noch auf Hilfe von dem Kapitän?« fragte Sternau.

Der Gefragte schwieg. Er wollte nicht mit Worten eingestehen, daß er bereit sei, seinen bisherigen Widerstand aufzugeben.

»Antworte mir jetzt!« fuhr Sternau fort. »Gestehst du ein, daß ihr von einem gewissen Cortejo gedungen waret, mir und meinen Gefährten aufzulauern?« – »Ja, das will ich gestehen«, sagte der Mann. – »Als dies mißlang und ich eure Leute in der Schlucht des Tigers getötet hatte, engagierte euch übrigen der Kapitän Verdoja, uns niederzuschießen?« – »Ja.« – »Ihr habt infolgedessen auch wirklich auf mich geschossen?« – »Ich nicht, sondern nur die beiden, die Sie in der Schlucht töteten.« – »Entschuldige dich nicht, du warst ihr Anführer. Du hast dann mit Verdoja einige Zusammenkünfte gehabt, und bei der letzten derselben, gestern, forderte er dich auf, mich und Señor Mariano heute mit deinem Doppelgewehr zu erschießen, und zwar in dem Augenblick, in dem ich mit ihm auf der Mensur stehen würde?« – »Ja«, antwortete der Mexikaner kleinlaut. Er sah ein, daß Leugnen ganz vergeblich sei, fügte jedoch hinzu. »Sie können mir aber glauben, Señor Sternau, daß ich es nicht getan hätte; ich hätte Sie auf keinen Fall erschossen.« – »Ah! Was hättest du denn getan?« – »Ich wäre hervorgetreten und hätte Ihnen gesagt, was der Kapitän mit Ihnen im Sinn hatte.« – »Das mache einem anderen weis. Du wirst übrigens jetzt deine Kameraden zu sehen bekommen. – Mariano, willst du die beiden Leute holen?«

Mariano ging und brachte sie nach kurzer Zeit herbei. Sie erschraken sichtlich, als sie ihren Gefährten erblickten, und es bedurfte von seiten Sternaus nur einer kleinen Einschüchterung, um sie zum vollen Geständnis zu bringen. Sie hörten, daß ihr Mithelfer bereits alles gesagt habe, und sahen nun keinen Grund, durch ein unnötiges Leugnen ihre an und für sich bereits gefährliche Lage zu verschlimmern.

»Ihr seid Mörder und wohl auch noch mehr als das«, sagte Sternau, »es gehört euch der Strick ohne alle Gnade und Barmherzigkeit, aber ich will Nachsicht üben, sobald ihr bereit seid, eine Bedingung zu erfüllen.« – »Welche ist es?« fragte der eine. – »Ich fordere von euch, daß ihr euer Geständnis in Gegenwart des Kapitäns wiederholt, sobald ich es verlange. Seid ihr bereit dazu?«

Sie blickten einander an und antworteten nicht. Endlich fragte der Anführer:

»Ist das unbedingt notwendig?« – »Ja. Tut ihr es nicht, so geschieht das mit euch, was ich euch sagte: Ich lasse euch unverzüglich aufhängen. Denket nicht, daß ich nur drohe!« – »Hängen lassen wir uns des Rittmeisters wegen nicht. Wenn es wirklich nicht anders geht, so werden wir also auch in seiner Gegenwart die Wahrheit sagen.« – »Gut. Das Leben ist euch also geschenkt, und das Weitere wird sich finden. Ihr werdet jetzt zusammengesperrt. Versucht nicht, zu entfliehen, denn jeder Versuch wird euren Tod zur Folge haben!«

Sie wurden jetzt zu dreien in dasselbe Gewölbe eingeschlossen, in dem die zwei gesteckt hatten. Sternau ahnte mit den übrigen, daß sehr bald eine Kundgebung feindseliger Art von den Offizieren zu erwarten sei, und so zogen sie es vor, im Haus zu bleiben, um einander in jedem Augenblick zur Hand zu sein.

20. Kapitel.

Die drei Offiziere waren nach dem Aufbruch Sternaus und Marianos noch längere Zeit auf dem Kampfplatz geblieben; sie sahen sich durch Verwundungen dazu gezwungen. Die Hand Parderos war vollständig zerschmettert, aber die Blutung zeigte sich bei ihm als nicht übermäßig. Das Taschentuch und ein Stück von der Pferdedecke genügten zum einstweiligen Verband. Anders war es bei dem Kapitän. Die scharfen Schnittflächen seiner vierfachen Fingerwunde begünstigten das Hervorbrechen des Blutes, und die Kugelwunde am Arm, obgleich nicht gefährlich, schien eine bedeutende Vene zerrissen zu haben. Hier war die Blutung mit weit größerer Mühe zu stillen.

Während dieser Verbandarbeiten wurde nur wenig gesprochen, und das, was geredet wurde, trug den Charakter des Grimmes und der Wut an sich.

»Wer hätte das gedacht!« meinte Pardero. – »Daß Sie so ungeschickt sind, auf mich zu schießen!« unterbrach ihn der Kapitän. – »Ich? Sie haben ja bereits gehört, wie es zugegangen ist. Dieser Sternau ist ein Fechter und ein Schütze, wie es keinen zweiten gibt.« – »Und Sie sind ebenso ein Schütze, wie es keinen zweiten gibt, nämlich ein so schlechter!« – »Ich bitte die Herren, sich nicht zu entzweien!« bat der Sekundant, dem das Geschäft des Verbindens allein oblag, da die beiden anderen durch ihre Wunden verhindert waren, ihm durch eine Handreichung beizustehen. »Das Rendezvous war ein ganz außergewöhnliches. Dieser Sternau kann wirklich fast ein Teufel genannt werden, obgleich alles sehr natürlich zugegangen ist. Seine Geschicklichkeit sowohl in der Handhabung von Schieß- und Hiebwaffen ist eine geradezu auffällige, aber noch auffälliger sind mir die Worte, die er sprach.« – »Allerdings auffällig im höchsten Grad«, stimmte Pardero bei. »Er beschuldigte Sie, Kapitän, ja geradezu, einen Mörder gedungen zu haben, der ihn und seinen Sekundanten niederschießen solle.« – »Infamie!« antwortete Verdoja.

Aber trotz dieses Wortes konnte er die tiefe Röte nicht verbergen, die in sein vorher so totenbleiches Gesicht getreten war. Wer bei solchem Blutverlust so tief erröten konnte, der mußte sich getroffen fühlen.

Der Sekundant fixierte ihn mit scharfem Auge. Er war ein Ehrenmann, der, wenngleich Mexikaner, sich der Beihilfe zu einer Unehrenhaftigkeit nicht schuldig machen wollte. Er hatte keine Ahnung von den eigentlichen Absichten seines Vorgesetzten, dem er nur sehr ungern als Sekundant gedient hatte, da es sich ja um die Beleidigung einer Dame handelte; aber gerade daß es sein Vorgesetzter war, hatte ihn vermocht, eine Weigerung nicht auszusprechen. Er fühlte, ja, er war fest überzeugt, daß Sternaus Anschuldigung eine begründete sei, und fragte:

»Was sollte diesen Deutschen zu einer solchen Beschuldigung veranlassen?« – »Eben seine Schlechtigkeit«, antwortete der Kapitän. – »Sie irren wohl, Señor!« erwiderte der Sekundant ruhig. »So wie ich Sternau beurteile, ist er nicht der Mann zu einer solchen Bosheit.« – »So war es ein übel angebrachter Theatercoup, um den Effekt zu erhöhen.« – »Auch das glaube ich nicht. Sternau, der berühmte Jäger, ist kein Schauspieler.«

Da stampfte Verdoja zornig mit dem Fuß.

»Schweigen Sie! Oder wollen Sie mir etwa sagen, daß Sie glauben, was dieser Mensch ausgesprochen hat?« – »Er hat eine offene Anschuldigung ausgesprochen, die Sie nicht widerlegten«, antwortete der Leutnant gemessen. »Ich enthalte mich natürlich eines jeden Urteils, bis erwiesen ist, daß der Ankläger sich geirrt hat.« – »Das will ich Ihnen auch raten!«

Der junge Mann blickte von dem Verband auf, mit dem er beschäftigt war, zog die Brauen zusammen und fragte:

»Soll das eine Drohung sein, Kapitän?« – »Allerdings!« lautete die zornige Antwort.

Sofort ließ der Leutnant das Tuch los und trat zurück.

»Ich verbitte sie mir sehr ernstlich!« sagte er. »Sie sind im Dienst mein Vorgesetzter, in einem Ehrenhandel aber ist meine Stellung keine andere als die Ihrige. Ihr Verhalten gegen mich ist mir unbegreiflich, und ich sage Ihnen, daß ich sofort nach unserer Rückkehr mit Señor Sternau sprechen werde. Er hat Sie des Meuchelmords angeklagt, geschah es mit Unrecht, so muß er widerrufen und Genugtuung geben, geschah es aber mit Recht, so werde ich aus meiner Stellung scheiden.« – »Ich verbiete Ihnen, mit diesem Menschen zu sprechen!« schnaubte der Kapitän. – »Sie haben mir nur in dienstlichen Dingen Befehle zu erteilen, sonst nicht. Sie kennen jetzt meine Ansicht. Soll ich den Verband vollenden, so ersuche ich Sie, das jetzige Thema fallenzulassen.«

Der Kapitän schwieg notgedrungen und hielt ihm den Arm hin. Der Zorn, der ihn beherrschte, war nicht geeignet, die Wallungen seines Blutes zu beruhigen, und so kam es, daß das Verbinden längere Zeit in Anspruch nahm. Während der Leutnant mit dem Arm seines Vorgesetzten beschäftigt war, wechselte dieser Blicke mit Pardero, aus denen er erkannte, daß er in letzterem einen Verbündeten haben werde.

Endlich stiegen sie zu Pferde, um nach der Hazienda zurückzukehren. Sie taten dies, wie bereits bemerkt, mit düsteren Mienen, doch war bei dem Leutnant der Grund dazu ein ehrenhafterer als bei den beiden anderen.

Bei den Lanzenreitern befand sich einer, der einmal Arzt hatte werden wollen, aber wegen schlimmen Lebenswandels relegiert worden war. Er war der Chirurg der Schwadron und hätte bei dem Duell eigentlich zugegen sein müssen. Aber Sternau hatte die Anwesenheit eines Arztes abgelehnt, und der Kapitän war so überzeugt gewesen, daß sein meuchlerischer Anschlag gelingen werde, daß man nicht für nötig befunden hatte, ihn zu benachrichtigen. Kaum aber waren Verdoja und Pardero nach der Hazienda zurückgekehrt, so ließen sie ihn kommen, um sich einen regelrechten Verband anlegen zu lassen.

Bei dieser Gelegenheit erfuhren sie von ihm, daß ein Bote angekommen sei, der von Juarez die Weisung gebracht habe, sofort nach Monclova aufzubrechen, da dort die Bevölkerung im Aufstand gegen die Regierung begriffen sei. Der Kapitän ließ ihn zu sich kommen und empfing den schriftlichen Befehl, den Monclovanern gegen die Regierungstruppen beizustehen.

»Werde ich reiten können?« fragte er den Chirurgen. – »Ja«, antwortete dieser. »Das Reiten strengt den Arm nicht an. Es ist nur das Wundfieber zu befürchten, aber da ich das Wundkraut angewandt habe, so wird es gar nicht eintreten.« – »Und Leutnant Pardero?« – »Seine Wunde ist schmerzhafter als die Ihrige, gefährlicher aber nicht. Auch er kann reiten. Allerdings den Degen werden Sie beide nicht wieder führen können.« – »So fechte ich mit der linken Hand. Morgen früh brechen wir auf.«

Während der Chirurg mit den beiden Verwundeten beschäftigt war, führte der Leutnant seinen Vorsatz aus und begab sich zu Sternau. Dieser sah ein, daß er es mit einem Ehrenmann zu tun hatte, verweigerte ihm aber einstweilen jede Auskunft

»Und doch muß ich auf dieser Auskunft bestehen«, sagte der Leutnant. »Es ist ein Bote angekommen, der unseren schleunigen Aufbruch fordert. Juarez dirigiert uns nach Monclova. Haben Sie ein Recht, den Kapitän des Meuchelmords oder der Anstiftung dazu zu beschuldigen, so trete ich aus oder zwinge ihn auszutreten. Dasselbe wird auch mit Pardero der Fall sein, denn ich vermute sehr, daß die beiden zusammenhalten. Eigentlich genügt schon ihr ehrloser Angriff auf die Damen, mich von ihnen loszusagen.« – »Und doch dienten Sie ihnen als Sekundant!« – »Wer hätte es sonst tun sollen? Übrigens erfuhr ich etwas Ausführliches erst auf dem Weg nach dem Stelldichein. Jetzt sehen Sie wohl ein, daß ich unbedingt um sofortige Aufklärung bitten muß.« – »Sie soll Ihnen werden, wenn auch nicht in dieser Minute, aber doch in ganz kurzer Zeit Der Kapitän sieht seinen Anschlag mißlungen, und er wird, wie ich vermute, in kurzer Zeit ausreiten, um an denjenigen, der den Mord ausführen sollte, eine Botschaft zu richten. Ich beabsichtige, ihn dabei zu beobachten; Sie werden mich deshalb begleiten, denn dies ist der Weg, Sie von der Wahrheit meiner Behauptungen zu überzeugen. Bereiten Sie sich auf einen baldigen Spazierritt vor, aber ohne daß es jemand merkt.«

Der Leutnant mußte sich damit zufriedengeben und entfernte sich einstweilen. Sternau hatte sich in seinen Vermutungen nicht getäuscht, denn kaum hatte der Chirurg sich entfernt so verließ Verdoja zu Pferde die Hazienda, aber nicht allein, sondern er forderte den Leutnant Pardero auf, ihn zu begleiten, da er mit ihm zu sprechen habe.

Pardero war ein echter Mexikaner, leichtlebig, leidenschaftlich, seinen Wünschen und Begierden alles unterordnend. Er war arm, wollte es aber nicht bleiben, denn der Besitz ist ja das einzige Mittel zur Befriedigung aller Bedürfnisse. Reich zu werden, war ihm kein Mittel zu verwerflich, aber leider hatte er bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt. Er hatte es bisher zu nichts gebracht als nur zu Schulden, und sein Hauptgläubiger war der Kapitän, an den er im Spiel Summen verloren hatte, die nicht ganz unbedeutend waren. Dies wollte Verdoja benutzen. Er brauchte einen Verbündeten, der von ihm abhängig war, und dazu paßte niemand besser als Pardero. Daher nahm er ihn auf seinem jetzigen Ritt mit, um ihn für seine Zwecke zu engagieren.

Verdoja wußte nicht, daß seine Helfershelfer gefangen seien; er konnte nicht begreifen, wie Sternau seinen Anschlag erfahren hatte, und wollte nun für den Mörder einen zweiten Zettel unter den Stein stecken, um ihn für Mitternacht abermals zu bestellen. Doch ritt er nicht direkt der Gegend zu, in der sich der Stein befand. Er wußte sich von Sternau beobachtet, darum machte er einen Umweg, und zwar einen noch weiteren, als sein gestriger gewesen war.

»Warum brechen wir erst morgen nach Monclova auf?« fragte Pardero unterwegs. »Der Weisung nach müßten wir doch sofort reiten.« – »Wir haben erst hier noch einiges abzumachen, ich und Sie«, antwortete Verdoja. – »Ich?« fragte Pardero erstaunt. – »Ja. Oder wollen Sie diesen Sternau, der Ihnen die Hand zerschmettert hat, unbestraft lassen?« – »Ah, wenn ich ihn fassen könnte!« knirschte der Leutnant. – »Das werden wir. Übrigens denke ich auch, daß die schöne Indianerin Ihr Blut in Wallung gebracht hat. Sie ist schuld an Ihrem Rencontre mit dem Deutschen. Wollen Sie von hier fortgehen, ohne sich diese Schuld in liebenswürdiger Weise abtragen zu lassen?«

Aus den Augen Parderos leuchtete eine gefährliche Glut.

»Teufel, ja«, sagte er. »Ich gestehe aufrichtig, daß ich vor Lust brenne, sie zu küssen. Sie ist das schönste Mädchen, das ich kenne.«

Dies war ein offenes Geständnis. Der Kapitän nickte mit dem Kopf.

»Gut! Sie werden offen, und so will ich Ihnen ebenso ehrlich sagen, daß es mir geradeso geht mit dieser Señorita Emma. Ich habe mich in sie vergafft und bin wirklich ganz verliebt in den Gedanken, meine innigen Gefühle belohnt zu sehen. Freiwillig wird das nicht geschehen, aber wer kann uns widerstehen, wenn wir vereint handeln? Wollen wir uns verbünden, Leutnant?«

Er streckte Pardero die Hand entgegen.

»Gern!« rief dieser, indem er sofort und kräftig einschlug. »Aber wie?« – »Lassen Sie nur mich sorgen! Ich habe übrigens noch andere Pläne, die nicht nur für mich, sondern auch für Sie von Vorteil sind.« – »Ich hoffe, daß ich sie erfahren werde!« – »Hm, sie sind etwas heikler Natur, und ich weiß nicht, ob ich Ihnen vertrauen darf, ob ich auf alle Fälle und unter allen Umständen auf Ihre Verschwiegenheit rechnen kann.« – »Ganz sicher! Ich schwöre es Ihnen!« – »Nun wohl, ich will einmal kühn sein und Ihnen glauben. Was halten Sie von der Anschuldigung, die Sternau heute gegen mich ausgesprochen hat?« – »Hm!« antwortete Pardero, indem er nachdenklich auf den Sattelknopf niederblickte. – »Nun? Reden Sie offen!« – »Wenn Sie es befehlen, so sage ich Ihnen aufrichtig, daß Ihr Verhalten bei dieser Sache nicht ganz geeignet war, das Gegenteil glauben zu lassen.« – »Richtig. Ich gestehe Ihnen, daß dieser Deutsche recht hatte.«

Dieses rückhaltlose Bekenntnis machte Pardero doch etwas verdutzt

»Also wirklich!« sagte er erstaunt. – »Ja, und wenn mein vorsichtiger Anschlag gelungen wäre, so befänden wir uns beide noch im Besitz unserer Hände, und den Deutschen mitsamt seinem Sekundanten hätte der Teufel geholt Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich von sehr hoher und einflußreicher Seite den Befehl habe, Sternau und seine Begleiter unschädlich zu machen.«

Diese letzten Worte waren schlaue Berechnung, sie sollten Pardero willig machen, dem Kapitän Hilfe zu leisten.

»Das ist überraschend«, sagte dieser. »Darf man nach Namen fragen?« – »Jetzt noch nicht. Dieser Sternau ist mehr, als er scheint. Es hängt von seinem Verschwinden das Gelingen weittragender Pläne ab, und derjenige, der ihn verschwinden läßt oder dabei Hilfe leistet, hat auf eine nachhaltige Dankbarkeit zu rechnen. Sie können sich denken, daß ich mich nicht in Gefahr begeben hätte, wenn ich nicht wüßte, daß mir dadurch eine Karriere, eine Zukunft eröffnet wird, an die ich sonst nicht denken dürfte.«

Das war nicht wahr, das war eine große Lüge, aber der Kapitän sprach sie mit Vorbedacht aus. Indem er vorgab, in einem höheren Auftrag zu handeln, stellte er sich als einen Bevollmächtigten hin, dessen Taten nicht gerichtet werden konnten. Und indem er von einer nachhaltigen Belohnung sprach, versicherte er sich des Beistands Parderos, der keine Ahnung harte, daß die Worte seines Vorgesetzten eine Unwahrheit enthielten.

»Sie glauben, daß auch ich belohnt werde, wenn ich Ihnen behilflich bin?« fragte Pardero. – »Gewiß. Sie werden sogar doppelt belohnt, ebenso wie ich. Zunächst haben wir entweder auf ein schnelles Avancement oder auf eine bedeutende pekuniäre Berücksichtigung zu hoffen, und sodann ist es ja für uns beide eine Genugtuung, diesen Kerlen zu beweisen, daß wir uns zu rächen vermögen. Ich darf also auf Sie rechnen?« – »Vollständig, Kapitän! Ich stehe Ihnen mit größtem Vergnügen zur Verfügung und bitte, mir zu sagen, was ich zu tun habe.« – »Das weiß ich in diesem Augenblick selbst noch nicht. Zunächst muß ich erfahren, weshalb mein Beauftragter heute nicht gekommen ist.« – »Wir werden jetzt mit ihm sprechen?« – »Nein. Wir werden ihm jetzt zunächst ein Zeichen geben, daß ich heute abend mit ihm sprechen will. Da erfahre ich, was ihn abgehalten hat, und werde dann augenblicklich handeln. Dies ist auch der Grund, daß ich heute nicht nach Monclova aufbrechen kann, es kann dies erst morgen geschehen.« – »Aber wie hat Sternau erfahren, was Sie mit ihm vorhatten?« – »Das ist mir ein Rätsel.« – »Ihr Mann wird Sie doch nicht verraten haben?« – »Nein, er ist sicher. Eher glaube ich, daß Sternau uns belauscht hat. Er muß sich zufällig an dem Ort befunden haben, wo ich die Unterredung hatte. Daher werde ich die heutige Besprechung nach einem anderen Platz verlegen. Kommen Sie!«

Pardero mußte sich mit den Andeutungen für jetzt begnügen und folgte dem Kapitän, der sein Pferd in einen schnelleren Gang versetzte. Sie hatten beide keine Ahnung, daß ihr Ritt nicht nur ein vergeblicher sein, sondern ihnen geradezu zum Verderben gereichen werde.

21. Kapitel.

Sobald die Offiziere von der Hazienda aufgebrochen waren, stieg auch Sternau mit dem Leutnant zu Pferde und schlug ganz denselben Weg ein, den er gestern geritten war, um zu dem Stein zu gelangen. Sie verbargen ihre Pferde ganz an demselben Ort, wo er gestern das seinige versteckt hatte, und begaben sich dann nach der improvisierten Poste-restante-Station. Der Leutnant bestieg die Zeder, und Sternau versteckte sich hinter einige Büsche, die ihm genügenden Schutz gewährten.

Sie hatten eine längere Weile zu warten, ehe sie den Hufschlag nahender Pferde vernahmen. Die Reiter hielten draußen am Rand des Gehölzes, stiegen ab und kamen dann bis zu dem Stein heran. Es waren Verdoja und Pardero.

Der erstere hob den Stein empor und steckte einen Zettel unter denselben. Sie lauschten einige Sekunden lang, ob sich in der Umgebung etwas rege, dann kehrten sie zu ihren Pferden zurück und ritten davon. Nun verließen die beiden Lauscher ihre Verstecke, und Sternau nahm den Zettel hervor.

»Pardero war dabei«, sagte der Leutnant, »er ist also eingeweiht. Darf ich diesen Zettel lesen, Señor?«

Sternau hatte die Worte bereits überflogen und reichte ihm das Papier hin. Darauf stand:

»Bleibe in der Nähe dieses Ortes. Um Mitternacht treffe ich dich hier beim Stein. Du hast dich zu rechtfertigen.«

Auch dieses Mal fehlte die Unterschrift. Der Leutnant fragte Sternau:

»Das ist für denjenigen bestimmt, der Sie und Señor Mariano erschießen sollte?« – »Ja.« – »Er wird den Zettel finden?« – »Nein.« – »So beabsichtigen Sie nicht, ihn wieder unter den Stein zurückzulegen? Ich würde das tun und dann um Mitternacht das Gespräch belauschen.« – »Das ist nicht möglich, da der betreffende Mann nicht kommen wird. Er befindet sich bereits in meiner Gewalt; er ist Gefangener auf der Hazienda. Kommen Sie zu den Pferden. Nun Sie die beiden Mörder mit eigenen Augen beobachtet haben, werde ich Ihnen alles erzählen, das kann ich während des Heimritts tun.«

Was der Leutnant hörte, das forderte nicht nur sein Erstaunen, sondern auch seinen tiefsten Abscheu heraus; er beschloß, ganz nach den Gefühlen zu handeln, deren er sich jetzt nicht mehr erwehren konnte.

»Was werden Sie tun?« fragte er Sternau. – »Ich werde den Kapitän und seinen Helfer entlarven«, war die Antwort. – »So recht! Werde ich dabeisein dürfen?« – »Gewiß! Ich werde Sie sogar bitten, mein Zeuge zu sein.« – »Und was gedenken Sie mit den Gefangenen zu tun, Señor?« – »Ich habe ihnen versprochen, ihr Leben zu schonen, falls sie ein offenes Geständnis ablegen; sie haben dies getan, und nun ist es meine Pflicht, mein Wort zu halten.« – »Hm, das ist nicht vorsichtig. Diese Kerle haben den Strick verdient. Werden sie ohne Strafe entlassen, so sind Sie Ihres Lebens ja gar nicht mehr sicher.« – »Das sage ich auch, aber ich habe mein Wort noch nie gebrochen und werde es auch jetzt nicht tun. Vielleicht macht meine Nachsicht einen bessernden Eindruck auf sie.« – »Dies glaube ich nicht; auf diese Art von Menschen macht Milde keinen Eindruck, da sie die Humanität doch nur für Schwäche halten. Aber Sie haben leider Ihr Wort einmal gegeben, und so ist nichts daran zu ändern.«

Sie langten eine bedeutende Weile später auf der Hazienda an als der Kapitän und Pardero. Der erste befand sich bereits im Lager der Soldaten und sah sie kommen. Er runzelte die Stirn. Daß der Leutnant sich in Sternaus Gesellschaft befand, war ihm im höchsten Grade unangenehm, ja bedenklich; darum kam er ihm mit finsterer Miene entgegen und fragte:

»Leutnant, wo waren Sie?« – »Spazieren«, lautete die Antwort. – »Hatten Sie meine Erlaubnis?« klang es drohend. – »Bedarf ich derselben?« fragte der Offizier scharf. – »Ich denke. Wir befinden uns nicht in Garnison, sondern auf dem Marsch.« – »Ich meine, daß wir uns nicht auf dem Marsch, sondern im Biwak befinden, Kapitän.« – »Diese Unterscheidungen sind hier nutzlos, Leutnant. Sie haben um Urlaub anzufragen, sobald Sie die Absicht haben, sich zu entfernen.«

Der junge Offizier errötete, aber nicht vor Scham, sondern vor Unwillen, denn die Lanzenreiter standen umher und konnten jedes Wort hören, das gesprochen wurde.

»Dies hätte ich nur dann zu tun«, antwortete er, »wenn ich die Absicht hätte, zu verreisen oder mich während einer Zeit zu entfernen, die den dienstlichen Angelegenheiten gewidmet sein soll. Gegenwärtig aber habe ich ebenso einen Spazierritt gemacht wie Sie und Leutnant Pardero. Was dem einen gestattet ist, muß auch dem anderen erlaubt sein. Sie werden mir da wohl recht geben?«

Der Kapitän reckte sich zu seiner vollen Höhe empor.

»Señor, wissen Sie, was Widersetzlichkeit zu bedeuten hat?« rief er drohend. – »Das weiß ich genau so gut wie Sie, Señor, aber von Widersetzlichkeit ist hier keine Rede. Es handelt sich um eine einfache Meinungsverschiedenheit, die in ruhiger und anständiger Weise ausgeglichen werden kann. Es versteht sich doch ganz von selbst, daß ein Offizier sich vor den Augen der Mannschaft nicht grundlos maßregeln lassen kann!«

Die Augen des Kapitäns blitzten vor Wut. Er trat einen Schritt näher, streckte die Hand aus und gebot:

»Geben Sie Ihren Degen ab, Leutnant! Sofort!«

Der Leutnant war zwar noch jung, aber doch ein furchtloser Mann. Er vermochte sich so zu beherrschen, daß er lächelnd antworten konnte:

»Meinen Degen? Pah! Den haben Sie nicht zu verlangen!« – »Ich bin Ihr Vorgesetzter!« – »Gewesen! Sie sind ein Schurke, ein großer, ein ausgefeimter Bösewicht. Es wäre für mich die größte Schande, wenn Sie meinen ehrlichen Degen nur anrührten!«

Diese Worte waren mit erhobener Stimme gesprochen worden, so daß sie von sämtlichen Soldaten verstanden werden konnten. Die amerikanische Disziplin ist eine andere als zum Beispiel die preußische. Als die Lanzenreiter die fürchterliche Anschuldigung vernahmen, schlossen sie sofort einen Kreis um die Offiziere. Pardero stand auch dabei, und Sternau hielt an der Seite des mutigen jungen Leutnants, so daß er sich also mit den drei Offizieren in der Mitte des Kreises befand.

Der Schimpf, der in den letzten Worten lag, war so groß, daß der Kapitän für den ersten Augenblick gar keine Worte zur Entgegnung fand, dann aber riß er den Revolver aus dem Gürtel, zielte auf den Leutnant und rief mit donnernder, aber vor Wut zitternder Stimme:

»Widerrufen Sie sofort, oder ich schieße Sie nieder!« – »Widerrufen? Nein. Ich wiederhole, was ich sagte«, lautete die furchtlose Antwort.

Da wollte der Kapitän wirklich losdrücken, aber in demselben Augenblick gab Sternau seinem Pferd die Sporen, er schoß in einer kräftigen Lançade an dem Kapitän vorüber, und dieser erhielt dabei von Sternau einen solchen Faustschlag, daß er augenblicklich zusammenbrach.

»Was ist das? Was wagen Sie?« rief Pardero. – »Nichts!« antwortete Sternau. »Höchstens wage ich, meine Hand zu besudeln.« – »Ja«, rief der junge Leutnant seinem Kameraden zu, »ich erkläre auch Sie für einen Schurken, mit dessen Berührung man sich nur besudeln kann!«

Pardero wurde bleich, entweder vor Ärger oder vor Angst oder aus allen beiden Gründen.

»Sie phantasieren wohl?« rief er. – »Nein, ich bin im Besitz meiner Besinnung, ja sogar eines vollen moralischen Bewußtseins, was bei Ihnen nicht der Fall ist« – »Ah, Sie mögen daran denken, daß ich Ihr Vorgesetzter bin. Sie sind der jüngste Offizier!« – »Sie sind mein Vorgesetzter nicht mehr. Ich diene keinen Augenblick länger mit Ihnen.« – »Ah, Sie treten aus?« – »Das wird sich finden. Entweder trete ich aus oder Sie beide.« – »Sie vergessen, daß man nicht so leicht und schnell auszutreten vermag«, lächelte Pardero höhnisch. »Zunächst verhafte ich Sie wegen Insubordination, und auch Señor Sternau ist wegen Körperverletzung mein Gefangener!« – »Meinen Sie?« fragte Sternau. »Sie Wurm hätten das Geschick, mich gefangenzunehmen? Kommen Sie einmal her.«

Pardero stand in seiner unmittelbaren Nähe; das war eine Unvorsichtigkeit von ihm, denn Sternau langte zu, faßte ihn beim Kragen, riß ihn zu sich empor und schmetterte ihn darauf mit solcher Gewalt zu Boden, daß er liegenblieb. Das war den Lanzenreitern denn doch zu viel. Der alte Wachtmeister der Truppe trat hervor, salutierte vor dem Leutnant und fragte:

»Señor Leutnant, dürfen wir erfahren, was dies alles zu bedeuten hat?«

Der Gefragte nickte ihm freundlich zu und erwiderte:

»Bartholo, wer ist euch der liebste Offizier? Sage es aufrichtig!« – »Hm! Sie, Herr Leutnant; das wissen Sie. Wir hätten sonst wahrlich nicht so ruhig zugesehen, daß Señor Verdoja und Señor Pardero von Ihnen in dieser Weise insultiert wurden. Und von einem Zivilisten erst recht nicht.« – »Nun gut, Bartholo, so will ich dir sagen, daß diese beiden Señores durchaus infam gehandelt haben. Sie haben sich mit Räubern und Mördern verbunden, um ehrliche Leute zu morden und brave Damen zu beleidigen.« – »Ist das wahr, Señor?« – »Ja, du kannst es glauben. Wir haben heute morgen ein Duell gehabt; dabei sind sie um ihre rechten Hände gekommen; das war ein Gottesgericht. Und eben jetzt war ich mit diesem Señor draußen im Wald, um sie zu belauschen. Sie sind nicht wert, brave, mexikanische Lanzenreiter zu befehligen. Ich diene nicht weiter unter ihnen.« – »Caramba, Señor, da trete auch ich aus!« meinte der Alte. – »Das ist nicht nötig, Bartholo. Du bist ein altgedienter Haudegen und weißt genau, was sich schickt. Ich meine, wir untersuchen den Fall und bestimmen dann, wer auszutreten hat, sie beide oder ich.« – »Das ist wahr, Señor Leutnant«, meinte der Wachtmeister, indem er sich den Schnauzbart strich. »Müssen Sie austreten, dann trete ich mit aus, und ich glaube, es löst sich die ganze Schwadron auf. Werden aber diese beiden, denen wir ja alle nicht grün sind, zum Teufel gejagt, so sind Sie Kapitän.« – »Und du wirst Oberleutnant. Die anderen folgen nach, ganz nach der Reihenfolge.« – »So meinen Sie also, wir konstituieren ein Kriegsgericht?« – »Nein, denn ihre Verbrechen sind keine militärischen. Ich meine ein Ehrengericht.« – »Gut. Nehmen wir ihnen die Waffen ab?« – »Das versteht sich.« – »Fesseln wir sie?« – »Nein. Aber sie sind einstweilen Arrestanten und werden in einem Zimmer der Hazienda bewacht. Das Gericht wird im Hof abgehalten, so daß die ganze Schwadron es hören kann. Sie sind besinnungslos. Laß sie einschließen und bewachen, und dann kommst du herauf zu mir, um bei der Voruntersuchung zugegen zu sein.«

Es war ein Glück, daß der junge Leutnant die Liebe seiner Untergebenen in diesem Maß besaß, sonst wäre der Ausgang dieser gefährlichen Szene sicherlich ein ganz anderer gewesen. Wie zwei Helden hielten er und Sternau in der Mitte der halbwilden Soldateska; auf seinen Wink wurden den beiden Bewußtlosen die Waffen genommen, und dann schaffte man sie in ein kleines Zimmer, dessen Tür und Fenster bewacht wurden.

Nun begaben sich die beiden hinauf in den Saal, wo sie erzählten, was sie erlebt hatten. Mariano bestand darauf, daß das Ehrengericht in Anwesenheit der Bewohner der Hazienda gehalten werde und die beiden Gefangenen unter Aufsicht einiger kräftiger Vaqueros vorgeführt werden sollten. Beides wurde zugestanden und dann auch sofort die Vorbereitung zu der Sitzung getroffen.

Während unten die Lanzenreiter in einzelnen Gruppen den ungewöhnlichen Vorfall besprachen, kam der alte Wachtmeister und wurde mit dem Leutnant zu den drei gefangenen Mexikanern geführt, die ihre Aussagen wiederholen sollten. Sie taten es, und da hiermit alle Vorbereitungen erledigt waren, so wurden nun mehrere Stühle und Bänke in den Hof geschafft, auf denen die Hauptpersonen Platz zu nehmen hatten.

22. Kapitel.

An einem Tisch saß der Leutnant und an seiner Seite der Wachtmeister, rechts und links von ihnen die Unteroffiziere. Sie bildeten den Gerichtshof. An der anderen Seite hatten Sternau, Mariano und die beiden Damen Platz genommen; sie waren die Ankläger. Ihnen gegenüber saßen Helmers und der Haziendero als vielleicht zu gebrauchende Zeugen, und auf der vierten Seite standen in einiger Entfernung die Lanzenreiter nebst mehreren Vaqueros und Ciboleros als Publikum.

Jetzt wurden Verdoja und Pardero vorgeführt.

Es läßt sich gar nicht beschreiben, in welcher Verfassung sie sich befanden. Eine solche Lage, eine solche Demütigung hatten sie gar nicht für möglich gehalten. Sie schäumten vor Wut, und wenn sie ihre rechten Arme hätten gebrauchen können, so wären sie von den vier Vaqueros, von denen sie herbeigebracht wurden, wohl kaum zu bändigen gewesen.

»Was soll das?« rief Verdoja, als er die Versammlung bemerkte. »Was steht ihr hier?« brüllte er die Soldaten an. »Packt euch hinaus, ihr Hunde!« – »Mäßigen Sie sich, Señor Verdoja!« mahnte der Leutnant als Vorsitzender. »Sie stehen als Angeklagter vor uns, und es kommt ganz allein nur auf Ihr Verhalten an, wie Sie von uns behandelt werden.« – »Als Angeklagter?« rief er. »Wer klagt mich an?« – »Das werden Sie sofort vernehmen.« – »Und wer soll mein Richter sein?« – »Wir, die Sie hier sitzen sehen.«

Da schlug Verdoja ein schallendes, höhnisches Gelächter auf.

»Befinde ich mich unter Wahnsinnigen?« fragte er. »Meine Soldaten wollen mich richten! Schurken, die ihr seid, wollt ihr an eure Plätze gehen! Ich lasse euch auf der Stelle füsilieren!«

Er erhob die linke Faust und trat auf den Wachtmeister zu, wurde aber bald von den Vaqueros abgehalten, tätlich zu werden.

»Ich stelle den Antrag, die beiden Angeklagten zu fesseln, wenn sie sich nicht augenblicklich beruhigen!« sagte Sternau. – »Der Antrag ist angenommen!« antwortete der Leutnant. – »Wagt es einmal!« rief der Kapitän. »Ich lasse die ganze Hazienda demolieren!« – »Habt ihr Riemen oder Stricke?« fragte anstatt der Antwort der Vorsitzende die Vaqueros.

Diese griffen in ihre Taschen und brachten das Verlangte hervor.

»Ihr seht, Señores, daß wir nicht scherzen!« sagte der Vorsitzende. »Fügt Euch in das Unvermeidliche, sonst werdet Ihr gezwungen, Euch zu fügen!« – »Fügen!« rief Verdoja. »Was haben wir verbrochen? Wer kann wagen, ein Kriegsgericht über seine eigenen Vorgesetzten zu halten? Ich, ich bin es, der anzuklagen hat!« – »Sie irren sich. Es handelt sich nicht um ein Kriegs-, sondern um ein Ehrengericht, und es soll entscheiden, ob Ehrenmänner unter Euch noch weiter dienen können.«

Der Kapitän wollte eine seiner kräftigen Antworten geben, aber Pardero legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter und flüsterte:

»Um Gottes willen ruhig! Mit Grobheit kommen wir hier nicht durch.«

Darum faßte er sich und erwiderte:

»Nun wohlan, beginnt Eure Faxe, ich behalte mir das Spätere vor!«

Da jetzt die Ruhe der Erwartung eintrat, so sagte der Vorsitzende:

»Señor Sternau, sprechen Sie.«

Sternau erhob sich.

»Ich klage im Namen dieser beiden anwesenden Señoritas diese beiden Männer der ehrlosen Handlung gegen unbeschützte Damen an«, sagte Sternau. »Ich klage sie ferner an des Mordanschlags gegen mich, Señor Mariano und Señor Helmers.« – »Können Sie diese Anklagen beweisen?« – »Ja.«

Der Leutnant wandte sich nun zu den beiden Angeklagten und fragte:

»Wie gedenken Sie, sich gegen diese Anschuldigungen zu verhalten?« – »Sie sind so ungereimt, daß ich sie einer Antwort gar nicht für wert halte.«

So antwortete Verdoja, und Pardero schloß sich dieser Meinung an.

»Ich danke Ihnen«, antwortete der Leutnant. »Wenn Sie wirklich nichts dazu sagen, so vereinfachen Sie das Verfahren auf eine erwünschte Weise. Über die erste Anklage gehen wir billigerweise hinweg; die Angeschuldigten beantworten sie nicht und gestehen die Wahrheit derselben ein. Was aber die zweite betrifft, so sind wir da zu einer größeren Ausführlichkeit gezwungen. Da die beiden Angeklagten uns jede Antwort verweigert haben, so werde ich Sie, Señor Sternau, bitten, Ihre Angaben zu machen.«

Sternau brachte seine Anklage in ausführlicher Weise vor, aber ohne ahnen zu lassen, daß die drei Mörder ihm als Zeugen zur Verfügung standen. Er erzählte alles, was von dem Augenblick an geschehen war, in dem Büffelstirn die Reisenden vor dem Hinterhalt gewarnt hatte. Er berichtete über den Ritt, den er mit Verdoja und den Leutnants nach der Schlucht des Tigers gemacht hatte, und bemerkte, daß da sein Verdacht entstanden sei. Er erwähnte das nächtliche Schleichen und die verdächtigen Ausflüge des Kapitäns und schloß damit, daß der letzte Ritt, den derselbe mit Pardero unternommen hatte, wohl auch nur aus feindseligen Gründen geschehen sei.

Als er geendet hatte, ergriff der Kapitän das Wort, obgleich er gesagt hatte, daß er keine Antwort geben werde.

»Ich scheine es wirklich mit Wahnsinnigen zu tun zu haben«, sagte er. »Dieser Mann hat nichts als leere Vermutungen ausgesprochen, und auf diese hin wagt man es, zwei Caballeros und Offiziere unserer glorreichen Republik vor ein Ehrengericht zu stellen; das ist nicht nur lächerlich, sondern geradezu schändlich, und eine solche Schändlichkeit werde ich zu bestrafen wissen, sobald diese Komödie beendet ist!«

»Eine derartige Bestrafung habe ich nicht zu befürchten«, antwortete Sternau, »denn ich werde meine Vermutungen sofort mit Beweisen belegen. Als die beiden Señores heute ausritten, ahnte ich den Zweck des Rittes und brach mit dem Leutnant auf, um sie zu belauschen. Verdoja hatte nämlich im Wald eine Post errichtet, einen Stein, unter den er seine geschriebenen Befehle steckte. Der heutige lautet: ›Bleibe in der Nähe dieses Ortes. Um Mitternacht treffe ich dich hier beim Stein. Du hast dich zu rechtfertigen.‹ Ich glaube nicht, daß Verdoja das ableugnen wird.«

Als Sternau den Stein erwähnte und den Zettel hervorzog, um seinen Inhalt vorzulesen, erbleichte Verdoja, Pardero ging es ebenso. Beide schwiegen, als sie jetzt aller Augen auf sich gerichtet sahen. Sternau fuhr fort:

»Ich muß nämlich bemerken, daß ich die heimlichen Zusammenkünfte des Angeklagten belauschte. Ich hörte, was gesprochen wurde, und habe danach gehandelt. Es stehen mir Zeugen zur Verfügung, deren Aussage über alles Weitere die beste Auskunft geben wird.«

Auf seinen Wink wurden die drei gefangenen Mexikaner herbeigebracht. Bei ihrem Anblick erschrak Verdoja so, daß er sichtlich zurückprallte. Das hatte er denn doch nicht gedacht. Nun mußte ja alles an den Tag kommen!

Und es kam an den Tag. Die Gefangenen legten ihre Aussagen zwar unter allen Zeichen der Verlegenheit, aber doch so wahrheitsgetreu und ausführlich ab, daß gar kein Zweifel übrigblieb. Die beiden Zettel wurden als von der Hand Verdojas kommend rekognosziert, und so war es diesem vollständig unmöglich, zu leugnen. Die beiden Angeklagten versteckten sich aber hinter einem wortlosen Trotz und verweigerten jedes Geständnis.

»Die Schuld der Angeklagten ist auf das glänzendste erwiesen«, erklärte der Vorsitzende. »Nach den Gesetzen des Landes hat Verdoja den Tod verdient. Inwieweit Pardero mitschuldig ist, wollen wir nicht untersuchen. Wir haben uns bloß als ein Ehrengericht konstituiert; wir haben also nicht zu bestrafen, sondern nur zu entscheiden, ob wir mit diesen beiden Männern fortdienen wollen. Was nun mich betrifft, so erkläre ich mit aller Entschiedenheit, daß ich austrete, und zwar von dem jetzigen Augenblick an.« – »Ich verweigere Ihnen den Abschied!« rief Verdoja, indem ihm sein Grimm den Mut gab, sich zusammenzuraffen. – »Danach wird nicht gefragt«, antwortete der Leutnant. »Sie haben sich als ehrlos erwiesen, und kein Ehrenmann wird sich durch Ihre Weigerung zwingen lassen, Sie von jetzt an als Vorgesetzten anzuerkennen. Übrigens, und das betone ich mit allem Nachdruck, haben Sie selbst sich der Insubordination, des Ungehorsams, der Nachlässigkeit und Eigenmächtigkeit schuldig gemacht. Sie erhielten den Befehl, nach Monclova aufzubrechen, und taten es nicht, sondern ließen sich von Ihren meuchelmörderischen Absichten hier festhalten. Ich sehe mich verpflichtet, ein Protokoll abzufassen und dasselbe mit einem Eilboten an Juarez zu senden. Hiernach werden Sie zugeben, daß ich alles, was ich zu tun beschließe, recht wohl verantworten kann. Von dem Augenblick an, da Sie den Befehl Juarez' mißachteten, sind Sie Rebell, und Ihre Untergebenen haben nicht nur das Recht, sondern sie sind sogar verpflichtet, Ihnen den Gehorsam zu verweigern.« – »Gut, so treten Sie aus; ich halte Sie nicht!« knirschte der Kapitän. – »Sie werden weder mich noch andere halten können, denn ich bin überzeugt, daß das Beispiel, das ich gebe, nicht unfruchtbar sein wird.« – »Man soll es wagen!« brauste Verdoja auf. – »Pah! Sehen Sie!«

Der alte Wachtmeister hatte sich erhoben.

»Auch ich erkläre, nicht länger unter Schurken dienen zu wollen«, sagte er, »und ich hoffe, daß sämtliche Kameraden dasselbe tun wie ich.«

Verdoja erhob seine Stimme zu einem energischen Widerspruch, aber er wurde überboten durch den lauten vielstimmigen Zuruf, mit dem die Unteroffiziere und sämtliche Mannschaften erklärten, von Verdoja und Pardero nichts mehr wissen, den Leutnant aber als Kapitän haben zu wollen. Er beabsichtigte, sich unter die Leute zu stürzen, wurde aber von den Vaqueros festgehalten. Als die Ruhe wiederhergestellt war, sagte der Leutnant:

»Ich nehme die Führung der Schwadron an und werde die Offiziere nach der Reihenfolge ergänzen. Juarez wird meinen Bericht erhalten und bestimmen, ob dieses Interim Geltung behalten soll. Hiermit hat unsere Ehrengericht seine Schuldigkeit getan; die Mordanstifter nebst ihren Komplizen aber übergeben wir zur Bestrafung denen, gegen die ihre Anschläge gerichtet waren. Sie bleiben nebst allem, was ihr persönliches Eigentum ist, hier zurück, wir aber brechen innerhalb einer Viertelstunde nach Monclova auf.«

Dieser Befehl wurde unter allgemeinem Jubel entgegengenommen. Man schaffte dann die Gefangenen nach ihrem Gewahrsam zurück, und der Leutnant begab sich nach seinem Zimmer, um den Bericht an Juarez schleunigst abzufassen und abzusenden. Hierauf nahm er herzlichen Abschied von den Bewohnern der Hazienda und sprengte mit seiner Schwadron davon.

Als Verdoja sich mit Pardero wieder im Zimmer eingeschlossen sah, war sein Seelenzustand ein unbeschreiblicher. Sein Blut kochte förmlich in den Adern, er fühlte sich auf eine Weise gedemütigt, die die grimmigste Rache herausforderte, doch hatte er Selbstbeherrschung genug, sich Pardero gegenüber nichts merken zu lassen. Dieser stand am Fenster und blickte hinaus.

»Zwei Vaqueros stehen draußen«, sagte er, »bis an die Zähne bewaffnet. Man glaubt, wir möchten ausreißen. Aber, Verdoja, erklären Sie mir Ihr Verhalten!« – »Wie?« fragte dieser, scheinbar ruhig. – »Wir sind auf eine geradezu unerhörte Weise gedemütigt worden, und Sie haben sich dem Beschluß gefügt. Ich beginne, an der Wahrheit dessen, was Sie mir sagten, zu zweifeln. Sie sprachen von hoher Protektion, von nachhaltiger Belohnung …?« – »Pardero, soll ich Sie einen Schwachkopf nennen? Sehen Sie nicht ein, daß die ganze Sache nur eine vorübergehende Episode, ein allerdings unangenehmes Intermezzo ist, das uns aber gleichgültig sein muß? Dieser neugebackene Kapitän hat zwar das Recht, so zu handeln, wie er gehandelt hat, aber was wir heute verloren, werden wir hundertfach wieder gewinnen. Ich habe den Befehl, gewisse Personen unter allen Umständen unschädlich zu machen, und es wird geschehen, obgleich ich die gegenwärtige Unannehmlichkeit zu tragen habe. Der Lohn wird dafür um so größer sein.«

– »Sind Sie dessen gewiß?« – »Vollständig.« – »Aber wie wollen wir Personen unschädlich machen, in deren Gewalt wir uns befinden? Sie können uns ja töten.«

Verdoja hegte zwar dieselbe Befürchtung, aber er durfte es sich nicht merken lassen. Er gab sich Mühe, Pardero darüber zu beruhigen, was ihm schließlich auch gelang. Er wußte ganz genau, daß er bei Juarez nichts mehr zu hoffen habe, er wußte ebenso genau, daß er bei der Gegenpartei doch nur Mißtrauen und infolgedessen heimliche Beaufsichtigung finden werde, und so nahm er sich im stillen vor, den Militärdienst ganz aufzugeben und nur noch zwei Aufgaben zu leben. Die eine Aufgabe war, sich die Ländereien zu verdienen, die Cortejo ihm versprochen hatte, und die andere richtete sich auf Emma, durch deren Besitz er sich schadlos halten wollte für die Verachtung, die ihm geworden war. Dabei bedurfte er der Hilfe, er mußte einen Gefährten haben, auf dessen Treue und Anhänglichkeit er rechnen konnte, und das sollte Pardero sein. Darum suchte er ihn zu umstricken, darum log er ihm vor, daß er auf einen höheren Befehl handle, und darum sagte er auch jetzt:

»Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem, was geschehen ist. Der Dienst war mir ein Hindernis, meine schwierige Aufgabe zu erfüllen, nun ist dieses Hindernis beseitigt, und ich kann ohne Störung handeln. Wissen Sie, wie hoch Sie in meiner Schuld stehen, Pardero?« – »Hm, es werden einige tausend Silberpiaster sein.«

– »Die Sie mir niemals wiedergeben könnten, wenn Sie blieben, was Sie sind. Helfen Sie mir, meine Aufgabe zu lösen, so zerreiße ich Ihre Schuldscheine, und Sie haben noch extra auf Beförderung und Belohnung zu rechnen. Außerdem gibt es einen noch süßeren und angenehmeren Preis: Karja, die schöne Indianerin!« – »Donnerwetter! Wenn Sie diese Versprechungen halten, so bin ich ganz der Ihrige!« – »Sie können sicher darauf rechnen. Was die Befürchtung betrifft, daß man uns töten werde, so ist dieselbe vollständig absurd. Wir werden entlassen werden und dann handeln.« – »Beabsichtigen Sie, die drei Señores Sternau, Mariano und Helmers zu töten?« – »Ich soll sie unschädlich machen, also töten, denn nur der Tote ist unschädlich. Bis jetzt lag auch nur ihr Tod in meiner Absicht, aber nach dem, was uns heute angetan wurde, wäre der Tod noch eine viel zu gelinde Strafe für sie.«

Es legte sich ein Zug diabolischer Freude um Verdojas Mund, er schwebte im Vorgefühl seiner Rache, und auch Pardero sagte:

»Da haben Sie allerdings recht. Die Schande, die man uns heute bereitete, bedarf einer geradezu raffinierten Bestrafung. Was werden Sie tun?« – »Ganz dasselbe, was sie jetzt mit uns getan haben, ich werde sie gefangennehmen und sie an einen Ort bringen, wo sie alle Freuden dieser Gefangenschaft bis zur Neige auskosten können. Nicht weit von meiner Hazienda gibt es nämlich eine alte mexikanische Opferstätte, es ist das eine Pyramide, die in ihrem Innern von Gängen und Höhlen durchzogen wird, die nur ich kenne, es ist das ein Geheimnis, das sich nur in meiner Familie fortgeerbt hat In diesen Höhlen werden die Gefangenen wohnen und verschmachten. In diese Höhlen werden wir auch die beiden Señoritas Emma und Karja bringen, und dort werden wir sie ja zwingen können, uns im reichlichsten Maß das zu gewähren, was sie uns verweigerten.«

Dem leidenschaftlichen Pardero war diese letztere Verheißung die liebste.

»Sie sind ein Teufel, Verdoja«, lachte er zynisch, »aber ein sehr angenehmer Teufel!« – »Ja, wir werden die beiden Teufel sein, welche die zwei Engel überwinden. Doch werde ich hierbei nicht nur durch das Gefühl der Rache und Liebe geleitet sondern es ist auch eine Berechnung, der ich folge. Man hat mir Großes versprochen, sobald ich die drei Männer unschädlich mache. Wird man das Versprechen halten? Ich bin überzeugt davon, aber in so unruhigen Zeiten, wie die jetzigen sind, muß man vorsichtig sein. Wenn ich die drei töte und man verweigert mir den Lohn, so kann ich nichts machen, ich bin einfach der Betrogene, leben sie aber noch, befinden sie sich in meinem Gewahrsam, so kann ich kräftig auftreten und meine Bezahlung fordern. Sie sehen, daß ich sehr sorgfältig in meinem und Ihrem Interesse handle.« – »Ja, Sie sind scharfsinnig, vorsichtig und schlau, das gibt mir Vertrauen zu Ihnen und läßt mich überzeugt sein, daß unsere Pläne gelingen werden. Sie können von jetzt an vollständig auf mich rechnen. Aber wir zwei sind doch nicht genug, drei starke Männer und zwei Mädchen zu entführen.« – »Das macht mir keine Sorge. In unserem gesegneten Mexiko gibt es Männer genug, die für eine Hand voll Silberdollars bereit sein werden, sich unter unser Kommando zu stellen.« – »Und die Verfolgung? Denn verfolgen wird man uns!« – »Pah, davor ist mir nicht im geringsten bange. Wir reiten durch die Wüste Mapimi, und dahin folgt uns keiner, darauf können Sie sich verlassen.« – »Durch die Mapimi!« sagte Pardero schaudernd. »Da gehen wir ja zugrunde.« – »Keine Sorge. Ich kenne diese Wüste wie meine Tasche. Sie besteht nicht nur aus Sand und Felsen, wie man erzählt, sondern man stößt auch auf Wälder, in denen man genug Wasser und Früchte findet, um nicht zu verschmachten.«

Während diese Männer ihren Anschlag besprachen, waren sie selbst der Gegenstand einer Beratung, die im Speisesaal stattfand. Man besprach sich darüber, was zu geschehen habe. Mariano riet, sie zu erschießen, aber die anderen waren dagegen. Die Gefangenen hätten zwar auf Mord gesonnen, aber denselben nicht ausgeführt. Übrigens wußte man noch nicht, was der berühmte Juarez zu der ganzen Angelegenheit sagen werde. Es war besser, sie ohne Blutvergießen loszuwerden, da sie ja durch den Verlust ihrer Hände genug bestraft waren, und so wurde beschlossen, ihnen nur die Waffen vorzuenthalten, sie aber nach zwei Tagen zu entlassen. Dies letztere sollte geschehen, damit sie nicht Gelegenheit fänden, vor dem heute abgegangenen Eilboten bei Juarez einzutreffen.

Was ihre drei mitgefangenen Mitschuldigen betraf, so wollte Sternau das ihnen gegebene Versprechen erfüllen. Sie erhielten ihre Pferde, Messer und Lassos, die Büchsen und Pistolen wurden ihnen jedoch abgenommen. Dann ließ man sie reiten, aber unter der strengen Androhung, daß ein jeder sofort erschossen werde, wenn er sich noch einmal in der Nähe der Hazienda erblicken lasse.

Am dritten Tag wurden Verdoja und Pardero aus ihrem Gewahrsam geholt und vor die versammelten Bewohner der Hazienda gestellt. Sternau machte ihnen den Beschluß bekannt, der über sie gefaßt worden war, und dann wurden sie entlassen. Sie ritten davon, ohne ein einziges Wort gesagt oder geantwortet zu haben, und setzten sich das Städtchen Nombre de Dios zum ersten Ziel.

Dort trugen sie Sorge, ihre Uniform mit einer gewöhnlichen Kleidung zu vertauschen, und waren sie verschwunden.

23. Kapitel.

Nach dieser Zeit der Aufregung folgten auf der Hacienda del Erina einige Wochen ruhigen Stillebens. Sternau wollte nicht eher fortgehen, als bis der Patient hergestellt sei, der geringfügigste, unvorhergesehene Umstand konnte ja dessen Genesung, sogar sein Leben in Frage stellen. Nach vierzehn Tagen war der Kranke bereits so weit, daß er sein Bett verlassen konnte, nach weiteren acht Tagen durfte er sich im Garten ergehen, und als noch eine Woche vergangen war, versuchte er sich bereits in weiteren Fußtouren.

Geistig war er vollständig wiederhergestellt, aber seit dem Augenblick, da sein Gedächtnis von neuem erwacht war, lebte in ihm nur der eine Gedanke, sich an Alfonzo de Rodriganda zu rächen. Darum ließ er die Freunde nicht fort, er wollte sich ihnen auf ihrem Rachezug anschließen, und da er dies nicht konnte, bevor er sich an das Reiten gewöhnt hatte, so mußten sie notgedrungenerweise warten, bis dies geschehen war. Jetzt war ihm die Erschütterung, die der Gang des Pferdes auf sein Gehirn hervorbrachte, noch zu unerträglich, er konnte sich an dieselbe nur durch langsam fortschreitende Übung gewöhnen.

So vergingen noch einige Wochen.

Während dieser Zeit stand Mariano mit seiner Geliebten in brieflichem Verkehr. Er hatte ihr einige Male geschrieben und auch ihre Antworten erhalten. Sie ermunterte ihn, sich der Führung Sternaus auch fernerhin anzuvertrauen, und versicherte ihn ihrer innigsten Liebe und ewigen Treue.

Sternau hatte in Verakruz, ehe er den Ritt nach Mexiko antrat, seiner Frau geschrieben und sie gebeten, ihren nächsten Brief nach Mexiko an ihre Freundin Amy Lindsay zu richten, durch deren Hand er denselben auf alle Fälle erhalten werde, er möge sein, wo er wolle. Heute erhielt Mariano abermals ein Schreiben von der Geliebten, das Kuvert hatte einen ziemlichen Umfang, und als er es öffnete, enthielt es auch einen an Sternau adressierten Brief.

Dieser Brief war aus der Heimat, aus Rheinswalden gekommen, und Sternau öffnete ihn, als er sich in sein Zimmer zurückgezogen, mit vor Freude zitternden Händen. Der Inhalt strömte über von Glück und Liebe, er füllte mehrere eng geschriebene Bogen und enthielt auch ein Blatt an Kapitän Helmers, dessen eine Seite von seiner Frau und die andere von dem kleinen Kurt beschrieben war.

Rosa erzählte alles, was sich während Sternaus Abwesenheit zugetragen hatte, kam dann auf ihre eigene Angelegenheit zu sprechen und erwähnte dabei, daß der Staatsanwalt sich alle Mühe gebe, aber bisher noch keinen weiteren Erfolg zu verzeichnen habe. Das größte Glück aber gewährte dem Leser der Schluß des Schreibens, der in Worten, die die Wangen der schönen Schreiberin sicherlich vor Glück, Freude und wonniger Scham hatten erglühen lassen, ihm eine Kunde brachte, bei deren Lesen er einen lauten Jubelruf ausstieß und das Papier zehnmal und zehnmal küßte. Die Worte lauteten:

»Und nun noch eins, mein Carlos, was ich Dir mit entzücktem, wonneschauerndem Herzen mitteile, obgleich eine mädchenhafte Regung mir gebieten will, es Dir zu verschweigen. Sollte Deine Reise länger dauern, als ich hoffe und erwarte, so findest Du deine Rosa nicht mehr allein, sondern sie eilt Dir entgegen, auf dem Arm einen kleinen Carlico oder eine allerliebste Rosilla, denn anders als Carlos oder Rosa werden wir das geliebte Wesen, das mich für die Zukunft begeistert, doch nicht nennen. Freue Dich mit mir und nimm die Millionen Küsse, die Dir über das weite Meer hinübersendet

Deine unendlich glückselige Rosa.«

Und wie selten eine Dame schreiben kann, ohne ein Postskriptum anzufügen, so folgte auch hier ein solches. Es lautete:

»P. S. – Du wirst nicht zürnen, daß ich dieselbe Botschaft auch meiner Amy mitgeteilt habe! Sie ist meine einzige Freundin gewesen und wird ganz glücklich sein zu erfahren, welchen Wonnen ich entgegensehe.

Rosa.«

Sternau faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Brusttasche, damit er auf seinem Herzen ruhe, und ging hinunter, um sich das wildeste Pferd zu fangen, aufzuspringen und in die weite Savanne hineinzujagen. Die Hazienda war zu klein für sein Glück. Und dennoch, als er zurückkehrte, war es das erste, was er tat, daß er sich in sein Zimmer zurückzog, um den Brief aber- und abermals zu lesen und zu küssen. Es gibt einen Himmel bereits auf Erden, und dieser Himmel ist nur zu finden in einem Herzen, das liebt und weiß, daß diese Liebe erwidert wird.

Anton Helmers, der Patient, trug bis jetzt auf dem Loch, das in seine Schädeldecke gebohrt worden war, ein Stück gekochtes Leder, das später mit einer Goldplatte vertauscht werden sollte. Er machte täglich vorsichtige Reitausflüge mit Sternau und erstarkte dabei so weit, daß er bald bedeutendere Strecken zurücklegen konnte, vorausgesetzt, daß er ein gutes Pferd hatte, das einen sanften Gang besaß. Sternau setzte den Tag der Abreise fest; man wollte noch eine Woche in der Hacienda del Erina bleiben.

Diese Wochen waren für Emma und den Geliebten eine Zeit des Glücks gewesen, und beide hegten eine unendliche Dankbarkeit gegen Sternau, dem sie dieses Glück ja ganz allein zu verdanken hatten.

Pedro Arbellez war von Juarez, dem später so berühmten Präsidenten, zum Verwalter der Hacienda Vandaqua ernannt worden und daher oft drüben in der Nachbarbesitzung anwesend. Eines Tages war seine Anwesenheit wieder dort notwendig geworden; er wollte aber seinen künftigen Schwiegersohn vor dessen Abreise noch möglichst genießen, und so bat er ihn um seine Begleitung. Da bereits die Dämmerung nahe war, so sagte er, daß sie erst am nächsten Tag zurückkehren würden. Beide ritten ab.

Kurze Zeit, nachdem sie die Hazienda verlassen hatten, sah Sternau von seinem Fenster aus einen Reiter am Horizont auftauchen, der sich der Besitzung schnell näherte. Als er näher kam, erkannte der Deutsche, daß es ein Lanzenreiter, und zwar ein Offizier sei. Sternau ging rasch zu den übrigen, die sich bereits im Speisesaal versammelt hatten, und meldete ihnen die Ankunft des Fremden.

Dieser ritt bereits nach kurzer Zeit in den Hof ein und wurde von Emma, als der Dame des Hauses, empfangen.

»Hier ist die Hacienda del Erina?« fragte er nach dem ersten Gruß. – »Ja«, antwortete ihm Emma. – »Deren Besitzer Pedro Arbellez heißt?« – »So heißt er, ich bin seine Tochter.« – »Dann erlauben Sie mir die Mitteilung, Señorita, daß ich ein Kurier bin, der mit Depeschen von Juarez nach Monclova geschickt wurde. Juarez sagte, daß Señor Arbellez mir gern Gastfreundschaft gewähren würde, wenn ich mein Ziel vor der Nacht nicht erreichen könnte.« – »Das versteht sich ja von selbst, Señor. Zwar ist Vater nicht anwesend, er kehrt erst morgen zurück, aber Sie werden alles finden, was Sie zu Ihrer Bequemlichkeit bedürfen. Bitte, überlassen Sie Ihr Pferd dem Vaquero, und folgen Sie mir nach dem Saal.«

Er folgte ihr mit dem Anstand und in der Haltung eines Edelmannes nach oben, wo sie ihn den dort anwesenden Herren vorstellte. Er mußte sich setzen und sofort an dem Mahl teilnehmen. An der Unterhaltung beteiligte er sich wenig, und als Sternau ihn nach dem gegenwärtigen Aufenthalt Juarez' fragte, sagte er ausweichend:

»Diplomatische und kriegerische Gründe verbieten zuweilen die Beantwortung einer solchen Frage, Señor. Juarez will nicht wissen lassen, wo er sich befindet«

Das klang befremdlich. Sternau warf einen forschenden Blick auf den Sprecher und sah von einer Unterhaltung mit ihm gänzlich ab.

Der Fremde erklärte nach einiger Zeit zur Ruhe gehen zu wollen, da er in der Frühe wieder aufbrechen müsse, und so wurde ihm von der alten Marie Hermoyes sein Zimmer angewiesen. Dort angekommen aber entkleidete er sich nicht, um schlafen zu gehen, sondern streckte sich auf seine Hängematte und brannte eine Zigarette an. Als diese zu Ende, nahm er eine zweite, dritte und vierte; so rauchte er fort und horchte dabei auf den Korridor hinaus, bis die Mitternacht herankam. Er nahm jetzt das Licht und trat zum Fenster, vor dem er mit demselben einen Kreis beschrieb. Dies tat er noch zweimal, dann löschte er es aus. Einige Minuten später wurden einige Sandkörnchen gegen das Fenster geworfen, und er öffnete.

Als der Offizier den Speisesaal verlassen hatte, kam das Gespräch erst in ordentlichen Fluß. Seine Anwesenheit hatte nicht wohltuend gewirkt. Sein Auge hatte etwas Stechendes, seine Stimme etwas Scharfes, Zurückstoßendes gehabt. Am nachdenklichsten war Sternau gestimmt. Es sprach ein Etwas in ihm gegen diesen fremden Offizier, aber er konnte sich nicht klarwerden, was es war. Die Uniform hatte ihm nicht gepaßt, es war gewesen, als ob sie für einen anderen gemacht worden sei; weiter aber ließ sich nichts sagen.

Als man sich getrennt hatte, um zur Ruhe zu gehen, und Sternau sich in seinem Zimmer befand, schritt er nachdenklich in demselben auf und nieder. Er fühlte eine Unruhe in sich, die er nicht begreifen konnte; nur das wußte er, daß sie mit der Anwesenheit dieses Offiziers zusammenhing.

War der Mann wirklich Offizier? Verdoja und Pardero waren mit Rachegedanken fortgegangen, und seit Arbellez die Hacienda Vandaqua zu verwalten hatte, war die Hacienda del Erina von Vaqueros entblößt. Sternau beschloß, wachsam zu sein. Er schlich sich also hinaus auf den Korridor und horchte an der Tür des Fremden. Dieser mußte schlafen, denn es ließ sich nicht das mindeste Geräusch vernehmen. Er schlich sich nun wieder zurück und begab sich hinunter in den Hof, um da einen Rundgang zu machen und zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Er ahnte nicht, was ihm bevorstand.

Von dem Städtchen Nombre de Dios her nämlich kam, als die Sonne im Untergehen war, eine bewaffnete Reiterschar. Sie zählte fünfzehn Mann, und an ihrer Spitze ritten – Verdoja und Pardero. Die Männer ritten der Hacienda del Erina entgegen und hielten, nachdem es dunkel geworden war, bei dem Wald an, an dessen äußerster Ecke sich der Stein befand, der dem Kapitän als Postoffice gedient hatte. Dort stiegen sie ab, führten die Tiere zwischen die Bäume und banden sie an. Drei Mann blieben als Wache zurück, und die anderen zehn folgten ihren beiden Anführern nun zu Fuß nach der Hazienda.

Verdoja und Pardero flüsterten leise.

»Es war doch gut, daß sich unsere Uniformen noch in der Stadt befanden«, meinte der erstere; »so konnte sich Enrico als Spion einschleichen, und wir sind von allem unterrichtet, ehe wir beginnen.« – »Wenn man ihn nur nicht durchschaut!« sagte Pardero. – »Ich habe keine Sorge. Er ist ein gewandter Halunke, der sich durch keinen Blick, keine Miene verraten wird. Ich habe die Ahnung, daß alles glücklich gelingen wird.«

Es war Neumond und also dunkel. Die Männer umschlichen die Hazienda und kamen an deren hintere Seite, als Mitternacht in der Nähe war.

»Da oben sind die Fremdenzimmer; da oben wohnt er«, sagte Pardero leise. »Er wird uns bald das Zeichen geben. Wollen wir einstweilen übersteigen?« – »Wir verstecken uns in einer dunklen Ecke.«

Die Mannschaften mußten draußen halten bleiben und sich hinter den Palisaden niederducken; die beiden aber stiegen über dieselben hinweg und schlichen sich in die nahe Ecke. Kaum hatten sie dort Posto gefaßt, so hörten sie den Sand des Hofes leise knirschen. Sternau war es, der daherkam.

»Nieder, ganz nieder! Es kommt jemand!« flüsterte Verdoja.

Sternau kam langsam und leise herbei, blieb an der Ecke des Hauses stehen, horchte eine Weile nach der anderen Seite hin und schritt weiter.

»Er war es!« sagte Pardero leise. »Was tun wir?« – »Drauf! Ich schlage ihn mit dem Kolben nieder. Droben macht er uns mehr Arbeit als hier, wo wir ihn überraschen.« – »Aber wenn man ihn vermißt?« – »Man wird ihn nicht vermissen. Es sind alle zu Bett, und er ist auf eigenen Antrieb rekognoszieren gegangen. Aufgepaßt!«

Verdoja nahm sein Doppelgewehr bei den Läufen und schlich sich an den Palisaden hin, Sternau nach. Dort an den Palisaden war so reichlich Gras aus dem Sand hervorgewachsen, daß man seine Schritte nicht hörte. Hart bei Sternau angekommen, duckte er sich einen Augenblick nieder, um die Figur des letzteren und die Entfernung von ihm gegen das Sternenlicht genau abzumessen, und sprang vorwärts.

Sternaus Ohren waren scharf; er hörte hinter sich ein leises Geräusch und drehte sich um; aber gerade in diesem Augenblick krachte ein fürchterlicher Kolbenschlag auf seinen Kopf hernieder, so daß er sofort, ohne einen Laut auszustoßen, zusammenstürzte.

»Pardero!« sagte der Ex-Kapitän halblaut. – »Hier!« – »Kommen Sie!« – »Haben Sie ihn?« – »Ja; ich binde ihn bereits. Lassen Sie sich einen Knebel herüberwerfen!«

Nach einigen Augenblicken brachte Pardero den Knebel.

»Hier!« sagte er. »Das ist günstig abgelaufen. Dieser Kerl war der einzige, den man zu fürchten hatte; nun wir ihn haben, werden uns die anderen keine große Arbeit machen. Ah, dort gibt Enrico das Zeichen!«

Man sah eben jetzt den dreimaligen Lichtkreis, den der angebliche Offizier an seinem Fenster beschrieb; dann verlöschte das Licht.

»Wo bringen wir Sternau unter?« fragte Pardero. – »Wir legen ihn ganz einfach in die Ecke, in der wir uns befanden, dort ist er sicher. Er ist festgebunden; vielleicht habe ich ihn gar erschlagen; entkommen kann er uns auf keinen Fall.«

Nachdem Sternau fortgeschafft war, warf Verdoja einige Sandkörner gegen das Fenster, hinter dem vorher das Lichtzeichen erschienen war.

»Enrico?« – »Ja«, antwortete es leise von oben. – »Alles in Ordnung?« – »Alles!« – »Den Faden herab!«

Während Enrico eine Schnur aus dem Fenster herabließ, ließ Pardero sich von einem der draußen harrenden Männer eine Strickleiter geben, die zu diesem Zweck mitgebracht worden war. Sie wurde an die Schnur gebunden, an derselben emporgezogen und oben befestigt.

»Sie wird halten!« flüsterte Enrico von oben herab.

Verdoja stieg empor, und als er an das Fenster gelangte, sagte er:

»Wir sind glücklich gewesen. Wir haben Sternau schon.« – »Ah! Wie denn?« – »Er schlich um das Haus, da habe ich ihn niedergeschlagen und gefesselt.« – »Das ist gut. Er ist ein starker Mensch, und seinetwegen war es mir bange. Er muß durch die vordere Tür gegangen sein, denn diese steht offen. Da bedürfen Sie der Strickleiter nun eigentlich gar nicht.« – »O doch. Wenn wir hier bei dir einsteigen, sind wir sofort oben, während wir hier im Flur und auf der Treppe Geräusche erregen könnten. Aber ich will zwei Mann an das Portal beordern, damit niemand entkommen kann.«

Verdoja stieg wieder die Leiter hinab und befahl seinen Leuten, sich leise über die Palisaden herüberzuschwingen. Als dies geschehen war, gebot er ihnen, einer nach dem anderen an der Leiter empor in das Zimmer Enricos zu steigen. Zwei aber nahm er mit sich und führte sie geräuschlos um die Ecke nach der Vorderfront des Gebäudes, wo er die Tür wirklich nur angelehnt fand. Hinter ihr mußten diese beiden sich aufstellen und erhielten den Befehl, darauf zu sehen, daß kein Bewohner des Hauses dasselbe verlasse.

Nun kehrte Verdoja zur Strickleiter zurück, stieg empor, und nachdem sie wieder emporgekommen war, schloß man das Fenster.

24. Kapitel.

Bis jetzt war alles gut abgelaufen. Man war in die Hazienda gekommen, ohne von den in ihrer Umgebung lagernden Vaqueros bemerkt worden zu sein; man hatte sich bereits des gefürchtetsten Gegners bemächtigt, und nun galt es, das übrige möglichst geräuschlos zu vollenden.

»Der Haziendero ist nicht daheim«, flüsterte Enrico. – »Wo ist er?« fragte Verdoja. – »Auf Vandaqua.« – »Allein?« – »Sein Schwiegersohn ist mit« – »Alle Teufel! Hat er einen Schwiegersohn?« fragte der Ex-Kapitän hastig. – »Ich wollte sagen, der Verlobte seiner Tochter.« – »Verlobt ist sie? Mit wem?« – »Sie nannte ihn Señor Antonio; er muß, wie ich hörte, sehr krank gewesen sein.« – Ah, dieser! Pah! Und er ist auf Vandaqua?« – »Ja.« – »Immerhin! Ihn brauchen wir nicht. Aber Mariano ist da?« – »Ja.« – »Und Señor Helmers?« – »Ja.« – »Auch Señorita Emma und die Indianerin?« – »Ich habe beide gesehen.« – »Gut Ich kenne die Zimmer, in denen sie alle schlafen. Hast du das Blendlaternchen?« – »Ja. Soll ich anbrennen?« – »Gewiß. Folgt mir!«

Sie öffneten leise die Tür des Zimmers und traten hintereinander hinaus auf den Korridor, auf den Enrico einen Strahl seiner Laterne fallen ließ, damit sie sich orientieren konnten, dann steckte er sie wieder in die Tasche zurück.

Verdoja führte die Leute zunächst vor die Tür Marianos, die sie ganz geräuschlos erreichten. Er klopfte einige Male leise an, bis von drinnen eine Stimme fragte:

»Wer ist da?« – »Ich, Sternau!« antwortete er flüsternd, aber so, daß es drinnen gehört werden konnte. – »Ah, du! Was gibt es?« – »Mach schnell einmal auf! Ich habe dir etwas sehr Notwendiges zu sagen.« – »Gleich!«

Man hörte drin das Lager rascheln.

»Du brauchst kein Licht anzubrennen«, flüsterte der vorsichtige Verdoja.

Mariano zog die nötigsten Kleidungsstücke an und öffnete.

»Komm herein«, sagte er leise, und neugierig, zu erfahren, was Sternau von ihm wolle, hörte er nur einen Mann eintreten, aber nicht, daß ihm mehrere folgten. »Es muß etwas sehr Wichtiges sein«, meinte er. »Willst du nicht die Tür schließen?«

In demselben Augenblick wurde er bei der Gurgel gepackt; zwei Hände schlangen sich um seinen Hals und drückten ihm die Kehle so zusammen, daß ihm der Atem verging und er keinen Laut ausstoßen konnte. Er wollte sich wehren, aber er wurde jetzt von vielen kräftigen Armen ergriffen; feste Riemen wanden sich ihm um Leib, Arme und Beine, und ein Knebel schloß ihm den Mund; dann erst ließen die beiden Hände von seinem Hals ab – er war gefangen.

»Den haben wir! Nun zu Helmers!« sagte Verdoja.

Bei Helmers wurde ganz in derselben Weise und mit demselben Erfolg verfahren. Sternau, Mariano und Helmers waren gefangen, ohne daß jemand im Haus erwacht wäre.

»Jetzt zu der Señorita«, gebot Verdoja.

Auch an Emmas Tür wurde leise geklopft.

»Mein Gott, wer ist draußen?« fragte sie.

Verdoja gab seiner Stimme den weichsten Flüsterton, als er antwortete:

»Ich bin es, Karja!« – »Was willst du?« – »Ich muß mit dir sprechen. Öffne, Emma!« – »Warum?« – »Nicht so laut. Es ist wegen des fremden Offiziers. Ich weiß nicht, ob ich Señor Sternau wecken soll.«

Emma ging in die Falle.

»Ah, es gibt eine Gefahr!« sagte sie. »Warte, ich öffne sogleich!«

Man hörte, daß sie sich vom Lager erhob, an die Tür kam, den Riegel zurückschob und mit leiser, aber vor Besorgnis zitternder Stimme sagte:

»Komm herein! Was ist es denn?«

Verdoja huschte hinein und hatte sie im nächsten Augenblick bei der Kehle. Sie brach ohne jeden Versuch der Gegenwehr zusammen; der fürchterliche Schreck hatte sie ohnmächtig gemacht, so daß sie am Boden lag, ohne sich zu regen. Verdoja fesselte und knebelte sie selbst; dann ging man nach dem Schlafzimmer der Indianerin.

Auch hier hatte die List denselben Erfolg, nur daß Karja nicht in Ohnmacht fiel. Sie war die Tochter eines Indianerhäuptlings und besaß nicht die zarten Nerven einer verwöhnten Mexikanerin. Jetzt waren alle Personen, die man haben wollte, in den Händen der Räuber.

Die ganze erste Etage befand sich im Besitz derselben. Verdoja und Pardero wußten, daß unten im Parterre einige Räumlichkeiten lagen, in denen Vaqueros schliefen. Sie wollten sich ihren Raub nicht gern streitig machen lassen und verboten daher jede Plünderung. Je vier ihrer Begleiter wurden zu Mariano und Helmers beordert, um ihnen ihre Kleider anzuziehen; Verdoja aber begab sich zu Emma, während Pardero die Indianerin aufsuchte.

Als Verdoja das Zimmer der Señorita betrat, war dasselbe noch dunkel. Er brannte die Kerze an. Emma lag noch ohnmächtig am Boden. Er befreite das Mädchen von seinen Banden und zog ihm die Kleider an, die es am Tag vorher getragen hatte, sie lagen noch auf dem Stuhl; endlich suchte er aus dem Schrank noch einiges hervor, was ihm bei einem weiten Ritt dienlich schien, und nahm bei ihr Platz, um ihr Erwachen zu erwarten.

Pardero fand Karja nicht leblos am Boden liegend. Sie wälzte sich hin und her und gab sich alle Mühe, sich ihrer Fesseln zu entledigen. Er zog die Tür hinter sich zu und brannte die Kerze an.

Die Zeit drängte. Rasch griff er nach ihren Fesseln und löste dieselben vorsichtig so weit, daß sie nicht ihre vollständige Freiheit erhielt, dann zwang er sie, sich ganz anzukleiden. Sie ließ alles ruhig geschehen. Erst hatten ihre Augen mit unendlicher Wildheit auf ihn geblickt und geblitzt, jetzt aber hielt sie dieselben geschlossen, es schien ihr ganz gleichgültig zu sein, was mit ihr geschah, nur, als er ihre Hand berührte, fühlte er, daß diese vollständig kalt war.

Da öffnete sich die Tür, und Verdoja blickte herein.

»Sind Sie fertig?« fragt er. – »Ja.« – »Nehmen Sie noch einige Tücher und Decken. Es geht jetzt fort.«

Auch die beiden männlichen Gefangenen hatten ihre Kleidung bekommen. Sie waren so gefesselt und eingewickelt daß sie kein Glied zu regen vermochten, und wurden nun hinunter in den Hof getragen. Verdoja und Pardero brachten die Mädchen nach.

Das geschah so leise und vorsichtig, daß es von keinem Menschen gehört wurde. Nun öffnete man ebenso leise das große Tor und holte Sternau herbei. Es war dunkel, und man sah also nicht, ob er die Augen geöffnet hielt; eine Bewegung bemerkte man nicht an ihm.

Jetzt nahmen je zwei und zwei einen Gefangenen auf die Schultern und trugen ihn unhörbar davon. Verdoja blieb zurück, um das Tor zu verschließen, über die Palisaden hinauszuspringen und den anderen nachzufolgen. Seit sie die Hazienda erreicht hatten, war eine Stunde vergangen; eine halbe Stunde später erreichten sie ihre Pferde im Wald.

Für die fünf Gefangenen hatte man fünf Pferde mitgebracht, für die Mädchen sogar Damensättel. Man fesselte sie auf die Pferde, und dabei zeigte es sich, daß Sternau wieder zu sich gekommen war.

Jetzt teilten sich die fünfzehn Mann in fünf Gruppen. Je drei Mann hatten einen Gefangenen oder eine Gefangene bei sich. Sie trennten sich und ritten in verschiedenen Richtungen davon. Dies war eine List, die geradezu raffiniert genannt werden konnte, denn sie erschwerte eine Verfolgung auf das äußerste. Verdoja hatte diese Trennung angeraten. Erst nach einer vollen Tagereise sollten je zwei Abteilungen zusammentreffen, und diese sollten dann am Ende der zweiten Tagereise zu ihm stoßen. Die Punkte, wo dies geschehen sollte, waren vorher bestimmt, und ein jeder von den Räubern hatte einige Tage vor dem Überfall den Weg, den er zurückzulegen hatte, ganz genau rekognosziert. So war an einem Gelingen kaum zu zweifeln.

Zwei Punkte freilich fielen hierbei gegenteilig ins Gewicht. Verdoja lief nämlich bei dieser Zersplitterung Gefahr, von seinen eigenen Helfershelfern betrogen zu werden, und außerdem konnten bei einem Überfall drei Mann doch nicht denselben Widerstand leisten wie fünfzehn.

Das überlegte er sich erst, als er mit den Seinen am anderen Morgen den ersten Halt machte. Er hatte Emma bei sich, die anderen Gefangenen waren Pardero und den Mexikanern anvertraut worden. Die erste Tagereise führte ihn auf den Kamm des Gebirges, das als ein Teil der mittelamerikanischen Kordilleren sich von Norden nach Süden durch das Land zieht. Am anderen Morgen ritt er am westlichen Abhang dieses Gebirges herab und erreichte am Nachmittag den Rand der Wüste Mapimi, die als die verrufenste Strecke Mexikos bekannt ist.

Hier war das Rendezvous, wo die vier anderen Trupps zu ihm stoßen sollten, und nun erwartete er mit ängstlicher Spannung den Erfolg der listigen Maßregel, die er getroffen hatte.

Bereits eine Stunde nach seiner Ankunft sah er einen Reitertrupp von Süden kommen. Als derselbe sich näherte, zählte er acht Männer. Sein Herz wurde leicht, denn diese Leute gehörten zu ihm. Es zeigte sich, daß es die vereinigten Abteilungen waren, die Sternau und Mariano zu transportieren hatten. Sie wurden von ihm mit großer Befriedigung empfangen.

Die beiden Gefangenen waren auf eine geradezu unmenschliche Weise gefesselt Nur die Knebel waren ihnen abgenommen, so daß sie wenigstens Atem holen konnten.

Gegend Abend trafen zur großen Freude Verdojas auch die übrigen mit Karja und Helmers ein. Es war keine einzige der fünf Abteilungen verfolgt oder beunruhigt worden, und so glaubte Verdoja, daß er von jetzt an seinen Ritt mit Sicherheit fortsetzen könne.

Es wurde jedoch zunächst ein Lager errichtet. Man brannte ein Feuer an und aß, dann fütterte man die Gefangenen, die sich ja ihrer Hände nicht bedienen konnten, teilte sich in die Wache und legte sich zur Ruhe.

Verdoja hatte die erste Wache übernommen, obgleich er dies nicht nötig hatte, da er ja der Anführer war. Aber er hatte sich vorgenommen, die Gefangenen, von denen keiner ein Wort gesprochen hatte, zu peinigen. Sie lagen in der Mitte des Kreises, den die dreizehn Mexikaner bildeten. Er trat zunächst zu Helmers.

»Nun, Bursche, wie gefällt dir dieser Spazierritt?« fragte er. »Ich habe euch von jemand zu grüßen, der sich sehr für euch interessiert« – »Von wem denn?« fragte Helmers. – »Von einem gewissen Cortejo.« – »In Mexiko?« – »Ja. Er scheint ein sehr guter Freund von euch zu sein.«

Verdoja gab hier sein Geheimnis preis, und zwar mit Absicht. Es lag ihm nämlich daran, zu erfahren, weshalb Cortejo den Tod dieser Männer wünschte, er hätte dann eine Waffe gegen ihn in der Hand gehabt. Darum brachte er also die Rede auf ihn, denn er dachte, durch irgendein Wort oder eine unbedachte Äußerung der Gefangenen Aufschluß zu erhalten.

»Hole ihn der Teufel!« sagte Helmers. – »Das tut er nicht, aber euch wird er holen.« – »Ohne dich sicherlich nicht!« – »Schweig, Schurke! Sonst will ich dir zeigen, wen du vor dir hast«

Er gab Helmers einen Fußtritt und schritt weiter zu Mariano.

»Siehst du nun, was daraus wird, wenn man Schurken als Sekundant dient?« sagte er. »Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Kennst du euern Freund Cortejo?«

Mariano antwortete nicht

»Kennst du ihn?« wiederholte Verdoja.

Mariano schwieg noch immer.

»Ah, ich sehe, daß ich euch erst gefügig machen muß. Ihr werdet schon noch reden lernen.«

Verdoja gab auch ihm einen Fußtritt und kam nun zu Sternau. Dieser war so gebunden, daß er weder Arme noch Beine rühren konnte, aber die Knie konnte er an den Leib ziehen.

»Nun zu dir, du Hund!« sagte Verdoja. »Du hast uns um unsere Hände gebracht und wirst doppelt büßen müssen. Wie war dir's denn, als du meinen Hieb auf den Kopf bekamst?«

Sternau beachtete ihn gar nicht.

»Was, du willst auch nicht antworten? Warte, ich werde dir gleich Worte machen!«

Er erhob den Fuß, um auch Sternau einen Tritt zu geben, dieser aber zog blitzschnell die Beine an sich, streckte sie wieder aus und trat ihm mit solcher Gewalt auf den Unterleib, daß er hinten überstürzte und mit dem Kopf gerade in das hell lodernde Feuer fiel. Zwar raffte er sich sofort wieder auf, aber ein lautes Schmerzgeheul zeigte, daß er in irgendeiner Weise verwundet worden sei.

»Mein Auge, mein Auge!« brüllte er.

Die Schläfer erhoben sich sofort, nahmen ihm die Hand vom Auge und untersuchten dasselbe. Da stellte sich heraus, daß er sich ein Ästchen des brennenden Holzes in das Auge gestochen hatte, es war abgebrochen, und die Spitze stak noch im Auge.

»Das Auge ist verloren, denn es gibt keinen Arzt«, sagte Pardero.

Verdoja wimmerte noch immer, er mochte furchtbare Schmerzen haben. Er lief im Kreis umher und bat, ihm die Spitze des Ästchens auszuziehen, aber keiner konnte es tun.

»Hier vermag nur einer zu helfen«, sagte Pardero. – »Wer?« fragte Verdoja. – »Sternau.« – »Sternau, dieser Hund, dem ich dieses Unglück verdanke! Totprügeln werde ich ihn!« rief der Verwundete grimmig. – »Es ist mir eingefallen, daß er Arzt ist.« – »Arzt? Ah, wirklich, es ist wahr. Er hat ja den Kranken auf del Erina behandelt.« – »Er wird Ihnen den Splitter entfernen können!« – »Das soll er, ja, das soll er. Und dann, dann werde ich ihn krumm auf das Pferd schließen. Er soll an mich und meine Rache denken.«

Pardero trat an Sternau heran und fragte:

»Sind Sie Augenarzt?«

Da Sternau mit »Sie« und im höflichen Ton angeredet worden war, so antwortete er:

»Ja.«

Er hätte aber trotzdem keine Antwort gegeben, wenn ihm nicht der Gedanke durch den Kopf gefahren wäre, daß er jetzt entfliehen könne.

»Werden Sie den Splitter entfernen können?« – »Das weiß ich nicht. Ich muß das Auge erst untersuchen.« – »So kommen Sie.« – »Ich kann mich ja nicht erheben!« – »Ah, so! Nun, ich werde Ihnen die Fesseln so weit abnehmen, daß Sie aufstehen können. Warten Sie!«

Pardero nahm Sternau die Riemen von den Beinen und Füßen und schob ihn zum Feuer, an dem Verdoja wimmernd saß.

»Untersuchen Sie ihn!« gebot Pardero.

Verdoja nahm die Hand vom Auge, das er geschlossen hielt, blickte ihn mit dem anderen grimmig an und sagte:

»Kerl, wenn du mir das Auge nicht sofort wieder herstellst, so lasse ich dich mit glühenden Zangen zwicken. Sieh her!«

Er hielt das verletzte Auge einige Sekunden lang geöffnet, und Pardero leuchtete mit einem Feuerbrand dazu. Das Gespräch wurde natürlich in mexikanisch-spanischer Sprache geführt. Sternau war überzeugt, daß unter allen, die sich hier befanden, nur Helmers Deutsch verstehe, und so sagte er, indem er das Auge sehr aufmerksam betrachtete, in deutscher Sprache:

»Mut! Ich werde euch befreien!« – »Was sagst du da?« brüllte Verdoja. – »Wir Ärzte nennen jede Krankheit und Wunde bei ihrem lateinischen Namen, ich sagte den lateinischen Namen der Verletzung«, antwortete Sternau. – »Geht der Splitter zu entfernen?« – »Ja.« – »Tut es sehr weh?« – »Nein, fast gar nicht« – »So tut es, augenblicklich!« – »Die Hände sind mir ja gebunden.« – »Bindet ihn los!« gebot Verdoja. – »Aber wenn er entflieht!« meinte Enrico. – »Bist du klug?« fragte Pardero. »Wir sind fünfzehn Mann. Wie will er uns entkommen? Bildet einen Kreis und nehmt ihn in die Mitte.«

Dies geschah. Als Sternau die deutschen Worte sprach, hatte Helmers sich geräuspert, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe. Jetzt konnte Sternau handeln.

»Mit dem Finger kann ich den Splitter nicht fassen«, sagte er. »Gebt mir ein Messer.«

Er erhielt das Messer. Jetzt war er frei von allen Banden und hatte eine Waffe in der Hand. Es handelte sich nur noch darum, ein Gewehr mit Munition zu bekommen.

Um das Lager weideten die Pferde. Die Gewehre waren in Pyramiden zusammengestellt, und Verdoja hatte über seinen um die Hüften gewundenen Schal einen breiten Gurt geschlungen, der ihm als Kasse diente. An demselben hing der Pulver- und Kugelbeutel. Sternaus Plan war in einer Sekunde gefaßt.

Er betrachtete das Messer, es war gut, scharf und spitz. Nun trat er zu Verdoja heran und legte ihm die Hand auf den Kopf. Aller Augen waren auf die beiden gerichtet, am gespanntesten aber die Augen der Gefangenen.

»Öffnen Sie das kranke Auge und schließen Sie das gesunde«, gebot Sternau.

Er beabsichtigte damit, Verdoja solle gar nichts sehen. Dieser folgte der Weisung, und nun näherte Sternau das Messer dem Gesicht des Ex-Kapitäns. Aber plötzlich fuhr er mit demselben niederwärts. Mit einem raschen Schnitt trennte er den Gurt vom Leib Verdojas und faßte ihn, da er seine Hände brauchte, zwischen die Zähne. In demselben Augenblick packte er Verdoja mit herkulischer Kraft und schleuderte ihn gegen die nahe stehenden Mexikaner. Drei oder vier derselben wurden niedergerissen, so entstand eine Bresche, durch die Sternau in einem weiten Sprung hindurchflog. Im nächsten Moment hatte er eines der Gewehre an sich gerissen, und eine Sekunde später saß er auf dem Rücken eines der Pferde und galoppierte davon.

Dies alles war so schnell geschehen, fast schneller als man denken kann. Als ein fünfzehnstimmiger Schrei des Schreckens erscholl, war es bereits zu spät. Ein jeder griff nach Gewehr oder Pistole, mehrere Schüsse wurden abgefeuert, aber keiner traf.

»Auf! Ihm nach! Wir müssen ihn wiederhaben!« brüllte Verdoja.

Sofort warfen sich einige auf die Pferde und sprengten nach der Richtung hin, in der er entflohen war, ihn einzuholen.

Sternau ahnte natürlich, daß man dies tun würde. Indem er in immer gerader Richtung dahinfloh, untersuchte er seine Büchse. Es war ein Doppelgewehr, und zwar geladen. Das genügte, das mußte mehreren Verfolgern das Leben kosten.

Er hielt sein Pferd an und wandte den Kopf desselben in die Richtung, aus der er den Galopp der Verfolger hörte. Sie ritten nicht in einem Haufen, sondern hatten sich auf eine breite Linie verteilt, und da sie nicht die Geistesgegenwart und Gewandtheit Sternaus besaßen, nahmen sie für sicher an, daß dieser in gerader Linie fliehen werde, so daß man ihn immer vor sich habe und den Hufschlag seines Pferdes hören müsse. Daß er anhalten und sie erwarten könne, das fiel ihnen gar nicht ein, das war nach ihrer Ansicht so tollkühn, daß sie es für ganz unmöglich hielten.

Es war so dunkel, daß man einander zwar hören, aber nicht sehen konnte. Sternaus Pferd stand still, und er hielt die Büchse zum Schuß erhoben. Die Verfolger nahten; da durchzuckte ihn ein anderer Gedanke. Er brauchte ja gar nicht zu schießen.

Schnell sprang er vom Pferd und riß auch dieses zu Boden nieder. Da waren die Mexikaner bereits da und sprengten an ihm vorüber, rechts und links von ihm je einer. Im Nu war er wieder auf und sein Pferd ebenso, dann sprang er auf den Rücken desselben und jagte hinter ihnen her. Nach wenigen Augenblicken befand er sich zwischen den zweien. Sie hatten kein Arg, denn ein jeder hielt ihn für den anderen. Nun setzte er die Hähne seines Gewehrs in Ruhe, faßte dasselbe bei den Läufen und trieb sein Pferd mit einigen Sätzen hart an den Mexikaner heran, der ihm zur Rechten ritt. Als dieser es bemerkte, rief er »Weiter nach links!«

Da sauste aber auch bereits Sternaus Kolben auf ihn herab und zerschmetterte ihm den Kopf.

Zugleich erfaßte der kühne Deutsche den Zügel des Mexikaners und hielt das Pferd desselben auf. In weniger als einer Minute hatte er ihn ausgeplündert, galoppierte weiter und hielt jetzt auf den Nachbar zur Linken zu. Als er diesen erreichte, rief derselbe:

»Mir gebietest du, weiter nach links zu gehen, und nun hältst du selbst nicht Richtung. Mehr nach rechts!« – »Gleich!« antwortete Sternau.

Schon war er an ihn heran, und ehe noch der Mann ahnte, was ihm bevorstand, zerschmetterte ihm ein Kolbenschlag den Schädel. Dann hielt Sternau wieder das fremde Pferd an und nahm dem Reiter alles ab, was er selbst gebrauchen konnte.

Jetzt horchte er, und als er vernahm, daß die Mexikaner nur noch rechts von ihm galoppierten, hielt er auf diese Seite hin und untersuchte die beiden erbeuteten Gewehre. Sie hatten nur einen Lauf und waren geladen. Er hatte also vier Schüsse. Das war mehr als genug, denn er konnte nur noch zwei Verfolger unterscheiden. Mit diesen war es leicht aufzunehmen.

»Holla!« rief er. »Hierher! Ich habe ihn!«

Er hielt sein Pferd an und bemerkte, daß die beiden dasselbe taten.

»Wo?« fragte eine Stimme. – »Hier! Hier! Er ist gestürzt!«

Da kamen sie einer hinter dem anderen herbeigesprengt. Sternau erhob das Doppelgewehr, und als sie vor ihm hielten, donnerte er ihnen entgegen:

»So, da habe ich euch, ihr Schurken!«

Im nächsten Moment krachten zwei Schüsse, und die Kugeln trafen so gut, daß die Reiter wankten und von den Pferden stürzten. Die Tiere aber blieben ruhig stehen.

Jetzt horchte Sternau nochmals in die Nacht hinaus; es ließ sich nichts hören. Also waren es nur vier gewesen, die so unvorsichtig waren, ihn zu verfolgen. Er stieg darauf ab und untersuchte die Gefallenen. Sie hatten wirklich kein Leben mehr. Auch ihnen nahm er alles ab, was sie bei sich trugen, und hatte nun fünf Gewehre, mehrere Messer und Pistolen, zwei Lassos und eine hinreichende Menge Munition, denn ein jeder der vier Reiter hatte die seinige bei sich getragen. Außerdem fühlte er in dem Gurt Verdojas eine Menge Goldstücke und Banknoten. Er war also mit allem versehen, nur nicht mit Proviant. Doch dies machte ihm keine Sorge.

Schnell befestigte er seine Beute auf die Sättel der erbeuteten Tiere, koppelte dieselben zusammen, nahm sie beim Zügel und ritt in die unbekannte Wüste hinein.

Seine Hauptsorge war, der Nachstellung zu entgehen, denn er wußte, daß man bei Anbruch des Morgens die vier Leichen finden werde. Er erwartete auch, daß man seiner Spur folgen werde, und so galt es, die Verfolger irrezuführen.

Er dachte sich, daß man von der Hazienda aus den Räubern nachsetzen werde; darum galt es, sie so lange wie möglich an einer Stelle festzuhalten, und er beschloß, einen Kreis zu reiten. Nachdem er so einige Stunden nach Westen fortgeritten war, lenkte er nach Süden um und ritt darauf nach Verlauf von abermals zwei Stunden nach Osten zurück. So erreichte er bei Morgengrauen den Fuß des Gebirges zwei Stunden südlicher als da, wo sich das Lager befunden hatte.

Hier gönnte er den Pferden einige Ruhe, ließ sie grasen und trinken und rauchte einige der Zigaretten, die er den Toten abgenommen hatte.

Jetzt stieg er wieder auf und ritt gerade nach Norden. Das mußte aber mit sehr großer Vorsicht geschehen, da er in jedem Augenblick die Mexikaner sehen konnte, die ja von Nord nach Süd, also ihm entgegen, ihre Verfolgung beginnen mußten. Es waren seit Tagesanbruch wohl über vier Stunden vergangen, als er die Stelle erreichte, an der er die beiden letzten Mexikaner vom Pferd geschossen hatte. Er fand statt ihrer einen Steinhaufen. Man hatte sie also bereits gefunden und begraben.

Als Sternau nun den Boden untersuchte, kam er zu der Überzeugung, daß der ganze Trupp mitsamt den Gefangenen aufgebrochen sei, um seine Spur zu verfolgen. Er lachte, denn er befand sich, da er einen Kreis geritten war, ja hinter ihnen, während sie ihn vor sich glaubten. Unverzüglich folgte er ihnen, gab aber vorher eines seiner Pferde frei, indem er ihm alles, sogar Sattel und Zaum abnahm und es in die Berge trieb. So hatte er nur noch ein Leittier zu führen, darum ging es nun leichter vorwärts als vorher. Als Sternau die Stelle erreichte, an der er nach Süden abgelenkt war, sah er an den Spuren, daß man hier zwar angehalten hatte, um zu beraten, ihm aber nachher gefolgt war, und als er darauf nach zwei Stunden an die Stelle kam, wo er nach Osten umgekehrt war, zeigten die Hufspuren, daß man hier abermals eine Beratung vorgenommen hatte, daß aber das Ergebnis derselben jetzt doch ein anderes gewesen war. Die Mexikaner hatten nämlich von seiner Spur abgelassen und waren von hier aus nach Westen geritten, also gerade in die Wüste Mapimi hinein.

Er folgte ihnen. Sie waren einen solchen Ritt nicht gewöhnt Indianer und Jäger reiten stets im Gänsemarsch, damit man aus der Fährte ja nicht ihre Anzahl erkennen kann, diese Mexikaner aber hatten eine breite Truppe gebildet. Sternau zählte fünfzehn einzelne Pferdespuren, sie waren also, außer den vier Getöteten, alle beisammen, Verdoja, Pardero, vier Gefangene und neun Mexikaner. Er hatte gute Hoffnung, heute abend ihr Lager zu beschleichen und wieder einige von ihnen zu töten. Mit diesem tröstlichen Gedanken sprengte er vorwärts, zumal er sah, daß auch sie Galopp geritten waren.

25. Kapitel.

Als am verflossenen Abend die vier Mexikaner dem Entflohenen nachsprengten, horchten die Zurückbleibenden still und lautlos in die Nacht hinein. Sogar Verdoja vergaß die Schmerzen seines Auges. Sie alle waren überzeugt, daß Sternau eingeholt werde.

Es blieb längere Zeit still, dann aber fielen in bedeutender Ferne zwei Schüsse. Der Schall war so leise, daß man ihn kaum noch zu vernehmen vermochte.

»Sie haben ihn!« rief Pardero. – »Ja, aber nicht lebendig«, zürnte Verdoja. »Sie haben ihn erschossen, die Schurken! Wie kann ich mich nun an ihm rächen? Wer soll mein Auge behandeln?« – »Vielleicht ist er nur verwundet«, meinte einer der Mexikaner. »Dieser Kerl scheint ein zähes Leben zu haben.« – »Dann bringen sie ihn herbei. In einer halben Stunde sind sie sicher da.«

Aber die halbe Stunde verging, und es kam niemand. Verdoja wurde unruhig.

»Warum zaudern die Kerle?« meinte er. »Ich werde sie für diese Nachlässigkeit zu bestrafen wissen!«

Doch es verging eine halbe und noch eine ganze Stunde, ohne daß sich jemand sehen ließ. Das Auge Verdojas schmerzte so, daß er ein Tuch vorbinden mußte. Es träufelte ihm nun ein scharfe Flüssigkeit über die Wange herab, an der er stets zu wischen hatte. Er konnte nicht schlafen. Darum erging er sich während der ganzen Nacht in zornigen Flüchen, und als die Dämmerung nahe war, sandte er zwei Mexikaner aus, um ihre vier Kameraden zu suchen.

Sie setzten sich auf ihre Pferde und ritten davon. Bereits nach einiger Zeit fanden sie einen Toten an der Erde liegen. Der Schädel war ihm zerschmettert, und man hatte ihm alles abgenommen, was er bei sich trug.

»Was ist das? Wer hat das getan?« fragte der eine schaudernd. – »Sternau?« – »Nein, das ist unmöglich! Er wäre ja während des Kampfes und des Plünderns von den anderen dreien ergriffen und getötet worden. Wir können jetzt hier nichts tun als weiterreiten.«

Sie hatten kaum dreihundert Schritt zurückgelegt, so trafen sie auf eine zweite Leiche, der ebenso der Kopf zerschmettert war. Auch sie war ausgeraubt. Die beiden Männer blickten einander fragend an und ritten weiter, ohne ein Wort zu sprechen, es war ihnen unheimlich zumute.

Nach fünf Minuten trafen sie – auf zwei Leichen. Sie waren erschossen worden, die Kugeln waren ihnen durch den Kopf gedrungen.

»Santa Madonna, alle vier tot!« rief der eine Mexikaner. – »Ist dieser Sternau ein Zauberer?« fragte der andere. – »Wir können hier nichts tun als schnell zurückkehren.«

Sie taten dies. Als sie vom Lager aus in Sicht waren und man bemerkte, daß sie allein kamen, sprangen alle Zurückgebliebenen erwartungsvoll auf.

»Nun?« fragte Verdoja. »Seid ihr blind? Ihr habt nichts gefunden?« – »Mehr als genug, Señor«, antwortete der eine. – »Nun, wo ist Sternau?« – »Das weiß er und der Teufel. Wir haben nur die Kameraden gefunden. Zweien ist der Kopf zerschmettert, und zwei sind erschossen, alle vier aber sind geplündert und vollständig ausgeraubt.«

Bei diesen Worten leuchteten die Augen der männlichen Gefangenen hoffnungsvoll auf, und Emma stieß einen Ruf der Freude aus.

»Still!« donnerte ihr Verdoja zu. »Ihr jubelt zu früh. Noch ist er uns nicht entkommen. Aber wenn ich ihn fange, so werde ich ihm jedes Glied einzeln aus dem Leib reißen.« – »Niemand wird ihn bekommen«, antwortete Emma mutig. »Er ist ein Held. Er wird euch verfolgen, er wird euch töten, heute abend oder morgen abend, wie er diese vier getötet hat, und dann wird er uns befreien!«

Mariano und Helmers warfen ihr einen warnenden Blick zu, und Karja, die neben ihr lag, flüsterte ängstlich:

»Schweig doch! Du machst ihn ja klug und vorsichtig!« – »Still!« gebot auch Verdoja, der von dem Flüstern nichts gehört hatte. »Wer noch einmal redet, erhält seine Strafe. Dieser Satan soll uns nicht mehr schaden, das versichere ich euch! Vorwärts, wir brechen auf, ich muß wissen, welche Richtung er eingeschlagen hat.«

Die Gefangenen wurden auf die Pferde gebunden, die anderen stiegen auf, und nun ging es der Gegend zu, wo die Leichen lagen.

Man fand die beiden ersten, konnte aber aus den vorhandenen Spuren nicht klug werden, wie ihre Tötung möglich geworden war, die beiden Pferde hatten sich natürlich während der Nacht verlaufen. Zwei Reiter nahmen die Leichen vor sich, worauf man weiterritt. Als man bei den Erschossenen anlangte, wurde der Platz ganz sorgfältig untersucht aber man konnte auch hier nicht ergründen, wie es Sternau gelungen war, sie zu überwinden.

»Er hat wahrhaftig den Satan im Leib!« meinte einer der Männer, indem er sich bekreuzigte. »Ein Flüchtling kann ohne Hilfe des Teufels nicht vier Verfolger töten!« – »Schweig, Dummkopf, antwortete Verdoja. »Dieser Sternau ist ein listiger Mensch, weiter ist es nichts. Er hat die Pferde der beiden Getöteten mit sich genommen, hier ist die Spur. Wir müssen ihr nach!«

Dies geschah. Als die Spur sich nach Süden wandte, wurde Rat gehalten.

»Er kehrt nach der Hazienda zurück«, meinte Pardero. – »Nein«, antwortete Verdoja. »Die Hazienda liegt gegen Osten, aber nicht gegen Süden. Er hat etwas anderes vor. Hätte er nach der Hazienda zurückkehren wollen, so wäre es vom Kampfplatz aus geschehen. Er ist aber erst einige Stunden lang in entgegengesetzter Richtung in die Wüste hineingeritten, das muß uns vorsichtig machen. Reiten wir auf seiner Spur noch weiter!«

Sie verfolgten Sternaus Fährte abermals einige Stunden lang und kamen endlich an die Stelle, wo er nach Osten eingebogen war.

»Sehen Sie, ich hatte recht!« meinte Pardero. »Er ist nach der Hazienda zurückgekehrt, um Hilfe zu holen.« – »Dummheit!« antwortete Verdoja. »Wir sind nur noch elf Mann. Ein Kerl, der in fünf Minuten vier Verfolger tötet braucht sich nicht zwei Tagereisen weit Hilfe herbeizuholen, um elf Männer nach und nach zu erschießen. Dieser Sternau ist kein Dummkopf. Er braucht zwei Tage hin und zwei zurück, das gibt vier Tage, im günstigsten Fall drei Tage, eher er hier wieder anlangt. Da sind unsere Spuren verweht, jedenfalls aber haben wir einen Vorsprung von drei Tagen und sind nicht mehr einzuholen.« – »Aber was bezweckt er denn?« fragte Pardero. – »Sie sind Offizier, aber kein Taktiker. Sternau hat vier Gewehre an sich genommen. Warum? Etwa um sie als Beute mit sich zu schleppen? Nein; er kann damit, da eins doppelt ist, fünf Schüsse tun. Das ist ein Zeichen, daß er es auf uns abgesehen hat. Er hat die Pferde der beiden Getöteten bei sich. Warum? Etwa nur um den Pferdeknecht zu machen? Nein. Er erzielt dadurch eine größere Schnelligkeit, denn wenn sein Reitpferd müde ist, so besteigt er ein lediges, das noch frische Kräfte hat.« – »Aber warum reitet er nach Osten?« – »Ich errate es. Er reitet einen Bogen. Da hinten an den Bergen wird er sich nach Norden wenden, um uns in den Rücken zu kommen. Vielleicht will er Zeit gewinnen, denn während wir ihm im Kreis folgen, werden wir aufgehalten, bis vielleicht Leute von der Hazienda eintreffen. Sie wissen, daß Sternau jener berühmte Fürst des Felsens ist. Glauben Sie mir, er fürchtet sich nicht, allein mit uns anzubinden, er hat es bewiesen. Aber nun ich errate, was er will, werde ich mich von ihm nicht übertölpeln lassen. Ich bin überzeugt, daß er sich bei jedem Nachtlager einige von uns holt, einem solchen Savannenmann gegenüber hilft keine Vorsicht. Wir dürfen also kein Nachtlager halten. Wir reiten bis morgen früh, ruhen einige Stunden, dann reiten wir bis übermorgen früh, da erreichen wir den westlichen Saum der Wüste, und des Abends sind wir am Ziel. Er aber wird zwei Nächte hindurch lagern müssen, so kommen wir ihm aus den Augen.« – »Aber werden unsere Pferde diesen forcierten Ritt aushalten?« – »Sicher. Morgen früh sind wir am Muschelsee, wo sie trinken und weiden können. Übermorgen werden sie zusammenbrechen können, denn wir finden sofort auf jedem Weideplatz frische Tiere.« – »Aber die beiden Mädchen?« – »Pah, die müssen es aushalten. Wir geben den Gefangenen die Hände frei, damit sie nicht so leicht ermüden. Am Rand der Wüste lassen wir einige Mann zurück, die Sternau erwarten müssen. Sobald sie ihn sehen, wird er gefangen oder er bekommt eine Kugel. Jetzt vorwärts!«

Verdoja bewies damit, daß er Sternau durchschaut, und daß er klüger sei, als dieser dachte. Wenn sein Plan gelang, so brachte er seine Gefangenen in Sicherheit, und Sternau wurde entweder erschossen oder gefangen.

Man gab jetzt den Gefangenen die Hände frei, so daß sie ihre Tiere selbst lenken konnten, doch kam diese Maßregel mit solcher Vorsicht in Anwendung, daß die Gefesselten sich nicht zu befreien vermochten. Darauf ging es im Galopp in die Mapimi hinein.

Man sah es den verzerrten Zögen Verdojas an, daß er an seinem Auge fürchterliche Schmerzen litt, aber er sagte kein Wort darüber. Es kochte ein fürchterlicher Grimm in seinem Inneren, doch galt es jetzt vor allen Dingen, so schnell wie möglich an das Ziel zu gelangen. Die Rache wurde für später aufgeschoben.

So ging es während des ganzen Tages immer nach Westen zu, über steinige Flächen, über nackte Felsen und öde Sandstriche, bis man am Abend den vorgestreckten Arm eines Waldes erreichte. Hier durften sich die ermüdeten Pferde eine halbe Stunde lang erholen, ehe es wieder vorwärts ging.

Während die Tage in jenen Gegenden heiß sind, zeigen sich die Nächte empfindlich kalt. Diese Kälte war der Truppe von Vorteil, denn sie unterstützte die Beweglichkeit und ließ die Pferde weniger ermüden. Man glaubt übrigens kaum, welch einer Ausdauer die mexikanischen Pferde fähig sind.

Am anderen Morgen erreichte man den von allen längst ersehnten Muschelsee, wo Rast gemacht wurde. Die Pferde wurden entsattelt und durften trinken und grasen nach Herzenslust. Die Menschen erquickten sich an der mitgenommenen Speise, von der auch die Gefangenen einen Teil erhielten.

Als die neugekräftigten Pferde zu wiehern und miteinander zu scherzen und zu kämpfen begannen, war dies ein Zeichen, daß sie nicht mehr ermüdet seien, und man setzte den Ritt in der bisherigen Weise und Richtung fort.

Es zeigte sich jetzt eher einmal eine gewächsreiche Stelle, die eine Weide oder ein Wäldchen trug, gegen Abend hatte man sogar einen größeren Wald zu durchreiten, und am anderen Morgen lag die Mapimi hinter ihnen. Der Wüstenrand erhob sich plateauartig vor ihnen, und sie drangen in einen Engpaß ein, der sich nach kurzer Zeit zu einem Tälchen erweiterte. Hier wurde haltgemacht und die Pferde durften sich abermals erholen. Es war vorauszusehen, daß sie dann den Ritt bis zum Abend aushalten würden.

Das Tälchen zeigte eine wild bewachsene Seitenschlucht. Verdoja postierte zwei seiner Mexikaner in dieselbe. Sie sollten Sternau auflauern, der hier jedenfalls längere Zeit verweilen würde, um die Spuren des Lagerplatzes zu untersuchen. Er konnte vor morgen abend nicht hier sind, und bis dahin wollte Verdoja von seinen Begleitern noch drei zurückschicken. Sie waren dann zu fünfen und konnten den einzelnen überwältigen.

Als man wieder aufbrach, mündete der Paß in eine weite Ebene, die aus fruchtbaren Weiden bestand. Es wurden Wege eingeschlagen, auf denen man niemandem begegnen konnte; der Tag verging, ohne daß man eine Hazienda erblickte, obwohl man die Nähe derselben vermuten konnte, und als die Dunkelheit hereinbrach, hielt man vor einer hohen, mächtigen, pyramidenförmigen Masse, deren Fuß von Felsentrümmern und Sträuchern eingefaßt war. Verdoja steckte den Finger in den Mund und stieß einen Pfiff aus. Sofort raschelte es in den Büschen, und ein Mann trat hervor.

»War mein Bote bei dir?« fragte Verdoja. – »Ja, Señor«, antwortete der Mann. »Er brachte mir Ihren Brief, und es ist alles vorbereitet. Auch Licht habe ich.« – »So führe mich. Die anderen warten hier, bis ich zurückkehre!«

26. Kapitel.

Verdoja trat zu Emma, befestigte ihr die Arme auf den Rücken, band sie vom Pferd los, hob sie herab und schob sie zwischen die Büsche hinein. Sie ließ es geschehen, denn sie sah ein, daß Widerstand vergeblich sein würde.

Jetzt wurden ihr die Augen verbunden, und Verdoja nahm sie auf den Arm und trug sie fort. Bald hörte sie an dem Ton seiner Schritte, daß sie sich in einem dumpfen Gewölbe befanden, und fühlte, daß es auf- und abwärts ging und die Luft immer schlechter wurde. Endlich knarrte eine Tür, und kurze Zeit darauf ließ Verdoja sie auf ihre Füße nieder.

Als er ihr die Binde von den Augen nahm, sah sie, daß sie sich in einer Felsenkammer befand, die ungefähr acht Fuß lang, sechs Fuß breit und sieben Fuß hoch war. Sie enthielt nichts als ein Strohlager, einen Wasserkrug, ein Stück trockenes Brot und zwei Ketten, eine jeder in eine der Längsseiten befestigt. Verdoja hatte eine Laterne in der Hand. Der Führer hatte sich von der mit Eisen beschlagenen Tür zurückgezogen.

»Jetzt sind wir an Ort und Stelle«, sagte Verdoja triumphierend.

»Du wirst nie von hier entfliehen können, darum werde ich dir die Fesseln abnehmen.«

Er tat es und ließ dabei sein gesundes Auge über ihre schöne Gestalt gleiten.

»Aber, Señor, was habe ich Ihnen getan«, hauchte das unglückliche Mädchen voller Angst, »daß Sie mich rauben und an einen solchen Ort bringen?« – »Mein Herz hast du mir geraubt«, antwortete er. »Und dieses Herz will befriedigt sein! Hier ist die Kammer der Liebe, in der bereits der Widerstand mancher Schönheit gebrochen wurde. Auch du lernst, meine Liebe zu erwidern.«

Er streckte den Arm aus, um sie an sich zu ziehen. Sie wich erschrocken zurück.

»Niemals, du Bösewicht!« rief sie, sich in die hinterste Ecke lehnend. – »O doch! Das werde ich dir sofort zeigen!«

Er trat abermals näher. Da fuhr sie mit der Hand nach seinem Gürtel, entriß ihm sein Messer, zückte es gegen ihn und gebot entschlossen:

»Zurück, sonst wehre ich mich!«

Er erschrak wirklich und trat zurück; dann aber stieß er ein kurzes, höhnisches Lachen aus und sagte:

»Ein Messer in dieser Hand ist mir nicht gefährlicher als eine Nadel. – Gib her!«

Er wollte zugreifen und setzte deshalb, da er nur eine Hand hatte, die Laterne zur Erde nieder. Da hob sie das Messer zum Stoß und rief:

»Ich bin ein schwaches Mädchen, aber Sie haben nur eine Hand. Wagen Sie es nicht, mich anzurühren!«

Er zauderte doch. Da aber tat der Führer aus dem Gang herbei und unter die Tür. Er hatte das Gespräch gehört.

»Soll ich Ihnen beistehen, Señor?« fragte er. – »Ja«, antwortete Verdoja. »Komm her und nimm ihr das Messer ab!«

Emma erkannte, daß sie sich zweien gegenüber nicht verteidigen könne, aber sie gab doch die Hoffnung nicht auf, den rohen Angriff zurückzuweisen. Entschlossen setzte sie sich selbst das Messer auf die Brust und drohte:

»Wenn Ihr es wagt, mich anzurühren, so töte ich mich selbst!«

Der Ausdruck ihres Gesichts war bei diesen Worten ein so entschlossener, daß Verdoja einsah, daß es ihr vollständiger Ernst sei, sich das Messer in das Herz zu stoßen. Dies lag aber ganz und gar nicht in seiner Absicht. Er wollte das schöne Mädchen lebendig besitzen, aber nicht tot. Darum hielt er den Diener, der seine Hand bereits nach ihr ausstreckte, zurück und sagte:

»Laß sie jetzt! Sie ist mir sicher. Der Hunger ist ein harter Gast, er wird ihren Willen rasch brechen. Sie erhält von heute an nichts mehr zu essen, bis sie gefügiger wird. Wir wollen gehen!«

Er nahm darauf die Laterne vom Boden auf und verließ das Gefängnis. Der Diener folgte ihm, die Tür schloß sich hinter ihnen, und Emma hörte draußen die mächtigen Riegel klirren, die sich vor die Tür legten, um eine Flucht unmöglich zu machen.

Da stak nun die an Freiheit, Liebe und den feinsten Genuß Gewöhnte in der engen, dunklen Felsenkammer! Stroh war ihr Lager und schmutziges Wasser ihr Getränk. Frische Luft konnte nicht in den elenden Raum dringen, und auch zum Hunger war sie verurteilt, denn das Stück Maisbrot, das neben dem Wasserkrug lag, konnte nur für eine sehr kurze Zeit hinreichen.

Sie hatte während des weiten Ritts Gelegenheit gehabt, einige Worte ungehört mit Karja zu wechseln, und war dabei von der Indianerin darauf aufmerksam gemacht worden, sich womöglich eine Waffe zu verschaffen, um den tätlichen Angriffen, die ihnen beiden bevorstanden, widerstehen zu können. Diesen guten Rat hatte Emma befolgt; sie befand sich jetzt im Besitz eines Messers und hatte auch bereits die Erfahrung gemacht, welchen Nutzen ihr dasselbe bringe. Sie hielt den Griff noch fest mit ihrer kleinen, zarten Faust umspannt und war entschlossen, es sich keinesfalls entringen zu lassen; viel eher wollte sie es sich in das eigene Herz stoßen.

Aber der weite Ritt und der letzte Auftritt hatten ihre Körper- und Seelenkräfte so angestrengt, daß sie auf das Lager niederglitt und ihren Tränen freien Lauf ließ. Sie befand sich tief unter der Erde als Opfer eines gefühllosen Bösewichts und hatte keine Hoffnung, als nur die, daß es Sternau gelingen werde, ihre Spuren zu verfolgen und den Mördern zu entkommen, die ihm auflauerten, um ihn zu ergreifen oder zu töten.

Verdoja kehrte unterdessen mit seinem Diener zu denen zurück, die vor der Pyramide auf ihn warteten. Die Pyramide, ein Überrest alter, mexikanischer Baukunst, war aus Backsteinen auf einem Felsengrund errichtet. In diesem Grund hatte man vor Beginn des Baues zahlreiche Kammern ausgebrochen und sie durch Gänge verbunden. Auch die Pyramide war durch solche Gänge durchbrochen, in denen die Fürsten und Priester des untergegangenen Reiches ihre Geheimnisse bewahrt und ihre Orgien gefeiert hatten. Die Backsteine waren unter dem Einfluß der Jahre zerbröckelt, und Pflanzen hatten ihre Wurzeln immer tiefer in die entstehenden Ritzen getrieben. Das hatte den Bau noch mehr gelockert. Seine Spitze war verwittert und von den Stürmen nach und nach abgeweht worden, und heute hatte er das Aussehen eines pyramidalen Hügels, der von seinem Fuß bis hinauf zur Höhe mit Gesträuch bedeckt war.

Aber in das Innere hatten Sturm und Regen nicht zu dringen vermocht; da waren die Kammern und Gänge noch ganz wohl erhalten und besaßen ganz dieselbe Festigkeit, die sie seit Jahrhunderten hatten. Der alte Bau lag inmitten der Ländereien, die Verdojas Vorfahren gehörten. Einer derselben hatte lange vergebens nach einem Zugang der Pyramide gesucht, ihn endlich aber doch unter Stein- und Ziegeltrümmern gefunden. Er war darüber nicht mitteilsam gewesen, und so hatte sich das Geheimnis nur in der Familie fortgeerbt

Seit dieser Zeit war im Innern der Pyramide manches und vieles geschehen, was sich dem Tageslicht und dem Auge des Gesetzes entziehen mußte, und der Diener, der Verdoja und Emma geführt hatte, war der Wächter des alten Bauwerks und Vertraute seines gegenwärtigen Herrn. Beide hüteten ihr Geheimnis mit sorgfältigster Verschwiegenheit und wußten, daß sie sich aufeinander verlassen konnten.

Nachdem Verdoja aus der Pyramide zurückgekehrt war, wurde Karja, die Indianerin, vom Pferd losgebunden. Man verhüllte ihr die Augen, und ganz dasselbe geschah auch mit Leutnant Pardero. Dieser sträubte sich allerdings dagegen, mußte es sich aber doch gefallen lassen, da Verdoja ihm sagte, daß er den Eingang zur Pyramide keinem einzigen Menschen zeigen werde. Im Inneren angelangt, könne Pardero die Binde abnehmen und ungehindert umherstreifen, nur der Eingang müsse ihm wie jedermann verborgen bleiben.

Der Wächter ergriff das Mädchen, und Pardero wurde von Verdoja geführt. Sie gelangten wieder an die Zelle, in der Emma steckte. Neben derselben gab es eine ähnliche, die geöffnet wurde, um die Indianerin unterzubringen.

»Ich gehe einstweilen«, sagte Verdoja zu Pardero, »um die anderen Gefangenen einzuquartieren. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden. Sind Sie zu Ende, so brauchen Sie am Ausgang des Ganges nur zu rufen oder zu warten.«

Er entfernte sich mit dem Wächter, und Pardero nahm dem Mädchen nun die Binde ab, auch entfernte er ihr die Fesseln von den Händen, so daß sie sich im freien Gebrauch ihrer Glieder befand. Er hatte die Laterne bei sich behalten und betrachtete das schöne Mädchen mit leidenschaftlichen Blicken.

»Nun bist du mein, und kein Mensch soll dich mir entreißen«, sagte er.

Ihre Augen funkelten vor Stolz und Zorn. Sie, die Tochter eines berühmten Häuptlings, die Schwester des wenigstens ebenso berühmten »Königs der Ciboleros« fürchtete sich vor dem einhändigen Leutnant nicht im mindesten.

»Feigling!« antwortete sie im Ton der tiefsten Verachtung. – »Feigling?« fragte er lachend. »Haben wir euch nicht besiegt? Haben wir euch nicht gefangengenommen und bis hierher gebracht?« – »Gefangengenommen durch Hinterlist, als wir schliefen. Ein Mann kämpft nicht mit Weibern. Ist euch nicht Sternau entkommen? Er war ein Mann, und ihr konntet ihn nicht halten. Ihr seid wie die Präriewölfe, die nur des Nachts und mit Übermacht nach Beute gehen, aber vor Angst heulen, wenn sie einen Schuß fallen hören. Ich bin ein Mädchen, aber ich fürchte dich weniger als einen Hasen oder als einen Käfer, der mich umsummt, den ich aber zwischen den Spitzen meiner Finger zu zerquetschen vermag.«

Diese Worte waren in einem so verächtlichen Ton gesprochen, daß selbst ein so ehrloser Mensch wie Pardero zornig wurde.

»Schweig!« rief er. »Du befindest dich in meinen Händen, und es kommt nun ganz auf dein Verhalten an, ob ich dich zermalme oder deine jetzige Lage verbessere.« – »Mich zermalmen?« antwortete sie. »Pah, du bist nicht der Mann, die Schwester Büffelstirns zu zermalmen. Du wärest verloren, sobald du mich nur anrührtest!«

Sie stand mit drohend erhobenem Arm vor ihm und war in dieser gebieterischen Stellung so schön, daß alle seine Sinne entbrannten. Er trat auf sie zu und streckte die Arme, die unverletzte Linke und den umwickelten Stumpf der Rechten nach ihr aus, als ob er sie an sich ziehen wolle. Sie wußte, welchen Rat sie Emma erteilt hatte; es war ihr darum zu tun, eine Waffe in die Hand zu bekommen, und die mutige Indianern bebte vor einem Angriff keineswegs zurück. Sie trat daher einen Schritt vor, fuhr mit blitzartiger Schnelligkeit mit beiden Händen nach dem Gürtel Parderos und entriß ihm das Messer und den Revolver, ehe er es hindern konnte. Zugleich gab sie ihm einen so kräftigen Stoß, daß er bis an die Tür zurückflog, und nun richtete sie den Lauf ihrer Waffe gegen ihn, während der scharfe Stahl des Messers in ihrer Linken blinkte.

»Bestie! Warte, ich werde dich zähmen!« rief da Pardero und wollte auf sie eindringen. – »Keinen Schritt weiter!« rief sie ihm entgegen. – »Pah, ein Mädchen schießt nicht sogleich!« lachte er, und schon hatte er die Laterne zur Erde gesetzt und sprang auf Karja ein. Da krachte auch bereits ihr Schuß, und mit lautem Schmerzgebrüll fuhr er sich an den Mund. Ihre Kugel hatte ihm die Kinnlade zerschmettert und die Zunge verwundet. Er stand einige Momente lang brüllend da, dann aber drang er von neuem auf sie ein. – »Satan, das sollst du mir entgelten!« rief er mit lallender Stimme, da er nun nicht mehr richtig zu sprechen vermochte, und drang, während er die linke Hand an die Wunde hielt, mit der rechten auf sie ein.

Da blitzte das Messer in ihrer Hand und senkte sich mit fürchterlicher Schnelligkeit ein, zwei, drei Mal bis an das Heft in die Brust des Angreifers. – »O Dios!« rief er und taumelte. – »Gehe zur Hölle!« antwortete sie, und zum vierten Mal fuhr das Messer ihm zwischen die Rippen, und erst jetzt traf es das Herz, so daß Pardero in die Knie sank und nach hinten auf das Lagerstroh stürzte. Im Nu kniete das tapfere Mädchen neben ihm, entriß ihm den zweiten Revolver, den Munitionsbeutel, die Uhr, die Provianttasche, die über die Schulter herab an einem Riemen hing, und nahm überhaupt alles an sich, was er bei sich trug.

Da hörte sie nebenan ein lautes Pochen.

»Wer klopft, wer ist da?« fragte sie. – »Ich, Emma!« antwortete es dumpf.

Karja stieß einen Jubelruf aus, ergriff die Laterne und stand im nächsten Augenblick vor der Tür der Nebenzelle. Sie mußte alle ihre Kräfte anstrengen, um die alten, rostigen Riegel zu entfernen, und als dies geschehen war, flog Emma ihr entgegen.

»Du hast Waffen und Licht, du bist frei?« rief diese. – »Ich bin bewaffnet, aber noch nicht frei«, antwortete die Indianerin. »Du riefst. Wußtest du, daß ich hier in der Nähe war?« – »Ich hörte zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche, und dachte, die letztere müßte die deinige sein. Dann fiel ein Schuß. Wer hat geschossen?« – »Ich. Ich habe Pardero erst die Kinnlade zerschmettert und ihn dann mit dem Messer erstochen.«

Sie erhob die vom Blut gerötete Klinge. Emma schauderte.

»Mein Gott, das ist furchtbar!« hauchte sie. – furchtbar?« fragte Karja. »O nein; es war Notwehr, und er hat seinen Lohn. Aber wir müssen unsere Zeit benutzen. Einschließen lassen wir uns nicht wieder. Kannst du mit einem Revolver umgehen?« – »Ja. Vater hat es mich gelehrt.« – »Hast du eine Waffe?« – »Dieses Messer. Ich habe es Verdoja entrissen.« – »Gut, ich sehe, daß auch du mutig sein kannst. Hier hast du den einen Revolver. Wer uns anrührt, der wird erschossen. Jetzt komm, wir wollen den Gang untersuchen!«

Sie schritten in den düsteren Gang hinein, der Richtung entgegen, aus der sie gekommen waren. Der Gang war eng und niedrig, und die Luft in demselben dick und modrig. Karja ging voran. Plötzlich blieb sie stehen und stieß einen Ruf der Freude aus.

»Was ist's?« fragte Emma. – »Ein glücklicher Fund!« antwortete die Indianerin. »Wir werden nicht im Finstern bleiben und brauchen auch nicht zu hungern. Sieh hierher!«

Bei der Aufmauerung des Ganges war ein tiefes, viereckiges Loch freigelassen worden, und in demselben lag ein Vorrat von Tortillos, wie der Mexikaner seine flachen Maiskuchen nennt, und dabei stand eine große, gefüllte Flasche, deren Inhalt sich beim Schein der Laterne als Öl erwies.

»Welch ein Glück!« sagte Emma. »Ich dachte, ich sollte verhungern!« – »Das wirst du nicht. Wir haben diese Kuchen, und ich besitze außerdem die Provianttasche, die ich Pardero abgenommen habe. Komm weiter!« – »Aber ist es nicht gefährlich, in diese Gänge einzudringen?« – »Warum?« – »Wir verirren uns vielleicht immer weiter in das Innere hinein?« – »Nein. Ich weiß ganz genau, daß wir aus dieser Richtung gekommen sind. Es waren mir zwar die Augen verbunden, aber ich habe gefühlt, daß die Tür meines Gefängnisses nach der Seite zu aufging, von der wir kamen.«

Sie schritten langsam weiter und gelangten schließlich an eine Tür, an der sich ein sehr schwerer, eiserner Riegel befand, der aber, wie man leicht sehen konnte, ganz vor kurzem neu eingeölt war. Die Tür war nur angelehnt, und als sie dieselbe zurückstießen, traten sie in einen zweiten Gang, der zu ersterem einen rechten Winkel bildete.

Karja war vorsichtig und untersuchte zunächst die Tür. Diese zeigte auch auf der anderen Seite einen Riegel, konnte also von innen und außen verschlossen werden.

»Das war alles wohl überlegt«, sagte sie. »Dieser äußere Riegel diente dazu, den Gang, in dem sich unsere Zellen befinden, abzuschließen, und der innere hatte den Zweck, alle Störungen abzuhalten, wenn unsere beiden Anbeter uns besuchten.« – »Ich schaudere«, gestand Emma. »Welches Schicksal stand uns bevor!« – »Das ist glücklich abgewandt.« – »Aber was nun weiter?« – »Ich hoffe von neuem, Sternau wird uns folgen und unser Gefängnis vielleicht entdecken. Wir haben Waffen, Munition, Öl und Proviant. Wir werden uns wehren und uns nicht ergeben. Wüßte ich nur, wohin wir uns zu wenden haben, ob nach rechts oder nach links.« – »Horch!«

Auf diesen leisen Ruf Emmas lauschten beide in den Gang hinein und hörten das Geräusch von Schritten, die sich von fern her näherten.

»Zurück! Wir verschließen die Tür!« gebot Karja.

Sie schlüpften schnell zurück, zogen die Tür an sich und schoben den Riegel vor. Die Schritte näherten sich und – gingen draußen vorüber; man machte keinen Versuch, die Tür zu öffnen, nur ein leiser Schlag geschah gegen dieselbe, als ob man probieren wolle, ob sie offen sei oder nicht

»Das waren mehrere Männer«, flüsterte Emma. – »Ja, es schienen vier Personen zu sein«, antwortete Karja. »Ich glaube, es waren Verdoja und der Wächter, die Señor Mariano und Señor Helmers gebracht haben. Sie halten an. Horch, was sprechen sie?«

Die vier Vorüberschreitenden hatten sich noch nicht sehr weit entfernt, als man die Stimme Verdojas hören konnte.

»Halt, da sind wir! Hier hinein der eine und daneben der andere. Vorwärts!«

Es vergingen einige Minuten, ohne daß sich ein Geräusch vernehmen ließ, und dann hörte man Riegel klirren. Darauf kehrten die Schritte von zwei Männern zurück. Draußen vor der Tür des Ganges hielten sie an, und man versuchte zu öffnen.

»Ah, er hat verschlossen«, lachte Verdoja. – »Das hätte er nicht nötig gehabt!« brummte der Wärter. »Nun müssen wir warten.« – »Pah, er will nicht gestört sein von uns. Ich möchte ihn fast beneiden. Die Indianerin ist fast ebenso hübsch wie ihre Herrin. Aber ich werde dieser Señorita Emma schon noch Gehorsam beibringen. Übrigens fällt es mir gar nicht ein, auf Pardero zu warten.« – »Aber wenn er zurückkehren will?« – »So mag er warten.« – »Er wird vielleicht in die Gänge laufen und sich verirren oder etwas sehen, was er nicht zu sehen braucht.« – »Wir verschließen die nächste Tür, dann kann er nur in diesen Gang gelangen und muß Geduld haben, bis wir ihn holen.« – »Doch wenn er von seiner Zelle aus Hinterwerts geht?« – »So kommt er auch nicht weit. Die hintere Tür kann er nicht öffnen, denn er kennt das Geheimnis nicht. Komm, in einer Stunde holst du ihn.«

Sie gingen, und die beiden Mädchen holten erleichtert Atem, denn es war ihnen nicht sehr wohl zumute gewesen bei dem Gedanken, daß sie ergriffen werden könnten. Sie lauschten, bis die Schritte verklungen waren, und dann fragte Emma:

»Was tun wir jetzt?« – »Wir befreien die beiden Señores.« – »Wird dies gehen?« – »Ich hoffe es. Dann sind wir zu vieren und brauchen uns nicht zu fürchten.«

27. Kapitel.

Emma entriegelte die Tür wieder, stieß sie auf, und die beiden Mädchen traten hinaus in den Quergang. Dort schritten sie vorwärts, bis sie an zwei Türen gelangten, die nebeneinanderlagen.

Karja klopfte, aber es antwortete niemand. Auch als sie an die andere Tür klopfte, blieb es hinter derselben still. Da schob sie den Riegel zurück und ließ das Licht ihrer Laterne in das Innere der nun geöffneten Zelle fallen. Es beleuchtete eine männliche Person, die, an zwei Ketten befestigt, auf dem Boden lag.

»Señor Helmers!« sagte sie, ihn erkennend. »Warum antworten Sie nicht?«

Da klirrten die Ketten, denn der Steuermann machte eine Bewegung der freudigsten Überraschung. Er hatte nicht gesehen, wer der Öffnende war, da Karja das Licht in die Zelle fallen ließ, selbst aber im Schatten stand. Jetzt aber erkannte er sie sofort an der Stimme.

»Señorita Karja!« sagte er. »Wie kommen Sie hierher?« – »Wir haben uns befreit«, antwortete sie. – »Wie? Wen meinen Sie noch?« – »Señorita Emma.« – »Ah! Ist sie mit bei Ihnen?« – »Ja, hier bin ich«, antwortete Emma, als sie in die Zelle trat, um sich sehen zu lassen. »Diese mutige Karja hat Pardero getötet, ihm seine Waffen abgenommen und mich befreit. Nun sollen auch Sie erlöst werden.« – »Gott sei Dank!« rief er, tief aufatmend. »Aber ist Verdoja fort?« – »Ja. Er kehrt erst in einer Stunde zurück.« – »So haben wir Zeit. Señor Mariano liegt neben mir.« – »Auch er soll frei sein«, sagte Karja. »Aber wie werden wir Ihre Ketten öffnen können? Wir haben keine Schlüssel zu den Schlössern.« – »Oh«, meinte er, »es gibt gar keine Schlösser, sondern nur Vorsteckeisen, hüben und drüben an der Wand, so daß ich sie nicht erreichen kann. Sehen Sie nach, Señorita!«

Es war so, wie er sagte. Er lag auf dem Rücken und war mit einem jeden Arm vermittels einer Kette an die betreffende Seite der Zelle befestigt. Diese beiden Ketten waren so kurz, daß sie die Arme auseinander hielten, so daß weder der rechte den linken, noch der linke den rechten befreien konnte. Karja erkannte auf den ersten Blick, wie die Ketten gelöst werden konnten, und eine Minute später stand Helmers aufrecht und von den Banden befreit in der Zelle und streckte seine kräftigen Seemannsglieder, um die unterbrochene Zirkulation des Blutes wieder in Gang zu bringen.

»Alle Wetter, ist das Glück bei allem Unglück!« meinte er. »Aber zunächst wollen wir nicht fragen und erzählen, sondern an Mariano denken.«

Sie verließen den Raum und öffneten die nächste Zelle. Es ging Mariano so wie Helmers. Er hatte auf das Klopfen nicht geantwortet, weil er glaubte, daß es einer seiner Peiniger sei, der ihn verhöhnen wolle. Als er aber die drei Personen erkannte, bemächtigte sich eine wahre Wonne seiner.

Er war ganz in derselben Weise wie Helmers befestigt, und darum nahm seine Befreiung auch nur wenige Augenblicke in Anspruch. Nun mußten die beiden Mädchen erzählen, wie es ihnen gelungen war, freizukommen. Sie taten es und ernteten das volle Lob der zwei Männer, in denen sie nun starke und mutige Beschützer fanden.

Mariano schlug vor, daß die Damen die Messer behalten, die Revolver aber ihnen übergeben sollten, da Männer mit denselben besser umzugehen verstehen. Dies geschah, und nun wurde ausgemacht, daß die vier sich unter keiner Bedingung trennen wollten. Wer von den anderen abkam, konnte verloren sein.

Trotzdem wurde der vorhandene Proviant in vier Teile geteilt, von denen jede Person einen bekam; man konnte ja nicht wissen, was passieren möchte. Auch die vier Wasserkrüge wurden geholt, jede Person sollte den ihrigen bei sich tragen. Helmers und Mariano teilten danach die Revolverpatronen, die Pardero bei sich geführt hatte, und der erstere steckte zuletzt auch die Ölflasche zu sich.

Nun hatten sie alles bei sich, was die finsteren Gänge ihnen geboten hatten, und gingen zunächst an die Untersuchung dieser letzteren.

Der Gang, in dem die Zellen der beiden Männer sich befanden, war vorn durch eine Tür verschlossen und hörte hinten in einem offenen Felsenzimmer auf. Von ihm aus trat man in den Gang, der die Gefängnisse der Frauen enthalten hatte. Dieser führte in schnurgerader Richtung fort auf eine Tür, die mit zwei verrosteten Eisenriegeln verschlossen war. Es gelang der vereinigten Kraft der beiden Männer, dieselben zurückzuschieben, aber die Tür öffnete sich dennoch nicht; es war ja dieselbe, von welcher Verdoja gesagt hatte: »Er kann sie nicht öffnen, denn er kennt das Geheimnis nicht.«

»Was tun?« fragte Helmers. »Wir bringen sie nicht auf.« – »Sie soll ja eine geheimnisvolle Vorrichtung haben«, meinte Mariano. »Wir wollen suchen, vielleicht entdecken wir sie.«

Sie beleuchteten jeden Zollbreit der Tür und ihrer Umgebung, sie tasteten mit Händen und Füßen nach jeder, auch der kleinsten Erhöhung oder Vertiefung in der Tür, auf dem Fußboden und an den Wänden, aber vergebens.

»Es hilft kein Suchen«, meinte Helmers. »So kommen wir nicht frei. Wir müssen uns durch List zu erretten suchen.« – »Auf welche Weise?« fragte Emma. – »Die Stunde, nach der der Wächter zurückkehren wollte, muß fast vergangen sein. Wir müssen ihn ergreifen. Haben wir ihn fest, so zwingen wir ihn, uns den Weg in die Freiheit zu zeigen.« – »Das ist das beste und einzig sichere Mittel«, stimmte Mariano bei. »Wir haben ja das Feuerzeug, das Pardero bei sich trug, und können also unsere Laterne getrost verlöschen, damit sie uns nicht verrät. Kehren wir an den Eingang dieses Ganges zurück. Wir öffnen ihn. Einer bleibt im Gang stehen, und der andere versteckt sich hinter die zurückgelehnte Tür. Sobald er kommt, wird er gefaßt und überwältigt.« – »Und wir?« fragte Karja. – »Sie verstecken sich in der Zelle, in der Señorita Emma gesteckt hat. In der anderen liegt die Leiche Parderos, der Sie ja nicht Gesellschaft leisten werden.«

Wie er es angegeben hatte, so geschah es. Die beiden Damen begaben sich in die Zelle, Mariano blieb im Dunkel des Ganges stehen, und Helmers steckte sich hinter die Tür.

Sie hatten eine ziemliche Weile zu warten, bis ein fernes Geräusch zu ihnen drang. Dann hörten sie von weitem das dumpfe Schlagen einer Tür, dem ein eigentümliches Scharren folgte, und jetzt, ja, jetzt hörten sie Schritte, die sich langsam näherten.

Der Wärter kam. Seine kleine Blendlaterne verbreitete auf eine nur sehr kurze Entfernung einen ungewissen Schein, der immer näher rückte, bis er auf die geöffnete Tür fiel. Da blieb der Mann stehen.

»Señor Pardero!« rief er halblaut.

Niemand antwortete; darum trat er näher an den Eingang heran und blickte in den Gang hinein. Das Licht fiel mit seinen zweifelhaften Strahlen auf die Gestalt Marianos, der hier an der Seite des Ganges lehnte.

»Señor Pardero, sind Sie fertig?« fragte der Wärter. – »Ja«, antwortete der Gefragte mit verstellter Stimme. – »So kommen Sie. Señor Verdoja ist bereits nach der Hazienda geritten, ich soll Sie nachbringen.« – »Und die anderen?«

Wäre der Gang nicht so eng, feucht, dumpfig und dunkel gewesen, so wäre der Mann wohl nicht so leicht zu täuschen gewesen, so aber erhielt die Gestalt Marianos kaum halbes Licht, und seine Stimme hatte eine eigentümliche Tonart, daß der Wärter wirklich glaubte, Pardero vor sich zu haben. Er antwortete:

»Sie sind alle zurückgekehrt.« – »Alle?« – »Ja. Señor Verdoja wollte nur einige schicken, aber da dieser Sternau ein gar so gewaltiger und schlauer Patron ist, so sind sie alle zurückgekehrt, um ihn zu fangen. Sie werden ihren Lohn erst bekommen, wenn sie ihn lebendig bringen oder seinen abgeschnittenen Kopf. Darum werden sie sich alle Mühe geben, ihn zu erwischen.« – »Aber ihre Pferde waren ja ermattet.«

Helmers sah ein, daß Mariano wünschte, so viel wie möglich über die Pläne Verdojas zu erfahren, aber eine Fortsetzung des Gesprächs konnte gefährlich werden. Er schlich sich also hinter der Tür hervor und stellte sich dicht hinter den Wärter. Dieser schöpfte noch immer keinen Verdacht und antwortete:

»Sie sind zunächst nach der Hazienda, wo sie sofort neue Tiere erhalten. Übrigens sind die beiden Kerle, die Mariano und Helmers heißen, jetzt eingeschlossen und angekettet, sie werden nicht entkommen.« – »Nicht?« fragte Mariano.

Damit trat er hervor, und zu gleicher Zeit faßte Helmers den Mann mit beiden Händen um die Gurgel. Der also Überfallene ließ die Laterne fallen, stieß ein unartikuliertes Stöhnen aus, fuhr mit den Armen in die Luft und bewegte die Beine konvulsivisch. Dann ging ein fühlbares Zittern durch seinen Körper, und nun hing er steif und bewegungslos in den Händen der beiden Männer, denn auch Mariano hatte ihn ergriffen, sobald er bemerkte, daß Helmers ihn gepackt hielt.

»Es ist gut!« sagte Helmers. »Er ist ohnmächtig. Brennen wir die Laterne an!« Sie ließen ihn zu Boden gleiten und steckten das Lämpchen in Brand. Als sie ihn beleuchteten, lag er lang ausgestreckt und steif am Boden. Die Augen standen ihm offen, und die Farbe seines Gesichts hatte ein bleiernes Graublau.

»Der ist nicht ohnmächtig, der ist tot«, meinte Mariano. – »Nein, tot kann er nicht sein«, antwortete Helmers. »Ich habe ihn ja nur ein ganz klein wenig gequetscht.« – »Sehen Sie her, Señor, das ist nicht die Gesichtsfarbe eines Ohnmächtigen, er ist tot, wirklich tot, aber nicht von Ihrer Hand, sondern gestorben vor Schreck, daß er so plötzlich erfaßt wurde.« – »Alle Teufel, das ist möglich! Ganz genau so sieht einer aus, den der Schlag gerührt hat, ich habe mehrere solche Leute gesehen. Aber das ist dumm von diesem Kerl!« – »Warum?« – »Weil er uns nun den Ausgang nicht zeigen kann.« – »Allerdings. Doch vielleicht finden wir den Weg auch ohne ihn. Wir dürfen ja nur da hinausgehen, wo er hereingekommen ist« – »Das klingt sehr einfach, Señor, aber diese Gänge scheinen ein Labyrinth zu bilden, in dem man sich leicht verirren kann, und es gibt hier, wie wir ja gesehen haben, Türen, die nicht ein jeder zu öffnen vermag.« – »Wir werden ja sehen. Vor allen Dingen wollen wir untersuchen, ob der Kerl auch wirklich tot ist. Hier hat er ein Messer und auch ein Doppelpistol im Gürtel, da haben wir neue Waffen.«

Mariano nahm das Messer und machte einen Schnitt in das Handgelenk des Wärters. Was aus der Wunde hervorquoll, war kein Blut zu nennen, es war eine mehr wässrige Flüssigkeit. Jetzt horchten beide auf den Atem, entblößten darauf seine Brust, um zu sehen, ob hier eine Bewegung zu bemerken sei, und beschäftigten sich wohl eine volle Viertelstunde mit ihm, bis sie endlich zu der Überzeugung gelangten, daß er wirklich tot sei.

»Unerklärlich!« meinte Helmers. »Dieser Mensch schleicht in diesen Gängen herum, ohne sich zu fürchten, und läßt sich bei der geringsten unerwarteten Berührung vom Schlag niederstrecken! Wir wollen ihn zu Pardero schaffen, daß ihn die Damen gar nicht zu sehen bekommen.«

Dies wurde ausgeführt, vorher aber untersuchten sie seine Taschen. Sie fanden darin eine alte tombakene Uhr, die ihnen jetzt aber von hohem Wert war, da sie sehen konnten, ob es Tag oder Nacht draußen sei, ein kleines Taschenmesser und eine ziemliche Menge von Zigaretten, die der Mexikaner stets bei sich führt.

Erst als die Leiche bei der Parderos lag, riefen sie die Damen hervor und erzählten ihnen, welches Mißgeschick sie gehabt hatten.

»Der Mann schien nicht furchtsam zu sein«, meinte Karja. »Aber Señor Helmers hat Seemannshände und wird ihn erwürgt haben.« – »Fällt mir nicht ein!« antwortete Helmers. »Er mag ohne Furcht gewesen sein, aber er war kein guter Mensch und hatte ein böses Gewissen. Wer aber dieses hat, der kann ganz leicht bis zum Tod erschrecken. Ich weiß, wie eine Menschengurgel zu behandeln ist, darauf können Sie sich verlassen. Doch streiten wir uns nicht. Wir wollen sehen, ob dieser Mensch uns den Weg offengelassen hat.«

Sie brachen auf und traten in den Quergang hinaus. Demselben nach rechts hin folgend, denn aus dieser Richtung war der Wärter gekommen, trafen sie auf eine offenstehende Tür, die in einen weiteren Querkorridor führte. Als sie demselben nach rechts hin folgten, kamen sie an eine Felsenwand, hier ging es nicht weiter. Dann kehrten sie zurück und durchschritten die linke Hälfte des Korridors. Da erreichten sie eine Tür, die durch zwei Riegel verschlossen war. Sie schoben dieselben zurück, aber die Tür war nicht zu öffnen.

»Auch sie hat ein Geheimnis«, meinte Helmers enttäuscht. – »Wahrscheinlich«, antwortete Mariano. »Suchen wir!«

Sie wandten nun allen ihren Scharfsinn auf, sie suchten und probierten stundenlang, aber vergebens. Und auch als sie ihre Kräfte anstrengten, um die Tür aus ihren Angeln zu drücken, gelang ihnen dies ebenfalls nicht.

»Unsere Mühe ist umsonst«, sagte endlich Mariano. »Wir müssen einen zweiten Überfall versuchen.« – »Auf wen?« fragte Emma. – »Auf Verdoja.« – »Ja, er hat recht«, meinte Helmers. »Wenn der Wächter Pardero nicht bringt, so wird Verdoja annehmen, daß beiden ein Unglück widerfahren sei. Er wird dann nach der Pyramide kommen, und wir lauern ihm auf dieselbe Weise auf wie seinem Diener.« – »Aber wenn Sie auch ihn totdrücken!« versetzte Emma. – »Fällt mir gar nicht ein. Ich werde ihn gar nicht bei der Gurgel fassen. Wir zwei sind stark genug, ihn festzuhalten, dann rufen wir die Damen herbei, die ihn binden, während wir dafür sorgen, daß er sich nicht wehren kann. Um sein Leben zu retten, wird er uns die Freiheit geben müssen.« – »Das ist der einzige Weg zu unserer Rettung«, stimmte Mariano bei. »Kehren wir nach unserem Gang zurück.« – »Zunächst haben wir noch Zeit«, sagte Karja. »Jetzt wird der Wächter noch nicht erwartet und bis Verdoja besorgt wird, können immerhin noch einige Stunden vergehen.« – »So mögen die Damen zu schlafen versuchen, während wir wachen.«

Das wurde angenommen. Aber da die Mädchen sich vor den beiden Leichen scheuten, so schlugen sie ihr gemeinschaftliches Lager in der Zelle auf, in der Mariano angefesselt gewesen war, und erhielten die brennende Laterne hinein. Mariano und Helmers aber nahmen ihre Posten an der Tür ein, an der sie bereits den Wärter ergriffen hatten. Dort konnten sie Verdoja am sichersten erwarten.

28. Kapitel.

Verdoja hatte unterdessen keine Ahnung von dem Schicksal, das ihm bei seiner Rückkehr nach der alten Opferstätte bevorstand. Er war mit den Mexikanern, wie der Wärter erzählt hatte, nach der Hazienda geritten. Diese war sein väterliches Erbe und gehörte zu den ungefähr sechzig Landgütern, die der mexikanische Staat Chihuahua mit der Hauptstadt gleichen Namens aufzuweisen hat. Die Hacienda Verdoja lag zwei Tagereisen von der Hauptstadt entfernt; nach Mexiko aber hatte man über eine Woche lang zu reiten. Darum waren die Vorfahren Verdojas echte Hazienderos gewesen, die sich nur der Viehzucht gewidmet hatten, der Politik aber fremd geblieben waren. Er war der erste, der dieses Prinzip aufgegeben hatte. Er war ehrgeizig und wollte eine Rolle spielen, das ist in Mexiko, dem Land der Parteigänger, leicht, aber auch schwer. Er hatte eine Ahnung gehabt, daß Juarez zur einstigen Größe berufen sei, und sich ihm angeschlossen; er hatte es unter diesem kühnen Parteigänger, dessen Zeit damals noch nicht gekommen war, bis zum Rittmeister – Kapitän – gebracht, nun aber hatte dieses Debüt ein schmähliches Ende gefunden, denn daß Juarez von ihm nichts mehr wissen möge, das konnte er sich denken.

Es war sehr spät, als er die Hazienda erreichte, und niemand hatte ihn erwartet. Er hatte zwar einen Boten gesandt, um dem Wächter Befehle bezüglich der zu erwartenden Gefangenen zu geben, aber dieser Wächter hatte zugleich die Weisung erhalten, gegen jedermann zu schweigen. Darum befand sich bei seiner Ankunft alles im tiefsten Schlaf, und er mußte einige Vaqueros wecken, die den Befehl erhielten, vor allen Dingen seine bisherigen Begleiter mit frischen, kräftigen Pferden zu versehen. Als dies geschehen war, sprengten die Mexikaner in die Nacht hinaus, derselben Richtung zu, aus der sie gekommen waren. Sie waren vollkommen überzeugt, Sternau zu fangen oder zu töten und also den versprochenen Lohn zu erhalten.

Erst jetzt konnte Verdoja an seine eigene Pflege denken. Er war noch unverheiratet, hatte aber eine entfernte Verwandte auf der Hazienda, die als Dame des Hauses figurierte. Sie empfing ihn mit Überraschung. Sie wußte nichts anderes, als daß er sich bei Juarez im Süden Mexikos befinde, und war daher erstaunt, ihn bei Nacht und Nebel ankommen zu sehen. Ihr Staunen aber verwandelte sich in Schreck, als sie bemerkte, daß ihm die rechte Hand fehlte. Sie wollte eine große Beileidsrede beginnen, er aber schnitt dieselbe barsch ab und befahl, ein Abendbrot zu bringen.

Während des Essens teilte er ihr mit, daß noch ein Gast komme, ein Señor Pardero, den der Wächter bringen werde. Auch für diesen sei ein Zimmer und ein Nachtmahl bereitzuhalten. Dann begab er sich, ermüdet wie er war, zur Ruhe.

Als er erwachte, war der Morgen bereits vorgeschritten, und die alte Señora stand mit der Schokolade bereit. Während er dieselbe wortlos verzehrte, sagte sie ihm, wie gut es sei, daß er auf der Hazienda eingetroffen war. Die Revolution hatte auch die Bevölkerung des sonst so ruhigen Staates Chihuahua ergriffen, und der Gouverneur hatte daher um militärische Unterstützung nach Mexiko geschrieben. Infolge dieses Berichts waren mehrere Schwadronen Reiter nach Chihuahua detachiert worden, die nun die Gegend durchzogen und alle Feinde der gegenwärtigen Regierung ihre Oberhand fühlen ließen.

Nun war es zur Genüge bekannt, daß Verdoja zu diesen Feinden gehöre, er diente ja unter Juarez, und darum hatte man auf der Hazienda bereits längst einen Besuch der Truppen erwartet und gefürchtet.

Verdoja hörte schweigsam zu und äußerte kein Wort darüber, ob diese Nachricht ihm Sorge bereite oder nicht. Endlich aber fragte er, die leere Tasse fortschiebend:

»Ist Señor Pardero bereits munter?« – »Señor Pardero?« – »Nun ja, der Señor, den ich gestern noch erwartete.« – »Ah, dieser? Der ist noch gar nicht da.« – »Noch nicht?« rief Verdoja erstaunt. »Und der Wächter, der ihn bringen sollte?« – »Den habe ich auch nicht gesehen.« – »Du hast es verschlafen, und man wird sich geholfen haben, wie man konnte.«

Sie machte ein sehr erzürntes Gesicht und erwiderte:

»Man kann sich hier gar nicht helfen, wie man will. Wenn Gäste kommen, so bin ich es, die zu befehlen hat, und ist es nachts, so werde ich sicherlich geweckt. Ich habe aber bis zum Anbruch des Morgens gewacht und vergebens gewartet.«

Er sagte weiter nichts, erhob sich, schritt nach dem Hof und befahl, ihm ein Pferd zu satteln. Noch während man damit beschäftigt war, kam einer der Vaqueros herbeigesprengt und meldete, daß eine sehr bedeutende Schar Dragoner im Anzug sei. Er hatte diese Meldung kaum gemacht, so sah man auch bereits die Reiter dahergesprengt kommen. Jetzt war also keine Zeit, nach der Opferstätte zu reiten.

Verdoja wartete die Ankunft der Dragoner ruhig ab, die vor dem Wohnhaus haltmachten. Dann stiegen die Offiziere ab, und der Befehlshaber, ein Rittmeister, trat mit leichtem, militärischem Gruß herzu und fragte:

»Dies ist die Hacienda Verdoja, Señor?« – »Ja«, antwortete der Besitzer. – »Sie gehört einem Señor gleichen Namens?« – »Ja.« – »Der als Rittmeister unter Juarez dient?« – »Nein.«

Der Offizier blickte Verdoja überrascht an und sagte pikiert:

»Señor, wir sind sehr gut unterrichtet!« – »Ich bezweifle dies«, antwortete Verdoja kühl. – »Señor«, meinte der Rittmeister fast drohend, »ich weiß sehr genau; daß Verdoja sich gegenwärtig in Potosi bei Juarez befindet!« – »Ha! Wenn Sie wirklich so gut unterrichtet sind, so bin ich es desto schlechter.« – »Ohne allen Zweifel. Sie sehen also ein, daß die Regierung alle Veranlassung hat, diese Hazienda zu berücksichtigen. Ich habe den Befehl erhalten, mein Quartier hier aufzuschlagen.« – »Mit der ganzen Schwadron?« – »Gewiß.« – »Auf Kosten der Hazienda?« – »Ja.« – »Gegen diese Maßregel muß ich protestieren.« – »Mit welchem Recht?« – »Mit dem Recht, das dem Besitzer zusteht. Mein Name ist Verdoja, Señor.« – »Ah, Sie sind ein Verwandter des Besitzers?« – »Nein, ich bin der Besitzer selbst. Ich befinde mich hier, aber nicht in Potosi. Sie sehen also, wer von uns beiden am besten unterrichtet ist.« – »So beruht die Sache auf einem Irrtum?« – »Wahrscheinlich. Ich stehe im Begriff, meine Vaqueros zu inspizieren; dies ist ein Ritt, der sich nicht aufschieben läßt. Quartieren Sie sich nach Belieben ein, aber denken Sie daran, daß ich nicht verantwortlich bin für das, was Sie tun. Adieu!«

Verdoja schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, ohne einen der Dragoner eines Blickes zu würdigen. Niemand folgte ihm, und er erreichte die Pyramide unbemerkt und unbeobachtet. Rasch stieg er ab, führte sein Pferd in das Gebüsch und band es an.

An dieses Gebüsch stieß ein zersprungener Felsen, in dessen Rissen sich eine kleine Moosart angesiedelt hatte. Da, wo der Felsen auf dem Boden ruhte, schienen einige Risse tief einzuschneiden. Verdoja kniete nieder und legte die eine Schulter an den Felsen, drückte dagegen, und ein Stück dieses Felsens, das von vier Rissen eingefaßt war, wich nach innen. Jetzt wurde ein großes Loch sichtbar und auf dem Boden desselben einige harte Steinrollen, auf denen sich das Felsenstück bewegt hatte. Das Loch hatte einen Umfang, um einem Mann in gebückter Stellung Eingang zu gestatten.

Verdoja trat ein, wandte sich einer seitlichen Vertiefung zu und schob den Felsen wieder in sein früheres Lager zurück.

In dieser Vertiefung standen einige Blendlaternen von derselben Art, wie der Wächter eine getragen hatte. Verdoja brannte eine an und schritt nach einem Gang, der abwärts in den Felsen lief. Nach einer Weile ging es einige Stufen aufwärts, dann wieder abwärts, bald geradeaus, bald in einem Bogen. Er gelangte durch Felsenkammern, er kam an Zellen vorüber. Er öffnete Türen und schloß sie wieder nur durch einen leichten Druck mit der Hand, wobei ein scharfes, metallisches Klingen sich hören ließ. Und überall waren die Wände feucht, der Fußboden noch feuchter.

Endlich ging es eine Treppe aufwärts. Nachdem er auf dieselbe geheimnisvolle Weise wie vorhin noch einige Türen geöffnet hatte, kam er durch mehrere Gänge und endlich auch an die Tür, vor der die vier Gefangenen sich vergeblich angestrengt hatten. Sie wich seinem leisen Druck, obgleich sie auf der anderen Seite mit zwei Riegeln befestigt war. Er hatte noch die Tür zu passieren, die der Wächter offengelassen hatte, und trat nun in den Gang, wo die beiden Zellen lagen, in denen Mariano und Helmers angefesselt gewesen waren.

Er hatte alle diese Türen hinter sich verschlossen. Er ahnte ja nicht, daß man in diesem Gang auf ihn warte. Er glaubte, daß Pardero sich immer noch bei der Indianerin befinde und dem Wächter nicht gefolgt sei, und war der Meinung, daß dieser durch irgendeinen zufälligen Umstand verhindert worden sei, nach der Hazienda zurückzukommen.

So schritt er langsam vorwärts und bog endlich in den Gang ein, in dem die beiden Gefängnisse der Mädchen lagen. Da fiel das Licht der Laterne auf Mariano. Doch kaum hatte er ihn erkannt, so wurde er von hinten gefaßt, und Helmers rief:

»Halt! Ich habe ihn!« – »Noch nicht!« brüllte Verdoja, riß sich los und versetzte Mariano, der ihn gleichfalls packen wollte, einen Fußtritt in den Unterleib, daß der Getroffene zu Boden stürzte. Dann sprang er in langen Sätzen, die Laterne in der Hand, vorwärts.

Er ahnte im Augenblick, wie die Sache stand. Pardero und der Wärter waren getötet worden, sonst konnten die Gefangenen ja nicht frei sein. Es galt, ihnen zu entkommen und dafür zu sorgen, daß sie den Ausweg nicht fanden. Darum setzte er den Kampf nicht fort, sondern zog die Flucht vor.

»Ihm nach!« rief Helmers.

Mariano hatte sich augenblicklich wieder erhoben.

»Ohne die Damen?« fragte er. – »Ja«, antwortete Helmers. – »Aber wenn wir sie verlieren! Ich hole sie!« – »So laufe ich voran.«

Helmers sprang dem Fliehenden nach, während Mariano die Mädchen holen wollte. Es war nicht nötig; sie standen bereits hinter ihm, mit der brennenden Laterne in der Hand. Karja war sogar so vorsichtig gewesen, die Ölflasche zu ergreifen.

»Kommen Sie, schnell, schnell!« rief Mariano und eilte Helmers nach, dem es unterdessen fast gelungen war, Verdoja einzuholen. Dieser hatte die Tür erreicht. Sie sprang vor ihm auf, ohne daß er den Riegel berührte. Hinter ihr wurde ein dunkler Raum sichtbar, in dessen Mitte ein schwarzes Loch im Boden gähnte. Ein Brett führte darüber.

Verdoja betrat dasselbe in dem Augenblick, als Helmers unter der Tür erschien, sprang in eiligem Lauf über das Brett, daß es zitterte und knirschte, und hatte nur noch zwei Schritte zu tun, um den jenseitigen Rand des Schlundes zu erreichen, da – prasselte und knackte es auseinander, und er stürzte mit dem gellend ausgestoßenen Schrei: »0 Dios!«, die Hände emporschlagend, in die gähnende Tiefe hinab. Man hörte seinen Körper unten aufschlagen.

»Herr Gott!« rief Helmers, unter der Tür stehenbleibend. »Er ist zerschmettert!« – »Wo, wo?« fragte Mariano, der hinter ihm angekommen war. – »Hier unten!«

Auch die beiden Mädchen kamen herbei, und Emma wollte, an den Schlund tretend, die Tür hinter sich zufallen lassen, aber Mariano erfaßte dieselbe noch zur rechten Zeit.

»Um Gottes willen, Señorita, wir dürfen die Tür nicht zufallen lassen, denn wir können sie nicht wieder öffnen und ständen dann vor diesem Abgrund, könnten nicht hinüber und hätten hier kaum so viel Platz, um bequem stehen zu können.«

Und es war so. Der Raum, vor dessen geöffneter Tür sie standen, war viereckig, aber im Boden klaffte ein wohl fünf Meter breiter Spalt in die Tiefe, der von der rechten bis zur linken Wand ging und nur mittels eines Bretts überschritten werden konnte. Diesseits des Lochs hatte der Fußboden eine Breite von nur zwei Fuß, so daß kaum Platz zum Stehen war.

Beim Schein der Laterne sahen sie, daß in der Decke ein großes Loch war, das in die Höhe ging.

»Es ist ein Brunnen gewesen«, sagte Helmers. – »Jedenfalls«, antwortete Mariano. »Horcht!«

Aus der Tiefe klangen dumpfe Laute. Helmers kniete nieder und rief hinab:

»Verdoja!«

Ein gräßliches Wimmern antwortete.

»Sind Sie bei Besinnung?« fragte der Deutsche.

Man hörte dasselbe Wimmern, aber man vernahm, daß es eine Antwort sein sollte. Einen artikulierten Laut konnte man nicht unterscheiden.

»Können wir helfen?« fragte Helmers abermals.

Aus dem auch jetzt erfolgenden Wimmern ließ sich nichts entnehmen.

»Er ist verloren; es ist wenigstens dreißig Meter tief, meinte Mariano. – »Er hat seine Strafe«, setzte Karja finster hinzu. »Aber was wird mit uns?« – »Die Tür ist offen«, antwortete Emma. »Vielleicht entdecken wir jetzt die geheimnisvolle Einrichtung.«

Sie beleuchteten den Eingang und sahen nun zu ihrem Erstaunen, daß die Seitenteile des Türgewandes sich mit der Tür geöffnet hatten. Im oberen Teil aber und in der Schwelle waren tiefe Riegellöcher zu bemerken, die in ganz gleiche Vertiefungen führten und sich in der oberen und unteren Kante der Tür befanden. Wie aber die darinnen steckenden Riegel geöffnet und geschlossen werden konnten, das war nicht zu ersehen.

Die vier Personen gaben sich die erdenklichste Mühe, dieses Geheimnis zu ergründen, aber es gelang ihnen nicht. Über den Abgrund hinüber war nicht zu entkommen; das Wimmern des Verunglückten wurde immer gräßlicher und schneidender, und so kehrten sie wieder nach dem Gang zurück, in dem sie sich vorher befunden hatten. Die Tür zu dem Brunnengemach aber ließen sie offen, indem sie das Verschließen durch dazwischen gestecktes Stroh, das sie aus der Zelle holten, verhinderten.

29. Kapitel.

Jetzt standen sie da und blickten einander ratlos an. »Ob Verdoja vielleicht, bevor er zu uns kam, eine Tür offengelassen hat?« meinte Mariano. »Wir wollen nachsehen!«

Sie verfolgten den Gang bis zu derselben Tür, die ihnen schon einmal Halt geboten hatte, fanden sie aber fest verschlossen, und so viel Scharfsinn und Körperkraft sie auch daran wandten, sie zu öffnen, es gelang ihnen nicht.

»Wir sind eingeschlossen«, sagte Emma. »Wir sind zum Tod des Verschmachtens verdammt; wir müssen sterben.« – »Noch nicht«, tröstete Mariano. »Gott wird uns nicht umkommen lassen.« – »Wir wollen fleißig nachdenken und alles zu unserer Rettung versuchen«, meinte Helmers. »Vielleicht gelingt es uns doch noch, das Geheimnis der Türen zu entdecken.« – »Wir entdecken es nicht«, versetzte Karja. »Hilfe kann nur von Señor Sternau kommen.« – »Aber wenn dieser selbst nicht kommt?« klagte Emma. »Wenn sie ihn fangen und töten?« – »Oh, er ist klug; er entkommt vielleicht doch«, tröstete Helmers. »Übrigens brauchen wir uns den Kopf nicht darüber zu zerbrechen, wie die Türen geöffnet werden. Wir haben ja ein ganz gutes Werkzeug dazu.« – »Welches?« fragte Mariano. – »Unsere Messer.« – »Ah, wirklich!« rief Emma. »Wir schneiden die Türen durch.«

Helmers konnte sich trotz ihrer schlimmen Lage eines Lachens nicht erwehren.

»So ist es nicht gemeint, Señorita«, sagte er. »Dieses Holz ist so hart wie Eisen, es würde eine Riesenarbeit von einigen Jahren sein, alle Türen zu durchschneiden, und selbst dann wäre es noch fraglich, ob wir zu dem richtigen Ausgang gelangen. Und das Holz nur einer Tür zu durchschneiden, würde uns nichts anderes bringen, als was wir bereits gesehen haben. Wir haben ja hier eine offene Tür, ohne das Geheimnis ergründen zu können. Ich meine vielmehr, wir müssen den Teil der Mauer entfernen, der sich um das Türgewände legt; in diesem Teil ist das Geheimnis verborgen.« – »Das ist richtig!« stimmte Mariano bei. »Gehen wir an das Werk!« – »Es gibt noch ein kürzeres Mittel, wenn es gelingt«, bemerkte Karja. – »Welches?« fragten schnell die anderen. – »Wir drehen uns ein Seil, und einer läßt sich zu Verdoja hinab. Lebt er noch, so muß er sagen, wie die Türen geöffnet werden.« – »Wovon soll das Seil gefertigt werden?« – »Von den Lassoriemen, mit denen wir gefesselt waren, sie liegen noch in den Zellen; ferner von den Kleidern der beiden Toten, auch von den unsrigen, soweit sie entbehrlich sind. Vielleicht können wir die Ketten ausdrehen, an denen die beiden Señores gefesselt waren. Man nahm für Señorita Emma und mich einige Decken mit. Sie liegen noch in meiner Zelle und der ihrigen. Wenn wir sie zerschneiden und zusammendrehen, wird ein Seil fertig.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen. Man vereinigte also die zerschnittenen Lassostücke, zerschnitt die Kleider Parderos und des Wächters, die man ihnen auszog, ebenso die Decken, und als das Seil fertig war, hatte es eine Länge von über dreißig Fuß. Um seine Festigkeit zu prüfen, zogen Mariano und Helmers mit aller Macht an demselben, es gab nicht nach; und so erklärte Mariano, sich demselben anvertrauen zu wollen, da er der leichtere sei.

Man hatte zwei Laternen. Die eine befestigte Mariano sich um die Taille, und nun begaben sie sich nach dem Brunnengemach, wo sie das Wimmern noch so stark wie vorher hörten. Mariano band sich jetzt das eine Ende des Seils unter den Armen fest, um sich hinabzulassen, erklärte aber, aufwärts werde er daran emporklettern. Hierzu gab es zwei Gründe, erstens wurde ihm dieses Klettern leichter, als Helmers das Ziehen, selbst wenn die Damen mithelfen würden, und zweitens war das Emporziehen für ihn gefährlich, da das Seil am Rand des Schlundes scheuerte und dadurch leicht reißen konnte.

Da vier Krüge mit Wasser vorhanden waren, so opferte man einen davon, um das Seil zu befeuchten, es erhielt dadurch eine größere Elastizität und Widerstandsfähigkeit. Dann ging man an das Werk.

Mariano kniete am Rand nieder, faßte darauf das Seil oberhalb der Befestigung mit beiden Händen und stieß mit den Worten: »In Gottes Namen, jetzt hinab!« die Knie vom Rand ab.

Helmers war stark; niederwärts konnte er ihn allein erhalten, und so verschwand der kühne, junge Mann bald in dem schwarzen Schlund. Helmers ließ das Seil sehr langsam und vorsichtig ablaufen, und die beiden Frauen, die sich am Rand niedergekniet hatten, sahen den Lichtschein seiner Laterne sich immer weiter entfernen.

»Um Gottes willen, wenn er erstickt!« sagte da Emma. »Dieser Brunnen ist sehr tief und sehr alt; er kann gefährliche Gase enthalten!«

Daran hatte man vorher gar nicht gedacht; aber Helmers schüttelte lächelnd den Kopf und fragte:

»Señorita, hören Sie Verdoja noch wimmern?« – »Ja«, antwortete sie, »es klingt schrecklich!« – »Nun, dieses Wimmern ist ein Zeichen, daß er noch lebt, und er würde nicht mehr leben, sondern erstickt sein, wenn es da unten tödliche Gase gäbe.«

Nach einiger Zeit, als das Seil auf fast nur noch zwei Meter abgelaufen war, hörte die Spannung auf. Mariano hatte den Boden erreicht, und die drei oben befindlichen Personen lauschten mit großer Spannung hinab.

Der Brunnen war, wie bereits gesagt, nicht rund, sondern viereckig, und die Wände waren glatt; das schloß jede Gefahr für das Seil aus. Vor Jahrhunderten hatte er wohl Wasser gegeben, jetzt aber war er ausgetrocknet. Mariano stand an einem porösen Felsen, der ringsum von einer sandigen Erdschicht umgeben war. Durch diese war vor Jahren das Wasser hereingesickert.

Jetzt sah sich der junge Mann nach Verdoja um. Dieser lag zusammengekrümmt wie ein Hund vor seinen Füßen und ließ aus dem offenen Mund jenes Wimmern hören, das hier unten noch viel schrecklicher klang als oben. Die Lippen zeigten einen blutigen Schaum, die Augen standen offen, waren aber nicht stier, sondern hatten einen Ausdruck, der erkennen ließ, daß Verdoja bei vollständiger Besinnung sei.

»Schreien Sie nicht, sondern antworten Sie«, sagte Mariano. »Ich komme, Ihnen zu helfen.«

Der Verunglückte hörte einen Augenblick lang auf mit Wimmern und sah den Retter mit einem Blick an, in dem ein wahrhaft teuflischer Haß zu erkennen war.

»Wo ist Pardero?« fragte er.

Aber man sah ihm an, daß ein jedes Wort ihm die fürchterlichsten Schmerzen bereitete.

»Tot«, antwortete Mariano. – »Der Wächter?« – »Auch tot.« – »Die Mädchen?« – »Sie sind oben bei uns.« – »Mörder!«

Verdoja wollte die Fäuste ballen, aber es ging nicht; er hatte beide Arme gebrochen.

»Schmähen Sie nicht«, gebot Mariano ernst. »Sie sind an allem selbst schuld! Und dennoch werden wir Sie retten.« – »Ihr? Wie?« fragte Verdoja.

Aber er litt dabei solche Schmerzen, daß er fast zwischen jeder Silbe ein schneidendes Jammern ausstieß und daß seine Worte schwer zu verstehen waren.

»Wir ziehen Sie mit dem Seil hinauf und schaffen Sie nach der Hazienda.«

Über das schmerzverzerrte Gesicht Verdojas glitt für einen Augenblick ein lichter Zug; dann aber verfinsterte es sich wieder, und er fragte:

»Wie kommt ihr hinaus?« – »Sie werden sagen, wie die Türen zu öffnen sind und welchen Weg wir einzuschlagen haben.« – »Ah! Ihr wißt es nicht?«

Ein Zug wahrhaft höllischer Schadenfreude verzerrte sein Gesicht noch mehr, als es bereits vom Schmerz geschah, und er fügte hinzu:

»Ihr müßt verhungern – verdursten – verschmachten!«

Dabei rief er jedes der drei Worte in einem höheren Ton, bis die letzte Silbe überschnappte. Offenbar empfand er eine Genugtuung, die sogar die fürchterlichen Schmerzen, die er litt, betäubte.

»Wir werden nicht verschmachten«, sagte Mariano, »denn Sie werden wieder frei und gesund sein wollen, und das können Sie nur durch uns.« – »Frei! Gesund! Ah!« stöhnte Verdoja. »Nie! Arme gebrochen! Rückgrat gebrochen! Ich muß sterben!« – »Sie werden nicht sterben; Sie werden leben, und zwar durch uns. Wollen Sie sich uns anvertrauen?« – »Nie! Nie! Auch ihr sollt sterben!«

Der Schaum um Verdojas Mund verdoppelte sich, und seine Augen drohten aus ihren Höhlen zu treten, er glich einer Schlange, die sich noch im Tod windet, um Gift zu spritzen. Mit Marianos Geduld ging es fast zu Ende.

»Aber Mensch, Sie richten sich ja selbst zugrunde!« rief er. – »Ich will es!« antwortete Verdoja. »Und auch ihr sollt zugrunde gehen, verfaulen, in die Hölle fahren!« – »Ist dies Ihr letztes Wort?«

Da fletschte der Mensch die Zähne und grinste:

»Mein letztes, letztes, letztes.« – »Nun gut, so hört die Liebe auf, und die Strenge beginnt«, sagte der junge Mann. »Wenn Bitten nicht helfen und die eigene Lust zum Leben, so gibt es andere Mittel, einen solchen Teufel zum Reden zu bringen. Wir haben keine Lust, wegen deiner höllischen Bosheit hier zu verschmachten.«

Mariano kniete darauf neben Verdoja nieder, faßte die beiden Arme desselben an der Stelle, wo sie gebrochen waren, und drückte sie mit aller Gewalt. Diese Art der Folter preßte dem Bösewicht einen Schrei aus, von dem Mariano meinte, er müsse da oben sogar außerhalb der Pyramide gehört werden.

»Wie werden die Türen geöffnet?« fragte er. – »Ich sage es nicht!« brüllte Verdoja. – »Du mußt es sagen; ich lasse nicht nach!« rief Mariano und drückte den Arm nochmals an den gebrochenen Stellen mit aller Macht. Das Geschrei, das Verdoja jetzt bei den entsetzlichsten Schmerzen ausstieß, glich dem Gebrüll von Tigern, aber er gab die gewünschte Antwort trotzdem noch nicht. Da faßte ihn Mariano bei den Beinen. Das half jedoch nichts, sie waren gänzlich gefühllos, denn der Mensch hatte den unteren Teil des Rückgrats gebrochen und lachte höhnisch auf, als er die Erfolglosigkeit von Marianos Bemühungen sah. Dieser wurde dadurch noch zorniger.

»Lache nur, du Satan«, sagte er. »Es gibt noch andere Schmerzen.«

Damit faßte er, bis zur Gefühllosigkeit zornig, die Hände des Verwundeten und gab beiden Armen einen so gewaltigen Ruck, daß er glaubte, sie aus den Schultern zu ziehen. Verdoja stieß einen entsetzlichen Schrei aus, beantwortete aber die Frage nicht.

»Mensch, du bist selbst für den Teufel zu schlecht!« rief Mariano. »So stirb denn so, wie du es willst. Gott wird uns helfen!«

Er rüttelte darauf an dem Strick, zum Zeichen, daß er empor wolle, und faßte denselben mit beiden Händen. Als Verdoja dieses bemerkte, erhob er den Kopf, spie nach dem jungen Mann und rief mit überschnappender Stimme:

»Seid verflucht! Verflucht! Verflucht!«

Diese Abschiedsworte brachten Mariano auf einen Gedanken, den er bisher wunderbarerweise gar nicht gehabt hatte. Er kniete noch einmal neben Verdoja nieder, untersuchte dessen Kleider und nahm ihm, nachdem er darin eine Uhr, Geld, Ringe, einen Revolver, ein Messer und andere Kleinigkeiten gefunden hatte, alles ab und steckte es zu sich.

»Räuber!« rief Verdoja. – »Pah, wir können es gebrauchen, du aber nicht, Halunke!«

Mariano probierte nochmals am Seil, ob es oben festhalten werde und turnte sich an demselben empor, bis er den Rand erreichte. Während von unten das herzzerreißende Wimmern heraufscholl, wurde er von den anderen nach dem Erfolg seiner Sendung gefragt. Als er denselben mitteilte und auch erzählte, welche Folter er angewandt habe, um den Menschen zum Sprechen zu bringen, zogen sich die Mädchen voll Grauen zurück. Helmers aber sagte:

»Warum haben Sie diesen Satan nicht erstochen oder erschlagen?« – »Fällt mir nicht ein. Er will nicht gerettet sein, weil auch wir frei würden, und so mag er verschmachten und sterben, wie er es uns bestimmt hat.« – »So bleibt uns nichts anderes übrig, als zu den Messern zu greifen und die Backsteine um die Tür auszugraben. Wenn wir die Konstruktion nur einer einzigen Tür kennen, so können wir alle anderen öffnen.«

Sie kehrten in die Gänge zurück, und zwar zu der von Verdoja zuletzt verschlossenen Tür, und machten sich da an die Arbeit.

30. Kapitel.

Unterdessen hatten sich die Dragoner in der Hacienda Verdoja einquartiert, und ihre Offiziere warteten auf die Rückkehr des Besitzers. Der Tag verging, der Abend und die Nacht ebenso, und Verdoja kam nicht. Nun war der Rittmeister überzeugt, daß er entflohen sei, und behandelte die Hazienda als feindliches Gebiet. Er hatte die Aufgabe, den Herd der Empörung gegen Norden zu von der Provinz Sonora abzuschließen, und da in diesen Gegenden das Militär dazu zu schwach war, so waren Botschafter an die Häuptlinge der nördlichen Indianer gegangen, und die Komantschen hatten sich bereit erklärt, die Gegend zu besetzen. Sie kamen in hellen Haufen herangezogen, aber ihre eigentliche Absicht war nicht, die Verfassung von Mexiko zu schützen, sondern im Trüben zu fischen und möglichst reich an Beute nach ihren Wigwams zurückzukehren. Während es auf der Hacienda Verdoja von Kriegern wimmelte, sah es auf der Hacienda del Erina sehr einsam aus.

Pedro Arbellez, der Besitzer derselben, hatte jene Nacht, in der seine Tochter geraubt wurde, mit Helmers, dem Bruder des Steuermanns, auf der benachbarten Hacienda Vandaqua zugebracht. Dies wissen wir bereits. Als am anderen Morgen die brave Marie Hermoyes erwachte, war ihr erstes, wie gewöhnlich die Schokolade für Emma und Karja zu bereiten und dieselbe nach den Schlafzimmern der beiden Señoritas emporzutragen. Wie erstaunte sie aber, als sie die Zimmer verlassen fand!

Eine Unordnung oder gar die Spuren eines Kampfes waren nicht zu bemerken, dafür hatte Verdoja klugerweise gesorgt, und da sich bald herausstellte, daß auch die drei Señores Sternau, Helmers und Mariano die Hazienda verlassen hatten, so glaubte die alte Dame, daß es sich hier um weiter nichts als einen schnell beschlossenen Morgenausflug handle.

Als aber der Morgen und dazu der halbe Nachmittag verging, ohne daß die Vermißten zurückkehrten, so ward die Sorge dringender. Es gab nur noch Beruhigung in der Annahme, daß alle fünf Personen einen Ritt nach der Hacienda Vandaqua unternommen hatten, um den Vater und den Geliebten zu überraschen. Da kehrten aber Pedro Arbellez und Helmers allein zurück, und sogleich stand bei der guten Marie die Überzeugung fest, daß es sich hier um ein sehr großes Unglück handle. Sie eilte in den Hof und empfing die beiden mit der weinend ausgesprochenen Frage:

»Oh, Señores, Sie kommen allein! Sind denn die anderen nicht dabei?« – »Wer?« fragte Arbellez. »Was meinst du?« – »Weil es ein Unglück ist, ein fürchterliches Unglück.« – »Was denn?« – »Daß sie nicht da sind.« – »Wer denn, zum Teufel?« – »Señor Sternau.« – »Señor Sternau? Was soll ihm denn passiert sein!« – »Und Señor Mariano.« – »Auch er?« – »Und Señor Helmers!« – »Diese drei? Oh, das sind tüchtige Kerle, die schon dafür sorgen werden, daß ihnen nichts passiert.« – »Aber sie sind bereits seit heute morgen fort.« – »So werden sie wiederkommen.« – »Und Señorita Karja.« – »Hm, auch sie?« – »Und Señorita Emma.« – »Alle Wetter, sind die Damen denn auch mit?« – »Ja.« – »Wohin denn?« – »Das weiß ja niemand.« – »Wann sind sie fort?« – »Auch das weiß kein Mensch. Als ich erwachte, waren sie bereits nicht mehr da.«

Jetzt begann der Haziendero ängstlich zu werden.

»Haben sie denn keinem Menschen von dem Ausflug etwas gesagt?« fragte er. – »Keinem.« – »So möchte ich wissen, wohin sie geritten sind.« – »Das ist ja das Schlimme, daß sie gar nicht geritten sind.« – »Nicht? Alle Teufel, da scheint wirklich etwas vorzuliegen. Haben sie denn auch gestern abend nichts erwähnt?« – »Kein Wort, obgleich sie noch beisammenblieben, als der Lanzenreiter bereits zur Ruhe gegangen war.« – »Ein Lanzenreiter war da?« fragte Helmers schnell. – »Ja, ein Kurier von Juarez.« – »Wann ist er abgereist?« – »Er war auch fort!« – »Ah! In welchem Zimmer hat er geschlafen? Zeige es mir. Schnell!«

Der Haziendero faßte die Alte beim Arm und zog sie fort, hinauf nach dem Gastzimmer. Dasjenige, in dem der vermeintliche Offizier gewohnt hatte, wurde geöffnet, und da zeigte sich nichts als eine Menge Sand, was auffällig war. Helmers blickte unter das Bett, langte mit dem Arm hinab und zog – eine Strickleiter hervor. Die Räuber hatten sie liegenlassen, hatten nicht wieder an sie gedacht.

Arbellez stieß einen Ruf des Schreckens aus und wollte forteilen, um alle seine Untergebenen zu alarmieren, aber Helmers hielt ihn zurück.

»Halt«, sagte er, »keine Überstürzung. Es scheint allerdings, daß hier etwas Ungewöhnliches geschehen ist, wir müssen das aber in Ruhe untersuchen. Marie, gehen Sie in die Zimmer Emmas und Karjas und sehen Sie, welche Kleider fehlen. Kommen Sie gleich wieder hierher, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen.«

Marie eilte fort. Arbellez zitterte vor Aufregung, auch Helmers war erregt, aber er bezwang sich und öffnete ruhig das Fenster, um hinabzublicken. Als er den Kopf wieder dem Zimmer zuwandte, war sein Antlitz blaß geworden, denn als Präriejäger, der sogar unter dem Namen Donnerpfeil berühmt gewesen war, verstand er es, die Spuren eines Verbrechens zu verfolgen.

»Man hat sie entführt und geraubt«, sagte er. – »O heilige Madonna, ist das wahr?« fragte Arbellez erschrocken. – »Ja. Aber nur Ruhe, mein lieber Vater. Vor dem Fenster haben viele Menschen gestanden, das sieht man an den Spuren. Sie sind über die Palisaden herübergekommen und durch das Fenster ins Zimmer gestiegen. Die Sandkörner hier auf der Diele blieben ihnen an den Sohlen kleben. Sie haben die Verschwundenen jedenfalls einzeln überfallen. Aber es wundert mich, daß dies so in aller Ruhe hat geschehen können, daß niemand etwas davon gemerkt hat.«

Arbellez war sprachlos vor Schreck, und auch Helmers sagte kein Wort mehr, bis Marie Hermoyes zurückkehrte und meldete, daß bei beiden Damen nur ein Kleid und eine Decke fehlten.

»So gehen wir in die Zimmer der verschwundenen Señores«, sagte Helmers.

Sie fanden bei Mariano und dem Steuermann die Betten eingerissen, sonst aber alles in Ordnung, bei Sternau aber war das Bett unberührt. Helmers schüttelte den Kopf.

»Jetzt in den Hof«, sagte er. »Ich muß Klarheit haben!«

Sie umschritten, Helmers stets voran, das Gebäude. Er betrachtete jeden Zollbreit des hinteren Hofes, auch die ganze Länge des Palisadenzauns, zuletzt die eine Ecke desselben und sagte dann:

»Jetzt weiß ich es. Der Lanzenreiter war ein Spion, er sollte sie in das Gebäude lassen. Hier an dieser Stelle sind sie über den Zaun gestiegen. Sternau hat Verdacht geschöpft, er ist patrouillieren gegangen, er kam jedoch nur bis hierher, wie seine Fußtapfen im Sand zeigen. Da hat man ihn von hinten niedergeschlagen und nach jener Ecke geschleppt. Ich sehe genau, daß er dort gelegen hat. Dann sind sie durch das Fenster gestiegen, haben aber das Haus nicht wieder durch dasselbe verlassen, folglich sind sie durch das Tor fortgegangen. Nach den Palisaden sind sie von Süden hergekommen, folglich sind sie wieder in dieser Richtung hingegangen. Wir wollen sehen.«

Er führte Arbellez zum Tor hinaus und schritt, den Boden genau beobachtend und ohne ein Wort zu sagen, immer nach Süden zu. Bei einem Gebüsch angekommen, verweilte er dort längere Zeit.

»Warten Sie hier, bis ich wiederkomme.«

Mit diesen Worten ging er fort und schlug einen großen, weiten Bogen um den Ort, an dem Arbellez stand. Als er zurückkehrte, sagte er:

»Endlich bin ich fertig. Was ich vermutete, ist wahr. Man hat Ihnen Ihre Tochter und mir meine Braut geraubt. Oh, wären wir heute morgen zurückgekehrt, so säße ich den Räubern vielleicht bereits auf dem Nacken. So aber werden sie über einen Tag Vorsprung erhalten.«

Arbellez brach fast zusammen. Er schlug die Hände vor das Gesicht und rief:

»O mein Kind, meine Tochter! Wer hat mir das getan?« – »Verdoja und Pardero, kein anderer. Der eine trachtete nach Emma und der andere nach Karja. Und die übrigen haben sie überrumpelt, um sich für das Duell zu rächen. Aber so wahr ich hier stehe und Donnerpfeil genannt werde, der Raub soll ihnen keinen Segen bringen.«

Seine Augen funkelten, und seine Gestalt reckte sich. Er war nicht mehr der kranke, hilflose Patient, sondern ganz wieder der frühere Westmann.

»Aber was tun wir?« fragte Arbellez. – »Wir verfolgen sie und werden sie erwischen, obgleich sie es sehr schlau angefangen haben. Sie haben sich in fünf Teile geteilt und sind von hier aus, wo sie sich versammelten, nach verschiedenen Richtungen fort. Je drei haben einen Gefangenen bei sich gehabt, fünfzehn Mann und fünf Gefangene. Es gibt ganz sicher einen Punkt, an dem sie sich wieder vereinigen, und dieser ist jedenfalls jenseits des Gebirges.« – »So müssen wir jeder dieser Spuren einzeln folgen?« – »Nein. Der Räuber ist Verdoja. Hier darf er sich nicht sehen lassen, in Durango auch nicht; in Chihuahua ist er ansässig, sicher geht er dorthin. Da muß er durch die Mapimi, und ich bin überzeugt, daß am Rand dieser Wüste sich diese Spuren vereinigen. Hätte ich Büffelstirn oder Bärenherz, den Apachen, hier, so wüßte ich, daß in sechs Tagen Emma wieder in Ihren Armen läge.« – »Oh, Antonio«, rief der Haziendero, »nehmen Sie alle meine Vaqueros und Ciboleros mit sich. Ich selbst will mitgehen! Nur befreien Sie meine Tochter!« – »Haben Sie keine Sorge, mein Vater! Ich werde sie befreien. Aber von Ihren Vaqueros geben Sie mir nur zwei mit, den braven Francesco, der mich begleiten soll, und noch einen, den ich zurücksende, sobald ich eine gute Spur gefunden habe.« – »Und wann brechen Sie auf?« – »Sogleich. Geben Sie mir sechs Pferde mit, damit ich morgen früh frische Tiere habe.«

Als sie die Hazienda wieder erreichten, standen alle Angehörigen des Landguts bereits versammelt. Marie Hermoyes hatte nicht zu schweigen vermocht, sondern Alarm geschlagen. Arbellez gab Auskunft und teilte seine Befehle aus, wobei ihm immer die Tränen des Grams über die Wangen liefen. Helmers aber ging nach seinem Zimmer, um seinen Trapperanzug wieder anzulegen. Dann suchte er noch die Zimmer der Verschwundenen auf, und als die Pferde gesattelt unten standen, lud man ihnen nicht nur Munition und Proviant, sondern auch einige Pakete auf, in denen sich Verschiedenes, was den Verschwundenen gehörte, befand, besonders aber ihre Waffen.

»Ich werde sie finden«, sagte Helmers, »und dann werden sie sich freuen, sofort die Waffen zu haben, an die sie gewöhnt sind.«

Er nahm hierauf innigen Abschied von dem Haziendero und sprengte, von dem Segen desselben begleitet, mit seinen beiden Vaqueros dem Westen entgegen.

Pedro Arbellez blieb zurück. Er wäre von Herzen gern mitgeritten, um sein einziges Kind aus der Gefangenschaft dieser Menschen zu befreien; er war voll Schmerz über ihr Schicksal und voll Grimm über die Räuber, aber er konnte die zwei Haziendas, deren Herr er jetzt war, nicht ohne Aufsicht lassen, und so blieb dem alten, frommen Mann nichts übrig, als für die Rettung seiner Tochter und der übrigen Gefangenen zu beten.

31. Kapitel.

Anton Helmers, oder, wie er wieder genannt werden kann, Donnerpfeil, hatte nur noch drei Stunden Tag für sich, und diese wurden reichlich ausgenützt. Er sagte sich, daß die Räuber die Hacienda del Erina erst nach Mitternacht verlassen und also einen Vorsprung von ungefähr zwölf Stunden erreicht hatten, und diesen hoffte er einzubringen. Er ließ daher, so lange es Tag war, die Pferde im Galopp gehen, und selbst als der Abend hereingebrochen war, brauchte er diese Schnelligkeit kaum zu vermindern. Die fünf Trupps der Räuber waren gewiß nicht so rasch vorwärts gekommen. Sie hatten dann auch am Versammlungsort aufeinander warten müssen, während er den nächsten Weg einschlug und mit dem Auffinden ihrer Spur nicht viel Zeit zu verlieren hoffte.

Diese Berechnung erwies sich als richtig, denn nachdem Helmers mit seinen Begleitern den jenseitigen Fuß des Gebirges zwei Stunden später erreichte als Verdoja, der mit seinen vier Gefangenen den Weg nach Westen durch die Mapimi eingeschlagen hatte, fanden sie dort eine Spur, die sich längs des Gebirges nach Norden zog. Sie stiegen nun ab und untersuchten dieselbe.

»Sechs Pferde«, sagte Donnerpfeil. »Es haben sich also zwei der Abteilungen bereits vereinigt, und ich hoffe, daß wir das Stelldichein der anderen bald erreichen.«

Es dauerte kaum zehn Minuten, so erfüllte sich dieses Wort, denn sie kamen an den Lagerplatz der Mexikaner und sahen aus den Spuren, in welcher Weise diese um das Feuer gruppiert gewesen waren. Die Stellen, an denen die Gefesselten langgestreckt gelegen hatten, waren sehr leicht zu erkennen. Donnerpfeil zeigte auf eine derselben.

»Hier hat Sternau gelegen«, sagte er. – »Woraus sehen Sie das?« fragte Francesco. – »Das ist sehr einfach«, erklärte der Gefragte. »Sternau ist ein erfahrener Westmann, der alle Schliche des Prärielebens kennt Er hat sich denken können, daß die Räuber verfolgt werden, und sich darum Mühe gegeben, die Spuren so deutlich wie möglich zu machen. Hier hat er mit den Füßen gelegen; man sieht, daß er die Absätze seiner Stiefel mit Vorbedacht in den Boden gegraben hat. Hier rechts und links hat er die Ellbogen tief niedergedrückt, und hier oben ist die deutliche Spur seines Kopfes. So handelt nur ein sehr umsichtiger Westjäger, und daraus schon würde ich schließen, daß Sternau es gewesen ist. Aber noch sicherer wird meine Vermutung durch die Länge der Körpereindrücke. Sternau ist der längste und stärkste; nur er kann hier gelegen haben.« – »Das stimmt«, antwortete Francesco. »Aber was ist denn das hier?«

Er zeigte auf mehrere sehr energische Fußeindrücke in der unmittelbaren Nähe der Feuerstelle. Donnerpfeil untersuchte dieselben.

»Ah, hier hat Sternau gestanden«, sagte er; »das können nur die Eindrücke seiner Füße sein. Ein anderer stand gerade vor ihm, und die übrigen rund im Kreis. Was hat es da gegeben? Wenn er stehen konnte, so hat man seine Füße von den Fesseln befreien müssen. Sollte es einen Grund gegeben haben, der die Räuber nötigte, ihn loszubinden? Dann ist er ganz sicher entweder entkommen oder gefallen, denn ein drittes gibt es bei diesem unvergleichlichen Mann ja nicht. Wollen sehen!«

Donnerpfeil forschte weiter, aber schon im nächsten Augenblick rief er:

»Ich hab' es! Man hat ihm die Fesseln nicht nur von den Beinen, sondern auch von den Händen und Armen genommen. Er muß, er muß sich befreit haben!«

Die beiden Vaqueros blickten den Sprecher erstaunt an. So etwas zu erkennen und zu behaupten, waren sie nicht imstande.

»Woraus erkennen Sie das?« fragte Francesco. »Das will ich Ihnen sagen. Hier hat sich Sternau niedergekniet und der Mann auch, der ihm gegenüberstand. Sternau muß an diesem etwas untersucht haben; daneben liegt, außerhalb der Asche, ein erloschener Feuerbrand; man hat also dazu geleuchtet. Sternau ist Arzt; er hat einen Patienten vor sich gehabt. Dann haben sich beide wieder erhoben. Und nun seht, wie tief Sternau seine Fersen in den weichen Boden gegraben hat, und wie hingegen der andere den Boden mit den Fersen zuerst verlassen und die Zehen eingedrückt hat. Sternau hat eine Last in den Händen gehabt, er hat den anderen gepackt und emporgehoben. Die Richtung seiner Füße zeigt da hinüber. Ich wette, er hat diesen Mann emporgehoben und unter die anderen hineingeschleudert, um sich einen freien Weg zu bahnen!«

Donnerpfeil umging die Feuerstelle und bückte sich auf die dortigen Spuren nieder.

»Seht«, sagte er, »ich hatte recht. Hier sind wenigstens vier Mann zusammengebrochen; der eine wurde auf sie geschleudert. Dadurch entstand eine Bresche, durch die Sternau entsprungen ist, das sieht man an den Eindrücken seiner Füße, die ich ganz deutlich erkenne. Er ist in weiten Sprüngen davongeflogen, jedenfalls dahin, wo die Pferde standen, denn er wußte ganz genau, daß er ohne ein solches nicht entkommen könne. Er wurde verfolgt, wie die anderen Eindrücke beweisen.«

Donnerpfeil schritt den Spuren nach, blieb aber nach fünf Schritten bereits stehen.

»Ah, hier hatte man die Gewehre zusammengelehnt; er hat eins derselben mit fortgerissen; er ist also bewaffnet!«

Er ging weiter bis zu dem Ort, an dem die Pferde gestanden hatten, und noch darüber hinaus bis dahin, wo die von Sternau getöteten Mexikaner begraben worden waren. Donnerpfeil erriet alles.

»Dieser Sternau ist ein Held, ein geradezu unvergleichlicher Held. Es ist mir unbegreiflich, wie es ihm gelingen konnte, so viele Männer zu töten.«

Mit diesen Worten spendete Donnerpfeil dem Arzt das größte Lob, welches er erteilen konnte, da er ja selbst ein berühmter Savannenläufer war.

Jetzt ritten die drei den Spuren nach, die zunächst nach Westen und dann nach Süden führten. Plötzlich aber bogen drei Pferde nach Osten zurück, während die Spuren der übrigen nach Westen führten, und Donnerpfeil fragte sehr nachdenklich:

»Was ist das? Wer hat sich hier von den anderen getrennt?«

Dann untersuchte er die Spuren der drei vereinzelten Pferde und sagte mit vergnügtem Nicken:

»Ein Teufelskerl, dieser Sternau! Von diesen drei Pferden waren zwei ledig und nur das eine besetzt; das sieht man aus der Tiefe der Hufeindrücke. Das ist Sternau gewesen, er hat zwei Tiere, die den Getöteten gehörten, an sich genommen, um den Wechsel zu haben und also rascher vorwärts zu kommen. Dann ist er nach Osten zurückgeritten, um in den Rücken der Mexikaner zu kommen. Er ist also einen Kreis geritten und befindet sich hinter ihnen. Wir haben also sie und ihn vor uns.«

Er blickte bei diesen Worten, als müsse er die Verfolgten sehen, mit scharfen Augen nach Westen aus und sprang plötzlich einige Schritte vorwärts. Dort war, was ihm und den anderen bisher entgangen war, ein ziemlich großes Sandhäufchen errichtet worden. Das konnte kein Werk des Windes oder irgendeines Zufalls sein; das konnte nur ein Mensch getan haben.

»Das ist ganz sicher ein Zeichen von Sternau«, sagte Donnerpfeil erfreut. »Das müssen wir sogleich untersuchen.«

Und sofort griff er mit den Händen in das Häufchen und brachte nach kurzem Wühlen ein zusammengelegtes Papier hervor, faltete es auseinander und las:

»Ich bin entkommen, die anderen noch gefangen, aber gesund und wohl. Habe zwei Pferde und genug Waffen und Munition. Verdoja schlug mich im Hof nieder. Pardero und dreizehn Mexikaner waren bei ihm. Sie stiegen durch das Fenster des Lanzenreiters und überrumpelten die vier mit List. Man vergaß, meine Kleider zu untersuchen. Ich habe Papier und Stift bei mir und gebe dieses Zeichen. Die Gefangenen werden befreit werden, keine Sorge. Mir nur schleunigst folgen, ich werde meine Spur sichtbar machen.

Den … früh neun Uhr.

Sternau.«

»Hurra!« rief Donnerpfeil. »Jetzt ist alles gut!« Sich zu dem einen Vaquero wendend, setzte er dann hinzu: »Francesco bleibt bei mir, nun wir aber Sicherheit haben, kehrst du mit den müden Pferden zurück und bringst Señor Arbellez diesen Zettel. Er wird ihm ein Trost sein. Sage dem Señor, daß wir nur eine Stunde hinter Sternau sind. Er war um neun Uhr hier, und jetzt ist es kaum zehn. Vorwärts! Rasch!«

Die Pferde wurden gewechselt; dann flogen Donnerpfeil und Francesco auf zwei ungebrauchten Pferden in voller Karriere nach Osten zu in die Mapimi hinein, immer auf der Spur, die sehr deutlich zu erkennen war. Der Vaquero aber kehrte sehr gern um, es lag ihm gar nichts daran, die verrufene Wüste kennenzulernen.

Die beiden anderen ließen ihre Pferde nach Herzenslust ausgreifen. Diese mexikanischen Pferde ermüden, sobald sie ledig gehen, selbst durch den stärksten Tagesmarsch nicht; die Tiere, auf denen Donnerpfeil und Francesco saßen, waren also so gut wie frisch und ließen die Entfernungen förmlich unter ihren Hufen verschwinden. Da aber Sternau jedenfalls auch die äußerste Schnelligkeit anwandte, so konnte er nicht in kurzer Zeit erreicht werden.

Der Vormittag verging und ebenso ein großer Teil des Nachmittags; da endlich erblickten sie in der fernen Ebene vor sich zwei kleine, dunkle Punkte.

»Das ist er, er und das ledige Pferd!« sagte Donnerpfeil. »Ah, wir müssen ihn einholen, ehe es Nacht wird.«

Sie gaben darauf den Pferden die Sporen zu fühlen und flogen in rasender Schnelligkeit über den Boden dahin. Wieder verging eine halbe Stunde. Dann vergrößerten sich die beiden Punkte, und man erkannte bereits einen Reiter mit einem ledigen Pferd und sah jetzt sogar, daß dieser Reiter die Büchse quer über sich erhob und über dem Kopf wirbelte.

»Er hat sich umgedreht und uns gesehen«, sagte Donnerpfeil. – »Aber er hält uns für Feinde«, bemerkte Francesco. – »Warum?« – »Weil er nicht anhält und uns erwartet.« – »Mein guter Francesco, du bist ein tüchtiger Vaquero, aber kein Savannenmann. Wenn er uns erwarten will, so verliert er Zeit und Raum. Hier ist jede Minute kostbar. Des Nachts können wir die Spuren der Räuber nicht sehen, da bleiben wir zurück, während sie jedenfalls die Nacht noch zum Ritt benutzen. Also müssen wir die Helligkeit bis zur letzten Sekunde ausbeuten. Darum überläßt Sternau es uns, ihn einfach einzuholen.« – »Aber wir könnten doch auch andere sein?« – »Dann wäre es desto dümmer von ihm, nur einen Augenblick unsertwegen gewartet zu haben. Er ahnt aber bereits, daß wir zu ihm gehören. Siehe, er gibt das Zeichen wieder.«

Jetzt erhob auch Donnerpfeil seine Büchse und wirbelte sie über dem Kopf. Dies genügte, um Sternau wissen zu lassen, daß er einen Bekannten hinter sich habe, und dieser konnte doch nur von der Hacienda del Erina kommen.

»Wir kommen ihm doch näher«, meinte Francesco. – »Das ist erklärlich«, antwortete Donnerpfeil. »Er hat die Pferde nehmen müssen, wie sie waren, gut oder schlecht, während wir uns die besten aussuchen konnten. Übrigens sind die seinigen nicht frisch gewesen, während die unsrigen ledig gegangen sind. Auch ist er viel schwerer als einer von uns beiden. Siehe, jetzt wechselt er.«

Sie sahen, daß Sternau mitten im Galopp von seinem Reitpferd sich hinüber in den Sattel des anderen schwang.

»Er nimmt sich nicht einmal Zeit, während des Umsteigens anzuhalten; das ist recht von ihm«, nickte Donnerpfeil. »Paß auf, daß er seine Schnelligkeit nicht im geringsten mindert, um uns zu begrüßen, sobald wir ihn erreichen. Er ist der ›Fürst des Felsens‹ und weiß genau, um was es sich handelt.«

Die Entfernung zwischen den Reitern verminderte sich immer mehr, man konnte sich bereits hören.

»Herr Sternau!« rief Donnerpfeil in deutscher Sprache.

Da drehte der Angerufene das Gesicht zurück und antwortete:

»Herr Helmers! Ah, ich habe Sie schon längst erkannt!« – »Hallo! Woran denn?« – »So reitet nur ein Westmann, und auf del Erina waren Sie nur der einzige noch. Aber machen Sie vorwärts!« – »Komme gleich!«

Donnerpfeil erhob sich im Sattel, um die Last zu erleichtern, und stieß einen schrillen Schrei aus. Sein Pferd schoß dahin wie ein Pfeil, dasjenige Francescos ebenso, und in einigen Minuten galoppierten beide an Sternaus Seite dahin.

»Willkommen, und Gott sei Dank!« sagte dieser, den beiden die Hand reichend. »Haben Sie meinen Zettel gefunden?« – »Ja, er ist bereits nach der Hazienda unterwegs.« – »Das ist gut. Sie hatten noch einen Mann mit?« – »Ja, um Señor Arbellez Nachricht zu bringen, sobald wir Gewißheit fanden.« – »Recht so. Aber warum beladen Sie Ihre Pferde mit solchen Paketen?«

Donnerpfeil lächelte.

»Das sind lauter notwendige Sachen«, sagte er. »Ich dachte, daß die Ausrüstung der Herren, die ich befreien wollte, sehr mangelhaft sein werde, und darum habe ich einiges mitgebracht. Ihr Trapperanzug und alle Ihre Waffen sind mit dabei.« – »Ah, wirklich?« fragte Sternau erfreut. – »Ja.« – »Mein Bärentöter?« – »Ja.« – »Mein Henrystutzen?« – »Natürlich!« – »Meine Revolver, Messer und Tomahawk?« – »Alles, alles! Auch die Waffen Marianos und meines Bruders habe ich mitgebracht.« – »Ich danke Ihnen! Das ist sehr umsichtig gehandelt. Übrigens hindert uns der Galopp ja nicht im Sprechen. Wie steht es auf der Hazienda? Wann entdeckte man den Überfall?«

Donnerpfeil erzählte alles von dem Augenblick seiner Rückkehr von der Hacienda Vandaqua an bis zum gegenwärtigen. Und dann gab Sternau seinen Bericht, dem die beiden anderen mit Spannung und Staunen folgten.

Dabei aber wurde die Schnelligkeit nicht vermindert, und die Pferde hielten aus, bis es Nacht geworden war und man die Spuren der Räuber unmöglich mehr erkennen konnte. Dadurch wurden die drei Männer gezwungen, haltzumachen. Zum Glück gab es an dieser Stelle einiges Gras, das die Pferde abweiden konnten, Holz aber, um ein Feuer anzumachen, fehlte gänzlich, und so verbrachten sie die Nacht im Finstern.

Gesprochen wurde wenig. Es galt vor allen Dingen auszuruhen, und erst als dies vorüber war und der Tagesanbruch bevorstand, meinte Donnerpfeil:

»Diese Schurken werden die ganze Nacht geritten sein!« – »Ganz sicher«, antwortete Sternau. »Sie wissen ja, daß ich ihnen folge. Jedenfalls machen sie erst jetzt, am Morgen, einen kurzen Halt, und diesen müssen wir benutzen, die Versäumnis der Nacht möglichst einzuholen.«

32. Kapitel.

In jenen Breiten gibt es keine Morgen- und Abenddämmerung. Tag und Nacht gehen ohne eine Vermittlung in kürzester Zeit ineinander über. Sternau hatte seine letzten Worte noch im Finstern gesprochen, fünf Minuten darauf war es bereits heller, lichter Tag, und die drei Reiter flogen wieder im Galopp über die Mapimi.

Wo die Südgrenze von Neumexiko und Arizona an den Rio Grande del Norte stößt, gibt es im Süden dieses bedeutendsten Flusses Mexikos eine nur von wenig Bergzügen unterbrochene Hochebene, die sich nach Ost und Nordost in die Weideländer der Komantschen-Indianer hinabsenkt. Die Hochebene selbst aber steht im Besitz der Apachen, die in ewiger Todfeindschaft mit den Komantschen leben.

Diese Indianer waren nach Mexiko gerufen worden, um den Truppen der Regierung Unterstützung zu leisten. Sie waren diesem Ruf sehr gern gefolgt, denn sie hofften, mit reicher Beute zurückkehren zu können. Sie hatten sich zu mehreren Tausenden aufgemacht, aber nicht auf einmal und öffentlich, sondern sie hatten sich in Stämme geteilt und legten ihren Weg heimlich zurück, damit die Apachen, ihre Todfeinde, nichts davon merken sollten.

Wohl eine Woche vor den bereits erzählten Ereignissen gab es im Süden des Nordpasses auf einer kleinen Prärie ein außerordentlich reges, wild bewegtes Leben. Es war die Zeit, in der die wilden Büffel ihre Wanderungen nach Norden antreten. Sie drängen sich da in hellen Haufen durch den Nordpaß, und da versteht es sich ganz von selbst, daß die angrenzenden Ebenen und Prärien von den Indianern besucht werden, die sich für den ganzen Winter mit Fleisch versorgen.

Die Sonne stand bereits dem Horizont nahe und beleuchtete ein blutiges Schauspiel. So weit das Auge reichte, lagen die Körper der getöteten Büffel umher, sah man kupferbraune Gestalten beschäftigt ›Fleisch zu machen‹, wie der Präriebesitzer sich ausdrückt. Zahlreiche Feuer brannten, über denen der saftige Braten zischte. Tausende von Schnüren und Riemen waren über Pfähle gezogen, und daran hingen lange, dünn und schmal geschnittene Stücke Büffelfleisch, um an der Sonne und in der Luft zu trocknen.

Mitten auf dem Schauplatz dieses lebensvollen Bildes standen drei Zelte. Sie waren aus Büffelhäuten gefertigt und mit Adlerfedern geschmückt, ein sicheres Zeichen, daß sie berühmten Häuptlingen zum Obdach dienten. Zwei von ihnen waren jetzt leer. Vor dem dritten aber saß ein alter Indianer, vom Kopf bis zum Fuß herab tätowiert. Er hatte seinen nackten Körper in ein gegerbtes Hirschfell gewickelt. Neben ihm lag eine lange Flinte. An seinem Körper sah man zahlreiche Narben, und die Haare seines Kopfes waren zu einem helmartigen Schopf verbunden, in dem fünf Adlerfedern staken.

Dieser Mann war das Fliegende Pferd, einer der größten Häuptlinge der Apachen. Sein Haar war ergraut, und er hatte nicht mehr die Kraft, den mutigen Büffel zu jagen. Aber sein Herz war noch jung und sein Gesicht scharf, daher war er der Angesehenste am Beratungsfeuer, und sein Wort galt mehr, als die Stimmen von hundert tapferen Kriegern.

Da er nicht mit jagen konnte, so saß er vor seinem Zelt und sah dem Schauspiel zu, das ihm durch die Büffeljagd geboten wurde, zu der sich drei befreundete Stämme der Apachen vereinigt hatten.

Die Ebene war vielfach durch einzelne oder zusammenhängende Büsche unterbrochen, und zwischen diesen grünen Inseln spielten sich die heftigsten Zweikämpfe zwischen Indianern und Büffeln ab. Auch in der Nähe der drei Zelte stand ein dichtes Strauchwerk. Es wurde von dem alten Häuptling kaum beachtet, aber dennoch entging es ihm nicht, daß einige kleine Zweige desselben sich seit kurzem leise bewegten.

Er ergriff die Büchse, denn er glaubte, irgendein Kleinwild habe sich da verkrochen, und da sein Arm zu schwach war, den Büffel zu töten, so wollte er es wenigstens hier versuchen, einen guten Schuß zu tun. Sein Auge erkannte jetzt eine dunkle Stelle inmitten des Busches. Dort mußte sich das Wild befinden. Er erhob also den Lauf und stand fast im Begriff, den Finger an den Abzug zu legen, als der Busch sich teilte und ein Mann aus demselben trat.

Das war kein Apache! Das war ein Fremder! Wie kam er in den Busch, inmitten der jagenden Apachen? Kam er als Feind? Er mußte wohl ein sehr berühmter Jäger sein, denn sonst wäre es ihm nicht gelungen, sich bis in den Mittelpunkt eines Jagdfeldes der Apachen zu schleichen, ohne bemerkt zu werden.

Das Fliegende Pferd behielt den Finger am Drücker; der Fremde aber erhob die linke Hand zum Zeichen, daß er in friedlicher Absicht komme. Er war ganz in starke Büffelhaut gekleidet und hatte eine sehr schwere, alte Doppelbüchse in der Hand. An seinem Gürtel sah man außer dem Munitionsbeutel nur ein Messer und einen Tomahawk. Sein Gesicht war rotbraun, er konnte kein Weißer, sondern nur ein Indianer sein.

Jetzt nahm er, ohne ein Wort zu sagen, zur linken Hand des Apachen Platz, legte Büchse, Messer und Tomahawk weit von sich, und dann erst, nachdem er diesen Beweis seiner Friedfertigkeit gegeben hatte, sagte er in der einen Mundart der Apachen:

»Die Söhne der Apachen haben heute eine sehr gute Jagd. Der große Geist ist seinen tapferen Kindern hold.«

Der alte Apache war nun überzeugt, daß er einen sehr berühmten Krieger vor sich habe; aber trotzdem sagte er im gleichgültigsten Ton:

»Der Apache jagt, um Fleisch zu machen, aber er weiß nicht nur den Büffel zu treffen, sondern auch seine Feinde.« – »Das Fliegende Pferd sagt die Wahrheit«, meinte der Fremde.

Über das Gesicht des Alten zuckte es stolz und wohlgefällig.

»Du bist ein Fremdling und kennst mich!« sagte er. – »Ich habe dich noch nie gesehen, aber der Ruhm des Fliegenden Pferdes dringt über alle Berge und Prärien; wer ihn sieht, der kennt ihn sofort« – »Das Fliegende Pferd ist ein Häuptling, er trägt die Federn des Adlers und sitzt stets auf seinem Pferd, wenn er sein Lager verläßt«, sagte der Alte.

In diesen Worten lag eine feine Politik, die der Fremde wohl bemerkte, darum antwortete er

»Andere Häuptlinge haben auch Pferde, aber sie verbergen sie, sobald sie auf Kundschaft gehen. Sie haben auch das Recht, viele Adlerfedern zu tragen und die Skalpe von mehr als hundert Feinden umzuhängen, aber sie wollen es den Mann, dem sie begegnen, nicht sogleich wissen lassen. Ihr Haar ist noch nicht grau, dennoch aber wissen sie, daß ein kleines Täschchen voll List oft besser ist als ein ganzes Zelt voll Pulver und Blei.«

Das imponierte dem Alten gewaltig. »Viele Adlerfedern und mehr als hundert Feinde!« Das konnte selbst das Fliegende Pferd nicht von sich rühmen. Darum sagte der Alte:

»Der fremde Mann ist mutig und listig. Er schleicht sich mitten unter die Söhne der Skalpe. Das gelingt nur einem berühmten Krieger. Der Fremde ist kein Komantsche; die Söhne der Apachen sind auf der Jagd, aber nicht auf dem Kriegszug, ihr Kriegsbeil liegt begraben; kommt der Fremde, um die Friedenspfeife mit ihnen zu rauchen?« – »Er hat sie bereits mit ihnen geraucht.« – »So ist der Fremde ein Freund der Apachen?« – »Er ist ihr Bruder. Ein jeder der Jicarilla-Apachen kennt ihn, daher kommt er, zu suchen den berühmten Häuptling derselben, der Shoshinliett heißt, Bärenherz.«

Jetzt verlor das Gesicht des Alten seine Gleichgültigkeit; er warf einen überraschten, aber freundlichen Blick auf seinen Nachbar und sagte:

»Der Fremde ist ein Bruder von Bärenherz?« – »Ja.« – »Er hat das Recht, sieben Adlerfedern zu tragen?« – »Ja.« – »Er hat hundertvierzig Skalpe seiner Feinde?« – »Noch mehr.« – »So kenne ich ihn. Er ist Mokaschimotak, Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas. Er ist der König der Büffeljäger, und darum trägt er die Adlerfedern nicht, sondern läßt sie in seinem Wigwam zurück.« – »Das Fliegende Pferd hat recht geraten«, sagte Büffelstirn. »Mein Bruder Bärenherz befindet sich hier bei den Kriegern der Apachen.« – »Ja. Er hat heute ganz allein mehr als zehn Büffel getötet. Der Häuptling der Mixtekas soll ihn sprechen, er soll unser Bruder sein, und die Krieger der Apachen werden seine Brüder sein und ihn nicht töten.«

Über das kühne, ernste Gesicht Büffelstirns glitt ein leises, ganz leises Lächeln. Er antwortete:

»Die Krieger der Apachen würden ihn nicht fangen und töten, selbst wenn sie seine Feinde wären. Büffelstirn kennt niemanden, den er zu fürchten hat.«

Der Alte gab seine Zustimmung durch ein längeres Schweigen, dann fragte er:

»Soll ich einen Krieger rufen, daß er Büffelstirns Pferd hole?«

Der Gefragte verneinte und erwiderte:

»Die Krieger der Apachen sind sehr beschäftigt, die Büffel zu töten. Büffelstirn wird selbst gehen, um sein Pferd zu holen. Es ist keine Schande für einen Häuptling, nach dem Tier zu sehen, das ihn getragen hat.«

Er erhob sich, ging und wand sich von Busch zu Busch über den schmälsten Teil der Prärie hinweg, ohne von einem der Apachen gesehen zu werden. Sie wußten sich so sicher vor Feinden, daß sie die sonstige Vorsicht nicht für nötig hielten; zudem war eine jede seiner Bewegungen so berechnet und schlau, daß er selbst einen aufmerksamen Feind getäuscht hätte. Er hatte dies hier gar nicht nötig, aber als Indianer suchte er seine Befriedigung darin, selbst auf dem Gebiet der Freunde zu verweilen, ohne von ihnen gesehen zu werden.

Die Prärie, die hier eigentlich nur eine Einbuchtung der großen Savanne genannt werden konnte, stieß an einen mächtigen Urwald, der die Höhen und Schluchten bedeckte, die sich nach dem eigentlichen Gebirge emporzogen. Büffelstirn bog in diesen Urwald ein, durchschritt ihn quer und stand soeben im Begriff, in eine der Schluchten hinabzusteigen, als er da unten ein lautes Stampfen und das gewaltsame Brechen von Büschen und Sträuchern vernahm. Hinabschauend, gewahrte er einen Büffelstier, der aus der offenen Prärie hereinbrach und von einem Indianer zu Pferde verfolgt wurde. Dieser trug den Köcher auf dem Rücken, den Bogen in der Linken, in der Rechten aber den langen, elastischen Büffelspeer, der für den Büffel gefährlicher ist als eine Büchsenkugel. Es war ein junger, kaum zwanzigjähriger Mensch, ein älterer und erfahrenerer Krieger hätte das weiche, saftige Fleisch einer Büffelkuh dem harten eines alten Stiers vorgezogen und es sich auch nicht einfallen lassen, so einem mächtigen Tier auf ein so gefährliches Terrain zu folgen. Dieser aber hatte sich von der Jagdlust hinreißen lassen und folgte dem Stier durch dick und dünn, so daß die zusammenschlagenden Äste ihm das Gesicht zerschlugen und ihn fast vom Pferd rissen.

So stürmten sie in die enge, kurze Schlucht hinein, in deren Hintergrund Büffelstirn sein Pferd versteckt hatte. Als hier der Stier sah, daß er nicht weiter konnte, senkte er den unter der gewaltigen Mähne fast ganz verborgenen Kopf und warf sich gerade in dem Augenblick herum, wo der Indianer den Speer nach der Stelle schleuderte, an der der Büffel am leichtesten zu verwunden ist – hinter und oberhalb der Gegend, wo die Mähne aufhört.

Durch die Bewegung des Tieres wurde jedoch der Zielpunkt verändert, der Speer drang in eine ganz ungefährliche Stelle ein, und nun senkte der Büffel, der sich verwundet fühlte und schnaufend einen heißen Dampf aus den Nüstern blies, den Kopf mit den kurzen, spitzen und fürchterlichen Hörnern abermals und stieß dieselben dem Pferd in den Leib, so daß es im Nu mit aufgeschlitztem Bauch zur Erde stürzte und die Eingeweide ihm heraushingen.

Der Indianer hatte sich, schon im Sturz, durch einen raschen Sprung auf die Erde gerettet Er besaß keine anderen Waffen als seine Pfeile und sein Messer. Doch ein Moment genügte, um einen Pfeil aus dem Köcher zu nehmen, im zweiten war der Bogen gespannt, und im dritten schwirrte der Pfeil von der Sehne ab und dem Stier in das eine Auge.

Das war eine seltene Geistesgegenwart, aber der Stier besaß noch ein Auge, mit dem er sehen konnte. Er stieß ein heiseres Brüllen aus, hielt einen Augenblick inne und senkte den Kopf abermals zu einem Stoß, der jetzt ebenfalls tödlich gewesen wäre. Da blitzte neben dem Indianer ein Schuß auf, und mit dem Krachen desselben warf der Büffel den Kopf zur Seite, dann durchlief ein gewaltiges Zittern seinen kolossalen Körper, und er brach erst auf die vorderen, dann auf die hinteren Knie zusammen und fiel tot zur Seite; die Kugel war ihm durch das andere Auge bis in das Gehirn gedrungen.

Als Büffelstirn bemerkte, welch einen unglücklichen Ausgang der Kampf nehmen mußte, war er den steilen Hang hinabgesprungen und hatte den Schuß abgefeuert, war aber den Moment, wo der Indianer sich jetzt nach ihm umwandte, nach Jägerart schon beschäftigt, den abgeschossenen Lauf wieder zu laden.

»Schmeckt meinem Bruder das Fleisch eines Stiers besser als das einer Kuh?« fragte er ruhig. »Tötet mein Bruder den Büffel lieber im Wald als in der offenen Prärie? Mein Bruder tue in Zukunft das, was besser und klüger ist.«

Man konnte trotz der dunklen Haut des Wilden deutlich sehen, daß er errötete. Sofort aber hatte er sich gefaßt, warf das Haupt stolz in den Nacken und antwortete auf die Zurechtweisung in zornigem Ton:

»Was geht es dich an, wenn der Stier mich getötet hätte?« – »Hat mein Bruder keinen Vater, der um ihn getrauert hätte?« – »Mein Vater ist das Fliegende Pferd!« sagte der Indianer stolz. – »Und wie heißt du?« – »Mein Name wird genannt werden auf allen Höhen und in allen Tälern.« – »Du hast noch keinen Namen? So wärst du also hier gestorben, ohne daß man hätte sagen können, wen man begraben habe. Mein junger Bruder ist einer sehr großen Schmach entgangen. Er möge vorsichtiger sein, dann wird er einst einen sehr berühmten Namen tragen.«

Bei den Apachen erhält nämlich der junge Krieger erst dann seinen Namen, wenn er seine erste Heldentat verrichtet und den Skalp eines Feindes erobert hat. Es ist eine Schande, als junger Mann getötet zu werden, ohne einen Namen zu besitzen.

Darum steigerte sich der Zorn des Apachen bei den letzten Worten Büffelstirns noch mehr, und er zog das Messer und sagte:

»Soll ich deinen Skalp nehmen und dann einen Namen haben?«

Büffelstirn lächelte und antwortete:

»Ich würde zehnmal den deinen haben, ehe du einmal den meinen!« – »Versuche es!«

Mit diesem Ausruf faßte der Apache den anderen bei der Brust und holte zum Stoß aus, aber blitzschnell ergriff Büffelstirn die Hand, die das Messer hielt und drückte sie mit solcher Gewalt zusammen, daß der Apache einen lauten Schrei des Schmerzes ausstieß und das Messer fallen ließ.

»Seit wann schreit ein Apache, wenn er Schmerz fühlt?« fragte der Häuptling der Mixtekas. »Seit wann tötet ein Apache denjenigen, der ihm das Leben gerettet hat? Ich hätte jetzt das Recht und die Gelegenheit, dir den Skalp zu nehmen, aber ich schenke dir das Leben, denn – dort kommt ein anderer, mit dem es würdiger ist zu kämpfen.«

Büffelstirn deutete nach dem gegenüberliegenden Rand der Schlucht. Dort teilte sich nämlich soeben das Gebüsch, und die beiden sahen einen Bären, der hervortrat.

Es war nicht der kleine, braune Bär, sondern der ungeheure graue Bär des Gebirges, den die Amerikaner Grizzly nennen. Er ist, wenn er sich emporrichtet, oft über neun Fuß hoch, besitzt genug Kraft, den größten Ochsen weit genug fortzutragen, und ist das gefährlichste Raubtier des amerikanischen Kontinents. Wer einen grauen Bären erlegt, gilt für einen Helden, als wenn er zehn Feinde getötet und ihre Skalpe erobert hätte.

Der Bär war jedenfalls durch die Witterung des Pferdes angelockt worden; da er aber jetzt eine andere Beute vor sich sah, so wandte er sich dieser zu.

»Oh, hätte ich die Büchse meines Vaters!« rief der junge Apache.

Ein Apache bekommt nämlich erst bei der Namensgebung ein Feuergewehr in die Hand.

»Hier hast du die meinige«, sagte Büffelstirn.

Der junge Mann blickte ihn erstaunt an. Das war ihm unbegreiflich, das war ja ganz unmöglich, auf einen solchen Ruhm und eine solche Beute zu verzichten. Als er aber sah, daß es wirklich ernst gemeint sei, ergriff er mit einem lauten Jubelruf die Büchse, spannte die beiden Hähne und sprang über die Sohle des Tales hinüber, dem Bären entgegen.

Noch schneller aber war Büffelstirn. Er zog sein Messer, sprang in einem Bogen auch nach dem gegenüberliegenden Rand und kam auf diese Weise dem Bären in den Rücken. Er wollte den Kampf überwachen und, im Fall dieser für den Apachen unglücklich ablaufen sollte, sich mit dem Messer auf das Tier werfen.

Dieses letztere hatte nur den Apachen im Auge. Es befand sich jetzt nur noch sechs Schritt von ihm entfernt und erhob sich auf die Hinterpranken, um ihn zu erdrücken. Dies benutzte der Wilde. Er legte an, zielte zwischen die Rippen auf die Herzgegend, drückte los und sprang in demselben Augenblick, den zweiten Lauf fest auf das Tier gerichtet, zur Seite.

Dieses tat noch einen, zwei – fünf Schritt vorwärts, blieb dann stehen, stieß ein tiefes, röchelndes Brummen aus, wobei ihm ein dicker Blutstrom aus dem Rachen quoll, und brach zusammen.

»Das war gut!« rief Büffelstirn. »Der Bär ist gerade in das Herz getroffen. Mein Bruder hat ein sicheres Auge und eine feste Hand. Er hat nicht gezittert und wird einst ein berühmter Krieger werden. Er hat nun das Recht, einen Namen zu erhalten, und ich werde sein Freund sein, so lange der große Manitou mir das Leben schenkt!«

Der Apache hatte angesichts des furchtbaren Raubtiers nicht gezittert, jetzt aber bebte er vor Freude.

»Ist er wirklich tot?« fragte er. – »Ja. Mein Bruder kann sich das Fell nehmen und den geräucherten Kopf als Siegeszeichen aufbewahren, als Erinnerung an die erste Heldentat, die er verrichtete.«

Der Apache gab ihm die Büchse zurück und kniete vor dem Bären nieder, in welchem in Wirklichkeit keine Spur von Leben mehr war. Dieser Wilde war mehr erfreut als mancher Weiße, der die Insignien des höchsten Ordens erhalten hat. Er machte sich sogleich daran, seiner Beute das Fell abzuziehen.

Büffelstirn aber lud seine Flinte, schlich zu seinem Pferd, band es los und ritt davon. Er wollte das Entzücken des Apachen nicht stören, das so groß war, daß derselbe sich gar nicht mehr um den Davonreitenden bekümmerte.

33. Kapitel.

Als Büffelstirn den Rand der Prärie erreichte, war die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden, in einer halben Stunde mußte es Nacht sein. Man sah die Apachen beschäftigt, die erlegten Büffel mittels des Lassos von ihren Pferden in die Nähe der Zelte schleifen zu lassen. Der Mixteka gab sich jetzt keine Mühe mehr, nicht gesehen zu werden, er sprengte gerade auf die Zelte zu, wo sich bereits einige hundert Krieger mit ihrer Beute versammelt hatten, und sprang dort vom Pferd.

Vor dem zweiten Zelt stand ein junger Häuptling mit drei Adlerfedern im Schopf. Es war Bärenherz. Er trat auf Büffelstirn zu und streckte ihm die Hand zum Willkommen entgegen.

»Mein Herz hat sich gesehnt nach dir«, sagte er. »Ich danke dir, daß ich dich wiedersehe. Sei der Gast meines Zeltes und rauche das Kalumet mit meinen Brüdern.«

Die Krieger, die im Kreise herumstanden, betrachteten mit Ehrfurcht den berühmten Häuptling der Mixtekas und bildeten eine Gasse, als Bärenherz ihn zu den beiden anderen Häuptlingen führte, die vor dem Zelt des Fliegenden Pferdes saßen. Sie erhoben sich, obgleich der Alte den Mixteka gesehen hatte, und reichten ihm die Hände. In kurzer Zeit brannte ein Feuer, man briet viele Büffelrippen über demselben, und dann wurden noch mehrere angebrannt, immer eins neben dem anderen, so daß sich bald ein Halbkreis von Feuern gebildet harte, in dessen Mittelpunkt die drei Häuptlinge mit dem Gast saßen. Das bratende Fleisch verbreitete einen Geruch, der auch dem verwöhntesten Gaumen Appetit gemacht hätte, und die Flammen warfen ihre Reflexe hinaus auf die Prärie, wo kein Krieger sich mehr befand und nur die feigen Präriewölfe hin und her huschten, angelockt von der Ausdünstung des vergossenen Büffelbluts.

Nur einer fehlte, der Sohn des Fliegenden Pferdes. Sie alle wußten es, aber keiner sagte ein Wort. Es wurde überhaupt bei der Zubereitung des Mahles keine Silbe gesprochen. Die geselligen Zusammenkünfte und Vergnügungen der wilden Indianer werden ja stets durch ein anhaltendes Schweigen eingeleitet. Nur dann, wenn das Fleisch gar ist, hat der oberste Häuptling das Recht, die Unterhaltung zu beginnen.

Da plötzlich wurden aller Augen nach einer grotesken, fürchterlichen Gestalt gerichtet, die langsam dahergeschritten kam. Es war der junge Apache. Er hatte dem Bären das Fell abgenommen, den Kopf aber drangelassen. Diesen Kopf hatte er sich auf den seinigen gesetzt, so daß ihn das Fell wie ein weiter, ungeheurer Mantel umgab. Der Bär war so groß gewesen, daß dieser Mantel eine Elle lang am Boden nachschleifte.

Am Feuer der Häuptlinge hielt er an, er wunderte sich, den fremden Helfer bei ihnen sitzen zu sehen, verriet das aber durch keine Miene und legte die beiden Tatzen des Bären, die er in der Hand hielt, vor Büffelstirn nieder. Das war eine ehrenvolle und für die anderen sehr überraschende Widmung. Sie merkten daraus, daß Büffelstirn mit der Erlegung des Bären in irgendeinem Zusammenhang stehe und daß er der Namensgeber, der Pate des jungen Häuptlingssohnes sein solle, aber keiner sprach ein Wort, sogar das Fliegende Pferd nicht. Doch man sah die Augen des Alten leuchten vor Freude, daß sein jüngster Sohn eine solche Heldentat verrichtet und den gefürchteten Grizzly erlegt habe.

Endlich, als das Fett aufzuhören begann, in das Feuer zu tropfen, und die Bratstücke sich bräunten, griff das Fliegende Pferd nach der bereitgehaltenen Friedenspfeife, erhob sich und begann:

»Heute ist den Kriegern der Apachen große Freude widerfahren, denn Büffelstirn, der große Häuptling der Mixtekas, der Freund unseres Bruders Bärenherz, ist gekommen, um das Kalumet mit ihnen zu rauchen. Seine Hand ist stark und sein Fuß schnell, seine Gedanken sind die Gedanken eines Weisen, und alles, was er tut geschieht in der Weise eines Helden. Er sei uns willkommen!«

Der Häuptling legte nunmehr eine Kohle auf den Tabak, tat aus der Pfeife sechs Züge, die er nach dem Himmel, der Erde und den vier Richtungen von sich blies, reichte die Pfeife dem Gast, der sich wieder erhoben hatte und nun sprach:

»Die Söhne der Apachen sind große und tapfere Krieger, sogar ihre Knaben erlegen den grauen Bären mit einer einzigen Kugel und ohne mit der Wimper zu zucken.«

Aller Augen richteten sich bei diesen Worten auf den Sohn des Häuptlings. Dieser hatte aus den Worten seines Vaters erfahren, welchem berühmten Mann er solche Güte zu verdanken habe, und sein Herz bebte vor Wonne. Im Auge des Alten aber glänzte es feucht, als er hörte, daß sein Sohn von einem solchen Krieger und Häuptling sogar in der ersten, allgemeinen Anrede ausgezeichnet werde. So eine Auszeichnung war noch niemals erlebt worden. Büffelstirn fuhr fort:

»Der Häuptling der Mixtekas ist zu ihnen gekommen, um ihnen eine Kunde zu bringen. Sie mögen ihn hören nachher, wenn das Mahl gehalten ist. Ihre Feinde sind seine Feinde und ihre Freunde seine Freunde. Er läßt sein Leben für jeden Sohn der Apachen und wird sich freuen, den Ruhm der Mixtekas mit dem ihrigen zu vereinigen.«

Nach diesen Worten tat auch er die sechs beschriebenen Züge aus der Friedenspfeife und gab sie dann an Bärenherz. Dieser und nach ihm der dritte Häuptling, der ein Sohn des Fliegenden Pferdes war, taten unter ähnlichen Höflichkeitsausdrücken ebenso, und nun ging die Pfeife im Kreis der Krieger herum. Nur der Sohn des Alten durfte sie nicht in den Mund nehmen, da er noch keinen Namen hatte.

Als diese Zeremonie beendet war, begann das Essen. Die großen Stücke Büffelfleischs verschwanden in einer Zeit, deren Kürze ganz erstaunlich war, und dann erklärte der Alte, daß man bereit sei, die Kunde Büffelstirns zu vernehmen.

Dieser erhob sich und begann:

»Es ist in dem Land Mexiko ein großer Streit ausgebrochen. Die Krieger und Männer sind mit dem Häuptling, den sie sich gewählt hatten, nicht mehr zufrieden. Er ist ein Bleichgesicht und tut nichts, was seines Amtes ist. Sie haben sich einen anderen Häuptling namens Juarez gewählt. Er ist stark wie ein Büffel, schlau wie ein Panther und erfahren in allen Dingen, die ein Häuptling wissen muß. Er hat die Stimme seines Volkes gehört und will die Seinen glücklich machen. Daher hat er sich mit tapferen Kriegern umgeben und durchzieht das Land, um alle zu sammeln, die zu ihm gehören. Da ist es dem bisherigen Häuptling angst geworden, und er hat viele Boten zu den Söhnen der Komantschen gesandt, die ihm helfen sollen. Die Häuptlinge der Komantschen aber haben eine große Beratung gehalten und ihm ihre Hilfe versprochen. Jetzt brechen sie auf, viele hundert Krieger stark, und ziehen nach Mexiko. Sie wollen sich zwischen dieses Land und die Weidegründe der Apachen legen. Wenn ihnen dies gelingt, so sind die Krieger der Apachen von den südlichen Gebieten abgeschnitten und werden in die Gebirge gedrängt, wo sie großen Mangel leiden müssen, denn der Winter ist vor der Tür. Der neue Häuptling der Mexikaner aber liebt die tapferen Krieger der Apachen, er will nicht haben, daß sie von den Hunden der Komantschen verdrängt werden, und sendet mich, ihnen zu sagen, daß er sich mit ihnen vereinigen will, den Feind zurückzujagen. Die Komantschen befinden sich bereits auf dem Kriegspfad, aber wenn die Apachen sofort aufbrechen und sich zwischen die Wüste Mapimi und die Stadt stellen, die man Chihuahua nennt, so können die Komantschen ihren Weg nicht fortsetzen und werden mitten in der Wüste erschlagen. Wenn die Krieger der Apachen meine Stimme hören, so werden sie viele Skalpe erbeuten und einen großen Sieg erfechten.«

Nach diesen Worten setzte er sich wieder nieder. Die Versammelten blieben zunächst in ein tiefes Schweigen versunken. Dann sagte das Fliegende Pferd:

»Die Worte unseres Bruders klingen gut. Der neue Häuptling Juarez ist ein roter Mann, dessen Stimme wir lieber hören als diejenige eines Bleichgesichts; die Söhne der Apachen werden sich nicht verdrängen lassen von den Feiglingen der Komantschen. Das Fliegende Pferd bittet die beiden anderen Häuptlinge, ihre Stimme zu erheben.«

Da stand Bärenherz auf und sprach:

»Hier steht mein Bruder Büffelstirn. Er ist ein berühmter Krieger, er fürchtet keinen Feind, und auf seiner Zunge wohnt nur das Wort der Wahrheit. Er wird nie etwas sagen und fordern, was den Söhnen und Töchtern der Apachen Schaden bringen könnte. Ich habe mit ihm die Komantschen getötet und werde mir mit ihm noch viele ihrer Skalpe holen. Sie befinden sich bereits auf dem Weg, und darum darf keine Zeit verloren werden. Hier sind versammelt drei Stämme der Apachen, um Fleisch zu machen für den Winter. Ich bin der Anführer der tapferen Jicarilla-Apachen, ich werde sogleich mit ihnen aufbrechen, wenn die beiden anderen Stämme uns versprechen, Fleisch für den Winter für uns zu bereiten und uns dann nachzukommen.«

Der dritte Häuptling, der Sohn des Alten, nahm auch das Wort.

»Mein Bruder Bärenherz hat die Wahrheit gesprochen«, sagte er. »Die Krieger der Apachen dürfen keine Zeit verlieren. Einer der Stämme muß schnell aufbrechen, und welcher dies sein soll, ob der seinige oder der meinige, das soll die Beratung entscheiden.«

Somit hatten alle drei Häuptlinge sich einverstanden erklärt, und es galt nur noch, den Medizinmann zu befragen. Medizin bedeutet bei den Indianern nicht Arznei, sondern Zauber, der Medizinmann ist also der Zauberer, der einen großen Einfluß auf alles einzelne und allgemeine hat, besonders wichtig ist seine Zustimmung, wenn es sich um einen Kriegszug handelt. Sagt er voraus, daß der Zug verunglücken werde, so wird derselbe nicht unternommen.

Der Mann hatte alle Insignien seiner Würde bei sich, wunderbar geformte Skalpe, Beutel, Haarschöpfe, Stäbe und Fähnchen. Er hüllte sich jetzt in die frische Haut eines der getöteten Büffel, legte die Zeichen seiner Würde an und begann einen Tanz, der um so ungeheuerlicher und grotesker aussah, als er von den düsteren Feuern beschienen wurde, die tiefe Schatten in die dunkle Ebene hinaus zeichneten.

Die Indianer sahen mit ernster Andacht zu und wurden nicht ungeduldig, obgleich der Tanz eine ziemliche Weile in Anspruch nahm. Endlich hielt der Zauberer in seinen Bewegungen inne, nahm zwei Feuerbrände und beobachtete die Richtung des Rauches, dann warf er einen forschenden Blick zu den Sternen empor und verkündete mit lauter Stimme:

»Manitou, der große Geist, zürnt den Kröten, die sich Komantschen nennen; er gibt sie in die Hände der Apachen und gebietet, daß die Krieger der Jicarilla ausziehen, sobald die Sonne sich zum zweiten Male erhebt, die anderen Stämme sollen ihnen folgen, wenn das Fleisch getrocknet ist, das für den Winter reicht.«

In diesen Worten war nicht nur die Erlaubnis Gottes zum Kriegszug enthalten, sondern es war auch auf eine schnelle und darum praktische Weise die Frage entschieden, welcher Stamm zunächst aufzubrechen habe; es war der Stamm, dessen Häuptling Bärenherz war. Diese Leute jubelten vor Freude. Sie erhielten einen vollen Tag Zeit, ihre Vorbereitungen zu dem Kriegszug zu treffen. Dies war ein Umstand, der sie sehr befriedigte, denn ohne diese Vorbereitungen, zu denen besonders das Anmalen mit den Kriegsfarben gehört, glaubt der Indianer nicht an einen glücklichen Ausgang.

Es wurden nun noch verschiedene Einzelheiten besprochen, über die man sich schnell einigte, denn alle waren begeistert von dem Gedanken, den Komantschen so viele Skalpe wie möglich abzunehmen.

Nach diesen notwendigen Verhandlungen war es dem Fliegenden Pferd möglich, seinem jüngsten Sohn gerecht zu werden. Dieser hatte bis jetzt bewegungslos dagesessen und kein Wort gesprochen. Nun aber fragte ihn sein Vater:

»Mein Sohn hat sich in die Haut des Bären gekleidet. Hat er ein Recht dazu?« – »Ich habe ihn erlegt«, antwortete der junge Mann. – »Allein?« – »Ganz allein.« – »Mit welcher Waffe?« – »Mit der Büchse, die der berühmte Häuptling der Mixtekas mir lieh. Er ist Zeuge.«

Da wandte sich der Alte an Büffelstirn und sagte:

»Der Häuptling der Mixtekas ist Zeuge von dem Kampf mit dem Bären, denn die Tatzen desselben liegen zu seinen Füßen. Er mag uns erzählen, was er gesehen hat.«

Büffelstirn erzählte mit kurzen Worten das Vorkommnis, vermied aber dabei alles, was den jungen Mann kränken konnte. Als er geendet hatte, erhob sich Bärenherz und sagte:

»Der Sohn des Fliegenden Pferdes hat den Grizzly erlegt; er hat dazu eines einzigen Schusses bedurft, das ist mehr, als wenn er zwanzig feige Söhne der Komantschen getötet hätte, sein Herz ist stark, seine Hand fest und sein Auge sicher, er verdient, aufgenommen zu werden unter die Schar der Krieger. Bärenherz will, daß sein junger Bruder einen Namen erhalte.«

Das war sehr schmeichelhaft für Vater und Sohn, denn beide hatten als die Beteiligten kein Recht, den Antrag zu stellen, den Bärenherz jetzt ausgesprochen hatte. Er erhielt allgemeinen Beifall. Der Besieger des Bären stand noch immer aufrecht am Feuer. Sein Auge glänzte vor Stolz und Freude, und er sagte:

»Bärenherz, mein Bruder, ist berühmt unter den Berühmten; seiner Rede verdanke ich es, daß ich einen Namen haben werde. Wann soll das Fest des Namens gefeiert werden?« – »Sobald die Söhne der Apachen heimgekehrt sind in ihre Wigwams«, antwortete der Alte. – »Darf einer, der keinen Namen hat gegen die Hunde der Komantschen ziehen?« – »Nein.« – »Aber ich will jetzt Bärenherz, meinen Freund, nach Mexiko begleiten; darum soll man mir bereits morgen einen Namen geben.« – »Das ist nicht Sitte; aber die Tatzen des Bären gehören dem Häuptling der Mixtekas, er ist unser Gast und mag entscheiden, wann er einen Namen für dich hat.«

Da sagte Büffelstirn:

»Diesen Namen habe ich bereits. Mein junger Freund hat den Grizzly überwunden, und darum soll er Grizzlytastsa, der Grizzlytöter, heißen. Ich werde ihm morgen diesen Namen geben, und wenn mein Bruder, das Fliegende Pferd, erlaubt, so soll Grizzlytöter mit uns nach Mexiko reiten, um sich die Skalpe der Komantschen zu holen, nachdem er sich die Haut des Bären genommen hat.«

Dieser Vorschlag des berühmten Häuptlings war abermals eine ehrenvolle Auszeichnung für den jungen Apachen und wurde darum sofort angenommen.

Damit war die Beratung beendet, aber noch lange saßen die Männer beisammen, um sich in ihrer ernsten, ruhigen Weise über den beabsichtigten Kriegszug auszusprechen. Einige brachen trotz der Dunkelheit nach der Schlucht auf, um den von Büffelstirn getöteten Stier und den abgezogenen Bären herbeizuschaffen. Es geschah dies durch Schleifen, die man aus freier Hand fertigte und an die man mittels Lassos die Pferde spannte.

Darauf trat die nächtliche Stille ein. Büffelstirn schlief im Zelt Bärenherzens, und das Lager war von Posten bewacht, die sich stündlich abzulösen hatten.

Am anderen Morgen wurde die Feier der Namensgebung vorgenommen, bei der die beiden gebratenen Bärentatzen eine Hauptrolle spielten. Grizzlytöter erhielt die beste Büchse seines Vaters und als Häuptlingssohn das Recht, eine Adlerfeder in seinem Haarschopf zu tragen. Am Nachmittag begannen die Kriegsmalereien. Es waren gegen zweihundert Krieger, die bei Anbruch des Tages abziehen sollten, und sie alle hatten vollauf zu tun, ihre Kleider und Waffen mit den Trophäen früherer Siege zu schmücken.

Als diese Schar am anderen Morgen das Lager verließ, wurde sie von den übrigen eine Strecke lang begleitet, und erst nach der Trennung formierte man den bekannten indianischen Zug, indem ein Reiter dem anderen folgte. Der älteste Krieger erhielt das Kommando über die Schar; Büffelstirn, Bärenherz und Grizzlytöter aber ritten im Galopp davon, um eine halbe Tagereise vor den Ihrigen die Gegend zu erkunden und für die nötige Sicherheit zu sorgen.

Da man die offene Prärie nicht benutzen durfte, so führte der Zug in das Gebirge und über die verschiedenen Stufen desselben empor auf die Hochebene; dies gab einen Aufenthalt, eine Verspätung, die man aber der Vorsicht halber keineswegs umgehen konnte, und erst am fünften Tag nach dem Aufbruch wurde die Wüste Mapimi erreicht, und zwar an einem Punkt, der sich ungefähr zwischen dem Muschelsee und dem westlichen Ende der Wüste befand.

Da es galt, zwischen Chihuahua und den heranziehenden Komantschen Stellung zu nehmen, so drangen die drei Männer nach Süden vor, immer weiter in die Mapimi ein, bis sie plötzlich alle drei zugleich ihre Pferde anhielten, denn gerade im rechten Winkel zu ihrer jetzigen Richtung führten Spuren vorüber.

»Reiter!« sagte Grizzlytöter, indem er vom Pferd stieg. »Mein Bruder mag zählen, wieviel es ihrer waren«, sagte Bärenherz, indem er ruhig im Sattel blieb. Er wollte nur den Scharfsinn des jungen Apachen üben, denn für ihn selbst hätte es nur einer halben Minute bedurft, um die Zahl der vorübergekommenen Pferde zu erkennen.

Grizzlytöter untersuchte die Fährte und sagte dann: »Es waren zehn und ein Pferd.« – »Das ist richtig. Wer hat auf diesen Pferden gesessen?« – »Es waren Bleichgesichter.« – »Woraus sieht das mein Bruder?« – »Sie sind nicht hintereinander geritten. Ihre Spur ist so breit, daß man alle Huftritte zählen kann.« – »Wann kamen sie vorüber?«

Der junge Apache bückte sich abermals nieder und antwortete dann:

»Die Sonne steht jetzt bald über uns; sie sind vorübergekommen, als sie gestern fast am Horizont war.« – »Hatten diese Bleichgesichter Eile oder nicht?« – »Sie hatten sehr große Eile, denn der Sand wurde von den Hufen zurückgeschleudert. Sie sind im Galopp geritten.« – »Mein Bruder hat sehr richtig gesehen, nun aber mag er mir noch sagen, ob es gute Männer waren oder böse!«

Grizzlytöter blickte den Häuptling einigermaßen ratlos an, schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf und erwiderte dann:

»Wer soll das aus dieser Fährte erkennen! Kein Mensch!« – »Ich werde meinem Bruder beweisen, daß es zu erkennen ist. Die Mapimi ist hier vier Tagereisen breit. Wer über drei Tagereisen geritten ist, dessen Tier ist sehr ermüdet, und er wird es schonen. Die Eindrücke der Hufe sind nicht leicht, wie beim Galopp, sondern sehr tief; die Sprünge sind nicht weit und langgestreckt, sondern kurz gewesen. Die Tiere waren angegriffen und wurden über die Maßen angestrengt, die Reiter befanden sich also auf der Flucht.«

Grizzlytöter wollte sich verteidigen und sagte:

»Auch wer sich auf der Verfolgung befindet, reitet schnell.« – »Hätten sie einen Feind verfolgt, so wären sie auf dessen Fährte geritten, dies ist nicht der Fall; es gibt keine frühere Fährte, sie sind geflohen, sie befanden sich auf der Flucht und werden verfolgt. Es sind also böse Menschen gewesen.«

Büffelstirn nickte und sagte, scharf nach der Richtung blickend, aus der die Fährte kam:

»Bärenherz hat recht. Die Verfolger können bald eintreffen, und da wir uns nicht sehen lassen dürfen, so mag Grizzlytöter zurückreiten und sagen, daß die Krieger der Apachen uns nicht hierher folgen mögen; sie sollen weiter nach Norden über die Höhen gehen, welche die Mapimi begrenzen, und dort auf mich und Bärenherz warten. Wir werden sehen, was diese Spuren zu bedeuten haben.«

Der junge Apache gehorchte. Er setzte sich auf sein Pferd und ritt im Galopp zurück. Die beiden anderen verfolgten den westlichen Lauf der Spuren und blickten sich dann an. Sie sahen, daß sie ganz denselben Gedanken hatten.

»Die Fährte geht gerade nach West«, sagte Büffelstirn. – »In jenen Paß hinein. Das ist ein gefährlicher Ort.« – »Vielleicht stellen die Verfolgten den Verfolgern eine Falle. Wir wollen nachsehen.« – »Aber wir müssen unsere Spuren verbergen, denn die Verfolger können doch unsere Feinde sein. Mein Bruder mag mir helfen.«

Sie löschten die Tapfen ihrer Pferde und ihre eigenen mit einer Geschicklichkeit aus, die bewunderungswert genannt werden mußte, und als dies auf einer genügend langen Strecke geschehen war, ritten sie einen Bogen und erreichten die Berge, die an der westlichen Grenze der Mapimi liegen, vielleicht eine englische Meile nördlich von der Stelle, an der der Paß durch die Berge führt.

Es gab zwar hier ein außerordentlich schwieriges Terrain, aber dennoch lenkten sie ihre Pferde die schroffen, von Gebüsch besetzten Höhen hinan, wieder in die Tiefe hinab und ließen sie hier, wo sie in Sicherheit waren, stehen. Dann stiegen sie einen Felsenrücken empor und konnten nun von hier aus eine ziemliche Strecke des Passes übersehen. Derselbe bildete gerade unter ihnen das Tal, in dem Verdoja zum letzten Mal gelagert hatte und von dem aus die kleine Seitenschlucht nach Süden lief, in der die Mexikaner zurückgeblieben waren, die Sternau töten oder fangen sollten. Davon aber wußten die beiden Indianer nichts.

Sie hatten sich auf den Boden niedergeduckt und konnten von unten unmöglich gesehen werden, während ihre scharfen, geübten Augen alles erkannten, was unter ihnen lag.

»Uff!« sagte da plötzlich Bärenherz.

Dieses Wort war ein sicherer Beweis, daß er etwas Ungewöhnliches bemerkte. Büffelstirn sah ihn an und folgte dann der Richtung seiner Augen. Da erkannte er einen Mann, der aus dem Seitental empor zur Höhe stieg. Die Entfernung war so groß, daß der Mann einem großen Käfer glich, der sich aufwärts bewegte, dennoch aber wußten die beiden sofort, wie sie ihn zu bezeichnen hatten.

»Ein Mexikaner«, sagte Büffelstirn. – »Ja«, antwortete Bärenherz. »Das Seitental scheint besetzt zu sein.« – »Sie stellen den Verfolgern einen Hinterhalt.«

Die beiden Indianer warteten nun, bis der Mann die gegenüberliegende Höhe erreicht hatte, dort stillstand und nach Osten blickte, und sie folgten mit ihren Augen dann ganz unwillkürlich derselben Richtung. Es vergingen einige Sekunden, ehe sie den dortigen Horizont abgesucht hatten, da aber meinte Büffelstirn:

»Uff, sie kommen!« – »Drei Reiter!« fiel Bärenherz ein.

In der Tat erblickten sie jetzt drei kleine Punkte, die aber so winzig waren, daß sie nur von zwei Paar solcher Augen erkannt werden konnten, wie sie die beiden Indianer besaßen. Der Mexikaner da drüben, jenseits des Passes, hatte sie jedenfalls noch nicht erkannt.

»Sollten es die Verfolger sein?« fragte Bärenherz. – »Nein«, antwortete Büffelstirn. – »Warum nicht?« – »Würden elf Krieger vor dreien fliehen?« – »Warum nicht, wenn diese drei tapfer genug sind! Übrigens können diese drei ja der Vortrab einer größeren Horde sein.« – »Wir müssen es abwarten.«

Sie beobachteten den Mann, der drüben auf dem Berg stand, auch fernerhin mit großer Aufmerksamkeit. Er stieß jetzt einen Ruf aus und stieg so schnell wie möglich von der Höhe herab. Offenbar hatte er die drei Nahenden jetzt auch bemerkt.

»Er benachrichtigt die anderen, die sich versteckt haben«, meinte Bärenherz.

Und so war es wirklich, denn nachdem er in dem Seitental verschwunden war, erschien er eine Minute später mit noch zwei anderen, die aus dem Tal herauskamen und sich mit ihm hinter einen Felsen versteckten, der die ganze Breite des Passes beherrschte.

»Sie werden die Nahenden töten«, sagte Bärenherz. – »Aber weshalb sind es nur drei, da wir doch elf Spuren fanden?« – »Die anderen haben den Ritt fortgesetzt, da die drei Feiglinge genug sind, um drei tapfere Männer aus dem Hinterhalt zu ermorden.« – »Wollen wir die Bedrohten warnen?« – »Wir warnen sie nicht nur, sondern helfen ihnen, wenn sie es wert sind. Es vergehen nach der Zeit der Weißen noch fünf Minuten, ehe sie hier sind, und das gibt uns Zeit, hinter ihre Gegner zu kommen. Vorwärts!«

Bärenherz glitt wieder von der Höhe herab, und Büffelstirn folgte ihm. Sobald sie von unten nicht mehr gesehen werden konnten, rannten sie aus Leibeskräften an der Abdachung des Berges dahin, bis sie ein Gebüsch erreichten, das sich über die Höhe zog und drüben bis auf die Sohle des Passes niederstieg.

Im Schutz dieses Gebüschs gelangten sie hinab, und zwar in genügender Entfernung, um von den drei Mexikanern nicht gesehen zu werden, dann sprangen sie quer über das Tal und befanden sich auf derselben Seite, an der die Männer versteckt lagen. Nun galt es, sich diesen unbemerkt zu nähern. Es gab zum Glück einige Büsche und zerstreute Felsblöcke, die Deckung gewährten, und so brachten es die beiden Häuptlinge fertig, sich vorwärts zu bewegen und hinter einem Stein Posto zu fassen, der kaum fünfzig Schritt von dem Felsenstück entfernt war, hinter dem die drei Mexikaner lagen.

Die Häuptlinge konnten die letzteren genau sehen und zugleich auch die ganze Sohle des Tales überblicken. Sie kauerten hinter dem Stein und hielten ihre Büchsen schußbereit.

Da hörte man Pferdegetrappel, und sogleich erschienen die drei Nahenden am Eingang des Haupttales, befanden sich aber noch außer Schußweite.

Kaum hatten die Indianer einen Blick auf sie geworfen, so konnten sie sich eine Bewegung der lebhaftesten Überraschung nicht erwehren.

»Uff!« flüsterte Bärenherz. »Das ist Itintika, Donnerpfeil, unser Bruder.« – »Und Francesco, der Vaquero!« flüsterte Büffelstirn. »Was tun die hier? Sollte es auf der Hacienda del Erina ein Unglück gegeben haben?« – »Das müssen wir abwarten. Aber wer ist der starke Krieger, den sie bei sich haben? Kennt ihn mein Bruder Büffelstirn?« – »Ja«, entgegnete Büffelstirn. »Es ist der berühmteste Jäger der Savanne, es ist der Fürst des Felsens, vor dem alle Feinde zittern.« – »Ugh!« machte Bärenherz, indem seine dunklen Augen glänzten. »Das ist ein großer Tag, an dem Bärenherz diesen Krieger kennenlernt. Wir werden die drei Mexikaner töten!« – »Erst wollen wir sehen, was sie vorhaben. Nur wenn sie zu den Waffen greifen, schießen wir sie nieder.«

Die Mexikaner lagen hinter dem Stein und flüsterten miteinander. Sie hatten nur Sternau erwartet, und zwar auch nicht jetzt schon, sondern erst am nächsten Tag. Und nun kam er nicht allein, sondern mit zwei anderen. Wer waren sie?

»Sie werden unterwegs zu ihm gestoßen sein«, sagte der eine Mexikaner zu seinen Gefährten. »Was tun wir? Es sind nun drei gegen uns.« – »Pah!« antwortete der zweite. »Fangen können wir ihn nicht; das ist nun wegen seiner Begleiter unmöglich; aber erschießen werden wir ihn.« – »Und die Begleiter? Lassen wir sie laufen?« – »Unsinn! Sie müssen fallen, damit sie nichts erzählen können. Aber wir haben noch Zeit. Sie sind noch nicht im Bereich unserer Büchsen, und wir dürfen keinen von ihnen fehlen. Sie müssen auf unsere ersten Schüsse fallen, sonst kann es uns übel ergehen; wir wissen ja, was für ein Teufel dieser Sternau ist. Übrigens haben wir Zeit zum Zielen, denn wenn sie hier die Spuren unseres Lagers finden, werden sie diese genau untersuchen und also geraume Zeit vor den Mündungen unserer Gewehre verweilen und uns nicht entlaufen. Wir brauchen uns nicht zu überstürzen und können mit Gemächlichkeit zielen.« – »Wenn unsere Kameraden, die Verdoja zurücksenden wollte, bereits erschienen wären, so würden wir alle drei fangen können«, meinte der dritte. – »Wir brauchen sie nicht Wir sind stark genug.« Die Mexikaner ahnten nicht daß wenige Schritte hinter ihnen zwei furchtbare Männer lagen, die jede ihrer Bewegungen beaufsichtigten.

34. Kapitel.

Unterdessen war Sternau mit seinen beiden Begleitern vorwärts geritten, aber nicht so scharf wie vorhin, sondern er hatte den Gang seines Pferdes gezügelt und betrachtete nun mit forschenden Blicken den Bau des Tales und die Entfernung der Bergwände voneinander.

»Ein gefährliches Loch!« sagte er. – »Warum?« fragte Donnerpfeil. – »Wenn Verdoja uns hier nicht einen Hinterhalt gelegt hat, so verdient er totgeprügelt zu werden. Wir wollen langsam vordringen und so tun, als ob wir uns gar nicht umblickten. Aber ich werde dabei die Augen offenhalten.«

Sie ritten im Schritt vorwärts, bis sie an die Stelle kamen, an der Verdoja gelagert hatte. Hier blieben sie stehen.

»Hier haben die Schufte ausgeruht«, sagte Francesco.

Sternau warf einen Blick umher und erwiderte hastig:

»Rasch! Steigt von den Pferden, koppelt sie an und tut, als ob wir hier lagern wollten! Schnell, schnell!«

Donnerpfeils Auge suchte in der Richtung, die der Blick Sternaus gehabt hatte, und sofort sprang er vom Pferd.

»Sie haben recht!« sagte er.»Aber lassen wir uns nichts merken. Wir müssen uns eine Verschanzung suchen.« – »Da, rechts an der Wand, der große Felsblock«, entgegnete Sternau, »die Pferde werden sie nicht erschießen. Wir teilen uns und tun, als ob wir Holz zum Lagerfeuer suchen wollen; dann springen wir hinter den Felsen.«

Sie ließen ihre Pferde grasen und lasen dürre Zweige auf.

»Seht«, meinte der erste Mexikaner, »sie bleiben hier. Wir können sie also in aller Gemütlichkeit niederpuffen.« – »Sie suchen Lesholz«, sagte der zweite. »Wir haben unsere Spuren nicht verwischt.« – »Pah, die haben sie ja gar nicht gesehen. Sie sind ja noch nicht in das Seitentälchen gekommen. Es muß einen anderen Grund haben.« – »Schwerlich. Nun stecken wir hier und sie drüben. Wir sind also ebensogut belagert wie sie!«

So war es in der Tat. Sternau hatte nichts weiter gesehen, als am Eingang zu dem Seitental den abgebrochenen Zweig eines Busches. Als der eine Mexikaner, der vorhin von der Höhe Umschau gehalten hatte, emporgeklommen war, hatte er sich an diesem Zweig angehalten und denselben abgebrochen; die Rinde hatte weitergeschlitzt, so war eine helle Stelle entstanden, die einem scharfen, vorsichtigen Auge sofort auffallen mußte. Auch Donnerpfeil hatte sie bemerkt.

Jetzt lagen die drei Bedrohten hinter dem Felsen in vollständiger Sicherheit.

»Was gab es denn?« fragte Francesco.

Er konnte sich den Grund dieses Versteckspielens nicht erklären.

»Siehst du nicht den abgeschlitzten Zweig da drüben am Busch?« fragte Donnerpfeil. – »Ah! Ja.« – »Und darüber die eigentümlichen Einschärfungen in dem Steingeröll?« – »Ja.« – »Nun, es ist vor ganz kurzer Zeit jemand da oben gewesen und hat nach uns ausgeschaut. Als er uns bemerkte, ist er etwas zu hastig in das Tal zurückgekehrt, mehr gerutscht als gelaufen und hat also jene Spur zurückgelassen. Da drüben stehen Leute, die uns auflauern.« – »Donnerwetter!« fluchte Francesco. – »Du brauchst keine Angst zu haben«, lächelte Sternau. »Es sind nur zwei, höchstens drei Männer.« – »Warum so wenige?« fragte Donnerpfeil. – »Glauben Sie«, antwortete Sternau, »daß sich Verdoja mit seiner ganzen Truppe in den Hinterhalt gelegt hat? Nein! Es muß ihm zuerst daran liegen, seine Gefangenen in Sicherheit zu bringen. Es sind vier, die Eskorte aber beträgt nur elf Mann, und so kann er höchstens drei entbehren. Da er ja nicht gewußt hat, daß ich Hilfe erhalte, und glaubte, daß ich allein kommen werde, so hat er gemeint, ein einziger sei genug, mir eine Kugel zu geben. Der Hinterhalt da drüben liegt natürlich in Schußweite von dem Lagerort. Wir wollen einmal alles genau absuchen. Vielleicht bemerken wir das Versteck.«

Sein scharfes Auge glitt langsam und bedächtig über jeden Busch und Stein, der da drüben Deckung geben konnte.

»Ah, ich hab's!« sagte er plötzlich. – »Wo?« fragte Francesco. – »Ich sah ein Knie für einen kurzen Augenblick hinter jenem hohen, viereckigen Felsen erscheinen. Wollen den Leuten einmal eine Kugel geben.« – »Sie wird nicht treffen«, meinte der Vaquero. – »Ich bin vom Gegenteil überzeugt«

Sternau legte sich platt auf den Boden. Es war aus der Ecke des Steins, hinter dem sie steckten, etwas ausgebröckelt und er konnte also durch diese Öffnung zielen, ohne sich selbst eine Blöße zu geben. Dann bat er Donnerpfeil:

»Wenn Sie Ihren Hut auf den Gewehrlauf stecken und ihn so weit emporhalten, daß es gerade so aussieht, als ob jemand über den Stein hinübersehen wolle, so wird sich wohl einer da drüben verleiten lassen, nach dem Hut zu schießen; er wird also einen Teil von sich sehen lassen müssen, und dann ist es um ihn geschehen.« – »Wollen es versuchen«, meinte Donnerpfeil lächelnd, indem er den Hut vom Kopf nahm und auf den Gewehrlauf steckte.

Drüben hatten vorher die beiden Häuptlinge alles genau beobachtet und legten ihre Büchsen bereit, um jeden Augenblick abdrücken zu können.

»Jetzt sind sie in Schußweite«, sagte Bärenherz. »Sie steigen ab. Der Fürst des Felsens blickt sich um, ah, sein Auge blitzt auf; er hat etwas Verdächtiges bemerkt. Was muß es sein?«

Büffelstirn nickte.

»Er ist gewarnt Er weiß, daß ihm der Tod nahe ist. Jetzt gibt er den anderen seine Befehle. Wie ruhig! Ja, er ist ein großer Jäger!« – »Uff« flüsterte Bärenherz. »Sie springen hinter den Stein. Sie sind gerettet, auch ohne uns. Was werden sie beginnen?«

Es verging eine Weile; dann erschien da drüben der Hut, und es sah ganz so aus, als ob ein Kopf vorsichtig herüberblickte.

»Uff!« flüsterte Bärenherz. »Welche Unvorsichtigkeit!« – »Hält mein Bruder den Fürsten des Felsens wirklich für so dumm?« fragte Büffelstirn. »Wir wollen den Spaß abwarten.«

Die drei Mexikaner flüsterten miteinander; dann griff der erste nach seinem Karabiner, lehnte ihn an die Kante des Felsens, bog seinen Kopf ein wenig vor und zielte auf den Hut. Noch aber hatte er nicht losgedrückt, so blitzte es drüben auf, ein Schuß krachte, und der Mexikaner sank mit zerschmettertem Kopf hintenüber.

»Sieht nun mein Bruder, daß es eine List war?« fragte Büffelstirn. – »Der Herr des Felsens ist wahrhaftig ein großer Jäger!« antwortete der Gefragte. – »Er würde die beiden anderen auf alle Fälle töten; aber das dauert zu lange. Wollen wir uns zeigen?« – »Ja«, nickte der Apache.

Die beiden Mexikaner waren um ihren Toten so beschäftigt, daß sie gar kein Auge für das hatten, was hinter ihnen vorging. Die beiden Häuptlinge erhoben sich also und winkten hinüber; dann ließen sie sich wieder nieder.

»Alle Teufel, was ist das!« sagte Donnerpfeil. – »Das ist ja Büffelstirn«, meinte Sternau. »Wer war der Indianer an seiner Seite?« – »Bärenherz, der Apache«, antwortete der Gefragte. – »Der berühmte Bärenherz? Welch ein Zusammentreffen! So haben wir den Feind also zwischen zwei Feuern. Wer konnte ahnen, daß die beiden Häuptlinge in der Nähe sind. Kein Zufall konnte so glücklich sein.« – »Sie werden die Mexikaner erschießen, wir brauchen nur ruhig zuzusehen«, meinte Francesco. – »Daran liegt mir nichts«, entgegnete Sternau. »Besser ist es, wir fangen sie lebendig, damit wir sie ausfragen können. Ich hoffe nicht, daß diese Mexikaner die Sprache der Apachen verstehen. Wenn ich also rufe, werden sie nicht ahnen, wem es gilt und wie es heißt. Und ich glaube auch nicht, daß die beiden Häuptlinge so unbedacht sind, mir mit Worten zu antworten.« – »Das fällt ihnen nicht ein«, sagte Donnerpfeil.

Sternau ließ einige Augenblicke vergehen, dann rief er, aber ohne sich sehen zu lassen, mit seiner weithin schallenden Stimme:

»Tlao nte akajia – wie viele Feinde sind drüben?«

Sofort erhoben sich hinter dem Versteck der Häuptlinge zwei Arme.

»Also nur zwei«, meinte Sternau; »ich hatte recht.«

Und er rief abermals:

»Ni nokhi et tastsa, ni nokhi hotli intahinta – ich will sie nicht tot, sondern ich will sie lebendig haben!« – »Was schreit nur dieser Sternau da drüben?« meinte der eine Mexikaner. »Will er uns verhöhnen, so mag er doch spanisch reden! Wir stecken in einer verfluchten Patsche. Sobald wir ein Glied sehen lassen, werden sie schießen. Es bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als hier steckenzubleiben, bis es Nacht wird oder gar bis die Unsrigen zurückkehren.«

Es sollte aber anders kommen, als er gedacht hatte. Die Häuptlinge hatten nämlich Sternau verstanden. Sie legten ihre Büchsen weg, nahmen die Messer zwischen die Zähne, erhoben sich und schlichen sich leise an die Mexikaner heran. Sternau bemerkte dies und sah, daß er die Aufmerksamkeit der letzteren von den Indianern ablenken müsse; er erhob sich also zu seiner vollen Höhe, legte die Büchse an und zielte.

»Ah, er will schießen!« lachte der eine Mexikaner, indem er vorsichtig hinter dem Felsen hervorlugte. »Ich werde ihm eine Kugel geben.«

Damit langte er nach seinem Gewehr, fühlte aber in demselben Augenblick zwei Hände um seinen Hals, die ihm die Kehle mit solcher Gewalt zudrückten, daß ihm der Atem verging, und seinem Kameraden geschah ebenso.

»Hinüber!« sagte jetzt Sternau, indem er quer über das Tal sprang. Die beiden anderen folgten ihm. Sie brauchten gar nicht zu helfen, denn die Häuptlinge waten bereits beschäftigt, die Besinnungslosen mit ihren Lassos zu binden.

»Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas, rettet mich zum zweiten Mal«, sagte Sternau und streckte dem Genannten dankbar die Hand entgegen.

»Der Fürst des Felsens hat sich selbst verteidigt«, sagte der Häuptling bescheiden. »Hier steht Bärenherz, der Häuptling der Apachen.«

Sternau streckte auch diesem die Hand entgegen.

»Ich begrüße den tapferen Häuptling der Apachen«, sagte er. »Sein Name ist berühmt, aber seine Gestalt sehe ich erst heute.« – »Noch berühmter ist der Fürst des Felsens«, antwortete der Apache. »Er ist ein Freund der roten Männer, und ich werde sein Bruder sein.«

Die beiden großen Jäger und Krieger standen einander gegenüber, Hand in Hand, der eine ein hochgebildeter Meister und der andere ein ungebildeter Indianer, aber vom Standpunkt der Menschlichkeit beide von gleich hohem Wert. Sie dachten in diesem Augenblick wohl nicht, welchem gemeinschaftlichen Geschick auf viele Jahre hinaus sie entgegengingen. Auch die anderen, die sich ja bereits kannten, begrüßten sich; dann setzten sie sich zur Beratung nieder, aber so, daß die zwei Mexikaner von der Unterhaltung nichts hören konnten.

»Was treibt unsere Freunde über die Wüste?« fragte Büffelstirn. – »Ein sehr trauriges Ereignis«, antwortete Sternau. »Die Hacienda del Erina ist überfallen worden.« – »Von wem? Von den Mexikanern?« – »Ja, diese Schufte haben vier Personen gefangengenommen, nämlich Señor Mariano, Señor Helmers, Señorita Emma und Señorita Karja.«

Die Indianer sind gewöhnt, selbst der überraschendsten Nachricht mit stoischem Gleichmut entgegenzutreten, bei Nennung dieser Namen aber fuhren die Häuptlinge alle beide erschrocken empor.

»Karja, meine Schwester?« fragte Büffelstirn. – »Karja, die Blume der Mixtekas?« rief Bärenherz. – »Ja«, antwortete Sternau. – »Wie ist das gekommen? Waren keine Männer da?« fragte die beiden wie aus einem Mund. – »Es waren alle Männer da, aber…« – »Nein, es können keine Männer da gewesen sein, wenn man Gefangene fortzuschleppen vermag«, sagte Bärenherz.

Der Umstand, daß er Sternau gar nicht ausreden ließ, verriet deutlich, wie sehr sein Herz noch heute an Karja hing.

»Ich sage dem Häuptling der Apachen, daß ich selbst gefangen war«, entgegnete Sternau. – »Der Fürst des Felsens war gefangen?« fragte Bärenherz ungläubig. – »Ja.« – »Aber ich sehe ihn doch frei.« – »Weil ich mich befreit habe. Die beiden Häuptlinge mögen hören, was geschehen ist.«

Er erzählte nunmehr in kurzen, gedrängten Worten das Erlebnis der letzten Tage. Als er geendet hatte, reichte ihm der Apache die Hand und bat:

»Der Fürst des Felsens möge mir verzeihen. Im Dunkel der Nacht ist es leicht, den stärksten und tapfersten Helden hinterrücks niederzuschlagen. Jetzt aber wollen wir die Pferde verbergen, denn keiner weiß, wer kommen kann.«

Sternau ging selbst mit, und die Pferde wurden in das Nebental geführt, wo man bei dieser Gelegenheit die drei Pferde der Mexikaner fand, die hinter dem Gebüsch verborgen waren, wo sie ruhig weideten. Die Mexikaner, die wieder zu sich gekommen waren, wurden jetzt herbeigeschafft; Francesco blieb am Eingang des Seitentals als Wache zurück, und die übrigen hörten den Fragen zu, die Sternau an die Gefangenen richtete.

»Ihr gehört zu der Truppe Verdojas?« fragte er.

Keiner antwortete.

»Ich sah euch bei ihm, es hilft euch weder das Schweigen noch eine Leugnung etwas«, sagte er. »Aber ich will euch bemerken, daß ihr euer Schicksal verschlimmert, wenn ihr hartköpfig seid. Weshalb bliebt ihr zurück?« – »Verdoja gebot es uns«, erwiderte der eine barsch. – »Was solltet ihr?« – »Wir sollten Sie fangen oder töten.« – »Das konnte ich mir denken. Aber getrautet ihr drei euch denn wirklich an mich? Ihr habt mich ja kennengelernt. Töten war leicht, aber das Fangen wäre euch schwergeworden.« – »Wir dachten, Sie würden erst morgen hier vorüberkommen, und Verdoja wollte uns ja Hilfe senden.« – »Ah! Es kommen noch Leute?« – »Ja.« – »Wann?« – »Vielleicht bereits morgen am Vormittag.« – »Wie viele?« – »Das wissen wir nicht.« – »Wohin hat Verdoja seine Gefangenen geführt?« – »Auch das wissen wir nicht.« – »Lüge nicht!« – »Glauben Sie, daß Verdoja uns solche Geheimnisse mitteilt?« – »Hm! Aber diejenigen, die morgen nach hier zurückkehren, werden es wissen?« – Jedenfalls.« – »Wo wollten sie mit euch zusammentreffen?« – »Hier im Tal.« – »Wieviel hat Verdoja euch für den Raub versprochen?« – »Dem Mann hundert Pesos.« – »Es ist gut. Man wird über euer Schicksal beraten.«

Diese Beratung fiel für die beiden Gefangenen sehr ungünstig aus. Sternau hätte ihnen gern das Leben geschenkt, aber die beiden Häuptlinge gaben es nicht zu, und Donnerpfeil nebst Francesco schlossen sich ihnen an.

Die Mexikaner wurden tiefer in das Seitental hineingeführt, während Sternau zurückblieb. Als er zwei Schüsse fallen hörte, wußte er, wem sie gegolten hatten. Zu den beiden Toten wurde nun auch der Leichnam des dritten geschleift, und man begrub sie gar nicht, sondern ließ sie den Geiern, die sich bald versammelten, zum Fraß liegen.

Jetzt waren sie zu fünf Mann versammelt und konnten auch von der Veranlassung sprechen, welche die Apachen herbeigeführt hatte. Sternau wußte weiter nichts, als daß ein Leutnant mit einer Schwadron Lanzenreiter, die zu Juarez gehörten, in Monclova hielt, und daß Verdoja sechs Mexikaner bei sich hatte. Selbst wenn diese morgen zurückkehrten, brauchte man sie nicht zu fürchten, und so wurde beschlossen, daß Bärenherz zu seinen Apachen gehen solle, um sie über sein Wegbleiben zu beruhigen und jenseits des Gebirgszuges auf die anderen zu warten. Bärenherz entfernte sich daher zusammen mit Büffelstirn, und beide suchten ihre Pferde auf, worauf sie sich trennten und Büffelstirn zu Sternau zurückkehrte.

35. Kapitel.

Während des Nachmittags und während der Nacht unterbrach nichts die Einsamkeit des Tales, auch fast der ganze Vormittag verging, aber um die Zeit des Mittags ließ sich Pferdegetrappel vernehmen. Sternau hatte für diesen Fall jedem seinen Posten angewiesen und jedem den Befehl gegeben, zunächst die Pferde zu erschießen. Als sich das Geräusch vernehmen ließ, steckte sich jeder einzelne hinter einen der herumliegenden Felsenblöcke.

Es erschienen sechs Mexikaner an der Stelle, wo nach Westen hin das Tal sich wieder zum Paß verengte. Sie blieben halten, um das Tal zu überblicken. Als sie aber keinen ihrer Gefährten bemerkten, schwenkten sie in das kleine, enge Seitental ein. Kaum waren sie dort angekommen, so fielen vier Schüsse, und darauf aus den Doppelgewehren noch zwei. Alle sechs Pferde bäumten sich empor und stürzten dann zur Erde; sie waren zu gut getroffen, als daß sie sich hätten wieder erheben können. Pferde und Reiter bildeten für einige Zeit einen Wirrwarr, den die vier Schützen augenblicklich benützten, indem sie herbeisprangen, die Mexikaner, noch ehe dieselben sich von den Pferden losmachen konnten, mit dem Kolben zu Boden schlugen und sie mit ihren eigenen Lassos so banden, daß an eine Flucht nicht zu denken war.

Der Anführer dieser Leute war derjenige, der auf der Hacienda del Erina als Lanzenreiter-Offizier erschienen war.

»Jetzt sehen wir uns wieder, mein Bursche, und werden Abrechnung halten«, sagte Sternau zu ihm. »Du sollst nicht so bald wieder Gelegenheit finden, den Offizier zu spielen.«

Der Mann warf einen haßerfüllten Blick auf ihn und antwortete:

»Ich bin ein freier Mexikaner, mit mir hat kein Fremder Abrechnung zu halten.« – »Also ein freier Mexikaner?« lachte Sternau. »Ich habe noch nicht gewußt, daß jemand, der in Fesseln liegt, frei ist. Wohin habt ihr eure Gefangenen gebracht?« – »Das geht niemanden etwas an.« – »Ich wiederhole meine Frage, aber nur dies eine Mal! Wo sind die Gefangenen?« – »Ich sage es nicht!«

Da zog Büffelstirn das Messer, hielt es dem Mexikaner entgegen und sagte:

»Wo ist Karja, meine Schwester?«

Der Gefragte schwieg trotzig; denn er kannte den Sinn der Indianer nicht. Der Häuptling der Mixtekas bemerkt nochmals mit ruhiger Stimme:

»Antworte!« – »Ich sage nichts!« – »So brauchst du nicht zu leben. Nur die Toten schweigen, und wer schweigt, soll tot sein. Aber dein Tod soll nicht schnell sein, sondern du sollst ihn langsam kommen sehen.«

Mit diesen Worten setzte Büffelstirn dem Gefangenen das Messer auf den Unterleib und riß ihm denselben mit einem raschen Schnitt auf, so daß die Eingeweide sofort aus der Wunde hervorquollen. Der Mann stieß einen Schrei des Entsetzens aus, aber trotzdem er sah, daß er nunmehr unvermeidlich dem Tod verfallen sei, rief er:

»Verdammte Rothaut, nun sollst du erst recht nichts erfahren!« Und sich an seine Gefährten wendend, setzte er hinzu: »Tausendmal verflucht sei der von euch, der sagt, wohin wir die Gefangenen geschafft haben!« – »So werden sie alle sterben, gerade wie du!« sagte Büffelstirn kaltblütig.

Dann setzte er das Messer dem zweiten auf den Leib und fragte:

»Wirst du auch schweigen, oder sagst du mir, wo sie sind?«

Der Mann besann sich nur eine Minute lang, er wollte gern sein Leben retten, aber der Fluch des anderen hatte ihn eingeschüchtert. Diese Minute entschied über ihn, sie dauerte dem Mixteka zu lange, er senkte sein Messer in den Leib des Mexikaners, und sofort quollen auch dessen Gedärme durch die fürchterliche Wunde.

»Ihr sollt sterben wie die Hunde«, sagte Büffelstirn. »Ihr sollt eure Kaldaunen sehen und zählen, bis der Brand euch tötet. Sprich, Hund, wo sind die Gefangenen!«

Während die beiden Aufgeschlitzten vor Schmerz und Todesangst ächzten und wimmerten, setzte er bereits dem dritten das Messer auf den Leib.

»Ich will es sagen«, rief dieser eilig. – »Schweig!« brüllte der Anführer. – »Daß ich ein Esel wäre!« antwortete der Mann. »Ich will leben und nicht sterben nur dir zuliebe!« – »So möge dich die Hölle verderben, schuftiger Verräter!«

Der Sprecher, der jetzt sah, daß er sein Leben nutzlos geopfert hatte, schäumte vor Schmerz und Wut. Seine Augen unterliefen mit Blut, und dicker Gischt stand auf seinen bleichen Lippen.

»Rede schnell!« gebot Büffelstirn dem Mexikaner.

Mit dieser Aufforderung drückte er die Klinge seines Messers durch die Kleidung des Gefesselten, so daß die Spitze den bloßen Leib berührte.

»Ich spreche ja schon, tue das Messer fort!« rief der Mann erschrocken. »Die Gefangenen befinden sich in einer alten Opferstätte.« – »Leben sie noch?« – »Ich hoffe es.« – »Wo ist die Opferstätte?« – »Im Staat Chihuahua, in der Nähe der Hacienda Verdoja.« – »Beschreibe sie mir.« – »Das ist eine alte, mexikanische Pyramide, sie liegt im Norden von der Hazienda und ist mit Gebüsch bewachsen.« – »Wo ist der Eingang?« – »Das weiß ich nicht. Es war Nacht, als wir hinkamen. Wir mußten im Freien halten bleiben und durften nicht mit hinein.« – »Keiner von euch?« – »Keiner. Nur Señor Verdoja, Señor Pardero und ein alter Diener gingen in die Pyramide. Erst wurden die Damen und dann die beiden Männer hineingeschafft.« – »Auf welcher Seite befindet sich der Eingang?« – »Ich weiß es nicht.« – »Dummkopf! Auf welcher Seite hieltet ihr, als ihr dort ankamt?« – »Auf der Ostseite.« – »Und auf dieser Seite verschwand Verdoja in der Pyramide?« – »Nein. Er ging nach den Büschen, die an der Ecke der Pyramide stehen, und verschwand dann auf der Südseite.« – »So ist dort der Eingang. Was tatet ihr, als die Gefangenen fort waren?« – »Wir ritten nach der Hacienda Verdoja, erhielten frische Pferde und Proviant, dann brachen wir sofort wieder auf.« – »Nach hier?« – »Ja.« – »Wie lange seid ihr geritten?« – »Von zwei Stunden nach Mitternacht bis jetzt.« – »Wenn wir jetzt aufbrechen, können wir also des Abends bei der Pyramide sein?« – »Ja.« – »Gut. Du wirst uns führen, und zwar so, daß wir von niemand bemerkt werden. Aber beim kleinsten Verdacht, daß du uns betrügen willst, bist du ein Kind des Todes. Hast du dir den Weg gemerkt?« – »Ja, ich kenne ihn genau.« – »Das genügt, und wir brauchen die anderen nicht. Sie haben nach den Gesetzen der Savanne den Tod verdient und sollen ihn haben, aber da sie nicht widersetzlich gewesen sind, so sollen sie ihn leicht und schnell finden.«

Damit zückte Büffelstirn, ehe Sternau es noch verhindern konnte, dreimal das Messer und senkte es bis an das Heft in die Herzen der drei übrigen Mexikaner; sie waren augenblicklich tot. Dann wandte er sich an die zwei, die mit aufgeschlitzten Leibern dalagen, und durchschnitt ihre Banden.

»Ihr sollt hier liegen und sehen, wie die Geier eure Kameraden zerreißen, und dann sollt ihr mit den Vögeln ringen, bis ihr matt werdet und sie euch überwältigen. Wir aber brechen auf, denn es ist keine Zeit zu verlieren.« – »Warum nimmt man nicht die Skalpe der Toten?« fragte Donnerpfeil.

Der Gefragte antwortete in stolzem Ton:

»Der Häuptling der Mixtekas nimmt nur die Skalpe solcher Feinde, mit denen er gekämpft hat, dies hier aber sind Hunde, deren Fell er nicht haben mag, sie sind gestorben wie die Schakale, die man mit dem Stock erschlägt.«

Man nahm nun den sechs Mexikanern alles ab, was sie Brauchbares bei sich trugen, dann wurde aufgebrochen. Der gefangene Führer erhielt das Pferd, das Sternau übrig hatte. Als die fünf Männer davonritten, sahen sie noch, wie die beiden Lebenden sich bemühten, ihre Gedärme in die geöffneten Leiber zurückzustecken, und noch lange verfolgte sie das Geschrei der dem langsamen Tod Geweihten, die an diesem einsamen Ort so unerwartet ihre Bestrafung gefunden hatten. Sie ritten durch den Paß und bogen nach Norden um, wo die Apachen ihrer warteten. Diese hatten Posten vorgeschoben, um leichter gefunden zu werden.

Als Bärenherz hörte, was im Tal geschehen war, gab er zu dem, was Büffelstirn getan hatte, seine Zustimmung. Der Führer wurde gefragt, ob er gehört und gesehen habe, daß Komantschen in der Gegend von Chihuahua befindlich seien. Er verneinte die Frage, und auch von den Regierungstruppen, die in der Hacienda Verdoja lagen, wußte er nichts. Er hatte die Hazienda ja vor dem Morgen verlassen, an dem sie dort angekommen waren.

Es wurde nun beschlossen, insgesamt aufzubrechen. Die Apachen wollten sich der Hazienda bemächtigen und Verdoja mit Pardero gefangennehmen. Beide waren dann ja gezwungen, ihre Gefangenen herauszugeben, und dann sollte Gericht über sie gehalten werden. Einer der Apachen ritt als Bote zurück, um dem Fliegenden Pferd zu melden, wo die nachfolgenden Krieger mit den zuerst aufgebrochenen zusammentreffen sollten.

Nun setzte sich der Zug in Bewegung. Voran ritten die Weißen mit Bärenherz und Grizzlytöter, den wohl bewachten Führer in der Mitte. Dann folgten unter Anführung des ältesten Kriegers die Apachen in ihrer gewohnten Weise, einer immer in den Tapfen des anderen reitend. Sie erreichten die Hochebene von Chihuahua und passierten die Gebiete mehrerer Haziendas, ohne von den Bewohnern derselben gesehen zu werden.

Am Spätnachmittag ritten sie an einem Wald vorüber, der sich so in die Länge dehnte, daß es unmöglich war, ihn zu durchsuchen, was eigentlich durch die Vorsicht geboten worden wäre. Als es dunkel wurde, gelangten sie an die Grenze von Verdojas Besitzung und sahen im Westen die Pyramide aufsteigen, die das Ziel ihrer Wanderung bildete. Sie erhob sich finster, von jeher der Schauplatz von Taten, die das Licht zu scheuen hatten.

36. Kapitel.

Im Norden der Mapimi, da, wo von Südwesten aus der Gegend von Cosigniachi her mehrere größere Wässer die Hochebene durchfließen, um sich dann von dem Plateau hinab in den Rio Grande del Norte zu stürzen, entlocken diese Wasser dem sonst unfruchtbaren Boden eine üppige Vegetation. Es gibt fruchtbare Weidestrecken, die von dichten Wäldern umschlossen werden, die sich hinab nach Sonora, der nordwestlichen Provinz von Mexiko erstrecken, wo sie sich dann in die leblosen Ebenen der Apacheria verlieren, denen weiter im Norden durch den Rio Gila einige Fruchtbarkeit abgezwungen wird.

Einer dieser Wälder war derjenige, an dem die Apachen unter Anführung Sternaus, Büffelstirns und Bärenherzens vorüberritten. Sie hatten während des ganzen Rittes keinen einzigen Menschen gesehen und hielten sich für vollständig sicher und unbeobachtet.

Hätte der Wald einen geringeren Umfang gehabt, so wäre er ganz gewiß von ihnen umstellt und durchsucht worden, dies war aber bei seiner ganz bedeutenden Größe vollständig unmöglich, und so begnügte man sich, an ihm vorüberzureiten und nichts als seinen Saum zu durchforschen.

Zu ganz derselben Zeit hätte ein aufmerksamer Beobachter in der Tiefe dieses Waldes ein leises aber ununterbrochen sich fortbewegendes Geräusch vernehmen können. Bald klang es wie das Knicken eines kleinen, dürren Zweiges, bald wie das Zusammenreiben von Blättern, an die jemand stieß. Dieses Geräusch blieb nicht an einer Stelle, sondern es bewegte sich fort, nach dem Rand des Waldes hin. Endlich erklangen sogar einige geflüsterte Worte:

»Hat mein Bruder gelernt, sich unhörbar zu bewegen?«

Darauf hätte man eine ebenso leise geflüsterte Antwort hören können:

»Unter den Bäumen ist es dunkel. Hat mein Bruder etwa die Augen einer Katze, daß er alle Zweige und Blätter erkennen kann?«

Darauf wurde es wieder still, nur ein geheimnisvolles Rauschen ließ sich vernehmen. Dann verstummte auch dieses, und nach kurzer Zeit lispelte es:

»Warum steht mein Bruder? Hat er etwas gehört?« – »Ja, er hörte das ferne Schnauben eines Pferdes.«

Da erklang dasselbe Schnauben abermals, und zwar in größerer Nähe.

»Es kommen Reiter. Hier ist eine große Kiefer; wer oben in den Zweigen sitzt, kann nicht gesehen werden und hat die Prärie vor sich liegen.«

Es waren zwei Indianer, die dieses Gespräch führten. Derjenige von ihnen, der die letzten Worte gesprochen hatte, umfaßte den Stamm und kletterte empor, der andere folgte ihm. Beide kletterten wie Eichkätzchen und zeigten eine solche Gewandtheit, daß nicht das geringste Geräusch zu vernehmen war. Als sie oben zwischen den dicht benadelten Ästen saßen, waren sie von unten unmöglich zu bemerken. Sie hatten ihre Waffen an sich hängen, wurden durch dieselben jedoch nicht im mindesten belästigt. Kaum saßen sie fest, so hörten sie nahende Schritte. Es waren diejenigen der Apachen, die von ihren Pferden gestiegen waren, um den Rand des Gehölzes zu untersuchen. Man konnte sie von oben nicht sehen. Als sie, dem Geräusch nach, vorüber waren, ertönte draußen lautes Pferdegetrappel, und die Truppe ritt vorüber.

»Uff!« flüsterte der eine Indianer. »Apachen.« – »In den Farben des Krieges!« fügte der andere bei. – »Es sind Bleichgesichter bei ihnen?« – »Vier! Uff! Uff!«

Die beiden letzten Worte waren in einem solchen Ton der Überraschung geflüstert daß der andere leise fragte:

»Worüber wundert sich mein Bruder?« – »Kennt mein Bruder das große, starke Bleichgesicht, das an der Spitze reitet?« – »Nein.« – »Es ist der Fürst des Felsens. Ich habe ihn gesehen vor drei Wintern, als ich in der Stadt war, die die Bleichgesichter Santa Fe nennen.« – »Uff! Das ist das tapferste Bleichgesicht, das es gibt! Aber kennt mein Bruder die beiden Häuptlinge, die daneben reiten?« – »Der eine ist Bärenherz, der Apachenhund.« – »Und der andere ist Büffelstirn, der Mixteka. Wir wollen sehen, wie viele reiten.«

Der Sitz der Indianer war so hoch, daß sie über die Wipfel des Waldrandes hinausblicken und den ganzen Zug übersehen konnten. Sie zählten genau, und als die Apachen vorüber waren, sagte der eine:

»Zwanzigmal zehn und noch sechs Apachen und vier Bleichgesichter!« – »Mein Bruder hat richtig gezählt, aber der Fürst des Felsens gilt hundert Apachen. Wohin gehen sie?« – »Diese Richtung geht nach der Hacienda Verdoja. Der Präsident von Mexiko hat die Krieger der Komantschen gerufen, und nun wird der Verräter Juarez die Apachen gerufen haben. Sie gehen nach der Hazienda, wohin auch wir wollen, und werden die Reiter, die sich dort befinden, töten wollen. Morgen kommen viele Krieger der Komantschen, die Apachen sind verloren und werden uns ihre Skalpe geben müssen. Wir müssen unsere Freunde auf der Hazienda warnen, aber wir müssen auch den Hunden der Apachen folgen, um darüber gewiß zu sein, was sie beabsichtigen.« – »So trennen wir uns. Ich folge ihnen, und mein Freund eilt nach der Hazienda.« – »So soll es sein.«

Die Indianer glitten vom Baum herab und drangen bis zum Ende des Waldes vor. Dort überzeugten sie sich zunächst, daß kein Nachzügler zu erwarten war, und dann traten sie auf die offene Prärie hinaus.

Jetzt konnte man beide genau erkennen. Es waren zwei Komantschen im vollen Kriegsschmuck. Sie trugen nicht das Häuptlingsabzeichen, aber sie waren jedenfalls keine gewöhnlichen Krieger, sonst hätte man ihnen nicht die schwierige Aufgabe anvertraut, das Terrain zu sondieren und auf der Hacienda Verdoja die Ankunft der verbündeten Komantschen anzusagen.

Die Sonne war im Untergehen, und in der Ferne verschwand jetzt der lange, schlangengleiche Zug der Apachen.

»Mein Bruder beeile sich, ihnen zu folgen. Er muß sie stets vor Augen haben, denn es wird nun so dunkel, daß man sich nicht auf die Fährte verlassen kann.«

Der andere eilte, ohne eine Antwort zu geben, vorwärts. Ein Kriegskundschafter hat selten ein Pferd bei sich, da ihm dasselbe oft hinderlich sein würde. So war es auch hier, und da der Komantsche als Fußgänger in dem weiten Raum der Prärie nur einen verschwindenden Punkt bildete und jede Art der Deckung benutzen konnte, so war es ihm leicht, selbst jetzt, da es noch hell war, sich den Apachen zu nähern, ohne von ihnen bemerkt zu werden.

Sein Kamerad blickte ihm eine Weile nach und schritt dann in westlicher Richtung davon. Die Apachen machten, um unbemerkt zu bleiben, einen Umweg; der Komantsche konnte sich also direkt nach den Weideplätzen der Hazienda wenden und kam dort eher an als sie, obgleich sie beritten waren.

Er war wohl noch nie in dieser Gegend gewesen, aber sein Instinkt und ein Rundblick über den Horizont ließen ihn erraten, wo die Hazienda liegen werde. Er hatte auch wirklich die genaue Richtung dahin eingeschlagen und eilte nun mit den langen, elastischen Schritten vorwärts, die man bei einem Indianer, wenn er Eile hat, beobachtet. Es wurde bald dunkel, aber er eilte weiter, als ob er jeden Fußbreit dieser Gegend kenne, bis er schließlich verschiedene Herdenfeuer sah, die die Vaqueros angezündet hatten, um sich zu erwärmen und die wilden Tiere abzuhalten. Er hielt sich jedoch von ihnen fern, obgleich er als Freund kam und niemand zu fürchten hatte, schlich sich unbemerkt zwischen den Herden hindurch und erreichte die Hazienda.

Dort weideten die Pferde der Dragoner, an den Vorderbeinen eng gefesselt, und vor der Umzäunung, die jede Hazienda besitzt, lagen die Krieger um mehrere Feuer. Der Komantsche duckte sich zur Erde, schlich nahe an sie heran und stand plötzlich mitten unter ihnen, wie aus der Erde emporgefahren.

Dies tut der Wilde auch dann gern, wenn er zu Freunden kommt, denn wer es versteht, sich unbemerkt anzuschleichen, der wird für einen guten Krieger gehalten. Die Dragoner erschraken beim Anblick der dunklen Gestalt, sprangen empor und griffen zu den Waffen, indem sie ihn sofort umringten.

Bei diesen Zeichen der Feindseligkeit machte der Komantsche eine geringschätzende Handbewegung, blickte sich ruhig im Kreis um und fragte:

»Fürchten sich die Bleichgesichter vor einem einzelnen roten Krieger?«

Einer der Dragoner, der die Abzeichen des Unteroffiziers trug, antwortete:

»Pah, wir fürchten uns vor hundert Roten nicht! Wer bist du?« – »Können die Bleichgesichter die Kriegsfarben der roten Männer nicht unterscheiden?« – »Ihr seid viele hundert Stämme, und der Teufel kann sich da die Malereien alle merken; aber wie mir scheint, bist du ein Komantsche?« – »Ich bin es. Wo ist der Häuptling der Weißen?« – »Du meinst den Rittmeister? Was willst du bei ihm?« – »Ich habe mit ihm zu sprechen.« – »Das läßt sich denken, aber es fragt sich, ob er mit dir zu sprechen hat.« – »Er muß froh sein, wenn der rote Krieger zu ihm kommt«, antwortete der Komantsche stolz. »Ich komme als Abgesandter der verbündeten Komantschen und habe ihm eine wichtige Botschaft mitzuteilen.« – »Das ist etwas anderes. Komm, ich werde dich führen!«

Der Unteroffizier schritt voran, der Indianer folgte ihm. Sie passierten das Palisadentor und begaben sich in das Innere des Gebäudes. Dort mußte der Wilde warten, bis er angemeldet war. Als er eintreten durfte, sah er den Rittmeister mit seinen Offizieren rauchend und spielend am Tisch sitzen. Er blieb ruhig und wortlos an der Tür stehen. Der Rittmeister warf einen verächtlichen Blick auf ihn, spielte seine Partie erst aus, warf dann die Karte von sich und fragte unmutig:

»Was willst du, Rothaut?«

Der Indianer antwortete nicht.

»Was du willst, frage ich!« wiederholte der Rittmeister. – »Mit wem spricht der Offizier?« fragte jetzt der Komantsche. – »Mit dir!« rief der Rittmeister. – »Ich dachte, der weiße Häuptling rede mit einem Fuchs.« – »Mit einem Fuchs? Bist du toll!« – »Der weiße Häuptling sprach mit einer Rothaut, und der Fuchs hat eine rote Haut.« – »Ah«, lachte der Offizier. »Du fühlst dich beleidigt! Nun gut, so werde ich höflicher sein. Was willst du, Komantsche?« – »Ich bringe den Gruß unserer großen Häuptlinge. Der Präsident hat uns gebeten, ihm unsere Hilfe zu leihen, und die Häuptlinge haben beschlossen, es zu tun.« – »Sehr freundlich von euch! Also eure Krieger werden kommen?« – »Ja, sie kommen. Bereits morgen früh wird ein ganzer Stamm sich in dem Wald befinden, der von hier gerade gen Osten liegt.« – »Ah, das geht rasch! Und die anderen?« – »Sie kommen nach, täglich ein berühmter Häuptling mit den Seinen.« – »Ihr scheint lauter berühmte Häuptlinge zu haben; ob sie uns aber großen Nutzen bringen, das wird sich erst zeigen. Sie werden sich zunächst unter meinen Befehl zu begeben haben. Ich werde noch heute abend einen Boten nach Chihuahua senden, um mir Verhaltungsmaßregeln geben zu lassen.«

Der Komantsche lächelte auf eine eigentümliche Weise und antwortete:

»Mein weißer Bruder spricht Worte, die ich nicht begreife.« – »Warum nicht?« – »Er will einen Boten senden, um Befehle zu holen, also kann er kein Häuptling sein, und dennoch verlangt er, daß die berühmten Führer der Komantschen ihm gehorchen sollen. Die Komantschen werden kommen, ihre Häuptlinge werden eine Beratung halten mit den Häuptlingen der Weißen, und dann wird man tun, was beschlossen worden ist. Ein Komantsche stellt sich nicht unter den Befehl eines fremden Kriegers.«

Der Rittmeister sah gar wohl ein, daß er hier nicht starke Saiten aufziehen dürfe, und antwortete daher:

»Wir streiten uns nicht. Wenn deine Häuptlinge kommen, werde ich mit ihnen sprechen. Was mich betrifft, so würde ich allerdings keinen Roten brauchen.«

Das Auge des Indianers glühte auf.

»Wenn du keinen Roten brauchtest, so wärest du morgen eine Leiche, und dein Skalp hinge an dem Gürtel eines Apachen«, antwortete er. – »Alle Wetter! Was sagst du da?« fragte der Rittmeister erschrocken. – »Was du gehört hast!« – »Du sprachst von Apachen?« – »Ja.« – »Sind sie etwa in der Nähe?« – »Ja.« – »Wo?« – »Sie sind von ihren Weideplätzen aufgebrochen, um die Weißen zu töten.« – »Das ist möglich, aber sie haben einen weiten Weg.« – »Sie haben gute Pferde.« – »Eure Komantschen werden eher hier sein als sie.« – »Die Apachen sind eher da als wir.« – »Donnerwetter! Morgen kommt ihr, da müßten sie also heute hier sein.« – »Sie sind hier.« – »Wo?« – »Sie können in diesem Augenblick bereits draußen bei euren Pferden sein.« – »Heilige Madonna, ist das möglich?«

Der Offizier sprang erschrocken auf und die anderen mit ihm. Der Komantsche lächelte über den Eindruck, den seine Worte machten. Ein Indianer wäre ganz kaltblütig sitzen geblieben. Er wußte sehr genau, daß die Wilden ihre Angriffe am liebsten gegen Morgen unternehmen. Wenn er auch die Apachen gesehen hatte, so war er doch überzeugt, daß die Hazienda jetzt noch vor ihnen sicher sei. Darum sagte er in stolzem Ton:

»Die Bleichgesichter fürchten sich!« – »Nein!« rief der Rittmeister. »Aber wir wollen uns nicht unvermutet und wehrlos morden lassen. Hast du die Apachen gesehen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Sie ritten am Wald vorüber, in dem morgen die Komantschen ankommen werden.« – »Wann?« – »Vor so viel Zeit, als die Bleichgesichter eine Stunde nennen.« – »Wie viele waren es?« – »Zehnmal zwanzig und sechs.« – »Alle Teufel, zweihundertundsechs! Doppelt so viel, als wir sind.« – »Es waren vier Bleichgesichter bei ihnen.« – »Ah! Jedenfalls Anhänger dieses Juarez! Jetzt ist es sicher, daß sie es auf die Hazienda abgesehen haben. Wir müssen uns in Verteidigungszustand versetzen!« – »Es werden dennoch viele Bleichgesichter fallen.« – »Das befürchte ich nicht. Wir ziehen uns hinter die Umzäunung zurück und sind dann vor ihren Kugeln sicher.« – »Es ist bei ihnen der größte Krieger der Bleichgesichter, er hat ein Gewehr, das viele Feinde tötet, ehe er wieder ladet.« – »Wer wäre das?« – »Der Fürst des Felsens.«

Dieser Name war überall bekannt und berühmt, auch die Offiziere hatten ihn bereits gehört

»Der Fürst des Felsens?« fragte der Rittmeister. »Donnerwetter, das wäre die beste Gelegenheit, diesen famosen Kerl einmal zu sehen. Ist er wirklich dabei?« – »Ja, ich kenne ihn.« – »Aber was haben wir ihm getan, daß er als Feind zu uns kommt?« – »Der Fürst des Felsens ist der Freund der Apachen und Komantschen, er ist der Freund aller roten und weißen Männer«, sagte der Indianer. »Er ist gerecht und gut, er tötet nur den, der ihn beleidigt hat. Wenn er als Feind nach der Hacienda Verdoja kommt, so muß es hier einen Mann geben, der sein Feind ist.« – »Hm, vielleicht Verdoja selbst? Aber der ist nicht mehr da, der hat sich aus dem Staub gemacht, der ist entflohen. Wo stecken die Apachen?« – »Ich weiß es nicht, aber es war einer meiner roten Brüder bei mir, der ist ihnen nachgeschlichen. Er wird kommen und berichten, wo sie zu finden sind.« – »Das genügt. Du bleibst bei uns, bis eure Krieger kommen?« – »Ich bleibe hier während der Nacht, dann aber gehe ich meinen Brüdern entgegen, um sie nach der Hazienda zu führen.«

Somit war dieses Gespräch beendet, und der Rittmeister traf seine Vorbereitungen zum Empfang der Apachen. Die Pferde wurden auf der Weide gelassen, um den Anschein zu bewahren, daß man von der Anwesenheit der Feinde gar nichts wisse, die Dragoner aber löschten ihre Feuer aus und zogen sich hinter die Palisaden und in das Gebäude zurück. Da ein jeder einen Karabiner, einen Degen und auch Pistolen hatte, so war vorauszusehen, daß die Apachen mit fürchterlichen Verlusten zurückgeschlagen werden würden.

37. Kapitel.

Als der Komantsche die Hazienda erreichte, waren die Apachen auch bei der Pyramide angekommen. Sie hielten in der Nähe des finsteren Bauwerks, und die Anführer betrachteten dasselbe mit nicht sehr angenehmen Gefühlen. Im Inneren dieses massiven Mauerwerks staken ja diejenigen, denen ihre Liebe gehörte.

»Könnte man das Dings da zertrümmern!« knirschte Donnerpfeil. – »Nur Geduld!« antwortete Sternau. »Wir werden die Unsrigen ganz sicher befreien.« – »Davon bin ich überzeugt. Aber was werden sie zu leiden haben, ehe wir sie finden!« – »Vielleicht gelingt es uns, ihre Leiden sehr bald zu beenden.«

Da sagte Büffelstirn:

»Jeder Seufzer, den Karja, die Tochter der Mixtekas ausgestoßen hat, bezahlt ein Feind mit dem Leben! Wo wird der Eingang sein?«

Sternau wandte sich an ihren Führer, den Mexikaner:

»An welcher Stelle habt ihr angehalten?« – »Kommen Sie.«

Der Mexikaner ritt eine Strecke weiter ab und blieb dann halten.

»Hier war es«, sagte er. – »Und wo verschwand Verdoja mit den Gefangenen?« – »Hier ist der Busch, in dessen Nähe er in das Dickicht drang, und dort die Ecke, an der ich das Licht der Laterne aufleuchten sah.«

»Gut. Wenn alles sich wirklich so verhält, soll dir das Leben geschenkt sein.« – »Señor, ich rede die Wahrheit.« – »Das ist gut für dich.«

Sternau rief die beiden Häuptlinge und Donnerpfeil herbei und zeigte ihnen das Terrain.

»So darf jetzt kein Mensch das Gebüsch und den Fuß der Pyramide betreten«, sagte Büffelstirn. »Verdoja ist öfters hin- und hergegangen, es müssen Spuren vorhanden sein trotz der Länge der Zeit, die seitdem vergangen ist, und diese Spuren können wir erst sehen, wenn es Tag geworden ist.« – »Warum warten bis der Tag anbricht?« fragte Bärenherz. – »Jawohl!« stimmte Donnerpfeil bei. »Meine Braut soll keine Minute länger in diesem Kerker schmachten, als es durchaus notwendig ist« – »Sie meinen, daß uns Verdoja selbst den Weg zeigen soll?« fragte Sternau. – »Ja.« – »So überfallen wir die Hazienda?« – »Ja, unbedingt! Und wehe ihm, wenn er uns nicht gehorcht.« – »Gut, so wollen wir zunächst einmal forschen, wie es in der Hazienda aussieht« – »Warum erst forschen«, sagte Donnerpfeil. »Wir reiten hin, fassen den Kerl fest und schleppen ihn her. Weiter ist ja nichts anderes möglich!«

Der gute Anton Helmers, genannt Donnerpfeil, hätte am liebsten gleich den Himmel herabgerissen, um der Geliebten baldige Erlösung zu bringen. Eben wollte Sternau antworten, als ein lauter Ruf erscholl:

»Uff! No-ki peniyil! – Uff, kommt herbei!«

Das waren Worte im Apachendialekt Es war also ein Apache, der gerufen hatte. Die Stimme klang in der Nähe, und zwar von der Richtung her, aus der sie gekommen waren.

»Wer war das?« fragte Sternau. – »Der Grizzlytöter«, antwortete der Apache. – »Ist er fort?« – »Ja, er wollte die Gegend durchsuchen, ob wir sicher sind.« – »So hat er etwas Wichtiges entdeckt. Schnell hin zu ihm!«

Sternau selbst sprang eilig vom Pferd und eilte nach dem Ort hin, wo der Ruf erklungen war. Da fand er den jungen Apachen am Boden kniend, und unter ihm lag ein Mensch, den er fest an der Erde hielt.

»Ein Komantsche!« sagte er.

Im Nu war ein Lasso zur Stelle, und der Komantsche wurde gebunden. Es war der Bote, der sich im Wald von seinem Kameraden getrennt hatte, um den Apachen nachzuschleichen.

»Wie kommt mein Bruder Grizzlytöter zu diesem Hund?« – »Ich ritt am Ende des Zuges und hörte ein Schleichen hinter uns«, erklärte der junge Held. »Es folgte uns ein Mann. Darum stieg ich vom Pferd, als wir hier angekommen waren, und suchte ihn. Ich fand ihn hier, er wollte unsere Rede belauschen. Da warf ich mich auf ihn und hielt ihn fest.«

Da trat Sternau herzu und betrachtete den Gefangenen.

»Ja«, sagte er, »es ist ein Komantsche; er ist uns gefolgt.« – »Tötet den Hund!« sagte einer der Apachen.

Nun wandte sich Sternau zu dem Sprecher und erwiderte in scharfem Ton:

»Seit wann sprechen bei den Apachen die Männer, ehe die Häuptlinge gesprochen haben? Wer seine Rede nicht zügeln kann, ist ein Knabe oder ein Weib.«

Jetzt trat der Mann beschämt zurück. Bärenherz stand auch dabei und fragte den Gefangenen:

»Wo hast du deine Gefährten?«

Der Gefragte antwortete nicht. Da versetzte ihm Grizzlytöter einen Hieb in das Gesicht und sagte:

»Wirst du antworten, wenn dich ein Häuptling der Apachen fragt!«

Aber der Mann schwieg. Und auch, als einige andere versuchten, ihn zum Reden zu bringen, war dies vergeblich, bis Sternau die Sache änderte, indem er fragte:

»Du bist ein Krieger der Komantschen und antwortest nur dem, der dich als tapferen Krieger behandelt. Wirst du fliehen, wenn ich deine Fesseln löse?« – »Ich bleibe«, antwortete der Mann. – »Wirst du mir antworten?« – »Dem Fürsten des Felsens antworte ich; er ist gerecht und gut; er schlägt keinen Gefangenen, der sich nicht wehren kann.«

Das ging auf Grizzlytöter, der sich durch einen Schlag in dem Komantschen einen Todfeind erworben hatte.

»Wie, du kennst mich?« fragte Sternau. – »Ich kenne dich und bin dein Gefangener.« – »Du gehörst dem, der dich besiegt hat. Stehe auf!«

Sternau band den Lasso los, und der Gefangene erhob sich vom Boden und machte auch nicht die geringste Miene zu entfliehen.

»Bist du allein hier?« fragte ihn jetzt Sternau. – »Nein«, lautete die Antwort. – »Sind viele bei dir?« – »Nur einer.« – »So seid ihr als Kundschafter gekommen?« – »Ja.« – »Und es kommen sehr viele Krieger hinter euch?« – »Weiter darf ich nichts sagen.« – »Gut, ich werde dich nicht weiter fragen. Also du wirst nicht entfliehen?« – »Ich werde fliehen.« – »Sprechen die Söhne der Komantschen in zwei Zungen? Du versprachst mir doch, zu bleiben.« – »Wenn ich dein Gefangener sein kann. Der Gefangene eines Knaben, der mich schlägt, mag ich nicht bleiben.« – »So müssen wir dich wieder binden.« – »Versucht es!«

Der Komantsche holte aus und hätte Grizzlytöter mit einem Schlag seiner Faust niedergeworfen, wenn Sternau nicht schneller gewesen wäre. Er faßte den erhobenen Arm des Komantschen mit der Linken und versetzte ihm mit der Rechten einen Hieb an die Schläfe, daß er zusammenbrach; in demselben Augenblick aber erhob auch Grizzlytöter sein Messer und stieß es dem Niederstürzenden in das Herz.

»Sein Skalp ist mein!« rief er. – »Ein schlechter Skalp!« sagte Sternau, indem er sich unwillig abwandte.

Grizzlytöter sah ihn betroffen an und fragte:

»Warum soll der Apache nicht den Komantschen töten?« – »Weil er ihn nicht in einem ehrlichen Kampf erlegt hat, soll er den Skalp nicht tragen«, entgegnete statt Sternau Bärenherz. »Der Komantsche war bereits betäubt Warum hast du ihn geschlagen? Ein tapferer Krieger trägt nicht den Skalp dessen, den er entehrt hat.«

Das war eine harte, aber wohlverdiente Zurechtweisung. Der junge Apache wandte sich ab, warf keinen Blick mehr auf die Leiche und getraute sich nicht wieder in die Nähe der Häuptlinge zu treten, die sich jetzt mit halblauter Stimme berieten.

»Wenn heute zwei Kundschafter hier sind, so steht es fest, daß die Komantschen bald nachkommen«, sagte Sternau. »Wir müssen vorsichtig sein. Die zwei haben uns gesehen und sich dann jedenfalls geteilt. Der eine ist uns nachgefolgt und der andere ist nach der Hazienda geeilt, um deren Bewohner zu warnen. Wollen wir sie überfallen, so ist es nötig, vorher zu rekognoszieren. Und das werde ich selbst tun. Die Zurückbleibenden mögen absitzen, um ihre Pferde weiden zu lassen. Sie mögen ein Lager ohne Feuer bilden und Wachen aufstellen. Sie mögen ferner dafür sorgen, daß die Spuren Verdojas nicht zerstört werden.«

Nach dieser Anordnung und nachdem er sich bei dem mexikanischen Führer nach der Lage der Hazienda erkundigt hatte, schritt Sternau davon. Die schwere, ihn hindernde Büchse ließ er beim Pferd zurück, aber den Henrystutzen warf er über die Schulter.

Es war ganz dunkel geworden, aber als er ungefähr fünf Minuten gegangen war, sah er die Herdenfeuer leuchten. Sie dienten ihm als untrügliche Wegweiser.

Eines dieser Feuer brannte an der Seite eines großen Felsblocks, der mitten in der Ebene lag. Die Flamme war hier gegen den Luftzug geschützt, und fünf bärtige Vaqueros bildeten einen Halbkreis um dieselbe.

Sternaus scharfes Auge erkannte die günstige Gelegenheit, etwas zu erlauschen, sofort. Rasch schlich er sich herbei, und dies wurde ihm nicht schwer, denn der nur von der einen Seite erleuchtete Felsen warf nach der entgegengesetzten Richtung einen riefen Schlagschatten, in dessen Dunkel Sternau vollständig sicher herbeischleichen konnte. Er faßte an dieser Seite des Felsens Posto und konnte nun jedes Wort des Gesprächs belauschen.

»Verdammt gefährlich ist's für uns«, sagte jetzt einer der Vaqueros. – »Nicht im mindesten«, antwortete ein anderer. – »So? Wenn die Apachen kommen, über wen fallen sie zuerst her? Über uns.« – »Ich wette mein Leben, daß sie erst gegen Morgen kommen, und dann sind wir nicht mehr da. Wir sollen uns ja bereits um Mitternacht in die Hazienda zurückziehen.« – »Wo mögen sie stecken?« – »Das werden wir erfahren, sobald der andere Komantsche kommt; er ist ihnen nachgegangen. Dieser Rittmeister der Dragoner scheint in tüchtiger Kerl zu sein. Er hat die Hazienda verbarrikadiert, daß sicherlich kein Apache über die Palisaden kommt. Und wenn über hundert Dragonergewehre krachen, dann werden nicht viele Rothäute übrigbleiben.«

Ah, war das so! Sternau hörte, daß ein Rittmeister mit einer Schwadron Dragoner hier lag. Das gab der Sache eine ganz andere Wendung. Er trat schnell entschlossen hinter dem Felsen hervor und grüßte. Die Vaqueros sprangen entsetzt auf und griffen nach ihren Gewehren, als sie aber sahen, daß sie einen Weißen vor sich hatten, beruhigten sie sich.

»Es liegen Dragoner in der Hazienda?« fragte er. – »Ja«, antwortete einer. – »Wie viele?« – »Über hundert.« – »Regierungstruppen?« – »Ja.« – »Wird man den Rittmeister sprechen können?« – »Sicher.« – »Gute Nacht.«

Sternau wandte sich ab und schritt der Hazienda zu.

»Santa Madonna«, sagte der Vaquero, »ich dachte zunächst, es sei der Teufel!« – »Ja«, meinte ein zweiter, »ich dachte, es sei der Geist des Riesen Goliath. So einen Kerl habe ich noch gar nicht gesehen!« – »Wie er einen anguckte! Man war ganz verblüfft. Man hätte ihn doch eigentlich examinieren sollen! Wer mag er sein?« – »Er war keine Rothaut, und das ist genug. Er sah aus wie ein Jäger aus dem Norden; wir werden ihn noch kennenlernen, denn jedenfalls sucht er sich ein Nachtlager in der Hazienda.«

Während hier am Feuer diese Vermutungen ausgesprochen wurden, schritt Sternau dem Haus entgegen. Als er die vor demselben weidenden Pferde sah, lächelte er.

Er schritt an den Palisaden entlang und hörte dahinter flüstern. Diese Dragoner waren nicht die Leute, einen Savannenmann zu täuschen. Am Tor klopfte er an.

»Wer ist draußen?« fragte eine Stimme. – »Ein Fremder«, antwortete er. – »Was will er?« – »Mit dem Rittmeister sprechen.« – »Ah, ist's ein Roter oder ein Weißer?« – »Ein Weißer.« – »Allein?« – »Ganz allein!« – »Hm, wer darf trauen! Das Tor öffne ich nicht, Könnt Ihr klettern?« – »Ja.« – »So steigt über die Palisaden; wir wollen's erlauben, wenn es nur einer ist; sind es aber mehrere, so schießen wir sie über den Haufen!« – »So tretet hinten weg!«

Sternau schritt eine kurze Strecke zurück und nahm einen Anlauf; im nächsten Augenblick flog er über die Planken hinüber und mitten unter die Dragoner hinein, die nicht geahnt hatten, daß sie es mit einem solchen Voltigeur zu tun hatten. Er riß einige davon zu Boden, während die anderen zusammenprallten, daß die Köpfe krachten.

»Donnerwetter!« rief die Stimme, die bereits vorhin gesprochen hatte. »Was ist denn das? Ihr fliegt ja aus den Wolken herab! Ich denke, Ihr wolltet über die Palisaden steigen?« – »Das tat ich auch, aber nur in meiner Weise«, lachte Sternau. – »Nun, das ist eine ganz verdammte Art und Weise! Ihr könnt dabei Hals und Beine brechen und anderen ehrbaren Leuten die Knochen zerschlagen. Wer seid Ihr denn?«

Es war ein Unteroffizier, der das sagte. Er rieb sich den Rücken, denn er gehörte auch zu denen, welche niedergerissen worden waren.

»Ein Jäger bin ich.« – »Ein Jäger? Hm, ich denke, Ihr hättet es auch zum Seiltänzer bringen können! Und mit dem Rittmeister wollt Ihr reden?« – »Ja.« – »Was denn?« – »Was Euch nichts angeht! Wenn ich es Euch sagen wollte, brauchte ich es nicht dem Rittmeister zu erzählen. Verstanden?« – »Heilige Madonna, seid Ihr ein Grobian! Woher wißt Ihr denn, daß ein Rittmeister hier ist?« – »Es hat mir geträumt. Vorwärts, ich habe nicht viel Zeit.« – »Hopp, hopp! Wenn ein mexikanischer Unteroffizier der Dragoner Auskunft verlangt, so hat man ihm zu antworten!« – »Das tue ich ja auch. Oder bin ich Euch vielleicht zu einsilbig?« – »Beileibe nicht! Ihr redet eher zu viel. Seid Ihr bewaffnet?« – »Ja.« – »So gebt die Waffen ab!« – »Weshalb?« – »Es sind Kriegszeiten, und da muß man vorsichtig sein. Wie nun, wenn Ihr nur kämt, um den Rittmeister zu ermorden!« – »Glaubt Ihr, daß es so einen Wahnsinnigen geben kann? Ich wäre ja sofort des Todes. Oder sind die mexikanischen Dragoner Memmen, die man nicht zu fürchten braucht, weil sie selbst sich fürchten vor einem einzelnen Mann, der eine Flinte hat?« – »Hört, Mann, zu reden versteht Ihr wie sonst einer! Nun, ich will einmal von der Regel absehen und Euch auch bewaffnet zum Rittmeister lassen. Kommt!«

Der Unteroffizier führte Sternau nun in ganz dasselbe Zimmer, in dem nicht lange Zeit vorher der Komantsche gewesen war. Die Offiziere saßen noch immer beim Spiel. Als sie Sternau erblickten, erhoben sie sich unwillkürlich. Der Eindruck seines Äußeren gab sich sofort zu erkennen.

38. Kapitel.

»Wer sind Sie, Señor?« fragte der Rittmeister, als er den höflichen Gruß des Eintretenden erwidert hatte.

Sternau warf einen Blick im Zimmer umher und dann auf die Offiziere. Sie trugen ihre Degen, waren aber sonst unbewaffnet.

Er antwortete: »Mein Name ist Sternau, Señor; ich bin Arzt und reise teils in Familienangelegenheiten und teils, um meine Erfahrungen zu erweitern. Ich komme nach dieser Hazienda, um mit Señor Verdoja in Ihrer Gegenwart ein Wort zu sprechen.« – »Das ist unmöglich, denn Verdoja ist nicht hier.« – »Ah! Wo befindet er sich?« – »Ich weiß es nicht; ich vermute, daß er sich vor uns aus dem Staub gemacht hat.« – »Das ist mir höchst unangenehm. Seit wann befinden Sie sich hier?« – »Seit heute vormittag.« – »War da Verdoja bereits fort?« – »Nein. Ich sprach mit ihm. Er sagte, daß er seine Vaqueros zu inspizieren hätte, und ritt davon. Er kam nicht zurück, und ich habe erfahren, daß er bei keinem einzigen Vaquero gesehen wurde. Er war ein Anhänger von Juarez und floh deshalb. Sein Lieblingsdiener ist mit ihm verschwunden.« – »So befindet sich wenigstens Señor Pardero hier?« – »Pardero? Ah, der Leutnant Verdojas? Nein, er ist nicht hier.«

Das gab Sternau zu denken. Waren diese beiden Männer mit ihren Gefangenen entflohen? Möglich war es schon. Oder hatten sie sich vor den Regierungstruppen in die Pyramide geflüchtet? Welch ein Los erwartete da die beiden Mädchen! Es lag auf der Hand, daß keiner der Offiziere von dem verbrecherischen Tun Verdojas etwas ahnte. Sollte Sternau es ihnen erzählen? Vielleicht war es gut, vielleicht auch nicht.

»Sie sind mit Verdoja und Pardero Freund?« fragte der Rittmeister. – »Nein«, antwortete Sternau. »Diese beiden Männer sind die größten Schurken, die ich jemals kennenlernte. Ich kam, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.« – »Ach, ich teile Ihre Meinung vollständig; um so mehr tut es mir leid, daß Sie diese Leute nicht finden.« – »Sie haben wirklich keine Ahnung, wo sie zu suchen sind?« – »Nicht die geringste.« – »So habe ich Sie umsonst inkommodiert und bitte, mich zu entschuldigen.«

Man hatte während der kurzen Unterhaltung noch nicht daran gedacht, Sternau einen Sessel anzubieten; jetzt, als er sich mit einer Verbeugung verabschieden wollte, sagte der Rittmeister:

»Nehmen Sie doch Platz, Señor! Sie bleiben diese Nacht doch hier?« – »Nein.« – »Ah, nicht? Sie wollen weiter? Die beiden Männer suchen?« – »Ja, allerdings.« – »Hören Sie, das ist gefährlich! Sie sind fremd, und es ist gewissermaßen Revolution im Land. Es streifen wilde Indianer gerade in dieser Gegend herum, und ich will Ihnen aufrichtig sagen, daß wir sogar diese Nacht einen Überfall der Apachen hier erwarten. Wenn Sie diesen Schuften in die Hände fallen, so sind Sie verloren!« – »Oh, ich fürchte sie nicht, Señor!« – »Nicht? Hm, Sie sind ein Neuling im Land!« – »Nicht so ganz! Übrigens weiß ich, daß die Indianer im Grunde genommen bessere Menschen sind, als man zu meinen gewohnt ist.« – »Sie irren, Sie irren sehr. Da liegt neben der hiesigen Besitzung eine weite Länderei, die dem Grafen Rodriganda gehört Er hat eine Anzahl Pueblo-Indianer angestellt, und vorige Woche haben sie den Majordomo mit fast sämtlichen Weißen abgeschlachtet.« – »Das tut mir leid, hat seinen Grund aber jedenfalls in der nicht menschenfreundlichen Administration des Señor Cortejo.« – »Ah, Sie kennen diesen Cortejo, der die Güter des Grafen verwaltet?« – »Ja, er wohnt in Mexiko.« – »Das ist richtig. Dieser Graf Rodriganda ist einer der reichsten Grundbesitzer des Landes. Ich möchte wünschen, sein Sohn oder Erbe zu sein.«

Sternau lächelte und verbeugte sich verbindlich.

»Dann wären wir Verwandte«, sagte er. – »Verwandte?« fragte der Offizier. – »Ja. Meine Frau ist eine Condesa de Rodriganda y Sevilla, die einstige Erbin der Güter, von denen Sie sprachen.«

Der Rittmeister fuhr empor.

»Nicht möglich!« rief er. »Eine Gräfin de Rodriganda die Frau eines Arztes?« – »Es ist dennoch so!« – »Dann sind Sie von Adel?« – »Nein.« – »Aber ich bitte Sie! Das wäre ja kaum zu verstehen!«

Sternau griff in die Tasche und zog den letzten Brief hervor, den er von Rosa erhalten hatte. Er zeigte dem Rittmeister die Über- und die Unterschrift, den Stempel des Bogens und das Siegel des Kuverts.

»Bitte, überzeugen Sie sich«, sagte er. – »Wahrhaftig, das ist das Siegel der Rodriganda; ich kenne es sehr genau. Sie müssen nämlich wissen, daß ich mit Alfonzo de Rodriganda, der sich jetzt in Spanien befindet, sehr befreundet war. Ich habe von ihm erfahren, daß er eine Schwester besitzt, die Rosa heißt, und sehe also, daß Sie die volle Wahrheit sagen. Nun müssen Sie bei uns Platz nehmen, denn es versteht sich ganz von selbst, daß ich Sie nicht fort lasse!«

Sternau lächelte abermals und erwiderte:

»Ihre Freundlichkeit verpflichtet mich zum größten Dank, aber ich darf nicht bleiben.« – »Warum?« – »Ich werde erwartet.« – »Wo? Außerhalb der Hacienda Verdoja?« – »Ja.« – »Teufel, wo könnte das sein? Bis zur nächsten Besitzung hat man fast einen Tag zu reiten. Und daß Ihre Gesellschaft im Freien kampiert, nehme ich doch nicht an.« – »Und doch ist es so. Ich werde von den Apachen erwartet.«

Sternau sprach diese Worte mit einem unendlichen Gleichmut aus, und doch war die Wirkung ganz dieselbe, als ob eine Bombe geplatzt wäre. Die Herren Offiziere fuhren von ihren Sitzen auf und dann weit auseinander.

»Von den Apachen?« fragte der Rittmeister mit offenem Mund. – »Ja.« – »Alle Wetter, das ist ein Spaß! Erklären Sie mir das!« – »Die Erklärung ist einfach, ich bin der Anführer der Apachen.«

Die Bestürzung der Herren verdoppelte sich; sie waren das, was man perplex nennt.

»Ihr Anführer? Aber das ist ja unmöglich!« – »Es ist im Gegenteil nicht nur möglich, sondern wirklich. Soll ich es Ihnen beweisen?« – »Ja, ich bitte Sie darum, ich bitte Sie recht sehr darum.« – »Nun, Sie haben einen Komantschen hier?« – »Das stimmt. Aber was hat das mit Ihrem Beweis zu tun?« – »Und den anderen Komantschen haben wir«, fuhr Sternau unbeirrt fort. – »Sie haben ihn?« fuhr der Offizier auf. – »Ja. Diese beiden Komantschen beobachteten uns, und dann trennten sie sich. Der eine ging nach dieser Hazienda, und der andere folgte unserer Fährte. Er war dabei sehr unvorsichtig, wurde ertappt und von einem der Apachen erstochen.«

Da griff der Rittmeister an seinen Degen und donnerte: »Señor, ist das wahr?« – »Ja.« – »Und das sagen Sie uns, die wir mit den Komantschen verbündet sind? Sie wagen es, in dieses Haus zu kommen?« – »Ah, pah, ich wage nichts! Ich kam in dieses Haus, um mit Verdoja eine Abrechnung zu halten, und nun ich ihn nicht finde, halte ich es für meine Pflicht, Ihren Leuten zu sagen, daß sie schlafen gehen können. Die Apachen werden keinen Angriff auf die Hazienda unternehmen.« – »Aber, zum Teufel, träume ich denn?« fragte der Offizier, indem er sich an den Kopf griff. – »Nein, Sie wachen. Mein Erscheinen hier mag Ihnen ein wenig ungewöhnlich vorkommen, ist aber sehr leicht zu erklären. Die Apachen kommen nicht, um mit den Weißen Krieg zu führen, sie beabsichtigen weiter nichts, als sich von den Komantschen einige Skalpe zu holen; sie sind meine Freunde, aber darum bin ich noch nicht Ihr Feind, Señor. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Apachen weder Ihnen noch der Hazienda einen Schaden zufügen werden, und daher erwarte ich, daß auch Sie meine Freunde nicht belästigen.« – »Den Teufel können Sie erwarten!« rief der Rittmeister. »Die Apachen sind Feinde unserer Verbündeten, also auch die unsrigen, ich werde sie niedersäbeln, wo ich sie finde!« – »Ich habe keine Veranlassung, Sie zu bekehren; aber betrachten Sie mich wenigstens als einen Abgesandten, der Sie um einen dreitägigen Waffenstillstand bitten will!« – »Fällt mir nicht ein! Die Rothäute mögen heute nacht kommen und sich blutige Köpfe holen. Und kommen sie nicht, so werde ich sie morgen aufsuchen; darauf können Sie sich verlassen!« – »Dies ist Ihr Ernst?« – »Mein vollständiger!« – »Dann habe ich hier nichts mehr zu suchen. Gute Nacht!«

Da trat ihm der Rittmeister in den Weg und fragte:

»Halt, wohin?« – »Fort, zu meinen Apachen«, antwortete Sternau gleichmütig. – »Sie? Fort? Daß ich ein Narr wäre! Sie bleiben da, Sie sind mein Gefangener!« – »Sie scherzen«, lachte Sternau. – »Donnerwetter, in solchen Sachen scherzt man nicht! Es ist mein vollständiger Ernst!« – »Sie erklären einen Abgesandten, einen Parlamentär, für gefangen?« – »Von den Roten erkenne ich keinen Parlamentär an. Übrigens sind Sie ganz ohne meine Erlaubnis gekommen, ich habe keinerlei Verpflichtung gegen Sie. Sie sind gekommen, um sich unsere Vorbereitungsmaßregeln anzusehen, ich erkläre Sie für einen Spion!« – »Halt, Señor! Der Gemahl einer Rodriganda ein Spion?« – »Pah, ich glaube jetzt nicht mehr an das, was ich vorhin für wahr hielt!« – »Tun Sie, was Ihnen beliebt! Ich aber bemerke Ihnen, daß ein Spion sich wohl nicht in der Weise in die Hazienda wagen würde, wie ich es getan habe.« – »Nun gut, Spion oder nicht! Sie sind in der Hazienda, Sie haben unsere Vorbereitungen gesehen, und Sie dürfen also nicht fort!« – »Wer will mich halten?« – »Ich, Señor!« entgegnete der Rittmeister drohend. – »Pah, Sie und alle Ihre Dragoner können mich nicht halten. Ich werde gehen, wie mir es beliebt, gerade so, wie ich gekommen bin, als es mir beliebte.«

Da zog der Offizier den Degen.

»Sie bleiben!« gebot er. »Sie riskieren sonst Ihr Leben!« – »Haben Sie keine Sorge um mich!« lächelte Sternau. »In solcher Gesellschaft riskiert der Fürst des Felsens ganz und gar nichts.«

Da erbleichte der Rittmeister und mit ihm die anderen Offiziere, trat zurück und sagte:

»Der Fürst des Felsens? Dios, ja, er soll dabeigewesen sein!« – »Allerdings war er bei den Apachen. Ich selbst bin es. Und nun versuchen Sie einmal, mich zu halten!«

Der Rittmeister war doch mutig genug, ihm wieder nahe zu treten. Er gebot:

»Und wenn Sie es zehnmal sind, Sie bleiben mein Gefangener. Legen Sie die Waffen ab!« – »Das dürfte mir wohl schwerlich einfallen! Übrigens haben Sie nur Ihre Degen, Señores, ich dürfte nur den Revolver ziehen, so wären Sie verloren; aber ich tue es anders. Ich habe gesagt, daß ich Ihr Feind nicht bin, und bitte nochmals, mich zu entlassen.« – »Sie bleiben!« gebot der Rittmeister. – »Nun denn, Sie wollen es nicht anders!«

Damit erhob Sternau blitzschnell die Faust, und in derselben Sekunde krachte der Rittmeister besinnungslos zu Boden. Ehe die beiden Leutnants nur einen Gedanken haben konnten, stand er auch schon vor ihnen – zwei Faustschläge, und auch sie lagen an der Erde, er hatte sich die Bahn frei gemacht und ging.

Als er in den Hof kam, empfing ihn derselbe Unteroffizier.

»Fertig?« fragte dieser. – »Ja. Laßt mich hinaus!« – »Durch die Tür?« – »Versteht sich, denn nun werdet Ihr ja glauben, daß ich allein bin!« – »Na, so kommt!«

Der Unteroffizier trat an das Tor, um es zu öffnen. In diesem Augenblick kam eine dunkle Gestalt herangeschlichen, es war der Komantsche, der einen Rundgang gemacht hatte. Die hohe Gestalt Sternaus fiel ihm auf; er trat heran, warf einen forschen Blick auf ihn und rief:

»Der Fürst des Felsens!« – »Der Fürst des Felsens!« erscholl es von Mund zu Mund. – »Haltet ihn fest!« schrie der Komantsche abermals und faßte zugleich nach Sternau. – »Sei nicht dumm, Komantsche!« gebot da Sternau. »Wie kannst du den Fürsten des Felsens halten! Ich weiß, du willst meinen Tod nicht, ich den deinen auch nicht. Pack dich!«

Damit ergriff er den Roten und gab ihm einen Stoß, daß er weit fortflog. Da aber wurde ein Fenster aufgerissen, und man sah den von der Lampe beschienenen Kopf des Rittmeisters erscheinen.

»Ist er noch da?« rief er in den Hof hinaus. »Nehmt ihn gefangen!« – »Hier ist er! Haltet ihn, haltet ihn fest!« rief es aus mehr als einem Dutzend Kehlen.

Doppelt so viele Hände streckten sich nach Sternau aus. Dieser aber riß den Stutzen von der Schulter und schlug ein gewaltiges Rad mit demselben. Der zwölffache Hieb, den er so austeilte, schaffte ihm freie Bahn, dann nahm er einen Anlauf und flog ebenso schnell über die Palisaden hinaus, wie er über dieselben hereingekommen war.

Jetzt griff alles zu den Gewehren, man kletterte an den Planken empor und schoß nach ihm. Doch Sternau hatte dies vorausgesehen und war im eiligsten Lauf um die nächste Ecke gebogen; daher flogen die Kugeln in eine vollständig falsche Richtung.

»Zu den Vaqueros, zu den Vaqueros!« rief der Rittmeister. »Sie mögen ihn fangen!«

Das Tor wurde geöffnet, und mehrere der flinksten Dragoner rannten zu den Herdfeuern, um die Vaqueros zu unterrichten; da aber bog Sternau wieder um die Ecke herum und schlich sich zu den Pferden. Vier von ihnen weideten auf einem separaten Platz, das waren die Offizierspferde, die besten von allen. Er sprang hinzu, löste die Fessel des einen, schwang sich auf und galoppierte davon, ehe noch einer der Vaqueros erfuhr, um was es sich handle.

Die Herren Dragoner hatten heute abend den Fürsten des Felsens kennengelernt.

39. Kapitel.

Sternau ritt natürlich nicht direkt nach der Pyramide. Er wußte, daß man auf den Hufschlag seines Pferdes hören werde, und wandte sich daher der entgegengesetzten Richtung zu, machte nachher einen weiten Bogen und kam, da er sich so fern wie möglich von der Estanzia halten mußte, erst spät zu der Pyramide.

Als man dort das Pferdegetrappel hörte, sah er sich plötzlich von den Wachen der Apachen umringt. Die Wilden rufen keinen Menschen an. Wäre dieser Reiter nicht Sternau gewesen, so hätte er sterben müssen, ohne daß eine Silbe gesprochen worden wäre.

»Wo sind die Häuptlinge?« fragte er.

Er wurde zu ihnen geführt. Unmittelbar am westlichen Fuß des Bauwerks entsprang eine Quelle; man hatte sie entdeckt, und hier wurden die Pferde getränkt. Die Häuptlinge hatten sich dort niedergelassen. Das war dieselbe Quelle, die in früheren Zeiten den im Inneren der Pyramide befindlichen Brunnen gespeist hatte.

Sternau teilte mit, was er gesehen und gehört hatte. Er war sicher, daß diese Nacht nicht die mindeste Störung vorkommen würde, aber ebenso sicher war es, daß man morgen die Apachen aufsuchen würde, und so fragte es sich, was für einen solchen Fall zu tun sei. Sich zurückziehen wollte keiner, alle wollten den Platz behaupten, die einen, weil sie nicht gehen wollten, ohne ihre Lieben zu erlösen, und die anderen infolge des regen Ehrgefühls, das die Apachen auszeichnet.

Die Dragoner brauchte oder wollte man nicht fürchten. Vielleicht hätten die Roten doch anders gedacht, wenn nicht der Fürst des Felsens und Donnerpfeil bei ihnen gewesen wären. Und die Komantschen, die eintreffen wollten, bekamen es jedenfalls sehr bald mit den Apachen zu tun, die das Fliegende Pferd nachsenden wollte.

»Wir bleiben hier!« entschied auch Sternau, und das gab den Ausschlag. »Wir können unmöglich gehen«, fuhr er fort, »ohne zu wissen, ob die Unsrigen zu retten sind oder nicht. Dieser alte Opferplatz bietet uns eine Position, wie sie bequemer, fester und sicherer gar nicht gedacht werden kann. Wir haben Wasser für uns und die Pferde, die Büsche geben uns Deckung, es fehlt uns nur der Proviant. Und dieser ist sehr leicht beschafft, wir dürfen ja nur eine Anzahl Rinder herbeitreiben. Von Mitternacht an sind die Vaqueros nicht mehr auf der Weide; sie werden uns nicht stören.«

Das wurde getan. In sehr kurzer Zeit hatte man eine genügende Anzahl Rinder da, um die Apachen auf zwei Wochen lang mit Fleisch zu versehen, und das Areal, auf dessen Mittelpunkt die Pyramide stand, war groß genug, diesen Rindern mit sämtlichen Pferden Futter zu gewähren.

Jetzt legte sich ein jeder, der nicht zu wachen hatte, in seine Decke gewickelt zur Erde, um sich für die Anstrengungen des kommenden Tages zu stärken. Donnerpfeil, Bärenherz und Büffelstirn schliefen nicht. Sie dachten an die Gefangenen, die jedenfalls im Inneren der Pyramide steckten, und die Sorge um diese hielt sie wach.

Schon mit Tagesanbruch weckten sie Sternau, ohne den sie nichts unternehmen mochten. Dieser war ihnen auch sofort zu Willen.

Diese vier Männer stellten sich an den Punkt, den der Mexikaner ihnen gestern abend gezeigt hatte, und als sie die Erde untersuchten, fanden sie Spuren, die deutlich nach der südöstlichen Ecke der Pyramide führten. Sie folgten diesen Spuren durch das Gebüsch, dann aber gab es grasigen Boden, auf dem sie vollständig verschwanden. Es war zu lange Zeit vergangen, und so hatte sich das Gras wieder aufgerichtet.

Das war schlimm. Die vier scharfsichtigen Männer, denen es wohl selten einer gleichtat, standen völlig ratlos da; es wurde alles versucht und probiert, aber vergeblich. Nun mußten die Apachen herbei. Das ganze Gebüsch, die Umfassung der Pyramide, die vier Seiten und die stumpf gewordene Spitze des alten Bauwerks, alles wurde auf das genaueste untersucht, doch man fand nichts.

Es war fast ein Gefühl der Verzweiflung, das sich der vier Männer bemächtigte, aber man beschloß, die Untersuchung von neuem zu beginnen. Man war bereits wieder im vollen Zug, als plötzlich von der Höhe der Pyramide ein lauter Ruf erscholl. Man blickte empor. Grizzlytöter stand oben, winkte, daß man sich verstecken solle, und kam auch selbst mit größter Schnelligkeit herunter.

»Was gibt es?« fragte Sternau. – »Reiter«, lautete die Antwort. – »Wo?« – »Von der Hazienda her. Es sind ihrer viele, und sie kommen im Galopp.«

Ja, die Dragoner waren im Anzug. Der Komantsche hatte bereits gestern abend von dem Rittmeister erfahren, daß sein Genosse von den Apachen getötet worden sei, und dies hatte ihn zur Rache getrieben. Er war noch während der Nacht nach dem Wald gegangen, in dem er auf der Weimutskiefer gesessen, und hatte dann mit Tagesanbruch sein Werk begonnen, er war den Spuren der Apachen gefolgt. Als er in die Nähe der Pyramide kam, gebot ihm die Klugheit, haltzumachen. Er ahnte, daß sie sich dort bei der Pyramide befänden. Er schlug einen weiten Kreis um dieselbe und erfuhr da, daß die Spuren nur bis zu dem Bauwerk, aber nicht weiterführten.

Jetzt kehrte er in die Hazienda zurück und machte dem Rittmeister seine Meldung. Dieser war noch voller Wut über die Schlappe, die er gestern abend erhalten hatte, und beschloß, sich sofort zu rächen. Er ließ satteln und aufsitzen und ritt mit allen seinen Leuten nach der Pyramide; auch die meisten Vaqueros schlössen sich an, um Zeugen des Kampfes zu werden.

Als Sternau den Reitertrupp herankommen sah, nickte er nachdenklich mit dem Kopf. Über sein schönes, männliches Gesicht glitt ein Zug lustiger Ironie. »Das sind über hundert Mann«, sagte er. »Wie viele Apachen sind nötig, sie abzuhalten?« – »Fünfzig«, antwortete Bärenherz. – »Sagen wir hundert«, meinte Sternau. »Die anderen hundert will ich mit mir nehmen.« – »Wohin?« – »Das ist noch mein Geheimnis. Grizzlytöter mag hundert Mann aufsitzen lassen und mit mir kommen.«

Noch war kaum eine Minute vergangen, so saßen sie im Sattel und warteten auf Sternau, um sich von ihm führen zu lassen.

»Was beabsichtigen Sie denn eigentlich?« fragte Donnerpfeil. – »Das werden Sie später sehen.« – »Sie kommen doch wieder?« – »Versteht sich. Halten Sie sich gut gegen die Dragoner!«

Sternau setzte sich nun an die Spitze seiner Reiter und verließ die Pyramide. Gerade von Süden her kamen die Dragoner, und gerade nach Norden ritten die Apachen davon, die ersteren konnten die letzteren nicht sehen, da das breite, hohe Bauwerk dazwischen lag.

Sternau ritt im schnellsten Galopp. Als er bemerkte, daß er von der Pyramide aus nicht mehr gesehen werden konnte, schwenkte er nach Westen, dann nach Süden und in einer Weile nach Osten ein. Auf diese Weise hatten sie einen Halbkreis geschlagen und kamen von Westen her auf die Hazienda zu. Als sie die Besitzung endlich sahen, bemerkten sie, daß kein einziger Vaquero sich auf der Weide befand, darum erreichten sie das Haus ganz unbemerkt. Es war nur die alte Wirtschafterin mit dem weiblichen Dienstpersonal vorhanden.

Sie erhoben ein fürchterliches Angstgeheul, als sie die Apachen erblickten, wurden aber bald zur Ruhe gebracht. Jetzt wurde das ganze Haus durchsucht. Man fand Proviant in Menge, auch Waffen und Munition, von der letzteren den ganzen Vorrat der Dragonerschwadron. Alles, was bei einem Biwak an der Pyramide gebraucht werden konnte, wurde auf die Pferde geladen, dann sperrte man die Frauen ein, und als die Apachen nun fertig waren, warteten sie auf die Rückkehr der Dragoner.

Als diese vorhin in die Nähe der Pyramide gekommen waren, hielten sie zunächst an, um zu rekognoszieren. Ein Unteroffizier mußte mit seiner Sektion absteigen und zu Fuß vorrücken. Die Dragoner näherten sich den Büschen immer mehr, ohne daß man dort ein Lebenszeichen bemerkt hätte, und schon glaubte der Rittmeister, daß der Komantsche sich geirrt habe und daß hier von Apachen gar keine Rede sei, da donnert plötzlich eine Salve, und der Unteroffizier stürzte mit seiner ganzen Sektion tot zu Boden; kein einziger war am Leben geblieben.

»Heilige Madonna, sie sind wirklich da!« rief der Rittmeister. »Das Plänkeln hilft nichts. Diese verdammten Rothäute fürchten den offenen Angriff, sie werden sofort ausreißen. Drauf auf sie!«

In donnerndem Galopp brauste die Schwadron gegen das Gebüsch. Der Kommandeur war ein mutiger Mann, aber er besaß keine Klugheit. Als Büffelstirn und die anderen Anführer erkannten, daß der Angriff nur von dieser Seite geschehen werde, riefen sie alle ihre Leute zusammen. Am Rande des Gebüschs lagen sie versteckt, Mann an Mann, und als die Reiter in genügende Nähe herangekommen waren, krachten die Büchsen und schwirrten die Pfeile.

Es entstand ein gewaltiger Wirrwarr unter den Dragonern. Tote und verwundete Menschen und Tiere lagen untereinander, und die anderen waren gezwungen anzuhalten. Auch den Rittmeister hatte ein Pfeil verwundet.

»Das ist dieser Fürst des Felsens!« zürnte er. »Ohne diesen Menschen würden die Roten nicht standhalten. Holt die Verwundeten zurück, und dann wollen wir versuchen, die Mäuse aus ihren Löchern zu locken.«

Es wurde versucht, aber ohne Erfolg. Die Apachen waren zu klug, um ihre schöne, sichere Deckung aufzugeben. Der Rittmeister saß ratlos auf dem Pferd.

»Was tun?« fragte er zornig. – »Ich habe einen Plan, der vielleicht gut ist«, meinte der Oberleutnant – »Nun?« – »Der Platz ist nur im Sturm zu nehmen.« – »Ja«, lachte der Rittmeister höhnisch, »wir haben es gesehen und erfahren!« – »Es fragt sich nur, wie man den Plan ausführt.« – »Haben Sie eine neue Methode erfunden?« – »Nein. Es ist klar, daß der Feind seine Leute hier uns gegenüber konzentriert Die anderen Seiten sind also von Verteidigern entblößt Wir tun also, als wollen wir diese eine Seite angreifen, schwenken aber kurz vor der Linie nach rechts ab, fassen das Terrain von der anderen Seite und rollen den Feind einfach auf; dadurch jagen wir ihn hinaus ins Freie, wo er seine Pferde nicht hat, und reiten ihn dann nieder.« – »Die Idee ist gut, Leutnant. Sie wird sofort ausgeführt!«

Die Dragoner formierten sich abermals und drangen im Galopp vor, aber sie hatten sich verrechnet denn während sie sich berieten, wurde an der Pyramide auch eine Beratung gehalten.

»Was werden sie jetzt tun?« fragte Büffelstirn nachdenklich.

Auch die anderen überlegten.

»Der zweite Häuptling macht dem ersten einen Vorschlag«, meinte Bärenherz, der den Feind scharf beobachtete. – »Dieser Vorschlag scheint nicht viel zu taugen«, lachte Donnerpfeil; »ich glaube sehr, daß ich ihn errate.« – »Unser Bruder sage uns seine Gedanken«, bat Bärenherz. – »Die Dragoner werden bemerkt haben, daß die Krieger der Apachen sich meist auf dieser Seite befinden; sie werden ihren Angriff nun auf eine andere richten.« – »Auf welche?« – »Das muß man sehen.« – »Dann ist keine Zeit mehr«, meinte Büffelstirn. – »Mehr als genug!« versicherte Donnerpfeil. »Sie werden tun müssen, als ob ihr Angriff abermals dieser Seite gälte; wenn sie dann abschwenken, geraten sie auf einige Zeit in Unordnung, und das gibt uns die nötige Frist. Wir stellen uns hier in der Mitte der Seite auf, so daß wir beliebig nach rechts oder links schwenken oder auch vorgehen können. Haben wir sie dann zwischen den Büschen, so können sie zu Pferde gar nichts tun, während wir zu Fuß freiere Bewegung haben.«

Die anderen sahen die Wahrheit dieser Worte ein und trafen die Aufstellung ihrer Leute danach. Bald sahen sie die Schwadron herangebraust kommen, dann umschwenken und sich nach der Ostseite wenden. Da nahmen auch die Apachen Stellung gegen Osten, und als die Dragoner herankamen, stutzten sie fast, daß kein einziger Schuß fiel; als sie aber samt und sonders in die Büsche eingedrungen waren, da krachte es von allen Seiten auf sie ein.

Es entstand ein schauderhaftes Gemetzel. Die Dragoner, hoch zu Roß, konnten sich fast gar nicht verteidigen, weil ihnen das Strauchwerk hinderlich war; die Apachen aber hatten Raum genug zur Bewegung. Dieser Kampf dauerte nicht zehn Minuten, aber er war ein mörderischer. Als der Rittmeister seine Leute sammelte, hatte er von seinen hundert Mann nur noch einzige zwanzig. Er hatte eine Dummheit begangen, die ihm von seinem Vorgesetzten sicherlich nicht vergeben wurde.

Er hielt noch lange unentschlossen draußen auf der Ebene; fast war es, als ob er noch einmal angreifen wolle, um sich den Tod zu holen, dann aber ritt er doch nach der Hazienda zurück.

Seine Toten und Verwundeten ließ er liegen, er wußte sicher, daß er sie nicht erhalten hätte; ein Indianer verschenkt keinen Skalp.

Die beiden Leutnants waren auch gefallen. Er war der einzige Offizier, und als er die Hazienda erblickte, die er mit so stolzem Mut verlassen hatte, da hätte er sich vor Grimm und Scham erschießen können.

Sie ritten in den vorderen Hof, der Kommandeur ging sofort nach seinem Zimmer. Sternau war so vorsichtig gewesen, die Apachen mit ihren Pferden nach dem hinteren Hof zu schicken. Als der Rittmeister in seine Stube trat, riß er den Degen aus der Scheide, warf ihn zu Boden und rief grimmig:

»Eine verdammte Heldentat! Diese Rothäute haben wohl nicht fünf Mann verloren, ich aber über achtzig!« – »Das ist traurig!«

Der Rittmeister schrak zusammen, als er diese Worte hörte. Er hatte geglaubt, allein zu sein, und drehte sich um – da saß Sternau auf dem Stuhl.

»Tausend Teufel! Sie hier!« rief der Offizier. – »Wie Sie sehen«, meinte Sternau, ruhig sitzen bleibend. »Ich habe mir erlaubt, mir eine Ihrer Zigaretten anzubrennen.« – »Ich denke, Sie haben bei der Pyramide mitgekämpft?« – »Fällt mir nicht ein! Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich nicht Ihr Feind bin. Ja, ich habe Ihnen sogar einen großen Gefallen getan.« – »Welchen?« – »Haben Sie nichts bemerkt?« – »Daß ich nicht wüßte«, sagte der Rittmeister, der gar nicht wußte, wie er sich zu benehmen habe. – »So wissen Sie doch vielleicht, wie stark die Apachen sind?« – »Zweihundert und sechs Mann.« – »Und gegen wie viele haben Sie heute gekämpft?« – »Gegen diese alle, jedenfalls.« – »Sie irren, es hat nur die Hälfte Ihnen gegenübergestanden.« – »Nur hundert?« – »Hundert und sechs.« – »Unmöglich. Dann wären wir an Zahl ja gleich gewesen. Und wir hätten siegen müssen.« – »Sehr falsch, wie sich erwiesen hat. Ich habe Ihnen den Gefallen getan und den Häuptlingen hundert ihrer Krieger entführt« – »Ah, ist das wahr?« – »Vollständig.« – »Aber weshalb taten Sie es?« – »Um Ihnen den Sieg leichter zu machen«, antwortete Sternau mit ironischem Lächeln. – »Wollen Sie mich verspotten?« brauste der Rittmeister auf. – »Gar nicht Ich spreche sehr im Ernst Hätte ich diese hundert Mann nicht entführt, so wäre keiner der Ihrigen entkommen. Als Sie im Süden anrückten, ritt ich nach Norden ab. Sie konnten das nicht sehen, die Pyramide verdeckte mich.« – »Wie kommt es da, daß ich Sie hier finde?« – »Ebenso könnte ich Sie fragen: Wie kommt es, daß ich Sie an der Pyramide sah? Sie kamen, um uns anzugreifen, und ich komme, um Sie anzugreifen. Sie wollten mich gestern festhalten, heute dreht sich das Ding um: Sie sind mein Gefangener!«

Bei diesen Worten erhob er sich und trat auf den Rittmeister zu.

»Sind Sie bei Sinnen?« rief dieser.

Bei diesen Worten griff er nach seinem Revolver, den er vom Kampf her noch im Gürtel hatte. Sternau blitzte ihn aber mit seinen leuchtenden Augen an und drohte:

»Hand von der Waffe! Oder wünschen Sie einen ähnlichen Hieb wie gestern?«

Der Rittmeister nahm doch die Hand weg und sagte:

»Sie werden mir unbegreiflich! Ich werde meine Leute rufen.« – »Und ich die meinigen.«

Damit trat Sternau an den Tisch, ergriff eine darauf stehende Schokoladentasse und warf sie durch dasjenige Fenster des Zimmers, das nach dem hinteren Hof ging. Er hatte mit seinen Indianern ausgemacht, sobald er das Fenster zerbreche, sollten sie nach dem vorderen Hof gehen und alle Dragoner gefangennehmen. Daß sie dieser Verabredung Folge leisteten, bewies ein wirres Geschrei, das sich jetzt unten erhob.

»Kommen und sehen Sie!« gebot Sternau.

Der Rittmeister sprang zum Fenster und kam gerade recht, um zu sehen, daß der letzte seiner Leute niedergerissen und gefesselt wurde.

»Die Apachen hier?« rief er erschrocken. – »Natürlich«, antwortete Sternau. »Und zwar wiederum Ihnen zuliebe. Wir wollen Sie nicht nach Chihuahua gehen lassen, wo Ihrer eine fürchterliche Nase wartet für den Streich, den Sie heute spielten. Sie sind mein Gefangener und bleiben mit Ihren Leuten bei uns!« – »Was soll ich bei den Apachen?« fragte der Rittmeister entsetzt. – »Es geschieht Ihnen nicht das mindeste. Sie sind eine Geisel, sind mein Gefangener, es wird Sie niemand anrühren.« – »Eine Geisel? Wozu?« – »Das werden Sie später erfahren. Packen Sie Ihr Notwendigstes zusammen, Sie hören, meine Apachen sind bereits vor der Tür.«

Da endlich sah der Offizier ein, daß es Ernst war.

»Señor, Sie sind ein Verräter!« rief er. »Sie als Weißer überantworten mich den Rothäuten!« – »Ob ich ein Verräter bin, müssen meine Freunde wissen. Ich habe Ihnen gestern gesagt, daß die Apachen nicht mit Ihnen kämpfen wollen, ich habe Sie um einen dreitägigen Waffenstillstand gebeten, Sie wollten nicht. Sie haben den Kampf herbeigezwungen und mögen nun auch die Folgen tragen.«

Sternau öffnete hierauf die Tür und ließ einige Apachen herein, die den Rittmeister ohne Umstände banden und fortführten.

Dann begab er sich in den Raum, wo man die Frauen eingeschlossen hatte. Als er unter die Tür trat, erhoben sie ein großes Geschrei.

»Still!« gebot er.

Aber solchen Weibern ist schwer Schweigen zu gebieten. Die alte Haushälterin warf sich vielmehr vor ihm nieder, hob die Hände auf und flehte.

»Señor, habt Erbarmen! Wir haben Euch doch nichts getan! Oder ist mein Cousin Euer Feind gewesen?«

Bei diesen Worten kam Sternau ein Gedanke.

»Verdoja war Euer Cousin?« fragte er. – »Ja, Señor. Ich bin die Dame des Hauses.« – »Hatte er Vertrauen zu Euch?« – »Hätte er mich sonst zur Dame des Hauses gemacht, Señor?« – »Ich meine es anders. Hat er Euch zuweilen Dinge mitgeteilt, die er anderen nicht sagen würde?« – »Einiges.« – »Wißt Ihr, wo er sich befindet?« – »«Nein.« – »Hat Verdoja die Nacht hier in der Hazienda geschlafen?« – »Ja.« – »Kennt Ihr die Pyramide, die hier in der Nähe liegt?« – »Ich kenne sie.« – »Wißt Ihr nicht, ob sie hohl ist?« – »Sie ist hohl, denn Señor Verdoja war sehr oft darin.« – »Ah«, fragte Sternau erfreut, »wie ist er hineingekommen?« – »Das weiß ich nicht, das war ein Geheimnis schon zu Zeiten seines Vaters; aber droben im Schreibtisch, da liegt eine Zeichnung, auf der es steht, wie es in dem Innern der Pyramide aussieht« – »Führen Sie mich zu dem Schreibtisch.«

Die Alte führte Sternau nunmehr nach dem Wohnzimmer Verdojas. Dort stand ein sehr alter Schreibtisch, den mit dem Messer zu öffnen, Sternau Mühe hatte. Endlich sprang der Kasten auf, und nun fand Sternau wirklich einen Plan, der sich auf das Innere der Pyramide beziehen mußte.

»Aber was wird Señor Verdoja sagen, wenn er sieht daß der Tisch aufgesprengt worden ist?« sagte die Alte ängstlich. – »Habt keine Sorge«, antwortete Sternau. »Er wird nichts merken, denn er kehrt gar nicht zurück; die Apachen werden ihn töten. Und übrigens werde ich die Hazienda jetzt anbrennen.« – »Anbrennen? – O heilige Madonna! Was habe ich Euch denn getan, daß Ihr mich Ärmste unglücklich machen wollt?« – »Verdoja hat es verdient.« – »Aber ich nicht! Wenn er wirklich tot ist, so bin ich ja die Erbin!«

Das machte Sternau zur Milde gestimmt. Als die Alte jetzt bat und flehte und auf ihr Geschrei die anderen Frauenzimmer herbeieilten und, nachdem sie gehört, um was es sich handle, ihm zu Füßen fielen und ihn unter Tränen baten, daß er barmherzig sein möge, willigte er endlich ein, steckte den Plan als einen jetzt köstlichen Schatz in die Tasche und gebot dann seinen Apachen, aufzubrechen. Diese waren unterdessen nicht müßig gewesen und hatten den Pferden der Dragoner auch noch vieles aufgeladen, so daß die Tiere fast unter ihrer Last zusammenbrachen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Alle Männer gingen zu Fuß, und ein jeder führte sein beladenes Pferd. Die Dragoner waren so gefesselt, daß sie zwar ihre Pferde führen, aber nicht entfliehen konnten. Von den Vaqueros ließ sich keiner sehen. Erst waren sie Zeugen des unglücklichen Kampfes gewesen, dann waren sie zu ihren Herden zurückgekehrt, und jetzt als sie die Apachen erblickten, versteckten sie sich, so gut es gehen wollte.

40. Kapitel.

Als die lange Karawane die Pyramide erreichte, war die Überraschung eine ganz bedeutende. Sternau hatte alle verschont gebliebenen Dragoner zu Gefangenen gemacht und eine Beute gebracht die den Indianern das Lagerleben erleichterte und sie an Proviant und Munition so bereicherte, daß sie eine förmliche Belagerung hätten aushalten können. Sein Lob erklang aus aller Munde, das Beste aber, was er mitgebracht hatte, waren Hacken und Brechstangen, die er vielleicht zu gebrauchen glaubte.

Die Vorräte wurden aufgespeichert, die Gefangenen unter gute Bewachung gestellt und dann Kundschafter ausgesandt, um etwa anrückende Feinde sofort zu melden.

Nun erst nahm Sternau sich Zeit, die Karte zu studieren.

Sie war sehr deutlich gezeichnet. Das Innere der Pyramide bestand aus drei Stockwerken, deren Mitte der tiefe, viereckige Brunnen bildete. Konzentrisch zu diesem Brunnen liefen Gänge, die durch Quergänge verbunden waren, und nach den Ecken zu waren Zellen angebracht. Die Pyramide hatte unten an ihrem Fuß vier Eingänge gehabt, in der Mitte einer jeden Seite einen.

Jetzt handelte es sich darum, einen dieser Eingänge, die jedenfalls vermauert waren, zu finden. Sternau teilte den andern den Plan des Bauwerks mit, und dann begab man sich auf die Suche. Es fand sich nichts, bis Sternau auf den Gedanken kam, die genaue Mitte der Seiten abzumessen.

Als diese gefunden war, kam man an einen Felsen, der eigentümlich zerrissen war. Sternau untersuchte ihn und verzweifelte bereits, als er sich plötzlich niederkniete, an dem Stein zu schieben versuchte – und dieser sich bewegte. Da sprang er, leichenblaß vor Freude, auf und rief:

»Ich hab's!« – »Ist's möglich?« fragte Donnerpfeil. – »Ja. Hier ist der Eingang, ich habe es gefühlt.« – »Wo? Wo? Rasch! Rasch!« – »Man muß diesen Mittelstein nach innen schieben.«

Sofort kniete Donnerpfeil nieder und schob aus Leibeskräften. Der Stein wich nach innen, und es waren die steinernen Rollen zu sehen, auf denen er lief.

»O mein Gott, dir sei Dank!« rief Donnerpfeil, indem er auf den Knien liegenblieb, halb betend und halb vor Freude überwältigt.

Sternau blickte in die Öffnung. »Hier steht eine Laterne, es müssen mehrere hier gestanden haben«, sagte er. – »Eine Flasche voll Öl ist da.« – »Schnell anbrennen, und dann hinein!«

Bei diesen Worten sprang Donnerpfeil auf und steckte die Laterne in Brand. Dann schritt er eiligst vorwärts, ohne in seinem Eifer darauf zu achten, ob ihm jemand folge oder nicht. Sie waren aber alle drei hinter ihm her, Sternau, Büffelstirn und Bärenherz; ganz zuletzt kam auch der Vaquero Francesco.

Es ging den langen Gang hinter, aber dann stand man vor einer Tür. Sternau hielt hier den Plan an die Laterne und betrachtete ihn.

»Türen sind hier nicht verzeichnet«, sagte er. »Ist ein Schloß daran?« – »Nein«, antwortete Donnerpfeil, »doch sie ist fest zu.« – »So befindet sich entweder auf der inneren Seite ein Riegel, oder es gibt irgendeine geheime Mechanik daran. Wir können uns nicht damit aufhalten, diese Mechanik zu entdecken. Wir haben Pulver genug, sprengen wir also die Tür auf. Macht mit den Messern einige Sprenglöcher zwischen die Mauer und das Türgewände. Die Mauer ist aus Backsteinen und weich. Ich gehe und hole das Pulver.«

Die anderen machten sich sofort an die Arbeit, und als Sternau zurückkehrte, waren sie bereits fertig. Die Löcher wurden gefüllt, mit einer Lunte versehen, die man aus einigen Faden zusammendrehte und mit Pulver einrieb. Jetzt brannte man die Lunten an und eilte zum Ausgang zurück.

Es dauerte eine kleine Weile, dann hörte man es schnell hintereinander viermal krachen, und schon wollten sich die fünf wieder nach dem Innern begeben, als Grizzlytöter herbeikam. Man sah es seinem eiligen Lauf an, daß er etwas Wichtiges zu verkünden habe.

»Was bringt uns mein Bruder?« fragte Bärenherz. – »Die Hunde der Komantschen kommen durch den Wald, an dem wir gestern vorüberritten.« – »Wer hat diese Kunde gebracht?« – »Der Rote Hirsch.« – »So wollen wir ihn zunächst hören. Hole ihn!«

Der Apache, der den Namen Roter Hirsch trug, kam herbei. Er war einer von denen, die auf Kundschaft ausgesandt worden waren.

»Mein Bruder sage uns, was er gesehen hat!« gebot Bärenherz. – »Ich ging den Weg zurück, den wir gekommen sind«, sagte der Kundschafter. »Die beiden Komantschen, deren einen wir töteten, hatten uns gesehen, und das konnte nur im Wald geschehen sein. Ich ging also an dem Rand desselben entlang und fand eine ganz neue Fährte, die hineinführte; ich untersuchte sie und erkannte die Fährte eines Indianers, die von der Hazienda kam.« – »Es war jedenfalls der Komantsche, der auf der Hazienda übernachtete; er wird seine Gefährten geholt und ihnen auch gesagt haben, daß wir hier sind«, sagte Sternau. »Der Rote Hirsch mag weiter berichten.« – »Ich verfolgte die Fährte«, fuhr dieser fort. »Sie führte gerade in den Wald hinein. Ich kam nur langsam vorwärts, da ich meine eigene Spur immer verwischen mußte. Da hörte ich das Krächzen mehrerer Raben. Sie waren von jemand, der im Wald ging, aufgescheucht worden; darum verbarg ich mich schnell in ein Dickicht und wartete. Es dauerte nun gar nicht lange, so kamen die Hunde der Komantschen an mir vorüber. Es war ein großer Stamm, denn ich zählte viermal zehnmal zehn Krieger, und es waren drei Häuptlinge dabei.« – »Kanntest du diese?« fragte Bärenherz. – »Nein.« – »Wohin gingen sie?« – »Als der letzte vorüber war, folgte ich ihnen. Sie gingen bis an den Rand des Waldes. Dort erzählte ihnen der Spion, daß wir hier sind, und alles, was geschehen ist. Darauf hielten sie eine kurze Beratung und gingen zur Hazienda.« – »So werden wir sie bald zu sehen bekommen.« – »Vielleicht erst heute nacht«, meinte Donnerpfeil. – »Nein. Sie werden uns einschließen, damit uns jede Verbindung abgeschnitten wird«, versetzte Sternau. »Dann aber greifen sie uns des Nachts an. Haltet gut Wache, und wenn etwas Wichtiges passiert, so kommt uns in diese Höhle nach und sagt es uns.«

Damit war der Kundschafter entlassen; die anderen aber drangen wieder in den Gang hinein.

Als sie die Stelle erreichten, wo sich die Tür befunden hatte, lag diese am Boden. Sie war samt dem Gewande aus der Mauer gerissen worden. Sie wurde aus dem Mauerblock hervorgezogen und untersucht. Es war nichts zu sehen als oben und unten ein viereckiges Loch. Man untersuchte darauf den Boden an der Stelle, wo sie befestigt gewesen war, und ebenso die Decke; da fand man oben und unten einen eisernen Zahn, der in das Loch eingegriffen hatte; aber dieser Zahn war fest und unbeweglich, und man konnte die Mechanik nicht entdecken, mittels welcher er vor- und zurückgeschoben wurde.

»Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als alle Türen aufzusprengen«, sagte Sternau. »Ich werde wieder Pulver holen. Zunächst aber wollen wir weitersehen.«

Sie hatten eine bedeutende Strecke zu gehen, ehe sie wieder an eine Tür kamen, die sich an der rechten Mauer befand, während der Gang weiterführte. Da nahm Sternau den Plan abermals vor und sah nach.

»Was sucht mein Bruder?« fragte Bärenherz. – »Ich suche den Ort, an dem sich die Gefangenen befinden. Jedenfalls sind sie in der Mitte der Pyramide, in der Nähe des Brunnens, denn dort sind sie am sichersten. Bis zum Brunnen haben wir noch fünf Türen. Diese hier muß aufgesprengt werden, denn dem Gang folgen wir nicht weiter.«

Wieder machten sich die anderen daran, Sprenglöcher zu bohren, und als Sternau mit Pulver zurückkehrte, wurden dieselben geladen. Man kehrte darauf in eine genügende Entfernung zurück, und als die Knalle erfolgt waren, fand man ganz dasselbe Ergebnis wie vorher. Auch hier sahen sie oben und unten die eisernen Zähne aus dem Gestein hervorragen, ohne daß man ihre Mechanik entdecken konnte. Der Mann, der diese Vorrichtung erfunden hatte, war jedenfalls ein kluger Mann gewesen.

Man drang nun nach Sternaus Anweisung weiter vor. Dieser hatte außer dem Pulver jetzt auch eine Hacke und einen eisernen Hebebaum mitgebracht. Bei der nächsten Tür wurden diese beiden Instrumente versucht, aber sie erwiesen sich als nicht zulänglich. Es mußte wieder das Pulver zu Hilfe genommen werden. Diese Tür hatte von zwei Seiten schwere Riegel; man mußte mehr Pulver als bisher verwenden. Das gab einen fürchterlichen Knall, so daß der ganze Bau zu beben schien. Als man zu der gesprengten Tür kam, war so viel Mauer und Decke mit fortgerissen, daß man nicht weiter vorwärts konnte. Man mußte zunächst den Schutt forträumen und auch die Decke stützen. Dies gab, da es an geeignetem Material dazu fehlte, eine bedeutende Arbeit, worüber mehrere Stunden vergingen.

Noch während man damit beschäftigt war, kam ein Bote und rief die Häuptlinge nach außen. Sie sagten sich, daß das Wohl und Wehe, ja das Leben der Eingesperrten an einem einzigen Augenblick hänge, aber da draußen standen zweihundert Apachen, deren Schicksal ihnen anvertraut war, und so mußten sie dem Ruf folgen.

Als sie vor der Pyramide anlangten, sahen sie, daß die Komantschen einen weiten Ring um dieselbe gezogen hatten und sie eingeschlossen waren. Eine Zählung der Feinde ergab, daß es nicht viel über hundert waren. Aber alle hatten Pferde.

»Sie haben sich mit den Pferden, die zur Hacienda Verdoja gehören, beritten gemacht«, sagte Sternau. »Die anderen streifen noch weiter, um Pferde zu finden. Sie werden den Kampf nicht eher beginnen, als bis sie alle Tiere besitzen. Wir sind also jetzt noch sicher und können an unser Werk zurückkehren.«

Es darf nicht Wunder nehmen, daß sich hundert Indianer auf einer einzigen Hazienda beritten machen, es gibt Hazienderos, die viele tausend Stück halbwilder Pferde auf den freien Weiden haben. Existieren doch auch in den ungarischen Pusten und in den Steppen Rußlands Pferdeherden von mehreren tausend Stück.

41. Kapitel.

Während die Gefahr des Kampfes sich der Pyramide mehr näherte, saßen die vier Gefangenen im Innern derselben und erwogen die Möglichkeit der Rettung untereinander. Sie hatten auf Sternau gerechnet, aber es waren nun bereits zwei Nächte vorüber, und das ist in solchen Verhältnissen eine Ewigkeit. Das Wasser war fast verbraucht, der Proviant reichte nur noch kurze Zeit, die Leichen Parderos und des Wärters verbreiteten bereits einen fast unerträglichen Gestank, und aus dem Brunnen erklang in regelmäßigen Zwischenräumen ein wahnsinniges Schmerzgebrüll oder ein markerschütternder Jammerschrei Verdojas. Es war, als ob ein wildes Tier am Spieß lebendig gebraten werde.

Karja, die Indianerin, war wortkarg, aber Emma konnte ihrer Angst nicht gebieten. Sie glaubte nicht mehr an die Möglichkeit einer Rettung. Sie hatten die Messer an der Tür versucht, sie aber als unzulänglich befunden. Rettung konnte nur von außen kommen, und wer sollte da der Retter sein? Das Innere der Pyramide war ein Geheimnis, und diejenigen, die allein es kannten, lagen tot oder gelähmt in der Zelle und in der Tiefe des Brunnens.

Emma faltete die Hände und flehte:

»Oh, heilige Mutter Gottes, bitte für uns in dieser entsetzlichen Not! Laß uns nicht verschmachten und verderben in dieser Finsternis! Laß uns das Licht des Tages wiedersehen, und ich will Deine Güte preisen, so lange ich lebe!«

Der Steuermann war still geworden, aber Mariano ergriff die Hand der Señorita und bat mit trostvoller Stimme:

»Verzagen Sie noch nicht! Ich kenne Gott, der allmächtig ist, und ich kenne Sternau, den man fast auch allmächtig nennen mag. Er bringt fertig, was kein anderer kann. Er weiß, was für ein Schicksal uns bei Verdoja und Pardero erwartet, und wird alles wagen und tun, um uns zu finden und zu retten.« – »Aber wer soll ihm sagen, daß wir uns hier befinden?« – »Darüber lassen Sie Gott und ihn sorgen. Er findet uns, ich bin überzeugt!« – »Aber wenn ihm selbst ein Unfall widerfährt?« – »Ihm geschieht nichts Böses. Er weiß, was für uns davon abhängt, daß er in keine Fährlichkeit gerät, und wird vorsichtig sein. Vielleicht ist gerade diese Vorsicht schuld, daß wir warten müssen. Es sind ja erst zwei Tage verflossen, es ist sehr leicht möglich, daß er jetzt erst in dieser Gegend eintrifft. Nun wird er nach Spuren suchen und sie finden. Er wird auch ein Mittel entdecken, zu uns zu gelangen. Es ist mir, als … horch!«

Sie lauschten, hörten aber nichts.

»Was war es?« fragte Emma. – »Es war mir, als ob ich ein leises Rollen hörte, fast wie ferner Donner.« – »Das war eine Täuschung, Señor. In diese Tiefe dringt kein Ton von außen!«

Es trat wieder eine tiefe Stille ein, bis der Steuermann aus seinem Grübeln auffuhr.

»Hol's der Teufel, ich finde nichts!« – »Was suchen Sie?« fragte Mariano. – »Nach einem Mittel, diese verteufelte Pyramide in die Luft zu sprengen, aber natürlich so, daß wir unbeschädigt sitzen bleiben.« – »Geben Sie sich keine Mühe, es ist alles vergeblich. Wir können nur von außen Hilfe erwarten.« – »Nun, dann mag sie bald kommen, nicht um meinetwillen, denn ich halte etwas aus, sondern um dieser Señoritas willen, die so etwas nicht verdient haben. Es muß ein miserabler Tod sein, hier unten so langsam … horch!«

Jetzt horchten sie alle auf, denn alle hatten einen Donner vernommen.

»Das war ganz wie vorhin, aber stärker«, sagte Mariano. »Es gibt doch jetzt keine Gewitter! Und wie sollte man hier unten den Donner hören können?« – »Das war kein Donner«, erklärte der Steuermann; »das war ein Schuß.« – »Es ist ganz unmöglich, es hier unten zu hören, wenn ein Schuß fällt«, sagte Emma. – »Aber wenn der Schuß von hier unten gefallen wäre?« fragte Helmers. – »Wer sollte da schießen?« – »Weiß ich es? Ich weiß nur so viel, daß ich als Seemann den Donner von einem Schuß sehr genau unterscheiden kann. Es war ein Schuß. Wäre er aber gefallen, so müßte es ein Kanonenschuß gewesen sein, und ich zweifle, ob man selbst einen solchen hier hören würde. Wir haben ihn aber gehört, folglich ist er unten abgefeuert worden.« – »Aber es hat kein Pistol und keine Büchse einen solchen Klang. Und wozu sollte man hier unten schießen? Etwa, um uns ein Zeichen zu geben? Sternau weiß ja, daß wir nicht antworten können.«

Auf diese Worte Emmas schüttelte der Steuermann den Kopf.

»Ja, eine Büchse hat keinen solchen Klang«, sagte er, »aber wissen Sie, was genau so klingen würde?« – »Was?« – »Ein Sprengschuß.« – »Allmächtiger! Sie glauben …?«

Helmers nickte und antwortete:

»Ich glaube, daß Sternau da ist; ja, es war ein Sprengschuß. Ich kenne meinen Herrn Sternau genau. Ihm ist nichts zu schwer. Vielleicht ist er gar auf die Idee gekommen, die Türen aufzusprengen, weil er sie nicht öffnen kann.«

Diese Worte waren in einem so zuversichtlichen Ton gesprochen, daß Emma mit vor Hoffnung leuchtenden Augen sagte:

»Sie geben mir Trost, Señor Helmers. Es ist mir, als ob ich jetzt an eine Errettung glauben dürfte. Oh, mein Vater, mein armer, guter Vater! Werde ich dich noch einmal wiedersehen?«

Sie weinte, aber es waren doch noch immer Tränen des Schmerzes und nicht der Hoffnung, die sie vergoß. Da ertönte mitten in ihr Schluchzen hinein ein gewaltiger Knall, so daß sie fühlten, wie der Boden und die Wände des Ganges zitterten. Und als auf diesen Knall ein dumpfes Prasseln erscholl, da sprang der Steuermann in die Höhe und rief:

»Hurra! Hurra! Sternau ist da, ist wirklich da! Das war ein Sprengschuß, wie er leibt und lebt, und dahinter prasselte die Mauer ein. Die Rettung ist da, juchhe, sie ist da!«

Auch Emma wollte sich erheben, aber sie wankte und sank wieder in die Knie.

»Wär's möglich!« hauchte sie.

»Ich glaube selbst, daß Señor Helmers recht hat«, entgegnete Mariano. »Was glauben Sie, Señorita Karja?«

Die Indianerin schlug langsam die geschlossen gewesenen Augen auf und erwiderte:

»Es ist Sternau, ich wußte, daß er kommen würde.«

Da fiel Emma der Sprecherin um den Hals, küßte sie und jubelte:

»Herrgott, ich danke dir! Nie will ich deine Liebe vergessen, wie du jetzt auch unserer nicht vergessen hast.«

Jetzt verging eine längere Zeit, während welcher sie lauschten. Sie saßen in dem Gang, in dessen Zellen Mariano und Helmers gesteckt hatten.

»Wollen wir nicht an die vordere Tür gehen?« fragte der Steuermann. – »Ja, vielleicht hören wir da besser, was geschieht«, antwortete Mariano.

Emma stützte sich auf den letzteren; so begaben sie sich nach der Tür, an der sie ihre Messer vergebens versucht hatten. Dort ließen sie sich auf den feuchten Boden nieder und lauschten. Nun hörten sie ein dumpfes Stoßen und Schieben, das kein Ende nehmen wollte.

»Wissen Sie, was das ist, Señorita?« fragte Helmers. – »Nein.« – »Sie räumen den Schutt weg. Der letzte Schuß war stark und hat den Gang höchstwahrscheinlich sehr beschädigt.« – »Ach, wenn es doch so wäre!« – »Es ist so, Señorita. Ich bin still gewesen da hinten in dem Gang, denn ich dachte an mein Weib und an meine Lieben, die mir Gott erhalten möge, aber den Mut habe ich doch nicht verloren gehabt. Der Tod ist ein eigentümlicher Kauz; er wagt sich nicht an jedes Menschenkind sogleich heran.« – »Aber horcht, man hört jetzt nichts mehr.« – »Sie ruhen wohl aus«, tröstete der brave Steuermann.

Es war gerade die Zeit, in der die Häuptlinge nach oben gerufen wurden, um die Umzingelung der Komantschen zu beobachten.

Nun herrschte eine erwartungsvolle Stille unter den Eingeschlossenen, bis sich das Stoßen und Schieben wieder vernehmen ließ. Dann hörte man laute Schläge wie mit einem Beil oder einer Hacke gegen Holz, und dabei war es, als ob ferne Menschenstimmen erklängen. Da – da nahten Schritte, die laut und deutlich zu vernehmen waren.

»Nun diese Tür«, sagte eine sonore Stimme. »Sie führt ganz sicher nach dem Brunnen. Wir haben noch Pulver genug.«

Den Eingeschlossenen war es, als ob sie einen elektrischen Schlag erhielten; sie konnten vor Wonne nicht sprechen und hielten einander fest mit der Hand gefaßt.

»Sternau!« flüsterte endlich der Steuermann. »Ich wußte es! Und ihm ist sogar bekannt, daß diese Tür nach dem Brunnen führt.«

Sie lauschten. Ein suchendes Tasten ließ sich an der Tür vernehmen, dann sagte eine andere Stimme:

»Das kostet wieder viel Pulver; es ist eine Tür mit Doppelriegel.«

Da schnellte Emma empor und stieß einen Schrei des Entzückens aus:

»Gott, mein Gott! Antonio, Antonio!«

Einen Augenblick lang war es drüben still, der freudige Schreck lähmte die Zungen; dann aber rief Donnerpfeil herüber:

»Emma, meine Emma, bist du es?« – »Ja«, antwortete sie, »ich bin es, Geliebter!« – »Gott sei tausend Dank! Bist du allein?« – »Nein, wir sind da, alle vier.«

Da rief eine Stimme, die man bisher noch nicht gehört hatte:

»Alle vier, Karja, du auch?«

Der Ton dieser Stimme rief die Röte des Entzückens auf die bleichen Wangen der Indianerin.

»Ja«, rief sie, »Karja, deine Schwester, ist da!« – »Uff! Uff!« ließ sich darauf eine neue Stimme vernehmen.

Die Wangen Karjas wurden beim Klang dieser Stimme wieder blaß. War dies vor Schreck oder vor Freude?

»Wer sprach da?« fragte der Steuermann leise. – »Diese Stimme kenne ich«, antwortete Emma leise. »Es ist Bärenherz, der Häuptling der Apachen. Die Helden sind alle beisammen: Bärenherz, Büffelstirn, Donnerpfeil, aber wo ist Sternau? Ich höre ihn nicht mehr. Habe ich mich vorhin in jener Stimme getäuscht?«

Diese Wechselreden und Ausrufungen folgten natürlich viel schneller aufeinander, als sie geschrieben oder gelesen werden können. Sie flogen herüber und hinüber, und es gab zwischen ihnen keine Pause, die auch nur den zehnten Teil einer Sekunde lang gewesen wäre. Jetzt wieder fragte Donnerpfeil:

»Wie befindet ihr euch, Emma?« – »Gut. Oh, nun ist ja alles vergessen!«

Da klopfte es, und endlich erklang Sternaus Stimme zum zweiten Mal:

»Wie geht es denn meinem braven Steuermann? Er wird ja ganz vergessen über die anderen, sogar von seinem Bruder!« – »Danke sehr, Herr Doktor!« rief Helmers hinüber. »Ich bin noch fest auf dem Kiel. Machen Sie nur das Fahrwasser frei, daß wir bald hinaussegeln können.« – »Soll gleich geschehen! Fragen und antworten können wir ja später; jetzt aber nur das eine: Ist Verdoja drüben? Und Pardero?« – »Ja.« – »Was tun sie? Sie scheinen doch nicht bei euch zu sein?« – »Sie sind in der Nähe und haben genug. Pardero ist tot und auch der Gefängniswärter. Verdoja ist in den Brunnen gefallen und hat das Rückgrat und beide Arme gebrochen; er lebt aber noch.« – »Ach, welch eine Schickung!« hörte man Sternau drüben sagen. »Sie scheinen sich wacker gewehrt zu haben. Nun schnell, daß wir zu ihnen kommen!« Und dann fragte er noch durch die Tür: »Ist's finster drüben?« – »Nein. Wir haben sogar zwei Laternen«, antwortete Helmers. – »Das ist gut. Zieht euch so weit wie möglich zurück. Wir sprengen die Tür. Oder könnt ihr nicht?« – »Oh, sehr weit!« – »So geht jetzt! Dann kommen wir gleich.«

Die Eingeschlossenen kehrten nun bis in den nächsten Gang zurück und teilten sich ihr Glück in glühenden Worten mit. Dann lauschten sie dem knirschenden Bohren der Messer.

»Sagte ich es nicht, daß Sternau kommen würde?« meinte Helmers. »Das ist ein Mann, wie es keinen zweiten gibt.« – »Ich wußte es sicher!« bestätigte Mariano in dem Ton der vollsten Überzeugung. »Wäre ich ein Heide, so würde ich sagen, er sei ein Halbgott oder ein Liebling der Götter. Niemand kann ihm genug danken!«

Es verging einige Zeit, und dann erfolgte abermals ein Krach, der wegen der größeren Nähe fast ebenso gefühlt wie gehört wurde. Die Wände bröckelten, und aus der Decke brachen ganze Stücke, dann aber erklang vorn an der Sprengstelle Donnerpfeils Stimme:

»Emma, wo bist du?« – »Hier!« jubelte sie und eilte den Gang vor.

Dort stand Donnerpfeil diesseits des Schutts, zwar im Dunkeln, aber von den jenseitigen Laterne genügend beleuchtet Sie flog an seine Brust, und er legte seine Arme um sie, so fest und innig, daß sie sein stilles Gelübde fühlen konnte, sie nie, nie wieder zu verlassen.

»Mein Antonio!« flüsterte sie. »Fast wäre ich gestorben!« – »Gott sei Dank, daß dies nicht geschehen ist«, antwortete er mit tiefster Innigkeit »Mein kranker Kopf hätte das nicht ausgehalten, und ich wäre wieder wahnsinnig geworden.«

Da tauchte neben ihnen die Gestalt Büffelstirns auf.

»Wo ist Karja, die Tochter der Mixtekas?« rief er.

Da kam die Genannte herbeigeflogen, und sie fanden sich zu glückseliger Umarmung. Nenne man nicht den Indianer einen Wilden. Er ist dasselbe Ebenbild Gottes wie der Weiße, der sich doch unendlich höher dünkt

Jetzt kam Sternau herüber und reichte allen die Hand. Mariano umarmte ihn und sagte in innigster Dankbarkeit

»Schon wiederrettest du mich! Carlos, du bist mein Schutzgeist für und für.«

Und der Steuermann meinte bewegt

»Herr Doktor, wenn ich die Meinen wiedersehe, so habe ich das nur Urnen zu verdanken. Gott vergelte es Ihnen, ich kann es nicht«

Nun wurde in kurzen, abgerissenen Sätzen das Geschehene schnell erzählt.

»Wie, du hast diesem Verdoja das Messer entrissen und ihm gedroht?« fragte Donnerpfeil seine Braut – »Ja. Er durfte mich nicht anfassen, ich hätte ihn oder mich getötet« – »Meine Heldin!«

Mit diesem Ausruf der Bewunderung drückte er sie an sich, fest und warm.

Und in demselben Augenblick wurde hinter Karja eine Frage hörbar:

»Die Tochter der Mixtekas hat diesen Pardero mit eigener Hand getötet?«

Es war Bärenherz, der Apache, den Karja jetzt liebte mit der vollen Glut ihres Herzens, obgleich sie einst so töricht gewesen war, ihm Graf Alfonzo vorzuziehen.

»Ja«, antwortete sie leise. – »Und dann ihre Mitgefangenen befreit?« – »Ja.« – »Die Tochter der Mixtekas ist eine Heldin, sie verdiente, die einzige Squaw eines großen Häuptlings zu werden.«

Der Apache fuhr ihr mit der Hand liebkosend über das Haar und wandte sich dann ab, aber Karja wußte, daß seine Worte und dieses fast unfühlbare Streichen ihres Haares bei ihm mehr zu bedeuten hatte, als bei einem anderen eine Rede von tausend Worten.

Da aber kam noch einer und sagte schüchtern:

»Señorita, wie freue ich mich, Euch wiederzusehen.«

Emma blickte sich um und erkannte den Vaquero.

»Francesco, du auch hier?« sagte sie hocherfreut. »Du bist mir wie ein Gruß vom Vaterhaus. Das werde ich dir nicht vergessen!«

Sie reichte ihm die Hand, und dann sagte Sternau:

»Verschieben wir alles für später und denken wir zunächst an die Gegenwart. Wir wollen die Zellen sehen, in denen Sie gesteckt haben, und die Leichen.«

Mariano ergriff die eine Laterne und machte den Führer. Die Retter schauderten, als sie die engen, modrigen Zellen erblickten. Als sie zu den beiden Leichen kamen, sprach keiner ein Wort. Sie fühlten, daß hier Gottes Strafgericht gewaltet habe.

Da ertönte ein entsetzlicher, langgezogener Schrei.

»Was ist das?« fragte Donnerpfeil. – »Verdoja ist's«, antwortete Mariano. – »Fürchterlich!« meinte Sternau. »Ich muß ihn sehen!«

Sie schritten vorwärts, und nur die beiden Mädchen blieben zagend zurück und baten den Steuermann, bei ihnen zu bleiben.

Gerade als sie an den Brunnen traten, ertönte ein neuer Schrei. Es gibt kein Tier, das einen solchen Laut ausstoßen könnte. Er durchzitterte die Männer, die oben am Rand standen, so daß sie sich schüttelten.

»Und er hat nicht sagen wollen, wie die Türen geöffnet werden?« fragte Sternau. – »Nein. Wir sollten zugrunde gehen.« – »So ist er wirklich ein Teufel. Ich gehe hinab zu ihm.«

Damit rollte er seinen Lasso los, ließ sich diejenigen von Büffelstirn und Bärenherz geben, band sich fest und wurde, nachdem er die Laterne genommen, hinabgelassen.

Als er unten ankam, ließ er das Licht auf den Zerschmetterten fallen. Dieser öffnete die blutunterlaufenen Augen, starrte auf ihn wie auf ein Gespenst, und rief:

»Hund, bist du es?« – »Ja, ich bin es«, sagte Sternau. »Du Teufel in Menschengestalt sollst erfahren, daß deine Pläne zuschanden geworden sind. Wir sind gekommen, deine Gefangenen zu befreien, die Türen sind offen, sie sind erlöst.« – »So verdamme euch der …«

Verdoja wollte sich vor Wut aufrichten, aber diese Bewegung verursachte ihm solche Schmerzen, daß er seinen Fluch nicht aussprechen konnte, sondern einen seiner entsetzlichen Schreie ausstieß.

»Du stehst an der Schwelle des Todes, du stehst vor dem ewigen Richter«, sagte Sternau, »bitte Gott um Erbarmen, statt zu fluchen!«

Verdoja wollte die Hände ballen, aber es ging nicht Er knirschte mit den Zähnen, fletschte sie wie ein Raubtier und schrie:

»Fort! Ich mag keine Gnade!«

Diese Gottlosigkeit ertötete jeden Funken von Mitgefühl in Sternaus Brust

»Nun gut so sollst du auch keine Gnade haben«, sagt er, »wenigstens bei mir nicht. Gott hat dich gestraft und diese Strafe sollst du auskosten bis zum letzten Tropfen. Du gehörst in die Hölle und sollst eine Hölle haben, eine Hölle voll unbeschreiblicher Qualen und Schmerzen bereits hier auf Erden. Ich werde dich untersuchen und dann alles tun, dich mitsamt deinen Schmerzen am Leben zu erhalten.«

Damit bückte Sternau sich nieder und begann seine Untersuchung. Er gab sich dabei keine Mühe, zart und behutsam zu sein, und so entfuhr dem Mund des Verruchten ein Schmerzgeheul, das geradezu schrecklich war.

Endlich war Sternau fertig.

»Das ist Gottes Gericht«, sagte er. »Du bist zermalmt am ganzen Leib, deine Glieder sind gebrochen und können nie wieder vereinigt werden, aber dennoch ist dies alles nicht tödlich. Deine Eingeweide sind unverletzt und kräftig, du wirst leben, aber den Schmerz, der dich jetzt zerfrißt nie loswerden. Eine solche Strafe kann nur Gott oder der Teufel ersinnen, und du, du sollst sie leiden, dafür will ich sorgen.«

Sternau band sich nun von den Lassos los und befestigte den Zerschmetterten daran, ohne Rücksicht auf dessen Zustand zu nehmen. Dann gab er das Zeichen. Die Männer oben zogen an, in dem Glauben, daß es Sternau sei, aber bald sagte ihnen ein näherkommendes Qualgebrüll, wen sie emporzogen. Als Verdoja oben war, legten sie ihn in den Gang, knüpften ihn ab und ließen die Lassos wieder in den Brunnen hinab. Sternau kletterte jetzt selbst daran empor.

»Aber was soll mit diesem Menschen werden?« fragte Donnerpfeil. – »Er soll nicht sterben, denn sein Tod wäre ja eine Belohnung für ihn. Er soll leben, aber dabei keinen Augenblick frei von Schmerzen sein.« – »Das ist recht!« stimmte Bärenherz bei. »Der große Geist ist gerecht!« – »Er hat es verdient«, meinte Büffelstirn einfach, dann wandte er sich ab. – »Ich werde einige Apachen senden«, sagte Sternau, »die ihn nach dem vordersten Gang schaffen, dort soll er liegen, so lange es mir gefällt. Jetzt aber laßt uns an das Licht des Tages zurückkehren!«

Sie gingen zu den Frauen und führten sie durch die jetzt aufgesprengten Türen nach dem Ausgang. Als Emma dort anlangte, blieb sie wie geblendet stehen. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie breitete ihre Arme aus, um Sternau zu umfassen.

»Wenn ich Ihnen dies vergesse, Señor, so möge mir die Seligkeit verschlossen sein!«

Auch Büffelstirn reichte Sternau die Hand.

»Der Fürst des Felsens fordere mein Leben, es ist sein!« sagte er.

Sie alle drängten sich an ihn, und er hatte Mühe, von all den Dankesbezeugungen und Liebesbeweisen nicht erdrückt zu werden.

42. Kapitel.

Jetzt stieg man ein Stück an der Seite der Pyramide empor, um eine freie Aussicht zu erlangen. Die Komantschen waren weit zahlreicher geworden. Man konnte ihrer wohl bereits dreihundert zählen. Sie waren alle wohl beritten und, wie es schien, mit zahlreichen Waffen versehen.

Emma ward angst beim Anblick so vieler Feinde, doch versuchten die Männer, ihr Mut einzuflößen, was ihnen auch gelang. Was hingegen Karja betraf, so verachtete sie die Komantschen und verlangte eine Büchse, um an der Verteidigung mit teilzunehmen.

»Wir haben einen großen Fehler begangen«, sagte später Sternau.

Die Frauen konnten das nicht hören, denn man hatte ihnen an einem geschützten Ort ein Lager bereitet, wo sie warm und weich ruhen konnten.

»Welchen?« fragte Büffelstirn. – »Erst waren es ihrer nur hundert, wir aber waren zweihundert. Griffen wir sie an, so hätten wir sie besiegt und konnten den Ort verlassen oder die übrigen einzeln aufreiben.« – »Der Fürst des Felsens hat recht«, sagte Bärenherz, »aber unsere Herzen kannten nur die Sprache des Mitleids mit unseren gefangenen Freunden. Doch werden uns die Komantschen nichts tun. Wir sind hier sicher, und das Fliegende Pferd wird uns weitere Krieger senden, die zu uns stoßen.« – »Sie mögen kommen, die Komantschen«, meinte Büffelstirn. »Sie sind wie die Heuschrecken, die man zertritt.«

Das war mutig gesprochen, aber kurz vor Sonnenuntergang sah man, daß die Feinde vollständig beisammen waren, sie zählten über vierhundert Mann, die einen engen Kreis um die Pyramide geschlossen hatten.

Als es dunkel wurde, sah man ihre Wachtfeuer rundum brennen, und auch die Apachen durften Feuer anzünden, um Fleisch zu braten, denn es war ein Rind für sie geschlachtet worden. Die Feuer ließ man später verlöschen, und auch diejenigen der Komantschen waren gegen Mittemacht im Verglimmen.

Jetzt galt es, aufmerksam zu sein. So lange die feindlichen Feuer brannten, war ein Angriff nicht zu befürchten, da man jede feindselige Bewegung sehen konnte. Nun aber war das anders. Die Häuptlinge beschlossen daher, daß die Leute des Tages schlafen, des Nachts aber alle munter bleiben sollten. Am Rand des Gebüschs lagen die Schützen im Anschlag, die scharfen, wachen Augen in das Dunkel hinaus gerichtet Und Sternau hatte die Einrichtung getroffen, daß zwischen der freundlichen und feindlichen Position eine Postenkette placiert wurde.

Die Leute krochen dem Feind entgegen, so weit hinaus, als es nur möglich war. Sie trugen keine schweren Waffen, sondern nur ihre Messer bei sich und hatten den Befehl, nicht zu kämpfen, sondern sich sofort zurückzuziehen, sobald sie eine Angriffsbewegung des Feindes bemerkten.

Bärenherz kommandierte an der nördlichen, Büffelstirn an der südlichen, Donnerpfeil an der östlichen und Sternau an der westlichen Seite der Pyramide. Der letztere hatte sogleich den Oberbefehl übernommen und vier gute Läufer dazu bestimmt, ihm als Adjutanten zu dienen.

So vergingen zwei Stunden nach Mitternacht, als Donnerpfeil einen Mann sandte, um Sternau sagen zu lassen, daß der Feind sich nach Nord und Süd ziehe. Kurze Zeit darauf ließen Bärenherz und Büffelstirn melden, daß die Komantschen alle nach der Westseite gingen. Daraus war zu schließen, daß sich alle vierhundert Feinde im Westen versammelten, um die Apachen auf dieser Seite mit Übermacht anzugreifen. Sofort gab Sternau den Befehl, daß alle Apachen sich auf seine Seite ziehen wollten. Kaum war dies geschehen, so kamen die Außenposten herbeigekrochen und meldeten, daß der Feind von Westen her vorrücke.

Da wandte sich Sternau an Bärenherz und sagte:

»Mein Bruder nehme seine fünfzig Krieger, um die Komantschen zu umgehen und ihnen in den Rücken zu fallen. Er wird leicht ihre Pferde finden, auf diese setzt er sich mit seinen Leuten und reitet den Feind nieder.« – »Uff!« antwortete der Apache, dem dieser Auftrag außerordentlich behagte. »Der Fürst des Felsens ist ein großer Feldherr. Wir werden einen großen Sieg erringen.«

In kurzer Zeit war er mit seinen Leuten unhörbar verschwunden. Jetzt erteilte Sternau seinen übrigen hundertfünfzig den Befehl, nicht auf die Reiter zu schießen, da dies ihre Brüder seien, und dann erwartete man in Stille den Beginn des Kampfes, dessen Ausgang sehr zweifelhaft war.

Es verging noch eine geraume Zeit, aber als es bleich im Osten zu werden begann und es so viel Licht gab, daß man in der Nähe Freund und Feind unterscheiden konnte, da erscholl plötzlich ein fürchterliches, vierhundertstimmiges Kriegsgeheul, und die Komantschen stürmten im raschesten Schritt heran.

Der Indianer kämpft am liebsten zu Pferde, aber hier, wo es die Pyramide zu erobern galt, nützten die Pferde nichts, darum waren die Feinde alle zu Fuß. Freilich ist der Rote kein sehr guter Fußkämpfer; die Apachen hatten ein gutes Ziel, und als der Feind nahe genug herangekommen war, wurden auf Sternaus Befehl hundertfünfzig Kugeln oder Pfeile abgeschossen.

Das gab einen fürchterlichen Treffer; die Komantschen kamen ins Stocken, wurden aber von ihren Häuptlingen von neuem vorwärts getrieben. Aber, so kurz das Stocken gewesen war, die Apachen hatten doch Zeit bekommen, wieder zu laden, und ihre zweite Salve hatte eine ebensolche Wirkung wie die erste.

Ein entsetzliches Gebrüll zeigte die Wut der Komantschen an. Sie rotteten sich zusammen und drangen zum dritten Mal vor. Die Apachen hatten nicht Zeit, ihre einläufigen Büchsen zu laden, es schien ein Kampf Mann gegen Mann bevorzustehen, und nun war der entscheidende Augenblick gekommen.

Wer eine Kugel im Lauf hatte, schoß ab und griff dann zum Tomahawk. Da aber, da brauste es plötzlich heran auf galoppierenden Pferden – es war Bärenherz mit seinen fünfzig. Still, ohne einen Kriegslaut auszustoßen, drangen sie in den dicht zusammengedrängten Haufen der Komantschen ein und rissen alles nieder, was ihnen in den Weg kam.

Es war fast Tag geworden, und Sternau konnte den ganzen Kampfplatz übersehen. Sein Scharfblick sagte ihm, was das beste sei. Er erhob seine Stimme und rief:

»Auf die Pferde und drauf!«

Die Pferde der Apachen standen zufälligerweise hier an der Westseite. In weniger als einer Minute brausten sie mit ihren Reitern auf die Komantschen ein. Einem solchen Angriff waren diese nicht gewachsen. Sie wandten sich, kämpften sich durch den Feind und flohen in die Ebene hinaus. Die Wahlstatt gehörte den Apachen, die eine furchtbare Ernte an Skalpen erhielten.

Sternau hatte keinen einzigen Schuß getan. Er hatte seinen Henrystutzen bis auf einen gefährlichen Moment aufheben wollen, war aber nicht dazu gekommen. Die Apachen hatten gegen zweihundert Skalpe erbeutet, selbst aber gegen dreißig Krieger verloren. Diesen Sieg hatte man der Umsicht Sternaus zu verdanken.

Während die Apachen sich ausruhten, sah man die Komantschen sich im Westen wieder sammeln; dann unternahmen sie dasselbe Manöver wie gestern, sie umzingelten die Pyramide, um die Apachen abzuschneiden.

Sternau hielt mit den Häuptlingen Rat.

»Jetzt können wir durchdringen«, sagte er, »die Komantschen können uns nicht aufhalten, die Niederlage hat ihren Mut geschwächt.« – »Warum sollen wir fort?« fragte Bärenherz. »Hier können die Komantschen uns nicht besiegen, und bald werden unsere Brüder zu uns stoßen.«

Auch die anderen waren der Meinung, und so mußte Sternau nachgeben.

Verdoja war in die Nähe des Eingangs der Höhle geschafft worden, wo einer der Apachen die Aufsicht über ihn hatte. Er aß und trank wie ein gesunder Mensch, bot aber mit seinen geschwollenen Armen und dem bewegungslosen Unterkörper einen schauderhaften Anblick.

Die gefangenen Dragoner wurden streng bewacht. Sternau wollte sie als Geisel benutzen, falls von Chihuahua ein anderes Kommando gegen ihn ausgesandt werde.

Der erste Tag verging und auch die folgende Nacht, der zweite ebenso, ohne daß die erwarteten Krieger kamen. Die Komantschen schienen wieder zahlreicher zu werden. Da, in der nächsten Nacht sah einer der Außenposten einen Mann auf dem Bauch heranschleichen. Beide erblickten sich zu gleicher Zeit; sie lagen kaum acht Fuß voneinander. Schon griff der Posten nach seinem Messer, als ein leiser Laut ihn aufmerksam machte – der andere war auch ein Apache, aber nicht von demselben Stamm. Er kam heran und flüsterte leise:

»Mein Bruder hält die Wache?« – »Ja.« – »Welcher Häuptling hat den Befehl bei ihm?« – »Der Fürst des Felsens.«

Der Fremde schwieg betroffen, dann fragte er

»Ist der Fürst des Felsens hier bei meinen Brüdern?« – »Ja« – »So werden sie Taten großer Tapferkeit verrichten. Wo ist er zu finden?« – »Gehe weiter! Man wird dich sehen und zu ihm führen.«

Der Fremde folgte diesem Gebot und gelangte an das Gebüsch, wo er angehalten wurde. Man führte ihn zu Sternau, der eben eine Beratung hielt.

»Wer bist du?« fragte er. – »Ich bin der Fliegende Geier, der Häuptling der Taracone-Apachen«, antwortete er.

Bei dieser Antwort erhob sich Bärenherz schnell und trat auf ihn zu.

»Der Fliegende Geier? Uff, ja, du bist es, mein Bruder. Du bist uns willkommen. Wann kommst du mit deinen Apachen?« – »Ich komme als Bote!« – »Nicht als Häuptling?« – »Nein. Das Fliegende Pferd hat die Häuptlinge aller Apachen versammelt, um ihnen zu sagen, daß Krieg in Mexiko und daß Juarez ein Freund der Apachen sei. Es waren versammelt alle Krieger, aber sie wollen nicht Krieg beginnen mit dem rechten Häuptling von Mexiko. Darum haben sie das Kriegsbeil in die Erde gegraben, und ich bin gesandt worden, dir dies zu sagen.« – »So kommen keine Krieger zu uns?« – »Nein. Das Fliegende Pferd läßt dir sagen, du sollst mit deinen Kriegern zurückkehren in die Jagdgründe, um Fleisch zu machen.«

Bärenherz senkte den Kopf, ohne etwas zu sagen. Da aber nahm Büffelstirn das Wort und sprach:

»Seit wann hat der Apache zwei Zungen? Erst sagt das Fliegende Pferd, daß wir das Kriegsbeil nehmen sollen, und dann sagt er, es soll vergraben werden. Wir haben einen großen Sieg erfochten, wir haben zweihundert Skalps erbeutet, und nun sollen wir wieder Fleisch machen?« – »Du brauchst nicht zu gehorchen, du bist der Häuptling der Mixtekas«, sagte der Bote. – »So schweige ich!« meinte Büffelstirn trotzig. – »Was sagt der Fürst des Felsens zu der Botschaft?« fragte Bärenherz. – »Ich liebe den Frieden, obgleich ich dem Freund helfe. Mein Bruder Bärenherz mag tun, was ihm beliebt.«

Da sagte auch der Bote:

»Ich habe gesagt, was ich sagen sollte; meine Brüder mögen beraten. Ich aber muß noch in dieser Stunde zurück, das ist der Wille der Häuptlinge. Aber ich werde erzählen, daß ich gesehen habe den Fürsten des Felsens, den großen Häuptling der Bleichgesichter.«

Damit nahm der Fliegende Geier Abschied und verschwand, wie er gekommen war. Sein Weg war ein lebensgefährlicher, er mußte sich zwischen den Komantschen hindurchschleichen. Wurde er ergriffen, dann war es um ihn geschehen.

Unter den Zurückbleibenden wurde die Angelegenheit vorläufig nicht weiter besprochen.

Gegen Morgen ließ sich im Lager der Komantschen ein außerordentliches Jubelgeschrei vernehmen, es mußte etwas für sie höchst Erfreuliches geschehen sein. Was das war, das sah man, als es hell wurde. Nämlich ringsumher erblickte man eine Menge von Kriegern, die während der Nacht angekommen waren. Es waren weit mehr als tausend Komantschen beisammen. Das war das Gros der Hilfstruppen, die die Häuptlinge dem Präsidenten sandten.

Sternau erschrak, trotzdem er ein tapferer Mann war. Hier war an ein Entkommen nicht zu denken, hier konnte man nur sterben.

Auch die Krieger der Apachen blickten finster auf den weit überlegenen Feind. Sie hatten nun nichts mehr zu hoffen, denn Ersatz wurde ja nicht gesandt

Doch dies war noch nicht alles. Am Vormittag sprengte von Süden her eine Schwadron Dragoner herbei und saß mitten auf dem Feld ab. Dann entspann sich zwischen ihren Offizieren und den Häuptlingen der Komantschen ein lebhafter Verkehr, dessen Folge war, daß ein Leutnant sich als Parlamentär näherte. Er trug auf der bloßen Degenspitze sein weißes Taschentuch zum Zeichen, daß er in friedlicher Absicht komme. Sternau ging ihm selbst entgegen.

»Wer ist der Anführer dieser Apachen?« fragte der Offizier nach einem höflichen Gruß, wobei er Sternau mit bewundernden Blicken betrachtete. – »Bärenherz, ihr Häuptling.« – »Ist ein Mann hier, den man den Fürst des Felsens nennt?« – »Ja.« – »Wo ist er?« – »Er steht vor Ihnen.«

Der Leutnant verbeugte sich tief und sagte im verbindlichsten Ton:

»Ich komme als Abgesandter meines Rittmeisters und der Häuptlinge der Komantschen. Wollen Sie mich hören?« – »Gewiß. Kommen Sie!«

Sternau führte nun den Offizier dahin, wo die anderen Häuptlinge saßen, hieß ihn Platz zu nehmen und forderte ihn durch ein Zeichen mit der Hand auf zu sprechen. Der Mann begann:

»Erlauben Sie mir zunächst, Ihnen meine Hochachtung auszusprechen, Señor. Ich bin …« – »Bitte«, unterbrach ihn Sternau. »Was haben Sie uns Dienstliches zu sagen?« – »Das ist freilich ein wenig unangenehm, Señor. Die Apachen haben mit der Schwadron Dragoner gekämpft die in der Hacienda Verdoja lag?« – »Ja.« – »Sie haben sich an dem Kampf beteiligt?« – »Nein.« – »Aber Sie haben eine Anzahl Dragoner gefangengenommen?« – »Ja.« – »Nun gut. Mein Rittmeister verlangt Ihre Auslieferung und auch diejenige der sämtlichen Anführer. Die anderen Leute haben freien, ungehinderten Abzug.« – »Weiter verlangt Ihr Rittmeister nichts?« – »Nein.« – »Sie sagten, daß Sie auch im Auftrag der Häuptlinge kämen. Was lassen uns diese sagen, Señor?« – »Sie verlangen ihre Toten nebst den erbeuteten Skalpen sowie zehn Apachen, um sie den Martertod sterben zu lassen. Dann können die übrigen abziehen.« – »Haben meine Brüder das gehört?« fragte Sternau seine Freunde.

Sie neigten zustimmend den Kopf.

»Was werden sie beschließen?« – »Sie werden kämpfen«, erwiderte Büffelstirn.

Bärenherz und Donnerpfeil stimmten ihm bei.

»Sie hören, was für eine Antwort Sie erhalten«, sagte jetzt Sternau zu dem Offizier. – »Und was ist nun Ihr Bescheid, Señor?« fragte dieser. – »Hm, ich würde mich nicht ausliefern, selbst wenn ich ganz allein hier auf der Pyramide säße.« – »Ich ehre dieses Wort als das Wort eines Helden, halte es aber doch für meine Pflicht, Sie daran zu erinnern, daß Sie gegen eine fast zehnfache Übermacht kämpfen.« – »Ganz richtig; dafür aber ist unsere Position eine hundertfach stärkere, abgesehen davon, daß es unter uns Männer gibt, die es mit zwanzig Feinden aufgenommen haben.« – »Dies ist Ihr fester Entschluß?« – »Ja. Aber eins muß ich bemerken. Ich habe den Hauptmann jener Dragonerschwadron nebst einigen zwanzig seiner Leute als Gefangene bei mir. Bis jetzt sind sie meine Gefangenen. Besteht Ihr Chef darauf, daß ich mich ihm mit den anderen Anführern ausliefere, so werden jene Leute dann Gefangene der Apachen, und was da ihr Schicksal ist, das können Sie sich denken.« – »Ah, Sie wollen sich mit Geiseln decken?« – »Ich gestehe, daß dies meine Absicht ist.« – »Es wird Ihnen nicht nützen. Im Süden stehen die Regierungstruppen; von Nord und Ost nähern sich neue Scharen der Komantschen. Sie sind auf jeden Fall verloren. Wir geben Ihnen Bedenkzeit bis morgen um dieselbe Stunde. Das tun wir, weil wir genau wissen, daß Ihre Lage eine hoffnungslose ist. Sie erhalten keinen Ersatz, wir aber möchten Blutvergießen vermeiden.« – »Wir werden während dieser Bedenkzeit nicht angegriffen?« – »Nein.« – »Auch von den Komantschen nicht?« – »Nein; ich gebe Ihnen mein Wort.« – »Gut, so kommen Sie morgen, um sich unsere Antwort zu holen, Señor!«

Der Offizier entfernte sich. Sternau aber stieg auf die Spitze der Pyramide, da er allein sein wollte, um seine Lage zu überdenken. Er wußte, daß die Häuptlinge ganz dasselbe tun würden, so konnte man später zu einem klaren Entschluß gelangen.

Seine Lage war eine kritische. Es handelte sich hier um die Freiheit, vielleicht gar um das Leben. Würde er seine Lieben jemals wiedersehen?

43. Kapitel.

Sternau langte in die Tasche, um den letzten Brief Rosas noch einmal durchzulesen, zog aber statt dessen den Plan der Pyramide hervor, faltete ihn auseinander und überflog ihn mehr instinktiv als absichtlich nochmals mit den Augen.

Die Gänge waren überaus symmetrisch gebaut, nur einer, ein ganz kurzer, paßte nicht in die Ordnung. Es schien kein Gang, sondern eine lange, schmale Kammer zu sein. Auf der Zeichnung stand das Wort peta-pove; das Sternau noch niemals hörte.

Während der nachdachte, kam Büffelstirn auch emporgestiegen. Mehr aus wirklicher Zerstreutheit als aus Überlegung fragte Sternau ihn:

»Hat mein Bruder einmal das Wort peta-pove gehört?« – »Ja« – »Was bedeutet das?« – »So sprechen die Jemes-Indianer. Es heißt, ›in das Tal gehen‹. Warum fragt mein Bruder?«

Der Indianer bekam keine Antwort, denn Sternau hatte sich erhoben und blickte scharf nach Westen, wo sich die Kordilleren von Sonora erhoben. Ein Blitz durchzuckte sein Inneres, rasch wandte er sich um und sagte:

»Mein Bruder folge mir.«

Mit diesen Worten eilte er an der Seite der Pyramide hinab nach dem Ort, wo die beiden Mädchen ihr Lager hatten. Auch ihnen waren die Komantschen, die Anwesenheit der Dragoner und die Sendung des Leutnants aufgefallen. Sie wollten die beiden mit Fragen bestürmen, aber Sternau ließ sich auf keine Antwort ein, sondern nahm ein kleines Fäßchen Pulver, das zum Vorrat der Dragoner gehörte, rief einige kräftige Apachen herbei, denen er Hammer und Hacke nebst Brecheisen gab, bat Bärenherz, acht zu haben, und verschwand mit Büffelstirn und den Apachen in der Eingangsöffnung der Pyramide.

Verdoja stieß bei ihrem Anblick einen Schrei aus, wurde aber nicht beachtet. Man brannte einige Laternen an und vertiefte sich dann in das Innere.

Da, wo man zum ersten Mal rechts eingebogen war, schritt Sternau geradeaus, bis er an eine Tür kam. Sie leistete der Hacke und Brechstange Widerstand und wurde dann gesprengt. Mit einer zweiten Tür ging es ebenso. Dann gelangte man an eine Treppe, die abwärts führte. Hier traf man auf die Tür, die den Raum verschloß, den Sternau der Zeichnung nach für eine lange, schmale Zelle gehalten hatte. Als auch sie gesprengt worden war, gab es einige Stufen niederzusteigen, und man gelangte in ein schmales, hohes Gewölbe, das kein Ende nahm. Es war – ein unterirdischer, aus Backsteinen gemauerter Gang, der in schnurgerader Richtung nach West führte.

Das war es, was Sternau gedacht hatte, als er die Übersetzung des fremden Wortes hörte. Das Herz wurde ihm froh und leicht. Er eilte voran, immer den finsteren Gang hinein, den seine Laterne nur notdürftig erhellte. Wie lange das so fort ging, das wußte er nicht, bis er plötzlich nach kurzer Zeit wieder vor Stufen stand. Er stieg diese hinauf und fand die mit großem Steingeröll gefüllte Wölbung.

Hier waren die Hacke und das Brecheisen zu gebrauchen. Das Geröll wurde zur Seite gestoßen, nach unten geworfen, und – plötzlich brach das Tageslicht herein. Sie machten die Öffnung weiter, stiegen heraus und standen in einem kleinen Tälchen, das nur aus Steingeröll bestand und nicht eine Spur von Vegetation zeigte.

Vorsichtig bestiegen sie die eine Seite des Tälchens und gewahrten in einer Entfernung von mehr als einer englischen Meile die Pyramide im Osten und zwischen ihr und dem Tal die Menge der Komantschen. Die Pferde derselben weideten kaum fünfhundert Schritt von dem Tal entfernt.

»Was sagt mein Bruder zu dieser Entdeckung?« fragte Sternau den Mixteka. – »Sie ist viele Menschenleben wert«, antwortete dieser mit ruhiger Stimme, aber man sah es seinem Auge an, daß ihm das Herz leicht geworden war. – »Die Söhne der Komantschen werden glauben, wir sind Zauberer.« – »Sie werden uns suchen und nicht finden, denn wir sind mit ihren Pferden fortgegangen. Karja, die Tochter der Mixtekas, braucht nun nicht zu sterben von der Hand ihres Bruders, der sie erlösen wollte von der Schande, das Weib eines Komantschen zu sein.«

Er, der Bruder, dachte doch immer sogleich an seine Schwester.

»Nun müssen wir zurückkehren«, warnte Sternau. »Man darf uns hier nicht sehen.«

Sie stiegen wieder in den Gang hinab und legten so viel Geröll wie möglich vor die Öffnung. Dann kehrten sie auf dem unterirdischen Weg nach der Pyramide zurück. Wer weiß, was dieser Weg früher alles gesehen hatte! Gewiß hatte er dazu gedient, das gläubige Volk zu mystifizieren; die Priester waren in ihm hin- und hergewandelt, wenn droben auf der Pyramide das Blut der Menschenopfer in Strömen vergossen wurde.

Jetzt nun wurde eine große Beratung gehalten, zunächst unter den Häuptlingen, und dann zog man auch die Krieger dazu heran.

Sie hatte hatten sich bereits verloren gegeben, nun, da sich ihnen ein solcher Ausweg bot, gab es keinen einzigen, der widersprochen hätte. Am glücklichsten waren die beiden Mädchen, die auch der Beratung mit beiwohnten.

Es wurde beschlossen, daß man die Kordilleren ersteigen wolle, um sich dann zu trennen. Aber Bärenherz fügte hinzu:

»Bärenherz liebt seine Freunde, er wird sie begleiten bis Guaymas.«

Die Wangen Karjas röteten sich. Sie wußte recht gut, wem diese Aufmerksamkeit eigentlich galt

Auf den Bergen war wenig Proviant zu finden, darum war es gut, daß man mit demselben reichlich versehen war. Da man die Pferde nicht mit durch die unterirdischen Gewölbe nehmen konnte, so mußte man sie zurücklassen und dafür die der Komantschen zu bekommen suchen.

Ein jeder war beschäftigt mit Vorbereitungen zur Abreise. Alles, was man fortbringen konnte, sollte mitgenommen werden, und so legten sich die Apachen sogar ihre Sättel zurecht in die sie sich eingewöhnt hatten.

Als die Sonne zu sinken begann und bereits den Horizont erreichte, stieg Karja zur Höhe empor. Sie stand oben, hoch und schlank wie eine mexikanische Priesterin. Ihr Gewand flatterte im Wind, und ihre dunklen Wangen belebten sich unter dem Abschiedskuß der scheidenden Sonne. Woran dachte sie?

Ihr Auge blickte nach Norden. Dort lag nicht Guaymas, das nächste Ziel ihrer Reise, dort lag auch nicht die Hacienda del Erina, ihre Heimat in die sie zurückwollte, aber dort lagen die Jagd- und Weidegründe der Apachen, und Bärenherz, der Häuptling derselben, hatte es ihrem Herzen angetan.

Wie hatte sie nur glauben können, den Grafen Alfonzo zu lieben! Oh, hätte sie doch jene Abende aus dem Leben streichen können, jene Abende am Bach hinter der Hazienda, an denen sie dieser Mensch geküßt und an sich gedrückt hatte.

Wie anders war dagegen Bärenherz! Sie hätte für ihn sterben können.

Sie hörte nicht, daß auf der anderen Seite der Pyramide auch jemand emporgestiegen kam; es war kein anderer als der, an den sich dachte.

Nicht Überlegung oder Absicht führte beide herauf, sondern der unbewußte Instinkt des Herzens, der oft richtiger führt als die raffinierteste Überlegung. Bärenherz sah sie und blieb stehen. Er sah die Sonne auf ihrem Scheitel und ihren Wangen glänzen, er sah ihre dunklen Augen in Wehmut nach Mitternacht gerichtet, er sah die schönen, runden Linien ihrer schlanken Gestalt, jetzt begriff er, wie Pardero um dieses Mädchens willen so vieles wagen konnte.

Es stieg ihm heiß zum Herzen. Wenn dieses schöne Mädchen, diese Tochter der Edelsten ihres Volkes, unterlegen wäre! Wenn Pardero durch Hunger, Durst oder Gewalt ihren Widerstand besiegt hätte! Das war jetzt ein fürchterlicher Gedanke für ihn, und er legte unwillkürlich die Hand an den Tomahawk.

Er trat ihr näher, da hörte sie seine Schritte und wandte sich um. Als sie ihn erblickte, ward sie trotz ihres dunklen Teints bis tief in den Nacken rot. Das war ja der, an den sie gedacht hatte, er mußte es ihr ja sofort ansehen!

Er sah in der Tat ihre Verwirrung, trat einen Schritt zurück und sagte:

»Die Tochter der Mixtekas erschrickt, wenn Bärenherz erscheint. Er wird wieder gehen, aber er weiß nicht, womit er sie beleidigt hat.«

Sie schwieg, und als er sich von ihr wandte, erwiderte sie kaum hörbar:

»Der Häuptling der Apachen hat mit nicht beleidigt.«

Da drehte er sich wieder um, blickte sie forschend an und fragte:

»Aber sie haßt ihn, sie möchte fort sein, wenn er kommt?«

Sie nahm sich den Mut, zu antworten, wenn auch nur das kleine Wörtchen:

»Nein.« – »Kann Bärenherz dafür, daß er immer ihre Fährte trifft? Kann der Mann die Gedanken aus seiner Brust schneiden? Kann er dem Traum befehlen, was er bringen soll und was er nicht bringen darf? Warum sieht das Auge in den Wellen des Flusses, in den Wolken des Himmels immer nur das eine Haupt und die eine Gestalt? Bin ich Manitou, bin ich ein Gott, daß ich das Leben töten kann, das in meiner Seele wohnt?«

Karja schwieg, aber Bärenherz sah, daß sie leise, ganz leise bebte. Er zog die Brauen finster zusammen, er, der Heldenhäuptling, wußte nicht, daß es auch ein Beben des Glücks, der Wonne, der Erwartung gibt.

»Warum antwortet Karja nicht?« fragte er. »Wie lange wird Bärenherz noch diejenige sehen, welche er liebt? Einige Tage, einige Stunden. Dann wird sie das Weib eines anderen, und er geht, um dies an seinen Feinden zu rächen.« – »Sie wird nie das Weib eines anderen sein!« flüsterte sie.

Da trat er schnell näher.

»Nie, sagst du, nie?« fragte er. – »Nie!« antwortete sie. – »Weißt du das wirklich, weißt du das genau?« – »Wer Bärenherz liebt, kann keinen anderen lieben!«

Da faßte er ihre Hand und fragte:

»Und kennst du eine, die ihn liebt?«

Sie schwieg.

»Du willst es nicht sagen, du willst mich nicht glücklich sehen!« – »Oh«, antwortete sie, »ich möchte dich glücklich sehen, aber du willst ja nicht glücklich sein!« – »Weshalb glaubst du das?« fragte er. – »Wer glücklich sein will, der muß Liebe haben, Liebe, bloß für eine.« – »Du hast recht. Und habe ich dir nicht bereits unten in dem Gewölbe gesagt, daß du wert bist, die einzige Frau eines Helden zu sein? Wäre ich ein Held, so würde ich dich bitten, meine Frau zu sein.« – »Du bist ein Held!« sagte sie, ihn mit stolzem, entzücktem Auge betrachtend. – »Bin ich wirklich einer, so sag, ob du mich lieb hast, Karja!« – »Ich habe dich lieb«, flüsterte sie erglühend. – »Und ich dich auch. Du sollst das Weib des Apachen sein, sein einziges Weib, das schönste, stolzeste und glücklichste Weib unter den Roten. Du sollst nicht arbeiten wie andere Frauen, sondern du sollst es haben wie eine weiße Señora, deren Wunsch ist wie ein Befehl!«

Damit schlang Bärenherz die Arme um Karja, drückte sie an sich und küßte sie, ganz unbekümmert darum, daß sie auf der Höhe der Pyramide standen und von allen Komantschen gesehen werden konnten. Da unten lauerte der Tod auf sie, und hier oben ruhten die Herzen warm aneinander. Da unten sprach man bereits das Todesurteil über sie, und da oben schlossen sie einen Bund für das Leben. Die Liebe kennt keinen Tod, denn sie ist ja das Leben.

So standen sie, eng umschlungen, sich selbst und alles andere vergessend, beleuchtet vom Abendrot, das nach und nach im Westen verglimmte. Da drehten sie sich erschrocken um, denn eine bekannte Stimme hatte gefragt:

»Wer von Euch ist der Kranke, daß ihn der andere stützt?«

Büffelstirn war es! Es war fast Zeit zum Aufbruch, darum hatte er die Schwester gesucht und allerdings nicht geahnt, sie in den Armen des Apachen zu finden.

Dieser wurde für einen Augenblick verlegen, doch faßte er sich schnell und fragte mit fester Stimme:

»Ist Büffelstirn noch mein Freund und Bruder?« – »Er ist es«, antwortete der Gefragte ernst. – »Zürnt er mir, daß ich ihm das Herz seiner Schwester raube?« – »Er zürnt nicht, denn das Herz der Schwester kann mir keiner rauben. Im Herzen eines guten Weibes haben beide Platz, der Gatte und der Bruder.« – »Erlaubst du mir, nach der Hacienda del Erina zu kommen und die Morgengabe zu bringen?« – »Ich erlaube es!« – »Worin soll sie bestehen?« – »Bestimme es selbst! Büffelstirn verkauft seine Schwester nicht.« – »Soll ich dir bringen hundert Skalps deiner Feinde?« – »Nein; ich nehme mir diese Skalps selbst.« – »Oder zehn Felle des grauen Bären?« – »Nein; ich habe der Felle genug.« – »So sage, was du von mir forderst!«

Da wurde das Auge des Königs der Ciboleros feucht, er legte dem Apachen die Hand auf die Schulter und sagte:

»Ich verlange von dir nicht die Skalpe und Häute, nicht Gold und Silber, sondern ich verlange, daß Karja, die Tochter der Mixtekas, glücklich sei in deinem Haus. Du bist mein Freund und Bruder, aber wäre meine Schwester nicht glücklich bei dir, so würde ich mit meinem Tomahawk dir den Kopf spalten und dein Gehirn den Ameisen zur Speise geben. Geh nach deinem Weidegrund und sprich mit den Deinen, dann komme nach der Hacienda del Erina, und du sollst sie haben!«

Büffelstirn drehte sich um und schritt hinab. Bärenherz aber forderte von der Geliebten noch einen Kuß, dann folgte er ihm, hoch und stolz wie ein Mann, der nie ein süßes Wort mit einem Weib gesprochen hat.

So lange es noch hell war, durfte man den Lagerplatz nicht verlassen, sobald es aber dunkel war, sollte der Aufbruch beginnen.

Vor allen Dingen galt es, Verdoja nichts wissen zu lassen. Er wurde daher aus der Höhle heraus und an einen Ort geschafft, von wo aus er nichts bemerken konnte. Seine Schreie hallten da wie die Rufe böser, gequälter Geister hinaus in die stille Nacht, und die Komantschen schüttelten die Köpfe über die fürchterlichen Laute, die sie zu hören bekamen.

Jetzt war der Weg frei, und die Apachen betraten die Gänge, ein jeder seine Waffe bei sich und das, was er nicht entbehren zu können glaubte. Als der letzte eingetreten war, wurde der Stein wieder vorgeschoben, und dann setzte sich der Zug in Bewegung, voran Büffelstirn und hintenan Sternau.

Dieser letztere hatte Pulver mitgenommen. Als der Zug die Treppe passiert hatte, legte er eine Mine in den Gang und zündete die Schnur an. Dann folgte er den anderen. Sie passierten den unterirdischen Gang ohne Licht und gelangten glücklich an den Ausgang desselben, der sofort verschüttet wurde.

Eben als sie damit fertig waren, vernahmen sie ein leises Rollen, wie von einem fernen Erdbeben, aber es war kein verräterischer Luftblitz dabei zu sehen, so fest Sternau auch seine Augen auf die Ruinen richtete – die Mine war explodiert und hatte den Gang eingestürzt. Jetzt konnte niemand sagen, wie sie entkommen waren.

Nun galt es vor allen Dingen, ungefähr hundertsiebzig Pferde zu verschaffen, eigentlich keine Kleinigkeit, hier aber doch nicht schwer, da viele hunderte derselben gar nicht weit von dem Tal weideten.

Es wurden Kundschafter ausgesandt, um zu sehen, ob die Tiere sehr sorgfältig bewacht seien. Sie kamen mit der Meldung zurück, daß sie drei Wächter bemerkt hätten. Sie wurden nun voran geschickt, diese Wächter unschädlich zu machen, und dann folgten die anderen, ein jeder sein Eigentum gleich bei sich.

Es waren Indianerpferde, sie ließen die Indianer heran zu sich, ohne zu schnaufen oder sonst ein Zeichen der Unruhe zu geben. Auf Sternaus Befehl ging man sehr vorsichtig zu Werke. Es durften nicht alle auf einmal aufsitzen und im Trupp wegreiten, dadurch wären die Komantschen aufmerksam gemacht worden, sondern es holte sich ein jeder sein Pferd einzeln und leise weg, führte es eine genügende Strecke weit fort und stieg erst dann auf.

Da es hier weichen Prärieboden gab, so wurde kein Mensch etwas von dem Pferderaub gewahr, und als der nächste Morgen graute und man die Leichen der Wächter fand, hatten die Apachen schon eine halbe Tagereise zurückgelegt. Sie kümmerten sich wenig um die Enttäuschung der Komantschen, als diese ihre Feinde verschwunden wußten. Es wurde nach Erklärungen gesucht, und schließlich wurde allgemein angenommen, daß der Fürst des Felsens die Macht besitze, durch die Luft zu fliegen und seine Freunde mitzunehmen. Sein Ruhm war jetzt größer als längst vorher.

44. Kapitel.

Unterhalb von Colima in Westmexiko bildet der gleichnamige Fluß bei seinem Austritt in den großen Ozean einen ausgezeichneten Hafen, den Puerto de Colima, auch Manzanillo genant. Colima ist eine Stadt von beiläufig 35 000 Einwohnern, liegt in einer sehr fruchtbaren Gegend und betreibt einen nicht unbedeutenden Handel, so daß in der Mündung des Flusses auch Schiffe mit nicht geringem Tonnengehalt vor Anker gehen.

Gerade jetzt lag ein solches Schiff da vor Anker. Es schien ganz neu zu sein, war wie abgeleckt und bot dem Auge des Kenners einen sehr erfreulichen Anblick dar. Dies schienen auch die beiden Männer zu fühlen, die jetzt miteinander am Ufer standen und das Schiff betrachteten.

»Goddam, ein schmuckes Ding!« sagte der eine. Er war längst nicht mehr jung, war lang und dürr aufgeschossen und trug einen gemischt-modischen Anzug an seinem Leib. »Das ist auf einer amerikanischen Werft gebaut!« – »Das sieht man auf den ersten Blick«, meinte der andere, eine starkknochige, viereckige Gestalt, die man für einen Seemann hätte halten können, wenn die Füße nicht in zerrissenen Lackstiefeletten und die Hände in aufgesprungenen Glacehandschuhen gesteckt hätten. – »Ob sich da wohl ein verborgener Kanonenbord anbringen ließe, he?« meinte der erstere. – »Fragt nur nicht, Kapitän; Ihr versteht das Ding ja besser als ich!« – »Meinst du? Hahaha! Aber nenne mich nicht Kapitän, sonst versprichst du dich auch dann, wenn wir belauscht sind. Ich bin der ehrenwerte Schauspieldirektor Guzman, und du bist mein – na – wie heißt es doch …« – »Regisseur!« – »Ja, mein Regisseur Hermilio Martinez. Verstanden?« – »Jawohl, Herr Direktor!« antwortete der andere mit einer gänzlich mißlungenen Verbeugung.

Der Direktor fragte weiter:

»Wohin muß das Schiff bestimmt sein?« – »Wer weiß es. Aber man kann es ja erfahren. Der Schiffsjunge da im Boot scheint zu der Equipage zu gehören.«

Sie traten näher an das Ufer hin, wo ein Kapitänsboot vor dem Tau lag. In demselben saß ein etwa sechzehnjähriger Junge und blickte den beiden sonderbaren Gestalten mit jugendlichem Mutwillen entgegen. Als sie das Boot erreicht hatten, fragte der Direktor:

»Ah, Señor, gehört Ihr zu dem Schiff da?«

Es war dem Jungen noch nie passiert, Señor genannt zu werden, aber gerade aus diesem Grund bekam er plötzlich eine ganz passable Meinung von den beiden Männern, die ihn mit solcher Höflichkeit behandelten.

»Ja«, antwortet er. – »Wie heißt das Schiff?« – »Die Lady. Da steht's ja mit goldenen Buchstaben!« – »Ja, ja, ich sah das nicht gleich, Señor. Hat dieses schöne Schiff vielleicht auch einen Kapitän?« – »Das versteht sich«, lachte der Bursche. »Was soll es denn haben?« – »Ich dachte, vielleicht einen Leutnant« – »Das ist bei Kriegsschiffen der Fall.« – »Wie heißt denn dieser Kapitän, Señor?« – »Master Wirkers.« – »Ah, er ist Nordamerikaner?« – Ja, ein echter. Ich auch!« – »Das glaube ich. Was habt Ihr denn geladen?« – »Verschiedenes, nebst einer hübschen Fracht nach Guaymas.« – »Nach Guaymas? Hm! Vielleicht könnte man mit Euch fahren. Wir wollen auch nach Guaymas. Wo ist der Kapitän?« – »Der ist an Land, wird aber bald wiederkommen. Ah, dort kommt er!« – »Welcher? Der Kleine?« – »Ja, der die Hände in den Hosentaschen hat«

Die beiden stellten sich am Ufer auf und blickten dem Nahenden entgegen. Er war ein kleiner, dürrer Mann, und aus seinen geröteten Wangen, dem wankenden Gang und den wässrigen Augen konnte man leicht schließen, daß er heute einen Schluck zu viel getrunken habe.

»Holla, Coq, mach los! Ich komme!« rief er bereits von weitem dem Jungen zu. – »Nicht so schnell, Sir«, antwortete dieser. – »Nicht? Ah, warum nicht schnell? Wenn ich komme, so muß es schnell gehen, dreißig Knoten in einer Viertelstunde. Das merke dir!« – »Aber jetzt nicht, denn diese Gentlemen wollen mit Ihnen reden.« – »Mit mir? Hm! Mit mir? Wer sind sie denn?«

Der Kapitän betrachtete sich die beiden mit gemütlicher Naivität, lachte dann ein wenig, schnipste mit den Fingern und sagte:

»Landratten! Nicht?«

Die Männer hatten die Hüte tief gezogen und standen in demütiger Haltung vor ihm, als ob er ihnen Audienz erteile. Der Lange sagte dabei:

»Verzeihung, Capitano. Ich bin der Theaterdirektor Guzman, und dieser ist mein Regisseur, Martinez.« – »Schauspieler? Hm, gemütliche Leute, spaßhafte Leute! Was wollt Ihr von mir?« – »Wir hören, daß Sie nach Guaymas segeln. Auch ich will nach Guaymas mit meiner ganzen Gesellschaft.« – »Donnerwetter, wie viele Personen sind es?« – »Sechs Herren und fünf Damen, alle jung, schön und munter, Señor!« – »Alle Wetter, das gäbe einen Spaß!« lachte der Kapitän. »Könnt Ihr denn auch zahlen, he?« – »Wenn's nicht zu viel ist!« – »Fünf Dollar pro Person, aber nur die Fuhre. Alles andere ist Eure Sache!« – »Dies macht fünfundfünfzig Dollar. Geht es mit fünfzig, Señor?« – »Fünfzig? Hm, eigentlich nicht Aber weil Ihr Schauspieler seid und Damen bei Euch habt so mag es sein. Gezahlt wird sofort beim Besteigen des Bords, sonst werfe ich Euch ins Wasser.« – »Wann geht es fort?« – »Heute abend noch. Der Flutwechsel ist um neun Uhr, um elf geht's fort.« – »Wir danken sehr, Señor, für Eure freundliche Bereitwilligkeit. Halb zehn werden wir an Bord sein.«

Die Männer verbeugten sich tief und entfernten sich. Der Kapitän aber blickte ihnen vergnügt lächelnd nach und stieg dann in das Boot.

Die beiden Künstler schlenderten ein wenig durch den Ort, gingen dann mehr landeinwärts und kamen da an ein einstöckiges Gebäude, das außerordentlich verfallen aussah. Es war eine Schenke, und so hatten die beiden Männer wohl kein Bedenken, einzutreten. Sie schienen überhaupt hier nicht unbekannt zu sein, denn sie wurden von einigen Kerlen, die am zerbrochenen Tisch bei dem Saft der Agave saßen, mit Freude begrüßt.

»Nun, Direktor, noch nichts?« fragte der eine. – »Doch, heute endlich!« antwortete der Direktor. – »Es wird Zeit. Aber wie?« – »Schauspieler, sechs Herren und fünf Damen.« – »Schön! Hahaha! Das wird doch mal ein Witz.«

Der Direktor trank ein einziges Glas und verließ dann die Schenke wieder, und zwar mit der Bemerkung, daß er die Gesellschaft abholen werde.

Der Tag verging; der Abend brach an, und die »Lady« machte sich segelfertig. Es war bereits neun Uhr vorüber, und die Matrosen lugten über Bord nach den Passagieren. Da endlich kamen sie, elf Personen, eine immer hinter der anderen. Da sie nicht in das kleine Boot gingen, so mußte es zweimal fahren; es nahm erst die Herren und dann die Damen.

Kapitän Wilkers stand an der Schiffstreppe und streckte die Hand aus; der Direktor bezahlte, und der Kapitän begab sich auf das Hinterdeck, das war die ganze Zeremonie. Nach einem Paß oder sonstigen Legitimationen wurde nicht gefragt, ein Platz für sich oder ihre Sachen wurde ihnen nicht angewiesen, aber sonderbar, sie zogen sich zusammen, sie machten sich klein, und wo sie etwas hintaten oder sich selbst hinsetzten oder stellten, da waren sie sicherlich nicht im Weg, darum sagten die Matrosen bereits nach einer Stunde, daß diese Gentlemen und Ladies doch recht anständige Leute seien.

»Aber ob's die Ladies aushalten?« meinte einer. »Es ist eine hohe See, und da kommt die dumme Seekrankheit stets darein.«

Er hatte sich umsonst gesorgt, weder einer der Gentlemen noch eine der Ladies bekam einen Krankheitsanfall. Das war nun eigentlich sonderbar, fiel aber den Seeleuten nicht auf. Sie saßen im Vorderdeck und erzählten. Der Steuermann stand hinten, liebäugelte mit den Sternen, und der Kapitän lag in der Kajüte und verschlief seinen Rausch.

Die Künstlergesellschaft saß zusammengerückt auf einem Segel, und alle schienen zu schlafen. Da, es mochten zwei Stunden nach Mitternacht sein, machte der Direktor eine Bewegung.

»Es wird Zeit«, flüsterte er, »wir haben bereits die Breite von Quatalaxaca hinter uns.« – »Alle zugleich?« fragte eine der Damen.

Aber trotzdem sie nur flüsterten, klang es doch nicht wie eine Frauenstimme.

»Ja«, antwortete der Direktor. »Seht die Wolke dort. Sie kommt näher. Sobald sie über dem Schiff steht, nimmt ein jeder seinen Mann. Das Messer gerade in das Herz und darin steckenlassen; das gibt keinen Tropfen Blut.«

Es vergingen noch einige Minuten, da hatte die Wolke die Höhe des Schiffes erreicht, und es wurde um einige Schatten dunkler als bisher.

»Auf! Vorwärts!« flüsterte der Direktor.

Die Leute warfen auf einmal alles Weiße von sich ab, so daß die Kleidung vollständig schwarz war, und huschten wie die Schatten davon. Man hörte hier einen Seufzer und dort ein lautes Atmen, dann war es still wie vorher.

Der Direktor war nach dem Hinterdeck geglitten. Dort stand der Steuermann, hatte sich nach hinten gewandt und schaute der vorübereilenden Wolke nach. Da fühlte er einen Druck auf das Herz, etwas Kaltes, Starres drang in dasselbe ein; er wollte rufen, brachte es aber nicht fertig und sank zu Boden, und in demselben Augenblick stand der Direktor am Steuer.

Er stieß einen leisen Pfiff aus, und sofort stand der Regisseur vor ihm.

»Wie steht es?« fragte er diesen. – »Alles gut, Señor!« – »Nehmt das Steuer. Ich will zum Kapitän.« – »Was wird mit dem Jungen? Er schläft unten.« – »Können ihn nicht gebrauchen.« – »Schade. War so ein netter Frosch.«

So war über zwei weitere Menschenleben entschieden. Der Direktor ging nach der Kajüte. Sie war nicht verschlossen. Er öffnete und trat ein. Der Kapitän schlief. Der Mörder hob ganz ruhig die Decke auf, setzte die Spitze des Messers mit furchtbarer Genauigkeit auf das Herz und stieß zu. Dann ließ er das Messer stecken und trug den Kapitän auf das Deck.

Nach einigen Minuten brachte er auch die Leiche des Schiffsjungen. Nun wurde im Ballastraum nach schweren Steinen gesucht; diese hing man den Leichen an die Füße und versenkte sie in das Meer.

»Vor Cap Lucas kreuzen wir«, sagte der Direktor zu seinem Regisseur, dann ging er in die Kajüte.

Dort studierte er mit der allergrößten Aufmerksamkeit die Schiffsbücher, Tabellen und alle Skripturen, welche er vorfand. Dies dauerte, bis es Tag war; dann kehrte er auf das Deck zurück.

Ein Stoß in eine kleine, silberne Pfeife brachte alle Mann nach dem Hinterdeck.

»Der Spaß ist gelungen, Jungens«, sagte der Mann. »Nun soll ein Leben losgehen, um das euch ein König beneiden könnte. Zunächst müssen wir noch vorsichtig sein. Wir haben Fracht nach Guaymas. Dort ist das Schiff noch unbekannt und seine Bemannung auch. Wir behalten also die Namen, die in dem Buch verzeichnet sind. Ich bin der Kapitän Wilkers.«

Er gab einem jeden seinen Namen und machte ihn mit seiner Rolle bekannt. Dann befahl er, nicht mehr zu kreuzen, sondern in den engen Meerbusen einzulaufen.

Die »Lady« war ein ausgezeichneter Segler, und am nächsten Tag lief sie in den Hafen von Guaymas ein.

Guaymas ist ein hübsches, freundliches Hafenstädtchen, das zur mexikanischen Provinz Sonora gehört. Seine hübsche Umgebung wird von den Seeleuten fleißig auf Ausflügen genossen.

Kapitän Wilkers fragte nach seinen Obliegenheiten bei der Hafenpolizei und bei dem Kaufmann mit einer Unverfrorenheit, als ob er der rechtmäßige Eigentümer dieses Namens und des Schiffs sei. Dann gestattete er sich einige Tage des Genusses. Er war dies seinen Leuten schuldig, obgleich der Ort hier so nahe am Schauplatz des Verbrechens ein gefährlicher genannt werden mußte.

Er machte an einem dieser Tage eine Landpartie und nahm seinen Steuermann dazu. Sie mieteten sich Maultiere und ritten in die Berge. Nachdem sie umhergestreift waren, kehrten sie gegen Abend zurück. Sie brachten noch einige Stunden in einer Kneipe zu und gingen dann nach dem Schiff. Unterwegs kam ihnen eine männliche Gestalt entgegen. Als sie nahe heran war, fiel durch ein offenes Fenster der Lampenschein auf den Fremden, zwar nur auf einen Augenblick, aber doch so, daß man das Gesicht erkennen konnte.

Alle beide stutzten, sowohl der Kapitän wie auch der Steuermann.

»Alle Teufel!« sagte der erstere. »War das ein Geist?« – »Welche Ähnlichkeit!« fügte der zweite bei. – »Der Teufel soll Euch holen, wenn er es nicht war! Kommt, Steuermann, wir müssen ihm nach!«

Sie wandten um und eilten dem Mann nach. Er schwenkte eben nach einem Wohnhaus ein, das inmitten eines Gartens lag. Dort klingelte er. Nach ganz kurzer Pause wurde geöffnet, und es erschien eine sehr schöne, junge Dame, die eine Lampe trug. Das Licht derselben fiel voll auf den Ankommenden, und man hörte deutlich den Gruß der Dame:

»Ah, Señor Mariano! Willkommen! Señor Sternau erwartet Sie schon.« – »Beim Teufel, er ist's!« sagte der Kapitän. – »Ja, er ist's«, stimmte der Steuermann bei. – »Und wißt Ihr, wer hier wohnt?« – »Wer?« – »Jener Sternau, der uns an der Küste von Jamaika mit seiner Jacht angriff und alle meine Offiziere niederschoß, mich aber nur verwundete. Ihr rettetet Euch damals, und darum seid Ihr mein Steuermann geworden.« – »Donnerwetter, könnten wir denn da nicht ein wenig den Chor der Rache spielen? Ich hätte große Lust dazu!« – »Ich habe nicht nur Lust, sondern für mich ist's eine Lebensfrage, ob ich diese Halunken wieder in meine Hand kriege oder nicht. Horch, sie kommen auf die Gartenveranda! Da können wir lauschen. Schnell, über den Zaun!«

Sie schwangen sich über den Zaun hinüber und versteckten sich hinter einigen üppig wuchernden Zierbüschen.

Die Bewohner des Hauses kamen allerdings auf die Veranda. Es wurden zwei Tische zusammengeschoben und mit einem weißen Tuch bedeckt. Man stellte die Lampe darauf, präsentierte einige Früchte und begann eine lebhafte Unterhaltung. Um die Tische saßen Sternau, Mariano, Büffelstirn, Bärenherz, Donnerpfeil, der Steuermann Helmers, Emma und Karja.

Sie waren erst gestern in dem Ort angekommen, und da es nicht sogleich ein Schiff gab, das sie benutzen konnten, so hatten sie sich in Privatwohnungen eingemietet und hielten hier bei Sternau ihre Zusammenkunft.

Das Gespräch erstreckte sich auf verschiedene Tatsachen, die die Lauscher nicht interessierten; endlich aber nahm es doch eine höchst spannende Wendung, denn Emma fragte:

»Und wenn Sie Mexiko erreicht haben, Señor Sternau, was werden Sie dann tun?« – »Ich werde ein wenig nach Afrika fahren«, antwortete er. – »Ah, Sie kühner Mann! Was wollen Sie denn dort?« – »Ich will den alten Grafen Ferdinando de Rodriganda suchen.« – »So glauben Sie also wirklich, daß er noch lebt?« – »Ich glaube, daß er in Mexiko nicht gestorben ist. Sie haben doch von jenem schuftigen Henrico Landola gehört?« – »Dem Seeräuber, den Sie bei Jamaika mit in den Grund schossen?« – »Ja. Dieser hat den alten Grafen nach Afrika geschafft, an die Ostküste dieses Erdteils. Ich weiß ganz genau, wo ich ihn zu suchen habe. Wenn er nicht gestorben und verdorben ist, werde ich ihn in Harrar finden.« – »Und dann, meinen Sie, ist die Schlinge gegen diese Cortejos zum Zusammenziehen fertig?« – »Nein. Erst muß der alte Graf Emanuel de Rodriganda, mein Schwiegervater, aufgefunden werden. Ich bin überzeugt, daß er noch lebt. Aber, weg mit diesen Traurigkeiten! Heute habe ich an meine Frau geschrieben, und ich will mir ihr liebes Bild nicht durch solche Schatten schwärzen lassen.«

Von jetzt an nahm die Unterhaltung einen so einfachen Verlauf, daß die Lauscher gar nicht mehr auf sie hörten.

»Dieser Schuft, dieser Sternau!« knirschte der Kapitän, in dem wir ja schon längst Landola wiedererkannt haben. – »Nehmen wir ihn fest, Kapitän!« meinte der Steuermann. – »Das tue ich, und soll es mir den Hals kosten. Aber wie dies anfangen?« – »Das findet sich. Es gilt zunächst, die jetzigen Verhältnisse und Absichten der ganzen Sippe kennenzulernen. Ihr dürft Euch nicht sehen lassen.« – »Pah, ich habe meine falschen Bärte!« – »Auf die kann man sich solchen Leuten gegenüber nicht verlassen. Ich werde für Euch handeln. Ich werde bereits morgen zu spionieren beginnen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht eine Durchfahrt finden ließe.« – »Ich hoffe es. Aber hört, sie brechen auf. Wir müssen diesem Mariano nachgehen; ich muß unbedingt wissen, wo er wohnt. Schnell wieder über den Zaun, und dann stecken wir uns da drüben in den Winkel. Es ist am besten, wir bleiben nicht zusammen, folgen ihm aber beide. Sollte ihn der eine ja verlieren, so wird ihn der andere desto sicherer halten.«

Sie warteten, bis Mariano vorüber war, und folgten ihm dann nach, getrennt voneinander und sich den Anschein von unbefangenen Spaziergängern gebend. Er schritt nach dem Strand zu und trat da in das Haus, in dem er sich eingemietet hatte. Sie beobachteten ihn, bis er verschwunden war, dann trat der Kapitän zu dem Steuermann und sagte:

»Jetzt wissen wir, wo er wohnt, und die Logis der anderen kennen wir auch. Es handelt sich also darum, zu erfahren, was sie beabsichtigen.« – »Ich werde mich erkundigen«, meinte der Steuermann. »Mich kennt weder Sternau noch ein anderer dieser Leute.« – »Das muß aber bald geschehen, möglichst morgen früh bereits.«

Sie begaben sich nach Hause, und am anderen Morgen beabsichtigte der Steuermann, seine Nachforschungen anzustellen, begab sich aber vorher nach dem Hafen, um zu sehen, ob an Bord alles in Ordnung sei. Das Glück lächelte ihm, denn am Ufer stand Sternau mit Mariano. Beide betrachteten das Schiff, und als sie bemerkten, daß der Steuermann die Absicht habe, an Bord zu gehen, und also wohl zu der Bemannung des Fahrzeugs gehöre, fragte Sternau:

»Kennen Sie vielleicht die Bestimmung dieses Schiffs, Señor?«

Den Steuermann durchzuckte ein Gedanke, der für die Absichten seines Kapitäns außerordentlich vorteilhaft war, er beschloß, denselben auszuführen, sich aber vorher über die Absichten Sternaus zu informieren. Darum entgegnete er:

»Warum fragen Sie, Señor? Wollen Sie vielleicht als Passagier an Bord gehen, oder können Sie uns eine Ladung überweisen?« – »Das erstere ist der Fall«, antwortete Sternau. »Ich beabsichtige, mit einigen Gefährten nach Acapulco oder einem anderen südländischen Hafen zu gehen.« – »Hm!« nickte der Steuermann, »das dürfte passen, denn ich habe allerdings die Absicht, auf meiner Fahrt den Hafen von Acapulco anzulaufen.« – »Ah, Sie sind der Kapitän?« –»Allerdings.« – »Wann lichten Sie die Anker?« – »Morgen mit dem Frühesten. Die Passagiere müßten noch heute gegen Abend an Bord kommen. Wollen Sie sich das Schiff ansehen?« – »Ich werde dies in vielleicht einer Stunde tun, dann können wir uns ja über die Bedingungen einigen.«

Sternau wollte sich das Schiff in Gegenwart seines Steuermanns Helmers betrachten, da dieser in solchen Angelegenheiten der erfahrenste war. Während er mit Mariano zur Stadt ging, um Helmers zu holen, ruderte der Steuermann nach dem Schiff. Es war ihm lieb, daß Sternau erst später kommen wollte, denn auf diese Weise bot sich die nötige Zeit, alles Verdächtige zu entfernen und das Innere des Schiffs so einzurichten, daß die Passagiere nicht abgeschreckt wurden. Das Personal erhielt die notwendigen Instruktionen, und als Sternau mit Helmers kam, wurden beide in der höflichsten Weise empfangen, und die Besichtigung fiel so günstig aus, daß Sternau sogleich den Handel abschloß und auch das Reisegeld bezahlte.

Um nach der Hacienda del Erina zurückzukehren, hätten die beiden Damen unter der Begleitung Donnerpfeils und der beiden Häuptlinge den Landweg einschlagen können, aber dieser war zu gefährlich und anstrengend, darum entschlossen sie sich, mit nach Acapulco zu fahren und von da aus nach Mexiko zu gehen, wo es dann leichter war, die Hazienda zu erreichen. Büffelstirn und Bärenherz jedoch schlossen sich nicht mit an. Sie wollten den direkten Landweg wählen, um auf demselben eher nach del Erina zu gelangen und dem Besitzer die gewiß heißersehnte Nachricht zu bringen, daß seine Tochter gerettet sei und über die Hauptstadt Mexiko wohlbehalten zurückkehren werde. Beide jedoch wollten vor ihrer Abreise mit an Bord gehen, um den Abend noch mit den Freunden vereinigt sein zu können.

Als Kapitän Landola hörte, wie glücklich sein Steuermann gewesen sei, konnte er seine Freude kaum beherrschen.

»Das fügt sich ja günstiger, als man erwarten konnte«, sagte er zu ihm. »Auf diese Weise habe ich weder einen falschen Bart noch irgendeine Verkleidung nötig. Ich komme an Bord, wenn es ganz dunkel ist. Dann nehmen wir sie gefangen.« – »Sollen sie leben bleiben?« – »Ja, es ist vorteilhafter für mich.« – »Aber das wird einen fürchterlichen Kampf geben! Ein jeder dieser Kerle nimmt es mit einigen von uns auf.« – »Pah, wir überrumpeln sie einzeln. Man wird das nicht schwer zu bewerkstelligen wissen. Sternau ist der gefährlichste, er muß zunächst unschädlich gemacht werden.« – »Aber doch erst dann, wenn die beiden Indianer das Schiff verlassen haben?« – »Sie werden es gar nicht verlassen, sondern auch mit gefangen werden. Ich bin dazu gezwungen, damit später kein Mensch weiß, auf welche Weise die Gesellschaft verschwunden ist. Haben wir uns ihrer bemächtigt, so segeln wir nach Westen. Ich kenne eine einzelne Insel, die so ganz und gar verloren in der See liegt, daß kein Schiff in ihre Nähe kommt. Dort setzen wir sie aus. Sie können sich erhalten, denn es gibt Quellwasser und Früchte genug für sie. Es wird ein jeder Fluchtversuch vergebens sein, und so bleiben sie unsere Gefangenen entweder auf Lebenszeit oder bis ich vielleicht Gründe finde, ihrer zu bedürfen.« – »Wo liegt die Insel?« – »Sie liegt weit von jedem Schiffahrtskurs entfernt und unter dem vierzigsten Grad südlicher Breite auf der Höhe der Osterinseln und ist ein sichereres Gefängnis, als eine von den stärksten Mauern umgebene Bastille. Sie hat noch keinen Namen und besteht aus Korallen. Die auf ihr vorhandenen Bäume sind nicht so groß, daß man ein Schiff bauen könnte, und selbst wenn dies den Gefangenen gelänge, so würden sie mit einem so unvollkommenen Fahrzeug nicht durch die fürchterliche Brandung kommen, die Tag und Nacht sich an den Korallenriffen bricht.« – »Aber wir werden zu viele Zeugen haben. Ein jeder einzelne von unseren Leuten kann später das Geheimnis ausplaudern.«

Der Kapitän warf seinem Steuermann einen mitleidigen Blick zu und sagte dann langsam mit Nachdruck:

»Wir werden keine Zeugen haben, denn wir beide werden die einzigen sein, die, von dieser Fahrt zurückgekehrt, lebendig das Schiff verlassen.«

Das war sehr deutlich gesprochen. Der Steuermann schauderte. Wie nun, wenn der Kapitän gar keinen Zeugen haben wollte und infolgedessen auch ihm das Leben nahm? Er beschloß, sehr vorsichtig zu sein.

45. Kapitel.

»Wir lagen in des Kerkers Nacht,
Zu uns kein Ton des Lebens drang,
Die Toten hatten uns bewacht,
Uns selbst, uns wurde sterbensbang.

Und nun uns die Erlösung schlug,
Und als uns die Errettung kam,
Da ward die Freiheit uns zum Trug,
Und doppelt bitter ist der Gram.«

Gegen Abend kamen die Passagiere an Bord und wurden mit der größten Zuvorkommenheit aufgenommen. Sie erhielten eine sehr reichliche Abendmahlzeit serviert, die in der Kapitänskajüte eingenommen wurde, während derselben stellte sich Landola ein, und sofort begann das Werk.

Es war sehr finster, und zugleich lag ein so dichter Nebel auf dem Wasser, daß man nicht drei Schritt weit zu sehen vermochte. Einige der stärksten Matrosen stellten sich am Gangspill auf, und dann ging ein anderer hinab zur Kajüte, wo er von dem angeblichen Kapitän, also dem Steuermann, mit verstellter Barschheit angeredet wurde:

»Was hast du hier in der Kajüte zu suchen, he?« – »Verzeihung, Señor Capitano«, entschuldigte sich der Mann. »Es kam soeben in einem Boot ein Fremder, der mit Señor Sternau sprechen will.« – »Mit mir?« fragte Sternau. – »Ja.« – »Wer ist es?« – »Er sagte, daß er der Wirt sei, bei dem Ihr gewohnt habt. Er hat Euch unter vier Augen eine notwendige Mitteilung zu machen.« – »Gut, ich komme.«

Sternau erhob sich und folgte dem Matrosen, der ihn auf das Deck führte. Als sie an dem Gangspill vorüberkamen, fühlte er plötzlich zwei Fäuste an seiner Kehle, und zu gleicher Zeit erhielt er mit einer Handspeiche einen solchen Hieb auf den Kopf, daß er besinnungslos zusammenbrach, ohne nur einen Laut ausgestoßen zu haben.

»Der ist expediert!« lachte Landola halblaut. »Bindet ihn und schafft ihn hinunter in den Raum. Dann holen wir zunächst den einen Indianer, der in Büffelleder gekleidet ist, er scheint mir nach Sternau der Stärkere zu sein.«

Nach einiger Zeit erschien der Matrose wieder in der Kajüte und sagte Büffelstirn, daß er einmal hinauf zu Señor Sternau kommen solle. Er folgte dem Führer, nichts ahnend, und wurde ebenso widerstandslos niedergemacht. Nach kaum zwei Minuten kam Bärenherz an die Reihe und erlitt das gleiche Schicksal. Da stand Mariano auf und sagte:

»Das sieht ja ganz aus wie eine wichtige Neuigkeit, von der man nichts wissen soll. Ich werde mich einmal erkundigen.«

Er stieg die Kajütentreppe empor. Die beiden Brüder Helmers, die nun mit den zwei Damen und dem angeblichen Kapitän allein am Tisch saßen, hörten seine sich entfernenden Schritte und warteten vergeblich auf seine Rückkehr. Da verließen auch sie die Tafel und versprachen Emma und Karja, ihnen Nachricht zu bringen, was es da oben für eine so wichtige Unterredung gäbe.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis sich nahende Schritte hören ließen. Die Tür wurde geöffnet, und Landola trat ein. Die Damen sahen ihn mit ängstlichem Erstaunen an. Er machte ihnen eine sehr höfliche Verbeugung und meldete:

»Señoritas, haben Sie die Güte, mir zu folgen. Die Herren wollen gern mit Ihnen sprechen!«

Die beiden Mädchen kamen seiner Aufforderung ahnungslos nach. Er führte sie aus der Kajüte hinauf auf das finstere Verdeck, wo sofort zwei Männer zu ihnen traten und sie erfaßten. Als sie dabei einen Schrei des Schreckens ausstießen, gebot er ihnen Ruhe und sagte:

»Schweigen Sie! Sie haben lautlos das anzuhören, was ich Ihnen jetzt sage! Sie und die Männer, die bei Ihnen sind, haben sich so feindselig gegen mich und meine Freunde benommen, daß ich mich Ihrer Personen versichern muß. Die Herren befinden sich bereits in meinem Gewahrsam, und auch Sie sind meine Gefangenen!« – »Mit welchem Recht?« fragte Karja, die sich als gewandte Indianerin schnell faßte. – »Mit dem Recht des Stärkeren«, lachte er. »Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen. Mein Name ist Landola.« – »Landola, der Seeräuber«, hauchte Emma erschrocken. – »Ja, der Seeräuber«, antwortete er in rohem Stolz. »Es ist jeder Widerstand unnütz. Es soll den Damen nichts geschehen, ja, sie sollen sogar unter Aufsicht auf dem freien Deck promenieren dürfen, aber sobald Sie die geringste Miene machen, gegen meine Befehle zu handeln, töte ich die Señores. Sie werden diese während unserer Fahrt nicht zu sehen bekommen, sie liegen gefesselt unten im Raum, und ich werde ihnen sagen, daß sie sich allen Widerstands zu enthalten haben, weil sonst die Señoritas getötet werden.« – »Und was soll unser Schicksal sein?« fragte Karja sehr gefaßt. – »Ich werde Sie mit den Herren auf einer unbewohnten Insel aussetzen, damit mir niemand Schaden machen kann. Es wird Ihnen unterwegs nicht das mindeste geschehen, keiner meiner Leute wird Sie anrühren, aber ich verlange dafür unbedingten Gehorsam und alles Aufgeben eines Versuchs der Flucht oder der Meuterei, der Sie nur unglücklich machen würde. Jetzt kommen Sie, ich werde Ihnen den Raum anweisen, der Ihnen als Aufenthaltsort dienen wird.«

Er führte sie durch die Fockmastluke hinab in einen engen, festen Verschlag, in den er sie einschloß. Sie fielen einander dort im Finstern in die Arme. Ein einziger Augenblick hatte sie vom Gipfel des Glücks wieder in eine grauenvolle Tiefe hinabgeworfen.

Jetzt begab sich der Pirat nach dem Raum zu seinen männlichen Gefangenen. Sie befanden sich nicht etwa in dem Güterraum, in dem die Fracht aufgestapelt zu werden pflegt, sondern ganz unten auf dem unter dem Wasser liegenden Boden des Schiffs.

Es muß nämlich erwähnt werden, daß ein Schiff, selbst wenn es schwer beladen ist, Ballast mit sich fuhren muß. Dieser Ballast besteht in Steinen, Sand oder anderen schwerwiegenden Materialien, die in dem untersten Raum aufgehäuft werden, damit das Schiff tief in das Wasser sinkt. Hat es keinen Ballast, so schwimmt es zu leicht, wankt herüber und hinüber, verliert den Halt und kann sehr leicht von Wind und Wogen umgeworfen werden. Vieles, wenn nicht gar das meiste Unglück zur See kommt davon her, daß man zu wenig Ballast eingenommen hat; das Fahrzeug folgt dann dem Steuer nicht exakt, wird durch den Druck der Segel hinten emporgehoben, bekommt einen wankenden Gang, gerade wie ein Betrunkener, und kann mit Mann und Maus in einem Augenblick untergehen, in dem ein gut belastetes Schiff gerade die beste Fahrt machen würde. So verschwinden Fahrzeuge, von denen man nicht weiß, wohin sie gekommen sind, obgleich es keine Spur von einem gefährlichen Sturm oder Orkan gegeben hat.

Der betreffende Raum des gegenwärtigen Schiffs nun war bis zur Höhe von drei Metern mit Sand gefüllt. Ein jedes, selbst das bestgebaute Holzschiff leckt, das heißt, es dringt ein ungefährlicher Teil Seewassers durch die Planken hindurch, und so kam es, daß dieser Sand eine nicht unbedeutende Menge Feuchtigkeit enthielt. In diesem nassen Sand lagen die Gefangenen. Es waren an die Rippen des Schiffs, an denen die Planken befestigt sind, Ketten eingeschraubt, an die man die Männer gefesselt hatte, und zwar in solcher Entfernung, daß sie einander zwar hören, aber nicht erreichen konnten. Außerdem waren ihnen die Hände und Füße so mit festen Tauen zusammengebunden, daß sie den Gebrauch der Glieder vollständig verloren hatten.

Als Landola mit einer Laterne zu ihnen in den selbst am hellen Tag vollständig dunklen Raum kam, fand er, daß sie alle sich von der Besinnungslosigkeit bereits wieder erholt hatten. Er untersuchte nun jeden einzelnen und setzte sich dann Sternau gegenüber, der ihn auf den ersten Blick erkannt hatte und nun wußte, daß von diesem Menschen nichts Gutes zu erwarten sei.

»Señor Sternau, erkennen Sie mich?« fragte er höhnisch.

Der Gefragte antwortete nicht und tat, als ob er seine Gegenwart gar nicht bemerkt habe.

»Ah, Sie spielen den Stolzen?« lachte Landola. »Nun, das muß ich mir gefallen lassen! Da mich aber die anderen Señores wohl noch nicht gesehen haben, so will ich ihnen sagen, daß ich Henrico Landola bin, der Kapitän der berühmten ›Pendola‹. Man nennt mich auch zuweilen Grandeprise vom Piratenschiff ›Lion‹. Nun habe ich mich Ihnen vorgestellt und hoffe, Ihnen bekannt zu sein. Antworten Sie!«

Aber keiner von ihnen sprach ein Wort.

»Gut«, meinte der Seeräuber. »Ich bin überzeugt, daß Ihnen nur die Angst die Sprache geraubt hat; darum will ich nachsichtig sein. Doch nehme ich an, daß Ihnen wenigstens das Gehör geblieben ist, und so will ich mitteilen, was ich für Absichten mit Ihnen verfolge.«

Er ließ darauf den Blick von einem zum anderen schweifen, und als er bemerkte, daß ihn auch jetzt noch keiner anblickte, nickte er mit einem boshaften Lächeln und fuhr fort:

»Ich habe den Auftrag erhalten, Sie alle unschädlich zu machen, indem ich Sie töte; Sie sind endlich in meine Hand gegeben, und ich könnte Sie mit leichter Mühe töten. Ich habe jedoch beschlossen, dies nicht zu tun, nicht etwa aus Mitleid, denn dies wäre eine Schwäche, die Henrico Landola nicht kennt, sondern aus einer einfachen Berechnung, die sich ganz von selbst ergibt.«

Er warf abermals einen forschenden Blick auf die Gefangenen, aber er bemerkte auch jetzt nicht die mindeste Miene, daß einer auf seine Eröffnungen gespannt oder neugierig war. So fuhr er denn nach einer kurzen Pause fort:

»Ich habe nämlich, wenn ich Sie unschädlich mache, auf einen großen Lohn zu hoffen. Es ist aber sehr leicht möglich, daß man mir diesen Lohn verweigert, sobald man erfährt, daß ich meinen Auftrag wirklich ausgeführt habe. In diesem Fall hätte ich keine Zeugen. Schenke ich Ihnen aber das Leben, obgleich Sie natürlich verschwinden müssen, so steht es mir später zu jeder Stunde frei, Sie wieder erscheinen zu lassen. Dadurch wird mein Auftraggeber gezwungen, mir meinen Lohn auszuzahlen. Erhalte ich ihn, so bleiben Sie verschollen für alle Ewigkeit, verweigert man ihn mir aber, so hole ich Sie ab und geben Sie unter der Bedingung frei, daß ich meine Bezahlung dann von Ihnen erhalte und natürlich meine Begnadigung dazu.«

Er sprach in so geschäftsmäßigem Ton, als ob es sich um einen geringfügigen Handel und nicht um das Lebensglück so vieler Menschen handle, und fuhr fort:

»Sie sehen, daß ich Ihnen nicht gefährlich werden will, ja, daß Sie unter Umständen sogar später auf Ihre Befreiung rechnen können. Darum denke ich aber auch, daß Sie vernünftig und dankbar sein werden. Unter dieser Dankbarkeit verstehe ich besonders ein Verzichten auf jeden Versuch, sich zu befreien. Er würde nur zu Ihrem eigenen Schaden ausfallen. Auch die beiden Señoritas sind gefangen. Man wird sie anständig behandeln, ebenso, wie man Sie nicht unnötigerweise quälen wird; aber ein jeder Rettungsversuch der einen Partei, ich gebe Ihnen mein heiliges Wort, kostet der anderen das Leben. Droht mir von Ihnen Beschwerde oder Gefahr, so töte ich die Damen, sind mir aber diese ungehorsam, so lasse ich Sie umbringen. Merken Sie sich das!«

Landola hielt inne, um den Eindruck zu beobachten, den seine Worte auf die Gefangenen gemacht hatten; aber sie lagen noch immer so regungslos wie vorher und gaben keinen Laut von sich, der ihn darüber belehrt hätte, welchen Erfolg er erreicht. Darum sagte er zum Schluß:

»Ich teile Ihnen endlich noch mit, daß Sie so liegenbleiben werden wie jetzt und daß täglich unter meiner Aufsicht jemand kommen wird, um für einen Augenblick Ihre Hände zu befreien, damit Sie essen und trinken können. Jetzt wissen Sie genug. Vergessen Sie nicht, daß Sie es mit einem Mann zu tun haben, der den kleinsten Ungehorsam mit dem Tod bestrafen wird. Gute Nacht!«

Der Kapitän nahm sodann seine Laterne auf, ging und verschloß die Luke, deren schwere, eiserne Riegel man rasseln und klirren hörte.

Einige Minuten lang blieb in dem dumpfen, feuchten Raum alles ruhig. Man hörte nur die Ratten, die auf einem solchen Schiff, besonders im Ballastraum, zahlreich zu finden sind, hin und her springen. Endlich vernahm man die Stimme des Apachen, der nur das eine Wort ausstieß:

»Uff!« – »Uff!« antwortete nach einer Weile Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas.

Wieder trat eine Stille von vielleicht fünf Minuten ein, bis Mariano Sternau, der sein Nachbar war, fragte:

»Was sagst du dazu, Carlos?« – »Nichts!« lautete die ernste Antwort. »Oder könnte es dir vielleicht noch während der Nacht gelingen, dich von der Kette freizumachen?« – »Unmöglich! Sie ist zu fest. Überdies sind wir ja auch an Händen und Füßen zugleich gefesselt.« – »Nun, so müssen wir uns fügen!«

Sternau sagte diese Worte mit ruhiger Stimme, aber das Knirschen seiner Zähne verriet, was in ihm vorging. Sie alle waren Männer, die dem Tod und allen Gefahren kühn in das Angesicht geschaut hatten, sie waren nicht gewohnt, zu lamentieren, denn sie wußten, daß es nur bei klarem Geist und ruhiger Sammlung möglich sei, sich aus Fährlichkeiten zu retten. Dennoch aber kochte es wohl in einem jeden von ihnen, obgleich sie zu stolz waren, dies äußerlich merken zu lassen. Erst nach einer längeren Weile sagte Büffelstirn:

»Dieser Räuber ist verloren, wenn er Karja, der Schwester des Häuptlings der Mixtekas, nur ein Haar ihres Hauptes krümmt.«

Der berühmte Jäger dachte nicht an sich, sondern nur an seine Schwester.

»Er würde die größten Martern erleiden«, stimmte der Apache bei, der auch nicht an sich dachte, sondern an das Mädchen, das er liebte, trotzdem ihr Herz auf eine kurze Weile für den falschen Rodriganda geschlagen hatte.

Es war das von den beiden so stolz und selbstbewußt gesprochen, wie es sich für Indianerhäuptlinge geziemt. Sie waren gefangen, sie hatten nicht die kleinste Hoffnung, sich von ihren Fesseln befreien zu können, und dennoch drohten sie dem Feind und sprachen davon, daß sie ihn bestrafen würden. Und Helmers, der berühmte Donnerpfeil, tat ganz so wie sie.

»Der Teufel soll sie holen, wenn sie nur die kleinste Unhöflichkeit gegen Emma begehen!« sagte er. »Wir werden in diesem verdammten Schiff nicht umkommen und ja sehen, was zu tun ist.«

Sternau, der immer an das zunächst Wichtige dachte, fragte ihn:

»Wie sind Sie überwältigt worden? Durch einen Griff um die Gurgel oder durch einen Hieb?« – »Man drosselte mich«, antwortete der Gefragte. – »So können Sie von Glück reden. Ein Hieb auf Ihre Kopfwunde hätte Sie getötet. Übrigens wollen wir jetzt nicht klagen und drohen, sondern einmal allen Ernstes versuchen, ob denn wirklich keiner seinen Ketten gewachsen ist. Mich hat man ganz besonders bedacht; ich bin doppelt so stark gefesselt als ihr. Sonst würde es mir wohl gelingen, das bißchen Eisen abzudrehen.«

Sie folgten seinem Vorschlag. Durch das Dunkel des Raumes hörte man jetzt nichts als ein angestrengtes Klirren, Zerren, Drehen und Schrauben an den Ketten.

»Es ist nichts«, sagte Mariano. »Wir müssen auf einen Zufall rechnen.« – »Das werden wir kaum dürfen. Dieser Mensch wird noch während der Nacht mit uns in See gehen«, antwortete Sternau. »Sind wir bis dahin noch nicht frei, so bleiben wir seine Gefangenen, bis es ihm beliebt, uns zu ermorden oder an einer wüsten, unbewohnten Insel auszusetzen, wie aus seinen Worten ja hervorgeht. Unterwegs aber hätten wir nicht nur mit ihm und seinen Leuten, sondern auch mit den Elementen zu kämpfen. Die Fesseln sprengen wir nicht. Es gäbe höchstens die eine Möglichkeit, daß es den Damen gelänge, uns auf irgendeine Weise ein Werkzeug zuzustellen, mit dem wir die Ketten lösen könnten. Das aber ist wohl unmöglich. Und wäre es auch möglich, so werden sie es nicht wagen, da ja ein solcher Versuch mit unserem Tod bedroht worden ist. Berücksichtigen wir zunächst, daß wir nicht getötet werden sollen. Auch ich denke an mein Weib, an alle meine Lieben, aber ich halte es für das beste und unserer würdigste, diese neue Prüfung mit Festigkeit zu tragen. Halten wir den Mut und die Hoffnung fest, ermuntern wir uns, damit unsere Gesundheit nicht zu sehr leidet, so wird uns ganz sicher eine Stunde der Freiheit und der Vergeltung schlagen. Das hoffe ich zu Gott!«

Diese festen Worte richteten die anderen wieder auf. Es entstand eine lautlose Stille. Man hörte nur zuweilen das Rascheln einer Kette im Sand, und wahrhaftig, bald bewiesen die geregelten Atemzüge, daß die Männer schliefen, trotzdem sie heute eine der größten Enttäuschungen ihres Lebens erfahren hatten und sich in einer Lage befanden, in der ein anderer verzweifelt wäre. Sie erwachten erst, als die Wasser des Meeres an die Planken rauschten, zum Beweis dafür, daß das Schiff unter Segel gegangen sei. Wohin, davon hatten sie keine Ahnung.

Warum die Stunden, die Tage und Wochen beschreiben, die da unten im dunklen Raum vergingen? Warum die Gefühle schildern, die während fast dreier Monate die Herzen der Gefangenen bewegten? Obgleich die beiden Damen Luft und Licht genießen durften, litten sie doch am meisten. Es fehlte ihnen jenes zähe Selbstbewußtsein, das die Männer besaßen, die selbst in Ketten sich ihres Wertes vollständig bewußt blieben und keinen einzigen Augenblick die Überzeugung verloren, daß der Tag der Rache einst ganz sicher kommen werde.

Man hatte länger ruhiges Wetter gehabt, man hatte Stürme erlebt, doch nie war das Schiff angehalten worden. Da endlich, endlich schlugen die Wogen leiser und langsamer gegen die Planken, hörte man den Anker rasseln – tiefe Stille trat ein, man vernahm den Schritt mehrerer Männer zur Lukentreppe herabkommen.

»Jetzt naht die Entscheidung«, sagte Sternau. »Das schlimmste Los wird besser sein als diese tödliche Ungewißheit!«

Die Luke wurde entriegelt und geöffnet. Landola trat herunter mit mehreren von seinen Leuten.

»Macht ihnen die Ketten los!« gebot er. »Aber bindet sie so, daß sie nicht stehen oder die Arme bewegen können.«

Dies geschah. Und nun wurden die Gefangenen auf das Deck geschafft, wo man sie wie Holzklötze niederlegte.

Jetzt sahen sie nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder die Sonne und den Himmel, jetzt atmeten sie zum ersten Mal wieder freie, reine Luft. Wie aber sahen diese Männer aus! Gehungert und gedurstet hatten sie nicht, aber seit Monaten nicht gepflegt, gewaschen, gekämmt, lagen sie da mit halb verfaulten Kleidern, die von den Ratten zerfetzt worden waren.

In der Nähe standen die beiden Mädchen. Sie waren heute auch gefesselt, sonst hätten sie sich sicher vor Schmerz auf die Geliebten geworfen.

Zur Rechten lag die weite See, zur Linken erblickten sie eine Insel, die von einem Korallenkreis umgeben war, an dem die Brandung haushoch emporschäumte. In diesem Brandungsring gab es nur eine Öffnung, aber auch diese war jedenfalls nur von einem stark gebauten Boot zu passieren.

Die Gefangenen hatten zunächst nur einen kurzen Blick für die Insel. Ihre Aufmerksamkeit galt jetzt hauptsächlich der Bemannung des Schiffs, die sich, den Kapitän an der Spitze, um sie geschart hatte. Dieser sagte zu den Gefesselten:

»Señores, wir sind am Ziel, denn diese Insel soll Ihre Wohnung sein. Sie werden nie erfahren, wie sie heißt und wo sie liegt, denn es kann Ihnen kein Mensch Auskunft geben, da sich das Eiland ganz außerhalb jeden Kurses befindet und niemals besucht wird. Sie werden nicht verhungern und verdursten, denn es gibt hier zwei frische Quelle und Früchte, Fische, Vögel und anderes Wild genug. Die Waffen, die ich Ihnen abgenommen habe, erhalten Sie nicht wieder, doch können Sie ja Schlingen legen oder Bogen und Pfeile fertigen, um sich Nahrung und Häute zu Ihren Kleidern zu verschaffen. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir uns unter Umständen wiedersehen werden. Wenn sich Ihnen ein Schiff naht, so ist es ganz sicher das meinige, glauben Sie nicht, daß es ein anderes sein wird. Ich lasse Sie jetzt durch die Brandung an das Land fahren. Wenn sich meine Leute dann entfernt haben, können Sie sich mit Hilfe spitzer und scharfer Steine sehr leicht von Ihren Fesseln befreien. Adieu, Señores! Adieu, Señoritas!«

Die Matrosen griffen zu und legten die Gefangenen in die beiden Boote, die dann vom Schiff abstießen. Es gelang ihnen, durch die Brandung zu kommen. Am stilleren Ufer wurden die Gefesselten ausgeladen und hingelegt, dann kehrten die Matrosen zurück.

Sternau wälzte sich sofort an eine scharfe Kante des Korallenufers und rieb den Strick, der seine Hände verband, so lange gegen dieselbe, bis er zerriß. Nun schlug er ein Stück dieser Kante ab, gebrauchte sie als Messer, befreite mit demselben auch seine Füße und war frei. Nach noch nicht zehn Minuten standen alle wieder aufrecht und im Besitz des Gebrauchs ihrer Glieder da.

Nun erhob Büffelstirn die Hand, deutete auf das Schiff und fragte:

»Wünschen meine Brüder, daß wir das große Kanu unserer Feinde erobern?«

Sternau mußte trotz des Ernstes ihrer Lage doch beinahe lächeln, als er antwortete:

»Das ist unmöglich, ganz und gar unmöglich!«

Da deutete Büffelstirn auf die Brandung.

»Fürchten sich meine Brüder vor diesem Wasser?« fragte er. »Der Häuptling der Mixtekas schwimmt durch jedes Wasser!« – »Aber ehe er hinauskommt, ist das Schiff bereits fort. Da zieht es schon die Segel wieder in den Wind. Es geht weiter. Welcher Schwimmer kann es erreichen!«

Es war so, wie Sternau sagte. Das Schiff hatte seinen Lauf wieder aufgenommen, und da es ein guter Segler war, machte es eine so schnelle Fahrt, daß die Insel, besonders da sie nicht sehr groß war, bald aus den Augen der Bemannung verschwand.

Der Kapitän aber stand oben auf dem Quaterdeck und blickte noch mit dem Fernrohr nach der Insel zurück. Als er sie nicht mehr erkennen konnte, schob er das Rohr zusammen und drehte sich nach dem Steuermann.

»Fertig!« sagte er. »Diese Herrschaften sind sicher aufgehoben.« – »Sicher?« fragte der Maat. »Wie nun, wenn es ihnen doch gelingen sollte, sich zu befreien?« – »Das gelingt ihnen nie. Sie machen mir keine Sorge, wohl aber die hier.«

Landola deutete bei diesen Worten auf seine Matrosen.

»Man wird Maßregeln treffen müssen«, meinte der Steuermann mit verschlagenem Lächeln. – »Das werden wir«, nickte der Kapitän. »Halten wir unseren Kurs nach Westnordwest. Ich will die Insel Pitcairn anlaufen.« – »Hm!« brummte der Maat, indem er langsam mit dem Kopf nickte, denn er hatte seinen Gebieter vollständig verstanden.

Die Fahrt blieb auch jetzt eine gute. Pitcairn wurde glücklich erreicht, und der Kapitän ging mit seiner Gig ganz allein an das Land.

»Das hat etwas zu bedeuten«, sagte sich der Steuermann. »Ich aber will mich in acht nehmen.«

Als Landola zurückkehrte, machte er eine sehr ärgerliche Miene.

»Es war nichts«, sagte er. »Ich wollte unsere Kerle gegen neue Mannschaften umtauschen und mich gar nicht aufhalten. Aber das geht sehr langsam hier. Wir werden einige Tage warten müssen.« – »Soll ich es nicht lieber einmal versuchen, Kapitän?« fragte der Maat.

Es war ihm jetzt nicht geheuer auf dem Schiff. Landola wollte die Zeugen seiner Tat unschädlich machen, und er selbst, der Steuermann, befand sich in derselben Gefahr, da auch er ein solcher Zeuge war. Landola jedoch machte ein so freundliches Gesicht, als sei er einer großen Sorge überhoben, und antwortete:

»Das wäre mir das liebste. Es können noch einige mitgehen, und wenn Ihr bis morgen bleibt, so könnt Ihr genug Leute finden. Vier Mann im Boot werden genug sein.« – »Völlig. So werde ich mich sogleich fertig machen.« – »Aber die Waffen nicht vergessen, denn mit diesen Eingeborenen ist nicht zu scherzen.«

Der Steuermann ging. Als er sich entfernt hatte, lachte der Kapitän höhnisch und brummte leise vor sich hin:

»Dieser Kerl durchschaut mich. Er soll der erste sein, der dran glauben muß. Wie gut, daß ich gleich die Gesellschaft des gescheiterten Walfischfängers fand, die froh ist, aufgenommen zu werden. So kann ich kurzen Prozeß machen.«

Der Kapitän stieg dem Steuermann nach. Dieser stand eben im Begriff, seine gute, mit blanken Ankerknöpfen besetzte Jacke anzuziehen. Auf dem kleinen, angeschraubten Tischchen lag ein Doppelterzerol. Der Maat hatte es bereits geladen, um eine Waffe gegen etwaige Überfälle der Eingeborenen zu haben.

»Bereits scharf geladen?« fragte der Kapitän, indem er die Waffe ergriff, wie um sie zu besehen.

Der mißtrauische Steuermann ahnte etwas. Er griff schnell zu und erwiderte:

»Halt, Vorsicht, Kapitän! Mit dem Ding ist nicht zu spaßen!« – »Das will ich auch nicht!«

Mit diesen Worten riß der Kapitän seine Hand, die das Pistol festgefaßt hatte, los und drückte ab. Die Kugel fuhr dem Steuermann durchs Auge in das Gehirn. Er stürzte sofort tot zusammen.

Nun sprang der Kapitän rasch an Deck und rief die Leute zu Hilfe.

»Der Maat hat sich verwundet!« rief er. »Er ist mit seinem Gewehr unvorsichtig umgegangen.«

Alles eilte hinab. Man fand, daß von einer bloßen Verwundung keine Rede war, er war vollständig tot. Die gefühllosen Kerle machten sich nicht viel daraus, denn nun avancierten sie ja um einen Grad. Die Leiche wurde in einen Sack gesteckt und ohne Zeremonie in das Wasser geworfen. Der Hauptzeuge war unschädlich gemacht. Nun blieben noch die anderen übrig.

Landola rief sie zusammen und teilte ihnen mit, daß nun das eigentliche Geschäft erst beginnen solle, und aus diesem Grund habe er sich die hier befindliche Bemannung eines verunglückten Walfischfahrers engagiert.

»Sie halten uns für friedliche Kauffahrer und dürfen erst nach und nach eingeweiht werden. Darum müßt ihr zunächst verschwiegen und vorsichtig gegen sie sein. Sie dürfen jetzt meinen Namen noch gar nicht ahnen.«

Die Matrosen versprachen dem Schurken, schlau zu sein. Als dann die Walfischfahrer an Bord kamen, wurden sie von der Bemannung des Schiffs freundlich empfangen. Der Kapitän aber nahm den Steuermann zu sich in die Kajüte und sagte:

»Ich habe Euch bereits mitgeteilt, daß meine Leute revoltiert haben. Sie töteten mich nur deshalb nicht, weil ich der einzige bin, der die Seerechnung versteht. Wollt Ihr mir behilflich sein, so seid Ihr morgen Steuermann. Der meinige hat sich vorhin unvorsichtigerweise erschossen.« – »Ich bin bereit«, lautete die Antwort. – »Gut. Ich gebe Euch als Willkommen einen tüchtigen Trunk. Ihr macht sie total betrunken, fallt dann mit Euren Leuten über sie her, und wir fesseln sie im Kielraum fest. Dann übergeben wir sie dem nächsten Kriegsschiff oder Konsulat zur Verurteilung.«

Von diesem Vorschlag wurde die erste Hälfte ausgeführt. Die Piraten wurden in der Betrunkenheit überwältigt, aber einer nach dem anderen erhielt von Landola Gift, so daß in acht Tagen keiner mehr lebte. Der Kapitän hatte alle Zeugen beiseite geschafft. Er galt bei seiner neuen Bemannung für einen ehrlichen Mann und ließ sich auch nicht merken, daß er das Gegenteil sei.

Er fuhr darauf nach dem Bendana-Archipel. Hier gelang es ihm, zu veräußern, was er bei sich hatte, und eine gute Ladung einzunehmen, mit der er nach Valparaiso ging. Dort brachte er es durch seine Schlauheit fertig, sich als Eigentümer des Schiffs zu legitimieren, verkaufte es mitsamt der Ladung und bestieg dann mit einer bedeutenden Summe einen Dampfer, um über Rio de Janeiro nach Spanien in seine Heimat zu gehen, wo er auch glücklich anlangte.

46. Kapitel.

Während Henrico Landola mit seinen Gefangenen nach dem Großen Ozean segelte, um die Unglücklichen zur tiefsten Einsamkeit und Verlassenheit zu verurteilen, erwartete man in der Heimat vergebens ein Lebenszeichen von ihnen. Aber auch noch andere warteten, und zwar ganz ebenso vergebens.

Da waren zunächst Lindsay und Amy, die sich nach einer Nachricht von Mariano sehnten. Und da waren ferner Pablo Cortejo und seine häßliche Tochter Josefa, denen ganz außerordentlich daran lag, über das Schicksal dieser Männer etwas zu erfahren.

Und dennoch vergingen Wochen und Monate, ohne daß eine Kunde kam. Das lag nun zwar daran, daß man sie hatte verschwinden lassen, aber selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, lagen die höchst verwickelten politischen Verhältnisse Mexikos so im argen, daß die Sicherheit von Sendungen und Nachrichten eine höchst problematische war, denn das an und für sich so schöne Land war von Wirren heimgesucht, deren Lösung bisher noch keiner Hand gelungen war.

Einen freilich gab es, der das Geschick dazu hatte; das war Benito Juarez, der Indianer aus dem Stamm der Zapoteken, dem wir im Verlauf unserer Erzählung ja bereits begegnet sind. Viele kennen ihn nicht und beurteilen ihn falsch. Darum ist es die Pflicht des unparteiischen Beobachters, sein Bild der reinen Wahrheit nachzuzeichnen.

Ein gerechter Beurteiler vermag in Juarez freilich nicht einen außerordentlichen Träger jenes Genies erkennen, das einer Periode, einem Volk das Gepräge seines Geistes und Willens aufdrückt, aber dieser nicht geniale Mann besaß einen gesunden Verstand, eine eiserne Willenskraft und neben seiner Rechtlichkeit, Entschlossenheit, Nüchternheit und Vaterlandsliebe eine Menge anderer Eigenschaften, die ihn befähigten, seinem Volk größere Dienste zu leisten, als wenn er nichts als bloß ein Genie gewesen wäre, das wie eine Wetterfahne von den dortigen Verhältnissen herumgedreht und herumgerissen worden wäre.

Er wurde in dem Ort San Pedro in der Sierra de Oaxaca geboren und hatte in seinen Jugendjahren gelernt, sich wacker mit den Hindernissen der Armut und nationalen Verachtung herumzuschlagen. Unter vielen, fast unüberwindlichen Beschwerden gelang es ihm, die Rechtswissenschaft zu studieren und am Kollegium von Oaxaca Lehrer dieser Wissenschaft zu werden. Das war für einen Indianer, für eine verachtete Rothaut, bereits sehr viel erreicht.

Neben diesem Lehramt widmete er sich der Advokatur, und dieses sein Wirken brachte ihm weithin den Ruf eines streng ehrlichen und tadellos redlichen Mannes. Daher kam es, daß er zum Gouverneur des Staates Oaxaca gewählt wurde, und selbst seine Feinde müssen zugeben, daß niemals dieses Amt so selbstlos und kraftvoll verwaltet wurde als von ihm. Er erwarb sich eine so bedeutende Achtung, daß ihm die alte, berühmte Kreolenfamilie Mazo ihre Tochter Margarita zur Frau gab, während sonst die stolzen Kreolen jede Vermischung mit Indianern streng vermeiden.

Er zeichnete sich als Gouverneur aus durch Besserung der Rechtspflege, Hebung der Finanzen, Abstellung von Mißbräuchen und Schlendrian des Beamtentums, Förderung des Gewerbefleißes und Mehrung der Verkehrsmittel. Der Wohlstand und die Sicherheit der von ihm beherrschten Provinz erhob sich dadurch so schnell und hoch, daß er im ganzen Land berühmt wurde, und so war es gar nicht zu verwundern, daß er bald zum Vorsitzenden des höchsten Nationalgerichtshofs erwählt wurde, und zwar infolge einer unmittelbaren Volkswahl, was eine um so größere Ehre für ihn war.

Sodann wurde er gar Justizminister, als welcher er den bösen Praktiken des Präsidenten Commonfort entschieden entgegentrat und als strenger Rechtsmann, umsichtiger Patriot und edler, redlicher Staatsdiener seinen bereits erworbenen Ruf befestigte und behauptete.

Nach dem Fall dieses Präsidenten wurde Juarez Präsident. Hiermit erhielt der einst so verachtete Indianer nicht nur die höchste Würde des Staates, sondern er erbte mit derselben von seinen Vorgängern auch die ganze, unglückselige Korruption der Verhältnisse, an der er weder Teil noch Schuld hatte. Er erbte ebenso die fürchterliche Last des Krieges mit den Armeen und Flotten Frankreichs, die tiefen Zerwürfnisse mit Spanien und England, die schiefe Stellung mit den Vereinigten Staaten, den hartnäckigen Widerstand seiner inneren Feinde und – den armen Maximilian von Österreich, der von Napoleon des Dritten Gnaden zum Kaiser von Mexiko ausgerufen wurde.

Diese Aufgabe war eine ungeheure. Hat er sie gelöst? Welche Frage! Konnte sie von einem einzigen, konnte sie in einem Menschenalter, in der kurzen Zeit einer Präsidentschaft gelöst werden? Er erkannte, daß ein Kaiser von Napoleons Gnaden in Mexiko unmöglich sei. Er widmete dem guten Max seine persönliche Sympathie und Teilnahme, aber er war ein echter Mann des Prinzips, und so ist er auf seiner Überzeugung stehengeblieben und hat für sie gekämpft, ohne sich von dem Franzmann blenden zu lassen, mutig und ausdauernd und doch in persönlichen Angelegenheiten eine ruhige, sichere Würde, ein feines Gefühl und eine gewinnende Sanftmut und Milde zeigend. Einer unserer neueren bedeutendsten Geschichtsschreiber fällt das Urteil über ihn:

»Alles in allem: Benito Juarez ist die bedeutendste geschichtliche Gestalt, die innerhalb des Kreises der europäischen Zivilisation bisher aus der indianischen Rasse hervorgegangen ist.«

Während Juarez noch Kriegsminister war, und bereits vorher, saß Commonfort auf dem Präsidentenstuhl. Dieser war früher Zöllner in Acapulco gewesen und erhielt einen Gegenpräsidenten, der Miramon hieß und jene traurigen Eingriffe in das Eigentum fremder Staatsangehöriger begann, die schließlich das englisch-französisch-spanische Einschreiten veranlaßten. Man plünderte sogar das Hotel des englischen Gesandten, und die Ansprüche der also Geschädigten beliefen sich zuletzt auf die ungeheure Summe von beinahe fünfhundert Millionen Mark.

Dieser Miramon war ein Freund des früheren Präsidenten Alvarez, ebenfalls eines Indianers, der seiner außerordentlichen Grausamkeit wegen der Panther des Südens genannt wurde. Diesen beiden werden wir leider sehr bald begegnen.

Seit dem Tag, an dem Sternau mit Mariano und Helmers Mexiko verlassen hatte, war nun ein Jahr vergangen. Da kam von Norden her ein Reiter in die Stadt. Er war bestaubt, und alle Anzeichen verrieten, daß er einen langen und beschwerlichen Ritt zurückgelegt habe. Hinter ihm trabten mehrere Vaqueros, sie waren, ebenso wie er, gut bewaffnet, doch bedeutend jünger als er und führten ein kräftiges Maultier bei sich, das eine sorgfältig verpackte Last trug, die zwar nicht groß war, aber sehr schwer zu sein schien.

Der alte Mann ritt durch mehrere Straßen und hielt vor dem Palast des Obertribunals. Dort stieg er vom Pferd und fragte den Türsteher, ob seine Gnaden, Señor Benito Juarez, zu sprechen sei. Der Türsteher betrachtete den Alten mit einem geringschätzigen Blick und erwiderte:

»Für Euch jedenfalls nichts.« – »Warum nicht?« – »Hat er Euch befohlen, heute zu ihm zu kommen?« – »Nein.« – »So wartet. Ohne Anmeldung empfängt er nur Freunde bei sich.« – »So melde mich an. Übrigens darf ich mich sehr wohl zu seinen Freunden zählen.«

Die sichere Antwort des Greises machte Eindruck auf den Diener. Er fragte:

»Welchen Namen tragt Ihr, Señor?« – »Ich heiße Pedro Arbellez und bin Besitzer der Hacienda del Erina« – »Oh, das ist etwas anderes, Señor! Ihr seid weit geritten, und Euer Aussehen machte mich irre! Man hat zu sorgen, daß der Herr nicht zu sehr überlaufen wird. Alle Welt will zu ihm, weil es bei einem anderen keine Gerechtigkeit gibt. Tretet ein und laßt Eure Diener in den Hof reiten!«

Die Vaqueros begaben sich mit ihren Pferden nach dem Innenhof des Hauses, und Arbellez wurde von einem Domestiken nach einem geräumigen Zimmer geführt. Es hatte trotz seiner Größe nur ein Fenster, zwei Hängematten und einen Tisch. Auf dem Tisch stand ein Schreibzeug neben einem Stoß Papier. In der einen Hängematte saß ein Mann, der eine Zigarette rauchte, und in der anderen saß ein zweiter, der dasselbe tat. Der erstere war Benito Juarez, der oberste Richter des Landes. Er erhob sich beim Eintritt des Gastes ein wenig und sagte:

»Ah, Señor Pedro Arbellez! Euch habe ich seit einem Jahr nicht gesehen, wißt Ihr, seit ich Euch die Hacienda Vandaqua in Pacht gab. Was bringt Ihr mir?« – »Eben den Pachtzins, Señor«, antwortete der Gefragte. »Und außerdem möchte ich Euch eine große Bitte vorlegen.« – »Privaten Charakters?« – »Nein. Ich komme zu Euch als zum Richter.« – »So sollt Ihr gehört werden; vorher aber muß ich die Angelegenheit dieses Señors erledigen, da sie keinen Aufschub erleidet. Legt das Schreibzeug zu Boden und setzt Euch auf den Tisch. Ich habe keinen anderen Platz!«

Arbellez hielt es für unmöglich, sich auf den Tisch zu setzen, aber Juarez machte eine so kurze und gebieterische Handbewegung, daß er gehorchte. Nun wandte sich der Oberrichter an den anderen, der ein Mann in den mittleren Jahren war, ein dicht behaartes Gesicht und dunkle, stechende Augen hatte, und sagte:

»Also, Señor, ich habe Euch aus dem Gefängnis rufen lassen, um Eure Sache schnell zu erledigen. Es ist sehr unhöflich, jemand warten zu lassen, und ich bin nicht gern unhöflich. Brennt Eure Zigarette noch?« – »Ja, Señor.« – »Schön!« fuhr Juarez im Ton der heiteren Konversation fort. »Wie lange hält man Euch bereits gefangen?« – »Volle drei Wochen, Señor.« – »Ah, das ist unartig, ich muß es gestehen. Ich werde diese Unterrichter bitten, zuvorkommender zu sein. Euer Urteil ist noch gar nicht gefällt?« – »Leider noch nicht. Ich hoffe, daß ich mit demselben zufrieden sein werde!« – »Ich bin überzeugt davon«, sagte Juarez freundlich. »Ich werde keinem Unrecht tun, weder Euch noch Eurem Gegner. Also es handelt sich um einen kleinen Schuß?« – »Allerdings.« – »Traf dieser Schuß?« – »Die Dame gerade in den Kopf. Ich hatte gut gezielt.« – »Ah, so seid Ihr also ein sehr sicherer Schütze! Das freut mich, denn gute Schützen sind in dieser bösen Zeit sehr gut zu gebrauchen. Warum aber habt Ihr auf die Dame geschossen?« – »Weil sie mir sagte, daß sie einen anderen heiraten werde. Ich bat sie höflich, sich zu besinnen, aber sie blieb dabei, und so schoß ich sie nieder.« – »Das ist klar«, nickte der Oberrichter. »Sie wollte Euch nicht, und so schoßt Ihr sie nieder. Ein jeder hat die Folgen seiner Handlung zu tragen. Eure Zigarette ist zu Ende, Señor. Darf ich Euch eine von den meinigen anbieten?«

Er schenkte dem anderen eine Zigarette, die dieser sich anbrannte, und fuhr dann fort:

»Der Vater der Dame hat Euch leider angezeigt, und so müssen wir über die Sache reden. Ihr sagt also, daß Ihr sie wirklich erschossen habt?« – »Allerdings.« – »Nun, so werden wir gleich fertig sein. Auf Mord steht Todesstrafe; ich werde Euch also auch erschießen lassen. Ist Euch dies recht so, Señor?«

Der andere machte doch etwas große Augen. Er hatte an die Möglichkeit dieses Urteils gar nicht gedacht, da Juarez die Untersuchung, die fast eine freundschaftliche Unterhaltung zu nennen war, in dieser freundlichen Weise geführt hatte.

»Aber, Euer Gnaden, ich denke doch …« – »Pst!« unterbrach ihn Juarez. »Unter Männern macht man nicht viele Worte bei einer so einfachen, klarliegenden Sache. Ihr habt sie erschossen und werdet wieder erschossen, ein jeder hat die Folgen seiner Handlung zu tragen, das sagte ich bereits vorhin. Wollt Ihr mir ein wenig Feuer geben? Das meinige ist ausgegangen.«

Juarez brannte seine Zigarette an derjenigen des Mörders an, steckte dann den Finger in den Mund und stieß zwei schrille Pfiffe aus. Sofort erschienen zwei Polizisten.

»Gebt mir ein Stück Papier und taucht die Feder ein!« gebot er.

Die Männer kamen der Aufforderung nach, der Oberrichter legte das Papier auf seine Knie, schrieb einige Worte darauf und reichte es dem Mörder hin.

»Hier, Señor, lest! Das ist Euer Urteil. Es ist Euch doch recht, daß ich Euch sogleich erschießen lasse?«

Der Mann erhob sich bleich aus der Hängematte und sagte:

»Euer Gnaden, ich muß denn doch bitten …« – »Pst!« unterbrach ihn Juarez mit einem Lächeln voll Nachsicht und Gefälligkeit. »Ihr habt vorhin geklagt, daß Ihr volle drei Wochen wartet, ich habe Euch also eine Genugtuung zu geben. Man muß immer möglichst gefällig sein! Also sofort, Señor. Brennt Eure Zigarette noch?« – »Ja, ich danke!« stotterte der Mann. – »Schön! Es gibt nichts Unangenehmeres, als wenn einem bei einer wichtigen Angelegenheit die Zigarette ausgeht. Es kann das fälschlicherweise leicht für einen Mangel an Selbstzufriedenheit und Behaglichkeit genommen werden. Und das muß man vermeiden. Verzeiht, Señor, daß ich leider nun nicht länger Zeit habe. Adios!«

Er machte dem Mann eine höfliche Verbeugung, dieser erwiderte sie und verschwand mit den Beamten. Juarez horchte einige Augenblicke – da fielen mehrere Schüsse; er legte sich in die Hängematte zurück und meinte:

»Er ist tot! Was meint Ihr zu meiner Art und Weise, Gericht zu halten, Señor Arbellez?«

Der Gefragte hatte der interessanten Verhandlung mit dem größten Staunen beigewohnt. Er antwortete:

»Señor, sie scheint mir durchaus ungewöhnlich zu sein!« – »Aber praktisch, mein lieber Arbellez!« nickte der Oberrichter. »Gerecht, freundlich und schnell, so muß die Justiz handeln, anders nicht. Darum wollen auch wir beide keine Zeit versäumen. Also, Ihr bringt mir den Pachtzins?« – »Ja. Ich werde ihn vorzählen; ich habe das Geld noch auf dem Maultier.« – »Laßt das, Señor! Schickt mir das Geld nachher herein, wenn wir uns verabschiedet haben. Ich weiß, daß Ihr mich nicht betrügen werdet. Gehen wir lieber jetzt gleich zu Eurer Bitte über.« – »Aber, Euer Gnaden, sie wird nicht so schnell zu behandeln sein wie das Todesurteil.« – »Das wird uns nicht hindern, denn jedes Ding bedarf seiner Zeit. Also Ihr kommt zu mir als zum Richter?« – »Ja, ich flehe um Gerechtigkeit.« – »Für wen?« – »Für mich und die Meinen.« – »Und gegen wen?« – »Gegen viele. Es wird das eine sehr umfangreiche Erzählung werden, aber, Señor, ich habe so Schweres gelitten, und ich leide auch jetzt noch so sehr, daß mein Vaterherz bitten muß, mir aufmerksam zuzuhören.« – »Sprecht nur, mein guter Arbellez«, sagte der Oberrichter. »Ich werde Euch bis zum Ende anhören. Aber brennt Euch vorher eine von meinen Zigaretten an.« – »Wie kann ich das tun, Euer Gnaden! Ich würde vor Schmerz und Tränen keinen Zug tun können.« – »Eben gerade darum sollt Ihr rauchen. Ich ehre den Schmerz und die Tränen, wenn sie ehrlich gemeint sind, aber sie machen den Richter leicht irre und parteiisch. Er braucht vor allen Dingen eine wahrheitsgetreue Darstellung der Sache. Darum sollt Ihr rauchen, denn dann werden Eure Tränen den Eindruck Eurer Erzählung nicht stören und benachteiligen können. Hier, nehmt Feuer, und beginnt Euren Bericht!«

So sah Arbellez sich gezwungen zu rauchen. Er erzählte und begann von vorn, von seinen Jugenderfahrungen und von den späteren Erlebnissen; dann schilderte er die Personen, wie er sie gefunden hatte, teilte seine Vermutungen mit, und – wunderbar, es war keine einzige Träne geflossen, als er geendet hatte.

Der große Indianer hatte ihm ruhig, beinahe wortlos zugehört; jetzt erhob er sich aus der Hängematte und schritt im Raum auf und ab, um zu rekapitulieren. Er dachte lange nach, verglich und folgerte, dann blieb er vor dem alten Haziendero stehen und sagte:

»Señor Arbellez, wenn Ihr es nicht wäret, der mir diese Geschichte erzählt, so würde ich sie nicht glauben, da ich Euch aber für einen nüchternen, wahrheitsliebenden Mann halte, so glaube ich Euch jedes Wort und verspreche Euch meine ganze Hilfe. Wo dieselbe anzufassen ist, weiß ich freilich noch nicht. Ich habe mir vorher vieles zurechtzulegen, ich muß verschiedene und sehr genaue Erkundigungen einziehen, bin ich damit aber zu Ende, so soll auch, das verspreche ich Euch, Schlag auf Schlag kommen, bis dieses ganze schändliche Komplott aufgedeckt und bestraft worden ist. Bleibt Ihr für einige Zeit hier?« – »Ja, bei Sir Lindsay.« – »Ah, bei dem! Warum gerade bei ihm?« – »Weil ich auch ihm das erzählen muß, und weil er mir eine Bitte erfüllen soll.« – »Darf ich erfahren, welche es ist?« – »Gewiß, Señor. Ich habe erwähnt, daß Donnerpfeil ein Geschenk aus der Höhle des Königsschatzes erhalten hat. Sein Bruder besitzt drüben in Deutschland, seiner Heimat, einen hochbegabten Knaben, der aber arm ist. Donnerpfeil, der Bräutigam meiner Tochter, hat nun vor einem Jahr, das heißt, seit er verschwunden ist, beschlossen, daß dieser Knabe die Hälfte seines Geschenks erhalten soll. Es konnte ihm nicht geschickt werden, und so geht gerade die Zeit verloren, in der dieser Reichtum dem Knaben den meisten Nutzen bringen wird. Darum habe ich die Kostbarkeiten aufgeladen und mitgebracht und will sie dem Lord bringen, der sie nach Deutschland senden mag.« – »Wo wohnt der Knabe?« – »Bei Mainz auf einem Schloß, dessen Namen ich vergessen habe. Doch ist es leicht zu finden, denn es gehört einem Hauptmann und Oberförster von Rodenstein. Diesen Namen habe ich behalten.« – »So überlaßt diese Sendung lieber mir als dem Engländer. Ginge sie von ihm aus, so würde sie von unseren Bravos – Räubern – nicht respektiert. Kommt sie aber aus meiner Hand, so will ich den Mexikaner sehen, der sich an ihr vergreift. Ich werde das Sicherste wählen und sie an ein Bankhaus in Mainz adressieren. Der Bankier wird den Knaben ausfindig machen.« – »Oh, wie bin ich Euch dankbar, denn Ihr nehmt mir da eine große Last vom Herzen.« – »Wie heißt der Knabe?« – »Kurt Helmers. Sein Vater ist Steuermann.« – »Ich werde mir das notieren. Übrigens ersuche ich Euch, lieber bei mir, als bei dem Engländer zu wohnen, so lange Ihr in Mexiko bleibt. Es ist möglich, daß ich Euch in Eurer Angelegenheit öfters zu sprechen habe, und da ist es bei mir bequemer. Ich werde Euch ein gutes Zimmer anweisen lassen, und Sir Lindsay wird es uns nicht übelnehmen, Ihr könnt ihn ja immerhin besuchen. Bringt einmal den Schatz herein. Und da es nun in einem geht, könnt Ihr auch gleich den Pachtzins mitbringen.«

Der Haziendero entfernte sich und brachte mit Hilfe eines seiner Vaqueros die Maultierlast herein. Sie enthielt zwei Pakete, beide in ungegerbtes Büffelleder eingeschnürt.

Die eine Hälfte enthielt den Pachtbetrag in Goldstücken, den der Oberrichter quittierte. Als die andere Hälfte geöffnet worden war, wurden von dem Inhalt die durch das Fenster einfallenden Sonnenstrahlen aufgefangen und in tausend funkelnden Reflexen durch das Zimmer geworfen. Benito Juarez stieß einen Ruf der Bewunderung aus.

»Dios! Welche Pracht und Herrlichkeit!« rief er. »Welche Kostbarkeiten! Welch ein Reichtum! Welch einen Wert repräsentiert dieses seltene Geschmeide. So etwas habe ich noch gar nicht gesehen!« Und mit finsterer Miene fügte er hinzu: »Dieser Schatz in der Höhle der Könige könnte Mexiko groß machen; aber seine Bewohner sind es nicht wert. Der Häuptling der Mixtekas hat recht. Sein Geheimnis mag mit ihm sterben. – Und diese Sachen sind nur die Hälfte davon, was Euer Schwiegersohn bekam?« – »Ja.« – »Habt Ihr die andere Hälfte gut verwahrt?« – »Ja. Sie ist an einem Ort vergraben, an dem sie von niemand gefunden wird.« – »Und diesen Teil wollt Ihr wirklich nach Deutschland senden? Und ein Knabe soll ihn bekommen, der den Wert nicht kennt und der auch kaum den rechten Gebrauch davon machen wird?« – »Ja. Der Häuptling der Mixtekas hat es selbst so gewollt, und ich muß ihm gehorsam sein. Sollte er zurückkehren, so wird er mich loben, daß ich seinen Willen befolgt habe.« – »So können wir nichts dagegen machen. Dieser Schatz geht aus dem Land. Vielleicht aber kommt er in würdige Hände.«

Juarez trat an den Tisch, öffnete den Kasten und nahm ein Buch heraus, das er aufschlug. Es enthielt ein Namenverzeichnis, bei dem die Kurse von Aktien und verschiedenen Wertpapieren angegeben waren. Er suchte eine Zeitlang und sagte dann:

»Hier steht Mainz. Ich finde da das Bankhaus Wallner verzeichnet. Dorthin wird die Sendung gehen, und ich bin überzeugt, daß bei dem großen Wert derselben der Mann sich Mühe geben wird, den Adressaten ausfindig zu machen. Wollt Ihr einen Brief beilegen?« – »Oh, Señor, das Schreiben fällt mir jetzt sehr schwer. Aber Miß Amy Lindsay wird die Güte haben, es für mich zu tun.« – »So bringt denselben heute noch zu mir, denn diese Sendung soll morgen mit dem frühesten bereits abgehen. Ich werde ihr eine genügende Eskorte geben und sie auch gut versichern lassen. Jetzt aber wollen wir ein Verzeichnis anfertigen, und sodann erhaltet Ihr die Bescheinigung, daß Ihr mir die Gegenstände übergeben habt.«

Dies geschah, und dann erhielt der Haziendero ein Zimmer angewiesen, das er bewohnen sollte und in dem er sich von dem Staub der Reise befreite, um dann Sir Lindsay aufzusuchen. Dort war nur Miß Amy zu Hause, von der er mit herzlicher Freunde empfangen wurde.

Pedro Arbellez hatte als glücklicher Vater bisher seine Tochter für das schönste Mädchen der Welt gehalten, aber als er die Engländerin erblickte, wie sie in einem schneeweißen, von rosaseidenen Spitzen verzierten Anzug vor ihm in der Hängematte lag, da glaubte er, die Madonna sei vom Himmel herabgestiegen, um mit ihm zu sprechen.

Sie erhob sich, reichte ihm ihr Händchen und sagte:

»Señor Arbellez! Aus del Erina! Welch eine Überraschung, welch eine Freude! Was für Nachrichten bringt Ihr mir?«

Ihre Schönheit entzückte ihn trotz seines Alters so sehr, daß er die Beantwortung der letzteren Frage einstweilen vergaß. Er drückte nur einen Kuß auf ihre Finger und sagte:

»Oh, Señorita, wie schön seid Ihr. Wer kann es unserem gnädigen Herrn verdenken, daß er Euch so liebhat!« – »Euern gnädigen Herrn? Wen meint Ihr?« – »Nun, den rechten, wahren Herrn von Rodriganda, der bisher fälschlicherweise Mariano oder Herr de Lautreville genannt wurde.« – »Ah!« rief sie. »So seid auch Ihr überzeugt, daß er es wirklich ist?« – »Seine Ähnlichkeit ist ein genügender Beweis dafür. Außerdem hoffe ich zu Gott, daß es uns gelingt, auch andere Beweise zu finden, die vor dem Richter noch wirkungsvoller sind.« – »Wir alle hoffen es. Aber was tut Mariano? Wo befindet er sich? Warum hat er mich während einer solchen Ewigkeit ohne Botschaft gelassen?« – »Señorita, er hat jedenfalls nicht gekonnt. Es scheint, die Sachen stehen so, daß ich der einzige Bote bin, der Euch von ihm erzählen kann. Dies ist freilich nur wenig und nicht tröstlich, und zudem war der Weg von der Hazienda nach hier während langer Monate so unsicher, daß ich mir weder zugetraute, einen Boten zu senden, noch selbst zu gehen.« – »Nicht tröstlich?« fuhr sie auf. »Mein Gott, setzen Sie sich und erzählen Sie!«

Arbellez nahm bedächtig Platz und erzählte. Amy hörte ihm mit größer Spannung zu, und beide vergaßen ganz, daß sie nicht allein seien, daß in einer anderen Hängematte ein Mädchen saß, das vor der Ankunft des Haziendero beschäftigt gewesen zu sein schien, der Miß vorzulesen. Es war ihre Duenja, ihre Gesellschafterin. In Mexiko ist es nämlich eine unabweisbare Sitte, daß jede anständige Dame eine Duenja habe.

Dieses Mädchen war sehr schön. Sie war augenscheinlich eine Mestizin, das heißt, sie stammte von einem weißen Vater und einer indianischen Mutter ab. Diese Mischlinge sind gewöhnlich sehr schön, erben aber oft nur die schlechten Eigenschaften ihrer Eltern, die sie unter der glänzenden Hülle ihres Äußeren geschickt zu verbergen wissen.

Sie hielt die Augen niedergeschlagen und blickte scheinbar aufmerksam in das Buch. Aber wer sie schärfer beobachtet hätte, der konnte bemerken, daß sie den Worten des alten Mannes mit außerordentlicher Teilnahme folgte. Ihr Auge warf zuweilen durch die langen Wimpern einen blitzähnlichen Blick auf die beiden, und ihre Mundwinkel zuckten dabei zu beiden Seiten empor, daß man den herrlichen Schmelz ihrer Zähne sehen konnte. Sie hatte dabei ganz das Aussehen eines bissigen Köters, der sehr gern zufahren möchte, aber aus Furcht sich nicht getraut, es zu tun. Ein Menschenkenner hätte diesem Mädchen niemals seine Zuneigung oder gar sein Vertrauen schenken können.

47. Kapitel.

Während derselben Zeit gab es in einem anderen Haus eine Unterredung, die sich ganz auf denselben Gegenstand bezog. Es war im Palast des Grafen de Rodriganda. Dort befand sich Josefa Cortejo in ihrem Zimmer. Auch sie lag in der Hängematte hingestreckt, aber welch einen anderen Anblick bot ihre Erscheinung gegen diejenige der lieblichen Amy Lindsay! Das Jahr, das vergangen war, hatte nicht dazu beigetragen, ihre Häßlichkeit zu vermindern. Sie war womöglich noch hagerer geworden, ihre Finger schienen aus langen, dünnen Totenknochen zu bestehen, und da sie noch nicht Besuchstoilette gemacht hatte, so fehlten ihr die falschen Zähne.

Sie schien bei schlechter Laune zu sein, denn als ihre Dienerin jetzt eintrat, um sie zu frisieren, erwiderte sie deren höflichen Gruß mit keinem Wort.

Die Dienerin war noch immer jene Indianerin, die wir bereits bei Josefa gesehen haben und die den Namen Amaika führte. Sie begann, stillschweigend ihre Herrin anzukleiden. Es wurde dabei kein Wort gesprochen, und erst als die Indianerin die letzte Hand an die Toilette legte, fragte die Herrin:

»Hast du mit deiner Tochter gesprochen?« – »Nein«, lautete die Antwort. – »Warum nicht?« – »Weil ich, wenn ich uns nicht verraten will, doch nicht zu ihr gehen darf. Und zu mir ist sie jetzt nicht gekommen.« – »Ich sehe, daß ihr beide nachlässig seid! Ich höre, daß diese Amy Lindsay eine Duenja sucht, ich lasse es mir Geld, Mühe und andere Opfer kosten, um ihr von anderer Seite deine Tochter empfehlen zu lassen. Ich sehe zu meiner Freude, daß mir die Intrige gelingt, daß sie sie engagiert. Aber nun ich durch die Spionin etwas von Bedeutung endlich einmal erfahren will, läßt sie sich nicht sehen!« – »Sie wird kommen, sobald sie etwas Wichtiges erlauscht hat, darauf könnt Ihr Euch verlassen, meine liebe, schöne Señorita!« – »Schön!« rief da Josefa. »Lüge nicht!«

Da schlug die Alte ganz erstaunt die Hände zusammen und sagte:

»Lügen? Mein Gott, sehen Sie doch in den Spiegel, Señorita! Der wird Ihnen sagen, ob ich lüge oder nicht!«

Josefa warf wirklich einen Blick in den Trumeau, und da sie frisiert, gepudert und geschminkt worden war, so ließ sie sich von ihrem eigenen Bild täuschen.

»Ich will dir glauben«, sagte sie. »Aber warum halten mich andere nicht für schön?« – »Andere? Wer sollte denn das sein?« – »Nun – dieser – dieser Herr de Lautreville, weißt du, der vor Jahresfrist mit jenem Sternau alle unsere Preise weggewann.« – »Der? Oh, der war blind! Ja, bei der heiligen Madonna, ich glaube fast, daß er blind gewesen ist.«

Die Herrin zuckte verächtlich mit der Schulter und sagte:

»Nein, blind war er nicht, aber verliebt. Und das ist ganz dasselbe.«

Die Indianerin war die Vertraute ihrer Herrin. Sie hatte mit ihr täglich über diesen Gegenstand gesprochen, und darum wußte sie sehr genau, wie sie sich zu verhalten hatte, und meinte in einem höchst geringschätzigen Ton:

»Verliebt? Wohl gar in jene Engländerin? Das glaube ich nicht! Er war ein gar so hübscher Señor und wird sich nie in dieser Weise wegwerfen.« – »Aber man redet doch heimlich davon, daß die Verlobung gefeiert worden sei, ehe er von hier abreiste.« – »Ich glaube nicht daran, diese Amy will sich nur rühmen.« – »Doch warum sagte er dann da draußen auf der Fantasia zu mir, daß er nicht von ihr lassen möge, daß er keine andere lieben könnte.« – »Er war sicherlich verrückt.« – »Ja, verrückt. Sie hat ihm mit ihren großen, lichten Augen den Verstand genommen. Ich bot ihm meine Schönheit und meine Liebe an, und er wies mich zurück. Ich bot ihm ein Grafentum an, und er wies mich zurück. Ich bot ihm Glück, Reichtum und Ehre an, und er wies mich zurück. Ich drohte ihm, daß seine Amy verloren sei, wenn er nicht von ihr lasse, und er wies mich zurück. Er hatte einen Helfershelfer hinter sich, der mich fangen und demaskieren wollte, und ich bin ihm nur mit Hilfe meines Dolches entgangen. O ja, wir Mexikanerinnen haben Dolche und wissen sie zu gebrauchen. Verdammt sei diese Amy, verdammt und verflucht dreimal, nein tausendmal! Ich richte sie zugrunde. Wenn nur deine Tochter ihre Pflicht tun wollte. Sie weiß ja, daß ich sie königlich belohnen werde.«

Josefa hatte sich erhoben und stand inmitten des Zimmers wie ein Furie, mit blitzenden Augen, zusammengekniffenen Lippen und geballten Händen.

»Sie wird aufpassen, Señorita«, entgegnete die Dienerin in beruhigendem Ton. »Ihr müßt nur bedenken, daß sie sich zuerst in das Vertrauen dieser kalten Engländerin einzuschmeicheln hat.« – »Ich weiß das. Aber sie ist lange genug bei ihr und soll mir endlich einmal zeigen, daß ich mich auf sie verlassen kann. Diese Amy muß fallen, muß verschwinden oder sterben. Wenn ich nur zuvor wüßte, was aus Lautreville und seiner Sippe geworden ist. Da, horch! Ich höre den Vater kommen. Er wird mir die Zeitungen und Neuigkeiten bringen. Du kannst gehen.«

Die Alte entfernte sich. Sie begegnete draußen vor der Tür Cortejo. Dieser überzeugte sich genau, ob sie auch wirklich verschwunden sei und nicht etwa zum Lauschen zurückkehren werde, dann trat er bei der Tochter ein. Ihr fiel seine vor Freude glänzende und triumphierende Miene auf, und als sie bemerkte, daß er in der Hand einen geöffneten Brief hielt, fragte sie rasch:

»Einen Brief? Von wem? Ist's die ersehnte Nachricht?« – »Ja«, antwortete er, tief aufatmend. – »Wie lautet sie? Zeig her!«

Josefa griff nach dem Schreiben, aber er zog die Hand zurück, hielt sie hoch empor und rief mit einem Ton, in dem sich der ganze Triumph eines hartgesottenen Bösewichts aussprach:

»Gewonnen! Endlich gewonnen! Wir können nun vollständig ruhig sein! – »Ah! Ist's wahr? Gib her, gib her!«

Ihre dünnen Finger zitterten vor Aufregung, als sie sich abermals nach dem verheißungsvollen Schreiben ausstreckten. Der Vater ließ es ihr mit den Worten:

»Ja, nimm hin und lies. Es ist die größte Freude und Genugtuung meines Lebens, die mir widerfahren ist.«

Sie warf einen Blick auf das Papier und sagte einigermaßen enttäuscht:

»Ah, von deinem Bruder, dem Oheim? Von ihm hatte ich die entscheidende Nachricht nicht erwartet. Ich denke, die soll von hier aus Mexiko kommen, und zwar von Verdoja und Pardero, den beiden Offizieren!« – »Lies nur, mein Kind! Es wird dir dann alles erklärlich sein!«

Josefa konnte sich nicht niedersetzen, die Aufregung trieb sie im Zimmer hin und her, und so las sie im Auf- und Niederschreiten folgendes:

»Lieber Bruder!

Endlich, endlich kann ich Dir eine Nachricht geben, die ungeheuer wertvoll ist. Gestern war Landola bei mir. Er ist um die Südspitze von Amerika herum nach Spanien gekommen. Er hat im Hafen von Guaymas folgende Personen getroffen: Sternau, Mariano, zwei Deutsche, namens Helmers, und zwei Indianer, von denen der eine Büffelstirn und der andere Bärenherz heißt. Ferner sind bei ihnen gewesen zwei Mädchen, nämlich die Schwester dieses Büffelstirn und sodann Emma, die Tochter des alten Pedro Arbellez, des Haziendero auf del Erina.

Diese Personen haben nach Acapulco gewollt und den Kapitän nicht gekannt. Er hat sie alle auf sein Schiff genommen, scheinbar, um sie nach dem verlangten Hafen zu bringen. Sie sind von ihm in Fesseln geschlagen worden, und da hat er von den Mädchen erfahren, daß sie dem Kapitän Verdoja glücklich entgangen sind, dem Du den Auftrag gegeben hattest, sie zu vernichten. Am ersten Abend der Fahrt, während alles schlief und nur eine Wache an Deck war, hat Landola eine Lunte an die Pulverkammer gelegt und sich unbemerkt auf dem kleinen Boot davongemacht. Das Schiff ist in die Luft geflogen und mit Mann und Maus zugrunde gegangen. Der Kapitän hat sich genau überzeugt, denn er ist bis zum Tagesanbruch an Ort und Stelle geblieben. Kein einziger ist gerettet worden.

Durch diesen kühnen Streich des Kapitäns sind wir nun alle Sorgen los. Ich teile Dir es schleunigst mit und behalte mir vor, Dir noch ausführlicher darüber zu berichten.

Dein Bruder
Gasparino Cortejo.«

Josefa ließ die Hand mit dem Brief sinken. Sie fühlte sich in diesem Augenblick von den widersprechendsten Empfindungen bewegt und wußte nicht, ob sie zunächst lachen oder weinen sollte. Sie war leichenblaß, ob vor Freude oder vor Schreck, das ließ sich nicht bestimmen.

»So sind sie tot?« fragte sie, die Augen starr auf ihren Vater gerichtet. – »Jawohl! Freilich! Du hast es ja gelesen!« rief Cortejo, vor Freude glühend. – »Alle?« – »Alle.« – »O Dios! Also auch er!« hauchte sie. – »Er? Wer?« fragte Cortejo. – »Lautreville«, antwortete Josefa.

Da trat er näher an sie heran, faßte sie am Arm und sagte beinahe drohend:

»Mädchen, ich hoffe, daß du den Verstand nicht ganz verloren hast. Er liebte dich nicht, er hat dich von sich gewiesen. Und selbst wenn wir ehrlich mit ihm gewesen wären und ihn zum Grafen de Rodriganda gemacht hätten, würde er uns einige tausend Duros gegeben haben, weiter nichts, dich aber hätte er nicht angesehen. Diese Engländerin war ihm lieber. Sie wäre Gräfin de Rodriganda geworden.« – »Ja«, stimmte sie mit funkelnden Augen bei. »Sie hätte sein Glück geteilt, darum soll sie auch sein jetziges Schicksal teilen.« – »Wie meinst du das?« – »Sie soll untergehen wie er!« – »Pah!« lachte er. »Willst du sie in die Luft sprengen, wie der Kapitän ihren Anbeter?« – »Es gibt noch andere Wege.« – »Von denen du keinen einzigen betreten wirst. Ich verbiete es dir auf das strengste! Wir dürfen den Sieg, den wir gewonnen haben, nicht durch die Unvorsichtigkeit eines Mädchens wieder in Gefahr bringen. Ich habe ganz andere Dinge vor, ich darf das Gelingen meiner Pläne nicht durch einen Jugendstreich in Frage stellen.« – »Deine Pläne? Welche wären das?«

Cortejo warf sich stolz in die Brust und erklärte:

»Ich habe bisher geschwiegen, sehe aber, daß ich nun endlich sprechen muß, um dich vor Dingen zu bewahren, die uns großen Schaden machen können. Du weißt, daß wir jetzt zwei Präsidenten haben, von denen ich keinen für geschickt halte, sich zu behaupten. Das Land bedarf einer einheitlichen Regierung. Es ist ein Mann nötig, der bei einer rücksichtslosen Schlauheit auch die Geldmittel besitzt, seine Gegner zu bestechen. Dieser wird dann Präsident, und dann stehen ihm alle Reichtümer der Nation zu Gebote. Und dieser Mann werde ich sein.« – »Du?« fragte Josefa mit dem Ausdruck des unverhohlensten Erstaunens. – »Ja, ich!« antwortete er im Ton stolzen Selbstbewußtseins. »Oder wunderst du dich darüber? Ich habe meinen Neffen zum Grafen von Rodriganda und meinen Bruder zum Verweser von dessen Einkünften gemacht. Das Haus Rodriganda besitzt über hundert Millionen. Soll ich leer ausgehen? Nein, sondern ich werde die mexikanischen Besitzungen erhalten. Sie repräsentieren einen Wert von vierzig Millionen. Ich stehe schon längst in Unterhandlung mit dem Panther des Südens. Wenn ich ihm eine Million zahle, fällt mir sein ganzer Anhang zu. Er will mich in diesen Tagen aufsuchen, vielleicht kommt er bereits heute abend. Er beherrscht sämtliche Bewohner der Gebirge und die freien Indianer des Südens. Sobald ich ihm seine Million gegeben habe, wirbt er an und erscheint mit über zehntausend Mann hier in der Stadt. Benito Juarez wird gefangengenommen und erschossen, mit den anderen habe ich dann leichtes Spiel.«

Die Augen des Mädchens glänzten vor Entzücken.

»Und das ist wahr, wirklich wahr?« fragte sie. – »Glaubst du, daß ich träume?« – »O nein, sondern nur scheint es, als ob ich es sei, die träumt. Ich, Josefa Cortejo, von der sich die anderen stolz zurückziehen, die Tochter des Präsidenten, die höchste Dame des Landes! Wer hätte das gedacht! Oh, wie werde ich sie alle mit Verachtung strafen, die sich jetzt einbilden, hoch über mir zu stehen! Sie sollen ihren Stolz büßen müssen, alle, alle, alle!«

Ihr Vater nickte jetzt wohlgefällig zustimmend und sagte:

»So will ich dich hören und sehen, denn so bist du eine echte Cortejo. Wir sind gewohnt gewesen, unsere Herren zu beherrschen und uns an unseren Widersachern zu rächen. Was ist mein Bruder, was ist sein Sohn, der falsche Rodriganda, gegen mich und dich! Was wäre Mariano, der echte Rodriganda, wenn er nicht in die Luft geflogen wäre, gegen uns? Ich werde der Beherrscher von Mexiko sein. Ich werde dieses Land zu einem erblichen Königreich machen, und für dich wird dann nur ein königlicher Prinz gut genug sein. Du siehst, daß wir vor einer Aufgabe stehen, deren Lösung wir uns nicht durch leichtsinnige Jugendstreiche unmöglich machen dürfen. Ich hätte nichts dawider, wenn du dich an dieser Amy und ihrem stolzen Vater rächen wolltest, wenn es nur ohne Gefahr für uns geschehen könnte. Aber wie leicht könnten wir verraten werden, und dann wäre das Gelingen unseres Plans sehr in Frage gestellt Ich darf mich nicht blamieren oder gar unpopulär machen.« – »Ich gebe dir recht. Oh, wäre es doch bereits so weit! Also um eine Million handelt es sich?« – »Ja, gerade um eine Million.« – »Aber woher diese ungeheure Summe nehmen, bevor dir die mexikanischen Besitzungen zugesprochen worden sind?« – »Ich verkaufe eine derselben im Namen des Besitzers, oder, was noch besser und müheloser ist, ich schenke sie dem Panther des Südens. Nun unsere gefährlichsten Feinde vernichtet sind, darf ich alles wagen.« – »Aber haben wir wirklich keine Feinde mehr, durch die es entdeckt werden kann, daß Alfonzo nicht der richtige Sohn des alten Rodriganda ist?« – »Diejenigen, die noch übriggeblieben sind, habe ich nicht zu fürchten.« – »Auch nicht den Haziendero Pedro Arbellez und die schändliche Marie Hermoyes, die von uns zu ihm geflohen ist?« – »Bin ich Präsident, so sind sie in meine Hand gegeben!« – »Rosa de Rodriganda, die jetzt Frau Sternau heißt?« – »Sie hat ihr Erbteil ausgezahlt erhalten und ist unschädlich.« – »Der Kapitän Henrico Landola, der das ganze Geheimnis kennt?« – »Er erhält seinen Lohn und wird schon um seiner selbst willen verschwiegen sein.« – »So haben wir also keinen Menschen eigentlich mehr zu fürchten und können ruhig sein. Aber wenn ich mich an dieser Amy Lindsay rächen könnte, ohne uns Schaden zu machen, so würde ich mein Glück vollständig nennen.« – »Vielleicht ist es möglich. Man kann eben nicht in die Zukunft blicken. Sollte sich eine Gelegenheit bieten, so hoffe ich, daß du nicht handelst, ohne mich vorher um Rat zu fragen. Jetzt weißt du alles. Ich muß zum Präsidenten gehen. Je mehr ich mich bei ihm einschmeichle, desto fester habe ich ihn im Sack. Adios, meine Tochter!« – »Adios, mein Vater!«

Cortejo küßte Josefa und sie ihn, ein Zärtlichkeitserguß, der zwischen diesen beiden Menschen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden hatte.

Als er sich entfernt hatte, eilte Josefa an den Spiegel, um sich zum tausendsten Mal zu betrachten und dabei heute allerdings zum ersten Mal zu beurteilen, ob ihre Schönheit einer Präsidenten- oder gar Königstochter würdig sei. Sie war noch mit dieser Untersuchung beschäftigt, als es leise an die Tür klopfte. Auf ihr Herein trat jene Halbindianerin ein, die als Duenja jetzt im Dienst von Amy Lindsay stand. Sie war die Tochter der alten Amaika und hatte ihre jetzige Stellung nur zu dem Zweck angetreten, Josefa Cortejo als Spionin zu dienen.

»Ah«, sagte diese, »endlich! Ich dachte bereits, du hättest vergessen, daß du in meinem Sold stehst. Hast du etwas Wichtiges erfahren?« – »Oh, etwas sehr Wichtiges, Señorita!« antwortete die schöne Spitzbübin. – »So erzähle schnell!« – »Darf ich mich vorher setzen?« – »Setze dich!«

Das Mädchen nahm in der Hängematte Platz, und zwar in einer Stellung, in der ihre Schönheit zur vollen Geltung kam. War sie eine natürliche Kokette, oder beabsichtigte sie, der Señorita zu zeigen, welche von beiden die Schönere sei?

»Nun?« fragte Josefa in einem nicht sehr freundlichen Ton, da sie unwillkürlich die Schönheit dieser Dienerin mit der ihrigen vergleichen mußte. – »Ich hoffe, heute eine sehr gute Belohnung zu erhalten, Señorita«, sagte das Mädchen, »denn ich bringe wirklich einige Neuigkeiten von größter Bedeutung. Nämlich Pedro Arbellez war heute bei uns.« – »Der Haziendero von del Erina?« fragte Josefa erstaunt. – »Ja. Er ist auch beim Oberrichter gewesen, der ihn sogar eingeladen hat, bei ihm zu wohnen.« – »Santa Madonna! Was hat dies zu bedeuten?« – »Nicht sehr viel. Ich habe alles gehört, denn ich war bei Miß Amy, als er kam und ihr alles erzählte. Zunächst hat er den Pachtzins gebracht, den er dem Oberrichter zu bezahlen hat. Sodann hat er goldene Geschmeide gebracht, das fortgeschickt werden soll. Und drittens hat er ihm erzählt, daß seine Tochter geraubt worden ist und daß alle verschwunden sind, die den Entführern nachjagten.«

Josefa verbarg den Eindruck, den diese Mitteilung auf sie machte, und fragte nur:

»Was hat Benito Juarez dazu gesagt?« – »Er will die Sache untersuchen und über sie Erkundigungen einziehen.« – »Wer sind diejenigen, die verschwunden sind?« – »Es war eine lange Reihe von Namen, und Namen kann ich nicht gut merken.« – »Das ist die eine Nachricht. Sie interessiert mich nicht sehr. Und nun die andere?« – »Wenn Ihr Euch für erste nicht interessiert, so werdet Ihr es für die zweite noch viel weniger tun. Es liegen nämlich große Schätze im Haus des Lords.« – »Ah!« fuhr Josefa auf. – »Ja, mehrere Millionen.« – »Woher weißt du das?« – »Miß Amy hat es zu dem Haziendero gesagt. Dieser hatte nämlich den Lord bitten wollen, einige Kostbarkeiten für ihn nach Deutschland zu schicken, aber der Oberrichter hat dies übernommen, weil Wertsachen, die der Lord schickt, nicht sicher bis an die Küste gehen. Miß Amy stimmte dem bei. Sie sagte, daß ihr Vater wohl an die fünf Millionen Pesos im Keller liegen habe und nicht fortsenden könne, weil er die Bravos fürchten müsse. Dieses Geld gehört nicht ihm, sondern den englischen Kapitalisten, die an Mexiko Geld geborgt haben. Es sind teils Zinsen und teils zurückgezahlte Kapitalbeträge.« – »Auch das geht mich nichts an«, sagte Josefa, obgleich sie ihre Freude kaum beherrschen konnte. »Kennst du diesen Keller?« – »Ja. Ich muß zuweilen Eingemachtes aus demselben holen.« – »Ist er groß?« – »Sehr groß. Vorn ist der Küchenkeller, dann kommt der Weinkeller, und hinter diesem liegt noch ein kleines Loch, vor dem eine starke, eiserne Tür ist. Da drin steht das Geld in eisernen Kisten.« – »Woher weißt du das?« – »Miß Amy sagte es dem Haziendero, um ihm zu zeigen, wie vorsichtig man hier mit dem Geld sein müsse.« – »Und gerade dadurch handelt sie außerordentlich unvorsichtig. Wenn es nun jemand erfährt und in den Keller dringt!« – »Das geht nicht, denn stets müssen abends die Schlüssel zu den Vorkellern an den Lord abgegeben werden. Den Schlüssel zu dem hintersten hat er selbst und gibt ihn niemals aus der Hand. Er schließt sie alle in das geheime Fach seines Toilettentischs ein, der in seinem Schlafzimmer steht.« – »Dann allerdings ist er sicher, daß niemand zu dem Geld kann.« – »Und nun das dritte, was du mir mitzuteilen hattest?« – »Es war ja nur dieses beides. Ich dachte, daß es Euch interessieren würde, Señorita, weil ich Euch bisher nichts anderes mitteilen konnte.« – »Nun, ich sehe wenigstens deinen guten Willen. Hier hast du fünf Goldstücke. Paß auch ferner auf und sage mir besonders alles, was von der verschwundenen Tochter des Hazienderos und einem gewissen Mariano oder Lautreville gesprochen wird. Jetzt kannst du gehen.«

Das Mädchen schlüpfte aus der Hängematte heraus, schlug die Mantille graziöse um sich, machte eine Verbeugung und verließ das Zimmer. Josefa lauschte, bis die Tritte verklungen waren, schlug dann die Hände frohlockend zusammen und sagte:

»Gefunden! Die Rache ist da! Oh, wenn doch der Panther des Südens bald käme!«

48. Kapitel.

Der Panther des Südens kam weder heute noch morgen. Erst am dritten Abend überraschte er Cortejo. Josefa hatte am Tag wieder den Besuch ihrer Spionin gehabt und von derselben erfahren, daß Pedro Arbellez wieder abgereist sei. Sie erzählte das ihrem Vater, als sie noch sehr spät beieinandersaßen. Von dem übrigen hatte sie ihm noch nichts mitgeteilt. Da öffnete sich vollständig die Tür, und eine Gestalt huschte herein, so unhörbar, als ob sie nur ein Schatten sei.

Josefa stieß einen lauten Schrei des Schreckens aus; selbst ihr Vater fuhr empor. Da trat der Fremde aus dem Dunkel in den Lichtkreis der Lampe und winkte den beiden mit der Hand Beruhigung zu. Er war in die einfache Tracht eines gewöhnlichen Peonen – Reitknechts – gekleidet, doch zeigten seine Waffen mehr als den Reichtum eines Dieners. Sein langes, dunkles, schlaffes Haar, seine braune Haut und die Bildung seines kühnen, von Leidenschaften zerrissenen Gesichts zeigten, daß er von indianischer Abstammung sei. Es war der Wüterich Juan Alvarez, der Panther des Südens.

»Oh, Señor Alvarez, wie habt Ihr uns erschreckt!« sagte Josef. »Wir erwarten Euch bereits seit vorgestern. Seid willkommen!«

Der Indianer blickte sie mit kaltem Staunen an und sagte zu Cortejo:

»Ich komme im Dunkel der Nacht, um keinen Zeugen zu haben! Und Ihr gebt mir ein Weib zum Zeugen!« – »Sie ist meine Tochter«, entschuldigte sich Cortejo. – »Ist eine Tochter kein Weib?« klang es scharf zurück.

Da trat Josefa einen Schritt auf ihn zu. Wenn es sich um solche Dinge, die das Licht zu scheuen hatten, handelte, so war sie ganz an ihrem Platz. Darum sagte sie in einem stolzen, selbstbewußten Ton:

»Glaubt Ihr etwa, daß ich mich vor dem Panther des Südens fürchte? Bin ich denn schuld, daß ich ein Weib bin? Gibt es nicht unter den Männern Weiber? Warum soll es nicht unter den Weibern Männer geben? Ein solcher Mann bin ich. Mein Vater vertraut mir alles an, und er hat es noch nie zu bereuen gehabt. Auch Ihr sollt noch heute erfahren, daß ich Eures Vertrauens würdig bin und wie ein Mann zu handeln weiß!«

Auf die schmalen Lippen des grimmigen Mannes trat ein leises, höhnisch zuckendes Lächeln, und er antwortete:

»Sie spricht wie ein Mann, Señor Cortejo. Wenn sie aber nicht wie ein Mann handelt, so ist es Euer Schaden. Der Panther des Südens gibt seine Geheimnisse nur so vielen Ohren kund, als es ihm beliebt. Laßt uns von unserer Angelegenheit reden!« – »Setzt Euch!« bat Cortejo, indem er dem Gast einen Stuhl hinschob. – »Nein«, antwortete dieser, schlug die Hände über der Brust zusammen, leuchtete den Spanier mit seinen Flammenaugen an und fuhr fort: »Ich werde im Stehen sprechen. Da Ihr eine Mitwisserin habt, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen, so können wir kurz sein. Habt Ihr das Geld?« – »Bar allerdings nicht!« – »So sind wir fertig!«

Der Indianer drehte sich kalt um und wollte gehen. Doch Cortejo ergriff ihn am Arm und bat:

»Bleibt einen Augenblick, Señor, und hört meine Erklärung. Ich sagte, daß ich das Geld nicht bar habe, denn wer legt in der jetzigen Zeit Millionen leichtsinnig her. Ich habe Besitzungen, von denen jede mehr wert ist. Soll ich eine verkaufen, so erhaltet Ihr das Geld, soll ich Euch eine schenken, so tun wir, als hättet Ihr sie gekauft. Was wählt Ihr?«

Der Indianer hatte ihm halb abgewandt zugehört, jetzt drehte er sich herum und fragte:

»Habt Ihr das Recht, eine Besitzung zu verkaufen oder zu verschenken?« – »Ja.« – »Seid Ihr der Besitzer?« – »Nein, aber ich bin vom Grafen Rodriganda ermächtigt, zu tun, was mir beliebt. Ich darf in seinem Namen unterschreiben.« – »Das ist Eure Sache, ich aber glaube es nicht. Ich will keine Hazienda kaufen oder mir schenken lassen, die ich früher oder später wieder hergeben muß. Lebt wohl!«

Er drehte sich wieder um, und dieses Mal war es Josefa, die ihn zurückhielt.

»Wartet, Señor!« sagte sie. »Ich werde diese Sache ordnen.«

Der Indianer lächelte höhnisch wie vorher und erwiderte in ungeduldigem Ton:

»Wozu die unnötigen Worte! Wie will ein Weib eine Angelegenheit ordnen, zu der der Mann, der es tun sollte, kein Geld hat! Und gerade Geld ist es, was ich brauche.« – »Ihr sollt es haben!« – »Wann?« fragte er kalt. – »Wann Ihr wollt.« – »Eine Million?« – »Nein, sondern fünf Millionen!«

Jetzt trat er erstaunt einen Schritt zurück. Doch sagte er sofort:

»Diese Señorita ist nicht bei Sinnen!«

Auch ihr Vater blickte in höchster Verwunderung zu ihr hinüber. Sie aber ließ sich nicht irremachen, sondern fuhr fort:

»Ich will deutlicher sprechen. Mein Vater hat Euch eine Million versprochen, Señor. Er wollte sie Euch auszahlen, hier auf diesen Tisch; Ihr konntet sie einstecken, leicht und mühelos. Ich nun biete Euch vier Millionen mehr und mache nur die zwei Bedingungen, daß Ihr sie Euch selbst holt und meinem Vater dennoch Euer Versprechen haltet.« – »Wo sind sie zu finden?« fragte der Indianer rasch. – »Das werde ich Euch sagen, sobald Ihr mir Euer Wort gegeben habt und wir noch über einen anderen Punkt einig geworden sind.« – »So redet!«

Der Indianer stellte sich, wie vorher, mit über der Brust gekreuzten Armen vor die beiden hin und richtete seine Augen mit einem wahrhaft durchbohrenden Blick auf das Mädchen, das fortfuhr:

»Es gibt zwei Personen, die meiner Rache verfallen sind. Sie sollen sterben oder wenigstens in die fernen Berge verschwinden, in denen Ihr Gebieter seid. Es ist Vater und Tochter. Sie haben fünf Millionen bares Geld bei sich und wohnen hier in der Stadt. Ich kenne den Ort, wo diese Summe zu finden ist, und ich kenne auch die Art und Weise, wie man zu ihm gelangt. Ihr sollt Euch das Geld holen. Ihr sollt diese beiden Personen mitnehmen und verschwinden lassen. Ihr sollt endlich, wenn dies Euch gelingt, annehmen, daß mein Vater Euch seine Million bezahlt hat, und ihm ehrlich das Wort halten, das Ihr ihm gegeben habt. Unter diesen Bedingungen sage ich Euch, welche Personen und welchen Ort ich meine.« – »Alle Teufel, jetzt weiß ich, wen du meinst!« rief Cortejo. »Und du weißt genau, daß diese ungeheure Summe dort zu finden ist?« – »Ganz genau. Du kennst ja meine Spionin.«

Da legte ihr der Indianer die Hand auf den Arm und sagte mit tiefer Stimme:

»Señorita, der Panther des Südens läßt sich nicht betrügen, am allerwenigsten von einem Weib. Wenn Ihr lügt, so morde ich Euch!« – »Tut es!« antwortete sie, ihm furchtlos in die vor Geldgier funkelnden Augen blickend. »Ich bin meiner Sache gewiß.« – »Nun, so seid Ihr wirklich kein Weib, sondern ein Mann. Wem eine Rache mehr wert ist als fünf Millionen, dem darf man Vertrauen schenken. Ich gehe auf den Handel ein und nehme die Bedingungen an.«

Nun endlich war es ihr geglückt. Ihre fahlen Wangen röteten sich vor Freude. Doch ging sie sicher und fragte speziell:

»Ihr nehmt den Mann und die Tochter mit?« – »Ja«, antwortete er. – »Quittiert Ihr meinem Vater die Million?« – »Ja.« – »Und steht ihm bei, auf den Präsidentenstuhl zu gelangen?« – »Ja.« – »Gebt uns Eure Hand und schwört es uns!«

Er reichte beiden seine Hände hin und gelobte mit fester Stimme:

»Ich schwöre es Euch und werde mein Wort halten, wenn Ihr die Wahrheit gesprochen habt Jetzt aber sagt mir den Ort, Señorita!« – »Kennt Ihr Lord Lindsay, den Engländer?«

Der Indianer horchte auf; seine Lippen öffneten sich ein wenig, und ein leise pfeifender Ton fuhr zwischen seinen Zähnen hervor.

»Ist's bei ihm?« fragte er. – »Ja. Ihr scheint überrascht. Wollt Ihr vielleicht zurücktreten, Señor?« – »Nein. Redet weiter!«

»Der Keller seines Hauses hat drei Teile; vorn ist der Küchenkeller, dann folgt der Weinkeller und endlich der Geldkeller. Er ist klein und mit einer eisernen Tür verschlossen. Er enthält die eisernen Geldkisten. Der Schlüssel dazu und alle anderen befinden sich im geheimen Fach des Toilettentischs im Schlafzimmer Lindsays. Das ist alles, was ich weiß und zu sagen habe.« – »Es ist genug«, meinte der Indianer. »Bleibt morgen abend zu Hause. Señorita.« – »Warum? Kommt Ihr wieder?« – »Ja, morgen werde ich mir das Geld holen. Ihr werdet dabeisein.« – »Ich? Warum?« fragte sie erschrocken. »Was soll ich dabei tun?« – »Nichts. Man wird Euch nicht bemerken, denn ich werde Euch an einen Platz stellen lassen, wo Ihr sicher seid. Ist das Geld im Keller, so bringe ich Euch nach Hause und halte mein Wort. Habt Ihr mich aber belogen, so hängt Ihr am nächsten Morgen an der Kellertür.« – »Dios! Wenn nun das Geld vorhanden ist und Ihr gelangt nicht dazu?« – »So seid Ihr schuldlos, und ich halte Euch dennoch mein Wort. Ihr seht, daß ich ehrlich mit Euch handle. Komme ich morgen abend, um Euch abzuholen und Ihr stellt Euch nicht, so seid Ihr und Euer Vater verloren!«

Der Panther des Südens wartete keine Entgegnung ab und ließ die beiden in einer nicht sehr fröhlichen Stimmung zurück. Wie nun, wenn die Spionin sich geirrt hatte? Der Indianer hörte die Befürchtungen nicht, die hinter ihm laut wurden. Er ging durch den finsteren Korridor mit einer Sicherheit, als ob es am hellen Tag sei. Mit dem Schritt einer Katze gelangte er in den Hof und schwang sich über die Mauer, schritt durch die Straßen und kam nach einer halben Stunde an das Wasser eines Kanals, dessen Ufer von Bäumen umsäumt waren. Dort hockten mehrere dunkle Gestalten am Boden. Die eine derselben erhob sich bei seinem Kommen und fragte leise:

»Vater?« – »Ich bin es, Diego«, antwortete er. »Steigt auf. Wir gehen zurück!«

Da standen auch die anderen vom Boden auf, es wurden Pferde herbeigeholt, die in der Nähe verborgen gewesen waren, und bald setzte sich der kleine Trupp in Bewegung.

Der Panther ritt mit seinem Sohn voran; die anderen folgten respektvoll in einiger Entfernung. Die Pferde gingen sicher, obgleich es sehr dunkel war, sie und ihre Reiter schienen jeden Schritt des Weges zu kennen. Die ganze Umgegend, die ganze Natur war in tiefe Stille versunken, so auch der Panther. Doch endlich fragte er seinen Sohn:

»Weißt du noch, wie wir den Präsidenten Santa Anna aus Mexiko jagten?« – »Ich weiß es«, antwortete der Gefragte einfach. – »Es gab einen fürchterlichen Straßenkampf, in dem unser Häuflein fast erlag.« – »Ja. Ich erhielt einen Stich in die Brust und einen Hieb über den Kopf und stürzte nieder. Als ich erwachte, lag ich im Bett, in einem schönen Zimmer.« – »Im Haus des Engländers Lord Lindsay. Ich hätte dich wohl damals verloren, denn jede deiner Wunden schien tödlich. Aber man pflegte dich wie einen Sohn und gab dich mir wieder. Wir schwuren beide, dankbar zu sein.« – »Wir sind es noch nicht gewesen.« – »Wir werden es morgen sein. Ich soll mir aus dem Haus des Engländers Geld holen und ihn und seine Tochter töten. Er soll sehen, daß der Panther des Südens keine Wohltat vergißt. Ich werde das Geld holen, ihn und seine Tochter aber nicht töten, sondern beide in die fernen Berge von Chiapa als Gefangene senden. Sie dürfen uns nicht sehen, sie dürfen nicht wissen, wer ihnen das Geld nahm. Darum werde ich sie einem anderen anvertrauen, der sie festnimmt und an ihren Bestimmungsort bringt, wo sie nicht entfliehen können, sondern bewacht werden, so lange es mir gefällt.« – »Wieviel Geld ist es?« – »Fünf Millionen.«

Der Sohn antwortete nicht. Diese Summe war so groß, so unfaßbar für ihn, daß ihm mit der Sprache fast der Atem ausging. Aber ebensogroß und unfaßbar dünkte ihm auch die Dankbarkeit seines Vaters, der ja nur aus Dankbarkeit die fünf Millionen nahm, ohne den Besitzer zu töten.

49. Kapitel.

Am anderen Abend blieb Lindsay etwas länger als gewöhnlich wach mit seiner Tochter. Er hatte einen sehr ausführlichen Bericht nach der Heimat zu verfassen gehabt und unterhielt sich mit Amy noch über den Besuch des alten, ehrlichen Hazienderos und über die verschollenen Freunde. Über Amys Wesen lag ein Hauch tiefer Schwermut ausgebreitet, der ihre angeborene Lieblichkeit zu verdoppeln schien, und auch der Lord war mißmutiger als gewöhnlich gestimmt. Er war der ewigen mexikanischen Wirren herzlich müde und sehnte sich aus diesem Land fort, das nie zur Ruhe kommen konnte. Endlich nahmen sie herzlichen, innigen Abschied voneinander, und der Lord steckte, da die Dienerschaft bereits zur Ruhe gegangen war, sich sein Licht selbst an und begab sich nach seinem Schlafzimmer.

Dort öffnete er den Toilettentisch, drückte an der verborgenen Feder, worauf ein Kästchen aufsprang, und legte in dieses mehrere Schlüssel, die er aus der Tasche zog, um es durch denselben Federdruck zu verschließen.

Er bemerkte nicht, daß unter dem Bett hervor vier Augen jeder seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit folgten, entkleidete sich, verlöschte das Licht und begab sich zur Ruhe, und bald hörte man an seinen leisen, ruhigen Atemzügen, daß er eingeschlafen sei.

»Hast du die Feder bemerkt?« raunte es da plötzlich selbst für einen Wachen, der im Bett gelegen hätte, ganz unhörbar unter demselben. – »Ich würde sie im Dunkeln finden«, lautete die ebenso leise Antwort. – »So komm!«

Kein Laut, nicht die leiseste Spur von Geräusch verriet, daß jetzt zwei Gestalten unter dem Bett hervorkrochen und sich neben dem Vorhang desselben emporrichteten. Der eine der Männer zog ein Tuch und ein Fläschchen aus der Tasche, tröpfelte eine Flüssigkeit auf das erstere, schlug den Vorhang zurück und trat zu dem Schlafenden, dem er erst das Tuch vorsichtig nahe an Mund und Nase hielt, und es dann, als er das Geräusch des Atmens nicht mehr hörte, ihm ganz auf das Gesicht legte.

»Fertig!« sagte er jetzt halblaut. »Gib die Maske her!« – »Soll ich das Licht anbrennen?« – »Ja; schließe aber erst die Vorhänge!« In einer Minute brannte das Licht wieder. Dem narkotisierten Lord wurde nun eine schwarze Kopfbedeckung über den Kopf gezogen, die unten am Kinn zugebunden werden konnte und nur drei Öffnungen für die Augen und den Mund hatte. Dann zogen ihm die beiden Indianer, denn solche waren es, die sämtlichen Kleider wieder an und steckten ihm, da er nun bald wieder erwachen konnte, durch das Loch der Maske einen Knebel in den Mund.

Unterdessen war Amy noch nicht sofort schlafen gegangen und saß, mit dem Rücken nach der Tür gekehrt, am Tisch, in einem Album blätternd, das die Bildnisse bekannter Personen enthielt. Auch das des Geliebten war dabei. Sie betrachtete die teuren Züge. Sie dachte sich in die Zeit zurück, in der sie ihn in Rodriganda zum ersten Mal gesehen und kennen- und liebengelernt hatte. Die Erinnerung drang so mächtig auf sie ein, daß die Gegenwart vor ihren Sinnen schwand und sie nicht ein leises, leises Geräusch hörte. Sie sah auch nicht, daß die Tür sich öffnete und daß die beiden Männer eintraten, die soeben im Schlafzimmer ihres Vaters gewesen waren.

Beide winkten einander. Der eine zog abermals das Tuch hervor und befeuchtete es mit der Flüssigkeit aus seinem Fläschchen. Dann rückten sie näher an die in so tiefes Sinnen Versunkene heran. Plötzlich faßte der eine sie mit beiden Händen bei der Gurgel, so daß sie keinen Laut ausstoßen konnte, und der andere legte ihr das Tuch auf Mund und Nase. In kurzer Zeit lag sie in ihrem Stuhl wie eine Leiche.

»Wie schön!« flüsterte der eine. – »Wir wollen ihr nicht weh tun«, meinte der andere. »Sie hat den Sohn des Panthers gerettet.«

Da fiel das Auge des ersten auf das Album, und nachdem er einen Augenblick lang darinnen geblättert, flüsterte er:

»Sie hat diejenigen lieb, deren Bilder dies sind. Wollen wir ihr dieses Buch mitgeben?« – »Wird der Panther nicht zanken?« – »Muß er es denn wissen? Er darf es gar nicht zu sehen bekommen.« – »So nimm es mit.«

Der Mann schlich, während sein Gefährte das Album zu sich nahm, zur Tür hinaus und kam bald darauf mit einigen Indianern zurück. Von diesen Leuten wurden die Lichter verlöscht und die beiden Gefangenen vorsichtig emporgenommen, um sie fortzutragen. Der Weg ging den Korridor entlang und die Treppe hinab. Hier wurde die hintere Tür entriegelt, so daß man in den Hof gelangen konnte. Da trat eine dunkle Gestalt zu ihnen. Es war der Panther.

»Endlich!« sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ihr habt mich lange warten lassen. Leben die beiden noch?« – »Ja«, antwortete einer. – »Habt ihr die Schlüssel?« – »Hier sind sie.« – »Wie erfuhrt ihr, welches die Zimmer der beiden seien?« – »Ich lernte am Tag die Duenja kennen, indem ich als Bettler hierherging und dem Gesinde einige Lieder vorsang. Das Mädchen vernarrte sich in mich und gab mir Antwort auf alle meine Fragen.« – »Gut. Wißt ihr, wo die Kellertür ist?« – »Hier, gleich neben der Treppe.« – »So schafft die beiden zur Stadt hinaus nach den Pferden und schickt mir die anderen her. Sie warten dort in der Ecke des Hofes. Aber wenn ihr euch unterwegs sehen oder gar ergreifen laßt, so ist das euer Tod.«

Sie gingen nun, die Gefangenen auf den Armen, davon, und nach wenigen Augenblicken schlichen sich andere Gestalten herbei, fast dreißig an der Zahl, die in das Haus traten und die Tür des Hofes wieder hinter sich zuzogen, deren Riegel sie vorschoben, um ja von außen nicht zufälligerweise gestört zu werden.

Der Panther tappte sich zur Stelle, die ihm bezeichnet worden war, und fand die Tür. Sie war mit Eisen beschlagen und hatte ein Loch für einen großen Hohlschlüssel. Deshalb wußte Alvarez sogleich, welches der richtige war, wählte ihn unter den anderen Schlüsseln aus, steckte ihn leise ein und öffnete, ohne daß er ein Geräusch verursachte, worauf er, noch immer mit leiser Stimme, sagte:

»Hier ist die offene Tür! Folgt mir die Stufen hinab! Die zwei letzten ziehen den Schlüssel heraus und die Tür hinter sich heran. Auf der obersten Treppenstufe bleiben sie als Wache stehen. Die Lichter werden erst unten angebrannt.«

So geschah es. Als sich alle, außer den beiden Wachen, unten in dem Küchenkeller befanden, wurden einige kleine Laternen hervorgezogen und angebrannt. Nun konnte man das Terrain ganz leidlich überblicken.

Ein Stück weiter hinten, in dem mit allerhand Speisewaren besetzten Keller, gab es eine zweite Tür. Der Panther untersuchte das Schloß derselben, zog einen Schlüssel hervor, der paßte, und öffnete.

Jetzt befand man sich im Weinkeller, der einen großen Vorrat von Faßwein und ein noch größeres Flaschenlager zeigte. Keiner der Indianer machte Miene, eine der Flaschen anzurühren. Ganz im Hintergrund gab es nun eine dritte, kleinere Tür, die aus dickem Eisen bestand. Auch hierzu fand sich der Schlüssel. Der Panther des Südens war das Schloß nicht gewöhnt, es schien sich sehr schwer zu öffnen. Er trat daher zur Seite, um mehr Kraft anwenden zu können. Da plötzlich sprang die Tür auf, und zu gleicher Zeit krachte ein Doppelschuß, und zwei der Indianer stürzten nieder.

Die Indianer standen vor Schreck wortlos da, und nur der Panther blieb gefaßt. Er bückte sich kaltblütig zu den Gefallenen nieder, leuchtete sie an, befühlte sie und sagte:

»Sie sind tot. An einen Selbstschuß habe ich nicht gedacht. Er war mit zwei Kugeln geladen. Schafft sie zur Seite.«

Damit leuchtete er empor, um das Gewölbe zu untersuchen, und sagte, um seine Leute zu beruhigen:

»Man kann die Schüsse da oben gar nicht hören. Sie waren ganz allein zur Verteidigung angebracht, nicht aber, um die Bewohner des Hauses zu alarmieren. Übrigens haben wir die beiden Wächter und im Notfall unsere Waffen. Treten wir also ein!«

Es rührte ihn nicht im mindesten, daß er nur durch einen geringfügigen Zufall dem Tod entgangen war. Hätte er nicht zur Seite gestanden, so wäre er von einer der Kugeln oder von allen beiden getroffen worden.

Das kleine Gewölbe vermochte gar nicht alle zu fassen. Aber diejenigen, die eintreten konnten, sahen nichts als sechs schwarze, eiserne Kisten, die am Boden standen. Keiner von ihnen wußte, um was es sich eigentlich handele; der Anführer hatte es nicht für gut befunden, ihnen mitzuteilen, daß es sich um den Raub von fünf Millionen handle.

»Faßt an!« gebot er.

Es gehörten vier starke Männer dazu, eine der Kisten in die Höhe zu heben.

»Nun fort damit, hinauf, und zunächst in den Hof.«

Der Panther leuchtete voran, und seine Leute schleppten die überreiche Beute hinter ihm her. Als er zu den Schildwachen gelangte, fragte er:

»Habt Ihr den Schuß gehört?« – »Nur dumpf«, lautete die Antwort. – »Verspürtet ihr oben etwas Verdächtiges?« – »Nein.« – »So kommt alle! Löscht aber zuvor die Laternen aus und laßt sie zurück.«

Nur der Panther allein ließ die seinige brennen, um den Flur und die nach der Etage führende Treppe zu beleuchten. Er fand alles in Ruhe und Sicherheit und öffnete nun die Hoftür, nachdem er sein Licht auch verlöscht hatte. Seine Leute folgten ihm hinaus, keuchend unter der Last.

Es ging bis hin zur Mauer, hinter der ein Weg vorüberführte. Zwei Männer standen hier, die nicht untätig gewacht, sondern einen Block hingestellt hatten, über den einige starke Bretter vom Boden hinauf zur Kante der Mauer führten. Der Panther war umsichtig gewesen und hatte für alles gesorgt.

»Ist der Wagen noch nicht da?« fragte er die Wachen. – »Er wartet bereits draußen«, antwortete der eine. – »Hörte man ihn kommen?« – »Nein, denn die Hufe und die Räder sind ja umwickelt. Nur die Pferde schnaubten ein wenig.« – »So, nun schnell ans Werk, damit wir vollends zu Ende kommen.«

An der anderen Seite der Mauer hielt ein Wagen, der mit vier Pferden bespannt war. Die Kisten wurden mit Hilfe der Bretter zunächst auf die Mauer gebracht und auf den Wagen geladen. Dies ging nicht ganz geräuschlos ab, aber man befleißigte sich einer solchen Schnelligkeit, daß keine Gefahr zu befürchten war, selbst wenn jemand Verdacht geschöpft hätte und herbeigekommen wäre. Das hätte ja immerhin eine gewisse Zeit erfordert.

Als die Kisten sich auf dem Wagen befanden, gab der Panther Befehl zum Aufbruch. Einer seiner Untergebenen wagte zu fragen:

»Sollen wir nicht unsere Toten mitnehmen, Señor?« – »Nein«, antwortete er barsch. »Sie bleiben da, ebenso wie die Laternen und diese Bretter, damit niemand denken möge, daß der Engländer selbst mit diesen Kisten geflohen sei. Also vorwärts! Es kommt nur noch darauf an, den Wagen glücklich aus der Stadt zu bringen. Wer euch hindern will, den schießt ihr einfach nieder.«

Der Wagen fuhr ab. Der Panther blieb noch eine Weile auf der Mauer stehen, zog einen Zettel aus der Tasche, warf ihn in den Hof zurück und sprang jenseits hinab auf den Weg. Auf demselben schlich er sich fort, trat um zwei dunkle Ecken und stand nun vor zwei Männern, die ein Frauenzimmer zwischen sich hatten.

»Ihr könnt gehen und mir mein Pferd bringen«, gebot er.

Sie entfernten sich eilig. Er aber wartete, bis er von ihren leisen Schritten nicht mehr hörte, und sagte:

»Nun, Señorita, ist Euch die Zeit lang geworden?« – »Unendlich!« antwortete sie mit grollender Stimme. »Meine Gegenwart war ganz und gar unnötig!« – »Im Gegenteil sehr!« höhnte er. – »Ist es gelungen?« – »Ja, bis jetzt.« – »Habt Ihr die Kisten alle?« – »Alle.« – »So werdet Ihr also Wort halten?« – »Ich werde mein Wort natürlich nicht brechen, vorausgesetzt, daß es wirklich fünf Millionen sind.«

Da dachte Josefa daran, daß ihre Spionin nicht von vollen fünf Millionen, sondern von »wohl an die fünf Millionen« gesprochen hatte. Darum sagte sie:

»Sollte eine Kleinigkeit fehlen, so kommt es wohl nicht darauf an?« – »Soll ich etwa auch eine Kleinigkeit an meinem Wort fehlen lassen, Señorita?« spottete er. »Ich kann mein Wort nicht in Teile zerlegen und werde mir also auch nicht die mir garantierte Summe teilen lassen. Ich bin meines Wortes entbunden, sobald ein einziges Goldstück, ein einziger Peso fehlt.« – »Das wäre schändlich!« rief Josefa, fast zu laut für die Vorsicht, die anzuwenden hier so notwendig war. »In diesem Fall würdet Ihr mich zwingen, zu verraten, wer die Kisten geholt hat.«

Sie hatte diese Worte in einem drohenden Ton gesprochen. Der Panther aber lachte in seiner höhnisch-kalten Weise und antwortete:

»Und ich würde in diesem Fall verraten, wer diese Kisten zunächst ausspioniert, mir angeboten und sodann hier Wache gestanden hat. Da bringt man mein Pferd! Lebt wohl, Señorita! Ich werde Euch die Summe, die ich finde, ganz genau wissen lassen.«

Damit stieg er auf und ritt davon, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als im Dunkel der Nacht allein nach Hause zu gehen, mit dem Bewußtsein, daß sie diese Millionen aufs Spiel gesetzt habe, ohne das geringste dabei zu gewinnen.

Bereits am frühen Morgen versetzte die Nachricht von dem Verschwinden des Geldes die ganze Stadt Mexiko in die größte Aufregung. Ein solcher Raub – er ist eine geschichtliche Tatsache – war so unerhört, daß man gar nicht begreifen konnte, wie er hatte gelingen können, obgleich die Spuren deutlich genug waren, um daraus zu sehen, in welcher Weise er unternommen worden war. Man fand den losgegangenen Selbstschuß, die beiden Toten, die Laternen, den Bock mit den Brettern und sogar auch den Zettel, der die Worte enthielt:

»So muß es allen Fremden gehen, die nach Mexiko kommen, um Humanität zu predigen und dabei doch Reichtümer zusammenscharren und die Hilfsquellen des Landes erschöpfen! Einer, dem nie seine Rache mißlingt.«

Der Täter konnte kein gewöhnlicher Mann gewesen sein. Er mußte über außerordentliche Mittel verfügen und eine Kühnheit besitzen, die ihresgleichen suchte. Aber alle Nachforschungen nach ihm blieben resultatlos.

Eine weitere Frage war die, wohin Lindsay mit seiner Tochter gekommen sei. Er blieb verschwunden für lange Jahre, und man wußte nichts weiter von den beiden Unglücklichen, als daß sie zu gleicher Zeit mit dem Geld verschwunden seien. Lindsays Aufzeichnungen wiesen nach, daß die geraubte Summe vier und eine halbe Million in Gold und Staatspapieren betrage, und als dies Cortejo und seine Tochter hörten, vermochten sie ihre Wut kaum zu zügeln. Sie hatten den Kontrakt mit dem Panther des Südens umsonst gemacht und waren gezwungen, ihre Enttäuschung zu verbergen. Und als ob es dieser besonderen Mitteilung bedurft hätte, erhielten sie nach einigen Tagen die Zeitungsnummer zugeschickt, in der von dem Raub die Rede und die genaue Summe angegeben war. Und am Rand der betreffenden Stelle stand geschrieben:

»Meines Wortes quitt! Fragt Euch überhaupt, ob Ihr das Zeug zum Präsidenten habt und Señorita Josefa zur Tochter eines solchen!«

50. Kapitel.

»Um Tannen schlingt sich eng die Ranke,
Sie trägt ein Röschen zart und mild:
Der Unschuld lieblichster Gedanke
Verkörpert sich in ihrem Bild.
Du fragst, was man der Holden, Lieben,
Für einen Namen geben mag?
Die Antwort ist sehr bald geschrieben:
Waldröschen ist's, im grünen Hag!

Es wohnt im stillen Heiligtume
Des Forsts, ein zartes, frohes Kind
Wie eine holde Menschenblume,
Um die des Märchens Zauber spinnt.
Welch' Name soll dies Duftbild preisen
Dort in der Tannen dunklem Schlag?
Waldröschen, ja, so soll es heißen,
Wäldröschen ist's, im grünen Hag!«

Wie Lindsay mit Amy verschwunden war, so war es auch mit dem Brief, den sie für den alten Pedro Arbellez nach Deutschland geschrieben hatten. Der Brief gelangte ebensowenig an seine Adresse wie die kostbare Sendung, der er beigegeben war. Der Oberrichter hatte alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, aber da keine Reklamation einging, indem der Adressat nicht die mindeste Ahnung von der Sendung hatte, so hielt Juarez sich für überzeugt, daß sie richtig an den Mann gekommen sei.

Mittlerweile war bereits seit Monaten in Erfüllung gegangen, was Rosa ihrem geliebten Sternau mit so innigen, glückatmenden Worten geschrieben hatte: Sie war von einem Töchterchen entbunden worden, bei dessen Geburt hohe, allgemeine Freude in Rheinswalden eingezogen war.

Die weiblichen Bewohner des Schlosses hatten vor und bei Eintritt dieses Ereignisses alles getan, was im Bereich der liebevollsten Hilfeleistung steht, und die männlichen waren schweigend umhergelaufen oder hatten die Köpfe zusammengesteckt und von einem »vielleicht ein Mädchen« oder gar einem »Donnerwetter, wenn's gar ein Junge wäre« gemunkelt. Der Hauptmann aber saß in seinem Arbeitszimmer, rechnete und rechnete, und als er nicht fertig werden konnte, da bemerkte er, daß er subtrahiert statt dividiert und addiert statt multipliziert hatte. Und als er wieder von vorn anfing, um die Bestände seiner Waldungen zu berechnen, da mengte er Scheffeln, Erlen, Hasen, Morgen, Rehe, Tannen, Unterförster, Quadratruten und Rebhühner so gründlich untereinander, daß er die Feder wegwarf und halb zornig, halb lachend ausrief:

»Kreuzbataillon, nun hört's aber auf! Was einen das verrückt macht, wenn sich so eine Bube oder Mädel einstellen will! Ich danke doch meinem lieben Gott, daß er mich nicht mit vielen Kindern gesegnet hat. Wäre ich so ein zwölf- bis sechzehnfacher Familienvater geworden, so möchte ich nur meine Rechnungen, Gutachten und Monatsberichte sehen. Ich mengte Eichen, Ziehflaschen, Dachse, Wiegenpferde, Windeln, Holzklaftern, alles, alles, untereinander. Aber neugierig bin ich, wer da Gevatter wird!«

Und indem er das sagte, ging die Tür auf, und der ehrliche Ludwig Straubenberger trat ein, stellte sich in Achtung und wartete, bis er angeredet werde.

»Was willst du?« fragte der Oberförster. – »Um Verlaub, Herr Hauptmann, ich möchte bloß fragen, was?« – »Was?« wiederholte der Hauptmann, ganz erstaunt über diese geistreiche Ausdrucksweise. »Was?« – »Ja, was?« – »Nun, was denn, zum Teufel?« – »Ja, das ist es ja eben! Was denn, zum Teufel? Es fällt mir vor lauter Neugierde das Richtige gar nicht ein. Ob ›Sah ein Knab' ein Röslein steh'n‹ oder vielleicht ›Ein Schäfermädchen weidete‹. Man weiß ja noch gar nicht, ob's ein Junge oder ein Mädchen wird dahier!«

Da konnte der Oberförster nicht länger an sich halten und donnerte, indem er sich drohend erhob:

»Kerl, bist du denn ganz und gar verrückt geworden?« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann, allerdings ganz verrückt dahier«, nickte Ludwig. – »Aber was, zum Teufel, ist's denn eigentlich mit dem Knab' und dem Schäfermädchen, he?« – »Nun, die Burschen stehen mit den Waldhörnern unten. Wird's ein Junge, so denke ich, wir blasen ›Sah ein Knab' ein Röslein steh'n‹, wird's aber ein Mädchen, so blasen wir ›Ein Schäfermädchen weidete‹. Oder befehlen der Herr Hauptmann vielleicht ›Ich bin vom Berg der Hirtenknab‹ und ›Bin i net a schöne Rußbuttenbub‹ oder ›Das Mädchen hat ein hübsch Gesicht‹ und ›Madle, ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite‹. Das sind alles lauter wunderschöne Lieder, und wir blasen sie vierstimmig mit Gefühl und Dreivierteltakt dahier.«

Der Oberförster hatte diese Auslassung seines Lieblingsgehilfen vor lauter Erstaunen wortlos angehört, jetzt aber bekam er die Sprache wieder.

»Kerl, Mensch, Ludwig, soll ich dich etwa hinauswerfen, dich, die anderen, den Rußbuttenbub, die grüne Seite und den ganzen Dreivierteltakt? Bläst man denn einer schwachen Wöchnerin die Ohren voll, he? Leg' du dich doch einmal hin und laß dich anmusizieren, wenn der Storch in deiner Feueresse klappert! Nein, so etwas ist doch unerhört!«

Der arme Ludwig stand da, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Er brachte vor lauter Verlegenheit nichts weiter hervor, als:

»Ich soll mich hinlegen, Herr Hauptmann! Ich habe mir doch noch gar keine Frau genommen und bin zweitens auch nicht verheiratet!« – »Das weiß ich! Aber das war nur so ein Beispiel. Ich sage dir, Ludwig, diese Blaserei ist die größte Dummheit, die du dir in deinem ganzen Leben ausgesonnen hast. Ich denke …«

Der Oberförster wurde unterbrochen, denn die Tür wurde aufgerissen, und Alimpo keuchte herein, ganz atemlos vor Anstrengung.

»Ein Mädchen, Herr Hauptmann!« meldete er. – »Ein Mädchen?« fragte der Oberförster. »Ist's wahr?« – »Ja. Meine Elvira sagt's auch!« – »Hurra! Und gesund, Alimpo?« – »Wie ein Fisch!« – »Viktoria! Hurra! Hussa! Lauf, Alimpo, lauf zum Herzog von Olsunna und zu meinem Sohn und sag's, daß es ein Mädchen ist! Ludwig, laß satteln! Ich reite sofort nach Darmstadt zum Großherzog. Ein Mädchen! Ein Mädchen! Na, ihr Kanaillen, was steht ihr denn noch! Heute bekommt alles Freibier. Fräulein Sternau soll gleich Napfkuchen backen und gebackene Zwetschgen in der Mitte. Ich nehme den Braunen, Ludwig, der Fuchs läuft nicht mehr so rasch. Bei solchen Anmeldungen muß man pünktlich sein!«

Der gute Hauptmann kannte sich vor Freude selbst nicht mehr. Während er auf seinem Braunen nach Darmstadt jagte, lag die junge Mutter auf dem blütenweißen Lager und betrachtete ihr süßes, schlafendes Kind. Bei ihr saß Flora, die Herzogstochter, die jetzige Frau des einfachen Malers.

»Wie ist dir jetzt, meine Rosa?« flüsterte sie besorgt. – »Ich bin matt, aber glücklich«, hauchte Rosa. »Gib mir sein Bild.«

Sie winkte mit den schönen Augen nach der Wand, an der Sternaus Porträt hing. Flora holte es und legte es auf das Bett neben den kleinen Engel. Nun betrachtete Rosa beide, das Bild und das Kind, um sie miteinander zu vergleichen.

»Sieht sie ihm ähnlich, Flora?« fragte sie leise.

»Sehr«, lächelte die Gefragte, obgleich sich die Ähnlichkeit eines Neugeborenen wohl kaum bestimmen läßt.

»Oh, wenn er es doch wüßte, der Liebe, Gute.«

Rosa faltete die Hände, und über ihre schönen, jetzt ermatteten Wangen flossen Tränen des Gebets für den Fernen und für das teure Pfand von ihm, das jetzt an ihrem Herzen lag. Ihre Augen irrten unter diesen Tränen immer wieder vom Bild zum Kind und vom Kind zum Bild, bis sie müde wurden und sich schlossen – sie entschlummerte. Und noch während dieses Schlummers stritten sich in ihren reinen, frommen Zügen das süße, holde Glück der Mutter mit dem Weh des treuen, liebenden Weibes, das den Teuren in der Ferne weiß, mitten in Not und Gefahr.

Nun folgten Tage des ruhigen Abwartens, bis Rosa sich gekräftigt fühlte und Besuch anzunehmen vermochte. Da zeigte es sich so recht, wie sehr die aus dem fernen Spanien Herbeigezogenen beliebt waren. Alle kamen, und selbst sämtliche Chargen des großherzoglichen Hofes erschienen, um ihre Freude zu äußern und ihre Gratulationen darzubringen.

Einige Wochen später wurde die kleine Weltbürgerin getauft. Der Großherzog, die Herzogin von Olsunna und Hauptmann von Rodenstein standen Pate. Das Kind wurde wie seine Mutter genannt, Rosa, und die Liebe verwandelte diesen Namen in das deutsche Röschen, obgleich die der spanischen Sprache Mächtigen gern auch Rosita sagten.

Dieses Glück wurde leider getrübt durch den Gedanken an die Fernen, die noch immer nichts von sich hören ließen. So verging ein Jahr und noch ein zweites, und nun schien es wirklich, daß sie verschollen und unwiderbringlich verloren seien. Auch von Amy Lindsay kam keine Nachricht, obgleich Rosa öfters an sie geschrieben hatte. Da diese Briefe nicht zurückkamen und auch nicht beantwortet wurden, so wußte man sich gar keine Erklärung zu geben.

Rosa betrachtete sich je länger, desto sicherer als Witwe. Hätte sie Röschen nicht gehabt, so hätte sie den Gram nicht zu überwinden vermocht. Nun aber konzentrierte sich ihre Sorge und die Tätigkeit ihrer Seele auf ihr Kind und auf den alten, leider immer noch wahnsinnigen Vater.

Otto von Rodenstein hatte sich auch in Rheinswalden niedergelassen und genoß hier an der Seite seiner Flora, der Herzogstochter, ein Glück, das ungetrübt hätte genannt werden müssen, wenn nicht die Teilnahme für Rosa und die Verschwundenen ihren Schatten auf dasselbe geworfen hätte.

Der Herzog von Olsunna konnte nicht vergessen, daß er durch die Kunst Sternaus, seines jedenfalls echten Sohnes, vom Rand des Grabes hinweggerissen und dem Leben wiedergegeben worden war. Er liebte seine Gemahlin jetzt fast mit dem Feuer einer Jugendliebe und bat Gott Tag und Nacht, zu verhüten, daß sein Sohn verloren gegangen sei.

Aber je länger die Zeit verging, desto hinfälliger wurde die so krampfhaft festgehaltene Hoffnung. Der Kreis dieser guten, wahrhaft edlen Menschen wurde immer stille und stiller, und selbst, wenn der alte Rodenstein einmal in seiner derben Art und Weise Leben und Bewegung schaffen wollte, so bekam er nur ein schwaches, verzagtes Lächeln zur Belohnung.

»Das kann nicht länger so fortgehen«, meinte er einmal zum Herzog von Olsunna, als beide still und allein durch den Wald strichen. »Sie sind krank, Hoheit, Ihre Frau, meine gute Sternau, ist krank, alles ist krank, alles läßt die Flügel hängen und will nicht ein leises Flattern versuchen. So wird der Mensch ganz und gar alle, so geht er zu Grabe. Man muß Hilfe suchen, nicht bei einem Doktor und bei einem Apotheker, sondern wo ganz anders. Zerstreuung ist das beste. Wie wäre es mit einer Reise?«

Der Herzog schüttelte den Kopf.

»Hier habe ich Ruhe gefunden, hier bleibe ich«, sagte er. – »Und die anderen?« – »Die denken ebenso, ich bin davon überzeugt.« – »Da wäre es also mit meinem Vorschlag nichts«, meinte Rodenstein nachdenklich. »Ließe sich denn nicht etwas anderes finden? Hm! Vielleicht treffe ich es. Also Sie wollen am liebsten hierbleiben?« – »Das ist mein Wunsch.« – »Und die anderen?« – »Sie haben denselben Wunsch. Wir setzten natürlich voraus, daß wir Ihnen nicht beschwerlich fallen.«

Da blieb der Hauptmann schnell stehen, blickte den Herzog verwundert an, machte sein allergrimmigstes Gesicht und antwortete:

»Das ist's ja eben, Sie fallen mir beschwerlich, ganz außerordentlich beschwerlich. Ich halte es nicht länger aus.« – »Ah! Sie scherzen!« meinte der Herzog lächelnd. – »Ich scherzen! Fällt mir gar nicht ein!« brauste da der Hauptmann auf. »Ich habe da diese viele Menschheit auf dem Hals, muß diese sauren Gesichter sehen. Das geht nicht länger. Ich brauche meinen Platz selbst, habe ihn erst schon gebraucht und brauche ihn jetzt noch viel notwendiger.«

Der Herzog erschrak fast bei diesen Worten.

»Aber, mein bester Rodenstein«, bat er, »sagen Sie mir doch, ob dies wirklich Ihr Ernst ist?« – »Mein voller, richtiger, wirklicher Ernst. Ich mag diese trübselige Einquartierung nicht mehr bei mir leiden. Sie wollen hier bleiben, und ich leide es nicht, was bleibt da übrig, Hoheit? Haben Sie Geld?« – »Wenn es an diesem fehlt, so …« – »Pah, ich brauche keins! Ich frage nur, ob Sie Geld haben. Ja oder nein?« – »Ja.« – »Nun gut, so bauen Sie! Mein Nachbar, Baron Hauwald, verkauft. Kaufen Sie ihm seinen Krimskrams ab, er verlangt nicht zu viel. Dann bauen Sie, bauen Sie ein hübsches, nettes Schlößchen, an dem die Damen etwas Neues sehen und ihre Freude haben. Bauen Sie da ein Maleratelier für meinen Sohn und Ihre Flora. Bauen Sie ein kleines Rodriganda für unsere arme, liebe Rosa und ihr Röschen. Das gibt Zerstreuung. Verstehen Sie mich?«

Da konnte sich der Herzog nicht länger halten. Er streckte dem Hauptmann dankend beide Hände entgegen und rief:

»Ja, jetzt verstehe ich Sie, Sie lieber, grober Oberförster. Jetzt weiß ich, wie Sie es meinen. Ja, ich werde Ihren Rat befolgen, ich werde kaufen und bauen, und wir wollen sehen, ob es Segen bringt.« – »Es bringt Segen, darauf dürfen Sie sich verlassen!«

*

Drei Jahre waren seit Röschens Geburt vergangen, da wurde der Grundstein zu dem neuen Schloß gelegt. Der Plan hatte die Teilnahme aller gefunden. Mitten im Park sollte das Schloß von Rodriganda in Miniatur hinkommen.

Endlich wurde das Schloß fertiggestellt, und der Herzog lud zur Einweihung desselben den Adel der Umgegend ein. Es verstand sich von selbst, daß der Großherzog nebst Gemahlin erschien. Die letztere fuhr mit einigen ihrer Hofdamen etwas vorher, um vorerst nach Klein-Rodriganda zu gehen und ihr liebes Patenkind zu sehen. Da sahen sie etwas Helles durch die Büsche schimmern. Sie traten näher und erblickten Röschen, mit einem aus Tannenreisern und Hageröschen geflochtenen Strauß auf dem Kopf und einer ebensolchen Girlande um den Leib. Kurt kniete vor ihr, um sie zu schmücken. Die beiden Kinder erschraken nicht, als sie die hohe Frau erblickten, sondern traten unbefangen näher.

»Was spielt ihr da?« fragte die Großherzogin freundlich. – »Weil Röschen jetzt im Wald wohnt, möchte sie gern Waldröschen heißen, und so habe ich sie gerade wie ein Waldröschen geschmückt«

Da bog sich die Großherzogin, hingerissen von der kindlichen Schönheit des lieblichen Wesens, zu ihr nieder, küßte sie und sagte gerührt:

»Ja, du sollst Waldröschen heißen, denn du bist so zart und rein, so hold und so schön wie die Blüten, die du trägst. Gott schütze dich, mein Liebling!«

Seit jener Stunde wurde Röschen Waldröschen genannt. Kurt hatte ihr diesen Namen gegeben, und die Großherzogin hatte ihn bestätigt.

Am anderen Tag ging Röschen wieder in den Park. Sie suchte Kurt und fand ihn nicht. Darum ging sie weiter. Da endlich sah sie ein kleines Häuschen vor sich, und als sie die Pforte des Staketenzäunchens offen und die Tür der Hütte angelehnt sah, trat sie ein.

Aber fast hätte sie vor Schreck laut aufgeschrien, denn auf einem Schemel inmitten des engen, niederen Raumes saß zwar der Waldhüter, aber vor ihm auf dem Stuhl eine alte Frau, so häßlich, wie sie noch gar keine gesehen hatte. Sie wollte fliehen, aber Tombi hatte sie bereits bemerkt und winkte sie näher. Da drehte sich auch die Alte nach ihr um, blickte sie scharf an und sagte:

»Das ist sie! Diese Züge tragen fürstliches und gräfliches Gepräge. Wache über sie, mein Sohn! Ich aber will dem Unglück gebieten, von ihrem reinen Haupt fernzubleiben!«

Sie trat zu Röschen, legte ihr die Hände wie segnend auf das schöne Lockenköpfchen, und während sich ihre Augen emporrichteten, bewegten sich ihre Lippen wie im Gebet. Das Mädchen hob die Wimpern leise und blickte verstohlen zu der Alten empor. Und als sie dieselbe so warm und innig beten sah, war es ihr, als ob sie jetzt nicht mehr häßlich aussehe, sondern lieb und gut, wenn auch ein wenig alt. Dann nahm die Frau die Hand wieder zurück, beugte sich freundlich herab und fragte:

»Fürchtest du dich vor mir?« – »Nein«, antwortete Röschen mit zutraulichem Augenaufschlag. – »Das sollst du auch nicht, mein Kind. Merk' auf, was ich dir jetzt sage! Ich heiße Zarba und bin der Schutzgeist der Deinen, obgleich sie mich jetzt verkennen. Ich werde euch erscheinen zu der Zeit, die da ist für euch die Stunde des Glücks, für eure Widersacher aber die Stunde der Rache.«

Das waren für Röschen unverständliche Worte, aber sie gruben sich ihr tief in das kleine Herz hinein, und noch als sie die Hütte verließ, blieb sie am Gartenpförtchen stehen, um nachzudenken, was Zarba, der Schutzgeist, gemeint habe. Die Alte aber stand unter der Tür, beschattete mit der Hand ihre Augen und blickte dem Waldröschen nach, das den Zügen ihres tief ausgewitterten Gesichts einen Abendschein jener Glorie gab, mit der einst die Sonne des Südens ihren glücklichen, damals noch unentweihten Lebensmorgen bestrahlte.

Und was hatte die einst so schöne Gitana auf das Haupt des Kindes herabgefleht? Wir können es uns denken und werden baldigst erfahren, daß ihr Gebet bei dem allmächtigen Lenker des Geschicks Erhörung fand.
