Erkämpftes Glück 

Teil 1
1. Kapitel.

Nach einem herzlichen Abschied setzten sich die vier auf und ritten davon. Sie hatten sich einen Vorrat von Proviant mitgenommen, um unterwegs nicht der Jagd obliegen zu müssen, da sie sich durch Schüsse hätten verraten können.

Erst als Juarez am dritten Tag darauf nach Coahuila kam, hörte er von der amerikanischen Freischar, die angekommen war. Er traf sofort Anstalt, sie an sich zu ziehen, und brach dann auf, um den Freunden nachzufolgen und Hilfe zu bringen, falls sie einen Mißerfolg gehabt.

Diese hatten einen Umweg eingeschlagen und sich in das weniger bewohnte Gebirge von Monclova hineingezogen. Darum brachten sie länger zu, als es sonst der Fall gewesen wäre, doch erreichten sie unbemerkt die Hazienda, auf der sie sich allerdings nicht sehen ließen. Sie umritten dieselbe in weitem Kreis und hielten auf den Berg El Reparo zu.

Es war dies jener Berg, in dessen Innern sich die Höhle des Königsschatzes befand und auf dessen Kuppe sich die grausigen Begebenheiten des Teiches der Krokodile zugetragen hatten.

Sie waren in seiner Nähe angekommen und ritten zwischen dünnen Büschen hin, als der voranreitende Büffelstirn plötzlich sein Pferd anhielt.

»Ein Reiter«, sagte er, den Arm ausstreckend.

Die anderen blickten in die angedeutete Richtung hin und erkannten einen Mann, der an der Erde saß, während sein Pferd in der Nähe graste.

»Wir müssen ihn umreiten, um nicht von ihm gesehen zu werden«, sagte Sternau.

Die Sonne war im Sinken, und der Berg warf seinen Schatten, aber man vermochte dennoch, eine ziemliche Strecke weit zu sehen.

»Wir reiten hin!« antwortete der Mixteka, nachdem er sich den Mann genauer betrachtet hatte. – »Kennt ihn mein Bruder?« – »Ein Vaquero.« – »Von del Erina?« – »Ja. Ich erkenne ihn wieder, obgleich er älter geworden ist.« – »Ob er treu ist?« – »Er war dem Häuptling der Mixtekas stets freundlich gesinnt.« – »So wollen wir sehen, ob er es noch ist.«

Sie setzten also ihren Weg, ohne sich im verborgenen zu halten, fort. Als der Mann sie erblickte, erhob er sich schnell, sprang auf sein Pferd und griff zur Büchse.

»Ämilio braucht sich nicht zu fürchten«, rief Büffelstirn ihm zu. »Oder ist er vielleicht ein Feind der Mixtekas geworden?«

Der Angeredete saß wie erstarrt auf seinem Pferd.

»O Dios!« rief er endlich. »Büffelstirn!« – »Ja, ich bin es!« – »Stehen die Toten auf?« – »Nein; aber die Lebenden kehren zurück.« – »So wart Ihr gar nicht gestorben?« – »Nein, wir lebten. Kennst du diese Männer?«

Ämilio ließ sein Auge von einem zum anderen gehen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck eines immer größeren, freudigen Erstaunens an.

»Ist das möglich, oder sehe ich nicht recht?« – »Wen siehst du?« fragte Büffelstirn. – »Ist das nicht Señor Sternau?« – »Ja, er ist es.« – »Und dieser ist Bärenherz, der Häuptling der Apachen?« – »Ja, deine Augen sind noch gut.« – »Mein Erlöser! Und wir glaubten euch tot. Wo sind die anderen?« – »Sie leben auch und folgen uns baldigst nach.« – »So werden sie es sehr traurig auf der Hazienda finden.« – »Warum?« – »Die Feinde sind da.« – »Wieviel Mann?« – »Gegen sechshundert.« – »Wer ist der Anführer?« – »Cortejo. Aber er ist vor einiger Zeit fortgeritten, und nun befiehlt seine Tochter Josefa.« – »Was tun diese Leute?« – »Sie essen, trinken und schlafen. Sie martern die Vaqueros, indem sie auf die Rückkehr Cortejos warten.« – »Wo ist Señor Arbellez?« – »Gefangen.« – »Wo?« – »Sie haben ihn in einen Keller geworfen, nachdem er fast totgeprügelt worden war.« – »Ist er allein gefangen?« – »Señora Marie Hermoyes und Antonio sind bei ihm.« – »Antonio? Uff! Der auf Fort Guadeloupe war?« – »Ja.« – »Was gibt man den Gefangenen zu essen?« – »Ich weiß es nicht. Niemand sieht etwas davon, denn die Vaqueros gehen jetzt nicht nach der Hazienda.« – »Du auch nicht?« – »Nein.« – »So komm mit uns.«

Ämilio schloß sich ihnen mit Freuden an. Nun er diese Männer sah, glaubte er an eine baldige Verbesserung der Lage. Diese drei hatte er erkannt, den vierten aber doch nicht genau. Jetzt ritt er neben ihm.

»Verzeiht, Señor«, sagte er. »Ich habe Euch jedenfalls früher gesehen, weiß aber doch nicht, wie ich Euch nennen soll.« – »Habe ich mich denn so sehr verändert?« fragte Helmers lächelnd.

Infolge dieses Lächelns und dieser Stimme kehrte dem Vaquero die Erinnerung zurück.

»Ihr Heiligen, wäre das wahr?« fragte er. »Ihr seid Señor Helmers?« – »Ja.« – »Gott, welch eine Freude! Aber lebt auch Señorita Emma noch?« – »Sie lebt noch und kehrt sehr bald nach der Hazienda zurück.« – »Oh, man wird auch sie gefangennehmen.« – »Nein. Wir werden die Feinde vertreiben.« – »Sie vier?« fragte der Mann ungläubig. – »Das wirst du bald sehen. Doch sage mir vor allen Dingen, wer den Befehl gegeben hat, daß Señor Arbellez gepeitscht worden ist.« – »Ich glaube, die Señorita Josefa.« – »War ihr Vater da noch auf der Hazienda?« – Ja.« – »Es ist genug. Sie werden ihre Strafe erhalten.«

Helmers knirschte mit den Zähnen, und die Augen Büffelstirns leuchteten auf. Die beiden glühten vor Rachgier. Wehe Cortejo und seiner Tochter, wenn diese in ihre Hände gerieten!

Der Ritt ging jetzt an der Seite des Berges empor. Sie langten eben am Alligatorenteich an, noch ehe das letzte Tageslicht verglommen war. Noch stand der Baum, der schräg über das Wasser ragte. Die Fläche des Wassers war eben. Da aber hielt Büffelstirn an und stieß einen klagenden Ruf aus, mit dem man Krokodile anzulocken pflegt. Sofort tauchten eine Menge knorriger Köpfe aus der Tiefe auf. Sie kamen auf das Ufer zugeschossen und klappten die Kinnladen gegeneinander, daß es klang, als würden starke Pfosten aufeinandergeschlagen.

»Uff! Lange nichts gefressen!« meinte der Mixteka. »Werden bald ihren Hunger stillen können. Büffelstirn wird für die heiligen Krokodile der Mixtekas sorgen.«

Sie umritten den Teich und stiegen im Wald ab, wo sie die Pferde unter Aufsicht Ämilios stehenließen. Dann schritt Büffelstirn weiter.

Mitten auf der Spitze des Berges befand sich eine pyramidenförmige Erhöhung, die man ganz sicher für ein Werk der Natur gehalten hätte. Dort blieb der Häuptling der Mixtekas stehen.

»Das ist das Feuermal meines Stammes«, sagte er. – »Ah, ein verborgener Pechofen?« fragte Sternau. – »Ja. Er ist mit Pech, Harz, Schwefel und trockenem Gras angefüllt. Offnen wir ihn!«

Der Indianer trat an die eine Seite der Pyramide und nahm einen Stein fort, der mit Erde bedeckt und mit Gras überwachsen war.

»Das ist das Zugloch.«

Zu diesen Worten Sternaus nickte der Häuptling mit dem Kopf. Dann stieg er zur Spitze empor. Dort befand sich der Stamm eines nicht gar zu starken Baumes, der ganz das Aussehen hatte, als ob er durch einen Blitzschlag seine gegenwärtige Gestalt erhalten habe. Büffelstirn zog denselben hin und her, bis der Stamm sich lockerte und fortnehmen ließ. Dadurch entstand ein Loch, das Büffelstirn erweiterte, so daß es die Stärke eines Mannes erlangte.

»Es ist dunkel geworden«, sagte er. »Wir wollen das Zeichen des Krieges anbrennen. Büffelstirn ist jahrelang nicht bei den Seinigen gewesen, aber meine Brüder werden bald sehen, daß seine Anordnungen noch gelten.«

Er kniete nieder und schlug Feuer. Bald brannten einige trockene Splitter, die er aus dem Stamm geschlitzt hatte. Er warf sie in das Loch und stieg dann von der Pyramide herab.

Erst ließ sich ein Knistern und Prasseln hören, das bald in ein lautes Zischen überging. Eine vielleicht zwei Fuß hohe Flamme stieg empor.

»Das ist zu niedrig«, meinte Helmers. – »Mein Bruder warte ein wenig«, antwortete der Häuptling. »Die Söhne der Mixtekas verstehen es, Kriegsflammen zu erzeugen.«

Er hatte recht. Denn kaum eine Minute später begann die Flamme emporzusteigen, und nach fünf Minuten hatte sie eine ungeheure Höhe erreicht. Sie hatte die Gestalt einer Säule, die oben in gewaltigen Strahlen auseinanderging, und besaß eine solche Leuchtkraft, daß es auf der ganzen Spitze des Berges hell wie am Tag wurde.

»Ein Feuermal, wie ich noch keines gesehen habe!« bemerkte Sternau. – »Wir werden sehr bald Antwort haben«, antwortete Büffelstirn. – »Gibt es mehrere Orte mit solchen Öfen?« – »So weit die Mixtekas wohnen.« – »Und es sind Männer angestellt, die die Flamme anzünden?« – »Ja.« – »Wenn diese nun gestorben oder nicht zugegen sind?« – »So haben sie ihr Amt anderen übergeben. Mein Bruder sehe!«

Das Feuer hatte vielleicht eine Viertelstunde lang gebrannt. Der Häuptling zeigte nach Süden. Da erhob sich auch eine Flamme, und zwar in einer Entfernung, die man wegen der Nacht nicht genau schätzen konnte. Im Norden folgte eine zweite, und bald konnte man ringsum fünf gleiche Feuersignale sehen.

Da schritt Büffelstirn zu einem Stein, der in der Nähe lag. Er hob ihn trotz seiner Größe weg, und nun wurde eine Öffnung sichtbar, in der einige Kugeln von der Größe eines Billardballes lagen.

Er nahm drei davon, warf sie in die Flamme und deckte dann den Stein sorgfältig wieder auf das Loch.

»Warum diese Kugeln?« fragte Sternau. – »Mein Bruder wird es sogleich bemerken.«

Er hatte dies kaum gesagt, so schossen drei Flammen himmelhoch empor und bildeten dort drei große Feuerscheiben, die sich lange Zeit in gleicher Höhe hielten und dann langsam wieder niedersenkten.

Kurze Zeit darauf erblickte man bei jedem der fünf anderen Male dasselbe Zeichen.

»Was bedeutet das?« – »Jeder Ort hat sein Zeichen«, antwortete Büffelstirn. »Ich habe dasjenige des Berges El Reparo gegeben, damit die Mixtekas wissen, wo sie sich versammeln sollen.« – »Aber die Feinde werden diese Feuer auch bemerken.« – »Sie werden nicht wissen, was sie zu bedeuten haben. Jetzt brennt die Flamme nieder. Meine Brüder mögen noch einige Augenblicke warten, dann können wir diesen Ort verlassen.«

Das Feuermal sank mit eben derselben Schnelligkeit herab, mit der es gestiegen war; dann war es dunkel wie vorher.

Büffelstirn legte den Stein wieder sehr genau vor das Zugloch und brachte den Baum wieder an Ort und Stelle. Obgleich dies in der Dunkelheit geschah, verstand er es, jede Spur sorgfältig zu entfernen.

»Wenn ein Feind auf den Berg kommt«, sagte er, »um den Ort zu suchen, wo die Flamme war, so wird er ihn nicht finden. Wir aber werden ihn jetzt verlassen.« – »Wohin gehen wir?« – »Dahin, wo wir bis morgen verborgen bleiben können.« – »Bis morgen abend?« fragte Helmers. – »Ja.« – »Können wir am Tag nichts für die Hazienda und Arbellez tun?« – »Gar nichts. Aber am Abend wird die Hazienda unser sein.«

Sie kehrten zu den Pferden zurück, stiegen auf und ritten den Berg hinab, wo sie links umbogen und nach einer halben Stunde in eine Schlucht gelangten, deren Eingang fast ganz von Büschen verdeckt war.

»Hier werden wir warten«, sagte Büffelstirn.

Sie ritten bis an den hinteren Teil der Schlucht, banden ihre Pferde an und lagerten sich in das Moos. Ihre halblaute Unterhaltung bezog sich natürlich auf die bevorstehenden Ereignisse, dann suchten sie den Schlaf.

Die Nacht verging und ebenso der Tag in tiefster Ruhe. Ungefähr um sechs Uhr wurde es dunkel, doch wartete Büffelstirn noch zwei Stunden, ehe er zum Aufbruch mahnte. Sie bestiegen ihre Pferde und ritten fort.

Als sie an die Stelle gelangten, die nach oben führte, vernahmen sie erst vor sich und auch hinter sich Pferdegetrappel.

»Wer reitet da?« fragte Helmers leise. – »Mein Bruder sorge sich nicht«, antwortete Büffelstirn. »Es sind die Söhne der Mixtekas, die meinem Ruf folgen.«

Als sie oben anlangten, herrschte dort eine außerordentliche Ruhe, aber um den Teich der Krokodile konnte man, zwar undeutlich nur, Menschen und Pferde Kopf an Kopf erkennen. Sie waren gekommen, um zu erfahren, was das Feuersignal zu bedeuten habe.

Sie gelangten zwischen den Indianern hindurch bis an das Ufer des Teiches. Dort hielt der Häuptling, ohne abzusteigen, an und rief mit lauter Stimme:

»Ila! Na atui!«

Das heißt auf deutsch: »Ruhe, ich will sprechen!«

Ein leises Waffengeräusch ließ sich hören, dann fragte eine andere Stimme:

»Payn omi – wer bist du?« – »Na Mokaschi-motak – ich bin Büffelstirn!« – »Mokaschi-motak!« so ging das Wort ringsum von Mund zu Mund.

Es war trotz der Dunkelheit zu bemerken, welches ungeheure Aufsehen dieser Name machte. Die vorherige Stimme ließ sich hören:

»Büffelstirn, der Häuptling der Mixtekas ist tot.« – »Büffelstirn lebt. Er wurde von seinen Feinden gefangengehalten und ist jetzt zurückgekehrt, um sich zu rächen. Wer hat mit mir gesprochen?« – »Das wiehernde Pferd«, lautete die Antwort. – »Das wiehernde Pferd ist ein großer Häuptling, er ist der erste Mann nach Büffelstirn und wird bisher die verlassenen Kinder der Mixtekas befehligt haben. Er komme mit einer Fackel herbei, um mich zu sehen!«

Einige Augenblicke später sah man den Schein einer Fackel aufleuchten, und mehrere Männer drängten sich durch die Menge mit ihr bis zum Häuptling hindurch. Einer von ihnen, in die Tracht eines Büffeljägers gekleidet, gerade so, wie sie Büffelstirn früher getragen hatte, hielt dem Häuptling die Fackel nahe und blickte ihm in das Gesicht.

»Mokaschi-motak!« rief er dann laut. »Freut euch, ihr Söhne der Mixtekas! Euer König ist zurückgekehrt. Schwingt eure Messer und Tomahawks, um ihn zu rächen!« – »Ugh!«

Nur dieses eine Wort wurde gehört, es brauste um den Teich herum, dann wurde es wieder still. Jetzt erhob Büffelstirn abermals die Stimme:

»Die Wächter mögen sagen, ob wir hier sicher sind.« – »Es ist kein Fremder hier, außer vier Männern, die mit einem Mixteka gekommen sind!« rief es von weitem her. – »Ich selbst war es, mit dem sie kamen. Wie viele Männer wurden gezählt?« – »Elfmal zehnmal zehn und vierzig und zwei.«

»Meine Brüder mögen hören!« begann der Häuptling. »Morgen sollen sie erfahren, wo Büffelstirn so lange Zeit gewesen ist. Jetzt aber sollen sie vernehmen, daß Juarez, der Zapoteke, aufgebrochen ist, um die Franza aus dem Lande zu treiben. Büffelstirn wird ihm die Krieger zuführen, die mit ihm kämpfen wollen. Heute aber reiten wir nach der Hacienda del Erina, um die dort befindlichen Männer des Cortejo zu besiegen. Es befinden sich dort die schlimmsten Leute der Bleichgesichter, denen der Mixteka keine Gnade gewährt. Wer von ihnen nicht entkommt, muß sterben. Meine Brüder mögen sich in zehn und zehn teilen und mir folgen. Da, wo ich in der Nähe der Hazienda halten werde, bleiben die Pferde zurück und fünfmal zehn Männer bei ihnen. Der Häuptling wieherndes Pferd mag sie auswählen. Die anderen gehen leise um die Hazienda herum, bis die Krieger einen Kreis bilden, und wenn der erste Schuß fällt, dringen sie auf die Feinde ein. Der Sieg ist unser, denn ich habe den Fürsten des Felsens mitgebracht, Bärenherz, den Häuptling der Apachen, und Donnerpfeil, das tapfere Bleichgesicht.« – »Ugh!« ertönte es abermals rund um den Teich herum. Es war der Ausdruck der Freude über die Anwesenheit so berühmter Krieger.

Dann begannen die Massen, sich langsam in Bewegung zu setzen.

»Mein Bruder will keinen Pardon geben?« fragte Sternau. – »Nein.« – »Warum nicht?« – »Mein Bruder Arbellez ist geschlagen worden!« erklang es rauh. – »Aber doch nicht von allen!« – »Bei Cortejo ist kein wackerer Mann. Sie mögen sterben. Der Mixteka tritt das Ungeziefer mit den Füßen tot.«

Sternau merkte, daß hier keine Fürbitte helfen konnte, zumal es keine Zeit mehr gab, den bereits sich in Bewegung befindlichen Kriegern andere Befehle zu erteilen. Übrigens sagte sich Sternau selbst, daß Cortejo nur Gesindel angeworben haben könne, und vielleicht gelang es den meisten zu entkommen.

Büffelstirn mit seinen Freunden voran, schlängelte sich der lange Reiterzug langsam den Berg hinab, aber unten angekommen, wurden die Pferde in Galopp gesetzt. Als Berg und Wald hinter ihnen lagen, befanden sie sich in der weiten Ebene, kaum eine englische Meile von der Hazienda entfernt. Alle stiegen von ihren Tieren, nur Sternau blieb sitzen.

»Warum steigt mein Bruder nicht ab?« fragte Büffelstirn. – »Ich reite nach der Hazienda.« – »Warum? Willst du dich töten lassen?« – »Nein. Es könnte der Fall sein, daß die Angegriffenen, wenn sie sehen, daß es für sie keine Rettung gibt, Arbellez töten. Das werde ich verhindern.« – »Mein Bruder hat recht.« – »Und ich reite mit!« sagte Helmers. – »Gut, so sind wir zu zweien«, meinte Sternau. »Aber wir werden warten, bis die Hazienda umzingelt ist. Ich werde sehen, wie es in der Hazienda steht und den Schuß abgeben, der das Zeichen zum Angriff ist.«

2. Kapitel.

Während fünfzig Mann bei den Pferden zurückblieben, rückten die anderen jetzt lautlos vor. Sie hatten erwartet, Lagerfeuer zu sehen, aber die Mexikaner befanden sich alle im Hof und in den Zimmern der Hazienda, darum war es den Mixtekas möglich, sich ganz nahe anzuschleichen. Als dies geschehen war, setzten Sternau und Helmers ihre Pferde in lauten Trab, daß es den Anschein haben sollte, als ob sie von weit her kämen. Sie hielten vor dem Tor an und klopften. Eine Stimme im Innern fragte: »Wer ist da?« – »Ist das die Hacienda del Erina?« fragte Sternau. – »Ja«, antwortete es. – »Befinden sich da die Leute von Señor Cortejo?« – Ja.« – »Wir sind Boten, die zu ihm wollen.« – »Wie viele seid Ihr?« – »Zwei.« – »Wer sendet Euch?« – »Der Panther des Südens.« – »Ah, dann dürft Ihr herein.«

Die Tür öffnete sich, und die beiden verwegenen Männer ritten in den Hof, wo sie von den Pferden sprangen. Dort war es dunkel, darum führte man sie in eines der Zimmer, das erleuchtet war. Dasselbe war voller Menschen, alles wilde Gesichter, auch derjenige war dabei, der Arbellez mit geschlagen hatte. Er schien eine Art Befehlshaberstelle einzunehmen, denn er fragte den, welcher die beiden hereingebracht hatte:

»Was wollen diese Menschen?«

Anstatt des Gefragten nahm Sternau schnell das Wort:

»Menschen? Ihr habt es hier mit Señores zu tun. Merkt Euch das! Wir kommen vom Panther des Südens und haben notwendig mit Señor Cortejo zu sprechen. Wo befindet er sich?«

Der Mann sah die mächtige Gestalt Sternaus, die einen großen Eindruck auf alle Umherstehenden machte, dennoch hielt er es für seiner Würde gemäß, so zu tun, als ob er sich nicht einschüchtern lasse. Er antwortete:

»Erst habt Ihr Euch zu legitimieren.« – »Aber bei wem denn?« – »Bei mir!« klang die stolze Antwort. – »So! Wer seid Ihr denn?« – »Ich bin der, der die Meldungen macht.« – »Nun, so meldet mich bei Cortejo. Das übrige geht Euch nichts an.«

Der Mann stieß ein höhnisches Lachen aus und sagte: »Ich werde Euch beweisen, daß es mich gar wohl etwas angeht. Wir befinden uns hier auf dem Kriegsfuß. Ihr seid meine Gefangenen, bis Ihr bewiesen habt, daß Ihr wirklich vom Panther des Südens kommt.« – »Mensch! Was bildest du dir ein! Wirst du mich melden oder nicht?« donnerte Sternau ihm entgegen.

Der Mann aber glaubte, sich in Respekt setzen zu müssen, und antwortete:

»Oho! Jetzt redet man mich mit du an! Nehmt Euch in acht, daß es Euch nicht wie Arbellez ergeht!« – »Ah! Wie ist es diesem ergangen?« – »Ich habe ihn bis auf die Knochen gepeitscht.« – »Du selbst?« – »Ja. Und wenn Ihr Euch renitent betragt, geht es Euch ebenso!« – »Das wagst du mir zu sagen? Hier hast du meine Antwort, Bube!«

Sternau faßte den Mexikaner bei der Kehle und schlug ihm die Faust zweimal an den Kopf, dann schleuderte er den Besinnungslosen über den Tisch hinüber in einen Winkel.

Kein Mensch wagte ein Wort zu sagen. Sternau sah sich funkelnden Auges im Kreis um und drohte:

»So kann es einem jeden ergehen, der mich beleidigt, ohne mich zu kennen. Wo ist Cortejo?« – »Alle Teufel! Das ist jedenfalls der Panther selbst«, flüsterte es im Hintergrund.

Dies verdoppelte den Respekt, und einer antwortete:

»Señor Cortejo ist nicht hier.« – »Wo sonst?« – »Er hat die Hazienda für kurze Zeit verlassen. Wohin er ist, weiß ich nicht.« – »Aber die Señorita ist da?« – »Ja.« – »Wo?« – »In dem Zimmer, das gerade über diesem liegt.« – »Das finde ich auch selbst. Ihr braucht mich also gar nicht anzumelden.«

Es getraute sich wirklich keiner, Sternau zu folgen, als er die Stube verließ, um sich mit Helmers nach oben zu begeben.

Josefa Cortejo lag in einer Hängematte und stand große Schmerzen aus. Ihr Zustand hatte sich unter der schlechten Behandlung eher verschlimmert als gebessert. Doch der Gedanke an die Rückkehr ihres Vaters tröstete sie. Er kam jedenfalls als Sieger über seine Feinde und mit großen Reichtümern beladen.

Da erschallten draußen rasche, kräftige Schritte. Kam er vielleicht schon? Sie richtete sich erwartungsvoll auf. Zwei Männer traten ein, ohne vorher zu klopfen und dann zu grüßen. Wer war es? Hatte sie nicht die athletische Figur des einen bereits gesehen? Sein Bart machte, daß sie ihn nicht gleich erkannte.

»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« fragte sie. – »Ah! Ihr kennt mich nicht mehr, Señorita?« fragte Sternau.

Ihre Augen wurden größer und ihre Wangen totenbleich.

»Wer … O mein Gott, Sternau!« – »Ja«, antwortete er. »Und hier steht Señor Helmers, der Bräutigam von Emma Arbellez.«

Josefa nahm sich zusammen und fragte:

»Was wagt Ihr? Was wollt Ihr?« – »Oh, ich will Euch nur dieses Papier zurückgeben.«

Sternau griff in die Tasche und zog den Brief heraus, den er ihrem Boten abgenommen hatte. Sie nahm ihn entgegen und warf einen Blick darauf. Ihr eigener Brief. Sie war einer Ohnmacht nahe.

»Gott! Wie kommt Ihr zu diesem Schreiben?« hauchte sie. – »Wir haben es der Leiche Eures Boten abgenommen.« – »Der – Leiche …?« – »Ja. Er fiel nämlich mit seiner Truppe in unsere Hände, wobei alle bis auf den letzten Mann niedergemacht wurden.«

Josefa war geistesabwesend. Die Angst vor diesem Manne macht ihr Herz erzittern. Sie brachte kaum die Worte hervor:

»Niedergemacht worden? Schrecklich!« – »Tröstet Euch. Es war nicht schade um sie. Übrigens wären sie mit dem Brief doch nicht zurecht gekommen, denn wir haben auch Euren Vater überfallen, als er dem Lord auflauerte. Von seinen Leuten lebt wohl keiner mehr. Ob er selbst entkommen wird, läßt sich noch nicht sagen.« – »O Gott, o Gott!« stöhnte sie. – »Pah! Ruft nicht den Namen Gottes an. Ihr seid eine Teufelin. Dieses Wort aus Eurem Mund ist der reine Frevel, die größte Gotteslästerung.«

Diese Worte gaben ihr einen Teil ihrer Tatkraft zurück.

»Señor«, sagte sie, »bedenkt, wo Ihr Euch befindet.« – »Auf der Hacienda del Erina, denke ich.« – »Ja; das heißt im Hauptquartier meines Vaters.« – »Ihr wollt mir bange machen?« lächelte Sternau. – »Es bedarf nur eines Wortes von mir, so seid Ihr mein Gefangener.« – »Da irrt Ihr Euch. Ich will Euch mitteilen, daß Juarez im Anzug ist. Euer Possenspiel hat heute seinen Schluß erreicht.« – »Pah! Noch ist Juarez nicht da.« – »Aber ich befinde mich hier. Das ist ebensogut. Oder glaubt Ihr etwa, daß ich zu Euch komme, ohne zu wissen, daß ich sicher bin? Die Hazienda ist von über tausend Mixtekas umzingelt. Jetzt ist das Verhältnis umgekehrt: Mich kostet es ein Wort, so seid Ihr meine Gefangene. Oder vielmehr, es kostet mich kein Wort, denn Ihr seid es ja schon.« – »Noch nicht!« rief sie.

Im Angesicht dieser großen Gefahr war sie die alte. Sie schnellte trotz ihrer Schmerzen von der Hängematte herab, riß eine Pistole vom nahe stehenden Tisch und drückte sie auf Sternau ab, zu gleicher Zeit laut um Hilfe schreiend. Der Schuß ging fehl, denn Sternau hatte sich blitzschnell zur Seite gewendet. Im nächsten Augenblick lag sie unter den Händen von Helmers am Boden. In demselben Moment ertönte aber auch rund um die Hazienda ein fürchterliches Geheul. Die Mixtekas hatten den Schuß gehört und für das verabredete Zeichen gehalten. Sternau sprang nach der Tür.

»Sie kommen«, sagte er. »Halten Sie dieses Weib fest und schließen Sie sich lieber mit ihr ein. Ich muß hinunter zu Arbellez.«

Sternau eilte hinaus. Das Innere des Hauses glich einem Ameisenhaufen. Überall drängten sich die Mexikaner nach unten. Sie waren so überrascht, so erschreckt, daß sie seine Gegenwart gar nicht beachteten. Er drängte sich mit ihnen hinab und gelangte noch eine Treppe weiter hinunter nach dem Keller. Dort brannte eine trübe Lampe. Ein Mann stand an der Tür Wache.

»Wer befindet sich darin?« herrschte Sternau ihn an. – »Arbellez und …« – »Wo ist der Schlüssel?« unterbrach ihn der Deutsche. – »Eigentlich oben bei der Señorita.« – »Eigentlich? Jetzt aber ist er hier, soll das heißen?« – »Ja.« – »Gib ihn heraus!«

Der Mann machte ein erstauntes Gesicht, blickte Sternau forschend an und fragte:

»Wer seid Ihr? Was ist das für ein Lärm da oben?« – »Ich bin einer, dem du zu gehorchen hast, und der Lärm da oben geht dich gar nichts an. Heraus mit dem Schlüssel!« – »Oho! So schnell geht das nicht. Euren Namen will ich wissen! Es hat mir noch niemand gesagt, daß ich Euch zu gehorchen habe. Ich kenne Euch nicht!« – »Du sollst mich sogleich kennenlernen!«

Bei diesem Wort holte Sternau aus und versetzte dem Mann einen Faustschlag, unter dem er zusammenbrach. Er untersuchte die Taschen des am Boden Liegenden und fand einen Schlüssel, der paßte. In Zeit von einer Minute war die Tür geöffnet. Sternau nahm die Lampe und leuchtete in den Raum.

Es bot sich ihm ein schrecklicher Anblick.

Auf den kalten, nassen Steinplatten lagen drei Personen, halb übereinander, denn es war kaum Platz für zwei Menschen vorhanden. Lang ausgestreckt nahm der Vaquero die Länge des Bodens ein. Auf seinem Oberleib ruhte die alte, treue Marie Hermoyes, und teils auf ihr und teil auf ihm ruhte Pedro Arbellez, umwunden von den Fetzen, die diese beiden aus ihren Kleidungsstücken gerissen hatten.

In einer Ecke lagen ein Lichtstummel und ein Stückchen trockenen Brotes.

»Ist Señor Arbellez hier?« fragte Sternau. – »Ja«, antwortete der Vaquero, sich des Verwundeten wegen leise und vorsichtig emporrichtend, um den Frager anzusehen. – »Wo ist er? Welcher ist es?«

Bei diesen Worten leuchtete Sternau zu der Gruppe nieder. Dabei fiel der Schein der Lampe auf sein Gesicht. Der Vaquero erkannte ihn.

»O Gott! Das ist Señor Sternau! Wir sind gerettet!« rief er aus. – »Ja, mein braver Antonio, Ihr seid gerettet. Wie steht es mit dem Señor?« – »Er lebt. Wir haben ihn verbunden. Er kann nur ganz leise sprechen. Habt Ihr gehört, was mit ihm geschehen ist?« – »Ja.« – »Fluch dieser Josefa Cortejo!« – »Die Schuldigen werden ihre Strafe erhalten. Also gehen kann Señor Arbellez?« – »Daran ist nicht zu denken!« – »Nun, so mag Euch noch für wenige Minuten das Bewußtsein genügen, daß Ihr frei seid. Ich lasse die Tür offen, damit Ihr frische Luft erhaltet; ich muß wieder nach oben, werde Euch aber in kurzer Zeit holen. Bleibt einstweilen bei dem Señor zurück.« – »O heilige Jungfrau, welch eine Gnade!« sagte jetzt auch Marie Hermoyes. »Seid Ihr es denn wirklich, mein lieber, guter Señor Sternau?« – »Ja, ich bin es«, antwortete er. – »Und wir sind frei, wirklich frei?« – »Die Befreier sind da. Hört Ihr die Schüsse?« – »Ja, ich höre sie«, sagte der Vaquero. »Wer ist es? Ist vielleicht der Präsident Juarez mit seinen Leuten bereits hier?« – »Nein. Büffelstirn hat seine Mixtekas zusammengerufen. Bis Juarez konnte, hätte es zu lange gedauert.«

Sternau leuchtete jetzt ganz nieder zu dem Haziendero. Dieser lag mit offenen Augen da und hielt den Blick auf Sternau geheftet. Er bot einen fast totenähnlichen Anblick dar, aber ein glückliches Lächeln lag über seinem leichenblassen Gesicht ausgebreitet.

»Mein guter Señor Arbellez, kennt Ihr mich noch?« fragte Sternau, indem ihm eine große Träne in das Auge trat.

Der Gefragte nickte leise mit dem Kopf.

»Hat Antonio Euch erzählt, daß wir alle gerettet sind, daß wir alle noch leben und Eure Tochter Emma auch?«

Ein zweites Nicken war die Antwort.

»Nun, so tragt keine Sorge um sie. Sie befindet sich bei Juarez in vollständiger Sicherheit; Ihr werdet sie recht bald wiedersehen. Ich werde nachher sogleich nach Euren Wunden sehen; vorher aber muß ich hinauf, um mich zu überzeugen, wie die Sachen stehen.«

Sternau setzte den Gefangenen das Licht hin und begab sich wieder nach oben. Einigen Mixtekas, auf die er zuerst traf, befahl er, sich zu den drei Personen hinabzubegeben, um sie gegen etwaige Gefahren in Schutz zu nehmen. Sie beeilten sich, seiner Weisung nachzukommen.

Der Flur des Hauses bot einen gräßlichen Anblick dar. Es standen zwei Mixtekas da, die Fackeln hielten. Beim Schein derselben erblickte man die toten Anhänger Cortejos, die in allen möglichen grausigen Stellungen hoch übereinanderlagen. Der Boden bildete eine einzige Blutlache. Auch auf den Treppen lagen sie, überrascht von den schonungslosen Waffen der Mixtekas. In den oberen Räumen hörte man noch einzelne Todesschreie erschallen. Draußen im Hof und vor dem Haus aber war der Kampf noch im lebhaftesten Gange. Schüsse krachten; Rufe der Wut oder der Aufmunterung ließen sich hören, darunter Flüche, ausgestoßen von den keine Gnade findenden Mexikanern, die sich dem überlegenen Feind gegenüber rettungslos verloren sahen.

Als Sternau aus der Tür trat, konnte er die Szene überblicken. Einige vorhandene Holzhaufen waren von den Mixtekas in Brand gesteckt worden, und beim Schein dieser hoch emporlodernden Feuer ließ sich alles deutlich erkennen.

In einer Ecke des Hofes hatten sich die letzten Mexikaner zusammengedrängt. Es waren nicht mehr als zwölf bis fünfzehn Mann, die sahen, daß weder auf Hilfe, noch auf Gnade zu rechnen war, und sich daher mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte verteidigten. Man sah, daß sie trotz ihrer Tapferkeit nur noch Augenblicke zu leben hatten.

Büffelstirn stand mit dem Rücken am Palisadenzaun und sandte eine Kugel nach der anderen in diese jetzt dem Tode geweihte Schar hinein.

»Schenken wir ihnen das Leben!« rief Sternau ihm zu. »Es ist genug Blut geflossen. Wir wollen menschlich sein.« – »Ist Señor Arbellez wohlauf?« fragte der Häuptling kalt. – »Er liegt noch im Keller. Man wird ihn herauftragen.« – »Man hat ihn also geschlagen, daß er nicht gehen kann?« – »Leider!« – »So sprich nicht von Gnade! Arbellez ist mein Freund und Bruder; er soll gerächt werden!«

Büffelstirn drehte sich wieder ab, hob die Büchse und drückte sie gegen einen der Feinde ab. Sternau sah ein, daß hier eine Gegenrede keinen Erfolg haben werde.

Seine Aufmerksamkeit wurde übrigens durch eine Gruppe in seiner unmittelbaren Nähe in Anspruch genommen. Am Boden lag nämlich ein verwundeter Mexikaner, der sich mit Aufbietung aller seiner geschwächten Kraft gegen einen Mixteka verteidigte, der sich bemühte, ihm das Messer in das Herz zu stoßen.

»Gnade, Gnade!« bat der Mann. – »Keine Gnade! Du mußt sterben!« antwortete der andere grimmig, indem er den jetzt fast Wehrlosen mit der Linken fest packte, während er mit der Rechten die Waffe schwang. – »Ich bin ja kein Feind. Ich habe die Gefangenen gespeist Sie hätten ohne mich verhungern und verdursten müssen!«

Auch diesen von der Todesangst diktierten Zuruf achtete der Mixteka nicht. Er stand im Begriff, dem Mexikaner den unfehlbaren Todesstoß zu versetzen, da aber wurde sein hocherhobener Arm von Sternau ergriffen.

»Halt!« gebot dieser. »Wir müssen diesen Mann erst hören.«

Der Mixteka wandte sein von der Aufregung des Kampfes verzogenes Gesicht dem Störer zu und sagte:

»Was geht es dich an! Ich habe diesen Mann niedergeworfen und besiegt; sein Leben ist mein Eigentum!« – »Wenn er das wirklich getan hat, was er sagt, so verdient er Gnade.« – »Ich habe ihn überwunden, und er soll sterben!«

Da zog Sternau seinen Revolver, ließ die Hand des Mixteka los und sagte:

»Stich zu, wenn du es wagst, ihn gegen meinen Willen zu töten!«

Dabei richtete er den Lauf seiner Waffe gegen ihn. Der Indianer konnte sich dem Eindruck von Sternaus Persönlichkeit nicht entziehen.

»Du drohst mir, deinem Verbündeten?« fragte er. – »Ja. Tötest du ihn, so bist auch du eine Leiche.« – »Gut. Ich werde mit Büffelstirn sprechen!« – »Tue das; aber versuche nicht, gegen meinen Willen zu handeln!«

Der Mixteka ließ von dem Mexikaner ab und ging zu seinem Häuptling. Sternau beachtete das nicht, sondern wandte sich zu dem Mann, der noch immer blutend am Boden lag, aber wenigstens von der unmittelbaren Todesgefahr errettet war.

»Du sagst, du habest die Gefangenen gespeist?« fragte er. – »Ja, Señor«, antwortete der Gefragte. »Ich danke Euch, daß Ihr diesem Indianer Einhalt geboten; ich wäre verloren gewesen.« – »Welche Gefangenen meinst du?« – »Die drei, die unten im Keller liegen. Ich habe ihnen täglich durch ein Loch Brot, Wasser und Licht hinabgelassen.« – »Warum?« – »Einer meiner Kameraden, der mit Cortejo fortgehen mußte, bat mich darum. Ich hoffe, daß Ihr das berücksichtigt, Señor.«

Sternau ahnte, daß der genannte Kamerad jedenfalls der Mexikaner sei, dem das Gesicht des Haziendero immer erschien und der, im Wald am Rio Grande sterbend, noch mit seinen letzten Worten gesagt hatte, daß er den Gefangenen Wasser und Brot gegeben habe.

»Gut«, sagte er, »du sollst leben. Wie steht es mit deinen Wunden?«

Sternau untersuchte ihn schnell; das Ergebnis war kein schlimmes.

»Du bist nicht gefährlich verletzt, der Blutverlust hat dich geschwächt; ich werde dich verbinden!« beruhigte er den Mexikaner, dann verband er ihn, so schnell es in der Eile gehen wollte und vertraute ihn endlich der Obhut der beiden Mixtekas an, die mit den Fackeln im Hausflur standen. Er war überzeugt, daß man seinen Befehl, diesem Mann nichts zu tun, respektieren werde.

Während sich diese Szene abspielte, war auch der Kampf beendet. Die letzten im Hof befindlichen Mexikaner waren tot. Nur draußen im freien Feld hörte man hier oder da noch einen vereinzelten Schuß fallen. Bärenherz trat zu Sternau, der beobachtend am Eingang stand.

»Der Sieg ist unser«, meldete er in seiner einfachen, wortkargen Weise. – »Sind Feinde entkommen?« fragte Sternau. – »Nur einige.« – »Man mag sie immerhin entwischen lassen. Die Rache ist blutig genug ausgefallen.« – »Lebt Señor Arbellez?« – »Ja. Wir wollen hinab zu ihm.«

Auch Büffelstirn trat hinzu. Er erwähnte kein Wort darüber, daß Sternau einen der Feinde in Schutz genommen hatte. Die drei begaben sich nach dem Keller, wo sie die befreiten Gefangenen unter dem Schutz der Mixtekas fanden, die Sternau hinabgesandt hatte.

Büffelstirn kniete neben Arbellez nieder.

»Kennt Ihr mich, Señor?« fragte er.

Der Haziendero nickte.

»Wer hat Euch schlagen lassen? Die Tochter des Cortejo?«

Ein zweites Nicken diente als Antwort.

»Leidet Ihr große Schmerzen?«

Der Verwundete antwortete durch ein leises Stöhnen, das mehr verriet als viele Worte. Er mußte Fürchterliches ausgestanden haben.

»Es sind viele der braven Mixtekas im Kampf verletzt worden«, sagte Sternau, »aber Señor Arbellez soll der erste sein, dem ärztliche Hilfe zuteil wird. Tragen wir ihn hinauf in ein ruhiges Zimmer.« – »Er soll von mir gepflegt werden«, meinte Marie Hermoyes. »Ich werde nicht ruhen, bis seine Wunden wieder geheilt sind.«

Sternau eilte voraus, um ein passendes Zimmer auszusuchen, in das der Haziendero getragen wurde. Als Sternau ihn untersuchte, sah man, wie geradezu teuflisch er mißhandelt worden war. Er mußte fürchterliche Schmerzen ausgestanden haben.

Als er von Sternau kunstgerecht verbunden worden war, ließen diese Schmerzen nach. Man sah es ihm an, welche Erleichterung er fühlte. Er ergriff die Hand des Arztes, drückte sie leise und flüsterte:

»Dank, Señor!«

Mehr konnte er nicht sagen. Büffelstirn legte ihm die Hand auf den Kopf.

»Ich werde meinen Bruder Arbellez rächen«, beteuerte er. »Niemand soll mich daran hindern. Wo ist die, die ihn hat schlagen lassen?«

Am besten konnte der antworten, der soeben eingetreten war, nämlich Helmers. Er hatte die Anwesenden gesucht und bei seinem Eintritt die Frage gehört.

»Sie liegt gefesselt in Emmas Zimmer«, antwortete er. »Wir werden sofort Gericht über sie halten. Vorher aber muß ich den Vater begrüßen.«

Helmers bog sich über Arbellez und küßte ihn auf die bleichen Lippen.

»Das ist der Augenblick, nach dem ich mich lange Jahre gesehnt habe«, sagte er. »Jetzt ist mein Wunsch erfüllt, und nun kann die Rache beginnen.«

Arbellez hatte jetzt so viel Kraft, daß er die Arme langsam erheben konnte. Er legte sie Helmers um den Hals und erwiderte flüsternd:

»Gott segne dich, mein Sohn!«

Mehr zu tun oder mehr zu sagen, war er zu schwach, aber auf seinem Gesicht sprach sich deutlich das Glück aus, den Sohn wiedergefunden zu haben und nun bald auch die Tochter wiedersehen zu können. Dieser Ausdruck des Glückes mit dem Zuge des Leidens, unter dem er niederlag, war so rührend, so ergreifend, daß keiner der Anwesenden die Tränen zurückhalten konnte. Selbst Bärenherz sagte:

»Unser kranker Bruder soll wieder gesund werden und glücklich sein. Aber die, die ihn gepeinigt hat, soll unsere Rache fühlen!« – »Man hole sie!« meinte Büffelstirn. »An seinem Lager soll sie erfahren, welche Strafe sie erwartet.« – »Sie ist ein Weib!« mahnte Sternau.

Sein Ton war ein begütigender. Ihm graute im voraus bei dem Gedanken an die Strafe, die der Angeklagten bevorstand, wenn diese von Rache erfüllten Männer zusammentraten, um ihr Schicksal zu bestimmen.

Da aber legte Büffelstirn ihm die Hand auf den Arm und sagte:

»Sie ist kein Weib, sie ist ein Teufel. Mein Bruder hat es von mir verlangt, daß vorhin einer der Feinde sein Leben erhielt. Mehr aber verlange er nicht. Dieses Weib ist schlimmer als alle unsere Feinde. Es ist der böse Geist, der seinen Vater beherrscht. Josefa ist es, der wir alle Leiden zu verdanken haben. Sie werde gerichtet nach dem, wie sie gehandelt hat. Ich selbst werde sie holen.«

Damit ging Büffelstirn und brachte nach wenigen Minuten Josefa geführt.

3. Kapitel.

Josefa war an Händen und Füßen gefesselt und sah fürchterlich bleich aus.

Pedro Arbellez warf einen Blick auf sie und schloß die Augen, er mochte sie gar nicht mehr sehen. Auch Marie Hermoyes wandte sich zur Seite, nur Antonio, der Vaquero, sagte:

»Endlich haben wir dich, du Teufelin. Du wirst nie wieder meinen Herrn schlagen lassen und mich einkerkern können. Man wird dir dein Urteil sprechen. Ich möchte nicht an deiner Stelle sein!«

Josefa antwortete nicht, aber aus ihren runden Eulenaugen schoß ein giftiger, haßerfüllter Blick nach dem Sprecher.

»Wer wird sie verhören?« fragte Helmers. – »Verhören?« antwortete Büffelstirn, indem sich seine Brauen zusammenzogen. »Wozu soll sie verhört werden? Sie weiß, was sie verschuldet hat, und wir wissen es auch. Sie hat den Tod verdient.« – »Ja, den Tod!« sagte Bärenherz. – »Sie muß sterben, das versteht sich von selbst«, stimmte Helmers bei. – »Darüber sind wir also einig«, fuhr Büffelstirn fort. »Aber wo und wie soll sie sterben? Meine Brüder mögen beraten.« – »Ein einfacher Tod ist zu wenig«, erklärte Antonio, der Vaquero. – »Ihr Sterben soll ein zehnfaches sein«, antwortete Büffelstirn. »Ich weiß, welches Urteil wir über sie fällen müssen. Wir geben sie den Krokodilen zu fressen.« – »Das ist zu wenig«, fiel der Vaquero ein. »Was hätte sie da für Schmerzen auszustehen? Ein Druck und ein Schluck, dann ist sie weg. Das ist keine Strafe für alles das, was sie auf dem Gewissen hat.« – »Sie soll nicht schnell sterben, sondern die Krokodile sollen nach ihr springen müssen«, entgegnete Büffelstirn. »Wissen meine Brüder, was ich meine?« – Ja«, antwortete Helmers, »ich stimme bei.« – »Der Wille meines Bruders ist auch der meinige«, erklärte Bärenherz. – »Und was sagt der Fürst des Felsens dazu?« fragte der Mixteka.

Sternau schauderte, er dachte an die Szenen, die sich vor Jahren am Teich der Krokodile abgespielt hatten. Das war ein fürchterliches Urteil. Josefa hatte es verdient, dennoch antwortete er:

»Auch ich erkläre, daß sie den Tod verdient hat, aber ich werde meine Einwilligung zu einer solchen Grausamkeit nicht geben.« – »Mein Bruder tut unrecht, sie zu beschützen«, entgegnete Bärenherz. »Will er sie erschießen lassen? Eine Kugel wäre eine Belohnung für sie.« – »Es bleibt bei dem, was ich gesprochen habe«, erklärte Büffelstirn. – »Trotzdem ich meine Einwilligung versage?« fragte Sternau. – »Ja, trotzdem! Mein Bruder hat eine Stimme, wir aber überstimmen ihn, er wird sich in unseren Willen schicken müssen.« – »Nach den Gesetzen der Prärie und der roten Männer ist das richtig. Aber ich habe zu bemerken, daß ich ein größeres Recht als alle anderen auf dieses Mädchen habe.« – »Unser Recht ist ebenso groß!« erklärte Büffelstirn. – »Nein. Meine Brüder kennen die Geschichte der Familie Rodriganda. Es gibt da Geheimnisse, die aufzuklären sind, und Josefa Cortejo kann mir allein Auskunft geben. Es darf ihr nichts geschehen, bevor sie mir nicht alles gestanden hat. Das fordere ich ganz bestimmt.« – »Mein Bruder hat recht«, sagte auch Bärenherz. »Aber er braucht ja nicht zu säumen. Hier steht sie, er kann fragen, und dann mag sie sterben.«

Josefa hatte bisher kein Wort gesprochen. Sie hielt die Augen nicht niedergeschlagen, sondern trotzig in die Ecke gerichtet. Sie war sich in diesem Augenblick bewußt, daß ihr Leben für Sternau einen viel zu großen Wert habe, als daß er in ihren Tod willigen könne.

Sie sagte sich, so lange sie nicht gestehe, müsse er sie leben lassen; darum nahm sie sich vor, diesen Vorteil sich um keinen Preis entwinden zu lassen.

Sternau zeigte auf einen Stuhl.

»Setzt Euch, Señorita«, sagte er zu ihr. »Ich habe mit Euch zu sprechen!«

Josefa tat, als ob sie Sternaus Worte gar nicht gehört habe.

»Gut, Ihr werdet auch im Stehen reden können«, meinte er. »Ihr seid mit den Verhältnissen der Familie Rodriganda gut bekannt?«

Josefa antwortete nicht.

»Ich fragte, ob Ihr die Verhältnisse der Familie Rodriganda kennt!«

Sie schwieg auch jetzt noch. Da zog Sternau die Brauen finster zusammen und sagte:

»Ich sehe ein, daß man mit Euch anders verfahren muß. Ihr zwingt mich, Euch auf gewaltsame Weise zur Sprache zu verhelfen, die Euch abhanden gekommen zu sein scheint. Wollt Ihr reden?«

Josefa schwieg noch immer. Da rief Sternau zornig: »Antonio, führe sie hinab und gib ihr zwanzig Hiebe, aber ebenso fest wie diejenigen, die Señor Arbellez erhalten hat.«

Der Vaquero schmunzelte.

»Das soll sehr gewissenhaft besorgt werden, Señor«, antwortete er. »Soll ich sie wiederbringen?« – »Natürlich!« – »Schön! Vorwärts, Señorita! Ihr sollt nicht zu kurz kommen.«

Damit faßte der Vaquero Josefa am Arm, um sie zur Tür hinauszuführen. Als Josefa merkte, daß es ernst war, gab sie endlich ihren Trotz auf.

»Was soll ich von den Rodrigandas wissen«, sagte sie mürrisch. – »Ah! Jetzt ist die Sprache wieder da! Für dieses Mal will ich daher das von mir diktierte Rezept noch nicht in Anwendung bringen. Stellt aber meine Nachsicht nicht zum zweiten Male auf die Probe; es würde Euch nur schlecht bekommen! Also Ihr wißt nichts über die Verhältnisse der Rodrigandas?« – »Nur so viel, wie ich als Tochter eines Mannes weiß, der bei den Rodrigandas angestellt ist.« – »Nun, was ist das?« – »Was wollt Ihr erfahren?« – »Ich will kein langes Verhör anstellen, sondern mich kurz fassen. Ihr wißt, daß Alfonzo nicht der Sohn des Grafen Rodriganda ist.« – »Was soll er sonst sein?« – »Der Sohn eines anderen, Eures Onkels Cortejo.« – »Das ist lächerlich!«

Josefa schlug bei diesen Worten wirklich eine helle, höhnische Lache auf.

»Ihr werdet nicht lange lachen, Señorita. Ich sagte bereits, daß ich kein umfangreiches Verhör anstellen will. Ihr habt einfach zu wählen, zwischen dem Tode und einem offenen Geständnis.«

Sternau sah Josefa einen Augenblick erwartungsvoll an. Ihre Miene zeigte, daß ihre Zuversicht erschüttert war, aber dennoch fiel es ihr nicht ein, die Mahnung Sternaus zu beherzigen.

»Ich habe nichts zu bereuen und keine Bekenntnisse abzulegen.«

Nach diesen in trotzigem Ton gesprochenen Worten wandte sie sich ab, um anzudeuten, daß man nicht weiter in sie zu dringen brauche.

»Ganz, wie Ihr wollt, Señorita«, entgegnete Sternau. »Ihr mögt noch auf Rettung hoffen, aber die Erfüllung dieser Hoffnung ist eine Unmöglichkeit. Da Ihr selbst nichts tut, um das Euch drohende Schicksal von Euch abzuwenden, so dürft Ihr auch von mir nichts erwarten.«

Nun machte auch Büffelstirn eine Bewegung der Ungeduld.

»Wozu diese vielen Worte? Dieses Weib ist ja gar nicht wert, die Stimme eines Menschen zu hören.« – »Du hast recht«, antwortete Sternau. »Man schaffe sie fort! Ihr Anblick ist mir widerlich; er erregt in mir Grauen und Abscheu.« – »Wohin?« fragte der Vaquero. – »Schließt sie in den Keller ein, in dem Ihr selbst gesteckt habt. Zwei Männer mögen Wache halten. Sie haften mir mit ihrem Kopf dafür, daß die Gefangene nicht entkommt.« – »Das soll besorgt werden, Señor. Sie mag das Logis kennenlernen, das sie uns angewiesen hat. Soll sie auch hungern und dürsten?« – »Natürlich.« – »So kommt, meine schöne Señorita!«

Antonio legte die Hand an Josefa, um sie fortzuschaffen. Sie schüttelte jedoch mit einer schnellen Bewegung diese Hand von sich ab und sagte entrüstet:

»Wie, einsperren lassen wollt Ihr mich, Señor Sternau, mich, eine Donna? Mich, die Tochter eines Cortejo?« – »Nennt Euch um Gottes willen nicht Donna! Ihr seid ein Scheusal und die Tochter des größten Schurken, den ich kenne. Führe sie ab, Antonio!« – »Ich gehe nicht mit!«

Josefa stampfte mit dem Fuß, machte Miene, trotz ihrer gefesselten Hände sich zur Wehr zu setzen, und als Antonio dennoch die Hand ausstreckte, um sie anzufassen, spuckte sie ihm ins Gesicht und rief:

»Packe dich, Mensch, wie darfst du es wagen, mich anzurühren!«

Das war dem braven Vaquero denn doch zu viel. Er holte aus und gab Josefa eine Ohrfeige, die so kräftig war, daß die Getroffene zu Boden stürzte.

»Was? Anspucken willst du mich, Kanaille?« rief er wütend. »Das sollst du nicht zum zweiten Male wagen.«

Damit riß er sie empor und schaffte sie aus dem Zimmer. Die Ohrfeige hatte Josefa so eingeschüchtert, daß ihr alle Lust zum Widerstand vergangen war.

4. Kapitel.

»Du willigst nun in unser Urteil?« fragte Büffelstirn Sternau. – »Ja«, antwortete dieser nach einigem Zögern. – »Daß sie von den Krokodilen gefressen wird.« – »Ja. Sie ist eine Milderung dieses Urteils nicht wert.« – »So werden wir mit Anbruch des Tages nach dem Berg El Reparo reiten, um sie in den Teich der Krokodile zu werfen.« – »Das ist zu früh«, erklärte Sternau. »Es haben noch andere über sie zu sprechen und an ihrem Verhör teilzunehmen. Wir müssen warten, bis Mariano und Graf Ferdinando angekommen sind. Anders geht es nicht.« – »Das wird sehr lange dauern.«

Schließlich gewann aber doch Sternaus Ansicht und Wunsch die Oberhand, und das Urteil wurde verschoben.

»Ich sehe, Sie wollen Zeit gewinnen«, meinte Helmers mürrisch. »Was werden Sie von ihr erfahren? Nichts, gar nichts! Sie wissen ja bereits alles.« – »Sie irren. Noch ist uns einiges unbekannt und unerklärlich. Und es genügt keineswegs, daß Mariano hintritt und sagt, er sei der Sohn des Grafen Emanuel de Rodriganda. Es sind Dokumente und Zeugen nötig, dies zu beweisen. Diese Josefa ist jedenfalls in alles eingeweiht, und darum ist uns ihre Aussage von der allergrößten Wichtigkeit.« – »Ah, sie soll Zeugnis ablegen, das heißt, sie soll so lange leben, bis der Prozeß, der in dieser Angelegenheit in Aussicht steht, beendet ist?« – »Diese Frage kann noch nicht beantwortet werden. Ein Geständnis an anderer Stelle genügt, wenn es von unparteiischen Zeugen beeidet wird.« – »Nun, wir sind ja Zeugen.« – »Aber mehr oder weniger beteiligt. Der beste Zeuge wird Juarez sein. Wir müssen auf alle Fälle warten, bis er hier angekommen ist.« – »Ich wiederhole, daß es schade um die Zeit ist. Das Mädchen wird niemals ein Geständnis ablegen. Hier liegt Señor Arbellez, den ich meinen Vater nenne; wir wissen, was mit ihm geschehen ist. Ebenso wissen wir alle, daß wir unsere früheren Schicksale zum großen Teile dem Einfluß dieses Mädchens zu verdanken haben. Schreit das nicht nach Rache, und zwar nach augenblicklicher Rache? Wollen wir einen Akt der Gerechtigkeit aufschieben, den zu vollziehen unsere Pflicht ist?« – »Mein Bruder Donnerpfeil hat recht«, erwiderte Büffelstirn. – »Er hat recht«, stimmte auch Bärenherz bei.

Sternau ging. Die drei anderen, nämlich Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil folgten ihm, blieben aber draußen im Korridor wie auf vorherige Verabredung stehen.

»Was sagen die beiden Häuptlinge dazu?« fragte Donnerpfeil halblaut. »Ist es gut, daß wir Sternau seinen Willen gelassen haben?« – »Ugh!« antwortete der Apache. »Der Fürst des Felsens ist klug. Er wird wissen, was er will, wenn auch ich es nicht weiß.« – »Nach seinen Gedanken hat er recht«, erklärte auch Büffelstirn. – »Auch ich stelle das keineswegs in Abrede; aber ich dürste nach Vergeltung!« – »Mein Bruder Donnerpfeil braucht ja nicht darauf zu verzichten«, meinte Büffelstirn. – »Ich muß aber doch verzichten, wenigstens für jetzt.« – »Nein. Die Rache kann bereits beginnen.« – »Wieso?« – »Man bereite der Gefangenen Qualen, so, wie sie welche bereitet hat.«

Helmers wußte sogleich, daß der Häuptling der Mixtekas einen bestimmten Gedanken habe. Darum fragte er rasch:

»Welche Qualen meint unser Freund Büffelstirn?« – »Die Qualen des Todes. Dieses Weib soll viele Male sterben. Sie soll die Rachen der Krokodile oft gegen sich geöffnet sehen.« – »Ah, ich begreife! Josefa Cortejo soll nach dem Berg El Reparo geschafft werden und denken, daß die Exekution ausgeführt wird?« – »Ja. Sie soll alle Tage, bis Juarez kommt, nach dem Teich der Krokodile geschafft und über dem Wasser aufgehängt werden.«

Helmers Augen leuchteten vor Vergnügen bei dem Gedanken auf, welche Qualen dies dem boshaften Weib machen werde.

»Das ist gut; das ist schön!« entgegnete er. »Aber wird Sternau es dulden?« – »Nein«, sagte Bärenherz.

Der Apache kannte den Deutschen sehr genau.

»So müssen wir es heimlich tun.« – »Ja, wir werden Sternau nichts sagen«, stimmte Büffelstirn bei. »Wird mein Bruder Bärenherz mit uns reiten?« – »Nein«, antwortete der Gefragte. »Sternau ist mein Bruder. Ich tue das, was er wissen darf.« – »Er ist auch mein Bruder«, antwortete Büffelstirn. »Aber noch viel eher war Arbellez mein Freund. Er ist bis auf die Knochen zerfleischt worden, und ich habe dies zu rächen. Reitet Donnerpfeil mit?« – »Ja«, antwortete dieser. »Ich hoffe nicht, daß Bärenherz Sternau sagen wird, was wir vorhaben.« – »Bärenherz ist kein Verräter«, erwiderte der Apache einfach. Dann wandte er sich um und stieg die Treppe hinab.

Er war ein goldreiner Charakter. Seiner indianischen Anschauungsweise nach hatte er allerdings für augenblickliche Rache gestimmt; nachdem er sich aber der Ansicht Sternaus angeschlossen, widerstrebte es ihm, sich an etwas zu beteiligen, das diesem verschwiegen bleiben mußte.

Die beiden anderen blieben zurück.

»Wann reiten wird?« fragte Helmers. – »Bei Tagesgrauen«, antwortete Büffelstirn. – »Allein?« – »Nein. Ich nehme mehrere meiner Männer mit.«

Das war also abgemacht, ohne daß Sternau eine Ahnung von dem hatte, was man hinter seinem Rücken besprochen. Er war jetzt mit den verwundeten Mixtekas vollauf beschäftigt. Gefallen waren ihrer nur wenige, desto mehr aber verwundet. Die Stube, die die Mexikaner als Wachstube benutzt hatten, wurde zum Verbandzimmer und Lazarett eingerichtet. Die Nacht war fast vergangen, als der letzte der Verwundeten seinen Verband angelegt erhalten hatte.

Fünf zuverlässige Männer, die zugleich gute Reiter waren, hatten gleich nach errungenem Sieg den Auftrag erhalten, sich auf den Weg nach Coahuila zu machen, um Juarez von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Sie waren auch sofort aufgebrochen und hatten einen Weg gewählt, der sie nicht in Gefahr brachte, Franzosen zu begegnen.

Es fragte sich nun, was mit den Leichen der Gefallenen anzufangen sei. Büffelstirn war sofort mit einer Antwort bei der Hand.

»Die Krokodile der Mixtekas haben lange kein Fleisch gefressen. Man lade die Toten auf Pferde und bringe sie nach dem Berg El Reparo.«

Sternau schüttelte den Kopf.

»Das wäre grausig und zugleich zu anstrengend«, sagte er. »Wir begraben sie.« – »Man müßte eine sehr große Grube haben, und es wäre ebenso anstrengend, sie zu bereiten.« – »Wir brauchen keine Grube zu graben. Ich kenne von früher her die Vertiefung eines Steinbruchs hier ganz in der Nähe. Wir werfen die Leichen hinein und werfen dann dort herumliegende Steine und Erde darauf.« – »Ich kenne den Steinbruch. Er eignet sich sehr gut zum Grab so vieler Leute. Aber warum sollen wir uns die Arbeit machen, die Leichen auch noch zu bedecken. Die Aasgeier werden kommen, um das Fleisch der Gefallenen in ihren Magen zu begraben.« – »Das widerstrebt mir. Ich selbst werde das Begräbnis beaufsichtigen. Will mir mein Bruder Büffelstirn so viele von seinen Männern geben, als ich brauche?« – »Ja, mein Bruder mag sie sich selbst auswählen.«

Der Häuptling der Mixtekas gab diese Antwort sehr gern. Um zu dem Steinbruch zu kommen, mußte Sternau ja die Hazienda verlassen, und so konnte er also nicht bemerken, was mit Josefa vorgenommen wurde.

Der Morgen begann sich eben zu lichten, als eine beträchtliche Schar der Mixtekas unter Sternaus Anführung die Hazienda verließ. Sie hatten die Toten auf Pferde geladen und führten alles Werkzeug bei sich, das zum Graben geeignet war.

Jetzt suchte Büffelstirn Helmers auf, der sich auch leicht finden ließ.

»Es ist Zeit, aufzubrechen«, sagte er. – »Ich bin bereit«, antwortete Helmers. »Aber deine Leute werden sehen, daß wir Josefa Cortejo mitnehmen!« – »Sie werden nicht davon sprechen. Komm!«

Sie stiegen zum Keller hinab. Dort standen zwei Mann Wache. Helmers trug den Schlüssel bei sich und öffnete die Tür. Josefa lag an der Erde und machte keine Anstalten, sich zu erheben.

»Die Tochter Cortejos mag aufstehen und mit uns kommen«, sagte der Häuptling der Mixtekas, indem er sie mit dem Fuß stieß. – »Was wollt Ihr mit mir tun?« fragte sie. – »Das wirst du sehen.«

Und als Josefa auch jetzt noch nicht aufstand, faßte der Indianer sie beim Arm, riß sie mit starker Hand empor und aus dem Loch heraus. Diese Behandlung verursachte ihr einen solchen Schmerz, daß sie laut aufschrie.

»Wenn Büffelstirn befiehlt, so hast du zu gehorchen! Merke dir das!« sagte er. Und sich zu den Wachen wendend, fuhr er fort: »Donnerpfeil wird wieder zuschließen; ihr aber bleibt hier, gerade so, als ob dieses Weib sich noch darin befände. Der Fürst des Felsens darf nicht wissen, daß wir sie heimlich mitgenommen haben. Auch die anderen alle haben zu schweigen. Sagt ihnen das!«

Josefa wurde nun in den Hof geführt und auf ein Pferd gebunden. Auch die beiden Männer stiegen auf und ritten, von zehn Mixtekas begleitet, nach Westen hin davon, in welcher Richtung der Berg El Reparo lag.

Als nach einigen Stunden Sternau zurückkehrte und Büffelstirn suchte, um ihn nach etwas zu fragten, fand er ihn nicht. Einer der Mixtekas berichtete ihm:

»Er ist ausgelitten.« – »Allein?« – »Nein. Donnerpfeil war mit ihm und einige Männer von uns.« – »Weshalb verließen sie die Hazienda?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wohin sind sie?« – »Auch das weiß ich nicht.«

Das kam Sternau sonderbar vor. Er suchte Bärenherz auf und fand ihn, hinter dem Haus liegend, im Schlaf. Der Apache war ermüdet gewesen, hatte aber vorgezogen, seine Ruhe im Freien abzuhalten. Sternau weckte ihn.

»Hat mein Bruder den Häuptling der Mixtekas davonreiten sehen?« fragte er. – »Nein.« – »Weiß mein Bruder auch nicht, wohin er ist?« – »Ich weiß es.« – »Nun, wohin ritt er?« – »Ich darf es nicht sagen.« – »Ah! Warum?« – »Ich habe es versprochen.« – »So darf ich auch nicht wissen, was Büffelstirn und Donnerpfeil vorhaben?« – »Nein.«

Sternau blickte nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er:

»Wenn Bärenherz versprochen hat, zu schweigen, so darf er allerdings nicht reden. Aber ich möchte wenigstens erfahren, ob ich mich über die Abwesenheit der beiden Freunde beruhigen kann.« – »Ich glaube nicht, daß ihnen etwas geschehen wird.« – »Tun sie etwas, was ich nicht billigen würde?« – »Darüber darf der Apache nichts sagen.« – »Ah! Sie sind vielleicht gar nach dem Berg El Reparo geritten?« – »Mein Mund darf nicht reden.«

Nach diesen Worten drehte der Apache sich auf die andere Seite, zum Zeichen, daß er mit dieser Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wolle.

»Ich werde es doch erfahren!« sagte Sternau.

Von einer bestimmten Ahnung getrieben, kehrte er in das Haus zurück und stieg in den Keller hinab. Dort standen die beiden Wachen vor der Tür.

»Wo befindet sich die Gefangene?« fragte er. – »Hier in diesem Loch«, antwortete der eine. – »Schließt auf!« – »Wir können nicht, wir haben keinen Schlüssel.« – »Wer hat ihn?« – »Donnerpfeil.« – »War Büffelstirn oder Donnerpfeil vorhin bei euch?« – »Nein.« – »Habt ihr gehört, daß diese beiden fortgeritten sind?« – »Nein.« – »Ruft einmal die Gefangene. Klopft an die Tür.« – »Sie antwortet nicht.«

Sternau versuchte es selbst. Er klopfte und rief, erhielt aber keine Antwort.

»Sie ist wie der Käfer, der sich totstellt, wenn er angerührt wird«, meinte der eine der beiden Wächter.

Dennoch aber fühlte Sternau sich nicht beruhigt. Er fragte nochmals sehr eindringlich:

»Sie befindet sich also wirklich da drin?« – »Ja.« – »Wenn ihr euch täuschtet, könnte großes Unheil entstehen!«

Da die Männer ihre Behauptung auch jetzt nicht widerriefen, verließ Sternau den Keller. Er konnte nicht begreifen, weshalb die beiden ausgeritten seien, sah sich aber gezwungen, trotz des Verdachtes, den er noch immer hegte, ihre Rückkehr geduldig abzuwarten.

5. Kapitel.

Diejenigen, um die es sich handelte, hatten unterdessen längst den Berg erreicht. Sie ritten an der Seite desselben hinauf, hielten an dem Teich der Krokodile an, stiegen ab und nahmen auch Josefa vom Pferd.

Die Augen der Mexikanerin waren eingesunken und ihre Züge krampfhaft verzerrt. Sie besaß bei weitem nicht die Zuversicht, die sie Sternau gegenüber gezeigt hatte. Die Angst machte ihre Beine zittern. Sie sank zur Erde.

Der große, seeartige Teich lag so einsam und verlassen da, umstanden von einem düsteren Baumwuchs, dessen Spiegelbilder drohend aus der Tiefe emporblickten. Es war ein Ort, ganz einer grausigen Mordtat würdig.

»Warum bringt Ihr mich hierher?« fragte sie voller Angst. – »Das wirst du bald sehen«, antwortete Helmers. – »Wollt Ihr mich morden?« – »Nein, aber richten!«

Josefa schauderte zusammen. Man sah, wie sie die Lippen übereinanderpreßte, um das Klappern ihrer Zähne nicht hörbar werden zu lassen.

»Ihr seid nicht meine Richter«, sagte sie. – »Wer denn, meine schöne Señorita?« – »Ihr habt nicht das Recht, mich zu verurteilen. Dazu ist die Obrigkeit da.« – »Ah! Bist du vielleicht Obrigkeit?« – »Ich? Warum diese Frage?« – »Weil du Señor Arbellez verurteilt hast und dieses Urteil auch ausführen ließest. Wir beanspruchen nur dasselbe Recht wie du.« – »Das steht Euch nicht zu! Ihr seid nur Jäger; ich aber bin die Tochter des zukünftigen Präsidenten.« – »Seit wann dürfen die Töchter der Präsidenten richten und Urteil sprechen? Übrigens machst du dich ungeheuer lächerlich. Dein Vater ist ein Schurke, den wir noch fassen werden, und du bist nichts als der Inbegriff aller Häßlichkeit und Schändlichkeit. Du bist ein ekelhafteres Gewürm als die Krokodile, denen wir dich als mageren Bissen vorwerfen werden.«

Das hatte Josefa noch niemand gesagt, aber dennoch fühlte sie keine Entrüstung über diese Beleidigung. Die Angst hatte ihren Stolz gebrochen. Sie fühlte sich als Staub, als ohnmächtige Kreatur. Darum bat sie:

»Habt Erbarmen! Arbellez ist ja nicht gestorben!« – »Wir werden dasselbe Erbarmen haben, das du gehabt hast!« antwortete Büffelstirn. »Paß auf!«

Der Indianer legte die Hände an den Mund und stieß den klagenden Ton aus, der als Krokodilruf bekannt ist. Sofort geriet die vorher so ruhige Oberfläche des Wassers in Bewegung. Hier und da hatte man in der Nähe der Ufer etwas hervorragen sehen, einem dunklen Baumstumpf, einer großen Wurzel oder einem schwarzen, unförmlichen Stein ähnlich. Jetzt bekamen diese Punkte Leben; es zeigte sich, daß es die Köpfe schlummernder Krokodile waren. Die Tiere kamen herbeigeschossen, drängten sich, Kopf an Kopf, dicht zusammen, peitschten das Wasser mit ihren Schwänzen und klappten die weiten Rachen auf, um die fürchterlichen Zähne zu zeigen und die Kinnladen mit lautem Krachen wieder zusammenzuschlagen. Es war ein schrecklicher Anblick.

Josefa überlief es eiskalt. In einem dieser Rachen, die von allerlei Gewürm wimmelten, sollte sie verschwinden, in Stücke zerrissen durch die spitzen, dolchartigen Zähne.

»O Santa Madonna!« rief Josefa. »Ihr treibt nur einen furchtbaren Scherz mit mir. Es ist gar nicht Eure Absicht, mich diesen Scheusalen vorzuwerfen.« – »Nein, vorwerfen werden wir dich ihnen nicht«, antwortete Büffelstirn. »Dein Leiden wäre da zu kurz. Du hast einen ganz anderen Tod verdient. Du kennst Alfonzo, der sich einen Rodriganda nennt?« – »Ja«, antwortete sie. – »Du weißt, daß er auf der Hazienda del Erina gewesen ist?« – »Ja.« – »Hast du gehört, was er da erlebte?« – »Er hat es mir erzählt.« – »Hat er dir auch erzählt, daß er über den Krokodilen gehangen hat?«

Schon die Erinnerung machte, daß es Josefa kalt überlief.

»Ja«, antwortete sie. – »An einem Baum.« – »Ja.« – »Damals ist er leider entkommen; das soll aber bei dir nicht der Fall sein. Siehe diesen Baum! Es ist derselbe, an dem er gehangen hat.«

Josefa blickte empor. Sie sah den Stamm, der sich vom Ufer aus schräg über das Wasser hinüberstreckte; sie sah den Ast, der wie dazu geschaffen war, einen Menschen daran niederzulassen. Sie schloß die Augen. Es war ihr, als ob ihr ganzer Leib, ihre ganze Seele in tausend Atome auseinanderfließe.

»An jenem Ast wirst du hängen«, fuhr der Mixteka fort. »Die Krokodile sollen dich nicht auf einmal verschlingen, sondern sie sollen dich stückweise auseinanderreißen.« – »Gnade!« stöhnte sie, ohne die Augen zu öffnen. – »Gnade?« hohnlachte Büffelstirn. »Hast du jemals Gnade ausgeübt?« – »Ich verspreche Euch, mich zu bessern!« – »Du kannst nie besser werden. Wenn wir dir das Leben schenkten, würdest du schlimmer als vorher gegen uns wüten!« – »Laßt mir das Leben, so will ich Euch alles bekennen, was ich begangen habe!« – »Wir mögen es nicht wissen!« – »Auch was mein Vater und mein Oheim begangen haben!« – »Wir wissen es bereits!« – »Ich werde Euch alles über Henrico Landola erzählen.« – »Wir mögen über den Schurken gar nichts wissen.« – »Ihr sollt erfahren, welche Bewandtnis es mit Rodriganda hat.« – »Das geht uns ganz und gar nichts an«, antwortete der Indianer ebenso kalt und gleichgültig wie vorher. »Werft ihr einen Lasso über!«

Sofort schnallte einer der Mixtekas seinen Lasso von der Hüfte los und kletterte an dem Baum empor, legte den Riemen in die Gabel der beiden überhängenden Äste und kehrte dann, die Enden des Lassos mit den Zähnen haltend, wieder zurück.

Auch Büffelstirn machte seinen Lasso los und legte eine Schlinge.

»So, jetzt kann es beginnen!« sagte er. – »Übt Barmherzigkeit!« schrie Josefa, die Hände erhebend. – »Barmherzigkeit gegen dich wäre ein Verbrechen«, antwortete er, während er seinen Lasso mit dem einen Ende des anderen zusammenband. – »Ich gestehe, daß jener Alfonzo nicht der Sohn des Grafen von Rodriganda, sondern der Sohn meines Oheims ist!« rief sie, sich auf die Knie erhebend und vor Todesangst die Stellung einer Beterin annehmend. – »Das wissen wir auch ohne dich! Komm her!«

Büffelstirn warf Josefa die Schlinge über und zog ihr dieselbe unter den Armen zusammen. Es traten ihr vor Entsetzen die Augen weit aus den Höhlen.

»O Gott, o Gott, gibt es denn kein Mitleid?« rief sie mit kreischender, weithin schallender Stimme. »Ich werde alles, alles gestehen, so daß Ihr die ganze Grafschaft Rodriganda erhaltet!« – »Sie gehört uns nicht; wir mögen sie nicht! Zieht an! Eins …«

Josefa begann, mit Händen und Füßen um sich zu schlagen.

»Ich will nicht, ich will nicht; ich will leben bleiben, ich mag nicht sterben!« schrie sie mit überschnappender Stimme. – »Zwei …« kommandierte der Häuptling.

Da klammerte sie sich mit ihren gefesselten Händen an Büffelstirn fest und rief:

»So sollst du mit sterben, Wüterich! Ich lasse dich nicht los!« – »Drei!« erschallte es jedoch aus seinem Mund.

Er stieß sie von sich, zu gleicher Zeit zogen zwei der Mixtekas den Lasso an – ein fürchterlicher, entsetzlicher Schrei erscholl, und Josefa flog von der festen Erde fort und über das Wasser bin.

Alle Rachen schnappten nach ihr, aber die Mixtekas zogen so schnell an, daß das Mädchen hoch genug kam, um nicht erreicht zu werden. Dann schwang es schaukelartig hin und her, erst in großen, weiten und dann in immer kleineren und engeren Schwingungen, bis es still und bewegungslos am Riemen hing, gerade über den geöffneten Rachen der Krokodile, die das Wasser zu Schaum peitschten und, miteinander kämpfend, in hundert Schnellungen und Sprüngen ihr Opfer zu fassen suchten.

Helmers hatte bisher wortlos zugesehen.

»Warten wir«, sagte er, »sie hat die Besinnung verloren.« – »Soll ich sie untertauchen? Dann kommt sie sofort wieder zu sich!« sagte einer der beiden Mixtekas, die den Lasso hielten. – »Nein«, antwortete Büffelstirn, »dann würden die Tiere sie sofort erfassen, und sterben soll sie ja noch nicht.« – »So sollen wir sie so hängenlassen, bis sie wieder zu sich kommt?« – »Ja. Bindet den Lasso am Stamm fest, damit ihr ihn nicht zu halten braucht.«

Dies geschah. Und dann setzten sich die Männer in das Gras nieder, um den Augenblick des Erwachens in aller Gemächlichkeit zu erwarten.

Die Männer hatten die Wasserfläche vor sich, in der jetzt die Reflexe der Sonne zu glitzern begannen. Das tat dem Auge weh. Ganz unwillkürlich wandte aus diesem Grund Büffelstirn das Haupt seitwärts. Im nächsten Augenblick lag er lang am Boden.

»Uff«, sagte er halblaut und warnend.

Donnerpfeil war als guter, erfahrener Präriejäger den Bewegungen des Häuptlings gefolgt und hatte sich sofort gleich den anderen Mixtekas zur Erde niedergelegt.

»Was ist es?« fragte er. – »Ein Indianer«, antwortete Büffelstirn. »Da drüben unter der großen Zypresse.«

Alle richteten die Augen nach dem bezeichneten Punkt. Wirklich, da stand ein Indianer, und gleich darauf trat ein zweiter zu ihm. Sie schienen die Mixtekas noch gar nicht gesehen zu haben.

»Zieht das Weib schnell empor, damit sie von dem Laub verdeckt wird«, befahl Büffelstirn. – »Wollen wir sie nicht lieber herunterholen?« fragte ein Mixteka. – »Nein. Man müßte emporklettern, und das würde auffallen.«

Josefa wurde also emporgezogen und der Lasso wieder am Stamm befestigt. In diesem Augenblick trat ein dritter Indianer unter den Baum.

»Es scheinen mehrere zu sein«, meinte Donnerpfeil. »Man kann nicht erkennen, zu welchem Stamm sie gehören, da es unter der Zypresse zu dunkel ist. Es kann für uns gefährlich werden. Ich werde sie beschleichen.« – »Allein?« fragte Büffelstirn. »Zwei sind in einem solchen Fall besser als einer. Ich gehe mit. Schleiche du dich rechts um den Teich und ich links, so bekommen wir sie von zwei Seiten und treffen hinter ihnen zusammen.« – »Aber unsere Leute, was tun sie?« – »Sie warten, bis wir zurückkommen, und lassen sich bis dahin nicht sehen.«

Hätten sie geahnt, wen sie vor oder vielmehr hinter sich hatten, so hätten sie jedenfalls ganz andere Maßregeln ergriffen.

6. Kapitel.

In der vergangenen Nacht kamen trotz der Dunkelheit zwei Reiter von Norden her auf die Hazienda zu. In einem kleinen Tal hielt der eine sein Pferd an und sagte:

»Hier werden wir wohl warten müssen.« – »Warum, Señor Pirnero?« fragte der andere. – »Weil wir doch nicht wissen, wie es auf der Hazienda aussieht. Juarez ist in Bewegung und die Franzosen ebenfalls; da weiß man nicht, ob man Freunde oder Feinde dort trifft. Wir müssen den Tag abwarten, um ein wenig zu rekognoszieren, ehe wir uns sehen lassen können.« – »So werden wir auch auf ein Feuer verzichten müssen. Wie steht es mit den Augen? Fühlen Sie noch Schmerzen?« – »Nein. Ihr Heilkraut hat geradezu Wunder getan. Das eine ist zwar zerstört, mit dem anderen aber kann ich bereits ebensogut sehen wie vorher.« – »Das freut mich. Steigen wir also vom Pferd, und warten wir den Morgen ab.«

Die Männer banden ihre Pferde an ein Gesträuch, um ihnen Gelegenheit zum Fressen zu geben, und lagerten sich dann nahe dabei in das Gras. Da sie müde waren, verzichteten sie auf eine Unterhaltung.

Es war nach Mitternacht und so still rundum, daß sie nahe daran waren, einzuschlafen, als sie auf einmal durch das Erschallen eines nahenden Hufschlages wieder aufgemuntert wurden.

»Wer mag kommen?« sagte derjenige, den der andere Pirnero genannt hatte. »Horch! Da kommt noch einer.«

Wirklich vernahm man jetzt die Hufschläge eines zweiten Pferdes. Sie griffen zu ihren Waffen und lauschten. Da bemerkten sie, daß derjenige Reiter, der ihnen am nächsten war, sein Pferd anhielt.

»Wer kommt noch?« rief er nach rückwärts.

Sofort hielt auch der zweite Reiter sein Pferd an.

»Wer ruft da vorn?« fragte er. – »Einer der losschießen wird, wenn nicht gleich Antwort erfolgt.« – »Oho, ich habe auch eine Büchse.«

Zu gleicher Zeit vernahm man das Knacken eines Hahnes.

»Antwort!« rief der erste. »Was ist deine Losung?« – »Losung?« fragte der zweite. »Ah, du sprichst von einer Losung. Da bist du ein zivilisierter Kerl und keiner von den verdammten Indianern.« – »Ich ein Indianer? Der Teufel hole die Rothäute! Du redest spanisch wie die Weißen. Gehörst du auf die Hacienda del Erina?« – »Ja.« – »Ein Vaquero wohl?« – »Nein. Ich gehöre zu Señor Cortejo.« – »Alle Teufel, da sind wir Kameraden!« – »So bist auch du ausgerissen?« – »Ja. Es ist mir Gott sei Dank gelungen, durchzuschlüpfen.« – »So brauchen wir einander nicht die Hälse zu brechen, sondern können zusammenbleiben.« – »Gewiß. Komm her!«

Der, den sein Kamerad Pirnero genannt hatte, war diesem kurzen Gespräch mit der größten Spannung gefolgt. Jetzt trat er einige Schritte vor und sagte:

»Erschreckt nicht! Hier befinden sich auch noch Leute, aber Freunde von euch.« – »Donnerwetter!« flüsterte sein Kamerad in warnendem Ton. »Was fällt Ihnen ein. Die gehören ja zu diesem dummen Cortejo.«

Die beiden Mexikaner, die sich allein glaubten, waren im ersten Augenblick vor Überraschung wortlos geworden. Jetzt aber fragte der eine:

»Auch noch Leute hier? Wer seid Ihr, auch Flüchtlinge?« – »Nein.« – »Sapperlot, da muß man vorsichtig sein. Wie viele Köpfe zählt Ihr?« – »Nur zwei.« – »Das glaube Euch der Teufel! Woher kommt Ihr?« – »Vom Rio Grande del Norte.« – »Und wohin wollt Ihr?« – »Nach der Hacienda del Erina, zu meiner Tochter und zu Euch.« – »Zu Eurer Tochter? Wer seid Ihr denn?« – »Kennt Ihr mich nicht an der Stimme? Ich bin ja Cortejo selbst.« – »Unsinn!« flüsterte sein Kamerad. »Wir spielen da ein gewagtes Spiel.« – »Cortejo?« fragte der Mexikaner. »Macht uns nichts weis. Cortejo käme nicht nur mit einem Mann zurück.« – »Und doch ist es so. Ihr sollt es gleich sehen. Ich komme hin zu Euch.« – »Aber ja allein. Ich halte das Gewehr schußbereit.«

Der zweite Reiter hatte sich unterdessen dem ersten zugesellt. Die Büchsen schußfertig in den Händen, lauschten sie auf die Schritte der Nahenden. Sie hörten, daß es nur einer sei, und das beruhigte sie. Cortejo kam ganz nahe an sie heran, blieb da stehen und fragte:

»Hat einer von Euch ein Zündholz mit? Ich komme aus der Wildnis und kann kein Feuer machen.« – »Feuer? Wozu?« fragte der andere. – »Ich meine ja nicht ein großes Feuer, sondern nur ein Zündholzlicht, damit Ihr mich erkennen könnt.« – »Das ist etwas anderes. Haltet das Gesicht nahe.«

Der Sprecher griff in die Tasche. Im nächsten Augenblick flammte ein Zündholz auf, mit dem der Mann Cortejo in das Gesicht leuchtete.

»Alle Teufel!« rief er. »Wahrhaftig Ihr seid es, Señor Cortejo. Wo habt Ihr die anderen gelassen?« – »Das werdet Ihr später erfahren. Sagt zuvor, was auf der Hazienda geschehen ist, daß Ihr fliehen mußtet.« – »Da wollen wir zunächst absteigen. Wir sind weit genug entfernt, um sicher zu sein. Und vielleicht gelingt es uns, noch einige der Unsrigen heranzuziehen.«

Die beiden Männer stiegen von ihren Pferden.

»Kommt mit in die Schlucht hinein«, gebot Cortejo. »Da können wir uns nötigenfalls verstecken. Und kommen ja noch Freunde von uns in dieser Richtung, so müssen sie an uns vorüber, und wir können sie anreden.«

Die Männer folgten Cortejo dorthin, wo sein Kamerad stand. Dieser hatte ihren Fragen und Antworten schweigend zugehört. Jetzt aber legte er Cortejo die Hand auf den Arm und sagte:

»Señor, ist es wirklich wahr, daß Sie Cortejo sind?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Sie heißen also nicht Pirnero und kommen jedenfalls auch nicht vom Fort Guadeloupe.« – »Nein, mein Freund.« – »Sprecht dieses Wort nicht aus. Ihr habt mich getäuscht und belogen. Da kann von einer Freundschaft und Kameradschaft keine Rede mehr sein.« – »Ereifert Euch nicht«, meinte da Cortejo in beruhigendem Ton. »Ich war gezwungen, Euch zu täuschen; aber ich habe dabei nicht die Absicht gehabt, Euch Schaden zuzufügen.« – »Aber ihr habt während unseres Rittes oftmals gehört, was ich von Cortejo halte.« – »Das ist wahr, und gerade deshalb zog ich es vor, Euch meinen Namen nicht zu nennen. Aber meinen Verpflichtungen gegen Euch werde ich trotzdem pünktlich nachkommen; denn ich habe Euch viel zu danken.«

Der Jäger Grandeprise, denn dieser war es, schwieg eine Weile, jedenfalls um seinen Ärger zu besiegen und das Für und Wider genau abzuwägen, dann sagte er:

»Ich pflege zwar dem, der mich belogen hat, niemals wieder Glauben zu schenken, dennoch aber ersuche ich Euch um Antwort darüber, ob es wirklich wahr ist, daß Ihr Henrico Landola kennt.« – »Es ist wahr«, antwortete Cortejo. – »Ihr belügt mich nicht?« – »Nein.« – »Und ebenfalls ist es wahr, daß Ihr mit ihm zusammentreffen werdet?« – »Ganz gewiß.« – »Könntet Ihr das nötigenfalls beschwören?« – »Ich beschwöre es.« – »Gut, so will ich Euch das andere verzeihen. Ihr brauchtet Hilfe, und ich habe sie Euch geleistet, weil Ihr ein Mensch wart, und ich bin auch einer. Eure Lage war so, daß Ihr vorsichtig sein mußtet, und so will ich es Euch nicht übelnehmen, daß Ihr mich getäuscht habt. Aber ich erwarte ganz bestimmt von Euch, daß Ihr das Versprechen erfüllt, daß Ihr mir gegeben habt.« – »Ihr meint die Geldzahlung?« – »Diese ist die Hauptsache nicht. Ich will Landola haben.« – »Ihr sollt ihn bekommen. Hier meine Hand.«

Der Amerikaner schlug ein.

»Abgemacht also«, sagte er. »Ich bin kein politischer Gesinnungsgenosse von Euch. Ihr dürft in dieser Beziehung nicht auf mich rechnen. Aber in persönlichen Angelegenheiten werde ich Euch zur Seite stehen, da ich doch nun bei Euch bleiben werde, bis Landola zu fassen ist.« – »Señor Cortejo, wer ist dieser Mann?« fragte einer der Mexikaner. – »Ein Jäger aus den Vereinigten Staaten«, antwortete Cortejo. – »Wie heißt er?« – »Grandeprise.« – »Grandeprise, ah! Den kenne ich. Wie schade, daß es so dunkel ist!« – »Ihr kennt mich?« fragte der Jäger. »Woher?« – »Mein Oheim hat mir von Euch erzählt. Kennt Ihr den Pater Hilario?« – »Den Pater Hilario? Der früher im Kloster della Barbara zu Santa Jaga gewesen ist? Ob ich den kenne. Er hat mir ja das Leben gerettet.« – »Ja. Ihr seid damals auf einer Reise oder auf einer Jagdfahrt gewesen und ganz krank und hinfällig nach Santa Jaga gekommen.« – »Das Fieber hatte mich ergriffen. Der Pater nahm sich meiner an, gab mir Medizin und pflegte mich. Ohne ihn wäre ich gestorben. Wenn Ihr sein Neffe seid, so müssen wir Freunde werden. Hier meine Hand.«

Eben als die beiden Männer einschlugen, ließ sich das nahende Getrappel von mehreren Pferden hören. Es mochten gegen zehn Reiter sein, die daherkamen und in die Schlucht einbogen. »Verdammter Weg bei Nacht«, sagte einer. »Man könnte den Hals brechen.« – »Immer besser, als von den Indianern bei lebendigem Leibe geschunden und skalpiert zu werden«, antwortete ein anderer.

Daraus entnahm Cortejo, daß diese Männer zu seinen Leuten gehören mußten. Er rief sie daher an:

»Halt! Wartet! Hier sind noch andere!«

Die Reiter hielten ihre Pferde augenblicklich an. Man vernahm das Knacken von Hähnen.

»Wer ist hier?« fragte einer. – »Ich bin es!« antwortete der Neffe des einstigen Paters Hilario. – »Ach, du, Manfredo! Dich kenne ich an der Stimme. Wie viele seid ihr hier?« – »Vier. Señor Cortejo ist auch dabei.« – »Señor Cortejo? Ah, ist das die Möglichkeit!« – »Ja. Er stand eben im Begriff, nach der Hazienda zu kommen, als wir hier auf ihn trafen. Steigt ab und kommt herbei!«

Dies geschah. Die Pferde wurden darauf angebunden, und die Männer traten in der Nähe von ihnen zusammen. Die zehn hatten sich gefunden und den Beschluß gefaßt, nach Norden zu retirieren, weil sie dort Cortejo mit den anderen Kameraden wußten, auf die sie glücklichenfalls zu treffen hofften.

»Aber um Gottes willen, was ist denn geschehen?« fragte Cortejo. – »Die Hazienda ist überfallen worden«, lautete die Antwort. – »Von wem? Von Indianern, wie ich höre?« – Ja.« – »Und ihr flieht? Ihr habt nicht gekämpft?« – »Nicht gekämpft, Señor? Oh, wir haben uns nach Kräften gewehrt, aber sie waren uns ja an Zahl vielfach überlegen.« – »So befinden sie sich im Besitz der Hazienda?« – »Leider!« – »Wie viele waren es?« – »Wer konnte diese Teufel zählen! Es müssen über tausend gewesen sein.« – »Mein Gott, wo ist da meine Tochter?« – »Wer weiß das!« – »Ihr wißt es nicht?« fragte Cortejo erschrocken. »Ihr müßt sie doch gesehen haben!« – »Gesehen? O nein! Die Roten kamen so plötzlich über uns, daß sich der eine gar nicht um den anderen kümmern konnte.« – »Welch ein Unglück! Was für Indianer waren es? Apachen vielleicht?« – »Nein. Ich hörte, daß einer von ihnen sich einen Mixteka nannte.« – »Ich muß wissen, was mit meiner Tochter geschehen ist! Ich kann diese Gegend nicht eher verlassen!« – »Beruhigt Euch, Señor!« nahm nun Grandeprise das Wort. »Die Mixtekas sind nicht wie die Apachen und Komantschen. Wie ich sie kenne, töten sie kein Frauenzimmer.« – »Das ist eine Art von Trost. Aber ich muß doch erfahren, welches ihr Schicksal ist.« – »Ich begreife das, und Ihr sollt es auch erfahren.« – »Aber wie? Ich selbst darf mich nicht erkundigen, und auch keiner dieser Leute darf es wagen, nach der Hazienda zurückzukehren.« – »Überlaßt das mir. Ich verstehe es, einen Ort auszuforschen. Nötigenfalls gehe ich morgen nach der Hazienda. Vor allen Dingen muß man wissen, weshalb die Mixtekas sie überfallen haben.« – »Wer weiß das!« meinte der bisherige Sprecher. – »Einen Grund haben sie auf alle Fälle. Ist nicht vielleicht vorher etwas Auffälliges geschehen?« – »O doch! Gestern um Mitternacht leuchtete auf einem nahen Berg eine riesige Flamme auf.« – »Das kann zufällig geschehen sein.« – »Nein, es muß ein Zeichen gewesen sein, denn bald darauf leuchteten an verschiedenen Stellen ähnliche Feuer auf.« – »Rundum?« – »Rundum!« – »So muß man darin allerdings ein Zeichen erblicken. Ich denke, die Mixtekas haben sich gerufen, um euch als Feinde des Juarez aus dem Land zu treiben. Das setzt eine einheitliche Leitung voraus. Wer war der Anführer dieser Leute?« – »Wir hatten keine Zeit, dies zu bemerken.« – »War kein Weißer dabei?« – »O doch, zwei sogar.« – »Ah! Vielleicht sind wir jetzt beim Richtigen. Wer waren diese Männer?« – »Niemand weiß es. Sie kamen und stiegen ab. Sie gingen nach der Wachtstube und sagten da, daß sie mit Señorita Josefa reden wollten.« – »Dies wurde ihnen erlaubt?« – »Nein. Man verweigerte es ihnen. Der eine von ihnen aber schlug den Wachtmeister nieder, und darauf gingen die beiden hinauf zur Señorita.« – »Und dann?« – »Nun, dann fiel oben bei der Señorita ein Schuß. Zu gleicher Zeit ertönte rund um die Hazienda ein schreckliches Geheul, und von allen Seiten drangen die Feinde auf uns ein.« – »Wie viele Männer befanden sich in der Wachtstube?« – »Es mögen über zwanzig gewesen sein.« – »Über zwanzig?« wiederholte Grandeprise halb erstaunt und halb spöttisch. »Und diese zwanzig ließen es sich gefallen, daß der Wachtmeister niedergeschlagen wurde?« – »Was wollten wir dagegen machen?« – »Ihn selbst niederschlagen!« – »Ah! Ihr hättet ihn sehen sollen! Er sagte nicht, wer er war. Er trat so auf, als ob er ein Bote oder ein Verbündeter von Señor Cortejo sei. Er tat ganz so, als ob er zu befehlen habe.« – »Wie ich nach allem, was ich erfahren habe, vermuten darf, hatte doch nur Señor Cortejo auf der Hazienda zu befehlen!« – »Allerdings! Aber einige hielten ihn für den Panther der Südens.« – »Der ist allerdings ein Verbündeter von Señor Cortejo. Aber sagtet Ihr nicht, daß dieser Mann ein Weißer gewesen sei?« – »Ja.« – »Und der Panther des Südens ist ja doch ein Indianer!« – »Wer denkt in einem solchen Augenblick an alles!« – »Beschreibt mir den Mann einmal!«

Dies geschah. Grandeprise hörte aufmerksam zu und schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Einen solchen Mann«, erwiderte er, »so riesenhaft gebaut, mit einem so langen Bart und genauso gekleidet und bewaffnet, habe ich neben Juarez da unten am Sabinafluß gesehen. Ob es der sein wird?« – »Wer war es?« fragte Cortejo. – »Ich weiß es nicht. Aber Juarez schien sehr viel auf ihn zu geben.« – »Sagtest du nicht, daß im Zimmer meiner Tochter ein Schuß gefallen sei?« fragte Cortejo den Sprecher. – »Ja.« – »Heilige Jungfrau! Man hat sie erschossen!« – »Das glaube ich nicht«, meinte Grandeprise. »Nicht wahr, sobald der Schuß erschollen war, begann der Überfall?« – »Ja«, antwortete der Berichterstatter. – »Nun, so ist der Schuß einfach das Zeichen des Angriffes gewesen, und Ihr braucht keine Angst zu haben, daß Eurer Tochter etwas geschehen ist.« – »Aber dann ist sie jedenfalls doch Gefangene!« – »Allerdings.« – »Man muß sie befreien!« – »Nötigenfalls. Ich werde Euch dabei helfen, so gut und so viel ich kann.« – »Wäre es da nicht geraten, gleich jetzt die nötigen Schritte zu tun?« – »Hm!« brummte der Jäger. »Das ist gefährlich. Welche Schritte meint Ihr denn dabei, Señor?« – »Ich weiß es nicht. Aber sagtet Ihr nicht, daß Ihr es verständet, einen Ort zu belauschen?« – »Das habe ich gesagt. Aber dieser Ort ist hier von tausend Indianern umgeben und bewacht.« – »Morgen auch. Und jetzt bei Nacht ist das Lauschen leichter als morgen am hellen Tage.« – »Das denkt Ihr bloß. Jetzt suchen die Roten noch die ganze Gegend nach Flüchtlingen ab. Erwischt man mich, so hält man mich für einen von Euren Leuten, und ich bin verloren. Morgen am Tag aber, wenn ich offen nach der Hazienda reite, wird man glauben, daß ich ein Amerikaner bin.« – »Aber was kann bis dahin Schlimmes geschehen!« – »Das ist allerdings richtig«, meinte Grandeprise nachdenklich. – »Señor Grandeprise, ich bitte Euch um Gottes willen, tut, was Ihr tun könnt, und tut es so bald wie möglich.« – »Es ist sehr gefährlich! In welcher Richtung liegt die Hazienda?« – »Gerade dorthin«, antwortete der Berichterstatter, den Arm ausstreckend. – »Und wie lange geht man, um sie zu erreichen?« – »Eine halbe Stunde ungefähr.« – »So will ich es wagen. Ich gehe hin.« – »Ich danke Euch!« sagte Cortejo. »Ihr sollt es nicht bereuen, Euch für mich und meine Tochter in Gefahr begeben zu haben!« – »Haltet Wort, Señor. Ich erinnere Euch an Henrico Landola. Aber es ist in dieser Dunkelheit nicht leicht, diese Schlucht zu finden. Kennt Ihr den Ruf der großen, mexikanischen Wasserunke?« – »Wir alle.« – »Kann ihn jemand von Euch nachmachen?« – »Ich«, antwortete einer. – »Nun gut. Sollte ich die Schlucht nicht gleich wiederfinden, so werde ich diesen Ruf ausstoßen, und Ihr antwortet. Man hört ihn in stiller Nacht sehr weit. Ich werde also nicht lange irrezugehen brauchen.« – »Wann kommt Ihr wieder?« – »Ich weiß es nicht. Vielleicht komme ich gar nicht wieder. Wenn man mich ergreift, so ist es um mich geschehen.« – »Die heilige Madonna mag dies verhüten!« – »Bin ich zum Tagesgrauen noch nicht zurück, so braucht Ihr Euch nicht weiter um mich zu bekümmern und könnt dann Eure eigenen Schritte tun. Mein Pferd lasse ich da. Verhaltet Euch so ruhig, daß Ihr von den jedenfalls herumstreifenden Mixtekas nicht entdeckt werdet! Jetzt lebt wohl!«

Der verwegene Jäger verschwand nach diesen Worten im Dunkel der Nacht.

Er hatte gesagt, daß er kein politischer Gesinnungsgenosse von Cortejo sei. Und hätte er dessen Leben und Taten genauer gekannt, so wäre es ihm jedenfalls gar nicht eingefallen, einen Schritt für ihn oder zur Rettung seiner Tochter zu tun.

Als Grandeprise fort war, lagerten sich die anderen auf dem Boden, teilten sich die erlebten Episoden des heutigen Abends mit und forderten Cortejo auf, sie auch seine eigenen Erlebnisse wissen zu lassen.

Es lag nicht in dessen Interesse, ihnen alles zu erzählen. Sie durften unmöglich erfahren, daß sein Zug nach dem Rio Grande del Norte vollständig mißglückt sei und daß seine Begleiter den Tod gefunden hatten. Er teilte ihnen darum nur so viel mit, als er für vorteilhaft hielt. Er sagte, daß ihre Kameraden sich an dem genannten Fluß versteckt hätten, um die Beute zu erwarten, die leider später komme, als vorher berechnet worden sei. Er selbst habe sich auf den Rückweg begeben, da er seine Anwesenheit auf der Hazienda für notwendig gehalten habe. Dabei sei er in die Hände von Apachen gefallen und am Auge verletzt worden.

Sie nahmen seine Darstellung für bare Münze auf.

»Aber was tun wir nun?« fragte einer. »Die Hazienda ist zum Teufel!« – »Noch nicht«, antwortete Cortejo. »Es werden außer Euch noch mehrere entkommen sein.« – »Wohl schwerlich. Wer sich nicht gleich in den ersten Augenblicken zu retten verstanden hat, um den ist es ganz sicher geschehen.« – »Wir werden ja sehen. Hoffen wir das beste. Bei Beginn des Tages wird es sich finden, ob Ihr die einzigen Geretteten seid.« – »Und dann? Die Hazienda bekommen wir doch nicht wieder.« – »Warum nicht?« – »Weil wir zu schwach sind.« – »Es fragt sich sehr, ob diese tausend Mixtekas da liegenbleiben.« – »Jedenfalls, wenn es so ist, wie dieser Amerikaner meinte, nämlich, daß sie es mit dem Präsidenten Juarez halten.« – »So werden wir in kurzer Zeit auch wieder stärker sein. Meine Agenten werben unablässig und senden mir Leute aus den südlichen Gegenden herbei. Diese ziehen wir an uns.« – »Ah, sie werden uns nicht finden.« – Ja, das denke ich auch«, meinte Manfredo. »Sie werden meinen, daß wir uns noch auf der Hazienda befinden und dort den Mixtekas geradezu in die Hände laufen.« – »Wir werden das dadurch verhüten, daß wir sie unterwegs an irgendeinem passenden Ort, den wir uns erst suchen müssen, auffangen.« – »An einem bewohnten Ort?« – »Nein, das ist zu gefährlich.« – »Ihr meint, daß wir uns wie Banditen in den Wald legen sollten?« – »In den ersten Tagen bleibt uns nichts anderes übrig. Sind wir dann wieder stark genug, so ist es ja leicht, uns irgendeines Städtchens zu bemächtigen oder die Mixtekas aus der Hazienda zu vertreiben.« – »Ich weiß etwas viel Besseres«, meinte da Manfredo. »Liegt nicht das alte Kloster della Barbara an unserem Weg?« – Ja, gerade an unserem Weg. Aber die Stadt Santa Jaga hält es mit dem Präsidenten.« – »Was geht das uns an, Señor?« – »Sehr viel. Man würde uns abweisen oder, was noch viel schlimmer ist, gefangennehmen und an Juarez ausliefern.« – »Es ist wahr, daß wir dies zu erwarten hätten, wenn wir uns auf die Stadt verlassen wollten. Aber das Kloster liegt außerhalb derselben.« – »Was nützt uns das?« – »Wir brauchen gar nicht nach der Stadt, sondern wir nisten uns, ohne daß jemand etwas erfährt, im Kloster ein.« – »Das ist unmöglich!« – »Wieso? Habt Ihr vorhin nicht gehört, daß mein Oheim, Pater Hilario, sich dort befindet?« – »Du meinst, daß dieser uns von Nutzen sein könnte?« – »Ja.« – »Zu welcher Partei hält er?« – »Zu jeder, die gegen Juarez ist. Juarez hat das Kloster aufgehoben. Es bestand aus einem Mönchs- und einem Nonnenkloster. In dem letzteren haben sich viele Töchter vornehmer Familien befunden, die dort erzogen wurden. Juarez meinte, es sei in den beiden Klöstern viel Unfug getrieben worden. Er hob es auf und machte eine Kranken- und Irrenanstalt daraus. Was gingen ihn die Klöster an? Sind die Nonnen und Mönche nicht auch Menschen?« – »Das ist wahr«, lachte Cortejo. – »Mein Oheim war Superior. Jetzt ist er bloß ärztlicher Gehilfe. Er glüht von Haß gegen Juarez und wird uns mit Freuden aufnehmen.« – »Aber die anderen? Seine jetzigen Vorgesetzten?« – »Um diese kümmert er sich gar nicht; denn sie werden gar nicht bemerken, daß wir uns im Kloster befinden.« – »Ich denke im Gegenteil, daß unsere Gegenwart sofort bekannt werden wird. Man muß uns doch sehen und wird sich dann natürlich auch nach uns erkundigen.« – »Nein, man wird uns nicht sehen. Das Kloster hat so viele geheime Gemächer und Gänge, daß wir um unsere Sicherheit und um gutes Unterkommen gar keine Sorge zu haben brauchen.« – »Sind diese Gänge und Gemächer nicht bekannt?« – »Nein. Mein Oheim ist der einzige, der sie kennt. Die anderen Brüder des Ordens wurden nach allen Winden zerstreut, und nur Pater Hilarius durfte bleiben, weil er in der Heilkunde erfahren ist.« – »Das wäre allerdings sehr vorteilhaft für uns. Ich werde mir diesen Plan überlegen. Jetzt aber wollen wir still sein und ruhen. Wir wissen nicht, welche Anstrengungen der nächste Tag bringen wird. Ihr könnt versuchen, ein wenig zu schlafen. Ich werde wachen.«

Hierauf trat Stille ein, und da auch die Pferde kein Geräusch verursachten, so hätte ein zufälligerweise in die Nähe kommender Mensch nicht ahnen können, daß hier dreizehn Männer lagen, die, kaum dem Tode entgangen, doch schon wieder gegen die gesellschaftliche Ordnung ihre Pläne schmiedeten.

Sie alle brachten es über sich, zu schlafen, nur Cortejo wälzte sich ruhelos hin und her. Sein Unternehmen am Rio Grande, von dem er sich soviel versprochen hatte, war gescheitert, und er selbst als halbblinder Mann von demselben zurückgekehrt. Anstatt hier ein Asyl zu finden, hatte er die Hazienda verloren, und auch seine Tochter war gefangen. Geächtet und des Landes verwiesen, wußte er nicht, wo aus noch ein. Er schmiedete jetzt rachsüchtige Entwürfe, wurde jedoch in seinem Denken und Grübeln durch die Sorge gestört, die ihm das lange Ausbleiben des Jägers verursachte.

7. Kapitel.

Schon begann sich im Osten ein leichter, grauer Streifen zu bilden, um den Horizont anzudeuten, hinter dem die Sonne erscheinen werde, da hörte Cortejo am Eingang der Schlucht ein Steinchen rollen. Sofort sprang er auf und fragte mit halblauter Stimme, indem er zugleich zur Waffe griff:

»Wer ist da?« – »Gut Freund!« antwortete es mit ebenso gedämpfter Stimme. »Grandeprise.« – »Gott sei Dank!«

Diese Worte sprach Cortejo mit einem so tiefen Seufzer, daß man deutlich hören konnte, welche Beklemmung ihn bisher beherrscht hatte. Die anderen waren erwacht und erhoben sich. Grandeprise stand bereits bei ihnen.

»Nun, wie ist es gegangen?« fragte Cortejo. – »Ziemlich gut«, antwortete der Amerikaner. – »Habt Ihr Nachricht?« – »Ich weiß, daß Eure Tochter noch lebt« – »Ach! Welch ein Glück! Wie habt Ihr es erfahren?« – »Ich habe es erlauscht. Aber ich weiß noch viel Wichtigeres.« – »Oh, das wichtigste ist, daß Josefa nicht tot ist. Werden wir sie befreien können?« – »Das ist noch sehr ungewiß, Señor.« – »Sie muß frei werden. Ich werde mein Leben daran setzen. Und Ihr habt mir ja versprochen, auch Euer möglichstes zu tun.« – »Hm, ja!« dehnte der Jäger. »Aber ich habe nicht gewußt, welche berühmten Leute wir gegen uns haben.« – »Berühmte? Doch nur diese Mixtekas.« – »Ja, wenn es nur diese wären! Aber wißt Ihr, unter wem diese Indianer stehen?« – »Nun, doch unter irgendeinem ihrer sogenannten Häuptlinge.« – »Allerdings. Aber dieser Häuptling ist ein ganzer Kerl und wiegt schwerer als mancher mexikanischer General.« – »Ich kenne keinen Mixteka, auf den man diese Worte anwenden könnte.« – »Nicht? Habt Ihr noch nie von Büffelstirn gehört?« – »Büffelstirn? Der ist ja tot.« – »Fällt ihm nicht ein. Er ist auf der Hazienda.« – »Unmöglich! Das ist ein Irrtum! Dieser Mann ist bereits seit beinahe zwanzig Jahren tot.« – »So hat man allerdings gedacht, aber mit Unrecht. Auch ich habe mir sehr viel von ihm erzählen lassen, und stets wurde hinzugefügt, daß er tot sei. Heute aber bin ich eines Besseren belehrt worden. Er ist es, der gestern abend durch die Feuersäulen seine Mixtekas zusammengerufen hat, um die Hazienda zu entsetzen. Übrigens hat Ihr mir sehr viel verschwiegen, Señor! Ihr habt mir Dinge verschwiegen, deren Kenntnis mich jedenfalls abgehalten hätte, Euer Verbündeter zu werden.« – »Was meint Ihr?« – »Ihr habt Señor Arbellez gefangengenommen.« – »Nur scheinbar.« – »Nennt Ihr das scheinbar, wenn Ihr ihn dabei halb totschlagen und dann in einen Keller stecken laßt, wo er verhungern soll?« – »Man hat Euch belogen!« – »Man hat mich nicht belogen, denn man hat gar nicht gewußt, daß ich zugegen war und horchte. Auch die gute Marie Hermoyes, die mich damals so gastfreundlich aufnahm, habt Ihr eingesteckt.« – »Aus Vorsicht!« – »Wozu diese Vorsicht? Warum habt Ihr überhaupt dem alten Señor Arbellez seine Hazienda genommen?« – »Weil sie mir gehört. Er hat ein Dokument gefälscht, mit Hilfe dessen er nachweisen will, daß der Graf de Rodriganda ihm diese Besitzung geschenkt oder als Erbe hinterlassen habe.« – »Was geht Euch das an? Seid Ihr der Erbe des Grafen? Zeigt den Haziendero bei der Behörde an, wenn er ein Fälscher ist, aber nehmt Euch vor Gewalttaten in acht, die Euch selbst mit den Behörden in Konflikt bringen.«

Cortejo antwortete im Ton der Ungeduld:

»Es geht dem Lauscher sehr oft wie Euch, nämlich, daß er Dinge, die er behorcht, nur halb vernimmt und daher eine ganz falsche Vorstellung von ihnen bekommt. Ihr seid über diese Angelegenheit ebenso falsch berichtet, wie über das Vorhandensein des Häuptlings Büffelstirn.« – »Pah! Ich habe ihn gesehen.« – »Büffelstirn?« – »Ja. Es war Büffelstirn, denn ich sah ihn an der Seite eines Mannes, mit dem er damals verschwand.«

Jetzt war es Cortejo doch nicht mehr geheuer.

»Wer wäre das?« fragte er. – »Bärenherz, der berühmte Häuptling der Apachen.« – »Unsinn!« – »Haltet es immerhin für Unsinn. Was ich aber sehe, das sehe ich.« – »Ihr hättet Bärenherz gesehen? Habt Ihr ihn denn gekannt?« – »Sehr gut, sehr gut sogar. Ich habe ihn getroffen, als er mit Donnerpfeil, einem deutschen Jäger, der eigentlich Helmers hieß, in den Bergen der Sierra Warana jagte.« – »Donnerpfeil? Helmers? Ah, den hat Ihr auch gekannt?« – »Ja, gekannt und heute wiedererkannt« – »Erkannt? Was wollt Ihr damit sagen?« – »Nichts weiter, als daß Donnerpfeil sich auf der Hazienda befindet.« – »Wollt Ihr mich wirklich glauben machen, daß die Toten wieder auferstehen?« – »Nein; aber ich habe gesehen, daß Totgeglaubte noch leben können.« – »Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil sind tot. Ich weiß es ja ganz gewiß von einem Zeugen, der sie sterben sah.« – »So gebt diesem Zeugen eine Ohrfeige, wenn Ihr ihn wieder treffen solltet Leute, die ich einmal gesehen habe, pflege ich nicht wieder zu vergessen. Und dieser berühmte Sternau, den sie den Fürsten des Felsens nannten, er ist gleich gar nicht zu verkennen.«

Jetzt fuhr der Schreck doch dem ungläubigen Cortejo in die Beine.

»Sternau?« fragte er. »Der ist ja tot!« – »Nein, auch er lebt. Ich habe ihn gesehen. Er stand an der Tür der Hazienda.« – »Habt Ihr ihn gekannt?« – »Nein, aber er ist mir beschrieben worden. Er ist derjenige, der den Wachtmeister niedergeschlagen hat, und ich vermutete ganz richtig, als ich ahnte, daß es der riesenhafte Reiter sei, den ich bei Juarez sah.« – »Ihr redet wahrhaftig Dinge, die mir nicht im Traum vorkommen würden!« – »Mir sind sie in der Wirklichkeit vorgekommen.« – »Erzählt das doch ausführlicher!« – »Nun, ich kam ungehindert in der Nähe der Hazienda an, obgleich einzelne Mixtekas noch draußen herumsuchten, um noch etwaige Flüchtlinge abzufangen. Ich schlich mich bis an die Palisaden, mitten durch die Gruppe dort stehender Feinde.« – »Welches Wagnis!« rief einer der Mexikaner bewundernd. – »Nicht so schlimm. Sobald ich sah, daß jemand in meine Nähe kam, streckte ich mich lang hin und stellte mich tot, gerade als ob ich einer der Ewigen sei, der beim Überfall niedergestreckt wurde. So lag ich an den Palisaden und belauschte das Gespräch mehrerer Mixtekas. Dadurch erfuhr ich, daß der Fürst des Felsens, Donnerpfeil, Bärenherz und Büffelstirn anwesend seien. Ich sah diese vier auch, einen nach dem anderen durch eine Lücke in den Palisaden. Drinnen im Hof brannte ein Feuer, das alles beleuchtete.« – »Und doch muß es eine Täuschung sein!« meinte Cortejo. – »Es ist die Wahrheit. Wollt Ihr Euch überzeugen, so könnt Ihr Sternau auch sehen.« – »Ah! Wo?« – »Bei einem Steinbruch hier in der Nähe, ich weiß aber nicht wo.« – »Ist Sternau dort?« – »Jetzt nicht, aber er wird nach dem Anbruch des Tages hinkommen, um die Toten dort zu begraben.« – »Ich muß ihn sehen!« – »Tut das, Señor Cortejo«, sagte der Jäger ein wenig ironisch. – »Ihr werdet mich begleiten!« – »Ich? Fällt mir gar nicht ein. Ich habe jetzt meine Haut riskiert; werde sie aber nicht bei hellem Tag zu Markte tragen.« – »Ist das so gefährlich?« – »Wollt Ihr am hellen Tag diesen Sternau nebst einigen hundert Mixtekas beschleichen? Das bildet Euch um Gottes willen nicht ein!« – »So muß ich darauf verzichten!« – »Ich rate es Euch.« – »Ihr seid vollständig überzeugt, daß die vier genannten Männer leben und auf der Hazienda zugegen sind?« – »Ich habe sie ja gesehen!«

Cortejo wußte nicht, was er denken sollte. Er sagte sich, daß Landola ihn fürchterlich getäuscht haben müsse, wenn es wahr sei, daß diese Personen nicht tot waren, und er beschloß, sich an ihm zu rächen, vor allen Dingen aber die vier unschädlich zu machen. Zugleich sagte er sich, welche Gefahr seiner Tochter drohe, die sich in der Gewalt ihrer ärgsten Feinde befand.

»Ihr sagtet, meine Tochter lebe noch?« fragte er. – »Ja. Sie ist gefangen.« – »Wie behandelt man sie?« – »Das weiß ich nicht.« – »Man wird sie in ihrem Zimmer bewachen.« – »O nein. Man hat sie in dem Keller eingeschlossen, in dem Señor Arbellez verschmachten sollte.« – »Himmel! Woher wißt Ihr das, was Ihr über sie sagt?« – »Die Mixtekas sprachen davon.« – »Sie muß befreit werden! Ist jetzt nichts zu tun, Señor Grandeprise?« – »Gar nichts! Doch müssen wir uns beeilen. Ich sah einige Männer fortreiten und hörte, daß sie bestimmt seien, Juarez Nachricht zu bringen.« – »Alle Teufel! So kommt er vielleicht gar.« – »Das steht zu erwarten. Er wird ein ganzes Heer mitbringen, und dann ist es zu spät, Eure Tochter herauszubekommen.« – »Was tun?« fragte Cortejo voller Angst. – »Das läßt sich noch nicht sagen. Der Tag bricht an. Wir dürfen nicht gesehen werden und müssen uns verbergen. Vielleicht kommt mir während des Tages ein guter Gedanke. Jedenfalls aber werde ich den Abend dazu benutzen, noch einmal zu spionieren, dann wird es sich zeigen, was übermorgen zu tun ist Länger dürfen wir nicht warten.« – »Schon das ist zu lange.« – »Verlangt nichts Unmögliches, Señor Cortejo. Hätte ich Euch nicht mein Wort gegeben und meine Hilfe zugesagt, so würde ich mich hüten, gegen Männer zu intrigieren, denen ich nicht gewachsen bin und denen meine Bewunderung gehört. Kennt Ihr einen Platz, wo man ein Versteck findet?« – Ja. Im Norden der Hazienda liegt ein Wald.« – »Das ist nichts. Wir müßten an del Erina vorüber und wären zu einem großen Bogen gezwungen. Dabei würde es völlig hell, und wir könnten von den umherschweifenden Mixtekas bemerkt werden. Ich entsinne mich, damals, als ich auf der Hazienda war, im Westen einen bewaldeten Berg bemerkt zu haben. Kennt Ihr ihn?« – »Ihr werdet den Berg El Reparo meinen.« – »Er trägt doch viel Wald, in dem man sich verbergen kann?« – Ja. Wollt Ihr hin?« – »Es wird das beste sein. Wir sind in sicherer Entfernung von der Hazienda und doch auch so nahe, daß ich sie am Abend leicht erreichen kann.« – »So wollen wir von hier aufbrechen?« – »Ich schlage es vor. Der Morgen wird immer heller. Steigen wir zu Pferde und machen uns aus dem Staub, ehe es möglich ist, uns zu entdecken.«

Dieser Vorschlag wurde sogleich ausgeführt. Die vierzehn Männer stiegen auf und ritten zunächst in nördlicher Richtung davon. Erst als es so hell geworden war, daß man den Berg erblicken konnte, schlugen sie die westliche Richtung ein, in der sie ihn erreichen mußten.

Sie langten an seinem nordöstlichen Fuß an und ritten unter dem Dach des Waldes an seiner Seite empor. Dies ging nicht leicht und wurde noch schwerer, als oben die Bäume dichter zusammentraten.

Man war jetzt gezwungen abzusteigen und die Pferde an den Zügeln zu führen. Es gab hier keinen Weg oder irgend etwas, was einem Pfad geglichen hätte.

»Wollen wir nicht anhalten und hierbleiben?« fragte Cortejo.

Er richtete die Worte an den Amerikaner, dessen ganzes Verhalten die anderen unwillkürlich gezwungen hatte, ihn stillschweigend als Anführer anzuerkennen. Grandeprise sagte:

»Warum hier, Señor?« – »Weil wir hier ebenso sicher sind als oben und den Weg und die Anstrengung nicht haben.« – »Bleibt wo Ihr wollt! Ich reite vollends hinauf. Da oben gibt es jedenfalls eine Weite Aussicht. Vielleicht ist es möglich, eine Stelle zu finden, von der aus man die Hazienda, von weitem wenigstens, beobachten kann.«

Das war ein Grund, den die anderen anerkannten. Sie arbeiten sich also, die Pferde hinter sich führend, immer weiter den Berg hinan.

Endlich hörte die Steigung auf. Das Terrain wurde ebener, und man bemerkte, daß das Plateau erreicht war. Nach kurzer Zeit sah man einen lichten Streifen vor sich durch die letzten Bäume schimmern. Der Amerikaner ging voran und wollte eben zum Rand des Waldes heraustreten, als er schnell wieder zurückfuhr.

»Was gibt es?« fragte Cortejo, der sich hinter ihm befand. – »Pst! Reiter! Dort links kommen sie zwischen den Büschen hervor. Es muß da eine Art von Weg geben. Schafft die Pferde zurück, damit ihr Schnauben uns nicht verraten kann!«

Die Tiere wurden von einigen der Leute genügend weit zurückgeführt und dort angebunden. Die anderen hielten unter den Bäumen, um die Reitergruppe zu beobachten, die jetzt deutlich zu erkennen war.

»Seht Ihr jetzt die zwei vordersten?« fragte der Amerikaner.

Aus Cortejos Gesicht war alles Blut gewichen.

»Ja«, antwortete er. – »Kennt Ihr sie oder wenigstens einen von ihnen?« – »Mein Gott! Die Toten sind lebendig geworden! Büffelstirn!« – »Und der andere?« – »Helmers.« – »Ja. Donnerpfeil. Und weiter – alle Teufel, die anderen haben ja ein Mädchen bei sich!« – »Heilige Jungfrau!« rief Cortejo beinahe laut. »Das ist Josefa!« – »Eure Tochter?« – »Ja.« – »Welch ein Zufall! Wie gut, daß wir nicht unten geblieben sind.« – »Was wollen sie hier oben? Was wollen sie mit ihr?« – »Das werden wir wohl sehen. Sie reiten da rechts hinüber. Kriechen wir ihnen zwischen den Sträuchern nach, Señor!«

Die Männer legten sich auf den Boden und folgten dem Jäger, der sich wie eine Schlange fortbewegte. Nach kurzer Zeit hielt er an. Von da aus, wo er lag, konnte man die ganze Szene überblicken.

»Ein Teich!« flüsterte er. »Seht Ihr's, Señor Cortejo?« – »Ja. Man wird sie doch nicht etwa ertränken wollen?« – »Nein, sicherlich nicht, töten konnten sie dieselbe auf der Hazienda. Ihr Zweck muß ein anderer sein.«

Sie sahen, daß die Reiter abstiegen, Josefa mit ihnen. Sie sahen auch, daß die letztere gebunden war. Sie bemerkten, daß Büffelstirn mit dem Mädchen sprach, dann an das Wasser trat und einen lauten, klagenden Ruf erschallen ließ. Sofort zeigten sich die Krokodile.

»Gott, mein Gott, jetzt weiß ich, was sie wollen!« versetzte Cortejo, indem ein sichtbares Zittern seinen ganzen Körper durchzuckte. »Sie wollen sie den Krokodilen vorwerfen. Das ist der fürchterliche Krokodilteich der Mixtekas.« – »Kennt Ihr ihn?« – »Ja.« – »Und doch seid Ihr noch nicht hier gewesen, wie ich denke?« – »Mein Neffe war oben. Er sollte auch von den Tieren gefressen werden.« – »Das wäre ja fürchterlich, geradezu unmenschlich.« – »Ja. Seht Ihr jenen Baum? An ihn hatte man ihn aufgehängt, gerade über dem Wasser, damit die Scheusale ihn in Stücke reißen sollten.« – »Sie haben ihn zerrissen?« – »Nein, es ist ihm gelungen, sich zu retten. Seht um Gottes willen, es klettert einer hinauf und hat einen Lasso bei sich!« – »Allerdings. Aber das braucht nicht auf Eure Tochter abgesehen zu sein.« – »O doch, ganz gewiß. Señor, wir müssen sie retten!« – »Gewiß. Aber warten wir es ab!« – »Dann ist es zu spät! Rasch, rasch!«

Cortejos Gesicht war vor Angst verzerrt. Er erlitt jetzt nicht geringere Qualen als seine Tochter, die den fürchterlichsten Tod vor Augen sah.

Über das Gesicht des Amerikaners glitt ein entschlossener und doch zugleich bissiger Zug.

»Keine Sorge, Señor!« sagte er. »Mein Rettungsplan ist fertig.« – »Gott sei Dank! Was wollt Ihr tun?« – »Die Hauptsache ist, daß wir Büffelstirn und Donnerpfeil entfernen. Mit den anderen werden wir leichter fertig.« – »Wie aber fangen wir das an?« – »Ich laufe mit noch zweien von unseren Leuten um die Lichtung bis zu jenem großen Baum. Dort zeigen wir uns ihnen.« – »Was soll dies helfen?« – »Ich wette, daß die zwei Erfahrensten von ihnen, also Büffelstirn und Donnerpfeil, sofort aufbrechen werden, um uns anzuschleichen. Wir weichen zurück und locken sie in den Wald, kommen dann schnell zurück und holen Eure Tochter.« – »Aber die zehn Mixtekas bewachen sie.« – »Wir schießen sie nieder. Ich tue das nicht gern, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Ich habe Euch mein Wort gegeben und muß es halten.« – »So eilt, geht schnell!« – »Halt! Wir lassen unsere Oberkleider da und werfen die Decken nach Indianerart über. Auch die Hüte lassen wir hier und streichen die Haare in die Höhe. Stecken wir dann ein paar Farne hinein, so sehen wir von weitem wie Indianer aus. Vorwärts. Ihr geht mit. Die anderen warten.«

Grandeprise bezeichnete bei diesen Worten zwei, die sofort, seinem Beispiel folgend, ihre Hüte und Jacken ablegten.

»Nun rasch fort.«

Mehr rennend als schleichend, eilten die drei Männer unter den Bäumen fort, bis sie die angegebene Stelle erreichten.

»Halt!« gebot hier Grandeprise. »Ich trete zuerst hervor. Folgt mir einzeln und gravitätisch, wie Indianerhäuptlinge. Aber wir dürfen nicht so tun, als ob wir hinüber zu ihnen blickten.«

Damit verließ er die schützende Baumdeckung und trat langsam hervor.

»Ah, sie sehen mich!« sagte er. »Kommt jetzt einzeln nach.«

Die beiden anderen taten es. Alle drei schienen nach der entgegengesetzten Richtung zu blicken, doch hielt Grandeprise sein Auge auf die Gruppe der Mixtekas gerichtet.

»Der Häuptling und Donnerpfeil haben sich niedergeworfen«, sagte er. – »Man zieht die Señorita empor«, bemerkte der andere. – »Ich werde sie herunterholen. Überlaßt das mir«, meinte der Amerikaner. »Jetzt legen sich auch die anderen nieder.« – »Ich sehe, daß das Gras sich bewegt«, sagte der dritte. – »Wohin?« – »Nach rechts und links.« – »Richtig, ich bemerke das auch. Sie haben sich geteilt. Der eine kommt von hüben und der andere von drüben auf uns zu. Hinter uns werden sie aufeinandertreffen wollen. Ich kenne diese Weise. Sie werden in gegen zehn Minuten hier sein. Ebensolange bringen sie zu, um aus unseren Spuren klug zu werden. Das gibt uns genug Zeit, um den Schlag auszuführen. Tretet langsam wieder unter die Bäume zurück.«

Sie taten dies, und Grandeprise folgte ihnen.

»So«, meinte er. »Und jetzt im Galopp zu Cortejo zurück.«

Sie rannten, so schnell sie konnten, den Weg zurück, den sie gekommen waren, und trafen Cortejo ängstlich wartend noch auf derselben Stelle. »Ging es gut?« fragte er. – Ja«, antwortete der Amerikaner. Jetzt schleichen wir uns hin. Sobald wir in sicherer Nähe sind, schießen wir die Mixtekas nieder. Ich klettere auf den Baum und hole das Mädchen herab. Dann bemächtigen wir uns ihrer Pferde, steigen auf und sprengen davon, den Weg hinab, den sie gekommen sind. Zwei von uns bleiben zurück. Sie gehen zu unseren Pferden, nehmen sie bei den Zügeln und folgen uns nach, sobald sie sehen, daß der Streich gelungen ist Auf diese Weise bleibt Büffelstirn und Donnerpfeil kein Pferd, um uns zu verfolgen. Behalten sie ein einziges, so sind wir verloren. Also jetzt rasch!«

Sie gaben sich keineswegs große Mühe, den Schall ihrer Schritte zu dämpfen, dennoch kamen sie ziemlich nahe an die Mixtekas heran, ehe sie von diesen bemerkt wurden.

Ein Kopf hob sich vorsichtig aus dem Gras empor, und sofort erklang der Ruf:

»Feinde kommen! Zu den Waffen!«

Auch die anderen Mixtekas fuhren empor, im höchsten Grade überrascht durch diesen Warnungsruf. Sie hatten die Feinde da drüben vermutet, wo die Indianer gesehen worden waren.

»Jetzt! Nieder mit ihnen!« gebot Grandeprise.

Zwölf Büchsen krachten fast zu gleicher Zeit, und sämtliche Mixtekas stürzten nieder, alle zu Tode getroffen.

»Gut so«, rief der Amerikaner. »Nun ihre Pferde, die Hauptsache!«

Während sich die Mexikaner der Pferde bemächtigten und sofort aufstiegen, kletterte er selbst wie ein Eichhörnchen am Baum empor. Er hatte kein Auge für die unter ihm gähnenden Krokodilrachen. Sich verkehrt auf den Ast setzend, zog er Josefa zu sich heran und trennte mit einem raschen Schnitt seines Messers den Lasso von dem Baum. Dann schlang er sich den Riemen, dessen Schlinge noch unter den Armen Josefas lag, um den Leib und faßte diese Schlinge mit den Zähnen. Nun hing sie halb an seinen Zähnen und halb war sie mit ihm zusammengebunden. So wurde ihm die Last erleichtert, mit der er schnell hinabkletterte.

»Lebt sie?« fragte Cortejo, der eines der Pferde am Zügel hielt und noch gar nicht aufgestiegen war. Da rief von weitem her eine laute, dröhnende Stimme: »Halt, Räuber! Herab vom Pferd!« – »Um Gottes willen, das ist Büffelstirn!« sagte der Amerikaner. »Rasch auf das Pferd und mir nach, Señor!«

Damit sprang er auf Büffelstirns Pferd und Cortejo auf das seinige. Im nächsten Augenblick aber krachte ein Schuß. Die Kugel pfiff dem kühnen Jäger am Kopf vorüber und traf einen anderen, der neben ihm ritt. Dieser wurde vom Pferd noch eine Strecke getragen und stürzte dann herab.

Die übrigen entkamen mit Josefa, auch die zwei, die die Pferde in ihre Obhut genommen hatten. Grandeprise voran, stürmten sie den Berg hinab. Unten angekommen, bogen sie rechts ab und hetzten in raschestem Galopp nach Süden, immer der Richtung des Höhenzuges nach, der ihnen zur Rechten blieb.

So ging es eine ganze Stunde fort, während der man fast zwei deutsche Meilen zurückgelegt hatte. Da endlich hielt der Amerikaner sein Pferd an, und die anderen folgten seinem Beispiel. Er hatte Josefa bei sich auf dem Pferd gehabt; jetzt stieg er ab und legte sie in das Gras, durch welches ein kleines Wasser floß.

»Ah, das war ein Ritt!« keuchte Cortejo. »Wie ist's, Señor, lebt sie noch?« – »Ja«, antwortete Grandeprise. – »Aber sie regt sich doch nicht.« – »Sie ist unterwegs einige Male aufgewacht, aber immer wieder ohnmächtig geworden. Wir wollen es hier einmal mit dem Wasser versuchen.« – »Haben wir Zeit dazu?« – »Ja. Unser Vorsprung ist groß genug. Ehe Büffelstirn und Donnerpfeil die Hazienda zu Fuß erreichen, wo sie Pferde erhalten können, sind wir längst über alle Berge.«

Auch die anderen stiegen ab. Cortejo und Grandeprise knieten neben Josefa nieder und bespritzten ihr Gesicht mit Wasser. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen. Ihr Blick fiel auf Cortejo.

»Vater, die Krokodile!« lispelte sie. – »Du bist gerettet, mein Kind!« antwortete er. – »Wo sind sie?« – »Noch auf dem Berg. Wir aber sind weit fort.«

Jetzt erst begann ihr Blick selbstbewußter zu werden.

»Santa Madonna!« stammelte sie. »Wo ist Büffelstirn?« – »Du bist in Sicherheit, Josefa!« erklärte ihr Vater abermals.

Josefa richtete sich empor und blickte ihre Begleiter an.

»Ah, gerettet!« rief sie. »Habt ihr sie erschossen?« – »Ja.« – »Alle? Auch Büffelstirn und Helmers?« – »Nein, diese nicht.« – »Sie sollen sterben, eines fürchterlichen, schauderhaften Todes, so wie ich sterben sollte!« – »Das werden sie auch, mein Kind. Erst aber müssen wir in Sicherheit sein.«

»Wie kommst du hierher?« fragte sie. »Ich denke, du bist am Rio Grande in Fort Guadeloupe!« – »Was soll ich dort?« – »Ah! Du hast meinen Brief nicht erhalten?« – »Nein.« – »Die fünfzig Mann, die ich dir sandte, sind nicht zu dir gekommen?« – »Nein.« – »Sternau hatte meinen Brief. Er hat ihn aufgefangen und die Leute getötet.« – »So lebt er wirklich noch?« – Ja. Du weißt das noch nicht?« – »Ich wollte es nicht glauben.« – »Oh, Vater, sie leben alle.«

Vater und Tochter sprachen jetzt leise miteinander und wurden von den anderen nicht gehört, daß diese sich rücksichtsvoll zurückgezogen hatten.

»Alle? Wen meinst du noch damit?« – »Mariano, Emma Arbellez, Karja, die Indianerin, und auch Don Ferdinando«

Cortejo wurde so weiß wie eine getünchte Wand. Er vermochte für den Augenblick kein Wort hervorzubringen.

»Don Ferdinando?« fragte er endlich.

Aber Josefa mußte das Wort mehr von seinen blutleeren Lippen lesen, als daß sie es zu hören oder zu verstehen mochte.

»Ja«, nickte sie. – »Wo sind sie?« – »Die vier sind auf Erina, die anderen bei Juarez, und Don Ferdinando ist auf Fort Guadeloupe, wo er krank darniederliegt.« – »Welch ein Unheil! Wir sind verloren!«

Da leuchteten Josefas Eulenaugen grimmig auf.

»Verloren, sagst du? O nein! Ich bin gerettet. Das soll mir ein sicheres Zeichen sein, daß wir doch noch triumphieren werden. Alle unsere Leute sind zwar tot, aber wir werben andere. Hast du Geld?« – »Genug.« – »Das ist die Hauptsache. Wir müssen fliehen. Schaffe uns zunächst einen sicheren Schlupfwinkel. Das übrige wird sich finden.« – »Wie fühlst du dich? Du hast Fürchterliches ausstehen müssen.« – »Ich denke nur daran, mich zu rächen. Schmerzen fühle ich nur noch hier. Ich habe einige Rippen gebrochen.« – »Donnerwetter! Wann?« – »Das erfährst du noch. Jetzt stehen zu viele Lauscher da. Ich muß zu einem Arzt, sonst gehe ich zugrunde.« – »Gut; das werde ich besorgen. Alles andere besprechen wir noch.«

Cortejo wandte sich von seiner Tochter weg zu Manfredo.

»Du denkst, daß wir bei deinem Oheim Aufnahme finden würden?« – »Ganz sicher«, antwortete der Gefragte. – »Er versteht wirklich, Kranke zu behandeln?« – »Er ist ein erfahrener Arzt.« – »Weißt du den Weg nach Santa Jaga genau?« – »Sehr genau. Aber ich denke, wir machen einen Umweg, weil wir jedenfalls verfolgt werden.« – »Du hast recht. Wann werden wir dort anlangen können?« – »Übermorgen am Abend.« – »So mag unser Ritt nach Santa Jaga gehen. Ihr werdet uns doch begleiten, Señor Grandeprise?« – »Das versteht sich von selbst. Ich verlasse Euch nicht eher wieder, als bis Ihr mir gesagt habt, wo ich Landola treffen kann.« – »Das sollt Ihr ganz bestimmt erfahren. Jetzt aber wollen wir versuchen, aus Decken eine Hängematte zwischen zwei Pferden zustande zu bringen. Meine Tochter ist krank. Sie darf nicht reiten.«

8. Kapitel.

Büffelstirn und Helmers sahen ein, daß eine Verfolgung der Feinde zunächst unmöglich sei, und kehrten nach dem Teich zurück.

Als sie denselben erreichten, lagen zehn Leichen dort. »Keiner lebt! Alle tot!« sagte Helmers traurig. Büffelstirn blickte finster vor sich hin.

»Ich werde sie rächen«, sagte er. »Mein Bruder Donnerpfeil gehe mit zu dem Mann, den meine Kugel getroffen hat.«

Sie schritten dahin, wo der Verwundete lag. Er krümmte sich am Boden und war augenscheinlich dem Tode nahe. Die Kugel war ihm in die Seite des Kopfes gedrungen und in der Entfernung von drei Zoll wieder hinausgegangen. Er schien noch bei Besinnung zu sein.

»Wer bist du?« fragte Helmers.

Der Mann blickte ihn an, ohne zu antworten.

»Was wolltet ihr hier?« fuhr Helmers fort.

Jetzt schien der Sterbende sich zu besinnen.

»Josefa befreien«, sagte er. – »Wer führte euch denn?« – »Grandeprise.« – »Grandeprise? Wer ist das?« – »Ein Yankeejäger.« – »Wie kamt ihr zu diesem? Du bist doch ein Mexikaner!« – »Cortejo brachte ihn mit.« – »Cortejo?« fragte Helmers erstaunt. »Wo war Cortejo?« – »Hier, bei uns.«

Der Mann schloß die Augen wieder. Der Tod trat ihm näher.

»Hier bei euch? Ist das wahr?« – »Ja«, antwortete er immer leiser. – »Und er ist entkommen?« – »Ja.« – »Wohin will er?« – »Ich weiß es nicht.« – »Du weißt es, du mußt es wissen! Du mußt es sagen! Deine Sünden werden dir jenseits nicht vergeben werden, wenn du es verschweigst!«

Helmers faßte den Mann an und rüttelte ihn. Dieser begann schon, sich zu strecken. Aber er hatte die Worte doch vernommen und antwortete mit Anstrengung seiner letzten, schwindenden Kräfte:

»Vielleicht – nach dem – Kloster della Bar …«

Das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Der Mund schloß sich. Ein dicker Schweiß trat auf sein Gesicht, ein Röcheln, ein Schütteln seines ganzen Körpers, und dann war er tot.

»Ah! Zu spät! Er brachte das Wort nicht hervor!« – »Die Krokodile sollen ihn fressen!« meinte Büffelstirn zornig.

Er hob den Entseelten auf, trug ihn nach dem Teich und warf ihn ins Wasser. Es entstand ein kurzer, aber desto gräßlicherer Kampf zwischen den häßlichen Amphibien, die den schauderhaften Fraß einander streitig machten, dann war es vorüber.

»Nun aber fort, den Berg hinab!« sagte Helmers. »Wir müssen wissen, in welcher Richtung sie davongeritten sind.« – »Wir müssen laufen wie die Pferde«, stimmte der Mixteka bei.

Nach diesen Worten eilte er davon, wie aus einer Pistole geschossen, im schnellsten Dauerlauf den Berg hinab, und dabei immer die Spuren der Entkommenen mit dem Auge festhaltend.

Helmers folgte ihm und blieb ihm hart auf den Fersen. Unten wandten sie sich rechts und rannten weiter. Da aber, wo die Richtung nach der Hazienda abging, blieb Büffelstirn halten und sagte:

»Einer muß zu Sternau.« – »Das ist wahr! Aber wer? Du oder ich?« – »Ich werde gehen«, meinte der Mixteka. »Mein Bruder folge der Spur weiter, bis wir ihn einholen. Er mag uns den Weg kenntlich machen.« – »Gut. Bringt mir ein braves Pferd mit. Ich lasse mich nicht eher wieder auf der Hazienda sehen, als bis diese Scharte ausgewetzt ist.«

Er schritt auf der Fährte weiter, ohne sich nur noch einmal umzusehen. Der Mixteka dagegen eilte auf die Hazienda zu.

Er hatte jedenfalls nicht das Leichteste auf sich genommen. Es war keine Kleinigkeit, Sternau das Vorgefallene mitzuteilen.

Als er auf del Erina ankam, stand Sternau eben bei Bärenherz, um abermals zu versuchen, von ihm etwas über den Ritt der Freunde zu erfahren. Als er den Mixteka auf sich zukommen sah, heiterte sich sein Gesicht auf. Er hoffte, nun Klarheit zu erhalten, und sie sollte ihm auch werden, allerdings eine Klarheit, die er nicht erwartet hatte.

»Ich sprach mit dem Häuptling der Apachen von dir«, sagte er. »Wo ist Büffelstirn mit Donnerpfeil gewesen?«

Büffelstirn verzog keine Miene, als er antwortete:

»Auf dem Berg El Reparo.« – »Ah, ich ahnte es! Was haben sie getan?« – »Sie haben getan etwas, was ihnen niemand vergeben kann. Sie haben die Gefangene meines Bruders Sternau entkommen lassen.« – »Meine Gefangene habt ihr entkommen lassen? Josefa Cortejo?« – »Ja.« – »Diese befindet sich doch im Keller.« – »Nein. Sie war mit auf dem Berg El Reparo.« – »Die Wachen sagten, sie sei im Keller.« – »Sie mußten so sagen, denn ich hatte es ihnen befohlen.«

Das Gesicht Sternaus verfinsterte sich plötzlich.

»Mein Bruder befiehlt seinen Leuten, mich zu belügen?« sagte er. »Von einem solchen Freund mag ich nichts mehr wissen.«

Damit drehte er sich um und stand im Begriff, fortzugehen. Da aber zog Büffelstirn sein Messer und sagte:

»Wird der Fürst des Felsens mich verlassen?« – »Ja«, antwortete Sternau. – »So stoße ich mir das Messer in die Brust, damit du siehst, daß ich mich selbst zu strafen weiß.«

Sternau kannte den Indianer genau. Er wußte, daß er Wort halten werde. Darum drehte er sich wieder um und fragte:

»Büffelstirn und Donnerpfeil haben die Tochter Cortejos mit nach dem Berg El Reparo genommen?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Hat der Häuptling der Apachen es gewußt?« – »Ja.« – »Meine Freunde sind nicht klug gewesen und auch nicht gut und aufrichtig gegen mich. Warum haben sie das Mädchen mitgenommen?« – »Wir haben sie über den Krokodilen aufgehängt, um ihr den Tod zu zeigen, den sie erleiden wird.« – »Was geschah dann?« – »Ihr Vater kam, sie zu retten.« – »Cortejo selbst?« – »Ja.« – »Das ist ja fast unmöglich! Ist es ihm gelungen?« – »Ja. Er hat uns überlistet und uns seine Tochter gestohlen, zehn Krieger der Mixtekas getötet und unsere Pferde mit fortgenommen.«

Sternau war fast starr vor Erstaunen über diese Nachricht.

»Wo ist Donnerpfeil?« fragte er. – »Er ist auf Cortejos Fährte.« – »Wohin führt sie?« – »Von El Reparo nach Süden.« – »Er hat kein Pferd?« – »Nein. Auch ich bin zu Fuß nach der Hazienda gekommen.« – »Wie viele Leute hat Cortejo bei sich?« – »Zehn oder zwölf.« – »Der Häuptling der Mixtekas mag es ausführlich erzählen!«

Büffelstirn berichtete alles, was geschehen war. Es war dies die fürchterlichste Buße, die er sich auferlegte. Sternau und Bärenherz hörten ihm schweigend zu, bis er geendet hatte. Dann sagte der erstere:

»Wir müssen beide holen, sowohl den Vater wie auch die Tochter.« – »Ich werde sie holen«, erklärte der Mixteka. – »Und ich werde mitgehen«, fügte Bärenherz hinzu, der einsah, daß seine Verschwiegenheit auch mit schuld an dem unglücklichen Ausgang des unvorsichtigen Rittes gewesen war, und daher selbst mitwirken wollte, um die Folgen wieder quitt zu machen.« – »Die Verfolgung dieser Leute ist mir so wichtig, daß ich sie selbst in die Hand nehmen werde«, sagte Sternau. – »Warum will mein Bruder nicht hierbleiben?« fragte Büffelstirn. »Ich und der Häuptling der Apachen, wir werden die beiden fangen und nach der Hazienda bringen.« – »Ich muß selbst dabeisein. In zehn Minuten reite ich.«

Sternau sprach diese Worte in einem nicht unfreundlichen, aber so bestimmten Ton, daß ein Widerspruch gar nicht möglich war, und ging fort.

»Der Fürst des Felsens will mir keine Vorwürfe machen, aber er ist sehr zornig auf mich«, sagte Büffelstirn zu Bärenherz. – »Er ist zornig auch auf mich, da ich gewußt habe, wo ihr seid«, antwortete dieser. »Ich werde mein Pferd satteln und alles tun, um seinen Zorn zu zerstreuen.«

Auch er ging.

Büffelstirn war außerordentlich niedergeschlagen. Er hätte lieber die schärfsten Vorwürfe mit angehört, als die wortlose Mißbilligung gesehen, die Sternau gezeigt hatte. Er begab sich zu dem zweiten Häuptling der Mixtekas, auf den er sich verlassen konnte.

»Ich werde die Hazienda verlassen«, sagte er zu ihm. »Auch der Fürst des Felsens und Bärenherz gehen mit. Mein Bruder ist also der einzige Anführer und Häuptling, der zurückbleibt. Er mag Arbellez gut beschützen und Juarez die Kinder der Mixtekas zuführen, sobald er kommt.« – »Wohin geht mein Bruder?« fragte der Häuptling. – »Ich weiß es nicht.« – »Wann kommt er zurück?« – »Auch das weiß ich nicht.« – »Sollen ihn keine Krieger begleiten?« – »Es mögen zehn Männer mitreiten, die es gut verstehen, eine Fährte zu lesen. Mehr brauche ich nicht.«

Damit war alles abgemacht. In der von Sternau gegebenen Zeit ritt er mit den beiden Häuptlingen in Begleitung von zehn Mixtekas von der Hazienda fort. Einer dieser letzteren führte ein für Helmers bestimmtes Pferd am Zügel.

9. Kapitel.

Nicht weit von der Nordgrenze der Provinz Zacatecas liegt das Städtchen Santa Jaga. An und für sich durch nichts erwähnenswert, wurde es doch sehr oft genannt, weil auf dem Berg, an dessen Fuß es liegt, sich ein hoher, altertümlicher Doppelbau erhebt, der noch heute das Kloster della Barbara heißt, obgleich das Kloster säkularisiert wurde und nun anstatt nur religiösen, auch mehr menschlichen, werktätigen Zwecken dient. Es ist eine Heilanstalt für Irre und allerlei körperlich Kranke.

In dem Städtchen gab es jetzt reges Leben. Vor einigen Tagen war nämlich eine Schar von Franzosen hier eingezogen. Von Norden kommend, hatten diese Leute weder Waffen, noch sonstige Ausrüstungsgegenstände bei sich gehabt, und bereits nach kurzer Zeit brachte man in Erfahrung, daß diese Truppe die Besatzung von Chihuahua gebildet hatte und von Juarez gezwungen worden war, die Waffen zu strecken und das Versprechen abzulegen, nicht wieder gegen ihn zu kämpfen.

Der Kommandant dieser in Ruhestand versetzten Truppe hatte eine Stafette um Verhaltungsmaßregeln nach dem Hauptquartier abgeschickt und mußte bis zur Rückkehr derselben hier verweilen.

Über alles dies war nicht viel zu sprechen. Das einzige, was in der Stadt den Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit bildete, war der Umstand, daß mit diesen Leuten eine Dame gekommen war, eine Dame von so wunderbarer Schönheit, daß sie den Neid der Frauen und die Bewunderung der Männer im Sturm erregt hatte, trotzdem sie erst zweimal in der Kirche zu sehen gewesen war.

Sonderbarerweise hatte sie sich nicht in der Stadt, sondern droben im alten Kloster eine Wohnung gesucht, und zwar bei dem jetzigen Pförtner und Heilgehilfen der Anstalt, der unter dem Namen Pater Hilario allgemein bekannt, aber keineswegs beliebt war.

Es war Abend, und Pater Hilario saß in seiner Klause, über alten medizinischen Schriften brütend. Seine Stube war höchst einfach eingerichtet. Das einzige Auffällige hier waren die vielen Schlüssel, die rund an den Wänden hingen.

Der Pater war ein kleines, hageres Männchen mit Kahlkopf. Sein vollständig glattrasiertes Gesicht zeigte jene Verbissenheit, die man nicht bei Menschen, sondern nur bei Bulldoggen suchen möchte und doch bei den ersteren zuweilen findet. Er mochte im Anfang der siebziger Jahre stehen, schien aber noch ziemlich rüstig zu sein.

Da klopfte es leise an die Tür. Er hörte es dennoch sogleich, und es ging ein Lächeln über sein Gesicht, ein Lächeln, das nur sehr schwer zu beschreiben ist. Könnte der Stößer lächeln, wenn er das Nahen einer ahnungslosen Taube gewahrt, so würde sein Lächeln genau dasjenige des Paters Hilario sein.

»Herein!« sagte er im freundlichsten Ton, der ihm möglich war.

Die Tür öffnete sich, und wer trat ein? Señorita Emilia, die wir bereits von Chihuahua her kennen.

»Guten Abend, ehrwürdiger Herr«, grüßte sie. – »Hochwillkommen, schöne Señorita!« antwortete er, indem er sein Buch zuklappte und sich von dem alten Stuhl erhob. – »Ich hoffe doch, daß ich nicht störe«, lächelte sie. – »Stören, Señorita? Wo denkt Ihr hin. Ich stehe Euch zu jeder Zeit bei Tag und Nacht mit tausend Freuden zur Verfügung. Darum habe ich mir ja auch erlaubt, bei Euch anfragen zu lassen, ob Ihr die Gewogenheit haben wollt, an meiner Abendschokolade teilzunehmen.« – »Und ich bin Eurer Einladung sehr gern gefolgt, weil ich dabei Gelegenheit finde, die Langeweile des Abends ein wenig zu verplaudern.« – »Oh, an dieser Langeweile seid Ihr ja selber schuld. Warum habt Ihr Euch bei mir und nicht unten in der Stadt einquartiert? Da unten hätte es an Kurzweil nicht gefehlt.« – »Ich danke für diese Kurzweil! Eine aufschlußreiche und interessante Unterhaltung mit einem Charakter, dem ein langes Leben Gelegenheit gegeben hat, sich zu kristallisieren, ist mir mehr wert, als jene Zerstreuungen.«

Emilia nahm nachlässig auf dem Sofa Platz. Aber diese Nachlässigkeit war eine so fein berechnete, daß dabei die Schönheit ihrer vollen, elastischen Glieder auf das deutlichste hervorgehoben wurde.

Der frühere Mönch ließ seine Augen mit gierigen Blicken auf ihr ruhen. Es war, als ob er sie verschlingen möchte. Sie aber tat, als ob sie dies gar nicht bemerke.

»Wollt Ihr etwa sagen, daß Ihr mich für einen kristallisierten Charakter haltet?« fragte er. – »Gewiß«, antwortete sie unter einem Aufschlag ihrer Augen, der so fromm, so unbefangen und unbewußt war und doch das älteste Herz zu jugendlicher Glut anfachen konnte. »Ich hasse das Unfertige, Unvollendete, auch in Beziehung auf den Umgang mit den Menschen. Ich würde nie mit einem Mann sympathisieren, dessen Inneres und Äußeres noch zu wachsen, sich noch zu entwickeln hat.« – »Ihr vergeßt aber, daß beim Menschen in demselben Augenblick, da das Wachstum aufhört, auch der Niedergang wieder beginnt.« – »Oh, das nennt Ihr Niedergang, Señor Hilario? Wenn der Mensch von den Kräften seines Körpers und Geistes abgeben kann, so ist dies nur ein Beweis, daß er ein überreiches Quantum dieser Kräfte besitzt.« – »Sonach würde es für Euch gar kein Alter geben!« – »Allerdings nicht.« – »Auch in der Liebe nicht?« fragte er mit unsicherer Stimme. – »Auch da nicht. Ich könnte mein Herz niemals einem Mann schenken, dessen Jahre nicht Ehrerbietung von mir forderten.« – »Aber doch einem Greise nicht?« – »Warum nicht? Was nennt Ihr einen Greis? Wir haben jugendliche Greise und grauköpfige Jünglinge. Habt Ihr noch nicht gehört, daß es Mädchen gibt, die eine Vorliebe für graues Haar besitzen?« – »Ja, es soll solche geben. Aber gehört vielleicht auch Ihr zu ihnen?« – »Ja.«

Der Pater wollte mit Eifer weitersprechen, wurde aber unterbrochen, denn es trat eine alte Frauensperson ein, die die Schokolade brachte. Sogleich, nachdem diese sich entfernt hatte, goß er seinem schönen Besuch eine Tasse voll und sagte:

»Trinkt, Señorita. Es ist das erste Mal, daß eine Dame mir diese Ehre erweist, ich würde viel darum geben, wenn ich dieses Glück täglich genießen könnte.« – »Haltet Ihr es wirklich für ein Glück?« fragte Emilia in einem Ton, der sein Blut in Wallung brachte. – »Ja«, antwortete er, »es ist das größte Glück, das es nur geben kann. Ich wollte, Ihr wärt nicht nur Gast, sondern Bewohner des Hauses. Wie schade, daß Ihr es verlassen müßt, sobald die Franzosen wieder aufbrechen!« – »Die Franzosen? Was gehen mich diese an?«

Der Pater horchte auf.

»Ich denke, Ihr gehört zu ihnen?« fragte er. – »Warum denkt Ihr das, Señor?« – »Weil Ihr mit ihnen gekommen seid. Man meint hier allgemein, daß Ihr die Frau oder die Witwe eines ihrer Offiziere seid.«

Emilia schlug eine helle, melodische Lache auf, deren Klang alle seine Fibern erbeben ließ. Er hatte noch nie ein so entzückendes, hinreißendes Lachen gehört

»Da irrt man sich ganz außerordentlich«, entgegnete Emilia. »Sagt einmal aufrichtig, habe ich etwas das Aussehen einer alten Frau oder Witwe?«

Sein Auge glühte auf ihre schöne, reizvolle Gestalt herüber. Er antwortete:

»Einer alten? Oh, Señorita, was denkt Ihr? Ihr würdet ganz sicher selbst die Venus besiegen, wenn sie es wagen wollte, sich in einen Wettstreit mit Euch einzulassen!« – »Ein zu starkes Kompliment ist kein Kompliment, Señor!« – »Oh, ich sage die Wahrheit!« rief er begeistert. »Ihr gehört also nicht zu den Franzosen?« – »Nein.« – »Aber warum reist Ihr denn mit ihnen?« – »Weil sie den Auftrag haben, mich zu beschützen, mich sicher nach Mexiko zu bringen. Ich hatte die Absicht, Chihuahua, wo ich sehr einsam wohnte, mit der Hauptstadt zu vertauschen, und bei den Wirren, unter denen unser Land jetzt leidet, war es mir höchst willkommen, mich einer solchen Begleitung anschließen zu können.« – »Ihr hattet keine Verwandten in Chihuahua?« – »Nein.« – »Aber in Mexiko findet Ihr welche?« – »Auch nicht. Ich stehe ganz allein im Leben da.« – »Aber was treibt Euch da nach Mexiko, Señorita?«

Emilia schlug die Augen nieder und errötete so natürlich, wie man es nur durch die größte Übung zustande bringen kann.

»Ihr bringt mich fast in Verlegenheit mit dieser Frage, Señor«, antwortete sie. – »So bitte ich um Verzeihung. Aber ich nehme einen so innigen Anteil an Euch, daß ich glaubte, diese Frage aussprechen zu dürfen.« – »Ich danke Euch und sehe ein, daß Euch gegenüber eine Prüderie ganz und gar nicht am Platz wäre. Ich achte und schätze Euch und will Euch dies beweisen, indem ich Eure Frage beantworte. Ein von der Natur nicht ganz und gar vernachlässigtes Weib muß fühlen, daß es nicht für die Einsamkeit bestimmt ist.« – »Ah, fühlt Ihr das, Señorita?« fragte er rasch. – »Ja. Gott hat uns die herrliche Aufgabe zugeteilt, zu lieben und durch die Liebe glücklich zu machen. Ich bin noch nicht an diese Aufgabe herangetreten, infolge meines einsamen Lebens.« – »Ihr hättet noch nicht geliebt?«

Bei diesen Worten ruhte Hilarios Auge wohlgefällig auf ihrer Gestalt. Emilia senkte abermals die langen, seidenen Wimpern, und ihr Busen hob sich unter einem tiefen, sehnsüchtigen Seufzer. Er fühlte, daß er vor Liebe zu diesem Weib verrückt werden könne.

»Nein, noch nie«, antwortete sie leise, als ob sie sich dieser Antwort schämte. – »Und doch besitzt Ihr alles, was einen Mann bis zum Wahnsinn glücklich machen kann«, antwortete er mit sichtbarer Begeisterung. – »Leider habe ich das noch nicht erfahren, ich lernte noch keinen kennen, bei dessen Anblick ich mir sofort gesagt hätte, daß ich sein eigen sein möchte. Doch Mexiko ist größer als Chihuahua, ich will nicht länger einsam sein. Das ist der Grund, daß ich nach dieser Stadt ziehe.« – »Ah, Ihr wollt Euch dort einen Mann suchen?«

Emilia errötete, doch sah es aus, als ob sie ihr Schamgefühl zu beherrschen suchte. Ihr Auge fest und offen auf ihn richtend, antwortete sie:

»Euch gegenüber will ich das nicht leugnen, obgleich ich bei einem anderen wohl nicht so aufrichtig sein würde.« – »Muß dies gerade in Mexiko sein, Señorita? Gibt es anderwärts nicht Männer, die Euren Wert zu schätzen wissen würden?« – »Ihr mögt recht haben. Aber wer einen Baum sucht, der soll in den Wald gehen, wo ihrer viele zu finden sind, und nicht auf das offene Feld, wo im glücklichen Fall ein einziger zu finden ist.« – »Ihr habt recht. Aber wenn man nun auf dem Weg zum Wald einen Baum trifft, dem danach verlangt, daß die grüne Ranke sich um ihn schlingen und an ihm blühen möge?«

Emilia machte eine überraschende Bewegung mit der Hand, stimmte einen neckisch heiteren Ton an und antwortete lachend:

»So bleibt man stehen, um ihn sich anzuschauen.« – »Und wenn er einem gefällt?« – »Nun, so rankt man sich getrost an ihm hinauf. Nicht, Señor Hilario?«

Auf seinem Faungesicht glänzte das helle Entzücken.

»Gewiß, Señorita«, antwortete er. »Nur fragt es sich, welche Eigenschaften und welches Alter dieser Baum haben müßte oder dürfte.« – »Nun, er dürfte nicht zu jung und schwankend sein. Ehrwürdigkeit ziert einen Baum, und das Moos verleiht ihm hochpoetische Reize.« – »Señorita, Ihr seid ein Engel!« rief er ganz entzückt. – »Das könnt Ihr wohl schwerlich beweisen.« – »Ich fühle es, und das ist genug. Darf ich einen solchen Baum für Euch suchen?« – »Tut es immerhin. Es steht mir ja doch frei, mich für ihn zu entscheiden oder nicht.« – »Das steht Euch allerdings frei«, sagte er tief aufatmend, da er seine innere Erregung kaum bemeistern konnte. Und mit heller, beinahe bebender Stimme fügte er hinzu: »Der Baum steht nämlich hier in Santa Jaga.« – »Hier? Wo?« fragte Emilia mit gutgespielter Verwunderung. – »In unserem Kloster della Barbara.« – »Im Kloster, Señor? Ich habe da noch keinen Baum gesehen.« – »O doch. Er steht ja vor Euch.«

Der Pater stieß diese Worte hastig hervor. Um seinen Mund lag jenes angstvolle Lächeln, das geeignet ist, selbst das schönste Gesicht zu verzerren.

Emilia schien das nicht zu beachten. Sie blickte ihn groß an und fragte:

»Ihr? Meint Ihr Euch, Señor? Ah, bei Gott, das hätte ich nicht erwartet!«

Emilia legte wie in heller, mädchenhafter Verwunderung die schönen, weißen Hände zusammen und blickte ihn mit einem Ausdruck an, der unbedingt ein Meisterstück der Verstellungskunst genannt werden mußte. Es waren darin zu lesen freudige Überraschung und Genugtuung, Glück und Schadenfreude, Wonne und Hohn, aufleuchtende Liebe und stiller Ekel, Gewißheit der Erhörung und der Triumph der weiblichen Schlauheit und Berechnung. Aber gerade diese Kontraste machten das Mädchen in diesem Augenblick geradezu unwiderstehlich. Der Pater hätte jetzt ihr zuliebe einen Mord ausführen können und fragte:

»Nicht erwartet, habt Ihr das? Warum? Ihr selbst habt ja den Baum zum Vergleichsbild gewählt. Habt Ihr mich nicht verstanden?« – »Verstanden habe ich Euch, Señor«, lächelte sie. Und mit einem himmlisch-diabolischen Lächeln fügte sie hinzu: »Ihr meint unter dem Baum den Mann, den ich suche?« – »Ja, allerdings, Señorita.« – »Und dieser Mann wolltet Ihr selbst sein?« – »Oh, wie gern! Ich wollte alles aufbieten, um Euch glücklich zu machen.«

Ein blitzschneller, stechender Blick fiel aus ihren Augen auf ihn. Ihr Gesicht wurde kalt und streng, und mit einer plötzlichen Ruhe und Sicherheit, durch die seine Leidenschaft nur doppelt tief aufgewühlt wurde, fragte sie:

»Was ist das, was Ihr aufbieten könnt, Señor?« – »Ah, Ihr haltet mich für den einfachen, armen Pater Hilario?« – »Für wen oder was sollte ich Euch sonst halten?« – »Oh, die einfache Hülle verbirgt oft sehr viel. Sagt, was Ihr von dem Mann verlangt, dem Ihr angehören möchtet?« – »Wozu? Ihr könnt dieser Mann doch nicht sein!« – »Warum nicht?« – »Ihr seid ja Pater, Ihr seid ja Mönch!« – »Mönch? Wo denkt Ihr hin! Das ist längst vorüber. Ich bin aus dem Orden getreten und kann tun, was mir beliebt.« – »Ah, das ist etwas anderes. Ihr dürft also heiraten?« – »Wer will es mir verwehren? Also sagt, was Ihr von Eurem Mann verlangen würdet, Señorita?« – »Zunächst Liebe, heiße, treue Liebe!« – »Diese ist da. Oder zweifelt Ihr daran?« rief er, tief erregt. – »Ich will es glauben.« – »So sprecht weiter!« – »Ich bin zwar nicht reich, Señor, habe aber auch nie mit Armut zu kämpfen gehabt. Ich würde Garantie verlangen, daß ich Mangel und Entbehrung niemals kennenlernen würde. Urteilt nicht vorschnell über dieses Verlangen, Señor! Wenn ich auf die Freuden der Freiheit verzichte, so ist eine Genugtuung in anderer Weise nicht mehr als recht und billig.« – »Ich verstehe Euch vollständig, Señorita, und ich sage Euch, daß ich an Eurer Stelle ganz ebenso handeln würde. Glücklicherweise kann ich Euch die Versicherung geben, daß ich reich, sehr reich bin.« – »Ihr?« fragte Emilia ungläubig. »Reich? Sehr reich?«

Ihr Blick fiel dabei mit stolzem Ausdruck auf sein unscheinbares Äußeres.

»Urteilt nicht nach meinem Gewand, Señorita!« sagte er. – »Gut Ihr versichert mir, daß Ihr reich seid. Könnt Ihr es mir auch beweisen?«

Der Pater blickte nachdenklich und einigermaßen verlegen vor sich nieder.

»Ja, ich kann es beweisen«, sagte er endlich in entschlossenem Ton. – »So tut es!« – »Ich müßte vorher jedoch die Überzeugung haben, daß Ihr mir auch wirklich Eure Hand reichtet, falls ich Euch beweise, daß ich reich bin.« – »Diese Überzeugung kann Euch vielleicht werden, wenn Ihr imstande seid, meine zweite und letzte Bedingung zu erfüllen.« – »Welche Bedingung wäre dies, Señorita?« – »Ihr könnt Euch denken, daß ich mir nicht einen Mann nehme, um Frau ›Paterin‹ zu werden. Ich verlange eine Stellung.« – »Was versteht Ihr unter diesem Wort?« – »Ich verstehe darunter eine geachtete, öffentliche Existenz, die mir Gelegenheit gibt, dir mir verliehenen Geistesgaben zur Verwertung zu bringen.« – »Ah, Ihr verlangt viel, sehr viel, Señorita«, sagte er.

Da erhob Emilia sich langsam von ihrem Sitz und stellte sich vor ihn hin. Er sah sie wie ein Bild, von Künstlerhand aus edelstem Material gemeißelt und mit einer Gewandung versehen, die nur angelegt zu sein schien, den Eindruck dieser sinnberückenden Figur zu verdoppeln, nein, zu verzehnfachen. In ihrem Gesicht lag ein unwiderstehliches Selbstbewußtsein, als sie fragte:

»Ihr meint, daß ich zu viel verlange. Seht mich an! Ich weiß, daß ich schön bin, aber ohne darauf stolz zu sein. Ich weiß, daß der Mann, den ich heiraten will, mich auch lieben wird, wenn ich einmal will. Ich werde nach Mexiko an den Hof des Kaisers gehen. Ich werde dort zu den Schönheiten zählen, vor denen man auf den Knien liegt, und meine intellektuellen Eigenschaften werden mich befähigen, den Eindruck meiner äußeren Erscheinung auf das vorteilhafteste zu verwerten. Ich werde bald Einfluß und Ansehen besitzen und unter den Männern von Bedeutung denjenigen wählen, der mir meiner wert erscheint! Das alles weiß ich. Lächelt meinetwegen darüber! Nennt es Anmaßung, Selbstüberhebung! Ich habe nichts dagegen. Aber wenn Ihr Menschenkenner seid, so muß Euch die ruhige Überzeugung, mit der ich spreche, genügende Garantie bieten, daß ich mich genau kenne, daß ich meine Mittel zu berechnen weiß und daß ich nicht phantasiere.«

Emilia stand vor dem Pater und er vor ihr, er, der kleine, hagere Mann vor diesem unvergleichlich schönen Weib, aber es war ihm keine Mutlosigkeit anzusehen. Es lag vielmehr der Ausdruck des Stolzes auf seinem glatten, grob materialistisch gezeichneten Gesicht, als er antwortete:

»Was denkt Ihr von mir, Señorita! Ich verkenne Euch nicht, sondern bin überzeugt, daß Ihr die Wahrheit sagt. Ja, Ihr werdet Eure Rolle spielen, wenn Ihr nach Mexiko kommt; Ihr werdet Ehren und Einfluß erlangen, denn Ihr seid schön und versteht, zu berechnen. Aber selbst hierbei bedarf die begabteste Frau der männlichen Hilfe und Leitung. Ich sehe, daß wir uns ebenbürtig sind. Wollt Ihr Euch meiner Leitung anvertrauen?« – »Ebenbürtig?« lächelte sie. »Wie meint Ihr das?« – »Ich meine natürlich geistig gleichbegabt, nicht körperlich, denn da habe ich Euch nichts zu bieten, und Ihr steht hoch über mir.«

Ihr Gesicht nahm den Ausdruck der Güte und Milde an, mit der man zu einem Kind spricht, als sie jetzt langsam fragte:

»Ah, Ihr seid auch geistig begabt, Señor?«

Der Pater wußte gar nicht, was für ein Gesicht er zu dieser Frage machen sollte. Er wurde beinahe verlegen, und in befangenem Ton fragte er:

»Zweifelt Ihr daran?« – »O nein. Ein jeder Mensch besitzt ja mehr oder weniger geistige Begabung. Aber wenn man diese Begabung nach der Stellung beurteilt, die Ihr Euch errungen habt, so … hm, vollendet Euch den begonnenen Satz selbst.«

Jetzt spielte ein leichtes, spöttisches Lächeln um seine Lippen.

»Welche Stellung bekleidet Ihr, Señorita?« fragte er. – »Ah, Ihr werdet scharf und spitz«, lachte sie. »Es gibt Stellungen und Einflüsse, von denen man nicht spricht, Señor.« – »Da habt Ihr ein sehr wahres Wort gesprochen. Also reden wir von meiner Stellung und meinen Einflüssen ebensowenig, wie wir von den Eurigen reden wollen, wenigstens für jetzt.« – »Aber wenn wir darüber schweigen, wie wollt Ihr mir beweisen, daß Ihr mir eine Existenz bieten könntet, wie ich sie verlange?« – »Das ist nicht schwer. Ich bin bereit, Euch diesen Beweis zu liefern, wenn ich von Eurer Verschwiegenheit überzeugt sein kann.« – »Ich verstehe zu schweigen, Señor.« – »Gut, so kommt mit mir!«

Der Pater nahm zwei Schlüssel von der Wand und brannte sich eine kleine Blendlaterne an. Emilia fixierte die beiden Nägel, an denen die Schlüssel gehangen hatten, um sich dieselben genau zu merken.

Nun verließ er mit ihr das Zimmer und stieg eine Treppe hinab, führte sie durch einen langen, niedrigen Keller und öffnete mit einem der Schlüssel eine starke, eichene Tür, die in einen zweiten Keiler führte. Hier gab es abermals eine Tür, die von dem zweiten Schlüssel geöffnet wurde. Sie traten in einen langen, schmalen Gang, in dem rechts und links zahlreiche Türen angebracht waren.

»Das waren die Gefängniszellen des Klosters della Barbara«, sagte er.

Er schob den Riegel von einer dieser Türen zurück und öffnete. Sie traten in eine dumpfe, kleine Zelle, die weder Licht noch Luft hatte. Sie schien in die kompakte Masse des Felsens eingehauen zu sein, obgleich dieser letztere zahlreiche kleine Risse und Sprünge zeigte.

»Leer!« sagte sie. »Soll ich etwa hier den erwarteten Beweis finden?« – »Allerdings«, antwortete er. – »In welcher Weise?« – »Das werdet Ihr gleich sehen.«

Hilario bemerkte nicht, daß Emilia mit scharfem Auge jede, auch die kleinste seiner Bewegungen verfolgte und beobachtete.

Er leuchtete an einen der erwähnten Sprünge. Es war der bedeutendste, obgleich er kaum so stark war, daß man den kleinen Finger hineinzubringen vermochte. Nur an einer einzigen Stelle war es möglich, die flache Hand in den Riß zu stecken. Der Pater tat dies, und sogleich ließ sich ein leichtes Rollen vernehmen. Ein Teil der Felswand, der von dem Riß ganz unauffällig umzeichnet wurde, wich zurück, und nun sah Señorita Emilia einen größeren, finsteren Raum vor sich, in den sie traten, ohne daß der Pater den Eingang wieder verschloß.

Hilario ging voran, und Emilia folgte ihm. Bei dieser Gelegenheit legte sie ihre Finger genau an die Stelle des Risses, in die er seine Hand gesteckt hatte, und bemerkte einen dicken Stift, der vielleicht einen halben Zoll hoch aus dem Stein hervorragte; doch hütete sie sich sehr, daran zu drücken; die Wand hätte sich ja zurückbewegen und sie also leicht verraten können. Das mußte sie vermeiden.

In dem verborgenen Raum angekommen, erblickte Emilia auf Tischen und Gestellen eine ganze Menge von Büchern, Flaschen, Kapseln, Instrumenten und Apparaten, von deren Zweck sie kein Verständnis hatte.

Der Pater schritt an diesen Sachen vorüber und blieb vor einer leeren Stelle der Mauer stehen, klopfte daran und sagte:

»Dahinter steckt der Beweis, den Ihr verlangt.«

Das Klopfen hatte dumpf und hohl geklungen. Auch jetzt blickte Emilia mit größter Spannung nach seiner Hand, um sich keine Bewegung derselben entgehen zu lassen. Hilario hielt die Laterne näher an die Wand, so daß das Licht derselben scharf auf die Mauer fiel. Da erblickte das Mädchen nun allerdings eine Art Linie, die ein viereckiges Stück Mauerwerk scharf von dem übrigen abgrenzte.

»Das ist eine Tür«, sagte er. »Sie hat kein Schloß. Sie dreht sich um eine Mittelachse, so daß man nur auf der einen Seite scharf zu schieben braucht, um sie zu öffnen.«

Er stemmte sich kräftig gegen die Mauer, und sogleich gab das durch den Strich abgegrenzte Stück derselben nach. Es entstand eine mannshohe und halb so breite Öffnung, hinter der ein dunkler Raum lag.

Der Pater trat ein, und Emilia folgte ihm, von der größten Neugierde erfüllt. Das Gemach hatte keine andere Öffnung als diese Tür. Es standen mehrere große Kisten darin, und an der einen Mauerseite war ein Schränkchen befestigt, an dem kein Schloß zu bemerken war. Der Verschluß schien ein sehr geheimnisvoller zu sein, und doch war er so einfach. Der Pater zog nämlich die vordere Seite wie einen Schieber heraus, und nun zeigte es sich, daß der Inhalt aus allerlei Briefen und anderen Schriften bestand.

Nun drehte der Pater sich zu Emilia um.

»Señorita«, sagte er, »dieses verborgene Gemach enthält meine Geheimnisse. Niemand hat eine Ahnung davon. Sie sind so wichtig, so wertvoll, daß ich nur Euch einen Blick hineinwerfen lasse, aber nur unter einer Bedingung, von der ich auf keinen Fall abgehen kann.« – »Welches ist diese Bedingung?« fragte sie. – »Ihr müßt mir einen feierlichen Schwur ablegen, daß Ihr niemals davon sprechen wollt. Seid Ihr bereit dazu?« – »Sind diese Geheimnisse wirklich von einem so hohen Wert?« – »Ja.« – »Nun gut, so will ich den Schwur ablegen«, sagte sie. – »Wißt Ihr aber auch, was Ihr damit tut?« – »Ganz gewiß«, antwortete sie, brennend vor Erwartung, was sie zu sehen bekommen werde. – »Glaubt Ihr an Gott?« – »Das versteht sich!« – »Das ist das erste und einzige Erfordernis bei Ablegung eines Schwures. Erhebt die drei ersten Finger Eurer rechten Hand und sagt mir nach, was ich Euch vorsprechen werde!«

Er nahm ihr den Schwur ab. Sie leistete ihn keineswegs gern, denn sie wollte ja nur im Interesse von Juarez in die Geheimnisse des Paters eindringen. Doch sagte sie sich, daß ihr dies ohne Schwur unmöglich sein werde.

Als Juarez ihr in Chihuahua ihre Instruktion gab, hatte er sie an den Pater Hilario adressiert. Der Präsident wußte, was nur wenige ahnten, nämlich, daß in der Hand dieses einstigen Mönches viele feindliche Fäden zusammenliefen, die kennenzulernen vom allergrößten Vorteil sein mußte. Darum war Emilia hier.

»So!« meinte der Pater. »Ihr habt geschworen, und nun werde ich Euch zunächst beweisen, daß die Zeit kommen wird, in der ich Euch eine solche Stellung bieten kann, wie Ihr sie wünscht.«

Hilario griff in den Schrank und zog ein Paket Briefe hervor, öffnete einen nach dem anderen und zeigte Emilia die verschiedenen Unterschriften.

»Das ist meine geheime Korrespondenz«, meinte er. »Sind Euch die Namen bekannt, die Ihr hier lest?«

Emilia kannte sie alle. Es waren die Namen der hervorragendsten Staatsmänner und Militärs von Mexiko. Auch die Namen hoher französischer Offiziere waren dabei. Dennoch aber antwortete sie:

»Ich habe mich jetzt noch nicht in der Weise mit Politik beschäftigt, wie ich es für später beabsichtige. Darum kenne ich zwar einige dieser Herren; die meisten aber sind mir unbekannt.« – »Ihr werdet sie kennenlernen, wenn Ihr Euch entschließt, meine Werbung anzunehmen. Mein Wissen und Eure Schönheit können sich ergänzen, so daß ich überzeugt bin, daß wir große Erfolge erringen werden.«

Es kam ihr alles darauf an, den Inhalt dieser Briefe kennenzulernen. Sie streckte die Hand aus und fragte:

»Darf ich sie lesen?«

Er macht eine schnelle, abwehrende Handbewegung und antwortete:

»Nein. Das ist unmöglich.« – »Warum? Ich denke, wir wollen Verbündete werden?« – »Allerdings; aber bis jetzt sind wir es noch nicht.«

Emilia tat, als ob sie seine Weigerung für selbstverständlich halte, und sagte im gleichgültigsten Ton:

»Ich hoffe, daß wir es aber bald sein werden.«

Über sein Gesicht ging ein freudiges Aufleuchten.

»Wirklich, Señorita?« fragte er rasch. – »Ja. Ich denke, wer mit solchen Männern verkehrt, der besitzt Einfluß und hat eine hervorragende Zukunft vor sich.« – »Zukunft sagt Ihr? Ich bin ja alt!«

Bei diesen Worten ruhte sein Auge sehr erwartungsvoll auf ihr.

»Alt? Ich habe Euch bereits gesagt, daß ich das Alter nicht nach den Jahren zähle. Eine glänzende Zukunft von zehn Jahren hat bei mir mehr Anziehungskraft, als ein gewöhnliches Leben in fünffacher Länge.« – »Das ist sehr klug und weise von Euch, Señorita. Also Ihr seid jetzt überzeugt, daß ich imstande bin, Euch eine Stellung zu bieten?« – »Ja. Nur fragt es sich, welcher Art sie sein wird.« – »Ihr meint, welche Charge?« – »Nein, sondern in wessen Diensten.«

Hilario zuckte die Achsel.

»Ein guter Diplomat fragt nicht nach dem Herrn, dem er dient, sondern nur nach seinem eigenen Vorteil. Ich widme meine Kräfte demjenigen, der sie am besten bezahlt. Nur Juarez mag ich nicht dienen.« – »Warum nicht?« – »Ich hasse ihn, hasse ihn so, wie ich noch keinen Menschen haßte. Mein Haß aber ist persönlich. Er ist nicht gegen die Politik oder das System des Juarez gerichtet, sondern ganz allein gegen seine Person.« – »Was hat er Euch denn getan?« – »Getan? Mir? Viel, unendlich viel! Unser Kloster war eines der reichsten und berühmtesten des Landes. Wir dienten zwar Gott, aber wir dachten auch an uns selbst und befanden uns außerordentlich wohl dabei. Ich war Superior, ich war der Oberste dieses frommen Hauses … und jetzt? Da kam dieser Juarez und sagte, die sogenannte ›tote Hand‹ sei das größte Übel der Völker, die Klöster seien Hemmnisse der freien Entwicklung des Nationalwohlstandes. Er hob die Klöster auf, und wo sie verschont wurden, da nahm er ihnen das Vermögen. Auch das unsrige wurde säkularisiert, die frommen Väter wurden vertrieben, und nur ich durfte bleiben, da meine ärztlichen Kenntnisse dem gegenwärtigen Zweck dieses Hauses zugute kommen konnten. Was war ich früher, und was bin ich jetzt? Habe ich nicht Grund, diesen Juarez zu hassen? Muß ich nicht jede Gelegenheit ergreifen, mich an ihm zu rächen? Ja, und das tue ich aus allen Kräften. So lange ich lebe, soll es ihm nicht gelingen, sich auf den Stuhl des Präsidenten zu setzen. Dies habe ich geschworen, und ich werde es halten.«

Der Pater hatte sich in eine tiefe Erbitterung hineingeredet Seine Wangen hatten sich dunkel gefärbt, und seine Augen glühten vor Grimm. Man sah es diesem Mann an, daß er, um sich zu rächen, zu allem fähig sei.

»Ich habe nur einmal fast so sehr gehaßt wie jetzt, und das ist lange, lange her«, sagte er. – »Gegen wen war der damalige Haß gerichtet?« fragte Emilia. – »Ihr werdet den Mann wohl schwerlich kennen«, antwortete er. »Es war ein Graf Rodriganda.« – »Rodriganda? Ah, ich habe diesen Namen doch bereits gehört.« – »Wo?« – »Darauf kann ich mich wirklich nicht besinnen.«

Emilia wollte nicht sagen, daß Sternau in Chihuahua diesen Namen genannt hatte. Der Pater blickte sie forschend an und fragte:

»Was habt Ihr von diesem Rodriganda gehört?« – »Auch das weiß ich nicht mehr. Ich besinne mich bloß, seinen Namen gehört zu haben.« – »Es ist auch gleichgültig. Dieser Mann ist ja längst tot.« – »Was hatte er Euch getan?« – »Das erzähle ich Euch vielleicht später einmal. Jetzt haben wir keine Zeit dazu.«

Bei diesen Worten legte Hilario die Briefe in das Schränkchen zurück.

»Also ich bekomme sie jetzt nicht zu lesen?« fragte sie. – »Nein. Ihr würdet sie erst als meine Frau lesen dürfen.« – »Oder wenigstens als Eure Braut?«

Emilia schlug dabei einen scherzenden Ton an, obgleich es ihr sehr ernst war.

»Nein«, antwortete er. »Eine Verlobung kann leicht wieder aufgelöst werden, und solche Dinge traut man nur einer Person an, die für immer mit einem verbunden ist. Jetzt werde ich Euch den zweiten Beweis liefern, daß ich reich bin.« – »Ihr macht mich wirklich neugierig, Señor.« – »Eure Neugierde soll befriedigt werden.«

Hilario trat zu den Kisten. Diese waren mit sogenannten Vexierschlössern versehen, zu denen man keine Schlüssel braucht. Er öffnete sie, und die Señorita fühlte fast ihre Augen geblendet von dem Reichtum, der ihr aus ihnen entgegenstrahlte.

Die Kisten enthielten nämlich die heiligen Gefäße, die kostbaren Meßgewänder des aufgelösten Klosters und anderes Gerät, alles mit edlen Steinen besetzt und meist in reinem Gold gearbeitet.

»Nun?« fragte er im Ton der Überlegenheit. – »Welch ein Reichtum!« – »Nicht wahr? Das sind viele Millionen!« – »Das repräsentiert ja ein geradezu fürstliches Vermögen.« – »Mehr als das! Unser Kloster war reicher, war mehr wert als manches Fürstentum. Als die weltliche Macht Besitz von ihm ergriff, habe ich diese Schätze gerettet.« – »Wie konnte Euch das gelingen? Man mußte doch wissen, daß alle diese Kostbarkeiten vorhanden seien.« – »Man wußte es allerdings«, sagte er mit einem höhnischen, beinahe diabolischen Lachen, »aber es gab mehrere Mittel, zum Ziel zu kommen.« – »Welche zum Beispiel?« – »Davon später. Jetzt sagt mir einmal, ob Ihr nun glaubt, daß ich reich bin!« – »Oh, Ihr seid doch nicht der Besitzer dieser Sachen?« – »Wer denn?« – »Sie gehören Euch doch nicht.« – »Wem sonst?« – »Dem Staat.« – »Dem Staat? Laßt Euch doch nicht auslachen! Wem gehört denn der Staat? Dem Juarez, dem Panther des Südens, dem Max von Österreich und den Franzosen? Einem von ihnen, keinem von ihnen oder ihnen allen? Was ist überhaupt Staat? Ist Mexiko jetzt Staat? Mexiko ist herrenlos, ist der Anarchie preisgegeben, und jeder soll da nehmen, was ihm in die Hände kommt.« – »Ihr predigt ja Raub und Diebstahl.« – »Unsinn. Ich predige nichts als Klugheit. Diese Sachen können dem Kloster nicht gehören, denn es ist aufgehoben. Sie können dem Staat nicht gehören, denn es gibt keinen konsolidierten Staat in Mexiko, und selbst wenn es einen gäbe, so würde derselbe nicht das mindeste Recht am Eigentum der Kirche haben. Ich bin der einzige, der von dem Kloster übriggeblieben ist, und so gehört mir auch alles, was vom Eigentum dieses letzteren vorhanden ist. Gebt Ihr mir recht oder nicht?«

Emilia wußte, daß Hilario sich im offenbarsten Unrecht befand, aber sie durfte es mit ihm nicht verderben, und zugleich übten diese Reichtümer ihre Wirkung auf sie aus. Welches Weib könnte gleichgültig bleiben, wenn die Strahlen von tausend Diamanten und Juwelen in sein Auge fallen?

»Ich will Euch nicht widersprechen«, sagte sie. – »Ihr betrachtet mich also als Herrn dieser Schätze?« fragte er. – »Ja«, antwortete sie. – »Nun, so frage ich Euch, ob Ihr deren Herrin werden wollt.«

Seine Augen ruhten gespannt auf ihr. Sollte sie die Frau dieses Mannes werden? Dieser Gedanke beschäftigte Emilia. Es wäre ein großes Opfer von ihr gewesen, sich mit ihrer Schönheit, ihrer Lebenslust an diesen häßlichen, kraftlosen Greis zu fesseln. Aber dieses Opfer wurde ja überreichlich aufgewogen durch das lockende Besitztum, das er ihr anbot.

Aber konnten diese Schätze nicht auch auf andere Weise in ihre Hände gelangen, ohne daß es notwendig war, sich an diese menschliche Ruine zu ketten? Zehn und noch mehr Möglichkeiten waren vorhanden; diese Angelegenheit mußte reiflich überlegt werden.

»Muß ich mich denn sofort entscheiden?« fragte sie. – »Ich möchte Euch darum bitten.« – »Und ich muß Euch um Bedenkzeit ersuchen!« – »Warum?« – »Der Schritt, den Ihr von mir fordert, darf nicht leichtsinnig getan werden.« – »Ihr mögt nicht ganz unrecht haben, aber die Liebe zaudert nicht.« – »Sobald sie wirklich vorhanden ist, ja.« – »Also bei Euch ist sie nicht vorhanden?« – »Noch nicht, Señor. Ihr könnt mir dies nicht übelnehmen. Ich gehöre nicht zu den Naturen, die bereits beim ersten Blick brennen. Desto treuer aber sind meine Gefühle, wenn sie sich entwickelt haben.« – »Gut, ich will Euch nicht drängen; aber eins verlange ich einstweilen. Ich bin so aufrichtig gewesen, daß ich wohl einen kleinen Lohn, eine Art Abschlagszahlung erwarten darf.« – »Abschlagszahlung? Ich verstehe Euch nicht. Worin soll sie bestehen?« – »In einem kleinen Kuß.«

Hilario spitzte bereits den Mund und machte Miene, Emilia zu umfangen, diese aber trat rasch zurück und streckte die Hände abwehrend vor.

»Nicht so schnell, Señor!« sagte sie. »Ich werde niemals einen anderen küssen als den, dem ich angehören werde.« – »Aber ich hoffe doch, daß ich dies sein werde.« – »Möglich! Sicher aber ist es noch keineswegs.« – »So bedenkt doch, daß ein Kuß keine Sünde ist!« – »Eine Sünde nicht, aber eine Kinderei. Nur zwischen Leuten, in denen die Liebe mächtig ist, hat er einen Zweck.« – »Ihr verweigert ihn mir also?« – »Ja.«

Emilia wußte genau, daß sie durch diese Weigerung Hilarios Begierde noch mehr entflammen und dadurch an Macht über ihn gewinnen werde.

Er zog ein Messer hervor und ergriff eines der reichen Meßgewänder.

»Seht diesen Diamanten«, sagte er, »er ist zweitausend Dollar wert. Ich schneide ihn sofort ab und schenke ihn Euch für einen einzigen Kuß.« – »Ich verkaufe meine Küsse nicht«, antwortete Emilia kalt. – »Und dennoch muß ich ihn haben!«

Bei diesen Worten sprang Hilario, ehe Emilia es vermutete, auf sie zu, umarmte sie, drückte sie an sich und versuchte, mit seinem Mund ihre Lippen zu fangen. Lange wollte es ihm nicht gelingen, endlich aber doch. Es ließ sich schwer sagen, ob er durch seine körperliche Überlegenheit siegte, oder ob sie aus berechnender Schlauheit ihm seinen Wunsch erfüllte. Jedenfalls aber war dieser erzwungene Kuß ein so kurzer, daß er das Verlangen des Paters nur noch mehr steigerte.

Der alte Mann drückte das schöne Mädchen mit aller Gewalt an sich und rief:

»Bei Gott, dieser Kuß soll nicht der einzige gewesen sein!« – »Und doch!« antwortete sie.

Er wußte nicht, wie es kam, aber während dieser Worte schleuderte ihn Emilia mit einer so kraftvollen Bewegung von sich, als ob sie die Stärke eines rüstigen und geübten Mannes besäße. Er taumelte und stürzte zu Boden, raffte sich jedoch sofort wieder empor.

»Señorita, Ihr seid ein Engel, aber auch zugleich ein Ungeheuer!« sagte er. »Gott hat Euch geschaffen, um glücklich zu machen, Ihr aber mit Eurer kalten, erbarmungslosen Seele seid wirklich imstande, einen zur Verzweiflung zu bringen.« – »Wirklich? Bin ich so kalt?« fragte sie lächelnd. – »Ja, wie Eis.«

Emilia dachte an den Schwarzen Gerard, dem sie so gern alle Zärtlichkeiten gewidmet hätte, und an den Kleinen André, diesen, wenn auch nicht mehr jungen und auch nicht schönen, aber doch so braven Jäger, den sie freiwillig geküßt hatte, weil er ihr durch seine Aufopferungsfreudigkeit eine so rege Teilnahme eingeflößt hatte.

»Versucht einmal, dieses Eis zu schmelzen!« sagte sie.

Dabei lag ein Lächeln um ihre Lippen, so stolz und doch auch wieder so verführerisch, daß er hätte den Verstand verlieren mögen.

»Ich habe es ja soeben versucht!« sagte er. – »Aber nicht in der richtigen Weise, Señor. Mit Gewalt läßt sich keine Liebe erwecken. Merkt Euch das!« – »Soll ich Euch, der ich keinen Tag meines Lebens zu verschenken habe, etwa vierzehn Jahre dienen, die Jakob um Rahel geworben hat?« – »O nein«, lachte sie. »Eine vierzehnjährige Werbung würde auch mir langweilig werden. Habt Ihr mir hier noch etwas zu zeigen?« – »Nein. Ihr habt bereits alles gesehen.« – »So wollen wir zurückkehren.« – »Und wann werde ich erfahren, ob Ihr die Meine werden wollt?« – »Ich werde Euch die Antwort in drei Tagen geben.« – »Angenommen! Ich hoffe, daß Ihr nicht nein sagen werdet. Kommt also jetzt. Wir wollen gehen!«

Sie kehrten auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, wobei der Pater natürlich alles wieder verschloß. Auch hier entwickelte Emilia die größte Aufmerksamkeit, so daß ihr nichts entging, was sie bemerken wollte. Sie ging nicht wieder mit Hilario nach seiner Wohnung, sondern begab sich nach derjenigen, die ihr angewiesen worden war.

10. Kapitel.

Als Pater Hilario sich allein befand, schritt er in seinem Zimmer unruhig auf und nieder. Er befand sich in der größten Aufregung.

»Vielleicht habe ich heute die größte Dummheit meines Lebens begangen«, sagte er zu sich selbst. »Ich habe meine Geheimnisse verraten. Wird es mir bei ihr Nutzen bringen? Und wenn sie mir einen Korb gibt, wird sie verschweigen können, was sie gesehen und erfahren hat? Ich bin in dieses wunderschöne Mädchen in einer Weise verliebt, als ob ich erst achtzehn Jahre zählte; aber ich bin auch überzeugt, wird sie meine Frau, so werde ich der Beherrscher aller ihrer Anbeter sein, und wer weiß, was für Erfolge ich dann verzeichnen kann. Wären doch diese drei Tage schon vorüber.«

Da klopfte es von draußen leise an das Fenster. Hilario horchte auf, und als das Klopfen sich wiederholte, öffnete er und blickte hinaus. Er bemerkte die Gestalt eines Mannes, der draußen stand.

»Wer ist das?« fragte er mit halb unterdrückter Stimme. – »Ich, Oheim«, antwortete es. – »Ah! Manfredo, bist du es?« – »Ja. Mach mir auf.« – »Sogleich.«

Hilario ging und öffnete, nicht den Haupteingang, sondern ein Nebenpförtchen des Klosters. Manfredo stand vor demselben. Er schien auf demselben Weg bereits öfters zu seinem Oheim gekommen zu sein.

»Dich hätte ich nicht vermutet«, flüsterte dieser. »Bringst du Nachricht?« – »Ja. Sehr wichtige.« – »So komm mit nach meiner Stube.«

Dort angelangt, betrachtete der Onkel seinen Neffen erwartungsvoll. Der letztere war natürlich derselbe Manfredo, der mit Cortejo am Krokodilteich gewesen war und ihm den Rat gegeben hatte, mit ihm nach dem Kloster della Barbara zu gehen.

»Woher kommst du?« fragte der Pater. – »Von der Hacienda del Erina.« – »Von dorther? Diese liegt ja in ganz entgegengesetzter Richtung. Ich schickte dich nach Mexiko, um einen der Werber Cortejos zu finden.« – »Ich bin auch dort gewesen, Oheim.« – »Wie kommst du da nach del Erina?« – »Es gelang mir, einen dieser Werber zu treffen. Ich erfuhr von ihm, daß Cortejo sich auf der Hacienda del Erina befinde. Ich wurde mit noch anderen angeworben und nach der Hazienda transportiert.« – »Gehört diese Besitzung nicht auch dem Grafen Rodriganda?« – »Ja. Er hat sie aber an Señor Arbellez vermacht oder verschenkt.« – »Dann ist zu verwundern, daß Cortejo zu Arbellez geht. Wie wurde er von diesem empfangen?« – »Darüber kann ich nur sagen, was ich gehört habe, denn ich war nicht dabei, ich kam erst später. Cortejo hat die Hazienda ausplündern lassen und für sich in Besitz genommen. Arbellez wurde in einem Keller der Hazienda gefangengesetzt.« – »Das ist eine sehr wichtige Nachricht für mich. Du kennst zwar mein Verhältnis zu dem Grafen Rodriganda nicht und ebensowenig meine Absichten auf diesen Cortejo; aber ich kann dir nur so viel wiederholen, daß ich gesonnen bin, mich dem letzteren freundlich zu zeigen.« – »Ich habe in diesem Sinn gehandelt, Oheim.« – »Ist es dir vielleicht gelungen, ihm einen Dienst zu erweisen?« – »Ja. Dieses Dienstes wegen komme ich zu dir. Du sollst dich an demselben beteiligen, wenn das in deine Pläne paßt.« – »Es paßt. Aber welchen Dienst meinst du?« – »Du sollst Cortejo bei dir aufnehmen.« – »Alle Teufel, was will er bei mir?« – »Er kommt als Flüchtling.«

Der Pater machte ein höchst erstauntes Gesicht

»Als Flüchtling, sagst du? So hätte er Unglück gehabt?« – »Ja. Er hat eine Expedition nach dem Rio Grande del Norte unternommen, dabei aber einen großen Mißerfolg erfahren. Er hat sogar das eine Auge verloren, ich glaube im Kampf mit den Indianern.« – »Welchen Zweck hatte diese Expedition?« – »Ich weiß es nicht genau, doch sprach man von der Aufhebung einer Sendung von Geld und Kriegsvorräten, die für Juarez bestimmt war.« – »Und diese Aufhebung ist nicht gelungen?« – »Wie es scheint, nicht.« – »So hat Juarez diese Vorräte und Gelder erhalten?« – »Wahrscheinlich.« – »Hole ihn der Teufel! Cortejo ist ein Dummkopf. Juarez wird wieder neu Atem schöpfen können. Aber wie kommt es, daß du Cortejo einen Flüchtling nennst? Er konnte doch nach der Hazienda gehen.« – »Das wollte er auch, doch kam er zu spät. Sie war von den Mixtekas genommen worden.« – »Von den Mixtekas? Haben denn diese sich erhoben?« – »Ja, ich war dabei, als sie die Hazienda überfielen. Sie waren wohl über tausend Mann stark, und von uns sind nur wenige entkommen.« – »Wer führte die Roten an?« – »Büffelstirn.« – »Unsinn! Der ist ja tot!« – »Man dachte es, aber er ist wieder aufgetaucht.« – »Wenn dies wirklich wahr ist, so blüht das Glück dieses Juarez von neuem, denn Büffelstirn wird zu ihm halten. Man darf dies nicht so weit kommen lassen, aber was ist zu tun, und wie soll man es anfangen?« – »Das wirst du vielleicht wissen, sobald du genau erfährst, was geschehen ist. Ich kann dir nicht alles ausführlich erzählen, da meine Begleiter auf mich warten, aber ich will dir nur so viel sagen, daß wir Grausiges erlebt haben und jedenfalls von Büffelstirn und Bärenherz, vielleicht von noch anderen verfolgt werden.« – »Auch Bärenherz, von dem man früher viel sprach, soll tot sein.« – »Er lebt ebenso wie Büffelstirn. Diese beiden hatten, nachdem die Hazienda von ihnen überfallen worden war, die Tochter Cortejos nach dem Berg El Reparo gebracht, um sie von den Krokodilen verschlingen zu lassen, wir aber haben sie gerettet.« – »So ist sie auch mit bei euch?« – »Ja. Cortejo, Señorita Josefa, seine Tochter, und sechs Mexikaner. Es waren noch mehr bei uns, aber sie haben uns unterwegs verlassen.« – »Wo ist Cortejo?« – »Draußen in der Nähe des Klosters. Ich bin vorausgegangen, um zu erfahren, ob du geneigt bist, ihn bei dir aufzunehmen. Doch habe ich ihm allerdings versprochen, daß er dir willkommen sein werde.«

Der Pater schritt nachdenklich hin und her. Dann sagte er:

»Welch ein Zufall. Natürlich nehme ich Cortejo bei mir auf. Ich bin neugierig, ob er mich erkennen wird.« – »Wie? Ihr habt euch früher schon gekannt?« – »Wir sahen uns in Mexiko und auch noch anderwärts.« – »Freundlich oder feindlich?« – »Feindlich, doch kann dies auf mein jetziges Verhalten keinen Einfluß haben. Gehe und hole ihn! Hier ist der Schlüssel. Doch laß ihn nicht vorher wissen, daß ich ihn kenne.« – »Soll ich die anderen mitbringen?« – »Nein, noch nicht.« – »Auch seine Tochter nicht?« – »Nein. Die Anwesenheit vieler könnte uns verraten. Ich nehme an, daß sein Aufenthalt bei mir geheim bleiben soll. Übrigens weiß ich noch nicht, wo und wie ich seine Leute unterbringen werde. Das wird sich erst finden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe.«

Der Neffe ging und brachte bald Cortejo herein, erhielt aber dabei von seinem Oheim einen Wink, sich einstweilen zu entfernen.

Cortejo blieb an der Tür stehen, grüßte und betrachtete den Pater mit eigentümlichen, scharfen Blicken. Dieser fixierte ihn ebenso und fragte dabei:

»Euer Name ist Cortejo, Señor?« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Ihr seid derjenige Cortejo, der im Dienst des Grafen Ferdinando de Rodriganda stand?« – »Derselbe.« – »Seid mir willkommen und setzt Euch nieder.«

Er deutete auf einen Stuhl, auf den Cortejo sich niederließ. Hilario selbst aber zog es vor, stehen zu bleiben, und fuhr, noch immer kein Auge von dem anderen verwendend, fort:

»Mein Neffe sagte mir, daß Ihr auf einige Zeit ein Asyl sucht. Die heilige Religion gebietet, dem Notleidenden die Hand zu reichen, und darum bin ich bereit, Euch eine Zufluchtsstätte zu gewähren.« – »Ich danke Euch, frommer Pater! Aber wird die Zufluchtsstätte auch so beschaffen sein, daß meine Anwesenheit nicht verraten wird?« – »Habt Ihr Verrat zu fürchten?«

Diese Worte wurden zwar in unverfänglichem Ton gesprochen, doch lag dabei auf dem Gesicht des Paters ein Etwas, das man leicht für den Ausdruck einer versteckten Schadenfreude halten konnte.

»Leider«, antwortete Cortejo. »Sind Euch meine Verhältnisse bekannt?« – »Nur so weit, daß ich weiß, daß Ihr als Kandidat des Präsidentenstuhles aufgetreten seid.« – »Nun, ich bin aus diesem Grund des Landes verwiesen worden.« – »Von den Franzosen?« – »Eigentlich vom sogenannten Kaiser Maximilian; doch kann dieser ohne Erlaubnis der Franzosen nichts tun. Ich bin nach dem Norden des Landes gegangen, um da für meine Kandidatur zu wirken, wurde aber auf der Hazienda del Erina überfallen. Man tötete meine Leute, und ich bin überzeugt, daß meine Verfolger mir auf den Fersen sind.« – »Sie werden Euch nicht erreichen. Ihr seid bei mir vollständig sicher.« – »So habt Ihr ein gutes Versteck?« – »Verstecke, so viel Ihr braucht. Dieses Kloster hat viele verborgene Höhlen, Gänge und Gemächer, daß ich gut tausend Mann verstecken könnte.« – »Das ist mir unendlich lieb, zumal ich erfahren habe, daß sich Franzosen hier befinden. Ich werde mich erkenntlich zeigen.« – »Ihr habt nichts zu befürchten. Die Franzosen sind von Juarez entwaffnet worden und werden froh sein, wenn man sie entkommen läßt. Und was die Belohnung betrifft – ah, sagt einmal, worin diese bestehen soll?«

Hilarios Gesicht hatte bei diesen Worten einen lauernden Ausdruck angenommen.

»Ich bin reich!« antwortete Cortejo. – »Worin besteht Euer Reichtum?«

Diese Frage wurde Cortejo doch unbequem. Er antwortete:

»Habt Ihr ein besonderes Interesse, dies zu erfahren?« – »Ja«, meinte der Pater ruhig. »Ich könnte sagen, daß Ihr von Belohnung redet und ich Euch gegen Eure Verfolger schütze, ich hätte das Recht, mich zu überzeugen, ob Ihr auch imstande seid, mir eine solche Wohltat zu vergelten. Aber ich bemerke Euch, daß ich von jeder Belohnung absehe. Meine Frage hatte nur den Zweck, Eure Verhältnisse zu erfahren, um zu wissen, in welcher Weise ich Euch nützlich werden kann.« – »Ich danke Euch. Wie kommt es, daß Ihr ein solches Interesse an mir nehmt?« – »Ihr werdet dies wohl bald erfahren. Also sagt mir gefälligst, worin Euer Reichtum besteht!« – »Ich bin Verwalter der Besitzungen des Grafen Rodriganda.«

Um die Lippen des Paters legte sich ein unbeschreibliches Lächeln.

»Das heißt mit anderen Worten, Ihr beutet diese Besitzungen für Eure Zwecke aus?«

Man konnte sehen, daß Cortejo verlegen wurde.

»Das habe ich allerdings nicht sagen wollen«, meinte er. – »Was oder wieviel Ihr sagen wolltet, ist mir gleich. Ich halte mich an die Tatsachen. Übrigens ist es mit Eurer Verwaltung aus, da Ihr des Landes verwiesen seid. Ihr könntet mich also schwerlich belohnen.« – »Ich habe Geld, Señor!« meinte Cortejo, dem es bange wurde, denn es kam ihm der Gedanke, daß der Pater ihn nicht behalten könnte. – »Wo?« fragte dieser mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit. – »Es ist sicher versteckt. Ich mußte mich auf alle Fälle gefaßt machen, also auch auf den, in welchem ich mich gegenwärtig befinde.« – »Damit wollt Ihr sagen, daß Ihr dieses Geld aus dem Vermögen der Rodrigandas auf die Seite gebracht habt?« – »Señor, wo denkt Ihr hin?« – »Schon gut! Ich verstehe Euch, ohne daß Ihr mir Eure Angelegenheiten zu enthüllen braucht. Übrigens habt Ihr von mir nichts zu befürchten. Es würde mir nicht einfallen, es zu mißbilligen, wenn Ihr diese Rodrigandas um ihr ganzes Vermögen gebracht hättet.«

Diese Worte wurden mit einer Erbitterung gesprochen, die Cortejo aufmerksam werden ließ.

»Warum?« fragte er. »Kennt Ihr die Rodrigandas?« – »Mehr, als mir lieb ist!« – »Ah, Ihr seid ihnen feindlich gesinnt?« – »So feindlich, daß ich diesen Ferdinando de Rodriganda erwürgen würde, wenn er noch lebte und sich hier bei mir befände.«

Diese Worte erregten das höchste Interesse Cortejos.

»Ihr sprecht das mit einem wahren Grimm aus«, sagte er. »Was hat Euch Don Ferdinando denn getan?« – »Warum fragt Ihr? Ihr wißt es doch genau!« – »Ich? Wieso?« – »Kennt Ihr mich denn wirklich nicht mehr?« – »Es ist mir, als ob ich Euch gesehen hätte. Ich habe schon darüber nachgedacht, kann aber nicht finden, wann und wo es gewesen ist.« – »Nun, so will ich Eurer Erinnerung zu Hilfe kommen. Euch habe ich sofort erkannt, obgleich Euch ein Auge fehlt und viele Jahre vergangen sind, seit wir uns zum letzten Male trafen. Ich wurde damals von Euch zur Tür hinausgeworfen, Señor.«

Cortejo erbleichte. Sollte das wahr sein? In diesem Fall hatte er wohl auf keinen Schutz, sondern nur auf die Rache dieses Mannes zu rechnen.

»Zur Tür hinausgeworfen?« fragte er. »Ihr scherzt wohl?« – »Nein, ich spreche im Ernst. Ich war damals ein junger Arzt.«

Cortejo schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich nicht besinnen«, sagte er. »Ihr müßt Euch irren.« – »O nein, ich irre mich nicht. Ich brauche Euch bloß meinen Namen zu nennen.« – »Tut es, ich bitte Euch darum!« – »Man nennt mich Pater Hilario, damals aber hieß ich Ignaz Mandrillo.« – »Ignaz Mandrillo!« rief Cortejo und sprang vom Stuhl auf. »Ist das möglich, Señor?«

Auf seinem Gesicht war der Schreck zu erkennen. Der Pater beobachtete mit einer Art grimmigen Vergnügens den Eindruck, den die Nennung seines Namens hervorgebracht hatte.

»Nicht wahr, nun kennt Ihr mich?« fragte er.

Cortejo hielt das Auge immer noch weit geöffnet auf ihn gerichtet.

»Ja«, sagte er, »Ihr seid es. Ich wundere mich, daß ich Euch nicht gleich erkannt habe. Señor, ich hoffe nicht, daß Ihr der alten Zeiten gedenkt.« – »Warum sollte ich nicht?« fragte der Pater, dessen Gesicht einen kalten, finsteren Ausdruck angenommen hatte. »Diese Zeiten haben meinem Leben eine Richtung gegeben, die ich für unmöglich gehalten hätte. Ich habe damals gelitten, was ich kaum zu überleben dachte; das vergißt man nicht, Señor, sondern daran denkt man noch in der Todesstunde.« – »Ich bedaure das und hoffe, daß Ihr nicht mir die Schuld gebt. Ich handelte damals auf den Befehl des Grafen, dessen Diener ich war.«

Die Lippen des Paters preßten sich zusammen. Er hielt es für unklug, seine eigentliche Ansicht zu sagen, darum antwortete er:

»Ich bin überzeugt davon, obgleich damals mein Grimm mehr gegen Euch, als gegen den Grafen gerichtet war.« – »Laßt das nun ruhen! Ihr habt Euch ja gerächt!« – »Woher wollt Ihr das wissen?« – »Ich weiß es zwar nicht, aber ich kann es mir denken, daß Ihr derjenige gewesen seid, der später …« – »Halt!« fiel ihm der Pater in die Rede. »Ich mag nichts weiter hören. Aber ich will Euch aufrichtig sagen, daß ich mich sehr geärgert habe, als ich erfuhr, daß Graf Ferdinando gestorben sei. Mein einsames Klosterleben ist innerlich nicht so still und ruhig verlaufen wie äußerlich. Es wogte ein Meer der Rache in mir, dessen Brandung mir Tag und Nacht gegen die Brust stürmte. Ich baute mir einen Plan und hätte ihn ausgeführt, wenn der Graf nicht so plötzlich gestorben wäre.« – »Darf ich fragen, welcher Plan es war?« – »Fragt nicht! Es ist ja doch zu spät zur Rache!«

Der Pater schritt im Zimmer auf und ab. Man sah es ihm an, daß jenes Meer der Rache noch in ihm wogte. Cortejo beobachtete ihn. Sein Auge begann zu funkeln. Es tauchte ein Gedanke in ihm auf, der ihm ungeheure Vorteile zu bieten schien, Vorteile für später.

»Wenn es nun doch noch nicht zu spät wäre?« fragte er daher langsam und mit hörbarem Nachdruck.

Da blieb der Pater vor ihm stehen und fragte:

»Nicht zu spät? Der Graf ist ja tot!« – »Woher wißt Ihr das?« – »Ich hörte es und las es auch. Er ist ja begraben worden.« – »Wenn ich Euch nun sagte, daß er noch lebt, Señor Mandrillo?« – »Pah! Ich würde es nicht glauben.« – »Und doch wäre es die Wahrheit.«

Der Pater schüttelte den Kopf und fragte:

»Wollt Ihr mich vielleicht wieder so täuschen wie damals, Señor? Es würde Euch wohl schwerlich gelingen!« – »Davon kann keine Rede sein. Sagt mir doch einmal, welchen Nutzen ich hätte, wenn ich Euch ein Märchen aufbinden wollte.« – »Allerdings gar keinen. Aber niemand wird mich glauben machen, daß Graf Ferdinando des Rodriganda noch am Leben sei.« – »Er lebt dennoch. Er war nur scheintot.« – »Scheintot? Ah, das würde ich ihm von ganzem Herzen gönnen. Welche Qualen muß ein Scheintoter ausstehen, ehe er im Grab zugrunde geht! Aber wie wollte man es erfahren haben, daß er wirklich nur scheintot gewesen ist?« – »Man hat ihm ein Mittel gegeben, das Starrkrampf erzeugt.« – »Donnerwetter!« fluchte der Pater trotz seines früheren frommen Standes. »Das wäre ja ein Verbrechen gewesen!« – »Es werden der Verbrechen viele begangen, ohne Strafe zu finden!« – »Das ist wahr. Aber welche Absicht könnte man gehabt haben, bei dem Grafen den Scheintod hervorzubringen?« – »Nehmt einmal an, es sei aus Rache geschehen!« – »Das wäre allerdings ein sehr stichhaltiger Grund. Aber der Graf wurde begraben; er muß nachträglich in der Gruft gestorben sein.« – »Nein, denn man hat ihn heimlich aus dem Sarg genommen.«

Die Augen des Paters richteten sich förmlich durchbohrend auf Cortejo.

»Señor«, sagte er. »Wollt Ihr einen Roman zusammenbauen?« – »Das fällt mir gar nicht ein. Ich offenbare Euch hiermit allerdings ein tiefes und schwerwiegendes Geheimnis; aber ich würde das nicht tun, wenn ich keine Absicht dabei hätte.« – »Welches ist diese Absicht?« – »Euch Gelegenheit zur Rache zu bieten.«

Der Pater stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus.

»Das macht Ihr mir nicht weis, Señor«, sagte er. »Wie ich Euch, leider zu meinem Schaden, kennengelernt habe, tut Ihr nichts, ohne Euren eigenen Vorteil im Auge zu haben.« – »Ich will auch das zugeben, Señor Mandrillo, denn indem Ihr Euch rächt, befriedige ich mein eigenes Verlangen nach Vergeltung.« – »Ah! Habt auch Ihr eine Rechnung mit dem Grafen auszugleichen?« – »Ja, eine sehr große.« – »So seid Ihr es gewesen, der ihm das den Starrkrampf erzeugende Mittel beigebracht hat?« – »Ich sage weder ja noch nein. Ihr werdet begreifen, daß man in solchen Dingen nicht vorsichtig genug sein kann.« – »In dieser Angelegenheit könnt Ihr gegen mich die vollste Aufrichtigkeit walten lassen. Ihr wißt ja, wie ich zu Rodriganda stehe.« – »Was hilft mir meine Aufrichtigkeit, wenn Ihr meinen Worten nicht glaubt?« – »Ah! Ihr haltet also wirklich die Behauptung aufrecht, daß der Graf noch lebt?« – »Ja, vollständig.« – »Señor, wenn Ihr die Wahrheit sagtet!« – »Ich sage sie.« – »Ihr würdet mir damit ein Geschenk machen, das ich Euch niemals vergelten könnte. Rache üben zu können, ist Seligkeit.« – »Welchen Racheplan hattet Ihr Euch damals gemacht?« – »Das werde ich so lange verschweigen, bis ich von Euch alles weiß.«

Cortejo blickte still und ungewiß vor sich nieder. Dann hob er mit einer raschen Bewegung den Kopf und erwiderte:

»Nun gut, ich will mich entschließen, Euch einzuweihen, da wir einander von großem Nutzen sein können. Aber kann ich mich auf Eure Verschwiegenheit für alle Fälle und in jeder Beziehung verlassen?« – »Ich schwöre es bei Gott und allen Heiligen, daß ich über das, was ich von Euch erfahre, stumm sein werde.«

Der Pater hatte dabei die Hand wie zum Schwur erhoben. Cortejo antwortete:

»Ich will Euch glauben und vertrauen. So erfahret denn, daß ich es gewesen bin, der Don Ferdinando das Mittel gegeben hat.« – »Also doch, wie ich vermutete. Es weiß doch kein zweiter davon?« – »Nur meine Tochter. Ich war gezwungen, sie einzuweihen.« – »Seid Ihr ihrer Verschwiegenheit sicher?« – »Ja.« – »Also wurde der Graf wirklich scheintot begraben?« – »Er war noch nicht wieder erwacht, als ich ihn aus dem Sarg nahm.« – »Ihr selbst habt ihn herausgenommen?« – »Ja.« – »Und nicht getötet?« – »Nein.« – »Welch ein Fehler!« rief der Pater streng. »Übrigens weiß ich noch nicht, ob ich Euch das alles glauben soll.« – »Ihr werdet es glauben, wenn Ihr das Weitere erfahren habt.« – »Aber warum ließt Ihr ihn wieder aufleben?« – »Um meine Rache vollständig zu befriedigen. Der Graf sollte langsamer zugrunde gehen, als durch das einfache Lebendig-begraben-werden.«

Die Augen des Paters funkelten vor Vergnügen.

»Das war allerdings ein göttlicher Gedanke. Was habt Ihr mit ihm getan?« – »Ich habe ihn in die Sklaverei geschickt.« – »Alle Teufel! Ich beginne, Euch hochzuachten! Dort lebt er noch?« – »Ich glaubte es, daß er dort noch lebe oder doch dort gestorben sei. Aber er ist gerettet worden und nach Mexiko zurückgekehrt.« – »Ah! Wirklich? Habt Ihr ihn gesehen?« – »Noch nicht, aber dennoch weiß ich es ganz genau. Er befindet sich da oben im Norden in einem Fort, das Guadeloupe heißt.« – »Warum dort? Warum kommt er nicht, um Euch anzuklagen?« – »Er ist krank.« – »Donnerwetter! Er wird doch nicht etwa sterben?« – »Mir wäre das außerordentlich lieb.« – »Ich glaube das. Aber mir nicht. Was Ihr da erzähltet, hat in mir die Hoffnung erweckt, daß es mir doch noch gelingen werde, meine Rache an den Mann zu bringen. Ich wollte, ich hätte diesen Grafen hier.« – »Was würdet Ihr mit ihm tun?« – »Was ich ursprünglich beschlossen hatte. Jetzt kann ich Euch dies mitteilen. Ich wollte ihn nämlich in eines der unterirdischen Gefängnisse des Klosters stecken, um mich an seinem langsamen Tod weiden zu können.«

Da flog ein freudiges Leuchten über Cortejos Gesicht, er glaubte jetzt gewonnen zu haben und fragte:

»Wie hättet Ihr ihn dann in Eure Hand bekommen?« – »Auf irgendeine Weise. Das wäre mir übrigens das wenigste. Wißt Ihr vielleicht, an welcher Krankheit er jetzt darniederliegt?« – »An einer Verletzung durch einen Hieb, den er erhalten hat.« – »Das ist nicht lebensgefährlich. Ist er geheilt, so wird er jedenfalls von dem Fort aufbrechen, um sein Besitztum anzutreten und Euch bestrafen zu lassen. Ich gäbe viel darum, wenn er auf dem Weg nach Mexiko hier durch Santa Jaga käme.« – »Soll ich ihn dazu veranlassen?« – »Brächtet Ihr das fertig?« – »Jedenfalls; doch hoffe ich, daß auch Ihr mir dafür einen Gefallen erzeigt, daß Ihr seine Begleiter und Freunde mit einsperrt.« – »Hm! Das kann leicht sein, aber auch schwer; es kann überflüssig oder notwendig, gefährlich oder auch von Nutzen sein. Man muß das abwarten.« – »Ja, Ihr könnt das abwarten, aber nicht ich. Ich muß bereits jetzt wissen, was Ihr zu tun beschließen werdet.« – »Warum? Nehmt Ihr an den Begleitern des Grafen gar so großes Interesse?« – »Natürlich. Sie werden jedenfalls von ihm alles erfahren haben. Ihn allein einsperren, kann mir also von keinem Nutzen sein.« – »Das ist sehr richtig. Mir aber haben diese Leute nichts getan.« – »Jetzt noch nicht; aber sie können Euch sehr gefährlich werden.« – »Inwiefern?« – »Dadurch, daß sie entdecken und verraten, wo der Graf sich befindet.« – »Alle Teufel! Daran dachte ich nicht! Aber man kann ja vorsichtig sein, so daß sie gar nichts bemerken.« – »Ich kann Euch den Grafen nur unter der Bedingung liefern, daß Ihr auch seine Begleiter unschädlich macht.« – »So gibt es in Eurer Vergangenheit noch einen Punkt, den Ihr mir verschwiegen habt. Und dieser Punkt bezieht sich auf die Begleiter.« – »Ihr ratet richtig. Nur ist es gefährlich, darüber zu sprechen.« – »Wenn Ihr mein Schützling und Verbündeter sein wollt, so verlange ich unbedingt alles zu erfahren, was sich auf den Grafen bezieht.«

Cortejo schwieg eine Weile, endlich sagte er, aber sichtlich zögernd:

»Ich sehe ein, daß ich Euch alles sagen muß. Aber Ihr dürft überzeugt sein, daß ich Euch töten werde, wenn Ihr ein einziges Wort davon redet!« – »Mich töten? Pah! Ihr befindet Euch ja in meiner Hand und nicht ich in der Eurigen. Ich brauchte also keine Angst zu haben, wenn ich ja die Absicht hätte, Euch zu verraten.« – »Da irrt Ihr Euch sehr! Es gibt noch Mitwisser meines Geheimnisses. Ich werde sie benachrichtigen, daß ich es auch Euch mitgeteilt habe, und sie würden die Strafe übernehmen, falls Ihr mich verrietet.« – »Wer sind diese Mitwisser?« – »Vor allen Dingen mein Bruder.« – »Ah! Ihr habt noch einen Bruder! Wo?« – »In Spanien. Er ist Verwalter des Grafen Alfonzo de Rodriganda.« – »Das wußte ich allerdings noch nicht. Dieser Graf Alfonzo wird sich außerordentlich freuen, wenn er hört, daß sein Oheim noch lebt.«

Cortejo stieß ein höhnisches Lachen aus und antwortete:

»Er wird ihn im Gegenteil zu allen Teufeln wünschen.« – »Seinen Verwandten?« fragte der Pater erstaunt. – »Oh, Graf Alfonzo ist ja auch Mitwisser meines Geheimnisses!« – »Was? Wirklich? Er weiß, daß der Graf scheintot gewesen ist?« – »Ja.« – »Und in die Sklaverei geschafft wurde?« – »Ja. Er ist übrigens gar nicht mit ihm verwandt.« – »Er ist doch sein Neffe!« – »Nein. Und dies ist eben mein Geheimnis, für dessen Ausplauderei ich Euch mit dem Tode drohte. Graf Alfonzo ist nämlich der untergeschobene Sohn des Grafen Emanuel des Rodriganda.«

Der Pater trat vor Erstaunen gleich mehrere Schritte zurück.

»Das soll ich glauben?« fragte er. – »Würde ich eine für mich so gefährliche Mitteilung machen, wenn sie nicht die volle Wahrheit enthielte?« – »Ich wüßte allerdings nicht, was Euch bewegen könnte, mir eine solche Fabel zu erzählen. Aber wenn Eure Worte Wahrheit enthalten, wessen Sohn ist dann eigentlich dieser Don Alfonzo?« – »Der Sohn meines Bruders.« – »Also Euer Neffe? Ah, nun wird mir die Sache plausibel. Nun weiß ich auch, wie Ihr von Euren Reichtümern reden könnt. Denn, wenn der Graf von Rodriganda ein Neffe von Euch ist, so könnt Ihr schließlich mit seinem Vermögen machen, was Euch beliebt.« – »Ihr seht also ein, daß ich imstande bin, Euch zu belohnen!« – »Ja. Doch brauche ich Euren Lohn gar nicht. Ich besitze, was mir vonnöten ist und noch etwas mehr. Was aber ist mit dem echten Sohn des Grafen Emanuel geworden? Ist er gestorben?« – »Leider nicht. Er lebt und befindet sich in Begleitung des Grafen Ferdinando.« – »Alle Teufel! Wissen die beiden, daß sie verwandt sind?« – »Nein. Sie können es aber sehr leicht entdecken, wenn der Zufall es will.« – »So werde ich dafür sorgen, daß der Zufall es nicht will. Ich sage Euch, daß diese Mitteilung mir von allergrößtem Interesse ist. Die Verhältnisse, von denen Ihr redet, geben meiner Rache noch ganz andere Wendungen.« – »Es ist mir lieb, dies zu hören. Übrigens muß ich Euch sagen, daß sämtliche Begleiter des Grafen treue Anhänger von Juarez sind.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Sie haben bereits für ihn gekämpft.« – »So wird es mir eine Lust sein, sie unschädlich zu machen. Wer ist es denn?« – »Zunächst Büffelstirn und Bärenherz …« – »Diese beiden, die Euch jetzt verfolgen?« – »Ja.« – »Aber so sind sie ja nicht bei dem Grafen.« – »Sie sind ihm vorausgeeilt, um mir mit Hilfe der Mixtekas die Hacienda del Erina wegzunehmen.« – »Wer ist's noch weiter?« – »Ein gewisser Sternau, ein deutscher Arzt, der der gefährlichste von allen ist. Er ist meinem Geheimnis so scharf auf der Spur, daß es sich in der größten Gefahr befindet und ich natürlich mit.« – »Aber wie kommt dieser Deutsche in Berührung mit den Rodrigandas?« – »Das ist eine lange Geschichte, die Euch ermüden würde.« – »Oh, ich interessiere mich für diese Sache so sehr, daß von einer Ermüdung gar keine Rede sein kann. Erzählt also!«

Cortejo sah sich gezwungen, etwas zu tun, was er vorher für ganz und gar unmöglich gehalten hätte; nämlich diesen Mann, der noch dazu ihm früher so feindlich gesinnt gewesen war, in die Begebenheiten des Hauses Rodriganda einzuweihen. Er tat dies aber nur so weit, als es möglich war, ohne sich ganz und gar bloßzustellen. Dennoch aber erfuhr der Pater so viel, daß er am Schluß des kurzgefaßten Berichtes erstaunt ausrief:

»Aber, Señor, ist das alles wahr und möglich? Daraus könnte man ja den schönsten Roman machen und ganze Bände mit ihm füllen! Aber könnt Ihr auch der Erzählung Eurer Tochter trauen?« – »Ja. Sie erfuhr fast alles von dem Vaquero und war dann auch die Gefangene dieses Sternau, der ihr vieles mitteilte.« – »So ist jener Landola ein großer Schuft gegen Euch gewesen.« – »Ich werde ihn dafür zur Rechenschaft ziehen.« – »Ja, das müßt Ihr allerdings tun, obgleich ich gestehe, daß ich diesem Menschen großen Dank schuldig bin.« – »Ihr? Ihm Dank schuldig? Wieso?« – »Nun, wäre er nicht falsch gegen Euch gewesen, so hätte ich nicht die Hoffnung, den Grafen samt seinem ganzen Anhang in die Hand zu bekommen. Ihr glaubt also, daß wir die beiden Indianer bald hier haben werden?« – »Ja. Sie sind jedenfalls nach der Hacienda geeilt, um sich Pferde zu holen und uns zu folgen. Zwei Männern, wie sie sind, kann unsere Spur nicht entgehen.« – »Wäre es nicht besser, sie von dieser Spur abzubringen?« – »Wie sollte man dies jetzt noch anfangen?« – »Ihr laßt Eure Begleiter weiterreiten.« – »Und Ihr denkt, daß die beiden Häuptlinge ihnen folgen werden?« – »Ja.« – »Das bildet Euch ja nicht ein. Diese Kerle sind so schlau, daß alle unsere Feinheit nicht zureicht, sie zu täuschen.« – »Nun gut. Man wird sie empfangen. Aber meint Ihr wirklich, daß ich Eure Mexikaner im Kloster beherbergen soll?« – »Ist Euch dies nicht möglich?« – »Möglich ist es, aber nicht rätlich. Durch sie würde Eure Anwesenheit verraten werden. Ihr würdet sehr bald gefangen sein.« – »Was soll ich mit ihnen tun?« – »Entlaßt sie einfach.« – »Sie entlassen? Nein, das geht nicht, Señor Mandrillo.« – »Warum sollte es nicht gehen?« – »Ich brauche sie ja, ich brauche Leute, viele Leute!« – »Wozu?« – »Habt Ihr vergessen, daß ich Präsident werden will?«

Da legte der Pater ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte:

»Präsident? Ihr? Das bildet euch um Gottes willen nicht ein. Ihr werdet es nicht einmal zum Gouverneur einer Provinz bringen, viel weniger aber gar zum Präsidenten des ganzen Staates.«

Cortejo fühlte sich in einem Stolz sehr gekränkt, doch von den trüben Erfahrungen der letzten Zeit beeinflußt, fragte er ziemlich kleinlaut:

»Aus welchem Grund meint Ihr das?« – »Oh, ich habe sehr triftige Gründe. Seid Ihr etwa imstande, die Franzosen aus dem Land zu treiben?« – »Nein, jetzt noch nicht.« – »Oder Kaiser Max fortzujagen?« – »Nein.« – »Oder könnt Ihr es jetzt wagen, Euch Juarez entgegenzustellen?« – »Jetzt noch nicht, aber es wird sehr bald geschehen.« – »Ah! Wann denn?« – »Sobald ich neue Leute angeworben habe. Dann wird sich auch der Panther des Südens einfinden, um mir mit seinen Leuten beizustehen.« – »Der Panther des Südens? Glaubt Ihr das wirklich?« – »Ja.« – »So täuscht Ihr Euch ganz gewaltig. Der Panther hat große Lust, selbst Präsident zu werden. Was er tut, das tut er nur für sich.« – »Oh, das weiß ich besser. Ich habe ihm sogar die Bezahlung für seine Dienste vorausgegeben.« – »Wirklich? Das ist ein sehr dummer Streich von Euch. Jedenfalls ist der Gedanke, daß Ihr im Norden des Landes auftreten sollt, von ihm ausgegangen?« – »Das ist wahr.« – »Nun seht, er hat Euch los sein wollen. Auf ihn könnt Ihr nicht mehr rechnen.« – »Alle Teufel! Wenn das wahr wäre!« – »Es ist wahr, und ich kann es sogar beweisen.« – »Womit?« – »Durch einen Brief, den ich von ihm erhalten habe.« – »Was? Ihr steht mit dem Panther des Südens in Briefwechsel?« – »Schon lange Zeit.« – »Darf ich den Brief sehen und lesen?« – »Ja. Ich habe ihn jetzt nicht da, werde ihn aber nachher holen. Ich rate Euch, Eure Agitation aufzugeben, denn sie wird keinen anderen Erfolg haben, als daß Ihr Euch nur gewaltig lächerlich macht.«

Cortejo sank in sich selbst zusammen. Die Worte, die er hörte, waren für seine Eigenliebe außerordentlich verletzend. Der Pater stand dabei und erquickte sich im stillen an der Demütigung, die er ihm bereitete.

»Geht jetzt, Señor Cortejo, und holt Eure Tochter«, sagte er. »Ich werde Euch ein heimliches, unterirdisches Gemach anweisen. Eure Leute aber könnt Ihr einstweilen in einer Venta der Stadt einquartieren.« – »Sind sie da sicher?« – »Ja. Sie brauchen nur nicht zu sagen, daß sie zu Cortejo gehören.« – »Und dieser Jäger Grandeprise? Er wird mich nicht verlassen wollen.« – »Er mag mit Euch in das Kloster kommen. Ihn brauche ich nicht zu verstecken. Er besucht mich aus Dankbarkeit, daß ich ihn damals hergestellt habe, und mag frei und offen umherlaufen. Das wird niemandem auffallen.«

11. Kapitel.

Während dieser Unterredung befand Señorita Emilia sich in ihrem Zimmer. Sie ging nicht zur Ruhe, sondern wurde von der Frage wach erhalten, ob es geratener sei, gleich heute oder erst später Einsicht in den geheimen Briefwechsel des Paters zu nehmen.

Ihr Zimmer war nicht gar zu weit von dem seinigen, und so bemerkte sie, daß Personen leise gingen und kamen. Dies veranlaßte sie, ihr Licht zu verlöschen und die Tür ein wenig zu öffnen, um zu lauschen.

Nach einiger Zeit hörte sie wieder Schritte. Die Zimmertür des Paters wurde geöffnet, und beim Schein seiner Lampe sah sie eine männliche und eine weibliche Person bei ihm eintreten. Noch ehe die Tür sich hinter ihnen schloß, bemerkte sie, daß dem Mann ein Auge fehlte.

Nur einige Minuten später wurde sie abermals durch ein Geräusch aufmerksam gemacht. Sie sah den Pater mit der Laterne in der Hand auf der Treppe verschwinden, auf der sie mit ihm nach dem Keller gegangen war. Er stand nämlich im Begriff, den Brief des Panthers des Südens zu holen, den er Cortejo versprochen hatte.

Sie beschloß, ihm nachzugehen, und so glitt sie vorsichtig und lautlos hinter ihm die Treppe hinab. Da er hinter sich alle Türen offenließ, so konnte sie ihm fast bis in die Felsenkammer folgen, in der er seine Schätze und Papiere aufbewahrte. Sie bemerkte dort, daß er den Schrank öffnete und nach einem Brief suchte, den er zu sich steckte.

Nun mußte sie eiligst zurückkehren, um nicht von ihm gesehen zu werden. Sie erreichte ihr Zimmer glücklich und sah den Pater in das seinige zurückkehren. Aber nach längerer Zeit verließ er dasselbe wieder, und zwar in Begleitung der beiden Personen, die vorhin zu ihm gekommen waren. Er führte sie an ihrer Tür vorüber, und dabei hörte sie ihn mit leiser Stimme einige Worte sagen, von denen sie nur einen Teil verstand.

»Señorita Josefa, Ihr sei da unten vollständig …«

Mehr konnte sie nicht vernehmen. Aber kaum waren die drei vorüber, so kam ihr ein Gedanke, den sie auch sofort ausführte. Sie nahm einige Zündhölzchen zu sich und schlich sich nach des Paters Zimmer. Dort war es dunkel. Sie strich eines der Hölzer an und gewahrte nun beim Schein desselben die Schlüssel, auf die sie es abgesehen hatte. Sie nahm sie von der Wand und kehrte mit ihnen in ihre Stube zurück.

Erst nach längerer Zeit hörte sie den Pater wieder zurückkommen. Er war allein. Er hatte Cortejo und Josefa nach ihrem unterirdischen Asyl gebracht. Er gewahrte nicht, daß während seiner Abwesenheit jemand zugegen gewesen war. Nachdem er die Laterne auf den Tisch gestellt hatte, schritt er im Zimmer auf und ab und sagte zu sich selbst:

»Welch ein Abend! Die Rache, die ich fast aufgegeben hatte, ist da. Dieser Cortejo ahnt gar nicht, daß er der Rache noch mehr verfallen ist als der Graf. Cortejo war damals der eigentliche Urheber meines Unglücks, und ihn soll auch die härteste Strafe treffen. Vorher aber soll er mir soviel als möglich behilflich sein, meine Pläne auszuführen. Welche Unvorsichtigkeit! Mir, seinem Feind, diese Geschichte der Rodrigandas mitzuteilen! Ich werde sie zu seinem Verderben und zu meinem Vorteil benutzen. Alle Teufel! Wenn ich meinen Neffen Manfredo als Graf unterschieben könnte! Aber da wäre es notwendig, alle, die das Geheimnis wissen, aus dem Weg zu räumen. Ich werde abwarten und dann tun, was der Augenblick gebietet. Morgen werden vielleicht die Verfolger eintreffen. Da gibt es zu tun. Ich werde mich jetzt niederlegen und den Brief des Panthers erst morgen wieder in den Schrank schließen.«

Dieser Entschluß war ein Glück für Emilia, denn hätte er noch heute abend den Brief wieder zurückbringen wollen, so wäre von ihm das Fehlen der Schlüssel bemerkt worden. So aber ging er schlafen, ohne zu ahnen, daß die Geheimnisse seiner Korrespondenz in Gefahr waren, verraten zu werden.

Emilia wartete noch eine Zeitlang, bis sie überzeugt sein konnte, daß alles zur Ruhe gegangen war, dann steckte sie eine genügende Menge Papier und eine Bleifeder zu sich, nahm eine Lampe und ein Fläschchen Brennöl, das ihr zur Verfügung stand, und ging an ihr Unternehmen.

Sie verschloß ihre Stube und steckte den Schlüssel zu sich, damit niemand bemerken könne, daß sie abwesend sei. Dann stieg sie ohne Licht leise die Treppe hinab, die zu den Kellern führte. Erst dort angekommen, brannte sie die Lampe an und öffnete mittels der Schlüssel die Türen. Auf diese Weise und da sie sich die geheimen Handgriffe gemerkt hatte, die ihr gelangen, kam sie in die Felsenkammer, in der sich das Gesuchte befand.

Sie ging sofort an die Arbeit, indem sie das Schränkchen öffnete und eine der Skripturen nach der anderen öffnete, um sie zu lesen.

Sie waren höchst interessant und für Juarez, ihren Auftraggeber, von der allergrößten Wichtigkeit. Darum nahm sie Papier und Bleistift zur Hand und schrieb sich die wertvollsten Stücke ab. Sie hatte im Schreiben eine nicht gewöhnliche Fertigkeit, und doch gab es der Notizen so außerordentlich viele, daß sie voraussichtlich kaum bis zum Anbruch des Morgens fertig zu werden vermochte.

Während sie sich mit dieser Arbeit beschäftigte, drangen Laute wie von menschlichen Stimmen zu ihr. Sie lauschte. Die Töne kamen aus einer Ecke hervor, und als sie mit der Lampe dorthin leuchtete, bemerkte sie ein Loch, das wie eine Gosse geformt war, dessen Zweck hier an diesem Ort sie aber nicht zu begreifen vermochte. So viel stand fest, daß dieses Loch ihren Raum mit einem anderen verband, in dem jetzt gesprochen wurde.

Emilia bückte sich zum Boden nieder und lauschte. Jetzt vernahm sie deutlich den Klang einer männlichen und einer weiblichen Stimme, und als sie ihr Ohr ganz nahe an das Loch brachte, konnte sie sogar, allerdings mit Anstrengung ihres sehr scharfen Gehöres, die Worte verstehen, die da drüben gesprochen wurden.

»Du traust diesem Pater vollständig?« fragte die weibliche Stimme. – »Ja, vollständig«, antwortete die männliche. – »Aber er ist ja früher dein Feind gewesen!« – »Er denkt ebensowenig an diese vergangenen Dinge, wie ich an sie gedacht habe. Er haßt diesen Juarez und ist ganz erpicht darauf, sich an dem Grafen Rodriganda zu rächen.« – »Ich glaube doch, daß es geraten ist, vorsichtig zu sein, Vater!« – »Habe keine Angst um mich, Josefa! Pablo Cortejo läßt sich nicht so leicht von irgend jemandem betrügen. Das müßtest du doch wissen!« – »Oh, hast du nicht gerade in letzter Zeit den Beweis wiederholt erleben müssen, daß es doch Leute gibt, die uns überlegen sind?« – »Das war allerdings eine Reihe von ganz ungewöhnlichen Unglücksfällen, die sich aber jedenfalls nicht wiederholen werden. Ich habe dabei mein Auge verloren. Der Teufel hole jenen Kerl, der den so poetischen Namen Geierschnabel führt.« – »Woher weißt du, daß der Mann, der dir das Auge genommen hat, diesen Namen trägt?« – »Grandeprise nannte ihn mir. Er kennt ihn und hat ihn in der Gesellschaft von Juarez getroffen.« – »Vielleicht kommt uns dieser Mensch einmal in den Weg, Vater!« – »Dann sollte er eine Strafe erleiden, wie kein Teufel sie sich besser ausdenken könnte! Ich hatte erst die Absicht, zu versuchen, ob ich mich mit Juarez verbinden könne. Wäre mir mein Streich auf diesen Engländer und seine Ladung geglückt, so hätte ich dem Präsidenten höchst willkommen sein müssen, und ich hätte ihn gezwungen, zu einem Werkzeug meiner Pläne herabzusinken. Nun aber ist auch das vorüber.« – »Wo mag Juarez jetzt sein?« – »Oh, da die Vereinigten Staaten und England ihn unterstützen, so wird er jedenfalls schnelle Fortschritte machen. Sind die Freischaren, denen ich ausweichen mußte, zu ihm gestoßen, so ist er stark genug, ein kräftiges und rasches Vordringen zu unternehmen. Er wird dann sehr bald auf der Hacienda del Erina eintreffen.« – »Warum gerade dort?« – »Ich denke es mir, weil diese verteufelten Mixtekas gerade dort den Aufstand unternommen haben, der uns um alle unsere Hoffnung gebracht hat.« – »Ich meine, daß noch nicht alles verloren ist.« – »Sprich mit dem Pater darüber, er denkt ganz anders. Der Panther des Südens hat uns betrogen.« – »Unmöglich!« – »Oh, der Pater hat mir einen Brief des Panthers gezeigt, der mir den sicheren Beweis gebracht hat. Aber für heute ist es genug, Josefa. Auch du wirst von dem Ritt ermüdet sein, mehr noch, als ich selbst; wir wollen also sehen, ob wir in diesem unterirdischen Asyl schlafen können.«

Darauf wurde es still. Emilia lauschte noch eine Weile, bekam aber keine Silbe mehr zu hören.

»Sie sind zur Ruhe gegangen«, sagte sie zu sich selbst. »Wer aber sind sie? Cortejo und seine Tochter Josefa jedenfalls. Welch eine Entdeckung mache ich da! Sie haben sich nach hier geflüchtet, und der Pater hat ihnen ein Asyl geboten. Was aber die Hauptsache ist, Juarez kommt nach der Hazienda. Dort kann ich ihn treffen, um ihm die hier gefundenen Geheimnisse mitzuteilen. Zwar sollte ich eigentlich nach hier vollbrachter Arbeit schnell nach der Hauptstadt gehen, aber ich habe keinen zuverlässigen Boten, dem ich so Wichtiges anvertrauen dürfte. Ich bin also gezwungen, mich selbst nach der Hazienda zu begeben.«

Emilia kehrte jetzt zu ihrer Arbeit zurück. Sie schrieb und kopierte noch eine lange Zeit, bis endlich diese Aufgabe vollendet war.

Schon wollte sie den Raum verlassen, da fiel ihr Blick auf die Kisten, die da standen. Sie hielt den Schritt zurück und fragte sich:

»Was soll ich hier tun? Diese Kisten enthalten Reichtümer, die meiner Ansicht nach dem Staat, also Juarez gehören. Am allerwenigsten hat der Pater das Recht, sie zu besitzen. Ich könnte mich an ihnen bereichern, aber das wäre ja Diebstahl, und eine Diebin bin ich nicht. Ich werde mich also an diesen Schätzen nicht vergreifen, Juarez aber davon Mitteilung machen, sobald ich ihn treffe.«

Sie brachte alles wieder in den früheren Stand und kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, ließ sie nicht schlafen; sie traf Vorbereitungen zu einer heimlichen Abreise.

Bereits am frühen Morgen war der Pater wach. Er ging, um Cortejo und dessen Tochter den Morgenimbiß zu bringen. Er mußte dabei an Emilias Tür vorüber. Das Mädchen hatte die Schritte gehört und trat aus der Stube, um zu sehen, wer der Nahende sei.

»Ah! Schon munter, meine schöne Señorita?« fragte er. – »Ja, Señor«, antwortete sie. – »Habt Ihr nicht gut geschlafen?« – »Sogar sehr gut, aber ich erwachte früh, weil ich mir einen Morgenspaziergang vorgenommen hatte.« – »Daran tut Ihr recht wohl. Überlegt Euch dabei die Antwort, die Ihr mir nach Ablauf der festgesetzten Frist geben werdet.« – »Sie wird sehr überraschend sein, Señor«, sagte sie freundlich.

Hilario fühlte sich von ihrem Ton sofort bezaubert und fragte, indem er ihre Hand ergriff, um sie zu küssen:

»Sie wird günstig ausfallen, Señorita?« – »Jedenfalls!« – »Ich meine natürlich, günstig für mich!« – »Wartet es ab! Man darf nicht zu viel auf einmal erfahren wollen!«

»Oh, Señorita, ich kenne die Antwort bereits«, sagte er, indem sein Antlitz vor Freude erglänzte. »Ihr braucht mir gar nichts zu sagen.«

Damit ging er. Kaum aber war er um die Ecke des Ganges verschwunden, so eilte sie nach seiner Tür. Der Schlüssel stak in derselben. Emilia trat ein und brachte die gestern entwendeten Schlüssel wieder an ihre Steile. Dann kehrte sie auf ihr Zimmer zurück.

Einige Augenblicke später verließ sie dasselbe. Sie trug ein ziemlich ansehnliches Paket in der Hand, was aber niemand bemerkte, da es noch früh am Tag war und die meisten der Klosterbewohner noch schliefen.

Emilia begab sich nun in die Stadt hinab, und zwar zu einem Pferdebesitzer, den sie fragte:

»Ihr verleiht Pferde?« – »Ja, Señorita«, antwortete er. »Wollt Ihr spazierenreiten?« – »Nein, ich habe eine Reise vor.« – »Weit?« – »Ziemlich weit. Ich will den Ort geheimhalten. Könnt Ihr schweigen?« – »Ich bin gewohnt, bezahlt zu werden und zu schweigen.« – »Ich werde Euch pränumerando bezahlen. Ist Euch die Hacienda del Erina bekannt?« – »Ja. Wollt Ihr dorthin?« – »Ja.« – »Das ist eine Reise von mehreren Tagen. Welche Begleitung habt Ihr?« – »Keine. Ich bin allein.« – »Dann seid Ihr eine sehr mutige Dame. Soll ich für Begleitung sorgen?« – »Zwei Männer werden genügen.« – »Ganz wie Ihr denkt. Wann soll es fortgehen?« – »Möglichst sofort.« – »Ich gebe Euch zwei meiner Knechte mit. Es sind sichere Leute. In einer halben Stunde werden sie fertig sein.« – »Ich bekomme natürlich einen Damensattel?« – »Das versteht sich ganz von selbst!« – »Nun gut! Hier dieses Paket mögen die Knechte mitbringen.« – »Wie, Ihr wollt nicht hier aufsteigen?« – »Nein. Ich gehe voraus und werde mich vor der Stadt von ihnen treffen lassen. Man soll nicht sehen, auf welche Weise und nach welcher Richtung hin ich Santa Jaga verlasse.«

Emilia besprach nun den Preis mit dem Pferdebesitzer und bezahlte ihn so, daß er ganz außerordentlich zufrieden war. Darauf begab sie sich in der Haltung einer Spaziergängerin hinaus.

Zur angegebenen Zeit wurde sie von zwei Reitern eingeholt, die ein Pferd mit Damensattel bei sich führten. Sie hielten bei ihr an.

»Ihr wollt nach der Hacienda del Erina?« fragte der eine. – »Ja«, antwortete sie. – »Ihr habt ein Pferd mit zwei Begleitern bestellt?« – »So ist es. Seid ihr diese Leute?« – »Wir sind es. Steigt auf, Señorita.«

Die Reiter sprangen ab und halfen Emilia in den Sattel, dann ging es nach mexikanischer Sitte im schnellsten Galopp von dannen.

12. Kapitel.

Um dieselbe Zeit kam etwa eine halbe Tagereise weiter im Norden eine kleine Truppe von vier Reitern über den ebenen Grasboden geritten. Es war Sternau mit Donnerpfeil, Büffelstirn und Bärenherz. Ihnen folgten in ehrerbietiger Entfernung die Mixtekas, die Büffelstirn aufgefordert hatte, ihn zu begleiten.

Die Augen der vier waren auf den Boden gerichtet, und keiner sprach ein Wort, als Sternau auf das Gras zeigte und dabei sagte:

»Hier haben Pferde den Boden gestampft. Ich glaube, daß wir die Fährte noch sicher haben. Die Verfolgten haben hier ausgeruht.«

Sie stiegen von den Pferden, um den Platz zu untersuchen.

»Ja«, sagte Büffelstirn, »sie waren es. Die Zahl der Pferde ist dieselbe, und auch die Größe der Hufe paßt genau.« – »Wohin geht diese Richtung?« – »Nach Santa Jaga.« – »Das kenne ich nicht. Was ist es? Eine Stadt? Ein Flecken?« – »Ein Städtchen ist es, mit einem Kloster, das – uff!«

Der Indianer stieß diesen Ruf, mit dem er sich selbst unterbrach, in einem Ton aus, der von großer Überraschung zeugte.

»Warum wundert sich der Häuptling der Mixtekas?« fragte Sternau. – »Weil ich erst jetzt daran denke, was am wichtigsten ist, nämlich an die Worte, die der sterbende Mann sprach, den ich auf dem Berg El Reparo vom Pferd schoß. Ich fragte ihn, ob er wohl wisse, wohin Cortejo geritten sei. Er antwortete: ›Vielleicht nach dem Kloster della Bar…‹ Weiter konnte er nicht sprechen, denn er starb.« – »Hängt dies etwa mit Santa Jaga zusammen?« – »Jedenfalls, denn die Spur führt ja dorthin, und dort gibt es ein Kloster, das della Barbara heißt.« – »So hat das ›Bar…‹ des Sterbenden della Barbara heißen sollen?« – »Auf alle Fälle.« – »Und in diesem Kloster befindet sich Cortejo?« – »Wir werden ihn dort sicher treffen.« – »So denke ich, daß wir keine Zeit zu verlieren brauchen, indem wir dieselbe mit der Betrachtung der Fährte verschwenden. Wir haben dadurch bereits so viel verloren, daß die Verfolgten uns ein und einen halben Tag voraus sind. Kennt der Häuptling der Mixtekas den Weg nach Santa Jaga?« – »Sehr genau.« – »So mag er uns führen. Wir reiten direkt auf den Ort los.«

Die Männer stiegen wieder auf und setzten den Ritt fort, dieses Mal aber viel schneller als vorher.

Es mochte gegen Mittag sein, als sie eine Gruppe von drei Berittenen bemerkten, die ihnen entgegenkamen. Sie hielten an.

»Drei Reiter«, sagte Sternau. »Wer mag es sein?« – »Vaqueros jedenfalls«, meinte Büffelstirn. – »Nein«, antwortete Bärenherz, »sieht mein Bruder nicht, daß eine Squaw dabei ist?« – »Wahrhaftig!« meinte Sternau, indem er sein Auge besser anstrengte. »Es ist eine Dame mit zwei Männern.« – »Sollte es Josefa sein?« fragte Donnerpfeil. – »Wohl schwerlich. Was sollte sie bewogen haben, umzukehren?« – »Man kann das nicht wissen, Herr Doktor.« – »Wir werden es bald sehen. Ah, sie haben uns bemerkt Sie biegen zur Seite, um uns auszuweichen. Das darf ihnen nicht gelingen.« – »Reiten wir nach derselben Seite«, versetzte Büffelstirn.

Wieder jagten die Pferde weiter. Die Dame mochte erkennen, daß es unmöglich sei, auszuweichen; darum schlug sie ihre ursprüngliche Richtung wieder ein. Als die beiden Parteien einander so nahe gekommen waren, daß man sich ziemlich zu erkennen vermochte, hielt Bärenherz sein Pferd an und rief:

»Uff! Das ist ja die schöne Squaw von Chihuahua.« – »Von Chihuahua? Wen meint mein Bruder?« – »Die Dame, die bei den Häuptlingen der Franzosen war.« – »Señorita Emilia? Ah, bei Gott, es ist wahr, sie ist es. Was tut sie hier? Das muß eine eigentümliche Bewandtnis haben.«

Sternau setzte sein Pferd wieder in Bewegung, und die anderen folgten ihm. Einige Augenblicke später hielten sie vor der Reiterin.

»Doktor Sternau! Señor Sternau!« rief sie ganz verwundert. – »Ja, ich bin es, Señorita«, antwortete er. »Aber sagen Sie doch, wie Sie hierherkommen! Ich glaubte Sie auf dem Weg nach Mexiko.« – »Das war ich auch. Jetzt aber wollte ich nach der Hacienda del Erina.« – »Warum dorthin?« – »Ist Juarez dort?« – »Nein.« – »Aber er kommt hin?« – »Jedenfalls.« – »Ich habe ihm wichtige, sogar höchst wichtige Nachrichten zu bringen.« – »Sie selbst wollen das tun?« – »Es stand mir kein zuverlässiger Bote zur Verfügung.« – »Wir könnten Ihnen mit einem solchen jedenfalls dienen«, meinte Sternau, indem er einen Blick auf die Mixtekas warf, die ihnen gefolgt waren. »Lassen Sie uns absteigen und ausruhen.«

Dies geschah, und als sie sich niedergelassen hatten, fuhr Sternau in seinen Erkundigungen fort:

»Also einen sicheren Boten können Sie bei uns finden. Oder ist es notwendig, daß Sie selbst mit Juarez sprechen?« – »Nein. Es handelt sich nur darum, Schriftstücke, die ich bei mir trage, sicher in seine Hände gelangen zu lassen.« – »Übergeben Sie diese Sachen zweien von unseren Mixtekas. Sie werden sie nach der Hacienda del Erina bringen und dem Präsidenten geben, sobald derselbe dort angekommen ist.« – »Ich nehme dieses Anerbieten dankend an, Señor. Ich müßte auf der Hazienda auf Juarez warten, und doch ist es sehr nötig, daß ich die Hauptstadt so bald wie möglich erreiche.« – »Woher kommen Sie jetzt?« – »Von Santa Jaga.« – »Von daher? Ah, das ist wunderbar.« – »Warum?« – »Weil wir nach Santa Jaga wollen.« – »Zu wem?« – »Das wissen wir noch nicht, jedenfalls aber ins Kloster della Barbara.« – »Gerade in diesem Kloster habe ich logiert.« – »Wirklich? Das ist eigentümlich. Wir hoffen nämlich, Personen zu finden, die wir seit einigen Tagen verfolgen.«

Señorita Emilia machte eine Bewegung des Erstaunens.

»Etwa Cortejo?« fragte sie. – »Allerdings. Wie aber kommen Sie auf ihn?« – »Und seine Tochter Josefa?« – »Auch sie. Aber erklären Sie sich, Señorita. Haben Sie etwa diese beiden Personen in Santa Jaga gesehen?« – »Ja. Und zwar im Kloster.« – »Alle Wetter! Sie sind also dort angekommen?« – »Ja, gestern abend.« – »Und befinden sie sich noch dort?« – »Ich denke es. Sie werden in einem unterirdischen Gemach versteckt.« – »Kennen Sie dieses Gemach?« – »Ja und nein. Ich muß Ihnen erzählen, wie ich dazu gekommen bin, ich kenne wohl den Ort, aber nicht den Zugang zu demselben.« – »Selbst waren Sie nicht dort?« – »Nein, aber ganz in der Nähe, nebenan.«

Emilia erzählte nun ihr gestrigen Erlebnisse so ausführlich, als sie es für gut befand. Als sie geendet hatte, fragte Sternau: »Also dieser Pater Hilario ist eigentlich ein Feind von Cortejo?« – Ja. Wenigstens hörte ich es, als ich Cortejo und seine Tochter belauschte.« – »Und der Pater brennt darauf, sich an dem Grafen Rodriganda zu rächen?« – »Auch das hörte ich, ebenso, daß er ein Feind von Juarez ist.« – »Ich hätte nicht geglaubt, hier unterwegs so Hochinteressantes zu erfahren. Wir werden diesem Pater auf die Finger sehen müssen, und es ist da vielleicht möglich, daß wir irgendeine Entdeckung machen.« – »Ich wünsche, daß dieselbe ebenso wichtig sei wie das, das ich mir von seinen Schriften notiert habe.« – »Diese Notizen wollen Sie an Juarez gelangen lassen?« – »Ja. Sind die Mixtekas wirklich sichere Boten?« – »Sie können sich auf sie verlassen.« – »Aber es handelt sich noch um die Meßgewänder und andere Kostbarkeiten, die ich entdeckt habe.« – »Sie werden mir dieselben zeigen.« – »Oh, das wird nicht möglich sein, Señor.« – »Warum nicht?« – »Weil ich mich im Kloster nicht wieder sehen lassen möchte.« – »Ich begreife das. Sie möchten am liebsten so schnell wie möglich nach der Hauptstadt gehen.« – »Das ist allerdings mein Wunsch.« – »Wie nun, wenn ich Ihnen die Mixtekas zur Begleitung gebe, die übrigbleiben, wenn die zwei nach der Hazienda zurückkehren?« – »Brauchen Sie dieselben nicht?« – »Wenn die Franzosen in der Stadt liegen, können wir mit Gewalt nichts tun. Wir sind auf List angewiesen, und da ist es sogar sehr leicht möglich, daß uns diese Leute im Weg sein würden.« – »Sie wollen Cortejo in Ihre Hand bekommen?« – »Ja.« – »Und seine Tochter ebenfalls?« – »Natürlich.« – »Nun, so brauchen Sie sich ja nur an die Franzosen zu wenden. Wenn sie erfahren, daß sich der lächerliche Prätendent Cortejo in dem Kloster befindet, so werden sie nicht zögern, ihn sich ausliefern zu lassen.« – »Daran liegt mir nichts. Ich muß Cortejo für mich haben, aber nicht für die Franzosen. Wollen Sie so gut sein und mir einmal den Weg beschreiben, der in den unterirdischen Raum führt, von dem Sie vorhin erzählten!« – »Recht gern!«

Emilia tat es so genau wie möglich und erklärte auch die geheimnisvolle Weise des Öffnens der verborgenen Türen.

»Das habe ich begriffen«, meinte Sternau. »Aber die Schlüssel. Woran werde ich sie erkennen?« – »Daran, daß sie untereinander neben dem Vogelbauer hängen, der sich neben dem Fenster befindet. Beide sind Hohlschlüssel.« – »So weiß ich für jetzt genug, Señorita. Sie ziehen also vor, gleich von dieser Stelle aus nach Mexiko zu gehen?« – »Ja, wenn Sie mir die versprochene Begleitung mitgeben.« – »Büffelstirn wird das Ihnen und mir nicht abschlagen. Aber ist dieses Pferd Ihr Eigentum?« – »Nein. Ich habe es geliehen, werde es aber dem Knecht abkaufen und es ihm so bezahlen, daß sein Herr zufrieden sein kann.« – »Sind Sie da mit hinlänglichen Mitteln versehen, oder dürfte ich Ihnen zu Diensten stehen?« – »Ich danke! Juarez hat mich ausgerüstet.« – »Aber Ihre Effekten?« – »Einiges habe ich bereits bei mir, und das übrige werden mir die Franzosen sicher nachbringen, obgleich sie noch nicht wissen, wohin ich heute geritten bin.« – »Ich würde Ihnen dies sehr gern besorgen, aber leider ist es mir unter den gegenwärtigen Umständen unmöglich. Diese Herren Franzosen haben mich ja in Chihuahua gesehen und würden mich erkennen. Der Empfang dürfte nicht zum Vorteil sein.« – »Das ist wahr. Sie dürfen sich also gar nicht sehen lassen.« – »Nein. Wann sind Sie von Santa Jaga aufgebrochen?« – »Am Morgen gegen sieben Uhr.« – »So werden wir voraussichtlich bei Nacht dort ankommen. Das paßt, da kann man uns nicht sehen. Wollen Sie mir die Wohnung des Paters beschreiben, damit ich sie gleich finde?«

Emilia tat dies und zog dann ihre Abschriften hervor, um sie Sternau zu übergeben. Dieser machte Büffelstirn mit dem Zweck und der Bestimmung derselben bekannt, und bald ritten auf Befehl dieses Häuptlings zwei der Mixtekas mit den wichtigen Schriften nach der Hazienda zurück. Die anderen machten sich bereit, die Señorita nach der Hauptstadt zu begleiten.

Die beiden Knechte waren mit dem Preis, den Emilia ihnen für das Pferd bot, sehr zufrieden und überließen es ihr. Als sie in den Sattel gestiegen war, fragte Sternau nochmals:

»Sie wissen also gewiß, daß die gestern angekommenen Personen keine anderen waren, als Cortejo und seine Tochter?« – »Ganz gewiß; denn erstens nannte er sich selbst Pablo Cortejo, und sie nannte ihn Vater, während er Josefa zu ihr sagte.« – »Und zweitens?« – »Zweitens sah ich gestern abend, daß ihm ein Auge fehlte.« – »Dann ist er es ohne allen Zweifel.« – »Ich bin überzeugt davon. Aber Señor, nehmen Sie sich vor diesem Pater Hilario in acht!« – »Keine Sorge, Señorita! Dieser Mann wird uns nicht gefährlich werden. Haben Sie an Juarez etwas auszurichten?« – »Für jetzt nichts. Leben Sie wohl!« – »Reisen Sie glücklich!«

Emilia ritt mit den Mixtekas davon, und zwar rückwärts in einem spitzen Winkel zu der Richtung, aus der sie gekommen war.

Auch die beiden Knechte kehrten zurück. Sie hatten von der Unterredung Sternaus mit Emilia kein Wort vernommen. Jetzt fragte Helmers:

»Hätten wir nicht die Mixtekas bei uns behalten sollen, Herr Doktor? Wir sind ja vier Personen, aber wir wissen nicht, was uns passieren kann. Es ist doch der Fall möglich, daß wir ihre Hilfe gebrauchen können.« – »Ich glaube nicht. Dieser Pater soll uns so leicht keinen Schaden bringen. Er wird uns Cortejo ausliefern müssen. Haben wir etwas unterlassen, so ist es, daß wir den beiden Mixtekas, die nach der Hazienda zurückkehrten, hätten sagen sollen, wohin wir reiten.« – »Das werden sie doch wissen.« – »Vielleicht doch nicht. Wir haben fast gar nicht mit ihnen gesprochen.« – »Sie werden es aber vorhin gehört haben.« – »Ich glaube das nicht, denn sie hielten zu weit von uns entfernt. Doch sehe ich nicht ein, weshalb wir gerade heute so minutiös sein wollen. Laßt uns aufbrechen, damit wir Santa Jaga nicht zu spät erreichen.«

Der Ritt wurde fortgesetzt, und zwar so schnell, daß sie die beiden Knechte sehr bald überholten. Der eine meinte zum anderen:

»Daraus werde der Teufel klug. Erst will das Mädchen nach der Hacienda del Erina, und dann kauft es uns das Pferd ab, um mit diesen Kerlen ins Blaue hineinzureiten.« – »Es waren Mixtekas.« – »Jawohl. Aber wer mögen diese vier Männer sein?« – »Zwei davon sind jedenfalls Indianer.« – »Und zwei sind Weiße; das ist ja sehr leicht zu sehen. Aber wer sind sie, und was wollen sie? Hast du eine Ahnung davon?« – »Nein. Ich habe ja kein Wort von dem, was sie sprachen, gehört.« – »Ich auch nicht Aber dies Mädchen kenne ich.« – »Ich auch. Sie nennt sich Señorita Emilia und wohnte im Kloster bei dem alten Pater. Aber was geht uns dies alles an? Treiben wir lieber die Pferde an, damit wir noch vor Mitternacht nach Hause kommen.«

Lange vor dieser zuletzt angegebenen Zeit erreichte Sternau mit seinen drei Begleitern Santa Jaga. Es war Abend, aber das Kloster war ohne Mühe zu erkennen.

»Wo stellen wir unsere Pferde ein?« fragte Helmers. – »Einstellen?« antwortete Sternau. »Gar nicht. Im Kloster ist es nicht ratsam, und in der Stadt dürfen wir uns ja nicht sehen lassen. Es wird sich da oben am Berg schon noch ein Ort finden lassen, wo wir sie verstecken können, bis wir sie wieder brauchen.« – »Es werden uns zwei Stück fehlen.« – »Inwiefern?« – »Nun, je eins für Cortejo und seine Tochter.« – »Da mache ich mir gar keine Sorge. Haben wir erst diese beiden, so werden Pferde schon zu beschaffen sein.«

Sie ritten den Berg hinan. In der Nähe des Klosters befand sich seitwärts vom Weg ein Gebüsch, in dem sie die Pferde unterbrachten.

»Wer soll hier bei den Tieren bleiben?« fragte Sternau. – »Ich nicht«, antwortete Büffelstirn. – »Bärenherz muß zu Cortejo«, meinte der Apache. – »Und ich bleibe am allerwenigsten zurück, wenn es sich darum handelt, diese beiden Personen zu fangen«, erklärte Donnerpfeil. – »Aber auch ich kann nicht zurückbleiben«, meinte Sternau. »Wir wollen also die Pferde ohne Wache lassen?« – »Ja. Es nimmt sie uns hier niemand weg.« – »Wir wollen es hoffen. Also kommt.« – »Wie gelangen wir hinein? Durch das Tor?« – »Nein. Wir müssen vorsichtig sein. Laßt uns die Mauern besehen. Es ist am allerbesten, wenn uns kein Mensch, als nur der Pater zu sehen bekommt.«

13. Kapitel.

Als Sternau und seine Begleiter den Berg hinaufgekommen waren und nach den Büschen abbogen, hatte sich neben dem Weg die Gestalt eines Mannes vom Boden erhoben und war nach dem Kloster geeilt. Er trat durch ein Seitenpförtchen ein, verschloß dasselbe und begab sich schleunigst nach der Wohnung des Paters. Es war Manfredo, der Neffe desselben.

»Du bist ja ganz außer Atem«, sagte der Alte. »Kommst du von deinem Posten?« – Ja.« – »Hast du etwas gesehen?« – »Natürlich. Sie kommen!« – »Sie? Wer?« – »Vier Männer. Einer davon ist so groß wie ein Riese.« – »Das müßte dieser Sternau sein. Gehe fort, damit sie dich jetzt nicht sehen!« – »Oh, sie kommen noch nicht sogleich. Sie ritten erst nach den Büschen.« – »Warum? Was wollen sie dort?« – Jedenfalls verstecken sie dort ihre Pferde. Sie werden beabsichtigen, heimlich in das Kloster zu kommen.« – »Das wäre auch mir lieber. Hast du dir alles genau gemerkt?« – »Natürlich! Es ist ja wenig genug.« – »Du hast nichts zu tun, als hinter uns zu leuchten, gerade wie ich mit der Lampe vor ihnen gehe. Sobald wir aber in den betreffenden Raum eingetreten sind, nämlich ich und sie, bleibst du zurück, wirfst die Tür zu und schiebst die Riegel vor. Das ist alles. Jetzt aber gehe.«

Der Neffe entfernte sich; der Oheim blieb zurück. Er saß an seinem Tisch, anscheinend in ein Buch vertieft, aber er lauschte angestrengt auf jedes Geräusch, das sich hören ließ. Doch er war kein Präriejäger. Während er sein Gehör vergebens anstrengte, um irgend etwas zu vernehmen, hatte sich längst die Tür leise geöffnet, und Sternau stand unter derselben, hinter ihm seine drei Gefährten.

Sternau betrachtete das Zimmer und den darin Sitzenden genau und fragte dann:

»Seid Ihr Pater Hilario?«

Der Gefragte fuhr empor und drehte sich um. Er war so erschrocken, daß er erst nach einiger Zeit antworten konnte:

»Ich bin es. Wer seid Ihr?« – »Das werdet Ihr bald erfahren.«

Bei diesen Worten trat Sternau ein, und die anderen drei folgten ihm. Die Augen des Paters waren mit sichtlicher Scheu auf die riesige Gestalt des Deutschen gerichtet. Sollte er es wirklich wagen, mit diesen Leuten, die noch dazu bis unter die Zähne bewaffnet waren, den Kampf aufzunehmen?

Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, fragte Sternau:

»Ihr seid allein, Señor?« – Ja.« – »Es kann niemand unser Gespräch belauschen?« – »Niemand.« – »Nun gut, so will ich Euch sagen, daß ich eine Bitte an Euch habe.«

Sternau hatte bisher in einem freundlichen Ton gesprochen, so daß dem Pater der entsunkene Mut zu wachsen begann.

»Wollt Ihr mir nicht lieber erst sagen, wer Ihr seid?« fragte er. – »Das werdet Ihr schon noch erfahren. Vorerst aber gebt uns gefälligst auf einige Fragen eine wahre Antwort!« – »Señor, ich weiß nicht, was ich denken soll! Wie es scheint, seid Ihr nicht auf dem gewöhnlichen Weg in das Kloster gekommen?« – »Allerdings nicht.« – »Warum nicht?« – »Jedenfalls, weil wir Gründe dazu hatten, mein Lieber. Wenn Euch unser Kommen in Unruhe versetzt, so liegt es nur in Eurer Hand, Euch von uns so bald wie möglich zu befreien. Sagt einmal, ob Ihr vielleicht von unserem Kommen unterrichtet seid.« – »Nein. Wer sollte mich unterrichtet haben?« – »Es hat niemand zu Euch gesagt, daß er vielleicht verfolgt werde?« – »Verfolgt? Ich verstehe Euch nicht!« – »Sind nicht gestern abend ein Herr und eine Dame zu Euch gekommen?« – »Nein.« – »Namens Cortejo?« – »Nein.« – »Und die Dame heißt Josefa Cortejo?« – »Ich kenne diesen Namen nicht.« – »Ah, Ihr wollt diesen so oft gehörten Namen nicht kennen?« – »Nein, ich lebe den Wissenschaften und der Krankenpflege und beschäftige mich nicht mit der Politik.« – »Ah, woher wißt Ihr denn, daß dieser Name mit der Politik in Verbindung steht? Ihr habt damit verraten, daß er Euch bekannt ist.« – »Nein, ich erriet es nur, weil Ihr sagtet, daß der Name jetzt so viel genannt werde.« – »Versucht nicht, mich zu täuschen. Ihr beschäftigt Euch nicht mit Politik?« – »Ganz und gar nicht.« – »Und dennoch steht Ihr in Korrespondenz mit allen gegenwärtigen politischen Persönlichkeiten. Sogar der Panther des Südens schreibt Euch, daß er Cortejo betrogen habe.«

Der Pater erschrak. Woher wußte Sternau dieses?

»Ihr irrt, Señor«, sagte er. »Vom Panther habe ich gehört, von einem gewissen Cortejo aber niemals.« – »So seid Ihr früher nicht sein Feind gewesen?« – »Nein.« – »Auch nicht der Feind des Grafen Ferdinando de Rodriganda?« – »Nie.«

Hilario wußte nicht, was größer war, sein Schreck oder seine Verwunderung darüber, daß dieser fremde Mann das alles wußte. Sternau fuhr fort:

»Also Cortejo ist nicht zu Euch gekommen?« – »Nein.« – »Ihr habt ihn und seine Tochter wirklich nicht hier in diesem Zimmer empfangen?« – »Nein.« – »Ihr habt sie auch nicht nach einem unterirdischen Raum gebracht, um sie dort zu verstecken?« – »Nein.« – »Und dieser Raum liegt nicht gerade neben demjenigen, in dem sich das verborgene Schränkchen mit Euren geheimen Briefschaften befindet?«

Jetzt fuhr dem Pater der Schreck durch alle Glieder. Aber er ermannte sich doch, nahm einen strengen Ton an und antwortete:

»Señor, ich weiß nicht, wie Ihr dazu kommt, heimlich bei mir einzudringen und mir Fragen vorzulegen, die ich nicht verstehe und begreife. Ich werde Hilfe gegen Euch herbeirufen.« – »Versucht das nicht, Señor! Es würde Euch schlecht bekommen.« – »So erklärt Euch wenigstens deutlicher, damit ich erfahre, was Ihr eigentlich bei mir und von mir wollt.« – »Das ist kurz gesagt: Ihr sollt uns Cortejo und seine Tochter ausliefern.« – »Aber ich weiß ja gar nichts von ihnen.« – »Glaubt Ihr wirklich mit dieser Lüge durchzukommen? Ich werde Euch das Gegenteil beweisen. Ist Euch einer von uns bekannt?« – »Nein.« – »Nun, mein Name tut zunächst nichts zur Sache; Ihr werdet ihn wohl kaum gehört haben; aber Büffelstirn ist Euch bekannt?« – Ja.« – »Bärenherz?« – »Ja.« – »Und Donnerpfeil?« – »Ja.« – »Nun, diese drei stehen hier vor Euch. Ihr seht wohl ein, daß solche Männer nicht zu den Leuten zu zählen sind, mit denen man ungestraft Spaß machen kann?«

Der Pater betrachtete die drei Männer, und der Eindruck ihrer Persönlichkeiten war ein solcher, daß er unwillkürlich ausrief:

»Da mögt Ihr recht haben!« – »Na also! Wollt Ihr uns nun gestehen, daß Cortejo bei Euch ist?« – »Ich kann es ja nicht gestehen, Señor.« – »Ich werde Euch beweisen, daß Ihr es gestehen könnt. Ich nehme Euch nämlich jetzt bei der Gurgel – so – und wenn Ihr mir nicht sofort sagt, daß Ihr aufrichtig sein wollt, so drücke ich Euch die Kehle so zusammen, daß Ihr im nächsten Augenblick eine Leiche seid. Wir werden dann die gesuchten zwei Personen schon zu finden wissen!«

Sternau hatte während dieser Worte den Pater wirklich bereits so fest bei der Gurgel gefaßt, daß derselbe nur noch lallen konnte. Jetzt begann es doch dem Alten angst zu werden. Er sah ein, daß es unmöglich sei, ohne Gefahr für sein Leben länger beim Leugnen zu bleiben und stammelte:

»Ich – will –!«

Sternau ließ ein wenig locker und fragte:

»Cortejo ist also bei Euch?« – »Ja«, antwortete der Pater. – »Auch seine Tochter?« – »Ja.« – »Wer noch?« – »Weiter niemand.« – »Es sind ja noch mehr Leute mit ihnen gekommen.« – »Die haben sich unten in der Stadt einquartiert.«

Jetzt nahm Sternau die Hand ganz von ihm weg und sagte:

»Das letztere will ich Euch glauben. Wo stecken die beiden?« – »In einem unterirdischen Loch.« – »Loch? Pah! Ihr werdet Eure Schützlinge nicht in ein Loch gesteckt, sondern ihnen eine bessere Wohnung angewiesen haben.« – »Nein, sie sind ja meine Gefangenen!« log der Pater.

Sternau sah ihm scharf in das Gesicht und sagte:

»Ich warne Euch, mich abermals täuschen zu wollen!« – »Ich täusche Euch nicht, Señor! Ich weiß nicht, woher Ihr es erfahren habt; aber Ihr sagtet vorhin ja selbst, daß Cortejo mein Feind gewesen sei. Der Zufall hat ihn in meine Hand geführt, und so hat er zwar geglaubt, mein Schützling zu werden, ist aber mein Gefangener geworden.« – »Welche Absicht hattet Ihr mit ihm?« – »Ich wollte ihn ein wenig quälen und dann den Franzosen ausliefern.« – »Das könnt Ihr bequemer haben, indem Ihr ihn uns ausliefert.« – »Was wollt denn Ihr mit ihm?« – »Hm! Ihn vielleicht etwas mehr quälen, als Ihr es getan hättet.« – »Was gebt Ihr mir denn, wenn ich Euch zu Willen bin?« – »Ich glaube gar, Ihr wollt noch Bezahlung fordern. Hört, diese Bezahlung könnte sehr leicht in etwas bestehen, was Euch nicht lieb sein würde. Ich frage Euch kurz, ob Ihr uns Vater und Tochter ausliefern wollt oder nicht.« – »Sogleich?« – »Auf der Stelle!« – »Señor, ich kenne Eure Absicht nicht, aber wenn ich genau wüßte, daß Ihr nicht Freunde von ihm seid, die da nur gekommen sind, ihn zu befreien, so würde ich mich vielleicht entschließen, Euren Wunsch zu erfüllen.« – »Unsinn! Versucht keine Komödie mit uns! Ich gebe Euch nur eine Minute Zeit. Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?«

Der Pater gab seinem Gesicht den Ausdruck der größten Angst und erwiderte:

»Mein Gott, ich bin ja bereit dazu. Erlaubt mir nur, meinen Neffen kommen zu lassen!« – »Warum ihn?« – »Er ist Wärter der Gefangenen. Er hat die Schlüssel.« – »Wo befindet er sich?« – »Nebenan. Ich brauche nur zu klopfen.« – »So tut es!«

Der Pater klopfte an die Wand, und gleich darauf trat Manfredo ein. Er betrachtete die vier Männer mit neugierigen Blicken. Sie machten ganz den Eindruck, als ob es gefährlich sei, mit ihnen umzugehen. Er hatte eine brennende Laterne bei sich.

»Diese Señores sind gekommen, die Gefangenen ausgeliefert zu erhalten«, sagte sein Oheim zu ihm. – »Wer sind sie?« fragte er. – »Das geht dich nichts an. Ist der Weg frei?« – »Ich denke, daß uns jetzt niemand mehr begegnen wird.« – »Gut.«

Damit griff auch der Pater nach seiner Laterne.

»Wozu zwei Lichter?« fragte Sternau. – »Weil eins für sechs Personen in den dunklen Gängen zu wenig ist. Oder soll ich die Gefangenen hierherholen?« – »Nein, wir gehen mit. Aber versucht nicht, uns zu entfliehen. Einer von Euch geht vor und der andere hinter uns. Der vordere ist Geisel für beide. Geschieht etwas, so wird er niedergeschossen.«

Man setzte sich in Bewegung, wie Sternau angegeben und wie es leider auch in der Absicht des Paters lag.

Dieser schritt voran und führte sie durch einen Gang und dann eine tiefe Treppe hinab, wieder durch einen Gang und schließlich durch einen Keller. Vor einer starken, mit Eisenblech beschlagenen Tür blieb er stehen und schob zwei Riegel zurück.

»Hast du den Schlüssel?« fragte er seinen Neffen. – »Ja«, antwortete dieser. – »Sind Sie runter dieser Tür?« erkundigte sich Sternau. – »Nein, aber hinter der nächsten, Señor.«

Jetzt hatte Manfredo aufgeschlossen und trat zurück, um die anderen passieren zu lassen. Der Pater schritt voran, und die vier folgten. Sie bemerkten nicht, daß die gegenüberliegende Eisentür nicht verschlossen war. Noch ehe sie einen argen Gedanken faßten oder die ihnen drohende Gefahr ahnten, tat der Pater einen blitzschnellen Sprung vorwärts zum Raum hinaus und warf die Tür hinter sich zu. In demselben Augenblick hörten sie auch hinter sich einen Krach. Auch die erste Tür war von dem Neffen zugeworfen worden. Hinter und vor ihnen rasselten Riegel und Schlösser, sie selbst aber befanden sich im Dunklen.

»Donnerwetter! Gefangen!« rief Helmers. – »Uff!« rief der Apache. – »Überlistet!« entfuhr es Sternau.

Nur der Mixteka sagte nichts, aber ein Schuß aus seiner Büchse krachte gegen die Tür.

»Was will mein Bruder? Warum schießt er?« fragte Sternau. – »Das Schloß zerschießen«, antwortete Büffelstirn. – »Das hilft uns nichts. Es sind ja auch Riegel an den Türen.« – »Feuer machen. Leuchten!«

Sternau griff in seine Tasche und zog Zündhölzer hervor. Als eins derselben aufflackerte, konnte man einen dunstigen Streifen sehen, der von außen durch das Schlüsselloch hereindrang. Zu gleicher Zeit war ein überaus starker Geruch zu bemerken, der ganz imstande war, den Atem zu benehmen.

»Mein Gott, man will uns vergiften oder ersticken!« rief Sternau. »Man bläst etwas Tötendes durch das Schlüsselloch!« – »Sprengt die Tür!« schrie Donnerpfeil.

Wie auf Kommando stemmten sich die vier Männer mit aller ihrer Kraft gegen die Tür. Es half ihnen nichts.

Draußen aber stand der Pater und lauschte. Er hielt in der Linken die Laterne und in der Rechten eine leere, dünne Hülse, die den chemischen Stoff enthalten hatte, den er durch das Schlüsselloch geblasen hatte. Auf seinem Gesicht lag teuflische Schadenfreude.

»Gesiegt!« jauchzte er. »Sie sind gefangen! Horch, wie sie sich gegen die Tür stemmen. Jetzt schlagen sie mit den Gewehrkolben dagegen. Oh, das Eisen hält. Die Riegel geben nicht nach. In zwei Minuten werden sie still sein.«

Er hatte recht. Das Stoßen und Klopfen wurde schwächer und hörte bald ganz auf. Es herrschte jetzt die Ruhe des Grabes.

»Soll ich aufmachen?« fragte sich der Alte. »Es ist eine sehr böse Sache. Komme ich zu früh, so wachen sie noch, und ich bin verloren, komme ich zu spät, so sind sie tot. Sie sollen ja nur ohne Besinnung sein. Ich werde es wagen.«

Er schob die Riegel zurück und öffnete vorsichtig. Der scharfe, penetrante Geruch kam ihm entgegen. Er riß die Tür schnell auf und sprang weit zurück.

»Manfredo, mach auf!« rief er dabei.

Auf diesen Befehl öffnete der Neffe nun auch die jenseitige Tür, und das tödliche Gas konnte abziehen. Es dauerte nicht lange, so war es ganz ungefährlich, zu den vier Überlisteten zu gelangen. Sie lagen bewegungslos am Boden. Der Pater kniete nieder, öffnete ihnen die Brustbekleidung und untersuchte sie.

»Sie sind vielleicht gar tot?« fragte der Neffe. – »Nein«, antwortete der Alte nach einiger Zeit. »Sie leben noch. Es ist so gegangen, wie ich gewünscht habe. Nimm ihnen alles ab, was sie bei sich führen, es soll deine Beute sein. Dann werden sie gefesselt, und du hältst Wache, bis ich zurückgekehrt bin.« – »Wo willst du hin?« – »Cortejo holen.« – »Warum?« – »Sie sollen sich über diese Leute freuen, wie ich mich nachher über sie selbst freuen werde. Beeile dich, fertig zu werden. Ich komme bald wieder.«

Hilario entfernte sich. Der Neffe aber plünderte die Bewußtlosen vollständig aus und schaffte seinen Raub nach dem Keller, durch den sie vorhin gekommen waren. Den Beraubten aber band er Arme und Beine so zusammen, daß es ihnen unmöglich war, sich zu befreien.

14. Kapitel.

Der Pater hatte einige dunkle Gänge passiert und kam an eine Tür, an die er klopfte.

»Wer ist draußen?« fragte es. – »Ich. Darf ich eintreten?« – »Ah, Pater Hilario! Tretet ein!«

Hilario machte die Tür auf und kam nun in einen ziemlich wohnlich eingerichteten Felsenraum, in dem eine Lampe brannte. Cortejo und seine Tochter saßen darin auf einer Matte am Boden.

»Gut, daß Ihr kommt!« sagte die letztere. »Ich leide noch immer große Schmerzen. Wollt Ihr mich noch einmal verbinden?« – »Nein, Señorita. Es wäre überflüssig. Eure Verletzung ist falsch behandelt worden. Jetzt ist es zu spät. Ihr werdet daran zugrunde gehen.«

Josefa richtete ihre Eulenaugen erschrocken auf ihn.

»Ihr scherzt, Pater«, sagte sie. – »Ich spreche sehr im Ernst.« – »Oh, Ihr wollt mir bloß Angst machen.« – »Ich wünschte, Ihr hättet die richtige Angst, Señorita.«

Hilarios Auge ruhte dabei kalt und gefühllos auf ihren vor Schreck totenbleichen Zügen. Sie beachtete es nicht und sagte, wie um sich selbst zu ermutigen:

»Ich bin überzeugt, daß ich bald wieder genese.« – »Hofft meinetwegen, solange Ihr könnt und wollt!« – »Ja, hoffe, Josefa!« sagte Cortejo. »Der Pater hat schlechte Laune, und diese läßt er uns entgelten. Wie steht es an der Oberwelt, Señor? Darf man sich bald sehen lassen?« – »Wohl noch nicht!« – »Warum nicht? Sind die Franzosen noch da?« – »Sie werden sich nicht sogleich entfernen.« – »Der Teufel hole sie. Auf diese Weise kann man sich ja nur des Nachts ins Freie wagen, um frische Luft zu haben. Könnt Ihr uns denn nicht wenigstens eine andere Wohnung anweisen?« – »Ja, Señor.« – »Wann?« – »Nachher.« – »Und wo?« – »Das werde ich mir erst überlegen müssen. Es paßt nicht jede für Euch.« – »Hat sich noch kein Verfolger sehen lassen?« – »O sicher. Es waren einige da.« – »Ah, also doch! Wie viele waren es?« – »Vier. Es scheinen keine gewöhnlichen Kerle zu sein. Der eine war ein Riese, ein wahrer Goliath.« – »Sternau jedenfalls.« – »Zwei waren Indianer.« – »Büffelstirn und Bärenherz!« – »Der vierte war ein Weißer.« – »Jedenfalls dieser Helmers oder Donnerpfeil, der mich gefangennahm und fesselte«, sagte Josefa. »Was habt Ihr mit ihnen gemacht?« – »Ich? Nichts, gar nichts, Señorita.« – »Nichts? Gar nichts?« – »Nein. Ich war froh, daß sie nichts mit mir machten.« – »Sie waren also gar nicht bei Euch?« – »Natürlich!« – »In Eurer Stube?« – »Ja.« – »Aber es war doch bestimmt, daß sie festgenommen werden sollten!« – »Wie hätte ich es machen können, Señorita?« – »Das fragt Ihr noch? Señor, Ihr seid ein Feigling!« – »Meint Ihr das wirklich? Das ist wohl der Dank für die Opferwilligkeit, mit der ich Euch bei mir aufgenommen habe? Soll ich Euch etwa den Franzosen ausliefern?« – »Unsinn!« rief Cortejo. »Meine Tochter meint es ja gar nicht so, wie Ihr es nehmt. Ich habe allerdings auch geglaubt, daß Ihr diese Kerle gefangennehmen würdet. Es war auch so ausgemacht. Nun sind sie entkommen, und ich bin gezwungen, sie auf andere Weise unschädlich zu machen.« – »Wie das zu geschehen hat, werden wir uns noch überlegen.« – »Was sagten sie denn? Wie benahmen sie sich? Erzählt es doch!« – »Nachher, Señor. Jetzt denke ich daran, daß Ihr eine andere Wohnung wünscht. Wenn Ihr mir folgen wollt, werde ich Euch eine solche zeigen.«

Cortejo verließ mit seiner Tochter den gegenwärtigen Aufenthalt und ließ sich von dem Pater durch die Gänge führen. Endlich schimmerte ihnen ein Licht entgegen, und als sie näher kamen, erkannte Cortejo Manfredo, der bei vier Männern saß, die gebunden am Boden lagen.

»Was ist das? Wer sind diese Leute?« fragte er. – »Seht sie Euch an!« antwortete der Pater.

Cortejo trat hinzu und stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

»Alte Teufel! Das ist ja Sternau!« – »Sternau?« fragte Josefa schnell. »Wo? Wo ist er?« – »Hier liegt er, an Armen und Beinen gefesselt.«

Josefa eilte herbei und ließ sich bei Sternau nieder. Dieser war wieder zu sich gekommen und betrachtete mit kalten, ruhigen Blicken die vier Personen, in deren Hände er geraten war.

»Ja, es ist Sternau!« frohlockte das Mädchen. »Und hier liegen Büffelstirn, Bärenherz und Donnerpfeil. Ich denke, sie sind entkommen?«

Diese letzten Worte waren an den Pater gerichtet.

»Ich scherzte nur«, antwortete dieser. »Mir pflegt keiner zu entkommen, dem ich eine Wohnung bei mir anweisen will.«

Auch die drei anderen hatten ihre Besinnung wiedererlangt, Sie hielten zwar die Augen offen, aber keiner von ihnen sprach ein Wort.

»Aber wie ist es Euch geglückt, sie festzunehmen?« fragte Cortejo. – »Das werdet Ihr später erfahren. Jetzt fragt es sich vor allem, was wir mit diesen Leuten tun werden.« – »Einsperren, natürlich!« antwortete Josefa. – »Aber wo?« – »In Euren allerschlechtesten Löchern, Señor!« – »Wollen wir es wirklich so ganz schlimm machen? Sie sind doch auch Menschen.« – »Es kann nicht schlimm genug für sie werden!« antwortete Josefa eifrig. »Sie werden täglich Prügel bekommen, aber allwöchentlich nur einmal zu essen.« – »Ich möchte Euch aber doch bitten, ein wenig nachsichtiger zu sein, Señorita. Ihr wißt ja auch nicht, ob Ihr einmal in eine Lage kommt, in der Ihr Nachsicht gebrauchen könnt!«

Josefa bemerkte den stechenden Blick nicht, den der Pater bei diesen Worten auf sie warf, und antwortete rasch und eifrig:

»Keine Nachsicht, keine Spur von Nachsicht sollen sie haben! Nicht, Vater?«

Cortejo neigte zustimmend den Kopf und erwiderte:

»Milde ist hier am unrechten Platz. Ich habe ein Auge verloren. Man hat mir die Hazienda genommen und meine Leute ermordet. Man wollte meine Tochter von den Krokodilen zerreißen lassen. Es ist keine Strafe zu grausam für diese Menschen. Wo sind die Löcher, in die sie gesteckt werden sollen?« – »Eine Treppe tiefer, Señor.« – »So wollen wir sie dorthin bringen. Später werdet Ihr uns erzählen, wie sie in Eure Hände gekommen sind.« – »Machen wir ihnen die Beinfesseln weiter, damit sie gehen können.« – »Wenn sie aber nicht gehen wollen?« fragte Josefa. – »So haben wir Messer und Licht. Wenn wir sie stechen und brennen, werden sie schon laufen lernen«, meinte Cortejo.

Es fiel keinem von den vieren ein, sich zu widersetzen und sich dadurch noch weitere Qualen zuzuziehen, sie folgten willig dem Pater, der sie bis an eine Treppe brachte, die in ein tieferes, unterirdisches Stockwerk führte. Dort gelangten sie in einen langen, schmalen Gang, in dem rechts und links kleine Felsenzellen angebracht waren, kaum groß genug für einen Menschen. Diese Zellen waren durch Türen verschlossen, in denen sich ein rundes Loch befand.

»Sind das die Gefängnisse?« fragte Josefa. – »Ja.« – »Zeigt einmal eins!«

Der Pater öffnete eine Tür und leuchtete hinein.

»Ah, zwei Eisenringe!« meinte Cortejo. »Wozu sind sie?« – »Zum Festhalten der Person.« – »Wie wird dies gemacht?« – »Das ist eigentlich ein Kunststück, Señor«, sagte der Pater. »Ihr seid ungefesselt, nehmt einmal da Platz.« – »Ich soll mich in das Loch setzen?« – »Ja. Ich kann Euch da am besten überzeugen, daß keiner dieser vier Gefangenen entkommen wird.« – »Gut! Ich werde es versuchen. Es soll mir eine Freude sein, genau zu wissen, wie fest wir diese Menschen haben.« – »Ja, Vater, auch ich muß das wissen!« meinte Josefa. »Wollt Ihr es auch mir zeigen, Señor?« – »Gern«, antwortete der Pater. »Ich habe da rechts ein Doppelloch, das zu einem solchen Versuch wie gemacht ist. Ich werde öffnen.«

Hilario schob zwei Riegel zurück und öffnete eine Tür. Es wurde ein Loch sichtbar, zwei Meter breit, ebenso tief und gerade so hoch, daß ein Mensch darin sitzen konnte. Der Boden bestand aus Stein. Es war kein Stroh, keine Matte, kein Krug oder Trinkgefäß zu sehen. Aber am hinteren Teil sah man ungefähr in der Höhe des Halses und der Taille zweimal zwei eiserne Ringe, die gegenwärtig geöffnet waren.

»An die Ringe werden die Gefangenen geschlossen?« fragte Josefa. – »Ja, Señorita«, antwortete der Pater. – »Aber sie sind ja offen, und ich sehe keine Hängeschlösser.« – »Sie gehören nicht dazu. Es ist an den Ringen eine geheime Mechanik angebracht, mit deren Hilfe sie verschlossen werden. Also, wollen die Herrschaften versuchen, wie man sich in einem solchen Loch befindet?« – »Ja, ich versuche es«, erwiderte Josefa. »Habe ich das getan, so fühle ich die Süßigkeit der Rache um so stärker.« – »Ich auch«, meinte Cortejo. – »So kommt! Setzt Euch nebeneinander hinein!«

Sie gehorchten diesem Gebot, zu diesem unsinnigen Verhalten durch die Größe und Stärke ihrer Rachsucht veranlaßt. Nach je zwei Griffen von seiten des Paters schlossen sich die eisernen Ringe um ihre Leiber.

»Herrlich!« meinte Josefa. »Man kann sich gar nicht bewegen. Wie aber bekommt man das Essen herein?« – »Durch das Loch in der Tür. Das Brot durch eine eiserne Gabel und das Wasser durch einen Schwamm, der einem an den Mund gehalten wird.« – »So ist es recht! Dann bin ich mit diesen Löchern zufrieden«, meinte Josefa. – »Ihr auch, Señor?« fragte der Pater ihren Vater. – »Ja; steckt die Kerle nur in keine besseren«, antwortete dieser. »Ja, sie werden vis-à-vis einquartiert.«

Der Pater öffnete da drüben vier Türen und leuchtete hinein. Diese vier Zellen waren größer und nicht mit Eisenringen; sondern mit Ketten versehen, die eine Bewegung gestatteten. Auch standen ein Kübel und ein Wassergefäß darin.

»Was! Da hinein sollen sie?« fragte Josefa. – »Allerdings, Señorita!« – »Aber dann haben sie es ja dort besser als hier!« – »Das ist auch meine Absicht«, antwortete er. »Ich will sie zwar festhalten, aber nicht geradezu töten.« – »Das ist ja gegen die Verabredung!« – »Ich entsinne mich keiner bezüglichen Verabredung. Übrigens bin ich in diesen Räumen Herr und kann tun was ich will. Es ist für die Gefangenen besser, sie treten freiwillig in ihre Zellen, als daß wir sie zwingen müssen.«

Die anderen blickten Sternau an.

»Gehorchen wir!« sagte er ruhig und kalt.

Dies waren die ersten Worte, die von ihm gehört wurden. Und zugleich tat er auch, was er gesagt hatte. Er trat in die Zelle und ließ sich die Ketten anlegen, worauf ihm die bisherigen Fesseln abgenommen wurden.

»Ich dächte, Ihr könntet uns vorher wieder losmachen, Señor!« meinte jetzt Cortejo zu dem Pater.

»Geduld!« antwortete dieser. »Wir sind jetzt zu sehr beschäftigt.«

Hilario und sein Neffe brachten nun auch die beiden Häuptlinge und Helmers in ihre Zellen, legten sie an die Ketten, nahmen ihnen die anderen Fesseln ab und schlossen dann die Türen von außen zu.

»Jetzt hole Brot und Wasser für sie«, gebot der Pater seinem Neffen.

Dieser entfernte sich.

»Na, endlich, Señor!« sagte Cortejo ungeduldig. – »Was?« fragte der Alte kaltblütig. – »Uns losmachen natürlich!« – »Uns? Ah! Wen meint Ihr damit?« – »Mich und Josefa, wie sich doch von selbst versteht!«

Da setzte der Pater seine Laterne zur Erde, lehnte sich an die Mauer des Ganges, schlug die Hände behaglich über der Brust zusammen und sagte:

»Aber, Señor, Ihr seid recht inkonsequent!« – »Wieso?« – »Ihr sagtet ja vorhin, daß Ihr mit Eurem Loch ganz zufrieden wäret, und Eure Tochter meinte ganz dasselbe.« – »Ja, zufrieden damit, daß die Gefangenen solche Löcher erhalten sollten.« – »Nun, das ist ja auch der Fall.« – »Sie haben ja bessere!« – »Nicht alle. Ihr zum Beispiel habt das Loch, das Euch so sehr gefallen hat. Und nun Ihr es habt, seid Ihr nicht mehr zufrieden. Ei, was soll ich da von Euch beiden denken.«

Vater und Tochter hatten noch immer keine Ahnung von dem, was der Pater eigentlich bezweckte. Der erstere sagte höchst ungeduldig:

»So macht uns wenigstens endlich los! Oder meint Ihr etwa, daß wir uns hereingesetzt haben, um hier sitzen zu bleiben?« – »Ja, das meine ich allerdings.«

Jetzt entstand eine kleine Pause, hervorgebracht durch den Schreck, der Josefa und ihrem Vater die Sprache raubte. Erst jetzt kam ihnen die Ahnung der fürchterlichen Falle, in die sie sich selbst begeben hatten.

»Seid Ihr verrückt!« rief endlich Cortejo. – »Ich? O nein! Aber Ihr seid geradezu verrückt gewesen, Euch, und noch dazu auf eine so ganz dumme Weise, in die Hände Eures ärgsten Feindes zu begeben. Ich sage Euch, daß Ihr dieses Loch niemals verlassen werdet.«

Da hielt es Cortejo für angezeigt, im bittenden Ton zu sagen:

»Treibt den Scherz nicht gar zu weit, Señor! Wir wissen nun, was wir wissen wollten, nämlich, wie es einem Menschen zumute ist, der verurteilt ist, in diesem Loch zu verschmachten.« – »Nein, Ihr wißt dies noch lange nicht. Das Verschmachten muß Euch ernstlich an die Seele treten, dann erst könnt Ihr es wissen.« – »Meinetwegen. Aber es ist genug für jetzt!« – »Es hat ja erst begonnen! Wartet noch eine Weile, nämlich einige Tage oder einige Wochen, dann wollen wir miteinander abermals über dieses Thema sprechen.«

Da stieß Josefa einen unartikulierten Schrei aus. Es war ihr die volle Erkenntnis dessen gekommen, was ihr bevorstand.

»Señor, Ihr seid ein Ungeheuer!« rief sie. – »Nicht schlimmer als Ihr!« antwortete er. – »Ihr dürft uns nicht verschmachten lassen!« – »Wer will es mir verwehren?« – »Ich kann es nicht aushalten!« – »Ganz richtig!« lachte er. »Das Verschmachten hält niemand aus!« – »Ich bin ja bereits krank.« – »Es ist Euch zu gönnen.« – »Habt doch Erbarmen mit uns!« bat Cortejo. – »Erbarmen? Habt Ihr Erbarmen mit mir gehabt? Habt Ihr Erbarmen gehabt mit einem einzigen Eurer vielen Opfer? Ich habe geschmachtet nach der Stunde der Rache. Sie ist gekommen, spät, sehr spät; aber es soll kein Gott und kein Teufel mir wehren, sie zu genießen. Zum Sündigen habt Ihr den Mut, die Strafe zu tragen, fehlt Euch die Courage. Schämt Euch! Nehmt Euch ein Beispiel an den vieren hier, die zu stolz sind, um einen Laut von sich zu geben!« – »Wenn Ihr mich loslaßt, erhaltet Ihr alle meine Reichtümer«, rief Cortejo in gräßlicher Angst. – »Zu diesem Handel ist es noch zu zeitig. Übrigens habe ich jetzt keine Zeit mehr, mit Euch zu verkehren. Euer Gefängniswärter kommt. Klagt ihm die Ohren voll!«

Damit schritt Hilario von dannen und traf auf seinen Neffen, der Brot und Wasser brachte. Er blieb bei ihm stehen und sagte:

»Cortejo erhält heute nichts und seine Tochter auch nicht.« – »Aber die anderen?« – »Ja. Sie bekommen Brot und Wasser hinein in die Zellen, so daß sie beides mit den Händen erreichen können.« – »Darf ich mit den Gefangenen sprechen?« – »Kein Wort. Du kommst mir sogleich nach.«

Hilario stieg nun nach seiner Wohnung empor, wo der Neffe sich sehr bald einstellte.

»Was sagten sie noch?« fragte er ihn. – »Die vier waren still. Die beiden anderen aber heulten und jammerten, daß mich meine Ohren schmerzten. Sollen sie wirklich unten bleiben?« – »Natürlich.« – »Um da zu sterben?« – »Das wird sich finden. Aber sagtest du nicht, daß die vier ihre Pferde in das Gebüsch geschafft hätten?« – »Allerdings.« – »Die Tiere könnten zu Verrätern werden.« – »Sie müssen fortgeschafft werden, aber wohin?« – »Gehe erst hin, um ihnen alles abzunehmen, dann schaffst du sie hinaus auf das weite Feld und läßt sie laufen.« – »Es ist wohl schade um sie. Man könnte sie ja verkaufen.« – »Du könntest dadurch leicht unglücklich werden. Jetzt ist es Nacht. Du hast Zeit, meinen Befehl auszuführen. Begnüge dich mit der Beute, die dir bereits geworden ist. Morgen magst du dann sehen, ob eine Spur der Señorita Emilia zu finden ist.«

Der Neffe blickte den Onkel erstaunt an.

»Der Señorita? Was hast du mit dieser zu schaffen?« fragte er. – »Geht das dich etwas an?« – »Ja, sobald ich nämlich nach ihrer Spur suchen soll.« – »Nun gut, so will ich dir sagen, daß ich sehr viel Grund habe, mich zu erkundigen, welches Unglück ihr widerfahren ist.« – »Warum?« – »Weil – weil sie deine Tante werden wird.«

Der Neffe öffnete den Mund wie einer, dem vor Erstaunen der Verstand stillsteht. Dann, als er sich wieder gefaßt hatte, fragte er:

»Meine Tante, sagst du?« – »Ja.« – »Das wäre ja deine Frau?« – »Allerdings!« – »Das soll wohl heißen, daß du sie heiraten willst?«

Der Alte schlug sich an die Brust und antwortete:

»Natürlich! Sie liebt mich ja!« – »Alle Teufel! Hat sie dir das gesagt?« – »Ja.« – »Selbst gesagt? Mit ihrem eigenen Munde gesagt?« – »Freilich! Und ich habe es mit meinem eigenen Gehör vernommen.« – »So ist an deinem Gehör irgend etwas aus dem Leim gegangen.« – »Ah! Glaubst du etwa, daß ich nicht heiraten könnte?« – »Oh, das glaube ich ganz gern.« – »Und zwar Señorita Emilia heiraten?« – »Ja, wenn sie nämlich mitmachte.« – »Du denkst, sie gäbe mir einen Korb?« – »Ich bin davon überzeugt.« – »So bist du der größte Esel, den es gibt. Du wirst in einigen Tagen eine Tante haben, um die dich ein jeder beneiden wird.« – »Warum nicht gleich? Warum erst in einigen Tagen?« – »Weil sie sich diese Bedenkzeit ausgebeten hat.« – »Bedenkzeit? O weh!« – »Sie hat es nur der Form wegen getan. Eine schöne Dame darf sich einem Mann doch nicht sofort überantworten und ergeben.« – »Wenn sie ihn liebhat, wird sie das gern tun. Oheim, es wird gar nicht nötig sein, nach dieser Señorita Emilia zu suchen.« – »Warum nicht?« – »Weil wir sie nicht finden werden. Sie ist dir echappiert, sie ist dir durchgebrannt, weil sie nicht meine Tante werden will.«

Jetzt war es der Alte, der den Mund aufsperrte.

»Wo denkst du hin!« sagte er endlich. »Sie hat ja noch ihre Sachen da.« – »Alle?« – »Nein, aber einige Kleinigkeiten.« – »Und das andere ist fort?« – »Leider.« – »Nun, so ist sie dir wirklich ausgekniffen. Sie hat sich heimlich entfernt und nur das Nötige mitgenommen, das Unnötige aber zurückgelassen.« – »Alle Teufel, wenn du recht hättest!« – »Ich werde nachforschen und dir dann das Resultat mitteilen.«

15. Kapitel.

Einige Tage später hielten drei Reiter auf die Hacienda del Erina zu. Es waren Mariano, Helmers, der Steuermann, und der kleine André. Sie hatten sich von dem Heereszug Juarez' getrennt, um rascher nach der Hazienda zu kommen. Als dieselbe vor ihnen auftauchte, bemerkten sie an verschiedenem, daß sie der Mittelpunkt eines großen Feldlagers sei.

Dies wurde natürlich von den Mixtekas gebildet.

Keiner der Indianer kannte einen der Reiter, darum wurden sie vor dem Tor angehalten.

»Wer seid Ihr?« fragte die Wache. – »Boten von Juarez«, antwortete Mariano. – »Könnt Ihr dies beweisen?« – »Holt Señor Sternau herbei«, bemerkte derselbe. – »Er ist nicht da.« – »Oder Büffelstirn.« – »Auch er ist nicht da.« – »Oder Bärenherz oder Donnerpfeil.« – »Auch sie sind nicht da.« – »Ah, wo sind sie denn?« – »Ich weiß es nicht, Señor.« – »Wer ist hier auf der Hazienda Kommandant?«

Die Wache nannte den Namen des zweiten Häuptlings.

»Ich kenne ihn nicht. Führt mich zu ihm.«

Die drei Reiter stiegen ab und wurden zu dem Häuptling geführt, der sie mit ernster Haltung und forschendem Auge empfing.

»Wir kommen von Juarez«, meldete Mariano. – »Sagt Eure Namen.«

Mariano nannte sie.

»Sie sind mir nicht bekannt«, meinte der Mixteka. »Was wollt Ihr hier?« – »Wir wollen Señor Sternau sagen, daß Juarez morgen hier eintreffen wird.« – »Seid Ihr Freunde von Señor Sternau?« – »Ja.« – »So seid Ihr Freunde von meinem Bruder Büffelstirn und also auch meine Freunde. Ihr seid mir willkommen.« – »Wo ist Sternau?« – »Niemand weiß es genau, denn er ist den Flüchtlingen nachgeritten.« – »Welchen Flüchtlingen?« – »Cortejo und dessen Tochter.« – »Ah! Sie waren hier und sind entflohen?« – »Die Tochter war unsere Gefangene. Büffelstirn und Donnerpfeil entführten sie nach dem Teich der Krokodile, um sie zu martern, da aber kam ihr Vater, rettete sie und tötete außer Büffelstirn und Donnerpfeil alle unsere Leute. Er entkam mit ihr, aber Sternau jagte ihnen nach, und bei ihm befinden sich Donnerpfeil, Büffelstirn und Bärenherz, auch mehrere von unseren Kriegern waren dabei, aber zwei von ihnen wurden nach der Hazienda zurückgeschickt, und die andern mußten eine Señorita nach Mexiko begleiten.« – »An welchem Ort geschah die Trennung?« – »Ich kenne ihn nicht.« – »Sind die beiden Männer noch anwesend?« – »Ja. Wollt Ihr mit ihnen reden?« – »Ich muß mit ihnen unbedingt sprechen, und zwar sofort.« – »Ich selbst werde sie holen.«

Der Indianer entfernte sich. Die drei blickten einander besorgt an.

»Hier ist etwas Schlimmes vorgegangen«, sagte Mariano. »Nur unsere vier Freunde befinden sich auf der Verfolgung. Wie leicht kann ihnen etwas geschehen!« – »Mein Bruder ist dabei«, meinte der Steuermann. »Es ist meine Pflicht, ihm nachzufolgen. Ich kann ihn nicht verlassen.« – »Und ich bin Sternau so unendlichen Dank schuldig, daß ich mein Leben für ihn geben würde«, fügte Mariano hinzu. »Was sagt denn Ihr zu dieser Angelegenheit, Señor André?«

Der kleine Mann zuckte die Achseln und antwortete:

»Jetzt noch gar nichts. Man muß erst die beiden Mixtekas hören.«

Diese kamen bald herbei und gaben ihre Aussage. Nach ihrer Ansicht hatte Sternau die Richtung nach Santa Jaga eingeschlagen.

»Könnt Ihr den Weg wiederfinden, an dem ihr euch von ihm getrennt habt?« – »Ja.« – »Gut, so soll uns einer von euch dorthinführen, aber sofort. Er kann dann zurückkehren.«

So waren die drei also entschlossen, ihren vier Freunden nachzureiten. Da ihre Pferde ermüdet waren, tauschten sie dieselben gegen frische um und brachen dann unverweilt auf.

Ihr Führer brachte sie genau an den Ort, wo Sternau mit Señorita Emilia zusammengetroffen war, und deutete ihnen die Richtung an, in der Santa Jaga zu finden sei.

Sie kamen dann kurz vor der Abenddämmerung an und hielten vor dem Städtchen, um es zu betrachten und einen Plan zu fassen.

Sie beschlossen, sich zu teilen, um in kürzester Zeit und in verschiedenen Richtungen ihre Erkundigungen einzuziehen und sich am Klosterberg zu treffen.

Mariano ritt vor eine Venta, stieg vom Pferd und trat ein, um sich ein Glas Pulque geben zu lassen. Der Wirt schien ein sehr gesprächiger Mann zu sein. Außer ihm war nur noch ein Mensch vorhanden, der die Kleidung eines Arbeiters oder Dienstboten trug und faul auf einer der Bänke lag.

»Habt Ihr in letzter Zeit viele Gäste gehabt?« fragte Mariano. – »Sehr viele, Señor«, antwortete der Wirt. – »Fremde?« – »Ja. Es waren Franzosen hier.« – »Ach so! Gab es außerdem noch fremde Gäste hier im Hause?« – »Einige.« – »Besinnt Euch einmal, ob diejenigen, die ich suche, dabei waren.« – »Beschreibt sie mir, Señor!« – »Es waren zwei Indianerhäuptlinge und zwei Weiße. Der eine der letzteren war ein sehr großer und starker Mann.« – »Mit einem Bart, der bis über den Gürtel hing?« fragte da der Mann, der auf der Bank lag. – »Ja«, antwortete Mariano rasch. »Habt Ihr diese vier gesehen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Eine halbe Tagereise im Norden von hier.« – »Hört, ich gebe Euch einen Peso, einen Silberdollar, wenn Ihr mir das genau beschreiben könnt!«

Da fuhr der Mann wie der Blitz von der Bank empor und zu Mariano hin. Ein Silberdollar war ihm eine bedeutende Summe.

»Señor, ist das wahr?« fragte er. – »Ja, ich halte mein Wort.« – »Nun, so werde ich es Euch erzählen, obgleich die Señorita gesagt hat, daß wir nicht davon sprechen sollten.« – »Welche Señorita?« – »Sie wurde Señorita Emilia genannt und kam mit den Franzosen aus Chihuahua.«

Jetzt wurde Mariano einiges, wenn auch nicht alles, klar.

»Was solltet Ihr nicht erzählen?« fragte er. – »Nun, sie kam zu meinem Herrn und verlangte ein Pferd und zwei Begleiter nach der Hacienda del Erina. Ich war einer von diesen Begleitern. Eine halbe Tagereise von hier trafen wir auf die vier Männer, die Ihr sucht, Señor. Es waren noch Indianer bei ihnen. Sie stiegen ab, und der Große unter ihnen sprach lange Zeit mit der Señorita. Sie gab ihm Papiere, mit denen zwei Indianer davonritten. Dann kaufte sie uns ein Pferd ab und wurde von den anderen Indianern begleitet.« – »Wohin?« – »Ich denke wohl nach Mexiko.« – »Was aber taten dann die vier Männer?« – »Sie ritten nach Santa Jaga, das sie vor uns erreichten.« – »Wie könnte man wohl erfahren, wo sie abgestiegen sind?« – »Sie sind nicht in der Stadt gewesen.« – »Wißt Ihr das genau?« – »Ja. Die ganze Sache interessierte mich, so daß ich mich erkundigte. Die Señores sind bei keiner Venta abgestiegen.« – »So sind sie vielleicht durch die Stadt und dann weitergeritten.« – »Das ist möglich, aber sie können auch oben im Kloster gewesen sein, denn dort hat ja Señorita Emilia gewohnt.« – »Ah, bei wem?« – »Beim Pater Hilario.« – »Kann man mit ihm sprechen?« – »Ja. Ihr dürft nur oben nach dem Pater Hilario fragen.« – »Ich danke Euch! Aber noch eins. Sind vielleicht am Tag vorher Fremde hier angekommen?« – »Ja«, antwortete der Wirt. »Drüben in der anderen Venta stiegen einige fremde Mexikaner ab. Bei ihnen war einer, den man für einen mexikanischen Jäger halten kann.« – »Wie nennt er sich?« – »Das weiß ich nicht.« – »Kann man mit diesen Leuten sprechen?« – »Sie sind selten anzutreffen, weil sie zu viel herumstreifen.« – »Das mag genügen. Hier ist der Silberdollar!«

Der Knecht griff gierig zu, und Mariano ritt, nachdem er seine Zeche bezahlt hatte, davon, aus der Stadt hinaus und dem Klosterberg zu, um seine Kameraden dort zu erwarten.

Helmers befand sich bereits dort, und als nachher André kam, erzählte er, was er gehört hatte. Infolgedessen beschlossen sie, nach dem Kloster zu reiten. Am Tor desselben angekommen, stieg nur Mariano vom Pferd; die beiden anderen sollten ihn erwarten.

Er klopfte nach herkömmlicher Sitte an, und obgleich es bereits dunkel geworden war, wurde ihm geöffnet. Er fragte nach dem Pater Hilario, und man wies ihn nach der Wohnung desselben. Er fand die betreffende Tür und klopfte an.

»Herein!« rief die Stimme des Paters.

Mariano trat ein. Das Licht der Lampe fiel voll auf ihn. Der Pater erhob sich von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und drehte sich nach dem Eintretenden um. Augenblicklich schlug er in höchster Verwunderung die Hände zusammen und rief:

»Don Ferdinando!« – »Ihr irrt, Señor«, meinte Mariano. »Ich heiße nicht Ferdinando!«

Diese Worte brachten den Pater zu sich.

»Ach ja! Es ist ja auch unmöglich!« sagte er. »Ihr habt nämlich Ähnlichkeit mit einem Mann, den ich früher kannte; aber das ist so viele Jahre her, daß Ihr dieser Mann unmöglich sein könnt.« – »Darf ich seinen Namen wissen?« – »Graf Ferdinando de Rodriganda.« – »Ah, dieser Name ist mir bekannt. Aber Graf Ferdinando ist so alt, daß ich unmöglich mit ihm verwechselt werden kann.« – »Kennt Ihr ihn vielleicht?«

Bei dieser Frage war das Auge des Paters auf Mariano gerichtet.

»Ja«, antwortete der Gefragte. – »So lebt er noch!« – »Er lebt noch.« – »Darf ich fragen, wo?« – »Gegenwärtig im Norden von Mexiko.« – »Ich danke! Vielleicht kann ich bei der Gelegenheit auch erfahren, wer Ihr seid.« – »Ich bin ein spanischer Jäger und nenne mich Mariano.«

Bei Nennung dieses Namens ging ein Zucken über das Gesicht des Paters. Cortejo hatte ja von diesem Mariano gesprochen und dabei gesagt, daß er der echte Graf Rodriganda sei. Hilario trug ein intensives Rachegefühl gegen die Familie Rodriganda im Herzen. Wie mußte es ihn freuen, den einzigen Sproß derselben in seine Hand gegeben zu sehen. Doch war er vorsichtig genug, sich erst die Überzeugung zu verschaffen, ob er auch den richtigen Mariano vor sich habe. Die Verhältnisse desselben waren ihm aus seinem Gespräch mit Cortejo bekannt. Darum fragte er:

»Ein Jäger seid Ihr, Señor? Was habt Ihr denn gejagt?« – »Alles, was mir in den Weg gekommen ist.« – »Wo habt Ihr da gejagt?« – »In der Heimat und hier, aber erst seit kurzer Zeit.« – »So seid Ihr wohl noch gar nicht lange in Mexiko?« – »Nein.« – »Darf man wissen, wo Ihr vorher gewesen seid? Wohl in Spanien?« – »Nein, ich habe mich in Australien aufgehalten.«

Nun wußte der Pater, daß er den richtigen Mariano vor sich habe.

»Aber früher seid Ihr wohl einmal in Mexiko gewesen?« fragte er. – »Allerdings. Aus welchem Grund vermutet Ihr dies?« – »Mir ist, als hätte ich Euch schon einmal in der Hauptstadt gesehen.« – »Da bin ich allerdings gewesen.« – »Ah, so scheine ich mich doch nicht getäuscht zu haben.« – »Vielleicht irrt Ihr Euch. Es ist lange her.« – »Oh, Señor, ich habe ein außerordentliches Personengedächtnis. Ein Gesicht, das ich einmal gesehen habe, erkenne ich auch nach längerer Zeit sofort wieder. Wenn ich mich nicht irre, müssen es fast zwanzig Jahre sein, seit ich Euch damals sah.« – »Es ist beinahe so lange her, daß ich in Mexiko war.« – »Ja, und nun fällt mir auch ein, wo ich Euch gesehen habe, Señor.« – »Ihr macht mich allerdings höchst neugierig.« – »Ich glaube Euch im Hause eines Engländers gesehen zu haben, welcher, ja – mir fällt der Name ein – Lord Lindsay hieß.« – »Bei ihm habe ich allerdings verkehrt, doch kann ich mich durchaus nicht erinnern, Euch dort getroffen zu haben.« – »Ihr habt mich weder getroffen noch gesehen. Ich war damals der Beichtvater eines Bediensteten des Hauses und sah Euch nur von weitem kommen und gehen. Wenn ich mich recht erinnere, wart Ihr sogar der Verlobte der Tochter des Engländers. Nicht?« – »Miß Amy war und ist meine Braut. Von wem wußtet Ihr das?« – »Eben von diesem meinem Beichtsohn. Ich erfuhr von ihm ganz eigentümliche Dinge, die auch auf Euch mit Bezug hatten.« – »Ah! Darf ich fragen, was für Dinge das gewesen sind?« – »Ihr müßt verzeihen, daß es mir verboten ist, Euch zu antworten.« – »Warum?« – »Weil mir jene Mitteilungen unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gemacht wurden. Es kam ein gewisser Cortejo mit vor.« – »Pablo Cortejo?« fragte Mariano rasch. – Ja. Und auch seine Tochter Josefa.« – »Auch sie? Oh, wenn Ihr mir doch diese Sachen mitteilen könntet. Habt Ihr Cortejo gekannt?« – »Natürlich, gerade so, wie ich den Grafen Ferdinando de Rodriganda gekannt habe, mit dem ich Euch vorhin verwechselte.« – »Sehe ich ihm wirklich so ähnlich?« – »Außerordentlich. Es ist kaum ein Unterschied zu bemerken zwischen Euch und ihm, wie er aussah, als er in Euren Jahren stand. Fast könnte man glauben, daß Ihr ein naher Verwandter von ihm seid!« – »Vielleicht ist es auch so«, meinte Mariano, der unbefangen genug war, sich von den Reden des Paters gewinnen zu lassen. – »Wirklich?« fragte dieser mit gutgespieltem Erstaunen. – »Ich bin ein Verwandter von ihm, allerdings aber nicht anerkannt.« – »Heilige Madonna, so ist es wahr, was der Mann gebeichtet hat.« – »Gebeichtet! Das ist verteufelt unangenehm. Mir läge ungeheuer viel daran, Euch sprechen zu hören! Und nun dürft Ihr nicht!«

Der Pater nahm eine höchst nachdenkliche Miene an und erwiderte:

»Woher wußtet Ihr, daß ich den Grafen und Cortejo kenne, Señor?« – »Ich wußte es nicht. Ich habe es erst von Euch erfahren.« – »Ah! Ich dachte, Ihr wüßtet es und kämt, um mit mir über diese Angelegenheit zu sprechen. Es ist wahr, ich habe noch gar nicht gefragt, welche Ursache Euch zu mir führt, aber fragen werde ich doch: Wenn Ihr wirklich ein Verwandter des Grafen Rodriganda seid, welches ist denn da das verwandtschaftliche Verhältnis, in dem Ihr zu ihm steht?«

Mario fixierte den Pater eine Weile schweigend und erwiderte:

»Das ist ein Geheimnis, über das sich sehr schwer sprechen läßt.«

Der Pater lächelte überlegen und meinte in gutmütigem Ton: »Ihr könnt mir Vertrauen schenken, Señor. Übrigens bin ich überzeugt, dieses Geheimnis wenigstens ebensogut zu kennen, wie Ihr selbst.« – »Wirklich? Könnt Ihr mir das beweisen?« fragte Mariano rasch. – »Ja. Ihr seid der echte Sohn des Grafen Emanuel Rodriganda.« – »Mein Gott«, rief Mariano erstaunt, »wie kommt Ihr zu dieser gewagten Behauptung?« – »Für mich ist sie nicht gewagt. Ich könnte Euch noch mehr sagen.« – »Was denn? Schnell, schnell!« – »Nun, Ihr seid gegen einen Neffen von Pablo Cortejo umgetauscht worden, und dieser Neffe führt jetzt den Namen, der Euch gebührt.« – »Ihr meint Alfonzo, Graf de Rodriganda?« – »Ja.«

Mariano befand sich in einer ungeheueren, aber glücklichen Aufregung.

»Könnt Ihr dies beweisen?« fragte er. – »Zu jeder Stunde«, antwortete der Pater. – »Mein Gott, wer hätte das gedacht! Seit langen Jahren suche ich nach diesem Beweis, und nun wird er mir so unverhofft entgegengebracht!« – »Nicht so eilig, Señor! Ich habe gesagt, daß ich es beweisen könnte, ob ich es aber darf, also ob ich es beweisen werde, ist eine andere Frage.« – »Wer oder was sollte Euch denn hindern?« – »Mein Priesterstand, das Beichtgeheimnis.« – »Ah!« meinte Mariano enttäuscht. »Wieder das Geheimnis! Seid Ihr denn noch Priester?« – »Nein.« – »So ist doch dieser Eid nicht mehr gültig.« – »O doch. Für alles, was sich auf die Zeit bezieht, in der ich Priester war, ist er noch gültig. Doch es kommt bei allen Dingen darauf an, mit welchen Augen und von welchem Standpunkt aus man sie betrachtet. Ich darf allerdings nichts erzählen, nichts verraten, aber es ist mir doch nicht verboten, Euch Winke zu geben, die Euch in den Stand setzen können, das zu erfahren und zu beweisen, was ich geheimhalten muß, weil man es mir gebeichtet hat.« – »Oh, Señor Hilario, wenn Ihr das tun wolltet!« – »Vielleicht tue ich es, nur muß ich wissen, daß es mir nicht schadet.« – »Ich werde alles vermeiden, was Euch in Schaden bringen könnte.« – »Das hoffe ich. Man hat Euch lange Jahre gefangengehalten. Nicht wahr?« – »Allerdings.« – »Wer?« – »Die beiden Cortejos.« – »Mit Hilfe eines Kapitäns Landola.« – »Ja. Kennt Ihr auch diesen?« fragte Mariano rasch. – »Vielleicht. Ein deutscher Kapitän hat Euch endlich befreit?« – »Mein Gott! Seid ihr allwissend?«

Der Pater lächelte und antwortete selbstbewußt:

»Das nicht. Aber Ihr seht, daß ich eingeweiht bin. Ich könnte Euch leicht alle Rätsel lösen, die Euch noch dunkel sind, aber – hm! Ich weiß nicht, ob ich auf Eure Verschwiegenheit rechnen darf.«

Da ergriff Mariano seine Hände und sagte bittend:

»Señor, ich werde schweigen wie das Grab. Ich bitte Euch um Gottes willen, mir zu sagen, was Ihr wißt.« – »Ich habe Euch gesagt, daß ich das nicht darf. Aber vielleicht bin ich bereit, Euch diejenigen Winke zu geben, von denen ich sprach.« – »Tut das, Señor! Ich werde Euch reich belohnen, ich werde es Euch danken, so lange ich lebe!«

Da nahm der Pater eine ernste, fromme Miene an und sagte:

»Ich tue es nicht um des Lohnes willen. Es sind hier Verbrechen verübt worden. Zwar darf ich nichts verraten, aber ich halte es für meine Pflicht, dahin zu wirken, daß die Schulden nicht Früchte genießen, die anderen gehören.« – »Ah, Ihr seid ein frommer, gottesfürchtiger Mann! Ich darf hoffen, daß Ihr mir die Hand zur Hilfe reicht.« – »Ja, das könnt Ihr, Señor! Aber wenn ich Euch die nötigen Winke geben soll, muß ich vorher erfahren, wie weit Ihr selbst von der Sache unterrichtet seid. Ich muß Euer Leben und alle Ereignisse kennenlernen, die sich auf Euch und Eure Freunde beziehen.« – »Ich bin bereit, Euch alles zu erzählen, Señor!« – »Ihr wollt also Vertrauen zu mir haben?« – »Vollständig!« beteuerte Mariano. – »So setzt Euch und erzählt!«

Mariano folgte dieser Aufforderung. Er gab eine Beschreibung seines Lebens und seiner Erfahrungen so ausführlich, daß dem Pater nicht das geringste verborgen blieb. Er war so begeistert für den Gegenstand, daß er nicht an die Gefährten dachte, die ihn erwarteten.

Endlich war er fertig. Auch der Pater hatte auf einem Stuhl Platz genommen. Jetzt erhob er sich, ging einige Male im Zimmer auf und ab und sagte, vor ihm stehenbleibend:

»Ihr seid also überzeugt, der Sohn des Grafen Emanuel zu sein?« – »Ja«, antwortete Mariano. – »Graf Ferdinando weiß dies auch?« – »Ja.« – »Wer weiß das noch? Dieser Sternau natürlich?« – »Jawohl.« – »Die beiden Indianerhäuptlinge und die beiden Helmers?« – »Ja.« – »Ferner Emma Arbellez, Karja, Marie Hermoyes und jener Spanier, der mit dem Grafen in Harrar gefangen war?« – »Sie alle.« – »So ist Euer Geheimnis das Eigentum sehr vieler Personen geworden, und die Schuldigen dürfen überzeugt sein, daß es unmöglich ist, es totzuschweigen. Auch der Engländer und seine Tochter kennen es?« – »Auch sie.« – »Und welchen Personen in Deutschland ist es bekannt?« – »Meiner Schwester Rosa und jedenfalls den ihr nahestehenden Vertrauten. Doch weiß sie bei weitem nicht so viel, als wir anderen.« – »Und welche Punkte sind Euch noch unklar? Das muß ich wissen.« – »Unklar ist uns eigentlich keiner der Hauptpunkte. Es handelt sich nur um die Erbringung des Beweises; aber das ist gerade das schwierigste.« – »Ich halte es im Gegenteil für das leichteste.« – »Ja, wenn wir Pablo Cortejo und Landola fest hätten!« – »Nun, das ist doch nichts Unmögliches!« – »Allerdings nicht. Sternau ist ihnen ja doch nachgejagt.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Ich habe Euch noch nicht gesagt, daß ich ihn suche. Er ist mit den beiden Indianerhäuptlingen und dem einen Helmers hinter Cortejo her, und ihre Spuren zeigen gerade auf Santa Jaga. Es wurde mir sogar gesagt, daß sie bei Euch sein könnten.« – »Bei mir?« fragte der Pater lächelnd. »Wer sagte das?« – »Einer der Reitknechte, die mit Señorita Emilia nach der Hacienda del Erina aufgebrochen waren.«

Der Pater entfärbte sich.

»Señorita Emilia?« stotterte er. Doch faßte er sich schnell und fragte: »Nach der Hacienda del Erina ist sie geritten?« – »Ja«, antwortete Mariano. »Das ist ihre Absicht gewesen.« – »Was hat sie dort gewollt?« – »Ich weiß es nicht.« – »Hm! Ihr seid doch wohl nicht allein nach Santa Jaga gekommen?« – »Nein. Ich habe noch zwei Gefährten mit.« – »Wer sind sie?« – »Der Kleine André und der andere Helmers.« – »Wo sind sie?« – »Sie warten draußen vor dem Tor auf mich. Aber ich habe im Eifer unserer Unterredung gar nicht mehr an sie gedacht.«

Der Pater blickte einige Zeit nachdenklich vor sich nieder. Dann warf er rasch den Kopf empor und fragte:

»Man kann sich auf Euch verlassen, Señor?« – »Oh, vollständig«, beteuerte Mariano. – »Wenn ich Euch helfe, so werdet Ihr mich nicht verraten?« – »Niemals; darauf könnt Ihr Euch verlassen.« – »Nun gut, wenn Ihr Cortejo fangt, so haben wir nicht nötig, ein Beichtgeheimnis zu verraten. Wie nun, wenn er noch heute abend in Eure Hände fiele?«

Da sprang Mariano wie elektrisiert empor.

»Herrgott, ist dies möglich?« – »Ja, es ist möglich. Aber bitte, redet nicht so laut. Ich will Euch gestehen, daß Señor Sternau mit seinen Gefährten hier bei mir war.« – »Ah! Wirklich? Wo sind sie? Haben sie Cortejo gefangen?« – »Nein. Sie kamen zu mir, um nach Cortejo zu fragen. Ich wußte nichts von ihm, und darum ritten sie weiter.« – »Wohin sind sie?« – »Ich weiß es nicht. Sie haben mir nichts gesagt. Aber wo Cortejo ist, das weiß ich genau.« – »Welch ein Glück wäre das! Aber sagtet Ihr nicht eben, daß Ihr nichts von ihm wüßtet?« – »Ich sagte das allerdings, und es war auch wahr. Aber kaum war Señor Sternau verschwunden, so kam Cortejo hier an.« – »Alle Wetter! Was wollte er hier?« – »Er wollte ein Asyl suchen.« – »Ihr gewährtet es ihm?« – »Natürlich. Ich dachte nämlich, Señor Sternau werde wiederkommen.« – »Ihr hattet die Absicht, ihm Cortejo auszuliefern?« – »Das versteht sich«, nickte der Pater. – »So befindet er sich noch hier?« – »Ja.« – »Oh, Señor, wollt Ihr ihn mir überlassen?« – »Gern. Ihn und seine Tochter.« – »Auch sie ist hier?« – »Auch sie. Ich glaube, das wird Euch doppelt liebsein.« – »Natürlich, natürlich! Wo befinden sie sich?« – »In einem unterirdischen Gefängnis. Er bat um ein Asyl. Hätte ich ihn öffentlich aufgenommen, so wäre es mir unmöglich, ihn Euch auszuliefern. Darum sorgte ich dafür, daß kein Mensch ihn und seine Tochter zu sehen bekam, und darum kann ich ihn Euch übergeben, ohne Verrat befürchten zu müssen.« – »Ihr könnt Euch auf unsere größte Verschwiegenheit verlassen. Wollt Ihr mich zu ihm führen?« – Ja. Ich ersuche Euch, mir zu folgen.«

16. Kapitel.

Hilario brannte eine Laterne an und führte Mariano leise und heimlich nach dem unterirdischen Gang, in dem sich die Gefängnisse befanden.

»Überliefern kann ich ihn Euch jetzt noch nicht«, sagte er dabei. – »Warum nicht?« – »Ich darf Euch nicht helfen; ich darf überhaupt von ihm nicht gesehen werden. Ihr aber allein seid zu wenig, die beiden ohne Lärm fortzubringen. Ich will Euch jetzt nur beweisen, daß sie da sind. Dann holen wir Eure beiden Gefährten herbei, mit deren Hilfe Ihr es viel leichter und besser fertigbringen werdet. Kommt!«

Der Pater führte Mariano in den Gang hinein, blieb vor Josefas und Cortejos Gefängnistür stehen und gab Mariano die Laterne in die Hand.

»Ich werde jetzt öffnen«, flüsterte er. »Sie dürfen mich nicht sehen. Leuchtet sie an. Ihr werdet sie erkennen und da sehen, daß ich es gut und ehrlich mit Euch meine. Nur bitte ich Euch, kein unnützes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen.« – »Das wird mir gar nicht einfallen. Habt keine Sorge!«

Jetzt öffnete der Pater die Tür und trat zur Seite. Mariano leuchtete hinein. Seine Gestalt befand sich im Dunkeln.

»Verfluchter Pfaffe!« tönte ihm Cortejos Stimme entgegen. »Laß mich los, oder ich werde mich fürchterlich rächen!« – »Teufel!« rief auch Josefa. »Sollen wir hier elend verhungern?« – »Nein«, antwortete Mariano. »Ich werde Euch von hier fortbringen.«

Als Josefa hörte, daß es nicht der Pater war, fragte sie rasch: »Señor, wer seid Ihr?« – »Seht mich an, ob Ihr mich erkennt.«

Mariano drehte die Laterne herum, so daß ihr Schein voll auf ihn selbst fiel.

Josefa starrte ihn einige Augenblicke lang an, dann rief sie erschrocken:

»O ihr Heiligen! Das ist Mariano.« – »Ja, ich bin es«, antwortete er. »Die Zeit, Gericht zu halten, ist gekommen. Ihr werdet Eure Strafe erhalten.« – »So war es nur Täuschung, daß der Pater Señor Sternau und die beiden andern …«

Krach. Der Pater warf die Tür zu. Das Mädchen stand ja im Begriff zu verraten, daß auch Sternau gefangen sei.

»Warum macht Ihr so schnell zu?« fragte Mariano. – »Ich bat Euch, kein Gespräch anzufangen. Ihr droht mit dem Gericht, und nun werden sie Euch nur unter Anwendung von Gewalt folgen.« – »Wir werden mit ihnen fertig werden.« – »So kommt wieder mit hinauf, damit wir Eure Gefährten holen.«

Die Männer kehrten zur Wohnung des Paters zurück, wo dieser Mariano die Weisung gab zu warten.

»Ihr selbst wollt meine Freunde holen?« fragte der letztere. – »Ja.« – »Warum nicht ich?« – »Ihr vergeßt, daß alles in tiefster Stille abgemacht werden muß. Kein Unberufener darf etwas merken. Ihr kennt die Schliche nicht.«

Damit ging der Pater. Aber ehe er zum Tor ging, suchte er seinen Neffen in der Klosterzelle auf, die er ihm zur Wohnung angewiesen hatte.

»Halte dich bereit«, sagte er. »Es gibt heut wieder zu tun.« – »Was?« fragte Manfredo. – »Es sind drei gekommen, die wir festnehmen müssen.«

Er gab ihm die nötige Weisung und suchte dann André und Helmers auf. Diese hielten noch immer in der Nähe des Tores. Die Zeit war ihnen außerordentlich lang geworden. Da hörten sie nahende Schritte. Nicht das Tor war ihnen geöffnet worden, sondern die kleine Pforte, die der Pater bei solchen Gelegenheiten zu benutzen pflegte. Er trat zu ihnen heran und fragte sie leise:

»Ihr seid Señor André und Señor Helmers?« – Ja«, antwortete der erstere. »Wo ist unser Freund?« – »Bei mir. Habt die Güte, mir zu folgen.«

Hilario wandte sich nicht nach dem Tor, sondern der Gegend zu, in der das Pförtchen lag. Der kleine Jäger war aber ein vorsichtiger Mann.

»Warum nicht durch das Tor?« fragte er. – »Eure Anwesenheit soll geheimgehalten bleiben, weil ich Euch Cortejo überliefern werde, und das darf doch kein Mensch merken.« – »Donnerwetter, Cortejo ist da?« – »Ja.« – »Gut, wir folgen. Aber was tun wir mit den Pferden?« – »Führt sie leise hier längs der Mauer hin, bis Ihr an einige Bäume kommt, wo Ihr sie anbinden könnt. Ich werde hier warten.«

Dies geschah, und dann brachte Hilario André und Helmers mit solcher Vorsicht nach seinem Zimmer, daß kein einziger Bewohner des Klosters etwas davon merkte.

Der vorsichtige kleine André erkundigte sich nun zunächst bei Mariano. Als er aber von diesem hörte, daß er Cortejo nebst dessen Tochter bereits gesehen und auch gesprochen habe, verschwand jedes Mißtrauen.

Nun brachen sie nach dem unterirdischen Gang auf. Vorher aber nahm der Pater aus einem Kästchen eine dünne Papierhülse, die er zu sich steckte, und zwar in einer Art und Weise, daß es gar nicht auffallen konnte.

Sie gelangten unten bis an die starke Tür, die nach dem Gefängnisgang führte. Dort griff Hilario in die Tasche, um den Schlüssel hervorzuholen. Er fand ihn nicht.

»Ah, der Schlüssel ist nicht da«, sagte er. »Er liegt in der Nische, an der wir vor der letzten Tür vorüberkamen. Entschuldigen die Señores einen Augenblick!«

Die Männer befanden sich jetzt in einem quadratischen Raum, der nicht sehr groß war. Der Pater wandte sich zurück und öffnete die Laterne. Er zog die Hülse aus der Tasche, brannte das eine Ende derselben an und blies in das andere hinein. Sofort entstand ein Strahl, ähnlich demjenigen, wenn man Bärlappsamen und Kolophonium durch eine Flamme bläst. Dann war er mit zwei Schritten zur Tür hinaus, die er hinter sich zuwarf und schnell verriegelte.

»Gefangen!« lachte er höhnisch. »Ah, nun weiß ich alles. Dieser Mariano war dumm genug, mir alles bis ins einzelne zu beichten. Nun bin ich Meister der ganzen Angelegenheit. Ah, wie sie da drinnen fluchen und toben! Es wird nicht lange währen.«

Man hörte, wie auch diese drei Männer sich Mühe gaben, die Tür aufzubrechen. Es gelang ihnen nicht, und nach zwei Minuten war es vollständig ruhig. Da hörte der Pater nahende Schritte.

»Manfredo!« rief er nach rückwärts. – »Ja, ich bin es«, ertönte die Antwort. – »Komm! Es ist Zeit!«

Der Neffe kam herbei; er war mit keinem Licht versehen.

»Das läuft sich verdammt schlecht hier im Dunkeln«, klagte er. »Sind sie da drinnen?« – »Ja. Ich glaube, wir dürfen nicht zögern, sonst ersticken sie«, entgegnete Hilario, schob die Riegel zurück und öffnete. Sofort strömte ihnen ein betäubender Geruch entgegen. Sie wichen zurück, bis er sich verzogen hatte, und traten dann ein. Die drei Männer lagen besinnungslos an der Erde. Der Pater untersuchte sie. – »Sie leben noch«, sagte er, »aber schnell fort mit ihnen!« – »Wohin?« – »Neben die anderen.« – »Warte, bis ich ihnen ihre Waffen abgenommen und sie durchsucht habe.«

Der saubere Neffe nahm den Gefangenen alles ab, was sie bei sich hatten. Als er das auch bei Mariano tat, sagte er:

»Schau, Oheim, welch ein Ring! Ist das ein Diamant?«

Er zog dabei dem Bewußtlosen den Ring vom Finger und reichte ihn dem Pater hin. Dieser antwortete, nachdem er ihn genau betrachtet hatte:

»Ja, ein Diamant, und zwar mit der Grafenkrone der Rodriganda. Ich werde ihn einstweilen zu mir stecken.« – »Ich denke, daß alles mir gehört, was diese Kerle bei sich tragen?« – »Ja.« – »Nun, warum dieser Ring nicht?« – »Er gehört dir. Ich nehme ihn nur einstweilen, weil ich denke, einen Plan auszuführen, bei dem ich ihn brauchen kann.«

Sie faßten jetzt die drei ausgeplünderten Männer an und trugen sie nach dem Gang, wo ein jeder von ihnen, noch bewußtlos, in eines der Gefängnisse gesteckt wurde. Als dies geschehen war, öffnete der Pater die Tür, hinter der Cortejo nebst seiner Tochter steckte.

»Kommt Ihr, um uns abzuholen, Señor Mariano?« fragte Josefa. – »Nein, es ist nicht Mariano«, antwortete Hilario. – »Ah, der Pater, dieser Satan!« stöhnte Josefa. – »Ich, ein Satan?« lachte der Pater. »Ihr seid viel eher eine Teufelin, als ich ein Teufel. Glaubt Ihr übrigens, mit Euren Schimpfreden Eure Lage zu verbessern? Da irrt Ihr Euch gewaltig.« – »Was haben wir Euch getan, daß Ihr uns auf eine so schreckliche Weise umkommen lassen wollt?« – »Oh, ich habe eine kleine Rechnung mit Eurem Vater quittzumachen. Wenn Ihr mit darunter leidet, so seid Ihr selber schuld. Härtet Ihr Euch einen besseren Kerl als Vater ausgesucht!« – »Schuft!« knirschte Cortejo. – »Schimpft nicht«, gebot der Pater. »Übrigens steht es ganz bei Euch, ob ich Euch verschmachten lasse oder ob Euch noch Hoffnung auf Rettung gelassen werden kann.« – »Rettung?« fragte Cortejo. »Was verlangt Ihr dafür?« – »Darüber wollen wir später sprechen. Jetzt handelt es sich einstweilen nur um Milderung Eurer augenblicklichen Lage. Ich bin bereit, Euch eine bessere Zelle und auch Nahrung zu geben, wenn Ihr mir eine aufrichtige und wahre Auskunft erteilt.« – »Worüber?« – »Über Henrico Landola, den Seeräuber.« – »Ah! Warum über ihn?« – »Das ist meine Sache. Ihr habt diesem amerikanischen Jäger Grandeprise versprochen, Landola in seine Hände zu geben?« – »Ja.«– »Ihr habt dies also für möglich gehalten?« – Ja.« – »Ihr wart also überzeugt, Landola wiederzutreffen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Das ist unbestimmt. Ich weiß es nicht.« – »Ich aber will es wissen. Gebt Ihr mir darüber einen festen Anhaltspunkt, so werde ich Euch die gedachten Vergünstigungen gewähren.« – »Was wollt Ihr von Landola?« – »Ich habe auch mit ihm eine Rechnung quittzumachen.« – »Ihr wollt ihn einstecken und quälen wie uns?« – Ja, sogar noch ein weniger intensiver, wenn ich ihn nämlich bekomme.« – »Das würde mir ein Gaudium sein; aber trotzdem weiß ich nicht, wo er sich jetzt befindet.« – »Es gibt aber ein Mittel, es zu erfahren?«

Cortejo zögerte mit der Antwort. Darum meinte der Pater streng:

»Gut, behaltet es für Euch, wenn Ihr hier elend verschmachten wollt!«

Er stand bereits im Begriff, die Tür zuzumachen, da sagte Josefa:

»Um Gottes willen, sagt es ihm Vater! Ich will nicht sterben, ich muß leben bleiben. Oh, diese Schmerzen in meiner Brust.« – »Ja, ich glaube es«, lachte der Pater. »Ihr seid falsch kuriert worden. Ich könnte Euch die Schmerzen nehmen, ich könnte Euch heilen und herstellen, aber Ihr wollt es ja nicht.« – »Ich will, ich will! Vater, sage es ihm!« rief das Mädchen. – »Er betrügt und peinigt uns dennoch fort«, entgegnete Cortejo. – »Nein«, antwortete der Pater. »Wenn Ihr mir ehrlich antwortet, nehme ich Euch aus diesem Loch.« – »Gut; erst heraus, dann werde ich reden, eher aber nicht.« – »Ah, Ihr traut mir nicht? Na, ich will Euch das nicht übelnehmen und Euch daher Euren Wunsch erfüllen. Ich werde Euch aus den Eisenringen befreien, Euch aber vorher auf andere Weise fesseln, so daß Ihr mir keine Dummheiten machen könnt. Gebt Ihr dann aber keine Auskunft, so trifft Euch doppelte Strafe.«

Hilario fesselte nun Cortejo und Josefa mit Hilfe seines Neffen so, daß sie sich zwar erheben und auch langsam bewegen konnten, zu einem Widerstand aber unfähig waren. Dann machte er die Eisenhalter von ihren Hälsen und Leibern los.

»Jetzt kommt und folgt mir«, sagte er darauf. »Ich weise Euch nunmehr ein besseres Loch an, mit dem Ihr zunächst zufrieden sein könnt.«

Er schritt voran, die Gefangenen und sein Neffe gingen hinterher. Am Ende des Ganges befand sich eine Tür, die in einen Raum führte, der eher einer kleinen Stube als einem Gefängnis glich. Diese Tür öffnete Hilario und sagte:

»Hier herein!«

Sie traten ein und atmeten auf, denn hier konnten sie wenigstens stehen oder sich in voller Länge auf dem Boden niederstrecken.

»Das wird Eure jetzige Wohnung sein«, fuhr der Pater fort. »Nun aber verlange ich auch Auskunft. Wie oder wo kann ich erfahren, wo Landola sich befindet?« – »Bei meinem Bruder«, antwortete Cortejo. – »Also in Rodriganda in Spanien?« – »Ja.« – »Das ist mir zu weitläufig, das kann mir nichts nützen. Gibt es nicht noch eine andere und bessere Auskunft?«

Cortejo blickte den Pater finster und grimmig an und erwiderte:

»Wir bleiben wirklich hier in diesem besseren Loch?« – »Ja.« – »Wir bekommen hinreichende Nahrung?« – »Ja, wenn Ihr redet.« – »Wenn Ihr mir noch zweierlei versprecht, werde ich Euch eine vollständige Auskunft erteilen.« – »Sagt, was ich versprechen soll.« – »Erstens, daß wir hier nicht ermordet werden, und zweitens, daß Ihr meine Tochter ärztlich behandelt und herstellt.« – »Ich verspreche Euch das, wenn nämlich Eure Auskunft gut ist.« – »Sie ist gut.« – »So redet.« – »Ich traue Euch nicht. Schwört erst, daß Ihr Wort halten werdet.« – »Was kann Euch das nützen? Bin ich wirklich so treulos, wie Ihr meint, so werde ich auch den Schwur nicht achten.« – »Ihr habt recht. Wir sind ganz und gar in Eure Hand gegeben. Und darum will ich Euch sagen, daß ich meinem Bruder wegen des Landola geschrieben habe. Auch ich wollte wissen, wo derselbe sich befindet.« – »Und Ihr erwartet Antwort?« – »Ja.« – »Wann?« – »Sie muß bereits angekommen sein.« – »Wo?« – »In Verakruz bei meinem Agenten.« – »Warum nicht in Mexiko?« – »Ihr vergeßt, daß ich mich in der Hauptstadt nicht sehen lassen darf.« – »Das ist wahr. Wer ist Euer Agent?« – »Das werde ich Euch erst dann sagen, wenn wir Essen und Trinken erhalten haben und Ihr meine Tochter untersucht habt.« – »Señor Cortejo, Ihr seid eigentlich gar nicht in der Lage, mir Bedingungen vorzuschreiben, aber ich befinde mich heute in guter Stimmung, und darum will ich auf Euer Verlangen eingehen. Manfredo, hole Wein, Brot und Käse, ich will nach den Verletzungen der Señorita sehen.«

Der Neffe entfernte sich. Als er nach längerer Zeit mit dem Verlangten zurückkehrte, war der Pater auch mit seiner Patientin bereits fertig. Er hatte ihr gesagt, daß er hoffe, sie herstellen zu können.

»Jetzt habe ich mein Wort erfüllt«, sagte er, »nun haltet auch das Eurige.« – »Mein Agent ist der Fischer Gonsalvo Verdillo«, antwortete Cortejo. – »Und Ihr denkt, daß bei ihm die Antwort liegt?« – »Sie ist ganz sicher da.« – »Wie aber kann man sie von ihm erhalten?« – »Durch einen Boten.« – »Wird er sie ihm aushändigen?« – »Nur dann, wenn dieser Bote einen Brief von mir bringt, durch den er sich zu legitimieren vermag.« – »Dieser Agent kennt Eure Handschrift?« – »Genau.« – »Gut, so werdet Ihr diesen Brief schreiben.« – »Davon war keineswegs die Rede. Ich habe Euch nur versprochen, Euch Auskunft zu geben, und das habe ich getan.« – »Das heißt wohl, daß Ihr den Brief nicht schreiben wollt?« – »Wenigstens nicht umsonst.« – »Was verlangt Ihr dafür?« – »Eine wahre Auskunft über diesen Mariano, der sich vorhin bei uns sehen ließ. Was habt Ihr mit ihm vor?« – »Ich habe ihn gerade so gefangengenommen wie Sternau und die anderen. Er ist mein Gefangener und steckt in einer Zelle dieses Ganges.« – »Was werdet Ihr überhaupt mit all diesen Leuten tun?« – »Das weiß ich jetzt noch nicht; ich will an ihnen meine Rache kühlen. So, das ist meine Auskunft. Nun werdet Ihr wohl schreiben?« – »Unter einer Bedingung nur.« – »Abermals eine Bedingung? Hört, nehmt Euch in acht, daß meine Geduld nicht zu Ende geht! Welche Bedingung soll das sein?« – »Daß ich den Brief meines Bruders auch zu lesen bekomme.« – »Das will ich Euch zugestehen. Wie pflegt Ihr an den Agenten zu schreiben? Was braucht Ihr dazu?« – »Nichts als Tinte, Feder, Briefbogen und Kuvert.« – »Ich werde gehen, es zu holen.« – »Ah, ich soll hier in diesem Loch schreiben?« – »Ja. Übrigens merkt es Euch, daß dies kein Loch ist! Oder wünscht Ihr vielleicht, daß ich Euch wegen dieses Briefes in ein Damenboudoir führen soll? Da irrt Ihr Euch; ich werde Euch, damit Ihr schreiben könnt, die Handfesseln abnehmen, aber bei der geringsten verdächtigen Bewegung, die Ihr macht, werde ich Euch eine Kugel durch den Kopf jagen. Jetzt bleibt Ihr, bis ich wiederkehre, unter Manfredos Bewachung.«

Hilario ging. Als er zurückkehrte, hatte er außer den erwähnten Schreibrequisiten auch einen hölzernen Schemel mit, den Cortejo als Schreibpult benutzen sollte. In höchst unbequemer Lage und beim Schein der Laterne faßte dieser den Brief ab. Der Pater las ihn durch.

»Er scheint unverdächtig zu sein«, meinte er. »Oder gibt es zwischen Euch und Eurem Agenten geheime Zeichen, die man nicht bemerken kann, mittels deren Ihr Euch aber verständigt?«

– »Nein.« – »Es würde Euch nur schaden, mich betrügen zu wollen; jetzt seht, wie Ihr Euch in dem Logis einrichtet, Girlanden wurden beim Einzug nicht verwendet. Wenn die Antwort kommt, dürft Ihr sie lesen.«

Nach diesen Worten schloß er den Kerker und entfernte sich mit dem Neffen.

»Wer wird den Brief nach Verakruz schaffen?« fragte dieser. – »Der amerikanische Jäger.« – »Grandeprise?« – Ja.« – »Aber wenn dieser nun nach Cortejo gefragt wird?« – »Da laß mich nur machen! Jetzt vor allen Dingen hast du die Pferde der neuen Gefangenen fortzubringen, damit man nichts merkt.«

Es war während des Geschehens eine ziemliche Zeit vergangen, so daß es zu spät war, noch mit Grandeprise zu sprechen; am anderen Morgen aber ließ Hilario ihn bereits früh zu sich rufen.

»Señor Grandeprise, ich habe Euch einen Auftrag zu erteilen«, sagte er. »Seid Ihr bereits einmal in Verakruz gewesen?« – Ja«, lautete die Antwort. – »Aber von hier aus nicht?« – »Nein.« – »So würde es Euch wohl schwer werden, den kürzesten Weg zu finden.« – »Mir, einem Jäger? Wo denkt Ihr hin! Aber was redet Ihr von Verakruz, ich habe dort ja gar nichts zu schaffen.« – »Und doch; ich möchte Euch bitten, einen Brief dahin zu besorgen.«

Grandeprise machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Señor, Ihr habt mich vom Tod errettet«, sagte er, »ich bin also sehr gern bereit, Euch jeden Gefallen zu tun; jetzt aber ist es mir nicht möglich.« – »Warum nicht?« – »Weil ich in Señor Cortejos Diensten stehe; ich kann nicht fort.« – »O doch, denn gerade von Señor Cortejo ist dieser Brief.« – »Er ist es, der mich nach Verakruz schickt?« – Ja.«

Die Brauen Grandeprises zogen sich zusammen.

»Donnerwetter, ich errate etwas«, sagte er. – »Was?« – »Dieser Mann will mich gern von hier forthaben.« – »Warum?« – »Damit er mir ein Versprechen, das er mir gegeben hat, nicht zu erfüllen braucht.« – »Ihr meint das Versprechen, Euch Landola zu verschaffen?« – »Ja. Aber woher wißt Ihr das?« – »Er selbst hat es mir gesagt. Übrigens ist Eure Vermutung eine sehr irrige. Señor Cortejo will Euch nicht betrügen, sondern er will sein Versprechen erfüllen, indem er Euch nach Verakruz schickt. Dort liegen bei seinem Agenten Nachrichten über Landola, die Ihr im bringen sollt.« – »Das läßt sich eher hören. Aber warum schickt er Euch zu mir? Warum spricht er nicht selbst mit mir?« – »Weil er nicht kann; er ist nicht mehr da.« – »Nicht mehr da?« fragte der Jäger enttäuscht. »Seit wann?« – »Seit heute nacht.« – »Das kommt mir verdächtig vor, Master Hilario.« – »Das sollte mich wundern. Bei der jetzigen Lage der Dinge kann manches passieren, was ungewöhnlich ist. Hat Señor Cortejo Euch denn versprochen, hierzubleiben?« – »Nein, das allerdings nicht.« – »Oder schuldet er Euch größeres Vertrauen als anderen Leuten?« – »Hm, wie man es nimmt. Ich habe ihm das Leben und die Freiheit gerettet. Ohne mich wäre er entweder tot oder gefangen und blind. Einen solchen Retter in der Not läßt man nicht sitzen, ohne ihn vorher gesprochen oder benachrichtigt zu haben.« – »Das war unmöglich; es kam ein Bote, der ihn sofort abrief.« – »Wohin?« – »Zum Panther des Südens.« – »Hole den der Teufel!« – »Cortejo hatte kaum noch Zeit, diesen Brief zu schreiben, den ich Euch übergeben soll.« – »Hm, der Brief handelt wirklich von Landola?« – »Ja, ich habe ihn gelesen.« – »An wen ist er? Zeigt einmal her!« – »An den Fischer Gonsalvo Verdillo, der der Agent Cortejos ist. Dieser letztere hat um Auskunft geschrieben, wo Landola sich befindet. Die Antwort liegt bei dem Fischer. Ihr sollt sie holen.« – »Wohin ist sie zu bringen, etwa zum Panther des Südens?« – »Nein, sondern zu mir.« – »Aber Cortejo ist ja gar nicht bei Euch.« – »Er wird zur Zeit Eurer Rückkehr wieder hier sein.« – »Dann bin ich eher einverstanden. Gebt den Brief her. Ich werde gleich aufbrechen.« – »Darum wollte ich Euch bitten. Augenblicklich fort und so bald wie möglich wieder zurück. Aber seid vorsichtig; es ist heutzutage nichts Kleines, einen Brief von Cortejo bei sich zu haben.«

17. Kapitel.

Unterdessen hatte sich der Zustand des kranken Haziendero Pedro Arbellez wesentlich gebessert. Die alte, treue Marie Hermoyes gab sich alle mögliche Mühe, seine Schmerzen zu lindern, und so begannen die Wunden nach und nach zu heilen, zumal einer der Mixtekas, die die Besatzung der Hazienda bildeten, ihm das berühmte Wundkraut gesucht hatte, das jede Wunde zur schnellsten Verharschung bringt.

Er war bereits soweit hergestellt, daß er das Bett versuchsweise verlassen hatte. Er saß, sorglich von Decken umhüllt, in einem Stuhl am Fenster, das nach Norden ging. Da hinaus schaute er, denn nach dieser Richtung lag das Fort Guadeloupe, lagen Chihuahua und auch Coahuila. Neben ihm stand Marie Hermoyes.

»Alles will ich gern gelitten haben, wenn ich sie nur wiedersehe«, sagte er, ein begonnenes Gespräch fortsetzend. – »Oh, Señor, Ihr glaubt nicht, wie unendlich auch ich mich freue!« – »Ja, meine gute Marie, ich glaube es schon. Aber wie sagte Antonio, wie Emma ausgesehen hätte?« – »Gut, sehr gut, sagte er.« – »Gesund?« – »Gesund und munter.« – »Sie hatte gesagt, daß sie bald kommen werde.« – »Sehr bald, Señor.« – »Aber sie kommt ja nicht. Ich warte vergebens!« – »Ihr dürft die Geduld nicht verlieren. Juarez wird sie bringen.« – »Warum kommt sie nicht eher?« klagte er. – »Wollt Ihr sie zum zweiten Male verlieren, noch ehe Ihr sie überhaupt wiedergesehen habt?« – »Das wollte Gott verhüten. Aber wird es nicht da draußen schwarz am Horizont, Marie?«

Die Gefragte trat näher an das Fenster, blickte hinaus und strengte ihre alten Augen so viel wie möglich an.

»Ja, Señor«, erwiderte sie, »es sieht gerade so aus, als ob recht viele Reiter dort auftauchten.« – »Santa Maria! Wenn Juarez endlich käme!«

Die beiden Leute blickten mit größer Spannung hinaus.

»Ja, es sind Reiter«, sagte Marie. – »Es sind sehr viele«, fügte der Haziendero hinzu. »Sie kommen näher. Gott, vielleicht ist mein Kind bei ihnen!«

Er wurde ganz schwach vor freudiger Erregung. Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen. Aber sein Ohr blieb offen. Da hörte er ein nahendes Brausen und dann den Hufschlag vieler Pferde, der wie ein dumpfer Donner heranrollte.

Es war ein ganzes Heer, das herangaloppiert kam, Weiße und Apachen. Die Mixtekas hatten sich auf ihre Pferde geworfen, um sie zu empfangen. Man hörte ein jubelndes Heulen und Brüllen, unterbrochen von durchdringendem Gewieher der mutigen Pferde, dann kam ein schneller Männerschritt von der Treppe her auf die Tür zu, die geöffnet wurde. Arbellez richtete die Augen auf den Eintretenden.

»Juarez«, sagte er, ganz schwach werdend. – »Der Präsident«, rief auch Marie Hermoyes. – »Ja, ich bin es«, sagte der Zapoteke. »Gott grüße Euch, Señor Arbellez. Wie ist es Euch ergangen?« – »Schlimm, sehr schlimm, Señor«, antwortete Marie. »Josefa Cortejo hat ihn bis auf die Knochen peitschen lassen und dann in den Keller geworfen. Unser guter Herr hat Fürchterliches ausgestanden.«

Juarez zog die Brauen zusammen, er wollte fragen, wurde jedoch daran verhindert, denn von der Tür her erscholl ein jauchzender Schrei.

»Vater!«

Er hatte diese Stimme so lange Jahre nicht gehört, der alte, kranke Haziendero, aber er erkannte sie doch sogleich.

»Emma, mein Kind.«

Er wollte diese Worte sprechen, aber sie erstarben ihm auf der Zunge. Er hielt die Augen noch geschlossen, aber er öffnete die Arme. Im nächsten Augenblick hielten sich die beiden wortlos umschlungen; desto reichlicher aber flossen die Tränen auch bei denen, die dabeistanden, über die Wangen herab.

Da nahm Juarez die Alte bei der Hand und zog sie aus dem Zimmer.

»Lassen wir sie allein«, sagte er draußen zu ihr. »Dieser selige Augenblick ist ihr heiliges Eigentum, das wir ihnen nicht stehlen dürfen. Aber sagt mir doch, Señora, wo ist Señor Sternau?« – »Der ist fort«, antwortete sie. – »Und Büffelstirn, Bärenherz und die anderen?« – »Sie sind auch fort.« – »Wohin?« – »Man weiß es nicht.« – »Sie müssen es aber doch gesagt haben, wenn sie die Hazienda auf einige Zeit verlassen haben.« – »Nein. Sie konnten es nicht sagen; denn sie wußten es selbst noch nicht. Sie sind der Josefa Cortejo nachgejagt.« – »Ist sie entkommen?« – »Ja. Doch hoffen wir, daß sie noch ergriffen wird.«

Marie erzählte in fliegender Eile, soviel sie wußte. Da kam auch Karja, die Indianerin. Sie ging mit Marie Hermoyes hinein zu Vater und Tochter, um den ersteren zu begrüßen, während Juarez sich seinen Pflichten widmen mußte.

Auch Lindsay und Amy waren mitgekommen. Der Engländer stand eine halbe Stunde später mit Juarez in dem Zimmer, das dieser für sich ausgesucht hatte, als der zweite Häuptling der Mixtekas bei ihnen eintrat, mit Papieren in der Hand.

»Was bringt mein Bruder da?« fragte der Präsident. – »Briefe für dich«, war die einsilbige Antwort. – »Von wem?« – »Von Señor Sternau. Ein Mädchen hat sie ihm übergeben. Er ritt den Feinden nach und traf unterwegs dieses Mädchen. Ehe er weiterritt, sandte er mir die Briefe für dich.«

Es waren eigentlich nicht Briefe, sondern Emilias Abschriften der geheimen Korrespondenz des Paters. Der Mixteka entfernte sich wieder, Juarez aber unterwarf die Schreiben einer Durchsicht, die zunächst eine schnelle und oberflächliche werden sollte. Aber nach einigen Augenblicken bemerkte der Engländer die außerordentliche Spannung, die sich auf dem eisernen Gesicht des Zapoteken ausdrückte. Er hütete sich daher, ihn zu stören.

Endlich steckte Juarez die Papiere ein.

»Verzeihung, Señor«, bat er, »aber es war wirklich zu wichtig.« – »Nachrichten von Sternau?« – »Nur durch ihn übersandt. Ich habe Ihnen bereits von jener Señorita Emilia gesprochen; nicht?« – »Ihrer Spionin?« – »Eigentlich möchte ich sie nicht so, sondern lieber meine Verbündete nennen. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken, und nun hat sie von neuem einen Streich ausgeführt, der nur ihr gelingen konnte. Ich muß noch heute die Hazienda verlassen.« – »Ah! Wohin?« – »Ich gehe direkt auf Durango los.« – »Das ist ganz außerordentlich gewagt.« – »Nicht im mindesten. Ich habe hier Abschriften von Korrespondenzen aus allen Heerlagern, wo man mich erwartet, um mich glänzend zu empfangen. Man harrt bloß auf mein Erscheinen, um loszuschlagen. Hier, lesen Sie, Señor.«

Juarez gab dem Engländer die Papiere, und dieser las sie durch.

»Können Sie sich auf die Wahrheit dieser Abschriften und der ihnen zugrunde gelegenen Originale verlassen?« – »Vollständig!« – »So sind die Nachrichten allerdings außerordentlich wichtig und ebenso erfreulich. Ja, Sie dürfen nicht zaudern; Sie dürfen keine Zeit verlieren, Sie müssen aufbrechen. Aber ich …« – »Sie ruhen aus und kommen mir nach, sobald Señor Sternau wieder eingetroffen ist.« – »Sie glauben, daß er wieder zur Hazienda kommt?« – »Ganz gewiß. Er wird nicht ruhen, bis er Cortejo und dessen Tochter gefangen hat. Die Tragödie der Rodrigandas wird dann ausgespielt sein, und Sie können überzeugt sein, daß ich die Schuldigen einem zwar gerechten, aber möglichst strengen Urteil unterwerfen werde.«

Wie gesagt, so geschah es auch. Der Präsident verließ noch denselben Nachmittag die Hazienda wieder. Er nahm alle seine Truppen mit und ließ nur eine kleine Besatzung zurück, da hier eine Etappe sein sollte, um mit dem Nordosten des Landes in Verbindung bleiben zu können.

Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Sternau zurückkehrte oder eine Nachricht von ihm oder den anderen eingetroffen wäre. Man begann, Sorge um sie zu tragen. Besonders waren es Amy Lindsay und Emma, die ihren Befürchtungen gegenseitig Ausdruck gaben. Beide hatten ja die Geliebten unter denen, welche so beharrlicherweise nichts von sich hören ließen.

Mehrere Tage nach dem Abzug des Präsidenten bewegte sich ein kleiner Reitertrupp von Norden her auf die Hazienda zu. Etwa zwanzig wohlbewaffnete Apachen begleiteten fünf Weiße, in denen wir alte Bekannte wiederfinden. Es waren nämlich Graf Ferdinando, die beiden Wiener Ärzte und Pepi und Zilli, die Mexikanerinnen.

»Dort liegt die Hazienda«, sagte der Graf, mit der Hand nach dem Gebäude deutend. »Der Name del Erina ist mit dem der Rodriganda auf das innigste verwachsen. Ich schenkte die Besitzung meinem treuen Arbellez. Wie werde ich ihn wiederfinden?«

Der, von dem die Rede war, fühlte sich bereits stark genug, das Zimmer zu verlassen, doch hatte er dies noch nicht versucht. Er saß soeben mit seiner Tochter zusammen, um sich immer von neuem ihre Erlebnisse erzählen zu lassen, da wurde die Tür aufgerissen. Karja, die sonst so ruhige Indianerin kam förmlich hereingeflogen.

»Er kommt«, rief sie. – »Wer?« fragten beide zu gleicher Zeit. – »Don Ferdinando.« – »Wo?« fragte Arbellez, wie ein Knabe zum Fenster springend. – »Da sind sie schon«, antwortete sie.

Der Reiterzug hatte bereits die nächste Nähe der Hazienda erreicht.

»Don Ferdinando, mein lieber, guter Herr!« rief Arbellez. Und noch waren die Worte nicht verklungen, so hatte er bereits das Zimmer verlassen und flog mit wahrhaft jugendlicher Schnelligkeit die Stufen hinab. Als er den Hof erreichte, waren die Reiter im Begriff, abzusteigen. Der Graf stand neben dem Pferd, von dem man ihm geholfen.

»Don Ferdinando!« rief der Haziendero. – »Pedro, mein guter Pedro Arbellez!« rief der Graf.

Allen Unterschied des Standes vergessend, flogen sie einander in die Arme. Bald aber glitt Arbellez auf seine Knie nieder, küßte die Hände seines Gebieters und rief:

»Also wirklich! Sie sind nicht gestorben gewesen! Sie leben und kehren zu uns zurück! Oh, mein Gott, welch ein Glück! Ich danke Dir, Du Vater im Himmel. Erst gabst Du mir mein Kind wieder, und nun bringst Du mir auch noch den Herrn zurück. Nun habe ich lange genug gelebt, nun kann ich ruhig sterben.« – »O nein, nicht sterben«, erwiderte der Graf. »Wir wollen uns noch eine Spanne Zeit des Glückes erfreuen, nachdem wir eine halbe Ewigkeit so entsetzlich elend gewesen sind.«

Er zog Arbellez wieder zu sich empor und küßte ihn. Kein Auge blieb trocken. Die beiden weißhaarigen Greise bildeten eine Gruppe, die zu ergreifend war, als daß ein Menschenkind hätte gleichgültig bleiben können.

Selbstverständlich wurde der Graf auch von den anderen mit Jubel empfangen, und es dauerte lange, ehe das Gespräch sich in einem ruhigeren Geleise bewegte. Auch die beiden Ärzte und Mädchen wurde herzlich begrüßt, obgleich sie fremd waren und man weiter nichts erfahren konnte, als daß der Graf für die Mädchen eine ganze besondere Aufmerksamkeit gezeigt habe.

Natürlich erkundigte man sich auch nach dem Fort Guadeloupe, und da hörte man, daß sich dort alles wohl befinde. Resedilla hatte einen baldigen Besuch angekündigt, der Schwarze Gerard lag zwar immer noch fest, doch versicherten die beiden Ärzte mit Bestimmtheit, daß er seinen schweren Wunden nicht erliegen, sondern infolge seiner kräftigen Natur und der vortrefflichen Pflege, die er bei Resedilla fand, bald genesen werde.

Das Vergangene war für den Augenblick vergessen, und nur die Freude hatte Geltung. Niemand ahnte, daß ein neues großes Unheil bereits im Anzug sei.

Nämlich auf der Spur des Apachentrupps, bei dem sich der Graf befunden hatte, ritten sechs Männer. Der Anführer war Manfredo, der Neffe des Paters Hilario, und seine Gefährten waren diejenigen, die mit Cortejo vom Berg El Reparo nach Santa Jaga geflohen waren. Der Pater hatte sie nun für sich geworben und nach Norden gesandt, um dem Grafen aufzulauern, wenn er von Fort Guadeloupe nach der Hazienda reite.

»Verflucht!« sagte Manfredo. »Sie sind uns für jetzt entkommen! Wer hätte auch gedacht, daß zwanzig von diesen verdammten Rothäuten dabei sein würden!« – »Hätten wir ihn doch einfach aus der Ferne erschossen«, meinte einer. – »Nein, das durften wir nicht. Mein Onkel will ihn lebendig haben.« – »Damit ist's nun aus. Sie werden die Hazienda schon erreicht haben.« – »Ganz sicher. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich hole ihn aus der Hazienda.« – »Das ist unmöglich!« – »Meinst du? Es ist sehr leicht. Ich werde euch sagen, wie es anzufangen ist.«

Manfredo gab seinen Begleitern die gehörige Instruktion, und dann ritten sie in das Land hinein, um sich irgendwo bis zum Abend zu verbergen. Aber bereits kurz vor der Dämmerung brach Manfredo auf, um die Hazienda aufzusuchen. Die Gefahr, dort von irgend jemandem erkannt zu werden, war nicht groß, da mit ihm ja viele dagewesen waren und also auch das einzelne Gesicht unter so vielen keine große Beachtung fand.

Auf del Erina angekommen, fragte er nach Señor Arbellez.

»Er ist in seiner Stube«, antwortete der Vaquero, den er gefragt hatte. – »Ich bin ja fremd hier. Wo ist diese Stube?«

Sie wurde Manfredo gezeigt. Als er eintrat, befand sich Don Ferdinando bei Arbellez.

»Was wollt Ihr?« fragte der letztere. – »Ich bin der Sohn des Richters von Sombrereto«, antwortete Manfredo, »und habe Euch diesen Ring zu übergeben.«

Er gab den Ring hin. Als der Graf denselben erblickte, sagte er rasch:

»Das ist ja Marianos Ring! Um Gottes willen, woher ist er?« – »Ein Señor Mariano hat ihn mir gegeben als Beglaubigungszeichen, wenn ich meine Botschaft ausrichte.« – »Gott sei Dank! Kein Unglück! Was habt Ihr für eine Botschaft?« – »Mehrere Señores, unter denen zwei Rote waren, gaben meinem Vater ein Weib als Gefangene in einstweilige Verwahrung. Sie mußten rasch wieder fort; aber der, der Mariano genannt wurde, gab mir diesen Ring zur Beglaubigung und trug mir auf, zu sagen, Josefa sei ergriffen und bei meinem Vater gefangen, Pablo aber werde noch den nächsten Tag festgenommen werden.«

Diese Kunde wurde geglaubt und verbreitete sich sehr rasch auf der Hazienda. Der Bote wurde verpflegt, genoß aber nicht viel, sondern begab sich sehr zeitig zur Ruhe.

Aber als alle schliefen, erhob er sich und schlich nach dem Zimmer des Grafen, das er ausgekundschaftet hatte. Er war im Haus bekannt. Die Tür war nicht von innen verriegelt. Er trat unhörbar ein. Der Graf schlief. Er versetzte ihm einen Hieb, der den Greis besinnungslos machte, band ihn dann, steckte ihm einen Knebel in den Mund und schlang ihm den Lasso unter den Armen durch. Nun öffnete er das Fenster und ließ den Gebundenen, wenn auch unter großer Anstrengung, am Lasso hinab. Unten standen seine Gehilfen.

»Rasch fort!« flüsterte er hinunter. »Ihr wißt, wo ich euch treffe.«

Er schloß das Fenster wieder und schlich sich auf sein Lager zurück. Hätte er gewußt, welche aus Harrar stammenden Reichtümer das Gepäck Don Ferdinandos enthielt, würde er wohl noch länger verweilt haben, um sich wenigstens einen Teil derselben anzueignen.

Mit Anbruch des Tages, als die Besatzung der Hazienda erwacht war, setzte er sich zu Pferde und jagte davon.

»Gelungen, herrlich gelungen!« jauchzte er, als die Hazienda hinter ihm lag. »Sie werden diesen Grafen bis Mittag nicht belästigen, also früher gar nichts bemerken. Unser Vorsprung wird wohl groß genug sein. Ganz gewiß aber ist, daß sie mich nicht in Verdacht haben werden, denn sie sind dabeigewesen, als ich fortritt. Der prachtvolle Diamant ist also nicht verloren, sondern wird nun sicher mir gehören.«

18. Kapitel.

Es war frischer Schnee gefallen, wie ihn der Jäger so gern hat, weil sich da die Fährte des Wildes am leichtesten erkennen und ablesen läßt. Nur noch einzelne Flocken wirbelten träumerisch hernieder und setzten sich als glitzernde Sternchen an die Zweige der Tannen und Kiefern, die beide Seiten der Straße besäumten, die nach Rheinswalden führte.

Der Wintertag begann zu dämmern, aber trotz dieser frühen Morgenstunde gab es doch bereits ein menschliches Wesen, das auf dieser Straße dahergeschritten kam.

Es war ein Mann, dessen Erscheinung höchst eigentümlich genannt werden mußte. Die herrschende Kälte schien auf ihn gar keinen Eindruck zu machen, obgleich seine Kleidung eine ganz leichte war. Er trug Schuhe, oder vielmehr Halbstiefel, von einer in dieser Gegend fremden Form und Arbeit, kurze, blaue und sehr weite Leinwandhosen, die hier und da zerrissen waren, eine ebensolche Jacke, die ihm zu kurz und zu eng zu sein schien, und auf dem Kopf eine Mütze, die früher jedenfalls eine Blende hatte, nun aber an allen Nähten aufgeplatzt war. Die Jacke war offen, so daß man ein Hemd sehen konnte, das sicher monatelang nicht gewaschen worden und, vorn nicht geschlossen, eine völlig nackte Brust sehen ließ, die, dicht behaart, ein Aussehen hatte, als ob sie Jahre hindurch allen Winden und Wettern ausgesetzt gewesen war. Um den langen, hageren Hals schlang sich ein altes Taschentuch, von dem sich nicht bestimmen ließ, welche Farbe es früher einmal hatte, und zwischen Hose und Jacke wand sich als Gürtel ein Schal um den Leib, der seit einem Jahrhundert zu allem möglichen gedient zu haben schien. Auf dem Rücken trug dieser Mann einen ziemlich großen, gefüllten Leinwandsack, und über die linke Schulter hing ihm ein alter, langer Lederschlauch, dessen Bestimmung ein Uneingeweihter wohl schwerlich erraten haben würde.

Das sonderbarste aber an diesem Mann war sein Gesicht. Es war hager und von der Sonne und der Witterung hart und dunkel gegerbt. Sein breiter Mund hatte fast keine Lippen. Die kleinen Augen blickten außerordentlich scharf und sicher unter den Liedern hervor, und die Nase war fast ungeheuerlich zu nennen. Sie besaß eine Dimension, zufolge deren man sie eher einen Schnabel als eine Nase hätte nennen mögen.

Der Fremde folgte eben einer Krümmung der Straße, als er bemerkte, daß er nicht der einzige Wandersmann sei; denn eine kurze Strecke vor ihm schritt ein kleines, hageres Männchen desselben Weges dahin.

»Well, ein Menschenkind«, murmelte der Fremde. »Das ist mir lieb, denn ich kalkuliere, daß er hier bekannt sein wird und mir also Auskunft geben kann. Ich werde ihn einholen.«

Seine Schritte wurden nach diesen Worten rascher. Man sah aber nicht, daß ihm dies Anstrengung gekostet hätte; doch ein Pferd hätte Trab laufen müssen, um in dieser Weise mit ihm fortkommen zu können. Dabei wurden seine Schritte durch den Schnee so gedämpft, daß der Vorangehende seine Anwesenheit nicht eher bemerkte, als bis er angerufen wurde.

»Good morning, Sir«, rief der Fremde und fuhr in einem ziemlich gebrochenen Deutsch fort: »Wohin geht diese Straße, Freund?«

Der Angerufene drehte sich rasch um, fuhr aber bei dem Anblick des Sprechenden erschrocken zurück, denn dieser glich eher einem Vagabunden als einem ehrlichen Mann.

»Nun, warum antworten Sie nicht?« fragte der Fremde barsch.

Diese Frage brachte das Männchen zu sich. Es schien einzusehen, daß es geraten sei, mit einem solchen Strolch möglichst höflich zu sein.

»Guten Morgen«, sagte er. »Diese Straße geht nach Rheinswalden.« – »Sind Sie dort bekannt?« – Ja.« – »Wohnen Sie vielleicht dort?« – »Nein.« – »Was sind Sie denn eigentlich?« fragte der Fremde mit einem forschenden Blick auf den anderen. – »Tierarzt«, antwortete dieser. – »Tierarzt? Hm! Ein schönes Handwerk. Das Vieh ist leichter zu kurieren als das Menschenpack. Da habt Ihr wohl in Rheinswalden zu tun?« – Ja, ich wurde vorhin einer kranken Kuh wegen geholt.« – »Schießt sie tot, da ist sie geheilt, und Ihr seid die Plage los.«

Der Kleine sah den Großen erschrocken an.

»Wo denken Sie hin«, sagte er. »Eine Kuh totschießen.« – »Pah, ich habe viele Hunderte totgeschossen.«

Der Kleine machte ein sehr ungläubiges Gesicht und meinte:

»Das glaube Ihnen der Teufel!« – »Würde es dem Teufel auch geraten haben. Wenn er etwas, was ich sage, nicht glauben wollte, so wäre ihm sein Brot gebacken.« – »Na, schneiden Sie nicht so sehr auf.«

Da spitzte der Fremde den Mund. »Pchtichchchchch«, klang es, und dabei spritzte er dem Kleinen einen Strahl dicken dunklen Tabaksaftes so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückwich.

»Donnerwetter! Nehmen Sie sich doch in acht«, rief er. »Passen Sie auf, wo Sie hinspucken.« – »Weiß es ganz genau«, versicherte der Fremde ruhig.

Der Kleine betrachtete ihn mit scheuem Blick von oben bis unten.

»Sie kauen wohl Tabak?« fragte er dann. – »Ja.« – »Warum rauchen oder schnupfen Sie nicht lieber?« – »Zum Rauchen fehlt mir der Geschmack, und zum Schnupfen ist mir meine Nase zu lieb.« – »Na, der sieht man es auch an, daß Sie sie liebhaben. Aber das Tabakkauen ist fürchterlich ungesund.« – »Meinen Sie?« fragte der Fremde im Ton der Überlegenheit. – »Ja. Ich als Tierarzt muß das verstehen.« – »So, so. Hm! Da lassen Sie das liebe Vieh wohl nicht Tabak kauen?« – »Fällt mir gar nicht ein.« – »Sondern lieber rauchen oder schnupfen?« – »Machen Sie keine dummen Witze über die hochgeehrte Wissenschaft. Ohne sie würde manches Tier zugrunde gehen.« – »Ja, und ohne sie würde mancher Mensch leben bleiben. Also eine Kuh wollen Sie heute kurieren?« – »Ja. Sie hat die Perlsucht.« – »Wem gehört sie denn?« – »Frau Helmers auf dem Vorwerk neben dem Schloß.« – »Helmers? Hm. Ist diese Frau Witwe?« – »Ja und nein.« – »Wie meinen Sie das?« – »Ihr Mann wird wohl gestorben sein, aber sie kann es nicht beweisen. Er hat nämlich eine weite Reise gemacht und ist nicht wieder zurückgekehrt.« – »Wohin?« – »Die letzte Nachricht ist aus Mexiko gekommen.« – »Wann?« – »Am Ende des Herbstes.« – »Hm«, meinte der Fremde nachdenklich. »Rheinswalden ist ein Schloß?« – »Ja.« – »Wem gehört es?« – »Dem Herrn Hauptmann und Oberförster von Rodenstein.« – »Ist dieser Mann verheiratet?« – »Nein, aber er hat einen Sohn.« – »Der wohnt mit auf Rheinswalden?« – »Nein, sondern auf Rodriganda.« – »Rodriganda? Was ist das?« – »Ein Schloß in der Nachbarschaft von Rheinswalden. Es gehört dem Herzog von Olsunna, der der Schwiegervater des Malers Otto von Rodenstein ist.« – »Ah, ist dieser Herzog nicht der Vater eines gewissen Sternau?« – »Hm, darüber kann ich nichts sagen, aber es wohnt bei ihm die Frau Rosa Sternau, die eigentlich eine Gräfin Rodriganda ist. Ihre Tochter ist das Waldröschen. Warum erkundigen Sie sich so?« – »Das kann Ihnen gleichgültig sein.« – »Möglich. Aber Sie sehen nicht so aus wie einer, der Veranlassung hat, sich nach so vornehmen Leuten zu erkundigen.« – »Nicht? Wieso denn, he?«

Der Kleine warf einen geringschätzigen Blick auf den Fremden und antwortete:

»Na, das müssen Sie doch zugeben, daß Sie wie ein echter Bummler aussehen.« – »Pchtichchchchch«, fuhr ihm ein dicker Strahl von Tabaksaft an den Hut. – »Heidenelement! Nehmen Sie sich in acht«, rief er zornig. – »Pah, Bummler pflegen das nicht anders zu machen.« – »Aber ich verbitte mir das.« – »Wird Ihnen nicht viel helfen, wenn Sie grob bleiben.« – »Soll ich Sie etwa mit Glacéhandschuhen angreifen? Sie wären mir der Kerl dazu. Kommt so ein hergelaufener Mensch und spuckt mich so voll, daß ich mich in Rheinswalden gar nicht sehen lassen kann.«

Das Männchen war außerordentlich grimmig geworden. Er hatte den Hut abgenommen und hielt ihn dem Fremden entgegen.

»Wischen Sie es ab«, meinte dieser kaltblütig. – »Abwischen? Ich? Was fällt Ihnen ein? Wollen Sie es auf der Stelle selbst abwischen? Wo nicht, so sollen Sie mich kennenlernen!« – »Wer reinlich sein will, mag sich lecken. Ich hab's nicht nötig.« – »So! Also nicht? Wollen Sie es abwischen, oder …«

Er hob drohend den Stock.

»Was – oder?« fragte der Fremde. – »Oder ich haue Ihnen eins über das Gesicht herüber!« – »Hauen Sie! Pchtichchchchch!«

Ein abermaliger Strahl spritzte dem Tierarzt auf den Rock.

»Nun ist's gut! Nun habe ich es satt!« rief er. »Da! Da!«

Er holte zum Schlag aus, kam aber nicht dazu, denn der Fremde riß ihm blitzschnell den Stock aus der Hand und warf diesen weit über die Wipfel der Bäume weg. Dann faßte er den kleinen Helden bei den Hüften, hob ihn empor und schüttelte ihn derart, daß ihm Hören und Sehen verging, worauf er ihn behutsam wieder zur Erde niedersetzte.

»So, mein Zwerg«, sagte er, »das ist für den ›Bummler‹. Nun aber nimm Reißaus und laufe, was die Beine herhalten! Denn wenn ich dich in einer Minute noch einmal erwische, so quetsche ich dir die ganze ›hochgeehrte Wissenschaft‹ aus dem Leib!«

Der Tierarzt holte tief Atem. Er wollte reden, seine Augen funkelten vor Wut, aber er besann sich, wandte sich um und war im nächsten Augenblick zwischen den Bäumen verschwunden.

»Eine kleine Kröte! Aber mutig!« schmunzelte der Fremde. »Jedenfalls sehen wir uns in Rheinswalden wieder. Bin doch neugierig, was er da sagen wird! Hm! Geierschnabel und ein Bummler! Der Teufel hole diese verdammte Zivilisation, die jeden, der nicht einen schwarzen Frack um die Rippen hängen hat, für einen Bummler erklärt!«

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber nach kurzer Zeit plötzlich stehen, sprang rasch über den Straßengraben hinüber und duckte sich hinter einen Busch nieder, der dicht genug war, ihn zu verbergen.

Er hatte nämlich ein Geräusch gehört, das er als Präriejäger nur zu wohl kannte. Im nächsten Augenblick trat ihm gegenüber ein prächtiger Rehbock langsamen Schrittes aus dem Wald hervor.

»Ein Bock!« flüsterte er. »Und was für ein Kapitalkerl! Donnerwetter, welch ein Glück, daß mein altes Schießeisen geladen ist!«

Ohne daran zu denken, daß er sich keineswegs mehr im wilden Westen von Amerika befand, riß er schnell den alten Lederschlauch von der Schulter und nahm die Büchse heraus. Der Hahn knackte laut. Der Bock hörte es und hob lauschend den Kopf. In demselben Augenblick aber krachte auch der Schuß, und das Tier brach im Feuer zusammen.

»Hallo!« rief der Schütze laut. »Das war ein Schuß! Jetzt hin zu ihm!«

Er sprang hinter dem Busch hervor und zu dem Tier hin, warf Leinwandsack und Lederschlauch von sich, zog das Messer hervor und begann, den Bock regelrecht aufzutun.

Während dieser Arbeit hörte er nahende Schritte, aber das kümmerte ihn, den das Jagdfieber ergriffen hatte, nicht im mindesten. Er fuhr in seiner Arbeit ruhig fort, bis der Nahende hinter ihm stand.

Dieser ergriff zunächst das am Boden liegende Gewehr des Wildfrevlers, betrachtete es mit einem erstaunten Blick und sagte:

»Donnerwetter, was fällt denn diesem verfluchten Kerl ein dahier!«

Jetzt erst drehte Geierschnabel den Kopf herum und antwortete:

»Was mir einfällt? Das sehen Sie ja!« – Jawohl sehe ich es! Er hat den Bock geschossen!« – »Jawohl«, antwortete der Jäger mit einem Kopfnicken. – »Aber wer hat es Ihm denn geheißen?« – »Geheißen? Niemand.« – »Niemand? Nun, warum tut Er es dennoch?« – »Warum? Na, soll ich mir denn so einen Bock entkommen lassen?«

Bei diesen Worten hatte der Fremde sich erhoben, um einen außerordentlich erstaunten Blick auf den Sprecher zu werfen. Dieser konnte nicht umhin, in wenigstens ebenso erstauntem Ton zu fragen:

»Kerl, ist Er denn verrückt?« – »Verrückt? Pah! Pchtichchchchch!«

»Millionenschockschwerebrett! Was fällt Ihm ein? Hält er mich etwa für einen holländischen Spucknapf?« – »Nein, aber für einen Erzgrobian!« – »Ich? Ein Erzgrobian? Das wird immer bunter!« – Ja, ein Erzgrobian ist Er! Ich sage ›Sie‹ zu Ihm, und Er nennt mich ›Er‹. Wenn das höflich ist, so lasse ich mich aufhängen.« – »Höflich oder nicht. Aber aufgehangen oder so etwas wird Er doch!« – »Ah! Von wem?« fragte Geierschnabel lächelnd. – »Das wird Er merken, ohne daß ich es Ihm zu sagen brauche. Weiß Er denn nicht dahier, daß die Wildschießerei mit soundso vielen Jahren Zuchthaus bestraft wird?«

Da sperrte Geierschnabel den Mund so weit auf, daß man alle seine zweiunddreißig prächtigen Zähne zu zählen vermochte. »Zucht – haus …«, sagte er. – »Ja, Zuchthaus, Er Erzhalunke!« – »Donnerwetter! Daran habe ich weiß Gott nicht gedacht.« – »Ja, das glaube ich wohl. Diese Kerle denken erst dann an die Strafe, wenn sie in der Patsche stecken. Wer ist Er denn?« – »Ich? Hm! Wer sind denn Sie?« – »Ich bin der Ludwig Straubenberger.«

Da ging ein heiterer Blitz über das Gesicht des Amerikaners. »Ludwig Straubenberger?« sagte er. »Was geht das mich an!« – »Sehr viel sogar geht das Sie an. Ich stehe im Dienst des Herrn Oberförsters von Rodenstein.« – »Sie tragen doch keine Jägeruniform.« – »Weil ich Diener des Herrn Oberleutnants Helmers bin.« – »Und dennoch stehen Sie im Dienst des Oberförsters? Wie paßt das zusammen? Dienen Sie etwa zwei Herren?« – »Zweien oder zwanzigen, das geht Ihm ganz und gar nichts an dahier. Er ist mein Arrestant und hat mir zu folgen.« – »Zum Herrn Oberförster?« – »Ja. Zu wem denn sonst, Er Schlingel?«

Da reckte sich Geierschnabel empor und sagte:

»So schnell geht das nun allerdings nicht. Sie tragen keine Uniform. Legitimieren Sie sich mir als Forstbeamter.«

Das war dem braven Ludwig noch niemals vorgekommen.

»Hölle und Teufel!« rief er. »Verlangt so ein Spitzbube gar noch eine Legitimation von mir! Ich werde Ihn legitimieren, daß ihm der Buckel braun und blau anlaufen soll. Seine Flinte ist bereits konfisziert. Geht Er gutwillig mit oder nicht?« – »Ich habe es nicht nötig.« – »So werde ich nachzuhelfen wissen.«

Ludwig faßte den Fremden beim Arm.

»Tun Sie die Hand von meinem Arm!« sagte dieser jedoch in befehlendem Ton. – »Ah, Er wird ja immer renitenter! Ich werde Ihn kuranzen!« – »Pchtichchchchch!«

Ein Strahl braunen Tabaksaftes fuhr Ludwig an den Kopf. Da ließ er den Arm des Wilderers los und rief im höchsten Zorn:

»Alle Teufel! Auch noch anspucken! Das soll Er teuer bezahlen!«

In diesem Augenblick rief eine Stimme hinter einem der nächsten Bäume hervor:

»So hat er auch mich angespuckt. Soll ich Ihnen helfen, mein lieber Herr Straubenberger?«

Ludwig drehte sich um.

»Ah, der Kuhdoktor!« sagte er. »Was machen denn Sie dahier?« Der kleine Mann trat langsam und vorsichtig hinter dem Baum hervor.

»Ich wollte nach Rheinswalden, und da traf ich diesen Menschen.« – »Nun, und weiter!« – »Er fing ein Gespräch mit mir an, und dann kamen wir in Streit. Soll ich Ihnen helfen, ihn zu arretieren?« – »Na, ich habe Sie gerade nicht nötig, denn ich bin selbst Manns genug, um mit einem solchen Halunken fertigzuwerden, aber besser ist besser; er scheint nicht gutwillig mitzugehen. Wir wollen ihm die Hände ein wenig auf den Rücken binden!«

Da zuckte es eigentümlich um den Mund Geierschnabels. »Das wäre allerdings lustig genug!« sagte er. – »Wieso?« fragte Ludwig. »Für Ihn finde ich gar nichts Lustiges dabei.« – »O doch! Oder ist es nicht spaßhaft, wenn ein Wilddieb seinen Wildbrethändler arretiert?« – »Wildbrethändler? Wie meint Er das?« – »Ich meine damit mich. Ich bin Wildbrethändler aus Frankfurt.« – »Ah!« meinte Ludwig erstaunt. – »Und dieser Kleine da ist der eigentliche Wilderer«, fuhr Geierschnabel fort. »Er hat mir seit drei Jahren alles geliefert, was er in den Rheinswalder Forsten zusammengeschossen hat.«

Der kleine Tierarzt traute seinen Ohren nicht, als er diese Worte hörte. Auch Ludwig machte ein ganz verblüfftes Gesicht.

»Donner und Doria!« rief er. »Da muß doch gleich der helle, lichte Teufel drin sitzen! Ist das wahr, Kleiner?«

Erst jetzt kam dem vom Erstaunen Übermannten die Sprache wieder: »Ich ein Wilddieb?« fragte er. Und alle zehn Finger wie zum Schwur in die Höhe streckend, fügte er hinzu: »Ich schwöre tausend körperliche Eide, daß ich noch keine Maus, viel weniger aber einen Rehbock geschossen habe!« – »Oho, jetzt will er sich weißbrennen!« lachte Geierschnabel. »Wem gehört denn dieser alte Schießprügel da?« – »Ja, wem?« fragte Ludwig. – »Und wer hat den Bock geschossen? Ich nicht, sondern der Doktor da; ich habe ihn bloß aufgemacht und ausgenommen.« – »Herr Jesses, ist so etwas möglich!« zeterte der Kleine, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Glauben Sie es nicht, mein lieber, guter Herr Straubenberger.« – »Zum Teufel, ich weiß da allerdings nicht, was ich denken soll!«

Bei diesen Worten blickte Ludwig den Fremden ratlos an.

»Denken Sie, was Sie wollen«, meinte dieser. »So viel aber ist gewiß, daß ich mich allein nicht arretieren lasse. Ich bin so dumm gewesen, mit meinem Lieferanten auf den Anstand zu gehen, aber ich werde nicht so dumm sein, die Strafe allein zu tragen!« – »Heilige Mutter Maria, wo will das hinaus!« rief der Kleine. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Flinte in der Hand gehabt.« – »Aber an der Wange«, sagte Geierschnabel. »Ich kann es beweisen, und die Untersuchung wird alles ans Licht bringen.«

Da wandte Ludwig sich mit ernster Miene an ihn:

»Sagt Er wirklich die Wahrheit?« – »Ja.« – »Kann Er es beschwören?« – »Mit tausend körperlichen Eiden.« – »Da kann ich Ihm nicht helfen, Kleiner; ich bin gezwungen, auch Ihn als Wilderer zu arretieren.«

Der Arzt tat vor Schreck einen Sprung zurück.

»Um Gottes willen, Sie machen nur Spaß!« rief er. – »Nein, nein, es ist mein voller Ernst dahier!« – »Aber ich bin ja so unschuldig wie die liebe Sonne am Himmel!« – »Das wird die Untersuchung ergeben. Sie sind mein Arrestant!« – »Arrestant? Himmel, ich reiße aus!«

Der Kleine wandte sich um und wollte fliehen, aber Ludwig war schnell genug, ihn zu fassen und festzuhalten.

»Ah, schießen die Preußen so?« rief er. »Entfliehen will Er? Damit hat Er seine Schuld eingestanden. Ich werde diese beiden Kerle zusammenbinden, damit keiner mir entweichen kann.« – »Das lasse ich mir gefallen«, meinte Geierschnabel, »ich will nicht der einzige Schuldige sein. Wenn es gerecht zugeht, lasse ich mich ohne alle Gegenwehr binden und fesseln.« – »Gut, das ist verständig von Ihm. Gebt Eure Hände her. Hier habe ich die Schnur.« – »Aber ich schwöre bei allen Heiligen, daß ich unschuldig bin!« versicherte der Kleine. »Dieser Spitzbube will mich unglücklich machen!« – »Das wird sich ausweisen«, versicherte Ludwig. – »Aber Sie werden mich doch nicht etwa gefesselt nach Rheinswalden schleppen. Das wäre ja fürchterlich.« – »Schleppen? O nein, Sie werden selber laufen müssen.« – »Aber meine Ehre, meine Ambition, meine Reputation …« – »Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Auf die Reputation eines Wilddiebes gibt kein Mensch einen Pfifferling. Wie wird es, geben Sie die Hand freiwillig her, oder soll ich Gewalt brauchen?«

Geierschnabel bückte sich zur Erde nieder, hob seinen Leinwandsack auf, warf ihn sich über den Rücken und sagte:

»Ich füge mich freiwillig. Hier ist meine Hand.« – »Und ich füge mich gezwungen«, rief der Kleine. »Hier ist meine Hand, aber ich werde Genugtuung verlangen.« – »Das ist nicht meine Sache«, meinte Ludwig. »Ich tue meine Pflicht, alles andere wird der Herr Oberförster untersuchen.«

Er fesselte die rechte Hand Geierschnabels mit der linken des Arztes zusammen. Dann sagte er:

»So, das ist abgetan. Aber den Bock, den soll doch nicht etwa ich nach Hause schleppen? Das ist Eure Sache.« – »Ich habe schon meinen Pack«, meinte Geierschnabel. – »Was ist denn drin in dem Sack?« – »Fünf Hasen.« – »Hasen? Donnerwetter! Woher sind sie?« – »Der Doktor hat gestern Schlingen gelegt, und heute vor Tagesanbruch gingen wir, sie abzusuchen; es hingen diese fünf darinnen.«

Der Kleine war ganz starr; er brachte kein einziges Wort hervor. Ludwig aber machte ein grimmiges Gesicht und sagte erbost:

»Also auch Schlingensteller! Das verschlimmert die Sache bedeutend. Fünf Hasen hat er zu tragen, da mag der Doktor den Bock auf sich nehmen.« – »Aber es ist ja Lüge, lauter infame Lüge!« stieß jetzt endlich der kleine Mann hervor. »Er hat die Hasen selbst gefangen!« – »Das wird sich alles, alles finden«, meinte Ludwig, indem er sich niederbückte, um die Läufe des Bockes zusammenzubinden. – »Herr Straubenberger, ich verklage Sie!« – »Meinetwegen!« – »Ich lasse Sie bestrafen.« – »Kümmert mich nicht; ich tue meine Pflicht dahier.« – »Aber mein ganz guter Ruf ist zum Teufel.« – »Die Hasen und der Bock auch. Hier ist er, da.«

Ludwig hing das Tier dem Kleinen über den Rücken.

»Heiliger Ignatius«, jammerte dieser, »jetzt muß ich unschuldiges Menschenkind auch noch das schwere Viehzeug schleppen!« – »Der Bock ist noch lange nicht so schwer wie die anderen alle, die du schon auf dem Gewissen hast«, sagte Geierschnabel. – »Mensch! Kerl! Ich vergifte dich, wenn ich erst wieder frei bin.« – »Sapperlot, das wird immer schlimmer«, meinte Ludwig. »Also auch ein Giftmischer! Da wollen wir nur machen, daß wir nach Rheinswalden kommen. Der Herr Oberförster wird sich wundern, was für Galgenvögel ich ihm bringe!«

Er gab den beiden einen Stoß, und der interessante Marsch begann.

Der Doktor bat, jammerte und klagte umsonst. Ludwig war ganz darauf versessen, seine Pflicht zu tun, und so sehr sich der Kleine auch sträubte, der kräftige Amerikaner zog ihn ohne große Anstrengung mit sich fort.

19. Kapitel.

Um dieselbe Zeit befand der Oberförster sich in seinem Arbeitszimmer. Er war erst vor kurzem aufgestanden und trank seinen Morgenkaffee. Seine Laune war keine gute. Die alten, sorglosen Zeiten waren überhaupt dahin, es gab kein Glück, keine Freude mehr. Der Brief Sternaus war zwar eingetroffen und hatte einen unendlichen Jubel hervorgerufen, aber das darauffolgende lange Schweigen hatte annehmen lassen, daß die erlöst Geglaubten doch noch dem Unglück verfallen seien.

Da ertönten draußen rasche Schritte. Ludwig trat ein und blieb in strammer Haltung an der Tür stehen, um die Anrede des Oberförsters zu erwarten.

»Was bringst du?« fragte dieser kurz und mürrisch. – »Wilddiebe!« lautete die noch kürzere Antwort.

Da fuhr der Alte von seinem Stuhl auf.

»Wilddiebe?« fragte er. »Höre ich recht?« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann, Wilddiebe«, bestätigte Ludwig. – »Wie viele?« – »Zwei.« – »Heiliger Hubertus, endlich einmal zwei! Na, das ist Wasser auf meine Mühle!« sagte der Alte. »Die spanne ich auf die Folter und dehne sie so weit aus, daß ihre Beine von Breslau bis nach London reichen. Wo hast du sie?« – »Unten im Hundeschuppen.« – »Doch fest?« – »Sehr. Sie sind gefesselt, und zwei Wächter stehen vor der Tür.« – »Wer hat sie attrappiert?« – »Ich selber dahier«, lautete die Antwort, die der brave Ludwig im Ton des stolzesten Selbstbewußtseins gab. – »Du selbst? Ah! Wo denn?« – »An der Mainzer Straße.«

Es verstand sich von selbst, daß das Einbringen zweier Wilddiebe bei dem Oberförster das allergrößte Interesse erregte. Er stand vor Ludwig und las ihm jede Antwort bereits, ehe er sie hörte, vom Munde ab.

»Erzähle!« befahl er. – »Es war eine Frische gefallen, Herr Hauptmann, und da machte ich mich auf die Beine, um in aller Frühe die bekannten Wechsel zu begehen. Als ich nun so die Straße hinabtrollte, fällt plötzlich ein Schuß, ein Schuß aus einer fremden Büchse, wie ich sogleich hörte. Ich schleiche mich rasch hin und erblicke einen Kerl, der unseren schönsten Bock dahier geschossen hat; er kniete vor ihm, um ihn aufzubrechen.« – »Dem Kerl sollen neunundneunzig Donnerwetter in die Haut fahren. Kanntest du ihn?« – »Nein; es ist ein Wildbrethändler aus Frankfurt.« – »Ah! Seit wann schießen die Kerle ihre Böcke selber?« – »Oh, er hat ihn gar nicht selber geschossen, sondern der andere.« – »Kanntest du den?« – »Sehr, sehr gut sogar. Ich bemerkte ihn nicht sofort, bekam ihn aber doch sehr bald vor die Augen.« – »Wer ist es?« – »Ich traute meinen Augen nicht, als ich ihn sah. Aber er hat in dieser Nacht bereits fünf Hasen in der Schlinge gefangen.« – »In der Schlinge? Fünf Hasen in einer Nacht? Das Wild in dieser jämmerlichen Weise umzubringen! Ich lasse den Kerl mit glühenden Zangen zerreißen, so wahr ich Rodenstein heiße und Oberförster bin.« – »Das hat er gut und ganz verdient, Herr Hauptmann. Er hat bereits seit Jahren für den Frankfurter Händler den Lieferanten gemacht.« – »Schändlich! Und wir haben ihn nicht erwischt? Da sieht man wieder, wie man sich auf seine Leute verlassen kann. Augen haben sie wie die Ofenlöcher und Ohren wie die Borstenwische, aber sehen und hören tun sie nichts. Doch ich werde einmal gehörig unter sie fahren und einen neuen Modus einführen, nämlich folgenden: Wer von jetzt an nicht jede Woche einen Wilddieb arretiert, wird auf der Stelle fortgejagt. Auf diese Art und Weise werde ich die Wilderer sogleich los und auch euch, ihr Sperrenräuber und Maulaffen. Mein Brot eßt ihr, und mein schönes Wild fressen andere; wovon sollen denn ich nun leben und seine Durchlaucht, unser Großherzog? Etwa von Eichenrinde, Tannenzapfen und gespickten Pelzfäustlingen? Ich werde euch den Brotkorb so hoch hängen, daß ihr, um danach zu schnappen, Hälse bekommen sollt wie die Giraffen und alten Jungfern, die den Hals wie einen Korkenzieher drehen, wenn sie einen Mann nur wittern. Aber wer war denn dieser Halunke?«

»Unser Viehdoktor!« berichtete Straubenberger.

»Unser Vieh…«

Das Wort blieb dem Alten vor Schreck im Munde stecken.

»Doktor«, ergänzte Ludwig das Wort. – »Kerl, bist du vielleicht übergeschnappt?« – »Zu Befehl, nein, Herr Hauptmann.« – »Unser Viehdoktor, unser Tierarzt sollte ein Schlingensteller sein? Das ist rein unmöglich. Das kann nicht wahr sein.« – »Es ist wahr, Herr Hauptmann.« – »Du irrst, ist er es denn wirklich?« – »Freilich. Er steckt ja mit unten im Hundestall.« – »Na, so gnade ihm Gott. Hast du den Bock mitgebracht?« – »Ja. Der Doktor hat ihn selber schleppen müssen.« – »Ihm ist ganz recht geschehen. Ich wollte, der Bock wäre ihm an den Hals gewachsen. Und wie steht es mit den Hasen?« – »Alle fünf sind da. Der Wildhändler hat sie im Sack.« – »Gut, gut. Ich werde diese beiden Kerle sofort verhören. Ich werde sie in das Gebet nehmen, daß sie vor Angst Baumöl und Sirup schwitzen sollen. Gehe und hole das ganze Volk zusammen! Sie sollen sofort alle nach meiner Amtsstube kommen. Wenn ich dir dann winke, bringst du die beiden Inkulpaten herauf. Ich werde ihnen schon zeigen, was ein Bock und fünf Hasen zu bedeuten haben. Ich werde ein Exempel statuieren. Und wenn ich sie auch schließlich dem Kriminalrichter übergeben muß, so werde ich sie doch vorher so turbieren und malträtieren, daß gegen meine Behandlung lebenslanges Zuchthaus noch ein Paradies sein soll. Vorwärts also, ich brenne vor Begierde, und sie sollen mich kennenlernen, aber wie.«

Ludwig entfernte sich. Als er in den Hof kam, hatte einer der Burschen gerade ein gesatteltes Pferd aus dem Stall gezogen, denn der gestrenge Herr Hauptmann hatte einen Ritt machen wollen.

»Laß das jetzt und hilf mir die Leute zusammentrommeln«, meinte Ludwig. »Der Herr Hauptmann hält erst das Gericht hier.« – »Mit den Wilddieben?« – »Ja. Die Leute sollen alle dabeisein, in der Amtsstube droben.« – »Gut, gut, ich laufe schon.«

Der dienstbeflissene Knecht ließ das angebundene Pferd stehen und eilte davon, um zu helfen, die Kameraden zu benachrichtigen. In fünf Minuten waren alle Bewohner von Rheinswalden versammelt. Der Hauptmann ließ sie auf Stühlen einen Halbkreis bilden, in dessen Mitte er in eigener Person Platz nahm, nachdem er zuvor durch das Fenster hinab in den Hof gewinkt hatte. Dort stand Ludwig an der Tür des Hundestalles. Als er den Wink seines Herrn bemerkte, öffnete er den Stall und ließ die beiden Verbrecher heraus.

»Halt, Doktor«, sagte er. »Sie haben den Bock zu tragen.« – »Auch in das Verhör?« – »Das versteht sich. Er ist ja der Corpus Defektus, der Euch ins Zuchthaus bringt, nebst den Hasen, die auch solche Corpusse sind dahier.« – »Aber ich bin ja unschuldig.« – »Sagen Sie das dem Herrn Hauptmann selber. Ich verstehe von der Kriminalität nicht ganz so viel wie er.«

Der Arzt mußte den Bock aufladen, und Geierschnabel trug seinen Sack. Sie waren noch immer an den Händen zusammengebunden. Als sie über den Hof geführt wurden, bemerkte der Amerikaner das Pferd, und ein lustiges Lächeln zuckte eine Sekunde lang um seine Lippen.

Ludwig führte sie eine Treppe empor und öffnete eine Tür. Ein rascher Blick Geierschnabels fiel auf das Schloß derselben. Sie traten ein, und Ludwig zog die Tür hinter sich und ihnen zu.

»Hier sind sie, Herr Hauptmann«, meldete er. »Soll ich ihm den Bock herunternehmen?«

Der Alte saß mit der Miene und der Grandezza eines spanischen Oberinquisitors inmitten seiner Leute.

»Nein«, antwortete er, »der Kerl mag dies selber tun.« – »Aber er ist ja angebunden.« – »Das ist überflüssig. Binde sie auseinander, ich habe einmal gehört, daß die Verbrecher während eines Verhörs nicht gefesselt werden dürfen, und so wollen wir es auch hier halten.«

Ludwig band die beiden Arrestanten los. Dabei breitete sich ein befriedigtes Lächeln über das Gesicht Geierschnabels. Der Tierarzt beeilte sich, seine Unschuld zu beteuern, noch ehe das Verhör begonnen hatte.

»Herr Hauptmann«, rief er, »es ist mir ein furchtbares Unrecht geschehen. Ich soll diesen Bock geschossen haben und bin doch …« – »Ruhig«, unterbrach ihn der Oberförster mit donnernder Stimme. »Hier habe nur ich zu reden. Wer von euch beiden ein Wort spricht, ohne daß er gefragt wird, der wird krumm geschlossen wie eine Katze und bekommt acht Jahre Zuchthaus mehr als andere Leute. Verstanden?«

Der Kleine schwieg. Der Alte wandte sich an Geierschnabel.

»Den anderen kenne ich. Wer aber bist du, he?« – »Ich bin Wildbrethändler in Frankfurt«, antwortete der Gefragte. – »Wie ist dein Name?« – »Henrico Landola.«

Da fuhr der Alte von seinem Stuhl empor.

»Henrico Landola?« fragte er. »Donnerwetter. Was bist du für ein Landsmann?« – »Ich bin ein geborener Spanier.«

Der Hauptmann blickte ihn mit stieren Augen an.

»Mensch, Kerl, Schuft, Halunke, ist das wahr?« – »Ja.« – »Seit wann warst du Wildhändler?« – »Nur seit einigen Jahren.« – »Was warst du vorher?« – »Seekapitän.« – »Seeräuber, nicht wahr?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel mit ungeheurer Ruhe. – »Dich soll der Geier reiten, du Ausbund aller Schlechtigkeit, Henrico Landola. Ah, daß wir den Kerl doch endlich haben. Aber Mensch, wie kommst du mit diesem Tierarzt zusammen?« – »Er hat mir die Gifte gemacht, wenn ich irgendeinen vergiften wollte.«

Da machte der Kleine vor Entsetzen einen Luftsprung.

»Alle guten Geister, es ist nicht wahr. Kein Wort ist wahr.« – »Ruhe, Giftmischer!« donnerte ihn der Hauptmann an. »Heute ist der Tag der Rache. Heute sitze ich selber zu Gericht. Heute werden alle entlarvt, die bisher kein anderer entlarven konnte. Henrico Landola, wie viele Menschen hast du vergiftet?« – »Zweihundertneunundsechzig.«

Da erschrak selbst der Alte. Es kam ihm ein Grauen an.

»Satanas«, rief er. »So viele, so viele. Warum denn?« – »Hier dieser Viehdoktor wollte es nicht anders. Ich mußte, sonst hätte er mich selbst umgebracht.« – »Herr Jesses, Herr Jesses«, schrie der Kleine. »Es ist kein wahres Wort daran. Es kann kein einziger Mensch auftreten und sagen, daß ich ihn umgebracht habe.«

Geierschnabel zuckte die Achsel.

»Er leugnet natürlich. Aber früher war er der blutgierigste von allen meinen Seeräubern. Ich kann es beweisen.« – »Mensch, du bist ein Ungeheuer. Ich bin niemals etwas anderes als Tierarzt gewesen.« – »Ruhig, nicht murren«, gebot der Oberförster. »Sie sind erst seit drei Jahren in dieser Gegend. Das könnte stimmen.« – »Ich war aber vorher im Elberfeldschen.« – »Das wird sich zeigen. Sie schweigen! Ich habe es jetzt mit diesem Landola zu tun. Mensch, Räuber, Schuft, kennst du einen Cortejo?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Ah, wie hast du ihn kennengelernt?« – »Durch diesen Tierarzt. Er war der Schwager des Cortejo.« – »Nein, nein«, rief der Kleine. »Ich kenne keinen Cortejo, ich habe diesen Namen noch niemals gehört.« – »Ruhe, sonst lasse ich Sie hinauswerfen«, donnerte ihn der Alte an. »Ich werde schon herauskriegen, wer Ihr Schwager ist.« Und zu Geierschnabel gewandt, fuhr er fort: »Haben Sie mit diesem Cortejo Geschäfte gemacht? Ich verlange die Wahrheit.« – »Ja, sehr viele sogar«, antwortete der Gefragte. – »Was für welche waren es?« – »Mein Seeräuberschiff war sein Eigentum.« – »Wie hieß es?« – »Der Lion, und ich nannte mich damals Grandeprise.« – »Das stimmt. Der Kerl hat wenigstens den Mut, die Wahrheit zu sagen. Kennst du vielleicht einen gewissen Sternau?« – »Ja.« – »Hat er dich nicht einmal fangen wollen?« – »Ja.« – »Was hast du da gemacht?« – »Das, was ich jetzt mache.« – »Ah! Was denn?« – »Ich bin ausgerissen. Adieu, Herr Hauptmann.«

Geierschnabel hatte seinen Leinwandsack noch auf dem Rücken. Bei den letzten Worten drehte er sich blitzschnell um und sprang nach der Tür. Im nächsten Augenblick war er draußen, warf die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um, so daß ihm niemand folgen konnte. Drei, vier Stufen nehmend, sprang er die Treppe hinab und hinaus in den Hof. Dort flog er auf das Pferd zu, band es los, sprang in den Sattel und galoppierte davon.

Dieser ebenso kühne wie unvorhergesehene Vorgang hatte oben die Versammlung so überrascht, daß keiner daran dachte, ein Glied zu bewegen. Der Hauptmann war der erste, der sich faßte.

»Er will fliehen«, rief er. »Rasch, schnell ihm nach.«

Er sprang nach der Tür, um sie zu öffnen.

»Tausend Teufel. Er hat den Schlüssel umgedreht.«

Er eilte nach dem Fenster und blickte hinab.

»Bomben und Granaten. Da springt er auf das Pferd. Da reitet er zum Tor hinaus. Wenn das so fortgeht, so entwischt er uns, ehe wir ihn wiederhaben.«

Niemand dachte daran, zum Fenster hinabzuspringen. Alles rannte nach der Tür, um daran zu trommeln, bis eine alte Magd kam, die der Gerichtssitzung nicht mit beigewohnt hatte. Sie öffnete, und nun stürmte alles hinaus und in den Hof hinab.

»Zieht die Pferde heraus«, gebot der Alte. »Wir müssen ihm nach.«

So viele Pferde vorhanden waren, so viele Reiter stürmten eine Minute später zum Tor hinaus, der Hauptmann ihnen allen voran. Ein Bauer kam ihnen entgegengeschritten.

»Thomas«, rief ihm der Hauptmann zu, »hast du nicht einen Kerl zu Pferde gesehen?« – »Ja, auf Ihrem Pferd«, lautete die Antwort. – »Mit einem Sack auf dem Rücken?« – »Ja, mit einem Sack.« – »Wohin ritt er?« – »Er schien große Eile zu haben, aber er hielt doch bei mir an und fragte mich nach dem Weg nach Rodriganda.« – »So ist er nach Rodriganda zu?« – »Ja, Herr Hauptmann.« – »Gut, so holen wir ihn ein. Vorwärts, Jungens! Wer von euch mir diesen Kerl wiederbringt, bekommt eine ganze Jahresgage gratis und einen neuen Anzug obendrein.«

So alt er war, er blieb von allen Verfolgern doch der vorderste. Es schien, als ob er sich die Jahresgage selbst verdienen werde.

Das Unbegreiflichste bei diesem Intermezzo war, daß kein einziger daran gedacht hatte, sich des Tierarztes zu bemächtigen. Dieser stand ganz allein im Zimmer und starrte auf die Tür, durch welche alle fortgestürmt waren.

»Jesses Maria«, sagte er. »Was soll ich tun? Auch ausreißen? Es ist das beste. Ich, ein Wilddieb, ein Giftmischer und Seeräuber. Wenn ich jetzt glücklich zum Schloß hinauskomme, so verstecke ich mich acht Wochen lang, bis meine Unschuld an den Tag gekommen ist.«

Er schlich die Treppe hinab. Auf dem Hof war kein einziger Mensch zu sehen, denn selbst diejenigen, die kein Pferd erhalten hatten, waren den Reitern eine Strecke weit zu Fuß gefolgt. Daher gelang es dem vor Angst zitternden Männchen, unbemerkt zu entkommen. Draußen vor dem Schloß wich es sofort von der Straße ab und schlug sich in die Büsche. Frau Helmers wartete vergeblich auf den Heiler ihrer perlsüchtigen Kuh.

20. Kapitel.

Einige Zeit vorher war ein leichter Wagen die Straße dahergerollt gekommen. Wo die Straße sich teilte, um nach Rheinswalden und Rodriganda zu führen, war der Wagen in der letzteren Richtung eingebogen. Man sah auf den ersten Blick, daß es ein Mietwagen war, der Kutscher paßte zu sehr auf den Bock einer Droschke. Der Insasse, der halb liegend im Fond des Wagens ruhte, war ein noch junger Mann, dessen militärischer Überrock in ihm einen Offizier erkennen ließ.

Nach kurzer Zeit tauchte das prächtige Gebäude des neuen Rodriganda vor ihm auf. Das Hofportal stand bereits offen, so daß der Wagen passieren und vor der Rampe halten konnte. Der Offizier stieg aus, lohnte den Kutscher, der das Schloß wieder verließ, ab und stieg die Freitreppe empor.

Dort wurde er von einem kleinen Mann empfangen, den das Rollen des Wagens auf seinen Posten getrieben hatte. Es war der Kastellan des Schlosses.

»Herr Oberleutnant. Willkommen, willkommen!« rief er. – »Guten Morgen, lieber Alimpo. Bereits munter, in solcher Frühe?« – »Ja, Morgenstunde hat Gold im Munde. Das sagt meine Elvira auch.« – »Ist auch sie bereits wach?« – »Das versteht sich.« – »Aber die Herrschaften ruhen noch?« – »Nein. Wie könnte man schlafen, da man wußte, daß Sie eintreffen.« – »So hat Ludwig meine Ankunft gemeldet?« – »Ja, er kam vorgestern an.« – »Ist er hier auf Rodriganda?« – »Nein. Er ist in Rheinswalden. Er hängt zu sehr an dem Hauptmann.« – »Wo befinden sich die Herrschaften?« – »Man hat sich noch nicht versammelt, es wird aber sogleich geschehen.« – »So gehe ich nach dem kleinen Salon.«

Nachdem der Offizier vorher Überrock und Kopfbedeckung abgelegt hatte, trat er in den angegebenen Raum. Dort stand eine schöne, jugendliche Mädchengestalt am Fenster. Sie wandte sich um, als er eintrat.

»Kurt!« – »Röschen!«

Sie eilten aufeinander zu und reichten sich die Hände.

»Willkommen, lieber Kurt«, sagte das liebliche Wesen im Ton der aufrichtigsten Freude. »Ich wollte die erste sein, die dich begrüßt.« – »Und ich wünschte so sehnlichst, vor allen anderen dich zu sehen.« – »Wirklich? Nun, so ist dir dein Wunsch erfüllt. Dafür aber bleibst du dieses Mal recht sehr lange bei uns. Nicht wahr?« – »Leider ist mir das nicht möglich. Ich reise bereits heute oder spätestens morgen wieder ab von hier.«

Ihr Gesichtchen nahm den Ausdruck der Enttäuschung an.

»Das ist häßlich, recht häßlich von dir«, sagte sie schmollend. – »Oder von Bismarck.« – »Bismarck? Ist er es, der dich wieder fortschickt?« – »Ja, liebe Rosita.« – »So hast du wohl wieder einmal eine so schwierige, diplomatische Aufgabe zu lösen, die kein anderer fertigbringt als du allein?« – »Jeder andere würde es ebensogut fertigbringen wie ich. Es ist Glück und Zufall, daß gerade ich es bin, dem man sie anvertraut.« – »Und gehst du lange fort?«

Kurt sah ihr ein Weilchen bedeutsam in die Augen und antwortete:

»Auf lange, vielleicht auf sehr lange Zeit.« – »Wie garstig. Ich werde auf Bismarck ernstlich böse werden, wenn er fortfährt, dich uns in dieser Weise zu entziehen. Heute zurück von Rußland, und augenblicklich wieder fort. Das darf man sich nicht gefallen lassen.« – »Man hat zu gehorchen, liebes Röschen, selbst wenn man gar nicht wiederkehren dürfte.« – »Das ist ja aber doch bei dir nicht der Fall?«

Er zuckte die Achsel.

»Ich gehe gerade dahin, wo bereits so mancher verschwunden ist.«

Die Röte wich aus ihren Wangen.

»Wohin wäre das, Kurt?« – »Rate einmal.« – »Ein Land, in dem mancher verschwunden ist?« – »Ja.« – »Das wäre wohl das weite Amerika?« – »Allerdings. Aber welcher spezielle Teil desselben?«

Jetzt blitzte es in ihren Augen auf.

»Mein Gott, wenn ich recht riete«, sagte sie. »Meinst du Mexiko?«

Er nickte ihr lächelnd zu.

»Gerade das meine ich«, sagte er.

Da schlug sie freudig erstaunt die kleinen Händchen zusammen.

»Das ist wahr, das ist gewiß und wahrhaftig wahr?« – »Ja. Ich hatte gestern Audienz bei dem Grafen, um ihm zu referieren. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich nebst neuen Instruktionen den Befehl, schleunigst nach Mexiko aufzubrechen. Ich setzte mich auf die Bahn, fuhr nach Mainz und nahm einen Mietwagen, um so rasch wie möglich hier anzukommen und euch diese Nachricht zu bringen.« – »Das müssen sie erfahren, sogleich, sofort.«

Sie öffnete die nächste Tür und rief hinaus:

»Mama, liebe Mama, Kurt ist da und geht nach Mexiko.«

Dann eilte sie auch durch die gegenüberliegende Tür, und Kurt hörte ihren frohlockenden Ruf: »Nach Mexiko, nach Mexiko.«

Von allen Seiten kamen die Bewohner des Schlosses herbei, um ihn zu bewillkommnen und nach dem neuen Reiseziel zu fragen. Der Herzog und die Herzogin von Olsunna, Otto von Rodenstein nebst seiner Frau und Rosa Sternau, die schöne Mutter des Waldröschens, sie alle wollten wissen, ob es wahr sei, daß er so plötzlich nach Mexiko müsse. Kurt schickte sich an, ihnen ausführliche Auskunft zu geben, wurde aber darin unterbrochen, denn es sprengte ein Reiter in den Hof, dessen sonderbare Erscheinung die Augen aller Anwesenden auf sich zog. Es war Geierschnabel.

Dieser sprang vom Pferd, ließ es stehen und stieg, seinen Sack auf dem Rücken, die Freitreppe empor. Dort trat ihm Alimpo entgegen.

»Wer sind Sie?« fragte er ihn. – »Wer sind denn Sie?« fragte der Amerikaner. – »Ich bin Alimpo, der Kastellan dieses Schlosses.« – »Ah, das genügt. Sind die Bewohner desselben zu sprechen?« – »Sagen Sie zunächst, wer Sie sind.« – »Das ist unnütz. Sie kennen mich doch nicht. Ich bringe den Herrschaften eine höchst wichtige Botschaft.« – »Von wem?« – »Das werde ich den Herrschaften sagen.« – »Welche von den Herrschaften meinen Sie?« – »Alle. Was ich bringe, wird alle interessieren.« – »Man ist jetzt gerade versammelt. Aber, lieber Freund, Sie sind eigentlich nicht in der Fassung, bei Herrschaften zu erscheinen.« – Gerade dazu bin ich in der Verfassung. Aber mich lange ausfragen und dann vielleicht abweisen lassen, dazu bin ich nicht in der Verfassung. Machen Sie Platz!« – »Oho. Ich muß doch erst fragen, ob Sie hineindürfen.« – »Unsinn. Ich darf allemal hinein.«

Geierschnabel schob Alimpo ohne alle Umstände beiseite und trat ins Vorderhaus. Er hatte die vielen Gesichter hinter den Fenstern gesehen und traf also leicht den Salon, in dem sich die Herrschaften befanden. Alimpo hatte ihn noch beim Eintreten von hinten erfaßt und rief:

»Zurück, zurück. Ich muß Sie ja erst melden.« – »Das werde ich selbst besorgen.«

Mit diesen Worten machte der Amerikaner sich gewaltsam von Alimpo los. Der Herzog trat ihm entgegen und fragte in strengem Ton:

»Sie drängen sich hier ein. Welchen Grund haben Sie zu diesem ungewöhnlichen Verhalten?«

Der Gefragte blickte dem Frager furchtlos in das Gesicht und antwortete:

»Den Grund, daß ich eben das Ungewöhnliche liebe.« – »Zu wem wollen Sie?« – »Zu Ihnen allen.« – »Wer sind Sie?« – »Man nennt mich Geierschnabel.«

Ein leises Lächeln ging über das Gesicht des Herzogs. Dieser zerlumpte Mensch hatte infolge seiner Nase ganz das Recht, diesen Namen zu tragen.

»Woher sind Sie?« fragte Olsunna weiter. – »Ich bin … ah, da kommen sie wahrhaftig schon. Ich hätte nicht gedacht, daß dieser alte Oberförster meine Fährte so bald finden werde.«

Er war bei diesen Worten an das Fenster getreten, so ungeniert, als ob er hier zu Hause sei. Die anderen hatten unwillkürlich dasselbe getan. Sie sahen den alten Rodenstein von seinem dampfenden, ungesattelten Pferd springen. Alimpo hatte den Hufschlag vernommen und war hinausgetreten.

»Guten Morgen, Alimpo«, hörten sie den Hauptmann rufen. »Sag schnell, ob hier ein Reiter angekommen ist.« – »Ja.« – »Wann?« – »Soeben erst.« – »Ganz zerlumpt und mit einem Sack auf dem Buckel?« – »Ja.« – »Gott sei Dank, ich habe ihn! Wo ist der Kerl?« – »Bei den Herrschaften im Salon.« – »Alle Teufel, das ist gefährlich! Ich muß gleich hinein, ehe ein Unglück geschieht.«

Zwei Augenblicke später riß Rodenstein die Tür auf und trat ein. Den Flüchtling erblicken und auf ihn zustürzen, war eins.

»Halunke, habe ich dich wieder!« rief er, ohne sich Zeit zu nehmen, die anderen zu begrüßen. »Du sollst mir nicht wieder entkommen. Ich lasse dich in Eisen schmieden, bis dir alle Rippen krachen!« – »Was, um Gottes willen, ist denn los?« fragte der Herzog. »Wer ist denn dieser Mann, lieber Hauptmann?« – »Dieser Mann, dieses Subjekt, oh, er ist der größte Verbrecher, den es unter der Sonne gibt. Er hat über zweihundert Menschen vergiftet.«

Die Anwesenden blickten ihn erstaunt an.

»Ja, guckt mich immer an«, sagte er ganz echauffiert. »Sperrt die Augen auf und glaubt es nicht, es ist aber dennoch wahr.« – »Wie heißt er denn?« – »Ludwig hatte ihn gefangen, er ist aber wieder entwichen, als ich Gericht über ihn halten wollte, und heißt Henrico Landola.« – »Henrico Landola?« fragte Kurt, »der Seeräuber?« – »Ja.« – »O nein, der ist er nicht. Den kenne ich.« – »Ah, pah! Er hat es ja selbst gestanden.« – »Daß er Landola sei? Das ist unmöglich.« – »Fragen Sie ihn selbst.«

Der Amerikaner hatte sich unterdessen die einzelnen Personen höchst gleichmütig und aufmerksam betrachtet.

»Wie hängt das zusammen? Sie haben sich für einen gewissen Landola ausgegeben?« fragte ihn Kurt. – »Ja«, nickte der Gefragte. – »Kennen Sie diesen Menschen?« – »Ich habe von ihm gehört.« – »Aber wie kommen Sie dazu, sich für denselben auszugeben?«

Der Amerikaner zuckte lächelnd die Achseln.

»Jux«, antwortete er kurz. – »Ah, dieser Jux könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Landola ist nicht eine Person, der man hier freundlich gesinnt ist.« – »Ich weiß es.« – »Er ist es aber dennoch«, behauptete der Oberförster. »Der Halunke hat sogar meine fünf Hasen noch hier im Sack.« – »Welche Hasen?« fragte Otto, sein Sohn. – »Die der Viehdoktor erwürgt hat.« – »Du sprichst für uns in Rätseln. Was haben Sie in Ihrem Sack?«

Diese letztere Frage war an Geierschnabel gerichtet

»Das sollen Sie sogleich erfahren«, erwiderte der Gefragte. Und sich zu Kurt wendend, sagte er: »Ich habe Sie noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie der Herr Oberleutnant Kurt Helmers?« – »Der bin ich allerdings.« – »Nun, so habe ich Ihnen dieses hier zu übergeben.«

Geierschnabel öffnete dabei den alten Sack, griff hinein und zog ein Mahagonikästchen heraus. Aus seiner Hosentasche brachte er dann ein Schlüsselchen hervor und übergab dem Oberleutnant beides. Das Kästchen war außerordentlich schwer.

»Von wem ist es, und was befindet sich darin?« fragte Kurt. – »Sehen Sie selbst.«

Kurt steckte das Schlüsselchen an und öffnete. Die anderen traten hinzu. Beim Anblick des Inhalts stießen alle einen Ruf des Erstaunens aus. Er bestand in Schmuck und Geschmeide, durchweg alte, mexikanische Arbeit.

»Um Gottes willen, woher haben Sie diese Sachen?« fragte Kurt.

Aller Augen richteten sich in gespannter Erwartung auf Geierschnabel.

»Ihr Vater bekam von Büffelstirn einen Teil des Königsschatzes geschenkt«, sagte dieser. »Die Hälfte davon wurde Ihnen durch Juarez geschickt?« – »Ja.« – »Nun, das hier ist die zweite Hälfte.« – »Gott! Eine Nachricht aus Mexiko!« rief Rosa de Rodriganda. »Mann, sagen Sie schnell, schnell, wer diese Sachen schickt.« – »Juarez.« – »Ah, Juarez! Sie kommen von ihm?« – »Von ihm und von Señor Pedro Arbellez, dem Haziendero.«

Auf die Kostbarkeiten, die abermals Millionen repräsentierten, fiel jetzt kein Blick, sondern aller Augen waren nur auf den Jäger gerichtet. Die Nachrichten, die man von ihm erwartete, waren mehr wert als alle Schätze.

»So kommen Sie also aus Mexiko?« fragte Rosa in größter Spannung weiter. – »Ja, direkt. Auch Sie habe ich noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie Frau Rosa Sternau oder Rosa de Rodriganda?« – »Die bin ich allerdings.« – »Dann habe ich auch für Sie etwas.« – »Mein Gott! Was und von wem ist es?«

Geierschnabel griff in den Sack und zog einen Brief hervor.

»Von Miß Amy Lindsay«, antwortete er. – »Sie kennen sie? Sie kennen den Lord?« – »Sehr gut.« – »Er ging nach Mexiko, um Juarez Waffen und Gelder zu überbringen?« – »Ja. Ich war da sein Führer und Begleiter. Wir haben vieles, sehr vieles erlebt, und ich bin bereit, Ihnen alles zu erzählen.« – »Welch eine Fügung, welch ein Glück! Haben Sie sonst noch etwas für uns?« – »Nein. Das andere sind Effekten, welche mir gehören.« – »So heißen wir Sie willkommen! Soll ich den Brief vorlesen, lieber Vater?«

Der Herzog, an den diese Frage gerichtet war, antwortete: »Verschieben wir das noch eine Weile, meine lieber Tochter. Wir müssen uns zunächst wohl noch ein wenig mit diesem braven Mann beschäftigen, der mir und euch allen ein Rätsel ist.« – »Ja«, meinte der Hauptmann, »ein verflucht dummes Rätsel. Kerl, wie kommen Sie dazu, sich für Landola auszugeben? Wer sind Sie denn in Wahrheit? Aber ich verbitte mir jetzt jede Flunkerei.«

Da schob Geierschnabel sein gewaltiges Primchen aus der einen Backe in die andere, spitzte den Mund und schoß einen Strahl braunen Tabaksaftes dem Alten so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückfuhr.

»Millionendonnerwetter!« fluchte der Hauptmann. »Was ist denn das für eine Flegelei, für eine Schweinerei! Glaubt Er etwa, daß wir hier Spritzenprobe halten, he? Mich anspucken zu wollen! Ein Glück, daß Er mich nicht getroffen hat! Wofür hält Er mich denn eigentlich, he?«

Der Amerikaner zuckte die Achsel und antwortete, indem ein lustiges Lächeln über sein hageres Gesicht glitt:

»Für den sehr vortrefflichen Lord Oberrichter von Rheinswalden, Sir. Aber das ist sehr egal, das tut nichts zur Sache; wenn ich spucke, spucke ich, und ich will den sehen, der es mir verbietet. Wer nicht getroffen sein will, der mag mir aus dem Weg gehen.«

Da machte Olsunna eine begütigende Handbewegung und sagte:

»Laßt diese Kleinigkeiten! Der Herr Hauptmann meint es mit dem Wort ›Flunkerei‹ nicht so sehr bös. Er wollte gern etwas Näheres über Ihre Person und Ihre Verhältnisse wissen.« – »Pah!« meinte Geierschnabel. »Von meiner Person braucht er nichts mehr zu wissen, sie steht ja vor ihm, und er braucht sie nur anzusehen. Er kann sich alles genau betrachten, ohne Entree oder sonst etwas dafür bezahlen zu müssen, sogar meine Nase. Und meine Verhältnisse? Was meinen Sie denn eigentlich damit? Sehe ich etwa aus wie einer, in den sich eine verlieben könnte? Ich mag von dem ganzen Weibervolk gar nichts wissen, ich habe noch niemals ein Verhältnis gehabt. Wie kann überhaupt der erste beste sich unterstehen, mich nach solchen Verhältnissen auszufragen! Ich habe den Herrn Hauptmann auch nicht nach seinen Liebschaften gefragt.«

Der Herzog schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete:

»Sie irren sich. Von solchen delikaten Verhältnissen war ja gar nicht die Rede. Wir möchten nur gern erfahren, wer und was Sie sind. Das werden Sie leicht begreiflich finden.« – »Wer und was? Hm! Daß ich Geierschnabel heiße, das versteht sich ja ganz von selbst, ich habe die richtige, geeignete Nase dazu. Und daß ich Präriejäger bin, das geht eigentlich nur mich etwas an.« – »Präriejäger?« brummte der Oberförster. »Ah, darum ist er so auf das Wild erpicht.« – Ja. Darum konnte ich mich auch nicht halten, als ich vorhin den Bock sah. Ich nahm die Büchse und schoß ihn nieder.« – »Donnerwetter, also Sie haben ihn geschossen?« – Ja, ich.« – »Nicht der Viehdoktor?« – »Nein.« – »Da schlage das Wetter drein! Aber er hat Ihnen doch mehrere Jahre lang das Wild geliefert?« – »Gott bewahre!« lachte Geierschnabel. – »Wirklich nicht?« fragte der Hauptmann ganz erstaunt. – »Nein.« – »So ist er also gar kein Wilddieb?« – »Ebensowenig wie ich ein Frankfurter Wildbrethändler bin.« – »Donner und Doria! So hat Er mich belogen?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel sehr gleichmütig. – »Mich an der Nase herumgeführt?« – »Ja.«

Da fuhr der Alte im höchsten Grimm auf ihn zu und donnerte ihn an:

»Kreuzmillionenschwerebrett, wie können Sie das wagen!« – »Pchtichchchchch!« fuhr ihm der Tabaksaft entgegen, so daß er kaum noch Zeit fand, zur Seite zu prallen, um nicht getroffen zu werden. Das erboste ihn noch mehr. Er fuhr fort:

»Mich für einen Narren zu halten und dann auch noch anzuspucken, mich, den großherzoglich hessischen Oberförster und verinvalidierten Hauptmann von Rodenstein! Er Himmelhund muß Keile kriegen, ganz gewaltige Keile, so gewaltig, daß Er an der Erde liegenbleibt wie drei chloroformierte Nachtwächter! Ich verlange Respekt und abermals Respekt und zum dritten Male Respekt! Wenn Er den aus den Augen läßt, so lasse ich Ihn versohlen, daß Seine Nase aussehen lernt wie ein mit Fischtran eingeschmierter Kanonenstiefel! Kommt Er etwa aus Amerika oder Mexiko herüber, nur um sich über mich lustig zu machen, so haue ich Ihm dieses Mexiko so lange um den Kopf herum, bis Er weder Mexi noch ko mehr singen kann. Versteht Er mich? Und nun will ich wissen, welchen Grund er gehabt hat, mich in so horribler Weise zu täuschen.« – »Grund?« fragte der Amerikaner. »Hm! Gar keinen.«

Der Alte öffnete den Mund so weit wie möglich und blickte den Sprecher im höchsten Grade erstaunt an.

»Was?« fragte er. »Keinen Grund? Gar keinen? So hat er sich wohl nur einen Spaß mit uns machen wollen?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel im gleichgültigsten Ton. – »Ah! Also wirklich nur einen Spaß! Da soll doch gleich das ganze Pulver platzen! Da soll doch gleich der helle, lichte Teufel dreinschlagen! Einen Spaßt hat sich der Kerl mit mir gemacht! Mit mir! Hört Ihr's alle? Mit mir! Mensch, wie kommt Er denn dazu, mich für einen Mann zu halten, mit dem man sich einen Spaß machen kann?« – »Oh, das kam ganz von selbst. Ich traf den kleinen Tierarzt. Dieser belferte mich an, wie ein Schoßhündchen einen großen Neufundländer. Das kam mir so spaßig vor, daß ich ganz lustig gestimmt wurde.« – »Aus Spaß haben Sie ihn also für einen Wilddieb ausgegeben?« – »Natürlich!« – »So ist er also auch wohl kein Seeräuber gewesen?« – »Ist ihm gar nicht eingefallen.« – »Und auch kein Giftmischer?« – »Auch nicht. Ich habe den Mann noch niemals gesehen, ich kenne ihn ganz und gar nicht. Hat er Gifte gemischt, so hat er höchstens eine alte Kuh oder irgendeinen Ziegenbock umgebracht.« – »Er ist also unschuldig an allem?« – »Vollständig unschuldig.« – »Bomben und Granaten! Und diese unschuldige Seele ist arretiert und mit dem eigentlichen Missetäter zusammengebunden worden. Ich habe ihn angebrüllt und angeschnauzt, als ob er mich selber erschossen oder vergiftet hätte! Das fordert Rache, das fordert Strafe! Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und auch auf ihm nicht Er soll eine Genugtuung erhalten, wie sie in der ganzen Welt noch keinem Viehdoktor geworden ist Der arme Teufel hat sogar den erlegten Rehbock schleppen müssen. Und jetzt sitzt er gefangen in Rheinswalden!« – »Da wäre er doch der dümmste Mensch, den es nur geben kann!« – »Der dümmste? Wieso?« – »Nun, als ich echappierte, sind mir doch wohl alle sofort nachgerannt?« – »Natürlich, alle!« – »Nun, dann ist er allein zurückgeblieben und wird wohl so gescheit gewesen sein, sich in Sicherheit zu bringen.« – »Hm. Das wäre möglich. Ich wollte, er hätte sich so langsam hinter uns auf die Seite gedrückt. Was mich aber freut, ist, daß es Ihm nicht gelungen ist, zu entkommen. Weiß Er, was Seiner wartet?« – »Was denn?« – »Das Zuchthaus.«

Geierschnabel zuckte lachend die Achsel und antwortete:

»Zuchthaus? Pah! Eines Bockes wegen? Unsinn!« – »Unsinn, Unsinn sagt Er. Er kennt wohl unsere Gesetze gar nicht?« – »Was gehen mich Ihre Gesetze an? Ich bin ein freier Amerikaner.« – »Da irrt Er sich gewaltig. Er ist jetzt nicht ein freier Amerikaner, sondern ein gefangener Spitzbube. Hierzulande wird der Wilddiebstahl mit bis zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft.« – »Dummheit! Da hätte ich für das, was ich alles schon geschossen habe, zehntausend Jahre Zuchthaus abzubrummen. Das halte der Teufel aus, ich aber nicht!« – »Ah! Er hat also bereits mehr geschossen?« – »Das versteht sich!« – »So ist es also Wilddieberei im Rückfall, und das gibt eine tüchtige Strafverschärfung. Wir wollen so einem sakkermentschten freien Amerikaner schon zeigen, wie weit seine Freiheit geht!«

Geierschnabel machte jetzt allerdings ein sehr zweifelndes Gesicht. Er meinte:

»Wir dürfen ja da drüben schießen, so viel uns beliebt.« – »Da drüben ja. Aber nicht hier hüben. Versteht Er mich?« – »Donnerwetter, daran habe ich gar nicht gedacht! Der Bock trat aus dem Wald, und ich schoß; das ist alles. Brennt man mir dafür zehn Jahre Zuchthaus auf, so brenne ich auch, nämlich durch.« – »Das soll Ihm nicht so leicht wieder gelingen. Wie aber kommt es, daß Er gerade nach Rodriganda durchgebrannt ist?« – »Weil ich hier sehr notwendig zu tun habe. Ich komme ja als Abgesandter in Angelegenheiten der Familie Rodriganda.« – »Warum hat Er mir das nicht gleich gesagt?« – »Warum haben Sie mich nicht gleich gefragt?« – »Warum gab Er sich denn für diesen verteufelten Landola aus?« – »Herr Hauptmann, der Hafer stach mich.« – »Nehme Er sich in acht, daß Er nicht von noch etwas anderem gestochen wird! Ich werde jetzt hören, was für eine Botschaft Er uns bringt, und dann soll sich finden, wie weit ich Ihn wegen des Bockes auf das Leder knie.«

Die anderen Anwesenden hatten die beiden ungehindert sprechen lassen. Teils gab ihnen die drastische Art der Unterhaltung innerlichen Spaß, und teils erkannten sie in Geierschnabel eine jener selbständigen originellen Naturen, wie sie im Westen Nordamerikas nicht selten sind. Sie wußten bereits jetzt, daß unter den obwaltenden Umständen der alte Oberförster gar nicht daran denken werde, den Jäger zur Anzeige zu bringen. Darum ließen sie die beiden ungestört sich aussprechen, bis der Herzog wieder das Wort nahm.

»Also Ihren Namen und Ihr Gewerbe kennen wir jetzt«, sagte er. »Wollen Sie uns sagen, wie Sie mit diesen Personen, an denen wir so großen Anteil nehmen, zusammengekommen sind?« – »Das können Sie hören«, antwortete Geierschnabel. »Wissen Sie, was ein Scout ist?« – »Nein.« – »Pchtichchchchch!« spritzte Geierschnabel mit verächtlicher Mienen seinen Tabaksaft in das Feuer des Kamins, so daß es aufzischte. »Sie wissen es nicht?« fragte er. »Das weiß doch jedermann! Unter den Westmännern gibt es nämlich einige wenige, die einen so scharfen Ortssinn besitzen, daß sie niemals irregehen. Sie kennen jeden Weg, jeden Fluß, jeden Baum und Strauch und finden sich auch da, wo sie noch nie gewesen sind, mit wunderbarer Sicherheit zurecht.« – »Ich habe gehört, daß es solche Leute gibt«, meinte der Herzog.

»Solche Leute nennt man Scouts. Man kann sie bei wichtigen Angelegenheiten nicht entbehren. Eine jede Expedition, eine jede Karawane, eine jeder Jägergesellschaft muß einen oder mehrere Scouts bei sich haben, wenn sie nicht zugrunde gehen will. Ein solcher Scout bin ich.« – »Donnerwetter«, meinte der Hauptmann, »so kennt Er alle Wege und Stege der amerikanischen Wildnis?« – »Ja.« – »Man sieht es Ihm aber gar nicht an!« – »Ich habe wohl ein etwas dummes Gesicht?« – »Sehr dumm!« – »Pchtichchchchch!« fuhr dem Alten der Saft mitsamt dem Primchen gerade an diejenige Steile seiner Brust, an welcher er das Ordensband zu tragen pflegt. Da fuhr er zurück, stieß einen Fluch aus, trat einen Schritt auf den Amerikaner zu und rief:

»Halunke, wie kann Er wagen, einen großherzoglichen Oberförster und Hauptmann anzuspeien?«

Geierschnabel verschränkte die Arme über die Brust und antwortete:

»Und wie kann Er es wagen, einen amerikanischen Prärieläufer dumm zu nennen? Was sind alle Eure Hauptleute und Oberförster gegen unsere Westmänner, die an einem Tage mehr erleben, als so ein livrierter Maulaffe in seinem ganzen Leben! Glaubt er etwa, ein hiesiger Oberförster sei klüger als ein guter Präriejäger? Oder meint Er, ein Hauptmann der großherzoglichen Armee könne es mit einem Scout aufnehmen? Wenn Er mich nach dem Kleid beurteilt, das ich heute trage, so ist Er sehr auf dem Holzweg. Er wird bald sehen, daß Er sich da jammervoll getäuscht und geirrt hat. Ich pflege die Leute nach der Art und Weise zu behandeln, wie sie mir entgegentreten. Wer mich ›Er‹ tituliert und mich für dumm zu verkaufen gedenkt, der existiert für mich nicht, er ist einfach nicht da. Und wenn ich beim Ausspucken einen treffe, der für mich nicht da ist, so ist das einfach seine Sache, aber nicht die meinige. Er mag sich so verhalten, daß ich seine Gegenwart respektieren kann. Merke Er sich das.«

Geierschnabel sprach das Deutsche im fremden Dialekt. Dennoch hatte er seine Rede so korrekt und deutlich, so nachdrucksvoll vorgetragen, daß sie auf den alten Hauptmann einen nicht geringen Eindruck machte. Er fühlte, daß er sich hier einem gegenüber befand, der ihm an Grobheit und Originalität vollständig ebenbürtig und gewachsen war. Er kratzte sich hinter den Ohren und sagte:

»Himmelelement, ist dieser Mensch höflich! Bei dem Kerl kommt es ja geschüttelt wie beim Speiteufel in einer Kleienmühle. Na, ich werde vorderhand den Mund halten. Das Weitere wird sich dann ergeben, wenn ich weiß, woran ich mit ihm bin.« – »Daran tun Sie ganz recht«, meinte Geierschnabel, indem er jetzt einen höflicheren Ton annahm. Und zu den anderen gewandt, fuhr er fort: »Also ein solcher Scout bin ich. Eines schönen Tages befand ich mich in El Refugio und wurde von einem Engländer engagiert, der den Rio Grande del Norte hinauffahren wollte.« – »Ah, Sir Lindsay?« fragte Gräfin Rosa. – »Ja.« – »War Miß Amy bei ihm?« – »Das versteht sich. Sie wollte ihn nicht verlassen.« – »Sie ist eine sehr liebe Freundin von mir. Befand sie sich wohl?« – »Höchstwahrscheinlich. Wenigstens habe ich nichts davon gehört, daß sie Zahnreißen oder Kopfschmerzen gehabt hätte. Ich wurde abgeschickt, nach El Paso del Norte zu gehen, um dem Präsidenten Juarez zu melden, daß der Lord ihm Waffen und Geld bringe.« – »Sie trafen den Präsidenten?« fragte Kurt mit Interesse. – »Ja, aber nicht in El Paso, sondern in einem kleinen Fort, das Guadeloupe genannt wird. Vorher aber traf ich daselbst noch andere Leute, für die Sie sich interessieren werden. Zunächst gab es da einen sehr berühmten Jäger, den man den Schwarzen Gerard nennt und den einige von Ihnen sehr gut kennen.« – »Der Schwarze Gerard?« fragte Rosa. »Den kennen wir nicht.« – »O doch. Ist Ihnen nicht der Name Gerard Mason bekannt?«

Rosa besann sich.

»Gerard Mason?« fragte sie. »Der Name kommt mir allerdings bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen.« – »Nun, so besinnen Sie sich vielleicht besser darauf, daß Sie in Rheinswalden einmal ermordet werden sollten.« – »Ja, das ist richtig.« – »Graf Alfonzo hatte einen Mörder gedungen.« – »Allerdings. Aber dieser Mann benachrichtigte mich davon. Mein Gemahl hatte in Paris seine Schwester aus dem Wasser gezogen – ah, ich glaube der Mann hieß Gerard Mason.« – »Ja, er hieß so, gnädige Frau.« – »So ist er wohl jetzt jener Jäger, den man den Schwarzen Gerard nennt?« – »Er ist es.« – »Ah. Hat er Ihnen nichts von uns erzählt? Er ist uns eine sehr wichtige Persönlichkeit, aber entfernte sich damals sehr rasch, daß es ganz unmöglich war, seine Gegenwart auszunützen.« – »Er ist nicht sehr mitteilsam gewesen, aber was er mir gesagt hat, das werden Sie erfahren. Sodann gab es einen zweiten Jäger, einen kleinen, aber tüchtigen Kerl, der Sie auch interessieren wird.« – »Wohl auch ein Bekannter?« – »Vielleicht.« – »Wie hieß er?« – »Der Kleine André.« – »Ist uns unbekannt.« – »Ah. Er hat einen Bruder in Rheinswalden.« – »Wir haben in Rheinswalden keinen Menschen, der André heißt.« – »Ist auch nicht so gemeint. André ist hier nicht der Familien-, sondern nur der Vorname, er heißt so viel wie Andreas.«

21. Kapitel.

Der brave Ludwig war natürlich auch mit bei der Verfolgung des Wilddiebes gewesen. Er hatte Rodriganda kurz nach dem Oberförster erreicht und war leise eingetreten, um bei der Festnahme des Flüchtlings mit Hand anlegen zu können. Jetzt spitzte er die Ohren und fragte:

»Andreas? Donnerwetter! Am Ende zielt das auf mich dahier.« – »Wieso?« fragte Geierschnabel. – »Ich habe einen Bruder, der Andreas heißt.« – »Wo ist er jetzt?« – »Das weiß der Geier. Er ging in die weite Welt und hat niemals wieder etwas von sich hören lassen.« – »Was war er?« – »Brauer.« – »Und weshalb ging er fort?« – »Hm. Das war eigentlich eine recht dumme Liebesgeschichte dahier. Er wollte sie, und ich wollte sie, aber keiner kriegte sie dahier.« – »Schön, das stimmt. Wie heißen Sie?« – »Ludwig Straubenberger.« – »Und der Kleine André heißt eigentlich Andreas Straubenberger.«

Da schlug Ludwig die Hände zusammen und rief:

»Ist es möglich, ist es wahr?« – »Ja«, nickte Geierschnabel. – »Mein Bruder? Wirklich mein Bruder?« – »Natürlich.« – »Da sei dem Herrgott getrommelt und gepfiffen. Der Andreas lebt, mein Bruder lebt! Aber wo ist er denn jetzt?« – »Ja, das ist eben die Angelegenheit, in der ich komme. Wir wissen nicht, wo er steckt; wir müssen ihn suchen. Vorher aber muß ich noch andere Personen erwähnen, die ich in Fort Guadeloupe getroffen habe. Zunächst war da ein Jäger, der früher der Fürst des Felsens genannt wurde.« – »Wie hieß er?« fragte der Herzog. – »Doktor Sternau, ein Deutscher.« – »Mein Mann!« rief Rosa. – »Sind Sie die Gräfin Rosa de Rodriganda?« fragte Geierschnabel. – »Ja.« – »Gut, so war es allerdings Ihr Gemahl.« – »Aber, mein Gott, wie kam er nach diesem Fort? Woher kam er, und was hat er dort getan, anstatt die Heimat aufzusuchen?« – »Das werden Sie hören. Vorher aber muß ich noch einige andere Personen erwähnen, die vorhanden waren.« – »War ein gewisser Mariano dabei?« fragte Rosa schnell. – »Ja.« – »Ein Helmers?« – »Sogar zwei.« – »Wer noch?« – »Zwei Indianerhäuptlinge.« – »Die sind uns gleichgültig.« – »Sie werden Ihnen aber nicht gleichgültig bleiben. Sodann war eine Señorita Emma da.« – »Die Tochter des Hazienderos, die auch verschwunden war?« – »Ja.« – »Eine gewisse Karja.« – »Die Indianerin?« – »Sie war eine Tochter der Mixtekas. Ferner war da ein spanischer Gärtner, den Sie vielleicht kennen, namens Bernardo Mendosa.« – »Der Name kommt mir allerdings bekannt vor. Wo war dieser Gärtner her?« – »Er war aus Manresa.« – »Aus Manresa in Spanien? Das ist ja in der Nähe von Rodriganda.« – »Allerdings. Dieser Mann hat sogar auf Schloß Rodriganda als Gärtner gearbeitet. Aber weil er verschiedenes gesehen und beobachtet hat, so ist er von Cortejo auf ein Schiff gelockt und nach Afrika geschafft worden.« – »Welch eine Teufelei!« rief Kurt. »Was hat er denn beobachtet?« – »Das weiß ich leider nicht.« – »Nach welchem Ort brachte man ihn?« – »Ich weiß nur, daß er in Harrar gewesen ist. Und dort traf er auf einen Mann, den Sie alle kennen werden, auf den Grafen Ferdinando de Rodriganda.«

Dieser Name brachte die größte Aufregung hervor. Als dieselbe sich gelegt hatte, fragte Rosa:

»Haben Sie den Grafen gesehen?« – »Ja, mit diesen meinen Augen.« – »Welches Schicksal! Welches Zusammentreffen!« – »Ja. Sie sehen, daß so ein Scout doch zu etwas Besserem zu verwenden ist als zu zehn Jahren Zuchthaus.« – »Woher aber waren diese Personen alle gekommen?« – »Über den Ozean herüber, von einer wüsten Insel.« – »Wo sie so lange Jahre gefangen gewesen waren?« – »Ja.« – »Wo liegt diese Insel?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wie heißt sie?« – »Man hat es mir nicht gesagt.« – »Was haben sie während dieser Zeit dort getrieben?« – »Ja, darüber muß man ausführlicher erzählen.« – »Und wie sind sie endlich befreit worden?« – »Ein deutscher Kapitän, namens Wagner, hat sie geholt.« – »Warum fuhren sie nicht direkt nach der Heimat?« – »Weil es vorher in Mexiko wichtige Dinge zu ordnen gab.« – »Aber was wollten sie auf dem Fort?« – »Sie wollten Juarez treffen, um unter dessen Schutz nach der Hacienda del Erina zu reisen.« – »Er gewährte ihnen seinen Schutz?« – »Natürlich, denn sie hatten ja auch ihm den ihrigen gewährt. Sie hatten ihm geholfen, das Fort gegen die Franzosen zu verteidigen.« – »Mein Gott. So haben sie gegen die Franzosen gekämpft und sich in Lebensgefahr begeben?« – »Natürlich! Das ist ja bei einem jeden Kampf der Fall.« – »Welche Unvorsichtigkeit! Wir haben sie so lange Jahre als tot betrauert, und nun sie gerettet sind, werfen sie ihr Leben wieder in die Waagschale, und zwar für eine Sache, die ihnen fremd sein muß.« – »Fremd? Da irren Sie sich.« – »Inwiefern? Was gehen uns die Franzosen an?« – »Was geht Sie der Teil der Herrschaft von Rodriganda an, der in Mexiko liegt?« – »Allerdings sehr viel.« – »Was geht Sie Pablo Cortejo an?« – »Er ist uns freilich höchst wichtig.« – »Er muß entlarvt werden. Die Herrschaften waren einmal in Mexiko und zogen also vor, das zu tun, was dort zu tun war, anstatt nach Europa zu gehen und dann wieder zurückzukehren.« – »Haben Sie Cortejo getroffen?« – »Hm. Ja und nein. Ich werde es Ihnen ausführlich erzählen.«

Geierschnabel erzählte nun alles, was von seinem ersten Erscheinen in Fort Guadeloupe bis zu dem Augenblick geschehen war, als er im Gefolge von Juarez auf der Hacienda del Erina eintraf. Er kannte zwar den Zusammenhang der Tatsachen und Persönlichkeiten nicht genau, aber die Kenntnis der Personen und Ereignisse ließ ihn den Zuhörern als einen wichtigen Mann erscheinen.

Ihre Augen hingen an seinem Munde. Sie hörten hier bedeutend mehr, als was sie aus Sternaus Brief hatten entnehmen können.

Rosas Gesicht glühte vor Freude zu wissen, daß der geliebte Mann noch am Leben sei und von allen seinen Bekannten so hoch geschätzt und geachtet werde. Sie hörte schweigend bis zum Ende und fragte dann:

»Aber warum bekamen wir bisher kein weiteres Lebenszeichen?« – »Das war nicht möglich, Señora«, antwortete Geierschnabel. »Die Herrschaften sind abermals spurlos verschwunden.« – »Verschwunden? Ich denke, sie befinden sich auf der Hazienda?« – »Leider nicht.« – »Aus welchem Grund?« – »Eigentlich klar bin ich mir darüber nicht geworden. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Señor Sternau, Señor Helmers und die beiden Häuptlinge sich von uns trennten, um mit Hilfe der Mixtekas die Hazienda den Anhängern Cortejos zu entreißen …« – »Das ist ihnen doch auch gelungen.« – »Allerdings. Das Heer des Präsidenten verstärkte sich ganz unerwartet, so daß wir anderen schneller, als wir gedacht hatten, nachfolgen konnten. Voran ritten Señor Helmers, Mariano und der Kleine André. Als wir anderen später ankamen, waren auch sie bereits fort.« – »Aber wohin?« – »Wer weiß es!« – »Man muß doch Nachforschungen angestellt haben!« – »Sie haben zu nichts geführt.« – »Hat Juarez nichts unternommen, sie zu finden?« – »Zunächst hat er glauben müssen, daß dies nicht notwendig sei. Und als er dann überzeugt war, daß es sich um einen neuen, großen Unfall handle, da war es leider bereits zu spät. Der einzige, der wirklich etwas tun konnte, bin ich gewesen.« – »Ah! Was haben Sie tun können?«

Geierschnabel zuckte die Achsel und antwortete:

»Wenig, sehr wenig!« – »Erzählen Sie! Rasch! Schnell!«

Die Anwesenden befanden sich natürlich in einer nicht geringen Aufregung. Der Amerikaner beeilte sich, ihnen die nötige Aufklärung zu geben.

»Juarez glaubte«, sagte er, »es handle sich um eine kurze Exkursion, von der die Vermißten bald zurückkehren würden. Als diese Rückkehr gar so lange auf sich warten ließ und der Präsident auch bereits weiter nach Süden gegangen war, wurde es dem Lord und Miß Lindsay angst. Der Lord wollte sich allerdings nicht von Juarez trennen, aber Miß Amy sagte, daß sie die Hazienda nicht eher verlassen werde, als bis Señor Mariano aufgefunden sei. Daraufhin begab ich mich auf die Suche.« – »Und was fanden Sie?« – »Zunächst muß ich erwähnen, daß die Tochter Cortejos entkommen war. Meine Forschungen ergaben, daß die Vermißten aufgebrochen waren, um dieses Frauenzimmer wieder zu fangen. Ich verfolgte ihre Spur bis Santa Jaga, weiter ging sie nicht.« – »So befinden sie sich noch dort?« – »O nein. Es lagen zu damaliger Zeit Franzosen dort, denen sie jedenfalls ausgewichen sind.« – »Oh, sie brauchten die Franzosen ja nicht zu fürchten.« – »Sie nicht, aber Cortejo, der sich nun bei seiner Tochter befand. Er mußte sich vor Santa Jaga hüten, und darum sind sie, die seiner Spur sicher folgten, auch gar nicht in den Ort gekommen.« – »Hat man keine Vermutungen?« – »Das Wahrscheinlichste ist, daß Cortejo sie in eine Falle gelockt hat.« – »Mein Gott! Wir müssen sie retten, wenn es noch möglich ist!« – »Deshalb komme ich. Als ich die Spur verloren hatte, kehrte ich zu dem Engländer zurück. Wir brachen sofort zu Juarez auf, und dieser war, nachdem er uns angehört hatte, der Meinung, daß Cortejo sich zum Panther des Südens geflüchtet habe und daß die Verfolger jedenfalls in die Hände dieses Parteigängers gefallen sind. Er sandte sofort einen Boten an den Panther. Derselbe ließ sagen, daß Cortejo nicht bei ihm sei. Dieser solle es überhaupt nicht wagen, wieder in seine Nähe zu kommen. Darum brach ich selbst zum Panther auf, um das Terrain zu sondieren. Es war ein gewagtes Unternehmen. Ich riskierte den Kopf und das Leben dabei, doch kam ich glücklich durch.« – »Und das Resultat?« – »War leider nicht befriedigend. Ich gewann die Überzeugung, daß weder Cortejo noch die Verschwundenen bei dem Panther zu finden seien.« – »Mein Gott, wo sollen sie sonst sein?« – »Vielleicht sind sie gar tot!« meinte der Hauptmann. – »Das glaube ich nicht«, antwortete Geierschnabel. »Leute wie Sternau, Donnerpfeil, Bärenherz und Büffelstirn ermordet man nicht so leicht. Ich nehme vielmehr an, daß man sie irgendwo als Freunde des Juarez festhält, um sie einstweilen unschädlich zu machen.« – »So wäre also Hoffnung vorhanden, sie zu befreien?« – »Ja, wenn es gelänge, ihre Spur aufzufinden. Juarez und Sir Lindsay haben nichts unversucht gelassen, jedoch vergeblich. Sie haben mich herübergeschickt, um Ihnen Nachricht zu bringen. Bei dieser Gelegenheit gab mir der alte Haziendero den zweiten Teil des Schatzes mit, der Donnerpfeil gehört.«

Die Anwesenden blickten sich betrübt an. Was sollten sie tun, wenn es bereits Juarez und Sir Lindsay unmöglich gewesen war, eine Spur der Entschwundenen aufzufinden!

Rosa weinte leise vor sich hin. Waldröschen umschlang die Mama und vereinigte ihre Tränen mit denen der Mutter. Der Graf und Otto von Rodenstein standen am Fenster und blickten trübe und nachdenklich hinaus. Der alte Oberförster aber konnte seinem Kummer nicht einen so stillen Ausdruck geben, er ballte die Faust und rief:

»Himmelelement, wäre ich doch nur dies einzige Mal noch jung.«

Da drehte sich sein Sohn um und fragte:

»Was würdest du da machen?« – »Ich ritte hinüber und haute das ganze Mexiko in die Pfanne.« – »Und ich, ich machte mit dahier!«

Diese Worte kamen aus dem Mund des braven Ludwig, der sich nicht enthalten konnte, auch einen Ausdruck seiner gegenwärtigen Gefühle hören zu lassen. Der Hauptmann blickte ihn dafür dankbar an.

»Weißt du noch, Ludwig, damals?« fragte er. – »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« – »Was, du weißt es noch?« – »Zu Befehl! Ganz genau!« – »Aber ich habe ja noch gar nicht gesagt, was!« – »Ich weiß es dennoch, denn wir beide denken immer an den Tag damals, als die großherzoglichen Herrschaften da waren.« – »Ja, das meinte ich.« – »Da machte der Herr Doktor Sternau ein Meisterstück nach dem anderen.« – »Ja. Wer hätte damals gedacht … Der Teufel hole Mexiko.« – »Und die Mexikaner dazu. Wäre ich drüben, ich gerbte ihnen allen das Leder und machte Stiefel daraus. Nun aber geben meine alten Knochen das nicht mehr her; es ist kein Mark und keine Bouillon mehr darin.« – »Aber die meinigen sind noch jung, lieber Pate!«

Der diese Worte sagte, war Kurt, der einzige, der weder ein Zeichen des Zorns, noch der Verzweiflung von sich gegeben hatte.

»Das ist wahr, mein Junge«, meinte der Alte. »Aber was hast du mit Mexiko zu schaffen?«

Da wandte Waldröschen sich zu den beiden und sagte:

»Ah wirklich, lieber Kurt! Du sollst ja gerade jetzt nach Mexiko gehen.«

Diese Bemerkung machte, daß nun alle anderen sich ihm zuwandten.

»Ja«, sagte er. »Ich habe eine Aufgabe da drüben zu lösen; aber ich hoffe, daß diese Aufgabe mir Zeit läßt, auch nach den Unserigen zu forschen.«

Geierschnabel betrachtete sich den Oberleutnant mit prüfenden Blicken.

»Sie? Sie wollen nach Mexiko?« fragte er. Junger Mann, bleiben Sie lieber zu Hause! Die Luft da drüben ist für solche feine Herren nicht gesund.« – »Was kümmert mich die Luft.« – »Hm, es schwirren viele Kugeln drin herum.« – »Gerade das habe ich gern.«

Geierschnabel lächelte ein wenig maliziös und meinte:

»Aber an einer solchen Kugel kann man sehr leicht zugrunde gehen.« – »Ich weiß das. Wohin werden Sie gehen, wenn Ihre jetzige Sendung vollendet ist?« – »Wieder nach Mexiko.« – »Gedenken Sie, sich lange in Deutschland aufzuhalten?« – »Ganz und gar nicht. Das Land ist mir zu schläfrig. Unsereiner ist an andere Dinge gewöhnt, als wie sie hier passieren.« – »So sagen Sie, wie lange Ihr Aufenthalt ungefähr dauern wird.« – »Hm. Ich habe ausgerichtet, was ich auszurichten hatte, ich bin also fertig und habe nur auf die Antwort zu warten, die ich dem Präsidenten und Sir Lindsay überbringen soll. Ich kann schon heute fort.« – »Wollen wir zusammen reisen?« – »Gern. Ich denke, daß ich Ihnen drüben nützlich sein kann. Aber, wann wollen Sie fort?« – »Es war für morgen festgesetzt; doch erlauben Sie mir eine Frage. Welcher Partei gehören Sie drüben an?« – »Ich halte zu Juarez.« – »Sind Ihnen die neuesten Ereignisse von dort bekannt?« – »Ganz genau. Ich befand mich ja stets in der nächsten Nähe und Umgebung des Präsidenten.« – »So sind Sie jedenfalls besser informiert als unsere Berichterstatter?« – »Das versteht sich.« – »Wenn nun einer der preußischen Minister ehrliche Auskunft von Ihnen verlangte, würden Sie ihm dieselbe gewähren?« – »Wenn er es ebenso ehrlich mit uns meint.« – »Zweifeln Sie daran?« – »Hm. In solchen Sachen muß man sehr vorsichtig sein. Preußen ist kein Freund von Frankreich. Wie aber steht es mit Österreich?« – »Wir haben es ja soeben geschlagen.« – »Das ist wahr. Ich denke also, daß Preußen sich aus dem guten Max von Mexiko nicht viel machen wird. Warum aber fragen Sie?« – »Weil ich einen Minister kenne, dem es wohl interessant sein würde, mit Ihnen über Mexiko zu reden.« – »Wie heißt er?« – »Bismarck.«

Geierschnabel machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Bismarck selbst, der Teufelskerl?« – Ja, er selbst.« – »Alle Wetter! Wenn ich den einmal sehen könnte!« – »Oder gar mit ihm sprechen! Wollen Sie?« – »Hm. Geht das denn mit ihm zu machen? Werden Sie das fertigbringen?« – »Jedenfalls.« – »Gut. Diesem Mann würde ich die aufrichtigste Auskunft geben. Aber ich denke, Sie müssen schon morgen abreisen?« – »Ich habe allerdings Ordre, bereits morgen aufzubrechen. Ich bekam nur diesen heutigen Tag geschenkt, um mich hier in Rheinswalden und Rodriganda zu verabschieden. Aber ich glaube es wagen zu können, Sie zu Bismarck zu bringen.« – »Wo steckt der Kerl denn jetzt?« – »In Berlin.« – »Gut, so müssen wir hin!« – »Sie willigen also ein?« – »Ja.« – »Ich danke Ihnen. Aber – hm.«

Bei diesen Worten warf Kurt einen bedeutungsvollen Blick auf die Kleidung des Präriejägers.

»Ihre äußere Erscheinung ist keineswegs zu einem derartigen Besuch passend.« – »So, so! Hm. Na, ich habe hier im Sack eine bessere. Einen echt mexikanischen Anzug.« – »Ah, den dürfen Sie auf keinen Fall anlegen, weil man nicht einen Mexikaner in Ihnen vermuten darf. Sie müssen inkognito bei Bismarck erscheinen.« – »Inkognito? Donnerwetter, klingt das vornehm! Wie aber soll ich das anfangen, he?« – »Sie legen einen gewöhnlichen Zivilanzug an. Ich werde Ihnen einen solchen gern besorgen.« – »Besorgen? Das soll heißen bezahlen?« – »Ja.« – »Damit bleiben Sie mir vom Leibe! Geierschnabel ist nicht der Kerl, der sich einen Anzug bezahlen läßt. Ein Kerl, der solche Kostbarkeiten über die See hinüberschleppt, der hat schon so viel Geld, daß er sich eine Jacke und Halsbinde selbst bezahlen kann!« – »Na, mein Lieber, ich wollte Sie nicht beleidigen.« – »Das wollte ich Ihnen auch nicht geraten haben! Also, wann reisen wir?« – »Heute abend mit dem letzten Zug.« – »Zusammen?« – »Natürlich.« – »Das paßt mir nicht, weil ich das nicht gewöhnt bin. Ich liebe es, nur auf mich selbst angewiesen zu sein. Geben Sie mir lieber einen Ort in Berlin an, wo wir uns treffen wollen.« – »Hm. Ich kann nicht in Sie dringen, und so sollen Sie Ihren Willen haben. Wir wollen uns also morgen mittags drei Uhr im Magdeburger Hof treffen. Die Straße, in der er liegt, heißt …«

Da fiel Geierschnabel ihm in die Rede:

»Halt! Papperlapapp! Es macht mir Spaß, mich selbst zurechtzufinden. Einer, der sich im Urwald nicht verläuft, wird wohl auch Ihren Magdeburger Hof zu treffen wissen!« – »Meinetwegen! Also abgemacht! Diese Herrschaften werden Sie jetzt nach vielem noch zu fragen haben; ich aber habe meine Vorbereitungen zu treffen und suche darum mein Zimmer auf!«

22. Kapitel.

Kurt ging. Aber noch befand er sich kaum fünf Minuten in dem Zimmer, das hier stets für ihn reserviert war, so klopfte es leise, die Tür öffnete sich, und Waldröschen steckte ihr schönes Köpfchen herein.

»Darf ich eintreten, lieber Kurt?« fragte sie. – »Ja, liebe Rosita«, antwortete er.

Da zog sie die Tür hinter sich zu, näherte sich ihm und sagte: »Weißt du, daß ich recht sehr besorgt um dich bin?« – »Warum wohl, Röschen?« – »Ich denke, nun wirst auch du nicht wiederkommen.« – »Und ich denke gerade das Gegenteil.«

Seine heitere, zuversichtliche Miene bestätigte diese Ansicht allerdings.

»Ist die Aufgabe, die du da drüben zu lösen hast, gefährlich?« – »Nein, ganz und gar nicht.« – »Aber du wirst dich in Gefahr begeben, um Papa und die anderen ausfindig zu machen und zu befreien.« – »Das steht bei Gott, meine liebe Rosita. Noch weiß ich ja nicht, was ich in dieser Angelegenheit zu tun haben werde!«

Rosita blickte Kurt mit liebevoller Besorgnis in die Augen und sagte:

»Oh, das wird noch viel gefährlicher sein als damals das Doppelduell.« – »Damals hattest du doch keine Angst!« – »Ja, damals kannte ich die Gefahr und wußte, daß du ihr gewachsen seiest, jetzt aber ist sie mir unbekannt.« – »Ich weiß ein Mittel, das mir helfen würde, alle Gefahren siegreich zu bestehen, liebes Röschen.« – »Welches ist es?«

Da beugte er sich zu ihr herab und fragte leise:

»Weißt du, was ich bei jenem Duell auf der Brust trug?«

Sie errötete ein wenig, zögerte aber nicht mit der Antwort: »Meine Schleife.« – »Die du dir wieder einlöstest.«

Ein liebliches, verschämtes Lächeln überflog ihr Gesichtchen, und dann antwortete sie:

»Ja, aber ich gab sie dir zurück, und dafür zwangst du mich, auch den Preis zurückzunehmen.« – »Das war wohl sehr bös von mir?« – »Sehr, sehr bös!« – »Dann bin ich ja ganz außerordentlich undankbar, denn die Schleife war ja mein Talisman gewesen und hatte mich im Kampf beschützt. Weißt du nun vielleicht, was ich meinte, als ich vorhin von dem Mittel sprach?«

Sie nickte und sagte:

»Wohl abermals einen Talisman?« – »Ja, mein liebes Röschen.« – »Von wem erwartest du denn einen solchen? Gewiß von deinem Paten, dem Oberförster?« – »O weh! Nein, sondern von dir!« – »Von mir? Ah, was könnte das denn sein?« – »Nun, abermals eine Schleife oder so etwas.« – »Du sollst es haben, lieber Kurt. Geht etwa ein Handschuh an?« – »Ja, aber du mußt ihn bereits getragen haben.« – »Das versteht sich. Ich werde jetzt gehen und dir einen Talisman suchen, den du mitnehmen sollst. Aber eigentlich kam ich aus einem ganz anderen Grund zu dir.« – »Darf ich ihn erfahren?« – »Ja, ich sage ihn dir, obgleich es vielleicht nicht ganz in der Ordnung ist. Glaubst du, daß du mir meinen lieben Papa wiederbringen wirst?« – »Ich hoffe es. Gott wird mir helfen.« – »Ich werde recht innig zu ihm beten. Und du, du sollst einen Lohn haben, obgleich ich nicht weiß, ob er dir auch recht sein wird.« – »Welchen meinst du?« – »Sage mir erst einmal, ob du irgendeine Dame lieb hast!« – »Ja, ich habe eine lieb!«

Ihr Gesichtchen wurde um einen Schatten bleicher.

»Sehr lieb?« fragte sie. – »Ja, sehr lieb.« – »So lieb, wie du dich selbst hast?« – »Oh, noch viel, viel lieber! Lieber noch als mein Leben!«

Sie war noch bleicher geworden.

»Du meinst, so lieb, wie man – wie man seine – seine Braut haben muß?« fragte sie stockend. – »Ja, so unendlich lieb!«

Da beugte sie schwer das Köpfchen nieder, ihr Busen hob und senkte sich ängstlich, und ihre Stimme zitterte, als sie erwartungsvoll fragte:

»Darf ich wissen, wer diese Dame ist?«

Er ergriff ihre beiden Hände und antwortete:

»Du, du selbst bist es, meine süße Rosita!«

Jetzt kehrte die Röte wieder auf ihre Wangen zurück, ihre Augen leuchteten auf, und im Ton des Glückes fragte sie:

»Ist das auch wahr, lieber Kurt?«

Er zog langsam und innig ihr Köpfchen an seine Brust und erwiderte:

»Könntest du daran zweifeln? Rosita, meine herrliche Rosita, du bist es, der jeder Tag meines Lebens gehört hat und noch gehören wird; du bist es, an die sich jeder Gedanke und jeder Pulsschlag meines Herzens richtet. Ohne dich mag ich nicht auf der Erde sein, ohne dich gibt es für mich kein Leben, und du fragst, ob es wahr sei, daß ich dich liebe!«

Da legte sie ihre beiden Arme um ihn und antwortete:

»Ich glaube es dir, lieber Kurt. Und nun will ich dir auch den Preis sagen, den ich darauf setze, daß du meinen Papa bringst.« – »Sage ihn, mein Röschen.« – »Wenn du Papa nach Rodriganda bringst, so sage ich ihm, daß ich dich gerade so lieb habe, wie du mich, und daß …«

Rosa stockte. Er wartete ein kleines Weilchen und fragte dann:

»Nun, und daß …? Bitte, bitte, fahre fort!« – »Und daß ich nur dann glücklich sein werde, wenn – wenn …« – »Wenn? O sprich mein süßes Waldröschen.« – »Wenn ich nie im Leben von dir getrennt werde.« – »Röschen! Rosita!« jubelte er auf.

Sie lächelte ihm selig in das Angesicht und fragte:

»Nicht wahr, das ist ganz gegen Herkommen und Form, daß ich als Dame so zu dir spreche?« – »Ja, aber es macht mich zum glücklichsten Menschen, obgleich ich auf diese Seligkeit – verzichten muß.«

Seine Stimme war bei den letzten Worten tief herabgesunken.

»Verzichten; warum?« – »Dein Papa ist ein Herzog von Olsunna.« – »Aber auch der Sohn einer Erzieherin; er wird unsere Liebe nur als Doktor Sternau beurteilen.« – »Und deine Mama ist eine Gräfin de Rodriganda.« – »Jetzt nur die Frau eines Arztes. Ich weiß, daß Mama nicht daran denkt, mich unglücklich zu machen.« – »Weißt du das gewiß?« – »Ja.« – »Woher?« – »Denke dir, dein Waldröschen hat einmal die Lauscherin gemacht.« – »Wirklich; wen hast du denn da belauscht?« – »Mama und den Hauptmann. Sie sprachen von uns. Sie befanden sich auf der Veranda, und ich stand auf dem Balkon über ihnen, ohne daß sie es wußten. Ich konnte jedes Wort verstehen.« – »Da machst du mich allerdings höchst wißbegierig, liebe Rosita. Was sagten sie denn? Bitte, bitte, ich darf es doch hören!« – »Der Hauptmann warnte meine Mutter, du seiest mir sehr gut, noch viel mehr, als für einen Freund und Gespielen nötig sei.« – »Was antwortete da deine Mama?« – »Sie fragte ihn, ob er bemerkt habe, wie ich mich zu deiner Liebe verhalte.« – »Und was sagte da der alte Graubart?« – »Er meinte, das Waldröschen werde sich gar wohl hüten, einem Leutnant Hoffnungen zu machen. Leider habe ich sie dir bereits gemacht.« – »Du mir?« fragte er. »Wann wäre das gewesen?« – »Damals, als du deinen Schatz in Mainz erhalten hattest.« – »Ah, die mexikanischen Kostbarkeiten?« – »Ja. Weißt du noch, was du damals mit dem Hauptmann gesprochen hast?« – »Ich weiß es noch. Er fragte, was ich mit den Sachen machen werde, ich sagte ihm, daß ich sie dir schenken wolle.« – »Und was antwortete er da?« – »Ich solle mir keine Rosinen einbilden.« – »Aber dann abends in Berlin, als du das erzählt hattest, was tat ich da? Weißt du es noch, lieber Kurt?« – »Ja, du kamst zu mir und sagtest, ich sei schon der Mann, dem Waldröschen etwas zu schenken. Ich solle die Sachen nur aufheben.« – »Nun, war das nicht eine Hoffnung, die ich dir machte?« – Ja, das war eine, und zwar eine unendlich reiche und große. Aber da du Mama und den Hauptmann belauscht hast, so mußt du wohl auch gehört haben, was die erstere dem letzteren antwortete.« – »Das möchtest du wohl gern hören?« fragte sie lächelnd. – »Ja, denn es ist die Hauptsache.« – »Nun, sie sagte, sie stelle es dem guten Gott anheim, dieser wisse am besten, was ihrem Waldröschen zum wahren Frieden diene.«

Da legte Kurt die beiden Hände zusammen, als ob er beten wolle und sagte:

»Das sagte sie wirklich? Gewiß und wahrhaftig?« – »Ja, lieber Kurt. Es war mir, als ob ich Mama um Millionen Male lieber haben müsse als vorher, wenn dies überhaupt möglich wäre. Ich habe vor Freude geweint, lange, lange Zeit.« – »Gott segne deine Mama viele tausend, tausend Mal.« – »Ja, ja, das möge er tun, sie ist es wert. Nun aber will ich eilen, dir einen Talisman auszusuchen.«

Rosita schickte sich an, sich zu entfernen, Kurt aber hielt sie zurück.

»Rosita«, sagte er, »glaubst du wirklich, daß ich dich so ohne Kuß von mir lasse?«

Sie lächelte ihn schelmisch an und fragte:

»Ist ein Kuß denn so notwendig?«

Kurt machte ein höchst ernsthaftes Gesicht und antwortete zuversichtlich:

»Ganz außerordentlich notwendig! Das Gesetzbuch der Liebe schreibt es vor!« – »Das ist unmöglich!« – »Unmöglich? O nein! Steht nicht bei jedem unserer zehn Gebote: ›Wir sollen Gott fürchten und lieben‹? Und beginnt nicht eine jede Sure des Korans mit den Worten: ›Im Namen des allbarmherzigen Gottes‹? So steht auch im Gesetzbuch der Liebe über jedem Paragraphen: ›Im Namen Eures Glückes! Ihr sollt Euch bei jeder Gelegenheit einen Kuß geben‹!« – Jim, als ob das Küssen etwas so Schönes wäre.« – »Meinst du das Gegenteil, Röschen?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weißt du noch damals, als die Rede von der alten Tante war?« – »Ah, mit der großen Nase und den Warzen darauf!« – »Du sagtest selbst, daß man solche Tanten nicht gern küsse.« – »Aber du bist ja keine solche alte, häßliche Tante.« – »Oh, ich werde vielleicht einmal eine.« – »Aber sicher keine häßliche. Und jetzt bist du sie noch gar nicht.« – »Du meinst also, daß …«

Rosita hielt inne, als ob sie bereits zu viel gesagt hätte.

»Daß man dir schon einen Kuß geben darf?« antwortete er. – »Ja.« – »Das ist allerdings meine Ansicht.« – »Hm. Wir wollen dennoch tun, als ob ich eine alte Tante sei.« – »O weh! Da soll ich wohl auf den Kuß verzichten?« – »Ja, außer du denkst einmal, daß du ein alter Onkel seist.«

Da stieß er ein herzliches Lachen aus und meinte:

»Onkel und Tante dürfen sich dann küssen?« – »Natürlich! Aber fein sittsam und dezent, wie ein paar Alte aus der Zeit des Großen Kurfürsten.« – »Nun, ich weiß zwar nicht, wie man sich damals geküßt hat, aber vielleicht läßt es sich bei einiger Übung lernen.«

Kurt zog das schöne Mädchen an sich, hob dessen Köpfchen in die Höhe und legte seinen Mund auf die roten Lippen. Er küßte Röschen wieder und immer wieder und bemerkte vor Glück gar nicht, daß die Tür geöffnet wurde, bis die Stimme des alten Hauptmanns erschallte:

»Kreuzmillionenschockhagelwetter! Was habt ihr euch denn da an den Mäulern herumzubeißen und herumzuknaupeln!«

Sie fuhren erschrocken auseinander. Der Alte trat ein und machte die Tür vorsichtig hinter sich zu.

»Habe ich euch endlich einmal erwischt, ihr Schwerenöter?« rief er grimmig. »Kerl, weißt du nicht, daß das eine Prinzessin von Olsunna und Rodriganda ist?« – »Ja, das weiß ich«, antwortete Kurt ruhig. – »Und du, was bist denn du, he?« – »Ein Offizier und Ehrenmann.« – »Das ist auch etwas Rechtes.« – »Herr Hauptmann!«

Kurt war einen Schritt zurückgetreten und hatte das Wort mit beinahe donnernder Stimme ausgesprochen.

»Was beliebt?« fragte der Alte verwundert. – »Ich lasse mich in Gegenwart dieser Dame nicht beleidigen.«

Seine Augen funkelten, und an dem Ton seiner Stimme ließ sich erkennen, daß es ihm sehr ernst mit seinen Worten war. Der Alte wurde schüchtern. Er schnalzte mit den Fingern und sagte:

»Nicht beleidigen? Schön. Da schnäbelt nur zu. Ihr werdet wohl sehen, wie lange das geduldet wird. Ich kam nur, um dir zu sagen, daß der Amerikaner aufbrechen wird.« – »Nach Berlin bereits?« – »Erst zu mir. Ich habe sein Gewehr noch. Ein verdammt dummer Schießknüppel. Der Kerl selbst aber hat Haare auf den Zähnen.« – »Da wird es wohl nichts aus dem Zuchthaus?« – »Eigentlich sollte ich ihn einstecken; aber der Kerl ist mir zu grob. Ich liebe die Höflichkeit und bin feinere Umgangsformen gewöhnt, da mag ich lieber mit ihm nichts zu tun haben. Waldröschen, gehst du mit hinab?« – »Ja«, antwortete sie. »Adieu, lieber Kurt!« – »Adieu, liebe Rosita!«

Sie ging mit dem Alten. An der Treppe blieb er stehen und sagte:

»Lieber Kurt und liebe Rosita! Kreuzbataillon! Das klingt ja, als wäre ich unter lauter Tauben und Täuberiche geraten. Denkst du denn, daß dieser Täuberich für dich paßt?«

Sie errötete, antwortete aber herzhaft:

»Ja, lieber Pate.« – »Und du für ihn?« – »Ja.« – »Da schlage das Wetter drein! Der Junge ist mir lieb, ich halte große Stücke auf ihn, aber er ist nur ein Bauers- und Schifferssohn. Du aber bist …« – »Seine Braut!« – »Sein Gänschen. Weiter nichts«, meinte der zornig. »Weiß denn die Mama davon?« – »Nein.« – »Ja, da hat man die Bescherung! Der Teufel soll mich holen, wenn …« Röschen faßte den Hauptmann rasch am Arm und unterbrach ihn:

»Ach, lieber Pate, ich denke, Sie sind feinere Umgangsformen gewöhnt.« – »Ja«, antwortete er verblüfft. »Bin ich dir etwa nicht fein genug?« – »Jim. Ich will nicht übermäßig klagen.« – »Das will ich dir auch geraten haben. Ja, ja, der Kurt scheint allerdings feinere Umgangsformen zu haben als ich.« – »Das ist wahr, Pate.« – »Bomben und Granaten! Wenn das zu der Feinheit gehört, so kann ich dich auch schmatzen, bis mein Schnurrwichs dir am Mäulchen hängenbleibt.«

Sie lachte goldig auf und antwortete:

»Ich habe dir niemals einen Patenkuß verwehrt« – »Das ist wahr. Aber jetzt muß ich danken. Ich drücke meine Petschaft nicht dahin, wo der Junge bereits gesiegelt und gestempelt hat Mädel, du wirfst dich ganz gewaltig weg. Dieser Kurt wird zwar Karriere machen, aber ich hatte einen ganz anderen für dich in petto.« – »Wen?« – »Nun, rate einmal.« – »Sage es lieber.« – »Na, einen großherzoglichen Prinzen. Für solch einen Topf wärst du die allerrichtigste Zwiebelstaude!« – »Ich muß danken. Adieu, Pate.« – »Adieu? Warum? Ich gehe ja mit!« – »Nein, nein! Deine Umgangsformen werden so sein, daß man die Feinheit gar nicht mehr bemerkt.«

Damit huschte sie an ihm vorüber und zur Treppe hinab.

»Wetterhexe«, brummte er. »Was soll daraus werden. Haben sich die beiden da gepackt und umklammert. Und sie wetzt ihr Näschen an seinem Schnurrbart. Wenn sie das so gern hat, so will ich ihr meinetwegen meinen Rasierpinsel dazu borgen, aber den Jungen soll sie sich aus dem Kopf schlagen. Für den habe ich ja bereits eine Frau!«

23. Kapitel.

Einige Stunden später schlenderte Geierschnabel langsam durch die Gassen von Mainz und betrachtete die Ladenschilder mit neugierigen Blicken. Endlich blieb er vor einem Haus stehen.

»Kleiderladen von Levi Hirsch«, brummte er. »Ich trete ein!«

Sobald er die Tür öffnete, wurde er von einem Sohn Israels mit forschenden Blicken empfangen. Sein Äußeres versprach nicht viel.

»Was wünscht der Herr?« fragte der Jude. – »Einen Anzug.« – »Einen Anzug? Einen ganzen? Auwei!« – »Natürlich einen ganzen!« meinte der Jäger. »Zerrissen darf er nicht sein.« – »Zerrissen? Gott Abrahams! Soll ich haben zerrissene Kleider für die Herrschaften, die kommen, um zu kaufen schöne Sachen bei Levi Hirsch, der ist der größte Marschang tällör von Mainz! Was ist der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an.« – »Ist der Herr von hier?« – »Nein.« – »So wird der Herr doch nicht etwa kommen, zu nehmen die Sachen auf Kredit, was man heißt Pump?« – »Ich bezahle gleich!«

Der Jude betrachtete Geierschnabel jetzt aufmerksamer vom Kopf bis zum Fuß herab, als es vorher geschehen war, und sagte:

»Das ist für meine Ohren zu hören lieblich und schön. Also hat der Herr bei sich Geld genug, um zu bezahlen einen kompletten Anzug, der besteht aus Rock, Hose und einer feinen Weste?« – »Für jetzt hat Er sich den Teufel um meinen Beutel zu kümmern, versteht er mich!« – »Gott der Gerechte! Darf ich doch fragen, um zu gehen sicher, wenn es sich darum handelt, zu machen ein Geschäft!« – »Sichergehen? Donnerwetter, hält Er mich etwa für einen Lump?«

Der Jude streckte als Abwehr alle zehn Finger gespreizt empor, fuhr einen Schritt zurück und rief:

»Was sagt der Herr? Wie könnte ich denken das Wort, das er hat ausgesprochen zu klingen wie ein Lump. Aber der Her mag doch werfen einen gütigen Blick auf sich selber. Trägt er doch im Winter Kleider, die sind sogar für den Sommer zu kalt und die getragen werden nur von sehr gewöhnlichen Leuten.« – »Pchtichchchchch!« fuhr ihm ein Strahl des Tabaksaftes gerade in das Gesicht. Er fuhr sich erschrocken mit beiden Händen an die Wange und rief: »Gott Abrahams! Was tut der Herr! Spuckt er an das Gesicht eines ehrlichen Mannes. Kann er nicht spucken dahin, wo keine Gesichter sind und wo nicht gerade steht ein Mann, der nicht liebt zu werden getroffen von der Brühe des gekauten Tabaks?« – »Pah! Wer nicht angespuckt sein will, der mag sich vorher seine Worte überlegen, ehe er spricht. Ich habe keine Zeit, lange Einleitungen zu machen. Wische Er sich also ab und sage Er mir, ob Er mir einen Anzug zeigen will oder nicht.«

Der Sohn Israels fuhr mit dem Schoß seines Rockes über das Gesicht und antwortete:

»Natürlich will ich zeigen einen Anzug; aber der Herr mag mir doch sagen, was er wünscht für einen zu sehen!«

»Hm!« meinte Geierschnabel nachdenklich. »Ich brauche einen, in dem man mich nicht erkennt.« – »So will der Herr sich verkleiden?« – »Ja. Man soll nicht merken, woher ich komme.« – »So muß ich wissen, woher kommt der Herr?« – »Das geht Ihm nichts an. Es möge Ihm genügen, daß ich die Absicht habe, zu reisen so, was man inkognito nennt.« – »Inkognito? Dann muß ich wenigstens wissen, wohin oder zu wem der Herr gehen will inkognito.« – »Hm! Ich will – ja, ja, ich muß zu einem Minister.«

Der Jude blickte ihn zweifelhaft an, sagte aber doch: »Zu einem Minister? Da wird der Herr nicht tragen einen Rock.« – »Was sonst? Soll ich in Hemdsärmeln gehen?« – »Nein. Wenn man geht zu einem Minister, so darf man erscheinen nur im Frack, weil dieses ist die Kleidung der Etikette und Höflichkeit.« – »Schön. Zeige Er mir einen Frack.« – »Werde ich vorlegen einen Frack, wie ihn getragen hat der große Metternich zur Zeit des Kongresses, der gehalten wurde in der Hauptstadt Wien gegen den französischen Kaiser Napoleon.« – »Wer war Metternich?« – »Ein Minister und Fürst, mächtig wie ein Kaiser und reich wie der große Mogul, der zweimal größer ist als ein Elefant.«

Das schmeichelte dem Trapper.

»Gut, gebe Er den Frack her!«

Der Händler holte aus dem verborgensten Winkel seines Gewölbes das Kleidungsstück. Es hatte eine braunrote Farbe und war mit Puffen, Patten und tellergroßen Knöpfen versehen. Geierschnabel sah es an und fragte:

»Was kostet dieser Ministerfrack?« – »Kann ich ihn unmöglich geben unter zwölf Talern zehn Silbergroschen.«

Der Jäger war die amerikanischen Preise gewöhnt.

»Das ist billig«, sagte er. »Hier sind dreizehn Taler!«

Er griff in seinen Leinwandsack und zog einen großen Beutel heraus, aus dem er dem Juden dreizehn blanke Taler vorzählte. Der Händler war außerordentlich überrascht von dieser Kulanz. Er sagte:

»Der Herr hat erhalten diesen Ministerrock um vier Taler zu billig, aber habe ich verlangt so wenig, weil der Herr will nehmen noch mehr, um zu komplettieren den ganzen Anzug. Darf ich bringen eine Weste?« – »Natürlich. Aber auch sie muß mich inkognito machen.« – »Da muß ich vorher fragen, als was der Herr erscheinen will.« – »Als was? Hm! Verdammt! Daran habe ich gar nicht gedacht. Als was kann man denn erscheinen, wenn man inkognito reist?« – »Als vielerlei. Zum Beispiel als Kandidat und Geistlicher?« – »Nein, die sind mir zu fromm.« – »Als Müller oder Bäcker?« – »Die sind mir zu mehlig.« – »Als Gerber oder Schuster?« – »Die sind mir zu ledern.« – »So mag der Herr nicht als Handwerker, sondern als Beamter gehen.« – »Gut! Was für Beamte gibt es?« – »Kreisamtmänner und Chausseegeldeinnehmer?« – »Paßt mir nicht.« – »Finanzräte und Weichensteller?« – »Auch nicht.« – »Bankdirektoren und Nachtwächter?« – »Auch nicht.« – »Hm. Will der Herr nicht lieber gehen als Künstler?« – »Künstler? Donnerwetter, ja! Dazu passe ich. Dazu bin ich wie geschaffen. Aber wie viele Sorten von Künstlern gibt es?« – Erst kommen die Dichter.« – »Danke. Die hungern zu viel.« – »Die Weber.« – »Die schmieren und klopfen zu viel.« – »Die Bildhauer.« – »Die hämmern zu viel.« – »Die Architekten.« – »Danke. Die stehen in einem schlechten Geruch. Ihre Häuser halten nur von heute bis morgen.« – »Die Komponisten und Musikusse.« – »Hm! Das wäre nicht übel. Komponist und Musikus? Das gefällt mir eher. Was für eine Weste müßte ich da haben?« – »Werde ich geben dem Herrn eine grüne Weste mit soviel blauen Blumen, daß man ihn soll halten für eine Wiese mit lauter Vergißnichtmein.« – »Donnerwetter, ja, diese Weste muß ich haben!«

Sie war dreißig Jahre alt und wurde mit vier Talern bezahlt.

»Und die Hosen?« fragte der Jude. »Was soll ich bringen für welche?« – »Sie müssen auch inkognito sein.« – »So werde ich bringen schwarzgraue Hosen, wie sie Mode gewesen sind bei Sebastian Bach, der gewaltig geschlagen hat alle Orgeln und dazu komponiert viele Tragkörbe voll Noten.« – »War er berühmt?« – »So berühmt, daß man ihn nach zehntausend Jahren noch kennen wird.« – »So bringe er die Hosen her.«

Es waren alte, abgetragene Lederhosen, die jedenfalls aus einem Dorf der Umgegend von Mainz stammten. Geierschnabel machte ein ganz undefinierbares Gesicht, als er sie erblickte, bezahlte aber sofort die drei Taler, die dafür verlangt wurden.

»Und nun die Stiefeln. Was soll ich für welche bringen?« fragte der glückliche Handelsmann. – »Inkognito! Man darf mich nicht kennen.« – »So werde ich vorschlagen Schuhe, ein paar Tanzschuhe, so fein und leicht, daß man springt in die Luft, sobald man sie angezogen hat. Solche Schuhe muß tragen ein Herr, der ist Komponist und Musikus.« – »Her damit!«

Sie wurden gebracht und sofort bezahlt.

»Will der Herr bedecken auch seinen Kopf?« fragte der Jude. – »Natürlich, aber auch inkognito.« – »So werde ich ihm geben einen Hut, so hoch und breit, wie ihn getragen hat Orpheus, ehe er stieg in den Orkus hinab.« – »Wer war dieser Orpheus?« – »Ein großer Komponist und Musikus, der erfunden hat die Ziehharmonika und das Klavier mit doppelten Seiten.« – »War er berühmt?« – »Außerordentlich. Wenn er hat gespielt die Ziehharmonika und dazu geklimpert das Klavier, sind die Steine geworden lebendig.« – »Gut. Der Hut wird gekauft.«

Der Hut war fürchterlich. Die Krempe hatte drei Fuß im Durchmesser, und der Kopf war dementsprechend hoch.

»Der Herr trägt doch auch Handschuhe?« – »Freilich. Aber man darf ihnen nicht ansehen, woher ich bin.« – »So werde ich geben weiße Handschuhe, so zart wie Spinnwebe, damit keiner kann drücken die Fingernägel entzwei.«

Der Jude brachte weiße Leichenhandschuhe, für die der Amerikaner den sechsfachen Preis bezahlte. Der letztere glaubte, nun alles beisammen zu haben, aber er irrte sich sehr, denn der Jude forschte noch in seinem Laden herum und fragte:

»Wenn der Herr will gehen als Musikus, muß er da nicht auch haben Noten, um zu zeigen, daß er ist ein großer Komponist?« – »Donnerwetter, ja, Noten, die hätte ich am Ende fast vergessen. Hat Er welche hier?« – »Warum sollte ich nicht haben Noten? Hat doch mein Töchterlein gezogen an der Gitarre und gegriffen an das Flageolett! Dort liegen sie bei den Zeitungen. Will der Herr geben einen Taler?« – Ja. Her damit!«

Der Händler brachte Gitarrennoten und eine Übungsschule für das Flageolett. Dann meinte er nachdenklich:

»Aber wenn man ist ein Komponist, so muß man auch haben ein Instrument, um zu blasen hinein oder zu streichen hinauf und herab.« – »Das ist wahr. Hat Er denn auch Instrumente?« – »Natürlich werde ich haben Instrumente! Habe ich doch eingelöst eine Violinenbratsche mit zwei Saiten und eine Posaune, worauf sind gestürzt drei Mauern von Jericho.« – »Bringe Er sie her!« – »Was? Die Bratsche oder die Posaune?« – »Die Posaune ist mir lieber.« – »Hier ist sie.«

Der Jude zog das Instrument unter einem Haufen alten Eisens heraus.

»Alle Teufel!« meinte der Jäger. »Die hat aber Narben!« – »Kann es sein anders? Habe ich nicht gesagt, daß darauf gefallen sind drei Mauern von Jericho?« – »Hm! Wenn's so ist! Aber hier gibt es auch zwei Löcher!« – »Sind dem Herrn diese Löcher etwa unbequem?« – »Nein. Aber sie gehören doch wohl nicht hinein!« – »Warum soll man sein unzufrieden mit die Löcher, da sie doch sind vorteilhaft für die Musik und die Atmosphäre und die Lunge!« – »Inwiefern?« – »Man braucht nicht zu blasen die Luft bis ganz hinten hinaus, da sie kommt bereits zu den Löchern heraus.« – »Sapperlot! Das ist vorteilhaft! Was kostet die Posaune?« – »Hat sie mich gekostet zehn Taler, so gebe ich sie um acht.« – »Gut, hier ist das Geld! Oder kann ich nicht lieber mit Banknoten bezahlen? Ich brauche das Silbergeld später.«

Geierschnabel griff in den Sack und zog eine Anzahl Zehntalerscheine hervor, wovon er einen auf den Tisch legte; die anderen steckte er in seine Hosentasche. Der Händler folgte dieser Bewegung mit Begierde. Welch eine Unvorsichtigkeit, zwanzig und noch mehr Zehntalerscheine so in die Taschen zu stecken.

»Ich bekomme zwei Taler heraus«, meinte Geierschnabel. »Gebe Er mir dafür eine Brille.« – »Was für eine wünscht der Herr?« – »Eine, durch die man hindurchsehen kann.« – »Soll ich geben Brille, Lorgnon oder Monokel?« – »Eine, die zum Inkognito paßt.« – »So werde ich geben eine antiquarische Quetsche von der Nase des Meisters Gluck, der hat komponiert viele Stücke für das Theater, wo die Welt ist mit Brettern verschlagen.« – »Gluck? War er berühmt?« – »Ungeheuer. Hier ist seine Brille. Kostet mich vier Taler, will ich sie aber geben um zwei, weil der Herr hat gekauft einen ganzen Anzug.« – »Schön! Ich werde ihn gleich anlegen. Gibt es hier einen Raum, wo man sich aus- und anziehen kann?« – »Eben dieses Geschäft ist der Raum, in dem die Kunden werden an- und ausgezogen. Der Herr mag treten in die Ecke, und ich werde zu helfen bereit sein.« – »Hätte er nicht Lust, mir diesen alten Anzug abzukaufen?« – »Auwei! Was soll man geben für solche Sachen! Ich werde ihn ansehen und dann bieten, soviel wie ich kann.«

Trotz seines Weherufes hatten seine Augen freudig aufgeleuchtet Er verwandte kein Auge mehr von Geierschnabel, der begann, die Kleider zu wechseln. Der Jude wußte, daß die Zehntalerscheine in der Tasche steckten, und wollte sich überzeugen, ob dieselben herausgenommen würden.

Als Geierschnabel den gekauften Anzug angelegt hatte, schob er den alten mit dem Fuß von sich und fragte:

»Nun, wie steht es? Kauft Er ihn?«

Der Jude hatte ganz genau aufgepaßt, er wußte, daß die Scheine nicht angerührt worden waren.

»Ich werde ansehen die Sachen«, sagte er.

Er nahm die Hosen zur Hand, griff unbemerkt, wie er dachte, von außen an die Tasche, und fühlte ganz deutlich, daß die kostbaren Papiere unter seinem Druck knitterten. Sie waren mehr als zweihundert Taler wert.

Seine Hände begannen zu zittern. Die Habsucht packte ihn.

»Was soll ich geben für dieses Zeug, das kaufen wird kein Mensch?« sagte er. »Es ist nichts wert.« – »Was bietet er?« fragte Geierschnabel kurz. – »Ich gebe für die ganze Geschichte gerade einen Taler.« – »Wo denkt Er hin! Her damit! Ich packe sie in meinen Sack.«

Da trat der Händler schnell zurück und sagte:

»Werde ich geben zwei Taler.« – »Fällt mir nicht ein«, meinte Geierschnabel, der zum Gehen fertig war und die Hand nach den Sachen ausstreckte. – »Drei Taler«, meinte der Händler. – »Unsinn.« – »Vier Taler.« – »Nein!« – »Fünf Taler.«

Der Jude bebte vor Angst, als ob ihn ein Fieber ergriffen hätte.

»Nein. Der Anzug ist mir nicht um vierzig Taler feil.« – »Vierzig!« rief der Händler, indem er die Augen fast ebensoweit aufriß wie den Mund. »Wie ist das möglich!« – »Das Zeug zu diesen Sachen ist von Faultierhaaren gesponnen.« – »Wozu?« – »Wer solche Wolle trägt, bekommt nie ein Fieber. Ich lasse diese Sachen einspinnen, wenn ich zu wenig bekomme.« – »Faultierwolle? Vierzig Taler! Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, warum ist es gerade Wolle vom Faultier! Ich werde geben zehn Taler, aber keinen Pfennig mehr.« – »Vierzig und keinen weniger.« – »Zwölf!« – »Vierzig! Her damit! Ich habe keine Zeit!«

Der Jude tat einen Sprung rückwärts. Er durfte sich das Papiergeld nicht entgehen lassen.

»Zwanzig Taler!« rief er vor lauter Angst. – »Vierzig! Ich sage es zum letzten Male. Ich muß mit dem Zug fort und habe keine Minute Zeit zu verlieren.«

»Mit dem Zug fort?« dachte der Jude. Da ging der Mann ja fort, ohne wiederzukommen oder wiederkommen zu können. Das steigerte den Wert des Papiergeldes.

»Ist es wirklich Wolle vom Faultier?« frage er hastig. – »Ja.« – »So gebe ich fünfundzwanzig.« – »Vierzig!« – »Sechsundzwanzig!« – »Ich gebe Ihm noch eine Minute Bedenkzeit, dann aber gehe ich mit meinen Sachen ganz sicher fort!«

Der Jude tat noch einen konvulsivischen Griff nach der Taschengegend.

»Dreißig Taler!« bot er – »Vierzig!« – »Herr Zebaoth! Vierzig Taler für solche Lumpen!« – »Was Lumpen? Wer zwingt Ihn, sie zu kaufen? Her damit!«

Geierschnabel faßte die Hosen an und zog sie hin. Der Händler ließ sie nicht los und zog her, indem er in höchster Bedrängnis rief:

»Zweiunddreißig.« – »Vierzig!« – »Fünfunddreißig.« – »Vierzig!« – »Ich kann nicht. Es ist unmöglich!« rief der Jude.

Es griff ihn am meisten an, daß es ihm nicht gelingen wollte, auch nur einen einzigen Taler abzuhandeln.

»So gebe er endlich her.«

Mit diesen Worten machte der Amerikaner eine kräftige Anstrengung, die Kleider wieder in seine Gewalt zu bekommen, aber der Jude ließ nicht los, sondern rief:

»Sechsunddreißig!« – »Vierzig.« – »Achtunddreißig!« – »Vierzig! Her mit den Sachen!« – »Gott Abrahams! Es sind nicht des Herrn Sachen, sondern es sind die meinigen, denn ich werde geben die vierzig Taler.«

Der Sprecher schwitzte im Gesicht.

»Gut. Her damit!« meinte Geierschnabel.

Der Jude griff zu seiner Sicherheit noch einmal nach den Papieren, wickelte die Kleidungsstöcke dann zusammen, legte sie fort und griff zum Geld. Bei jedem harten, blanken Taler, den er aufzählte, sah man ihm an, wie schwer es ihm wurde, die Summe aufzuzählen. Und dennoch beeilte er sich, den Fremden loszuwerden, damit diesem nicht noch einfallen möge, wo er sein Papiergeld gelassen habe.

»So, das sind vierzig Taler«, sagte er endlich. »Ein Heidengeld für solche Lumpen. Wir sind fertig. Der Herr kann gehen.«

Geierschnabel lachte ihm ins Gesicht und antwortete:

»Ja, wir sind fertig, ich kann gehen. Er hat mir ganz gehörige Preise angesetzt, aber ich habe nichts abgehandelt, weil das ein Gentleman nicht tut. Demnach sind wir quitt. Adieu.« – »Adieu, der Herr.«

Kaum war Geierschnabel zur Tür hinaus, so öffnete sich die Tür eines hinter dem Gewölbe liegenden, kleinen Raumes. Dort war das Wohnzimmer des Juden. Seine Frau trat ein.

»Levileben!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Was hast du gemacht Eine große, grausame Dummheit!«

Er verschloß den Laden von innen, damit der soeben Fortgegangene nicht wieder eintreten könne, blickte seiner Frau überlegen in das runzelige Gesicht und antwortete:

»Was soll ich gemacht haben? Eine Dummheit?« – »Ja, eine grausame und große.« – »Inwiefern Sarahleben.« – »Haste gegeben doch für diese Lumpen vierzig Taler. Bist doch wohl verrückt gewesen in deinem Kopf.« – »Nein, bin ich sehr klug gewesen in dem Kopf, der ist der meinige. Habe ich soeben gemacht ein sehr gutes Geschäftchen.«

Das Gesicht der Frau erheiterte sich, indem sie sagte:

»Habe ich gehört jedes Wort eures Handels. Wer war der Mann?« – »Weiß ich es? Habe ich ihn gefragt? Ein Dummkopf war es. Kauft mir ab die schlechtesten Sachen um einen wahnsinnigen Preis.« – »Und du kaufst diese Lumpen, die nicht wert sind zehn Silbergroschen, für einen noch wahnsinnigeren Preis.« – »Frau, was verstehst du davon?« – »Haste nicht gegeben vierzig Taler?« – »Ja. Aber diese Lumpen sind wert viermal so viel.« – »Wohl, weil sie sind aus Faultierwolle, he?« – »Faultierwolle? Laß dich auslachen, Sahraleben. Faultierwolle gibt es nicht. Man hat es gemacht weis diesem Menschen.« – »So ist es gewesen nur Schafwolle?« – »Ja.« – »Und du gibst vierzig Taler! Willst du dich einsperren lassen in das Haus, wo die Verrückten haben ihr Sommerlogis?« – »Sarahleben, du dauerst mich. Diese Sachen sind wert hundertundvierzig Taler.« – »Wirst du können dieses beweisen?« – »Ich werde es dir beweisen sofort. Greife in die Tasche.«

Er zog die Öffnung der Hosentasche auseinander und hielt sie ihr hin.

»Was ist darin?« fragte sie zögernd. – »Greife hinein. Sieh, was du findest.«

Sie streckte die Hand hinein und sagte darauf:

»Papier.« – »Ja. Nimm es heraus!«

Er blickte mit überlegener und gespannter Erwartung auf ihre Hände, die einige Stückchen Papier hervorbrachten.

»Was ist es?« fragte er.

Sie untersuchte die Stücke und antwortete:

»Zerschnittene Zeitung.« – »O Manasse und Ephraim. Ich habe die falsche Tasche erwischt. Greife schnell hier hinein, Sarahleben.«

Er hielt die andere Tasche hin, und sie fuhr mit der Hand hinein.

»Nichts«, sagte sie. Er erbleichte.

»Nichts?« fragte er. »Nichts hast du gesagt?« – »Ja.« – »Es ist nichts darin?« – »Gar nichts.« – »Und in der ersten Tasche?« – »Nur diese Papierfetzen.«

Jetzt untersuchte er selbst schnell die Taschen. Es war nicht das mindeste darin zu finden. Er ließ vor Schreck die Hosen fallen.

»Gott der Gerechte«, rief er, »ich bin betrogen worden, ich bin kapores, ich bin pleite um vierzig Taler!«

Er fühlte sich so schwach, daß er sich auf einen Stuhl niedersetzen mußte. Sie aber stemmte die Arme in die Seite und fragte:

»Was bist du? Pleite und kapores bist du um vierzig Taler? Nein. Kapores ist dein Verstand, und pleite ist dein Gehirn.« – »Sarahleben!« jammerte er. »Er hatte doch über zwanzig Scheine in den Hosen stecken.« – »Scheine? Was für Scheine?« – »Zehntalerscheine.« – »Das hast du gesehen?« – »Ja.« – »So hat er sie wieder herausgenommen!« – »Das habe ich nicht gesehen.« – »Wer ist er?« – »Weiß ich es?« – »Wohin ist er?« – »Er sagte, er müsse nach dem Bahnhof.« – »So gehe, springe, laufe, eile, renne! Du mußt ihn finden.« – »Aber wozu, Sarahleben, wozu?« – »Er muß dir die Hosen wieder abkaufen, um vierzig Taler.« – »Er wird sich hüten.« – »Er hat dich betrogen.« – »Nein, sondern ich habe ihn betrügen wollen.« – »Oh, Levileben, was bist du für ein Dummkopf! Ich schäme mich deiner bei jeder alten Hose, die ich zu sehen bekommen werde.« – »Ich bin wie Hiob«, antwortete er. »Erst reich und nun arm.« – »Schweig, Hiob kaufte keine Faultierwolle.« – »Vielleicht hat es damals noch keine Faultiere gegeben. Sarahleben, ich bin matt, ich bin krank, ich bin tot. Mich kann nichts mehr retten, das Grab allein. Oh, vierzig Taler. Oh, Faultierwolle! Oh, alte Hosen! Oh, Sarahleben! Mein Testament ist gemacht. Es liegt dort in der Hochzeitslade. Dir vermache ich alles, die Gläubiger aber bekommen nichts. Leb wohl. Adieu. Gute Nacht, du schnöde Welt!«

24. Kapitel.

Der aber, von dem die Rede war, Geierschnabel nämlich, war, als er das Geschäft verlassen hatte, ernsthaft weitergegangen. Sobald er aber hinter der nächsten Ecke in Sicherheit war, stieß er ein lautes Lachen aus.

»Oh, Levi«, meinte er. »Wie dumm, wie dumm! Ich steckte die Banknoten ja nur hinein, um dich zu meiern. Und als ich dir die Hosen anbot, waren sie schon längst wieder heraus. Es ist doch wahr, fünf gescheite Juden sind einem Yankee nicht gewachsen. Vierzig Taler für diese Lappen. Es ist ungeheuer. Ich habe meine ganze neue Montur umsonst und auch noch Geld übrig.«

Mit dieser neuen Montur nun sah er eigentümlich aus. Er hatte nicht das Äußere eines ehrsamen, ernsthaften Menschen, sondern er sah wie eine Maske aus, wozu allerdings seine Nase nicht wenig beitrug. Sie gab dem wunderlichen Anzug erst das gehörige Relief.

Er war nicht weit gekommen, so liefen ihm schon die Jungen nach. Sein Hut, sein Tellerfrack, die alten Lederhosen, die Tanzschuhe, die Nasenquetsche und die Posaune waren ganz geeignet, Zuschauer herbeizulocken. Er bemerkte dies mit dem größten Vergnügen.

»Donnerwetter, muß mir der Anzug stehen«, schmunzelte er. »Es wird nicht lange dauern, läuft die ganze Jugend hinter mir her.«

So schritt er denn, Sack und Büchse auf dem Rücken, die Posaune aber liebreich auf den Armen tragend, von Straße zu Straße weiter. Sein Gefolge wuchs wie eine Lawine, es zählte bereits nach Hunderten und machte einen solchen Heidenskandal, daß rechts und links die Fenster aufgerissen wurden.

»Donnerwetter! Verursache ich hier ein Aufsehen! Mainz wird noch lange an Geierschnabel denken«, brummte er. »Schade nur, daß sie nicht wissen, daß ich es bin, weil ich ja inkognito gehe.«

Sein Inkognito sollte aber nicht lange dauern. Ein Polizist kam um die Ecke, erblickte die sonderbare Gestalt und die Menschen, die ihr folgten, und blieb stehen, um den Haufen herankommen zu lassen.

Geierschnabel schien ihn gar nicht zu bemerken. Der Polizist aber nahm einen der Halberwachsenen aus der Menge heraus und fragte:

»Wer ist der Kerl?« – »Ich weiß es nicht.« – »Woher kommt er?« – »Wir wissen es nicht.« – »Wohin will er?« – »Auch das weiß niemand.« – »Warum lauft ihr ihm nach?« – »Weil er so aufgeputzt ist.« – »So! Was tut er? Was hat er gesagt?« – »Kein Wort. Er schmunzelt nur immer vor sich hin.« – »Ist er nicht einmal stehengeblieben?« – »Nein.« – »Auch in keinem Haus oder Laden gewesen?« – »Nein.« – »Ich werde ihn selbst fragen.«

Der Polizist schritt dem Amerikaner nach und faßte ihn beim Arm.

»Heda! Wer sind Sie denn eigentlich?«

Geierschnabel blieb stehen und betrachtete den Mann.

»Pchtichchchchch!« fuhr diesem der berühmte Strahl gerade an der Nase vorüber.

»Ich?« fragte er dann. – »Ja, Sie.« – »Warum wollen Sie das wissen?« – »Danach haben Sie nicht zu fragen.« – »So, so. Wer sind denn Sie?« – »Ich bin Stadtwachtmeister.« – »Schön. Da sind wir Kameraden.« – »Wieso?« – »Ich bin Waldwachtmeister.« – »Unsinn. Den gibt's nicht.« – »O doch.« – »Wo denn?« – »Danach haben nun Sie nichts zu fragen.« – »Mann, werden Sie nicht renitent.«

Geierschnabel blickte dem Polizisten verächtlich ins Gesicht

»Mann, reden Sie nicht so grob!« erwiderte er. – »Wissen Sie, daß Sie mir jede Frage zu beantworten haben?« – »Haben Sie etwa auf einer Ihrer Fragen keine Antwort erhalten?« – »Ja. Aber welche! Woher sind Sie?« – »Von drüben.« – »Von drüben? Was soll das heißen?« – »Na, daß ich nicht von hüben bin.« – »Donnerwetter, das weiß ich! Aber was ist denn eigentlich drüben und hüben?« – »Das weiß jeder Schulbube.« – »Mann, zügeln Sie Ihr Mundwerk, sonst muß ich Sie arretieren.« – »Das würde Ihnen nicht viel helfen.« – »Wie heißen Sie?« – »Geierschnabel.«

Jetzt wurde der Polizist ernstlich zornig.

»Wollen Sie mich etwa foppen?« fragte er. – »Ganz, wie Sie denken.« – »Woher kommen Sie?« – »Daher.«

Geierschnabel zeigte nach hinten.

»Und wohin wollen Sie?« – »Dorthin.«

Er zeigte nach vorn.

»Das ist mir zu bunt. Er ist mein Arrestant.« – »Schön. Was soll das heißen?« – »Daß Er mir zur Polizei zu folgen hat« – »Ah! Nicht übel. Wenn ich es nun nicht tue?« – »So brauche ich Gewalt« – »Und wenn ich mich wehre?« – »So erhält Er wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt drei Jahre Zuchthaus.« – »Himmelelement, das macht dreizehn.« – »Was, dreizehn?« – »Ich sollte heute bereits zehn Jahre bekommen.« – »Ah! Weshalb?« – »Das geht Ihn nichts an.« – »Wo?« – »Auch das geht Ihn nichts an.« – »Mensch, Er ist entweder verrückt oder ein Dummkopf, der sich einen Spaß machen will, was Ihm aber teuer zu stehen kommen wird.« – »Na, soll einer von uns beiden ein Verrückter sein und der andere ein Dummkopf, so will ich gern der Verrückte sein.« – »Mensch, geht das auf mich?« – »Nein, sondern auf mich, den Verrückten nämlich.« – »Aber der Dummkopf bleibt für mich übrig.« – »So, bleibt er wirklich für Ihn übrig? Dafür kann ich leider nicht« – »Ich sehe, daß mit Ihm hier auf der Straße nichts zu machen ist. Folge Er mir! Vorwärts!« – »Wohin?« – »Das wird Er sehen. Was hat Er da in Seinem Sack?« – »Reisegegenstände.« – »Und in diesem alten Schlauch?« – »Meine Jagdbüchse.« – »Also ein Schießgewehr?« – »Ja.« – »Hat Er denn einen Waffenpaß?« – »Hm. Was ist das?« – »Ein schriftlicher Erlaubnisschein, Waffen zu tragen.« – »Ja, den habe ich.« – »Wer hat ihn ausgestellt?« – »Ich.« – »Er selbst?« – »Natürlich.« – »Na, da mache Er sich nur immer auf Konfiskation seines Gewehres und zwei Jahre Zuchthaus gefaßt.« – »Donnerwetter! Wieder zwei Jahre?« – »Ja.« – Weshalb?« – »Wegen Urkundenfälschung.« – »Das macht jetzt in summa bereits fünfzehn Jahre. Es wächst gut.« – »Ja. Wenn das so fortgeht, so kann etwas aus Ihm werden.« – »Nur kein Mainzer Polizist.« – »Nein, das braucht Er sich auch gar nicht einfallen zu lassen.« – »Hm. Eine schöne Polizeinase hätte ich aber doch.« – »Sagt lieber, eine Geier- oder Galgennase.« – »Ganz, wie es Ihm beliebt. Aber was ist das für ein Gebäude?«

Sie waren während ihrer Unterredung schnell vorwärts gekommen, gefolgt von einer immer mehr wachsenden Menschenmenge. Jetzt war die Polizeiwache erreicht.

»Das ist der Ort, an dem Er erfahren wird, was eine Arretur zu bedeuten hat.« – »Das weiß ich bereits längst.« – »Ah! Er ist schon öfters arretiert worden?« – »Das geht Ihn wieder nichts an.« – »Er ist ein Grobian, dem man das Maul stopfen wird. Trete er ein!« – »Auf diese Stopferei bin ich sehr neugierig, alter Junge.«

Sie traten in den Flur des Hauses und von da in ein Vorzimmer, in dem einige Polizisten saßen, die die verschiedenen Meldungen entgegenzunehmen und zu expedieren hatten. Auf einer Bank hockten mehrere Personen, vielleicht Inhaftierte oder Zitierte, die auf die Erledigung Ihrer Angelegenheit warteten. Auf diese Bank deutete der Polizist und gab Geierschnabel die Weisung:

»Setze Er sich hierher! Das Maulstopfen wird bald losgehen.«

Geierschnabel beachtete diese Worte gar nicht. Er legte seinen Leinwandsack und das Büchsenfutteral auf die Erde und warf sich auf einen Stuhl, der bestimmt war, Beamten als Sitz zu dienen.

»Halt! So ist es nicht gemeint«, sagte der Polizist. »Dieser Stuhl ist nicht für Seinesgleichen da.«

Geierschnabel zuckte die Achseln und fragte:

»Hm. Was für Leute versteht Er denn eigentlich unter meinesgleichen?« – »Solche, die dorthin auf die Bank gehören.« – »Na, so setze er sich gefälligst nur selber hin. Er versteht sich jedenfalls besser auf Seines- als auf meinesgleichen. Ich muß am besten wissen, auf welchen Platz ich gehöre.«

Da nahmen die Polizisten den Sprecher ganz erstaunt in Augenschein, und einer von ihnen fragte:

»Ein renitenter Kerl! Wer ist er denn eigentlich?« – »Weiß es selber nicht«, meinte der Begleiter Geierschnabels. – »Der Mensch geht ja wie eine Maske. Ist er verrückt?« – »Ich traf ihn auf der Straße, wo ihm das Volk massenhaft nachlief. Er wollte sich nicht legitimieren; darum nahm ich ihn mit.« – »Er wird hier schon reden lernen!« – »Kann es bereits, alter Junge«, meinte Geierschnabel. »Fand es nur nicht für notwendig, auf der Straße mich in eine große Sprecherei einzulassen. Hatte keine Zeit dazu.« – »Hier wird sich die Zeit schon finden.« – »Mit Masse nicht. Ich muß mit dem nächsten Zug weiter.« – »Das geht uns nichts an. Wohin will Er denn eigentlich?« – »Hm! Will er vielleicht mitgehen?« – »Mit Ihm? Fällt mir nicht ein«, lachte der Beamte. – »Nun, so braucht Er auch nicht zu wissen, wohin ich will!« – »Oho! Er ist ja der größte Grobian, der mir vorgekommen ist. Man wird Ihn aber hier die nötige Höflichkeit zu lehren wissen!« – »Pchtichchchchch!« spuckte Geierschnabel ihm am Gesicht vorüber. »Soll ich sie etwa von Ihm lernen?« fragte er. »Er scheint mir die geeignete Person dazu nicht zu sein.« – »Donnerwetter!« fluchte der Polizist. »Was fällt Ihm ein, nach mir auszuspucken und hier mit solchen Beleidigungen um sich zu werfen! Wenn Er das noch einmal wagt, so wird Er hintergesteckt und krummgeschlossen. Jetzt aber stehe Er sofort vom Stuhl auf und mache sich zur Bank hinüber, auf welche Er gehört!«

Geierschnabel machte es sich nun erst recht bequem, spreizte behaglich die Beine übereinander und antwortete:

»Sachte, sachte, alter Junge! Jeder, der auf diesem Stuhl gesessen hat, darf es sich zur Ehre schätzen, daß ich nun darauf sitze.« – »Also Widerspenstigkeit. Da werde ich Ihm jetzt eine Wohnung anweisen, in der Er es sich bequem machen kann, ohne andere Leute zu genieren und zu beleidigen. Komme Er mit!« – »Wohin?« fragte der Amerikaner ruhig. – »Ins Loch!« – »Ins Loch? Habe verdammt wenig Lust dazu. Das will ich Ihm sagen.« – »Wir fragen den Teufel danach, ob Er Lust hat oder nicht. Was ich sage, das muß gelten. Vorwärts also!«

Der Polizist legte seine Hand auf Geierschnabels Arm. Der Präriejäger aber schüttelte ihn von sich ab, erhob sich und sagte:

»Mann, höre Er einmal, was ich Ihm jetzt sagen werde. Ich habe nichts Unrechtes getan und nicht das mindeste verbrochen. Ich kann mich kleiden, wie es mir beliebt, und wenn mir das Volk nachläuft, so ist es dumm genug. Als ich arretiert wurde, bin ich ruhig gefolgt. Ich werde mich zu legitimieren wissen, gebe aber nur dann Antwort und Auskunft, wenn man mich so behandelt, wie es ein Gentleman verlangen kann.«

Geierschnabels Haltung und seine bestimmten Worte machten Eindruck.

Der Polizist blickte ihn befremdet an.

»Gentleman?« fragte er verwundert. »Er will doch nicht etwa sagen, daß er ein Engländer sei. Denke Er nur nicht etwa, daß man Ihm das glauben wird!« – »Pah. Was Er glaubt oder nicht glaubt, das ist mir sehr gleichgültig. Aber es scheint allerdings, daß Er mit Gentlemen nicht umzugehen versteht, denn diese pflegt man nicht ›Er‹ zu titulieren. Wenn Er Polizist sein will, so schaffe Er sich vorher das halbe Lot Menschenkenntnis an, das dazu nötig ist.«

Das brachte den Beamten wieder in Zorn.

»Kerl, was fällt Ihm ein«, rief er mit lauterer Stimme, als man hier im Vorzimmer gewöhnlich zu sprechen pflegt. »Ich will Ihn nur darauf aufmerksam machen, daß wir hier das Recht haben, renitente Vagabunden durch eine Tracht Prügel zur Räson zu bringen.«

Da trat Geierschnabel einen Schritt auf ihn zu und rief ebenso laut wie der Polizist:

»Prügel? Die sollte er mir wohl nicht bieten! Ich hiebe die ganze liebe Polizei, daß die geehrten Fetzen herumflögen. Bei mir zu Hause pflegt die Androhung von Prügeln bereits eine Beleidigung zu sein. Darum nehme Er sich ja in acht, mir dieses Wort noch einmal zu sagen. Für jetzt will ich es Ihm vergeben und so tun, als ob ich es gar nicht gehört hätte. Bei einer Wiederholung aber wird Er augenblicklich erfahren, was geschehen wird.«

Da wurde eine Tür aufgerissen, ein bebrillter Herr steckte den Kopf herein und fragte in verweisendem Ton:

»Was geht hier vor? Ich verbitte mir diese Art von Skandal.«

Die anwesenden Polizisten stellten sich augenblicklich in Positur.

»Verzeihung, Herr Kommissar«, entschuldige sich der eine. »Wir haben hier einen Arrestanten, der im höchsten Grade widerspenstig ist.«

Der Kommissar betrachtete sich Geierschnabel.

»Alle Teufel, was ist das für ein Kerl?« fragte er. – »Wir wissen es nicht.« – »Wieso? Sie haben ihn doch zu fragen.« – »Er verweigert uns jede Auskunft,« – »Haben Sie nach seiner Legitimation gesehen?« – »Es würde vergeblich sein. Ich wollte ihn Ihnen zum Verhör anmelden, da er uns nicht als voll zu betrachten scheint.« – »Weshalb wurde er arretiert?« – »Sein sonderbares Äußeres zog eine Menge Volkes hinter ihm her. Ich forderte daher Auskunft über seine Person, erhielt aber keine genügende Antwort. Darum arretierte ich ihn.« – »Folgte er gutwillig?« – »Ja. Aber hier wurde er grob und wagte es sogar, Drohungen auszustoßen.« – »Ah! Warum?« – »Weil – hahahaha! Weil wir ihn nicht als Gentleman behandelten, wie er lächerlicherweise verlangte.« – »Nein, sondern weil man mir mit Einsperrung und Prügel drohte«, fiel Geierschnabel ein.

Der Kommissar warf ihm einen drohenden Blick zu und sagte:

»Er hat zu antworten, wenn Er gefragt wird.« – »Ich kann nicht warten, bis es irgendwem beliebt, mich zu fragen«, antwortete Geierschnabel furchtlos. »Meine Zeit ist mir kurz zugemessen, ich muß mit dem nächsten Zug fort.« – »Wohin?« – »Ich habe keine Veranlassung, das jedermann mitzuteilen.« – »Ah! So, so! Und ich werde es wohl auch nicht erfahren?« – »Wenn Sie die dazu gehörige Kompetenz besitzen und mich in höflicher Weise befragen, so werde ich die Auskunft nicht verweigern.«

Der Kommissar lachte höhnisch.

»Nun, die nötige Kompetenz besitze ich, und mit Höflichkeit werde ich Ihn so weit bedienen, als es mir angemessen scheint. Was hat Er da in dem Lederschlauch?« – »Eine Büchse.« – »Ein Gewehr? Ah! Hat Er einen Waffenpaß?« – Ja.« – »Was hat Er da in dem Sack?« – »Verschiedenes!« – »Das genügt nicht. Zähle Er das einzelne auf!« – »Das ist nicht meine Sache. Wer hier wissen will, was drin ist, der mag nachsehen. Übrigens erlaube ich mir die Frage, ob dies hier das Zimmer ist, in dem Sie mit mir zu verhandeln haben. Ich habe bereits gesagt, daß ich zur Auskunft bereit bin, aber nicht vor jedermanns Ohren. Es ist kein Wunder, wenn man dann renitent genannt wird.« – »So trete Er ein!«

Geierschnabel trat ein und bemerkte, daß sich noch ein zweiter Herr in dem Zimmer befand, der dem anderen so ähnlich sah, daß man sofort erriet, daß diese beiden Brüder seien. Er trug einen langen, dicken, gutgepflegten Schnurrbart und hatte, trotzdem er in Zivil gekleidet war, ein entschieden militärisches Aussehen. Was am meisten an ihm auffiel, das war sein rechter Arm. Aus dem rechten Ärmel ragte nämlich ein feiner Glacéhandschuh hervor, dem man es ansah, daß er keine lebendige Hand bedeckte.

Dieser Herr betrachtete den Eintretenden mit halb erstaunten und halb belustigten Blicken.

»Alle Wetter, was für eine Vogelscheuche bringst du da herein?« fragte er lächelnd den Kommissar. – »Ein lebendiges Rätsel, dessen Lösung wir gleich finden werden«, antwortete der Gefragte. Dann wandte er sich an Geierschnabel: »Sage Er mir also zunächst, wer Er eigentlich ist!«

Der Jäger zuckte die Achseln und antwortete:

»Vorher muß ich doch wissen, ob Sie auch wirklich der Mann sind, dem ich Auskunft zu geben habe.« – »Donnerwetter, hat Er nicht gehört, daß ich Kommissar bin?« – »Ja, aber ich glaube es nicht.« – »Das ist allerdings lustig. Warum zweifelt Er daran?« – »Weil ich denke, daß man das Polizeikommissariat nur einem Mann anvertraut, der gelernt hat, mit den Leuten höflich zu verkehren!« – »So! Ich bin also unhöflich mit Ihm?« – »Hm! Ich will nur bemerken, daß ich gewohnt bin, einen jeden Menschen so zu behandeln, wie er mich behandelt. Von jetzt an werde ich Sie auch so nennen, wie Sie mich. Sie haben also die Wahl zwischen Sie und Er.«

Der militärisch Aussehende strich sich den Schnurrbart.

»Verteufelter Bengel«, meinte er. »Er hat eine Posaune! Jedenfalls ein Bettelmusikant.«

Der Kommissar antwortete lachend:

»Also ein Künstler! Nun, so werde ich dieser Stellung Rechnung tragen und mich einstweilen des ehrwürdigen ›Sie‹ bedienen.« Und sich zu Geierschnabel wendend, fuhr er fort: »Sie wünschen also zu wissen, vor wem Sie hier stehen?« – »Ich muß allerdings bitten, mir dies mitzuteilen.« – »Nun, weil Sie ein Künstler sind, werde ich so rücksichtsvoll sein, Ihnen diesen Gefallen zu tun. Ich gebe mir also die Ehre, mich Ihnen als den Polizeikommissar von Ravenow vorzustellen.« – »Danke!« antwortete Geierschnabel kaltblütig auf diese mit sichtlichem Hohn ausgesprochenen Worte. – »Und Sie, mein Herr?« fragte der Kommissar. – »Ehe ich darauf Antwort geben kann, muß ich vorher wissen, wer dieser andere Herr ist.« – »Ah, Sie sind verteufelt neugierig. Dieser Herr ist mein Bruder, Leutnant außer Dienst von Ravenow.« – »Er ist nicht hier bei der Polizei angestellt?« – »Nein.« – »So muß ich bitten, ihn zu entfernen.« – »Donnerwetter!« rief da der Leutnant, vom Stuhl auffahrend. »Welch eine Frechheit von diesem Menschen.«

Auch der Kommissar zog die Brauen finster zusammen und sagte in streng verweisendem Ton zu Geierschnabel:

»Gehen Sie nicht zu weit. Wer hier bleiben kann oder sich entfernen muß, darüber habe ich allein zu entscheiden.« – »Gut, so bitte ich, mich zu entlassen. Ich lasse mich nicht in Gegenwart eines Fremden, der nicht hierhergehört, vernehmen.« – »Schön. Entlassen werde ich Sie allerdings, aber nicht in die Freiheit, sondern in die Zelle, wo Sie Zeit haben werden, sich anders zu besinnen.« – »Ich verlange in diesem Fall vorher dem Vorstand oder Direktor der Polizei gemeldet zu werden.« – »Wozu?« – »Das brauche ich Ihnen vielleicht nicht zu sagen, da Sie es sind, über welchen ich mit dem Direktor zu sprechen beabsichtige. Auf alle Fälle aber werde ich mich erkundigen, ob es wahr ist, daß ich eingesperrt werden kann nur aus dem Grund, daß ich mich nicht in Gegenwart eines Unberufenen vernehmen lassen will.«

Der Leutnant räusperte sich und sagte:

»Sperre ihn ein und gib ihm die Karbatsche!«

Da trat Geierschnabel auf ihn zu und drohte, indem er den rechten Arm wie zum Schlag erhob:

»Sage noch so ein Wort, Bursche, so bekommst du eine Maulschelle, daß du deine Nase für einen Luftballon halten sollst! Wenn du denkst, du kannst hier gebieten, weil du Offizier und Bruder dessen bist, der mich zu vernehmen hat, so irrst du dich gewaltig. Ich bin ganz und gar nicht der Mann, der sich von einem anderen einschüchtern läßt.«

Geierschnabels Aussehen war allerdings ganz so, daß der Leutnant sich sagen mußte, die angedrohte Ohrfeige werden beim nächsten Wort erfolgen. Er trat daher schnell einen Schritt zurück, warf einen auffordernden Blick auf seinen Bruder und fragte:

»Was nun? Ich hoffe, daß du diesen unver…« – »Halt!« unterbrach ihn der Kommissar. »Kein neues Wort, was dich in Gefahr bringen könnte, mit den Fäusten eines – na, dieses Mannes in Berührung zu kommen. Es wäre allerdings ungewöhnlich, das Verhör in deiner Gegenwart vorzunehmen. Ich ersuche dich daher, dich für einige Augenblicke zurückziehen zu wollen. Ich werde mich kurz fassen.« – »Ah! Ich soll also diesem Mann weichen?« fragte der Leutnant sichtlich verärgert.

Sein Bruder zuckte die Achsel.

»Amtsangelegenheit«, meinte er. – »Nun, so darfst du dich nicht wundern, wenn ich es vorziehe, mich definitiv, anstatt einstweilen zurückzuziehen. Unsere Angelegenheiten sind, denke ich, genugsam besprochen?« – »Ich habe allerdings nichts hinzuzufügen.« – »Nun, so erlaube, daß ich mich verabschiede.«

Damit schritt der Leutnant, ohne ein Wort seines Bruders abzuwarten, stolz erhobenen Hauptes zur Tür hinaus. Es war dem eingefleischten Aristokraten unbegreiflich, daß er einem solchen Vagabunden hatte weichen müssen. Es lag in seinem hochmütigen Charakter, dies seinen Bruder dadurch fühlen zu lassen, daß er sich sofort aus dem Zimmer und dem Haus entfernte.

Dem Kommissar war es anzumerken, daß er sich darüber grimmig ärgerte, doch suchte er dies soviel wie möglich zu verbergen, und er wandte sich an Geierschnabel:

»Ihre Büchse!« gebot er.

Der Angeredete zog die Büchse aus dem Futteral und reichte sie ihm.

»Hier ist sie«, sagte er. – »Ist sie geladen?« – »Nein.« – »Der Waffenpaß!« – »Hier!«

Geierschnabel griff in die Tasche und zog ein Papier hervor, das er dem Beamten reichte. Das Dokument war richtig. Es lautete auf den Inhaber, so daß also der Name Geierschnabel nicht angegeben war.

»Öffnen Sie den Sack!« befahl der Kommissar dem Polizisten, indem er den Waffenpaß seinem Besitzer zurückgab.

Der Polizist kam dieser Aufforderung nach und zog zunächst einen Beutel heraus, der sehr schwer zu sein schien. Als er ihn öffnete, zeigte es sich, daß der Inhalt aus lauter Goldstücken bestand.

»Woher haben Sie dieses Geld?« fragte der Beamte streng. – »Verdient«, antwortete der Jäger kurz. – »Womit?« – »Das ist meine Sache.« – »Oho! Ich muß das wissen, denn dieses Gold läßt sich mit Ihrer Persönlichkeit keineswegs in Einklang bringen.« – »Soll meine Person des Einklanges wegen etwa auch golden sein?« – »Treiben Sie keinen Scherz, er könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Was ist noch in dem Sack?« – »Hier! Zwei Revolver!« meinte der Polizist. – »Ah! Abermals Waffen!« – »Ja. Und hier ein großes Messer.« – »Zeigen Sie her!«

Der Kommissar untersuchte das Messer. Dann fragte er Geierschnabel:

»Was sind das für Flecke hier an der Klinge?« – »Hm. Das sieht doch jedes Kind!« – »Etwa Blutflecke?« – »Ja.« – »Was für Blut?« – »Menschenblut.« – »Donnerwetter. Sie haben einen Menschen damit erstochen?« – Ja. Mehrere.« – »Wo?« – »An verschiedenen Orten.« – »Wer oder was waren sie?« – »Habe mir das nicht sonderlich gemerkt. Der letzte war Offizier.«

Der Beamte blickte den Sprecher ganz starr an.

»Mensch!« rief er. »Das wagen Sie, mir ruhig zu gestehen?« – »Warum nicht?« fragte Geierschnabel, indem er ruhig lächelte. – »Ich werde Sie in Eisen legen lassen!« – »Meinetwegen in Zucker oder Pfefferkuchen!« – »Entweder sind Sie wahnsinnig oder ein hartgesottener Bösewicht.« – »Entweder sind Sie sehr dumm oder ein ausgezeichneter Kriminalist.« – »Auf diese Worte werde ich Ihnen später antworten! Suchen Sie schleunigst weiter nach!«

Diese Worte galten dem Polizisten, der wieder in den Sack griff und verschiedene Kleidungsstücke hervorzog. Sie waren aus den feinsten Stoffen gearbeitet und mit goldenen und silbernen Schnüren und Tressen besetzt

»Was ist das?« fragte der Kommissar. – »Ein Anzug!« antwortete Geierschnabel. – »Das sehe ich! Wem gehört er?« – »Mir!« – »Woher haben Sie ihn?« – »Gekauft!« – »Wozu?« – »Alle Teufel! Zum Anziehen! Wozu sonst?« – »Diese Schnuren und Tressen sind echt; sie kosten viel Geld. Ein Musikant hat nicht die Mittel, sich einen solchen Maskenanzug zu kaufen.« – »Wer sagt, daß es ein Maskenanzug ist?« – »Das sieht ein jeder.« – »Pah! Dieser Jeder müßte sehr dumm sein. Und wer sagt Ihnen denn, daß ich ein Musikant bin?« – »Diese Ihre Posaune.« – »Oh, diese Posaune hat nichts gesagt, sie hat noch keinen einzigen Ton von sich gegeben. Ich habe sie mir erst vor einer halben Stunde von einem Juden hier gekauft.« – »Wie hieß er?« – »Levi Hirsch. Auch der Anzug, den ich trage, ist von ihm.« – »Aber Mensch, wie kommen Sie denn dazu, sich mit einer so auffälligen Kleidung zu behängen?« – »Es gefällt mir so, das ist genug.« – »Wie heißen Sie?« – »William Saunders.« – »Woher?« – »Aus Saint Louis.« – »In den Vereinigten Staaten?« – »Ja.« – »Was sind Sie?« – »Gewöhnlich Präriejäger. Zu Kriegszeiten aber bin ich Kapitän oder vielmehr Rittmeister der US-Dragoner.« – »Das glaube Ihnen der Teufel!« – »Der glaubt es, denn er ist gescheiter als andere, die es nicht glauben.« – »Keine Beleidigung! Können Sie Ihre Angaben beweisen?« – »Wodurch müßte dies geschehen?« – »Durch gute Legitimationen.« – »Gilt ein Paß?« – »Ja.« – »Hier!«

Geierschnabel zog nun aus seinem Sack eine alte Ledertasche hervor, nahm eines der darin befindlichen Papiere heraus und reichte es dem Beamten. Dieser blickte hinein, prüfte es und sagte dann erstaunt:

»Wirklich ein gültiger Paß, lautend auf Kapitän William Saunders, der sich von New Orleans nach Mexiko begeben will.« – »Hoffentlich stimmt auch das Signalement.« – »Allerdings; in dieser Nase kann man sich nicht irren. Aber wie kommen Sie nach Deutschland anstatt nach Mexiko?« – »Ich war bereits dort.« – »Können Sie das beweisen?« – »Ich denke. Haben Sie vielleicht einmal von einem gewissen Sir Henry Lindsay, Graf von Nothingwell, gehört?« – »Ich glaube. War es nicht jener englische Bevollmächtigte, der den Auftrag hatte, Juarez Waffen zu bringen?« – »Ja. Hier ist ein Zeugnis von ihm.«

Geierschnabel gab ein zweites Papier hin. Der Beamte las es durch und sagte dann mehr enttäuscht als erstaunt:

»Sie sind der Führer und Begleiter dieses Mannes gewesen?« – »Ja.« – »Und kennen Sie diesen Juarez, von dem Sie soeben sprachen?« – »Wer sollte den Präsidenten Juarez von Mexiko nicht kennen!« – »Haben Sie einen Beweis?« – »Nun, hier haben Sie noch so ein Papier.«

Geierschnabel reichte ein drittes Papier hin. Darauf wurde der Kommissar ganz verlegen und rief aus:

»Mann, das ist ja eine ganz warme Empfehlung des Präsidenten, geschrieben in englischer und französischer Sprache.« – »Allerdings.« – »Kennen Sie ihn persönlich?« – »Sehr gut. Aber kennen Sie vielleicht auch einen gewissen Señor oder vielmehr einen gewissen Herrn von Magnus?« – »Meinen Sie etwa den preußischen Geschäftsträger in Mexiko?« – Ja.« – »Was ist mit ihm?« – »Hier!«

Geierschnabel reichte ein viertes Schreiben hin. Als der Beamte es durchgelesen hatte, betrachtete er sich den Mann noch einmal und sagte verwundert:

»Das ist ja ein Paß dieses königlichen Beamten. Wie kommen Sie dazu?« – »Er hat ihn mir ausgestellt.« – »Nein, ich meine, wie Sie zu Herrn von Magnus kommen?« – »Ich habe bei ihm gespeist.« – »Als eingeladener Gast?« – »Natürlich.« – »Aber, Kapitän, das muß ich sagen, Sie haben mich da förmlich an der Nase herumgeführt.« – »Inwiefern?« – »Diese Waffen sind Ihre Jagdwaffen?« – »Allerdings.« – »Mit diesem Messer sind Menschen erstochen worden? Indianer?« – »Oh, auch Weiße.« – »Das ist da drüben allerdings nichts Ungewöhnliches. Uns geht es freilich nichts an. Und dieser Anzug ist eine mexikanische Kleidung, die Sie in jenem Reich getragen haben?« – »Ja, ich gehe gewöhnlich mehr als einfach, aber wenn man beim preußischen Geschäftsträger zu erscheinen hat, so legt man etwas Besseres an. Das werden Sie einsehen.« – »Erlauben Sie mir die Frage, was Sie nach Deutschland führt?« – »Familien- und politische Angelegenheiten.« – »Familiensachen? Haben Sie denn Verwandte hier?« – »Nicht Verwandte, sondern Bekannte.« – »Wo?« – »In Rheinswalden.« – »Ah, ich kenne die dortigen Bewohner. Wen meinen Sie?« – »Alle.« – »Alle, wie habe ich das zu verstehen?« – »Na, den Herzog von Olsunna nebst allen seinen Verwandten.« – »Wetter! Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft?« – »Ich? Gerade so, wie Sie dazu gekommen sind.« – »Ah, Verzeihung! Es mag sein, daß ich nach diesen Privatsachen keine Berechtigung zu fragen habe. Aber Sie sprachen da auch noch von politischen Angelegenheiten. Was habe ich darunter zu verstehen?« – »Dinge und Verhältnisse, auch Aufträge, von denen ich natürlich hier nicht zu reden habe. Das werden Sie einsehen.« – »Gut. Aber darf ich nicht vielleicht erfahren, wohin Sie von hier aus reisen werden.« – »Nach Berlin.« – »Ah! Mit geheimen Aufträgen?« – »Möglich. Sie sehen also ein, daß ich mich nicht in Gegenwart Ihres Bruders vernehmen lassen konnte.« – »Allerdings.« – »Und daß ich nicht der Mann bin, mir von einem Polizisten Prügel anbieten zu lassen.« – »Ich bitte um Entschuldigung.«

Der Beamte war jetzt fest davon überzeugt, daß Geierschnabel wirklich das sei, wofür er sich ausgab. Die Papiere waren unzweifelhaft echt. Er sagte sich, daß eine Beschwerde dieses merkwürdigen Mannes ihn selbst und seine Untergebenen in Ungelegenheiten bringen könne; daher bequemte er sich zu einer Bitte um Entschuldigung.

Aber vieles war ihm an dem Fremden geradezu unbegreiflich. Darum fragte er:

»Sie waren bereits in Rheinswalden?« – »Ja. Auch in Rodriganda.« – »Und haben mit den Herrschaften gesprochen?« – »Mit allen.« – »Auch mit den Damen?« – »Das versteht sich.« – »Mein Gott! Etwa auch in dieser Kleidung?« – »Fällt mir nicht ein. Ich habe mir diese Sachen erst vorhin bei dem Juden gekauft.« – »Ah! Sie haben sich in mexikanischer Nationaltracht vorgestellt?« – »Bewahre. Solchen Prassel habe ich nicht gemacht.« – »Was hatten Sie denn an?« – »Dieses Habit, oder wenigstens ein ähnliches.«

Geierschnabel griff jetzt in den Sack und zog Sachen hervor, die denen, die er in Rheinswalden und Rodriganda getragen hatte, vollständig ähnlich waren: eine alte baumwollene Jacke und Hose, die seit mehreren Jahren nicht in die Hand einer Wäscherin gekommen war.

Der Beamte trat erschrocken mehrere Schritte zurück und rief:

»In diesen Lumpen?« – »Ja.« – »Die Frau Herzogin hat Sie so gesehen?« – »Natürlich.« – »Die Gräfin Rodriganda?« – »Ja, und auch Ihre Tochter, das Waldröschen.« – »Sind Sie gescheit?« – »Hm. So ziemlich.« – »Aber Sie haben ja Geld genug, sich andere Kleidung zu kaufen!« – »Das habe ich auch getan.« – »Die Sie anhaben? Die ist ja noch viel lächerlicher!« – »Pah! Mir gefällt sie. Sie sollten einmal sehen, wie die Apachen und Komantschen staunen würden, wenn ich so vor sie hintreten könnte. Sie würden mich für den größten Häuptling der Welt halten, und zwar dieses famosen Frackes wegen.« – »Wieso?« – »Weil an demselben so große Knöpfe sind, wie sie solche in ihrem ganzen Leben nicht gesehen haben.« – »Aber Sie befinden sich hier doch weder bei den Komantschen, noch bei den Apachen.« – »Das ist egal. Ein tüchtiger Apache ist zehnmal gescheiter als ein Mainzer Polizist.« – »Herr, Sie werden witzig!« lachte der Beamte. »Es mag sein, daß Sie von einem Wilden nicht arretiert worden wären. Hier aber kann ich Ihnen nicht garantieren, daß es nicht noch einmal geschieht. Ich rate Ihnen wirklich, den Anzug zu wechseln.« – »Er bleibt. Ich tue nichts Böses. Wer mich arretiert, blamiert sich selbst. Hat der Deutsche nicht die Freiheit, sich zu kleiden, wie es ihm beliebt, Herr Kommissar?« – »O doch.« – »Nun, so will auch ich von dieser Freiheit Gebrauch machen. Wie steht es, werde ich noch in die Zelle gesteckt?« – »Nun, da Sie sich legitimiert haben, keineswegs.« – »Ich bin auch bereit, zu warten. Schicken Sie, wenn Sie noch zweifeln sollten, einen Boten nach Rheinswalden, um sich nach mir zu erkundigen.« – »Das ist nicht nötig. Sie sind entlassen.« – »Schön. Da will ich Ihnen für angenehme Unterhaltung meinen Dank sagen. Wissen Sie nun, warum ich mich nicht anders kleide?« – »Nun warum?« – »Nur der Unterhaltung wegen. Ich bin so eine Art von Spaßvogel, und nichts macht mir mehr Vergnügen, als wenn ich zuletzt über andere Leute lachen kann. Adieu, Señor Kommissario!«

Während der letzten Worte hatte Geierschnabel alles wieder in seinen Sack zurückgesteckt und diesen nebst der Büchse über die Schulter geworfen. Dann schritt er zur Tür hinaus.

»Welch ein Mensch«, meinte der Kommissar zu dem erstaunten Polizisten. »So ein Heiliger ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.« – »Waren denn die Papiere wirklich echt?« – »Natürlich.« – »Aber die Menschen werden wieder hinter ihm herlaufen.« – »Leider! Aber ihm macht das Spaß.« – »Würde es nicht besser sein, einen Kollegen in Zivil nachzusenden, um wenigstens einen allzugroßen Auflauf zu verhüten?« – »Das können wir tun. Man muß ihm bis zum Bahnhof nachgehen.«

Dies geschah.

25. Kapitel.

Geierschnabel wanderte, angestaunt und verfolgt von neugierigen Menschen, nach dem Bahnhof. Dort betrachtete er die Inschriften über den Türen, löste sich ein Billett erster Klasse, wartete aber bis zum Abgang des Zuges im Wartezimmer dritter Klasse. Als der Train bereitstand, wurde er erst im letzten Augenblick von einem Beamten darauf aufmerksam gemacht, daß er einsteigen müsse, wenn er noch mit fortkommen wolle. Er eilte hinaus und bemerkte mit einem raschen Blick, daß nur ein einziges Kupee erster Klasse vorhanden sei. Der Schaffner, an den er sich wandte, blickte ihn erstaunt an.

»Erster Klasse wollen Sie fahren?« fragte er. – »Ja.« – »Wirklich erster?« wiederholte der Mann, der es gar nicht begreifen konnte, daß ein so gekleideter Mensch sich der besten Klasse bedienen wolle. – »Zum Donnerwetter, ja doch«, antwortete der Gefragte. – »Haben Sie ein Billett?« – »Das versteht sich!« – »Zeigen Sie einmal!«

Geierschnabel gab ihm das Billett. Der Schaffner überzeugte sich, schüttelte den Kopf und meinte dann:

»Na, da steigen Sie schnell ein, es läutet soeben zum dritten Male.«

Der sonderbare Passagier wurde samt Büchsenfutteral und Leinwandsack in das Kupee geschoben. In demselben Augenblick pfiff die Maschine, die Tür wurde zugeschlagen, und der Zug setzte sich in Bewegung.

»Kreuzmillion«, tönte es dem Jäger entgegen. »Was fällt Ihm ein?«

Der, welcher diese Worte ausrief, der einzige Passagier, der schon in dem Kupee saß, war kein anderer als Leutnant von Ravenow.

»Geht Ihm nichts an«, antwortete Geierschnabel kurz, indem er seine Sachen ablegte und sich behaglich auf das Polster niederstreckte. Damit aber war der einstige Offizier keineswegs einverstanden. – »Hat Er denn ein Billett erster Klasse?« fragte er. – »Geht Ihm abermals nichts an!« lautete die Antwort.

Da riß der Leutnant das Fenster auf, um den Schaffner zu rufen; der aber war bereits in seinem Dienstkupee verschwunden. Er wandte sich nun wütend zurück und sagte:

»Das geht mich wohl etwas an. Ich muß und will mich überzeugen, ob Er wirklich berechtigt, ist, hier einzusteigen.« – »Sei Er doch froh, daß ich Ihn nicht danach frage. Es ist sogar eine Ehre für Ihn, daß ich mich herablasse, mit Ihm zu fahren.« – »Kerl, nenne Er mich nicht Er. Wenn Er erster Klasse fahren will, so hat Er sich nach den in derselben gebräuchlichen Umgangsformen zu richten, sonst lasse ich Ihn hinausschaffen.« – »Ah, so hat Er ein Billett vierter Klasse genommen, weil Er sich der in dieser gebräuchlichen Umgangsformen befleißigt. Wer hat mit dem ›Er‹ begonnen, Er oder ich? Wenn Er mich provozieren will, so werde nicht ich hinausgeschafft, sondern Er selbst ist es, den ich an die Luft setzen lasse.« – »Himmeldonnerwetter. Will Er eine Ohrfeige haben, Er Lump Er?« – »Oh, ich kann auch mit derselben Ware dienen. Hier hat Er eine Probe davon. Sie wird wohl gut geraten.«

Damit holte Geierschnabel mit der Schnelligkeit des Blitzes aus und gab dem Leutnant eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene derart mit dem Kopf an die Wand flog, daß ihm für kurze Zeit die Gedanken vergingen.

»So«, meinte Geierschnabel. »Ist es Ihm erwünscht, so bin ich bereit, Ihn ganz nach Probe weiter zu bedienen.«

Der Leutnant hielt eine Zeitlang die beiden Hände vor das Gesicht. Kaum aber war es ihm gelungen, seine Gedanken zu sammeln, so fuhr er wie ein Wütender empor und brüllte:

»Hund, du wagst, mich zu schlagen? Ich massakriere dich.«

Im selben Augenblick warf er sich auf Geierschnabel, um ihn bei der Gurgel zu fassen, erhielt aber, ehe ihm dies gelang, eine zweite und so gewaltige Ohrfeige, daß er zurückflog und auf den Boden des Kupees stürzte.

»So«, lachte Geierschnabel. »Die erste für den ›Lump‹ und die zweite für den ›Hund‹. Hat er noch mehrere solche Worte in petto, so bin ich zu einer gleichen Antwort gern bereit.«

Ravenow raffte sich auf. Seine Wange brannte, und seine Augen waren vor Grimm mit Blut unterlaufen.

»Kanaille!« knirschte er, fast sinnlos vor Wut. »Was mache ich mit dir? Ich erwürge dich!«

Er drang wieder auf Geierschnabel ein, ohne zu bedenken, daß er sich nur einer Hand zu bedienen vermochte und soeben den Beweis erhalten hatte, daß er auch mit zwei Händen diesem Mann nicht gewachsen sei.

Nun erhob sich auch Geierschnabel, der bisher sitzen geblieben war, faßte ihn mit der Linken bei der Brust, schüttelte ihn und antwortete:

»Kanaille? Gut, du willst es nicht anders, und ich kann dir ja den Willen tun!«

Damit drängte er den Leutnant mit unwiderstehlicher Gewalt in die Ecke, ohrfeigte ihn mit der Rechten auf beiden Seiten und ließ ihn dann in den Sitz fallen.

»So«, sagte er. »In Deutschland scheint man sich in den Kupees erster Klasse ganz angenehm zu unterhalten. Ich bin zur Fortsetzung bereit.«

Er setzte sich mit größter Seelenruhe wieder nieder. Der Leutnant aber kochte förmlich. Seine Brust arbeitete mit aller Macht, seine Hand hatte sich krampfhaft geballt, und aus seiner Nase floß Blut. Er fand vor Aufregung keine Worte, er stöhnte nur, und es war ihm geradezu unmöglich, sich zu bewegen. Und als erst nach geraumer Zeit er Sprache und Beweglichkeit wiedergefunden hatte, gab die Lokomotive das Zeichen, daß der Zug sich einer Station nähere.

Ravenow flog an das Fenster und riß es auf.

»Schaffner! Kondukteur! Hierher, hierher«, brüllte er, trotzdem der Zug noch lange nicht im Stehen war.

Die Räder rasselten, und die Hemmungen kreischten, der Train hielt.

»Schaffner, hierher«, brüllte der Offizier abermals.

Der Gerufene hörte der Stimme an, daß hier Eile gewünscht werde. Er kam rasch herbeigesprungen und fragte:

»Mein Herr, was wünschen Sie?« – »Machen Sie auf und bringen Sie den Zugführer und den Vorstand der Haltestation!«

Der Angeredete öffnete, und Ravenow sprang hinaus. Die beiden gewünschten Herren kamen schleunigst herbei.

»Meine Herren, ich habe Hilfe in Anspruch zu nehmen«, sagte Ravenow. – »In welcher Angelegenheit?« fragte der Zugführer. – »Hier zunächst meine Karte. Ich bin Graf Ravenow, Oberleutnant. Man hat mich hier in diesem Kupee überfallen.« – »Ah! Wer?« fragte der Stationsvorsteher. – »Dieser Mensch!«

Der Leutnant deutete bei diesen Worten auf Geierschnabel, der behaglich in dem offenen Kupee saß und die Szene mit größter Ruhe betrachtete.

»Dieser Mann? Wie kommt er in ein Kupee erster Klasse?«

Die beiden Bahnbeamten traten näher, um sich den Amerikaner genauer zu betrachten.

»Wie kommen Sie hier herein?« fragte in strengem Ton der Stationsvorsteher. – »Hm! Eingestiegen bin ich«, lachte Geierschnabel. – »Das versteht sich von selbst Aber Sie gehören nicht in das Kupee.« – »So? Ah! Warum nicht?« – »Haben Sie ein Billett erster Klasse?« – »Das hat er«, bestätigte der Schaffner des betreffenden Wagens. – »Auch nicht übel«, meinte der Vorsteher. »Solche Leute und erster Klasse. Herr Graf von Ravenow, darf ich Sie fragen, was Sie unter dem Wort ›überfallen‹ verstehen?« – »Er ist über mich hergefallen und hat mich geschlagen.« – »Ist das wahr?« fragte der Inquirierende den Amerikaner. – Ja«, nickte dieser sehr freundlich. – »Warum? Welchen Grund hatten Sie dazu?« – »Er nannte mich zunächst einen Lump, sodann einen Hund und zuletzt gar eine Kanaille. Für jedes dieser Worte habe ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Haben Sie etwas dawider?«

Der Vorsteher beachtete diese Frage nicht, sondern wandte sich an den vormaligen Leutnant:

»Ist es wahr, daß Sie sich dieser Ausdrücke bedienten?« – »Es fällt mir nicht ein, es zu leugnen. Sehen Sie den Menschen an. Soll ich mir etwa gefallen lassen, mit dergleichen Gelichter zusammenzutreffen, wenn ich erste Klasse bezahle?« – »Hm! Ich kann Ihnen allerdings nicht widersprechen, denn …« – »Oho«, unterbrach ihn Geierschnabel. »Habe ich nicht dasselbe bezahlt?« – »Das mag sein«, meinte der Vorstand achselzuckend. – »Gehe ich zerrissen oder zerlumpt?« – »Das gerade nicht, aber ich meine …« – »Oder bin ich mit einem häßlichen Gebrechen behaftet?« – »Man sieht freilich nichts davon.« – »Oder bin ich betrunken?« – »Das müßte untersucht werden.« – »Schön! Untersuchen Sie es. Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen werden.«

In diesem Augenblick gab der Maschinist durch einen kurzen Pfiff das Zeichen, daß die Zeit verflossen sei.

»Meine Herren«, meinte Ravenow, »ich höre, daß man fertig zum Abfahren ist. Ich verlange die exemplarische Bestrafung dieses frechen Menschen.« – »Frech?« rief Geierschnabel. »Willst du eine vierte Ohrfeige haben?« – »Ruhe!« gebot ihm der Stationsvorsteher und wandte sich an Ravenow: »Wenn Sie eine Bestrafung verlangen, so muß ich Sie ersuchen, die Reise zu unterbrechen, um Ihre Aussage zu Protokoll zu geben.« – »Dazu habe ich keine Zeit. Ich muß zur bestimmten Zeit in Berlin sein.« – »Das tut mir leid. Ich brauche Ihre Gegenwart.« – »Soll ich einem obskuren und frechen Menschen meine Zeit opfern?« – »Das ist allerdings wahr.« – »Ich halte es übrigens gar nicht für notwendig, hier ein Protokoll abzufassen. Arretieren Sie den Kerl einfach, lassen Sie ihn vernehmen, und dann mögen die Akten nach Berlin geschickt werden, um meine Aussage aufzunehmen. Meine Adresse haben Sie ja auf dieser Karte.« – »Ich stehe zu Diensten, gnädiger Herr.«

Mit diesen Worten trat der Beamte an die Tür des Kupees.

»Steigen Sie aus«, gebot er Geierschnabel. – »Ich? Warum?« fragte dieser. – »Sie sind Arrestant!« – »Alle Wetter! Ich muß nach Berlin, ganz ebenso wie dieser Graf.« – »Geht mich nichts an.« – »Ich habe ebenso bezahlt wie er.« – »Ist gleichgültig.« – »Er ist schuld an dem ganzen Vorgang.« – »Das wird sich finden. Steigen Sie aus!« – »Fällt mir nicht ein.« – »So werde ich Sie zu zwingen wissen.« – »Machen Sie keine Umstände mit ihm«, meinte Ravenow. »Ich war dabei, als er bereits in Mainz arretiert wurde. Er ist ein Vagabund, der aus übertriebener Frechheit erster Klasse fährt.« – »So, so! Also bereits einmal arretiert. Steigen Sie aus.« – »Wenn ich zum Aussteigen gezwungen werde, verlange ich ganz dasselbe auch für den Grafen«, erklärte Geierschnabel. – »Halten Sie den Mund! Sie haben sich an ihm vergriffen.« – »Er hat bereits gestanden, daß er mich vorher beleidigt hat.« – »Sie gehören nicht in die erste Klasse.« – »Das zu beweisen, dürfte Ihnen große Mühe machen. Ich erkläre, daß ich ganz dieselben Rechte beanspruche, da ich dasselbe Geld bezahlt habe.« – »Ihr Recht wird Ihnen werden. Aussteigen.« – »Ich bin bereit, mich zu legitimieren.« – »Dazu ist nachher Zeit.« – »Donnerwetter, ich will es aber jetzt.« – »Zügeln Sie Ihr Mundwerk. Wollen Sie endlich aussteigen, oder soll ich meine Hilfsarbeiter herbeirufen?« – »Gut. Lassen Sie mich nicht weiterfahren?« – »Nein.« – »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie den Schaden zu tragen haben werden.« – »Wollen Sie mir noch drohen?« – »Ich komme schon, alter Freund.«

Bei diesen Worten stieg Geierschnabel aus, warf Leinwandsack und Gewehr über, ergriff seine Posaune und wartete, was nun mit ihm geschehen werde. Die Blicke der sämtlichen anwesenden Menschen waren auf ihn gerichtet, er jedoch achtete gar nicht darauf.

Der Graf stieg mit triumphierender Miene ein und verabschiedete sich mit einem gnädigen Kopfnicken von den Beamten. Der Stationsvorstand gab das Zeichen, daß der Zug abgehen könne, ein kurzer Pfiff des Zugführers, und die Räder setzten sich in Bewegung.

»Kommen Sie!« gebot der Stationsvorstand seinem Gefangenen. – »Wohin?« fragte dieser. – »Zum Verhör.« – »Hm! Da bin ich neugierig.«

Sie begaben sich nach der Expedition des Vorstehers, der nach der Polizei schickte. Die betreffende Station war ein kleiner Ort, an dem zwar ein Gendarm stationiert war, der aber wegen seinen anderweitigen Pflichten nicht bei jedem Zug auf dem Bahnhof zu erscheinen hatte. Darum dauerte es einige Zeit, ehe er herbeigeschafft werden konnte.

Geierschnabel hatte sich bis dahin ganz ruhig verhalten, zumal auch der Vorstand sich nicht die Mühe gegeben, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Jetzt aber teilte der letztere dem Gendarmen das Geschehene mit.

Der Gendarm betrachtete sich den Gefangenen mit hochmütigen Blicken und fragte ihn dann:

»Sie haben den Grafen von Ravenow geohrfeigt?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Dreimal?« – »Ja.« – »Warum?« – »Weil er mich dreimal beleidigte.« – »Er hat Sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß Sie nicht in ein Kupee erster Klasse gehören.« – »Donnerwetter! Mit ebendemselben Recht könnte ich sagen, daß die gegenwärtige Angelegenheit Sie nichts angeht!« – »Das würde ich mir verbitten!« – »Ebenso habe ich mir die Bemerkungen des Grafen verbeten. Er hat mich Lump, Hund und Kanaille genannt, nachdem ich ihm nicht das geringste zuleide getan hatte. Wer ist da der Schuldige?« – »Sie hatten nicht zu schlagen.« – »Er hatte nicht zu schimpfen. Übrigens gestehe ich Ihnen aufrichtig, daß ich auch Sie ohrfeigen würde, wenn Sie sich erlaubten wollten, in gleicher Weise unhöflich gegen mich zu sein.« – »Was! Sie drohen mir?« – »Unsinn! Ich verteidige nur meine Ansicht, daß auf ein solches Schimpfwort eine Ohrfeige gehört.« – »Sie hätten ihn anzeigen können.« – »Habe keine Zeit dazu. Ebenso konnte er mich anzeigen, anstatt mich zu beschimpfen, wenn er wirklich meinte, daß ich nicht in sein Kupee gehörte.« – »Sie scheinen allerdings nicht in die erste Klasse, sondern viel eher in die vierte zu gehören.« – »Himmeldonnerwetter! Wollen Sie es ebenso machen wie dieser ehrenhafte Herr Graf, so dürfen Sie sich auch nicht beklagen, wenn ich Sie ebenso behandele wie ihn.« – »Ah! Meinen Sie etwa Ohrfeigen?« – »Ich meine gar nichts; aber ich will Ihnen sagen, daß bei mir Wort und Hiebe zusammenzufallen pflegen. Mich hat man arretiert und den Schuldigen mit großen Komplimenten entlassen. Aber wir wollen sehen, ob ich einem Leutnant nachzustehen brauche. Wissen Sie, wer und was ich bin?« – »Das werde ich schon erfahren«, meinte der Polizist. »Haben Sie eine Legitimation bei sich?« – »Das versteht sich. Ich habe mich bereits dem Herrn Stationsvorsteher legitimieren wollen, er aber hat es mir nicht erlaubt. Den Schaden wird er natürlich zu tragen haben.« – »So zeigen Sie her!«

Geierschnabel zog alle die Dokumente hervor, die er bereits dem Polizeikommissar zu lesen gegeben hatte. Der Gendarm las sie durch, und sein Gesicht wurde dabei immer länger. Als er fertig war, sagte er:

»Himmelelement, ist das eine verdammte Geschichte!« – »Was?« fragte der Stationsvorsteher neugierig. – »Dieser Frack und dieser verdammte Anzug können einen irremachen. Wissen Sie, Herr Vorsteher, was dieser Herr ist?« – »Nun?« – »Zunächst Präriejäger und dabei amerikanischer Offizier, nämlich Kapitän.« – »Unmöglich!« – »Nein, wirklich! Mein bißchen Schulfranzösisch reicht gerade zu, um diese anderen Papiere passabel zu entziffern. Der Herr Kapitän ist Gesandter des Präsidenten Juarez von Mexiko.«

Der Bahnbeamte erbleichte.

»Wirklich?« fragte er. »Sind diese Papiere denn richtig?« – »Das versteht sich. Und da ist noch eine Empfehlung des Herrn von Magnus, der preußischer Geschäftsträger in Mexiko ist.« – »Wer hätte das gedacht!«

Die beiden Männer blickten einander ganz fassungslos an.

»Na, wie steht es nun?« fragte Geierschnabel. – »Aber, mein Herr, warum kleiden Sie sich in dieser Weise!« rief der Stationsvorsteher. – »Darf ich mich etwa nicht kleiden, wie es mir beliebt?« – »O doch. Aber Ihr Gewand ist schuld, daß wir Sie für etwas anders gehalten haben, als Sie sind.« – »Mein Gewand? Pah! Suchen Sie keine Entschuldigung. Nicht mein Gewand ist schuld, sondern Sie selbst haben sich anzuklagen.« – »Ich wüßte nicht, weshalb.« – »Ich habe Ihnen angeboten, mich zu legitimieren. Sie haben mir das nicht erlaubt; das ist die Schuld. Was wird nun geschehen?« – »Sie sind natürlich frei«, sagte der Gendarm. – »Trotzdem ich den Leutnant geohrfeigt habe?« – »Ja. Es ist das eine gegenseitige Beleidigung, die nur auf Antrag bestraft wird. Der Graf mag den Antrag stellen; mich geht es nichts an.« – »So. Hm. Das ist interessant! Weil ich Offizier bin, läßt man mich laufen, wäre ich das nicht, so hätte man mich eingesperrt, weil der hochgnädige Graf es haben wollte. Der Teufel hole diese liebenswürdige Art der Gerechtigkeit!« – »Entschuldigung, Herr Kapitän«, meinte der Bahnbeamte. »Der Graf sagte, Sie hätten ihn angefallen.« – »Was weiter?« – »Daraus mußte ich schließen, daß es sich um einen strafbaren Angriff handle.« – »Unsinn! Er hat zugegeben, daß meine Ohrfeigen nur die Antworten auf seine Beleidigungen waren.« – »Aber Ihr Äußeres! Ihre Posaune!« – »Schweigen Sie! Meine Posaune hat hierbei gar nichts verschuldet. Wissen Sie überhaupt, ob der Mensch, den ich geohrfeigt habe, wirklich Graf von Ravenow ist, für den er sich ausgab?« – »Natürlich.« – »So? Inwiefern denn?« – »Er hat sich ja legitimiert!« – »Davon weiß ich nichts!« – »Er gab mir seine Karte.« – »Donnerwetter! Meine Legitimation wurde nicht angesehen, und die Karte dieses Menschen hatte Geltung. Eine solche Karte kann sich ein jeder Schwindler anfertigen lassen. Ihre Unvorsichtigkeit wird Ihnen noch ganz bedeutend zu schaffen machen.«

Der Bahnbeamte erschrak.

»Ich hoffe, daß der Herr Kapitän sich mit meiner Bitte um Verzeihung zufriedengibt«, sagte er. – »Zufrieden? Ich? Na, meinetwegen! Ich bin einmal eine alte, gute Seele. Wie aber andere die Sache aufnehmen werden, das weiß ich nicht.« – »Andere? Darf ich fragen, wer da gemeint ist?« – »Hm. Eigentlich nicht. Aber unter dem Siegel des Dienstgeheimnisses will ich es Ihnen anvertrauen. Ich gehe zu Herrn von Bismarck.«

Der Stationsvorsteher trat einen Schritt zurück.

»Zu Bismarck?« rief er, ganz erschrocken. – »Ja.« – »Ich hoffe, daß da das fatale Vorkommnis nicht in Erwähnung genommen wird.« – »Nicht? Im Gegenteil! Ich muß es sehr ausführlich erwähnen.« – »Dürfte das nicht zu umgehen sein, Herr Kapitän?« – »Nein. Ich muß doch sagen, warum ich zu der anberaumten Konferenz nicht erscheinen konnte.«

Jetzt war es dem Beamten, als ob er eine fürchterliche Ohrfeige erhalten hätte. Er blickte den Amerikaner ganz erstarrt an und fragte:

»Eine Konferenz?« – »Ja, eine wichtige, diplomatische Konferenz, die ich nun versäumen werde. Hätten Sie meine Legitimation gelesen!« – »Mein Gott, ich bin verloren!« – »Das glaube ich auch, aber das geht mich gar nichts an.« – »Kommen denn der Herr Kapitän nicht noch zur rechten Zeit, wenn Sie den nächsten Zug benutzen?« – »Nein. Es war genau auf die Viertelstunde ausgerechnet.« – »Welch ein Malheur! Was ist da zu tun?« – »Gar nichts. Oder glauben Sie etwa, daß ich, um Ihre Dummheiten gutzumachen, einen Extrazug nehmen werde?«

Da atmete der geängstigte Mann tief auf.

»Einen Extrazug?« fragte er. »Ah, das ginge! Das wäre das einzige Mittel, die verlorene Zeit wieder einzubringen.« – »Das ist freilich wahr; aber ich werde mich nicht dazu verstehen.« – »Darf ich fragen, warum?« – »Ihr ganzes Verhalten war eine einzige große Beleidigung gegen mich. Soll ich diese Beleidigung etwa noch belohnen? Soll ich sie etwa noch mit dem Preis für einen Extrazug bezahlen?« – »Herr Kapitän, das verlange ich ja gar nicht.« – »Nicht? Was denn?« – »Ich stelle Ihnen eine Maschine mit Wagen kostenfrei zur Verfügung.« – »Hm. Das ließe sich vielleicht überlegen.« – »Die Maschine bringt Sie, wenn Sie den Zug nicht eher erreichen, bis Magdeburg, wo Sie ihn dann sicherlich noch treffen.« – »Wann könnte es hier fortgehen?« – »Gleich allerdings noch nicht. Ich muß nach Mainz um die Maschine und den Wagen telegrafieren.« – »Eine verdammte Geschichte!« – »Sie können überzeugt sein, daß es mir ebenso unangenehm ist. Ich bitte ganz dringend, auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich bedaure, einen Fehler begangen zu haben, aber Sie werden mir die Gelegenheit nicht versagen, ihn wieder gutzumachen.«

Geierschnabel blickte dem Beamten nachdenklich in das Gesicht. In seinen Zügen zuckte es eigentümlich. Er rieb sich die Nase, machte sogar ein pfiffiges und höchst vergnügtes Gesicht und fragte:

»Sagte dieser Graf nicht, daß er nach Berlin will?« – »Ja.« – »Fährt er über Magdeburg?« – »Bebra und Magdeburg.« – »Muß er in Magdeburg aussteigen?« – »Er wird aussteigen. Es ist ein längerer Aufenthalt da.« – »Und ich kann den Zug vor Magdeburg noch einholen?« – »Es kann eingerichtet werden, daß Sie ihn auf einer Nebenstation überholen.« – »So daß ich also eher in Magdeburg bin als der Graf?« – »Ja.« – »Gut. Ich gehe auf Ihren Vorschlag ein.« – »Sie erlauben also, daß ich telegrafiere?« fragte der Mann erfreut. – Ja.« – »Und werden die Güte haben, meinen Irrtum nicht zu erwähnen?« – »Na, ärgerlich war die Geschichte, doch ich will sie hingehen lassen. Aber sagen Sie, haben Sie hohes Einkommen?« – »Nein.« – »Und der Extrazug ist teuer?« – »Ich werde allerdings sehr lange Zeit an den Folgen dieser Ausgabe zu leiden haben.« – »Hm. Es ist Ihnen schon recht, aber mich dauert es. Wie wäre es, wenn wir die Kosten untereinander teilten?«

Da klärte sich das Gesicht des Mannes blitzschnell auf.

»Herr, ist das wahr?« fragte er. – »Ja, was will ich denn weiter tun, wenn ich Sie nicht unglücklich machen will!« – »Ich danke. Sie zeigen hier, daß Sie in Wahrheit Amerikaner sind.« – »Wieso?« – »Gentleman.«

Geierschnabel fühlte sich geschmeichelt. Er machte abermals ein höchst pfiffiges Gesicht und sagte:

»Besser wäre es wohl, wenn ich sämtliche Kosten trüge?« – »So, daß ich gar nichts zu bezahlen brauchte?« – »Ja.« – »Allerdings wäre mir das am allerliebsten, Herr Kapitän.« – »Na, da mag es sein. Ich zahle alles.« – »Wirklich? Wirklich?« beeilte sich der Beamte zu fragen. – »Ja, ich mache aber die Bedingung, daß ich vor dem Grafen in Magdeburg bin.« – »Ich werde dafür sorgen, daß dies geschieht.« – »Und sodann verlange ich von Ihnen einige Zeilen.« – »Welchen Inhaltes?« – »Daß ich mich legitimiert habe und daß Sie infolge der Angaben des Grafen in Unannehmlichkeiten geraten sind.« – »Darf ich erfahren, welchen Gebrauch Sie mit diesen Zeilen machen wollen?« – »Der Graf wird mich in Magdeburg sehen und wohl von neuem Händel suchen. Ihre Zeilen sollen mir als Ausweis dienen, daß ich Ihnen nicht etwa entflohen bin.« – »Ich werde Sie Ihnen schreiben, sobald ich die Depesche nach Mainz besorgt habe.« – »Tun Sie das. Nun Sie, Gendarm! Ich bin also entlassen?« – »Ganz und gar, Herr Kapitän«, antwortete der Polizist. – »So sind Sie unnütz bemüht worden.«

Der Mann zuckte die Achsel und meinte:

»Das muß man sich gefallen lassen!« – »Wirklich? Na, weil Sie sich so guten Mutes darein finden, will ich Ihnen diese Stimmung nicht verderben. Hier nehmen Sie.«

Geierschnabel griff in die Tasche, langte zwei Talerstücke hervor und reichte sie dem Polizisten hin. Der also Beschenkte bedankte sich auf das höflichste und verließ dann mit dem Stationsvorstand, der die Depesche besorgen wollte, das Zimmer. Draußen blieben die beiden noch einige Minuten beieinander.

»Eine eigentümliche Geschichte«, meinte der Gendarm. – »Und ein eigentümlicher Kerl«, flüsterte der Beamte. – »Sie konnten da in bedeutende Verlegenheit kommen.« – »Das ist richtig. Aber der Teufel mag es diesem Mann ansehen, daß er eine so wichtige Persönlichkeit ist.« – »Hm. Dieser Frack!« – »Dieser Hut!« – »Diese Weste!« – »Diese Lederhosen!« – »Ein Leinwandsack!« – »Eine alte Posaune! Unbegreiflich!« – »Aber Geld muß er haben, und zwar nicht wenig.« – »Das versteht sich ganz von selbst. Aber begreifen kann ich nicht, daß er in einem solchen Habit läuft.« – »Hm, ich habe einige amerikanische Reisen gelesen und dabei erfahren, daß die Präriejäger auf Kleider gar nichts geben. Sie pflegen im Gegenteil Ihr Äußeres oft absichtlich zu vernachlässigen.« – »Das wäre vielleicht eine Erklärung. Ein gutes Gemüt aber hat dieser Kapitän auf alle Fälle. Ich hätte nicht geglaubt, daß er die bedeutenden Kosten auf sich nehmen würde.«

Ja, ein gutes Gemüt hatte Geierschnabel allerdings. Und der Gedanke, dem Grafen zuvorzukommen und ihn zu verblüffen, hatte etwas so Erfreuliches, daß der alte, brave Jäger sich leicht dazu entschloß, die Kosten dieser Unterhaltung auf sich zu nehmen.

Eine Stunde später kam die verlangte Maschine an. Geierschnabel stieg abermals in ein Kupee erster Klasse, dieses Mal aber nicht von einem Donnerwetter empfangen; dann rasselte der kurze Train zum Bahnhof hinaus.

26. Kapitel.

Es war schon längst Nacht, als der Zug, mit dem Ravenow fuhr, Börsum erreichte. Hier gab es einige Minuten Aufenthalt. Ravenow harte es sich sehr bequem gemacht und sich sogar eine Zigarre angebrannt. Da ertönte draußen der Ruf:

»Magdeburg, erster Klasse!« – »Verdammt!« murmelte Ravenow. »Nun ist es aus mit dem Rauchen.«

Er stand bereits im Begriff, die Zigarre aus dem Fenster zu werfen, als das Kupee geöffnet wurde und sein Blick auf den Einsteigenden fiel. Er behielt die Zigarre in der Hand.

»Guten Abend«, grüßte der neue Passagier. – »Alle Teufel! Guten Abend, Herr Oberst«, antwortete Ravenow.

Der Neuangekommene fixierte den Sprecher schärfer und fragte dann:

»Sie kennen mich, mein Herr?« – »Natürlich. Ich hoffe nicht, daß Sie mich verleugnen wollen?« – »Verleugnen? Keineswegs. Mit wem habe ich die Ehre?«

Ravenow wußte gar nicht, was er denken sollte.

»Was, Sie kennen mich nicht?« fragte er. – »Leider, nein.« – »Das ist unmöglich.« – »Ich besinne mich wirklich nicht.« – »Das ist stark. Das ist unbegreiflich. Verlangen Sie wirklich, daß ich Ihnen meinen Namen sage?« – »Ich ersuche Sie um die Gefälligkeit.« – »Da stehen mir weiß Gott die Haare zu Berge. Sollte Ihr Gedächtnis oder vielmehr Ehr Augen während dieser Zeit so schwach geworden sein?«

Der Oberst zog ein befremdetes Gesicht.

»Ich wüßte nicht, daß ich über mein Auge und Gedächtnis zu klagen hätte«, meinte er, ein wenig pikiert.

Das Kupee war geschlossen worden, der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt.

»Nun, dann müßte es an mir liegen«, meinte Ravenow. »Sollte ich mich so verändert haben?« – »Möglich«, lächelte der Oberst. »Also bitte, Ihr Name.« – »Pah, das ist gar nicht notwendig. Hier ist das Erkennungszeichen!«

Dabei reckte Ravenow den rechten Arm empor, so daß man die imitierte Hand deutlich bemerken konnte. Der Oberst fuhr zurück.

»Was?« rief er. »Wäre es möglich?« – »Möglich? Was denn?« – »Sie wären Leutnant Ravenow?« – »Donner und Doria! Wer denn sonst?« – »Na, das hätte ich nicht denken können. Mensch, wie sehen Sie denn aus?«

Der Leutnant blickte den Oberst ganz erstaunt an.

»Wie ich aussehe? Ich verstehe Sie nicht.« – »Mein Gott, dort ist ja der Spiegel. Haben Sie denn nicht hineingesehen?«

Ravenow war allerdings bis jetzt so mit seinem Zorn beschäftigt gewesen, daß er merkwürdigerweise keinen einzigen Blick in den Spiegel geworfen hatte. Er stand auf, trat vor das Glas, fuhr aber sofort erschrocken zurück.

»Hölle und Teufel«, rief er. »Wer ist das? Das soll doch nicht etwa ich sein?« – »Wer denn sonst?« fragte der Oberst. – »So, so also bin ich zugerichtet! Na, warte, mein Bursche. Ich werde dir den Satan auf den Leib schicken. Ich kann mich weiß Gott vor keinem Menschen sehen lassen.« – »Das scheint mir auch so. Was haben Sie denn gehabt?« – »Hm. Eine ganz verdammte Geschichte.« – »Ein Sturz vielleicht?« lächelte der Oberst. – »Nein.« – »Oder vor Schreck? Man erzählt sich ja von Menschen, deren Gesicht vor Schreck oder Angst blauschwarz angelaufen ist.« – »Auch nicht«, antwortete Ravenow ärgerlich. – »Dann müßte man meinen, daß Sie aus einer recht intensiven Schlägerei kommen. Doch das ist ja unmöglich.« – »Oh, was das letztere betrifft, so gibt es sogenannte Unmöglichkeiten, die doch passieren. Ich werde Ihnen die Sache erzählen. Vorher aber eine Erklärung. Woher kommen Sie?« – »Aus Wolfenbüttel.« – »Wohin fahren Sie? Nur nach Magdeburg?« – »Nein, nach Berlin. Und Sie kommen?« – »Aus Mainz.« – »Und gehen?« – »Auch nach Berlin.« – »Ist mir lieb. Wenn Sie wüßten, weshalb ich nach Berlin gehe.« – »Ah, der Grund, der mich nach der Hauptstadt zieht, ist jedenfalls ebenso oder noch interessanter als der Ihrige. Sie werden staunen.« – »Sie ebenso.« – »Wirklich?« – »Sie machen mich neugierig.« – »So will ich Sie nicht martern. Ich komme infolge einer Depesche.« – »Ich ebenso. Es handelt sich um eine Angelegenheit, derentwillen es mir ganz lieb ist, Sie unterwegs zu treffen.« – »Ganz dasselbe habe ich auch Ihnen zu sagen. Leutnant von Golzen hat mir telegrafiert.« – »Wirklich?« fragte Ravenow überrascht. »Mir auch.« – »Ah!« rief nun seinerseits der Oberst. »Wann?« – »Gestern.« – »Mir auch. Kannte er Ihren Aufenthalt?« – Ja.« – »Den meinigen auch. Ich vermute jetzt, daß der Inhalt der beiden Depeschen derselbe ist.« – »Und daß wir aus derselben Ursache nach Berlin gehen.« – »Sie meinen doch diesen – diesen Schurken?« – »Diesen obskuren Helmers? Ja.« – »Golzen telegrafierte mir, daß der Kerl in Berlin eingetroffen sei. Er hat ihn vorgestern gesehen.« – »Ganz denselben Inhalt hatte auch meine Depesche. Ich brach natürlich heute auf.« – »Um Ihren damaligen Schwur zu halten?« – »Ja.« – »Und ich den meinigen. Rache für dieses hier.«

Der Oberst erhob nun seinerseits den rechten Arm. Auch er trug eine falsche Hand, die in einem Handschuh steckte.

Ravenow stampfte den Boden mit dem Fuß.

»Wenn ich an jene Zeit denke, könnte ich rasend werden«, knirschte er. »Jung, reich, Hahn im Korbe bei den Damen und eine Karriere vor sich. Da kam dieser verfluchte Mensch, und … ach!« – »Ist's mit mir nicht ebenso?« fragte der Oberst finster. »Ich stand im Begriff, General zu werden. Donnerwetter, Sie sind noch zu beneiden gegen mich.« – »Ich? Wieso?« – »Sie haben keine Frau.« – »Freilich. Ich begreife.« Ravenow stieß ein höhnisches Lachen aus. – »Diese Vorwürfe! Keine Pension! Wenig Vermögen!« – »Kommen Sie zu mir!« – »Danke. Es muß schon so viel werden, wie ich brauche, den Hunger zu stillen. Muße habe ich genug.« – »Ich ebenso. Ich habe sie gut benutzt.« – »Ich nicht weniger. Ich habe mich täglich mehrere Stunden geübt.« – »Im Schießen?« – Ja, im Schießen mit der linken Hand.« – »Gelingt es?« – »Ich behaupte, jetzt besser zu treffen als früher mit der Rechten.« – »Und ich führe den Degen jetzt mit der Linken ausgezeichnet. Dieser Helmers müßte gerade vom Teufel beschützt werden, wenn er zum zweiten Male davonkäme.« – »Sie beabsichtigen also wirklich …« – »Ich gehe nach Berlin, um ihn zu fordern«, meinte Ravenow kurz. – »Und ich gehe nach Berlin, um ihn kaltzumachen«, erklärte der Oberst. »Mögen die Folgen sein, welche sie wollen.« – »Pah, Folgen«, meinte der Leutnant verächtlich. »Hier handelt es sich um eine Rache, deren Gelingen auch für die schwersten Folgen entschädigen wird. Die Frage ist, ob wir den Kerl finden.« – »Jedenfalls.« – »Aber, wo?« – »Im Palast des Herzogs von Olsunna.« – »Wissen Sie, daß er dort abgestiegen ist?« – »Nein, ich vermute es, weil er stets dort gewohnt hat.« – »Sie mögen recht haben. Wissen Sie, wo er sich bisher befand?« – »Man munkelte von einer Reise nach Rußland.« – »Auch ich hörte davon. Dieser Schifferjunge hat ein Glück, das geradezu fabelhaft ist.« – »Mir gilt es gleich.« – »Mir auch. Ich fordere den Kerl, schieße ihn nieder und bin gerächt.« – »Aber ich hoffe, daß Sie mir die Vorhand lassen.« – »Wie damals? Warum?« – »Ganz aus dem früheren Grund.« – »Darüber läßt sich noch sprechen. Haben Sie bereits daran gedacht, wen Sie als Sekundanten engagieren werden?« – »Nein, das wird sich finden.« – »Meinen Sie? Ich denke, daß wir da auf Schwierigkeiten stoßen werden.« – »Welche?«

Der Oberst wurde ein klein wenig verlegen.

»Man wird vorsichtig sein«, meinte er. »Man wird sofort ahnen, daß es sich um Leben und Tod handelt.« – »Pah«, lachte Ravenow. »Sie können immerhin deutlich sprechen, ohne daß ich es Ihnen übelnehme. Sie meinen, daß unsere Ehre nicht mehr so glänzend erscheint wie früher.« – »Leider«, seufzte der Oberst. Jene Tage haben uns auch in dieser Beziehung viel Schaden gemacht.« – »Ich gebe keinen Heller darauf. Was ist Ehre? Diese Frage ist auch eine Pilatusfrage. Wie kommt es, daß die Ehre eines Offiziers zum Teufel ist, sobald derselbe von einem Stock berührt wird oder eine Ohrfeige bekommt? Tradition! Überlieferung von alten Urtanten und Urcousinen her!«

Ravenow schnippste mit den Fingern verächtlich in die Luft, aber seine Augen funkelten doch, wie unter einer zornigen Erregung.

Die Schläge des Amerikaners waren außerordentlich kräftig gewesen. Das ganze Gesicht des Leutnants war geschwollen; Nase und Lippen hatten eine dunkle, blauschwarze Färbung angenommen. Es war wirklich kein Wunder, daß der Oberst ihn nicht erkannt hatte.

»Hm«, meinte dieser. »Eine Ohrfeige ist doch etwas höchst Heikles, man mag es betrachten, wie man es will.« – »Aber auch der größte Ehrenmann ist nicht sicher vor einer solchen.« – »Das begreife ich nicht.« – »Nicht? Ich begreife es sehr gut; ich habe es sogar gefühlt.« – »Das klingt ja gerade, als hätten Sie die eigentümliche Färbung Ihres Gesichtes einer Anzahl von Ohrfeigen zuzuschreiben.« – »Nun, und wenn es in Wirklichkeit so wäre?« – »Ich wüßte nicht, was ich dann denken sollte. Man müßte da den vorliegenden Fall beurteilen können.« – »Gut, Sie sollen ihn beurteilen!« – »Ach, also doch«, rief der Oberst, dessen Interesse erregt war. – »Ja, also doch.« – »Man hat Ihnen eine Ohrfeige zu geben gewagt?« – »Eine? Viel mehr«, lachte Ravenow, aber sein Lachen war ein Lachen der Wut und des Grimmes. – »Wer wäre das gewesen? Hoffentlich ein – ein…« – »Nun, ein …« – »Ein Mensch, dessen Berührung nicht ganz und gar vernichtend auf das wirkt, was man Ehre nennt?« – »Gerade das Gegenteil. Der Kerl war ein Vagabund, ein ganz gewöhnlicher Vagabund.« – »Leutnant!« rief der Oberst erschrocken. – »Ein Vagabund«, wiederholte Ravenow, »ein herumziehender Musikant.« – »Da kann ich Sie nur bedauern, aber ich begreife Sie nicht.« – »Der Teufel hole Sie mit Ihrem Bedauern. Ich brauche es nicht.« – »Gut. Erzählen Sie!«

Ravenow erzählte nun den ganzen Vorgang.

»Ich erstaune. Ich hätte ihn ermordet oder wäre vor Wut zerborsten. Sie bemächtigten sich natürlich des Burschen?« rief endlich der Oberst. – »Das versteht sich. Er befindet sich jetzt hinter Schloß und Riegel und sieht einer exemplarischen Bestrafung entgegen.« – »Leutnant, Leutnant. Diese Affäre ist nicht etwa sehr ehrenhaft für Sie.« – »Ich weiß das selbst. Sie wundern sich, daß ich überhaupt davon erzähle.« – »Natürlich. Dergleichen Dinge verschweigt man am liebsten.« – »Erstens wollte ich Ihnen beweisen, daß auch der größte Ehrenmann nicht vor Ohrfeigen sicher ist.« – »Ich danke für diesen Beweis.« – »Und sodann sehen Sie ja mein Gesicht. Wie sollte ich Ihnen die Geschwulst desselben erklären?« – »Ein Sturz«, lächelte der Oberst. – »Hätten Sie dies geglaubt?« – »Aufrichtig gesagt, nein.« – »Sie sehen also; daß ich recht habe, Ihnen kein Hehl aus dem Geschehenen zu machen. Der Teufel aber weiß, wie lange diese impertinente Geschwulst anhalten wird.« – »Ist etwas Innerliches verletzt?« – »Nein.« – »So rate ich Ihnen, rohes Fleisch aufzulegen, und zwar sofort.« – »Woher es bekommen?« – »In Magdeburg. Wir werden sogleich die letzte Station vor dieser Stadt erreichen. Am Büfett oder in der Küche gibt es auf jeden Fall rohes Fleisch. Sie können es gut auflegen, da wir uns allein im Kupee befinden. Wir fahren drei Stunden bis Berlin, bis dahin kann die bedeutendste Hitze bereits gewichen sein.«

Sie fuhren jetzt eben in die Station ein, wo sie längere Zeit halten blieben. Dies fiel dem Obersten so auf, daß er das Fenster öffnete, um sich nach der Ursache dieser Verzögerung zu erkundigen.

»Schaffner«, fragte er, »warum wartet man so lange?« – »Es ist ein Extrazug angekündigt, den wir vorüberlassen müssen«, lautete die Antwort.

Es dauerte auch nicht lange, so kam der Extrazug herangerollt. Er bestand aus der Maschine und nur einem Wagen. Aus dem einen Fenster des letzteren blickte ein Kopf, dessen Augen den hier haltenden Zug lebhaft musterten. Der Oberst erblickte den Kopf, trotzdem der Extrazug mit großer Geschwindigkeit vorüberfuhr.

»Himmelbataillon!« rief er. – »Was denn?« rief Ravenow. – »Welch eine Nase das war.« – »Wo?« – »Aus dem Fenster guckte ein Kerl, der hatte eine Nase, fast so groß wie eine Pflugschar.« – »Ha! Größer kann sie unmöglich gewesen sein als die Nase des Vagabunden, mit dem ich es heute zu tun hatte.«

Jetzt setzte sich nun auch ihr Train wieder in Bewegung. Als sie Magdeburg erreichten, war von dem Extrazug bereits nichts mehr zu sehen. Da Ravenow es vermeiden wollte, sich erblicken zu lassen, so ging der Oberst an das Büfett und ließ sich ein Quantum rohgewiegtes Fleisch geben, das er seinem Reisegefährten brachte. Dieser legte es, als sie wieder im Kupee saßen, in sein Taschentuch und band sich dasselbe aufs Gesicht, gerade als der Zug sich wieder in Bewegung setzte.

Der Leutnant hatte das geschwulststillende Mittel kaum eine Minute aufliegen, so seufzte er erst leise, dann lauter und ließ darauf sogar ein Stöhnen hören.

»Was gibt es? Was haben Sie?« – »Wissen Sie genau, daß rohes Fleisch hilft?« – »Ja. Es zieht in kürzester Zeit die Geschwulst zusammen.« – »Aber es brennt furchtbar.« – »Das muß es auch.« – »So sehr?« – »Es wird wohl zum Aushalten sein.« Ravenow schwieg, begann aber bald wieder zu stöhnen, rückte auf seinem Platz hin und her und riß endlich das Tuch herunter.

»Ich halte es nicht aus«, meinte er. – »So schlimm kann es doch unmöglich sein«, sagte der Oberst verwundert.

Da hielt Ravenow das Fleisch an die Nase.

»Haben Sie gesagt, wozu Sie das Fleisch wollen?« fragte er. – »Nein, natürlich nicht« – »In welcher Weise verlangten Sie es?« – »Ich fragte nach rohem Rindfleisch und erhielt zur Antwort, daß solches in Stücken nicht mehr zu haben, sondern nur noch gewiegt vorrätig sei. Daher ließ ich mir von letzterem geben.« – »Ohne zu fragen, ob es auch rein sei?« – »Unsinn. Womit sollte man es verunreinigt haben?« – »Verunreinigt nicht; aber hier, Oberst, riechen Sie.«

Ravenow hielt dem Reisegefährten das Tuch mit dem Fleisch an die Nase.

»Danke«, meinte der Oberst »Ich habe niemals einen besonders scharfen Geruch gehabt, und heute leide ich am Schnupfen, der beinahe chronisch zu werden scheint Ich rieche absolut nichts.« – »So kosten Sie wenigstens einmal.« – »Von dem Fleisch?« fragte der Oberst erschrocken. »Welches sich in Ihrem Taschentuch befindet?« – »Natürlich.« – »Und das Sie auf der geschwollenen Backe liegen hatten?« – Ja.« – »Donnerwetter! Da muß ich denn doch bestens danken!« – »Eigentlich sollten Sie aber zur Strafe doch kosten müssen!« – »Warum?« – »Weil dieses Fleisch bereits zu rohen Beefsteaks vorbereitet gewesen ist. Verstanden?« – »Unmöglich!« – »Es ist eine ganz unverschämte Quantität Salz, Pfeffer und Zwiebel daran. Und das soll eine Geschwulst mildern?« – »Hm! Das tun der Pfeffer und die Zwiebel freilich nicht. Wie dumm von diesen Leuten! Werfen Sie das Zeug zum Fenster hinaus.«

27. Kapitel.

Gerade als Ravenow dem Ruf des Obersten Folge leistete, rollte der Zug in Neustadt-Magdeburg ein und hielt, um etwaige Passagiere aufzunehmen. Da erklang in der Nähe des Kupees die Frage:

»Nach Berlin, Schaffner?« – »Ja, weiter vorn.« – »Vorn ist ja die dritte Klasse.« – »Welche fahren denn Sie?« – »Erste.« – »Sie? Wirklich erste?« – »Sie haben es gehört.« – »Zeigen Sie Ihr Billett.« – »Hier.«

Man konnte vom Kupee aus nichts sehen, aber der Schaffner betrachtete jedenfalls das Billett, dann hörte man ihn sagen:

»Richtig! Steigen Sie schnell hier ein. Es geht augenblicklich fort.«

Er öffnete die Tür, und der Passagier stieg ein.

»Guten Morgen«, grüßte er höflich.

Er erhielt keine Antwort, denn Ravenow konnte vor Staunen nicht sprechen, und der Oberst antwortete aus Indignation nicht, da der Eingetretene nicht ein Mann zu sein schien, dessen Gruß man zu beantworten brauchte.

Der Fremde setzte sich, und sofort brauste der Zug weiter.

»Herr, mein Heiland!« stieß da Ravenow hervor. – »Was ist?« fragte der Oberst.

Der Gefragte deutete wortlos auf den Fremden, der es sich mit seinem Sack, seiner Flinte und Posaune so bequem wie möglich zu machen suchte. Der Oberst betrachtete ihn ein Weilchen und richtete dann den Blick auf Ravenow. Dieser hatte sich inzwischen von seiner Bestürzung erholt.

»Oberst, wissen Sie, wer dieser Mensch ist?« fragte er hastig.

Der Gefragte antwortete halblaut:

»Ganz sicher jener Mann, dessen fürchterliche Nase mit dem Extrazug eingerasselt kam.« – »Es ist mein Mann, mein Mann!« – »Ihr Mann? Wie denn? Wie meinen Sie das?« – »Der Vagabund, der – ach, die Ohrfeigen.« – »Donnerwetter! Ist's wahr?« – »Freilich!« – »Ich denke, er ist gefangen?« – »Ja, er wird abermals entflohen sein.« – »Mit einem Extrazug?« – »Wer kann wissen, wie es zugegangen ist. Wann kommen wir zur nächsten Station?« – »In sechs Minuten nach Biederitz.« – »Dort lassen wir ihn festnehmen.« – »Irren Sie sich nicht? Wissen Sie genau, daß er es ist?« – »Wie wäre bei dieser Nase und der Posaune ein Irrtum möglich!« – »Werde gleich sehen.«

Der Oberst warf sich in eine höchst unternehmende Haltung, wandte sich an Geierschnabel und fragte:

»Wer sind Sie?«

Geierschnabel antwortete nicht.

»Wer sind Sie?« wiederholte der Oberst.

Abermals keine Antwort.

»Hören Sie! Ich habe gefragt, wer Sie sind.«

Um das Rollen der Räder zu übertönen, hatte der Oberst die letzte Frage fast brüllend ausgesprochen. Da nickte Geierschnabel ihm äußerst freundlich zu und antwortete:

»Was ich bin? Ein Passagier.« – »Das weiß ich!« rief der Oberst »Ihren Namen will ich wissen!« – »Schön. Sie sollen ihn erfahren.« – »So sagen Sie ihn doch auch.« – »Hm. Wann wollen Sie ihn denn wissen?« – »Natürlich gleich.« – »O weh! Ich habe ihn leider gerade nicht bei der Hand.« – »Treiben Sie keinen Blödsinn! Woher kommen Sie?« – »Von Mainz.« – »Ah, Sie waren beim Polizeikommissar von Ravenow?« – »Allerdings.« – »Und unterwegs wurden Sie abermals arretiert?« – »Leider.« – »Wie kommen Sie nach Magdeburg?« – »Mittels Extrazuges.« – »In den Sie sich eingeschmuggelt haben? Man wird dafür sorgen, daß Sie nicht wieder entkommen, Sie Lumpazi vagabundus!« – »Lumpazi? Vagabundus? Hören Sie, gutes Männchen, sprechen Sie in meiner Gegenwart diese beiden Worte nicht wieder aus!«

Der Oberst bog sich in herausfordernder Art zu ihm herüber.

»Weshalb?« fragte er. – »Die Antwort könnte Ihnen nicht gefallen.« – »Soll dies etwa eine Drohung sein?« – »Nein, sondern eine Warnung.« – »Die brauche ich nicht. Behalten Sie dieselbe für sich.«

Endlich hatte Ravenow einen Entschluß gefaßt. Er sah in dem Oberst einen Verbündeten, auf den er rechnen konnte; sie beide waren dem Fremdem jedenfalls gewachsen. Es war Zeit, ihm seine Ohrfeigen mit Zinsen zurückzugeben und ihn dann arretieren zu lassen.

»Bitte, sprechen Sie nicht mit diesem flegelhaften Geschöpf«, sagte Ravenow daher zu dem Oberst. »Ich werde ihn der Polizei übergeben, die am besten weiß, was mit einem solchen Lump anzufangen ist.«

Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, so geschah ein lauter Klatsch. Geierschnabel hatte dem Sprecher eine so fürchterliche Ohrfeige appliziert, daß er von seinem Sitz herunterflog.

Da sprang der Oberst empor und faßte Geierschnabel bei der Brust.

»Halunke!« rief er. »Das sollst du büßen!« – »Hand weg! Augenblicklich!« gebot Geierschnabel, indem seine Augen funkelten.

Er befand sich noch auf seinem Platz, während der Oberst vor ihm stand.

»Was?« antwortete der letztere. »Befehlen willst du mir? Da nimm hin, was dir gehört!«

Er holte zu einer Ohrfeige aus, brach aber in demselben Augenblick mit einem lauten Schmerzensschrei zusammen. Geierschnabel hatte mit der Linken den Hieb pariert und ihm die rechte Faust boxgerecht in der Weise in die Magengrube gestoßen, daß er sofort kampfunfähig war.

Ravenow konnte seinem Verbündeten nicht zu Hilfe kommen. Die letzte Ohrfeige war eine so intensive gewesen, daß er genug hatte. Es war ihm, als ob sein Kopf ein gigantischer Luftballon sei, in dem es keinen einzigen Gedanken gab. Es brummte und summte um ihn herum, er hatte kein Gefühl, keinen Gedanken und keinen Willen mehr. Und der Oberst hockte mit zusammengeklapptem Leib auf dem Sitz und stieß ein angstvolles Wimmern aus.

»Das habt Ihr von dem Lumpazi vagabundus!« rief Geierschnabel. »Ich werde Euch lehren, höflicher zu sein.« – »Mensch, was hast du gewagt!« stöhnte der Oberst. – »Gar nichts. Was wäre bei Euch zu wagen!« – »Ich lasse dich arretieren.« – »Werden sehen!« – »Vorsätzliche Körperverletzung wird mit Zuchthaus bestraft.« – »Das sind auch schöne Körper, die sich so leicht verletzen lassen! Bist wohl auch ein Offizier, mein Junge? Ja, renommieren könnt Ihr, aber bei so einem guten Trapperstoß, da knickt Ihr zusammen.« – »Wir werden dich schon zähmen!« stieß der Oberst mit Mühe hervor. – »Das wird sich sogleich zeigen.«

Die Maschine gab in diesem Augenblick das Zeichen, daß man an einer Station ankomme. Als der Zug hielt, öffnete Geierschnabel das Fenster und rief den Schaffner an. Dieser kam herbeigeeilt.

»Was befehlen Sie?« fragte er diensteifrig. – »Schnell den Zugführer und Stationsvorsteher her!« – »Weshalb?« – »Eine Beschwerde.« – »Wir haben keine Zeit.« – »Es muß Zeit werden. Ich bin im Kupee überfallen worden.«

Das half sofort. Der Schaffner sprang davon, und zwei Sekunden später kamen die beiden Gewünschten herzu. Geierschnabel hatte die ganze Fensteröffnung eingenommen, so daß seine beiden Mitreisenden gar nicht gehört werden konnten.

»Was ist's? Was wünschen Sie?« fragte der Zugführer von weitem. – »Wie lange halten Sie hier?« – »Nur eine Minute. Sie ist bereits verflossen. Wir müssen fort.« – »Gedulden Sie sich nur noch eine. Ich werde Sie nicht länger aufhalten. Herr Stationsvorsteher, ich bin heute im Kupee zum zweiten Male überfallen worden; ich bitte, meine beiden Mitreisenden zu arretieren.« – »Wer sind Sie, mein Herr?« – »Hier, mein Paß!«

Geierschnabel hatte ihn bereitgehalten. Es war noch nicht Tag. Der Vorsteher prüfte den Paß beim Schein der Laterne und sagte dann:

»Ich stelle mich zur Verfügung, Herr Kapitän. Wer sind die beiden Männer?« – »Der eine gibt sich für einen Grafen aus, der andere ist sein Spießgeselle. Glücklicherweise ist es mir gelungen, sie einstweilen unschädlich zu machen. Darf ich aussteigen?« – »Ich bitte Sie darum. Leute her!«

Es war kein Polizist zugegen, aber infolge des letzten Rufes kamen einige Bahnarbeiter herbei, die genügend erschienen, zwei Arrestanten zu überwältigen.

Das war viel schneller geschehen, als man zu erzählen vermag. Der Oberst und Ravenow hatten jedes Wort gehört, das gesprochen wurde, und beide waren über das unerwartete Vorgehen Geierschnabels so erstaunt und verwirrt, daß sie sprachlos sitzen blieben, selbst als der Schaffner die Tür öffnete und der Amerikaner hinaussprang.

»Wo sind sie?« fragte der Vorsteher. – »Da sitzen sie«, antwortete Geierschnabel.

Da bog sich der Vorsteher in das Kupee hinein und befahl:

»Bitte, aussteigen. Aber schnell!« – »Das geht nicht«, antwortete der Oberst. Wir sind …« – »Weiß schon«, unterbrach ihn der Beamte. »Heraus! Heraus!« – »Donner und Doria!« rief jetzt Ravenow. »Wissen Sie, daß ich Leutnant Graf von Ravenow bin?«

Der Beamte leuchtete ihm mit einer Laterne in das Gesicht und antwortete mit überlegenem Achselzucken.

»Schön! Sie sehen ganz wie ein Graf aus. Steigen Sie endlich aus, sonst werde ich Gewalt anwenden müssen.« – »Unser Gepäck …« wollte der Oberst sagen. – »Wird alles besorgt. Heraus damit, Ihr Leute!«

Die beiden früheren Offiziere mußten heraus. Sie wurden einstweilen gar nicht angehört, sondern in einem sicheren Zimmer bewacht. Geierschnabel blieb bei dem Vorsteher, der die Wegnahme des Gepäckes überwachte.

»Schöne Sachen!« lachte einer der Arbeiter. »Da ist wahrhaftig eine alte Posaune! Herrjesses, diese Knillen und Löcher! Welch ein Elend muß es sein, diese alte Karline brummen zu hören.« – »Und hier ein Sack«, meinte der andere. »Das ist der richtige Beweis, daß diese Kerle Spitzbuben sind. Gehören eine Posaune und so ein Sack in die erste Klasse? Na, der Trödel, der drinstecken wird.«

Sie hielten Geierschnabels Gepäck für das Eigentum der beiden anderen, und er gab sich keine Mühe, sie über den richtigen Sachverhalt aufzuklären. Als das Kupee geleert war, rollte der Zug von dannen, die Effekten der beiden Offiziere mitnehmend, da sie sich nicht im Kupee, sondern unter dem Passagiergut befunden hatten.

»Bitte, wollen Sie mir folgen, Herr Kapitän?« bat der Vorstand und geleitete ihn in seine Expedition, wo er ihn einlud, sich niederzusetzen.

Geierschnabel tat dies und zog seine übrigen Papiere hervor.

»Ich will meine Legitimation vervollständigen«, sagte er. »Haben Sie die Güte, Einsicht zu nehmen.«

Der Beamte las die Dokumente durch. Er fühlte sich von Respekt durchdrungen. Ein Bekannte des berühmten Juarez! Nur eins kam ihm sonderbar vor: die Kleidung dieses berühmten Mannes. Daher sagte er:

»Hier Ihre Papiere zurück, Herr Kapitän. Es genügte der zuerst gelesene Paß; ich sehe nun aber, mit welch einem Herrn ich zu tun habe. Würden Sie mir eine Frage gestatten?« – »Sprechen Sie.« – »Selbst wenn die Frage zudringlich erscheint?« – »Ich werde antworten.« – »Warum kleiden Sie sich nicht Ihrem Stande gemäß?«

Da machte Geierschnabel eine sehr wichtige, geheimnisvolle Miene, legte die Hand an den Mund und antwortete:

»Inkognito.« – »Ah, so! Man soll nicht wissen, wer Sie sind.« – »Nein. Darum der Sack, das Futteral und die Posaune.« – »Ah, diese sind Ihr Eigentum?« – »Ja; ich reiste als Musikus.« – »Ich begreife.« – »Ich hoffe, daß mein Inkognito bei Ihnen nicht Gefahr läuft« – »Ich habe gelernt, zu schweigen. Darf ich nun vielleicht um Ihren Bericht bitten?« – »Ich gebe Ihnen denselben zwar kurz, aber gern. Ich komme von Mainz. Als ich dort in ein Kupee erster Klasse stieg, saß der Mensch darin, der der jüngere der beiden ist. Er gab sich für einen Grafen aus und fing Händel mit mir an. Ich vermute, daß er ein französischer Spion ist, der mir folgt, um mich auf alle Weise zu verhindern, bei Herrn von Bismarck zu erscheinen, zu dem ich von Juarez geschickt werde.« – »Wir werden dafür sorgen, daß diesem Herrn Franzosen alle weitere Lust zu Intrigen vergeht.« – »Ich hoffe es. Also, er fing Händel mit mir an, und ich gab ihm einige Ohrfeigen.« – »Recht so.« – »Freut mich, daß Sie mir beistimmen. Leider aber stieg er unterwegs aus, gab sich für einen Grafen aus und mich für einen Vagabunden. Der dortige Stationsvorsteher besaß nicht Ihren Scharfblick und Ihre Menschenkenntnis. Ich wurde festgehalten, den anderen aber ließ man weiterfahren.« – »Welch eine ungeheure Albernheit«, rief der geschmeichelte Beamte. »Man sieht doch sofort schon beim ersten Blick, daß Sie ein einflußreicher Mann inkognito sind. Weiter.« – »Der sogenannte Graf hatte sich nur durch eine Visitenkarte legitimiert; mich hörte man gar nicht an. Aber als ich später meine Dokumente vorlegte und erklärte, daß ich eine Konferenz versäume, zu der Bismarck mich erwarte, fühlte sich dieser gute Vorsteher geradezu niedergeschmettert Eigentlich beabsichtigte ich, ihn bestrafen zu lassen, aber er gab so gute Worte, daß ich davon absah. Ich nahm bis Magdeburg einen Extrazug, um meinem Zug nachzukommen, ließ mir aber von dem Vorstand erst diese Zeilen geben. Ich ahnte nämlich, daß der sogenannte Graf, sobald er mich wieder erblicke, mir neue Hindernisse in den Weg legen werde.«

Der Beamte las die Bescheinigung durch und sagte dann:

»Das ist mir von hohem Wert. Mein Kollege da hinten erklärt, daß er durch die falschen Angaben des Grafen verführt worden sei. Mich soll er nicht verführen. Bitte, fahren Sie fort.« – »Ich kam nach Magdeburg, und als ich in das Kupee stieg, erblickte ich meinen Widersacher. Ein zweiter war bei ihm.« – »Da begann wohl die Machination?« – »Ja. Sie fingen wieder Streit an. Der andere wollte mich prügeln. Ich gab aber dem Grafen eine Ohrfeige, daß er genug hatte, und dem anderen einen Stoß in die Magengrube, daß ihm die Luft ausging. Glücklicherweise langten wir dann gleich hier an. Hätten sich die beiden wieder erholen können, so wäre es wohl um mich geschehen gewesen.« – »Ich werde sie bei den Haaren nehmen. Aber apropos, halten Sie den anderen auch für einen Franzosen?« – »Nein, sondern für einen Russen. Sie wissen doch, daß Rußland gerade die deutschen Grenzen besetzt. Der Teufel weiß, was dieser Mann in Deutschland machen und ausführen soll.« – »Wir wollen ihm das Handwerk legen. Genehmigen Sie, daß ich sie verhöre.« – »Gern.« – »Natürlich sind Sie dabei. Ich bitte, mir zu folgen.«

Der Beamte führte Geierschnabel nach dem Zimmer, in dem die beiden Gefangenen untergebracht waren. Sie befanden sich da unter der Aufsicht von zwei Bahnarbeitern, die kein Auge von ihnen wendeten.

Gleich als die beiden eintraten, brauste Ravenow auf.

»Wie können Sie sich unterstehen, uns als Gefangene zu behandeln!« – »Ruhe!« rief ihm der Beamte entgegen. – »Ich frage, wie Sie es wagen können …« – »Und abermals Ruhe, sonst verschaffe ich mir welche! Sie haben nur dann zu antworten, wenn ich frage.« – »Richtig! So muß es sein«, bemerkte der eine der Arbeiter.

Geierschnabel bekam einen Stuhl, und nun fragte der Stationsvorsteher zunächst den Obersten nach seinen Namen. Dieser nannte ihn.

»Haben Sie eine Legitimation bei sich?« – »Wozu? Ich werde doch nicht ein Dutzend Pässe einstecken, wenn ich von Wolfenbüttel nach Berlin gehe.« – »Also Sie haben keine Legitimation bei sich?« – »Nein.« – »Hm, hm. Sind Sie in Rußland bekannt?« – »Ich war einmal auf Urlaub dort.« – »Bei wem?« – »Ich habe Verwandte da. Warum?« – »Nicht Sie haben zu fragen, sondern ich.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter gravitätisch bei. – »Aber wie kommen Sie auf Rußland zu sprechen?« fragte trotzdem der Oberst. – »Das werden Sie besser wissen als ich.« – »Donnerwetter! Sie wollen mich wohl gar als im Einvernehmen mit Rußland herausspielen? Das wäre denn doch zu famos!« – »Was Sie für famos halten, ist mir gleichgültig. Einstweilen zu dem anderen. Wie heißen Sie, und was sind Sie?« – »Ich bin Leutnant Graf von Ravenow.« – »Können Sie das beweisen?« – »Ja.« – »Sie haben eine Legitimation?« – »Ja, hier.«

Ravenow griff in die Tasche und brachte eine Visitenkarte hervor.

»Haben Sie nichts anderes?« fragte der Beamte. – »Nein.« – »Die Karte gilt nichts. Jeder kann sich auf irgendeinen beliebigen Namen Karten drucken lassen.« – »Alle Teufel, ich gebe aber mein Wort, daß ich der bin, für den ich mich ausgebe!« – »Was geht mich Ihr Wort an! Sprechen Sie französisch?« – Ja.« – »Kennen Sie Frankreich?« – »Sehr gut. Warum?« – »Nur ich habe zu fragen; Sie aber haben zu antworten.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter bei. – »Sie geben zu, daß Sie Frankreich kennen, das genügt«, fuhr der Beamte fort. »Sie haben mir nun zu sagen, woher Sie kommen.« – »Aus Mainz.« – »Dort stieg dieser Herr mit ein?« – Ja. Aber ein Herr soll er sein? Pah! Ein Lump ist er!« – »Bemühen Sie sich nicht, ihn anzuschwärzen. Ich kenne ihn genau. Sie haben ihn an einem Anhaltepunkt hinter Mainz arretieren lassen?« – »Ja.« – »Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen.« – »Unsinn!« – »Der dortige Vorstand schreibt mir, daß Sie ihn irregeleitet haben.« – »Wie könnte sein Brief bereits hier sein?« – »Das ist meine Sache.« – »Richtig! So muß es sein«, stimmte der Arbeiter bei. – »Wo trafen Sie mit dem anderen hier zusammen, der sich für einen Obersten ausgibt?« fuhr der Stationsvorsteher fort. – »Unterwegs.« – »Sie hatten sich bestellt?« – »Nein, es war zufällig.« – »Sie kannten sich?« – »Ja, schon sehr lange.« – »Woher?« – »Dumme Frage! Wir haben in demselben Regiment gedient.« – »Wenn Sie noch einmal den Ausdruck gebrauchen, dessen Sie sich bedienten, werde ich mein Verhalten gegen Sie verschärfen!« – »Richtig. So muß es sein«, meinte der Arbeiter, indem er Ravenow einen Stoß in die Seite versetzte. – »Kerl!« brauste der Leutnant auf. »Rühre mich nicht noch einmal an, sonst schlage ich dich zu Boden!« – »Das werden wir zu verhindern wissen«, sagte der Vorstand. »Herr Kapitän, wünschen Sie, daß wir sie binden lassen?« – »Ja, ich beantrage, sie zu fesseln«, erklärte Geierschnabel. – »Was?« fragte Ravenow. »Kapitän will dieser Mensch sein? Was denn für einer, he?« – »Ich wiederhole, daß Sie hier gar nicht zu fragen haben.«

Der Arbeiter war zur Seite getreten, um eine Rolle starker Packschnur hervorzusuchen. Jetzt kam er damit herbei und meinte:

»Richtig! So muß es sein. Her mit den Händen!« – »Ich lasse mich nicht binden; ich bin ein Edelmann!« rief Ravenow. – »Sie haben mit Tätlichkeiten gedroht, ich muß Sie binden lassen«, antwortete der Beamte. »Leisten Sie Widerstand, so sehe ich mich gezwungen, mit größter Strenge gegen Sie zu verfahren.«

Ravenow blickte den Obersten fragend an. Dieser antwortete:

»Keine Gegenwehr. Diese Leute sind der Beachtung gar nicht wert. Man wird uns eine glänzende Genugtuung geben müssen.« – »Davon bin ich überzeugt. Aber wehe dann diesen Kerlen! Da bindet mich, doch sage ich Euch, daß es Euch teuer zu stehen kommen wird.« – »Ein Graf, der sich Ohrfeigen geben läßt, wird uns nicht sehr gefährlich werden können«, meinte der Vorstand. »Aber was ist denn das? Es fehlt Ihnen beiden ja die rechte Hand.«

Der Beamte erhielt keine Antwort. Über Geierschnabels Gesicht ging ein lustiges Wetterleuchten; er sagte rasch:

»Donner, da fällt mir etwas ein. Das ist außerordentlich wichtig.« – »Was?« fragte der Beamte. – »Vor zwei Jahren wurden in Konstantinopel zwei Spione ertappt. Der eine war ein Russe, gab sich aber für einen preußischen Obersten aus, und der andere war ein Franzose, gab sich aber für einen deutschen Grafen und Leutnant aus. Der Sultan milderte das Todesurteil, er schenkte ihnen das Leben, ließ aber beiden die rechte Hand abhacken.« – »Unsinn!« rief der Oberst. – »Verdammte Lüge!« erklärte der Leutnant. – »Ruhe«, gebot der Stationsvorstand. »Ich weiß jetzt ganz genau, woran ich mit Euch bin. Herr Kapitän, wünschen Sie, daß ein Protokoll aufgenommen werde?« – »Das ist nicht nötig. Der Prozeß wird in Berlin gemacht werden. Die Hauptsache ist, daß man sie hier nicht entkommen läßt.« – »Dafür werde ich sorgen. Ich werde sie den Gendarmen übergeben, bis dahin aber sollen sie gefesselt und hinten im Gewölbe eingeschlossen und bewacht werden. Schafft sie fort!« – »Richtig, so muß es sein!« triumphierte der Arbeiter.

Die beiden verunglückten Offiziere verzichteten auf jede weiteren Einsprüche. Es wurden ihnen die gesunden Arme an den Leib gebunden, und darauf schaffte man sie in das Gewölbe.

»Da haben wir einen wichtigen Fang gemacht«, sagte der Stationsvorsteher erfreut zu Geierschnabel. – »Einen höchst wichtigen«, antwortete dieser. »Wann geht der nächste Zug nach Berlin ab?« – »In drei Stunden.« – »Mit diesem fahre ich. Ich werde unseren Fang dort gleich zur Meldung bringen, und dann empfangen Sie telegrafische Instruktion.«

So geschah es. Mit dem nächsten Zug dampfte Geierschnabel nach Berlin, während die beiden Gegner des listigen und übermütigen Jägers in ihrem Gewölbe auf Rache sannen.

28. Kapitel.

Beim Aussteigen in der Residenz erregte Geierschnabels ungewöhnliche Erscheinung natürlich kein geringes Aufsehen. Er entging demselben dadurch, daß er sich in eine Droschke setzte, deren Kutscher er als Ziel den Gasthof zur Stadt Magdeburg angab. Als er dort den Wagen verließ, wurde er nicht weniger angestaunt. Schon seine Physiognomie war auffällig, und seine Kleidung glich ganz derjenigen eines gewöhnlichen Mannes, der auf einem Volksmaskenball als altmodischer Dorfmusikus erscheint.

Er lächelte bei den erstaunt auf ihn gerichteten Blicken wohlgefällig in sich hinein und fragte den herbeigetretenen Oberkellner:

»Das ist der Gasthof zur Stadt Magdeburg?« – Ja«, antwortete der Gefragte. – »Kann ich ein Zimmer bekommen?«

Der Kellner betrachtete sich den Mann abermals und meinte dann:

»Hm. Sie sind jedenfalls nicht von hier?« – »Ich glaube nicht.« – »Haben Sie Legitimation?« – »Das glaube ich.« – »So kommen Sie.«

Damit führte der Kellner den sonderbaren Gast durch den Flur auf den Hof, wo er eine Tür öffnete.

»Hier herein!« sagte er.

Geierschnabel trat ein und blickte sich um. Es war ein dunkles, rauchiges Gewölbe. Auf dem Fenster standen verschiedene Wichs- und Schmierrequisiten, in einer Ecke lag ein Werkzeugkasten, an den Wänden hingen zahlreiche Kleidungsstücke, auf Reinigung harrend, und an einer Tafel saßen mehrere Personen bei Schnapsgläsern, sich mit einer schmutzigen Karte beschäftigend.

»Donnerwetter! Was ist denn das für ein Loch?« fragte er. – »Die Hausknechtstube.« – »Was habe ich bestellt, die Hausknechtstube oder ein Zimmer?«

Der Oberkellner lächelte vornehm und meinte:

»Allerdings ein Zimmer. Aber sagen Sie, was Sie darunter verstehen?« – »Nun, diese Hölle jedenfalls nicht.« – »Sie sind es wohl feiner gewöhnt?« – »Allerdings«, nickte Geierschnabel. – »Das sieht man Ihnen nicht an.« – »So etwas kommt öfters vor. Sie halten mich nicht für fein, und ich bin es doch. Bei Ihnen aber findet wohl das Gegenteil statt?« – »Wie meinen Sie das?« – »Sie sehen fein aus, sind es aber nicht.«

Da zog der Oberkellner ein höchst indigniertes Gesicht und erwiderte:

»Alter Freund, solche Retourkutschen sind bei uns nicht Mode. Wenn Sie bei uns bleiben wollen, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein.« – »Sie versprechen sich wohl, es muß heißen, wenn ich bei Ihnen bleiben soll, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein. Also ein Zimmer.« – »Wie hoch?« – »Neuntausendsechshundertfünfundachtzig Ellen.«

Die am Tisch sitzenden Handwerksburschen lachten, der Kellner aber zeigte ein verdrießliches Gesicht und antwortete:

»Sie scheinen sehr schwer von Begriff zu sein. Ich meine, wie hoch im Preis Sie das Zimmer verlangen.« – »Dann scheinen Sie sehr schwer in Ausdrücken zu sein. Sprechen Sie deutlich, wie es sich für einen Mann gehört, dessen Pflicht es ist, die Gäste zu bedienen. Ich verlange ein anständiges Zimmer. Der Preis ist Nebensache.«

Da machte der Kellner eine tiefe, höhnische Verbeugung und sagte:

»Ganz wie Sie befehlen. Kommen Sie.«

Er führte Geierschnabel nun zurück und eine Treppe empor. Droben auf dem ersten Korridor stand eine Tür offen. Sie führte in ein fein ausgestattetes Vorzimmer, an das sich ein noch eleganteres Wohnzimmer anschloß. Durch eine zweite Tür konnte man in ein daranstoßendes Schlafzimmer blicken.

»Genügt Ihnen das?« fragte der Oberkellner, in der Erwartung, daß der Gast ganz erschrocken zurücktreten werde.

Dieser aber warf einen gleichmütigen Blick um sich und antwortete:

»Hm. Vornehm noch lange nicht, aber auch nicht übel!«

Es ärgerte den Kellner, sich in seiner Erwartung getäuscht zu sehen. Er meinte schnell und in pikiertem Ton:

»Seine Erlaucht Graf Waldstetten haben zwei Tage hier logiert.« – »Das wundert mich. So ein Graf pflegt Ansprüche zu machen.« – »Sie doch nicht etwa auch?« – »Warum nicht? Ist der Titel etwa etwas so Besonderes? Sind zum Beispiel Sie etwa ein geringerer Orang-Utan als so ein Graf? Ich werde dieses Logement behalten.«

Der Kellner hatte sich nur einen Scherz machen wollen. Jetzt erschrak er. Wie nun, wenn dieser Kerl wirklich hier blieb und dann nicht bezahlen konnte? Diese elegante Ausstattung, diese feinen, neuüberzogenen Betten, und dieser Mensch, der aus Großmutters Rumpelkammer zu kommen schien.

»Das Logis kostet acht Taler pro Tag«, rief er eilig. – »Mir gleich.« – »Ohne Pension.« – »Ganz gleich.« – »Und ohne Servis.« – »Ist mir sehr gleichgültig.«

Da erschien die Gestalt eines Mädchens, das bisher im Schlafzimmer zu schaffen gehabt hatte. Es war dieselbe Kellnerin, die eine Jugendbekannte von Kurt Helmers war und diesen damals unterstützt hatte, das Geheimnis des Kapitäns Landola zu erforschen. Sie hatte den kurzen Wortwechsel gehört und war nun neugierig, den Mann zu sehen, der dem Oberkellner in dieser Weise zu schaffen machte.

»Ihre Legitimation?« sagte dieser jetzt. – »Donnerwetter, ist das hier so eilig?« fragte Geierschnabel.

Der Gefragte zuckte die Achseln und erwiderte:

»Wir sind polizeilich darauf angewiesen, kein Zimmer zu vergeben, ohne zu wissen, mit wem wir es zu tun haben.« – »So ist Ihr Haus wohl eine ganz gewöhnliche Kneipe, in der man gar nicht weiß, was ein Fremdenbuch ist?«

Geierschnabel sprach das in einem Ton, der dem Kellner doch imponierte.

»Sie können ein Fremdenbuch haben«, antwortete dieser. – »So bringen Sie es. Aber sagen Sie vorher, ob Sie einen gewissen Husarenleutnant Kurt Helmers kennen.« – »Nein.« – »Ist also nicht eingetroffen?« – »Weiß nichts von ihm.«

Da trat das Mädchen näher und sagte:

»Ich kenne den Herrn Leutnant sehr gut.« – »Ah! Hat er bereits hier logiert?« fragte Geierschnabel. – »Nein. Ich kenne ihn, weil ich nicht weit von Rheinswalden her bin.« – »So; ich komme von Rheinswalden. Ich traf ihn beim Herzog von Olsunna, und wir versprachen einander, uns heute hier zu treffen.« – »So kommt er sicher«, meinte das Mädchen freundlich. »Sollen Sie auch für ihn ein Zimmer bestellen?« – »Davon sagte er mir allerdings nichts. Aber«, wandte Geierschnabel sich an den Oberkellner, »was stehen Sie denn noch hier? Habe ich Ihnen nicht befohlen, mir das Fremdenbuch zu bringen?« – »Sofort, mein Herr«, meinte der Kellner, jetzt allerdings in einem ganz anderen Ton. »Befehlen Sie noch etwas?« – »Etwas zu essen.« – »Ein Frühstück? Ich werde die Karte bringen.« – »Nicht nötig, es ist mir ganz gleichgültig, was ich bekomme. Bringen Sie mir schnell ein gutes Frühstück. Aus was es besteht, ist mir schnuppe.«

Der Kellner eilte fort. Geierschnabel warf einen Sack, sein Futteral und seine Posaune auf die blauseidene Chaiselongue und wandte sich abermals an das Mädchen.

»Also bei Rheinswalden sind Sie her?« – »Ja.« – »So sind Sie hier wohl nicht sehr bekannt?« – »O doch, so ziemlich. Ich bin bereits einige Zeit in Berlin.« – »Haben Sie Bismarck schon gesehen?« – »Ja.« – »Wissen Sie, wo er wohnt und wie man von hier aus gehen muß, um zu ihm zu kommen?« – »Ja.« – »So beschreiben Sie mir es einmal.«

Das Mädchen blickte den Gast erstaunt an und fragte:

»Sie wollen wohl gar zu ihm?« – »Ja, mein Kind.« – »Oh, das ist schwer. Sie müssen sich im Ministerium melden oder so ähnlich. Ich weiß das nicht genau.« – »Unsinn. Da wird gar nicht so viel Federlesens gemacht.«

Das Mädchen erklärte Geierschnabel nun den Weg, den er einzuschlagen habe. Da kam der Kellner und brachte das Fremdenbuch. Geierschnabel schrieb sich ein und mahnte dann wegen des Frühstücks zur Eile, da er keine Zeit habe. Die beiden Bediensteten entfernten sich, und der wunderliche Gast machte sich an das Auspacken seiner Habseligkeiten, wobei er von dem Kellner überrascht wurde, der das Essen brachte. Dieser letztere machte sehr erstaunte Augen, als er den Inhalt des Sackes und des Futterals erblickte. Er eilte in die Küche, um seinem Chef Meldung zu machen.

Dieser wußte noch nichts, da er eben von einem Ausgang zurückgekommen war. Er war sehr bestürzt, als er hörte, was für einen Gast er bei sich habe.

»Und diesem Menschen haben Sie Nummer eins, das heißt, unser bestes Zimmer gegeben?« rief er aus. – »Ich führte ihn hinauf, um ihn zu foppen«, entschuldigte sich der Kellner. »Er aber behielt es gleich.« – »Wie hat er sich eingetragen?« – »Als William Saunders, Kapitän der Vereinigten Staaten.« – »Herrgott, das ist doch nicht etwa abermals ein solcher Schwindler und Verräter wie damals jener Parkert, welcher sich auch für einen US-Kapitän ausgab?« – »Das Aussehen hat er allerdings ganz dazu. Eine Nase wie der Griff eines alten Regenschirmes!« – »Alle Wetter!« – »Zwei Revolver, ein großes Messer mit scharfer, gebogener Klinge.« – »Ich bin ganz starr.« – »Ferner eine alte Posaune.« – »Eine alte Posaune? Das glaube ich nicht. Haben Sie es ganz genau gesehen, daß es wirklich eine Posaune ist?« – »Hm. Ich glaube wenigstens, daß es eine ist.« – »War sie aus Messing?« – »Das ist freilich schwer zu sagen«, antwortete der Kellner nachdenklich. – »Was hatte sie denn für Farbe?« – »Sie war allerdings gelb, so ähnlich wie Messing, aber nicht hellgelb, sondern dunkler, sehr verrostet.« – »Dunkler? Es wird doch nicht etwa Kanonenmetall gewesen sein.« – »Ja, das wäre möglich.« – »Mein Gott, dann ist es vielleicht eine Art Gewehr, ein Geschütz, eine Höllenmaschine! Haben Sie nicht einen Hahn daran gesehen, einen Drücker, einen Zeiger oder irgendein Räderwerk?« – »Nein.« – »Man muß sich überzeugen.« – »Aber wie? Der Mensch scheint nicht der Mann zu sein, der sich in seine Sachen blicken läßt.« – »So sieht er also kriegerisch aus, herausfordernd?« – »Im höchsten Grade. Und maliziös dazu.« – »Was ist da zu tun?«

Der Kellner sagte sich, daß er unvorsichtig gewesen sei, diesen Mann aufzunehmen. Er versuchte, diesen Fehler jetzt durch Eifer gutzumachen.

»Etwas muß geschehen«, sagte er. »Ich traue dem Kerl ganz gut irgendein Attentat zu.«

Da ergriff auch die Kellnerin, die bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, indem sie rasch einfiel:

»Ein Attentat? Jesus Maria. Er hat nach Bismarck gefragt.«

Der Wirt erbleichte.

»Nach Bismarck?« rief er. »Was wollte er?« – »Ich mußte ihm beschreiben, wo Bismarck wohnt und ihm den genauen Weg dorthin angeben.« – »Weshalb? Will er etwa hin?« – »Er will mit ihm reden.« – »Himmel. Da hat man das Attentat.« – »Ich sagte ihm, daß es nicht leicht sei, bei Bismarck vorzukommen; er aber meinte, daß er da kein Federlesens machen werde.« – »Da ist es richtig, daß er ein Attentat beabsichtigt. Er will den Minister erschießen. Was ist da nur gleich schnell zu tun?« – »Schleunige Anzeige bei der Polizei.« – »Ja. Ja. Ich laufe gleich selber hin.«

Der Wirt eilte mit größer Schnelligkeit davon. Er fühlte in sich eine Angst, die sich nicht beschreiben ließ. Auf dem Polizeibezirk, der in ziemlicher Entfernung von seiner Wohnung lag, angekommen, konnte er vor Aufregung kaum die notwendigen Worte finden. Er schnappte nach Atem.

»Beruhigen Sie sich, mein Lieber«, meinte der Beamte. »Sie müssen allerdings in einer sehr eiligen Sache kommen, aber es ist besser, Sie warten, bevor Sie sprechen, erst ab, bis Sie die Luft dazu haben.« – »Luft? Oh, die findet sich schon. Ich – ich bringe ein Attentat.«

Der Polizist erschrak.

»Ein Attentat?« fragte er. – »Ja, ich bringe es hierher«, meinte der Wirt, noch ganz echauffiert. »Das heißt, ich bringe es hierher zur Anzeige.« – »Ah so. Das ist allerdings etwas sehr Ernstes. Haben Sie es sich auch reiflich überlegt, daß es sich dabei zwar um ein Verbrechen, eine große Gefahr, aber auch um eine ebenso große Verantwortung handelt, die Sie auf sich zu nehmen hätten?« – »Ich nehme alles auf mich, das Verbrechen, die Gefahr und auch die Verantwortung«, antwortete der Mann, der gar nicht bemerkte, wie konfus er war und sprach.

Der Polizist konnte ein Lächeln kaum unterdrücken.

»So sprechen Sie«, befahl er. »Gegen wen soll das Attentat sein?« – »Gegen den Herrn von Bismarck.« – »Alle Teufel! In Wirklichkeit?« – Ja. Ich weiß es ganz genau.« – »In welcher Weise soll das Attentat ausgeführt werden?« – »Mit Büchse, Revolver, Messer und Höllenmaschine.«

Jetzt machte der Beamte ein sehr ernstes Gesicht.

»Sind Sie wirklich überzeugt davon?« fragte er. – »Ich glaube, es beschwören zu können.« – »Wer ist der Attentäter, und wer sind seine Komplizen?« – »Da gestatte ich mir zunächst eine Frage. Erinnern Sie sich jenes Kapitäns Parkert, der bei mir gesucht wurde, dem es aber gelang, zu entkommen?« – Ja.« – »Er gab sich für einen Kapitän der Vereinigten Staaten aus?« – Ja, ich besinne mich noch ganz genau.« – »Nun, bei mir logiert ein Mensch, der sich ebenso für einen Kapitän dieses Landes ausgibt.« – »Das ist doch kein Grund, ihn für verdächtig zu halten.« – »Er hat sich geweigert, seine Legitimation vorzuzeigen, er hat vielmehr darauf bestanden, ihm das Fremdenbuch vorzulegen, in das er sich eingetragen hat.« – »Das ist allerdings ungewöhnlich. Wie nennt er sich?« – »William Saunders.« –»Ein englischer oder amerikanischer Name. Wann ist er angekommen?« – »Vor einer halben Stunde.« – »Wie ist er gekleidet?« – »Ganz ungewöhnlich, fast wie eine Maske. Er trägt alte Lederhosen, Tanzschuhe, einen Frack mit Puffen, Patten und Tellerknöpfen und einen geradezu regenschirmähnlichen Hut.« – »Hm. Der Mann scheint eher ein Sonderling, als ein Verbrecher zu sein. Wer ein Verbrechen, ein Attentat beabsichtigt, der kleidet sich so unauffällig wie nur möglich.« – »Aber seine Waffen.« – »Welche Art von Waffen führt er bei sich?« – »Eine Büchse, zwei Revolver und ein Messer. Die Hauptwaffe aber besteht in einer posaunenartigen Vorrichtung aus Kanonenmetall. Wer kann wissen, womit dieses Mordwerkzeug geladen ist!« – »Haben Sie es gesehen?« – »Zwar nicht ich selbst, sondern mein Oberkellner.« – Ist der Mann zuverlässig?« – Ja.« – »Warum haben Sie nicht auch sich selbst überzeugt?« – »Das wäre dem Fremden vielleicht aufgefallen. Ich wollte keinen Verdacht in ihm erwecken, damit wir ihn desto sicherer haben.« – »Wie aber wissen Sie, daß er gegen Herrn von Bismarck ein Attentat beabsichtigt?« – »Er hat sich nach der Wohnung desselben erkundigt und sich den Weg dorthin ganz genau beschreiben lassen.« – »Von wem?« – »Von einer meiner Kellnerinnen, die eine Verwandte von mir ist.« – »Das dürfte allerdings ins Gewicht fallen, ist aber nicht überzeugend.« – »Oh, er hat sogar gesagt, daß er mit Bismarck wenig Federlesens machen werde.« – »Kann das Mädchen dies beschwören?« – »Natürlich.« – »Hat er gesagt, wann er zu dem Minister gehen will?« – »Nein.« – »Wo befindet er sich jetzt?« – »Er frühstückt.« – »Wo?« – »Auf seinem Zimmer.« – »Gut. Vielleicht irren Sie sich, auf alle Fälle aber ist es meine Pflicht, dem Mann auf den Zahn zu fühlen. Das kann ich aber nicht auf mich allein nehmen. Ich habe es vorher noch anderweitig zu melden, werde aber innerhalb eines halben Stündchens bei Ihnen sein. Sie haben dafür zu sorgen, daß der Mann bis dahin das Haus nicht verläßt.« – »Darf ich, wenn es nötig ist, ihn mit Gewalt zurückhalten?« – »Nur im äußersten Fall. Ihre Klugheit wird schon einen Grund finden, der ihn zum Bleiben veranlaßt.« – »Ich werde das Meinige tun.«

Damit entfernte sich der Wirt.

29. Kapitel.

Unterdessen hatte Geierschnabel ganz ahnungslos sein Frühstück beendet.

»Soll ich etwa auf diesen Leutnant warten?« fragte er sich. »Oho, Geierschnabel ist schon der Kerl, ohne Empfehlung mit Bismarck zu sprechen. Allerdings werde ich mir mit ihm keinen Spaß machen dürfen, wie mit den anderen. Meine Sachen bleiben also hier. Aber neugierig bin ich doch, was er für Augen machen wird, wenn ein so gekleideter Kerl Audienz bei ihm verlangt.«

Geierschnabel schaffte seine Habseligkeiten in das Schlafzimmer. Dieses verschloß er und zog den Schlüssel ab, den er zu sich steckte.

»Dieses Volk braucht während meiner Abwesenheit nicht zu erfahren, was in meinem Sack steckt«, brummte er. »Der Kellner hat bereits genug gesehen. Und haben sie hier einen Hauptschlüssel, so habe ich meine Schraube.«

Damit zog er aus der Tasche eine jener amerikanischen, patentierten Sicherheitsschrauben, mit denen man das Schlüsselloch verschließen kann, ohne daß es einem zweiten gelingt, sie wieder zu entfernen. Er drehte die Schraube in das Loch, bis auf einen Druck die Feder vorsprang, dann verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinab.

Es war eigentümlich zu nennen, daß er nicht bemerkt wurde, aber das ganze Personal war in der Küche versammelt, um das hochwichtige Ereignis zu besprechen. Sie glaubten ihn sicher beim Frühstück und hatten keine Ahnung von der Schnelligkeit, mit der ein Präriejäger die größten Quantitäten eines Mahles verschwinden läßt

So kam er ungesehen aus dem Haus und schlug den Weg ein, den ihm die Kellnerin beschrieben hatte. Es wurde zwar einige Male notwendig, sich zu erkundigen, aber er erreichte doch glücklich und unbelästigt sein Ziel. Der Großstädter, selbst der großstädtische Schulbube, hat keine Lust, dem ersten besten Menschen, der sich auffallend kleidet, nachzulaufen.

Als er den Portier sah, der am Tor stand, trat er vertraulich zu ihm heran und fragte:

»Nicht wahr, hier ist Bismarcks Wohnung?« – »Ja«, antwortete ihm der Zerberus, indem er den Frage mit lustigem Lächeln musterte. – »Eine Treppe hoch?« – Ja.« – »Ist der Master zu Hause?« – »Master? Wer?« – »Na, Bismarck!« – »Sie meinen Seine Gnaden, den Grafen von Bismarck Exzellenz?« – Ja, ich meine den Grafen, Seine Gnaden, die Exzellenz und auch Bismarck selbst.« – Ja, er ist zu Hause.« – »Na, da treffe ich es also gut.«

Geierschnabel wollte an dem Portier vorüber, dieser aber faßte ihn am Arm und fragte:

»Halt! Wohin soll es denn gehen?« – »Na, zu ihm natürlich!« – »Zu Seiner Exzellenz?« – »Natürlich!« – »Das geht nicht!« – »So? Ach! Warum denn nicht?« – »Sind Sie bestellt worden?« – »Ich weiß nichts davon.« – »In welcher Angelegenheit kommen Sie?« – »Das wird er erfahren, sobald ich bei ihm bin.« – »Ah!« lachte der Portier. »Sie denken wohl, mit der Exzellenz zu sprechen, das sei ganz dasselbe, als wenn man zu seinem Schneider geht?« – »Ja. Ich kenne Schneider, die auch ganz exzellent sind.« – »Aber eine Exzellenz ist darum noch kein Schneider.« – »Meinetwegen. Ich bitte Sie, mich passieren zu lassen. Meine Angelegenheit ist sehr wichtig.« – »So müssen Sie den gewöhnlichen, vorgeschriebenen Dienstweg gehen.« – »Dienstweg, was ist das?« – »Da muß ich erst wissen, in welcher Angelegenheit Sie kommen. Ist es eine Privatsache, eine diplomatische oder sonstwie?« – »Es wird wohl eine ›sonstwie‹ sein.« – »Na«, meinte der Portier jetzt ernster, »wenn Sie denken, daß ich nur vorhanden bin, damit Sie sich mit mir einen Scherz machen können, da irren Sie sich. Wenn Sie ›sonstwie‹ kommen, da gehen Sie nur immerhin auch ›sonstwo‹ hin. Wir sind fertig.«

Geierschnabel nickte ihm vertraulich zu.

»Das denke ich auch«, meinte der freundlich. »Ich hätte auch keine Zeit gehabt, Sie weiter zu belästigen. Adieu!«

Aber anstatt fortzugehen, wandte er sich dem Inneren des Gebäudes zu.

»Halt!« rief der Portier abermals. »So war das nicht gemeint.« – »Wie denn?« – »Sie dürfen nicht passieren.« – »Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen.«

Bei diesen Worten faßte Geierschnabel den Mann an und schob ihn zur Seite. Er hatte aber noch nicht fünf Schritt getan, so hielt ihn der Portier abermals fest und rief:

»Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie sich entfernen sollen!« – »Das tue ich ja auch«, meinte Geierschnabel. – »Ich meine aber auswärts.« – »Und ich meine einwärts.« – »Gehen Sie nicht gutwillig, so brauche ich mein Recht!« – »Und ich meine Hände.« – »Sie werden wegen Hausfriedensbruch arretiert!« – »Möchte den sehen, der das fertigbrächte! Machen Sie nun Platz!«

Dabei faßte Geierschnabel den Portier, schob ihn zur Seite und erreichte die Treppe, ehe es dem Bediensteten gelang, ihn abermals festzuhalten. Es hätte sich jetzt ein viel heftigerer Wortwechsel entsponnen, wenn nicht ein Herr erschienen wäre, der zur Treppe herabkam und die kleine Balgerei bemerkte. Er trug einen einfachen Uniformrock und eine Mütze auf dem grauen Haupt. Sein Gang war fest und sicher, seine Haltung militärisch stramm, aber in seinem Gesicht lag ein Zug herablassenden Wohlwollens, und seine Auge blickte mit einer Art freundlicher Mißbilligung auf die beiden Männer, die sich hin- und herzogen und -schoben.

Der Portier ließ beim Anblick des Mannes seinen Gegner sofort los und stellte sich in Achtung. Geierschnabel bemerkte das nicht, er benutzte diesen Augenblick der Freiheit zu zwei raschen Schritten, mit denen er gleich drei und drei Stufen auf einmal nahm, so daß er nun auf einer und derselben Stufe mit dem herabsteigenden Herrn zu stehen kam. Dann rückte er mit der Hand an dem Hut und sagte:

»Good morning, alter Herr! Können Sie mir wohl sagen, in welcher Stube ich die Exzellenz von dem Minister Bismarck finde?«

Der ›alte Herr‹ besah sich den Frager. Sein Schnurrbart zuckte ein wenig.

»Sie wollen mit Exzellenz sprechen?« fragte er. – Ja.« – »Wer sind Sie?« – »Hm. Das darf ich nur der Hoheit dieses Ministers sagen.« – »So. Sie sind bestellt worden?« – »Nein, my old master!« – »Dann werden Sie sich wohl unverrichteter Sache entfernen müssen.« – »Das geht nicht. Meine Sache ist sehr wichtig.« – »So, so. Eine Privatsache?«

Der old master machte doch einen nicht gewöhnlichen Eindruck auf den Präriemann. Einem anderen hätte dieser keine Antwort gegeben, hier aber meinte er:

»Eigentlich brauche ich das Ihnen nicht zu sagen, aber Sie haben so ein Stück von einer Art von Gentleman an sich, und da will ich nachsichtig sein. Nein, es ist keine Privatangelegenheit.« – »Was für eine sonst?« – Ja, weiter kann ich wirklich nichts entdecken.« – »Ist es denn ein gar so großes Geheimnis?« – »Das versteht sich.« – »Haben Sie denn keinen Herrn, der Sie bei Seiner Exzellenz einführen oder anmelden könnte?« – »Das schon. Aber er ist nicht hier. Er kommt erst später, und ich wollte nicht länger warten.« – »Wer ist diese Person?« – »Eine Person ist es nicht, sondern ein Gardehusarenoberleutnant.« – »Ah! Wie heißt er?« – »Kurt Helmers.«

Über das milde Gesicht des ›alten Herrn‹ ging ein rasches Zucken.

»Den kenne ich«, sagte er. »Er will nach Berlin kommen, um Sie dem Grafen von Bismarck zu melden?« – Ja.« – »Aber ich denke, er befindet sich auf der Reise.« – »Er wollte fort. Da traf ich ihn in Rheinswalden, und er erfuhr dabei einiges, was ihm wert erschien, daß es der Minister erfahre.« – »Ist das so, so werde ich an Stelle des Leutnants treten und Sie einführen, wenn Sie mir sagen wollen, wer Sie sind.« – »Hier nicht. Hier hört es dieser Dummkopf von Portier.« – »So kommen Sie!« meinte der Mann lächelnd, indem er wieder umkehrte und voranschritt.

Sie erreichten ein Vorzimmer, in dem sich ein Diener befand. Dieser wollte bei ihrem Erscheinen sich in eine demütige Positur werfen, aber der Begleiter Geierschnabels verbot ihm dies durch einen heimlichen Wink.

»Nun, hier sind wir unter uns«, sagte er. »Jetzt können Sie sprechen.« – »Aber hier steht doch wieder so eine Salzsäule.«

Dabei deutete Geierschnabel auf den Diener. Der Herr gab demselben einen zweiten Wink, worauf er sich zurückzog.

»Also jetzt«, sagte der Führer in einem Ton, in dem sich einige Ungeduld aussprach. – »Ich bin Präriejäger und Dragonerkapitän der Vereinigten Staaten, mein alter Freund.« – »So, so. Ist das, was Sie da tragen, die Uniform der US-Armee?« – »Nein. Wenn Sie das für eine Uniform ansehen, so müssen Sie verteufelt wenig militärische Ansichten haben. Na, Alter, das ist ja auch gar nicht notwendig. Ich bin nämlich ein etwas wunderlicher Heiliger, ich mache mir gern einen Spaß, und da habe ich mir diesen Anzug über das Fell gehängt, um meine Lust an den Maulaffen zu haben, die mich anstaunen.« – »Das ist ein eigentümlicher Sport! Wenn ich Sie hier einführen soll, so möchte ich aber doch vorher wissen, welcher Gegenstand es ist, den Sie mit Exzellenz verhandeln wollen.« – »Das ist ja eben das Ding, das ich nicht verraten darf.« – »Dann werden Sie auch keinen Zutritt finden. Übrigens können Sie mir getrost alles sagen, was Sie dem Grafen mitteilen wollen. Er hat kein Geheimnis vor mir.« – »Wirklich?« – »Ja.« – »So sind Sie wohl so etwas wie Ordonnanz oder vertrauter Adjutant bei ihm?« – »Man könnte es beinahe so nennen.« – »Na, so will ich es wagen. Ich komme aus Mexiko.«

Das Gesicht des alten Herrn nahm sofort den Ausdruck großer Spannung an.

»Aus Mexiko?« fragte er. »Haben Sie dort gejagt, oder sind Sie Kombattant gewesen? – »Beides, mein alter Freund. Zunächst war ich Führer eines Englishman, der Waffen und Geld zu Juarez brachte …« – »Lord Lindsay?« – »Ja. Sie kennen ihn?« – »Ja. Sie sind mit ihm gereist?« – »Den Rio Grande del Norte hinauf, bis wir Juarez fanden.« – »So haben Sie Juarez gesehen?«

Man sah es dem Sprecher an, daß er dem Gespräch jetzt mit dem allergrößten Interesse folgte.

»Oh, täglich. Ich bin bis vor meiner Abreise nach Deutschland bei ihm gewesen. Wir trafen in Fort Guadeloupe mit ihm zusammen, nämlich der Graf von Rodriganda, Sternau, Helmers aber da schwatze ich von Leuten, die Sie gar nicht kennen!« – »Rodriganda? Sternau? Helmers? Wer ist dieser Sternau?« – »Der Mann der Gräfin Rosa de Rodriganda.« – »Den? Den haben Sie getroffen?« – Ja freilich. Kennen Sie ihn?« – »Ich habe von ihm gehört. Aber warum kommen Sie nach Deutschland?« – Juarez hat mich gesandt, um mit Sternaus Verwandten zu sprechen. Habe ich so viel gesagt, so kann ich Ihnen auch meine Legitimationen zeigen. Hier sind sie.«

Geierschnabel zog seine Papiere hervor und reichte sie dem alten Herrn. Dieser überflog sie rasch, musterte den Mann noch einmal und sagte:

»Es muß eigentümliche Leute da drüben geben!« – »Hier auch«, unterbrach ihn der Jäger. – »Davon später. Ich werde Sie jetzt dem Grafen vorstellen, denn …«

Der Sprecher wurde abermals unterbrochen, denn die Tür öffnete sich, und in derselben erschien Bismarck in eigener Person. Er hatte die Stimmen der Sprechenden vernommen, und da er sich durch dieselben gestört fühlen mochte, so hatte er selbst nachsehen wollen, wer sich da unterhalte. Als er die beiden erblickte, zeigte sein Gesicht ein allerdings rasch unterdrücktes Staunen.

»Wie, Majestät befinden sich wieder hier?« fragte er, indem er sich mit einer tiefen Verneigung an den alten Herrn wandte. – »Majestät!« rief Geierschnabel schnell. »Kreuzdonnerwetter!«

Bismarck blickte ihn beinahe erschrocken an. Der ›Majestät‹ Genannte aber nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Sie brauchen nicht zu erschrecken.« – »Das fällt mir auch gar nicht ein«, antwortete Geierschnabel, »aber wenn dieser Master Sie Majestät nennt, so sind Sie wohl gar der König von Preußen?« – Ja, der bin ich allerdings.« – »Alle Teufel. Was bin ich da für ein Esel gewesen! Aber wer hätte das auch denken können. Kommt dieser alte, brave Her so still und schmauchend die Treppe herab, fragt mich nach hier und dort und ist der König von Preußen in eigener Person. Na, Geierschnabel, für was für einen Dummkopf wird dich dieser König halten.« – »Geierschnabel? Wer ist das?« fragte der König. – »Das bin ich selbst. In der Prärie hat nämlich jeder seinen Beinamen, durch den er am besten kenntlich wird. Dem Kerl, der mir den meinigen gegeben, hat es eben meine Nase angetan. Aber Majestät, wer ist denn dieser Herr hier?« – »Kennen Sie ihn nicht?« – »Nein, ich habe nicht das Vergnügen.« – »Es existieren aber so viele Porträts von ihm.« – »Ich handle nicht mit alten Bildern. Kerl selbst ist Kerl selbst. Was tue ich mit einem Porträt?« – »Nun, es ist der Herr, zu dem Sie wollten.«

Da machte Geierschnabel den Mund auf, trat einen Schritt zurück und sagte:

»Was? Der ist Bismarck? Wirklich?« – »Ja.« – »Na, den habe ich mir ganz anders vorgestellt!« – »Wie denn?« – »Klein, dürr und dürftig, wie einen echten, rechten, pfiffigen Federfuchser. Aber eine größere Figur schadet auch nichts, im Gegenteil, sie macht Eindruck. Ich bitte Eure Majestät, dem Master Minister zu sagen, wer ich bin.«

Der König reichte dem Grafen lächelnd die Dokumente Geierschnabels. Bismarck überflog sie, ein durchdringender Blick fiel auf den Jäger, und dann sagte er:

»Kommen Sie, Kapitän!«

Damit trat er unter Vorantritt des Königs in sein Kabinett zurück, und Geierschnabel folgte. Der Diener, der einige Augenblicke später in das Vorzimmer trat, merkte an den lauten, oft wechselnden Stimmen, daß da drinnen ein sehr animiertes Gespräch geführt werde. Der Inhalt desselben aber war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

30. Kapitel.

Als der Wirt des Gasthauses von der Polizei kam, erkundigte er sich sofort nach seinem Gast.

»Er ist doch noch oben?« fragte er. – »Ja«, antwortete der Oberkellner. – »Er ißt noch?« – »Jedenfalls.« – »Er darf das Haus nicht eher verlassen, als bis die Polizei erscheint.« – »So werde ich mich oben in dem Korridor postieren.« – »Nein, das übernehme ich selbst«, meinte der Wirt. »In solchen wichtigen Dingen kann man nicht gewissenhaft genug sein.«

Dabei stieg er wirklich selbst die Treppe hinauf und ließ sich auf einen Stuhl nieder, der im Korridor stand. Er ahnte nicht, daß der vermeintliche Attentäter das Zimmer bereits verlassen hatte.

Es war nicht viel über eine Viertelstunde vergangen, als die Polizei erschien. Diesmal wurden viel sorgsamere Sicherheitsmaßregeln getroffen, als damals bei der mißlungen Arretur des sogenannten Kapitäns Parkert.

Hüben am Haus und gegenüber auf dem Trottoir postierten sich Detektive, die scheinbar harmlos auf und ab spazierten, aber die Fenster und die Tür des Gasthauses keinen Augenblick aus dem Auge ließen. Der Flur des Hauses und der Hof wurden besetzt, und eine Droschke hielt an der nächsten Ecke, bereit, auf den ersten Wink herbeizukommen, um den Arrestanten aufzunehmen.

Einer der gewieftesten Kriminalbeamten ging in Begleitung noch zweier Kollegen hinauf, um sich des Gesuchten zu bemächtigen.

»Ist er noch da?« fragte er leise den Wirt. – Ja. Er hat sich nicht sehen lassen«, lautete die Antwort. – »Wo logiert er?« – »Nummer eins, dort« – »Hat er nicht nach Bedienung geklingelt?« – »Kein einziges Mal.« – »So soll er bedient werden, ohne geklingelt zu haben.«

Der Kriminalbeamte schritt mit seinen Assistenten auf die bezeichnete Tür zu. Der Oberkellner wurde durch die Neugier herbeigetrieben, aber sein Prinzipal warnte ihn:

»Wagen Sie sich nicht zu weit hinein.« – »So gefährlich wird es doch wohl nicht sein.« – »Was verstehen Sie von der Gefährlichkeit so einer Höllenmaschine, zumal in Posaunenform. So etwas ist ja noch gar nicht dagewesen.«

Da kehrte der Kriminalbeamte noch einmal zum Wirt zurück.

»Sie haben erzählt«, sagte er, »daß der Mann mit Ihrem Mädchen gesprochen habe?« – »Ja.« – »Wo ist es?« – »In der Küche.« – »Ich halte es für geratener, wenn dieses zunächst einmal hineingeht« – »Sapperlot. Wenn er es erschießt.« – »Wird ihm nicht einfallen. Uns könnte es eher passieren, sofort eine Kugel zu bekommen. Das Mädchen aber hat Grund genug, bei ihm einzutreten, ohne seinen Verdacht zu erwecken. Es kann uns dann sagen, wie es ihn getroffen hat.« – »Holen Sie es herauf.«

Diese letzteren Worte des Wirtes wurden dem Kellner zugeflüstert. Dieser eilte hinab und brachte das Mädchen, das instruiert wurde und sich darauf der Tür näherte.

Als es auf wiederholtes Klopfen keine Antwort erhielt, trat es ein. Die Zurückbleibenden mußten eine ziemliche Zeit auf sein Erscheinen warten. Als es endlich zurückkam, drückten seine Gesichtszüge eine gewisse Besorgnis aus.

»Nun?« flüsterte der Beamte. »Was tut er?« – »Ich weiß es nicht«, antwortete es. – »Sie haben ihn gesehen?« – »Nein. Er war nicht im Zimmer und nicht im Vorzimmer.« – »Gibt es noch ein Schlafzimmer dazu?« – »Ja.« – »So war er dort?« – »Jedenfalls. Aber er hatte es verschlossen.« – »Vielleicht schläft er. Haben Sie nicht geklopft?« – »Doch. Aber ich erhielt keine Antwort.« – »Er ist gewiß sehr ermüdet gewesen und schläft infolgedessen so fest, daß er nicht erwacht ist.« – »Ich habe so stark geklopft, daß ein Schlafender erwachen muß, wenn er nicht tot ist.« – »Wo hat er seine Sachen?« – »Er hat sie mit in das Schlafzimmer genommen.« – »Vielleicht arbeitet er an seinem Apparat und tut nur so, als ob er schlafe. Kommen Sie mit, Fräulein. Sie sollen ihm Antwort geben, wenn ich klopfe.«

Die Polizisten traten leise ein, und das Mädchen mit ihnen. Auf dem Tisch stand noch das Geschirr mit den Speiseresten.

»Klopfen Sie!« befahl der Kriminalist leise.

Das Mädchen gehorchte, aber es ließ sich kein Geräusch vernehmen. Es klopfte stärker, doch mit demselben Mißerfolg.

»Ich werde es selbst versuchen«, meinte der Beamte.

Er trat zur Tür und donnerte mit beiden Fäusten an dieselbe. Keine Antwort. Jetzt überzeugte er sich zunächst durch einen Blick auf die Straße, daß das Haus scharf bewacht sei. Dann klopfte er abermals und rief mit lauter Stimme:

»Im Namen des Gesetzes! Öffnen Sie!«

Abermals keine Antwort.

»So müssen wir selbst öffnen. Geben Sie den Dietrich her.«

Ein Untergebener des Beamten zog das verlangte Werkzeug hervor. Der Beamte bog sich zum Schlüsselloch herab, um dasselbe zu untersuchen.

»Sakkerment«, rief er, »es ist verstopft.« – »Er hat den Schlüssel stecken?« fragte der eine. – »Nein. Er hat von hier aus etwas hineingesteckt.« – »So wäre er ja gar nicht darin.« – »Wie es scheint, nicht«

Es untersuchte jetzt einer nach dem anderen das Schloß, und es fand sich da allerdings, daß ein stählerner Gegenstand im Schloß steckte, der nicht entfernt werden konnte.

»Er ist fort«, meinte einer der Polizisten. – »Entwichen, entkommen«, der andere. – »O nein, die Sache ist noch schlimmer«, behauptete ihr Vorgesetzter. Und sich an das Mädchen wendend, fragte er: »Er hat zu Ihnen gesagt, daß er zu Bismarck wolle?« – »Ja.« – »Hat er nichts verlauten lassen über die Absicht dabei?« – »Kein Wort.« – »Ich hörte, daß er sich eines verdächtigen Ausdrucks bedient habe. Wie lautete derselbe?« – »Er meinte, daß er nicht viel Federlesens machen werde.« – »So ist er fort. Er hat sich fortgeschlichen, und es ist Gefahr im Verzug. Folgen Sie mir, meine Herren. Wir müssen sofort zu Bismarck. Dieses Haus bleibt unter Bewachung.«

Der Wirt wollte es nicht glauben, daß der Fremde seine Appartements verlassen habe; aber es stellte sich bald heraus, daß die bediensteten Geister sich während der Abwesenheit ihres Prinzipals in der Küche befunden hatten. So war es dem Amerikaner möglich gewesen, sich davonzuschleichen.

Die Polizisten winkten die Droschke herbei, stiegen ein und fuhren so schnell, wie das Pferd nur laufen konnte, davon.

Kaum waren sie fort, so hielt eine andere Droschke vor der Tür. Der junge Mann, der aus derselben stieg, war kein anderer als Kurt Helmers. Er hatte keine Ahnung von dem, was geschehen war; er ahnte auch nicht, daß viele der Passanten, die die Straße auf und ab schritten, verkleidete Polizisten seien, die den Gasthof bewachten. Er trat in die Gaststube und ließ sich von dem anwesenden Kellner, der ihn nicht kannte, ein Glas Bier geben.

Einige Minuten später trat die Kellnerin herein. Sie erblickte ihn und erkannte ihn sogleich. Er nickte ihr grüßend zu, und sie trat zu ihm an den Tisch. In ihren Zügen drückte sich teils Erstaunen und teils Besorgnis aus.

»Sie hier, Herr Leutnant«, sagte sie. »So ist es also doch wahr, daß Sie hierherkommen wollten!« – »Allerdings. Aber woher wissen Sie das?« – »Ein Fremder sagte es, der jetzt arretiert werden soll.« – »Arretiert? Warum?« – »Er beabsichtigt ein Attentat.« – »Was Sie da sagen! Was für ein Attentat?« – »Mit einer Höllenmaschine.« – »Um Gottes willen!« sagte Kurt, der immer noch nicht ahnte, daß hier von Geierschnabel die Rede sei. – »Ja, das ganze Haus ist bewacht, und die Polizei ist bereits zu Bismarck geeilt.« – »Zu Bismarck? Warum zu diesem?« – »Weil das Attentat gegen ihn gerichtet sein soll.« – »Das wäre ja gräßlich! Wer ist der Kerl?« – »Der amerikanische Kapitän, der Sie hier erwartet.«

Erst jetzt erschrak Kurt.

»Was Sie sagen! Wie heißt er?« – »William Saunders.« – »Den kenne ich nicht.«

Das war allerdings wahr. Der Amerikaner hatte sich in Rodriganda doch nur als Geierschnabel eingeführt.

»Er sagte aber, daß er Sie kenne!« meinte das Mädchen. – »So hat er gelogen. Wie geht er gekleidet?«

Die Kellnerin beschrieb die Kleidung Geierschnabels.

»Ich kenne ihn wirklich nicht«, wiederholte Kurt. – »Er behauptet aber doch, daß Sie hier mit ihm zusammentreffen wollten.«

Das frappierte Kurt. Darum fragte er:

»Hatte der Mann in seinem Äußeren nicht etwas, woran er sehr leicht zu erkennen wäre?« – »Ja, eine fürchterlich lange Nase.«

Jetzt erbleichte Kurt.

»Wäre es möglich!« rief er. »Der Mann sprach einen fremden Dialekt?« – »Ja.« – »Und die Polizei sucht ihn wirklich?« – »Ja. Mein Herr hat ihn angezeigt. Er will Bismarck ermorden. Er hat vielerlei Waffen und auch eine Höllenmaschine bei sich.« – »Unsinn! Der reine Unsinn!« – »Nein, es ist die Wahrheit, Herr Leutnant.« – »Also er ist zu Bismarck?« – »Ja.« – »Und die Polizei ist auch hin? Hinter ihm her?« – »Ja.« – »So gilt es, keinen Augenblick zu verlieren. Ich muß ihm nach.«

Kurt sprang auf und eilte zur Tür hinaus. Seine Droschke war bereits fort; aber er fand sogleich eine zweite, die in größter Geschwindigkeit mit ihm davonrasselte.

Mittlerweile war Geierschnabels Unterredung mit den beiden hohen Herren beendet. Er hatte den Befehl erhalten, nach Kurts Eintreffen denselben sofort zu Bismarck zu schicken und dann zu warten, was ihm von Seiten des Ministers zugehen werde. Jetzt schlenderte er seelenvergnügt durch die Straßen dahin. Er hatte zwar einen anderen Weg eingeschlagen, als den Herweg, aber bei seinem ausgebildeten Ortssinn war ja ein Verirren eine Unmöglichkeit. So erreichte er die Straße, in der sein Gasthof lag, auf den er langsam zusteuerte.

»Will doch sehen«, murmelte er vor sich hin, »was dieser Leutnant sagen wird, wenn ich ohne ihn bereits bei Bismarck gewesen bin. Ja, Geierschnabel ist ein Saukerl. Dem tut es so leicht kein zweiter nach.«

Da trat ihm ein Herr entgegen, griff grüßend an die Hutkrempe und fragte:

»Sie entschuldigen! Haben wir uns nicht bereits gesehen?«

Der Angeredete war ärgerlich darüber, in seinem wohltuenden Gedankengang gestört worden zu sein. Darum antwortete er in barschem Ton:

»Ich wüßte nicht wo!« – »Drüben in den Vereinigten Staaten.« – »Was gehen mich die Staaten an.« – »Aber Sie sind doch Offizier der Vereinigten Staaten.« – »Das geht wieder Sie nichts an.« – »Logieren Sie nicht im Gasthof ›Zur Stadt Magdeburg‹?« – »Pchtichchchchch!« spritzte Geierschnabel dem Frager einen dicken Strahl Tabaksaftes entgegen. – »Donnerwetter! Nehmen Sie sich in acht!« rief der Geheimpolizist »Wenn Sie primen, so brauchen Sie meinen Überzieher doch nicht für das Trottoir anzusehen.« – »Gehen Sie fort. Ich brauche Sie nicht!«

Der Polizist trat wirklich von Geierschnabel zurück und ließ ihn unbehelligt weitergehen. Aber Geierschnabel merkte nicht, daß fünf bis sechs ähnliche Herren jeden seiner Schritte scharf bewachten.

So erreichte er den Gasthof und trat in das Gastzimmer. Hinter ihm schritten seine Wächter, die er für gewöhnliche Gäste hielt, und der, der ihn bereits auf der Straße angesprochen hatte, trat an seinen Tisch und sagte:

»Sie erlauben mir, das begonnene Gespräch fortzusetzen?« – »Scheren Sie sich zum Teufel!« brummte Geierschnabel. – »Das werde ich bleibenlassen! Wenn einer von uns zum Teufel gehen soll, so werde ich es nicht sein.«

Der Jäger blickte den Sprecher erstaunt an.

»Heda, Bursche, willst du dich etwa an mir reiben?« fragte er.

– »Vielleicht«, lachte der andere überlegen. – »Na, komm heran. Da kannst du ganz gewaltige Prügel bekommen!« – »Das will ich bezweifeln. Kennen Sie dieses Ding?«

Der Polizist griff in die Tasche und zog eine Medaille heraus, die er Geierschnabel vor die Augen hielt.

»Pack dich fort mit deinem Geld!« rief der Jäger. »Bringst du mir deine Pranke noch einmal so nahe unter die Nase, so sorge ich dafür, daß es nicht zum zweiten Male geschieht.« – »Ah! Sie kennen also diese Medaille nicht?« – »Geht mich nichts an.« – »Oh, sie geht Sie allerdings sehr viel an. Diese Medaille ist meine Legitimation. Verstanden?« – »Mir egal. Ich pflege mich durch Ohrfeigen zu legitimieren, wenn mir einer zu lange lästig wird.« – »Sie scheinen mich noch immer nicht zu verstehen. Ich bin nämlich Beamter der hiesigen Polizei.«

Erst jetzt wurde Geierschnabel aufmerksam. Er blickte sich im Zimmer um und ahnte nun sogleich, daß er es hier mit lauter Detektiven zu tun habe.

»So! Polizist sind Sie?« meinte er. »Schön. Aber warum sagen Sie das gerade mir?« – »Weil ich mich außerordentlich für Sie interessiere. Ich fordere Sie auf, mir auf die Fragen, die ich Ihnen jetzt vorlegen werde, eine wahrheitsgetreue Antwort zu geben.«

Geierschnabel ließ seinen Blick abermals im Kreis umherschweifen, dann meinte er gleichmütig:

»Ihr Deutschen seid doch ein sonderbares Volk!« – »Ah! Wieso?« – »Niemand ist so aufs Arretieren erpicht wie Ihr.« – »So? Finden Sie das?« – »Donnerwetter, ja, ich finde das sehr, und zwar zu meinem eigenen Schaden. Seit gestern früh ist dies nun bereits das dritte Mal, daß ich arretiert werden soll!« – »Sie ahnen, daß Sie arretiert werden sollen?« – »Das müßte ja ein jedes Kind sehen.« – »Und Sie waren also gestern bereits zweimal arretiert?« – »Ja.« – »Und sind wieder entkommen?« – »Mit heiler Haut.« – »Nun, so werden Sie uns doch nicht abermals entwischen.« – »Ich hoffe es dennoch.« – »Ich werde sorgen, Sie recht fest zu behalten. Haben Sie die Güte, mir einmal Ihre Hände zu reichen.«

Der Polizist griff in die Tasche und brachte eiserne Handschellen hervor. Das war dem Amerikaner denn doch zu bunt. Er erhob sich und fragte:

»Was? Fesseln wollen Sie mich?« – »Wie Sie sehen. Ja.« – »In Eisen?« – »Allerdings.« – »Hölle, Tod und Teufel! Ich will den sehen, der es wagt, Hand an mich zu legen. Was habe ich Euch Kerlen getan, daß Ihr mich umstellt, wie die Hunde ein Wild?«

Die anderen Polizisten hatten sich Geierschnabel nämlich genähert und einen Kreis um ihn geschlossen. In sicherer Entfernung aber stand der Wirt mit seinem ganzen Gesinde, um dem interessanten Vorgang zuzuschauen.

»Was Sie uns getan haben?« fragte der Polizist. »Uns nichts. Aber Sie werden am besten wissen, was Sie sonst getan und beabsichtigt haben.« – »Nichts weiß ich, gar nichts.« – »Nun, so werden wir Ihnen Beweise geben müssen. Sie heißen William Saunders?« – »Schon so lange ich lebe.« – »Sind Kapitän der Vereinigten Staaten?« – Ja.« – »Führen eine Büchse bei sich?« – Ja.« – »Zwei Revolver?« – Ja.« – »Ein Messer?« – »Auch das.« – »Was haben Sie sonst noch für Waffen?« – »Keine.« – »Wollen Sie leugnen?« – »Pah! Das wäre der Mühe wert!« – »Wo waren Sie jetzt, während Ihres Ausganges?« – »Spazieren.« – »Wo?« – Ich bin fremd, ich kenne die Straße nicht.« – »Haben Sie sich nicht vielleicht die Wohnung des Herrn von Bismarck angesehen?« – »Das ist möglich.« – »Sie sind ein hartgesottener Sünder! Ein anderer wäre bei diesem Beweis, daß er entdeckt ist, erbleicht, die Knie hätten ihm geschlottert. Sie aber bleiben ruhig.« – »Schlottern Sie gefälligst ein wenig für mich.« – »Spotten Sie immerhin! Ihr Spott wird bald aufhören. Sie leugneten, noch weitere Waffen zu haben. Und doch führen Sie eine Donnerbüchse, eine Höllenmaschine oder so etwas Ähnliches bei sich. Gestehen Sie es ein?«

Geierschnabel blickte dem Mann ganz erstaunt in das Gesicht.

»Donnerbüchse? Höllenmaschine?« fragte er. – Ja, aus Messing oder Kanonenmetall!«

Da endlich wurde es in Geierschnabel klar. Er hätte am liebsten gerade hinauslachen mögen, aber er zwang sich, ernst zu bleiben.

»Ich weiß nichts davon«, sagte er. – »Wir werden Sie überführen, wir werden Ihnen Beweise bringen.« – »Tun Sie das!« – »Warum haben Sie Ihr Schlafzimmer verschlossen?« – »Wollen Sie mir dies vielleicht verbieten?« – »Nein, aber ich werde Sie ersuchen, uns es zu öffnen.« – »Zu welchem Zweck?« – »Wir haben das Verlangen, eine kleine, aber intime Bekanntschaft mit Ihrem Gepäck anzuknüpfen.« – »Meinetwegen. Ich bin einmal in Ihrer Gewalt. Aber ich warne Sie. Mit meinen Waffen versteht nicht ein jeder umzugehen!« – »Keine Sorge! Wir werden vorsichtig sein. Geben Sie her!«

Der Polizist hielt Geierschnabel die Fesseln entgegen.

»Was? Sie wollen meine Hände haben?« fragte dieser. – »Ja.« – »Ich habe ja gar nicht die Absicht, zu fliehen oder mich zu widersetzen!« – »Wenn Sie diese Absicht auch hätten, würden Sie es doch nicht eingestehen. Je gefährlicher ein Subjekt ist, desto vorsichtiger muß man es behandeln. Also her mit den Händen!«

Diese Worte wurden in kategorischem Ton gesprochen. Geierschnabel gehorchte. Er ließ sich die Handschellen anlegen, sagte aber:

»Ich erhebe Widerspruch gegen diese Behandlung! Keiner von Ihnen hat das Recht, mich festzunehmen. Sie werden mir Genugtuung geben müssen.« – »Sie werden sie erhalten, wenn Sie sie verdienen. Jetzt aber marsch nach Ihrer Wohnung! Und merken Sie es sich, daß jede Bewegung, auch die kleinste, von uns beobachtet wird.« – »O bitte, bewegen Sie sich ganz so, wie es Ihnen beliebt.«

Geierschnabel wurde unter allgemeiner Begleitung nach Nummer eins geführt. Er bemerkte dort sogleich, daß hier bereits nach ihm gesucht worden sei, doch ließ er das die anderen nicht merken. Vor der Tür zum Schlafzimmer blieb man mit ihm halten.

»Haben Sie diese Tür verschlossen?« fragte der Polizist. »Weshalb?« – »Weil ich nicht wünsche, daß man mir im Gepäck herumstibitzt. Finden Sie das nicht begreiflich?« – »Aber Sie haben nicht nur den Schlüssel abgezogen, sondern auch das Schlüsselloch verstopft. Sind die Geheimnisse, die Sie zu verbergen haben, denn gar so groß oder so gefährlich?« – »Überzeugen Sie sich doch.« – »Da müssen Sie erst öffnen. Was steckt in dem Loch?« – »Eine Patentschraube.« – »Geht sie zu entfernen?« – »Ja.« – »Tun Sie es!«

Geierschnabel griff, trotzdem er gefesselt war, in seine Westentasche und zog ein dünnes Häkchen hervor, mit dem er in das Schlüsselloch fuhr. Er zog damit die Patentfeder an und konnte nun die Schraube aus dem Schlüsselloch bringen.

»So«, sagte er. »Ziehen Sie den Schlüssel hier aus meiner Tasche und schließen Sie auf.«

Dies geschah. Die Tür konnte jetzt geöffnet werden. Aber der Beamte, der das Wort geführt hatte, machte eine abwehrende Bewegung.

»Halt, nicht vorwärts drängen!« gebot er. »Es steht zu vermuten, daß sich hier geheimnisvolle Maschinen und gefährliche Explosivstoffe befinden. Der Arrestant mag vorangehen. Er würde der erste sein, der getroffen wird.«

Geierschnabel wurde von vier Händen gefaßt und vorsichtig in das Zimmer geschoben. Erst dann folgten die anderen nach. Der Beamte ließ den Blick umherschweifen. Derselbe fiel zuerst auf die Büchse, die Geierschnabel vor seinem Ausgang aus dem Futteral genommen hatte. Er nahm sie vorsichtig in die Hand und fragte:

»Was ist das für ein Gewehr?« – »Eine Kentuckybüchse«, antwortete der Delinquent. – »Geladen?« – »Nein.« – »Aber das ist doch keine Büchse, kein Schießgewehr?« – »Ah! Wieso nicht?« – »Das ist ja der reine Prügel. Wie kann man mit einem solchen Ding schießen wollen?« – »Ja, ein deutscher Polizist würde allerdings nicht damit treffen!«

Der Beamte legte die Büchse weg und nahm das Messer.

»Was ist das für ein Dolch?« – »Dolch? Donnerwetter! Es wird wohl ein Bowiemesser von einem Dolch zu unterscheiden sein!« – »Ah, ein Bowiemesser! Haben Sie damit bereits Menschen erstochen?« – Ja.« – »Schrecklich! Hier diese Revolver. Sie sind von Hippolyt Mehles?« – »Der Teufel hole den Hippolyt mitsamt dem Mehles! Ich kenne ihn nicht. Diese Revolver sind gute Lyoner Ware. Übrigens bin ich doch nicht etwa arretiert und gefesselt worden, um Ihnen hier Unterricht in der Waffenkunde zu geben!« – »Geduld! Jetzt kommt die Hauptsache. Sagen Sie, was dort so gelb unter dem Sack hervorschimmert.« – »Die Höllenmaschine.« – »Donnerwetter!« rief der Polizist. »Sie gestehen das zu?« – Ja.« – »Ist sie geladen?« – »Zum Zerplatzen.« – »Zum Zerplatzen? Meine Herren, also die größte Vorsicht! Halten Sie den Mann ganz fest, damit er sich nicht bewegen kann. Arrestant, ich frage Sie, ob diese Maschine wirklich geladen ist?« – Ja. Ich sagte es ja bereits.« – »Womit?« – »Mit Luft.« – »Ah, jedenfalls mit Knallgasen oder sonstigen sofort tötenden Luftarten. Darf man die Maschine berühren, ohne daß sie explodiert?« – »Ja«, antwortete Geierschnabel, sehr ernsthaft.

Da stellte sich der Polizist feierlich vor ihn hin und sagte eindringlich:

»Ich mache Sie nochmals auf die fürchterliche Sünde aufmerksam, die Sie begehen würden, falls Sie durch unwahre Angaben beabsichtigen, eine Explosion herbeizuführen. Also wir dürfen die Maschine anrühren, ohne für unser Leben befürchten zu müssen?« – »Es ist gar keine Gefahr vorhanden.« – »Wir können auch die Kleidungs- und Wäschestücke entfernen, unter denen diese Maschine verborgen ist?« – »Tun Sie es ohne Sorge!« – »Aber wie wird dieses Ungeheuer zur Explosion, zur Detonation gebracht?« – »Einfach dadurch, daß man hineinbläst.« – »Gut, so wollen wir es wagen. Meine Herren, ich könnte Ihnen befehlen, das Ungeheuer von seiner Umhüllung zu befreien, allein das hieße, den größten Teil der Gefahr auf Sie wälzen. Ich bin bereit, mit dem Mut eines braven Beamten meine Pflicht zu tun. Ich selbst werde die Höllenmaschine zuerst berühren, denn ich bin bereit, die ersten Kugeln zu empfangen und mich für Sie aufzuopfern.«

Damit ergriff der Sprecher ein Hemd, eine Hose, eine Bluse und einige Strümpfe, die auf dem Instrument lagen. Alle diese Gegenstände faßte er mit den Spitzen zweier Finger an und zog sie mit der denkbarsten Behutsamkeit fort. Endlich lag das Ungetüm bloß und unverhüllt vor ihm.

»Die frappanteste Ähnlichkeit mit einer Posaune«, sagte er. »Darin liegt ja eben die Raffiniertheit dieses Bösewichts. Einer solchen Mordmaschine eine solche unscheinbare Gestalt zu geben. Ich werde jetzt versuchen, wie schwer sie ist.«

Mit derselben Vorsicht, mit der er vielleicht eine am Zünder qualmende Bombe angegriffen hätte, hob er die Posaune empor.

»Leicht wie eine ganz gewöhnliche Posaune«, sagte er. »Ja, natürlich, Knallgase pflegen ja bekanntlich leichter zu sein als andere Luftarten.«

Der Polizist hatte wohl in seinem Leben noch keine Posaune in der Hand gehabt. Er faßte sie nur bei dem einen Ende an und hielt sie hoch empor, um sie auf ihre geheimnisvolle Konstruktion zu untersuchen; da plötzlich glitten die Züge auseinander, und der schwerere Teil mit der Stürze fiel zu Boden.

Der gute Mann glaubte nicht anders, als daß jetzt die Höllenmaschine losgehen werde. Er stieß einen Schrei aus und stand da, als ob er den Tod erwarte. Dem Fall der einen Posaunenhälfte folgte allerdings eine Explosion, aber eine ganz andere, als der Polizist erwartet hatte. Sobald er seinen Todesschrei ausstieß, konnte Geierschnabel nicht mehr an sich halten. Er platzte mit einem so fürchterlichen Lachen heraus, daß die Wände zu beben schienen. Und dieses Lachen war so ansteckend, daß alle mit einstimmten, da sie gar wohl sahen, daß es sich wirklich nur um eine alte Posaune handelte.

Der Beamte war im ersten Augenblick ganz perplex; dann aber warf er auch den zweiten Zug, den er in der Hand behalten hatte, zu Boden und donnerte Geierschnabel an:

»Mensch, ich glaube gar, Sie lachen über mich.« – »Über wen denn sonst?« fragte der Jäger, noch immer lachend. – »Ich verbiete es Ihnen aber, sich über mich lustig zu machen.« – »Bin ich etwa schuld?« – Ja, Sie allein.« – »Oho!« – »Haben Sie nicht eingestanden, daß Sie Waffen bei sich führen?« – »Habe ich etwa keine?« – »Und eine Höllenmaschine?« – »Das ist sie auch. Lassen Sie sich nur monatelang vorblasen.« – »Sie sollte geladen sein.« – »Mit Luft. Ist das nicht wahr?« – »Sie sollte explodieren und detonieren.« – »Wenn man hineinbläst. Wollen Sie das bestreiten?« – »Mensch, glauben Sie, daß ich Ihr Narr bin?« – »Für gewöhnlich nicht.« – »Dieser Witz wird Ihnen schlecht bekommen. Wenn auch von einer Höllenmaschine keine Rede mehr ist, so gibt es doch genügsamen Grund, sich Ihrer Person zu bemächtigen. Sie führen Waffen. Haben Sie einen Waffenpaß?« – Ja.« – »Wo?« – »Hier in der äußeren Tasche meines Frackes.« – »Ah! Geben Sie ihn her.« – »Nehmen Sie ihn doch selbst heraus. Sie sehen ja, daß ich gefesselt bin.«

Der Beamte langte in die bezeichnete Tasche und zog das Papier heraus, das er entfaltete und las. Er reichte es seinen Gefährten zur Durchsicht und sagte dann:

»Dieses Dokument ist zwar gültig, doch kann dieser Umstand nichts ändern, wie wir sogleich sehen werden.« Und zu Geierschnabel gewendet, fuhr er fort: »Sie haben zu der Kellnerin gesagt, daß Sie zu Herrn von Bismarck gehen wollen?« – »Ja.« – »Und daß Sie mit ihm wenig Federlesens machen werden?« – »Nein, das habe ich nicht gesagt.« – »Sie wollen leugnen?« – »Ganz entschieden!« – »Man hole die Kellnerin herbei.«

Diese wurde gebracht, und der Beamte fragte sie:

»Hat dieser Mann nicht gesagt, daß er wenig Federlesens machen werde?« – »Ja.« – »Nun, geben Sie es jetzt der Zeugin gegenüber zu?« fragte der Examinator den Gefangenen. – »Ja, das gebe ich zu«, antwortete dieser. – »Ah! Warum leugneten Sie vorher?« – »Weil ich es nicht gesagt hatte.« – »Sie widersprechen sich ja. Erst leugnen Sie, und dann gestehen Sie. Sie sehen ein, daß Ihnen daraus kein Vorteil erwachsen kann.« – »Ich widerspreche mir nicht. Sie selbst müssen nur aufpassen, was Sie sagen. Ich habe nicht gesagt, daß ich mit Herrn von Bismarck kein Federlesens machen werde, sondern ich habe nur gesagt, daß ich bei Herrn von Bismarck kein Federlesens machen werde, im Fall man mir nämlich Schwierigkeiten bereite, vor den Minister zu kommen.« – »Das ist eine Ausrede!« – »Fragen Sie die Kellnerin.«

Der Beamte tat dies, und sie gab zu, daß der Gefangene allerdings so gesagt habe, wie er jetzt angebe. Der Untersuchende sah sich abermals eine Waffe entrissen. Daher wehrte er sich:

»Es bleibt doch eine leere Ausrede. Wenn Sie sagen, falls man Sie nicht vorlassen werde, würden Sie wenig Federlesens machen, so tun Sie ja, als ob Sie Herrn von Bismarck zwingen könnten, Sie zu empfangen.« – »Das ist allerdings der Fall.« – »Ah, welche Frechheit!« – »Frechheit von Ihrer Seite«, donnerte Geierschnabel los. »Wie können Sie mich der Lüge oder der Prahlerei zeihen, wenn Sie es mir nicht beweisen können?« – »Pah! Gehen Sie doch zum Minister! Versuchen Sie, ob Sie vorgelassen werden, nämlich so, wie Sie da vor mir stehen!« – »Pah! Jedenfalls werde ich eher vorgelassen als einer, der eine alte Posaune für eine Höllenmaschine hält. Übrigens will ich Ihnen sagen, daß ich bereits bei Herrn von Bismarck gewesen bin.« – »Wann denn?« fragte der Mann höhnisch. – »Kurz vor meiner Rückkehr.« – »Sie wurden natürlich vorgelassen?« – »Ja. Seine Majestät der König hatte sogar selbst die Gnade, mich bei seinem Minister einzuführen.« – »Verrückter Kerl!«

Da ertönte es vom Eingang her:

»Kein verrückter Kerl. Er sagt die Wahrheit.«

Alle wandten sich um. Da stand Kurt Helmers, und hinter ihm erblickte man die Kriminalbeamten, die fortgeeilt waren, den Minister vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen. Der Vorgesetzte von ihnen trat vor und befahl:

»Nehmen Sie diesem Herrn augenblicklich die Handschellen ab!«

Dieser Befehl wurde sofort ausgeführt. Dann fuhr der Kriminalbeamte zu Geierschnabel fort:

»Mein Herr, es ist Ihnen ein schweres Unrecht geschehen. Die eigentliche Schuld liegt an denen, die Sie zur Anzeige brachten, nämlich an dem Wirt und dem Oberkellner dieses Hauses. Es steht Ihnen natürlich frei, diese Leute zu belangen, wobei Sie unserer Hilfe sicher sein können. Aber auch ich habe hohen Befehl erhalten, Ihnen Abbitte zu leisten und Genugtuung zu geben. Ich bin dazu bereit und frage Sie, welche Genugtuung Sie fordern.«

Geierschnabel blickte sich im Kreis um. Es ging ein eigentümliches Blinzeln über sein Gesicht. Dann erwiderte er:

»Gut. Eine Genugtuung will und muß ich haben. Dieser Herr hat meine alte Posaune für eine Höllenmaschine angesehen. Ich verlange, daß er sie als Geschenk von mir nimmt und sie als Andenken aufbewahrt an den wichtigen Tag, an dem er Herrn von Bismarck beinahe das Leben gerettet hätte.«

Alle lachten. Auch der Betreffende stimmte mit ein.

»Weiter verlangen Sie wirklich nichts?« fragte der Kriminalbeamte. – »Nein, ich bin zufriedengestellt, wünsche aber, nun wieder mein eigener Herr sein zu können.«

Dieser Wunsch wurde ihm sofort erfüllt, indem sich alle entfernten. Nur Kurt blieb zurück. Er betrachtete sich den Amerikaner jetzt genauer, brach dann in ein Lachen aus und rief:

»Aber Mann, wie können Sie so eine Maskerade treiben.« – »Das liegt so im Temperament«, lachte Geierschnabel mit. – »Unterwegs haben Sie bereits solche Dummheiten gemacht.« – »Wer sagte das?« – »Ich habe es gehört. In Mainz sind Sie arretiert worden.« – »Das stimmt.« – »Unterwegs dann aus dem Kupee geholt …« – »Aber mit Extrazug nachgeritten.« – Ja. Und was das beste ist, Sie haben sich ausgezeichnet revanchiert.« – »Wieso?« – »Indem Sie jenen Oberst und Leutnant einsperren ließen.« – »Auch das wissen Sie?« – »Man erzählte sich Ihre Abenteuer im Kupee, und aus der Beschreibung Ihrer Physiognomie ersah ich, daß nur Sie der Held sein konnten. Übrigens waren die beiden Offiziere meine persönlichen Feinde. Sie hatten es auf mich abgesehen. Ich rächte mich dadurch, daß ich ausstieg und sie rekognoszierte, so daß sie auf freien Fuß gesetzt wurden. Sie wollten mich zum Zweikampf zwingen, ich aber sagte ihnen, wer von einem reisenden Musikanten Ohrfeigen erhalten habe, sei nie wieder satisfaktionsfähig. Damit bin ich sie los.« – »Hm! Was aber tun wir nun?« – »Wir brechen noch heute auf.« – »Wohin?« – »Über Havre de Grace nach Mexiko. Ich habe Instruktionen, die große Eile nötig machen. Zwar habe ich auch für Sie verschiedene Mitteilungen, doch ist dazu noch später Zeit. Jetzt wollen wir vor allen Dingen den Anforderungen des Augenblickes genügen.«

Teil 2
1. Kapitel.

Endlich, nach so langer Zeit, wandert der freundliche Leser wieder einmal nach Spanien, und zwar nach jenem Dorf, wo unsere vielbewegte Erzählung begonnen hat.

Dort, im Wald von Rodriganda, lagerte eine Zigeunerbande, alt und jung bunt durcheinander. Die Älteste aber lag unter einer Art von Zelt, damit sie am Tag von der Sonnenglut und des Nachts von der fühlbaren Kühle nicht so viel zu leiden habe, eine Zartheit, die bei Zigeunern selten zu sein pflegt.

Diese Alte war Zarba, die Königin der Gitanos, die einstige, blühende Schönheit, die Rose Zingarita, die Cortejo vom Stamm gebrochen und dann fortgeworfen hatte.

Es war gegen Abend. Die Altmutter lag in tiefem Schlummer. Daher beobachtete man im Lager eine ungewöhnliche Ruhe. Infolge dieser Stille waren die Tritte eines Pferdes, das den Weg durch den Wald suchte, leichter zu vernehmen.

Alle lauschten. Die Tritte näherten sich. Bald wurde ein Reiter sichtbar, der auf ungesatteltem Pferd ohne Bügel saß und einen einfachen Strick als Zügel hatte. Alle sprangen auf. Sie kannten ihn.

»Jarko«, rief es rundum so laut, daß die Ältermutter erwachte. Sie erhob sich vom Lager und steckte den Kopf zum Zelt heraus. Sofort wurde es im Kreis der anderen ruhig.

Welch eigentümliches Gesicht war es doch, dem solche Ehrerbietung erwiesen wurde! War das wirklich jene Zarba, deren berauschende Schönheit solches Aufsehen erregt hatte? Falte legte sich an Falte, tief und breit, lederfarben und auch lederhart. Die Nase bog sich weit nach unten, die Zähne waren verschwunden, daher war die Mundgegend tief eingefallen, und so schien es, als ob das Kinn eine sehr energische Anstrengung machte, mit der Nasenspitze zusammenzustoßen.

Aber die Augen waren nicht alt geworden. Sie besaßen noch die ganze Glut und Schärfe der Jugend; in ihnen konnte es noch leuchtend aufflammen, in Liebe oder in Haß, ganz wie es kam.

»Jarko!« rief sie.

Der soeben Angekommene, der inzwischen vom Pferd gesprungen war, trat näher zu ihr heran.

»Setze dich, mein Sohn!« sagte sie. »Du bist sehr lange fern gewesen. Jetzt endlich bringst du mir Nachricht. Ich werde fragen, und du sollst mir antworten. Oder bist du müde? Hast du Hunger oder Durst, mein Sohn?«

Der Zigeuner schüttelte verächtlich den Kopf.

»Müdigkeit? Hunger oder Durst?« fragte er. »Was ficht das den Gitano an! Frage, Mutter, damit ich dir antworten kann!« – »So sage mir, ob du Deutschland glücklich erreicht hast.« – »Ich war in diesem Land.« – »Auch an dem Ort, nach dem ich dich sandte?« – »Auf dem Schloß Rheinswalden? Ja, da war ich auch.« – »So ist mein Wunsch erfüllt. Lebt Tombi noch?« – »Er lebt noch, ist gesund und freut sich seines Lebens.« – »Hast du nicht gesehen einen alten Mann, der krank in seinem Geist ist?« – »Ich habe ihn gesehen. Er spricht stets, daß er der gute, treue Alimpo sei. Man sagt, dieser Mann sei der eigentliche Graf de Rodriganda.« – »Was er ist, das geht dich nichts an. Welche Personen hast du noch dort gefunden?« – »Den Herzog von Olsunna.« – »Ich kenne ihn.« – »Die Herzogin, seine Frau.« – »Sie war meine Freundin.« – »Frau Rosa Sternau, die Tochter der Rodriganda.« – »Sie war die Wonne ihres Gatten. Gott hat ihn sterben lassen.« – »Ihr Töchterlein Rosa, genannt Waldröschen.« – »Ich habe sie als Kind gesehen und ihr die Hände auf das Haupt gelegt. Ist sie schön geworden?« – »Schöner als die Röte des Morgens.« – »Und gut?« – »Ihr Herz kennt nichts als Güte allein.« – »Gott wird sie segnen. Wen hast du noch gesehen?« – »Einen Offizier, der Kurt genannt wird. Er ist jung, aber er wird schnell ein großer Mann werden.« – »Er ist der Sohn des Steuermannes. Ich habe in den Sternen gelesen, daß ihm keine seiner Leuchten untergehen wird.« – »Sodann habe ich gesehen den alten Rodenstein.« – »Der Rodensteiner ist wie der Stein, der aus dem Feld gerodet wird. Er hat keinen Glanz und keine Politur und verwittert langsam.« – »Seinen Sohn, den Maler, und seines Sohnes Frau, die Herzogstochter.« – »Es sind zwei Herzen, die fest zusammenwuchsen, sie werden sich niemals fremd werden.« – »Sodann bekam ich von Tombi, deinem Sohn, einen Brief für dich.« – »Einen Brief? Gib ihn her! Der Gitano versteht nicht, einen Brief zu schreiben. Aber was er einmal schreibt, das wird von seinen Brüdern und Schwestern gelesen. Meine Augen sind noch scharf genug, die Worte zu sehen, die mir mein Sohn sendet, der der Sohn meines größten Feindes ist.«

Der Zigeuner gab Zarba ein Blatt Papier, worauf mehrere Zeilen mit schlechter Feder und noch schlechterer Tinte geschrieben waren. Dieses Blatt war in einen Leinwandlappen gewickelt gewesen. Sie verstand dennoch das undeutlich Geschriebene und las folgende Apostrophen:

Mutter.

Brief von Frau Sternau. Lebt noch. Auch Steuermann. Graf Ferdinando. Auch alle anderen. Sind in Mexiko. Ferdinando von Cortejo Pablo Gift. Scheintot. Schiff geschafft. Sklave geworden. Landola getan. Die anderen von Landola auf Schiff. Gefangen. Sollte sie töten. Schaffte sie auf eine wüste Insel. Sechzehn Jahre. Gerettet. Kommen bald nach Hause. Große Freude in Rheinswalden und Rodriganda. Rache bald und groß.

Sohn Tombi.«

Man sieht, daß dieser Brief ein früheres Datum hatte. Er war vor Geierschnabels Ankunft geschrieben, also zu einer Zeit, in der man noch nicht wußte, daß die Geretteten wieder verschwunden seien.

Zarba saß lange Zeit in tiefe Gedanken versunken. Dann barg sie den Brief in der Tasche des alten Gewandes und kam aus dem Zelt hervor. Sie steckte einen Dolch zu sich und entfernte sich aus dem Lager, ohne den Ihrigen ein Wort der Erklärung zu geben.

Ihre Schritte waren zwar langsam, aber fest und sicher. Sie schien, trotzdem es Winter war, nicht im geringsten zu frieren. War es vielleicht eine seelische Potenz, die ihr diese Wärme, diese Kraft erteilte?

Sie schritt geradewegs auf Schloß Rodriganda zu. Als sie das Portal erreichte, stand ein Diener unter demselben.

»Was willst du, Hexe?« fragte er.

Zarba antwortete nicht, sondern schritt an ihm vorüber. Da erfaßte er sie beim Arm und wiederholte:

»Was du willst, Hexe, habe ich gefragt!«

Sie blickte ihn ruhig an und antwortete:

»Weißt du nicht, daß ich hier stets Zutritt habe?« – »Ich weiß es. Aber sage mir, zu wem du willst.« – »Ist Graf Alfonzo da?« – »Nein.« – »Señor Cortejo?« – »Ja.« – »Schwester Clarissa?« – »Ja.« – »Wo befinden sich diese beiden?« – »Im Zimmer Cortejos.«

Zarba wußte sehr gut Bescheid im Schloß. Sie stieg also die beiden Treppen empor, horchte an der betreffenden Tür, und als sie hinter derselben eine männliche und eine weibliche Stimme vernahm, klopfte sie an. Drin erscholl der Ruf, und sie trat ein.

Cortejo saß mit Schwester Clarissa auf dem Sofa. Sie hatten auf dem Tisch vor sich ein höchst splendides Abendmahl stehen. Beider Züge verfinsterten sich, als sie bemerkten, daß Zarba die Eintretende sei.

»Was willst du?« fragte Cortejo barsch. – »Mich an deinem Feuer wärmen«, antwortete sie, indem sie die Achseln zusammenzog, wie jemand, den sehr friert, und sich an den prächtigen Marmorkamin kuschelte. – »Dich wärmen? Geh in den Wald zu den Deinen! Brenne dir dort ein Feuer an!« – »Im Schloß bei den Meinen ist es besser als im Wald.«

Cortejo blickte Zarba erstaunt an. Was hatte sie nur? Diese Zigeunerin besaß eine Macht, der er nicht gewachsen war. Sie wußte einiges aus seinem Leben. Daß sie noch mehr, daß sie alles wußte, ahnte er gar nicht. Wie oft hatte er ihren Tod gewünscht! Er hätte sich kein Gewissen daraus gemacht, sie zu töten, aber ein geheimnisvolles Etwas hatte ihn immer von der Ausführung dieses Gedankens abgehalten.

»Wen hättest du im Schloß, die du ›die Deinen‹ nennen könntest?« fragte Schwester Clarissa in stolzem, höhnischem Ton. – »Dich nicht«, antwortete die Gefragte.

Da brauste die Schwester auf.

»Weib!« rief sie. »Wagst du, mich du zu heißen! Mißbrauche unsere Geduld nicht auf solche Weise!« – »Was bist du anderes als ich?« fragte die Zigeunerin.

Clarissa antwortete nicht, aber sie wandte sich an Cortejo und rief:

»Schaffe diese Vagabundin fort! Auf der Stelle!«

Cortejo mußte gehorchen; er gebot der Zigeunerin:

»Gehe hinab und wärme dich beim Gesinde! Bei uns ist kein Raum für dich!«

Da war es, als ob der Körper Zarbas höher und breiter werde. Sie richtete sich empor, lehnte sich an den Kamin, verschränkte die Arme über der Brust und erwiderte mit Nachdruck:

»Zarba wird sich da wärmen, wo es ihr beliebt. Dieses Weib hat dir einen Sohn geboren, der noch lebt. Auch ich gab dir einen Sohn, der lebt. Wer ist mehr, sie oder ich? Freilich ist mein Sohn ein armer Gitano, während der ihrige jetzt Graf von Rodriganda ist.«

Die beiden erschraken so, daß ihnen das Blut in den Adern stockte. Erst nach längerer Pause sagte Cortejo:

»Zarba, um Gottes willen, was fällt dir ein! Du phantasierst!«

Sie zuckte die Achsel und antwortete:

»Wohl wäre es kein Wunder, wenn mir die Sinne verlorengegangen wären, aber Gott hat sie mir erhalten, damit es eine Anklägerin gebe, wenn die Zeit des Gerichtes über euch gekommen ist.«

Schwester Clarissa fuhr sich mit dem Riechfläschchen an die Nase.

»Dieses Weib ist wirklich wahnsinnig, oder es träumt ihm nur!« rief sie aus. – »Frevle nicht!« gebot Zarba. »Es wird für euch die Stunde kommen, wo der Wahnsinn für euch eine Wohltat wäre. Ihr werdet heulen und mit den Zähnen klappern, daß die Teufel gezwungen sein werden, Mitleid mit euch zu haben!«

Cortejo wußte nicht, was er denken und sagen sollte. Zarba, seine einstige Geliebte, seine Mitschuldige in so vielen Fällen, trat jetzt in dieser Weise gegen ihn auf? Was hatte das zu bedeuten? Er starrte sie lange an, und endlich fragte er:

»Was willst du denn eigentlich von uns?« – »Nur mich wärmen«, antwortete sie. »Wenn aber dieses Weib mich hinausweist, weil es denkt, mehr zu sein als ich, so zeige ich ihm, daß ich gleiche Rechte mit ihm habe. Ich verlange von dir für meinen Sohn eine Grafschaft, ebenso wie der ihrige eine erhalten hat.« – »Was redest du von meinen Söhnen?« – »Schweige!« erwiderte Zarba gebieterisch. »Wir beleidigen uns nicht, wenn wir gegenseitig die Wahrheit gestehen. Zarba ist mächtiger als du. Sie kann erretten und verderben.« – »Du irrst«, antwortete er. »Es kostet mich ein Wort, so bist du verloren!«

Cortejo hatte sich zusammengerafft. Er wollte nun diese Vagabundin loswerden. Vor Clarissa hatte er kein Geheimnis, er konnte mit der Zigeunerin ganz ohne Furcht sprechen.

»Sprich dieses Wort!« gebot sie ihm. – »Ich will dich nicht sehen, nicht hören; es soll sein, als ob du gestorben seiest. Gehst du mit darauf ein, so werde ich schweigen. Fährst du aber fort, Schloß Rodriganda zu besuchen, als ob du hereingehörtest, so übergebe ich dich der Gerechtigkeit.« – »Du?« fragte Zarba, indem sie leise in sich hineinkicherte. »Sage nur ein Wort von mir, so geht dein Kopf verloren!« – »Oho!« meinte er. »Denkst du der Nacht, als Graf Emanuel verschwand? Er lag krank. Da kamen Zigeuner durch die hintere Tür. Sie würgten ihn, trugen ihn fort, und am anderen Morgen fand man ihn in der Tiefe des Abgrundes. Kennst du die Zigeuner, die dies taten? Kennst du die Anführerin, die ihnen befohlen hatte, dies zu tun?« – »Ich kenne sie«, entgegnete Zarba ruhig. »Aber kennst du auch den, der dies von ihr bestellte und sie dafür bezahlte? Kennst du die fromme Schwester, mit der er den Streich beraten hatte?« – »Pah!« meinte Cortejo. »Wer kann mir etwas beweisen?« – »Und wer mir?« fragte sie. – »Ich«, antwortete er. »Ich beschwöre es. Du aber hättest gegen mich keinen Schwur. Du bist Zigeunerin.« – »Ich würde deines Schwures lachen.« – »Prahlerin! Mörderin! Das Blut Don Emanuels klebt an deinen Händen!«

Zarba lächelte wieder heimlich in sich hinein und erwiderte:

»Um zu beweisen, wer sein Mörder ist, müßte man erst nachweisen, wer ihn erblinden lassen wollte und ihm und seiner Tochter Gift eingab, um sie wahnsinnig zu machen; aber das ist nicht nötig. Ich lache eurer doch. Erinnerst du dich noch jenes deutschen Doktors Sternau, der den Grafen operierte?« – »Er war ein Scharlatan, der längst untergegangen ist.« – »Er war weder ein Scharlatan, noch ist er untergegangen. Daß er kein Scharlatan sei, bewies er, als die Leiche des Grafen aufgehoben wurde, indem er behauptete, es sei gar nicht die Leiche des Grafen.« – »Sie war es aber doch.« – »Nein, sie war es nicht. Sternau war ein gescheiter Arzt, und ich war keine Mörderin. Ich sollte den Grafen töten, aber ich holte ihn nur von euch fort, um sein Leben sicherzustellen, und ließ ihn nach einem Ort schaffen, wo er nicht zu finden war.«

Die beiden Zuhörer waren totenbleich geworden. Cortejo war vor Schreck emporgefahren, Clarissa aber niedergesunken.

»Lüge, Lüge!« rief der erstere. »Man fand ja die Leiche!« – »Das war der Körper eines am Tag vorher begrabenen Mannes. Ich ließ ihn ausgraben, zog ihm die Kleidung des Grafen an und stürzte ihn zum Felsen hinab; er wurde so zerschmettert, daß eine Täuschung sehr wahrscheinlich war.« – »Weib, Teufel, du lügst!« rief Cortejo. – »Glaube das immerhin. Aber Graf Emanuel lebt noch.« – »Wo hättest du ihn?« – »Da, wohin du nicht kommen kannst. Ferner nanntest du jenen Sternau untergegangen. Auch darin irrst du. Sternau lebt.«

Cortejo blickte Zarba überlegen an und antwortete:

»Er ist tot. Das weiß ich sehr genau.« – »Meinst du?« fragte sie, abermals in sich hineinlachend. »So ist wohl auch Graf Ferdinando tot?« – »Ja.« – »Und Mariano, der echte Rodriganda?« – »Den kenne ich nicht. Sie alle sind tot, während eines Schiffbruchs untergegangen.«

Zarba trat einen Schritt näher und meinte:

»Gasparino Cortejo, du irrst abermals. Henrico Landola hat euch ebenso schlecht bedient wie ich.« – »Was sagst du? Ich verstehe dich nicht.« – »Du sollst mich sogleich verstehen. Landola traute dir niemals. Er wollte eine Waffe gegen dich behalten, darum tötete er diejenigen nicht, die er töten sollte, sondern setzte sie auf einer wüsten Insel aus. Sechzehn Jahre waren sie dort, bis es ihnen kürzlich gelang, zu entkommen.«

Cortejo wußte nicht, was er denken sollte. Selbst wenn Zarba jetzt log, mußte sie sich doch im Besitz von Geheimnissen befinden, die er bisher für sein ausschließliches Eigentum gehalten hatte. Und was sie erzählte, das war diesem Landola zuzutrauen. Wie nun, wenn sie die Wahrheit sagte?

Es wurde ihm ganz schwindlig, und auch Clarissa ließ ein leises Stöhnen hören, das sie nicht zu unterdrücken vermochte. Sie schien also ganz seine eigenen Gedanken und Gefühle zu haben. Cortejo raffte sich jedoch zusammen und sagte in höhnischem Ton:

»Du erfindest sehr gut, Alte! Werde Kinderwärterin, es wird dir da nicht schwer werden, Ammenmärchen zu ersinnen.«

Zarba lachte überlegen auf und antwortete:

»Das spricht nur deine Angst, ich höre und sehe es dir an! Ich will dir aber noch mehr sagen. Ihr hielt Don Emanuel für tot, nun sollte auch Don Ferdinando sterben, damit dein Sohn das ganze Erbe empfange. Es wurde ihm ein Gift eingegeben, aber dieses Gift tötete nicht, sondern machte nur starrkrämpfig. Don Ferdinando starb, wurde beerdigt, aber bald wieder ausgegraben und von Landola in die Sklaverei geschafft. Auch er hat sich gerettet und lebt. Sie alle, Sternau, Ferdinando und Mariano sind in Mexiko.« – »Beweise es!« – »Meine Boten und Quellen brauchst du nicht zu kennen. Aber ich sage dir, daß es wahr ist.« – »Und wenn es wahr ist, warum sagst du mir es, Hexe?« fragte Cortejo wütend. »Etwa um mich zur Vorsicht zu mahnen, etwa um mir Zeit zu geben, mich zu retten?« – »Nein, denn zu retten bist du nicht«, hohnlachte Zarba. »Ich sage es dir nur, um mich an deiner Qual zu weiden. Du sollst das alles eher erfahren, um die Angst desto länger zu tragen.« – »Satan!« rief er. – »Teufel« antwortete sie. – »Es ist doch alles erlogen. Ich glaube dir kein Wort.«

Da klopfte es leise an, und der Diener, der vorhin am Portal gestanden hatte, trat ein. Er brachte mehrere Briefe, die vom Boten abgegeben worden waren. Als er sich entfernt hatte, betrachtete Cortejo die Kuverts.

»Aus Mexiko!« entfuhr es ihm beim Anblick eines der Briefe. – »Lies ihn!« gebot Zarba. »Vielleicht weißt du dann, ob ich dich belogen habe oder ob ich die Wahrheit sagte.«

Cortejo öffnete halb vorsätzlich und halb unwillkürlich das Kuvert und faltete das innenliegende Papier auseinander. Er las es. Seine Blicke wurden starr, er stieß einen tiefen, schweren Seufzer aus und sank auf das Kissen des Sofas zurück.

Schwester Clarissa konnte ihre Neugierde nicht besiegen. Sie nahm den Brief aus seiner Hand und las nun folgende Zeilen:

»Lieber Oheim!

In aller Eile schreibe ich Dir von der Hacienda del Erina aus, denn es hat sich Wichtiges oder vielmehr Schreckliches zugetragen. Landola hat uns betrogen. Die, die er töten sollte, leben alle. Auch die Nebenpersonen kennst Du aus unseren Briefen. Er hat sie auf einer einsamen Insel ausgesetzt, von der sie nun entkommen sind. Sie befinden sich in Fort Guadeloupe bei unserem Feind Juarez. Ich nenne Dir Sternau, Mariano, zwei Helmers, Büffelstirn, Bärenherz, Emma Arbellez und Karja. Auch Don Ferdinando ist bei ihnen; er ist nicht tot, sondern er lebt. Vater ist nicht da, und ich bin krank. Ich sandte ihm diese Nachricht nach, damit er Maßregeln ergreifen könne. Gelingt es uns nicht, die Genannten abermals in unsere Hände zu bringen, so sind wir unbedingt verloren. In größter Sorge Deine Nichte

Josefa.«

Der frommen Schwester sank die Hand mit dem Brief nieder. Zarba aber hustete herausfordernd und sagte:

»Nicht wahr, meine Nachricht bestätigt sich? Ich sehe es euch an!«

Da fuhr Cortejo empor.

»Schweig, Weib, sonst stopfe ich dir den Mund. Setze dir noch so viele Unwahrheiten zusammen, aber niemals wirst du deine Behauptung beweisen können, daß Graf Alfonzo ein falscher Rodriganda sei.« – »Meinst du?« lachte sie höhnisch. »Du irrst gewaltig, Gasparino Cortejo! Zunächst kann man dir beweisen, daß Mariano der echte Rodriganda ist. Der Räuber hat ihn nicht getötet. Und frage doch einmal deinen Sohn, den falschen Grafen, was ihm in Paris von einem Garotteur abgenommen wurde.« – »In Paris? Von einem Garotteur? Davon weiß ich nichts. Was sollte das gewesen sein?« – »Ich will es dir sagen. Es gibt Leute, die aus Gedächtnisschwäche oder anderen Ursachen alles aufschreiben, was sie tun oder was mit ihnen passiert. Diese Unvorsichtigen denken nie daran, daß ihre Aufzeichnungen in falsche Hände kommen können; ein solcher Schwachkopf ist dein Sohn. Er hat alle eure Geheimnisse notiert, und dieses Notizbuch wurde ihm von einem Garotteur abgenommen. Ich kenne den Inhalt Wort für Wort.« – »Himmel und Hölle, wer hat dieses Buch?« rief Cortejo, von dem Sofa auffahrend und auf die Zigeunerin zutretend. – »Das brauchst du nicht zu wissen.« – »Ah, du wirst es mir dennoch sagen! Ich lasse dich nicht eher fort, als bis du es gestanden hast.« – »Warte, ob es mir beliebt.« – »Nein, ich warte keinen Augenblick. Heraus damit.«

Cortejo faßte die Zigeunerin am Arm, stieß aber im nächsten Augenblick einen Schmerzensschrei aus. Zarba hatte ihren kleinen Dolch gezogen und ihm in die Hand gestoßen. Zugleich hatte sie mit der Geschwindigkeit eines Wiesels das Zimmer verlassen. Ehe Cortejo sie erreichen konnte, hatte sie hinter den Bäumen des Parks Schutz gefunden.

»Verdammte Schlange! Sticht wie eine Natter!« zürnte Cortejo, die Hand betrachtend. – »Bist du schwer verwundet, mein Lieber?« fragte Clarissa. – »Nein, der Stich ging zwischen zwei Fingern hindurch. Nicht der Rede wert. Aber desto mehr Stiche hat sie uns mit ihrer Zunge versetzt.« – »Es gilt uns vorzusehen, lieber Gasparino. Laß uns die einzelnen Punkte überlegen. Vorher aber sage einmal aufrichtig, ob es wirklich wahr ist von dem – Sohn.«

Der Gefragte zögerte mit der Antwort, endlich erwiderte er, sich ein Herz fassend:

»Hm, mag sein. Warum aber jetzt an solche Kleinigkeiten denken? Wir haben jetzt ganz andere Sachen zu überlegen. Zunächst Graf Ferdinando; er ist nicht gestorben.« – »Er wurde also nicht vergiftet, nicht getötet.« – »Hm. Wer trägt die Schuld?« – »Dein unvorsichtiger Bruder Pablo. Ich bin nicht klug oder schlecht genug, den Grund zu finden.« – »Ich glaube, ihn zu wissen.« – »Nun?« – »Er hat eine Tochter, und ich habe einen Sohn. Mein Sohn ist Erbe der Grafschaft; er sollte Josefa heiraten, damit das Mädchen teilnehmen könne an unserem Gewinn. Alfonzo mochte nicht. Jetzt fühlten sie sich zurückgesetzt und beschlossen, mir die Daumenschrauben anzulegen. Das war aber nur dann möglich, wenn sie Don Ferdinando nicht töteten, sondern zwar leben ließen, dabei aber unschädlich machten.« – »Das ist allerdings einleuchtend. Man wird sich zu revanchieren wissen. Was denkst du vom Wiedererscheinen der Verschwundenen?« – »Ich glaube es.« – »Ich halte es für einen Kunstgriff der Josefa.« – »Nein. Woher hätte Zarba denselben Gedanken?« – »Können die beiden nicht in Übereinstimmung handeln?« – »Nein. Ich bin überzeugt, daß Landola die ganze Sippschaft hat leben lassen.« – »Aber wozu? Doch zu seinem eigenen Schaden.« – Jetzt, ja, nicht aber sobald es ihnen nicht gelang, zu entkommen. Ich habe ihm seine Dienste reichlich bezahlt; er aber ist ein Mensch und nimmt also so viel wie möglich. Er hatte es in der Hand, die Gefangenen freizugeben; dies war das Rohr, mit dessen Hilfe er mich auspumpen konnte. Ich begreife nur nicht recht, warum er noch nicht damit begonnen hat.« – »Was aber nun tun? Die Wiedererschienenen müssen unbedingt so bald wie möglich verschwinden.« – »Das überlasse ich meinem Bruder. Für mich gibt es zwei Personen, die mir wichtiger sind als alle Sternaus und Marianos.« – »Wer?« – »Zarba und Landola. Ohne das Zeugnis dieser beiden kann uns kein Mensch etwas beweisen.« – »So mußt du diese beiden töten.« – »Die Zigeunerin jedenfalls.« – »Wann?« – »Noch heute. Sie weiß zu viel.« – »Und Landola?« – »Mit ihm müßte ich vorher Rücksprache nehmen. Vielleicht ist es besser, ihn noch so lange leben zu lassen, bis man ihn ausgenützt hat.« – »Befindet er sich noch in Barcelona?« – »Ja, er muß damals in Deutschland eine Unvorsichtigkeit begangen haben, da er sich sogar vor den spanischen Agenten verstecken muß. Dieser Bismarck beginnt den anderen Mächten zu imponieren. Schreiben wir übrigens Alfonzo, daß er uns von Madrid aus besuche. Auch er muß wissen, was geschehen ist und mit darüber verhandeln. Jetzt will ich mich vorbereiten.« – »Wegen Zarba?« – »Ja, und auch wegen Landola. Ich fahre noch in dieser Nacht nach Barcelona. In solchen Dingen kann man nicht schnell genug sein.« – »Aber auch nicht vorsichtig genug. Ich hoffe nicht, daß du dich in irgendeine Gefahr begibst.« – »Fällt mir gar nicht ein. Habe keine Angst.« – »Aber es liegt Schnee. Man wird deine Spur entdecken.« – »Man wird vielleicht eine Spur entdecken, aber die meinige nicht.« Sie trennten sich.

2. Kapitel.

Eine Stunde später verließ Cortejo aus einer Seitentür das Schloß. Er hatte sich von einem der Bediensteten eine Flinte heimlich weggenommen und ebenso von zwei anderen die Stiefel. Wechselte er die letzteren, so entstanden zweierlei Fährten. Auf jeden Fall aber paßten später seine eigenen Stiefel nicht in die Spuren.

Er machte einen Umweg und gelangte an den Platz, wo sich das Lager befand. Das Gewehr schußfertig, schlich er zwischen den Büschen heran. Er kannte das Leben in Zarbas Lager genau und wußte, daß man jetzt noch wach sei. Um die jetzige Zeit pflegte die Alte, eine Pfeife rauchend, noch vor ihrem Zelt zu sitzen, um den Erzählungen ihrer Horde zu lauschen.

Er nahte sich von der Seite, von der aus ihm Zarba gerade gegenübersitzen mußte. Ein Druck seines Fingers, und sie war für immer unschädlich gemacht.

So kroch er weiter und weiter, bis er die Randbüsche der Lichtung erreichte. Er blickte hindurch und stieß einen leisen Ruf der Überraschung aus. Das Lager war verschwunden.

Weshalb sind sie fort? Warum hatte die Alte nichts davon gesagt? Hatte sie etwa Angst ihres Dolchstiches wegen? Diese Fragen legte sich Cortejo vor. Aber sollte er zwecklos nach Hause zurückkehren? Nein. Die Gitanos konnten den Platz erst vor kurzer Zeit verlassen haben. Er konnte sie sehr bald erreichen und dann die Alte erschießen.

Er untersuchte also den Platz, um aus den Spuren zu ersehen, wohin sie sich gewandt hatten. Es wurde Cortejo sehr leicht, dies zu finden, und eben schickte er sich an, der breiten Fährte zu folgen, als er auf ein unvorhergesehenes Hindernis stieß.

»Halt!« rief es ihm entgegen.

Als er aufblickte, sah er vier Zigeunerburschen vor sich stehen.

»Was wollt ihr?« fragte er. – »Ah, Ihr seid es, Señor Cortejo. Was sucht Ihr hier?« – »Was geht euch das an?« – »Sehr viel. Wir hatten Euch hier erwartet.« – »Mich? Weshalb? Wozu?« fragte er erstaunt. – »Unsere Königin hat es uns befohlen.« – »Ah! Unglaublich! Wie konnte sie wissen, daß ich in den Forst mußte?« – »Als sie vom Schloß kam, befahl sie den schnellsten Aufbruch …« – »Weshalb?« – »Wir wissen es nicht. Uns gebot sie, hier zurückzubleiben. Sie sagte uns, daß Señor Cortejo leise durch die Büsche komme und daß er die Spuren suchen werde, um uns zu folgen; das sollten wir nicht dulden.«

Cortejo begann zu ahnen, daß sein gegenwärtiges Unternehmen vollständig mißglückt sei.

»Warum solltet ihr das nicht dulden?« fragte er. – »Auch das wissen wir nicht.« – »Und wenn ich dann doch den Spuren folge?« – »Dann, verzeiht, Señor, haben wir den strengen Befehl, Euch ein wenig totzuschießen.« – »Donnerwetter! Das hat Zarba befohlen?« – Ja.« – »Und ihr würdet es auch tun?« – »Wir sind gewöhnt, ihr zu gehorchen, selbst wenn es uns das Leben kosten würde. Darum ist es am besten, Señor, Ihr erlaubt uns, Euch nach dem Schloß zurückzubegleiten.« – »Ich werde den Weg selbst finden.« – »Jawohl, aber wir wollen uns auch überzeugen, daß Ihr ihn wirklich gefunden habt. Kommt, Señor, es ist besser, Ihr geht freiwillig mit uns, als daß wir Euch zwingen müssen.« – »Gewalt wollt ihr anwenden, ihr Schurken?« – »Unter Umständen, ja, denn wir müssen gehorchen.« – »So kommt. Aber laßt euch um Gottes willen nicht in der Nähe des Schlosses erblicken.« – »Oh, Señor, wir sind im Gegenteil fest überzeugt, daß Ihr Euch außerordentlich freuen werdet, unsere Altmutter Zarba gesund und unbeschädigt in Rodriganda wiederzusehen.«

Bei diesen Worten nahmen die Zigeuner Cortejo in ihre Mitte und führten ihn von dannen. Er mußte sich darein fügen und konnte seinem Zorn nicht einmal durch Grobheiten Luft machen. Dieser Ärger wiederholte sich, als er Schwester Clarissa dieses Abenteuer erzählte.

»O weh«, meinte diese. »So ist sie entkommen?« – »Noch nicht. Ich forsche ihr nach. Mein muß sie werden.« – »So willst du die Zigeuner verfolgen?« – »Ja.« – »Doch sofort morgen früh?« – »Nein. Die Fahrt nach Barcelona ist notwendiger. Die Zigeuner entgehen mir nicht.«

Es war noch während der Nacht, als Cortejo sich unterwegs nach der genannten Stadt befand. Dort angekommen, ließ er seinen Wagen im Gasthof halten und begab sich zu Fuß nach einer der unscheinbarsten Seitenstraßen: Dort trat er bei einem armen Flickschuster ein, der von seiner an und für sich engen Wohnung ein Stübchen vermietet hatte. Der Inhaber desselben war kein anderer als Kapitän Henrico Landola, der allerdings unter einem anderen Namen hier wohnte.

Als Cortejo bei ihm eintrat, fand er ihn von Langeweile geplagt.

»Habt keine Sorge«, meinte er. »Ich bringe Euch ein Thema, das Euch sehr viel Kurzweil machen wird.« – »Mir sehr recht und lieb. Übrigens werde ich es nicht mehr lange hier aushalten. Die Nachforschungen nach mir sind eingeschlafen, und ich liebe Kampf und Arbeit mehr als Frieden und Faulheit.« – »Schön! Da könnte ich Euch gleich Arbeit geben.« – »Was für welche?« – »Eine Fahrt nach Mexiko.« – »Hm! Als Passagier oder mit eigenem Schiff?« – »Ganz nach Belieben. Man hat sich nämlich höheren Ortes sehr unzufrieden darüber ausgesprochen, daß die Überreste des Grafen Ferdinando drüben in Mexiko liegenbleiben, anstatt in der Familiengruft der Rodriganda beigesetzt zu werden. Um weitere Vorwürfe zu vermeiden, soll ein Mann hinübergeschickt werden, um den Sarg nebst Inhalt herüberzubringen. Wollt Ihr das übernehmen?« – »Hole Euch der Teufel!« antwortete Landola. – »Nicht! Warum nicht?« – »Eine Leiche an Bord bringt stets Unglück.« – »Aberglaube! Das habe ich doch bei Euch noch gar nicht bemerkt.« – »Meinetwegen. Laßt den alten Kerl ruhen, wo er ruht.« – »Wo denn?« – »Na, drüben in Mexiko. Wo denn sonst?« – »Oder in der Sklaverei?«

Landola erschrak, er fuhr zurück, blickte Cortejo starr an und fragte:

»Sklaverei? Wie meint Ihr das?« – »Na, daß Ihr den Grafen an Bord genommen und fortgeschafft habt.« – »Donnerwetter! So hat Euer Bruder den Mund doch nicht gehalten.« – »Also auf seinen Befehl mußtet Ihr das tun?« – »Ja.« – »Er galt also mehr als ich?« – »Pah; er war drüben, wo die Geschichte vorgenommen wurde. Da mußte ich mich natürlich nach ihm richten.« – »Soso! Habt Ihr Euch auch später in solcher Weise nach ihm gerichtet?« – »Daß ich nicht wüßte.« – »Zum Beispiel mit Sternau und Konsorten?« – »Die sind ja tot!« – »Oder auch in der Sklaverei?« – »Unsinn!« – »Oder auf einer Insel ausgesetzt?«

Bei dieser Frage zeigte sich Landolas Gesicht fast zinnoberrot. Woher hatte Cortejo das erfahren? Es gab keinen Zeugen seiner damaligen Taten und Handlungen. Schlug Cortejo vielleicht nur auf den Strauch? Das war doch möglich, darum antwortete Landola:

»Erlaubt Señor, daß ich Euch frage, ob Ihr gerade jetzt träumt.« – »Ja, mir hat geträumt. Wißt Ihr was?« – »Ich werde es wohl hören.« – »Ich will es Euch sagen. Mir träumte nämlich, daß Ihr um gewisser Gründe willen, die ich hier nicht des näheren zu erörtern brauche, jene Gefangenen damals nicht habt ertrinken lassen.« – »Alle Teufel! Was hätte ich denn sonst mit ihnen tun sollen?« – »Ihr habt sie eben auf irgendeine Insel gebracht, um sie gleich bei der Hand zu haben, wenn es einmal einen Streich gegen mich galt.«

Jetzt hatte die Verlegenheit des Kapitäns einen hohen Grad erreicht. Er sah ein, daß Cortejo wußte, was er sagte, aber dennoch fiel es ihm nicht ein, so ohne weiteres ein Geständnis abzulegen.

»Sagt doch einmal, Señor, was ich von Euch halten soll«, meinte er. – »Sagt Ihr das lieber mir. Ich habe Euch Eure Dienste zu jeder Zeit prompt und reichlich bezahlt, und nun muß ich in Erfahrung bringen, daß Ihr Unehrlichkeiten gegen mich begangen habt, die geradezu haarsträubend sind und mich in die schauderhafteste Verlegenheit bringen können.« – »Ich bitte euch, mir eine einzige Unehrlichkeit zu nennen.« – »Nun, eben die, daß Sternau und Konsorten nicht gestorben, sondern ausgesetzt worden sind.« – »Donnerwetter! Wie wolltet Ihr das beweisen?« – »Damit, daß sie alle, alle gerade jetzt drüben in Mexiko lebendig herumlaufen, und zwar im Hauptquartier des Präsidenten Juarez.«

Landola fuhr abermals erschrocken zurück.

»Das müßten ja Gespenster sein.« – »Dann wäre Don Ferdinando ebenfalls ein Gespenst, von dem Ihr doch zugebt, daß er lebt.« – »Der? Der wäre auch dabei?« – »Ja. Sie sind alle beisammen.«

Cortejo sprach diese Worte im höchsten Zorn. Landola konnte vor Schreck und Verlegenheit kaum ein Wort hervorbringen.

»Don Ferdinando soll dabeisein?« fragte er endlich. »Welch eine Fabel oder was für ein Märchen hat man Euch denn da aufgehängt?« – »Eine Fabel? Ein Märchen?« rief Cortejo. »Das wagt Ihr, mich zu fragen? Ihr, der doch am besten weiß, ob es eine Fabel oder ein Märchen ist! Wißt Ihr, daß dies eine Frechheit ist, die ihresgleichen sucht? Glaubt Ihr, daß ich anspannen lasse und von Rodriganda nach Barcelona komme, nur um Euch eine Fabel zu erzählen?«

Landola faßte sich. Er sah ein, daß er auf irgendeine Weise durchschaut worden sei, und nahm sich vor, durch ein forciertes Auftreten dem Gegner die Spitze zu bieten.

»Ihr sprecht von Frechheit«, sagte er in jenem kalten Ton, der vermuten ließ, daß in seinem Innern ein Vulkan in Tätigkeit sei. »Ich muß Euch ersuchen, auf dergleichen Ausdrücke sofort zu verzichten, wenn Ihr überhaupt wollt, daß ich Euch weiterhin Rede stehe. Ich bin kein Halunke.«

Ein drohender Blitz traf ihn aus Cortejos Augen. Derselbe zuckte verächtlich die Achseln und fragte:

»Wollt Ihr einen Menschen, der von der Polizei gesucht wird, etwa anders nennen?« – »Señor«, zürnte Landola in erhobenem Ton, »die gegen mich gerichteten Recherchen sind nur eine Folge meiner letzten politischen Tätigkeit.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Ihr wißt, daß ich als Spaniens Emissär die Mittelstaaten Europas bereiste. Preußen will mich ausgeliefert haben.« – »Nur weil Ihr als Emissär agitiert habt?« – »Ja.« – »Lüge!« – »Señor Cortejo!« – »Ich wiederhole es: Lüge! Es wird Preußens erstem Minister nicht einfallen, Eure Auslieferung von Spanien zu verlangen, von Spanien, das ihn ganz einfach auslachen würde. Nach den bestehenden Gesetzen hat er kein Recht zu dieser Forderung.« – »O doch!« – »Nein, Politiker werden nicht ausgeliefert. Ihr seid für Spanien tätig gewesen, es würde Euch beschützen. Aber anstatt dies zu tun, fahndet es nach Euch. Sagt mir doch, warum?« – »Es tut nur zum Schein so, um Preußen zu beruhigen.« – »Pah, ich weiß es besser.« – »Wirklich? So redet doch.« – »Glaubt Ihr denn, daß ich mit den Kreisen, um welche es sich hier handelt, keine Verbindung unterhalte? Es sind Euch zur Ausführung Eurer Aufträge und zur Auszahlung an gewisse andere Agenten bedeutende Summen anvertraut worden. Ihr habt alles für Euch behalten. Ihr habt diese Summen einfach unterschlagen.« – »Señor, wollt Ihr diese Behauptung wohl sofort zurücknehmen?« – »Fällt mir nicht ein. Dieser Unterschleife wegen werdet Ihr nun auch noch von den hiesigen Behörden gesucht. Man will Euch nicht an Preußen ausliefern, aber man will Euch unschädlich machen auf irgendeine Weise.« – »Das soll man doch nur versuchen, ich würde reden.« – »Pah! Wenn man Euch erwischt, werdet Ihr spurlos verschwinden. Man wird Euch gar nicht Gelegenheit geben, zu sprechen.« – »Aber man wird mich auch nicht erwischen.« – »Traut Euch nicht zu viel zu. Wie nun, wenn ich den ersten besten Polizisten herbeirufe und ihm sage, daß Ihr Landola seid?« – »So würde ich als Arrestant einen Kollegen haben.« – »Wen denn? Etwa mich?« – »Ja. Ich würde Euch als Räuber und Mörder anzeigen. Ich würde alles erzählen, was ich von Euch weiß.« – »Ich würde darüber lachen.« – »Lange nicht.« – »Ihr würdet es gar nicht wagen, mich zu denunzieren.« – »So? Warum nicht?« – »Weil Ihr als Mitschuldiger, als der Ausführer meiner Pläne und Entwürfe eine wenigstens ebenso strenge Strafe finden würdet wie ich.« – »Glaubt Ihr wirklich, daß mich das abhalten könnte, Euch anzuzeigen?« – »Ja«, antwortete Cortejo im Ton der Sicherheit. – »Nun, da irrt Ihr Euch gewaltig.« – »Ihr würdet Euch dennoch hüten, Euch mit bestrafen zu lassen.« – »Ihr vergeßt Eure eigenen Reden. Ihr habt ja vorhin gesagt, daß man mich suche, um mich verschwinden zu lassen. Das heißt doch, daß ich durch Tod oder lebenslängliche Gefangenschaft unschädlich gemacht werden soll. Ist dies einmal der Fall, zeigt Ihr mich an, und ich werde infolgedessen gefangen, so kann mein Schicksal dadurch, daß ich Eure Taten verrate, kein schlimmeres werden.« – »Meinetwegen; ich würde mich den Teufel um das scheren, was Ihr von mir sagt.« – »Man würde Euch zwingen, Euch darum zu scheren.« – »Oh, im Gegenteil. Man würde Euch kein Wort glauben.« – »Ich würde Beweise bringen.« – »Woher wolltet Ihr diese nehmen?« – »Oh, es stehen mir ihrer genug zur Verfügung. Ich erwähne da zum Beispiel die verschiedenen Briefe und Instruktionen, die Ihr mir geschrieben und zugesandt habt.« – »Das macht mich nicht bange. Diese Sachen sind vernichtet.« – »Glaubt Ihr das wirklich?« fragte Landola verächtlich. – »Wir haben ja das Übereinkommen getroffen, gegenseitig alle diese Skripturen zu vernichten.« – »Das ist wahr. Auch bin ich vollständig überzeugt, daß Ihr alle meine Schreibereien verbrannt habt.« – »Natürlich!« – »Wirklich?« fragte Landola, einen forschenden Blick in sein Gesicht werfend. – »Es ist nichts mehr vorhanden. Ich habe mein Wort gehalten.« – »Das war sehr ehrlich, aber auch sehr dumm von Euch«, rief Landola, dem bei Cortejos Versicherung sichtlich leichter geworden war. »Dumm? Ich begreife das nicht ganz.« – »Nicht? Wirklich nicht? Diese Sachen könnten Euch doch als Beweise gegen mich dienen.«

Cortejo stieß ein höhnisches Lachen aus.

»Ihr nennt mich dumm?« sagte er. »Bekümmert Euch um Eure eigene Kurzsichtigkeit! Diese Sachen hätten zugleich als Beweise gegen mich gedient.« – »Ja, da sie zeigten, daß ich Eure Befehle ausgeführt habe. Und nun denkt Ihr wohl, daß ich diese letzteren auch vernichtet habe?« – »Ja. Ich sagte das bereits.« – »Ihr irrt Euch sehr. Es ist noch alles vorhanden.« – »So seid Ihr ein Verräter, ein Lügner. – »Meinetwegen.« – »Diese Schreibereien werden ja Euch selbst gefährlich.« – »Oho! Wollt Ihr die Güte haben, mir dies zu beweisen?« – »Alles das, was Ihr getan habt, ist dort verzeichnet!« – »Es ist daraus zu ersehen, was ich ausführen sollte, nicht aber, was ich wirklich ausgeführt habe. Wer kann mir beweisen, daß ich Euren Befehlen wirklich gehorsam gewesen bin?« – »Ich!« – »Das würde Euch schwerfallen.« – »Ich beschwöre es.« – »Und ich beschwöre das Gegenteil.« – »Wir stehen in einer mehr als zwanzigjährigen Verbindung. Dies würde nicht der Fall sein, wenn Ihr nicht getan hättet, was ich von Euch verlangte. Das werden die Richter annehmen.« – »Dieser Schluß ist nicht ganz sicher.« – »Nun gut. So bringe ich Zeugen.« – »Wen?« – »Don Ferdinando.« – »Der ist tot.« – »Er lebt. Ferner unseren Agenten Verdillo in Verakruz.« – »Er wird sich hüten, gegen sich selbst auszusagen.« – »Ich verrate, daß Ihr der Seeräuber Grandeprise seid.« – »Und von Euch ging das Unternehmen aus. Das Schiff gehörte Euch. Ihr strecktet das Geld dazu vor und erhieltet dafür die Hälfte des Gewinnes.« – »Die Hälfte? Oh, ich bin überzeugt, daß Ihr mich fürchterlich betrogen habt.«

Da lachte Landola auf und antwortete:

»Da könnt Ihr allerdings recht haben, mein verehrtester Señor.« – »Betrüger!« sagte Cortejo grimmig. – »Danke!« – »Schwindler!« – »Danke!« – »Ich habe mir dies längst gedacht.« – »Das konntet Ihr Euch vom ersten Augenblick an denken. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich neunzig Prozent des Ertrages für mich nahm.« – »Neunzig! Neunzig Prozent!« rief Cortejo erstaunt. – »Ja. Ihr saßt ruhig zu Hause und wartetet darauf, Euer Geld einstreichen zu können; ich aber und meine Jungens, wir hatten das Risiko. Wir mußten kämpfen, wir wagten das Leben, und für den Fall, daß wir besiegt wurden, erwartete uns der Strick um den Hals. Daher erhieltet Ihr den zehnten Teil. Es war genug, denn es belief sich auf ein ganzes Vermögen. Das übrige aber gehörte uns.« – »Alle Teufel! Zehnmal mehr als ich. Das müssen Millionen gewesen sein.« – »Natürlich.« – »Was habt Ihr um Gottes willen mit diesen Summen gemacht?« – »Verlebt, vertrunken, verspielt.« – »Alle Teufel! Welche albernen Kerle!« – »Albern? Pah! Wenn man heute nicht weiß, ob man morgen bereits aufgehängt wird, so genießt man den Augenblick. Wenn es Euch aber wohltuend berühren sollte, zu erfahren, daß doch nicht alles verjuchhet wurde, so will ich Euch aufrichtig gestehen, daß ich irgendwo an einem sehr verborgenen Platz eine Sparkasse habe.« – »Ah. Ihr habt Geld versteckt?« fragte Cortejo rasch. – »Ja.« – »Viel?« – »Es langt vollauf, um mich zur Ruhe zu setzen.« – »Wo ist der Platz?« – »Meint Ihr wirklich, daß ich Euch dies sagen werde?« – »Ich möchte nur wissen, in welchem Land es ist.« – »Auch das geht Euch nichts an!« – »Gut! Behaltet Euren Raub! Aber seid auch überzeugt, daß ich nun ganz so an Euch handeln werde, wie Ihr Euch gegen mich verhalten habt.«

Landola nickte langsam mit dem Kopf.

»Wollt Ihr mir wohl sagen, was Ihr damit meint?« fragte er. – »Ich werde nun jede Rücksicht, die ich für Euch hatte, verbannen.« – »Ich habe nichts dagegen.« – »Ich werde Rechenschaft fordern.« – »Worüber?« – »Daß Don Ferdinando noch lebt.« – »Beweist mir erst, daß er wirklich lebt.« – »Meine Nichte schreibt es mir.« – »Sie lügt.« – »Auch die Zigeunerin Zarba weiß es bereits.«

Landola entfärbte sich.

»Habt Ihr mit ihr gesprochen?« fragte er. – »Ja.« – »Über Don Ferdinando?« – »Ja.« – »Sie sagte, daß er noch lebe?« – »Sie wußte es ganz genau.« – »Nein, sie irrt sich. Er starb und wurde in Mexiko begraben.« – »Lüge! Er erhielt ein Gift, das scheintot macht!« – »Donnerwetter!« – »Ihr erschreckt jetzt? Ja, ich weiß alles! Der Graf wurde zwar begraben, aber wieder aus dem Sarg genommen und zu Schiff von Euch in die Sklaverei gebracht. Wollt Ihr das leugnen?«

Landola blickte Cortejo mit einem pfiffig-überlegenen Lächeln an und antwortete:

»Ihr meint, daß ich erschrecke? Bildet euch doch das nicht ein! Was Ihr sagt, oder was Ihr wißt, ist ganz gleichgültig. Von einem Leugnen kann gar keine Rede sein.« – »Ihr gebt also zu, daß der Graf lebt?« – »Ob er lebt, kann ich nicht wissen.« – »Aber Ihr gesteht, daß er damals nicht gestorben ist?« – »Das gebe ich zu.« – »Also doch! Ihr seid ein ganz gemeiner Betrüger!« – »Pah! Wir sind uns ebenbürtig!« – »Warum habt Ihr mich hintergangen?« – »Es geschah auf Wunsch Eures Bruders.« – »Also doch! Ganz so, wie ich es dachte! Aber welchen Grund gab mein Bruder an?« – »Keinen.« – »Er sagte Euch, warum Don Ferdinando sterben müsse?« – »Ja.« – »Nun, warum?« – »Um Alfonzo Platz zu machen.« – »Gut. So muß er Euch aber doch auch gesagt haben, warum der Don wieder auferstehen müsse.« – »Kein Wort. Ich dachte mir es selbst.« – »Da möchte ich wissen, was Ihr Euch gedacht habt.« – »Ihr könnt es erfahren. Wißt Ihr, daß Señorita Josefa in Alfonzo verliebt war?« – »Ja.« – »Sie wollte Gräfin von Rodriganda werden. Wäre sie es geworden, so brauchte der Graf nicht wieder von den Toten aufzuerstehen. Don Alfonzo aber mochte nichts von ihr wissen …« – »Ich auch nicht. Ha, diese Vogelscheuche, und eine Gräfin Rodriganda!« – »Ihr mögt recht haben, aber sie und ihr Vater ärgerten sich darüber. Ihr und Alfonzo hattet alles, sie hatten nichts. Sie wollten auch ihren Anteil haben. Sie wollten über die mexikanischen Besitzungen der Familie verfügen.« – »Das haben sie auch getan.« – »Wirklich?« – »Ja. Ich habe von dem Ertrag der drüben liegenden Güter nicht einen Dollar erhalten.« – »Auch nicht verlangt?« – »O doch; aber man hörte nicht darauf.« – »So ist es mir begreiflich, warum Euer Bruder sich nicht mehr um den alten Grafen bekümmert hat. Hättet Ihr ihn nicht im ruhigen Genuß der Güter gelassen, so hätte ich den Don holen müssen.« – »Habt Ihr das mit ihm besprochen?« – »Nein. Er war sehr zurückhaltend, aber er hat es mir angedeutet.« – »Was hätte er mit dem Don gemacht?« – »Ihn wieder in seine Besitzungen eingesetzt, so daß Ihr gezwungen gewesen wäret, zu verzichten. Jedenfalls wäret dann Ihr und Don Alfonzo verloren gewesen.« – »Das soll er mir büßen! Aber, zum Teufel, wie konntet Ihr Euch zu einem solchen Verrat gegen mich verführen lassen?« – »Pah! Ich wurde gut dafür bezahlt. Wer mir am meisten gibt, dem diene ich am eifrigsten.« – »Ihr seid ein Halunke! Nun habt Ihr die Folgen, da Don Ferdinando wieder zurückgekehrt ist.« – »Also ist das wirklich wahr?« – »Vollständig.« – »Wie ist er losgekommen?« – »Wo habt Ihr ihn gehabt?« – »In Harrar. Der Zugang zu diesem Land ist außerordentlich schwierig, und die Flucht aus demselben geradezu eine Unmöglichkeit. Ich kann sein Wiederauftauchen nicht begreifen.« – »Man wird wohl Näheres darüber erfahren. Aber wie steht es nun mit den anderen allen, von denen Ihr schriebt, daß sie ertrunken seien?«

Landola lachte.

»Ihr behauptet, daß auch diese noch leben?« fragte er. – »Ja.« – »Und diese Behauptung ist wahr?« – »Ja.« – »Nun, so ist die Sache sehr einfach. Sie sind eben damals nicht ertrunken.«

Da fuhr Cortejo zornig auf:

»Wollt Ihr Euch etwa gar noch über mich lustig machen?« – »Fällt mir nicht ein. An Euch und dieser ganzen Angelegenheit ist nicht das mindeste Lustige zu bemerken.« – »Das denke ich auch. Die Sache ist nicht lustig, sondern geradezu höchst gefährlich. Aber warum habt Ihr diese Menschen denn damals nicht umgebracht?« – »Erstens war ich von Euch zu schlecht bezahlt worden und …« – »Zu schlecht?« fiel Cortejo ein. »Seid Ihr verrückt?« – »Ich bin sehr bei Sinnen. Und sodann konnten mir diese Leute ja nichts mehr nützen, wenn sie tot waren.« – »Ah! Welchen Nutzen suchtet Ihr denn damals?« – »Das kann ich Euch aufrichtig sagen. Spitzbuben pflegen nicht immer ehrlich zu sein.« – »Das merke ich.« – »Wir beide sind Spitzbuben.« – »Donnerwetter!« – »Darum lag der Gedanke nahe, daß einmal die Zeit kommen könne, wo Ihr den Dank an mich vergessen würdet. Für diesen Fall hob ich mir meine Gefangenen auf.« – »Ihr habt sie also wirklich nach einer Insel gebracht?« – »Ja.« – »Wo liegt diese Insel?« – »Im großen Ozean.« – »Wie dumm. Wo die Schiffahrt jetzt dort so frequent ist?« – »Dumm? Ihr irrt da sehr. Die Insel war nur mir bekannt. Kein anderer Fuß hatte sie betreten.« – »Ihr seht aber jetzt, daß sie doch bekannt gewesen sein muß.« – »Nein, das sehe ich nicht.« – »Nun, die Gefangenen sind doch entkommen.« – »Vielleicht haben sie sich ein Floß gebaut.« – »Ah! Daran hattet Ihr damals gar nicht gedacht.« – »O doch. Es gab keinen einzigen Baum auf der Insel. Vielleicht ist dieses Eiland von einem anderen entdeckt worden. Er hat die Leute vorgefunden und mit nach Mexiko genommen.« – »Und das sagt Ihr so ruhig?« – »Soll ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« – »Das allerdings nicht. Aber Euch selbst ohrfeigen, das könntet Ihr. Ihr habt so unverantwortlich leichtsinnig gehandelt, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte. Wenn einer allein entkommen wäre! Aber alle! Aus welchen Personen bestand denn diese ganze Gesellschaft?« – »Aus Sternau …« – »Hole ihn der Teufel! Eigentlich ist er an allem schuld.« – »Mariano …« – »Der Schwindler!« – »Die beiden Häuptlinge …« – »Der Apache und der Mixteka?« – »Ja. Ferner die Gebrüder Helmers und die beiden Mädchen.« – »Ihr meint Emma Arbellez und ihre Indianerin?« – »Ja.« – »Nun, diese alle sind jetzt wieder da. Don Ferdinando ist zu ihnen gestoßen.« – »Eine verfluchte Geschichte ist es allerdings.« – »Ihr habt sie Euch selbst eingebrockt.« – »Sogar gefährlich«, meinte Landola nachdenklich. – »Ja. Aber wißt Ihr, was das Gefährlichste daran ist?« – »Nun, was?« – »Daß sie sich im Hauptquartier des Juarez befinden.« – »Da schlage allerdings der Teufel drein! Juarez läßt nicht mit sich spaßen. Wenn er sich ihrer annimmt, so haben wir alles zu befürchten.« – »Das ist es eben. Nun könnt Ihr sehen, wie Ihr Euren Fehler wieder gutmacht.« – »Hm. Haltet Ihr dies für so schwer?«

– »Was denn sonst?«

Landola schritt einige Male im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor Cortejo stehen und sagte:

»Wie man es nimmt, es ist schwer, aber auch leicht. Schwierig ist es, aber auf die leichte Achsel muß man es nehmen.« – »Was soll das heißen?« – »Es ist ein leichtes Gewissen dazu erforderlich.« – »Ah! Ihr meint …« – »Ich meine, daß man hinübergehen muß, um das zu tun, was man früher unterlassen hat.« – »Sie aus dem Weg räumen?« – »Ja.« – »Hm. Etwa sie weder auf eine wüste Insel schaffen?« – »Alle Teufel! Diesmal sicherlich nicht.« – »Also sie wirklich töten?« – »Unbedingt.« – »Wer soll das übernehmen?« – »Ich.« – »Ihr? Das will überlegt sein.« – »Wieso?« – »Ich sehe mich gezwungen, in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig zu handeln.« – »Ich auch.« – »Ich werde nur dann einen Handel abschließen, wenn ich überzeugt bin, nicht betrogen zu werden.« – »Ich ebenso.« – »Ihr gebt zu, daß jetzt davon die Rede ist, eine Unterlassungssünde von Euch wiedergutzumachen.« – »Es mag so sein.« – »Ihr gebt ferner zu, daß auch Euch daran liegen muß, daß diese Menschen unschädlich gemacht werden.« – »Ich will auch dies für jetzt nicht in Abrede stellen.« – »Und Ihr sagt, daß Ihr selbst dieses Unschädlichmachen übernehmen wollt?« – »Ja.« – »Nun, so werdet Ihr aus den oben angeführten zwei Gründen diese Arbeit jedenfalls unentgeltlich besorgen.« – »Fällt mir nicht ein.« – »Nicht? Warum nicht?« – »Einfach, weil ich mir dabei etwas verdienen will.« – »Ihr habt Euren Lohn bereits weg.« – »Das mag sein. Allein erstens war er zu karg, und zweitens liegen die Sachen jetzt ganz anders.« – »Das ist ganz allein Eure Schuld.« – »Die Arbeit wird schwieriger.« – »Eure Schuld.« – »Die Mitwisser haben sich vermehrt.« – »Eure Schuld.« – »Es müssen also viel mehr Personen stumm gemacht werden.« – »Allein Eure Schuld.« – »Vielleicht muß man sogar Juarez zum Schweigen bringen.« – »Eure Schuld.« – »Geht zum Satan mit diesem ›Eure Schuld‹! Es versteht sich ganz von selbst, daß es eine Riesenaufgabe ist, nach Mexiko zu gehen und so viele Personen umzubringen.« – »Das mag sein.« – »Das tut man nicht gratis.« – »Na, ich will Euch einmal fragen, wieviel Ihr verlangt.« – »Wieviel bietet Ihr?« – »Ich biete nichts. Der Verkäufer hat zu fordern.« – »Wißt Ihr noch, wieviel Ihr mir damals zahltet?« – »Ja.« – »Es waren hunderttausend Dollar.« – »Das stimmt.« – »Gebt Ihr jetzt zwei mal hunderttausend?« – »Nein.« – »Gut, so sind wir fertig.«

Landola drehte sich um und machte Miene, die Stube zu verlassen.

»Oho!« meinte Cortejo. »So rechnen wir nicht!«

Da wandte sich der Kapitän wieder zurück und fragte: »Wieso?« – »Ihr seid verpflichtet, Euren Fehler wiedergutzumachen.« – »Wollt Ihr mich etwa dazu zwingen?« – »Nein. Wir haben beide alle Veranlassung, uns nicht zu reizen, aber wir dürfen auch nicht unverständig sein.« – »Nun wohl. Warum seid denn Ihr da unverständig?«

Cortejo tat, als ob er ihn nicht verstehe, und fragte:

»Unverständig? Ich? Inwiefern denn?« – »Insofern, als Ihr mir nichts geben wollt.« – »Wer hat Euch denn dies gesagt?« – »Ich sehe es ja.« – »Pah! Ich bin zu einer Gratifikation bereit, aber zwei mal hunderttausend Dollar sind mir denn doch zu viel.« – »Nun, wieviel bietet Ihr?« – »Fünfzigtausend.« – »Unsinn!« – »Mehr kann ich nicht geben.« – »Wie? Ihr könnt nicht? Seid Ihr so arm? Ich denke, daß Euch die reiche Grafschaft Rodriganda gehört.« – »Das ist richtig. Ihr versteht mich falsch. Wenn ich sage, daß ich nicht mehr als fünfzigtausend geben kann, so meine ich nicht, daß ich arm bin, sondern daß ich überhaupt nicht mehr geben mag.« – »Warum?« – »Weil Ihr die Arbeit nicht allein machen werdet, könnt Ihr auch nicht den vollen Lohn erhalten.« – »Ah! Wer soll sich denn noch mit beteiligen?« fragte Landola sehr erstaunt. – »Ich«, antwortete Cortejo. – »Ihr?« rief Landola noch erstaunter als vorher. »Ihr wollt die Arbeit mit tun? Wie habe ich das zu verstehen?« – »Nun, sehr einfach. Ihr geht nach Mexiko, nicht wahr?« – Ja.« – »Ich gehe mit.«

Landola trat einen Schritt zurück und fragte, beinahe betroffen:

»Ihr?«

Cortejo nickte.

»Ihr wollt mitgehen?« – »Ja.« – »Nach Mexiko?« – »Ja doch!« – »Das ist unmöglich! Das kann ich gar nicht glauben!« – »Warum nicht?« – »Ihr könnt hier ja nicht abkommen. Man braucht Euch zu nötig.« – »Wer sagt Euch das?« – »Ich denke es mir.« – »Nun, so will ich Euch eines anderen und Besseren belehren. Don Alfonzo wird mir gern einen Urlaub geben, wenn es sich darum handelt, ihm seine Besitzungen zu erhalten.« – »Aber was wollt Ihr in Mexiko?«

Cortejo machte ein sehr eigentümliches Gesicht.

»Zunächst liegt mir daran, meinen lieber Bruder Pablo einmal zu besuchen«, sagte er. – »Warum jetzt?« – »Sodann«, fuhr Cortejo unbeirrt fort, »möchte ich meine liebe Nichte Josefa einmal kennenlernen.« – »Aber warum soll dies gerade jetzt sein?« – »Weil es mir so paßt! Ihr habt mich betrogen. Pablo hat mich betrogen. Glaubt Ihr, daß ich mich abermals betrügen lasse?« – »Ah! So meint Ihr es?« – »Ja, so und nicht anders.« – »Ihr wollt uns beaufsichtigen?« – »Freilich.« – »Glaubt Ihr, daß Euch das Nutzen bringt?« – »Versteht sich.« – »Und daß wir auch diejenigen sind, die sich beaufsichtigen lassen?« – »Ich habe nicht gesagt, daß ich nur beaufsichtigen will. Ich werde selbst mitarbeiten.« – »Das gibt der Sache allerdings eine kleine Wendung«, versetzte Landola nachdenklich. – »Das meine ich auch. Übrigens werdet Ihr später sehen, daß Ihr ohne Hilfe nicht auskommen könntet.« – »Hm! Ich sehe allerdings ein, daß es wirklich besser ist, wenn Ihr selbst mit dabei seid.« – »Also endlich?« – »Aber wie die Sachen stehen, gilt es, keine Zeit zu verlieren.« – »Das versteht sich von selbst. Wir reisen bei nächster Gelegenheit ab. Ich werde mich sofort erkundigen, was für Schiffe im Hafen liegen.« – »Ich weiß das bereits. Es wurde mir denn doch zu schwül.« – »Ihr habt Euch erkundigt?« – »Ja, aber es paßt verteufelt schlecht nach Mexiko.« – »Wieso?« – »Es gibt kein Schiff dorthin. Ein einziger Dampfer liegt da, der übermorgen in See sticht, aber er geht nach Rio de Janeiro.« – »Das ist ja gut.« – »Wieso?« – »Wenn wir an Bord kommen, entgeht Ihr hier den Augen der Polizei, und in Rio finden wir allemal Gelegenheit nach Mexiko.« – »Das mag sein. Aber wie an Bord kommen? Man kennt mein Signalement, besonders hier in Barcelona.« – »Nichts leichter als das. Wißt Ihr, was eine Perücke ist?« – »Eine Kopfbedeckung für Kahlköpfige«, lachte Landola. – »Und wißt Ihr, was ein falscher Bart ist?« – »Eine Gesichtsbedeckung für Spitzbuben.« – »Und wißt Ihr, was man unter colle de face versteht?« – »Ah, das ist jener berühmte französische Gesichtskleister, mit dessen Hilfe sich eine alte Frau in ein junges Mädchen verwandeln kann. Man füllte damit sogar die tiefsten Falten aus.« – »Und wißt Ihr, was ein falscher Paß ist?« – »Eine Erfindung des Teufels, zum Besten seines Familienzirkels.« – »Nun gut, das alles werde ich Euch verschaffen.« – »Eine Perücke?« – »Ja.« – »Die mir paßt?« – »Ja. Meine Auswahl ist groß genug.« – »Auch in falschen Bärten?« – »Ja.« – »Und Gesichtsschmiere?« – »Habe ich topfweise.« – »Und falsche Pässe?« – »Ein ganzes Ries.« – »Señor Cortejo, man sieht wirklich, daß Ihr ein Spitzbube seid!« – »Danke! Ich werde alle diese Sachen auch für mich brauchen.« – »Ihr wollt Euch auch verkleiden?« – »Natürlich!« – »Aber warum?« – »Könnt Ihr das nicht begreifen? Wir treffen da drüben jedenfalls Sternau und andere Bekannte, die nicht wissen dürfen, wer wir sind.« – »So hat es mit der Verkleidung Zeit, bis wir drüben sind?« – »O nein. Wir haben vielleicht gar keine Gelegenheit, Namen, Gestalt und Pässe zu wechseln. Wir können doch kein Schiff, kein Haus, keinen Ort anders verlassen, als wie wir da angekommen sind.« – »Das würde allerdings Verdacht erwecken.« – »So hört! Ich reise als Don Antonio Veridante, Advokat und Bevollmächtigter des Grafen Alfonzo de Rodriganda.« – »Donnerwetter! Ich begreife.« – »Ich habe die Verhältnisse der mexikanischen Besitzungen dieses Herrn zu inspizieren.« – »Natürlich!« – »Und bin mit ausreichenden Vollmachten versehen.« – »Die Ihr Euch selbst ausstellt.« – »Auch der Paß macht keine Schwierigkeiten. Ferner nehme ich Legitimationen auf meinen echten Namen mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein.« – »Ihr seid sehr umsichtig.« – »Natürlich brauche ich einen Sekretario.« – »Wo werdet Ihr ihn finden?« – »Ich habe ihn bereits.« – »Ah, so ist der Plan schon längst fertig?« – »Nein, er wird im Gegenteil eben erst entworfen.« – »Sapperment! Der Sekretär oder Schreiber soll wohl ich sein?« – »Natürlich!« – »Auf diese Standeserhöhung kann ich mir viel einbilden.« – »Ihr habt recht. Ein Sekretario ist jedenfalls mehr wert als ein Spitzbube, wie Ihr Euch vorhin genannt habt.« – »Aber dieser Sekretario kann auch einer sein.« – »Möglich.« – »Und sein Herr, der Advokat, ein noch größerer.« – »Nehmt Euch in acht, sonst lasse ich Euch hier sitzen, und Ihr mögt sehen, wie Ihr mit der Polizei fertig werdet. Habt Ihr noch etwas zu fragen?« – »Nein. Es genügt mir, zu wissen, wann und wo wir uns treffen.« – »Getraut Ihr Euch, am Tag die Stadt zu verlassen?« – »Nein, zumal ich einiges Gepäck bei mir habe.« – »So bin ich gezwungen, bis zur Dunkelheit hierzubleiben. Sobald sie eingetreten ist, begebt Ihr Euch bis zum Anfang des ersten Wäldchens an der Straße nach Manresa. Kommt eine Kutsche, so pfeift Ihr den Anfang der Marseillaise, woran ich Euch erkennen werde. Ich will in den Hafen, um mich zu erkundigen. Adieu!« – »Adieu!«

Die beiden Söhne des Verbrechens gingen auseinander.

»Verdammt!« murmelte Landola, als er sich allein befand. »Sind diese Kreaturen glücklich entkommen. Welch eine Unvorsichtigkeit, mich während dieser langen Zeit nicht einmal zu erkundigen. Freilich, mir kann ihre Rückkehr weniger schaden. Ich brauche mich einfach nur zu verbergen. Aber dieser Cortejo und seine Sippe, sie sind verloren, sobald es ihm nicht gelingt, der Gefahr gleich anfangs zu begegnen. Fünfzigtausend Dollar. Ah, ich habe noch nicht ja gesagt! Er soll bluten, er soll zahlen! Und dann suche ich mir irgendeinen schönen, verborgenen Erdenwinkel, wo ich meine Reichtümer in Freude und Ruhe genießen kann.«

Cortejo fand den Dampfer, den Landola meinte. Die Falltür war herabgelassen; er stieg an Bord und traf den Kapitän auf Deck.

»Sie gehen nach Rio?« fragte er ihn. – »Ja«, antwortete der Seemann. – »Sie nehmen Passagiere auf?« – »Nur anständige.« – »Ich heiße Cortejo …«

Der Kapitän verbeugte sich.

»Bin Verwalter sämtlicher Besitzungen des Grafen Alfonzo de Rodriganda.«

Zweite, noch tiefere Verneigung des Kapitäns.

»Wir haben große, sehr weitläufige Güter drüben in Mexiko. Der Stand der Dinge nötigt uns, einen Bevollmächtigten hinüberzusenden, der unsere Interessen zu wahren hat Wollen Sie diesen Mann an Bord nehmen?« – »Mit Vergnügen. Wie heißt er?« – »Don Antonio Veridante.« – »Hat er zahlreiche Bedienung bei sich?« – »Einen einzigen Sekretario.« – »Junge Leute?« – »Nein, sondern ältere Herren, still und zurückgezogen. Sie werden Ihre Schiffsordnung nicht im mindesten stören.« – »Das ist mir lieb. Beköstigen sich die Señores selbst?« – »Nein.« – »So werde ich für das Nötige sorgen müssen. Aber mein Schiff ist kein Passagierschiff, ich habe also auch keine festen Preise. Ich richte mich ganz nach den Ansprüchen, die man macht. Wieviel soll gezahlt werden?« – »Dieser Punkt ist der einfachste. Sorgen Sie für alles, was zwei feine Señores während einer solchen Reise brauchen. Sie werden das, was Sie verlangen, sofort bezahlen, nachdem sie an Bord gestiegen sind, vorausgesetzt, daß die Forderung nicht übertrieben ist.«

Somit war die Sache abgemacht. Cortejo wartete in einem Gasthof, bis es dunkel war, und fuhr dann nach Hause.

Als er das erwähnte Gehölz erreichte, hörte er den Anfang der Marseillaise pfeifen. Er ließ anhalten. Landola stieg ein, nachdem sein Koffer auf dem Bock Platz gefunden hatte. Dann ging die Fahrt weiter.

»Fertig mit dem Kapitän?« fragte er. – »Ja.« – »Wann geht es fort?« – »Habe gar nicht zu fragen brauchen. Neben dem Fallreep hing die Ankündigung. Übermorgen früh mit eintretender Ebbe.« – »Sie wird neun Uhr eintreten.« – »So kommen wir zeitig genug, wenn wir des Nachts eintreffen.«

Dieses kurze Gespräch war das einzige, was sie bis Rodriganda führten. Dort angekommen, hütete sich Landola, in den Lichtkreis der Laternen zu treten. Es sollte niemand seine Gesichtszüge sehen – eine sehr notwendige Vorsichtsmaßregel.

Cortejo führte ihn in eines der Gastzimmer und bediente ihn selbst. Dann, nachdem er ihm geraten hatte, keinen Menschen eintreten zu lassen, begab er sich zu Schwester Clarissa.

3. Kapitel.

Clarissa hatte Cortejo längst erwartet.

»Mein Gott«, klagte sie, »wie vernachlässigst du mich!« – »Inwiefern?« fragte er. – »Du bist bereits seit einer halben Stunde angekommen.« – »Ohne dich aufzusuchen! Nicht?« – »Ja. Nennst du dies Aufmerksamkeit?« – »Ich hatte vorher zu tun.« – »Vorher? Kann etwas anderes vorgehen?« – »Ja.« – »Was denn zum Beispiel?« – »Ein Gast.« – »Ah! Du hast einen Gast?« – »Ja.« – »Wer ist es?« – »Rate!« – »Wie kann ich das raten?« – »Du weißt doch, bei wem ich gewesen bin.« – »Bei Landola.« – »Nun?« – »Was? Du hast ihn doch nicht etwa als Gast mitgebracht?« – »Warum nicht?« – »Den polizeilich Verfolgten.« – »Gerade darum.« – »Gasparino!«

Clarissa schlug die Hände zusammen. Die Handlungsweise ihres alten Geliebten war ihr unbegreiflich. Er aber meinte lächelnd:

»Es ist nicht die geringste Gefahr dabei. Ich weiß, daß man ihn hier nicht suchen wird.« – »Wie lange soll er bleiben?« – »Nur bis morgen nacht.« – »Wohin geht er dann?« – »In See.« – »Hat er gestanden?« – »Ja.« – »Alles?« – »Alles!« – »Dieser Betrüger, Schurke und Verräter! Warum hat er es getan?« – »Um seines eigenen Vorteils willen. Er wollte gegen mich eine Macht in den Händen haben. Übrigens hatte mein Bruder ihn gut dafür bezahlt, daß er Don Ferdinando fortschaffte.« – »Also hat Pablo doch auch schlecht an dir gehandelt.« – »Ja. Ich werde ihn zur Rede stellen. Es soll ihm nicht den geringsten Nutzen bringen, darauf kannst du dich verlassen.« – »Was gedenkst du zu tun?«

Cortejo blickte vor sich hin und zögerte mit der Antwort. Darum fragte Clarissa:

»Jedenfalls wirst du zunächst die Zigeunerin aufsuchen?« – »Fällt mir nicht ein.« – »Wie? Nicht? Wirklich nicht?« fragte sie erstaunt. – »Nein.« – »Du sagtest das aber noch gestern, ehe du fortfuhrst!« – »Das ist richtig. Aber die Umstände haben sich geändert. Ich muß die Zigeunerin noch laufenlassen.« – »Aber sie ist uns ja so gefährlich!« – »Es gibt Personen, die uns noch gefährlicher sind.« – »Wen meinst du?« – »Sternau und Konsorten.« – »Die müssen drüben bekämpft werden. Persönlich kannst du gegen sie nicht vorgehen.« – »Ah! Warum nicht?« – »Nun einfach deshalb, weil du nicht in Mexiko bist.« – »Dem kann und wird abgeholfen werden, meine Liebe.«

Clarissa erschrak.

»Wie? Höre ich recht?« rief sie, von ihrem Sitz aufspringend. – »Freilich, liebes Kind«, antwortete er. – »Du willst doch nicht etwa hinüber nach Mexiko?« – »Gerade das will ich.« – »Heilige Madonna! Gasparino, was fällt dir ein?« – »Beruhige dich! Die Umstände machen es nötig!« – »Du kannst hier nicht entbehrt werden.« – »Drüben noch weniger!« – »Deine Kanzlei – deine Verwaltungsarbeiten …« – »Liegen in guten Händen.« – »Die Beaufsichtigung …« – »Wird Alfonzo übernehmen.« – »Er ist ja nicht hier.« – »Er wird kommen. Ich werde ihm noch schreiben, und sobald er eintrifft, teilst du ihm alles mündlich mit.« – »So willst du so rasch fort?« – »Mit Landola, morgen in der Nacht.« – »Mit diesem Mann! Kannst du dich ihm anvertrauen?« – »Pah! Frage doch lieber, ob er sich mir anvertrauen kann.«

Clarissa setzte sich langsam wieder, blickte Cortejo fragend ins Gesicht und sagte dann:

»Haben diese Worte etwas zu bedeuten?«

Cortejo lächelte sehr selbstbewußt und antwortete:

»Habe ich jemals etwas gesagt, was nichts zu bedeuten hatte?« – »Hm! Ich kenne dich. Ich lese aus deinen Mienen, daß du etwas vorhast. Ich habe mich da noch nie getäuscht.« – »Ja«, lachte er. »Du bist eine große Menschenkennerin. Was liest du denn für Buchstaben aus meinem Gesicht?« – »Keine guten, wenigstens keine freundlichen. Habe ich recht?« – »Möglich!« – »Hast du Neues von Landola gehört, was ich noch nicht weiß?« – »Eigentlich nicht. Aber Landola hat durch Wort und Verhalten Streiflichter auf das geworfen, was wir schon wissen.« – »War er nicht bereit, seine Fehler wiedergutzumachen?« – »O doch.« – »Verlangte er etwas dafür?« – »Zwei mal hunderttausend Dollar.« – »Der Unverschämte!« brauste sie auf. – »Im Grunde genommen fand ich es nicht unverschämt«, meinte er. – »Nicht? Da begreife ich dich doch einmal nicht.« – »Es sind ungefähr ein Dutzend Menschen umzubringen.« – »Was ist das weiter?« – »Aber was für Menschen! Denke an jenen Sternau!« – »Einer Kugel ist er doch nicht gewachsen.« – »Ja, aber denke an den Überfall hier im Park! Hat er da nicht alle die Kerle glänzend geschlagen?« – »Es waren Feiglinge, auch hatten sie schlecht gezielt.« – »Das kann drüben ebenso passieren. Und dazu mußt du bedenken, daß alle die Personen, auf die wir es abgesehen haben, sich in dem Hauptquartier des Juarez befinden.« – »Ändert das etwas?« – »Natürlich. Es macht das Unternehmen zehnfach schwierig, wohl gar ganz unmöglich.« – »Warum? Man geht eben ins Hauptquartier.« – »Das soll Landola tun?« – »Natürlich! Du hast ihm wohl gar die zwei mal hunderttausend Dollar versprochen, da du die Sache gar so gefährlich schilderst?« – »Nein.« – »Wieviel denn?« – »Er erinnerte mich an die Summe, die ich damals für den Tod des Betreffenden gegeben hatte.« – »Wieviel war das?« – »Einmal hunderttausend Dollar.« – »Und nun will er das Doppelte. Das ist unverschämt, zumal er uns damals betrogen hat. Was ist das Leben jener Person wert? Ich hätte ihm fünfzigtausend Dollar geboten.« – »Das habe ich auch getan.« – »Hat er akzeptiert?« – »Wir schweiften wieder ab.« – »So mußt du darauf zurückkommen. Mit einem solchen Mann kann man nicht vorsichtig genug sein. Aber weshalb mußt du denn mit? Um aufzupassen, ob er den Bart oder ein Stückchen Gesichtsfalte verliert?« – »Dieses letztere werden wir allerdings gegenseitig tun. Wir werden uns stets aufmerksam zu beobachten haben.« – »Wie?« fragte sie mit neuem Erstaunen. »Auch du willst dich verkleiden und unkenntlich machen?« – »Ja, meine Liebe«, antwortete er lächelnd. – »Aber den Grund dazu sehe ich denn doch nicht ein.« – »Ich werde dich von der Notwendigkeit, es zu tun, überzeugen. Erstens soll doch kein Mensch merken, daß ich nach Mexiko bin.« – »Ah! Warum nicht?« – »Denke an Rheinswalden. Sind wir von dort nicht stets beobachtet worden?« – »Das ist wahr. Vielleicht beobachten sie uns noch heute.« – »Ich bin davon vollständig überzeugt. Sie glauben nicht an die Echtheit unseres Alfonzos. Sie haben erfahren, daß die längst Verschollenen wieder da sind. Wer weiß, was diese geschrieben haben. Ich werde sicherlich beobachtet Erfährt man in Rheinswalden, daß ich nach Mexiko gehe, wird man den Grund vermuten und die Kerle dort warnen.« – »Das läßt sich allerdings begreifen.« – »Ferner wissen wir nicht, wie es in Mexiko steht Mein Bruder hat meinen Namen in Mißkredit gebracht. Ich darf nicht als Cortejo auftreten.« – »Auch das sehe ich ein. Die Verkleidung ist notwendig, ich brauche weiter keine Beweise zu hören. Aber was ich doch noch nicht ganz einsehe, das ist die Notwendigkeit, daß du mit über den Ozean gehen mußt.« – »Was meinst du, was Don Ferdinando tun wird, wenn er in die Hauptstadt zurückgekehrt ist?« – »Alle seine Besitzungen reklamieren.« – »Das versteht sich von selbst. Zwar würde das nun meist meinen Bruder schädigen. Aber das Grab, das Grab!« – »Ah! Es würde geöffnet« – »Auch das ist noch nicht das schlimmste!« – »Aber noch schlimmer kann doch nichts sein!« – »Er ist damals scheintot gewesen; das heißt, er hat Starrkrampf gehabt. Hast du vielleicht einmal von Starrkrampf sprechen gehört?« – »Er soll fürchterlich sein. Man soll alles hören und sehen, was um einen vorgeht.« – »Nun also. Don Ferdinando ist scheintot gewesen. Unser Alfonzo war drüben. Er hat mit meinem Bruder und Josefa bei der Leiche gesprochen, der Graf hat alles gehört. Er ist vielleicht im Besitz unseres ganzen Geheimnisses.« – »Madonna! Das wäre schlimm! Er muß sterben!« – »Sein Tod ist eine Notwendigkeit, eine beschlossene Sache. Er würde nicht nur seine Güter zurückverlangen, sondern uns auch wegen des anderen anzeigen und bestrafen lassen. Aber das ist noch nicht alles. Dieser Sternau ist uns ebenso gefährlich.« – »Er schien schon damals, als er Graf Emanuel operierte, etwas zu ahnen.« – Ja. Ich habe ihn beobachtet Er hielt Alfonzo keineswegs für den echten Nachfolger von Don Emanuel.« – »Auch er muß sterben!« – »Auch sein Tod ist beschlossen. Und ebenso steht es mit jeder anderen Person, die zu dieser Gesellschaft gehört.« – »Du meinst, daß sie alle uns gleich gefährlich sind?« – Ja.« – »Oh, es genügt wohl, nur die Hauptpersonen zu töten.« – »Nein, keineswegs. Was diese wissen, haben die anderen alle auch erfahren, Sie sind infolgedessen ebenso gefährlich.« – »Mein Gott, wie viele Personen willst du da zum Tode verurteilen, lieber Gasparino?«

Cortejo streckte sich behaglich auf dem Sofa aus und zählte:

»Don Ferdinando, Pedro Arbellez, dessen Tochter, Karja, Maria Hermoyes, Sternau, Mariano, zwei Helmers, Büffelstirn, Bärenherz, Juarez.« – »Juarez!« unterbrach Clarissa ihn, erschreckend. – »Ja«, antwortete er ruhig. – »Warum dieser?« – »Bei ihm laufen jedenfalls die Fäden zusammen. Er weiß alles genauer als jeder andere. Das sind also wie viele?« – »Zwölf. Aber Juarez – unmöglich!« – »Pah! Er ist eine Rothaut wie jeder andere Indianer! Dazu können aber noch mehrere Opfer nötig werden. Es gilt zu erfahren, wer wohl außerdem Mitwisser des Geheimnisses geworden ist. Das ist schwierig. Dazu gehört Kenntnis, Schlauheit, Energie und eine unendliche Aufopferung. Um so viele zu töten, sind ein eisenfester Charakter und ein totes Gewissen nötig. Glaubst du, daß, wenn ich Landola hinüberschicke, er eines schönen Tages wiederkommen und mir melden wird, daß er alles ausgeführt habe und daß wir ruhig sein können?« – »Nein, das glaube ich nicht.« – »Er hat mich betrogen.« – »Er würde dich wieder betrügen.« – »Oder soll ich mich auf meinen Bruder verlassen?« – »Auch er hat dich betrogen.« – »Das ist das eine. Und sodann ist er selbst geächtet und verfolgt. Er ist wohl schwerlich imstande, unserer Sache zu nützen.« – »Du hast recht, lieber Freund. Du überzeugst mich immer mehr, daß du selbst hinüber mußt.« – »Nicht wahr? Ich scheide natürlich ungern, liebe Clarissa.« – »Und ich lasse dich ungern fort. Aber um unseres Sohnes willen wollen wir die Trennung ertragen. Siegen wir, so ist das Wiedersehen ein um so fröhlicheres. Aber wenn du dich verkleidest, als was willst du reisen?« – »Als Advokat und Beauftragter des Grafen Rodriganda.« – »Und Landola?« – »Als mein Sekretär.« – »Dieser Gedanke ist gut. Aber ich bitte dich sehr, dich vor diesem Landola in acht zu nehmen. Es ist ihm in keiner Hinsicht mehr zu trauen.« – »Habe keine Angst. Ich werde vorsichtig sein.« – »Wann wirst du ihm sein Geld bezahlen? Pränumerando?«

Es war ein dämonisches Lächeln, das sich auf Cortejos Gesicht sehen ließ.

»Das Geld?« sagte er. »Er wird es niemals erhalten.«

Clarissa blickte ihn zweifelnd an.

»Du willst es ihm vorenthalten?« fragte sie. – »Ja.« – »Ihn also darum betrügen?« – »Betrügen? Hm! Kann man einen Toten betrügen?«

Da fuhr Clarissa rasch empor.

»Einen Toten? Er soll sterben?« – »Ja.« – »Von deiner Hand?« – »Von keiner anderen.« – »Und wann?« – »Wenn er seine Schuldigkeit getan hat und ich ihn nicht mehr brauche.«

Schwester Clarissa machte ein hochbeglücktes Gesicht.

»Cortejo«, rief sie, »daran erkenne ich dich! Du bist ein großer Mann. Du verfolgst deinen Gedanken durch Himmel und Hölle.« – »Es wird seine Strafe sein, daß er uns betrogen hat«, sagte er. »Übrigens ist das nicht das erste und zweite Mal.« – »Auch sonst noch?« fragte sie. – »Ja. Er gestand, daß er mir nur den zehnten Teil unseres Gewinnes gegeben hat.« – »Und wieviel hattest du zu verlangen?« – »Die Hälfte – fünfzig Prozent.«

Da schlug Clarissa die Hände über dem Kopf zusammen.

»So hat er dich um vierzig Prozent betrogen?« – »Ja.« – »Und das hat er dir gestanden?« – »Ja.« – »Doch gezwungener Weise.« – »O nein, sondern mit lachendem Mund.« – »Welche Frechheit! Welche Schändlichkeit! Welch ein Betrug! Du hast recht. Er hat den Tod verdient. Er verdient keine Schonung.« – »Er wird seine Strafe finden. Wer mich zu täuschen und zu übervorteilen wagt, der erhält seinen Lohn, selbst wenn er mein Bruder wäre.«

Clarissa blickte Cortejo abermals forschend in die Augen.

»Soll das etwa heißen …« fragte sie gedehnt. – »Was?« – »Dein Bruder hat dich ja auch getäuscht.« – »Oh, noch mehr. Er ist an allem schuld!«

Dabei ballte Cortejo die Faust und schlug auf den Tisch.

»Wieso an allem?« fragte Clarissa. – »Er hat den Landola verführt, Don Ferdinando leben zu lassen. Da dies dem Kapitän geglückt ist, hat er es später gewagt, auch den anderen das Leben zu schenken, was sicherlich nicht geschehen wäre, wenn er das erstere nicht hätte tun dürfen.« – »Du hast recht; aber er ist dein Bruder«, sagte sie, indem ihr Blick lauernd auf ihm ruhte.

Cortejo bemerkte das, stieß ein zufriedenes Lachen aus und sagte:

»Also auch hierin stimmen wir überein!« – »Worin?« – »Hm. Denkst du, ich sehe es dir nicht an, was du wünschst?«

Clarissa errötete ein wenig und fragte dabei:

»Nun, was ist es, was du mir ansiehst?« – »Du möchtest, daß ich meinen Bruder auch ein wenig bestrafe?« – »Würdest du mir diesen Wunsch übelnehmen?« – »Ganz und gar nicht.« – »Ich will dir nicht vorgreifen, aber wie kommt Pablo dazu, das Eigentum unseres Sohnes an sich zu reißen!« – »Es zu vergeuden!« fügte Cortejo hinzu. – »Unsere Reichtümer in den Rachen der Revolution und des Schwarzen Panthers zu werfen.« – »Uns seine Tochter als Gräfin Rodriganda anzubieten.« – »Das war lächerlich!« – »Er steht am Ziel seiner Lächerlichkeiten.« – »Du willst ihn steuern?« – »Ja, sehr ernst. Er soll mit helfen, die Feinde zu überwinden. Ist das geschehen, dann …«

Er stockte.

»Was dann?« fragte sie gespannt. – »Er war mein Bruder, aber er ist es nicht mehr; er hat mich betrogen. Er wird das Schicksal Henrico Landolas teilen.«

Es zuckte elektrisch durch alle Glieder der Schwester Clarissa.

»Und seine Tochter Josefa?« fragte sie fast atemlos. – »Sie wird mit ihm untergehen.« – »Wirklich?« – »Ja. Es ist beschlossen; ich habe es mir geschworen, folglich wird es auch geschehen.«

Da warf Clarissa dem Geliebten vor Entzücken die Arme um den Hals, zog ihn an sich und bedeckte seinen Mund, seine Wangen und Augen mit glühenden Küssen.

»Ich danke dir!« rief sie. »Nun endlich wird Alfonzo der richtige Graf Rodriganda sein. Er wird die ganze Herrschaft ungeteilt besitzen, und wir, seine Eltern, sind die eigentlichen, wahren Herren. Gasparino, könnte ich dich doch so belohnen, wie du es verdienst!«

Sie blickte ihm zärtlich in die Augen. Cortejo aber schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich bedarf keiner Belohnung.« – »Nicht?« meinte sie enttäuscht. – »Nein. Was ich tue, ist meine Pflicht oder wenigstens der Ausfluß meines Charakters.«

4. Kapitel.

Auf der Reede von Rio de Janeiro, der Hauptstadt Brasiliens, lag ein schmucker Dampfer vor Anker. Er war nicht groß. Man sah es ihm an, daß er wohl nur zum Privatgebrauch bestimmt sei.

Gewiß wollte er in kurzer Zeit die Reede verlassen, denn leichter Rauch, der gekräuselt dem Schornstein entquoll, zeigte an, daß man eben begann den Kessel zu feuern.

Es war am späten Nachmittag. Die Sonne war gesunken, und die kurze Dämmerung brach herein.

Da kam von der Stadt her ein Boot, von vier kräftigen Jungen gerudert, so daß es wie ein Pfeil über das Wasser flog und fast nicht in den Wellen, sondern in der Luft zu fahren schien.

Der Mann, der auf der Mittelbank saß, war jedenfalls ein Seemann. Sein volles, freundliches Gesicht ließ den Kenner vermuten, daß er ein Deutscher sei. Sein blaues, helles Auge ruhte mit wohlgefälligem Blick auf dem Dampfer, und als das Boot anlegte, stand er mit einem schnellen Sprung auf dem Fallreep und stieg die Stufen hinan mit der Miene eines Mannes, der von einem anstrengenden Ausflug müde nach Hause kommt.

Als er das Deck erreichte, trat der Steuermann auf ihn zu und meldete:

»Kapitän, da sind zwei Herren, die mit Ihnen zu sprechen verlangen.« – »Was wollen sie denn?« fragte der Kapitän, indem er die beiden Männer erblickte, die auf seine Rückkehr gewartet zu haben schienen. – »Sie haben gehört, daß wir nach Verakruz gehen …« – »Und wollen etwa mit?« – »Ja.« – »Ah! Hm. Was sprechen sie für eine Sprache?« – »Spanisch.« – »Gut. Wollen sehen.«

Der Kapitän schritt auf die beiden Männer zu.

»Mein Name ist Wagner«, sagte er, »Kapitän dieses Schiffes.« – »Ich heiße Antonio Veridante, Advokat aus Barcelona. Dieser Señor ist mein Sekretär«, sagte der eine der beiden Männer. – »Sie wünschen?« – »Wir hörten, daß Sie nach Verakruz gehen.« – »Das ist allerdings wahr.« – »So wollten wir Sie fragen, ob Sie nicht die Güte hätten, uns mitzunehmen.« – »Señores, das wird wohl nicht möglich sein.«

Der ältere der beiden Männer, der Advokat, zog die Stirn kraus.

»Warum nicht?« fragte er. »Wir sind bereit, sehr gut zu zahlen.« – »Das ändert nichts. Dieser Dampfer ist weder Fracht- noch Passagierschiff, er dient zu ganz privaten Zwecken.« – »Die wir nicht erfahren dürfen?« – »Es würde Sie nicht interessieren.« – »So schlagen Sie uns unsere Bitte wirklich ab?« – »Ich bin leider gezwungen.« – »Wir müssen das um so mehr beklagen, als wir im Vertrauen auf Ihre Güte bereits unser Gepäck mitgebracht haben.« – »Sapperlot, so haben Sie wohl gar das Boot zurückgeschickt, das Sie an Boot brachte?« – »Nein. Das gab Ihr Steuermann nicht zu. Es liegt seitwärts am anderen Bord.« – »Ich hoffe, daß Sie eine baldige Gelegenheit finden.« – »Wir wünschen es auch; doch wird dieser Wunsch wohl nicht so bald in Erfüllung gehen. Ich habe bedeutende Verluste zu befürchten, die ich erleide, wenn ich nicht schleunigst eintreffe.« – »So.«

Das Auge des Kapitäns überflog noch einmal die beiden Männer. Sie hatten beide etwas an sich, was ihm nicht gefiel; aber sonst zeigten sie ein ehrbares, Achtung forderndes Äußeres. Es war übrigens so dämmerig, daß man Einzelheiten nicht mehr gut sehen konnte.

»Große Verluste?« fragte er. »Sind sie bedeutend?« – »Sehr.« – »Wohl für eine Bank, deren Vertreter Sie sind?« – »Nein. Sondern für einen Privatmann.« – »Darf ich fragen, wer das ist?« – »Ja. Ich meine den Grafen de Rodriganda.«

Kaum war dieses Wort ausgesprochen, so trat der Kapitän einen Schritt näher.

»Was?« fragte er. »Habe ich recht gehört? Rodriganda?« – »Ja.« – »Meinen Sie den Grafen, dessen Stammschloß gleichen Namens bei Manresa in Spanien liegt?« – »Ja.« – »Er hat große Besitzungen in Mexiko?« – »Ja.« – »Sie sollen mitfahren. Sie haben doch Ihre Legitimationen bei sich?« – »Das versteht sich. Wünschen Sie dieselben zu sehen?« – »Jetzt nicht. Das hat für später Zeit. Das Schiff sticht bald in See, und ich habe noch anderes zu tun. Ihr Boot kann zurückgehen. Peters!«

Auf diesen Ruf kam ein Matrose herbei.

»Führe die beiden Señores in die vorderste Kajüte. Du magst sie bedienen und bist deshalb vom übrigen frei.« – »Danke, Kapitän!« meinte der Mann. Dann drehte er sich zu den beiden Pflegebefohlenen und sagte in gebrochenem Spanisch: »Folgen Sie mir!«

Er führte sie in einen zwar kleinen, aber allerliebsten Raum, in dem sich übereinander zwei Betten befanden.

»So, das ist Ihre Koje«, sagte er. »Machen Sie es sich bequem. Ich hole Wasser und dergleichen herbei.«

Kaum war er fort, so meinte Cortejo:

»Was war das, Señor Landola?« – »Er kannte die Familie Rodriganda.« – »Ja. Wir müssen da außerordentlich vorsichtig sein.« – »Hätten wir den Namen Rodriganda nicht erwähnt, so wären wir wahrhaftig nicht mitgenommen worden.« – »Und doch wünschte ich, ich hätte lieber nichts gesagt.« – »Na, wir müssen warten, was wir erfahren. Bis dahin können wir vorsichtig lavieren, bis wir das richtige Fahrwasser finden.« – »Ja, aber da bitte ich um eins.« – »Was?« – »Daß ich die Erkundigungen einziehe. Ihr geltet für meinen Untergebenen, also bin ich derjenige, der reden muß.« – »Meinetwegen«, meinte Landola mürrisch.

Peters kam bald zurück, um Wasser und Waschrequisiten zu bringen.

»Lagt Ihr lange in Rio?« fragte Cortejo. – »Nur drei Tage«, lautete die Antwort. – »Woher kommt Ihr?« – »Um Kap Hoorn.« – »Ah! Um Südamerika herum?« – »Ja.« – »Wohl von Australien?« – »Eigentlich ja, aber zunächst von Mexiko.« – »Von einem der Westhäfen?« – »Guaymas.« – »Ladung dort genommen?« – »Nein. Passagiere dort gelandet.« – »Viele? Der Kapitän sagte doch, dies sei kein Passagierschiff.« – »Ist es auch nicht.« – »Was sonst?« – »Privateigentum.« – »Wem gehört es denn?« – »Dem Grafen Rodriganda.«

Die beiden Freunde blickten einander erschrocken an, was jedoch der Matrose nicht bemerkte.

»Rodriganda?« fragte Cortejo, indem er sich zusammennahm. »Wie ist denn der Vorname dieses Herrn?« – »Don Ferdinando.« – »Wo wohnt er?« – »In Mexiko.« – »Kennst du ihn?« – »Nein, ich habe ihn nicht gesehen.« – »Ich denke, nach deinen Reden zu schließen, ihr habt ihn in Guaymas ausgeschifft.« – »Das ist richtig, aber ich war nicht dabei.« – »Wieso?« – »Ich hatte einen schlechten Kapitän und ging daher in Valparaiso vom Schiff. Da kam Kapitän Wagner mit diesem Dampfer. Er mußte einen schwerkranken Mann ans Land geben und nahm an dessen Stelle mich auf.« – »So bist du also erst seit Valparaiso hier an Bord?« – »Ja.« – »Und weißt nichts von den früheren Schicksalen dieses Schiffes?« – »Ich weiß einiges, was ich von den anderen erfahren habe.« – »Nun?« – »Es gehörte einem Engländer und wurde in Ostindien von dem Grafen Rodriganda gekauft.« – »Wie kam der Graf nach Indien?« – »Mit Kapitän Wagner, Schiff Seejungfer aus Kiel.« – »Kiel ist wohl ein deutscher Hafen? Nicht?« – »Ja.« – »Sonderbar, daß der Graf dorther gekommen ist.« – »Oh, nicht von dort kam er.« – »Von woher sonst?« – »Er wurde an der Ostküste Afrikas aufgenommen.« – »Wo da?« – »Er war im Harrarland gewesen und da entflohen. Er traf die Seejungfer an der Küste. Der Kapitän brachte ihn nach Indien und dann nach Australien, um die anderen abzuholen!« – »Die anderen? Wer ist das?« – »Wer? Hm!«

Der Mann zögerte zu antworten. Er betrachtete sich die beiden Männer eine Sekunde lang, ohne seine Auskunft fortzusetzen.

»Warum antwortetest du nicht?« fragte Cortejo. – »Weil ich weiter nichts weiß.« – »So! Und das andere wußtest du so rasch.« – »O Señor, es kommt sehr viel auf den Frager an, ob man etwas schnell vergißt oder nicht.«

Bei diesen Worten drehte der Mann sich um und schritt zur Tür hinaus.

Cortejo blickte Landola an.

»Was war das?«

Landola zuckte anstatt der Antwort mit den Achseln.

»Ich wette meinen Kopf, daß er es wußte und es doch nicht sagte.« – »Ihr seid selbst schuld.« – »Ich? Inwiefern?« – »So eine weitfahrende Teerjacke pflegt kein Dummhut zu sein.« – »Was hat dies mit meiner Frage zu tun?« – »Sehr viel. Ihr wart zu unvorsichtig.« – »Nicht daß ich wüßte!« – »Und doch. Ihr wart ja förmlich erpicht, etwas über Rodriganda zu hören. Ihr habt den Kerl mit den Augen fast verschlungen.« – »Unsinn!« – »Ich habe Euch beobachtet, es ist so.« – »Ich weiß nichts davon.« – »Wenn Ihr Euch nicht anders beherrschen könnt, so ist es besser, Ihr überlaßt das Fragen mir. Sonst verratet Ihr Euch.« – »Das geht nicht. Aber wenn es wirklich so ist, wie Ihr sagt, so werde ich mich auch in acht nehmen.« – »Das rate ich Euch sehr an. Ihr habt ja gehört, wie die Sachen stehen. Oder nicht?« – »Hm. Dieser Kapitän hat den Grafen befreit.« – »Und nach Indien gebracht. Hier ist mir nur eins unklar.« – »Was?« – »Hier hat der Graf diesen Dampfer gekauft. Der kostet Geld.« – »Allerdings«, meinte Cortejo. »Woher hat er dasselbe?« – »In der Sklaverei erarbeitet jedenfalls nicht.« – »Vielleicht dem Sultan gestohlen?« – »Dem Sultan gestohlen und doch entkommen! Das klingt unwahrscheinlich.« – »Wir werden es erfahren.« – »Mit diesem Dampfer sind sie nach Australien gefahren, um die anderen zu holen. Wen habe ich unter diesen anderen zu verstehen?« – »Doch Sternau und die Seinen.« – »Das denke ich auch.« – »Aber wie konnte der Graf in diesem abgeschlossenen Harrar etwas von Sternau erfahren.« – »Zumal ich Sternau auf eine Insel gesetzt habe, die kein Mensch kannte. Das ist wahrlich unbegreiflich.« – »Wir werden auch das erfahren.« – »Aber ich muß bitten, sehr vorsichtig zu sein. Ihr habt dem Kapitän bereits gesagt, daß Ihr Sachwalter des Grafen Rodriganda seid. Wie wollt Ihr Euch aus dem Loch helfen, in das Ihr aus eigener Schuld gefallen?« – »Das wird nicht schwer sein.« – »Wieso?« – »Ich kann doch das Vertrauen des Grafen Alfonzo besitzen, ohne gerade ein Feind der anderen zu sein!« – »Es wird sich empfehlen lassen, wenn wir den alten Grafen Emanuel gekannt haben.« – »Gut, dieser Gedanke reicht hin. Ich hoffe, daß wir von den Plänen Sternaus so viel erfahren, als für uns nötig ist, rasch zum Ziel zu kommen.«

Als der Kessel den nötigen Dampf besaß, nahm der Dampfer die Anker auf und wandte sich der See zu. Der Kapitän stand auf der Kommandobrücke, bis man offenes Meer hatte und die Fahrt frei war, dann stieg er herab, um die Führung dem Steuermann zu überlassen.

Da trat Peters zu ihm, legte die Hand an den Hut und sagte:

»Kapt'n!« – »Was willst du, mein Junge?« fragte Wagner, der gewohnt war, mit seinem Seevolk in der leutseligsten Weise zu verkehren. – »Die Passagiere.« – »Na, was ist mit ihnen?« – »Hm! Fürchterlich neugierig!« – »So, so! Was wollten sie wissen?« – »Alles vom Schiff.« – »Tut ja nichts.« – »Und vom Grafen Rodriganda.« – »Auch das tut nichts, mein Sohn.« – »War mir aber doch auffällig. Der eine fragte, und der andere sperrte das Maul wie ein Walfisch auf.« – »Das ist leicht erklärlich. Sie kennen beide den Grafen Rodriganda.« – »Ach so!« – »Hast du sonst noch etwas?« – »Nein.« – »So schicke sie einmal zu mir und sage dem Koch, daß sie in meiner Kajüte mit mir essen werden.«

Peters ging. Sobald ihn aber der Kapitän nicht mehr zu sehen vermochte, brummte er zwischen den Zähnen:

»Also sie kennen den Grafen. Gefallen mir aber doch nicht. Sie sehen beide gerade so aus, als wenn ein Seeräuberschiff die Kanonenluken maskiert, um für einen Kauffahrer angesehen zu werden. Kann auf keinen Fall schaden, wenn ich ein wachsames Auge auf sie habe.« Der gute Peter gehörte zu jenen Leuten, die sich unmöglich verstellen können, dafür aber auch ein instinktives Gefühl für jede Falschheit besitzen. Als er in die Kajüte trat, meinte er in einem Ton, der zwar höflich sein sollte, aber fast wie ein Befehl klang:

»Zum Käpt'n, Señores! Aber schnell!« – »Wo ist er?« fragte Landola. – »In seiner Kajüte.« – »Gut! Werden gehen!« – »Wird gut sein, die Legitimationen mitzunehmen.«

Mit diesem Wink stieg Peters wieder davon. Dann aber stellte er sich abseits, um die beiden zu beobachten. Ein anderer Matrose kam und fragte:

»Was gibt's hier, Peters? Stehst doch da wie die Katze vor dem Rattenloch.« – »Ist's auch!« lautete die kurze Antwort. – »Lauerst wirklich auf eine Ratte?« – »Ja, auf zwei.« – »Ah! Die Landratten?« – »Hast's erraten. Paß auf!« – »Was denn?« – »Wirst's sehen und hören.«

Die beiden Männer waren beim Schein der Decklaternen deutlich zu erkennen. Landola schritt voran, und Cortejo folgte ihm.

»Siehst du es?« fragte Peters seinen Kameraden. – »Was?« – »Daß der eine ein Seemann ist?« – »Ah! Weshalb?« – »Habe es ihm am Auge angesehen. Ein Seemann hat ein anderes Auge als eine Landratte. War bei Ihnen, um sie zum Kapt'n zu bestellen. Zwei Landratten hätten gefragt, wo die Kajüte ist.« – »Vielleicht sind sie bereits viel gefahren.« – »Tut nichts. Auf unserem Deck waren sie noch nicht. Nur ein erfahrener Seewolf findet auf einem fremden Privatdampfer und im Dunkel des Abends die Kapitänskajüte.« – »Warum aber beobachtest du das?« – »Weiß es selbst nicht. Kann die Kerle nicht leiden.«

5. Kapitel.

Landola hatte nicht geahnt, daß der gute Peters einen solchen instinktiven Scharfsinn besitzen könne, sonst hätte er sich anders benommen.

Als sie in die Kajüte traten, saß Wagner bei einem Glas Wein. Er empfing sie mit freundlicher Miene und sagte:

»Noch einmal willkommen an Bord, Señores! Lassen Sie uns zunächst die unliebsamen Formalitäten erledigen. Ich habe es Ihnen nicht eigens sagen lassen, aber ich denke, daß Sie Ihre Papiere bei sich haben.« – »Wir haben daran gedacht, Señor Capitano«, meinte Cortejo, indem er die beiden Pässe hervorzog.

Wagner nahm sie, ging sie durch und gab sie wieder zurück.

»Eigentlich bin ich angehalten, die Legitimationen unter Verschluß zu nehmen«, sagte er. »Aber ich glaube, heute nicht so penibel sein zu brauchen. Hier nehmen Sie und setzen Sie sich nieder!«

Die beiden Männer nahmen mit einer Verbeugung Platz. Es entspann sich ein Gespräch, das, wie es zwischen Leuten, die sich zum ersten Male sehen, herzugehen pflegt, zunächst einen langsamen Gang hatte, dann aber, als der Koch das Abendmahl schickte und der Wein seine erheiternde Wirkung ausübte, animierter wurde.

Sowohl Cortejo als auch Landola sehnten den Augenblick herbei, da der Kapitän das Gespräch auf Rodriganda bringen werde. Er kam lange nicht, aber endlich doch.

»Sie sagten, als ich Sie empfing, Don Antonio, daß Sie der Sachwalter des Grafen Rodriganda seien«, begann Wagner. »Habe ich so recht verstanden?« – »Sie haben richtig verstanden, Señor«, antwortete der Gefragte. – »Sie kennen also die Familie des Grafen Rodriganda?« – »Sehr gut.« – »Ich habe Veranlassung, einiges Interesse an dieser Familie zu nehmen. Können Sie mir sagen, aus welchen Gliedern dieselbe jetzt besteht?« – »Ich gebe Ihnen mit großem Vergnügen Auskunft. Es sind heute leider nur noch zwei Glieder zu nennen.« – »Ah! Nicht mehr?« – »Nein, wie ich mit ›leider‹ bemerkte.« – »Wer sind diese Glieder?« – »Graf Alfonzo, der sich jetzt in Madrid aufhält, und Condesa Rosa, die in Deutschland lebt.« – »In Deutschland? Wo da?« – »Auf Schloß Rheinswalden bei Mainz.« – »Wie kommt es, daß sie nach Deutschland gegangen ist?« – »Sie ist einer Liebe dorthin gefolgt.« – »Ah! Sie ist dort verheiratet?« – »Ja.« – »Mit wem?« – »Mit einem Arzt namens Sternau.« – »Eine Mesalliance also.«

Cortejo zuckte die Achsel.

»Hm, es fragt sich, was man unter Mesalliance versteht. Die Kenntnisse und der Ruf dieses Arztes wiegen einen Fürstentitel auf.« – »So kennen Sie diesen Sternau?« fragte Wagner erfreut. – »Ja.« – »Ich habe von ihm gehört. Können Sie ihn mir beschreiben?« – »Gewiß. Er ist ein langer, breiter, athletisch gebauter, aber schöner Mann, ein wahrer Riese. Dabei besitzt er das Herz und Gemüt eines Kindes.« – »Das stimmt. Wo lernten Sie ihn kennen?« – »In Rodriganda.« – »Er war dort?« – »Ja. Er operierte den Grafen Emanuel von einem ebenso schweren wie schmerzhaften Leiden.« »So lernte er wohl damals die Condesa kennen?« – »Ja.« – »Und auch Sie kannten den Grafen Emanuel?« – »Schon seit längerer Zeit.« – »Ich denke, sein Sachwalter war damals ein gewisser Cortejo?«

Cortejo zog eine Miene, als ob er einen sehr verhaßten oder verachteten Namen gehört habe, und antwortete:

»Ja, Cortejo hatte die laufenden Geschäfte zu besorgen, die Kleinigkeiten, sozusagen. Bei wichtigeren Veranlassungen aber hatte ich die Ehre, den Grafen bei mir in Barcelona zu empfangen.« – »Ach so also! Sie kannten Cortejo ganz genau?« – »Sehr genau, genauer als mir lieb war und ist.« – »Das klingt ja recht unsympathisch!« – »Soll es auch sein.« – »Sie hatten ihn nicht lieb?« – »Ganz und gar nicht. Ich will nicht sagen, daß ich ihn haßte, aber ich verachtete ihn.« – »Warum?« – »Warum? Lassen sich Gefühle erklären? – »Wohl schwerlich, aber Veranlassungen gibt es doch.« – »Das war hier allerdings der Fall. Ich hielt und halte diesen Cortejo zu jeder Schandtat fähig.«

Der Kapitän nickte.

»Das habe ich auch gehört«, sagte er. – »Wirklich? Wo?« – »Das erzähle ich Ihnen später. Erlauben Sie mir vorher erst noch einige Fragen.« – »Mit dem größten Vergnügen.« – »Hat nicht dieser Cortejo einen Bruder?« – »Ja.« – »In Mexiko.« – »Allerdings. Der eine heißt Gasparino und der andere Pablo.« – »Was für ein Kerl ist dieser Pablo Cortejo?« – »Ein abenteuernder Schurke.« – »Wirklich?« – »Ganz gewiß. Ich reise ja gerade seinetwegen nach Mexiko.« – »Ah! Das ist mir hochinteressant!« – »Wirklich? Ich komme nämlich, ihm ein klein wenig auf die schmutzigen Finger zu sehen.« – »Ich wünsche Ihnen viel Glück dazu! Waren Sie in Rodriganda, als Graf Emanuel starb?« – »Ja. Ich habe ihn mit beigesetzt.« – »Er soll keines natürlichen Todes gestorben sein?« – »Nein. Er litt an einer Art unerklärlichen Wahnsinns. In einem Anfall desselben entwich er und stürzte sich in einen Abgrund. Natürlich war er sofort tot.« – »Zerschmettert sogar.« – »Ja.« – »Man scheint damals so allerlei gemunkelt zu haben.«

Cortejo schüttelte höchst unbefangen den Kopf und antwortete:

»Gemunkelt? O nein. Laut gesprochen hat man sogar!« – »Wer?« – »Doktor Sternau zum Beispiel. Das war der Grund, weshalb ich diesen Mann so lieb gewann.« – »Ah, gesprochen hat er? Darf ich fragen was?« – »Natürlich! Er erklärte öffentlich, daß die aufgefundene Leiche nicht diejenige des Grafen sei.« – »Was sagen Sie dazu?« – »Ich gebe ihm recht.« – »Aus welchem Grund?« – »Ich habe nur den einen Grund, daß Sternau ein großer Arzt und ein außerordentlicher Mann war. Die Aussage seiner Kollegen hat für mich kein Gewicht. Sie waren sämtlich obskure Mediziner, auf deren Ansichten ich nichts gebe.« – »Hatte diese Aussage Sternaus Erfolg?« – »Leider keinen. Die aufgefundene Leiche wurde als Graf Emanuel de Rodriganda beerdigt.« – »Er ist es doch wohl auch gewesen?« – »Es gibt Leute, die dies bezweifeln.« – »So sollte der eigentliche Graf noch leben?« – »Ja.« – »Aber wo?« – »Das ist ja eben das Geheimnis. Ich habe von meinem Leben nicht sehr viele Jahre mehr zu erwarten, aber die Hälfte würde ich hingeben, wenn ich dieses Rätsel lösen könnte!«

Der Kapitän blickte sinnend vor sich nieder. Dann nickte er langsam mit dem Kopf und sagte in seiner bedächtigen Weise:

»Es ist doch eigentümlich, daß Condesa Rosa ebenso wahnsinnig wurde wie ihr Vater.« – »Vielleicht liegt das Übel in der Familie«, meinte Landola, zum ersten Male das Wort ergreifend. – »O nein«, entgegnete Cortejo. »Ich kannte die Grafen, und meine Vorfahren kannten die Ahnen derselben. Es ist nie ein Fall von Wahnsinn vorgekommen. Man sprach von Gift.« – »Ah! Wirklich?« fragte der Kapitän. – »Ja.« – »Wer sollte wohl … hm!« – »Ich traue diesem Cortejo nicht.« – »Ist er denn ein so großer Bösewicht?« – »Ich sagte bereits, daß ich ihn zu allem fähig halte.« – »Sodann starb der mexikanische Graf so plötzlich.« – »Ja«, meinte Cortejo, »man sagte wohl, der Schlag hab ihn getroffen. Ich habe keine Lust, es zu glauben.« – »Warum nicht?« – »Es läßt sich das schwer sagen, Señor. Man macht zwar seine Kombinationen, behält sie aber für sich.« – »Sie sind ein vorsichtiger Mann. Aber wie verträgt es sich mit dieser Vorsicht, gewisse Verdachte auszusprechen und doch der Sachwalter des Grafen Alfonzo zu sein?«

Cortejo lächelte verständnisinnig und antwortete:

»Sie meinen, daß Graf Alfonzo mit diesem Verdacht in Beziehung zu bringen sei?« – »Vielleicht.« – »Sie mögen richtig vermuten. Aber ich will Ihnen Ihre Frage beantworten. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, die Geheimnisse des Schlosses Rodriganda zu ergründen und kann sie nur lösen, wenn ich mit dem Schloß in Beziehung bleibe, deshalb bin ich willig gewesen, der Sachwalter des jungen Grafen zu sein, wie ich derjenige des guten Grafen Emanuel war.«

Der Kapitän rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her. Dem guten, aufrichtigen Mann drückte das, was er wußte, fast das Herz ab. Aber er beherrschte sich noch und fragte nur:

»Gibt es dieser Geheimnisse so viele?« – »Gewiß. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen!« – »Wirklich?« – »Ja. Da ist zum Beispiel die Zigeunerin Zarba.« – »Kennen Sie auch diese?« – »Oh, sehr gut. Ich kannte sie bereits als Mädchen.« – »Sie soll sehr schön gewesen sein.« – »Man sagt sogar, daß sie Cortejos Geliebte gewesen sei.« – »Davon weiß ich nichts«, meinte der Kapitän. –

Aber Cortejo fuhr fort, den Kapitän noch sorgloser machend: »Ein ferneres Geheimnis ist der Husarenleutnant Alfred de Lautreville.« – »Hatte er nicht einen anderen Namen?« – »Ja. Er nannte sich auch Mariano.« – »Inwiefern ist dieser ein Rätsel?« – »Infolge seiner Ähnlichkeit mit Graf Emanuel.« – »Ah! Während Graf Alfonzo Cortejo auffallend ähnlich sieht?« – »Ja.« – »Wie wäre dies Rätsel zu lösen?« fragte der Kapitän. – »Hm. Ich glaube, der Lösung auf der Spur zu sein.« – »Wirklich?« – »Ja. Meiner Ansicht nach liegt sie in Mexiko.« – »Inwiefern?« – »Weil da die meisten der Beteiligten verschwunden sind.« – »Das ist wahr. Aber es lebt vielleicht keiner mehr von ihnen.« – »Das ist möglich. Aber sollte nicht diese oder jene Person eine mündliche oder schriftliche Überlieferung überkommen haben?«

Da konnte sich der Kapitän denn doch nicht mehr halten.

»Sie glauben, daß es solche Überlieferungen gibt?« fragte er. – »Ja.« – »Und Personen, die sie besitzen?« – »Ja.« – »Sie suchen solche Papiere?« – »Ja doch! Ich würde viel dafür bieten, um eine einzige zu treffen.« – »Nun, so will ich Ihnen sagen, daß Sie heute am Ziel sind.«

Cortejo machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Verstehe ich recht?« fragte er. – »Ja. Sie sind am Ziel. Sie haben eine solche Person gefunden.« – »In wem?« – »In mir.« – »In Ihnen?« rief der Heuchler mit gut gespielter Freude. »Wäre das möglich? Ich bewunderte allerdings schon Ihre außerordentliche Kenntnis der Verhältnisse von Rodriganda.« – »Sagen Sie mir aufrichtig«, meinte der Kapitän, »Sie sind ein Freund des Grafen Emanuel gewesen?« – »Ja. Ich glaube, er lebt noch, aber sein Bruder, Don Ferdinando ist ermordet worden. Sternau, Mariano und andere sind verschwunden; vielleicht sind sie ermordet. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, Licht in diese Sache zu bringen. Ich will wissen, ob Alfonzo der richtige Graf ist. Ich muß das erfahren, und wenn ich Zeit meines Lebens suchen sollte. Und wehe den Schuldigen, wenn ich endlich Klarheit erlange! Ich zerschmettere und zermalme sie mit dem unnachsichtigsten Paragraphen des Gesetzes!«

Er hatte sich erhoben und mit so vortrefflich imitierter Begeisterung gesprochen, daß der Kapitän sich vollständig hingerissen fühlte. Auch er sprang auf, streckte Cortejo beide Hände entgegen und rief:

»Wohlan, so will ich aufrichtig mit Ihnen sein! Wissen Sie, wer der Eigentümer dieses Dampfers ist?« – »Nein.« – »Ich werde es Ihnen sagen.« – »Oh, bitte.« – »Graf Ferdinando de Rodriganda.« – »Unmöglich!« – »Warum unmöglich?« – »Der Graf ist ja tot!« – »Nein, er lebt!« – »Was sagen Sie? Er lebt? Graf Ferdinando lebt?« – »Ja.« – »Ist's wahr? Können Sie es beschwören?« – »Ja, mit allen Eiden der Welt.« – »Um Gottes willen, sagen Sie, wo er ist! Schnell, schnell!«

Frage und Antwort zwischen beiden Männern war Schlag auf Schlag gekommen. Wagner war begeistert, und Cortejo spielte seine Rolle vortrefflich.

»Nur Geduld!« sagte der Kapitän, obgleich er selbst vor Ungeduld verging. »Ich habe Ihnen noch ganz andere Dinge zu sagen. Wissen Sie, wer außer dem Grafen noch lebt?« – »Nein. Reden Sie!« – »Sternau.« – »Gott! Wäre dies wahr!« – »Ja. Und Mariano auch.« – »Sie scherzen, Señor Capitano!« – »Nein. Ich würde mir in so ernster Angelegenheit niemals einen Scherz erlauben.« – »So dürfte ich also hoffen, die zu finden, welche ich suche?« – »Ja, sie leben. Ich habe mit ihnen gesprochen und habe mit ihnen zusammen gelebt, monatelang.« – »Wo?« – »Auf den Planken dieses Dampfers!« – »Wäre es die Möglichkeit?« – »Es ist die Wirklichkeit.« – »So erzählen Sie, Señor. Erzählen Sie! Oder vielmehr, erlauben Sie mir zu fragen, und haben Sie die Güte, mir zu antworten.« – »Herzlich gern. Fragen Sie!« – »Ich kenne die Schicksale Sternaus bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland. Warum ging er nach Mexiko?« – »Um einen gewissen Landola zu suchen. Der Name wird Ihnen unbekannt sein. Nicht wahr?« – »Allerdings. Wer war dieser Mann?« – »Er hieß Henrico Landola, Seekapitän. Eigentlich aber war er der berüchtigte Grandeprise, Kapitän des Seeräuberschiffes ›Le Lion‹, von dem Sie vielleicht gehört haben werden.« – »Oh, viel, sehr viel!« rief Cortejo.

Der Kapitän hatte keine Ahnung, daß der Korsar an seinem Tisch neben ihm saß und mit Cortejo einen Blick wechselte. Er fuhrt fort:

»Die eigentlichen Macher sind die beiden Cortejos …« – »Ganz so, wie ich dachte.« – »Ihr Komplize und vornehmster Helfershelfer aber ist dieser verdammte Landola, den ich zu Brei zermalmen würde, wenn ich einmal das große Glück hätte, ihn in meine Hände zu bekommen.« – »Es gehört ihm auch nichts Besseres«, fiel Landola ein.

Der Kapitän fuhr fort:

»Kennen Sie vielleicht eine gewisse Schwester Clarissa, die sich zuweilen in Rodriganda aufhält?« – »Ja«, antwortete Cortejo. – »Nun, sie war die Geliebte von Gasparino Cortejo.« – »Was Sie sagen!« – »Ja. Sie gebar ihm einen Sohn.« – »Sollte man das denken!« – »Oh, man sollte noch vieles andere nicht denken! Die Eltern wollten diesen Sohn zum Grafen von Rodriganda machen, darum verwechselten sie ihn mit dem echten Sohn Don Emanuels.« – »Es ist kaum zu glauben!« – »Aber doch wahr.« – »Wie ging die Verwechslung vor sich?« – »Der kleine Rodriganda sollte zu seinem Oheim nach Mexiko geschafft werden. Er wurde aber gegen den kleinen Cortejo umgetauscht und einem Briganten übergeben, der ihn töten sollte. Der Räuber aber war mitleidiger als Cortejo. Er ließ das Kind leben und gut erziehen. Es wurde Mariano genannt und kam später als Husarenleutnant de Lautreville nach Rodriganda.«

Das war alles so wahr und klar, daß Cortejo am liebsten einen fürchterlichen Fluch ausgestoßen hätte; er beherrschte sich aber und rief:

»Santa Madonna! So ist dieser Mariano der echte Rodriganda?« – »Ja.« – »Und Alfonzo der falsche?« – »Ja.« – »Das kann bewiesen werden?« – »Zur völligsten Evidenz!« – »Welch ein Glück! Was geschah mit dem falschen Rodriganda?« – »Er wurde von Don Ferdinando erzogen, ohne daß dieser ahnte, daß er eine Schlange an seinem Busen trage.« – »Welch ein Verhängnis!« – »Als der falsche Alfonzo groß war, rief man ihn nach Rodriganda und machte seinen Vater verrückt, ebenso wie seine Schwester Rosa. Sternau heilte letztere; sie wurde seine Frau. Graf Emanuel starb scheinbar; aber die Zigeunerin Zarba wird ihn versteckt haben, so daß er sich wiederfindet.« – »Das gebe Gott!« sagte Cortejo. Im Innern aber dachte er: »Hole der Teufel diese Zarba mitsamt dem Grafen!«

Der Kapitän fuhr fort:

»Mariano sollte auf die Seite geräumt werden, wurde aber gerettet und kam mit Sternau nach Mexiko. Vorher aber war bereits ein zweites Verbrechen begangen worden; nämlich Graf Ferdinando starb.« – »Ah! Jetzt kommt es!« – »Er hatte Gift bekommen und war nicht tot, sondern nur starrkrämpfig. Er hörte und sah alles. Er wurde begraben, aber wieder aus dem Sarg genommen und in einem Korb nach der Küste geschafft, wo ihn Landola an Bord nahm und nach Harrar als Sklave verkaufte.« – »Welch eine Teufelei! Wie erging es ihm dort?« – »Sehr schlimm, bis er einen Menschen traf, der ihn kannte.«

Da wurde Cortejo doppelt aufmerksam. Er fragte schnell:

»Er hat in Harrar einen Bekannten getroffen? In diesem Land, das sonst keines Europäers Fuß betritt?« – Ja.« – »Wer war dieser Mann?« – »Ein gewisser Bernardo Mendosa, Gärtner aus Manresa, der sehr oft in Rodriganda gewesen war.«

Die beiden Männer erbleichten unter der Schminke, doch ließ Cortejo sich nichts merken; er fragte:

»Wie kam denn dieser Mann nach Harrar?« – »So wie der Graf. Er hatte Geheimnisse Cortejos erlauscht und wurde von diesem Landola übergeben, der ihn in Ostafrika verkaufte.« – »Wie wunderbar sind die Wege der Vorsehung!« sagte Cortejo, indem er die Hände faltete. – »Oh, es kommt noch wunderbarer!« – »Das ist fast unmöglich!« – »Sie werden es gleich hören. Eines Tages brachte ein Händler eine schöne, weiße Sklavin. Sie gefiel dem Sultan von Harrar, und er wollte sie kaufen. Da sie aber die Sprache des Landes nicht verstand und einer weißen Nation angehörte, so wurde der Graf geholt. Man wollte sehen, ob er ihre Sprache verstehe, damit er den Dolmetscher machen könne.« – »Verstand er sie?« fragte Cortejo, vor Neugierde fast zitternd.

Auch Landola konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht verbergen.

»Ja; er verstand sie nur zu gut«, antwortete der Kapitän. »Er fragte, sie antwortete und nannte ihn sogar beim Namen.« – »Welch ein Wunder!« rief Cortejo. – Ja, ein Wunder möchte man es nennen, denn diese Sklavin war … ach, raten Sie doch einmal, Señores!« – »Dies zu erraten, ist vollständig unmöglich!« – »Nun, da Sie die Verhältnisse der Rodrigandas so gut kennen, ist Ihnen auch eine Hazienda bekannt, die den Namen del Erina führt.« – Ja«, antwortete Cortejo. – »Kennen Sie den Namen des Besitzers?« – »Er heißt, glaube ich, Pedro Arbellez.« – »Ja. Dieser Arbellez hat eine Tochter …« – »Señorita Emma?« – »Ja. Auch diese kennen Sie? Nun, sie war jene Sklavin.«

Da fuhr Cortejo empor und starrte den Sprecher an.

»Emma Arbellez?« fragte er. – »Ja.« – »Das ist die reinste Unmöglichkeit, denn dieses Mädchen wurde …«

Fast hätte er sich verraten. Nur ein vom Kapitän unbemerkter Fußtritt brachte ihn wieder zu sich. Glücklicherweise fiel Wagner rasch ein:

»Sie glauben es nicht?« – »Nein.« – »Nun, das kann ich Ihnen allerdings nicht übelnehmen, denn Sie wissen noch nicht, wie die Señorita dorthin gekommen ist.« – »Ich bin außerordentlich begierig, es zu erfahren.« – »Nun, so hören Sie.«

Wagner erzählte nun den beiden den ganzen Vorgang, der dem Leser bereits bekannt ist.

Als Wagner bei der glücklichen Auffindung der einsamen Insel angelangt war, da rief Landola:

»Alle Teufel! Da sind Sie ein ganzer Seemann.« – »Warum?« – »Aus den Angaben eines Mädchens, das auf einem elenden Floß umhergetrieben wurde, die Lage eines kleinen Inselchens im großen Weltmeer zu bestimmen, das ist viel, das ist sogar stark!!« – »Nein, das ist unmöglich«, antwortete Wagner. »Die Ehre gebührt Sternau, der ohne Instrumente die Höhe und Breite der Insel bestimmt hatte. Emma hatte sich die Grade zufälligerweise gemerkt.« – »Ach so!« meinte Landola. »Aber doch immerhin ein Meisterstück von diesem Sternau.« – »Das ist wahr. Wir kamen nach Ostindien, wo wir von einem kleinen Teil des Schatzes, den der Graf dem Sultan geraubt hatte, den Dampfer kauften. Einen anderen Teil des Schatzes verwandte der Graf zum Ankauf englischer Staatspapiere, und nur die wertvolleren Steine behielt er für sich. Wir dampften ab, fanden die Insel, nahmen die Unglücklichen auf und gingen nach Mexiko.« – »Warum dahin?« – »Weil die Mehrzahl der Betreffenden dort ihre Interessen zunächst zu verfolgen hatten, und weil sich da diejenigen befanden, die von unserer Rache getroffen werden sollten.« – »Wo landeten Sie?« – »In Guaymas. Hier erhielt ich Ordre, um Kap Hoorn zu gehen und in Verakruz einzutreffen, um Sternau und die anderen in ihre Heimat zu bringen.« – »Wann werden sie in Verakruz erscheinen?« – »Es ist kein Zeitpunkt festgestellt.« – »So müssen Sie warten?« – »Ich werde einen Boten nach Mexiko schicken. Im Palais des Grafen Rodriganda wird Don Ferdinando schon zu finden sein.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Wo nicht, so sende ich nach der Hacienda del Erina. Dort erfahre ich Sicheres. Nun, Señores, bin ich fertig. Ich habe mich kurz gefaßt und könnte Ihnen weit mehr erzählen. Doch meine Zeit ist zu Ende.«

Der Kapitän blickte auf die Uhr und erhob sich.

»Wir danken Ihnen von Herzen!« meinte Cortejo. »Das Gehörte hat auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich mich fast nicht zu fassen weiß. Gönnen Sie uns Zeit, diesen Eindruck sich vertiefen zu lassen, dann werden wir Ihnen mitteilen, was wir zu tun gedenken.« – »Recht so, Señores! Suchen Sie Ihre Kojen auf und beschlafen Sie das Gehörte. Morgen können wir weiter darüber reden. Bis dahin aber gute Nacht!« – »Gute Nacht, Señor!«

Cortejo und Landola entfernten sich. In ihrer Kajüte angekommen, besprachen sie aufgeregt die Mitteilungen, die ihnen gemacht worden waren. Der erste klare Gedanke, den es gab, wurde von Cortejo ausgesprochen, indem er sagte:

»Also die Schätze des Sultans hat der Graf.« – »Millionen!« fügte Landola hinzu. – »Wo er sie haben mag?« – »Hm, ja! Ob bei sich, ob hier auf dem Schiff?« – »Man muß dies vom Kapitän zu erfahren suchen.« – »Aber um Gottes willen mit Vorsicht.« – »Das versteht sich von selbst!«

6. Kapitel.

Während Cortejo und Landola sich auf diese Weise unterhielten, lehnte Peters in der Nähe des Schornsteins und blickte zu den Sternen. Er wußte nicht, ob er seine Gedanken dem Kapitän mitteilen solle. Da hörte er nahende Schritte und drehte sich um. Es war der Genannte, der seine gewöhnliche Runde machte. Das nahm Peters als ein Zeichen der Bejahung; er trat vor, legte die Hand an den Hut und sagte:

»Kapitän.« – »Was willst du, mein Sohn?« – »Darf ich fragen, was die beiden Passagiere sind?« – »Diese Frage solltest du eher an den Steuermann richten.« – »Weiß das wohl, Kapitän, aber mit den beiden ist es nicht richtig.« – »Warum? Der eine ist ein Advokat und der andere sein Sekretär.« – »Glaube ich nicht!« – »Weshalb?« – »Der Advokat mag immerhin ein Advokat sein, aber der Sekretär ist ein Seemann.« – »Ah! Woraus schließt du das?« – »Er fand im Dunkeln Ihre Kajüte, ohne mich nach ihr zu fragen.« – »So«, sagte der Kapitän. »Man sieht, daß dir die beiden allerdings nicht gefallen.« – »Nein, ganz und gar nicht, Kapitän.« – »So will ich dir sagen, daß es sehr gelehrte und ehrenwerte Herren sind. Deine Verdächtigungen sind grundlos, und du wirst mich nicht ähnliches wieder hören lassen.« – »Schön, Kapitän, werde gehorchen.«

Peters drehte sich unwillig ab und begab sich nach seiner Hängematte. Er hielt Wort und gehorchte, behielt aber die beiden scharf im Auge, bis der Dampfer an dem befestigten Felsen von San Juan d'Ulloa vorüberrauschte und dann vor Verakruz Anker warf.

Die beiden Passagiere standen mit ihrem Gepäck zum Landen bereit, der Kapitän neben ihnen.

»Also Sie gehen direkt nach Mexiko?« fragte er den Advokaten. – »Ja«, antwortete dieser. – »Um zu sehen, ob Graf Ferdinando schon da ist?« – »Ja; ist er noch nicht da, so reiten wir nach der Hazienda.« – »Das ist der Weg, den auch mein Bote machen wird. Wie schade, daß er sich Ihnen nicht anschließen kann! Ich lasse ihn morgen abgehen.«

Sie wurden an das Land gerudert, ließen ihr Gepäck nach dem Zollhaus schaffen und begaben sich zu Fuß zu dem Agenten Gonsalvo Verdillo, dessen Wohnung beide kannten. Sie wurden von ihm, dem sie einfach als Fremde angemeldet worden waren, nicht mit großer Aufmerksamkeit empfangen.

»Was steht zu Diensten, Señores?« fragte er. – »Wir möchten eine kleine Erkundigung einziehen«, entgegnete Landola. – »Über wen?« – »Über einen gewissen Henrico Landola, Seeräuberkapitän.«

Der Agent wurde bleich, starrte ihn an und antwortete stockend:

»Ich verstehe Euch nicht, Señor.« – »Wirklich nicht?« – »Nein, nicht im geringsten.« – »Oh, du verstehst uns dennoch sehr gut, alter Schurke!«

Dem Agenten trat der Angstschweiß auf die Stirn.

»Señor, ich versichere Euch, daß ich ganz gewiß nicht weiß, was oder wen Ihr meint!« rief er. – »Wen ich meine? Nun, mich selbst!« – »Wie? Euch selbst?« – »Natürlich! Sage einmal, ist meine Verkleidung denn wirklich so gut, daß du mich nicht erkennst?«

Landola hatte vorher seine Stimme verstellt, nun gab er ihr den gewöhnlichen Klang. Da kehrte das Blut in die Wangen des Agenten zurück; er rief sichtlich erfreut:

»Höre ich recht? Diese Stimme!« – »Natürlich hörst du recht; ich bin es selbst!« – »Kapitän, willkommen! Verzeihung, daß ich Euch nicht gleich erkannte!«

Er streckte ihm die Hände entgegen. Landola schlug ein und meinte:

»Diese Gesichtsschmiere muß ausgezeichnet sein, da ein Mann, der zwölf Jahre mit mir gefahren ist, seinen alten Kapitän nicht erkennt.« – »Señor Capitano, Euer eigener Bruder würde Euch nicht erkannt haben«, versicherte der Mann. – »Nun, so erkennst du wohl auch diesen Señor nicht?«

Verdillo suchte vergebens, teils in seinem Gedächtnis und teils in Cortejos Zügen. Er schüttelte schließlich den Kopf und meinte:

»Habe ihn niemals gesehen.« – »Oh, hundertmal, alter Lügner«, behauptete Landola. – »Wo?« – »In Barcelona.« – »Könnte mich nicht besinnen.« – »Unser Reeder.«

Da schlug der Mann die Hände zusammen.

»Señor Cortejo? Wirklich? Nein, welch ein Gesicht! So eine Veränderung ist ein großes Meisterstück!« – »Allerdings«, meinte Landola, »wir haben es auch nötig. Aber sage, kannst du uns Auskunft über Señor Pablo geben?« – »Nein.« – »Über Señorita Josefa?« – »Nein.« – »Alle Teufel! Warum nicht?« – »Señorita sandte mir ein Schreiben, das ich an Señor Gasparino Cortejo abgehen lassen sollte. Ich habe es zur Auszeichnung mit der Ziffer 87 versehen. Ist es angekommen?« – »Ja«, antwortete Cortejo. »Zwei Tage vor unserer Abreise.« – »Seit dieser Zeit habe ich keine Nachricht.« – »Auch nicht von der Hazienda?« – »Nein.« – »Wie steht es in der Hauptstadt?« fragte Cortejo. – »Sie steckt voller Franzosen.« – »Verdammt! Da ist man seines Lebens nicht sicher.« – »Oh, sie führen keine üble Manneszucht.« – »So meinst du, daß man sich hinwagen könnte?« – »Ja, aber den Namen Cortejo dürftet Ihr nicht hören lassen.« – »Fällt mir nicht ein. Ich bin Don Antonio Veridante, Rechtsanwalt des Grafen Alfonzo de Rodriganda. Und dieser hier ist mein Sekretär. Notiere dir das zum eventuellen Gebrauch.«

Der Agent notierte sich die Namen wirklich und meinte:

»Ihr müßt entschuldigen, Señores, daß ich erschrak, als der Name Landola genannt wurde. Es befindet sich hier ein Mensch, der seit fünf Wochen täglich anfragt, ob Kapitän Landola noch nicht angekommen sei.« – »Ein Mensch, der fünf Wochen lang täglich nach mir fragt?« – »Ja.« – »Wie heißt er?« – »Er sagt es nicht.« – »Was will er?« – »Er entdeckt mir es nicht.« – »Woher ist er?« – »Das verrät er nicht.« – »Also ein höchst geheimnisvoller Mensch?« – »Ganz und gar. Ich habe ihn vergeblich abgewiesen, er kommt immer wieder.« – »Eine solche Beharrlichkeit ist unbedingt nicht ohne Grund. Zu welcher Stunde pflegt er zu kommen?« – »Er kommt außerordentlich pünktlich, um …« der Agent blickte nach der Uhr und fügte hinzu: »Es ist die Zeit. In einer Minute wird er klopfen.« – »So bin ich wirklich neugierig«, meinte Landola. – »Soll ich ihn hereinlassen?« – »Ja.« – »Und was ihm antworten?« – »Das übernehme ich.«

Landola hatte diese Worte kaum gesagt, so ertönte ein kurzes, kräftiges Klopfen, und auf das »Herein« des Agenten trat eine lange, sehnige Gestalt ein. Es war Grandeprise, unser alter Bekannter.

»Darf ich fragen, ob Señor Landola noch nicht angekommen ist?« erkundigte er sich in höflichem Ton.

Landola hielt beide Fäuste geballt; er hatte den Stiefbruder gleich erkannt und ahnte es, daß diesen nur die Rache herbeigetrieben hatte. Er bemeisterte jedoch seinen Grimm und fragte Grandeprise mit ein wenig verstellter Stimme:

»Was wollt Ihr von ihm, Señor?« – »Eine Kleinigkeit«, antwortete der Jäger. – »Worin besteht diese Kleinigkeit?« – »Das darf nur er erfahren.« – »Wer hat Euch gesagt, daß Ihr Euch hier nach ihm erkundigen könnt?« – »Das verrate ich nicht.« – »Ihr seid ein wunderbarer Kauz. Wie ist Euer Name?« – »Er gehört nur mir, nicht Euch.« – »Donnerwetter, das war grob.« – »Meinetwegen.« – »Nun, auf diese Weise kommt Ihr nicht zum Ziel.« – »Wieso?« – »Ist es denn etwas Wichtiges, was Ihr ihm mitzuteilen habt?« – »Ja, für ihn und für mich.« – »Ihr werdet ihn nicht eher treffen, als bis Ihr mir wenigstens die eine meiner Fragen beantwortet habt.« – »Welche?« – »Wer Euch hergewiesen hat.« – »Dann erfahre ich, wo er ist?« – »Ja.« – »Ganz gewiß. Ich stehe eben im Begriff, ihn aufzusuchen.« – »Ihr wißt also, wo er sich befindet?« – »Ja.«

Die Augen des Jägers leuchteten vor grimmiger Freude.

»So sollt Ihr es erfahren«, sagte er. – »Nun, wer hat Euch hergewiesen?« – »Pater Hilario im Kloster della Barbara zu Santa Jaga.«

Der Kapitän machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte:

»Ich kenne den Pater nicht. Wer muß ihm diese Adresse verraten haben?« – »Wenn ich sicher wäre, Landola zu treffen, so würde ich Euch auch dies noch sagen«, meinte der Jäger. – »Ich gebe Euch mein Wort darauf«, erwiderte Landola. – »Nun gut! Der Pater hat die Adresse jedenfalls von Señor Pablo Cortejo erfahren.«

Dieser Name brachte eine kleine Aufregung unter den drei anderen Anwesenden hervor.

»Pablo Cortejo?« fragten alle drei zu gleicher Zeit. – »Ja.« – »Kennt Ihr ihn?« fragte Landola. – »Ja.« – »Ihr gehört wohl zu seinen Anhängern?« – »Nein.« – »Zu seinen Gegnern?« – »Nein.« – »Donnerwetter, wozu denn?« – »Zu nichts und niemand, ich treibe keine Politik.« – »Aber wie kommt Ihr da zu dem Prätendenten Cortejo?« – »Ich fand ihn verwundet am Fluß liegen und heilte ihn.« – »Alle Wetter! Wo war das denn?« – »Droben am Rio Grande del Norte.« – »Was wollte er dort?« – »Ein Engländer brachte Geld und Waffen für Juarez; Señor Cortejo wollte ihm dies wegnehmen, kam aber dabei mit Indianern in Streit. Er wurde an beiden Augen verwundet, so daß er im Schilf lag und nicht sehen konnte. Er getraute sich nicht vor. Da fand ich ihn.« – »Mein Gott«, rief Cortejo. »Er ist also blind?«

»Nicht ganz.« – »Was heißt das?« – »Das eine Auge ist ihm allerdings verloren gegangen; das andere jedoch haben wir mit Hilfe des Wunderkrautes geheilt.« – »Der Unvorsichtige! Wo befand sich denn zu jener Zeit Juarez?« – »Bereits in Coahuila.« – »Und mein – ah! Und Cortejo wagte sich bis zum Rio Grande?« – »Ja.« – »So hat er geradezu Gott versucht! Wohin ist er denn?« – »Er litt fürchterliche Schmerzen. Ich nahm ihn auf eins meiner Pferde und versuchte, ihn nach der Hacienda del Erina zu bringen.« – »Was wollte er dort?« – »Er sagte, daß seine Verwandten dort wohnten. Er hatte mir nämlich noch nicht gestanden, daß er Cortejo sei.« – »Ach so! Kam ihr durch?« – »Mit Mühe, denn die Scharen von Juarez waren nahe, und einige Truppen der Vereinigten Staaten lagen uns auch bereits im Weg. Aber mit Hilfe eines Umweges gelang es uns doch.« – »Wo war da Señorita Josefa?« – »Auf der Hazienda.« – »Ihr fandet sie dort?« – »Hm! In der Nähe, und wie! Denn die Hazienda war unterdessen erobert worden.« – »Von wem?« – »Von den Mixtekas, die sich erhoben hatten.« – »Für wen?« – »Für Juarez und gegen Cortejo.« – »Das ist Pech! Erzählt!« – »Wir langten des Nachts in der Hazienda an. Dort stießen wir auf Flüchtlinge von Cortejos Leuten, die dem Kampf entronnen waren. Die Hazienda war verloren und Señorita Josefa gefangen.« – »Und mein – ah! Und Cortejo blind!« – »Nur auf einem Auge. Das andere war bis dahin ziemlich heil geworden. Er zog die paar Flüchtlinge an sich, wobei ich erst bemerkte, wer er sei, und dann begaben wir uns des Morgens nach dem Berg El Reparo, auf dessen Höhe wir uns ausruhen und das weitere beschließen wollten. Kennen die Señores den Berg El Reparo?« – »Wir haben von ihm gehört.« – »Den Teich der Krokodile oben?« – »Ja.«

Cortejo dachte dabei mit Grauen an Alfonzo, der da oben an dem Baum gehangen hatte.

»Wir erreichten die Höhe«, fuhr der Jäger fort. »Als wir durch die Büsche brechen wollten, bemerkten wir einige Reiter, die am Teich abgestiegen waren. Es waren Mixtekas. Unter ihnen ihr Häuptling Büffelstirn und noch ein weißer Jäger, den sie Donnerpfeil nennen.« – »Ah, es ist ein Deutscher?« fragte Cortejo. – »Ja.« – »Er heißt Helmers?« – »So habe ich gehört.« – »Ich habt diese Kerle doch überfallen?« – »Das versteht sich, denn sie hatten die Absicht, Señorita Josefa den Krokodilen zu fressen zu geben.« – »Donnerwetter!« – »Ja, sie hing bereits an einem Lasso über dem Teich, und die Bestien schnappten nach ihr.« – »Gelang der Überfall?« – »Ja. Wir töteten die Mixtekas und retteten die Señorita.« – »Wurden auch der Häuptling und der Weiße getötet?« – »Nein. Sie hatten sich entfernt.« – »Jammerschade! Was tatet Ihr dann?« – »Cortejo wußte weder aus noch ein. Er durfte nicht zu den Franzosen, nicht zu den Deutschen, nicht zu den Indianern, und auch die Mexikaner waren ihm nicht freundlich gesinnt. Da schlug einer seiner Leute, der bei uns war, ihm vor, nach dem Kloster della Barbara zu gehen, wo er bei dessen Oheim ein Asyl finden werde.« – »Folgte er diesem Rat?« – »Ja.« – »So ist er noch dort?« – »Ja.« – »Warum habt Ihr ihn verlassen?« – »Um Señor Landola zu suchen.« – »Was wollt Ihr denn von ihm?« – »Ich habe Euch bereits gesagt, daß er allein das erfahren wird.« – »Es kann nichts Gutes sein, da Ihr so zurückhaltend seid.«

Grandeprise zuckte die Achseln und meinte:

»Ihr werdet nun Euer Wort halten, Señor. Ich habe Euch die geforderte Antwort gegeben und auch noch verschiedenes mehr dazu erzählt« – »Ich knüpfe eine Bedingung daran.« – »Welche?« – »Daß Ihr uns nach dem Kloster della Barbara geleitet.« – »Das geht nicht. Ich muß hierbleiben.« – »Wozu?« – »Um Landola zu sehen.« – »Ihr werdet ihn hier nicht sehen.« – »Ah! Wißt Ihr das so genau?« – »Ganz genau. Ich habe mich mit ihm bestellt. Er wird an demselben Tag im Kloster eintreffen, an dem auch wir ankommen.« – »Wirklich?« – »Wirklich.« – »Könnt Ihr das beschwören?« – »Bei allen Heiligen.« – »Gut, so werde ich Euch führen.« – »Vorher aber müssen wir einen Abstecher nach Mexiko machen.« – »Dazu habe ich keine Zeit.« – »So werdet Ihr Landola nicht treffen.«

Der Jäger betrachtete sich die beiden Fremden aufmerksam. Dann sagte er, mit dem Kolben seiner Büchse den Boden stampfend:

»Es ist möglich, daß die Señores mich hintergehen wollen; aber ich sage Ihnen, daß dies sehr zu Ihrem Schaden sein würde. Ich gehe mit nach Mexiko. Wann geht es fort?« – »In kürzester Zeit. Haben die Franzosen eine Eisenbahn in unserer Richtung gebaut?« – »Ja, um ihre Soldaten rasch aus Verakruz fortzubringen, wo stets das gelbe Fieber wütet. Gebaut eigentlich nicht, sondern mehr improvisiert.« – »Wohin geht sie?« – »Sie hat eine Fahrzeit von nur zwei Stunden und geht über La Soleda bis nach Lomalto.« – »Lomalto ist keine Fiebergegend mehr?« – »Nein, es ist dort gemäßigte Zone.« – »Gut; wir werden mit dem nächsten Zug fahren, nachdem wir unser Gepäck bei dem Zollamt versorgt haben.« – »Soll ich Euch helfen?« – »Nein. Erwartet uns am Bahnhof.« – »Ihr werdet kommen, ich traue Eurem Wort.«

Mit diesen Worten drehte Grandeprise sich um und schritt hinaus.

»Nicht wahr, Señores, ein sonderbarer Kerl?« fragte der Agent. – »Ja«, antwortete Cortejo. »Was mag er von Euch wollen, Landola?« – »Oh, ich weiß es genau.« – »Warum gabt Ihr Euch da nicht zu erkennen?« – »Pah! Ich habe wenig Lust, eine Büchsenkugel oder Messerklinge im Leib zu tragen!« – »Alle Wetter! Ist der Kerl so gefährlich?« – »Ja.« – »Ihr kennt ihn?« – »Sehr genau.« – »Wer ist es?« – »Mein Bruder.«

Cortejo öffnete vor Staunen den Mund, so weit er konnte.

»Euer Bruder?« fragte er. – »Ja.« – »Und er will Euch erschießen?« – »Ja. Er trachtet seit zwanzig Jahren danach, mich zu finden, um sich zu rächen.« – »Wofür?« – »Hm. Das gehört nicht hierher.« – »Auf wessen Seite ist denn eigentlich das Recht?« – »Auf der seinigen; das könnt Ihr Euch doch denken!« – »Jagt ihm eine Kugel durch den Kopf, so seid Ihr ihn mit einem Male los!« – »Das fällt mir nicht ein.« – »So wollt also Ihr Euch erschießen lassen?« – »Fällt mir gar nicht ein. Ich versuche nur das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich werde meinen geliebten Stiefbruder bei mir haben, der mir außerordentlich nützlich sein wird.« – »Stiefbruder also nur?« – Ja.« – »Na, da braucht Ihr doch keine Rücksicht zu nehmen. Kommt nach dem Zollamt, damit wir aus der Fieberluft dieses verteufelten Nestes fortkommen!«

Sie erteilten dem Agenten noch die nötigen Instruktionen und gingen dann, ihre Effekten zu versorgen. Als sie am Bahnhof ankamen, fanden sie den Jäger ihrer wartend. Es paßte mit den Zügen so gut, daß sie in kurzer Zeit bergaufwärts dampften.

7. Kapitel.

Kurz nach dem Steamer des Kapitän Wagner war ein anderer Dampfer im Hafen erschienen, der aber in einiger Entfernung von dem ersteren Anker warf.

Wagner hatte seine Formalitäten jetzt erledigt und seine Befehle erteilt; er beabsichtigte an das Land zu gehen, um sich trotz des dort herrschenden Fiebers die Stadt zu besehen. Er befahl das kleine Gig, und als dasselbe klar war, begab er sich nach dem Fallreep. Es traf sich, daß er an Peters vorüber mußte. Er blieb, fast unwillkürlich, einen Augenblick bei dem Matrosen stehen und fragte:

»Nicht wahr, du hattest dich geirrt?« – »Nein, Kapt'n.« – »In den beiden Fremden?« – »Nein.«

Das frappierte den Kapitän.

»Nicht?« fragte er, ein wenig überrascht. – »Ich hatte recht, Kapt'n. Der eine war ein Seemann, und sie beide waren Schwindler.« – »Das würdest du schwerlich beweisen können.« – »Ich kann es beweisen,« meinte Peters phlegmatisch. – »Wieso?« – »Wer einen falschen Namen trägt, ist der nicht ein Schwindler?« – »Allerdings. Aber war denn das hier der Fall?« – »Ja.« – »Ihre Pässe waren in Ordnung.« – »Das mag sein. Aber wenn sie glaubten allein zu sein, so nannten sie sich bei ganz anderen Namen.« – »Hast du diese gehört?« – »Mehrere Male und ganz deutlich.« – »Wie hießen sie?« – »Der Advokat wurde von dem anderen Señor Cortejo genannt, und er selbst nannte den, der seinen Sekretär vorstellen sollte, entweder Kapitän oder Señor Landola.«

Wagner fuhr zurück, als hätte er einen Faustschlag vor die Brust erhalten.

»Ist das wahr?« fragte er fast schreiend. – »Ja, Kapt'n!« – »Du hast es deutlich gehört?« – »So deutlich, als ob Sie es selbst jetzt vor meinen Ohren sagten.« – »Kerl, warum hast du mir es nicht sofort gemeldet?« – »Ich habe diese Menschen zweimal gemeldet, Kapt'n, aber dann verboten Sie mir, wieder von ihnen zu sprechen. Ich kenne meine Pflicht.« – »Verdammt!«

Der Kapitän bog deckwärts um und ging einige Male mit großen Schritten auf und ab.

»Ah! Jetzt wird mir vieles klar!« brummte er. »Darum wußten sie so viel von Rodriganda. Ich habe mich da fürchterlich tölpelhaft benommen und mich von ihnen ausholen lassen wie ein Schuljunge. Das muß ausgebessert werden. Peters!«

Der Gerufene eilte schnell herbei.

»Kapt'n!« sagte er, an den Hut greifend. – »Leg rasch die gute Jacke an, du gehst mit mir ans Land. Würdest du diese beiden sofort wiedererkennen?« – »Ja.« – »Auch von weitem?« – »Zehn Meilen weit, wenn nämlich keine Mauer dazwischen ist.« – »So eile! Wir müssen sie wiederfinden, und zwar um jeden Preis.«

Peters, ganz entzückt über die außerordentliche Ehre, mit dem Kapitän gehen zu können, sprang in höchster Eile davon und kehrte bereits nach wenigen Augenblicken im feinsten Putz zurück.

Sie stiegen in das Gig und gingen an das Land. Beim Landen fiel der Blick des Kapitäns auf eine große, weite Einfriedung, innerhalb welcher Grab an Grab sich aneinanderreihte.

»Das ist der Kirchhof der Franzosen«, sagte er, »welche unter dem hiesigen Gluthimmel dem fürchterlichen Fieber erliegen. Diese leichtsinnigen Kerle nennen ihn nichts anders als ›jardin d'acclimatation‹, den Akklimatisierungsgarten.« – »Wer da liegt, der ist akklimatisiert«, brummte Peters.

Jetzt hielten die beiden nun eine Suche durch die Stadt. Alle Straßen wurden mehrere Male durchlaufen, und in jedem öffentlichen Haus kehrten sie ein. Am Zollamt hörten sie, daß ein Don Antonio Veridante hier gewesen sei, um sein Gepäck visitieren zu lassen.

So traten sie bereits zum zweiten Male in eine Restauration ein, wo sie vorher, ohne sich niederzulassen, nur die Gäste gemustert hatten. Jetzt war der Kapitän einigermaßen müde.

»Hier ruhen wir uns ein Weilchen aus«, sagte er und steuerte dabei mit breiten Schritten auf das einzige Tischchen zu, das noch leer stand.

Dort angekommen, wäre er beinahe erschrocken zurückgefahren. An dem Nachbartischchen saßen zwei Männer, ein jüngerer, der ein hochelegantes und männliches Aussehen hatte, und ein älterer, vor dem Wagner ebenso – sehr erschrocken war. Dieser Mann trug die gewöhnliche Tracht eines Jägers, hatte aber eine Nase von solchen Dimensionen, daß man ganz wohl erschrecken konnte, wenn man ihm unvorbereitet zu nahe kam.

Dieser Mann hatte gesehen, daß Wagner sich frappiert gefühlt hatte. Er spitzte den Mund, spuckte einen dicken Strahl braunen Tabaksaftes aus, nahm einen riesenhaften Schluck aus seinem Glas und sagte dann:

»Fürchtet euch nicht, Señor, sie tut Euch nichts. Das ist eine wahre Seele von einer Nase.«

Wagner lachte und antwortete:

»So darf ich also ohne Besorgnis hier Platz nehmen?« – »In Gottes Namen. Ansteckend ist sie nicht«

Das Äußere des jungen Mannes war so vornehm, daß Wagner sich unwillkürlich verbeugte und kurz sagte:

»Seekapitän Wagner.«

Der andere erwiderte die Verbeugung und sagte:

»Premierleutnant Helmers.«

Da verbeugte sich auch sein Nachbar und sagte:

»Dragonerkapitän Geierschnabel.«

Wagner wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz sein sollte, er hatte auch nicht Zeit, darüber nachzudenken; sein Blick war auf den Oberleutnant gerichtet. Diesem mußte das auffallen, und darum fragte er mit einem höflichen Lächeln:

»Wir haben uns wohl bereits einmal gesehen?« – »Wohl schwerlich, Señor. Es beschäftigt mich aber eine außerordentliche Ähnlichkeit, die Sie mit einem Kameraden von mir haben.« – »Also auch einem Seemann.« – »Ja. Vater und Sohn können sich nicht ähnlicher sehen. Und eigentümlicherweise führt mein Freund auch Ihren Namen.« – »Helmers?« – »Ja.«

Kurts Gesicht nahm sofort den Ausdruck der größten Spannung an.

»Woher ist er?« – »Aus Rheinswalden bei Mainz.«

Bis hierher war die Unterhaltung in spanischer Sprache geführt worden, aber die Freude ebensowohl wie der Schmerz bedienen sich nur der Muttersprache. Kurt sprang empor und rief deutsch:

»Mein Vater, das ist mein Vater! Gott, welch ein Glück!« – »Sie sind ein Deutscher?« fragte Wagner, nun seinerseits erstaunt, indem er sich augenblicklich auch der deutschen Sprache bediente. – »Ja, freilich bin ich ein Deutscher. Oh, Kapitän, Sie nannten meinen Vater Ihren Kameraden. Wo haben Sie ihn gesehen, wo verließen Sie ihn, wo befindet er sich?« – »Erlauben Sie vorher eine Frage, Herr Leutnant.« – »Gewiß, ich stehe zu Ihrer Verfügung.« – »Seit wann ist Ihr Herr Vater abwesend?« – »Oh, er war verschollen, wohl an die zwanzig Jahre.« – »So ist es wahr, Sie sind sein Sohn.« – »Sie wissen, daß er noch lebt?« – »Ja, sehr genau.« – »Wo?« – »Hier in Mexiko. Ich traf vorhin mit meinem Dampfer ein, um ihn und seine Gefährten nach der Heimat zu bringen.« – »Seine Gefährten? Wer ist das?« – »Oh, ich weiß gar nicht, wie viele mit hinübergehen werden, wenn auch nicht für immer, aber doch zu einem Besuch.«

Geierschnabel rieb sich seine Nase mit solcher Vehemenz, daß es schien, als ob er sie sich mit aller Gewalt abbrechen wolle. Kurts Gesicht glänzte vor Entzücken. Er streckte dem Kapitän beide Hände entgegen und sagte:

»Herr Kapitän, ich hielt meinen Vater seit einer so langen Reihe von Jahren für verloren. Ich zog jetzt aus, ihn zu suchen. Vor einer Stunde warfen wir hier Anker, und nun sagen Sie mir, daß der Vater lebt. Hier meine Hände! Ich bitte, lassen Sie sich umarmen, als ob Sie der wiedergefundene Vater seien. Ich kann meinem Herzen jetzt unmöglich Gewalt antun.«

Er hatte die Augen voller Tränen; dem Kapitän ging es ebenso. Diese beiden Männer hatten sich nie gesehen, aber sie lagen Brust an Brust und umarmten sich mit einer solchen Herzlichkeit, die nur ein Ausfluß des innigsten Verwandtschaftsgefühls zu sein pflegt.

Auch Geierschnabel schob seine Flasche und sein Glas beiseite, streckte die Arme aus, spuckte sein Primchen fort und rief:

»Heißgeliebter Seekapitän, sinken Sie auch an diese meine Brust! Meine Freude ist so groß, daß ich sie nur in glühenden Küssen auszudrücken vermag. Worte kann mein Schnabel nicht mehr finden.«

Der brave Jäger hatte das allerdings in seiner Freude sehr ernsthaft gemeint, aber Wagner fuhr doch schnell zurück.

»Danke, danke«, sagte er eilig. »Bin unendlich verbunden.« – »So mag wenigstens Ihr hochgeehrter Matrose den Ausdruck meiner überströmenden Gefühle entgegennehmen.«

Peters streckte erschrocken alle zehn Finger von sich und rief:

»Danke ebenfalls. Sehr viel Ehre! Nehmen Sie es als geschehen an. Ich schmatze nie!« – »Verdammt!« zürnte der Jäger. »Daran ist nur diese meine Nase schuld! Ich werde sie kupieren lassen!«

Trotz der soeben zum Ausdruck gekommenen Gemütserregung ertönte doch ein herzliches Gelächter, in welches die anderen Gäste, mochten sie nun die Worte verstanden haben oder nicht, im Chor mit einstimmten. Die Gestikulationen wenigstens waren verstanden oder begriffen worden.

Als die Helden dieses kleinen Intermezzos wieder Platz genommen hatten, bat Kurt:

»Herr Kapitän, bitte um Auskunft, um recht schnelle und ausführliche Auskunft über meinen Vater.« – »Die sollen Sie haben, mein Liebster, nur ersuche ich um ein wenig Geduld.« – »Geduld? Geduld, in einer solchen Angelegenheit? Wollen Sie wirklich so grausam sein?« – »Verzeihung! Ich trat hier herein, nur um einen einzigen Schluck zu trinken und dann meine Jagd fortzusetzen. Ich suche nämlich zwei Verbrecher, um sie auf der Stelle arretieren zu lassen …« – »Verbrecher? Was haben sie getan?« – »Sie haben … ah, Sie sind ja der Sohn eines der Beteiligten. Sie müssen diese Halunken auch kennen, wenigstens von ihnen gehört haben. Wissen Sie, wen ich suche und verfolge?« – »Ihre letzte Bemerkung macht mich ganz begierig, es zu hören.« – »Die beiden Kerle heißen nämlich Landola und Gasparino Cortejo.«

Kurt erbleichte, aber nicht vor Schreck, sondern vor freudiger Überraschung.

»Landola und Gasparino Cortejo! Diese Männer suchen Sie?« – »Ja.« – »Hier drüben, hier in Mexiko, hier in Verakruz?« – »Ja.« – »Befinden sie sich denn hier?« – »Ja. Ich weiß es ganz genau. Herr Leutnant, Sie haben den größten Dummkopf vor sich, den die Erde trägt. Seit Rio de Janeiro habe ich diese beiden Schurken bei mir an Deck gehabt, ohne es zu ahnen. Dieser einfache Matrose hatte Verdacht und machte mich aufmerksam auf sie, ich aber schenkte ihm keinen Glauben. Erst als sie mein Schiff verlassen hatten, erfuhr ihr ihre Namen. Nun renne ich durch alle Kneipen und Straßen, ohne sie zu finden.«

Kurt hatte ihm mit allergrößter Spannung zugehört. Jetzt fiel er ein:

»Sie sind überzeugt, daß es die beiden wirklich sind?« – »Ja. Sie sind es. Ich will es mit tausend Eiden besiegeln!« – »So sind sie herübergekommen, um einen für uns fürchterlichen Schaden anzurichten, um einen Streich auszuführen, den wir mit Todesverachtung unmöglich zu machen suchen müssen. – Sie haben recht, da ist es nicht Zeit, zu berichten und zu erzählen. Diese beiden Kerle müssen unser werden. Wie waren sie gekleidet?«

Der Kapitän gab eine genaue Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung.

»Dies genügt einstweilen«, meinte Kurt. »Alles andere für später. Sie haben die ganze Stadt durchsucht?« – »Ja, aber nichts gefunden.« – »Auch auf dem Bahnhof?«

Der gute Kapitän machte ein etwas verlegenes Gesicht und antwortete:

»Auf dem Bahnhof? Sakkerment, an den habe ich gar nicht gedacht.« – »Nicht?« fragte Kurt erstaunt. »Ich meine, daß der Bahnhof doch der erste Ort gewesen wäre, wo man sich erkundigen mußte.«

Um seinen offenbaren Fehler einigermaßen zu entschuldigen, meinte Wagner:

»Zunächst habe ich, wie ich bereits sagte, an den Bahnhof gar nicht gedacht. Wer erinnert sich gleich daran, daß es hier eine Eisenbahn gibt, also ein Verkehrsmittel, von dem sonst in derartigen tropischen Landstrichen gar keine Rede ist. Und sodann ist doch auch schwerlich anzunehmen, daß zwei Reisende einige Viertelstunden, nachdem sie das Schiff verlassen haben, bereits ihren Weg in das Innere des Landes fortsetzen.«

Kurt schüttelte bedenklich den Kopf.

»Gründe dazu hatten die beiden genug«, meinte er. »Zunächst liegt einem jeden Fremden daran, die tiefliegende und gefährliche Fiebergegend zu verlassen, und sodann hatten Sie ja mit ihnen über alle Verhältnisse der Familie Rodriganda gesprochen. Nicht?« – »Allerdings, Herr Leutnant.« – »Sie haben gesagt, daß die von der Insel Zurückgekehrten nach Mexiko gekommen seien, um ihre Feinde aufzusuchen und der gerechten Bestrafung zu überliefern?« – »Ja.« – »Auch daß die Genannten sich bereits monatelang in Mexiko befinden?« – »Auch das habe ich gesagt.« – »Nun, ist das nicht genug, um Cortejo und Landola zur allergrößten Eile zu bewegen?«

Der Kapitän konnte nicht anders, er mußte dies zugeben.

»Und wer solche Eile hat, bedient sich natürlich nicht eines Reitpferdes oder der Diligence«, fuhrt Kurt fort, »sondern der Eisenbahn, nämlich falls eine solche vorhanden ist. Das werden Sie einsehen, Herr Kapitän!« – »Donnerwetter!« meinte dieser. »Da habe ich einen derben Pudel geschossen.« – »Möglich, sogar wahrscheinlich. Aber wir dürfen unsere Zeit nicht mit unnützen Reden versäumen, sondern wir haben es jedenfalls noch eiliger als die beiden Männer, die wir suchen. Lassen Sie uns also sofort nach dem Bahnhof aufbrechen. Die notwendigen Mitteilungen können wir uns ja später immer noch machen.«

Sie bezahlten, was sie genossen hatten, und brachen auf.

8. Kapitel.

Kurt hatte ganz recht. Wie schon erwähnt, waren Cortejo und Landola mit dem Jäger Grandeprise zusammengetroffen. Dort erkundigten sie sich nach dem nächsten aufwärts gehenden Zug. Der Beamte, an den die Frage gestellt wurde, war ganz zufälligerweise der Zugführer selbst. Er betrachtete sich die drei Männer, zuckte die Achseln und antwortete:

»Der nächste Zug wird in zehn Minuten abgelassen. Wollen Sie mit?« – »Ja«, antwortete Cortejo. – »Tut mir leid! Sie werden sich wohl eine andere Gelegenheit suchen müssen.« – »Warum?« – »Wir transportieren jetzt nur Militär und solche Personen, die sich als zu uns oder der Regierung gehörig legitimieren können.« – »Unangenehm! Im höchsten Grad unangenehm«, meinte Cortejo. – »Ah, Sie haben Eile?« – »Sehr große sogar!« – »Und sind nicht im Besitz einer entsprechenden Legitimation, meine Herren?« – »Leider nein. Wir haben nur unsere Privatpässe.« – »Hm! Was für Landsleute sind Sie?« – »Wir beide sind Spanier, und dieser Señor ist ein amerikanischer Jäger.« – »Das ist allerdings sehr schlimm für Sie. Spanier dürfen wir leider nicht befördern, und Amerikaner noch weniger.«

Da langte Grandeprise in die Tasche, zog eine Brieftasche hervor und sagte:

»Señor, ich bin im Besitz einer Legitimation.« – »So? Wirklich? Ist sie gut?« – »Ich hoffe es, Señor.« – »So zeigen Sie einmal her.«

Der Jäger nahm eine Zwanzigdollarnote hervor, gab sie ihm und fragte:

»Gibt es vielleicht eine bessere Passierkarte als diese da?«

Der Beamte nickte mit dem Kopf, lächelte freundlich und antwortete:

»Es läßt sich allerdings nichts dagegen einwenden. Sie ist so gut, daß ich nur wünschen kann, daß die beiden anderen Herren sich auch im Besitz solcher Legitimationen befinden.«

Da zog Cortejo zwei Hundertfrankennoten hervor.

»So erlauben Sie«, sagte er, »daß ich mich und diesen Herren legitimiere.«

Der Mann griff zu und meinte:

»Dies Paßkarten sind allerdings gültig, doch muß man dennoch vorsichtig sein. Sind Sie im Besitz einer spanischen Legitimation?« – »Ja.« – »Wie heißen Sie?« – »Ich bin Don Antonio Veridante, Advokat aus Barcelona.« – »Und der andere Herr?« – »Ist mein Sekretario.« – »Können Sie das beweisen?« – »Durch meine Pässe.« – »Zeigen Sie!«

Cortejo gab dem Beamten die Papiere, und der Franzose betrachtete sie genau, obgleich er wohl kein Wort Spanisch verstand. Er erblickte den angegebenen Namen und die Unterschrift nebst Stempel der Behörde; daher war er überzeugt, daß die Papiere in Ordnung seien.

»Es ist gut«, sagte er. »Es stimmt alles, und Sie können mitfahren, allerdings nur in meinem Kupee. Aber dann müßten Sie sofort einsteigen, denn die Zeit drängt.« – »Wir sind bereit«, versicherte Cortejo froh, daß es so gekommen war. – »So kommen Sie!«

Er öffnete sein Kupee und schob sie hinein. Hier befanden sie sich zunächst noch einige Minuten lang unter sich allein.

»Welch ein Glück!« meinte Landola. »Es sah erst ganz so aus, als ob wir sitzen bleiben sollten.« – »Pah«, antwortete der Jäger. »Diese Herren Franzosen haben ein großes Maul, aber auch ein weites Gewissen.« – »Eigentlich war es ein Wagnis«, bemerkte Cortejo. – »Ein Wagnis?« sagte Grandeprise. »Man wagt niemals etwas, wenn man zwanzig Dollar zum Fenster hinauswirft.«

Cortejo begriff den Sinn dieser Worte. Er zog abermals eine Hundertfrankennote heraus und reichte sie ihm hin.

»Hier, nehmen Sie Ersatz«, sagte er. »Sie haben das Geld ja in meinem Interesse ausgegeben.« – »Vielleicht ebenso in dem meinigen«, antwortete Grandeprise. »Aber es fällt mir nicht ein, Sie durch Zurückweisung von lumpigen zwanzig Dollar zu beleidigen. Ich danke!«

Jetzt gab die Lokomotive das Zeichen, der Zugführer beantwortete dasselbe und stieg dann ein. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

In Lomaldo angekommen, wurden die Wagen bereits erwartet. Der Bahnhof hatte ein höchst militärisches Aussehen. Er stand voller französischer Soldaten, die per Bahn an die See transportiert werden sollten, um nach der Heimat eingeschifft zu werden. Die angekommenen Wagen wurden mit den bereits wartenden zusammengekoppelt, sie füllten sich schnell mit den über die Rückkehr erfreuten Passagieren, dann setzte sich der Zug nach Verakruz zurück in Bewegung.

Im Anschluß an den Zug stand in Lomaldo die nach der Hauptstadt Mexiko gehende Diligence bereit. Die drei Reisenden lösten sich Billetts. Cortejo und Landola stiegen in das Innere des Wagens; Grandeprise aber liebte die Luft und die freie Aussicht; er erklomm das Verdeck und machte es sich da so bequem wie möglich.

Dies gab den beiden anderen Zeit und Gelegenheit, unbemerkt und ungehört von ihm miteinander zu verhandeln. Als der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, fragte Cortejo:

»Also dieser Kerl ist ein Stiefbruder von Ihnen?« – »Leider ja«, antwortete Landola. – »Und er sucht Sie? Er gibt sich große Mühe, Sie zu finden?« – »Allerdings.« – »Warum?« – »Pah! Lassen wir das! Familiensachen!« brummte Landola verdrießlich. – »An denen Sie Schuld tragen?« – »Ich sagte dies bereits.« – »So vermute ich, daß er die Absicht hat, sich zu rächen.« – »Ganz meine Ansicht.« – »Welch ein Glück für Sie, daß Sie verkleidet sind. Er hätte Sie erkannt, und wer weiß, was dann geschehen wäre.« – »Geschehen? Pah! Es ist mir allerdings lieb, daß er keine Ahnung davon hat, daß ich der Gesuchte bin, aber ich bin doch keineswegs der Mann, ihn zu fürchten. Wer mit mir anbindet, den weiß ich zu bedienen, mag er ein Fremder oder mein Bruder sein.« – »Was beabsichtigen Sie, mit ihm zu tun?« – »Er will mir an die Haut, gut, so gehe ich ihm an das Fell. Zunächst können wir ihn außerordentlich gut gebrauchen; sobald dies später nicht mehr der Fall ist, lassen wir ihn abfallen.« – »Schön! Glauben Sie an seine Erzählung von dem Pater Hilario?« – »Unbedingt Ich glaube nicht, daß er jemals eine Unwahrheit sagt.« – »So würden wir also bei diesem Pater meinen Bruder oder wenigstens eine Spur von ihm finden?« – »Sicher. Darum gilt es, unsere Angelegenheiten in der Residenz so schnell wie möglich zu betreiben und uns dann schleunigst nach dem Kloster della Barbara in Santa Jaga zu begeben.« – »Unsere Angelegenheiten in der Hauptstadt? Hm? Was verstehen Sie unter denselben?« – »Nun, weiter nichts als diese verfluchte Erbbegräbnisgeschichte.« – »Darin könnten Sie sich irren.« – »Wieso?« – »Ich habe in Mexiko noch viel mehr zu tun.« – »Möchte wissen«, meinte Landola im Tone des Zweifels. – »Nun, die Güter der Rodriganda haben jetzt ja keinen Herrn.« – »Oh, die werden schon einen haben.« – »Sie vergessen, daß Graf Ferdinando scheinbar gestorben ist.« – »Das weiß ich.« – »Und daß mein Bruder, der Verwalter sämtlicher Besitzungen, des Landes verwiesen ist.« – »Auch das habe ich nicht vergessen.« – »Also befinden sich diese Besitzungen gegenwärtig ohne Herrn.« – »Sie werden erst recht einen haben.« – »Wen?« – »Die Regierung.« – »Sie meinen, daß sie konfisziert worden sind?« – »Nein, denn Graf Alfonzo, der eigentliche Besitzer, ist ja nicht des Landes verwiesen worden. Er besitzt noch alle seine Rechte.« – »So denken Sie, daß die Regierung die Verwaltung übernommen hat?« – »Ja, gerade das denke ich.« – »Ich bezweifle es.« – »Aus welchem Grund?« – »Hm! Welche Regierung ist es, von der Sie sprechen?« – »Die Kaiserliche.« – »Das ist gar keine Regierung. Kaiser Max ist in Kost und Logis bei Napoleon; er genießt das Gnadenbrot bei den Franzosen. Er darf nicht das Geringste unternehmen ohne die Erlaubnis oder die Einwilligung des Marschalls Bazaine.« – »Nun gut, so verstehe ich unter Regierung das französische Gouvernement.« – »Und dieses soll die Besitzungen der Rodriganda in Verwaltung genommen haben?« – »Jedenfalls.« – »Diese Herren Franzosen haben keine Zeit dazu!« – »Diese Herren Franzosen haben stets Zeit, wenn es gilt, Geld zu nehmen. Meinen Sie das nicht auch?« – »Sie denken, daß in dieser Angelegenheit Geld zu machen sei?« – »Natürlich. Ihr Bruder hat sich Geld gemacht; die Franzosen werden nicht dümmer sein als er.« – »Ich denke, daß sie diese Angelegenheit vollständig geriert haben werden. Mein Bruder hat seine Unterbeamten, die während seiner Abwesenheit die Verwaltung fortgeführt haben werden.« – »Welche während seiner Abwesenheit sich die Beutel gefüllt haben werden, wollen Sie wohl sagen.« – »Oho! Jede einzelne Besitzung, jede einzelne Hazienda hat ihren Verwalter.« – »So ist jede einzelne Besitzung und Hazienda von ihrem Verwalter ausgesogen worden; das ist noch schlimmer!« – »Wollen es abwarten!« – »Weiter können wir eben in unserer Lage nichts tun.« – »O doch! Habe ich nicht meine Bescheinigung in der Tasche, daß ich als Agent des Grafen Alfonzo den Auftrag habe, die Ordnung dieser Angelegenheiten zu übernehmen?« – »Allerdings. Nur fragt es sich, ob diese Bescheinigung auch genugsam respektiert werden wird.« – »Wer könnte mir hinderlich sein?« – »Dieser oder jener. Wir werden sehen.« – »Möglicherweise haben Sie recht. Auf alle Fälle aber werde ich, sobald wir nach Mexiko kommen, mich nach dem Palast Rodriganda verfügen, um zu rekognoszieren.« – »Nicht um zu rekognoszieren, sondern um sich in Gefahr zu begeben.« – »Keineswegs. Ich habe gute Papiere und bin unkenntlich.« – »Nun, tun Sie, was Sie wollen. Mir aber werden Sie gestatten, an einem sicheren Ort auf Sie zu warten, während Sie sich im Palast Rodriganda befinden.«

So geschah es.

9. Kapitel.

Kaum in Mexiko angekommen, begab sich Cortejo nach dem Palast, während Landola in dem Gasthof zurückblieb, in dem sie abgestiegen waren. Der letztere hatte kein Vertrauen zu diesem, wie ihm schien, gewagten Schritt. Der erstere aber war voller Zuversicht, daß ihm nichts geschehen könne.

Am Palast angekommen, erblickte er zu Seiten des Einganges zwei Schilderhäuser. Zwei Ehrenposten standen dabei, ein sicheres Zeichen, daß ein hoher Militär Quartier hier habe. Er wollte eintreten, aber der eine Posten hielt ihn auf.

»Zu wem wollen Sie?« fragte er. – »Welcher Offizier hat hier sein Quartier?« erwiderte Cortejo. – »General Clausemonte.« – »Danke! Den General aber will ich gar nicht belästigen. Ich will zu dem Besitzer des Hauses.« – »Sie meinen zu dem Herrn Administrator?« – »Ja.« – »Gehen Sie parterre rechts.«

Cortejo folgte dieser Weisung. Im Hauskorridor rechter Hand erblickte er an einer Tür ein Schild, auf dem das Wort »Administration« zu lesen war. Er klopfte an und trat, auf einen zustimmenden Ruf von innen, ein. Er befand sich in einem Zimmer mit mehreren Schreibtischen, an dem verschiedene Personen arbeiteten. Einer der Männer trat auf ihn zu und fragte:

»Sie wünschen?« – »Den Herrn Administrator.« – »Ist nicht zu sprechen.« – »Warum?« – »Er frühstückt.« – »Melden Sie mich ihm!« – »Das darf ich nicht. Er will nicht gestört werden.«

Cortejo gab sich ein möglichst imponierendes Äußere und meinte:

»Ich habe Sie bedeutet, mich zu melden, und das werden Sie tun!«

Der Mann blickte erstaunt auf. Cortejos Ton schien aber doch einigen Eindruck hervorgebracht zu haben, denn die Antwort lautete:

»Wer sind Sie, Señor?« – »Das geht nur den Herrn Administrator etwas an. Sagen Sie, ein Herr, der direkt aus Spanien komme, wünsche ihn wegen der gräflichen Besitzungen und deren Verwaltung sogleich zu sprechen.« – »Ah! Das ist wohl etwas anderes. Hätten Sie das sogleich gesagt, so wären Sie bereits gemeldet. Wollen Sie die Güte haben, mir in das nächste Zimmer zu folgen, um den Herrn Administrator dort zu erwarten!«

Cortejo folgte dem Mann nach dem nebenan liegenden Raum, wo er einstweilen allein gelassen wurde. Das Zimmer glich bei weitem mehr einem feinen Damenboudoir, als einem Expeditionslokal.

»Hm!« brummte Cortejo. »Dieser Herr Verwalter scheint noble Passionen zu haben. Vielleicht hat Landola recht.«

Erst nach einer vollen Viertelstunde hörte er Schritte. Ein sehr fein nach französischer Mode gekleideter Mann trat ein, dessen Gesichtsschnitt, ebenso wie Schnurr- und Kinnbart, sofort den Franzosen vermuten ließen. Er betrachtete Cortejo kalt und forschend und fragte, doch ohne Verbeugung und Gruß:

»Wer sind Sie, Monsieur?« – »Mein Name ist Don Antonio Veridante.« – »Schön! Ein Spanier also dem Laut nach?« – »Ja. Advokat aus Barcelona.« – »Ahnte es!« – »Agent und Bevollmächtigter des Grafen Alfonzo.« – »Welches Grafen Alfonzo?« – »De Rodriganda.« – »Ah! Können Sie dies beweisen?« – »Ja. Hier meine Akkreditive.«

Cortejo gab dem Franzosen die betreffenden Papiere. Dieser las sie durch, ohne daß eine Miene zuckte, und sagte dann kalt:

»Schön! Tut mir aber leid!« – »Was?« – »Diese Papiere sind nicht hinlänglich!« – »Wieso? Zweifeln Sie an der Echtheit derselben?« – »Nicht im mindesten.« – »Der Paß sagt Ihnen ganz genau, wer ich bin!« – »Allerdings.« – »Und die Vollmacht klärt Sie über meine Befugnisse hoffentlich auf.« – »Vollständig.« – »Und dennoch sagen Sie, daß diese Papiere unzulänglich seien?« – »Ja«, antwortete der Gefragte mit einem leichten Achselzucken. – »Was könnte noch fehlen?« – »Sie kommen direkt von Rodriganda oder Barcelona herüber nach Mexiko?« – »Ja.« – »Sie waren nicht vorher in Madrid?« – »Nein.« – »Oder in Paris?« – »Nein.« – »So haben Sie Ihre Reise leider umsonst unternommen.« – »Wieso?« – »Sie hätten sich vorher dem französischen Gesandten in Madrid oder dem spanischen Gesandten in Paris vorstellen sollen.« – »Ich habe das nicht für notwendig gehalten.« – »Da haben Sie sich allerdings geirrt« – »Sie meinen, es sei eine gesandtschaftliche Rekognoszierung notwendig.« – »Sehr notwendig.« – »Das kann ich noch nachholen!« – »Ja, indem Sie sich von hier nach Paris oder Madrid zurückbegeben.« – »Das ist nicht notwendig, da sich hier in Mexiko ein spanischer Geschäftsträger befindet.« – »Ein solcher Beamter befindet sich allerdings hier, aber seine Kompetenz reicht nicht so weit, daß ich auf ihn hören dürfte.« – »Ah! Die Befugnis eines Geschäftsträgers reicht nicht so weit?« – »Nein.« – »Ich werde mich erkundigen.« – »Tun Sie das, Monsieur!« meinte der Franzose, indem er eine etwas schadenfrohe Miene nicht ganz beherrschen konnte. – »Ich bin Advokat und kenne die Gesetze!« drohte Cortejo. – »Das erstere gebe ich zu, das letztere scheint mir aber doch nicht der Fall zu sein.« – »Señor, wollen Sie mich beleidigen?«

Der Franzose warf einen geringschätzigen Blick auf den Spanier und erwiderte:

»Das kann mir gar nicht einfallen.«

Dieser Blick ärgerte Cortejo gewaltig, er sagte erbost:

»Sie meinten aber doch sehr deutlich, daß Sie bezweifeln, daß ich die Gesetze kenne.« – »Das bezweifle ich allerdings.« – »Ah!« – »Ihre Ansicht, daß die Kompetenz des spanischen Geschäftsträgers ausreichend sei, mag für die Gewöhnlichkeit zutreffend sein. Wir aber haben Krieg und befinden uns also in einem Ausnahmefall.« – »Donnerwetter.« – »Ihr Wort, Monsieur, ist nicht sehr höflich, doch will ich es für dieses Mal nicht gehört haben. Also wir haben Krieg. Der Kaiser hat gefunden, daß die Besitzungen von Rodriganda herrenlos sind, und dafür Sorge getragen, daß sie unter Verwaltung kommen. So lange wir uns in dem angegebenen Ausnahmefall befinden, kann ich Ihre Vollmacht nur dann respektieren, wenn durch einen der beiden heimischen Residenten, mag es nun der meinige oder der Ihrige sein, nachgewiesen wird, daß meine Regierung Ihnen erlaubt, die Verwaltung der betreffenden Güter in Ihre Hände zu nehmen.« – »So müßte ich wirklich wieder über den Ozean hinüber?« – »Allerdings.« – »Darf ich nicht wenigstens einigermaßen Einsicht in den Stand der Dinge nehmen?« – »Ich darf dies nicht zugeben.« – »Die Verwaltung befand sich bisher in den Händen des Señor Pablo Cortejo?« – »Ja.« – »Warum ist sie ihm genommen worden?« – »Er wurde als Empörer und Verräter des Landes verwiesen. Sie sehen doch ein, daß es ihm da unmöglich ist, dieses Amt auch fernerhin zu bekleiden.« – »Wo befindet er sich?«

Der Franzose zuckte hochmütig die Achsel und antwortete:

»Weiß ich es? Ich gehöre nicht zur Gendarmerieabteilung. Es ist mir höchst gleichgültig, wo sich dieser Cortejo befindet, den ich nicht nur für einen Empörer, sondern auch für einen ganz ausgefeimten und gewissenlosen Spitzbuben und Betrüger halte.« – »Señor!« rief Cortejo unbesonnen. – »Mein Herr?« – »Sie beschimpfen Cortejo!« – »Mit vollem Recht!« – »Haben Sie Beweise für Ihre Behauptung?« – »So viele Sie wollen!« – »Bringen Sie dieselben!« – »Etwa Ihnen?« lachte der Intendant. – »Ja.« – »Ich bemerkte Ihnen bereits, daß Sie hier nichts zu sagen haben!« – »Und ich werde Ihnen beweisen, daß dies dennoch der Fall ist!« – »Tun Sie es immerhin, es ist mir das sehr gleichgültig.« – »Ich werde mich sofort zu meinem Geschäftsträger verfügen.« – »Der ist mir ebenso gleichgültig wie Sie.« – »Zum Kaiser!« – »Pah! Der Kaiser wird Ihnen sagen, daß Sie ihn belästigen.« – »Zu Marschall Bazaine!« – »Der wird Sie einfach einsperren lassen.« – »Donnerwetter!« – »Monsieur, ich habe Ihnen wiederholt gesagt, daß ich das Fluchen nicht dulde.« – »Sie sprachen vom Einsperren.« – »Allerdings, und zwar mit vollem Recht. Sie nehmen sich dieses Cortejo mit einer Wärme an, daß Sie mir verdächtig werden.« – »Ich verdächtige niemanden ohne Beweise.« – »Ich auch nicht. Ich sage Ihnen, daß ich so viele Beweise habe, wie Sie nur verlangen können. Jede Zeile seiner Bücher, die er führte, jede Ziffer, die darin enthalten ist, bildet einen solchen Beweis. Er hat den Grafen Rodriganda um ungeheure Summen gebracht. Wird er ergriffen, so wird er gehängt allein um dieses Grundes willen; denn daß er als Präsident kandidierte, das war eine wahnsinnige Lächerlichkeit.« – »So befindet er sich wirklich außer Landes?« – »Ich weiß es nicht. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?« – »Unter diesen Verhältnissen nicht, für jetzt nämlich.« – »So bedaure ich, daß ich mich habe stören lassen.« – »Sie waren notwendig beschäftigt?« – Ja.« – »Beim Frühstück?« lachte Cortejo höhnisch. – »Das ist wahr. Aber Sie geben zu, daß das Frühstück eine notwendigere und angenehmere Beschäftigung ist, als die fruchtlose Unterhaltung mit einem Mann, der hierherkommt, um zu gebieten, sich aber über das Allereinfachste noch nicht im mindesten orientiert hat. Adieu!«

Der Franzose drehte sich stolz um und ging. Cortejo befand sich allein in dem Zimmer. Eine solche Zurechtweisung hatte er noch nie erfahren.

»Warte nur, Bursche!« knirschte er. »Es wird die Zeit kommen, da ich dir das alles wieder heimzahle, und zwar mit Zinsen!«

Cortejo verließ den Ort. Als er durch das vordere Zimmer schritt, wurde er von den höhnischen Blicken der dort anwesenden Schreiber verfolgt Er tat, als ob er dies gar nicht bemerkte, und verließ das Haus. Draußen auf der Straße erkundigte er sich nach der Wohnung des spanischen Geschäftsträgers, zu dem er sich verfügte.

Dort angekommen, konnte er nur nach langem Warten vorgelassen werden und hörte dann zu seinem Ärger, daß er von dem Administrator nur das Richtige erfahren habe. Es blieb ihm nichts übrig, als völlig unverrichteter Sache zu Landola zurückzukehren.

10. Kapitel.

Landola hatte Cortejo mit großer Ungeduld erwartet.

»Nun?« fragte er. »Ich glaubte bereits, daß Ihnen etwas Unangenehmes passiert sei.« – »Das ist auch der Fall«, brummte Cortejo verdrossen. – »Ah, doch!« – »Ja, wenn auch nicht das, was Sie dachten.« – »Ich glaubte gar, man hätte Sie festgehalten.« – »Es wäre auch beinahe geschehen.« – »Alle Teufel!« – »Wenigstens hat man mir damit gedroht.« – »Wer?« – »Dieser Herr Administrator.« – »Ah! Der gräfliche Palast hat einen Administrator?« – »Nicht nur der Palast, sondern unsere ganzen Besitzungen stehen unter seiner Verwaltung.« – »Was ist er? Ein Österreicher?« – »Nein, ein Franzose.« – »Da haben Sie es. Hatte ich nicht recht?« – »Leider.« – »Wie empfing er Sie?« – »Dieser Mensch behandelte mich von oben herab und erkannte meine Papiere gar nicht an.« – »Das wäre stark! Sie sind doch echt und gültig!« – »Echt ja, aber nicht gültig. Es handelt sich hier um einen Ausnahmefall, weil wir Krieg haben. Ich hätte der Unterschrift unseres Residenten bedurft. – »Gehen Sie zum Geschäftsträger!« – »Da war ich schon.« – »Was sagte dieser?« – »Ganz dasselbe.« – »Der Teufel soll ihn holen! Übrigens wollen wir froh sein, daß Sie überhaupt und mit heiler Haut zurückgekehrt sind. Hätte man Sie wirklich festgehalten … Doch, warum wollte man dies tun?« – »Er nannte meinen Bruder einen Betrüger.« – »Und Sie wurden wohl gar deswegen grob?« fragte Landola, im höchsten Grade erstaunt. – »Allerdings.« – »Welch eine riesige Dummheit!« – »Oh, es war mehr noch als Dummheit! Aber ich war zornig über diesen impertinenten Kerl von Franzosen.« – »Ich sehe nun schon, wie sehr man sich auf Sie verlassen kann. Sie sind imstande, unsere ganze Angelegenheit zu verderben.« – »Ich werde mich beherrschen.« – »Ich hoffe es. Also diese Affäre mit dem Intendanten ist für jetzt hoffnungslos. Was tun wir nun?« – »Es gilt, das Grab zu füllen.« – »Und dann?« – »Dann reisen wir sofort nach dem Kloster della Barbara.« – »Womit füllen wir das Grab?«

Sie befanden sich ganz allein in ihrem Zimmer, dennoch meinte Cortejo in warnendem Ton:

»Nicht so laut! Man könnte uns hören. Natürlich füllen wir es mit einer Leiche.« – »Aber woher sie nehmen?« – »Dummheit! Das versteht sich ja ganz von selbst.« – »Sie meinen, wir erkundigen uns, wo jemand gestorben ist, rauben den Kerl und legen ihn im Erbbegräbnis der Rodrigandas in den leeren Sarg Don Ferdinandos?« – »Das wäre der allergrößte Wahnsinn, den wir uns zuschulden kommen lassen könnten.« – »Wieso?« – »Sie geben zu, daß unsere Feinde uns entschlüpfen können?« – »Ja, obgleich dies ein ganz verteufelter Fall sein würde.« – »Und daß sie dann nach der Hauptstadt kommen würden?« – »Ja.« – »Daß dann ihr erstes sein würde, das Erbbegräbnis zu untersuchen?« – »Ja. Aber das wäre ja für uns sehr günstig.« – »Wieso?« – »Sie würden die Leiche finden, und es wäre dann bewiesen, daß Don Ferdinando wirklich gestorben ist.« – »Ah«, dehnte Cortejo im Ton der Überlegenheit. – »Ja. Oder meinen Sie anders?« – »Ja, sehr anders. Sagen Sie mir doch einmal, mein kluger Señor Sekretario, was man vor allen Dingen mit der Leiche tun würde?« – »Nun, man würde sie natürlich untersuchen.« – »Wer würde diese Untersuchung vornehmen?« – »Ein Arzt, oder mehrere, das versteht sich ja von selbst.« – »Und was würden diese Ärzte sofort bemerken?«

Landola blickte Cortejo fragend an. Er konnte das Richtige nicht gleich finden, darum antwortete er mit zynischem Lachen:

»Nun, sie würden vor allen Dingen finden, daß diese Leiche tot ist.« – »Ja; aber man würde auch finden, wann und woran sie gestorben ist.« – »Alle Teufel! Das ist wahr.« – »Was folgt daraus?« – »Ah! Nun verstehe ich Sie vollständig.« – »Nun?« – »Wir müssen eine Leiche haben, die ungefähr um dieselbe Zeit begraben wurde, in der man Don Ferdinando beerdigte.« – »Und wo finden wir die?« – »Auf dem Gottesacker natürlich.« – »Ja. Sie muß gesucht und am Abend ausgegraben werden.« – »Wir brauchen ja nur die Inschriften der Leichensteine zu lesen, um die richtige Jahreszahl zu finden.« – »Endlich haben Sie die Hand auf dem Knopf.« – »Aber die Kleider?« – »Oh, die machen mir keine Sorge. Ich habe unterwegs den Schiffsarzt befragt, der ein guter Chemiker ist.« – »Donnerwetter! Das war gefährlich! Er hätte, wenn er halbwegs scharfsinnig war, Ihre Absicht erraten können.« – »Denken Sie, daß ich so unvorsichtig bin?« – »Daß Sie es einigermaßen sind, haben Sie bewiesen, indem Sie dem Administrator zürnten, weil er Ihren Bruder einen Betrüger nannte, wobei er übrigens meine volle Zustimmung hat.« – »Das war die Übereilung des Zorns. Der Arzt aber hat nicht das mindeste geahnt. Er hat mir ganz unbefangen mehrere Mittel genannt, die festesten Kleiderstoffe so in Zunder zu verwandeln, daß sie bei der geringsten Berührung vom Leib fallen.« – »Aber doch so, daß man sie nicht für verkohlt, sondern für verfault, für verwest halten kann?« – »Ja.« – »Ohne daß man Verdacht zu schöpfen vermag?« – »Ohne alle Möglichkeit des Verdachtes.« – »Hm, das wäre vorteilhaft. Aber woher eine Kleidung nehmen?« – »Vom ersten, besten Schneider oder Altkleiderhändler.« – »Aber sie müßte derjenigen, in der der Don begraben wurde, ganz ähnlich sein.« – »Das wird der Fall sein. Mein Bruder hat mir damals die ganze Leichenfeierlichkeit und natürlich auch den Anzug des Scheintoten sehr ausführlich und genau beschrieben, so daß ich in dieser Beziehung sicherlich keinen Fehler begehe.« – »Dies wäre gar nicht notwendig. Sie vergessen, daß man mir die Leiche auf das Schiff gebracht hat.« – »Ah, so.« – »In derselben Kleidung, in der sie begraben worden war.« – »Das ist richtig.« – »Und daß ich mich dieser Kleidung noch ganz genau erinnere.« – »Nun, so brauchen wir nur zu memorieren, und Sie sind zugegen, wenn ich ein Gewand kaufe.« – »Natürlich. Nun aber noch eins, und zwar die Hauptsache. Wir graben eine Leiche aus. Wird man das am anderen Tag nicht bemerken?« – »Wir nehmen uns möglichst in acht.« – »Eine ganz verdammte Geschichte!« – »Sie sind selbst schuld daran.« – »Ich? Wieso?« – »Sie und mein Bruder, dieser dumme Mensch! Hätte er diesen Don Ferdinando wirklich sterben lassen, und wären Sie auf seinen Vorschlag, den Scheintoten auf Ihr Schiff zu nehmen, nicht eingegangen, so befänden wir uns nicht in der gegenwärtigen, unangenehmen Lage, diesen gewaltigen Fehler wiedergutzumachen. Sie sehen doch ein, daß ich recht habe?« – »Leider. Aber wie verschaffen wir uns das Nötige, Hacken, Schaufeln, Laternen, Bretter und eine Leiter?« – »Laternen müssen wir uns allerdings kaufen. Das andere ist vielleicht auf dem Gottesacker zu haben. Die Totengräber haben gewöhnlich ein Gelaß, worin sich diese Gegenstände befinden.« – »So müssen wir uns baldigst überzeugen.« – »Wir werden sogleich gehen. Aber vorher ist noch etwas sehr Wichtiges zu erörtern. Wir brauchen eine Person, die Wache steht, damit wir nicht gestört werden oder bei Gefahr zur rechten Zeit fliehen können.« – »Diese Person ist bereits gefunden.« – »Wer ist sie?« – »Mein Bruder.« – »Ah, der! Wird er sich bereden lassen, es zu tun?« – »Ganz gewiß.« – »Welche Gründe geben wir an? Denn die Wahrheit können wir ihm doch unmöglich sagen.« – »Das fällt mir gar nicht ein. Überlassen Sie das mir! Er haßt mich, und auf diesen Haß gründe ich die Fabel, die ich ihm erzählen werde und die ihn ganz sicher bewegen wird, sich uns bei diesem Unternehmen anzuschließen.« – »Wo befindet er sich?« – »Er schläft unten im Hof auf den Steinen. Lassen wir ihn schlafen. Sind Sie bereit?« – »Ja, gehen wir.«

Sie verließen das Gasthaus und schritten durch die Straßen, in denen infolge der Anwesenheit des Militärs ein ungewöhnlich reges Leben herrschte. Doch zeigten die Soldaten nicht etwa jene sicheren Mienen, wie man sie bei Siegern zu sehen gewohnt ist. Man ahnte in den niederen Kreisen, was man in den höheren bereits wußte, nämlich, daß das glanzvolle Spiel zu Ende sei, bei dem es dem Kaiser der großen Nation nicht gelungen war, sich Ruhm und Ehre zu holen.

Nach kurzem Fragen fanden die beiden den Weg zu dem betreffenden Kirchhof, der offen stand.

Es war jetzt gegen Mittag. Die Sonne stand hoch, und die Wärme ihrer Strahlen machte, daß keine Besucher sich an dem einsamen Ort befanden. Die beiden Männer traten ein und konnten ihre Beobachtungen ganz ungestört vornehmen.

Zunächst suchten sie das Erbbegräbnis der Rodriganda, das sie auch unschwer fanden. Es war mit einem eisernen Tor verschlossen.

»Werden wir es öffnen können?« fragte Landola. – »Wir müssen uns Werkzeuge verschaffen«, meinte Cortejo. – »Aber woher?« – »Das lassen Sie meine Sorge sein.« – »Von einem Schlosser etwa? Er darf keinen Dietrich hergeben.« – »Sie vergessen, das wir uns in Mexiko befinden. Mit Geld will ich da noch ganz andere Dinge fertigbringen.«

Nun schritten sie zwischen den Gräbern dahin, um die Inschriften zu lesen. An der Mauer zogen sich kleine Gebäude dahin, eins an dem anderen liegend.

»Auch das müssen Erbbegräbnisse sein«, meinte Landola. – »Natürlich«, antwortete Cortejo. – »Donnerwetter! Da kommt mir ein Gedanke!«– »Ah, Sie haben einmal einen Gedanken?« fragte Cortejo unter einem sarkastischen Lachen. – »Lachen Sie nur! Dieser Gedanke ist doch gut!« – »So lassen Sie ihn hören!« – »Wie nun, wenn wir weder Hacke noch Schaufel brauchten?« – »Das wäre allerdings vorteilhaft.« – »Wenn es gar nicht nötig wäre, ein Grab zu öffnen?« – »Wieso?« – »Welch eine Ersparnis an Zeit und Mühe! Sehen Sie diese große Reihe von Erbbegräbnissen.« – Ah, ich errate, was Sie meinen. Der Gedanke ist allerdings gut.« – »Es muß sich bei einer solchen Anzahl von Grüften doch jedenfalls eine Leiche finden, die das erforderliche Alter hat.« – »Man sollte es wenigstens meinen.« – »Lassen Sie uns sehen! Diese unheimlichen Schlafzimmer sind meist nur mit Gittertüren verschlossen, durch die man sehen kann. Vielleicht gewahren wir eine Inschrift, die uns als Wegweiser dienen kann.«

Sie schritten nun an den Begräbnissen hin, um nach Inschriften zu suchen. Nach einiger Zeit blieb Cortejo vor einer der Gittertüren stehen und sagte:

»Lesen Sie, Señor Sekretario.« – »Wo?« – »Da drin an der hinteren Wand.«

Landola trat herzu, blickte durch das Gitter und sah verschiedene Steine mit Inschriften, deren Zahl bewies, daß die Gruft ziemlich gefüllt sein müsse.

»Sie meinen die oberste Inschrift?« fragte er. – »Ja.« – »Hm. Der Tote ist Bankier gewesen, wie hier steht.« – »Das ist nicht die Hauptsache.« – »Sechsundfünfzig Jahre alt.« – »Das paßt.« – »Vor achtzehn Jahren gestorben.« – »Das paßt ebensogut, vielleicht noch besser. Was meinen Sie?« – »Hm. Sie haben recht. Wie aber den richtigen Sarg finden?« – »Vergleichen Sie die anderen Inschriften.« – »In welcher Beziehung?« – »Bezüglich der Todestage.«

Landola folgte der Aufforderung und meinte dann:

»Ich verstehe Sie. Dieser Bankier ist die letzte Leiche, die hier beigesetzt wurde.« – »Was folgt daraus?« – »Daß sein Sarg wohl am besten erhalten ist.« – »Und daß dieser Sarg sehr leicht zu finden sein wird. Die Hauptfrage aber muß ich doch vorher an Sie stellen.« – »Fragen Sie!« – »Werden Sie da unten Ihre Kaltblütigkeit bewahren?« – »Donnerwetter! Meinen Sie etwa, daß ich mich fürchte?« – »Hm. Es ist ein Unterschied, einem Lebenden mit der Waffe in der Faust entgegenzutreten oder des Nachts in ein Begräbnis hinabzusteigen.« – »Pah!« – »Einen Sarg zu öffnen!« – »Abermals pah!« – »Einer Leiche in das Gesicht zu sehen!« – »Kleinigkeit.« – »Und nun gar diese Leiche anzurühren, um sie zu entkleiden und ihr ein anderes Gewand anzulegen.« – »Hole Sie der Teufel! Mir ist es sehr egal, wem ich den Rock aus- und anziehe, einem Lebenden oder einem Toten. Sehen Sie zu, daß Sie nicht vor Angst davonlaufen!« – »Meiner bin ich vollständig sicher. Aber Ihr Bruder?« – »Der bekommt die Leiche gar nicht zu sehen. Er steht am Tor Wache und darf nicht wissen, was wir mit dem Toten machen.« – »Er muß aber doch erfahren, was wir hier wollen.« – »Nur so viel, wie unumgänglich notwendig ist.« – »So haben wir also gefunden, was wir suchten. Kommen Sie nun, um uns noch nach einer Leiter umzusehen!«

Sie fanden das Gesuchte in einem Winkel des Kirchhofes, wo der Totengräber seine Werkzeuge aufzubewahren pflegte. Nun war der Zweck ihres Kirchhofbesuches erfüllt, und sie begaben sich nach der Stadt zurück, wo sie einen Kleiderhändler aufsuchten, bei dem sie alles fanden, was sie wünschten.

11. Kapitel.

Als Cortejo und Landola ihren Gasthof erreichten, war es Zeit, das Mittagsmahl einzunehmen. Sie zogen vor, auf ihrem Zimmer zu essen, anstatt dies in der öffentlichen Gaststube zu tun. Es wurde auch für Grandeprise ein Gedeck bestellt, der gerufen wurde.

Die feinen Speisen schienen ihm nicht recht zu munden. Es war ihm überhaupt anzusehen, daß er sich nicht in der rosigsten Laune befand. Als Landola darüber eine Bemerkung machte, antwortete er mürrisch:

»Der Teufel mag gute Laune haben, aber ich nicht, Master!« – »Warum nicht?« – »Was soll ich in Mexiko, diesem langweilen Nest? Schlafen etwa? Ich habe anderes und Besseres zu tun.« – »Ah! Sie haben Langeweile?« – »Ja.« – »Gehen Sie aus! Sehen Sie sich die Stadt an!« – »Ich kenne sie genugsam. Ich muß nach Santa Jaga.« – »Wir reisen ja mit.« – »Aber wann?« – »Sobald wir unsere Angelegenheiten geordnet haben.« – »Wann wird das sein?« – »Hm! Das ist unbestimmt. Eigentlich haben wir nur eine Kleinigkeit vor. Wir könnten bereits morgen fort. Aber es ist eine Schwierigkeit dabei, die die Abreise verzögert.« – »Eine Schwierigkeit? Das ist unangenehm. Aber eine solche läßt sich doch meist überwinden. Vielleicht auch diese.« – »Wir hoffen es. Wir werden schon den Mann finden, dem wir uns anvertrauen können.«

Grandeprise blickte schnell auf, sah Landola forschend an und fragte dann:

»Den richtigen Mann? Dem Sie Vertrauen schenken können? Donnerwetter zu mir hat man also kein Vertrauen?« – »Hm!« brummte Landola bedenklich. »Ja und nein.« – »Warum nein?« – »Das läßt sich nicht sagen.« – »Es handelt sich also um ein Geheimnis?« – »Ja.« – »Um eine Geschäftssache?« – »Nein.« – »Um eine Sache, in der ich Ihnen nicht helfen könnte?«

Landola schüttelte langsam den Kopf und antwortete:

»Sie zwingen mich förmlich zu einer Erklärung. Ich will sie Ihnen geben. Es handelt sich um eine Sache, in der Sie uns allerdings sehr gut helfen könnten und die wir in diesem Fall so schnell beenden würden, daß es uns möglich wäre, bereits morgen früh nach Santa Jaga aufzubrechen, aber – aber …« – »Was aber?« – »Hm! Wir dürfen uns Ihnen nicht anvertrauen.«

Grandeprise brannte vor Begierde, seinen Bruder zu sehen. Er hoffte, ihn im Kloster della Barbara zu finden, und konnte die Stunde, in der das geschehen sollte, kaum erwarten. Darum war ihm ein längerer Aufenthalt in Mexiko zuwider, und daher meinte er jetzt, indem er die Brauen finster zusammenzog:

»Ich fordere Sie auf, mir den Grund zu sagen, warum Sie kein Vertrauen haben können.« – »Das ist mir kaum möglich! Weil es uns unendlichen Schaden machen kann. Wir müssen gewärtig sein, Sie hindern uns, unser Unternehmen auszuführen.« – »Der Teufel wird Sie hindern, nicht aber ich!« – »O doch! Denn Sie sind ja ein Freund dessen – ah, da bin ich doch bereits zu weit gegangen.«

Das erhöhte die Begierde des Jägers noch mehr.

»Wessen Freund bin ich? Heraus damit!« – »Nun, der Freund Landolas, gegen den unser Unternehmen gerichtet ist.« – »Ich soll dessen Freund sein? Da täuschen Sie sich gewaltig!«

Grandeprise ballte die Rechte und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Speisegeschirr emporsprang. So wollte ihn Landola haben.

»Wissen Sie denn eigentlich, was er ist?« fragte Grandeprise. – »Ich? Ich sollte es nicht wissen? Wissen Sie es denn?« – »Ja.« – »Ein Seeräuber?« – »Richtig! Ein Seeräuber! Aber noch viel, viel mehr. Ich jage ihm nach seit Jahrzehnten. Ich suche und forsche nach ihm, wie der Satan nach der Seele. Und wenn ich ihn finde, soll es allerdings auch ganz so sein, als ob er in die Krallen des Teufels geraten sei.«

Grandeprise hatte das mit knirschenden Zähnen gesprochen. Es überlief Landola doch ein eigentümliches Gefühl, aber er ließ sich nichts merken. Er tat, als ob er über die Worte des Jägers ganz entzückt sei und rief:

»Holla! Wenn wir da in Ihnen einen Verbündeten gefunden hätten! Welch ein Glück für uns!« – »Also Sie wollen ihm wirklich ans Leder?« – »Das versteht sich!« – »Und es ist wahr? Sie täuschen mich nicht?« – »Fällt uns gar nicht ein.« – »Aber warum war sein Agent so freundlich mit Ihnen?« – »Werden wir diesen Menschen etwa einweihen?« – »Das ist richtig. Also wenn Sie wirklich dem Landola in die Haare wollen, so leiste ich Ihnen von Herzen gern Gesellschaft. Sagen Sie nur, was ich tun soll.«

Um den Schein zu wahren, blickte Landola Cortejo fragend an. Dieser nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte:

»Ich denke, daß wir ihm vertrauen können. Er hat ein ehrliches Gesicht und wird uns nicht täuschen.« – »Täuschen? Ich Sie täuschen?« rief Grandeprise. »Señores, stellen Sie mich auf die Probe, so werden Sie sehen, daß Sie sich auf mich verlassen können.« – »Wollen wir es wagen?« fragte Landola. – »Ja, ich habe Vertrauen zu ihm«, antwortete Cortejo. – »Wagen Sie es!« bat der Jäger. »Sie werden einen tüchtigen Kameraden und Helfer in mir finden!« – »Nun gut!« meinte Landola. »Sie wissen auch, daß er Seeräuber war?« – »Nur zu gut.« – »Kennen Sie den Namen seines Schiffes?« – »Ja. Der Lion.« – »Ich denke der Kapitän des Lion hieß anders.« – »Er hieß Grandeprise«, antwortete der Jäger grimmig. »Aber dieser Grandeprise war eben kein anderer als Landola.« – »Ah, Sie sind allerdings genau unterrichtet!« – »Vielleicht besser als Sie!« – »Warum mag er sich einen falschen Namen beigelegt haben?« – »Meinetwegen.« – »Ihretwegen? Wieso?« fragte der verkappte Räuber erstaunt. – »Weil ich selbst Grandeprise heiße. Er wollte meinen Namen schänden. Die Welt sollte glauben, daß ich der Räuber sei.« – »Wenn das wirklich wahr ist, so begreife ich Ihren Haß.« – »Ah, Haß ist nur ein Mailüftchen gegen den Sturm, den ich im Innern fühle. Sie sehen also ein, daß ich aufrichtig bin und Sie nicht täusche. Also Ihr gegenwärtiges Unternehmen ist gegen ihn gerichtet?« – »Ja.« – »Um was handelt es sich?« – »Um einen kleinen Spaziergang nur.« – »Wohin?« – »Nach dem Gottesacker.« – »Ich gehe mit.« – »Auch des Nachts?« – »Ist mir ganz gleich. Aber was wollen Sie dort?« – »Einer Teufelei Landolas auf die Spur kommen.« – »Ah, ich beginne zu begreifen!« – »Schön! Wissen Sie, daß Landola früher in der Hauptstadt war?« – »Das ist sehr wahrscheinlich.« – »Er hatte eine Geliebte.« – »Armes Mädchen!« – »Die Sache hatte Folgen; darum drang sie auf die Heirat.« – »Hätte sie doch lieber den Satan geheiratet.« – »Sie heiratete weder den Satan, noch Landola. Sie erhielt einen anderen Bräutigam, und der war nicht weniger grausig als jene beiden.« – »Das möchte ich bezweifeln.« – »O doch, denn es war der Tod!« – »Alle Wetter! Sie starb?« – »Ja.« – »Das heißt, sie mußte sterben?« – »Wir vermuten es.« – »Wieso?« – »Er war aufrichtiger gewesen, als es sich eigentlich mit seiner Sicherheit vertrug.« – »Sie ahnte wohl, wer er sei?« – »So schien es zu sein. Als er sie verlassen wollte, dachte sie, ihn zu verraten. Am Morgen darauf war sie eine Leiche.« – »Ah, er hat sie ermordet?« – »Jedenfalls. Ich hatte eine Ahnung von dem Hergang und ließ Ärzte kommen. Sie untersuchten die Leiche, konnten aber nichts Verdächtiges finden.« – »Keinen Stich?« – »Nein.« – »Keinen Hieb oder Schlag?« – »Nein.« – »Keine Spur von Vergiftung?« – »Gar nichts.« – »Und sie war am Abend noch gesund gewesen?« – »Vollständig.« – »Aber ihr Tod mußte doch eine Ursache haben.« – »Die Ärzte erklärten, daß der Schlag sie getroffen habe.« – »Hm! Es ist doch eigentümlich, daß er am Abend vorher bei ihr war, sich mit ihr stritt und dann des Morgens war sie eine Leiche.« – »Eben das kam auch mir bedenklich vor. Aus diesem Grunde ließ ich sie ja untersuchen!« – »Warum nahmen gerade Sie sich dieser Sache an?« – »Ja. Ah, das habe ich noch gar nicht gesagt? Ich war der Oheim dieses armen Mädchens.« – »Das ist etwas anderes. Es geschah also nichts gegen ihn?« – »Nein. Ich hatte ihn festnehmen lassen. Er wurde freigelassen, und mich bestrafte man wegen böswilliger Anzeige. Von da an verfolgte er mich und die Meinigen unablässig. Ich wurde arm; die Kinder starben auf unbegreifliche Weise, meine Frau ebenso, und stets, wenn ein solcher Fall eintrat, ließ Landola sich sehen.« – »Ja, er ist ein Beelzebub!« – »Nun packte mich ein fürchterlicher Grimm. Ich konnte ihm auf gesetzlichem Weg nichts anhaben, ich schwor, daß er früher oder später meiner Rache verfallen solle.« – »Ganz mein Fall. Geradeso wie bei mir.« – »Ich suchte, ihn zu finden, aber ich traf ihn nie. Jahre vergingen. Da endlich traf ich vor einiger Zeit einen alten Verbrecher, der im Spital starb. Kurz vor dem Tode erzählte er, daß er ein Gehilfe von Landola gewesen sei. Von ihm erfuhr ich den Namen des Agenten Gonsalvo Verdillo in Verakruz. Auch hörte ich, daß Landola sehr bald in Santa Jaga zu treffen sein werde.« – »Ah, wird das stimmen? Wird das wahr sein?« unterbrach ihn Grandeprise eifrig. – »Ich bin überzeugt davon; denn alles, was der Kerl erzählte, hat sich als wahr erwiesen.« – »Es scheint, Sie haben noch mehr erfahren?« – »Allerdings.« – »Wohl auch über den Tod Ihrer Nichte?« – »Ja. Landola hatte einst in Gegenwart seiner Spießgesellen, allerdings in der Betrunkenheit, davon gesprochen.« – »Er war der Mörder? Nicht?« – »Ja.« – »Aber wie kam es, daß man keine Spur fand?« – »Er hatte sie weder erschlagen noch erstochen noch vergiftet. Er hatte ihr den Tod auf eine Weise gegeben, daß man die einzige Spur, die es gab, nur mit größter Mühe hätte finden können.« – »Da bin ich hochbegierig, es zu erfahren.« – »Und doch ist es sehr einfach. Wissen Sie, wie man einen Menschen, der reiches, volles Haar hat, schnell, fast augenblicklich töten kann, ohne daß ein sichtbares Zeichen des Mordes zurückbleibt?« – »Nein. Was hat das Haar dabei zu schaffen?« – »Das Haar ist es eben, das die Spur verbirgt.« – »Ah, nun denke ich daran! Ich habe einmal von einem solchen Fall erzählen hören. Eine Frau hatte ihrem Mann im Schlaf einen feinen Nagel durch den Kopf geschlagen.« – »So ist es. Einen Nagel ohne Kuppe oder Knopf. Den verdeckt das Haar vollständig.« – »Und so soll Ihre Nichte gestorben sein?« – »Ja, an einem Nagel.« – »Aber hat sie denn geschlafen? Sie hatte sich ja mit Landola gestritten und veruneinigt!« – »Vielleicht ist er später wiedergekommen und bei ihr eingestiegen.« – »Hm! Und dieser Sache wollen Sie nachforschen?« – »Ja.« – »Auf dem Kirchhof, und zwar des Nachts?« – »Allerdings.« – »Das heißt doch im geheimen?« – »Freilich.« – »Warum nicht am Tag und öffentlich?« – »Fällt mir nicht ein. Ich würde als Leichenschänder ergriffen und zum zweiten Male unschuldig bestraft eines solchen Halunken wegen!« – »Warum machen Sie nicht Anzeige?« – »Ich hatte damals auch Anzeige gemacht.« – »Man würde nun den Nagel finden.« – »Oder nicht. Es ist möglich, daß Landola gelogen oder der andere sich getäuscht hat. Am besten ist es, nachzusehen, ehe man Anzeige macht.« – »Hm! Sie mögen recht haben. Aber selbst wenn sich der Nagel findet, was nützt es Ihnen?« – »Dann ist ja der Mord erwiesen.« – »Aber der Mörder ist nicht zu haben!« – »Pah! Den finde ich in Santa Jaga.« – »So wollen Sie ein Grab öffnen? Das ist schwer.« – »Kein Grab. Ich habe nur die Tür eines Begräbnisses aufzuschließen und dann hinabzusteigen, um den Sarg zu öffnen.« – »Das ist etwas anderes. Das ist nicht schwer.« – »Wollen Sie uns dabei helfen?« – »Gern. Was soll ich tun?« – »Das Leichteste, was es dabei gibt. Sie sollen Wache stehen, damit wir nicht überrascht werden.« – »Pah! Wenn Sie nichts Schwierigeres verlangen! Das ist ja gar nicht der Rede wert!« – »Es stellt sich nicht gern ein jeder auf den Kirchhof.« – »Ich bin keine Memme. Also Sie nehmen meine Dienste an?« – »Ja.« – »Aber dann …« – »Wenn der Nagel sich findet, reiten wir sofort nach Santa Jaga, um den Mörder festzunehmen.« – »Das ist es, was ich will. Unternehmen wir also die Sache so bald wie möglich.« – »Gleich heute?« – »Mir am liebsten.« – »Zu welcher Stunde?« – »Um Mitternacht. In der sogenannten Geisterstunde haben wir am wenigsten Störung zu erwarten.« – »Störung wohl überhaupt nicht. Ich wollte, der Abend wäre da, daß die Sache beginnen könnte.«

Dieser Wunsch ging Grandeprise allerdings nur langsam, das heißt mit dem Lauf der Sonne in Erfüllung. Er legte sich wieder hinunter in den Hof, um voller Ungeduld den Einbruch des Abends zu erwarten.

Cortejo ging am Nachmittag aus und brachte mehrere Schlüssel mit, von denen er hoffte, daß einer schließen werde. War das nicht der Fall, so sollte das Begräbnis mit Gewalt geöffnet werden.

»Ist dieser Grandeprise ein leichtgläubiger Kerl!« sagte Landola. – »Er ist unbefangen. Ihre Erzählung hatte viel Unwahrscheinlichkeiten.« – »So haben wir wenigstens einen Wächter.« – »Und dann?« – »Wird es uns nach Santa Jaga begleiten. Er muß als Zeuge dienen, wenn der Pater die Anwesenheit Ihres Bruders in Abrede stellen sollte.«

Endlich wurde es dunkel. Die Sterne stiegen herauf. Die drei nahmen ihr Abendmahl ein und verließen eine Stunde vor Mitternacht den Gasthof. Dies fiel keineswegs auf. Die Bevölkerung der Hauptstadt ist gewöhnt, bis zur späten Abendstunde zu promenieren oder bis zum frühen Morgen auf Festen und Unterhaltungen zu verweilen.

Am Gottesacker angekommen, ließen sie Grandeprise als Wache zurück, trafen ihre Vorbereitungen, und alles ging nach Wunsch, so daß sie mit der Leiche bald am Erbbegräbnis der Rodriganda anlangten.

Es führte eine Treppe hinab.

»So wollen wir machen, daß wir hier zu Ende kommen. Unser Präriejäger wird Langeweile haben.« – »Er wird sich nicht erklären können, warum wir so lange ausbleiben.« – »Er mag denken, daß wir nach dem Nagel suchen müssen.«

Cortejo zog einen der Schlüssel hervor und legte dann die Hand auf den Drücker, um einen festen Halt zu haben. Der Drücker gab nach.

»Santa Madonna!« flüsterte er erschreckt. – »Was gibt es?« fragte Landola. – »Die Tür ist offen!« – »Unmöglich!« – »Doch!« – »Sie irren sich!« – »Greifen Sie her.«

Landola trat näher und überzeugte sich, daß Cortejo sich nicht geirrt hatte.

»Donnerwetter«, sagte er, »es wird doch niemand unten sein!« – »Das wäre ein Schreck!« – »Oder ist der Totengräber heute unten gewesen und hat vergessen, die Tür wieder zu schließen?« – »Auch das ist möglich. Wir müssen horchen.«

Cortejo schob die Tür weit auf, und nun lauschten die beiden eine ganze Weile mit angestrengten Sinnen hinab. Es ließ sich kein Laut vernehmen, und nicht das leiseste Lüftchen regte sich.

»Pah!« meinte Landola. »Ich weiß, wie es zugeht. Es hat einer Ihrer Schlüssel geschlossen, ohne daß Sie es merkten.« – »Sollte das der Fall gewesen sein?« fragte Cortejo, diese Angabe stark bezweifelnd. – »Es ist ja gar nicht anders möglich.« – »Aber ich müßte es doch gefühlt haben, wenn der Riegel dem Druck eines meiner Schlüssel nachgegeben hätte.« – »Es kann Ihnen dies ganz leicht entgangen sein. Sie haben Furcht, Sie sind aufgeregt. Ihre Nerven sind nicht zuverlässig.« – »Möglich. Aber lassen Sie uns noch einmal horchen.«

Sie taten es, hörten aber nichts Beunruhigendes.

»Dieses Horchen ist überflüssig, es bringt uns nur um unsere kostbare Zeit. Lassen Sie uns hinabgehen.« – »Aber vorsichtig! Erst ohne den Toten.« – »Gut. Brennen Sie an!«

Sie traten ein und schoben die Tür leise wieder an. Dann zog Cortejo die Laterne hervor, um sie anzubrennen. Als das Flämmchen aufleuchtete, schritten sie leise und behutsam die Treppe hinab, Landola voran und Cortejo leuchtend hinter ihm her.

Sie erreichten das eigentliche Gruftgewölbe, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken.

»Leuchten Sie umher«, gebot Landola.

Cortejo gehorchte. Auch jetzt konnten sie nicht das mindeste Beunruhigende finden.

»Es ist so«, meinte Landola. »Ihr Schlüssel hat geschlossen, ohne daß Sie es gemerkt haben. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Wo ist der Sarg Don Ferdinandos?« – »Hier«, antwortete Cortejo.

Er deutete dabei auf einen Sarg, an dessen Fußseite in goldenen Lettern der Name »Don Ferdinando, Graf von Rodriganda« zu lesen war.

»Natürlich leer«, meinte der Gefährte. – »Leider.« – »Warum leider?« – »Ich wollte, der Tote läge darin.« – »Ah!« – »Oder der Teufel, damit ich erfahren könnte, ob Ihre Prahlerei wahr ist, daß Sie ihn, falls er Ihnen entgegenspränge, um Feuer bitten würden.« – »Ich würde es tun, Señor Cortejo.« – »Ich glaube das nicht, Señor Landola. Wenigstens in dieser Verkleidung nicht.« – »Warum nicht?« – »Mit Ihrem natürlichen Gesicht können Sie ihm getrost standhalten, er kennt Sie und weiß, daß Sie ihm auf keinen Fall entgehen können. Mit dem Kleister im Gesicht aber wären Sie ihm unbekannt, und da würde er Sie doch beim Kragen nehmen.« – »Meinen Sie?« lachte Landola. »Wollen es versuchen. Also herab mit dem Deckel und heraus mit dem Teufel!«

Ohne zu beachten, daß der Deckel des Sarges seinem Griff ganz ungewöhnlich schnell nachgab, stieß er denselben herab. Im nächsten Augenblick aber entfloh dem Mund dieser beiden Männer ein Ruf des heftigsten Schrecks. In dem Sarg nämlich lag eine lange Gestalt mit einer Nase, die dem Schnabel des Geiers glich.

Die Augen der beiden Verbrecher drohten aus ihren Höhlen zu treten und starrten mit angstvollem Blick in das Gesicht des rätselhaften Toten.

12. Kapitel.

Um die Situation zu begreifen, in die Landola und Cortejo geraten waren, ist es notwendig, nach Verakruz zurückzugehen, wo Kurt mit Geierschnabel und Kapitän Wagner mit dem Matrosen Peters sich nach dem Bahnhof begaben, um sich nach den beiden Flüchtlingen zu erkundigen.

Als sie auf dem Bahnhof anlangten, bemerkten sie einen französischen Soldaten. Er trug den Arm in der Binde und schien soeben als Weichensteller funktioniert zu haben.

Kurt trat auf ihn zu und fragte ihn im reinsten Französisch:

»Sind Sie hier angestellt, Kamerad?«

Der Soldat erkannte mit seinem geübten Blick sofort, daß er einen Offizier in Zivil vor sich habe.

»Ja, Monsieur«, antwortete er in einem sehr höflichen Ton. »Ich bin blessiert und warte auf das Schiff, um nach der Heimat zu gehen. Bis dahin mache ich mich nützlich, um einige Centimes zu Tabak zu verdienen.«

Kurt griff in die Tasche und gab ihm ein Fünffrankenstück.

»Hier, Kamerad, rauchen Sie! Wie lange sind Sie heute hier beschäftigt?«

Der Mann nahm das Geldstück, griff zum Dank salutierend an seine Mütze und erwiderte:

»Ich danke Ihnen Monsieur. Ich bediente bereits drei Züge.« – »Wann ging der letzte ab?« – »Vor vielleicht einer Stunde.« – »Wohin?« – »Nach Lomalto. Weiter geht es nicht.« – »Sind Zivilisten mitgefahren?«

Der Soldat machte ein sehr pfiffiges Gesicht, kniff die Augen listig zusammen und antwortete:

»Eigentlich nicht.« – »Aber uneigentlich wohl?« – »Das darf ich nicht verraten.« – »Warum nicht?« – »Ich bin Weichensteller, und der, der sie mitnahm, ist mein Vorgesetzter.« – »Gut, er hat sie also nicht mitgenommen. Wie viele Personen sind es gewesen?« – »Oh, nur drei. Sie hätten recht gut im Kupee des Zugführers Platz gefunden.«

Kurt wußte nun ganz genau, daß sie wirklich in diesem Kupee mitgefahren waren. Er fragte weiter:

»Wie sahen sie aus?«

Der Soldat beschrieb sie. Als er fertig war, meinte der Kapitän:

»Sie waren es, sie waren es! Aber wer der dritte gewesen ist, das kann ich nicht sagen. Bei mir an Bord war er nicht mit.« – »Wir werden es schon noch erfahren. Wann geht der nächste Zug?« – »In drei Stunden erst. Die Maschine muß von Lomalto wiederkommen. Sie bringt mehrere Wagen voll Kameraden mit.« – »Ein Güterzug geht nicht vorher?« – »Nein.« – »Ich danke, Kamerad!«

Kurt drehte sich zu den drei Gefährten und schritt mit ihnen davon.

»So sind sie also entkommen!« sagte der Kapitän. »Und daran bin ich allein schuld. Was ist da zu tun?« – »Wir müssen uns in Geduld fassen, lieber Freund«, antwortete Kurt. »Jedenfalls sind sie nach Mexiko. Leider gehen mir da drei volle Stunden verloren. Ich hoffe jedoch, sie in Mexiko abzufassen.« – »Ah, ich habe einen Boten abzusenden, der nach der Hauptstadt und dann nach der Hacienda del Erina soll, um meine Schiffsberichte zu überbringen«, meinte der Kapitän. »Würden Sie ihm erlauben, sich Ihnen anzuschließen, Herr Leutnant?« – »Ganz gern, vorausgesetzt, daß er mir nicht hinderlich wird.« – »Das befürchte ich nicht. Würde Ihnen hier mein Peters recht sein?« – »Sogar angenehm. Er kennt auch wohl die beiden Flüchtlinge?« – »Genauer noch als ich. Wie steht es, Peters?«

Der Gefragte zog eine sehr erfreute Miene und antwortete:

»Hm, ich möchte wohl, Kapt'n.« – »Du kannst doch ein wenig Spanisch?« – »Na, was man so für andere braucht.« – »Und ein paar Worte Französisch?« – »Genug, um ihnen sagen zu können, wie gewaltig gut ich ihnen bin.« – »So komme mit an Bord! Ich will die Sachen in Ordnung bringen, und du mußt deine Instruktion erhalten. Wo treffen wir uns wieder, Herr Oberleutnant?« – »Am besten in der Tabagie hier am Bahnhof.« – »So bitte ich, mich einstweilen zu beurlauben.« – »Gehen Sie immerhin! Zu dem, was wir noch zu besprechen haben, gibt es dann auch noch Zeit!«

Der Kapitän schritt mit Peters dem Wasser zu. Kurt aber kehrte um und begab sich wieder nach dem Bahnhof, Geierschnabel natürlich an seiner Seite. Er trat sofort in die Expedition des Stationschefs, der ihn mit neugierigem Blick empfing.

»Darf ich fragen, wann der nächste Zug nach Lomalto geht?« fragte Kurt, obgleich er bereits von dem Soldaten Auskunft erhalten hatte.

Der Beamte blickte nach der Uhr.

»In zweieinhalb Stunden«, antwortete er. »Wünschen Sie vielleicht mitzufahren?« – »Ja.« – »Tut mir leid. Zivilisten und Fremde sind ausgeschlossen.« – »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.«

Kurt zog ein Papier aus der Tasche und reichte es dem Chef. Dieser hatte kaum die wenigen Zeilen gelesen, so machte er eine tiefe Referenz und sagte:

»Ich bin Ihr Diener, Herr Leutnant. Wie viele Plätze brauchen Sie?« – »Drei.« – »Sie werden ein Kupee erster Klasse erhalten.« – »Danke! Hat der Zug Anschluß an die Diligence?« – »Der vorige, aber dieser nicht. Überhaupt ist diese Diligence ein wahrer Marterkarren, dem ich mich niemals anvertrauen möchte. Wünschen Sie, recht schnell in der Hauptstadt zu sein?« – »Ja.« – »So rate ich Ihnen, zu reiten.« – »Ich habe keine Pferde.« – »Oh, hier hat jedermann Pferde. Halten Sie sich nur einige Zeit in diesem Land auf, so sind Sie geradezu gezwungen, sich Pferde zu kaufen.« – »Ich beabsichtigte, das in der Hauptstadt zu tun.« – »Warum dort, wo sie um vieles teurer und doch nicht besser sind?« – »Hat man bereits hier Gelegenheit?« – »Eine ganz vortreffliche sogar. Ich selbst habe einige hochfeine Tiere dastehen. Es waren Privatpferde von Offizieren, die nach der Heimat zurückkehrten und sich nicht mit ihnen schleppen wollten. Sie sind billig. Wollen Sie sich dieselben ansehen?« – »Zeigen Sie.« – »Kommen Sie. Wenn wir einig werden, brauchen Sie in Lomalto auf keine Diligence zu warten, und ich verlade Ihnen die Tiere bis dahin ohne alle Kosten.«

Der Handel wurde abgeschlossen. In Zeit von einer halben Stunde befand Kurt sich im Besitz von drei braven Pferden, die alles zu halten schienen, was der Chef versprochen hatte.

»Gott sei Dank!« meinte Geierschnabel. »Nun kann ich meine Beine endlich wieder einmal über ein Pferd hängen. Wäre das nicht bald geworden, so hätte ich aus lauter Verzweiflung versucht, mich auf meine Nase zu setzen und auf ihr im Galopp davonzureiten.«

Es fehlte wohl noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges, als Kapitän Wagner mit Peters erschien.

»Junge, kannst du reiten?« rief Geierschnabel dem letzteren entgegen. – »Warum?« fragte Peters. – »Wir haben Pferde gekauft. Von Lomalto bis Mexiko wird geritten. Weißt du, was ein Sattel ist?« – »Ein Sattel ist ein Ding, von dem mich keiner herunterbringt.« – »Wirklich?« – »Ja. Denkst du etwa, in den Seemarschen gibt es keine Pferde? Ich saß schon als Junge auf dem wildesten Hengst.« – »Das ist dein Glück, wir haben keine Zeit, dich alle fünf Minuten sechsmal aufzuheben.«

Sie setzten sich zusammen, und Wagner erzählte in kurzem sein Zusammentreffen mit Don Ferdinando und die Reise nach der Südseeinsel. Das alles war Kurt bereits aus der Erzählung Geierschnabels bekannt, nach dessen Bericht er nun dem Kapitän erzählte, was seit der Landung in Guaymas geschehen war. Wagner hörte mit der größten Spannung zu. Am Schluß rief er bestürzt:

»So sind sie also abermals verschwunden?« – »Leider ja. Aber ich hoffe zu Gott, daß es mir gelingt, ihre Spur aufzufinden. Und dann wehe denen, mit denen ich abzurechnen habe.« – »Vielleicht haben wir bereits ihre Spur«, meinte Geierschnabel. – »Wieso?« fragte Kurt. – »Hm! Ich habe so meine Gedanken. Wohin gehen dieser Landola und dieser Cortejo? Jedenfalls dahin, wo die anderen sind.« – »Das kann richtig sein; wir müssen die beiden auf alle Fälle wiederfinden. Dann werden wir auch erfahren, welches Ziel sie haben.« – »Aber das kann lange dauern«, sagte Wagner. »Ich darf meine braven Jungens nicht so lange der Fieberluft von Verakruz aussetzen.« – »So suchen Sie einen nahen, aber gesunden Hafen auf.« – »Gut, ich werde im Bermeja-Busen warten.«

Der brave Kapitän war über das Schicksal seiner Freunde so betrübt, daß es schwer wurde, ihn zu beruhigen. Er erging sich in den kräftigsten Ausdrücken gegen Cortejo und Genossen; dem wurde aber sehr bald ein Ende gemacht, indem das Signal zum Einsteigen ertönte.

Kurt überzeugte sich, daß die drei Pferde gut verladen waren, dann bestieg er mit Peters und Geierschnabel das ihm angewiesene Kupee. Der Abschied von Wagner war ein kurzer, aber herzlicher. Noch als der Zug in Bewegung war, schwenkte er den Hut und rief:

»Gute Fahrt, Herr Leutnant! Bringen Sie alle glücklich herbei und schlagen Sie den anderen, den Schuften, die Köpfe zu Brei.«

Nach zwei Stunden erreichten sie Lomalto. Dort kam der Zugführer selbst herbeigesprungen, um dienstfertig das Kupee zu öffnen. Kurt hatte bemerkt, daß es derselbe sei, der vorher von hier nach Verakruz gefahren war. Jedenfalls hatte der weichenstellende Soldat diesen und keinen anderen gemeint. Darum fragte er ihn, gleich auf den Strauch schlagend:

»Sie sind mit dem vorigen Zug mit drei Zivilisten von Verakruz hierhergefahren?«

Der Mann getraute sich nicht, eine Unwahrheit zu sagen.

»Ja, Monsieur«, antwortete er in unsicherem Ton. – »Befürchten Sie keine Unannehmlichkeiten«, beruhigte ihn Kurt. »Ich wünsche nur zu wissen, wohin sie sich gewandt haben.« – »Ah, ich danke! Sie sind nach Mexiko.« – »Wissen Sie das genau?« – »Ja. Sie saßen mit in meinem Kupee und erkundigten sich ganz genau nach dem gegenwärtigen Zustand des Weges nach der Hauptstadt.« – »Das kann nur zum Schein gewesen sein.« – »Nein, denn ich sah sie alle drei in die Diligence steigen, die hier an der Bahn hielt.« – »Ich danke.«

Kurt gab dem Soldaten ein Trinkgeld. Der Mann machte vor Freude, so glücklich davongekommen zu sein, die tiefste Referenz und beeilte sich dann, die Pferde in eigener Person auszuladen.

Nachdem einiger Proviant gekauft worden war, saßen die drei Männer auf und trabten davon. Geierschnabel, der hier bekannt war, hatte das Amt des Führers übernommen.

Als sie nach langem und beschwerlichem Ritt die Hauptstadt vor sich sahen, hatte sich Peters als guter Reiter bewährt; aber bei dem schlechten Weg war es ihnen doch nicht gelungen, die Diligence einzuholen, die von acht kräftigen, ausdauernden Pferden gezogen wurde. Sie wußten, daß der Wagen bereits am Vormittag die Hauptstadt erreicht hatte, während die Sonne sich jetzt zu senken begann.

»Wo nun die Kerle finden in einer solchen Stadt?« fragte Geierschnabel. »Geht zum Teufel mit Euren Straßen und Gassen, in denen man einer Posaune wegen arretiert wird. Im Urwald oder in der Prärie sollten mir die Halunken wohl schwerlich entkommen!« – »Ich kenne zwei Wege, sie zu finden«, meinte Kurt. – »Wirklich? Welche wären das?« – »Es sollte mich sehr wundern, wenn sie nicht versucht hätten, im Palast de Rodriganda Erkundigungen einzuziehen.« – »Donnerwetter, das ist richtig! Diesen Wigwam müssen wir aufzufinden suchen! Und der zweite Weg?« – »Sie wissen, daß Don Ferdinandos Sarg leer ist?« – »Freilich weiß ich das. Ich habe den famosen Toten lebendig gesehen.« – »Cortejo und Landola werden ahnen, daß unser Angriff gegen dieses leere Grab gerichtet sein wird. Sie werden also auch zuerst dafür sorgen, daß der leere Sarg mit irgendeiner Leiche gefüllt wird.« – »Das ist diesen Kerlen allerdings zuzutrauen. Master Leutnant, Sie sind ein zwar junger, aber bereits sehr scharfsinniger Kerl!« – »Danke! Wir müssen ihnen zuvorkommen.« – »Jawohl! Vorwärts also, in dieses alte Dorf hinein.«

In der Hauptstadt angekommen, stiegen sie vor dem ersten besten Hotel ab. Und dann begab sich Kurt, nachdem er sich einigermaßen restauriert hatte, nach dem Palast Rodriganda, der ihm genau beschrieben worden war.

Auch er wurde von dem Posten aufgehalten, und auch er erklärte, daß er zu dem Administrator wolle, worauf er passieren durfte. Der Verwalter befand sich dieses Mal in seinem Expeditionsbüro. Kurt gab im Vorzimmer seine Karte ab und wurde von dem Herrn selbst eingeladen, einzutreten.

»Womit darf ich Ihnen dienen, Herr Oberleutnant?« fragte der jetzt sehr freundliche Beamte. – »Ich muß um Verzeihung bitten, daß mich nur der Zweck zu Ihnen führt, mir eine kleine Privaterkundigung zu erbitten.« – »Ich stehe gern zu Diensten.« – »Hatten Sie vielleicht heute den Besuch eines Mannes, der sich für den Agenten des Grafen Rodriganda ausgab?« – »Allerdings. Er war bereits am Vormittag da. Hat Ihre Erkundigung einen bestimmten Zweck, Monsieur?« – »Allerdings. Nur fürchte ich, Ihnen lästig zu werden.« – »Ich stehe einem jeden, der höflich kommt und mir nicht ganz unsympathisch ist, sehr gern zur Verfügung.« – »War dies mit dem Mann auch der Fall?« – »Ganz und gar nicht«, lächelte der Franzose. »Er hat nicht die mindeste Auskunft erhalten.« – »Er wollte sich über Ihre Administration informieren?« – »Oh, er wollte noch mehr. Er wollte diese Administration aus meinen Händen in die seinigen nehmen.« – »Das dachte ich. Er nannte sich Don Antonio Veridante?« – »So ist es.« – »Ist Ihnen die Adresse dieses Mannes bekannt?« – »Nein.« – »Es liegt mir sehr viel daran, sie zu erfahren. Dieser Mensch ist nämlich ein außerordentlich gefährliches und raffiniertes Subjekt, das …« – »Ah, so kam er mir vor«, unterbrach ihn der Verwalter. – »Es ist möglich, daß er wiederkommt. In diesem Fall ersuche ich Sie dringend, ihn sofort festnehmen zu lassen und dem preußischen Geschäftsträger, Herrn von Magnus, Kunde zu geben. Er wird mich benachrichtigen, da ich für jetzt meine spätere Adresse noch nicht kenne.« – »Ihn arretieren? Würde ich diesen Schritt verantworten könnten?« – »Vollständig! Dieser Veridante ist nämlich Gasparino Cortejo, der Bruder jenes Pablo Cortejo, den Sie wohl kennen werden.« – »Ah, sehr, sehr gut! Er ist berüchtigt genug.« – »Und sein sogenannter Sekretär ist ein gewisser Henrico Landola, früher unter dem Namen Grandeprise, Kapitän des Piratenschiffes ›Lion‹ bekannt.« – »Ist dieser Sekretär auch hier?« – »Ja, er ist Cortejos Begleiter.«

Da fuhr der Franzose erschrocken zurück.

»Wie, Monsieur«, rief er, »solche Leute halten sich hier auf?« – »Ja. Sie sind beide geschminkt und verkleidet, und ihre Pässe sind gefälscht. Ich verfolge sie von Verakruz her.« – »Das ist mir genug. Sobald ich Cortejo wieder erblicke, lasse ich ihn festnehmen; darauf können Sie sich verlassen.«

Kurt klärte den Franzosen noch soweit auf, wie er es für nötig hielt, und begab sich dann zu Herrn von Magnus, um ihm die anvertrauten geheimen Skripturen zu übergeben. Er wurde mit Auszeichnung aufgenommen und brachte im Lauf der Unterhaltung den Privatzweck seines hiesigen Aufenthaltes zur Sprache.

Der Staatsmann hörte ihm aufmerksam zu und sagte:

»Ein ganzer Roman, wahrhaftig ein ganzer Roman! Meiner Hilfe sind Sie sicher, soweit es mir möglich ist. Also Sie wollen zunächst und vor allen Dingen Ihr Augenmerk auf das Begräbnis richten?« – »Es wird das geratenste sein.« – »Das meine ich auch. Nur muß ich Ihnen Vorsicht anempfehlen. Sie sehen wohl ein, daß zunächst eine geheime Besichtigung des Sarges vorgenommen werden möchte, natürlich aber im Beisein wichtiger Zeugen, deren Wort nicht anzufechten ist.« – »Ich bin ganz Ihrer Meinung, gnädiger Herr.« – »So bedarf es außer Ihnen und Ihren Begleitern nur noch eines Mannes, dessen Aussagen unanfechtbar sein müßten. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich an Ihrer Stelle weder einen französischen, noch einen kaiserlichen Beamten wählen würde. Ich möchte da einen eingeborenen Mexikaner vorziehen. Wie wäre es mit dem Alkalden, der der Tochter Pablo Cortejos den Befehl überbrachte, die Stadt und das Land zu verlassen?«

Damit hatte der preußische Geschäftsträger gesagt, daß die Zeit kommen werde, wo weder ein Franzose noch ein Kaiserlicher mehr ein Wort zu sagen habe.

»Wird dieser Beamte meiner Bitte Folge leisten?« fragte Kurt. – »Gewiß. Er ist mein Bekannter. Ich werde Ihnen einige Zeilen für ihn mitgeben, wenn Sie es wünschen, Herr Oberleutnant.« – »Ich bitte ebenso herzlich wie dringend darum!«

Eine Viertelstunde später war Kurt mit diesen Zeilen unterwegs zum Alkalden, der den Brief entgegennahm, ohne den Überbringer groß zu beachten. Als er die Zeilen aber gelesen hatte, klärte sich seine ernste, fast finstere Miene zusehends auf. Er reichte Kurt die Hand und sagte:

»Herr von Magnus empfiehlt Sie mir in sehr freundlicher Weise. Er sagt mir, daß Sie in einer Angelegenheit zu mir kommen, in der es mir möglich sein dürfte, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Darf ich Sie ersuchen, mir mitzuteilen, in welcher Weise ich mich Ihnen nützlich machen kann?« – »Es ist eine Angelegenheit zunächst privater Natur«, antwortete Kurt, »kann aber leicht eine Wendung annehmen, die sie vor das Forum des Kriminalrichters bringt.« – »Das ist ja das meinige. Es handelt sich also wohl um ein Verbrechen?« – »Um eine ganze Reihenfolge davon.« – »Welche erst zu entdecken sind? Ich vermute dies nämlich aus Ihrer Äußerung, daß die Angelegenheit eine Wendung annehmen kann, die sie vor den Strafrichter bringt.« – »In gewisser Beziehung haben Sie sehr richtig geraten, Señor. Welche Verbrechen geschehen sind, das ist so ziemlich festgestellt. Um dieselben zu verdecken, sollen aber neue verübt werden. Den Tätern bin ich auf der Spur, und ich hoffe, sie mit Ihrer freundlichen Beihilfe überraschen zu können.« – »Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung«, meinte der Beamte unter einer sehr freundlichen Verbeugung. »Wenn auch leider gerade jetzt meine Amtsbefugnisse von den gegenwärtigen Verhältnissen sehr tangiert werden, so steht es doch vielleicht in meiner Macht, Ihnen behilflich zu sein. Sagen Sie mir nur, um was es sich handelt.« – »Es handelt sich um die Angelegenheit einer Familie, die Ihnen wohlbekannt sein dürfte. Oder sollten Sie von Graf Ferdinando Rodriganda nichts gehört haben?« – »Don Ferdinando? O nein. Ich habe mit ihm sehr oft zu konferieren gehabt.« – »So kannten Sie vielleicht auch seinen Verwalter oder Geschäftsführer?« – »Meinen Sie diesen Cortejo?« – »Ja.« – »Welcher die Lächerlichkeit begangen hat, eine politische Rolle spielen zu wollen?« – »Denselben.« – »Auch dieser ist mir bekannt. Er hat ja sehr dafür gesorgt, daß jedes Kind von ihm wissen muß. Stehen diese beiden Personen in einem Verhältnis zu der Ursache Ihres Besuches bei mir?« – »Gewiß. Es sind die Hauptpersonen, um die es sich handelt.« – »Sie meinen da doch wohl nur Cortejo, da Don Ferdinando nicht mehr lebt?«

Kurt schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich meine alle beide, denn Don Ferdinando lebt noch; er ist nicht tot, er ist nicht gestorben.«

Der Beamte blickte erstaunt und überrascht empor.

»Sie irren«, meinte er. »Oder sollten Sie von diesem Todesfall noch gar keine Kenntnis haben? Ich selbst bin ja bei dem Begräbnis des Grafen zugegen gewesen!« – »Das glaube ich gern, aber dennoch lebt der Graf. Sie haben nicht eine Leiche, sondern einen Scheintoten begraben helfen.« – »Das wäre ja ein ganz außerordentliches Vorkommnis. Aber, selbst wenn der Graf scheintot gewesen wäre, könnte er nicht mehr leben, er müßte in seinem Sarg längst gestorben sein. Und dann, wie hätte man erfahren können, daß er lebendig begraben wurde?« – »O Señor, er ist nicht in seinem Sarg gestorben, sondern man hat ihn aus demselben genommen, um ihm ein Schicksal zu bereiten, das noch schlimmer ist als der Tod. Er ist lange Jahre Gefangener oder vielmehr Sklave gewesen, hat aber doch endlich Gelegenheit gefunden, sich zu retten. Kaum aber ist er in sein Vaterland zurückgekehrt, so scheint ein neues Verbrechen an ihm begangen worden zu sein. Er ist abermals verschwunden.«

Es war ein eigentümlicher Blick, den der Alkalde auf den Sprecher warf. Er schien große Lust zu haben, an dessen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, und sagte unter einem sehr ungläubigen Schütteln des Kopfes:

»Was Sie da behaupten, Señor, das klingt ja fast wie ein Märchen. Darf ich um Aufklärung bitten?« – »Es ist ja mein Wunsch, Ihnen dieselbe zu geben, vorausgesetzt, daß Sie die nötige Zeit dazu zur Verfügung haben.« – »Ich habe sie. Nehmen Sie Platz und sprechen Sie!«

Der Beamte setzte sich in seine Hängematte und brannte sich als echter Mexikaner eine Zigarette an. Kurt mußte dasselbe tun, und nachdem er sich auf einen Stuhl niedergelassen hatte, begann er zu erzählen.

Der Alkalde hörte ihm zu, ohne ihn mit einem einzigen Worte zu unterbrechen. Selbst, als Kurt geendet hatte, machte er keine Bemerkung; er schnellte sich jedoch aus der Hängematte heraus und schritt in dem großen Amtszimmer hin und her. Dann blieb er vor dem Deutschen stehen und sagte:

»Junger Mann, ich weiß gar nicht, welcher Worte ich mich jetzt bedienen soll. Was Sie mir da erzählt haben, das klingt so unglaublich, daß man für Wahnsinn halten möchte, es für Wahrheit zu nehmen. Und dennoch klingt es ebensosehr glaubhaft. Sagen Sie mir doch gefälligst, ob Sie selbst überzeugt sind, daß sich alles so verhält, wie Sie es mir sagten.« – »Señor, ich habe die volle Überzeugung«, beteuerte Kurt. – »Gibt es nicht einen leisen, leisen Zweifel, gegen den Sie vielleicht doch zu kämpfen haben?« – »Ganz und gar nicht!« – »So lebt Don Ferdinando also wirklich noch?« – »Ja.« – »Sie wissen das aus dem Brief, den dieser Señor Sternau an seine Frau nach Deutschland geschrieben hat?« – »Aus diesem Brief, und sodann ist auch jener Jäger da, der den Grafen selbst gesehen hat.« – »Geierschnabel?« – »Ja. Und Kapitän Wagner mit seinen Matrosen.« – »Diese alle aber haben den Grafen früher nicht gekannt!« – »Sie wollen damit sagen, daß diese Personen infolgedessen nicht befähigt sind, den Grafen zu rekognoszieren?« – »Allerdings. Ihre Aussage würde noch nichts beweisen.« – »Aber Sternau, Mariano, Büffelstirn, Bärenherz und alle anderen, die mit ihm nach Mexiko kamen?« – »Sie können nichts sagen, da sie ja verschwunden sind.« – »So muß man versuchen, sie wiederzufinden!« – »Natürlich, natürlich. Meiner Hilfe dazu können Sie sicher sein, Señor. Es ist da aber notwendig, daß ich mit diesem Geierschnabel selbst spreche.« – »Ich werde ihn senden.« – »Nein, ich suche ihn selbst auf. Aber …« der Alkalde warf einen forschenden Blick auf Kurt. »Sie kommen vom Geschäftsträger Preußens. Befinden Sie sich nur in einem privaten Auftrag hier?«

Kurt antwortete ausweichend:

»Selbst wenn dies der Fall wäre, würde es meiner Angelegenheit wohl nicht zum Schaden gereichen.« – »Nein, aber Sie bedürfen der amtlichen Hilfe. Es fragt sich, von welcher Seite Sie diese erwarten und beanspruchen!« – »Sie sehen das daraus, daß ich zu Ihnen gekommen bin.« – »Ah, Sie waren bisher bei keinem Franzosen?« – »Nein.« – »Auch bei keinem Österreicher?« – »Auch nicht. Ich habe nur Herrn von Magnus in das Vertrauen gezogen. Daß ich auch den Verwalter der gräflichen Güter aufsuchte, geschah ja nur, um zu erfahren, ob die Gesuchten bereits bei ihm gewesen seien.« – »So wollen wir es dabei lassen. Ich glaube nicht, daß die Unterstützung eines Kaiserlichen Ihnen auf die Dauer nützlich sein wird. Sie sind also überzeugt, daß die Personen, die Sie bis hierher verfolgten, wirklich Cortejo und Landola sind?« – »Ja.« – »Und daß diese beflissen sein werden, sich mit dem leeren Sarg zu beschäftigen?« – »Ich vermute das allerdings.« – »Es ist ihnen zuzutrauen, nach allem, was Sie mir erzählten. Aber wir selbst werden uns vorher mit demselben Gegenstand beschäftigen. Ich werde mich mit einigen meiner Beamten nach dem Erbbegräbnis begeben. Hoffentlich begleiten Sie mich?« – »Es ist dies ja die Bitte, die ich an Sie richten wollte.« – »Gut. Ich werde sofort nach dem Palast Rodriganda senden, um mir den Schlüssel zu dem Mausoleum zu erbitten.« – »Ah, Señor, wäre es nicht vielleicht besser, dies zu umgehen?« – »Warum?« – »Ich halte es nicht für geraten, zu viele Personen in das Geheimnis zu ziehen, am allerwenigsten aber diese Franzosen.« – »Hm, Sie mögen recht haben. Also Sie erwarten mit aller Bestimmtheit, den Sarg leer zu finden?« – »Ja.« – »Es ist natürlich nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen, Señor, aber als Beamter bin ich verpflichtet, den Gegenstand möglichst allseitig zu betrachten. Wenn wir den Sarg leer finden, könnte dies auch einen anderen Grund, als den von Ihnen angegebenen haben.«

Kurt erriet sofort, was der Alkalde andeuten wollte.

»Ah«, sagte er. »Sie meinen, daß man die Leiche erst vor kurzer Zeit entfernt haben könne?« – »Ja, um Sie zu täuschen.« – »Wer könnte dies tun, und was würde es ihm nützen? Übrigens wird am Zustand des Sarges sicherlich zu erkennen sein, ob eine Leiche in ihm verfaulte oder nicht.« – »Gewiß. Glücklicherweise bin ich im Besitz von Nachschlüsseln. Sie wissen, daß man als Beamter solche zuweilen notwendig brauchen kann. Wollen wir aufbrechen?« – »Ich stehe zu Befehl!«

Der Alkalde entfernte sich auf wenige Augenblicke, um seine Befehle zu erteilen, und dann begaben sie sich nach Kurts Hotel.

In Mexiko, wo man gewöhnt ist, selbst die kleinste Strecke zu Pferde zurückzulegen, erregte es die Verwunderung der Passanten, den ihnen wohlbekannten Alkalden zu Fuß zu sehen.

Im Gasthof angekommen, nahm er den Jäger ins Verhör. Geierschnabel erzählte seine Erlebnisse in Fort Guadeloupe in seiner gewöhnlichen drastischen Weise. Jedes Wort, das er sagte, bestätigte, was der Beamte bereits von Kurt gehört hatte.

»Bei Gott«, sagte er, »es gewinnt wirklich den Anschein, als ob wir uns mit einem Märchen beschäftigten.« – »Donnerwetter!« rief Geierschnabel, indem er einen dicken Strahl Tabaksaftes an die Wand spuckte. – »Was? Warum fluchen Sie?« – »Na denken Sie etwa, daß ich eines Märchens wegen nach Deutschland reise und mich sechstausendmal arretieren lasse?« – »Das traue ich Ihnen allerdings nicht zu«, meinte der Beamte lächelnd. – »Man hat sogar meine Posaune für ein Auseinanderplatzungsattentätermordinstrument gehalten. Eine Lüge! Ein Märchen! Ich sage Ihnen, Señor, wenn der Mann, den ich in Fort Guadeloupe sah, nicht Graf Ferdinando ist, so ist auch meine Nase hier nicht die meinige, sondern die Ihrige!« – »Das ist allerdings ein sehr überzeugender Beweis. Jetzt aber wollen wir nach dem Kirchhof gehen.«

Sie machten diesen Weg, indem sie möglichst unbelebte Gassen benutzten, und trennten sich darauf, um einzeln durch das Tor zu treten, damit sie den etwa Anwesenden nicht auffallen möchten. Sie trafen auf dem Kirchhof bereits mehrere Alguazils – Polizisten –, die auf den Befehl des Alkalden hier auf sie gewartet hatten. Einer von ihnen hatte nach dem Erbbegräbnis gesucht und erhielt jetzt die Schlüssel des Alkalden. Er entfernte sich, um unbemerkt von den Kirchhofbesuchern die Tür zu öffnen, und bereits nach einigen Minuten meldete er, daß ihm dies gelungen sei.

Jetzt begaben sie sich einzeln nach dem Mausoleum, wo, als sie vollzählig beisammen waren, die Polizisten die Laternen hervorzogen, die sie mitgebracht hatten.

Sie stiegen hinab und fanden den Sarg. Er wurde geöffnet und zeigte sich – leer.

»Santa Madonna!« rief der Alkalde. »Es ist wahrhaftig so; er ist leer!«

Kurt untersuchte den Inhalt genau und erwiderte:

»Sehen Sie diese Kissen! Sie sind wie neu.« – Ja«, antwortete der Beamte. »Es ist wahr. In diesem Sarg kann keine Verwesung vor sich gegangen sein. Mein Gott! Sollten Sie sich wirklich nicht täuschen? Sollte Graf Ferdinando wirklich lebendig begraben worden sein?« – »Auf alle Fälle, Señor.« – »Nun, so werde ich auch alles tun, um die Täter zu entdecken. Ich werde den Kirchhof und besonders dieses Begräbnis von diesem Augenblick an polizeilich bewachen lassen.« – »Wird dies auch zu raten sein?« fragte Kurt. – »Warum nicht?« – »Weil diejenigen, die wir fangen wollen, höchst scharfsinnige und verschlagene Menschen sind. Wie leicht könnten sie diese Bewachung bemerken und sich schnell zurückziehen, so daß sie uns dann leicht entgehen.« – »Aber soll ich sie denn nicht eben ausfindig machen?« – »Gewiß. Doch dürfen wir nicht glauben, daß sie am hellen Tage kommen werden, um irgendeine Leiche in den Sarg zu legen.« – »Darin haben Sie unbedingt recht. Sie werden dies nur des Nachts besorgen können. Aber woher die Leiche nehmen!« – »Oh, selbst so etwas kann einen Landola und Cortejo nicht in Verlegenheit bringen.« – »Sie meinen, daß sie sich eine Leiche machen werden?« – »Machen? Wollen Sie damit sagen, daß sie eine Leiche fabrizieren werden – durch einen Mord vielleicht?« – Ja.« – »O nein. Dazu sind sie zu klug. Eine neue Leiche kann ihnen gar nichts nützen. Sie brauchen eine alte Leiche, eine männliche Person, die ungefähr so lange im Grab gelegen hat, wie Don Ferdinando tot sein soll.« – »Ah, Sie haben recht. Sie zeigen den Scharfsinn, der so nötig ist, falls Ihnen Ihr schwieriges Vorhaben gelingen soll.« – »Ich meine, daß es nicht erforderlich ist, uns jetzt um sie und um den Kirchhof zu kümmern. Aber sobald es Abend geworden sein wird, müssen wir wachsam sein.« – »Ich werde den Zugang zum Begräbnis besetzen lassen.« – »Und sie da festnehmen?« – »Ja.« – »Ich würde doch vorziehen, sie bis hier herunter gelangen zu lassen. Sie sind da besser zu ergreifen, weil von hier aus ein Entkommen viel schwieriger sein wird.« – »Auch hierin haben Sie recht. Sie meinen also, daß diese Menschen sich eine Leiche rauben werden?« – »Ich vermute das.« – »Sie werden also ein altes Grab öffnen?« – »Nein, sondern sie werden die Leiche aus einem Erbbegräbnis holen, weil da nicht zu befürchten ist, daß eine Spur ihrer Tat zurückbleibt.« – »Auch hierin vermuten Sie sehr richtig. Gehen wir also jetzt auseinander, um uns nach Einbruch des Abends hier wieder zu treffen.«

Sie entfernten sich einzeln, so, wie sie gekommen waren.

In Erwartung der Ereignisse des Abends verging Kurt der Nachmittag außerordentlich langsam. Geierschnabel hatte sich wieder in das Gras gelegt, um zu schlafen; aber sobald es düster genug war, kam er, um den Leutnant und den Matrosen abzuholen.

»Ich hoffe, daß uns die Kerle nicht lange warten lassen werden«, sagte Peters. – »Pah!« meinte Geierschnabel. »Sie werden sich doch gerade den Spaß machen, uns möglichst lange harren zu lassen.« – »Warum?« – »Denkst du, daß sie vor Mitternacht kommen?« – »Weshalb denn nicht?« – »Weil das die Geisterstunde ist, in der sich jeder dumme Mensch vom Kirchhof möglichst fernhält.« – »Hm. Zu diesen Dummen scheinen wir also nicht zu gehören.« – »Ja, du für dieses Mal allerdings nicht.«

Am Mausoleum stand ein Polizist; er hatte die Tür bereits geöffnet und wartete schon. Nach und nach fanden sich auch noch der Alkalde nebst mehreren anderen Polizisten ein.

»Nun gilt es, unsere Arrangements zu treffen«, sagte er. »Ich werde zunächst zwei Mann an die Tür postieren.« – »Das wird nichts helfen«, bemerkte Geierschnabel. – »Weshalb?« – »Weil diese Kerle sehr dumm wären, wenn sie sich gerade am Tor erwarten ließen. Sie werden wohl über die Mauer kommen. Das ist das wahrscheinlichere.« – »Das erschwert die Sache ganz außerordentlich«, meinte der Beamte mißmutig. – »Warum?« fragte der Präriejäger. – »Weil ich da mehr Polizisten kommen lassen muß.« – »Mehr Polizisten? Oh, Master Alkalde, ich kalkuliere, daß wir bereits genug solcher Leute hier haben.« – »Ich habe doch alle vier Mauern besetzen lassen.« – »Das ist nicht nötig. Sie bleiben hier unten bei den Särgen und besetzen nur den Kirchhof, aber nicht durch die Polizisten.« – »Durch wen sonst?« – »Durch mich.« – »Durch Sie?« fragte der Alkalde. »Durch Sie allein?« – »Ja.« – »Señor, das kann unmöglich genügen!« – »Donnerwetter, warum nicht?« fragte Geierschnabel, indem er mit großer Energie ausspuckte. – »Ein Mann ist zu wenig.« – »Da irren Sie sich ganz gewaltig. Viele Köche verderben den Brei. Ich bin ein Westmann, ein Prärieläufer. Wissen Sie das?« – »Ich weiß das allerdings.« – »Nun, so sage ich Ihnen, daß die zwei Ohren eines alten Jägers geeigneter sind, einen Kirchhof zu bewachen, als hundert Polizistenohren. Ihre Leute sind sicher nicht gewöhnt, den Käfer des Nachts im Gras laufen zu hören.« – »Sie meinen, daß Sie jedes Geräusch über den ganzen Kirchhof hin sofort erlauschen würden?« – »Ja.« – »Und daß Sie sofort merken werden, wenn die Erwarteten einsteigen?« – »Ganz sicher.« – »Selbst wenn Sie sich weit von dem Platz befinden, wo das geschieht?«

Geierschnabel fühlte sich verdrießlich über diese Erkundigung. Er spuckte abermals aus und antwortete:

»Ich sage Ihnen, daß Sie mir den Kirchhof viel eher und besser anvertrauen können als Ihren Leuten. Das ist genug. Wollen Sie mir nicht glauben, wollen Sie sämtliche Mauern mit Polizisten besetzen lassen, als ob wir einen Sturmangriff abzuschlagen hätten, so müssen Sie auch gewärtig sein, daß die Kerle uns eher bemerken, als wir sie. Und riechen sie den Braten, so können wir ihnen im Dunkeln nachsehen.«

Der Alkalde wußte, welche scharfen Sinne solch ein Jäger zu besitzen pflegt, darum antwortete er

»Sie mögen recht haben. Wir bleiben also alle hier unten in dem Begräbnis, und Sie mögen oben wachen.« – »Oh, einen Ihrer Leute können Sie oben an die Tür postieren, damit ich Ihnen durch ihn Nachricht geben kann, ohne erst herunter zu müssen.«

Geierschnabel entfernte sich, und einer der Polizisten folgte ihm. Die übrigen blieben unten bei den Särgen zurück. Es waren der Alkalde, Kurt, Peters und drei Polizeimänner, also sechs Personen, sicherlich genug, um die Erwarteten festzuhalten. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Geierschnabel hatte recht, denn Mitternacht kam, ohne daß sich etwas ereignete.

»Vielleicht kommen sie gar nicht«, meinte der Alkalde. – »Das ist möglich«, antwortete Kurt. »In diesem Fall müssen wir morgen wieder wachen.« – »Oder sind sie bereits da, und dieser Jäger hat es nicht gehört?« – »Sie würden uns doch in die Hände laufen.«

Da hörten sie nahende Schritte, die zur Treppe herabkamen. Der oben aufgestellte Polizist war es.

»Sind sie da?« fragte der Alkalde erfreut. – »Ja, Señor.« – »Wieviel?« – »Drei Mann. Der Jäger läßt Sie bitten, die Laternen zu schließen und einzustecken.« – »Gut. Was macht er?« – »Er ist wieder fort, um zu lauschen. Zwei sind nämlich zwischen den Gräbern verschwunden, der dritte aber befindet sich am Tor, um zu wachen.«

Infolge dieser Meldung bemächtigte sich der Anwesenden eine ihre Sinne anspannende Erwartung, die bald neue Nahrung erhielt, denn nach einer Weile kam Geierschnabel selbst herab. Da es unten finster war, so nannte er seinen Namen, um nicht für einen der erwarteten Verbrecher gehalten zu werden.

»Wo sind sie? Was tun sie?« tönte es ihm entgegen. – »Wir werden sie bekommen«, lachte er. »Sie holen den Grafen Ferdinando. Vorn am Tor aber steht einer, der Wache hält. Senden Sie zwei Polizisten hin, die sich an ihn heranschleichen und ihn festnehmen, sobald seine zwei Genossen hier herabgestiegen sind.«

Geierschnabel entfernte sich, um wieder zu lauschen, und nach seiner Angabe schlichen sich zwei Alguazils fort, um den Mann am Tor festzunehmen. Es dauerte eine geraume Weile, ehe Geierschnabel wiederkam.

»Sie kommen«, meldete er. – »Die zwei allein, oder auch der Wächter?« fragte Kurt. – »Der Wächter nicht.« – »Sie bringen die Leiche?« – »Ja, Master Leutnant.« – »So wird es Zeit, uns zu verstecken. Rasch hinter die Särge!«

Beim Eintritt Geierschnabels hatte der eine Polizist seine Blendlaterne für diese kurze Zeit herausgeholt und wieder geöffnet. Als die anderen sich beeilten, hinter die vorhandenen Särge zu kriechen, wollte er sie wieder einstecken, aber Geierschnabel verhinderte ihn daran.

»Halt!« sagte er. »So eilig ist es nicht. Erst gibt es noch etwas anderes zu tun.« – »Was?« fragte der Mann. – »Den Deckel herab.« – »Von dem Sarg?« – »Ja.« – »Warum?« – »Das wirst du sogleich sehen, mein Junge.«

Sie hoben den Deckel von dem Sarg, und nun sah der erstaunte Polizist, daß sich Geierschnabel mit aller Gemütsruhe in die weichen, weißseidenen Kissen legte.

»Donnerwetter«, sagte er. »Was soll das bedeuten?« – »Mach den Deckel wieder zu, mein Junge«, antwortete Geierschnabel, indem er sich behaglich zurechtrückte. – »Aber ich begreife nicht, was …« – »So halte den Mund, wenn du es nicht begreifst! Sieh doch einmal meine Nase an, und denke dir, daß jemand, der einen leeren Sarg zu finden erwartet, diesen öffnet und darin einen Geist oder ein Gespenst mit so einer Nase findet! Mach zu!«

Der Mann zögerte, und auch Kurt wollte eben Einspruch erheben, als sich von oben ein leises Geräusch vernehmen ließ.

»Donnerwetter, mach zu, sonst überraschen sie uns!« meinte Geierschnabel, indem er die Hände lang an den Leib legte, so wie man die Toten zu betten pflegt.

Jetzt blieb keine Wahl. Der Polizist hob behutsam den Deckel darauf und versteckte sich dann ebenfalls.

13. Kapitel.

Nun herrschte in der Gruft die Stille des Todes; droben aber ließ sich das Knirschen eines Schlüssels hören. Nach einer Weile kamen Schritte herab, und im Laternenschein wurden Cortejo und Landola sichtbar.

Kurt steckte neben Peters, dem Matrosen.

»Sind sie es?« flüsterte er ihm zu. – »Ja«, antwortete der Gefragte, aber nur hauchend.

Die beiden Eingetretenen begannen zu sprechen.

»Leuchten Sie umher!« sagte Landola.

Cortejo trug die Laterne und folgte der Aufforderung. Sie suchten den Sarg und fanden ihn, da er ja in goldenen Lettern den Namen dessen trug, der ihn ihm gelegen hatte.

Der Polizist hatte den Deckel gar nicht nach der Fuge auflegen können, die Zeit war zu kurz dazu gewesen. Landola stieß nun den Sarg auf; der Deckel flog mit großem Gepolter herab, und die beiden Männer erblickten Geierschnabel mit seiner langen Nase und weit geöffneten, starr auf sie gerichteten Augen im Sarg liegen.

Beide stießen einen Ruf des Entsetzens aus und standen starr vor Schreck. Sie waren in diesem Augenblick unfähig, sich zu bewegen. Cortejo hielt mit der erhobenen Hand die Laterne empor, als ob er eine Statue sei.

Da, nach einigen Sekunden kehrte ihnen die Sprache wieder.

»O Himmel!« rief Cortejo. »Wer ist das?« – »Der Teufel«, antwortete Landola.

Sie, die beiden Schurken, die Taten begangen hatten, deren nur ein Mensch fähig ist, der weder Gott noch Teufel fürchtet, sie wurden von ihrem Entsetzen so gepackt, daß sie zwar sprechen, aber sich nicht bewegen konnten. Beide zitterten am ganzen Körper.

»Der Teufel!« stöhnte Landola. – »Ja, der Satan!« ächzte Cortejo. – »Pchtichchchchch«, spritzte ihnen aus dem Sarg ein Strahl Tabaksaft in die Gesichter. – »Ja, der Teufel, der Satans, der Beelzebub bin ich!« rief Geierschnabel, indem er auf- und aus dem Sarg sprang. »Ihr sollt mit mir nach der Hölle reiten. Hier habt Ihr den Ritterschlag der Unterwelt!«

Und mit seinen Armen zu gleicher Zeit ausholend, gab er jedem eine so gewaltige Ohrfeige, daß beide auf die Steinplatten niederstürzten. Und im nächsten Augenblick hatte er mit jener Geschwindigkeit, die nur einem Präriemann eigen ist, die Waffen, die sie bei sich trugen, entdeckt, ihnen entrissen und in den äußersten Winkel geworfen.

Beim Niederstürzen war der Hand Cortejos die Blendlaterne entfallen, aber in den Sarg, und war zufälligerweise so zu liegen gekommen, daß ihr Licht nicht ausgelöscht war. Geierschnabel ergriff sie mit der Linken, zog mit der Rechten sein Messer und stellte sich so, daß er mit dem Rücken den Eingang und die Treppe deckte.

Das gab den beiden die Überlegung zurück. Sie rafften sich auf.

»Donnerwetter!« rief Landola. – »Alle tausend Teufel!« rief Cortejo. – »Das ist ein Mensch!« – »Kein Teufel!« – »Ein Kerl von Fleisch und Bein gemacht!« – »Der es gewagt hat, uns zu schlagen.«

Der Schreck war plötzlich verschwunden und Grimm an seine Stelle getreten. Nun die beiden Patrone erkannt hatten, daß sie es mit einem Menschen zu tun hatten, der sich übrigens allem Anschein nach ganz allein in dem Gewölbe befand, waren sie mit einem Male wieder die Alten.

»Kerl! Was willst du hier? Was hast du hier zu tun?« fragte Landola in drohendem Ton. – »Was ich hier zu tun habe?« fragte Geierschnabel trocken. »Ohrfeigen habe ich auszuteilen; das habt Ihr ja gefühlt.« – »Das sollst du aber büßen. Wer bist du?« – »Der Teufel. Ihr habt es vorhin selbst gesagt!« – »Treibe keinen Unsinn! Wer du bist, will ich wissen.«

Landola ballte bei diesen Worten seine Fäuste und trat drohend einen Schritt näher heran.

»Männchen, mache dich nicht lächerlich!« lachte Geierschnabel. »Weder du noch ihr alle beide seid die Kerle dazu, mich fürchten zu machen!« – »Das wird sich finden. Ich verlange Antwort auf meine Fragen, erhalte ich diese nicht, so wirst du sehen, was folgt!« – »Was soll denn folgen?« – »Wir öffnen dir den Mund!« – »Pah! Dem ersten, der es wagt, mich anzugreifen, schlage ich hier die Laterne an die Nase, daß er denken soll, es stecken drei Millionen Sonnen und Monde darin. So ein Don Antonio de Veridante darf nicht denken, daß ich vor ihm ausreiße!« – »Ah, du kennst meinen Namen?« fragte Cortejo. – »Ja.« – »Woher?« – »Von der Polizei, die dich sucht.« – »Mich? Das ist Lüge!«

Da machte Geierschnabel ein höchst pfiffiges Gesicht und sagte:

»Na, ich will die Wahrheit sagen. Ich habe diesen Namen von einem gewissen Gonsalvo Verdillo in Verakruz gehört.«

Als die beiden diesen Namen hörten, wurde ihnen das Herz leicht.

»Von Gonsalvo Verdillo?« fragte Cortejo. »Wie kamst du zu ihm?« – »Das ist meine Sache!« – »Suchtest du jemand bei ihm?« – »Ja.« – »Wen?« – »Einen gewissen Landola.« – »Alle Wetter! Kennst du diesen?« – »Nein.« – »Warum suchst du ihn aber denn?« – »Weil ich etwas Wichtiges an ihn auszurichten habe.« – »Was?« – »Donnerwetter! Frage du und der Teufel! Es versteht sich von selbst, daß ich meine Botschaft nur an den ausrichte, für den sie bestimmt ist.« – »Aber von wem sie kommt, das darf ich doch wohl wissen?« – »Auch nicht.« – »Wie kommt denn mein Name in Verbindung mit deiner Botschaft?« – »Dieser Verdillo sagte mir, wenn ich Landola finden wolle, so müsse ich nach Mexiko gehen und mich nach einem gewissen Don Antonio Veridante erkundigen. Er beschrieb mir den Mann so genau, daß ich ihn in diesem Augenblick sofort erkannt habe.« – »Ah, ist es so! Ich kann dir allerdings sagen, wo Landola zu finden ist. Vorher aber muß ich wissen, wie du in das Gewölbe kamst.« – »Da herunter«, meinte Geierschnabel, indem er nach rückwärts auf die Tür und Treppe deutete. – »Das weiß ich. Hier ist nicht Zeit zu spaßen. Antwort will ich.« – »Na, ein anderer würde keine bekommen, da du aber derjenige bist, an den ich mich zu wenden habe, so will ich die Wahrheit sagen. Mein Geldbeutel ist nämlich verflucht dünn geworden.« – »Was hat das mit dieser Gruft zu tun?« – »Sehr viel. Die Toten sind verständiger als die Lebendigen.« – »Ah, ich begreife«, meinte Cortejo. »Wer zu feig ist, die Lebenden zu bestehlen, der geht zu den Toten.« – »Mäßige dich, mein Junge. Ich bin nicht feig, sondern vorsichtig.« – »Wie aber kamst du gerade auf diese Gruft?« – »Weil die Bewohner hier einst reich gewesen sind.« – »Das genügt. Wie kamst du herunter?« – »Mittels eines Nachschlüssels.« – »Du hast doch keine Laterne.« – »Die versteckte ich, als ihr kamt.« – »Was hast du erbeutet?« – »Noch nichts.« – »Ah, du hast noch keinen der anderen Särge geöffnet?« – »Nein, nur diesen hier. Und zum Teufel, gerade dieser erste war leer. Wenn das so fortgeht, muß ich mit leeren Händen abziehen. Es ist Mitternacht. Die Toten hier scheinen um diese Zeit spazieren zu gehen, eine recht dumme Angewohnheit!«

Die beiden wußten nicht, was sie aus dem wundersamen Mann, der ihnen einen solchen Schreck eingejagt hatte, machen sollten. Sie waren ihrer zwei und fühlten sich ihm überlegen. Zu befürchten hatten sie auch aus dem Grunde nichts, weil er selbst ein Dieb, ein Leichenplünderer war, darum ergriff Landola das Wort und fragte:

»Also an Landola hast du eine Botschaft auszurichten?« – »Ja.« – »An Seekapitän Landola?« – »Ja.« – »So sprich! Ich bin Landola.« – »Ah, wirklich?« – »Ja.« – »Nun, ich hätte nicht geglaubt, daß ich meine Adressaten hier in diesem Gewölbe treffen würde. Aber wenn du wirklich Landola bist, so muß der andere Cortejo sein.« – »Wie kommst du auf diesen Gedanken?« – »Das sollt ihr nachher erfahren.« – »Nun gut, ich will dir vertrauen und dir sagen, daß dieser Señor Cortejo heißt« – »Aus Rodriganda in Spanien?« – »Ja.« – »Wenn das wahr ist, dann darf ich allerdings sagen, was ich an euch beide auszurichten habe.« – »Nun?« – »Ich soll euch warnen, nach Mexiko zu kommen.« – »Warum?« – »Weil man euch dort gefangennehmen wird.« – »Pah!« sagte Landola mit einer geringschätzigen Handbewegung. – »Pah?« fragte Geierschnabel. »Ihr haltet euch für sicher? Man hat sogar die Zeit und den Ort bestimmt, wann und wo man sich eurer bemächtigen wird.« – »Unsinn!« – »Ich kann es euch beweisen!« – »Welche Zeit und welcher Ort sollte das sein?« – »Welche Zeit? Um Mitternacht. Und an welchem Ort? Hier im Grabgewölbe der Rodriganda.«

Cortejo fühlte sich etwas unbehaglich, Landola aber lachte und sagte:

»Mensch, du scheinst halb Bösewicht und halb Dummkopf zu sein. Wir sind gewöhnt, mit uns spaßen zu lassen.« – »Nun gut, so mag der Spaß aufhören«, unterbrach ihn Geierschnabel, »und der Ernst mag beginnen. Ihr seid meine Gefangenen!«

Seine Miene war dabei so ernst, daß selbst Landola einsah, daß sich hier etwas Unangenehmes vorbereitete. Er trat einen Schritt zurück, sah sich mit einem besorgten Blick nach seinen Waffen um und sagte:

»Kerl, du bist verrückt! Wie können wir deine Gefangenen sein!« – »Nicht meine? Nun, so will ich sagen, daß ihr unsere Gefangenen seid!« – »Unsere? Ah! Du bist nicht allein?« – »Nein. Seht euch um!«

Geierschnabel zeigte nach dem Hintergrund. Dort erhoben sich alle Versteckten, die sich bisher ruhig verhalten hatten, hinter den Särgen und öffneten die Laternen. Es wurde doppelt hell in dem Gewölbe, und nun erkannten die beiden, was ihrer wartete.

»Hölle und Teufel! Mich bekommt Ihr nicht!« rief Landola. – »Mich auch nicht«, rief Cortejo.

Beide warfen sich auf Geierschnabel. Dieser aber war darauf vorbereitet. Ohne sein Messer zu benützen, stieß er Landola, den er für den Gefährlichsten hielt, die Blendlaterne ins Gesicht, so daß das Glas zerbrach und der Getroffene geblendet zurückwich. Und zu gleicher Zeit empfing er Cortejo mit einem solchen Fußtritt, daß dieser niederstürzte. In demselben Augenblick warfen sich die anderen auf die sich nun vergeblich Wehrenden und machten sie mit Hilfe der mitgebrachten Fesseln unschädlich. Als Cortejo einsah, daß aller Widerstand vergeblich sei, verzichtete er auf denselben. Landola aber sträubte sich gegen seine Banden und schäumte vor Wut. Es half nichts. Seine Fesseln wurden desto enger gezogen.

»Da haben wir sie also«, meinte der Alkalde. »Wollen wir mit dem Einleitungsverhör gleich hier beginnen, Herr Leutnant?« – »Es wird der geeignete Ort nicht sein«, antwortete der Gefragte. »Wir haben zunächst mehr zu tun.« – »Was?« – »Die Leiche zu suchen, die diese Menschen jedenfalls oben liegen haben, und den Mann festzunehmen, der am Tor Wache gestanden hat.« – »Den haben meine Polizisten bereits fest.«

Darin irrte sich der Alkalde bedeutend. Grandeprise war ein erfahrener Jäger. Er lehnte am Tor und wartete auf die Rückkehr seiner Gefährten. Da vernahm er hinter sich ein leises Geräusch, das aber für seine geübten Ohren nichts weniger als leise war. Er erkannte sofort den Tritt zweier Männer, die sich zu ihm heranschlichen. Blitzschnell lag er an der Erde, kroch zur Seite und dann nach rückwärts, um sie zu beobachten. Er kam hinter einen dichten Rosenbusch zu liegen, vor dem die beiden stehengeblieben waren.

»Ich sehe ihn nicht«, meinte der eine. – »Ich auch nicht«, bestätigte der andere. – »Wer weiß, was dieser Kerl mit der langen Nase gesehen hat. Vielleicht gibt es hier gar keinen, der Wache steht.« – »Laß uns suchen.«

Sie schlichen sich vorwärts, und nun erkannte Grandeprise, daß er es mit Polizisten zu tun habe.

»Alle Teufel«, brummte er, »was ist das? Suchen sie mich? Will man mich gefangennehmen? Ich muß die beiden warnen.«

Er schlich sich in der Richtung fort, in der Cortejo und Landola von ihm gegangen waren, aber er fand sie nicht. Er suchte weiter, in dem er sich in acht nahm, auf irgendeinen Lauscher zu stoßen. Da sah er einen Lichtschein durch die Büsche blitzen. Er ging darauf zu und kam an das Erbbegräbnis der Rodriganda, wo er laute Stimmen hörte.

»Hier liegt er«, hörte er sagen. – »Ein Mann. Ah, er hat in den Sarg des Grafen gesollt. Laßt uns ihn untersuchen. Die beiden Gefangenen müssen sagen, aus welchem Begräbnis sie ihn gestohlen haben.« – »Sie sind gefangen«, dachte er. »Das ist unangenehm. Sie haben nichts Böses getan, aber da diese Herren Franzosen hier am Ruder sind, werden diese kurzen Prozeß mit ihnen machen. Wo bleibe ich da mit meiner Absicht, diesen Landola zu fangen? Ich werde ihn nie bekommen. Ich muß bei Gott sehen, ob ich diese beiden Kerle wieder losmachen kann.«

Er versteckte sich hinter einem Monument, das ihn vollständig verbarg und von dem aus er die Szene beobachten konnte.

Unterdessen wurden Cortejo und Landola heraufgeschafft und vor die obenliegende Leiche gestellt.

»Woher habt Ihr diesen Toten geholt?« fragte der Alkalde.

Keiner antwortete.

»Ich frage, aus welchem Begräbnis Ihr diesen Toten geholt habt!« wiederholte der Beamte.

Abermals keine Antwort. Er konnte fragen, was er wollte, die Verbrecher beobachteten das tiefste Schweigen.

»Lassen Sie«, sagte Kurt. »Es ist eine nicht seltene Taktik des Verbrechers, zu schweigen, wenn er alles verloren gibt. Wir werden morgen bei Tageslicht schon sehen, an welchem Begräbnis dieser Leichendiebstahl begangen wurde.« – »Das ist wahr«, meinte der Alkalde. »Bis dahin mag alles bleiben, wie es ist. Ich lasse meine Leute hier, um dafür zu sorgen, daß nichts verändert werde, wir anderen sind genug, die beiden Kerle in Gewahrsam zu bringen.«

Kurze Zeit später wurden Cortejo und Landola von dem Alkalden, Kurt, Geierschnabel und dem Matrosen Peters abgeführt. Die vier letzteren bemerkten gar nicht, daß ihnen von weitem eine männliche Gestalt folgte, um zu sehen, wohin die Gefangenen geschafft würden.

Im Gefängnisgebäude angekommen, wurde noch einmal ein Verhörsversuch mit ihnen angestellt, der ebenso resultatlos ausfiel wie der erste. Da nur noch ein einziger leerer Raum vorhanden war, wurden sie beide zusammen in demselben untergebracht, erhielten aber einen bewaffneten Soldaten vor die Tür, damit sie unmöglich entfliehen könnten.

Kurt war mit bis in die Zelle gegangen, um sich zu überzeugen, daß die Gefangenen auch sicher untergebracht seien. Ehe er sie verließ, wandte er sich mit den Worten an Cortejo:

»Señor Gasparino, denkt nicht etwa, daß Ihr mit Eurem Schweigen weiter kommt, als mit einem offenen Geständnis. Ich bin von allem unterrichtet und brauche Euer Geständnis nicht.«

Da endlich sagte Cortejo das erste Wort. Er blickte den jungen Mann verächtlich an und fragte:

»Was werdet Ihr wissen? Wer seid Ihr?« – »Ich heiße Kurt Helmers und bin der Sohn des Steuermanns Helmers, den Landola mit nach der Insel geschafft hatte. Straflosigkeit habt Ihr beide nicht zu erwarten, aber wenn eine Milderung möglich wäre, so doch nur in dem Fall, daß Ihr von Eurer Verstocktheit laßt.« – »So. Und was wißt Ihr denn von uns?« – »Alles.« – »So zählt es auf.« – »Ich verschmähe das. Wir stehen uns keineswegs so gleichwertig gegenüber, daß ich mich zu einer Unterhaltung mit Euch herbeilassen könnte. Was ich vorzubringen habe, das wird Euch die Untersuchung lehren. Euer Spiel ist aus. Ihr habt nur noch leere Blätter und Nieten in der Karte.«

14. Kapitel.

Unterdessen war der Jäger Grandeprise um das Gebäude herumgegangen, um die Mauern zu untersuchen. Er sah zu seinem Mißvergnügen, daß von hier aus an eine Befreiung nicht zu denken sei. Da bemerkte er, daß ein Fenster, das mit außerordentlich starken Eisengittern verwahrt war, erleuchtet wurde.

»Ah«, brummte er, »das ist die Zelle, in die man sie steckt. Jetzt weiß ich wenigstens das. Oder steckt man den einen von ihnen noch anderswohin?«

Er wartete noch eine ganze Weile, um zu sehen, ob noch ein zweites Fenster erleuchtet werde. Als dies nicht der Fall war, murmelte er:

»Gut, sie scheinen beisammen zu sein. Jetzt gilt es, zu wissen, wann diejenigen, die sie fingen, sich wieder entfernen.«

Er begab sich wieder nach dem Eingang zurück, wo er sich auf die Lauer legte. Es dauerte nicht lange, so öffnete sich das Tor, und vier Personen traten heraus, um sich zu entfernen.

»Sie sind es. Sie sind fort. Was nun tun und anfangen?« flüsterte er. »Es muß schnell gehandelt werden. Morgen ist es vielleicht zu spät.«

Er schritt nachdenklich die Straße entlang. Plan auf Plan durchkreuzte seinen Kopf, aber keiner erwies sich als ausführbar. Da hörte er klirrende Schritte hinter sich. Ein französischer Offizier, der so spät noch aus einer Tertullia oder Unterhaltung kam, schritt an ihm vorüber.

»Alle Teufel, welch ein Gedanke! Das wäre etwas!« brummte er. »Dieser Mensch schien so ziemlich meine Statur zu besitzen. Allons, nicht lange überlegt, sonst geht die Gelegenheit vorüber!«

Grandeprise, als Präriejäger schnell im Entschluß und in der Ausführung, eilte dem Offizier nach.

»Monsieur, Monsieur!« rief er halblaut. – »Was ist's?« fragte der Mann stehenbleibend. – »Sind Sie vielleicht der Kapitän Mangard de Vautier?«

Grandeprise hatte diese Frage ausgesprochen, um nahe an den Offizier heranzukommen. Dieser antwortete:

»Nein. Ich kenne keinen Kapitän oder Offizier dieses Namens.« – »Nun, ich auch nicht«, meinte der Jäger lachend.

Während dieser Worte faßte er den Offizier mit der Linken bei der Gurgel, die er fest zusammenpreßte, und versetzte ihm mit der Rechten einen Hieb an die Schläfe, jenen Savannenhieb, unter dem der Getroffene stets sofort besinnungslos zusammenstürzt.

»So, da liegt er! Nun aber fort von hier nach einem sicheren Ort.«

Bei diesen für sich hingeflüsterten Worten hob Grandeprise den Offizier auf, warf ihn sich über die Achsel und trug ihn nach einem einsam gelegenen Mauerwinkel, wo er ihn seiner Uniform entkleidete, ihn mit Taschentüchern fesselte und knebelte, um dann die Uniform mit seinem eigenen Anzug zu vertauschen.

»So«, meinte er. »Jetzt bin ich fertig. Jetzt beginnt erst das Wagnis. Gelingt es nicht, so geht es mir traurig.«

Grandeprise steckte seine Waffen zu sich und begab sich, nun seinerseits sporenklirrend, nach dem Gefängnis, an dessen Tür er schellte.

»Wer da?« fragte der innenstehende Posten. – »Ordonnanz des Gouverneurs! Öffnen!« antwortete er.

Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Grandeprise wurde eingelassen. Der Posten trat nahe an ihn heran, und als er beim Schein einer trübe brennenden Laterne die Uniform erkannte, salutierte er vorschriftsmäßig.

»Ist der Inspektor des Gefängnisses noch wach?« fragte der Jäger. – »Nein, Herr Kapitän«, antwortete der Posten. »Er wurde aus dem Schlaf geweckt, als man vor kurzer Zeit zwei Gefangene brachte, ist aber wieder zur Ruhe gegangen.« – »Wer ist an seiner Stelle?« – »Ein Schließer.« – »Parterre?« – »Ja. Jede Fronte hat außerdem ihren Posten.« – »Gut.«

Grandeprise schritt über den Hof hinüber und läutete an der Tür des eigentlichen Gefangenenhauses. Der Schließer öffnete. Grandeprise wußte, daß zur gegenwärtigen Zeit die Franzosen die eigentlichen Meister des Landes waren, deren Wille in vielen Fällen und Beziehungen einen geradezu knechtischen Gehorsam fand. Er gab sich daher die Miene und das Äußere eines Mannes, der nicht im geringsten geneigt ist, mit sich sprechen und handeln zu lassen, und sagte:

»Ist der Inspektor wach?« – »Nein. Soll ich ihn wecken?« fragte der Schließer. – »Nein, ist nicht nötig. Wieviel Mann in der Wachstube?« – »Acht.« – »Bin Ordonnanz des Gouverneurs. Können zwei Mann zum Transport eines Gefangenen für kurze Zeit entbehrt werden?« – »Ja.« – »Schnell holen. Habe nicht viel Zeit.«

Während der Schließer sich entfernte, um diesem kurz und streng gegebenen Befehl Gehorsam zu leisten, betrachtete der kühne, waghalsige Jäger sich den Raum, in dem er sich befand.

Da gab es eine Tafel, auf der die Nummern sämtlicher Insassen des Gefängnisses verzeichnet waren. Dabei las er: Nummer 32 angeblich Advokat Antonio Veridante nebst Sekretario. Er wußte also die Nummer, in der die Gesuchten zu finden seien. Auf einer Schreibtafel lagen verschiedene Formulare, unter denen er auch Quittungsscheine für Entgegennahme von Gefangenen fand. Auch das kam ihm zustatten. Er nahm eiligst eine Feder zur Hand, füllte einen dieser Scheine aus und setzte den ihm bekannten Namen des Gouverneurs darunter, ganz aufs Geratewohl und ohne die Handschrift dieses hohen Beamten zu kennen. Er trocknete die Schrift, faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Tasche. Er war kaum damit fertig, so kam der Schließer mit zwei Mann Soldaten zurück, die scharfgeladene Gewehre trugen.

»Hier, mein Kapitän, sind die Leute«, meldete er. – »Gut. Ist ein Hauptschlüssel vorhanden?« – »Ja. Ich trage ihn bei mir.« – »Er schließt alle Zellen?« – »Alle.« – »Mir folgen! Vorwärts!«

Da Grandeprise von außen das erleuchtete Fenster gesehen hatte, so wußte er, daß die betreffende Zelle im ersten Stockwerk lag. Er stieg also, vom Schließer und den Soldaten gefolgt, die Treppe empor und schritt dann oben den Korridor hinab, bis er vor Nummer 32 stand.

»Öffnen!« befahl er.

Der Schließer gehorchte ohne Widerrede. Der vor der Tür stehende Posten trat zurück, und die Tür ging auf. Bei dem Schein der Laterne, die der Schließer trug, erkannten die beiden Gefangenen einen französischen Offizier, der eintrat.

»Sie sind der Advokat Antonio Veridante?« fragte Grandeprise Cortejo. – »Ja«, antwortete dieser. – »Und dieser Mann ist Ihr Sekretär?« – »Ja.« – »Zeigen Sie her!«

Diese letzten Worte waren an den Schließer gerichtet, dem Grandeprise die Laterne aus der Hand nahm. Er tat so, als ob er den beiden Gefangenen in das Gesicht leuchten wolle, hielt aber die Laterne so, daß sie auch das seinige erkennen konnten. Sie wußten sofort, woran sie waren, obgleich ihnen dieses Wagnis als ein geradezu unerhörtes und unbegreifliches erschien, während Grandeprise doch nur mit der blitzschnellen Energie des Präriemannes einem augenblicklichen Impuls gefolgt war.

»Ja, sie sind es«, sagte er. »Der Gouverneur wurde mit der Nachricht von ihrer Festnahme geweckt. Er will sie augenblicklich sehen, da er weiß, daß sie verdächtig sind, mit Juarez verkehrt zu haben. Sie haben mir zu folgen!«

Und sich an den Schließer wendend, zog er die Quittung hervor und sagte in einem Ton, der keine Entgegnung zuließ:

»Hier die Bescheinigung des Gouverneurs, daß Sie mir die beiden Gefangenen verabfolgt haben. Ich bringe sie in ungefähr einer Stunde wieder. Stellen Sie mir bis dahin eine Quittung aus, daß ich nicht zu warten brauche. Vorwärts!«

Grandeprise schob die Gefangenen zur Tür hinaus und winkte den beiden Soldaten, sie unter ihre Obhut zu nehmen. Der Schließer wagte kein Wort des Einwandes. Er las beim Schein der Laterne die Quittung und hielt es nun für unmöglich, sich zu sträuben.

So ging es fort, zur Treppe hinab, über den Hof hinüber und zum Tor hinaus, das der Posten wieder öffnete. Draußen schlugen die Soldaten von selbst die Richtung ein, die zum Gouverneur führte.

Es war stockdunkel; Straßenlaternen gab es nicht, und so versicherten die Soldaten sich ihrer Gefangenen dadurch, daß sie je einen beim Arm ergriffen. Der Jäger fühlte jetzt sein Herz erleichtert, er wußte nun, daß er gewonnenes Spiel haben werde. Er hatte sich in eine fürchterliche Gefahr begeben gehabt. Was zählen Mut und Scharfsinn, Klugheit und Erfahrung eines Savannenläufers hinter den Riegeln eines Gefängnisses? Jetzt hatte er den freien Himmel wieder über sich, und nun fühlte er sich von jeder Besorgnis frei.

Als sie eine genügende Strecke gegangen waren, zog er sein scharfes Messer heraus. Er hatte gesehen, daß die Fesseln nur aus Riemen bestanden, und fragte jetzt die Soldaten:

»Habt Ihr die Kerle auch sicher?« – »Ja, mein Kapitän«, antwortete der eine. »Wir führen sie ja beim Arm.« – »Aber die Riemen?« – »Sie scheinen fest zu sein.« – »Wollen es lieber untersuchen. Riemen pflegen nachzugeben.«

Grandeprise tat, als ob er die Bande mit den Händen auf ihre Festigkeit prüfen wolle, schnitt sie aber im Gegenteil durch. Die Gefangenen fühlten, daß sie frei seien, ließen sich dies aber durch keine Bewegung merken.

»Es ist gut«, sagte er. »Ich glaube, wir sind nun sicher. Vorwärts wieder!«

Der Weg wurde fortgesetzt, aber bereits bei der nächsten Straßenecke stieß der eine Soldat einen Schrei aus und stürzte zu Boden.

»Was gibt es?« fragte Grandeprise. – »Donnerwetter!« antwortete der Mann. »Mein Kerl hat sich losgerissen und mich zu Boden geworfen.« – »Ah! Wo ist er?« – »Da drüben muß er laufen!« – »Ihm nach!«

Das Gewehr im Arm rannte der Soldat fort. Schießen konnte er nicht, denn die Dunkelheit erlaubte ihm nicht, das Geringste zu erkennen.

»Halte nur den deinen fest!« gebot Grandeprise dem anderen. »Verdammt wäre es, wenn wir ihn nicht wieder bekämen!« – »Keine Sorge, mein Kapitän!« antwortete der Mann im zuversichtlichsten Ton. »Dem soll es nicht gelingen, mir – au, oh, Donnerwetter!« – »Was gibt es?« fragte Grandeprise.

Ebenso wie sein Kamerad am Boden liegend, raffte sich der Soldat empor und antwortete:

»Auch der meinige hat mich niedergeworfen.« – »Alle Teufel! Was für Schufte seid denn ihr Kerle? Laßt euch von diesen Schlingeln zur Erde bringen! Wo ist er denn?« – »Fort«, antwortete der Mann sehr kleinlaut. – »Donner und Doria! Wohin denn?« – »Da vorn scheint er zu rennen!« – »Laufe, sonst mache ich dir Beine! Kriegst du ihn nicht wieder, so soll dich der Teufel holen!«

Der Soldat rannte voller Angst davon.

Seine Schritte waren noch nicht verklungen, so drehte sich der Jäger kurz um und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren.

»Verdammt klug haben es die Kerle gemacht«, brummte er vergnügt. »Diese Franzosen haben nichts gesehen, ich aber habe es deutlich bemerkt. Sollte mich wundern, wenn sie nicht hier in dieser Gegend zu mir stießen.«

Grandeprise hatte richtig vermutet, denn kaum war er mit diesem Gedanken zu Ende gekommen, so huschten zwei Gestalten zu ihm heran.

»Eingetroffen, Kapitän!« sagte der eine halblaut und lachend. – »Ich auch«, meinte der andere, ebenso lachend.

Es waren keine anderen als Landola und Cortejo.

»Wo sind die Soldaten?« fragte der erstere. – »Weit fort!« antwortete der Gefragte. – »Was für dumme Kerle! Denken die, daß wir vorwärts rennen! Ich habe mich einfach niedergeduckt.« – »Ich ebenso«, sagte Cortejo. »Aber nun erklären Sie uns, wie Sie in diese Uniform kommen!« – »Sehr einfach«, antwortete der Jäger. »Ich schlug einen Offizier nieder und nahm ihm dieselbe ab.« – »Donnerwetter! Welch ein Wagnis!« – »Ein Jäger fragt nach keinem Wagnis, wenn es gilt, seinen Gefährten einen Dienst zu erweisen.« – »Wir sind Ihnen da allerdings sehr großen Dank schuldig. Ein riesiges Wagnis, ein geniales Unternehmen, möchte man sagen! Aber der Offizier, den Sie niederschlugen?« – »Er liegt jedenfalls noch dort. Ich habe ihm einen Knebel gegeben, daß er nicht mucksen kann. Natürlich suche ich ihn jetzt auf und gebe ihm seine Uniform wieder.« – »Sie haben ihm bis dahin Ihre Kleider angezogen?« – »Fiel mir nicht ein. Welch eine Arbeit wäre das gewesen! Ich habe sie einstweilen zu ihm hingelegt und werde sie mir jetzt wiederholen. Kommen Sie!«

Sie schritten der Steile zu, wo Grandeprise den Offizier zurückgelassen hatte.

15. Kapitel.

Unterdessen waren Kurt, Geierschnabel und Peters, nachdem sie sich von dem Alkalden getrennt hatten, in ihr Hotel zurückgekehrt. Der erstere und der letztere legten sich schlafen, Geierschnabel aber, der am Tag genug gelegen hatte, verschmähte es, zur Ruhe zu gehen. Er konnte sich einer gewissen Befürchtung nicht enthalten. Waren die Gefangenen sicher untergebracht? Reichte die Beaufsichtigung zu, unter der sie im Gefängnis standen? Ja, wenn man da draußen in der Prärie, im Urwald einen Gefangenen macht, den bewacht man selbst, und da weiß man ganz genau, was man oder er zu erwarten und zu hoffen hat. Hier aber muß man seine Gefangenen der Behörde übergeben, und diese Frau Behörde ist in Mexiko eine gar eigentümliche und sehr wenig zuverlässige Persönlichkeit. Besonders war sie dies zur damaligen Zeit Darum trieb es unseren Geierschnabel fort, ein wenig lauschen zu gehen, ob in der Nähe des Gefängnisses alles in Ordnung sei.

Er steckte seinen Revolver und sein Messer zu sich und schlich sich, damit kein Schläfer gestört werde, leise davon. Er kannte die Gegend, in welcher das Gefängnis lag, sehr genau; er war heute ja bereits dort gewesen. Er hatte es beinahe erreicht, als er durch ein Gäßchen ging, das von zwei Mauern begrenzt oder gebildet wurde. Diese Mauern waren dunkel und nicht sehr hoch. Die eine davon bildete eine Einbiegung, einen schmalen Winkel, der noch dunkler dalag, als das an und für sich bereits finstere Gäßchen. Indem er nun so leise dahinschritt, wie es Art der Savannenleute ist, die auch, wenn sie sich in Städten befinden, ihren vorsichtigen, unhörbaren Schritt beizubehalten pflegen, war es ihm, als ob er in diesem Winkel eine Bewegung höre.

Das fiel ihm auf. Ein Liebespärchen zu so später Nachtstunde? Das war sehr unwahrscheinlich. Was gab es hier? Er mußte es wissen, es ließ ihm keine Ruhe.

Er trat näher. Sein scharfes, an die Dunkelheit gewöhntes Auge erkannte eine an der Erde liegende Masse, die sich mühsam hin und her zu bewegen versuchte. Er bückte sich nieder, die Hand am Griff des Messers. Ah! Diese Hand glitt bald vom Messer weg, denn der Mann, der hier lag, war halb nackt, gebunden und geknebelt, und neben ihm lag ein Kleiderbündel.

Der alte Trapper war ein vorsichtiger Mann. Er nahm ihm also einstweilen nur den Knebel, ließ ihm aber die Fesseln noch. Er wollte erst wissen, wen er vor sich habe.

»He, guter Freund, wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er. – »Mon dieu!« stöhnte der Gefragte. »Welch ein Glück, daß ich wieder atmen kann!« – »Was geht mich Ihr Atem an? Wer Sie sind, will ich wissen?« – »Ah, ich bin ein französischer Offizier. Kapitän Durand ist mein Name.« – »Das glaube wer da will!« – »Ich sage die Wahrheit.« – »Läßt sich ein französischer Soldat, Offizier und Kapitän so leicht überfallen und binden?« – »Ich erhielt ganz unerwartet einen Hieb an den Kopf, der mir die Besinnung raubte.« – »Ja, so ist es, wenn man die Besinnung nur im Kopf und nicht in den Fäusten hat. Sogar ausgezogen hat man Sie. Zu welchem Zweck?« – »Ich weiß es nicht. Bitte befreien Sie mich doch von den Fesseln!« – »Nur langsam, langsam, mein Junge! Es kommt schon noch die Zeit, da auch die Fesseln abgenommen werden, und wenn es auch schon in sechs oder acht Wochen sein sollte. Zunächst muß ich wissen, woran ich bin. Hier liegen Kleider.« – »Es sind die meinigen.« – »Ah! Warum geht ein französischer Kapitän nicht in Uniform?« – »Ich bin ja in Uniform gegangen!« – »Oho! Hatten Sie einen Degen?« – »Ja.« – »Epauletten?« – »Ja.« – »Rock und Hose mit Passepoils?« – »Ja.« – »Ein Käppi oder einen Tschako?« – »Ja.« – »Und hier liegen lange, grobe Stiefel, eine Leinwandhose, eine alte Jacke, ein baumwollenes Halstuch, ein alter Ledergürtel und ein Hut, den man in der Dunkelheit für einen Waschbär oder einen schwarzen Kater halten könnte.« – »Tausend Donner! So sind es nicht meine Kleider.« – »Nicht? Ah! Wem gehören sie denn?« – »Dem, der mich überfallen hat. Er trug so einen dunklen Hut mit breiter Krempe.« – »Schön! Er hat sich also hier ausgezogen und Ihre Uniform angelegt?« – »Wie es scheint!« – »Das glaube der Kuckuck! Diese alte Ecke, in der Hunde und Katzen ihre Andenken zurückgelassen haben – ich sage, diese alte Ecke scheint mir ganz und gar nicht die Eigenschaften eines An-, Aus- und Umkleideboudoirs zu besitzen.« – »Ich wiederhole, daß ich die Wahrheit sage.« – »Nun, so erzählen Sie mir einmal, wie das mit dem Überfall zugegangen ist« – »Ich kam aus einer Tertullia; da begegnete mir ein Mensch, der mich anredete.« – »Was sagte er?« – »Er fragte mich, ob ich Kapitän so und so sei; den Namen habe ich vergessen.« – »Der Ihrige war es nicht?« – »Nein. Ich sagte ihm, daß ich keinen Kapitän dieses Namens kenne, und er antwortete: ›Ich auch nicht!‹ Dabei war er ganz nahe getreten und versetzte mir einen Schlag an den Kopf, daß ich sofort niederstürzte und die Besinnung verlor.« – »Donnerwetter! Ganz so sind unsere Jagdhiebe beschaffen. So schlagen nur wir Präriejäger zu. Und die Fetzen, die hier liegen, sehen kann man sie nicht genau, aber sie fühlen sich gerade an wie Präriezeug, so dick und hart, so schön prasselig vor Dreck und Schmutz. Sollte dieser Kerl etwa ein Savannenmann gewesen sein?« – »Ich kann es nicht sagen. Helfen Sie mir nur von den Fesseln los.«

Geierschnabel kam ein Gedanke.

»Donnerwetter!« sagte er. »Das wäre ja eine ganz verfluchte Geschichte.« – »Was?« – »Wo ist der Überfall geschehen? Etwa in der Nähe des Gefängnisses?« – »Ja, gar nicht weit davon.« – »Da hat man es! Und wer da draußen Wache gestanden hat, den haben wir nicht gefangen. Wer aber ist am besten geeignet, Wache zu halten? Ein Präriemann!« – »Ich verstehe ja gar nicht, was Sie sprechen und meinen!« klagte der noch Gebundene. – »Das ist auch ganz und gar nicht notwendig. Wenn nur ich verstehe, was mich ärgert. Ich habe da einen Gedanken, der mich verrückt machen könnte. Bleiben Sie einmal hübsch still liegen. Ich komme gleich wieder.«

Bei diesen Worten eilte der Jäger davon. Der andere rief ihm nach:

»Aber so lassen Sie mich doch um Gottes willen nicht so hilflos liegen.«

Aber Geierschnabel hörte gar nicht darauf. Er schritt so rasch davon, als ob es gelte, einen Wettlauf zu machen. Beim Gefängnis angekommen, schellte er. Der Posten fragte:

»Wer ist draußen?« – »Geierschnabel!« – »Kenne ich nicht.« – »Ist auch nicht notwendig. Machen Sie nur auf.« – »Darf ich nicht.« – »Warum nicht?« – »Des Nachts haben nur Beamte Zutritt.« – »Bin doch vorhin auch mit dagewesen, als wir die beiden Gefangenen brachten.« – »Ah, da war der Alkalde dabei.« – »Also ich darf nicht hinein?« – »Nein, auf keinen Fall.« – »Da schlage doch gleich der leibhaftige Teufel drein! Und dabei darf und kann man nicht einmal durch die Mauer spucken, sonst würde ich mir einmal eine Güte tun! Sind die beiden Gefangenen noch da?« – »Nein.« – »Kreuzelement! Da hat man das Malheur. Wo stecken sie denn?« – »Beim Gouverneur.« – »Was wollen sie dort?« – »Weiß nicht. Ein Offizier, ein französischer Kapitän hat sie geholt.« – »Den haben Sie aber wohl hineingelassen?« – »Natürlich!« – »Ja, Spitzbuben läßt man hinein in diese Bude, ehrliche Leute aber nicht. Kerl, der Offizier war ja gar kein Offizier, sondern ein Schwindler und Betrüger. Sie sind so dumm, daß es einem erbarmt. Ihre Dummheit kann mit Scheffeln gemessen und nach Meilen berechnet werden. Wenn Ihr Kaiser lauter solche Esel hat, so verdenke ich es ihm freilich nicht, daß er euch da hinüberschickt, denn er weiß sonst gar nicht, wohin mit diesem Viehzeug!« – »Halt!« rief da der Posten, indem er den Schlüssel ansteckte. »Halt, jetzt können Sie eintreten. Kommen Sie herein, mein lieber Freund!« – »Danke sehr! Weil ich räsonniert habe, darf ich hinein, nicht wahr? Aber natürlich, um arretiert zu werden? Nein, so dumm sind wir nicht wie ihr, ich danke für das Privatvergnügen! Laß dich für mich einsperren, wenn ihr noch leere Plätze habt. Ich empfehle mich, mein lieber Sohn!«

Als der Posten das Tor erreichte und ihn fassen wollte, war Geierschnabel bereits an der Ecke und kehrte zu dem malträtierten Offizier zurück.

»Kommen Sie endlich wieder?« wehklagte dieser schon von weitem. »Ich dachte, daß Sie mich ganz und gar verlassen hätten.« – »Unsinn. Ich wollte nur sehen, ob Sie mich belogen haben oder nicht.« – »Nun, was haben Sie erfahren?« – »Sie sind Offizier. Sie haben mir die Wahrheit gesagt.« – »Nun, so befreien Sie mich endlich einmal von den Fesseln.« – »Möchte gern, aber es geht ja nicht.« – »Mein Gott! Warum nicht?« – »Weil wir sonst den Kerl, der Sie überfallen hat, nicht fangen.« – »Aber, Monsieur, wir könnten, wenn Sie wissen, wo er ist, ihn ja viel leichter ergreifen, wenn ich nicht gefesselt bin.« – »Nein, Master, ich weiß nicht, wo er ist, aber er wird ganz sicher wiederkommen.« – »Wirklich? So müssen Sie mich erst recht losmachen.« – »Nein, sondern ich muß Sie erst recht gebunden lassen. Ja, ich muß Ihnen sogar den Knebel wieder anlegen, damit er nicht weiß, daß jemand dagewesen ist. Er muß denken, Sie liegen noch gerade so wie erst; als er Sie herlegte.« – »Das begreife ich nicht.« – »Aber ich! Und das ist mir die Hauptsache. Ich kenne diese Jäger. Ich weiß ganz genau, wie sie sich zu verhalten pflegen.« – »Aber wenn er mich nun noch weiter malträtiert?« – »Das fällt ihm gar nicht ein. Er hat gegen Sie nicht das geringste. Er hat Sie nur deshalb niedergeschlagen, weil er Ihre Uniform gebraucht hat. Sobald er dieser nicht mehr bedarf, bringt er sie wieder.« – »So holen Sie doch lieber Hilfe herbei. Sie können ihn dann ganz leicht abfassen.« – »Ist nicht notwendig. Ich weiß ja noch gar nicht einmal, was ich mit ihm anzufangen habe. Vielleicht werden wir noch die besten Freunde miteinander.« – »Sie und dieser Garotteur? Nein, nein, er muß auf alle Fälle bestraft werden.« – »Das wollen wir uns erst überlegen. Alle Teufel! Horch! Da kommen zwei Leute!«

Geierschnabel lauschte gespannt in das Gäßchen hinein.

»Nein«, sagte er, »es sind nicht zwei, sondern drei. Zwei treten gewöhnlich auf, der dritte aber hat den leisen Savannenschritt. Sie sind es. Schnell das Tuch wieder um den Mund! Stellen Sie sich nur so, als ob Sie noch immer besinnungslos seien, und reden Sie kein Wort, sonst könnte es Ihnen doch noch schlimm ergehen.«

Ehe er es sich versah, hatte der Offizier den Knebel wieder an dem Mund, und der Jäger war mit einem raschen Satz über die Mauer.

Dort drückte er sich so an dieselbe, daß er auf keinen Fall gesehen werden konnte, aber jedes Wort hören mußte.

Die Schritte nahten und verstummten in der Nähe. Ein Flüstern war zu hören, und dann löste sich eine Gestalt von den dreien, trat näher und bückte sich zu dem Offizier herab.

»Donnerwetter, muß mein Hieb dieses Mal ein kräftiger gewesen sein«, sagte der Mann halblaut, so daß die beiden anderen ihn hören konnten. – »Warum?« fragte einer. – »Der Kerl ist noch immer besinnungslos.« – »So haben Sie ihn vielleicht gar erschlagen?« – »Nein, Leben hat er noch. Ich werde jetzt seine Uniform ausziehen und wieder hinlegen.« – »Und die Fesseln? Die lassen Sie ihm?« – »Nein, ich nehme sie ihm ab. Wenn er erwacht, soll er sich frei entfernen können. Wollen Sie warten?« – »Nein; wir gehen.« – »Nach dem Hotel?« – »Noch nicht. Wir haben erst noch einen kleinen Weg. Aber in einer halben Stunde sind wir dort und werden auch Sie einlassen.« – »Gut, so werde ich sehen, wie ich meine Zeit bis dahin verbringe.«

Die zwei entfernten sich. Natürlich war es niemand anderes als Cortejo und Landola. Als sie eine Strecke zurückgelegt hatten, meinte der erstere zu dem letzteren:

»Warum belogen Sie ihn?« – »Belogen? Wieso?« – »Indem Sie sagten, daß wir noch eine kleine Besorgung haben.« – »Ach so! Erraten Sie das nicht?« – »Nein.« – »Nun, damit wir ihn loswerden. Er kann uns von jetzt an nur schaden. Wer mir nichts nützt, der schadet mir, und Nutzen hat er uns genug gebracht. Wir wissen von ihm, wohin wir uns zu wenden haben. Am liebsten möchte ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagen.« – »Donnerwetter, er hat uns aus der Gefangenschaft befreit.« – »Ja, das ist auch der Grund, daß ich ihn nicht erschieße.« – »Und außerdem ist es Ihr Bruder.« – »Das geht mich ganz und gar nichts an. Ein jeder ist sich selbst der nächste. Er hat da draußen auf dem Gottesacker die Wächter belauscht, wer weiß, was er da gehört hat. Wie nun, wenn er erfahren hat, daß ich Landola, sein Bruder, bin?« – »Das wäre allerdings schlimm, aber ich bin überzeugt, daß er es nicht weiß. Er sucht seinen Bruder, um sich an ihm zu rächen. Wüßte er, daß Sie der Gesuchte sind, so hätte er uns nicht aus der Gefangenschaft befreit.« – »Was Sie da sagen, klingt sehr klug und weise, ist es aber leider nicht. Wir waren dem Strafgericht verfallen, mein Stiefbruder wäre also zu gar keiner Rache gekommen. Ein Präriejäger aber, der sich rächen will, der rächt sich persönlich, der überläßt diese Rache keinem anderen. Ich halte es für sehr leicht möglich, daß er uns durchschaut hat, ohne es uns merken zu lassen. Und ebenso wahrscheinlich ist es, daß er uns befreit hat, nur daß wir nun desto sicherer ihm allein verfallen sind.« – »Alle Teufel, wenn dies wahr wäre!« – »Ich sage Ihnen, das dies sehr leicht möglich ist.« – »So müssen wir uns allerdings von ihm trennen. Aber wie?« – »Er sieht uns ja nicht wieder.« – »Er kommt doch ins Hotel.« – »Da sind wir bereits fort.« – »Ah! Sie meinen, daß wir ein anderes Hotel beziehen?« – »Fällt mir nicht ein! Wir verlassen augenblicklich die Stadt.« – »Das geht nicht! Wir sind ja mit unserer Aufgabe noch gar nicht zu Ende.« – »Sie ist gescheitert und gar nicht mehr zu lösen. Übrigens kann uns der Überfall des Offiziers viel Schaden machen, und außerdem haben wir als entflohene Gefangene hier keinen sicheren Aufenthalt.« – »Das ist wahr. Also fort.« – »Und zwar sogleich. Aber mein Bruder darf es nicht ahnen. Wir kehren nach dem Hotel zurück, schleichen uns hinein und stehlen uns nur mit dem Notwendigsten fort. Sieht er, daß unsere Pferde und Effekten noch da sind, so wird er glauben, wir kehren zurück, und tagelang warten.« – »Dann wird er doch nach Santa Jaga kommen und uns finden.« – »Nein, denn wir werden dort bereits zu Ende sein.« – »Wie aber kommen wir hin? Laufen können wir doch nicht.« – »Nein; wir reiten.« – »Woher Pferde nehmen, wenn wir die unsrigen zurücklassen?« – »Kaufen. Jeder Pferdehändler hilft uns aus, sogar in der Nacht.« – »Wissen Sie einen?« – »Ich sah heute das Schild eines solchen gar nicht weit von unserem Hotel. An ihn könnten wir uns wenden.« – »Beeilen wir uns also, damit wir bereits fort sind, wenn Ihr Bruder zurückkehrt.«

Als Cortejo und Landola ihren Gasthof erreichten, stiegen sie über die Hofmauer und gelangten unbemerkt auf ihr Zimmer. Dort nahmen sie, wie besprochen worden war, nur das Allernötigste mit und kehrten auf demselben Weg nach der Straße zurück.

Nach einigem Klopfen gelang es ihnen, den Pferdehändler aus dem Schlaf zu wecken. Sie sagten, daß sie auf Mietpferden aus Querétaro kämen, und da sie augenblicklich nach Puebla müßten, so seien sie gezwungen, sich noch während dieser Nacht und in aller Eile Pferde zu kaufen.

Der Mann führte sie in den Stall und zeigte die Pferde. Sie wurden schnell handelseinig und nahmen für jedes Tier noch einen Sattel, da sie, um Grandeprise zu täuschen, die ihrigen im Hotel zurückgelassen hatten.

16. Kapitel.

Unterdessen war der Jäger zu dem scheinbar noch ohnmächtigen Offizier getreten, hatte die Uniform ausgezogen und den Degen abgelegt, um an Stelle dieser Sachen seine eigenen Kleidungsstücke wieder anzuziehen, dann entfernte er sich, nachdem er dem regungslos Daliegenden noch den Knebel und die Fesseln abgenommen hatte.

Jetzt war Geierschnabels Zeit gekommen. Er schwang sich wieder über die Mauer herüber und schritt, ohne sich um den Offizier, um den er ja nun unbesorgt zu sein brauchte, zu bekümmern, dem sich Entfernenden nach. Dabei hatte er die Klugheit, seine Stiefel auszuziehen, so daß es nun ganz unmöglich war, daß seine Schritte gehört werden konnten.

Er folgte seinem Vordermann langsam durch mehrere Straßen, bis dieser sein Hotel erreichte. Dort blieb Grandeprise eine ganze Weile stehen und stieg, als ihm das Warten zu lange dauerte, über den Zaun, um durch den Hof nach seinem Gelaß zu gelangen.

Geierschnabel schritt sinnend eine kleine Strecke weiter. Es war jetzt die Nacht sehr vorgeschritten, und über den Anhöhen des Ostens begann sich ein falbes Licht auszubreiten.

Da wurde in kurzer Entfernung ein Tor geöffnet, aus dem zwei Reiter hervorkamen. Am Tor stand ein Mann.

»Adios, Señores«, grüßte er. »Glückliche Reise!« – »Adios«, antwortete einer von den zweien. »Der Handel, den Sie gemacht haben, ist nicht schlecht zu nennen.«

Sie ritten davon, und der Mann verschwand hinter dem Tor. Geierschnabel blickte den Reitern nach, oder vielmehr, er horchte ihnen nach, denn von ihren Gestalten waren nicht einmal die Umrisse deutlich zu erkennen gewesen.

»Bei Gott«, murmelte er, »die Stimme des Reiters war ganz genau diejenige, die dort bei dem gefesselten Offizier mit dem famosen Jäger gesprochen hat. Aber das muß eine Täuschung sein, da diese Reiter eine Reise antreten, während Cortejo und Landola nach ihrem Hotel zurückgekehrt sind.«

Er schritt sinnend eine kleine Strecke weiter und blieb endlich wieder überlegend stehen.

»Der Teufel traue sich und noch weniger anderen«, brummte er. »In dieser schlechten Welt, in der es keinen guten Menschen gibt, wird der beste Mensch von den anderen betrogen. Diese beiden Spitzbuben sind so fein und schlau, daß selbst ein Geierschnabel sich gratulieren kann, wenn es ihm gelingt, sie ein einziges Mal zu überlisten. Das sicherste ist doch das beste. Ich werde mich erkundigen, obgleich in diesem Wigwam, was sie hier Hotel oder Gasthaus nennen, noch keine Menschenseele wach sein wird.«

Er kehrte nach dem Hotel zurück. Seit der Anwesenheit der Franzosen hatten alle dieser Häuser, wo früher an den alten Gebräuchen festgehalten wurde, sich den europäischen Sitten anbequemt. Es waren da Kellner, Kellnerinnen und Hausknechte zu finden. Ein Geist von der letzten Sorte erschien, als Geierschnabel die Glocke zum dritten Male in Bewegung gesetzt hatte. Er machte ein höchst schläfriges und verdrießliches Gesicht und fragte:

»Wer klingelt denn mitten in der Nacht?« – »Ich«, antwortete Geierschnabel gelassen. – »Das merke ich. Aber was sind Sie denn?« – »Ein Fremder.« – »Auch das merke ich. Und was wollen Sie?« – »Mit Ihnen sprechen.« – »Sogar das bemerke ich. Aber ich habe keine Zeit. Gute Nacht.«

Der Hausknecht wollte die Tür schließen, aber Geierschnabel war vorsichtig und rasch genug, ihn daran zu hindern. Er ergriff ihn beim Arm und fragte, obgleich der Hausknecht viel älter schien als er selbst:

»Mein lieber Sohn, warte noch einen Augenblick. Weißt du, was ein Frank ist?«

Der Mann war über diese Frage ganz verblüfft.

»Ja«, antwortete er. »Ein französisches Geldstück, das den fünften Teil eines Duro oder Dollars wert ist.« – »Schön, mein Sohn. Und weiß du auch, was ein Duro oder Dollar ist?« – »Fünfmal so viel als ein Frank.« – »Sieh, du weißt das ganz genau. So einen Duro und noch fünf Franken, also zwei Dollar oder zehn Franken gebe ich dir, wenn du deinen lieblichen Mund öffnen willst, um mir einige kleine Fragen zu beantworten.«

Das war dem Mann noch selten vorgekommen. Er starrte den splendiden Fremden an und fragte:

»Ist das wahr, Señor?« – »Ja. Und außerdem will ich dich Sie nennen, während ich Sie bisher du genannt habe.« – »So geben Sie zuerst einmal das Geld.« – »Nein, nein, mein Sohn. Erst mußt du mir sagen, ob Sie mir antworten wollen, dann werden Sie sehen, ob du das Geld sogleich und ehrlich ausgezahlt bekommst.« – »Gut. Ich werde antworten.« – »Das freut mich. Hier haben Sie zehn Franken.«

Geierschnabel griff in die Tasche, zog einen Lederbeutel und drückte dem Hausknecht ein Geldstück von dem angegebenen Wert in die Hand.

»Señor«, meinte da dieser, »ich danke Ihnen. Unsereiner braucht seinen Schlaf sehr notwendig, aber für so ein Trinkgeld stehe ich zu jeder Zeit auf. Fragen Sie.« – »Es ist nicht viel, was ich zu fragen habe. Logieren heute viele Fremde hier?« – »Nicht sehr viele. Zehn oder elf.« – »Sind dabei drei, die zusammengehören?« – »Nein, wenigstens glaube ich es nicht. Alle wohnen einzeln, außer zweien, die zusammen ein Zimmer genommen haben.« – »Kennen Sie die Namen dieser Señores?« – »Der eine ist Don Antonio Veridante und der andere dessen Sekretär.« – »Ein dritter ist nicht dabei?« – »Ein dritter kam mit ihnen, wohnt aber nicht bei ihnen.« – »Wie heißt er?« – »Ich weiß es nicht« – »Was ist er?« – »Auch das weiß ich nicht. Er geht sehr einfach gekleidet, fast wie ein armer Vaquero oder Jäger.« – »Sind diese drei Personen am Abend ausgegangen?« – »Sie sind seit Einbruch der Nacht fort.« – »Aber sie sind wiedergekommen?« – »Ich habe nichts bemerkt.« – »Ich habe einige vertrauliche Worte mit diesem Jäger oder Vaquero zu sprechen. Wird dies möglich sein?« – »Werden Sie es verantworten, wenn ich ihn wecke, falls er überhaupt daheim ist?« – »Er ist daheim. Und verantworten werde ich es. Gibt es einen Raum, in dem wir sein können, ohne belauscht zu werden?« – »Er schläft nur in einer Hängematte und kann Sie also bei sich empfangen, wann er will. Soll ich ihm einen Namen nennen?« – »Ja. Sagen Sie ihm, Don Velasquo d'Alcantara y Perfido de Rianza y Hallendi de Salvado y Caranna de Vesta-Vista-Vusta wünscht ihn zu sprechen.«

Geierschnabel sagte diesen Namen in einem so adelsstolzen Ton, daß der dienstbare Geist gar nicht daran zweifelte, daß der Sprecher berechtigt sei, ihn zu tragen. Nur fiel es dem Hausknecht gar nicht leicht, diese Worte mit einem Male zu behalten. Er bat daher:

»Wollen Sie mir den Namen nicht noch einmal nennen, Don Velasquo? Wir sind auf so vornehme Señores noch nicht eingerichtet.« – »Noch nicht eingerichtet? Mit dem Gedächtnis? Gut. Wenn ich hier verkehre, wird diese Schwäche weichen. Ich bin Don Velasquo d'Alcantara y Perfido de Rianza y Hallendi de Salvado y Caranna de Vesta-Vista-Vusta.« – »Schön. Jetzt weiß ich es sehr genau. Entschuldigen Sie, daß ich Sie an der Tür warten lasse, aber in dem Zimmer schlafen die Maultiertreiber auf der Diele.« – »Tut nichts. Ich will weder die Treiber, noch die Diele in ihrer Ruhe stören!«

Der Hausknecht ging. Vom Hof aus führte eine Holztreppe nach den Räumen empor, die hier mit der Bezeichnung Fremdenzimmer beehrt wurden. Der Mann klopfte leise an eine der Türen. Grandeprise war erst vor wenigen Minuten nach Hause gekommen und schlief noch nicht. Er lag angekleidet in der Matte.

»Wer ist's?« fragte er, erstaunt über dieses Klopfen. – »Der Hausmeister. Darf ich einmal hereinkommen?« – »Ja.« – »Mit dem Licht?« – »Immerhin.«

Die Tür öffnete sich leise, damit kein anderer Gast geweckt werde, und der Mann trat ein.

»Was gibt es denn?« fragte der Jäger erstaunt, befremdet und besorgt zu gleicher Zeit. – »Señor, es ist ein Fremder unten, der Sie zu sprechen wünscht.« – »Wer?« – »Ein hoher Herr von Adel. Es ist ein Don – Don – Don Alcanto de Velasquo y Rifeda de Percantara y Hallmanza de Rillendo y Carvado de Salranna y Vesta de Vista y Vusta.«

Der Jäger schüttelte den Kopf.

»Was will er?« – »Er redete von einer freundschaftlichen Besprechung.« – »Ist er von hier?« – »Nein, jedenfalls nicht.«

Das beruhigte Grandeprise; aber dennoch fragte er:

»Woher weiß dieser Don, daß ich hier wohnte?« – »Er muß Sie kennen, denn als ich sagte, daß Sie wie ein Vaquero oder Jäger gekleidet seien, da schickte er mich herauf.« – »Nun, da bin ich neugierig. Er mag kommen!«

Grandeprise brannte, als der Hausknecht sich entfernt hatte, sein Licht an und blickte nach dem Revolver, ob dieser auch im Schuß sei. Nach dem, was heute vorgekommen war, mußte er immerhin auf eine nicht sehr angenehme Überraschung vorbereitet sein.

Da trat der Fremde ein und zog die Tür hinter sich zu, deren Riegel er obendrein vorsichtig vorschob. Die beiden blickten einander ganz erstaunt an. Das hatte keiner von ihnen erwartet.

»Alle Teufel!« rief der eine. – »Alle Wetter!« der andere. – »Geierschnabel!« – »Ihr hier?« – »Wie kommt Ihr hierher nach Mexiko?« – »Nein, wie kommt Ihr her?« – »Ich sah Euch doch bei Juarez!« – »Und ich sah Euch nach dem Rio del Norte gehen. Euer Gesicht kenne ich, aber Euren Namen noch nicht.« – »Grandeprise.« – »Grandeprise? Der dort drüben am Ufer von Texas haust?« – »Ja.« – »Ah, Euer Name hat, soviel Euch betrifft, einen guten Klang, aber es ist auch etwas Widerwärtiges dabei.« – »Wieso?« – »Es gibt einen großen Schuft, der ebenso heißt.« – »Ah! Kennt Ihr ihn?« – »Sehr gut sogar«, nickte Geierschnabel. – »Persönlich?« – »Persönlich und par Renommee.« – »Ist das möglich? Hört, ich suche diesen Kerl schon seit langer Zeit!«

Geierschnabel blickte ihn befremdet an.

»Ihr sucht ihn?« fragte er. – »Ja.« – »Hm. Hm. Und Ihr habt ihn noch nicht gefunden?« – »Leider nicht.« – »So. Hm, hm. Ich denke, ein Jäger muß doch Augen haben!« – »Hoffentlich habe ich welche!« – »Ja, aber ob sie sehen gelernt haben?« – »Ich bin überzeugt davon.« – »Ich nicht. Ich bezweifle es sogar sehr.«

Die Miene Grandeprises verfinsterte sich.

»Soll ich etwa annehmen, daß Ihr mich beleidigen wollt?« fragte er. – »Nein. Aber setzt Euch doch einmal in Eure Hängematte und erlaubt mir, mich da dieses Stuhles zu bedienen. Dann werde ich Euch etwas sagen, was wir näher zu besprechen haben werden.« – »Setzt Euch! Was ist's, das Ihr mir zu sagen habt?«

Geierschnabel setzte sich auf den Stuhl, spuckte sein Primchen mit einem dicken Saftstrahl über die ganze Stube, biß sich ein neues, gewaltiges Stück Kautabak ab, und erst dann, als dieses in der Backe den gehörigen Platz gefunden hatte, begann er:

»Ich will Euch in aller Freundschaft bemerken, daß Ihr entweder ein ungeheurer Schurke oder ein ganz bedauerlicher Schwachkopf seid!«

Da glitt der andere blitzschnell aus der Hängematte, zog den Revolver, postierte sich vor den Sprecher und drohte:

»Hölle und Teufel! Wißt Ihr, wie man auf ein solches Wort zu antworten pflegt?«

Geierschnabel nickte phlegmatisch mit dem Kopf und meinte:

»Unter Jägern mit dem Messer oder mit der Kugel, falls die Sache nicht zu beweisen ist.« – »Ich hoffe aber nicht, daß Ihr sie beweisen könnt, Master!« – »Pah! Regt Euch nur nicht auf! Was Geierschnabel einmal sagt, das hat er auch durchdacht und überlegt, und das pflegt er auch zu beweisen. Steckt Eure Drehpistole ein und hört mich an. Habe ich unrecht, so bin ich dabei, wenn wir uns die Hälse brechen wollen.«

Der andere behielt den Revolver in der Hand, ließ sich aber finsteren Blickes in die Hängematte zurückgleiten und entgegnete:

»So redet! Aber nehmt Euch in acht! Ein Wort zu viel, und meine Kugel sitzt Euch im Kopf!« – »Oder Euch die meine!« lachte Geierschnabel. »Ihr behauptet, mich zu kennen, und täuscht Euch da doch gewaltig. Meine Kugel hätte heute schon einige Male Zeit und Gelegenheit, vielleicht auch Veranlassung gehabt, Euch im Kopf zu sitzen.« – »Wieso?« – »Das ist Nebensache. Zunächst habe ich Euch zu beweisen, daß Ihr entweder ein Bösewicht oder ein Schwachkopf seid.« – »Ich werde auf diesen Beweis vergebens warten.« – »Ihr werdet ihn sofort erhalten. Antwortet mir einmal aufrichtig. Ihr wart in Verakruz?« – »Ja.« – »Dort lerntet Ihr zwei Männer kennen, einen Don Antonio Veridante und dessen Sekretär?« – »Ja.« – »Ihr kamt mit ihnen gestern nach Mexiko und hieltet am Abend draußen auf dem Friedhof die Wache, als diese beiden Männer eine Leichenschändung und einen Betrug ausführten?«

Grandeprise blickte ganz erstaunt auf.

»Wie kommt Ihr zu dieser Frage?« meinte er. – »Beantwortet sie!« – »Ja, ich hatte die Wache; aber es ist dabei weder von einer Schändung noch von einem Betrug die Rede.« – »Davon seid Ihr überzeugt?« – »Ich schwöre tausend Eide darauf!« beteuerte Grandeprise. – »Nun, ich will Euch glauben. Aber damit beweist Ihr, daß Ihr zwar kein Schurke, aber dafür ein gewaltiger Schwachkopf seid.«

Der andere wollte abermals aufbrausen, aber Geierschnabel fiel ihm schnell in die Rede:

»Seid ruhig! Ich bringe Beweise. Eure beiden Begleiter wurden gefangengenommen? Nicht wahr?« – »Leider ja.« – »Um sie zu befreien, schlugt Ihr einen Offizier nieder und holtet die Kerle heraus?«

Da erschrak Grandeprise.

»Alle Wetter!« meinte er. »Woher wißt Ihr das?« – »Sagt erst, ob es die Wahrheit ist oder nicht.« – »Ich kann es nicht leugnen. Es war ein wohlgelungener Trapperstreich, auf den ich stolz sein kann, und ich hoffe, daß Ihr als Kamerad mich nicht verraten werdet!« – »Ich bin kein Verräter. Ich hätte Euch längst verraten können und beneide Euch keineswegs um diesen Streich, den Ihr einen wohlgelungenen Trapperstreich nennt. Das war er nicht; aber wißt Ihr, was er im Gegenteil war?« – »Nun?« – »Ein recht dummer Jungenstreich!« – »Master Geierschnabel …« brauste Grandeprise auf. – »Ruhig, ruhig«, antwortete der Genannte. »Ich werde Euch auch das beweisen. Vorher aber sagt mir doch einmal, woher Ihr eigentlich jenen Schurken Grandeprise kennt?« – »Warum fragt Ihr?« – »Weil ich weiß, daß ich Euch dienlich und behilflich sein kann.«

Grandeprise blickte dem Sprecher forschend in das Gesicht und erwiderte dann:

»Alle Welt weiß, daß Geierschnabel ein ehrlicher Kerl und ein tüchtiger Westmann ist. Vor so einem muß man Respekt haben, und darum will ich es ruhig hinnehmen, daß Ihr so mit mir redet, wie ein anderer es niemals wagen dürfte. Ich will Euch sagen, daß dieser Seeräuber Grandeprise mein ärgster Feind ist und daß ich ihn bereits seit langen Jahren suche, um endlich einmal Abrechnung mit ihm zu halten.« – »So, so«, lachte Geierschnabel. »Das ist lustig. Ihr sucht den Kerl und habt ihn doch. Und nachdem ich mir mit anderen die größte Mühe gegeben habe, ihn aufzufinden und festzusetzen, da holt Ihr ihn wieder heraus und laßt ihn entlaufen!« – »Ich verstehe Euch nicht«, meinte Grandeprise. – »Das glaube ich. Wer so einen dummen Jungenstreich verübt hat, der pflegt dann die klügeren Leute nicht zu verstehen. Ich muß Mitleid haben und Euch das Verständnis erleichtern. Ist Euch der Name Cortejo bekannt?« – »Ja«, antwortete der Gefragte sehr kurz. – »Es gibt einen Cortejo in Mexiko und einen drüben im Mutterland. Beide sind die größten Schufte auf der Erde, und sie haben sich den allergrößten engagiert, um ihre Schlechtigkeiten auszuführen.« – »Wer ist das?« – »Landola, den Ihr Grandeprise nennt.« – »Ah! Ihr kennt auch diesen ersteren Namen?« – »Sehr gut sogar. Ist Euch der Name Rodriganda bekannt?« – »Ja. Es gibt ein Grafengeschlecht dieses Namens.« – »Dieses Geschlecht ist sehr reich. Es waren zwei Brüder da, bei denen die beiden Cortejos als Verwalter angestellt waren. Diese letzteren wollten den Reichtum an sich bringen. Den einen Grafen machten sie wahnsinnig und den anderen scheintot. Als er begraben war, gruben sie ihn aus, weckten ihn auf und ließen ihn durch Landola in die Sklaverei verkaufen. Der eine Cortejo hatte einen Sohn, dieser wurde gegen einen Sohn des Rodriganda ausgewechselt, und so kam die Grafschaft in die Hände der Cortejos. Bei dieser Geschichte spielt nun allerlei Mord und Totschlag nebenbei. Personen, die im Wege standen, wurden beseitigt, eine Reihe Personen setzte Landola auf einer wüsten Insel aus, wo sie fast zwanzig Jahre lang im Elend schmachteten. Das war zu viel, da mußte der liebe Gott einmal mit Keulen dreinschlagen, und so haben sich einige Kerle, zu denen auch ich gehöre, zusammengetan, um diesen Menschen das Handwerk zu legen.«

Als Geierschnabel einhielt, fiel Grandeprise ein:

»Landola ist ein Schurke ersten Ranges. Aber was Ihr von den Cortejos sagt, ist wohl übertrieben.« – »Wort für Wort wahr! Ich werde es Euch erzählen!«

Geierschnabel gab nun dem irregeleiteten Jäger eine gedrängte, aber vollständige Darstellung alles dessen, was er selbst wußte. Grandeprise hörte mit immer wachsendem Erstaunen zu, und nachdem der Erzähler geendet hatte, rief er:

»Herrgott! Und diesen Cortejo habe ich gerettet!« – »Ihr?« fragte Geierschnabel überrascht. – »Ja. Oh, nun wird mir alles klar. Ohne mich wäre er blind gewesen und verschmachtet.« – »Sakkerment! Das müßt Ihr erzählen.« – »Ich werde es tun, obgleich ich mich dabei gewaltig blamiere. Ich fange an zu glauben, daß ich dumm gehandelt habe.« – »Oh, noch zehnmal dümmer, als Ihr vielleicht ahnt. Aber erzählt! Dadurch kommt nun endlich Licht in diese dunkle Sache.«

Grandeprise berichtete alles von dem Augenblick an, da er Pablo Cortejo am Rio Grande getroffen hatte, bis zu den Ereignissen des gegenwärtigen Tages. Geierschnabel hörte mit großer Spannung zu, dann sagte er:

»Hört, Master, es gibt doch noch einen Gott im Himmel. Dieser ist es, der mir den Gedanken eingegeben hat, Euch hier aufzusuchen, denn nun weiß ich, wo wir die spurlos Verschwunden finden werden. Aber nun wir gegenseitig alles wissen, sollt Ihr auch das erfahren, was Ihr noch nicht wißt, und damit will ich beweisen, daß Ihr wie ein Schwachkopf gehandelt und einen dummen Jungenstreich begangen habt. Wißt Ihr denn, wer dieser Advokat Antonio Veridante eigentlich ist?« – »Nun?« – »Gasparino Cortejo!« – »Unmöglich!« – »Freilich! Er sucht seinen Bruder! Heute abend wollte er eine Leiche in den leeren Sarg des noch lebenden Grafen Ferdinando legen. Wir erwischten ihn. Ihr aber habt ihn wieder befreit.« – »Ich wiederhole es, das ist unmöglich!« – »Pah! In diesem Fall wird Euch das andere noch viel unmöglicher erscheinen.« – »Was?« – »Wißt Ihr denn, wer der Sekretär dieses Veridante, des Gasparino Cortejo, eigentlich war?« – »Nicht wirklich sein Sekretär?« – »O nein! Ratet es einmal!« – »Ich rate es nicht.« – »Nun, dieser Sekretär war kein anderer als der, den Ihr so vergeblich gesucht habt, nämlich Henrico Landola, der Seeräuberkapitän Grandeprise.«

Der Jäger stand wie erstarrt da. Er war bereits vorher von der Hängematte aufgesprungen und bot nun mit seinen ausgestreckten Armen, seinem offenen Mund und seinen weitaufgerissenen Augen ein Bild des verkörperten Erstaunens, des Fleisch gewordenen Entsetzens.

»Der …?« rief er endlich – »Der – der soll Henrico Landola gewesen sein?« – »Ja. Er hat Euch betrogen, getäuscht und ausgelacht, und Ihr habt ihm vertraut, habt ihm alles aufs Wort geglaubt, Ihr seid der Mitschuldige ihres Verbrechens geworden. Und zuletzt, als wir diesen Menschen, der eigentlich ein Teufel ist, festgenommen hatten, da habt Ihr Freiheit, Ehre, Reputation und selbst das Leben daran gesetzt, um ihn zu befreien, so daß diese Schlange nun wieder stechen und töten kann wie vorher. Ist das nicht ein dummer Jungenstreich, der gar nicht zu begreifen ist?«

Grandeprise holte tief und gepreßt Atem und erwiderte:

»Wenn alles möglich ist, so doch dieses nicht. Ich werde doch meinen Stiefbruder kennen.« – »Ah! Er ist noch dazu ein so naher Verwandter von Euch?« – »Ja. Diese Verwandtschaft war und ist der Fluch meines Lebens.« – »Nun, so sind Eure Augen erst recht nicht zu begreifen.« – »Und ich sage doch, er ist es nicht!« – »Pah! Sie beide, Cortejo und er, haben es mir unten in der Gruft selbst gestanden, daß sie es sind!« – »Wirklich? Gewiß und wahrhaftig?« – »Bei Gott und allen Heiligen! Habt Ihr denn gar nicht bemerkt, daß beide sich die Gesichter mit Kleister oder irgendeinem ähnlichen Mittel beschmiert und so verändert hatten, daß allerdings ein sehr scharfes Auge dazu gehört hätte, hinter diese Schminke zu blicken?«

Da endlich fiel es Grandeprise wie Schuppen von den Augen.

»Mein Gott«, rief er, »ja, das muß es gewesen sein. So oft ich die Stimme dieses Sekretärs hörte, war es mir, als ob sie mir bekannt sei. Sie stieß mich von ihm ab. Oh, ich Esel aller Esel! Meine Dummheit ist geradezu grenzenlos gewesen. Geierschnabel, Ihr habt noch viel zu wenig gesagt, als Ihr mich einen Schwachkopf nanntet. Ich gebe Euch die Erlaubnis, noch ganz andere Worte zu gebrauchen.« – »Na, na«, lachte der andere gutmütig. »Ich könnte zwar Worte suchen wie Ochse, Rhinozeros und so weiter, aber ich will das lieber unterlassen. Sobald einer seine Fehler bekennt, hat er schon begonnen, ein gescheiter Mann zu sein.« – »Aber die Folgen«, rief Grandeprise. – »Welche Folgen?« – »Daß ich bei dieser Leichengeschichte Wache gestanden habe, daß ich mich an einem Offizier vergriffen und die Gefangenen befreit habe! Wie habt Ihr das denn herausbekommen?«

Geierschnabel erzählte auch das.

»Nein, wie dumm von mir«, meinte Grandeprise. »Und ich glaube wirklich, daß dieser Offizier während der ganzen Zeit besinnungslos dagelegen habe. Wißt Ihr denn, daß Ihr mich anzeigen müßt?« – »Wenn wir streng nach dem Gesetz gehen, so habt Ihr allerdings sehr recht. Hm! Hm!« – »Werdet Ihr es tun?« – »Es ist das freilich eine verwickelte Geschichte. Aber Ihr seid Jäger wie ich und sonst ein braver Kerl. Wir sind Kameraden, und in der Savanne haben wir unsere eigenen Regeln und Gebräuche. Was kümmern uns die Gesetze anderer? Sodann müssen wir noch zweierlei bedenken. Erstens wird es nicht anders und besser, wenn ich Euch anzeige, denn die beiden Geflohenen bekommen wir doch nicht zurück. Und zweitens ist es ein Glück, daß Ihr mir in die Hand gelaufen seid. Es ist dadurch Licht in unsere Angelegenheit gekommen, und wir haben den Ort kennengelernt, wo wir die Cortejos und den Landola zu suchen haben.« – »Wo?« – »Im Kloster della Barbara zu Santa Jaga.«

Da klärte sich plötzlich das Gesicht Grandeprises auf.

»Ihr irrt!« sagte er. »Wir haben sie viel näher. Ihr glaubt nicht, wie leicht wir sie haben können.«

Geierschnabel ließ ein fast mitleidiges Lächeln sehen und entgegnete:

»Da habt Ihr sehr recht, ich glaube es allerdings nicht!« – »Und doch sollt Ihr in kurzem überzeugt sein.« – »Wohl nicht! Ihr meint, daß Landola und Gasparino Cortejo sich hier im Hotel befinden?« – »Woher wißt Ihr das?« – »Oh, als ich hinter der Mauer stand, hörte ich ja, daß sie Euch versprachen, nach Verlauf einer halben Stunde hierzusein.« – »Sie sind auch hier.« – »Habt Ihr sie gesehen?« – »Das allerdings nicht.« – »Nun seht! Sie wollten Euch hier einlassen, aber Ihr habt über die Mauer steigen müssen.« – »Ah! Auch das habt Ihr beobachtet?« – »Ja. Ihr seht hieraus, daß der Geierschnabel dem Grandeprise doch wohl etwas überlegen ist, obgleich man seine alte Posaune für eine Höllenmaschine gehalten hat, hahaha! Könnt Ihr in das Zimmer kommen?« – »Zu jeder Minute.« – »Gut, wollen sofort nachsehen.« – »Wir werden sie wecken, und dann sollen sie mir alles bezahlen, was ich bisher bezahlen mußte!« – »Unsinn! Wir werden sie nicht wecken, denn sie werden gar nicht dasein.« – »So kommen sie noch!« – »Hm! Ich habe so eine Ahnung und glaube nicht, daß sie mich täuschen wird. Kommt, wollen sehen!«

Die Männer nahmen das Licht zur Hand und schlichen sich leise, um niemanden zu wecken, nach dem betreffenden Zimmer. Dasselbe war nicht verschlossen. Sie konnten ungehindert eintreten. Geierschnabel hatte recht. Die Gesuchten waren nicht da.

»Sie werden aber doch zurückkehren«, behauptete Grandeprise. – »Meint Ihr? Da wären sie dumm genug. Mit Tagesanbruch wird man in der ganzen Stadt die Geschichte von dem falschen Offizier und den entkommenen Gefangenen wissen. Dann beginnen die Nachforschungen, und diese zwei Menschen sind klug genug, sich nicht so lange herzusetzen, bis sie ergriffen werden. Sie sind bereits fort.« – »Und mich hätten sie hiergelassen?« – »Warum nicht? Soll ich Euch das beweisen?« – »Wie wollt Ihr das anfangen?« – »Sehr einfach. Schaut einmal her.«

Geierschnabel hatte mit dem Licht auf die Diele geleuchtet und gesucht und hob etwas auf, was er Grandeprise hinhielt:

»Was ist das?« – »Straßenkot«, antwortete der Gefragte. – »Fühlt ihn an! Wie findet Ihr ihn?« – »Er ist allerdings noch naß und weich.« – »Wann haben die Kerle diese Stube verlassen, ehe sie nach dem Gottesacker gingen?« – »Bei Anbruch des Abends.« – »Nun, von daher kann der Kot nicht stammen, denn da wäre er hart und trocken geworden. Das, was wir hier sehen, ist vor kaum dreiviertel Stunden von dem Stiefel abgetreten worden. Sie sind also dagewesen.« – »So haben sie mich abermals betrogen!« – »Ich bin überzeugt davon!« – »Ah, ich weiß ein sicheres Mittel, um zu sehen, ob sie nach ihrer Befreiung aus dem Kerker hiergewesen sind. Sie legten ihre Uhren ab, als sie nach dem Kirchhof gingen. Sie wollten sie nicht beschädigen. Hinter dem Spiegel müßten sie noch stecken.«

Geierschnabel ging hin und sah nach.

»Fort!« sagte er. »Seht Ihr's! Während der halben Stunde, die sie Euch Zeit gaben, haben sie sich aus dem Staub gemacht. Sie haben Euch los sein wollen.« – »Donnerwetter! Das wird ihnen aber doch nicht gelingen! Sie sind gewiß nach Santa Jaga, und dort werden wir sie erreichen. Wenigstens darin werde ich mich nicht täuschen.« – »Da will ich Euch nicht unrecht geben. Aber hört meinen Rat! Die Polizei wird sehr rasch ausfindig machen, daß die Flüchtlinge hier gewohnt haben. Seid Ihr dann noch da, so ist es um Euch geschehen.« – »Ihr habt recht. Ich gehe fort. Aber wohin?« – »Natürlich mit mir. Ihr müßt unbedingt dem Herrn Leutnant alles erzählen. Euer Gepäck ist nicht groß, und das Pferd laßt Ihr da.« – »Es ist mein Eigentum.« – »Gut, so nehmt es mit. Der Hausknecht ist da. Bezahlt ihm Eure Zeche, so seid Ihr fertig. Meine Anwesenheit ist ein guter Vorwand, Euern Fortgang zu rechtfertigen.«

Das geschah. Nach zehn Minuten ritt Grandeprise zum Tor hinaus, und Geierschnabel ging neben ihm. Als sie bei dem Pferdevermieter vorbeikamen, stand dieser vor der Tür. Er schien, seit man ihn geweckt hatte, nicht wieder zur Ruhe gegangen zu sein. Geierschnabel benützte diese Gelegenheit und blieb bei ihm stehen. Er grüßte höflich und erkundigte sich:

»Habt Ihr viele Pferde im Stall, Señor?« – »Heute nur drei«, lautete die Antwort. – »Verkauft Ihr zufälligerweise eins davon?« – »Verleihen, ja, aber verkaufen nicht. Ich brauche sie selbst. Die zwei letzten, die ich nicht behalten konnte, habe ich heute nacht verkauft.« – »An wen?« – »An zwei Fremde.« – »Woher kamen sie?« – »Aus Querétaro.« – »Und wohin wollten sie?« – »Nach La Puebla.«

Geierschnabel ließ sich das Äußere der Fremden beschreiben und bekam die Überzeugung, daß es wirklich Cortejo und Landola gewesen seien.

Als er mit Grandeprise in seinen Gasthof kam, ließ er Kurt wecken. Dieser erstaunte sehr, als er erfuhr, was sich während seines Schlafes zugetragen hatte. Erst erzählte Geierschnabel, und dann kam die Reihe an Grandeprise, der seine Fehler eingestand, ohne sie beschönigen zu wollen. Sofort wurde beschlossen, den Flüchtigen nachzureiten. Kurt hatte erst mit Herrn von Magnus und dem Alkalden zu sprechen. Er konnte also nicht augenblicklich fort. Es verstand sich von selbst, daß bei den genannten Herren die Beteiligung Grandeprises an den gestrigen Ereignissen mit Schweigen übergangen werden sollte. Um seiner Sicherheit willen mußte er sofort aufbrechen. Geierschnabel ritt mit ihm. Es wurde ausgemacht, daß beide in Tula warten sollten, bis Kurt mit Peters zu ihnen gestoßen seien.

Daß Cortejo und Landola beim Pferdeverleiher angegeben hatten, sie kämen aus Querétaro und wollten nach La Puebla, also in einer ihrer eigentlichen, entgegengesetzten Richtung, das konnte niemanden irremachen, denn sie hatten vorausgesetzt, daß man sich nach ihnen erkundigen werde.

Die Kunde von dem Geschehenen verbreitete sich am Morgen rasch in der Stadt. Die Polizei geriet in eine fieberhafte Tätigkeit und entdeckte, wie Geierschnabel vermutet, bald, wo die Entflohenen gewohnt hatten. Auch auf Grandeprise und selbst Geierschnabel kam der Verdacht. Der Hausknecht konnte angeben, daß noch während der Nacht ein fremder, reicher Don gekommen sei, der den Jäger oder Vaquero abgeholt hatte. Man erkundigte sich, wie er geheißen und ausgesehen habe, und von diesem Augenblick an war im schwarzen Buch der Polizei zu lesen, daß man nach einem gewissen Don d'Alasquo Velantario y Carfedo de Peranna y Rivado de Salmanza y Hillenda de Vesta y Vista de Vusta vigiliere, der eine ungeheure Nase besitze, die sich jeder als Warnungszeichen dienen lassen möge.

17. Kapitel.

In seinem Zimmer des Klosters della Barbara zu Santa Jaga, das der freundliche Leser ja bereits kennt, saß Pater Hilario, in das Studium eines Buches vertieft. Dieses Buch war Luigi Regerdis »Über die Kunst, Könige zu beherrschen«. Er war in diese Lektüre so sehr vertieft, daß er ein halblautes Klopfen an der Tür zweimal überhörte. Erst als dasselbe zum dritten Male, und zwar etwas ungeduldiger erklang, vernahm er es. Er blickte an die Uhr, zog die Brauen finster zusammen, wie man es bei einer unangenehmen Störung zu machen pflegt, und rief ein kurzes »Herein!«

Aber kaum hatte sich die Tür geöffnet, so daß er den Eintretenden bemerken konnte, da glätteten sich die Falten seines Gesichts und er erhob sich in einer Weise, die deutlich besagt, daß der Kommende ihm sehr angenehm und willkommen sei. Dieser war von kurzer, gedrungener Gestalt. Seine gelben Hängebacken ließen erraten, daß er nicht gewöhnt sei, zu darben; seine kleinen Äuglein hatten jetzt einen freundlichen Glanz, konnten jedenfalls aber auch ganz anders blicken, und seine ganze Erscheinung war diejenige eines Mannes, der sich seines Wertes und seiner Würde wohl bewußt ist.

»Ah, mein lieber Bruder in dem Herrn, willkommen, tausendmal willkommen!« sagte Hilario, indem er dem Eintretenden beide Hände entgegenstreckte. »Wie lieblich sind die Füße des Boten, die da Gutes predigen und Heil verkündigen. Euch hätte ich nicht erwartet, das will ich aufrichtig sagen.«

Sie küßten sich gegenseitig auf die fast mit anekelnder Zärtlichkeit angebotenen Wangen, und dann antwortete der andere:

»Der Mann des Glaubens wandelt die Wege der Vorsehung. Er weiß heute niemals, wohin sie ihn morgen führen werden, aber er bringt Segen mit seinen Schritten und Freude mit seinen Worten.«

Bei dieser mit großer Salbung hervorgebrachten Rede erheiterten sich die Züge des Paters Hilario in einer solchen Weise, daß seine Freundlichkeit wörtlich eine glänzende genannt werden konnte.

»Wie?« fragte er. »Ihr bringt mir gute Botschaft?« – »Ja«, nickte der andere. – »Woher? Aus dem Hauptquartier des Juarez?« – »O nein. Was kann aus der Höhle der Hyäne Gutes kommen!« – »Aus dem Lager des französischen Marschalls?« – »Auch nicht. Der Franzose hat uns genommen, soviel er konnte; er wird uns nichts wiedergeben. Von ihm haben wir nichts zu erwarten.« – »Also vom Kaiser?« meinte Hilario jetzt sehr gespannt. – »Ja, lieber Bruder, vom Kaiser komme ich.« – »Ah, vom Kaiser selbst?« – »Nein. Der Kaiser ist ein Rohr. Von einer starken Hand gehalten, wird es wachsen und zunehmen, unbeschützt aber wird es der nächste Wind umbrechen, so daß es im Staub liegt. Ich komme vom obersten Diener des Herrn und habe Euch im Namen desselben einige Fragen vorzulegen.« – »Ich bin bereit, Euch zu antworten. Wollen wir aber nicht zu dem Wort auch den besten Quell des Wortes nehmen?«

Hilario öffnete ein kleines Schränkchen und zog eine Flasche hervor, aus der er zwei Gläser füllte. Sie stießen an und nahmen die Gläser an den Mund. Es war eigentümlich, mit welcher Aufmerksamkeit der Gast sein Auge auf das Glas des Paters richtete, um sich zu überzeugen, ob derselbe auch wirklich trinken werde. Erst als er bemerkte, daß Hilario sein Glas bis über die Hälfte leerte, ließ auch er sich den süßen, starken Trank über die Lippen laufen. Es war fast, als ob er besorge, daß der Wein eine schädliche Substanz enthalten könne. Hielt er den Pater Hilario, gegen den er doch so freundlich war, für einen Giftmischer?

Sie setzten beide die Gläser auf den Tisch und nahmen die Stühle daneben; dann begann der kleine Dicke:

»Sind wir hier vollständig sicher und unbeobachtet, mein Bruder?« – »Wir werden nicht gestört« – »Auch wird niemand unsere Worte vernehmen?« – »Man kann und wird uns nicht belauschen, denn mein Neffe ist angewiesen, Wache zu halten, sobald ich Besuch habe.« – »So wollen wir von Politik sprechen oder vielmehr von einer Seite der Politik …«

Der Blick des Dicken fiel auf das aufgeschlagene Buch, das der Pater auf den Tisch gelegt hatte. Er unterbrach sich, nahm es zur Hand, las den Titel, blätterte ein wenig darin, und sagte dann, zustimmend mit dem Kopf nickend:

»Ihr lest dieses Buch? Wißt Ihr bereits, daß es in einigen Ländern verboten ist?« – »Ja. Aber der Verfasser gehört zu den Unsrigen.« – »Folglich ist es wert, wenigstens gelesen zu werden. Auch ich habe es und kann sagen, daß ich es mit vielem Vergnügen durchlas. Was sagt Ihr zu dem Kapitel über die Wahl der Mittel zu den im Titel angegebenen Zwecken?« – »Hm«, meinte der Pater mit vorsichtiger Zurückhaltung, »ich möchte fast glauben, daß der Verfasser sich hier etwas zu viel Freiheit genommen hat.«

Der Dicke warf einen forschenden Blick auf Hilario und fragte:

»Das ist Eure wirkliche, rückhaltlose Meinung?« – »Muß es die nicht sein? Haben wir nicht nach den Regeln zu urteilen, die uns von den Lehren und Satzungen der heiligen Kirche vorgeschrieben werden?« – »Wollt Ihr Versteckens mit mir spielen, Pater Hilario?« fragte der andere mit einem überlegenen Lächeln. »Was nennt Ihr Regeln? Was sind Lehren und Satzungen?« – »Ich meine damit die heiligen Worte, die aufbewahrt wurden, weil sie vom Geist Gottes eingegeben worden sind.« – »Zugegeben! Aber lebt dieser Geist nicht mehr? Hat er etwa seine Kraft verloren? Hat er es etwa vorgezogen, nicht mehr auf die Menschen zu wirken? Er hat auf Abraham, Moses, die Richter und Propheten, auf die Apostel und Evangelisten gewirkt. Er hat die Kirchenväter und Päpste erleuchtet; er hat sogar aus Calvin, Luther und Zwingli gesprochen. Was versteht Ihr überhaupt unter diesem Geist Gottes?« – »Kann man von ihm, von Gott und Geist, eine Definition geben?« – »Nein, aber man kann den Begriff umschreiben, man kann seine Meinung in Worten ausdrücken. Hervorragende Männer werden vom Geist Gottes erleuchtet. Die Menschheit entwickelt sich, und der Geist akkomodiert sich dem gegebenen Bildungszustand der Völker, wie sich der Lehrer dem seiner Schüler anbequemt. Die einfache Sprache, die kindliche Anschauung früherer Jahrhunderte ist überwunden. Was der Geist damals sagte, galt für die damals Lebenden, nicht für die später Kommenden. Darum ist jeder neue, große Mann auch ein Reformator. Kann es also Satzungen und Regeln geben, die für Jahrtausende Geltung haben dürfen oder gar müssen?« – »Nein.« – »Nun gut! Wollen wir nun annehmen, daß der Geist nur in einigen Auserlesenen tätig sei? Wohnt er nicht vielmehr in uns allen? Ich muß Euch da ganz bestimmt um Eure Meinung ersuchen.« – »Der Geist wohnt in jedem, das ist nicht zu bestreiten, obgleich er, je nach der vorgefundenen Materie, den einen mehr, den anderen weniger erleuchtet.« – »Angenommen! Was von einzelnen Jahrhunderten, von einzelnen Nationen gilt, muß auch von jedem Menschen gelten. Der Geist bedient sich nicht einer Universalsprache, er spricht mit dem einzelnen in der Weise, die demselben verständlich ist. Die Lehren und Regeln, die er dem einen gibt, können nicht für einen anderen oder für alle passen. Auf diese Weise entwickeln sich individuelle Satzungen und Gesetze, die, da sie vom Geist stammen, heiliger und unverletzlicher sind als alle die sogenannten Gesetze, die die Herren Juristen zusammenstellen. Der Mensch, als vom Geist Gottes beeinflußt, ist nur sich selbst verantwortlich; er hat niemandem Rechenschaft abzulegen über das, was er denkt, redet und tut. Das ist das Resultat der einzig richtigen Philosophie. Wir werden nicht das Reich der Freiheit erlangen, in dem jeder sein eigener Richter und Gesetzgeber ist. Es gehören nur wenig Auserwählte zu demselben. Der Verfasser dieses Buches beweist, daß er einer dieser Auserwählten ist.«

Es war eine furchtbare Philosophie; dieser kleine, dicke Mensch entwickelte ein System, das allen Gesetzen Hohn sprach und einem jeden gerade das zu tun erlaubte, was ihm beliebte; es war die Philosophie der Bosheit, des Verderbens.

Er blickte scheinbar nachdenklich und, wie auf eine Fortsetzung seiner Rede sinnend, vor sich hin, aber diese Pause hatte doch nur den Zweck, die Wirkung zu taxieren, die seine Worte auf den Pater gemacht hatten. Dann fragte er:

»Darf ich annehmen, daß Ihr mit diesen Deduktionen einverstanden seid?«

Der Pater zuckte die Achsel und antwortete:

»Im allgemeinen, ja; aber im besonderen nicht.« – »Wieso?« – »Es schmeichelt mir, daß ein jeder Mensch, also auch ich, vom Geist erleuchtet werden soll. Aber der Umstand, daß diese Erleuchtung je nach der Individualität eine verschiedene ist, läßt mich annehmen, daß zwei Menschen niemals vollständig, sondern nur im allgemeinen gleicher Meinung sein können. Ich muß mir daher die Individualität meines Denkens und Handelns vorbehalten.«

Ahnte der Pater vielleicht, daß der andere das Gespräch nicht ohne Absicht auf dieses Thema gebracht hatte? Ahnte er, daß derselbe damit irgendeinen gefährlichen Zweck verfolge? Erriet er diesen Zweck, und war er etwa entschlossen, sich gegen denselben aufzulehnen?

Der andere schien dieser Ansicht zu sein, denn seine Äuglein verkleinerten sich noch mehr, und er nagte einige Augenblicke lang mit den Zähnen an der Unterlippe, ehe er in scheinbar gleichgültigem Ton sagte:

»Wem fällt es denn ein, Eure Individualität anzugreifen? Wir sprachen ja nur darüber, daß der Verfasser dieses Buches zu weit zu gehen scheint, und es war, gerade da er einer der Unsrigen ist, meine Pflicht, ihn gegen diesen Vorwurf in Schutz zu nehmen.« – »Es sollte eine Meinung sein und kein Vorwurf«, entschuldigte sich Pater Hilario. – »Das freut mich um Euretwillen und besonders auch des Umstandes wegen, daß wir sehr oft, ja, meist gezwungen sind, nach den Anschauungen dieses Buches zu handeln. Der Beweis für diese Behauptung wird sich auch Euch gegenwärtig bieten.« – »So vermute ich, daß Ihr mir den Stoff oder vielmehr den Auftrag zu einer solchen Handlung bringt.« – »Ihr vermutet richtig. Es soll Euch Gelegenheit gegeben werden zu einer Tat des Geistes, auf die Ihr stolz sein könnt, zu einer Tat, die große Belohnung finden wird.« – »Ich bin gern bereit, Euren Auftrag entgegenzunehmen.« – »So hört.«

Der Kleine ergriff das Glas, benetzte seine Lippen, als ob er dieselben zu dem Kommenden erst kräftigen müsse, setzte sich behaglich in seinem Stuhl zurecht und fuhr dann fort:

»Ihr kennt den Zustand unseres Landes und wißt, was wir, das heißt unsere Gesinnungsgenossen, von demselben erwarten können. Oder glaubt Ihr etwa, Euer Heil bei Juarez zu finden?« – »Oh, keineswegs.« – »Bei diesem österreichischen Max?« – »Ebensowenig.« – »Oder bei irgendeinem anderen Führer, der unseren Grundsätzen ebenso fern steht, wie er sich weigert, unsere berechtigten Forderungen anzuerkennen und zu befriedigen?« – »Ganz und gar nicht.« – »Nun gut, so sehen wir doch einmal, ob uns wirklich alle Hoffnungen genommen sind. Was haltet Ihr von der Fortdauer der französischen Invasion?« – »Die Franzosen müssen gehen.« – »Von der Fortdauer des Kaiserreiches?« – Es wird und muß zusammenbrechen, sobald es seiner einzigen Stütze, das heißt der Franzosen, beraubt ist.« – »Was wird dann geschehen?« – »Juarez wird wieder an das Ruder kommen.« – »Und was haben wir von diesem Mann zu erwarten?« – »Die unnachsichtigste Rache, die schärfste Unterdrückung.« – »Ich sehe, daß wir übereinstimmen. Wir müssen dieses uns bevorstehende Schicksal zu vermeiden suchen; das ist eine Aufgabe, an die wir alle Kräfte setzen müssen.« – »Es wird uns nicht gelingen, sie zu lösen«, meinte der Pater. – »Warum?« fragte der andere, indem ein leises, überlegenes und fast höhnisches Lächeln um seine Lippen spielte. – »Wollen und können wir die Franzosen zurückhalten?« – »Fällt uns nicht ein.« – »Oder wollen wir das Kaiserreich dieses Maximilian stützen?« – »Dieses ebensowenig.« – »Oder wollen wir uns der wahnsinnigen Hoffnung hingeben, daß es uns gelingen werde, Juarez uns zum Freund zu machen?« – »Das am allerwenigsten. Wißt Ihr, was er kürzlich über uns hat verlauten lassen?« – »Ich hörte es noch nicht.« – »Er hat geäußert, daß es eine Partei im Lande gebe, die er die Partei des Teufels nennen möchte. Weder republikanisch, noch kaiserlich, noch sonst irgendwie gesinnt, rekrutierte sie sich aus Menschen, die, außerhalb aller göttlichen und menschlichen Gesetze stehend, sich von der Kirche losgesagt haben und zum Schein und zur Täuschung anderer sich doch unter dem Panier des Christentums versammle. Diese Partei gebe keinen Pardon und habe also von ihm auch keinen zu erwarten. Sie sei trotz ihres frommen Habitus ja nicht etwa mit der Partei der ultra oder kirchlich Gesinnten zu verwechseln. Sie bestehe aus nur wenigen Mitgliedern, besitze aber eine Tatkraft und Rücksichtslosigkeit, die sie geradezu furchtbar mache.«

Pater Hilario lächelte, ehe er antwortete, eine Weile zufrieden vor sich hin.

»Dieser Juarez scheint uns zu kennen«, meinte er. »Sein Urteil weicht nicht gar zu sehr von der Wahrheit ab.« – »Ich muß es sogar als vollständig treffend bezeichnen. Wir sehen also sehr leicht ein, daß wir von den anderen keine Vorteile, von ihm aber weder Gnade noch Erbarmen zu erwarten haben. Wird er von neuem Präsident, so fallen wir dem unvermeidlichen Verderben anheim. Daraus folgt der Kernpunkt unserer gegenwärtigen Politik: Die anderen gehen fort, Juarez aber geht unter.«

Der Pater schüttelte den Kopf.

»Diese Politik wäre eine gute, wenn sie nur Aussicht auf Erfolg haben könnte«, sagte er.

Wieder spielte jenes höhnische, überlegene Lächeln um die Lippen des Kleinen. Er zuckte die Achseln und meinte leichthin:

»Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen. Glücklicherweise aber haben wir an unserer Spitze einen Mann, dem es nie an Rat fehlt; also läßt sich wohl annehmen, daß uns doch auch zu helfen sei.« – »Hm. Ich kenne nur einen einzigen Rat, den es geben könnte.« – »Welchen?« – »Juarez müßte sterben. Dann wäre man ihn los.« – »Ihr haltet das wirklich für den einzig möglichen Rat?« – »Ja.« – »Ihr Kurzsichtigen könnt mich dauern! Habt Ihr denn noch nie gehört, daß, selbst wenn ein Mensch stirbt, die Seele seines Wirkens doch immer weiterschafft? Wenn Juarez stirbt, so treten andere auf, die in seinem Geist fortarbeiten. Hilfe wird uns also nur dann, wenn man Juarez leben läßt, aber diesen seinen Geist tötet.«

Der Pater, sonst doch ein so scharfsinniger und rücksichtsloser Mann, machte ein sehr verblüfftes Gesicht und meinte:

»Ihr sprecht mir zu hoch, Eure Worte sind mir lauter Rätsel, ich verstehe Euch nicht.« – »Nun, dann muß ich Euch abermals bedauern. Juarez selbst muß leben bleiben, er darf nicht angetastet werden, denn wir wollen ihn zu einem unserer Werkzeuge machen. Aber sein Geist, die Seele seines Wirkens muß sterben, muß moralisch und politisch totgemacht werden. Ist der Augenblick da, wo er sein Werk zu krönen vermeint, muß diese Krone sich in eine Verbrechermütze verwandeln, um die sich ein Scheiterhaufen erhebt, dessen Flammen aus allen Teilen der Erde emporlodern.« – »Ich merke, daß Ihr einen bestimmten Plan vor Augen habt, doch ist es mir nicht möglich, ihn zu erraten.« – »Nun, so will ich ihn Euch in kurzen, trockenen Worten sagen: Kaiser Max ist ein unglücklicher, guter Mensch, der zwar den Fehler begangen hat, Mexiko glücklich machen zu wollen, aber doch die Sympathie der ganzen Erde besitzt. Sein Schicksal war die Abdankung. Das liegt aber nicht in unserem Sinn. Sein Schicksal muß ein viel, viel schlimmeres sein, und Juarez muß zum Urheber desselben gemacht werden. Mit einem Wort, Juarez muß der Mörder des Kaisers Maximilian von Mexiko werden.«

Der Pater fuhr in seinem Stuhl empor.

»Alle Teufel!« rief er. »Dann wäre er allerdings verloren. Er würde von aller Welt gerichtet werden, er würde unmöglich sein, er wäre in jeder Beziehung tot und abgetan.« – »Jawohl. Und dann? Kein Napoleon, kein Bazaine, kein Österreicher, kein Juarez! Wir hätten gewonnenes Spiel!« – »Werden aber niemals so weit kommen.« – »Warum?« – »Es wird kein Mensch Juarez dazu bringen, der Mörder des Kaisers zu sein.« – »Oh, ich kenne doch einen, der dies fertigbringen soll und wird!« – »Wer wäre das?« – »Ihr! Pater Hilario aus Santa Jaga!«

Der Pater machte ein Gesicht, das sich gar nicht beschreiben läßt. Man sah es ihm aber an, daß er mehr erschrocken als erstaunt war, gerade seinen Namen hier zu hören.

»Um des Teufels willen! Was könnte denn ich dabei tun?« rief er mit dem Ausdruck gänzlicher Ratlosigkeit. – »Fällt Euch denn wirklich gar nichts bei?« – »Soll ich den Kaiser etwa erschießen und die Schuld auf Juarez schieben?« – »Nein.« – »Oder soll ich den Kaiser vergiften und dann sagen, daß Juarez mir das Gift bezahlt habe?« – »Nein.« – »Das hieße, mich geradezu in den offenbaren Tod schicken!« – »Das beabsichtigen wir ja nicht. Es gibt da ganz andere, viel feinere und geschicktere Wege.« – »Ich sehe keinen anderen. Der Kaiser kann nicht anders sterben als durch Meuchelmord.« – »Den verschmähen wir. Kennt Ihr denn gar nicht sein berüchtigtes Dekret, in dem er gebietet, jeden Patrioten als Räuber zu behandeln und zu erschießen?« – »Natürlich kenne ich es.« – »Aber Ihr wißt nicht, daß die Wirkung dieses Dekretes auf ihn zurückfallen muß?« – »Auch das weiß ich. Wenn Max in die Hände der Republikaner fällt, so wird ihm der Prozeß gemacht. Juarez kann nicht anders; er darf ihn nicht begnadigen, wenn er nicht dadurch sich selbst verderben will.« – »Nun gut. Endlich fangt Ihr einmal an, zu begreifen! Wir haben weiter nichts zu tun, als eben einfach dafür zu sorgen, daß Max in die Hände der Republikaner fällt.« – »Wie sollte man das anfangen?« – »Ihr denkt nicht daran, daß die Franzosen abziehen werden.« – »Er wird mit ihnen gehen. Napoleon hat die hohe Verpflichtung, das Opfer, das er uns herbeigeschleppt hat, wieder mit sich fortzunehmen; er darf ohne dasselbe nicht abziehen, wenn er nicht von aller Welt gerichtet und verurteilt sein will.« – »Das ist zwar wahr; aber wie nun, wenn sich gerade dieses Opfer weigert, mit ihm zu gehen?« – »Das wäre Wahnsinn!« – »Allerdings. Aber der Wahnsinn, überhaupt unser Kaiser werden zu wollen, war nicht geringer. Max ist lenkbar und ein Träumer. Malt ihm eine Krone vor, und er hält die Farbe für reines Gold.

Es bedarf nur eines Mannes oder zweier Männer, um den Plan gelingen zu lassen. Den einen haben wir bereits, der andere sollt Ihr sein.« – »Ich?« fragte der Pater abermals erschrocken. »Ich soll dem Kaiser raten, nicht mit den Franzosen abzuziehen?« – »Ja, Ihr!« – »Das bringe ich allerdings nicht fertig.« – »Oh, man wird Euch alle Mittel in die Hand geben, die nötig sind, diesen Maximilian zu überzeugen, daß Ihr recht habt.« – »Er wird es doch nicht glauben.« – »Ihr kennt ihn schlecht, wir aber haben ihn studiert.« – »So soll ich Santa Jaga verlassen und zu Max gehen?« – »Ja.« – »Das geht nicht, das kann ich nicht; ich habe große Verpflichtungen, die mich hier zurückhalten.« – »So macht Eure Rechnung, und man wird Euch entschädigen.« – »Ich fühle mich für die Lösung einer solchen Aufgabe ganz und gar nicht geeignet!« – »Das kommt nicht in Betracht. Wir anderen wissen gerade, daß Ihr der geeignetste Mann dazu seid. Und das ist die Hauptsache.«

Der Pater befand sich augenscheinlich in einer schauderhaften Verlegenheit. Es war allerdings nicht wahr, daß er sich einer solchen Aufgabe nicht für gewachsen hielt; aber er dachte an die Gefangenen, die in seinem Keller steckten, und die er zu beaufsichtigen und zu ernähren hatte. Konnte er fort?

»Nein!« sagte er. »Ich bitte, von mir abzusehen. Es sind andere da, die eine solche Auszeichnung verdienen.« – »Diese anderen sind bereits beschäftigt. Ich habe Euch den ganz bestimmten Befehl zu überbringen, von heute an in zehn Tagen einzutreffen.« – »In Mexiko?« – »Ja.« – »Ich denke, Max residiert in Cuernavaca?« – »Ihr werdet nach Mexiko eine Einladung erhalten, bei ihm zur Audienz zu erscheinen. Ihr seht, daß alles eingeleitet ist und also nichts mehr redressiert werden kann.« – »Und dennoch bin ich gezwungen, zu verzichten.«

Da erhob sich der andere. Seine Miene nahm auf einmal einen erbarmungslosen Ausdruck an; seine Augen hefteten sich fast durchbohrend auf den Pater, und in einem Ton, der dem Versuch eines Löwen, seine Stimme zu erheben, glich, fragte er:

»Ihr wollt wirklich verzichten?« – »Ja.« – »Trotz des strikten Befehls, den ich Euch überbringe?« – »Ich bin gezwungen dazu.« – »Kennt Ihr die Gesetze unserer Verbindung denn noch?« – »Ich kenne sie.« – »Was hat einer zu erwarten, der sich weigert, einen Befehl zu erfüllen?« – »Allerdings eine Bestrafung.«

Der Dicke ahmte höhnisch den Ton des Paters nach, indem er auch dessen Worte wiederholte:

»Allerdings eine Bestrafung! Aber was denkt Ihr Euch denn wohl bei diesem Wort Bestrafung, das Ihr mit einer so naiven Unbefangenheit aussprecht?« – »Es ist eine Bestrafung festgesetzt; aber worin diese zu bestehen hat, das ist nicht erwähnt« – »So denkt Ihr wohl gar, daß die Bestrafung Eurer unbegreiflichen Weigerung etwa in einer kleinen Geldbuße bestehen werde?« – »Ich weiß, daß geheime Verbindungen nicht so leichte Strafen in Anwendung bringen. Ich bin also auf eine größere Geldsumme gefaßt, die ich zu zahlen haben werde.«

Da brach der Dicke in ein lautes Gelächter aus.

»Geld! Geld! Geld!« meinte er. »Ich sage Euch, daß unsere Verbrüderung gar keine Geldstrafe kennt. Es gibt nur eine einzige Art der Bestrafung, und diese heißt – Tod.« – »Tod!« rief der Pater, tief erbleichend. »Wer hat das Recht, eine solche Strafe zu verhängen? Ich erkenne es nicht an.« – »Pah! Ihr habt es durch Euren Beitritt anerkannt!« – »Eine solche Härte wäre Grausamkeit, Unmenschlichkeit.«

Da blickte der andere ihn fixierend von der Seite an und sagte:

»Grausamkeit? Unmenschlichkeit? Diese Worte gebraucht Ihr?« – »Ja, ich!« – »Das ist fast lustig; das ist sogar lächerlich. Kann es einen grausameren, rücksichtsloseren Schurken geben als Euch? Und Ihr, Ihr wollt andere grausam und unmenschlich nennen?«

Der Pater trat einen Schritt zurück und antwortete: »Was fallt Euch ein? Was wißt Ihr von mir?« – »Wenn nicht alles, so doch vieles. Oder glaubt Ihr, daß wir das Tun und Treiben unserer Mitglieder nicht beobachten und kennen? Wollten wir das unterlassen, so könnten wir gar nicht bestehen. Oft kennen wir unsere Leute besser als sie sich selbst Was also die Strafe betrifft, so wiederhole ich, daß es nur eine einzige gibt, und diese ist der Tod.« – »So trete ich aus!« – »Hahaha! Austreten! Der Teufel läßt keine Seele wieder aus den Krallen. Ein Austritt ist nicht gestattet, ist nicht möglich. Nur der Tod gibt Befreiung.« – »Beim Himmel! Das hätte ich früher wissen sollen.« – »Ah, manches Eurer Opfer hätte Euch früher kennen sollen! Also, ich wiederhole meine Frage, ob Ihr dem Befehl gehorchen wollt.« – »Laßt mir wenigstens Bedenkzeit.« – »Wozu Bedenkzeit, da alles bereits fest bestimmt ist? Ihr habt ebenso blind und unweigerlich zu gehorchen wie jedes andere Mitglied. Euch besonders will ich noch die Mitteilung machen, daß die Todesstrafe zwar unsere einzige ist, daß wir aber doch auch noch gewisse Verschärfungen kennen. Euer Tod zum Beispiel würde ein sehr verschärfter und nicht etwa ein leichter sein.« – »Glaubt Ihr etwa, daß ich zu Eurem Scherz mich ängstigen lasse?« – »Ich scherze nicht. Ich spreche aus Kenntnis der Sache. Ihr seid nicht der erste, dem ich sein Todesurteil gebracht habe. Das Eure würde darin bestehen, daß Ihr zerrissen oder gevierteilt würdet, und zwar bei lebendigem Leib.«

Das war dem Pater zu stark, so daß er zu glauben anfing, es handle sich wirklich nur um einen grausamen Spaß.

»Ihr würdet dann das Geschäft des Vierteilens wohl in eigener Person vornehmen?« fragte er lachend.

Der Dicke aber behielt sein strenges Gesicht bei und antwortete:

»Das fiele mir nicht ein. Wir wissen es so einzurichten, daß wir unser Urteil niemals selbst zu vollstrecken brauchen. Ihr, zum Exempel, würdet in der Hauptstadt von dem offiziellen Henker hingerichtet. Dafür würden wir sorgen.«

Es überlief den Pater ein kalter Schauder. Der Ton des anderen überzeugte ihn, daß es sich doch nicht um einen Scherz handle.

»Auf welche Weise wolltet Ihr das besorgen?« fragte er. – »Hm! Das will ich Euch sagen, obgleich ich eigentlich zu einer solchen Aufrichtigkeit gar nicht verpflichtet bin. Aber, da fällt mir gleich eine Frage ein, die ich nicht vergessen möchte. Gibt es wohl ein Gift, das den Geist tötet?«

Der Pater dachte wirklich, daß diese Frage seinem Besucher nur ganz zufälligerweise in den Sinn gekommen sei. Als Fachmann erwachte sofort sein Interesse daran, und so antwortete er ahnungslos:

»Ein jedes Gift wirkt eigentlich, indem es den Körper schädigt, auch indirekt auf den Geist.« – »Das meine ich nicht. Ich frage nach einem Mittel, das direkt den Geist tötet, ohne den Körper zu verletzen.« – »Ha, da könnte man das Kurare nennen. Rein angewandt, tötet es die Bewegungsnerven. Der Betreffende liegt regungslos da, scheinbar tot, weiß aber alles, was mit ihm getan wird. Er fühlt ein jedes Lüftchen und den geringsten Nadelstich. In einer Vermischung wirkt es augenblicklich tötend, und in einer anderen Vermischung wirkt es allerdings nur auf den Geist, den es wahnsinnig macht, ohne die geringste Wirkung auf den Körper.« – »Kennt Ihr diese Mischung?« – »Nein.« – »Gibt es noch ein weiteres Gift, das nur wahnsinnig macht, ohne von irgendeiner weiteren Wirkung zu sein?« – »Nein«, sagte der Pater zurückhaltend. – »Und doch hat man mir da kürzlich den Namen eines solchen genannt.« – »Wie hieß es?« – »Ich glaube Toloachi, oder, wie es ausgesprochen wird, Toloadschi.« – »Toloadschi?« machte der Pater nachdenklich. »Hm!« – »Kennt Ihr es?« – »Nein, gar nicht.« – »Das ist doch höchst wunderbar.« – »Warum?« – »Weil Toloadschi eine hier bei uns so häufige Pflanze ist.« – »Möglich, aber ihre Wirkung kenne ich nicht.« – »Sie soll große Ähnlichkeit mit der Wolfsmilch haben. Ein paar Tropfen ihres Milchsaftes, der vollständig geschmack- und auch geruchlos ist, erzeugt einen unheilbaren Wahnsinn, während der Körper dabei ein hohes Alter erreichen kann. Politische Gegner, Nebenbuhler, allerlei Feinde und Konkurrenten pflegen sich damit unschädlich zu machen, ja, es soll sogar vorgekommen sein, daß – ah, solltet Ihr es nicht auch bereits gehört haben, daß man mit einigen Tropfen dieses Toloadschi auch gekrönte Häupter wahnsinnig gemacht hat?« – »Weiß nichts davon«, antwortete der Pater möglichst unbefangen. Dem anderen aber entging es nicht, daß die Stimme des Paters ganz plötzlich einen gepreßten Ton angenommen hatte.

Der Dicke fuhr in erzählendem Ton fort:

»So spricht man von einer Kaiserin, von der das Volk nichts wissen wollte, weil sie und der Kaiser dem letzteren aufgedrungen worden waren. In einem Kloster wohnte ein früherer Pater, der sich sehr viel mit Medizin beschäftigt hatte und besonders ein ausgezeichneter Kenner des Toloadschi war.«

Der Pater konnte ein Husten nicht unterdrücken.

»Ihr hustet?« fragte der andere höhnisch. »Seid Ihr krank?« – »Nein.« – »Oder langweilt Euch mein Geschwätz?« – »O nein.« – »So kann ich diesen hochinteressanten Fall weitererzählen. Zu diesem Pater nämlich kamen zwei Männer und verlangten von ihm ein Wahnsinn erzeugendes Gift. Sie machten kein Hehl daraus, daß es für die Kaiserin bestimmt sei, erhielten es aber dennoch, natürlich gegen die Auszahlung einer angemessenen Summe, deren Höhe ich sogar kenne.« – »Ist das nicht ein Märchen oder Phantasiestück?« warf der Pater, dem der Schweiß auf die Stirn zu treten begann, ein. – »O nein. Die Kaiserin erhielt das Gift. Nach und nach stellten sich die Vorwirkungen, die den völligen Wahnsinn vorbereiten, ein. Die hohe Dame war gezwungen, einen anderen Kaiser, von dem ihre Krone abhängig war, zu besuchen, um die Erfüllung eines Wunsches von ihm zu erlangen, was allerdings vergeblich war. Kurze Zeit darauf trat der Wahnsinn bei ihr ein.« – »Vielleicht hat sie sich über die Vergeblichkeit dieser Reise und die Nichterfüllung ihres Wunsches so sehr aufgeregt und gekränkt, daß dies der Grund ihrer Krankheit geworden ist.« – »So hieß es allerdings, und so heißt es noch überall; aber Eingeweihte wissen es besser. Wißt Ihr, wer diese Eingeweihten sind?« – »Nein.« – »Einige Obermeister unseres Geheimbundes; auch ich gehöre zu ihnen. Und wißt Ihr, welche Kaiserin ich meine?« – »Ich – ich ahne es«, stieß der Pater hervor. – »So brauche ich es nicht zu sagen. Aber ahnt Ihr denn vielleicht auch, wer der Giftmischer ist?« – »Nein.« – »Der früher Pater eines Klosters.« – »Ich weiß es nicht.« – »Das Gift befand sich in einem Fläschchen von schwarzem Glas.«

Der Pater ächzte vor Angst.

»Am Montag wurde es bestellt, und am Sonnabend brachte er es dem Señor Ri…« – »Um Gottes willen!« rief der Pater, die Hände emporstreckend. – »Was habt Ihr denn?« – »Ich kann dergleichen Erzählungen nicht anhören!« – »Ihr als Arzt? Ihr müßtet doch eigentlich starke Nerven haben!« – »Es wird mir aber dennoch übel davon.« – »Das glaube ich!« lachte der andere. »Wie übel aber müßte es da erst dem wirklichen Täter werden, wenn er davon reden hörte! Glaubt Ihr wohl, daß er gevierteilt würde, wenn die Sache zur Anzeige käme?« – »Der Beweis wäre die Hauptsache.« – »Der ist da; da habt nur keine Sorge. Aber während dieser Mordgeschichte sind wir von unserem eigentlichen Thema abgekommen. Wovon sprachen wir denn eigentlich?«

Der Pater wischte sich den Schweiß von der Stirn und erwiderte: »Wir sprachen zuletzt wohl von dem Befehl, den Ihr mir zu überbringen hattet.« – »Allerdings, ja, davon sprachen wir. Und, wie steht es? Wird dieser Auftrag Euch angenehm sein?« – »Hm! Angenehm gerade nicht.«

Hilario brachte diese Worte kaum zwischen den Zähnen hervor.

»Aber auch nicht unangenehm?« – »Nein«, stammelte er. – »Gut, so bin ich mit Euch zufrieden. Von dieser Toloadschigeschichte und der wahnsinnigen Kaiserin soll nicht wieder die Rede sein; denn ich hoffe nicht, daß Ihr mich zwingen werdet, noch einmal darauf zurückzukommen. Die Euch gewordene Aufgabe kennt Ihr im allgemeinen. Besondere Informationen und Instruktionen werden Euch in der Hauptstadt zuteil. Einige Bemerkungen will ich Euch im voraus machen. Glaubt Ihr, daß Juarez persönlich dem Kaiser übelwill?« – »Ich glaube das Gegenteil.« – »Ich auch, ja, ich habe die Beweise dafür. Juarez wird den Kaiser schonen, so lange es nur immer möglich ist. Er ist sogar bereits in heimliche Unterhandlung mit ihm getreten, um ihn zu retten.« – »Hat er denn Agenten bei ihm?« – »Einen einzigen.« – »Einen Mexikaner?« – »Eine Dame.« – »Eine Dame? Das klingt sehr unwahrscheinlich.« – »Und ist doch wahr. Diese Dame ist ein höchst gefährliches Wesen. Entzückend schön, geistreich, gewandt, listig, wie nur ein Weib sein kann, ist sie zu einer politischen Geheimagentin wie geschaffen. Wir haben sie durchschaut, ein anderer aber noch nicht. Sie ist eine begeisterte Anhängerin von Juarez und verstand es doch, die Franzosen glauben zu machen, daß sie es mit ihnen halte.« – »Ein ähnliches Weib habe auch ich gekannt.« – »Sie sind aber selten. Die, welche ich meine, betrog zum Beispiel die Franzosen und überlieferte Juarez Chihuahua.«

Da fuhr der Pater empor.

»Alle Wetter! Heißt sie etwa Emilia?« fragte er. – »Ja«, antwortete der andere. »Señorita Emilia wird sie genannt. Ist das die, welche Ihr kennt?« – »Ja. Wo steckt sie jetzt?« – »In Cuernavaca.« – »So hat sie wohl sogar beim Kaiser Zutritt?« – »Nein, aber sie verhandelt mit Personen, die mit dem Kaiser verkehren.« – »Brächte die Aufgabe, die ich zu lösen habe, mich auch mit ihr in Berührung?« – »Natürlich! Ihr ständet Euch als Feinde gegenüber. Sie soll ja für Juarez wirken und Ihr gegen ihn. Sie wird alles tun, um den Kaiser zur schleunigen Abreise zu bewegen, und Ihr sollt alles tun, um ihn festzuhalten.«

Die Haltung des Paters war jetzt plötzlich eine ganz andere geworden, die Gewißheit, mit Emilia zusammenzutreffen, söhnte ihn schnell und gänzlich mit seinem Auftrag aus, so daß er sogar den Schreck und die Angst vergaß, die ihm die Erwähnung der wahnsinnigen Kaiserin bereitet hatte.

Von jetzt an verlief infolgedessen das Gespräch zur beiderseitigen Zufriedenheit, und als beide voneinander schieden, geschah es in ganz anderer Weise, als es vorher zu erwarten gewesen war.

18. Kapitel.

Der geheimnisvolle Dicke hatte im Hof ein Pferd stehen, das er bestieg, um den Klosterberg hinabzureiten. Fast unten angekommen, begegnete er zwei Reitern, die aufwärts kamen. Ihre Tiere waren abgetrieben, und sie selbst hatten das Aussehen von Leuten, die die Anstrengung einer schnellen Reise hinter sich haben. Sie hielten vor ihm an, und der eine fragte:

»Nicht wahr, Señor, dieses Städtchen dort ist Santa Jaga?« – »Ja, Señor«, lautete der Bescheid. – »Und die Gebäude da oben gehören zu dem Kloster della Barbara?« – »Ja.« – »Seid Ihr da oben vielleicht bekannt?« – »Ein klein wenig.« – »So könnt Ihr uns vielleicht Auskunft geben. Gibt es einen Bewohner des Klosters, der Pater Hilario genannt wird?« – »Freilich gibt es den«, antwortete der Dicke, heimlich die beiden Leute musternd. »Wollt Ihr mit ihm sprechen?« – »Ja. Ist er daheim?« – »Er ist in seinem Zimmer. Reitet nur immer in den Klosterhof, dessen Tor offen steht, und fragt nach ihm. Man wird Euch zu ihm führen. Er ist bekannt als tüchtiger Arzt. Seid Ihr krank?« – »Nein. Warum haltet Ihr uns für Patienten?« – »Weil Euch beiden die Gesichtshaut abblättert und das Fleisch aus den Falten fällt. Wer an solchen Flechten leidet, der darf sich so wenig wie möglich sehen lassen, sonst denken die Leute, es sei nicht Krankheit, sondern er habe sich mit Hilfe künstlicher Mittel ein falsches Gesicht gemacht. Und wenn sie nun zweien zugleich passiert, so wird der Verdacht um so stärker. Merkt Euch das! Adios!«

Der Dicke ritt den Berg hinab. Unterwegs murmelte er:

»Diese Kerle hatten sich die Gesichter geschminkt. Sie wollten zum Pater. Ich denke, der Kerl treibt allerhand Allotria, wovon wir anderen noch gar nichts wissen. Man wird es ihm abgewöhnen.«

Und die beiden Reiter, Cortejo und Landola natürlich, blieben halten, um ihm nachzublicken.

»Der Mensch hat uns durchschaut«, sagte Landola. – »Ist es mir denn so leicht anzusehen?« fragte Cortejo. – »O nein. Es gibt einige ganz feine, winzige Risse in der Schminke, und es gehört ein ungeheuer scharfes Auge dazu, es zu bemerken.« – »Bei Ihnen ist es ebenso. Man hat sich vorzusehen. Wer mag der Kerl sein? Er sah wie ein verkappter Geistlicher aus.« – »Vielleicht erfahren wir es von diesem Pater Hilario. Wollen machen, daß wir das Kloster erreichen.«

Sie taten ganz so, wie der kleine Dicke gesagt hatte. Sie fanden das Tor offen, ritten in den Hof und fragten dort einen Bediensteten nach dem Pater. Zufälligerweise war der Neffe des letzteren, Manfredo, bei der Hand, und dieser erbot sich, sie zu seinem Oheim zu führen.

Der Pater saß noch in seinem Zimmer, über den Auftrag nachdenkend, der ihm geworden war; da brachte sein Neffe die beiden Männer herein und entfernte sich sofort wieder.

Hilario betrachtete sie aufmerksam, da ihm ihre Namen nicht genannt worden waren und er sie auch nicht kannte, und fragte dann:

»Wer seid Ihr, Señores?«

Cortejo ergriff das Wort.

»Das werdet Ihr erfahren, Señor«, meinte er, »wenn Ihr uns vorher gestattet habt, eine Erkundigung einzuziehen.« – »So redet!« – »Ist Euch vielleicht der Name Cortejo bekannt?«

Der Pater wurde aufmerksam und erhob sich von seinem Stuhl.

»Warum?« fragte er. – »Weil wir im Interesse dieses Namens kommen.« – »Was versteht Ihr unter diesem Interesse?« – »Das können wir Euch nicht eher sagen, als bis wir gehört haben, ob er Euch überhaupt bekannt ist.«

Der vorsichtige Pater schüttelte langsam den Kopf und entgegnete:

»Er ist mir allerdings bekannt, aber …« – »Was, aber?« – »Ich habe sagen wollen, daß mir der Name allerdings bekannt ist, weiter aber nichts.« – »Nicht auch die Person?« – »Nein.«

Cortejo blickte den Pater scharf und forschend an und meinte:

»Man pflegt meist auch die Person zu kennen, wenn einem der Name bekannt ist.«

Da zog der Pater die Brauen finster zusammen und antwortete:

»Señores, Ihr kommt mir zum mindesten höchst eigentümlich vor. Ihr tretet hier ein und inquiriert mich, als ob Ihr Richter seid und einen Verbrecher vor Euch hättet. Vergeßt nicht, daß ich hier Herr bin und daß Ihr Euch bei mir befindet!«

Cortejo sah natürlich ein, daß Hilario recht hatte, und antwortete:

»Verzeiht, Señor! Wir können nicht gut anders handeln, da die Angelegenheit, in der wir kommen, sehr heikler Natur ist. Ihr sagt, daß Euch der Name Cortejo bekannt sei?« – »Ja. Wer kennt nicht diesen Namen! Sein Besitzer hat selbst dafür gesorgt, daß er in ganz Mexiko und auch außerhalb dieses Landes bekannt geworden ist.« – »Nun, so werdet Ihr auch einsehen, daß jemand, der sich mit den Angelegenheiten dieses Cortejo abzugeben hat, sehr vorsichtig sein muß.« – »Ich gebe das zu.« – »So ersuche ich Euch noch einmal, mir zu sagen, ob Ihr ihn kennt.« – »Persönlich nicht.« – »Wirklich? Ihr habt ihn nicht gesehen?« – »Nein.« – »Also auch nicht mit ihm gesprochen?« – »Niemals.« – »Und doch bin ich, und sind wir beide, ja, wir alle drei, ganz vom Gegenteil überzeugt« – »Da dürftet Ihr Euch denn doch irren!« – »Wohl nicht. Um Euch zu beweisen, daß ich recht habe, bitte ich um die Erlaubnis, Euch noch einen zweiten Namen nennen zu dürfen.«

Dabei fixierte Cortejo den Pater scharf; dieser aber ließ sich durch diesen forschenden Blick nicht aus der Fassung bringen und antwortete ruhig:«

»Sprecht ihn in Gottes Namen aus!« – »Es ist der Name Grandeprise.« – »Was soll es mit diesem Namen?« – »Kennt Ihr den?« – »Ja.« – »Woher?« – »Oh, er ist doch berühmt oder vielmehr berüchtigt genug. Es gab vor einiger Zeit einen Piraten dieses Namens, von dem ja alle Welt erzählte und redete. Ich habe damals von ihm gehört.« – »Diesen meinen wir nicht.« – »Wen sonst?« – »Einen Jäger, der ebenso hieß.«

Der Pater machte eine nachdenkliche Miene und antwortete:

»Einen Jäger? Hm. Ich müßte mich besinnen. Ah, jetzt, jetzt habe ich's! Ich bin nämlich Arzt. Vor Jahren kam einmal ein kranker Jäger zu mir, den ich heilte. Wenn ich mich recht besinne, hieß er Grandeprise.« – »Er war ein Amerikaner?« – »Ja, ein Yankee.« – »Und Ihr habt ihn nicht wieder gesehen?« – »Nein.« – »Denkt nach, Señor! Ich bin überzeugt, daß Ihr ihn wiedergesehen habt.«

Der Pater fühlte sich doch einigermaßen verlegen, aber er verscheuchte diese schwache Anwandlung und entgegnete:

»Ihr scheint Euch außerordentlich gut unterrichtet in dem zu haben, was ich kenne oder nicht kenne.« – »In diesem Fall bin ich es allerdings.« – »Und doch irrt Ihr Euch sehr.« – »Wohl nicht. Dieser Jäger Grandeprise ist erst kürzlich hier in Santa Jaga bei Euch gewesen.« – »Dann müßte ich es auch wissen.« – »Ihr wißt es ja auch.«

Der Pater machte ein noch finstereres Gesicht als vorher und entgegnete:

»Señor, wollt Ihr mich etwa Lügen strafen?«

Cortejo hielt seinen Blick fest auf ihn gerichtet und antwortete:

»Beinahe, Señor!« – »Mit welchem Recht?« – »Dieser Grandeprise hat es uns ja selbst gesagt!« – »So ist er der Lügner. Er hat Euch getäuscht.«

Diese Worte waren mit solcher Bestimmtheit gesprochen, daß man an der Wahrheit derselben nicht gut zu zweifeln vermochte. Cortejo blickte Landola betroffen an und fragte diesen.

»Ah! Was sagen Sie dazu?«

Auch Landola fühlte sich verlegen. Er antwortete stockend:

»Möglich ist es immerhin. Aber eine ganz verfluchte Geschichte wäre es!« – »Wenn uns dieser Mensch am Ende gar betrogen hätte!« – »Das wäre ein Streich, wie er uns schlimmer nicht gespielt werden könnte. Wir hätten unsere kostbare Zeit verloren.« – »Und den weiten, beschwerlichen Weg hierher umsonst gemacht!«

Cortejo und Landola befanden sich beide in einer Art von Verlegenheit oder vielmehr Bestürzung. Pater Hilario bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen, obgleich die gehörten Worte sein höchstes Interesse erregten. Er hatte von Pablo Cortejo vernommen, daß Gonsalvo Verdillo in Verakruz dessen Agent sei, bei dem allein etwas über Landola zu erfahren sei. Diese Adresse hatte er dem Jäger Grandeprise mitgeteilt, einfach, um ihn loszuwerden. Der Jäger war nach Verakruz gereist, und nun kamen die beiden Menschen und behaupteten, mit demselben gesprochen zu haben. Hatte er sie hierher geschickt? Wer waren sie? Hatten sie ihn bei Gonsalvo Verdillo getroffen? In diesem Fall waren sie Freunde von Cortejo und Landola. War einer von ihnen vielleicht gar dieser letztere? Da fragte Cortejo:

»Señor, sprecht aufrichtig! Ihr habt diesen amerikanischen Jäger Grandeprise wirklich nicht wiedergesehen?«

Hilario beschloß einzulenken, damit sie ihm nicht unverrichteter Sache entwischen möchten, und antwortete:

»Hm. Es ist lange Zeit her, daß ich ihn behandelte. Da ist es möglich, daß ich ihn nicht mehr kenne. Ich habe sehr viele Kranke unter meinen Händen gehabt, daß es kein Wunder sein würde, wenn ich das Äußere eines einzelnen vergessen hätte.« – »Das ist allerdings möglich, aber er würde Euch doch seinen Namen genannt haben!« – »Vielleicht auch nicht. Er kann ja Gründe gehabt haben, ihn mir zu verschweigen.« – »Welche Gründe sollten das sein?« – »Wer kann das wissen? Vielleicht persönliche oder auch politische.« – »Politische? Ein einfacher Jäger?« – »O doch! Wißt Ihr denn nicht, daß sich im Heer des Juarez viele Amerikaner befinden? Ihr habt diesen Jäger wohl in Durango gesprochen, wo sich Juarez befindet?« – »Nein, sondern in Verakruz.« – »Und er will vor kurzer Zeit hier bei mir gewesen sein?« – »Ja, er will direkt von Euch nach Verakruz gegangen sein.« – »Nun, Señores, da seht Ihr es. Er hat die Provinzen berühren müssen, die von Franzosen und Kaiserlichen besetzt sind. Er konnte leicht als Spion ergriffen werden. Das ist ja ein sehr triftiger Grund, seinen Namen zu verschweigen, falls er wirklich bei mir gewesen wäre.« – »Aber er will unter Umständen bei Euch gewesen sein, unter denen er nicht nötig gehabt hätte, sich einen falschen Namen beizulegen. Ja, er wäre sogar gezwungen gewesen, Euch den richtigen zu nennen.« – »Inwiefern? Welches waren die Umstände?« – »Er hat Euch einen Kranken zur Heilung gebracht, weil Ihr ihn selbst einst so gut heiltet.« – »Den Kranken kenne ich nicht. Welche Krankheit war es?« – »Eine Verletzung der Augen.« – »Das ist nicht wahr. Ich habe seit langer Zeit kein krankes Auge behandelt.« – »Das ist wunderbar. Aber vielleicht erinnert Ihr Euch noch eines anderen Umstandes, der dabei in Frage kommt. Ihr habt einen Verwandten, einen Neffen?« – »Ja. Es ist derselbe junge Mann, der Euch zu mir brachte.« – »Nun, dieser Neffe hat in Gemeinschaft mit diesem Jäger Grandeprise den Augenkranken zu Euch gebracht.« – »Das ist mir unbekannt. Aber darf ich denn erfahren, wer dieser Augenkranke gewesen sein soll?«

Cortejo blickte Landola fragend an, und als dieser zustimmend nickte, antwortete er:

»Cortejo soll es gewesen sein.«

Der Pater stellte sich erschreckt und antwortete:

»Cortejo? Ist das wahr?« – »Ja.« – »Jener Pablo Cortejo, der sowohl gegen Juarez, als auch gegen den Kaiser konspiriert hat?« – »Derselbe. Grandeprise sagte es uns.« – »So hat er allerdings fürchterlich gelogen.« – »Verdammt und abermals verdammt!« fluchte Cortejo. »Wißt Ihr vielleicht, daß Pablo Cortejo eine Tochter hat?« – »Das weiß hier jedermann.« – »Nun, auch diese Tochter will Grandeprise zu Euch gebracht haben.« – »Abermals Lüge.« – »Alle tausend Donner! Hätte ich diesen Kerl hier, so sollte er sehen, welch eine Geschichte er sich da eingerührt hat. Wenn es wirklich so ist, wie Ihr sagt, so können wir weiter nichts tun, als Euch um Verzeihung bitten, daß wir Euch gestört haben.« – »Oh, bitte, Señor, das hat nichts zu bedeuten. Aber nun darf ich wohl auch fragen, wen ich bei mir empfangen habe?«

Cortejo fühlte sich in einer nichts weniger als angenehmen, ja sogar fatalen Lage. Er hatte gehofft, zum Ziel zu gelangen, und nun zeigte es sich, daß er getäuscht worden war. Was sollte er tun? Er mußte seinen Bruder auf alle Fälle finden, wenn nicht dieser und auch er verloren sein sollte. Aber wo ihn nun suchen? Im Norden, wo Juarez bereits wieder Herr war? Um keinen Preis! Im Süden, wo man ihn von der Hauptstadt aus bereits verfolgte? Unmöglich! Er befand sich in einer so ratlosen und gefährlichen Lage, daß ihm der Schweiß ausbrach. Leider aber konnte diese Feuchtigkeit nicht den natürlichen Abfluß finden, da das Gesicht durch künstliche Mittel verändert worden war. Cortejo fühlte diesen Schweiß, er dachte nicht an die Gefahr, in die er sich brachte, und zog sein Taschentuch hervor, um sich abzutrocknen.

»Wer wir sind, wollt Ihr wissen, Señor?« fragte er, dabei sich vor Verlegenheit fest abreibend. »Hm, das tut, da wir unseren Zweck nicht erreicht haben, wohl auch nichts zur Sache.« – »O doch«, meinte der Pater unter einem bedeutungsvollen Lächeln. – »Warum?« – »Ich beginne sehr großes Interesse für Euch zu hegen.« – »Aus welchem Grund?« – »Weil Ihr die Maskenscherze ebenso zu lieben scheint wie ich.« – »Maskenscherze? Ich verstehe Euch nicht!« – »Wirklich nicht? Das wundert mich! Ihr seid nicht der, für den Ihr Euch auf Eurer Reise ausgegeben haben werdet.«

Cortejo blickte den Redner erstaunt an. Auch Landola war betroffen, aber er stand hinter Cortejo und konnte also nicht sehen, welche Veranlassung der Pater zu seinen Worten hatte.

»Ich soll nicht derjenige sein, Señor?« fragte Cortejo. »Wißt Ihr denn, für wen ich mich ausgegeben habe?« – »Allerdings nicht.« – »Wie kommt Ihr also zu dieser sonderbaren Annahme?« – »Wer sein Gesicht entstellt, will nicht erkannt sein!« – »Sein Gesicht? Señor, glaubt Ihr etwa, daß dieses Gesicht nicht das meinige ist?« – »Oh, das glaube ich gern. Aber Ihr habt einiges daran, was nicht dazugehört.« – »Alle Teufel! Wie kommt Ihr auf solche sonderbare Gedanken?« – »Hm, Señor, es ist stets mit Gefahr verbunden, Schminke und Puder zu lange auf der Haut zu lassen. Solche Ingredienzien müssen öfters entfernt und dann wieder erneuert werden. Man schwitzt sehr leicht, und der Bart wächst; dadurch wird die falsche Kruste abgestoßen. Das ist auf alle Fälle höchst unangenehm.« – »Aber wie kommt Ihr dazu, gerade mir das zu sagen?«

Der Pater lachte.

»Ihr ahnt das nicht?« fragte er. – »Nicht im mindesten.« – »Und fühlt es auch nicht?« – »Nein.« – »So bitte, seht Euch einmal Euer Taschentuch da an!«

Cortejo folgte dieser Weisung.

»Himmeldonnerwetter!« rief er in allerhöchster Verlegenheit.

Sein Taschentuch hatte sich gefärbt.

»Und blickt einmal hier hinein«, sagte der Pater.

Dabei faßte er Cortejo bei den Schultern und führte ihn zum Spiegel. Cortejo warf einen Blick hinein und fuhr erschrocken zurück. Was für ein fürchterliches Gesicht war es, das ihm da entgegenblickte!

Der Schweiß hatte den Überzug aufgelöst, und dieser letztere war inzwischen mit dem Taschentuch über das ganze Gesicht gerieben worden. Dasselbe sah aus wie ein schlecht oder frisch mit Wasserfarben angestrichener Puppenkopf, an welchem das spielende Kind eifrig herumgeleckt hatte.

Der Pater lachte aus vollem Hals.

»Señor«, sagte er, »seid Ihr ein Komantsche oder Apache?« – »Warum diese Frage«, stammelte Cortejo. – »Weil Ihr Euch mit den Kriegsfarben angemalt habt. Kommt her und wascht Euch!«

Hilario führte Cortejo zum Waschtisch und öffnete denselben.

»Danke«, lautete die Antwort. »Ich muß augenblicklich fort!« – »Pah! So könnt Ihr unmöglich gehen!« – »Aber ich darf Euch ebensowenig inkommodieren!«

Cortejo wußte nicht, was er sagte. Er hatte vor Schreck fast die Besinnung verloren.

»Inkommodieren?« antwortete Hilario. »Inkommodieren würdet Ihr mich nur dann, wenn Ihr in diesem Zustand von mir fortgehen wolltet. Was würde man von mir denken, wenn man Euch draußen begegnete?«

Er drückte dem Verlegenen mit Gewalt den Schwamm in die Hand.

»Waschen Sie sich!« befahl auch Landola.

Seiner Stimme hörte man den Ärger an, der in ihm kochte. Er hätte seinen Genossen ermorden können.

Cortejo gehorchte. Als er fertig war, fixierte der Pater sein Gesicht. Dann meinte er, indem er eine Überraschung zu verbergen suchte:

»Nun, hatte ich nicht recht, als ich annahm, daß Ihr nicht derjenige seid, für den Ihr jedenfalls gelten wollt?«

Cortejo hatte endlich seine Fassung leidlich wiedererlangt.

»Ihr mögt recht haben«, antwortete er unter einem erzwungenen Lachen. »Ich hoffe jedoch, daß wir auf Eure Diskretion rechnen dürfen.« – »Wir?« fragte Hilario. »Das klingt ja, als ob dieser andere Señor sein Gesicht auch entstellt habe!«

Dabei fixierte Hilario Landola mit scharfem Auge. Dieser versuchte, rasch in den Schatten zu treten, doch war es bereits zu spät. Er antwortete mit barscher Stimme:

»Ihr irrt Euch! Mein Kamerad hat einen Scherz geplant; er wollte einen Bekannten überraschen. Das ist aber doch bei mir nicht der Fall.« – »Und doch scheint auch Ihr Verwandte zu haben?« meinte der Pater. – »Wie?« – »Die Ihr überraschen wollt?« – »Wieso?« – »Auch Ihr habt Euch das Gesicht angemalt.« – »Fällt mir nicht ein!«

Landola suchte seine Verlegenheit hinter seinem barschen Ton zu verbergen. Es gelang ihm nur schlecht. Der Pater war nicht der Mann, sich täuschen oder gar einschüchtern zu lassen.

»Señor«, sagte er in einem gutgelungen, freundlich-eindringlichen Ton, »seid doch so gut und gebt der Wahrheit die Ehre! Auch Ihr schwitzt. Aus welchem Grund, das weiß ich allerdings nicht. Aber obgleich Ihr Euch in den Schatten zurückgezogen habt, ist dies doch so langsam geschehen, um mich noch bemerken zu lassen, daß auch Ihr Euch waschen müßt.« – »Hole Euch der Teufel!« – »Nur nicht gleich! Also bitte, tretet auch Ihr näher!«

Hilario zeigte mit der Hand nach dem Waschtisch.

»Ich sage Euch aber, daß Ihr Euch irrt«, rief Landola, vor Zorn mit dem Fuß aufstampfend.

Da griff der Pater in einen Kasten seines Schreibtisches und zog einen kleinen Gegenstand hervor. Dann trat er an die Tür, so daß er den Ausgang mit seiner Gestalt versperrte und sagte:

»Señores, Ihr werdet einsehen, daß es mich frappieren muß, von Männern besucht zu werden, die falsche Gesichter tragen. Wascht Ihr Euch, so erfahre ich vielleicht, daß es sich nur um einen Scherz handelt; tut Ihr dies aber nicht, so muß ich annehmen, daß ich mich in einer Gefahr befinde, gegen die ich meine Maßregeln ergreifen muß.« – »Gefahr?« fragte Landola. »Denkt kein Mensch daran!« – »Oh, ich denke dennoch daran!« – »Welche Maßregel meint Ihr?« – »Diese hier.«

Hilario streckte den Arm mit dem kleinen Gegenstand aus. Es war ein Revolver. Und mit der anderen Hand ergriff er die Klingel.

»Weigert Ihr Euch, so rufe ich Hilfe herbei!« drohte er. – »Verdammt!« rief Landola. »Ihr habt gar nichts zu befürchten!« – »Das glaube ich Euch nicht eher, als bis Ihr es mir dadurch beweist, daß Ihr meiner Aufforderung nachkommt.« – »Ah! Ihr wollt mich zwingen?« – »Allerdings.« – »Gut! Auch wir haben Waffen!« – »Ehe Ihr dieselben zieht, drückte ich los.«

Landola fuhr mit der Hand nach seinem Gürtel.

»Halt!« drohte der Pater. »Oder ich schieße!«

Das erregte bei Cortejo Angst.

»Geben Sie nach!« bat er seinen Genossen. – »Fällt mir nicht ein«, zürnte dieser. – »Bedenkt, Señor«, meinte der Pater, »daß Ihr Euch in einem von Mauern umgebenen Kloster befindet, das einer Festung gleicht.« – »Ist mir gleich.« – »Glaubt Ihr, zu entkommen, selbst wenn es Euch gelingen sollte, mich zu überwältigen?« – »Er hat recht! Gebt nach!« wiederholte Cortejo.

Landola ballte die Fäuste.

»Soll ich mich von einem Pater zwingen lassen?« meinte er. – »Wollt Ihr Euch von Eurem Starrsinn ins Verderben stürzen lassen?« entgegnete der Pater.

Landola sah doch ein, daß es unklug gehandelt sein würde, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen.

»So mag es denn in des Teufels Namens sein!« murrte er.

Er trat zum Waschtisch. Während er sich reinigte, entstand eine Pause, die dem Pater Gelegenheit gab, Cortejo noch genauer zu betrachten, als es vorher geschehen war. Ein eigentümliches, siegesgewisses Lächeln breitete sich um seine Lippen.

Nun war Landola fertig und trat näher.

»So!« sagte er. »Seid Ihr nun zufrieden?«

Diese Worte waren in einem nicht sehr freundlichen Ton an den Pater gerichtet, der desto freundlicher antwortete:

»Ja, Señor.« – »Ihr hattet Angst …« – »O nein, ich war nur vorsichtig«, unterbrach ihn Hilario. – »Das war ganz unnötig. Oder sehe ich wie ein Räuber aus?« – »Beinahe«, meinte der Pater unter einem halben Lächeln. – »Was wollt Ihr damit sagen?« fuhr Landola auf. – »Nicht anderes, als was meine Worte bedeuten.« – »Also Ihr meint, daß ich beinahe wie ein Räuber aussehe?« – »Ja.« – »Donnerwetter! Wißt Ihr, daß dies eine Beleidigung ist?« – »Wenn ich nicht das Richtige getroffen habe, so mag es so etwas Ähnliches sein. Aber seid Ihr nicht wie ein Räuber bei mir aufgetreten?« – »Ich? Ist mir nicht eingefallen.« – »O doch. Zunächst hattet Ihr Euch das Gesicht verändert.« – »Das galt nicht Euch!« – »Sodann kamt Ihr bewaffnet.« – »Jedermann hier trägt Waffen.« – »Ihr drohtet mir!« – »Weil Ihr vorher eine Drohung ausspracht.« – »Ich hatte Veranlassung dazu.« – »Nicht die mindeste. Wir kamen als friedliche Leute, um eine Erkundigung bei Euch einzuziehen …« – »Verweigertet mir aber jede Auskunft über Eure Personen und Eure Namen.« – »Weil unsere Erkundigungen kein Resultat hatten, so konnte es Euch auch nichts nützen, unsere Namen zu erfahren.« – »Hätte ich Euch also eine befriedigende Antwort geben können, so hätte ich erfahren, wer Ihr seid?« – »Ja.« – »Vielleicht erfahre ich es ohnedies?« – »Wohl nicht.« – »O doch. Ihr müßt mir schon aus Höflichkeit Eure Namen nennen.« – »Aus Höflichkeit? Wir haben gar keine Veranlassung zu derselben. Oder seid etwa Ihr höflich gegen uns gewesen?« – »Anfangs sogar sehr. Ich habe Euch alle Auskunft gegeben und jede Eurer Fragen beantwortet, obgleich ich auf die meinigen keine Antwort erhielt. War das etwa unhöflich?« – »Selbst wenn wir Euch Namen nennen, könnt Ihr nicht darauf schwören, daß es die richtigen sind!« – »Oh, was das betrifft, so rühme ich mich eines gewissen Scharfblickes, der mich noch niemals im Stich gelassen hat Ich würde genau wissen, was ich von den Namen zu halten habe. Wollen wir wetten?« – »Pah! Ihr würdet die Wette verlieren.« – »Das wäre erst zu beweisen. Darf ich um Euren Namen bitten?« – »Ich heiße Bartholomeo Diaz und bin Haziendero.« – »Wo?« – »In der Gegend von Parsedillo.« – »Und hier Euer Kamerad?« – »Heißt Antonio Lifetta.« – »Und ist …« – »Advokat. Wir suchten eben diesen Pablo Cortejo, weil ich einen Prozeß mit ihm habe. Señor Antonio begleitet mich, weil ich keine juristischen Kenntnisse besitze und also seiner Hilfe bedarf.« – »Und warum verändert Ihr dabei Eure Gesichter?« – »Weil wir mit Cortejo als Fremde über den Prozeß sprechen wollten. Wir glaubten, wenn er uns nicht kenne, würde er sich zu irgendeiner Äußerung verleiten lassen, die uns eine Handhabe geben würde, ihn zu fassen und den Prozeß zu gewinnen.« – »Damit beweist Ihr allerdings, daß Ihr sehr kluge Leute seid.« – »Also sagt, ob Ihr glaubt oder nicht, daß die angegebenen Namen die echten und richtigen sind.«

Der Pater trat von der Tür zurück und steckte seinen Revolver wieder in den Tischkasten.

»Ah! Ihr entwaffnet Euch!« lachte Landola. »Ihr seid also überzeugt, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe?«

Hilario lehnte sich an die Tischkante, kreuzte die Arme über die Brust und antwortete:

»Ich entwaffne mich, weil meine Besorgnis verschwunden ist; ich sehe ein, daß ich von Euch nichts zu befürchten habe. Was aber die angegebenen Namen betrifft – hm! Habe ich Euch nicht sehr kluge Leute genannt?« – »Allerdings.« – »Das schließt aber nicht aus, daß andere noch klüger sein können.« – »Möglich.« – »Nun, zu diesen Klügeren möchte ich vor allen Dingen mich selbst zählen. So geschickt Ihre Eure Verteidigung auch geführt habt, bei mir verfängt sie nicht.« – »Alle Teufel! Wollt Ihr so gut sein und dies beweisen?« – »Wenn es Euch Vergnügen macht, ja. Zunächst was Euch betrifft, Señor, so gabt Ihr Euch für einen Haziendero aus. Das glaube ich nicht.« – »Warum nicht?« – »Weil Ihr nicht das Aussehen eines solchen habt. Ein Haziendero ist ein ganz anderer Mensch als Ihr. Euer Auge ist nicht das eines Landmannes, eines Maisbauers und Viehzüchters.« – »Das Auge wessen ist es denn?« fragte Landola sichtlich belustigt von der Menschenkenntnis, die der Pater zeigen wollte. – »Es ist so scharf, so – so in die Weite sehend, wie man es nur bei Präriejägern und Seeleuten findet. Ich möchte darauf schwören, daß Ihr zu den letzteren gehört.« – »Da irrt Ihr Euch gewaltig.« – »Werden sehen! Und dann sagtet Ihr, daß Ihr aus der Gegend von Parsedillo seid. Zufälligerweise kenne ich diese Stadt und ihre Umgebung sehr genau. Einen Haziendero, der Bartholomeo Diaz heißt, gibt es dort nicht. Welchen Namen führt denn Eure Hazienda?« – »Es ist die Hazienda Mercedes.« – »Ah, eine solche gibt es weder dort, noch sonst irgendwo im ganzen Land Mexiko.« – »Alle Teufel! Ich werde doch meine Besitzung kennen.« – »Sie wird anders heißen und anderswo liegen. Vielleicht ist es eine wüste Insel im Stillen Ozean.«

Diese Worte waren mit einer so eigentümlichen Betonung gesprochen, daß Landola aufmerksam wurde.

»Was wollt Ihr damit sagen?« – »Nur, daß ich Euch für einen Seemann halte, und Seeleute haben ihre Reichtümer und Besitzungen doch im Meer liegen. Sagt, habt Ihr jemals etwas von der Kunst gehört, aus der Hand eines Menschen zu lesen?« – »Pah, das ist Humbug.« – »Nein, man liest daraus die Geburt, den Charakter, das Temperament, die Schicksale, den Tod, ja sogar den Namen eines Menschen.« – »Unsinn.« – »Ich meine besonders den Vornamen. Zeigt einmal her, Señor!«

Ehe Landola es verhindern konnte, hatte der Pater seine Hand ergriffen, hielt sie fest, betrachtete sie lange und sagte dann:

»Ja, hier steht deutlich Euer Vorname. Soll ich ihn Euch ablesen?« – »Haltet mich doch um Gottes willen für keinen Dummkopf!« – »Oh, ich habe bereits zweimal gesagt, daß ich Euch beide für kluge Leute halte, daß es aber allerdings noch klügere gibt. Dieses letztere beweise ich durch meine Kunst, Euren Vornamen ganz genau aus Eurer Hand zu lesen.« – »Nun, zum Teufel, wie lautet also dieser Vorname?« – »Henrico.«

Landola war sehr überrascht, daß er seine Hand schleunigst aus derjenigen des Paters zog und zurückwich.

»Donnerwetter!« rief er aus. – »Nicht wahr, es ist richtig?« fragte Hilario. – »Ja.« – »Nun seht also! Später vielleicht werde ich beweisen, daß ich auch Euren Zu- oder Familiennamen zu lesen vermag. Zunächst aber zu Eurem Kameraden. Ihr nanntet ihn Antonio Lifetta?« – »Ja.« – »Er ist Advokat?« – »Ja. Das glaubt Ihr wohl auch nicht?« – »O ja, das glaube ich. Er hat ganz das Äußere eines solchen. Aber darf ich fragen, woher er ist?« – »Aus Parlesa.« – »Das glaube ich nicht. Ihr selbst sprecht nicht wie einer aus Parsedillo. Ihr sprecht das Spanische wie ein geborener Amerikaner, der auch Englisch, Französisch und andere Sprachen versteht. Und Euer Kamerad spricht das Spanische wie ein geborener Spanier, und zwar wie einer, der in der nordöstlichen Gegend dieses Landes zu Hause ist.«

Dies alles stimmte so genau, daß die beiden sich einander aufs höchste betroffen anblickten. Aber Hilario fuhr unbeirrt fort:

»Nun gilt es, seinen Vornamen zu lesen. Zeigt her, Señor!«

Er ergriff die Hand Cortejos und betrachtete sie. Dann fragte er:

»Nicht wahr, Ihr nennt Euch Gasparino?« – »Das ist höchst sonderbar«, rief der Gefragte. – »Ich habe also recht gelesen? Also nun auch zu den Familiennamen. Zeigt her!«

Er hielt Cortejos Hand fest und ergriff dazu auch diejenige Landolas. Zu dem letzteren sagte er nach einer Weile:

»Bei Euch ist es schwerer als bei Eurem Kameraden. Habt Ihr Euch vielleicht zweier Namen bedient?« – »Ist mir niemals eingefallen«, antwortete Landola. »Aber lassen wir den Unsinn. Er ist gar nicht nötig.«

Er versuchte, seine Hand freizumachen, aber der Pater hielt sie fest und sagte nach einer abermaligen Pause, während der er die Hände genau betrachtet hatte:

»Ah! Ich habe es! Jeder einzelne Buchstabe ist genau zu lesen. Beide Namen bestehen aus drei Silben, und bei beiden Namen hat die erste Silbe drei Laute, während die beiden anderen nur je zwei zeigen. Ihr, Señor, heißt Landola, und Euer Name, Señor, ist Cortejo.«

Es läßt sich gar nicht beschreiben, welchen Eindruck diese Worte auf die beiden Männer machte. Hatten sie es hier mit einem Wunder zu tun? Gab es wirklich eine Wissenschaft, die es bis zu einem solchen außerordentlichen und erstaunlichen Resultat gebracht hatte? War dieser Pater ein Zauberer oder war er ein Scharlatan, der sie zufälligerweise kannte und sie auf diese Weise zu düpieren versuchte?

In beiden Fällen war ihre Lage keineswegs eine angenehme. Leugnen war das allerbeste, ganz entschiedenes Leugnen; das erkannten beide sofort von selbst.

»Alle Wetter!« rief Henrico Landola ganz bestürzt. – »Alle tausend Teufel und Heiligen!« folgte ihm Gasparino Cortejo. – »Nicht wahr, es ist richtig?« triumphierte der Pater. – »Nein, es trifft nicht zu«, behauptete Cortejo. – »Es ist falsch, es stimmt nicht«, fügte Landola bei. – »Oh, meine Wissenschaft betrügt mich nie«, meinte Hilario. – »Und dennoch betrügt sie Euch«, entgegnete Cortejo. – »Könnt Ihr mir das beweisen?« – »Ja, sofort!« – »So tut es! Oder vielmehr versucht es, denn gelingen wird es Euch auf keinen Fall.« – »Auf alle Fälle! Ihr behauptet also, daß ich Cortejo heiße?« – Ja. Ich behaupte es nicht nur, sondern ich bin sogar ganz überzeugt davon.« – »Und doch suche ich diesen Cortejo. Kann ich also er selbst sein?«

Der Pater warf einen unaussprechlich selbstbewußten Blick auf ihn und meinte dann lächelnd:

»Sucht Ihr nicht Pablo Cortejo?« – »Ja.« – »Und habe ich Euch nicht gesagt, daß Euer Name Gasparino sei?« – »Donnerwetter«, fluchte Cortejo.

An den Vornamen hatte er nicht gedacht. Nun war es mit seinem Gegenbeweis allerdings schlecht bestellt Dennoch versuchte er, sich zu verteidigen, indem er entgegnete:

»Das ist nur eine Vermutung; das ist ein Irrtum. Ich heiße nicht Cortejo, sondern …«

Er hielt mitten in der Rede stockend inne und blickte hilfesuchend zu Landola hinüber. Aber der Pater fiel sofort ein:

»Ah, Ihr habt den Namen vergessen, den Euch Señor Landola zulegte. Das beweist, daß meine Wissenschaft mich nicht getäuscht hat.« – »Oh, ich habe den Namen nicht vergessen; Ihr habt mich nur nicht aussprechen lassen; Ihr seid mir in das Wort gefallen.« – »Ja«, beeilte sich Landola beizustimmen; »es ist ein Unsinn, an diese sogenannte Wissenschaft zu glauben. Der Beweis, daß sie Schwindel ist, ist ja geliefert. Ich – ich soll Landola heißen!«

Er stieß ein höhnisches Lachen aus.

»Und mein Name soll Cortejo sein!«

Der Pater aber schüttelte ernst den Kopf und sagte:

»Señores, denkt ja nicht, daß Ihr mich in Irrtum bringt. Was ich sage, ist wahr. Ich bin imstande, Euch zu beweisen, daß ich stets die Wahrheit spreche.« – »So beweist es!« forderte Cortejo ihn auf. – »Gut. Ihr wollt es haben.«

Hilario zog ein kleines Fach seines Schreibtisches auf und entnahm demselben zwei Karten. Er hielt ihnen die eine hin und fragte:

»Kennt Ihr diese Dame?«

Beide sahen sich, nachdem sie einen Blick auf die Karte geworfen hatten, mit bedeutungsvollen Augen an.

»Ich kenne sie nicht«, sagte Landola. – »Und ich auch nicht«, fügte Cortejo hinzu. – »Da sagt Ihr die Unwahrheit, Señores. Wenn Ihr Mexikaner seid, müßt Ihr dieses Mädchen kennen. Vorhin gabt Ihr Euch für Kinder dieses Landes aus, und diese Fotografie sollte Euch unbekannt sein? Entweder habt Ihr vorher gelogen, oder Ihr lügt jetzt.« – »Señor«, meinte da Landola in drohendem Ton, »ich ersuche Euch, solche und ähnliche Worte zu vermeiden!« – »Wir sind nicht zu Euch gekommen, um uns Lügner nennen zu lassen!« fügte Cortejo in demselben Ton bei.

Der Pater behielt seine Ruhe und antwortete:

»Ihr seid wirklich unverbesserlich! Aber bitte, seht Euch nun auch dieses zweite Bild an.«

Er hielt ihnen dasselbe entgegen, und abermals konnten sie ihr Staunen nicht verbergen.

»Kennt Ihr es?« – »Ich nicht«, meinte Landola. – »Ich auch nicht«, beteuerte Cortejo. – »Sehr sonderbar! Ihr kennt diese beiden Fotografien nicht, und doch sehe ich beim Anblick derselben in Euren Gesichtern deutlich Zeichen des Erstaunens, ja, des Schrecks. Diese Dame ist Señorita Josefa Cortejo. Sie ließ sich fotografieren, um ihre Bilder unter die Anhänger ihres Vaters verteilen zu lassen. Der Herr ist eben ihr Vater, Pablo Cortejo. Auch er ließ sich fotografieren, aber nicht für eine solche Menge, sondern nur für nähere, intimere Bekannte.«

Da fragte Cortejo rasch:

»Ihr habt sein Bild. Also gehört Ihr auch zu diesen Bekannten?« – »Pah! Ich habe Euch ja gesagt, daß ich ihn nie gesehen habe. Also Ihr gebt nicht zu, die Originale dieser Fotografien zu kennen?« – »Nein«, antworteten alle beide. – »Nun, kennt Ihr auch nicht diesen da?«

Hilario griff wieder in das Fach und zog eine Fotografie hervor, die er seinen Besuchern zeigte. Eine Pause trat ein; weshalb, das verrieten die beiden nicht, sie gaben sich im Gegenteil Mühe, ihre Gesichtszüge zu beherrschen.

»Nun, Señores, wollt Ihr mir keine Antwort geben?« fragte der Pater. »Ist Euch dieser Mann vielleicht unbekannt?« – »Vollständig!« stieß Cortejo endlich hervor. – »Mir ebenso«, meinte auch Landola. – »Das bedaure ich«, sagte der Pater mit ironischem Lächeln. »Das ist nämlich ein sehr interessanter Herr. Es ist der junge Graf Alfonzo de Rodriganda, der erst in Mexiko wohnte, später aber nach Spanien ging. Doch leider sagt man, daß er nicht der richtige Erbe, sondern ein fremdes, untergeschobenes Kind sei. Ich glaubte, Ihr würdet ihn kennen. Desto mehr aber bin ich überzeugt, daß Euch die vierte und letzte Fotografie bekannt ist, die ich Euch zeigen kann. Hier ist sie!«

Hilario griff zum dritten Mal in das Fach und zog abermals ein Bild hervor, das er jenen entgegenhielt.

»Tod und Teufel!« rief dieses Mal Landola. – »Verdammt!« rief auch Cortejo. – »Nun?« fragte der Pater, sich mit übermütigem Lächeln an dem bestürzten Ausdruck ihrer Gesichter weidend. – »Ich kenne ihn doch nicht!« meinte Landola. – »Und ich ebensowenig!« meinte Cortejo. – »Wirklich nicht? Aber fällt Euch nicht vielleicht etwas an dieser Fotografie auf?« – »Allerdings«, gestand Cortejo zu. »Sie sieht mir ein wenig ähnlich.« – »Ein wenig nur?« – »Nun …« stockte der Gefragte, »es mag meinetwegen etwas mehr als wenig sein.« – »Auch das nicht. Wenn Ihr Euch heute fotografieren laßt, so könnt Ihr gar nicht besser getroffen werden, als es hier der Fall ist.« – »Aber ich bin es doch nicht!« – »Ihr behauptet das wirklich?« – »Ich muß es behaupten, denn es ist die Wahrheit.« – »Nun, dann sind wir allerdings fertig miteinander«, meinte der Pater, indem er ruhig und wie bedauernd die Achsel zuckte.

Er steckte die Fotografien gemächlich in das Fach zurück, schob dasselbe zu und fuhr fort:

»Wir haben uns alle drei getäuscht. Ihr habt nicht geglaubt, daß man die Namen lesen könne, und ich habe nicht geglaubt, daß es ein so merkwürdiges Naturspiel, eine solche Ähnlichkeit geben könne. Das letzte Bild war dasjenige des Advokaten Gasparino Cortejo aus Manresa oder Rodriganda. So aber ist es, wenn man sich einer vorgefaßten Meinung zu sehr anvertraut; die Enttäuschung kommt sicher nach. Scheiden wir also in Zufriedenheit voneinander. Adios, Señores!«

Hilario winkte unter einem höflichen Lächeln ihnen mit der Hand entlassend zu und drehte sich ab, wie um sich in das Nebengemach zurückzuziehen. Die beiden blickten sich verlegen an, dann aber trat Cortejo vor und entgegnete:

»Halt, Señor! Ehe wir gehen, werde ich Euch ersuchen, mir noch eine Frage zu gestatten.«

Der Pater drehte sich verwundert wieder um und antwortete:

»Eine Frage? Wozu? Ich glaube, daß wir miteinander fertig sind und daß jede weitere Frage zwecklos zu nennen ist.« – »Vielleicht doch nicht.« – »Nun, so sprecht Eure Frage aus, Señor!« – »Sind die Fotografien, die Ihr uns zeigtet, Euer Eigentum?« – »Was anderes sollen sie sonst sein?« – »Ihr könnt sie ja gefunden haben.« – »Dann hätte ich sie abgegeben.« – »Oder sie können Euch zur einstweiligen Aufbewahrung anvertraut worden sein!« – »Dann hätte ich kein Recht, sie Euch zu zeigen.« – »Ihr habt sie also geschenkt erhalten?« – »Ja.« – »Eine jede Fotografie von der Person, die sie darstellt?«

Es war ein eigener, sarkastischer Zug, der über das Gesicht des Paters glitt. Er schüttelte den Kopf und antwortete nur:

»Nein, Señor.« – »Von wem sonst?« – »Interessiert Euch das?« – »Sehr sogar.« – »Das ist mir nun allerdings höchst unbegreiflich!« – »Warum?« – »Ihr kennt ja alle diese Personen nicht. Ihr seid ein Advokat, und Euer Gefährte ist ein Pflanzer. Ihr beide steht jenen allen sehr fern. Wie könnt Ihr Euch für sie interessieren?«

Cortejo blickte sich hilfesuchend um. Er wußte nicht, was er auf diesen berechtigten Einwurf antworten sollte. Da kam ihm Landola zu Hilfe.

»Wir wundern uns darüber, daß Ihr diese Bilder besitzt.« – »Wundern? Aus welchem Grund denn, Señor?« – »Weil Ihr diesen Pablo Cortejo und seine Tochter Josefa nicht kennt.« – »Das ist doch kein Grund zur Verwunderung! Ich habe Euch ja gesagt, daß diese Fotografien im ganzen Land zirkulieren. Man kommt sehr billig zu ihnen, man bekommt sie sogar geschenkt.« – »Aber wie kommt Ihr zu den andern beiden?« – »Ihr meint die von Gasparino Cortejo und dem Grafen Alfonzo de Rodriganda? Oh, durch einen Zufall. Ich habe einen Patienten hier, der sie bei sich hatte und mir schenkte.« – »Darf man fragen, wer dieser Patient ist?« – »Ein gewisser Mariano.« – »Mariano?« fragte Landola rasch. »Woher ist er?« – »Er ist ein geborener Spanier und hat höchst seltene Schicksale hinter sich. Früher hat er sich einmal Alfred de Lautreville genannt« – »Wie ist er zu Euch gekommen?« – »Ein Kollege übergab ihn mir zur Weiterbehandlung.« – »Ein Arzt?« – »Ja, ein deutscher Arzt.« – »Ah! Wie hieß er?« – »Doktor Sternau!« – »Doktor Sternau!« rief Cortejo. »Wißt Ihr, wo sich dieser Euer Kollege befindet?« – »Ja. Interessiert Ihr Euch für ihn? Kennt Ihr ihn vielleicht?« – »Ich habe von ihm gehört. Man rühmt ihn als einen der besten …«

Cortejo wurde unterbrochen. Landola nämlich faßte ihn am Arm, stampfte den Boden mit dem Fuß und rief, indem seine Augen förmliche Blitze auf den Pater schleuderten:

»Halt, reden Sie kein Wort weiter! Sehen Sie denn nicht endlich ein, daß dieser Pater mit uns spielt wie die Katze mit der Maus?«

Diese Überzeugung war Cortejo auch gekommen, doch hatte er versuchen wollen, mit Behutsamkeit weiterzugehen. Das aber paßte für Landolas heißes Temperament nicht. Der Pater blickte den letzteren mit überlegenem Lächeln an und fragte:

»Wie, Señor, Ihr meint, ich spiele mit Euch?« – »Ja«, antwortete Landola zornig. – »Ihr verwechselt die Rollen. Ihr seid es, die mit mir spielen. Ihr kamt nicht mit offenem Visier!« – »Wir durften nicht.« – »Ist es nicht ein Spielen mit mir, wenn Ihr Euch hinter einer Maske versteckt?« – »Das war Vorsicht.« – »Mir falsche Namen nennt!« – »Lauter Vorsicht!« – »Und so tut, als ob Ihr keine einziger der Personen kennt, nach denen Ihr Euch bei mir erkundigen wolltet.« – »Das geschah aus ganz demselben Grund. Warum sagtet aber Ihr uns die Unwahrheit?« – »Weil Ihr nicht aufrichtig gewesen seid. Ich hoffe aber, Ihr seht endlich ein, daß es besser ist, offen zu sein. Nicht wahr, Ihr seid Henrico Landola, der frühere Kapitän Grandeprise?«

Der Gefragte zögerte noch immer.

»Donnerwetter!« sagte er. »Muß ich Euch denn nun wirklich eine Antwort geben?« – »Ja, und zwar eine sehr bestimmte.« – »Nun, bei allen Heiligen oder Teufeln, mir soll es einmal ganz gleich sein, ob ich in das Verderben fahre oder reite. Ja, ich bin dieser Landola.« – »Schön. Und Ihr, Señor, seid Gasparino Cortejo.« – »Ja«, antwortete der Gefragte. – »Na, endlich! Aber sagt mir doch aufrichtig, was Ihr eigentlich hier in Mexiko wollt?« – »Ihr wißt dies ja bereits ganz genau«, antwortete Landola. »Wer hat es Euch verraten? Wer?«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und nahm eine sehr drohende Miene an. Der Pater wehrte mit der Hand ab und antwortete:

»Das verfängt bei mir nicht. Andonnern lasse ich mich noch lange nicht! Wer bei mir etwas erreichen will, der hat mir höflich zu kommen. Merkt Euch das! Wir haben bisher gestanden. Setzt Euch! Auf diese Weise läßt sich unser interessantes Thema viel leichter und friedlicher besprechen, als wenn wir uns einander mit Drohungen gegenüberstehen.«

Die beiden Kumpane kamen seiner Aufforderung nach, und der Pater fuhr fort:

»Ich befinde mich bei mir selbst und bin voraussichtlich derjenige, von dem Ihr irgendeine Auskunft und Gefälligkeit erwartet. Darum ist es wohl nicht mehr als recht und billig, daß ich es bin, auf dessen Erkundigungen Ihr zunächst antworten werdet.«

Landola schlug mit einer finsteren Miene die Beine übereinander und antwortete:

»Fragt, Señor!« – »Ja, fragt! Wir werden nach Möglichkeit antworten«, fügte Cortejo hinzu. – »Wer hat Euch zu mir gesandt?« – »Der Jäger Grandeprise«, entgegnete Landola. – »Wo habt Ihr diesen getroffen?« – »In Verakruz bei unserem Agenten Gonsalvo Verdillo.« – »Wohin ist er dann gegangen?« – »Nach der Hauptstadt, wo er sich noch befindet.« – »Was treibt er da?« – »Allotria, die ihn um Kopf und Kragen bringen werden. Übrigens war es ein sehr dummer Streich von Euch, diesen Menschen zu schicken.« – »Warum?« – »Weil er nicht ehrlich und zuverlässig ist.«

Der Pater lächelte leise.

»Haltet Ihr einen Piraten für ehrlicher als ihn?« fragte er. – »Ja, zum Donnerwetter!« brauste Landola auf. »Meint Ihr, daß ein Pirat ein Schuft, ein Halunke sein muß? Ein braver Pirat wird mit seinen Leuten stets ehrlich sein.« – »Und dieser Grandeprise ist es nicht?« – »Nein und abermals nein.« – »Ah! So ist er unehrlich gegen Euch gewesen?« – »Ja.« – »In welcher Weise?« – »Das zu beantworten ist mir noch ganz unmöglich.« – »Warum?« – »Ich kenne Euch nicht.« – »Man nennt mich Pater Hilario.« – »Das genügt noch lange nicht. Wir wissen noch nicht im mindesten, was wir von Euch zu denken haben.« – »Das könnt Ihr sehr leicht erfahren.« – »Das ist auch unsere Absicht. Wir müssen unbedingt wissen, ob wir einen Freund oder einen Feind in Euch zu suchen haben.« – »Natürlich einen Freund!« – »Könnt Ihr uns das beweisen?« – »Ja.« – »So tut es!« – »Habt Ihr nicht bemerkt, daß ich in Eure Geheimnisse eingeweiht bin?« – »Es scheint allerdings so, als ob Ihr einiges wüßtet.« – »Einiges? Pah! Ich weiß alles!«

Landola schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das möchte ich doch nicht so wörtlich nehmen«, meinte er. – »Und doch ist es so!«

Landolas Gesicht verfinsterte sich. Wer hatte diesen Pater zum Mitwisser gemacht? Es war dies auf alle Fälle eine große Unvorsichtigkeit gewesen.

»Nun«, sagte er, »so zählt einmal alles auf, was Ihr wißt.« – »Ihr sollt es hören«, antwortete der Pater lächelnd. »Ein Knabe wurde von einer gewissen Marie Hermoyes und einem gewissen Pedro Arbellez geholt. In Barcelona wurde dieser Knabe mit einem Sohn eines gewissen Gasparino Cortejo und einer gewissen Schwester Clarissa vertauscht.« – »Zum Henker, wer hat Euch das gesagt?« fragte Cortejo. – »Ihr werdet es erfahren. Dieser falsche Alfonzo wurde in Mexiko vom Grafen Ferdinando erzogen. Doch, laßt es mich kurz machen. Ich weiß alles. Der scheinbare Tod der beiden Grafen Emanuel und Ferdinando, der Aufenthalt des letzteren in Harrar, das Eingreifen dieses Sternau, seine Verheiratung mit Rosa, die famose Reise nach der Insel im Meer, die Rettung durch einen deutschen Kapitän, das alles ist mir bekannt.«

Die beiden Zuhörer vermochten nicht, ihren Ärger zu unterdrücken. Sie blickten einander an, endlich fragte Landola:

»Aber Señor, so sagt mir doch, von wem Ihr das wißt!« – »Ihr gebt also zu, daß alles stimmt?« – »Leider ja.« – »Leider? Ah, Ihr werdet bald hören, daß ich nur zu Eurem Nutzen mit in das Geheimnis gezogen worden bin. Señor Pablo und Señorita Josefa haben mir alles erzählt.« – »Also die beiden! Wie ist das gekommen?« – »Nun, welche unvorsichtige, politische Rolle sie gespielt haben, das ist Euch ja bekannt. Sie wurden des Landes verwiesen. Ihr Kopf stand auf dem Spiel. Da sie das Verbot nicht beachten wollten, so suchten sie nach einem sicheren Versteck und …« – »Haben sie es gefunden?« fragte Cortejo rasch. – »Ja.« – »Bei wem?« – »Bei mir.« – »Wo?« – »Hier im Kloster.« – »Gott sei Dank!« atmete Cortejo auf. »Sie befinden sich hier?« – »Freilich!« – »So ist mir eine große Sorge vom Herzen. Kann ich sie sprechen?« – »Natürlich, Señor.« – »So holt sie herbei, aber rasch!« – »Nur nicht so sehr hitzig, Señor!« meinte der Pater. »Ich darf sie nicht nach diesem Zimmer bringen.« – »Warum nicht?« – »Denkt Ihr etwa, ich bewohne dieses Kloster allein? Natürlich darf kein Mensch ihre Gegenwart ahnen.« – »Ah, so sind sie also gut versteckt?« – »So, daß kein Mensch außer mir sie zu sehen bekommt.« – »Wo?« – »Unterirdisch.« – »Pfui Teufel!« – »Es geht nicht anders, Señor. Übrigens dürft Ihr Euch unser Unterirdisches ganz und gar nicht grausig vorstellen. Habt Ihr einen kleinen Begriff von dem Leben in früheren Klöstern?« – »Hm. Das sehr wohl.« – »Nun, so werdet Ihr wissen, daß es da unten oft Kabinette gab, die besser und bequemer waren als diejenigen, die über der Erde lagen. In solchen Räumen sind Euer Bruder und Eure Nichte untergebracht.« – »Sie leiden doch nicht etwa Mangel?« – »Nicht den mindesten. Sie haben im Gegenteil Überfluß an allem, leider aber auch an Langeweile.« – »Dem werden wir schon abhelfen. Aber sagt, wie kamt denn Ihr dazu, von den beiden in das Geheimnis gezogen zu werden?« – »Das ist sehr einfach und hat doch auch seine ganz besonderen Gründe. Ich muß Euch nämlich sagen, daß ich keineswegs ein Freund des Grafen Ferdinando de Rodriganda bin. Ich habe mit ihm eine sehr alte und ebenso bedeutende Rechnung abzumachen. Es ist mir dies niemals gelungen, obgleich ich mich danach gesehnt habe, wie die Seele im Fegefeuer nach Erlösung. Euer Bruder aber hat mir die Erfüllung dieses Wunsches gebracht.« – »Dadurch, daß er Euch zum Mitwisser machte?« – »Ja. Er hat mit seiner Tochter fliehen müssen. Mein Neffe gehörte zu seinen Anhängern, hat an seiner Seite gekämpft und ihn und seine Tochter vom Tode errettet. Er verhalf ihnen zur Flucht und brachte sie zu mir.« – »Ah! Ist es so? Da sind wir Euch allerdings zur allergrößten Dankbarkeit verpflichtet.« – »Wenigstens denke ich, Euer Mißtrauen nicht verdient zu haben. Ich gewährte Señor Pablo und Señorita Josefa meinen Schutz und verbarg sie vor den Verfolgern. Natürlich mußten sie mir diese nennen, damit ich wußte, wie ich mich gegebenen Falles zu verhalten habe.« – »Wer waren diese Verfolger?« fiel Landola ein. – »Zunächst sind da seine politischen Gegner zu nennen, unter denen ich alle Anhänger des Juarez und des Kaisers Max, sowie auch alle Franzosen verstehe, aber das sind bei weitem nicht die gefährlichsten. Zehnmal gefährlicher waren seine privaten Feinde.« – »Und diese waren?« – »Sternau, Mariano, Büffelstirn, Bärenherz und alle, die zu diesen gehören.« – »Ah, ja! Sie waren hinter ihm her?« – »Natürlich! Sie hatten Señorita Josefa ja bereits an einen Baum gehängt. Mein Neffe rettete sie. Da ich selbst eine Sache mit Don Ferdinando abzumachen hatte, was Euer Bruder erfuhr, so entschloß er sich, mich in das Vertrauen zu ziehen und mir alles zu erzählen. Er hat wohl daran getan.« – »Ich will es glauben«, sagte Cortejo, indem er dem Pater die Hand hinstreckte. »Ich danke Euch! Ihr könnt versichert sein, daß wir uns bemühen werden, Euch unseren Dank auch durch die Tat zu beweisen.« – »Oh, bitte! Ich brauche nichts. Mein Lohn besteht darin, daß Eure Affäre mir Gelegenheit bietet, meine Rechnung mit dem Grafen endlich einmal quitt zu machen.« – »Aber wo befinden sich Sternau und Konsorten?« fragte Landola, auf das höchste gespannt. – »Ah, darauf seid Ihr neugierig! Nicht wahr, Señor?« – »Ungeheuer. Natürlich.« – »Ja, es mag kein geringer Schreck für Euch gewesen sein, als Ihr in Erfahrung brachtet, daß auf jener Insel die Mäuse während der Abwesenheit der Katze entkommen seien.« – »Eine verdammte Geschichte!« – »Ja, diese Geschichte hat mir viele Sorgen gemacht und alle Pläne über den Haufen geworfen«, meinte Cortejo. »Also wo sind diese Menschen jetzt, Señor?« – »Oh, gar nicht weit«, antwortete der Pater lächelnd. – »Wohl im Hauptquartier des Juarez?« – »Nein, sondern in dem meinigen.« – »In dem Eurigen? Was soll das heißen?« – »Nun, könnt Ihr Euch nicht denken, was ich unter meinem Hauptquartier verstehe?« – »Doch nicht etwa dieses Kloster?« – »Natürlich!« – »Was?« rief Cortejo aufspringend. »Sie befinden sich hier?« – »Ja.« – »Hier bei Euch im Kloster?« fragte Landola, ebenfalls vor freudiger Überraschung in die Höhe fahrend. – »Natürlich!« – »Sapperment! Was tun sie da?« – »Was sollen sie tun? Sie hoffen, daß es ihnen doch noch einmal ebenso gelingen werde wie auf jener Insel.« – »Fliehen zu können vielleicht?« rief Cortejo. – »Wieder frei zu werden etwa?« fragte auch Landola.

Beide hatten den Sinn der Worte des Paters zugleich erraten.

»Ja, freilich«, antwortete dieser. – »So sind sie gefangen?« jubelte Cortejo. – »Ja.« – »Dank, Dank, tausendfacher Dank sei den Heiligen dafür gewidmet. Wer hat denn dieses Kunststück fertiggebracht?« – »Ich, Señores«, antwortete der Pater stolz. – »Ihr? Ah, so gebührt Euch noch viel größerer Dank als diesen Heiligen. Aber wie habt Ihr es angefangen?« – »Oh, das ging eigentlich sehr leicht.« – »Erzählt es. Erzählt es!« – »Da gibt es gar nicht viel zu erzählen. Euer Bruder und dessen Tochter waren den beiden Indianerhäuptlingen und diesem Helmers, den sie Donnerpfeil nennen, entkommen. Diese drei jagten ihnen nach und kamen hierher. Euer Bruder hatte mich inzwischen zu seinem Vertrauten gemacht, und so lockte ich diese Kerle in die Falle und steckte sie in eins unserer geheimen Gefängnisse.« – »Prächtig! Prächtig!« riefen die beiden. »Weiter!« – »Sternau merkte, daß den dreien etwas geschehen sein müsse, und machte sich mit den anderen auf, um sie zu suchen. Er fand ihre Spur. Er muß überhaupt ein tüchtiger, respektabler Kerl sein.« – »Ja, das ist er, ein verdammt schlauer Kopf und zugleich ein Wagehals sondergleichen. Er kam auch nach dem Kloster?« – »Freilich!« – »Und Ihr stecktet ihn ebenfalls ein?« – »Natürlich!« – »Das war der beste Streich von Euch. Sternau ist die Seele des Ganzen. Fehlt er, so fehlt der Kopf. Weiter!« – »Nun ginge mir noch die Hauptperson ab, der alte Graf.« – »Ah, das ist wahr. Er dürfte nicht wieder nach Mexiko kommen.« – »Er hat auf Fort Guadeloupe krank gelegen und kam später. Gerade als er sich auf der Hacienda del Elina am sichersten wähnte, sandte ich meinen Neffen hin.« – »Der tötete ihn?« – »Nein. Ich wollte mich persönlich rächen. Ich mußte ihn lebendig haben. Mein Neffe mußte ihn bringen.« – »Durch List?« – »Nein, sondern durch Gewalt. Er schlich unter einer falschen Vorspiegelung ein, gab dem Alten des Nachts einen Hieb, der ihn besinnungslos machte, und brachte ihn hierher.« – »Also lebendig?« – »Ja.« – »Und er lebt noch?« – »Natürlich. Er steckt unten bei den anderen.« – »Das ist herrlich! Das ist prächtig!« jubelte Cortejo. »Also wir dürfen hinab und sie sehen?« – »Das versteht sich, Señor. Sobald Ihr Eure beiden Verwandten gesehen habt, zeige ich Euch die Gefangenen.« – »Ah, das wird eine Genugtuung! Was werden sie sagen, wenn sie mich sehen?« – »Und mich«, knirschte Landola. – »Die Freude wird allerdings sehr groß sein«, lachte der Pater. – »Also sagt, welche Personen es sind, die Ihr als Gefangene habt.«

Hilario zählte sie auf und erklärte seinen Gästen dabei die Anwesenheit des Kleinen André. Landola blickte nachdenklich vor sich nieder, endlich sagte er:

»Das ist alles sehr gut. Ihr habt Eure Sache herrlich gemacht, Señor, leider aber genügt das nicht.« – »Wieso?« – »Es handelt sich nicht nur um die Hauptpersonen. Es ist auch höchst notwendig, daß keine Zeugen vorhanden sind. Wer von Sternau, Mariano und dem Grafen Ferdinando oder irgendeinem anderen in das Geheimnis gezogen worden ist, der ist uns ebenso gefährlich wie die Genannten selbst.« – »Ja, was wäre da zu tun?« – »Sie müssen unschädlich gemacht werden.« – »Sie müssen verschwinden, alle, alle«, stimmte Cortejo bei. – »Wer wäre das alles?« fragte der Pater, der bei dieser Erwähnung sehr nachdenklich geworden war. – »Denken wir einmal nach«, meinte Landola. »Zunächst die beiden Frauen, die mit auf der Insel waren.« – »Emma und Karja?« – »Ja. Sodann Pedro Arbellez und die alte Marie Hermoyes. Auch gilt zu erforschen, was auf Fort Guadeloupe geschehen ist. Wer dort Mitwisser oder Mitwisserin wurde, muß auch sterben.« – »Da gibt es allerdings viel neue Arbeit«, meinte Hilario. – »Das ist wahr. Aber damit sind wir leider nicht fertig. Es gilt ferner, einen Eurer Fehler gutzumachen, Señor.« – »Welchen?« – »Daß Ihr diesen Grandeprise schicktet!« – »Der? Oh, der weiß nichts!« – »Oh, er weiß alles!« – »Er hat von mir kein Wort erfahren.« – »Das mag sein, aber er ist bei uns gewesen und hat uns durchschaut und dann verraten.«

Diese Angabe war eine wissentliche Lüge. Es kam Landola darauf an, seinen Stiefbruder zu verderben.

»Verraten?« fragte der Pater. »In welcher Weise denn?« – »Ihr sollt es hören«, antwortete Landola. »Drüben in Deutschland leben Personen, die auch alles zu wissen scheinen …« – »Ah«, fiel Hilario ein, »ich errate sie.« – »Nun?« – »Gräfin Rosa und alle Verwandten dieses Sternau und Helmers.« – »Richtig. Mit ihnen rechnen wir später ab. Der Sohn dieses einen Helmers ist mit einem Menschen, der sich Geierschnabel nennt, und mit einem dritten herübergekommen, um unsere Geheimnisse aufzudecken. Ich wollte den leeren Sarg des alten Grafen mit einer Leiche versehen. Wir brauchten einen dritten, und da Ihr diesen Grandeprise geschickt hatte, so glaubten wir, ihm Vertrauen schenken zu können …« – »Welche Unvorsichtigkeit!« rief der Pater. – »Allerdings! Aber es ist nun nicht zu ändern. Grandeprise verriet uns diesem Helmers. Wir nahmen eine Leiche aus einem Begräbnis, und als wir gerade darüber waren, diese in den Sarg des Grafen zu legen, wurden wir überfallen.« – »Sapperment«, rief der Pater. »Wie gut, daß ich Euch hier sehe.« – »Warum?« – »Nun«, lachte er, »das ist doch der beste Beweis, daß Ihr entkommen seid.« – »Das ist wahr. Aber die ganze Hauptstadt kennt nun die Sache.« – »Verflucht!« – »Und diese verdammten Kerle, dieser Helmers und seine Genossen, werden uns bis hierher folgen.« – »Wissen sie denn, daß hier Euer Ziel war?« – »Natürlich!« – »Von wem denn?« – »Von Grandeprise, das versteht sich doch von selbst.« – »Ah, Ihr hattet ihm gesagt, daß Ihr zu mir wolltet?« – »Ja.« – »Das ist allerdings fatal, höchst fatal!« sagte der Pater. »Ich kann dadurch in eine schlimme Lage geraten.« – »Pah! Der Jäger kann gelogen haben.« – »Auf alle Fälle müssen auch diese Kerle verschwinden!« – »Ja, dann fehlt die Handhabe. Außerdem gibt es jedoch noch zwei, die wir bisher vergessen haben, diesen verfluchten Sir Lindsay und seine Tochter Amy.« – »Ah, den Engländer? Richtig«, stimmte der Pater bei. – »Aber, wo mag er zu finden sein?« – »Auf der Hacienda del Erina.« – »Wirklich?« – »Ja. Mein Neffe war ja dort. Lindsay ist als Begleiter des Juarez dort angekommen.« – »So scheint die Hazienda das Nest zu sein, in dem sich die meisten unserer Stichwespen versammeln. Man muß es ausnehmen.« – »Damit wäre uns nicht geholfen«, entgegnete der Pater. »Die Hazienda ist von großem Umfang und von Stein gebaut.« – »Was aber dann tun?« – »Ich wüßte etwas«, meinte Cortejo. »Ihr seid ja Arzt, Señor Hilario.« – »Allerdings. Aber was hat das mit der Hazienda zu tun?« – »Sehr viel. Es müßte einer hinreiten, gerade so, wie es Euer Neffe gemacht hat und ah, ich weiß nicht, ob das gehen wird. Wie kocht man auf einer solchen Hazienda? Wohl für verschiedene Personen auch verschieden?«

Hilario ahnte sofort, was Cortejo meinte.

»Zuweilen essen die Herrschaften anders als die Vaqueros und Dienenden«, antwortete er, »stets aber wird das zum Kochen nötige Wasser aus dem großen Kessel genommen, der entweder in den Herd gemauert ist oder an einer Kette über dem offenen Feuer hängt.« – »Das ist gut, sehr gut. So ist also mein Plan auszuführen.« – »Welchen Plan meint Ihr?« – »Es müßte einer ein Pülverchen in diesen Kessel werfen.«

Beide, Cortejo und Landola, blickten den Pater erwartungsvoll an. Dieser hielt den Kopf gesenkt und sagte nichts.

»Es müßte doch ein solches Pülverchen geben«, meinte Landola. – »Ah, Gifte gibt es genug«, antwortete Hilario. – »Es müßte eins sein, das bei der Sektion nicht nachzuweisen wäre.« – »Auch solche gibt es.« – »Kennt Ihr sie?« – »Ja.« – »Nun, was sagt Ihr dazu?« – »Der Gedanke ist nicht übel, aber die Ausführung, da hapert es. Wen sollte man hinschicken?« – »Ich kann nicht hin«, meinte Cortejo. – »Ich auch nicht«, fügte Landola hinzu. »Diese Amy Lindsay würde mich sofort erkennen.« – »Mich ebenso.« – »Aber meinen Neffen kann ich auch nicht schicken«, sagte der Pater nachdenklich. »Er hat den Grafen geholt.« – »Hm«, brummte Landola, indem er einen prüfenden Blick auf Hilario warf. »Wir dürfen doch niemanden in das Geheimnis ziehen.« – »Unmöglich«, antwortete dieser. – »Einer von uns muß also gehen.« – »Das ist richtig.« – »Wie wäre es mit Euch, Señor Hilario?«

Der Gefragte schüttelte den Kopf; aber das Lächeln, das er dabei nicht zu unterdrücken vermochte, war doch seltsam.

»Oder mit Euch?« fragte er. – »Ich habe meinen Grund gesagt. Man würde mich erkennen.« – »Und ich kann nicht fort von hier. Habt Ihr nicht noch einen kleinen Vorrat von Schminke, oder was es ist, mit deren Hilfe Ihr Euer Gesicht verändern könnt?« – »Versehen sind wir allerdings noch damit.« – »Nun, so ist uns doch gleich geholfen.« – »Ihr würdet also das Gift geben?« – »Ja. Aber das besprechen wir schon noch. Jetzt haben wir es mit der Gegenwart zu tun. Wie seid Ihr gekommen? Doch zu Pferde?« – »Ja.« – »Wo seid Ihr abgestiegen? In der Stadt?« – »Nein. Im Kloster.« – »So stehen Eure Pferde noch hier?« – »Ja.« – »Hm! Man darf natürlich nicht wissen, daß Ihr hier seid.« – »Werdet Ihr uns ein Asyl geben?« – »Gern.« – »Bei meinem Bruder und meiner Nichte?« fragte Cortejo. – »Ihr werdet mit ihnen zusammenwohnen. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Hat Euch jemand nach dem Kloster reiten sehen?« – »Alle Wetter, ja«, antwortete Landola. »Wir wollten Euch fragen. Eben fällt es mir erst ein.« – »Wer war es?« – »Kurz vor dem Kloster begegnete uns ein kleiner, dicker Kerl, den wir nach Euch fragten.«

Der Pater entfärbte sich denn doch ein wenig.

»Das ist höchst unangenehm«, sagte er. »Dieser Mann war bei mir.« – »Er sagte es. Was ist er?«

Der Pater mußte die beiden Schurken in Besorgnis setzen, ohne daß er notwendig hatte, die Wahrheit zu sagen, darum antwortete er:

»Was er ist? Das ist ja eben das Unangenehme! Er ist ein geheimer Polizeispion.« – »Donnerwetter, in wessen Dienst?« – »Er dient jeder Partei, die gerade am Ruder steht.« – »Desto schlimmer und gefährlicher ist er. Er sah mir wie ein verkappter Mönch aus. Ich habe ihm nichts Gutes zugetraut. Und ein Polizistenauge hatte dieser verteufelte Kerl, denn er machte uns darauf aufmerksam, daß wir die Haut von unseren Gesichtern verlören.«

Der Pater erschrak abermals, und zwar noch mehr als vorher.

»Das sagte er?« fragte er. – »Ja. Ich hätte ihn niederschießen mögen!« – »Das ist fataler, als Ihr wissen und ahnen könnt!« – »Könnte man nichts dagegen tun?«

Der Pater sann eine Weile nach. Dann hellten sich seine Mienen wieder auf. Er fragte:

»Also Eure Gesichter sind ihm aufgefallen?« – »Ja.« – »Er hat bemerkt, daß sie bemalt waren?« – »Freilich.« – »So wird er den Ort nicht verlassen, ohne zu erfahren, wo Ihr bleibt, und möglichenfalls auch noch, wer Ihr seid.« – »Wo wartet er da?« – »Gerade wenn Ihr vom Kloster nach dem Ort hinunterreitet, ist das erste Haus rechter Hand der ersten Gasse eine Venta. Von dort aus kann man den Klosterweg genau übersehen, und dort wird er sitzen, um seine Beobachtungen anzustellen.« – »Wir müßten zum Schein hinunterreiten und dort einkehren.« – »Das ist mein Plan.« – »Aber wir haben uns ja die Gesichter gewaschen!« – »Dafür habe ich mir bereits eine Ausrede erdacht.« – »Welche?« – »Diese hier.«

Hilario öffnete abermals eine Schublade seines Tisches, suchte darin und brachte schließlich zwei Medaillen zum Vorschein, die er den Männern hinzeigte.

»Ah«, lachte Cortejo, als er die Inschriften gelesen hatte. »Zwei Polizeimedaillen aus der Hauptstadt. Wie kommt Ihr dazu?« – »Hm«, brummte der Pater lächelnd. »Man hat sich in meiner Stellung mit gar mancherlei zu versehen, was andere Leute, Spitzbuben und dergleichen, gut gebrauchen können.« – »Hört, Pater, Ihr seid ein geistreicher Kerl!« meinte Landola sehr gut gelaunt. »Ihr seid wunderbar gut zu gebrauchen, und ich habe allen Respekt vor Euch, was ich in den ersten Minuten unseres Zusammentreffens gar nicht geahnt hätte!« – »Ja, man täuscht sich sehr oft«, schmunzelte der Pater, »und zwar meist in den besten und bravsten Menschen!« – »Also, wie ist Euer Plan? Ich muß ihn doch hören, obgleich ich ihn bereits ahne.« – »Sehr einfach. Habt Ihr das Wasser gesehen, das unten neben dem Weg hinfließt?« – »Ja. Unsere durstigen Pferde haben daraus getrunken.« – »Nun, sobald Ihr da unten ankommt, steigt Ihr ab, wascht Euch die Gesichter und trocknet sie. Er wird das von der Venta aus sehen und denken, daß Ihr erst jetzt den Bewurf Eurer Gesichter entfernt. Dann reitet Ihr zur Venta, laßt Euch ein Glas Wein geben, und das übrige läßt sich denken.« – »Schön. Ihr meint, wir zeigen ihm die Medaillen?« – »Nur wenn es notwendig ist.« – »Und sagen, daß wir einen bei Euch suchten?« – »Ja, einen, von dem Ihr hörtet, daß er sich krank stelle.« – »Natürlich haben wir ihn aber nicht gefunden.« – »Das versteht sich!« – »Hat der Kerl auch eine Medaille?«

Da der kleine Dicke ja gar kein Polizist war, so antwortete der Pater:

»Ich glaube nicht, daß er sie hier, wo er sie gar nicht braucht, bei sich trägt. Übrigens verlasse ich mich auf Eure Klugheit« – »Und dann, wenn wir ihn los sind?« – »Ihr dürft die Venta nicht eher verlassen, als bis er fort ist. Ihr seht, wohin er reitet, und sorgt dafür, ihm nicht wieder in den Weg zu kommen. Bis zum Abend bleibt Ihr fort. Dann kommt Ihr wieder zum Kloster, aber nicht herein, denn kein Bewohner desselben darf wissen oder auch nur ahnen, daß ich zwei Gäste bekommen habe. Ihr laßt Eure Pferde an der hinteren Ecke der Klostermauer angebunden, und einer von Euch kommt heimlich unter dieses Fenster, wo er leise klatscht. Ich sende Euch meinen Neffen. Das übrige ist meine Sache. Jetzt geht, Señores!«

19. Kapitel.

Cortejo und Landola gehorchten dieser Weisung und entfernten sich. Der Pater trat an das Fenster und sah sie das Kloster verlassen. Kaum war dies geschehen, so erschien sein Neffe, der ein sehr erstauntes Gesicht zur Schau trug.

»Oheim, ich weiß nicht, ob ich mich irre!« sagte er. – »Worin?« fragte der Alte. – »In den beiden Männern, die bei dir waren. Hatten sie jetzt nicht ganz andere Gesichter als vorher?« – »Ja. Hat es noch jemand gesehen?« – »Nein. Ich weiß, was du liebst. Ich habe alle Leute entfernt und allein im Hof auf sie gewartet« – »Das ist gut; ich wußte es. Übrigens kommen sie wieder.« – »Aber was war das mit den Gesichtern?« – »Sie hatten einen sehr triftigen Grund, sich durch Schminke unkenntlich zu machen. Höre, Manfredo, ich muß dir eine Frage vorlegen.« – »Frage nur zu, Oheim!«

Der Alte lehnte sich mit dem Rücken wieder gegen die Tischkante, kreuzte die Arme über der Brust und sagte:

»Du hast mir jahrelang treu gedient, ohne zu fragen, warum ich dies oder jenes wollte; ich bin mit dir stets zufrieden gewesen und habe lange daran gedacht, dich einmal rechtschaffen zu belohnen.« – »Das soll mir lieb sein!« lachte Manfredo. – »Ich wollte nicht davon sprechen, bis ich nicht einmal etwas Ordentliches und Würdiges fände.« – »Und heute ist dies endlich geglückt durch die beiden Männer?« – »Ja; sie haben es mir gebracht.« – »Was ist's?« fragte Manfredo, neugierig im höchsten Grad.

Der Alte sah ihn mit eigentümlichen Blicken an und fragte:

»Willst du Graf werden?« – »Graf?« meinte der Junge, höchst erstaunt. – »Ja, ein Graf!« – »Oheim, du bist heute allerdings bei sehr guter Laune!« – »Das ist wahr; aber was ich sage, ist trotzdem nicht Laune. Also, willst du ein Graf werden?« – »Donnerwetter! Natürlich, wenn es möglich ist! Aber es ist doch nur Spaß!« – »Nein, es ist Ernst.« – »Wirklich?« – »Vollkommen!«

Manfredo warf einen forschenden Blick auf seinen Verwandten. In diesem Blick lag sehr deutlich die Sorge, daß der Pater wohl übergeschnappt sei. Daher fragte dieser lachend:

»Ah, du meinst wohl, ich sei nicht recht bei Sinnen?« – »Beinahe, wenn ich aufrichtig sein soll, Oheim.« – »Und doch bin ich noch niemals so gut bei Überlegung gewesen wie heute, das kannst du mir glauben.« – »Nun gut, ich werde ja erfahren, wie die Sache gemeint ist. Also, was für ein Graf soll ich denn werden?« – »Der von Rodriganda.« – »Himmel! Deren gibt es ja bereits vier!« – »Wieso?« – »Zwei alte, die gestorben sein sollen, ein junger, der es sein will, aber nicht ist, und ein zweiter junger, der es auch nicht ist, aber eigentlich sein sollte.« – »Nun gut, diese sind alle problematisch, und du machst den fünften, der es sein will und auch sein wird.« – »Wieso?« – »Rate, wer die beiden Männer waren, die soeben fortgeritten sind!« – »Wer kann das raten?« – »Du! Ist dir an dem einen nichts aufgefallen?« – »O doch.« – »Was?« – »Eine große Ähnlichkeit mit Pablo Cortejo und eine noch viel größere mit der Fotografie von Gasparino Cortejo, die wir dieser albernen Señorita Josefa abgenommen haben.« – »Diese Ähnlichkeit hat dich nicht getäuscht.« – »Donnerwetter! So war es wirklich Gasparino Cortejo?« – »Ja. Und der andere?« – »Oh, das ist nun sehr leicht zu erraten: Landola?« – »Ja. Auch ich erriet das sofort.« – »Sie sagten dir es nicht freiwillig?« – »Nein. Ich mußte sogar zum Revolver greifen.«

Hilario erzählte nun dem Neffen den ganzen Verlauf des Gespräches. Am Schluß des Berichtes rief Manfredo aus:

»Das ist ganz außerordentlich! Was wirst du tun? Ich hoffe doch, daß du diese beiden Menschen mit zu den übrigen stecken wirst!« – »Das versteht sich von selbst!« – »Sie haben es verdient, mehr als alle anderen.« – »Richtig. Ich gebe ihnen da ihren Lohn und sorge zugleich für mich und dich. Das geschieht noch heute. Von morgen an aber muß ich sämtliche Gefangenen deiner Obhut allein anvertrauen.« – »Wieso?« – »Ich verreise.« – »Wohin?« – »Nach der Hacienda del Erina.« – »Ah, nach der Hazienda? Was, Teufel, willst du dort?« – »Auch für uns sorgen.« – »In welcher Weise?« – »Das wirst du später erfahren. Es ist nicht geraten, bereits jetzt davon zu sprechen.« – »Wie lange wirst du fortbleiben?« – »Fünf bis sechs Tage.« – »So lange werde ich mit den Gefangenen ganz gut verkommen.« – »Oh, du wirst es noch länger versuchen müssen!« – »Noch länger? Warum?« – »Weil ich nach meiner Rückkehr sofort wieder verreise. Ich muß nämlich binnen zehn Tagen in der Hauptstadt sein.« – »In der Hauptstadt?« fragte der Neffe verwundert. »Was sollst du dort?« – »Es ist mir eine bedeutende politische Rolle übertragen worden. Wer weiß, was daraus entsteht. Jetzt bin ich überzeugt, daß es zu unserem Glück sein wird. Ich werde vielleicht Minister und du Graf von Rodriganda. Was willst du mehr?« – »Oheim, bei allen Heiligen, ich fange nun an, zu glauben, daß du im Ernst sprichst!« – »Natürlich.« – »Aber wie willst du es denn anfangen, mich zum Grafen zu machen?« – »Sehr einfach. Du trittst an des richtigen Grafen Stelle.« – »Das wäre Mariano!« – »Ja.« – »Ah, wir sind gleichen Alters und gleicher Gestalt. Aber die Beweise!« – »Die erzwingen wir von unseren Gefangenen, und dann werden alle, die hinderlich sein könnten, beseitigt. Laß nur deinen Oheim sorgen. Kann dieser Pablo Cortejo seinen Neffen zum Grafen Rodriganda machen, so kann ich es wohl noch besser und leichter als er. Was aber die Gefangenen betrifft, so will ich es dir leichter machen sie zu versorgen, während ich hier abwesend bin. Wir nehmen sie einfach aus den Löchern heraus und stecken sie zusammen in den Felsensaal, wo sie angebunden werden.« – »Da wird ihnen auch die Gefangenschaft nicht so schwer. Pablo Cortejo und Josefa mit dazu?« – »Nein. Diese bleiben, wo sie sind, und Landola nebst Gasparino Cortejo werden zu ihnen gesteckt. Das erstere wollen wir gleich jetzt versorgen. Komm!«

Sie stiegen miteinander in die geheimen Keller hinab.

20. Kapitel.

Unterdessen waren Cortejo und Landola den Klosterberg hinabgeritten. Unten hielten sie an, stiegen von den Pferden, wuschen sich die Gesichter und trockneten dieselben mit ihren Sarapen ab. Die Sarape ist eine Art Plaid oder wollene Decke, die in Mexiko jeder Reiter bei sich trägt. Dann ritten sie dem Ort entgegen, in dessen erster Gasse sie die ihnen vom Pater bezeichnete Venta fanden.

Ein Pferd hielt vor der Tür. Sie erkannten in demselben dasjenige des dicken Männchens. Auch sie banden ihre Pferde an und traten dann in die Stube, wo sie sich ein Glas Wein geben ließen.

Als einziger Gast saß der Dicke an einem der Tische. Er betrachtete sie mit erstaunten Blicken; sie aber taten, als ob sie das nicht bemerkten, und schlürften von ihrem Wein.

Aber als der Wirt sich einmal entfernt hatte und also von einem Gespräch nichts hören konnte, vermochte der Dicke nicht länger an sich zu halten und fragte:

»Señores, Eure Pferde kommen mir sehr bekannt vor!« – »Hm!« brummte Landola mißmutig. – »Auch Eure Anzüge!« – »Möglich!« – »Wir sind uns jedenfalls begegnet?« – »Mag sein.« – »Aber wann und wo? Vielleicht vorhin erst?« – »Hm! Ich bestreite es nicht.« – »Auf dem Weg nach dem Kloster?« – »Ja.« – »Ihr fragtet nach dem Pater?« – Ja.« – »Und ich bezeichnete Euch den Weg?« – »Zum Henker, ja. Was sollen diese Fragen?« – »Verzeihung! Aber ich frage auch wegen Eurer Gesichter.« – »Was gehen Euch unsere Gesichter an?« – »Sie erregen mein höchstes, ja mein allerhöchstes Interesse. Waren sie vorhin nicht ganz anders?« – »Wie wäre das möglich?« – »Sie waren jünger. Sie hatten keine Falten.« – »Nun, so sind wir indessen älter geworden.« – »Ich machte Euch auf die Haut aufmerksam, die Risse und Sprünge bekam.« – »Ja. Ihr hattet diese Gewogenheit!« – »Es war wohl Schminke oder Salbe?« – »Was geht Euch das an?« – »Nichts, gar nichts. Aber man pflegt sich doch für so etwas höchst Seltsames zu interessieren. Habt Ihr mit dem Pater gesprochen?« – »Ja. Habt Dank für Eure Auskunft!« – »Bitte sehr! Also der Pater hat Euch nicht erkennen sollen?« – »Wie kommt Ihr zu dieser Vermutung?« – »Nun, weil Ihr mit falschen Gesichtern zu ihm gingt und die Schminke erst dann entferntet, als Ihr ihn verlassen hattet.« – »Vielleicht galt unsere Veränderung gar nicht dem Pater.« – »Wem sonst?« – »Hm! Einem anderen.« – »Dann müßte dieser andere bei dem Pater gewesen sein.« – »Allerdings. Auch Ihr wart ja bei ihm. Nicht?«

Dabei erhob sich Landola und gab Cortejo einen Wink, ihm zu folgen.

»Ja«, antwortete der Kleine. »Ich sagte Euch bereits bei unserer Begegnung, daß ich vom Pater komme.« – »Dessen entsinne ich mich sehr wohl, Señor. Werdet Ihr vielleicht erlauben, daß wir uns ein wenig neben Euch setzen?«

Der Dicke war über diese Frage höchst erfreut, denn auf diese Weise fand er viel bessere Gelegenheit, diese beiden geheimnisvollen Menschen auszuhorchen.

»Gewiß«, sagte er. »Nehmt nur Platz, Señores! Ihr seid mir sehr willkommen.«

Landola setzte sich zu seiner Rechten und Cortejo zu seiner Linken nieder, so daß sie ihn zwischen sich bekamen. Der erstere, der bisher für beide allein das Wort geführt hatte, behielt es auch jetzt bei. Er fragte:

»Seid Ihr auf dem Klosterberg bekannt, Señor?« – »Nur wenig«, antwortete der Kleine zurückhaltend. – »Und im Kloster auch?« – »Noch weniger.« – »Aber den Pater Hilario kennt Ihr?« – »Ich besuche ihn zuweilen, wenn ich mich unwohl fühle.« – »Ah, so könnt Ihr uns vielleicht sagen, ob er genau Buch führt.« – »Worüber? Über seine Medikamente etwa?« – »Nein, sondern über seine Kranken.« – »Wie meint Ihr das?« – »Ich meine, ob er jeden anwesenden Kranken wirklich einschreibt.« – »Hm! Das wird er doch tun!« – »Hm!« brummte Landola ebenfalls. »Vielleicht tut er es manchmal auch nicht.« – »Welchen Grund sollte er haben?« – »Davon können wir nicht sprechen. Ihr kennt also die Räumlichkeiten des Klosters nicht genau?« – »Nein.« – »So könnt Ihr uns leider auch keine Auskunft geben.« – »Oh, vielleicht handelt es sich gerade diesmal um einen Raum, den ich kenne.« – »Möglich! Also sagt mir, ob es außer den offiziellen Krankenstuben vielleicht noch geheime Zimmer gibt, in denen Kranke behandelt werden.« – »Ihr meint heimliche Krankheiten?« – »Nein, ich meine heimliche Kranke, das heißt, solche Kranke, die im Kloster behandelt werden oder dort verkehren und sich behandeln lassen, ohne daß die Behörde es wissen soll.« – »Davon weiß ich allerdings nichts.« – »Hm! Das ist dumm. Aber vielleicht habt Ihr doch einmal eine Erfahrung gemacht, die uns nützlich sein kann. Darf ich zu Euch Vertrauen haben, Señor?« – »Oh, so viel Ihr nur immer wollt«, versicherte der Kleine. – »Und Ihr seid verschwiegen?« – »Wie das Grab.« – »Das will nichts sagen. In den Gräbern soll es manchmal sogar sehr laut hergehen; das heißt nur in denen, in die man Weiber begraben hat. Aber ich will Euch vertrauen. Sagt uns also einmal, ob Ihr einen heimlichen Verkehr im Kloster bemerkt habt!« – »Heimlichen Verkehr?« fragte der Kleine kopfschüttelnd. »Nein.« – »Ich sehe, daß ich deutlicher sein muß. Ist Euch vielleicht die Bedeutung dieses Zeichens bekannt, Señor?«

Landola zog die Medaille und hielt sie dem Kleinen hin. Dieser betrachtete sie und fuhr einigermaßen bestürzt zurück.

»Ah, wirklich, das kenne ich«, sagte er. – »Nun? Sagt es!« – »Ihr seid ein geheimer Polizist.« – »Und kennt Ihr auch dieses?« fragte nun seinerseits Cortejo, indem er den Kleinen seine Medaille sehen ließ. – »Ah! Auch Ihr seid ein Detektiv aus der Hauptstadt.«

Der Kleine hatte jetzt die Farbe gewechselt. Landola bemerkte dies, und es kam ihm, ohne daß er das Verhältnis des dicken Mönches zum Pater kannte, der Gedanke, sich einen Spaß mit ihm zu machen und ihn so für sein Spionieren zu bestrafen.

»Ihr seht also, daß Ihr offen mit uns sprechen müßt«, sagte er. – »Ja, Señores, das sehe ich«, antwortete der Kleine. – »Ihr habt also von einem solchen Verkehr nichts gesehen?« – »Nie.« – »Es sollen oft Männer zum Pater gehen, die bei der Behörde nicht gut angeschrieben stehen.« – »Ah! Oh! Eine solche Unvorsichtigkeit traue ich dem Pater doch nicht zu.« – »O doch! Diese Leute tun, als ob sie krank oder unwohl seien. Dann haben sie einen Scheingrund, mit ihm zu konspirieren. Sagtet Ihr vorhin nicht auch, daß Ihr zum Pater geht, wenn Ihr Euch unwohl fühlt?«

Der Kleine blickte Landola von der Seite an und antwortete langsam und stockend:

»Señor, Ihr werdet doch nicht etwa vermuten, daß …«

Er hielt inne, er befand sich in einer sichtlichen Verlegenheit.

»Hm! Der Mensch kann nicht vorsichtig genug sein. Da gibt es zum Beispiel einen Hauptaufwiegler, einen politischen Rädelsführer, so einen rechten, echten, schwarzen Rebellen, der der Polizei bereits viele Sorge bereitet hatte.« – »Ah! Sie sucht ihn?« fragte der Kleine rasch. – »Ja, sie sucht ihn«, nickte Landola. – »Sie kennt ihn auch?« – »Sie kennt ihn auch.« – »So ist er flüchtig?« – »Nein.« – »Aber wenn sie ihn kennt, braucht sie ihn doch nicht zu suchen, wenn er nicht flüchtig ist?« – »Sie geht ihm nur nach, um ihn auf der Tat zu ertappen.« – »Ah, so.« – »Er soll auch beim Pater verkehren.« – »Das glaube ich nicht.« – »Oh, man glaubt so manches nicht, was doch ist. Man hat sogar bereits erfahren, daß er die Absicht hatte, heute zu dem Pater in das Kloster della Barbara zu gehen.«

Die feisten Wangen des Kleinen wurden jetzt bald rot, bald bleich.

»So gut ist die Polizei unterrichtet?« fragte er. – »Nicht bloß jetzt, sondern immer. Es ist möglich, daß Ihr ihn einmal gesehen habt, ohne zu wissen, daß der Nachrichter seiner schon längere Zeit wartet. Darf ich Euch einmal sein Signalement geben?« – »Ja, ich bitte darum«, meinte das Männchen, vor Angst beinahe schwitzend. – »Nun, so paßt auf.«

Landola nahm sein Notizbuch heraus und schlug eine Seite desselben auf. Cortejo, der ahnte, was jetzt kommen werde, stemmte den Kopf in den Arm, während er den Ellbogen auf den Tisch legte, so daß er dem Kleinen gerade in das Gesicht sehen konnte. Landola begann:

»Alter: zweiundvierzig Jahre. Wie alt seid Ihr, Señor?«

Er hatte nur geraten, aber der Kleine antwortete doch:

»Auch zweiundvierzig.« – »Hm!« brummte Cortejo, indem er ihn scharf fixierte. – »Name tut hier nichts zur Sache, Religion auch nicht«, fuhr Landola fort. »Aber Statur: klein.« – »Hm!« brummte Cortejo, den Dicken scharf ansehend. – »Sehr dick«, fuhr Landola fort. – »Hm, hm!« verdoppelte Cortejo sein Brummen. – »Augen: klein.« – »Hm!« – »Nase: stumpf.« – »Hm!« – »Zähne: rechts oben fehlt ein Zahn.« – »Donnerwetter! Das stimmt auffällig!« fuhr Cortejo auf.

Der Kleine rückte auf seinem Sitz hin und her und warf bald einen Blick nach der Tür, bald einen auf die Fenster.

»Mund: wulstig.« – »Hm!« – »Bart rasiert.« – »Hm!« – »Haare: dunkelblond, Anfang zu einer Glatze.« – »Hm! Himmelelement!« meinte Cortejo, indem er sich erhob, um eine kleine, lichte Stelle auf dem Schädel des Dicken genauer zu betrachten. – »Besondere Kennzeichen: hat einen verkrüppelten Nagel an dem Mittelfinger der linken Hand.« – Hm! Tod und Teufel! Señor, zeigt mir doch einmal Eure linke Hand«, rief Cortejo.

Der Kleine zog die Hand zurück und sagte:

»Señor, Ihr werdet doch nicht denken, daß ich …« – »Denken?« unterbrach ihn Cortejo. »Nein, denken wollen wir jetzt gar nicht, sondern sehen wollen wir.« – »Was denn?« fragte Landola, sich unwissend stellend. – »Nun, dieser Señor hier ist zweiundvierzig Jahre alt!« – Ja, das sagte er.« – »Hat kurze Statur.« – »Allerdings.« – »Ist dick!«

Nun fixierte Landola den Kleinen, wie Cortejo es vorher getan hatte.

»Auch dick«, meinte er. – »Hat kleine Augen!« – »Sehr klein.« – »Eine stumpfe Nase.« – »Ja, ein sehr kleines Stumpfnäschen.« – »Rechts oben eine Zahnlücke!« – »Ah! Sapperlot! Señor, macht doch einmal den Mund auf.«

Der Kleine aber drückte die Lippen um so fester zusammen.

»Donnerwetter!« rief Landola, indem er mit der Hand nach dem Gürtel griff. »Soll ich Euch den Mund etwa mit dem Messer aufbrechen? Auf mit dem Maul!«

So gebieterisch und kategorisch der Kleine vorher bei dem Pater aufgetreten war, so ängstlich zeigte er sich jetzt. Die Anhänger des Umsturzes sind niemals wirkliche Helden. Er riß den Mund auf und rief:

»Hier! Nur nicht aufbrechen, nicht schneiden.« – »Weiter auf!« donnerte Landola.

Das Männchen gehorchte, so gut es ihm möglich war, und nun blickte Landola ihm mit einem Ernst in die Mundhöhle, als ob es gelte, das Alter eines Pferdes zu taxieren.

»Ja«, sagte er. »Oben rechts eine Zahnlücke. Das stimmt.« – »Mund wulstig«, fuhr Cortejo fort. Der Kleine hielt den Mund noch immer aufgesperrt. »Zumachen!« gebot Landola.

Der Mann gehorchte. Landola betrachtete die Lippen und bestätigte:

»Ja, wulstig.« – »Bart rasiert«, sagte Cortejo. – »Stimmt!« – »Haare dunkelblond.« – »Stimmt auch.« – »Anfang zu einer Glatze.« – »Wo? Zeigt her!«

Bei diesen Worten zog Landola den Kopf des Männchens zu sich heran, betrachtete das kahle Stellchen, als ob er Perückenmacher sei, der sich Haar- und Barterzeugungsmittel auszugrübeln habe, und sagte dann:

»Glatze? Ja, die ist da!« – »Besondere Kennzeichen«, fuhr Cortejo fort. »Hat einen verkrüppelten Nagel am Mittelfinger der Linken.« – »Her mit der Hand«, gebot Landola.

Der Kleine gehorchte. Landola betrachtete den betreffenden Nagel und bestätigte:

»Der Krüppel ist da. Mensch, das stimmt ja alles.« – »O Señores«, rief der Kleine. »Ich bin es nicht.« – »Der Krüppel? Der Nagel? Nein, der seid Ihr allerdings nicht, aber der Anführer, der Landfriedensbrecher scheint Ihr zu sein.« – »Ich schwöre es Euch bei allen Heiligen, daß ich es nicht bin. Wann wurde dieses Signalement abgefaßt?« – »Vor drei Wochen.« – »Und die Zahnlücke habe ich erst seit fünf Tagen, die Glatze gar erst seit nur zwei Tagen.«

Da betrachtete ihn Landola von oben herab und sagte:

»Mensch, halte uns nicht für so dumm! Solche Ausreden sind lächerlich. Wir werden dich mit nach der Hauptstadt nehmen müssen!«

Der Kleine befand sich in der größten Angst. Er suchte nach einem Ausweg und schien endlich einen gefunden zu haben, denn sein Gesicht erhielt einen ruhigeren Ausdruck, und in einem Ton, der vertrauenerweckend sein sollte, sagte er:

»Señores, werdet Ihr mir eine Frage erlauben?« – »Meinetwegen«, meinte Landola streng. – »Ich weiß, daß der Pater nicht gastfreundlich ist. Hat er Euch irgend etwas vorgesetzt?« – »Nein.« – »Aber Ihr werdet nach einem solchen Ritt Hunger haben?« – »Riesig!« – »Und auch Durst?« – »Noch riesiger!« – »Werdet Ihr mir erlauben, für Euch ein tüchtiges Mahl zu bestellen, meine werten Señores« – »Zu einem solchen ist unser Einkommen zu klein.« – »Oh, ich werde bezahlen. Ich werde gleich den Wirt holen!«

Der Kleine wollte zur Tür hinaus, aber Landola ergriff ihn und hielt ihn fest.

»Halt!« sagte er. »Das wollen wir schon selbst besorgen.«

Der Wird wurde gerufen und mußte sagen, was bei ihm zu haben sei. Er nahm den Auftrag des Kleinen entgegen und wollte sich dann entfernen, denselben auszurichten; aber Landola rief dazwischen:

»Halt! Dieser Señor will erst bezahlen.« – »Vorher?« fragte der Wirt erstaunt. – »Ja, vorher«, nickte der Kleine, indem er seinen Beutel zog und ein Mahl für drei Personen und sechs Flaschen Wein bezahlte.

Nun trat eine drückende, unheimliche Stille in der Stube ein. Dem Arrestanten war es anzusehen, daß er an einen Fluchtversuch dachte. Die beiden vermeintlichen Polizisten blieben sehr ernst, obgleich sie sich Mühe geben mußten, um nicht laut aufzulachen. Da endlich zog Bratenduft aus dem Küchenverschlag herein, und der Kleine meinte rasch:

»Señores, eine Bitte!« – »Redet!« gebot Landola. – »Darf ich nicht einmal in die Küche treten?« – »Wozu?« – »Ich muß mich doch überzeugen, ob der Wirt seine Pflicht auch so erfüllt, daß die Speise Eurer würdig ist!« – »Versteht Ihr denn etwas davon?« – »Oh, ich brate mir alles selbst.« – »Aber Ihr werdet uns doch nicht entfliehen?« – »Señores, ich schwöre Euch bei allen Heiligen zu, daß so ein Gedanke mir nicht in den Sinn kommt! Ich bin unschuldig und werde mit nach Mexiko gehen, um Euch dies auf das glanzvollste zu beweisen.« – »Na, der Allerschlechteste scheint Ihr allerdings nicht zu sein. Geht also einmal hinaus; aber nur auf fünf Minuten.«

Der Kleine ging.

»Ich bin neugierig, ob er fliehen wird«, meinte Cortejo. – »Natürlich wird er es«, antwortete Landola. – »Aber er schwor bei allen Heiligen!« – »Pah! Das gilt bei uns beiden nichts und bei diesem erst recht nicht. Nicht wahr, aus der Küche geht eine Tür auf den Hausflur?« – »Ich glaube.« – »So wird er sich aus der Küche durch den Flur zum Pferd schleichen und davongaloppieren.« – »Was tun wir da? Wir sind ja froh, ihn los zu sein!« – »Oh, wir geben zum Spaß einige Schüsse hinter ihm ab.« – »Aber doch nicht treffen?« – »Nein. Öffnen wir immer im voraus das Fenster.«

Sie machten dasselbe auf und steckten sich hinter den Mauerpfeiler. Richtig! Da kam der Kleine leise geschlichen, band sein Pferd los, kletterte in höchster Eile hinauf und gab ihm die Sporen.

»Halt!« schrie da Landola zum Fenster hinaus. – »Halt!« brüllte auch Cortejo. »Wir schießen!« riefen beide zugleich.

Aber der Kleine schoß auch, nämlich davon. Da zogen die beiden ihre Pistolen und feuerten beide Läufe hinter ihm her. Er stieß einen Angstruf aus, den sie noch hörten, und dann war er verschwunden.

Der Wirt kam voller Erstaunen in die Stube geeilt und fragte:

»Señores, Ihr schießt? Warum denn, um der Jungfrau willen!« – »Er entflieht ja!« antwortete Cortejo. – »Wer denn?« – »Der Kleine.« – »Der? Er entflieht? Ist er denn Gefangener?« – »Natürlich! Der unsrige.« – »Ah! Wer seid Ihr denn?« – »Geheime Alguazils aus der Residenz.« – »Ach so! Laßt ihn doch fliehen, er hat Euch ja das Essen und den Wein bezahlt!« – »Meint Ihr denn, daß das so viel wert ist?« – »War er denn mehr wert?« – »Das weiß ich nicht.« – »Kennt Ihr ihn Señor?« – »Nein. Aber Ihr kennt ihn?« – »Auch nicht? Nun, warum habt Ihr ihn dann arretiert?« – »Damit er unser Essen bezahlen solle und Ihr am Wein was verdient.«

Der Wirt sah sie eine Zeitlang ganz verblüfft an, brach aber dann in ein lautes Lachen aus und rief:

»Ihr seid bei Gott die klügsten Señores, die mir jemals vorgekommen sind! Aber er hat für drei Personen bestellt.« – »Das hörten wir.« – »Wenn Ihr Eurer Klugheit die Krone aufsetzen wollt, so habt die Güte zu erlauben, daß ich nun der dritte bin.«

Da stimmten alle beide in sein Lachen ein, und Landola meinte:

»Mann, Ihr seid nicht weniger klug als wir, wir passen also füreinander, und so mögt Ihr die Stelle des Entflohenen einnehmen.«

So geschah es. Als die beiden später die Venta verließen, war der Kleine bereits über alle Berge. Sie brauchten seine spionierenden Augen nicht zu fürchten, machten in der Umgebung einen Spazierritt, wobei sie sich über ihre Pläne unterhielten, und kehrten mit Einbruch der Dunkelheit vorsichtig nach dem Kloster zurück.

21. Kapitel.

An der hinteren Mauerecke fanden Landola und Cortejo ein Gesträuch, an das sie ihre Pferde banden, wie der Pater es ihnen angeraten hatte. Dann begab letzterer sich zu dem Fenster und klatschte leise. Bereits nach wenigen Augenblicken erschien Manfredo.

»Folgt mir, Señores!« gebot er. – »Zu Eurem Oheim?« fragte Landola, der hinzugetreten war. – »Ja«, antwortete er. – »Nach seinem Zimmer?« – »Nein, Señores. Noch sind die Leute wach, und man könnte Euch leicht sehen. Mein Oheim ist bereits hinunter, um Euch die Gefangenen zu zeigen. Ich bringe Euch zu ihm.« – »Was aber geschieht mit den Pferden und unseren Sachen?« – »Sie sind für die wenigen Augenblicke in allerbester Sicherheit, dann aber werde ich Euch alles besorgen.«

Dieses Besorgen sollte darin bestehen, daß Manfredo die Pferde verkaufen und das Gepäck als sein Eigentum betrachten wollte.

Manfredo schritt voran über den menschenleeren, stillen Hof, und Landola und Cortejo folgten ihm, auf sein Geheiß ihre Schritte dämpfend. Dann ging es eine dunkle Treppe hinab, wo Manfredo ein Licht hervorzog, um es anzubrennen. Sie kamen durch einige kellerartige Räume und endlich in ein Gemacht, in dem der Pater sie erwartete. Auch er trug ein brennendes Licht in der Hand.

»Eingetroffen?« fragte er mit achtungsvoller Freundlichkeit. – »Wie Ihr seht, ja«, antwortete Cortejo. »Aber sagt, sollen wir etwa in einem solchen Keller unsere Zeit zubringen?« – »Wo denkt Ihr hin! Ich führe Euch nur zu den Gefängnissen. Später erst geht es nach Eurer Wohnung.« – »Ah! Sonst wäre ich auch sofort zurückgegangen!«

Der Pater ignorierte diese Worte und fragte angelegentlich:

»Wart Ihr in der Venta?« – »Ja, Señor.« – »Und traft den Mann?« – »Es war alles so, wie Ihr vorhergesagt hattet.« – »Und wie lief es ab?« – »Besser und lustiger, als wir es uns auch nur denken konnten.«

Sie erzählten Hilario das Vorkommnis unter Lachen, und er konnte sich nicht enthalten, in ihre Lustigkeit einzustimmen. Daß seinem Peiniger ein solcher Streich gespielt worden war, gewährte ihm einesteils die größte Genugtuung und gab ihm gleichzeitig den Stoff in die Hand, diesem Mann mit der nicht zu verachtenden Waffe des lächerlich machenden Witzes entgegenzutreten.

»Ihr habt Eure Sache sehr gut gemacht, Señores«, sagte er. »Nun sollt Ihr aber auch sehen, wie ich die meinige gemacht habe. Kommt!«

Hilario schritt voran, Cortejo und Landola folgten ihm, und der Neffe ging hinter ihnen. Um eine Ecke biegend, zog er jene hülsenartige Rolle aus der Tasche, brannte das eine Ende an, drehte sich gegen sie um und blies in das andere. Im nächsten Augenblick sprang er weit nach vorn, und sein Neffe tat dasselbe nach rückwärts.

Ein Flammenstrahl war Cortejo und Landola entgegengezuckt. Sie hatten rufen wollen, brachten aber kein Wort hervor, denn es umgab sie eine penetrante Luftart, die ihnen sofort den Atem raubte. Einen Augenblick später lagen sie besinnungslos an der Erde.

Als Cortejo wieder erwachte, war ihm der Kopf fürchterlich schwer, so daß er kaum seine Gedanken zu sammeln vermochte. Er tastete um sich her und gewahrte zu seinem Entsetzen, daß er sich in einem steinernen Raum befand, an dessen einer Mauer er mit einer Kette angeschlossen war.

»O Himmel!« rief er unwillkürlich aus. – »Ah, der eine erwacht!« hörte er seitwärts eine dumpfe, männliche Stimme sagen. – »Er redet«, fügte eine weibliche hinzu, die von gegenüber ertönte. – »Wer ist hier?« fragte er. – »Arme Gefangene, so wie du«, antwortete die männliche Stimme. – »Ich hörte zwei Personen sprechen?« – »Ich war es und meine Tochter.« – »Wer bist du?« – »Ein Unglücklicher. Mehr darf ich nicht sagen, da ich dich nicht kenne.«

Cortejo vermochte sich noch nicht in seine Situation zu finden.

»Zum Teufel! Warum bin ich hier?« fragte er. – »Um gefangen zu sein«, lautete die Antwort. – »Gefangen? Ich? Unsinn!« – »Fühle an die Mauer, und fühle deine Ketten!«

Cortejo klirrte mit den Ketten und tastete, soweit diese es ihm zuließen, an der feuchten Wand hin. Er fühlte vor sich einen Wasserkrug und ein Stück trockenen Brotes.

»Heiliger Himmel«!« rief er. »Das kann doch nur ein Scherz sein.« – »Ein Scherz? O nein! Hier unten ist alles bitterer Ernst. Auch wir glaubten an Scherz. Dann hockten wir in einem furchtbaren Loch, bis man uns eine bessere Zelle gab. Vorhin wurden wir aus dieser hierher gebracht, wo es wieder schlechter ist, und unser Peiniger sagte, daß wir Gesellschaft erhalten würden, die uns in große Freude versetzen werde. Die Gesellschaft seid ihr, aber wo bleibt die Freude?« – »Wer ist es, den du euren Peiniger nennst?« fragte Cortejo. – »Der Pater Hilario. Er ist auch der eurige.« – »Der Pater? O nein, er ist mein Freund!« – »Dein Freund? Also auch du hast ihm so vertraut wie wir. Hat er dir nicht giftige Luft in das Gesicht geblasen?« – »Ja.«

Cortejo hatte noch immer nicht die volle Besinnung und Urteilskraft erlangt. Er antwortete wie einer, der langsam aus dem Traum erwacht. Die dumpfe Stimme, die er hörte, klang wie aus einem Grab hervor, und auch ihm war ganz so, als ob er in einem solchen liege.

»Er hatte kein Licht, als er euch brachte«, sagte der andere, »aber ich habe gehört, daß er es war und sein Neffe. Sage uns, wer du bist.« – »Auch ich kann es dir nicht sagen, bevor ich nicht weiß, wer du bist. Du sprichst von noch einem. Wer ist noch da?« – »Einer, der mit dir gebracht und rechter Hand von dir an die Mauer gefesselt wurde.« – »Ah! Sollte es Lan…« – Cortejo besann sich noch zur rechten Zeit und fuhr fort, sich verbessernd: »Sollte es mein Gefährte sein?« – »Er wird es sein. Du bist mit ihm tot, wie wir beide auch. Hier gibt es kein Licht, kein Leben, keine Gnade und kein Erbarmen. Hier ist alles tot, und das einzige Leben, das es noch gibt, das ist ein unstillbares Lechzen nach Rache.« – »Seit wann seid ihr gefangen?« – »Ich weiß es nicht. Hier gibt es keine Sonne und keine Sterne. Hier gibt es keine Unterscheidung zwischen Tag und Nacht, denn hier ist nur Nacht.«

Da richtete Cortejo sich auf, so weit es ging, und rief: »Das gilt wohl euch, aber nicht mir. Ich kann, ich will, und ich darf nicht Gefangener sein!« – »Du Tor! Du bist es ja bereits!« – »Der Pater betrügt mich nicht!« – »Er betrügt alle!« – »So werde ich sehen, ob es wirklich ernst ist.«

Cortejo legte sich in seine Ketten und versuchte, sie zu sprengen; aber es gelang ihm nicht, trotzdem er alle seine Kräfte daransetzte.

»Hölle und Teufel!« rief er keuchend. »Wäre es wahr?« – »Es ist wahr. Täusche dich nicht.« – »So wäre ich gefangen, und die anderen sind frei?« – »Die anderen? Welche anderen meinst du?« – »Er sagte mir, daß er Feinde von mir hier unten habe!« – »Sollte er es dir so gemacht haben wie mir? Auch ich habe Feinde hier unten. Aber glaube nicht, daß sie oder die deinigen frei sind. Wer diese Gewölbe betritt, der sieht das Licht der Sonne niemals wieder. Wer sind deine Feinde?« – »Ich muß über sie schweigen. Wer sind die deinigen?« – »Auch ich darf es dir nicht sagen.« – »Wer verbietet es dir?« – »Ich selbst. Es soll mich niemand kennen.«

Da ging ein langer Seufzer durch den feuchten Raum. Landola begann sich zu regen. Er war vorhin vorangegangen und hatte die tödliche Luft zuerst voll empfangen; darum hatte er auch länger besinnungslos gelegen.

»Oh!« stöhnte er, indem er sich streckte.

Seine Ketten rasselten. Er hörte dies und horchte.

»Oh – oh – oh!« stöhnte er von neuem. »Was – was – was ist das?« fragte er. – »Henrico! Henrico, sind Sie es?« fragte Cortejo. – »Henrico?« fragte Landola müde und gedehnt. »Henrico, ja, so heiße ich. Er – er hat es – aus meiner Hand gelesen.« – »Ah! Bei Gott, er ist es! Henrico, sind Sie es denn wirklich?«

Cortejo nannte absichtlich nur den Vornamen Landolas.

»Henrico?« stöhnte der Gefragte, »wer, wer redet hier? Wo – wo bin ich?« – »Gefangen soll ich sein und gefangen auch Sie. Ich glaube es nicht.« – »Gefan… fangen?« stöhnte es wieder unter Kettengerassel. »Ah, was – wer klirrt hier? Wer hält – hält mich fest?« – »Ketten sind es, Ketten!« – »Ketten? Ketten? Ah! Richtig! Der Pa… Pater wollte uns ja die Gefa… fangenen zeigen, Ster…« – »Still!« fiel Cortejo rasch ein. »Keine Namen nennen.«

Landola konnte sich noch immer nicht aus seiner Betäubung finden. Er wiederholte im Ton eines Menschen, der chloroformiert ward:

»Keinen Namen? Kei… keinen? Warum denn nicht, Cortejo?«

Er hatte diesen Namen nun trotz der eindringlichen Warnungen doch genannt.

»Halt! Still!« rief Cortejo.

Aber von der anderen Seite tönte es rasch herüber:

»Welcher Name war das? Wer ruft mich?«

Da horchte Gasparino auf.

»Dich?« fragte er. »Dich rief keiner.« – »O doch! Es war mein Name.« – »Wie? Du heißt Cortejo?« – »Ja.« – »Wie ist dein Vorname?« – »Es ist doch nun verraten, und so sollst du auch ihn hören. Ich heiße Pablo Cortejo.« – »Gott, Gott!« schrie Gasparino. »Sollte es mehrere dieses Namens geben? Sagtest du nicht, daß deine Tochter hier sei?« – »Ja.« – »Heißt sie Josefa?« – »Ja. Kennst du sie? Kennst du uns?«

Da streckte sich Gasparino gegen seine Fesseln, daß sie klirrten und seine Knochen krachten.

»Hölle, Teufel und Verdammnis!« donnerte er. »So ist es also wahr! Dieser Pater hat mich betrogen. Ich bin gefangen. Gott oder Satan, ganz gleich, wer mir helfen will, aber gib, oh, gib mir Kraft, diese Ketten zu zersprengen!«

Cortejo stemmte sich von neuem gegen die Fesseln, aber vergeblich.

»Strenge dich nicht an, es ist umsonst!« klagte der andere. »Aber sage mir, woher du unseren Namen kennst?« – »Euren Namen? Ach, ich wollte, der Himmel stürzte ein und begrübe dieses Kloster unter seinen Trümmern. Weißt du, wer der ist, der vorhin, aus der Ohnmacht erwachend, deinen Namen nannte?« – »Sage es!« – »Henrico Landola.«

Da klirrten drüben bei dem anderen die Fesseln, zum Zeichen, daß der Schreck ihn bewegt habe.

»Henrico Landola!« schrie er überlaut. – »Ja.« – »Der Seekapitän?« – »Ja«, antwortete Gasparino.

Und zu seiner Rechten ließ sich Landolas Stimme hören:

»Ja, ich bin es! Henrico Lan… Landola, der Kapitän.« – »Ist's möglich. Auch das noch!« rief Pablo, die Ketten vor Grimm aneinanderschlagend. »Und du, wer bist denn du?« – »Ich? Höre und verfluche die Erde und alles, was Leben hat! Mein Name ist der deinige.« – »Der meinige?« – »Ja, denn ich bin Gasparino Cortejo, dein Bruder!«

Zwei laute Schreie erschollen, ein männlicher und ein weiblicher. Dann ward es da drüben still. Pablo und seine Tochter waren in Ohnmacht gesunken. Nur hüben noch rasselten die Ketten.

22. Kapitel.

Oft scheint es fast, als ob die Vorsehung sich entschlossen habe, den Frevler entkommen zu lassen und die wohlberechtigten Pläne des Guten für immer zuschanden zu machen.

Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege.

Nachdem Kurt Helmers seine Besuche in Mexiko gemacht hatte, setzte er sich zu Pferde und verließ in Begleitung des Matrosen Peters die Hauptstadt. Sie erreichten nach einem raschen Ritt das Städtchen, in dem sie Geierschnabel und Grandeprise trafen; dann ging die Reise weiter.

Kurt war mit guten Karten versehen und besaß in den beiden Jägern zwei Führer, wie es keine besseren geben konnte.

Cortejo und Landola hatten als Verfolgte nicht die offene Straße eingeschlagen, sondern sich als Führer einen Mestizen gemietet und kamen infolge der schlechten Seiten- und Gebirgswege nur langsam vorwärts. Kurt ritt die Straße und konnte daher Strecken zurücklegen, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach vor den beiden Verbrechern in Santa Jaga ankommen mußte.

Darauf rechnete er auch bestimmt. Aber diese Berechnung sollte sich leider als trügerisch erweisen.

Es war am zweiten Abend, als er in der Stadt Zimapan ankam. Hier traf er auf Truppen. Die Stadt war von Franzosen besetzt, die sich vorbereiteten, unter ihrem Befehlshaber, einem General, sich nach Querétaro zu konzentrieren, um von da aus über Mexiko den Einschiffungshafen Verakruz zu erreichen. Im Norden der Stadt standen die Kaiserlichen unter dem ebenso bekannten wie berüchtigten General Marquez bereit, nach dem Abzug der Franzosen die Stadt zu besetzen. Doch war die Disziplin so locker, daß Scharen von ihnen sich in die Stadt begaben, um des Abends ein wenig mit ihren französischen Waffenbrüdern zu fraternisieren.

Durch dieses Gewühl hindurch mußte sich Kurt mit seinen Begleitern Bahn brechen. Am liebsten hätte er sich für diese Nacht draußen im Freien ein Lager gesucht, aber die beiden Jäger rieten davon ab. Sie wären doch zwischen die aufgelösten Truppen, bei denen auf rechte Manneszucht nicht zu rechnen war, geraten, und dabei vielleicht Unbilden ausgesetzt gewesen, die sie in der Stadt umgehen konnten.

Aber diese Aussage erwies sich als irrig. Die Stadt glich nicht einem Ameisenhaufen, sondern vielmehr einem Mehlwürmertopf, in dem es von Käfern, Würmern, Larven und Milben »wimmelte und kribbelte«. Von Venta zu Venta, von Posada zu Posada und zuletzt gar von Haus zu Haus suchend, fanden sie nicht das kleinste Örtchen, wo sie auf eine Stunde der Ruhe hätten rechnen können. Und deren bedurften sie doch ebensosehr, wie ihre Pferde des Futters und des Wassers.

Glücklicherweise erfuhren sie von einer alten »zahmen« Indianerin, die in einem zerrissenen und schmutzigen Hemd vor einer zerfallenen Hütte hockte, daß draußen vor der Stadt ein Bach fließe, an dessen Ufern Gras in Menge zu finden sei. Sie beschlossen also, an diesem Wasser zu biwakieren.

Leider war hier fast kein Plätzchen zu haben. Die französische Reiterei hatte sich hier festgesetzt, und so mußte Kurt froh sein, endlich ein kleines Stückchen Erde zu erobern, das zwei Schritte breit an den Bach stieß, so daß seine Tiere wenigstens zu saufen vermochten. Vor und hinter und neben der kleinen Truppe brannten Wachtfeuer, von denen sie hell beleuchtet wurden, so daß ihre Gesichtszüge ganz deutlich zu erkennen waren.

Dies störte nicht nur ihre Behaglichkeit und Ruhe, sondern es zog auch die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sie und sollte ihnen sehr verhängnisvoll werden.

Gerade vor ihnen lag eine Gruppe von vielleicht dreißig Kavalleristen im Gras. Die Leute schmauchten den starken mexikanischen Tabak und unterhielten sich von den Taten, die sie zum Ruhm Frankreichs hier in diesem Land »begangen und verschuldet« hatten. Ein ziemlich alter Sergeantmajor befand sich bei ihnen, der der Unterhaltung mit großer Würde präsidierte.

Eben war eine Gesprächspause eingetreten, als Kurt mit seinen drei Leuten herbeikam und sich in der Nähe niederließ. Ein Murren erhob sich unter den Franzosen.

»Was wollen diese Leute hier?« fragte einer. »Haben sie ein Recht hierzusein?« – »Dulden wir Zivilisten unter uns?« fragte ein zweiter. – »Mexikanische Landstreicher gehören nicht in die Nähe der Söhne unseres schönen Frankreichs«, meinte ein dritter.

Und ein vierter wandte sich direkt an den Feldwebel und sagte:

»Sergeantmajor, dulden wir das?«

Der Alte strich seinen Schnauzbart eine ganze Weile lang und erwiderte:

»Nötig haben wir es wahrscheinlich nicht!« – »Nun, so ist es Ihre Pflicht, uns von diesen Leuten zu befreien.«

Als der Alte zögerte, meinte ein junger Kerl zu ihm:

»Oder fürchten Sie sich vor diesem Zivil?«

Da warf der Feldwebel dem Sprecher einen Blick zu, der wenigstens zerschmetternd oder zermalmend wirken sollte, und sagte:

»Laffe! Als du noch keine Hosen trugst, trug ich bereits die Muskete. Ich werde euch zeigen, wie schnell dieses Zivil vor mir die Flucht ergreifen wird.«

Er schritt auf die vier Männer zu. Kurt lag im Gras und hatte sich eine Zigarre angesteckt; die anderen drei lagen mehr am Rand des Baches und beaufsichtigten ihre Pferde.

»Was wollt Ihr hier? Auf und fort!«

Diese Worte donnerte der Alte Kurt entgegen, indem er den Arm gebieterisch ausstreckte. Kurt regte sich nicht einmal.

»Habt Ihr gehört? Augenblicklich fort«, wiederholte der Alte.

Auch jetzt gab Kurt noch keine Antwort.

»Ah! Ihr wollt Euch widersetzen?« fragte der tapfere Reitersmann. »Gut, meine Leute werden Euch fortbringen.«

Kurt sah, daß er sich anschickte, Leute herbeizurufen. Das hätte eine Szene gegeben. Darum sagte er ruhig:

»Sergeantmajor, wo haben Sie für diese Nacht Ihr Quartier?«

Das empörte den Alten noch mehr. Er antwortete laut, so daß man es weithin hören konnte:

»Was? Er fragt mich nach meinem Quartier? Welches Recht hat Er dazu? Und weiß Er nicht, daß man sich erhebt, wenn man mit einem Helden Seiner Majestät des Kaisers spricht?« – »Gut, ich werde aufstehen, doch auf Ihre Verantwortung hin«, meinte Kurt leichthin. »Ich bemerke aber, daß ich dies nur aus Rücksicht auf Frieden tue, und wiederhole meine Frage, wo Sie heute abend Ihr Quartier haben.« – »Er hat sich darum nicht zu bekümmern!« – »O doch! Hat Ihre Truppe den Befehl, sich heute hier zu lagern, und ist Ihrer Abteilung vom Kommandanten diese Stelle angewiesen worden, so weiche ich gern; haben Sie aber Ihr Quartier in der Stadt, so habe ich dasselbe Recht wie Sie und bleibe.«

Der Alte sah den jungen Mann erstaunt an.

»Wer ist Er?« fragte er. »Er tut ja gerade so, als ob Er auch gedient habe und vom Reglement etwas verstehe.«

Es hatte sich um die beiden und die drei anderen Zivilisten ein weiter Kreis von Soldaten gebildet, die neugierig zuhörten.

»Können Sie lesen, Sergeantmajor?« fragte Kurt. – »Mille tonnerres!« fluchte der Alte. »Tausend Donner. Wie kann er es wagen, daran zu zweifeln?«

Kurt antwortete ruhig:

»Weil ich viel Sergeantmajors kennengelernt habe, die nicht lesen konnten. Obgleich ich nach Ihrem Kommandeur verlangen könnte, will ich mich doch herablassen, Ihnen Rede zu stehen. Hier, Kamerad, lesen Sie!«

Er zog von seinen Pässen denjenigen hervor, der in französischer Sprache abgefaßt war, und gab denselben dem Sergeanten hin.

»Wird auch viel Gescheites sein«, brummte der Alte.

Er trat näher an das Feuer, um besser lesen zu können. Kaum aber war er fertig, so kam er zurück, machte in kerzengerader Haltung sein Honneur und sagte im respektvollsten Ton:

»Verzeihung, mein Leutnant! Das konnte ich nicht wissen!« – »So hätten Sie vorher sich ordnungsmäßig erkundigen sollen. Wo haben Sie Ihr Quartier?« – »In der Stadt.« – »So bleibe ich also hier. Treten Sie ab!«

Der Alte drehte sich stramm um und marschierte nach seinem Platz zurück, wo er sich kleinmütig niederließ. Rund um ihn herum begann ein Flüstern:

»Warum ging er nicht?« fragte einer. – »Weil wir kein Recht haben, ihn fortzuweisen.« – »Sie gaben ihm das Honneur!« – »Donnerwetter! Er ist ein Offizier, und ich habe ihn Er genannt und so angedonnert. Ein Glück, daß wir morgen abmarschieren.« – »Ist er ein Franzose?« – »Nein, ein Deutscher.« – »A bah! Was für ein Deutscher?« – »Ein Preuße!« – »Hole sie alle der Teufel! Welchen Grad hat er?« – »Premierleutnant.« – »Bloß? Pah!« – »Sapperlot! Aber bei den Gardehusaren! Und beim Generalstab ist er auch! Bei dieser Jugend!«

Das flößte Respekt ein; aber man ärgerte sich doch, daß ein alter Sergeantmajor von einem Zivilisten abgewiesen wurde. Das Ereignis sprach sich von Gruppe zu Gruppe; die Kinder des französischen Ruhmes ereiferten sich darüber, und es entrierte sich eine Art von Wallfahrt nach dem Ort, wo der Deutsche lag, und nach der Gruppe, in deren Mitte der Sergeantmajor saß.

Unter anderem kam auch ein leichter Reiter herbei, der mit im Norden des Landes gefochten hatte. Er erkundigte sich nach dem Ereignis und betrachtete sich die Reisenden.

»Sacrebleu!« meinte er überrascht. »Den sollte ich kennen!« – »Den Offizier?« fragte der Sergeantmajor. – »Nein, den anderen.« – »Welchen?« – »Den mit der großen Nase!« – »Wirklich?« – »Bei Gott, ich kenne ihn. Ich will mich erschießen lassen, wenn ich ihm nicht gegenübergestanden habe. Ich sah von seinen Kugeln viele unserer Braven fallen. Es war im Gefecht bei Cena Sonores.«

Diese Worte brachten eine ungeheure Wirkung hervor.

»Was? Er ist ein Feind?« fragte der Alte. – »Ja. Er war bei Juarez; er ist ein amerikanischer Jäger und wird Geierschnabel genannt.« – »Dann ist er ein Spion!« rief einer halblaut. – »Bist du deiner Sache gewiß?« fragte der Alte. – »Ganz und gar. Aber ich werde gehen, um Mallou und Rénard zu holen. Sie haben an meiner Seite gefochten und werden ihn wiedererkennen.« – »Gehe, mein Sohn! Mir geht ein Licht auf. Ein deutscher Offizier in Zivil mit einem Spion des Juarez und noch zwei anderen, die wohl auch Spione sind, das wäre ein Fang, wie er nicht besser gemacht werden könnte.« – »Dann würden wir diesem Deutschen zeigen, daß er doch vom Wasser fort muß. Aber wohin! Hahaha!« – »Still, Jungens«, befahl der Alte. »Diese Personen dürfen nicht ahnen, was hier vorgeht, sonst könnten sie doch suchen, uns zu entkommen, und das wäre jammerschade!« – »Uns entkommen?« fragte der Junge, der vorhin so voreilig gewesen war. »Dies ist ja ganz und gar unmöglich. Wir sind ja da!« – »Halte den Mund, Knabe!« entgegnete der Alte. »Lerne erst die Jäger kennen, dann wirst du erfahren, was so ein Kerl zu bedeuten hat. Wenn Juarez dieses Land wieder erobern sollte, so hat er es nur der Disziplin, der Ausdauer und der eisernen Tapferkeit und Bravour dieser amerikanischen Jäger zu verdanken.«

In diesem Augenblick kehrte der Soldat mit seinen zwei Kameraden zurück und sagte:

»Hier sind Rénard und Mallou. Sie mögen sehen, ob ich recht habe oder nicht.« – »Ja, Jungens«, meinte der Alte, »seht euch doch einmal den Kerl da drüben an, der die lange Nase hat. Der da, euer Kamerad, meint, daß euch diese Nase bereits bekannt sei.«

Die beiden Soldaten folgten dieser Aufforderung. Kaum hatten sie Geierschnabel erblickt, so meinte Rénard:

»Sacrebleu! Den Kerl kenne ich!« – »Und ich auch!« fügte Mallou hinzu. – »Wirklich?« fragte der Alte, der sehr gespannt aussah. – »Ja«, antwortete Rénard. »Er hat uns in der Bataille von Cena Sonores gegenübergestanden.« – »Es ist Geierschnabel, der berühmte amerikanische Jäger«, erklärte Mallou. »Er gehört zu den Truppen des Juarez, und wir drei haben mit eigenen Augen viele von den Unsrigen von seinen Kugeln fallen sehen.« – »Was? Wirklich? Ihr kennt ihn also genau?« fragte der Sergeantmajor, der es für angezeigt hielt, in einem solchen Fall, der jedenfalls ein sehr wichtiger war, so sicher wie möglich zu gehen. – »Natürlich, natürlich ist er es! Man kann sich ja gar nicht irren. Wer dieses Gesicht gesehen hat, für den ist eine Täuschung geradezu unmöglich, mein Sergeantmajor.« – »Hm«, brummte der Alte. »Das kann diesen Leuten verdammt gefährlich werden. Kennt Ihr vielleicht noch einen anderen von ihnen?« – »Nein.« – »Na, das tut auch weiter nichts zur Sache. Nun aber ist es unsere Pflicht, uns dieser Leute zu versichern. Aber das muß mit Vorsicht geschehen, da der eine von ihnen ein Offizier ist. Man muß dem General Meldung machen. Das werde ich besorgen, und ihr drei geht mit. Ihr anderen laßt euch einstweilen nicht das mindeste merken, habt aber ein scharfes Auge auf sie. Sollten sie sich entfernen wollen, so haltet ihr sie zurück, und zwar mit Gewalt, wenn es notwendig sein sollte.«

Er entfernte sich mit den drei Soldaten, die als Zeugen dienen sollten, und es trat nun eine Pause der Spannung ein, während welcher Kurt nicht das mindeste ahnte von dem, was ihm und den Seinigen bevorstand.

23. Kapitel.

Es mochte ungefähr eine halbe Stunde vergangen sein, als ein Capitain de cavalerie – Rittmeister – in Begleitung von Bewaffneten erschien. Der Sergeantmajor befand sich als Führer bei ihm; die anderen aber waren von dem General als Zeugen zurückbehalten worden.

Während seine Begleitung sich einige Schritte zurück aufstellte, trat der Rittmeister direkt zu Kurt, der sich, wißbegierig, was der Mann von ihm wolle, aus dem Gras erhob. Der Offizier betrachtete sich den Deutschen einige Augenblicke lang stillschweigend und fragte dann:

»Monsieur, es scheint, Sie sind kein Einwohner dieser Stadt?« – »Allerdings«, antwortete Kurt in höflichem Ton. – »Sie befinden sich auf Reisen?« – »Ja.« – »Woher kommen Sie?« – Jetzt zunächst aus der Hauptstadt.« – »Und vorher, also überhaupt?« – »Aus Deutschland.«

Der Offizier kniff die Augen zusammen und meinte gedehnt:

»Aus Deutschland? Ah! Sie meinen wohl Österreich?« – »Nein, sondern Preußen.« – »Preußen? Hm! Glauben Sie, daß dies hier gut für Sie sein wird?«

Kurt warf dem Mann einen erstaunten Blick zu und antwortete:

»Gestatten Sie, Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Frage nicht begreife und auch nicht verstehe!«

Der Rittmeister warf den Arm in einer Weise in die Luft, daß damit gerade das Gegenteil von Vertrauen und Achtung ausgedrückt wurde, und sagte dann:

»Sie werden das wohl bald verstehen und begreifen. Für jetzt aber muß ich Sie bitten, mir zu sagen, wohin Ihre Reise gerichtet ist.« – »Zunächst nach Santa Jaga.« – »Zunächst also? Und dann?« – »Nach der Hacienda del Erina.« – »Ah, ich erinnere mich dieses Namens. Dies ist dieselbe Hazienda, die sich so ausgezeichnet als Etappenstation eignet?« – »Ich weiß das nicht, denn ich bin noch niemals dort gewesen.« – »Welchen Zweck verfolgen Sie bei dieser Reise?« – »Er ist rein privater Natur.« – »Darf ich fragen, welcher Art diese Natur ist?« – »Ich gedenke, Verwandte oder Freunde dort zu treffen oder wenigstens etwas über sie zu vernehmen.« – »Einen anderen Zweck verfolgen Sie nicht?« – »Nein.« – »Diese Personen, die ich hier bei Ihnen sehe, werden Sie begleiten?« – »Ja.« – »Es sind Diener von Ihnen?« – »Dieser Ausdruck wird nicht ganz bezeichnend sein.« – »Also Freunde?« – »Ich möchte sie allerdings beinahe so nennen.« – »Ah! Hm! Freunde! Ist nicht einer dabei, der Geierschnabel heißt?« – »Ja.« – »So möchte ich Sie ersuchen, mir zum kommandierenden General zu folgen.«

Kurt blickte befremdet auf.

»Was hat dies zu bedeuten?« fragte er. – »Ich bin nicht befugt, mich darüber zu äußern.« – »Soll ich Ihnen etwa in der Eigenschaft eines Arrestanten folgen?« – »Ich möchte mich dieses Ausdrucks allerdings nicht bedienen. Der General sandte mich, Sie und Ihre Begleiter zu ihm zu holen.« – »Augenblicklich?« – »Ja.« – »Und wenn ich mich weigere?« – »Ich will nicht befürchten, daß Sie dies tun werden.« – »Und wenn ich es dennoch tue?« – »Ich muß Sie bringen. Folgen Sie mir nicht freiwillig, so werde ich allerdings zur Anwendung von Gewalt gezwungen sein.« – »Also bin ich doch arretiert!« – »Es steht Ihnen frei, es zu nennen, wie es Ihnen beliebt, nur ersuche ich Sie dringend, von allem Widerstand abzusehen. Blicken Sie sich gefälligst um. Das ganze Feld wimmelt von unseren Soldaten. Es ist ganz unmöglich zu entkommen.«

Kurt warf einen schnellen Blick umher. Seine Begleiter hatten sich auch vom Boden erhoben. Sie standen neben den Pferden, den Zügel in der Linken und die Rechte im Sattel, also bereit, aufzuspringen und davonzujagen.

Kurt aber schüttelte verächtlich den Kopf und sagte mit Nachdruck:

»Nicht entkommen? Monsieur, wenn es eine Wette gälte, so wollte ich sicher sein zu gewinnen. Läge es in meiner Absicht, zu fliehen, so würde niemand imstande sein, uns aufzuhalten. Aber ich habe ein reines Gewissen, ich bin mir nicht bewußt, etwas Unrechtes getan zu haben, und so verzichte ich auf jeden Entweichungsversuch. Wir stehen zu Diensten, Herr Rittmeister!« – »Gut! Folgen Sie mir!«

Der Offizier war mit seinen Begleitern zu Fuß gekommen.

»Dürfen wir aufsteigen?« fragte Kurt unter einem leisen Lächeln. – »Nein!« antwortete der Gefragte schnell. Sie nahmen also ihre Pferde am Zügel und folgten, bewacht von den Soldaten, dem Rittmeister.

»Verdammt! Was werden wir sollen?« flüsterte Geierschnabel dem Jäger Grandeprise zu, indem er sein Primchen ausspuckte und ein neues von riesigen Dimensionen in den Mund schob. – »Wer weiß es!« antwortete der Gefragte. »Vielleicht hat man uns gar in dem Verdacht, Spione zu sein!« – »Das wäre ja eine ganz verteufelte Christbescherung! Ich hörte, daß der Kerl meinen Namen nannte.« – »Ich hörte es auch.« – »Was geht dem General mein Name an?« – »Wir werden es jedenfalls sehr bald erfahren.« – »Nun, da genießen wir wenigstens das große Glück, mit einem französischen General reden zu können. Hol ihn der Teufel!«

Der Weg führte sie durch zahlreiche Militärgruppen nach der Stadt zurück bis vor das Gebäude, in dem der Kommandierende sein Quartier aufgeschlagen hatte. Sie wurden sofort zu ihm geführt. Es befanden sich mehrere Offiziere bei ihm, die die Eintretenden mit finster forschenden Blicken musterten. Der Rittmeister blieb mit seinen Leuten an der Tür stehen, um die Arrestanten genau im Auge zu behalten.

Der General wandte sich zunächst an Geierschnabel, dessen ungewöhnliche Physiognomie er einige Augenblicke mit sichtlicher Belustigung musterte. Dann fragte er:

»Ihr Name?«

Geierschnabel nickte ihm außerordentlich freundlich zu und antwortete:

»Ja, mein Name!«

Der General machte eine Miene des Erstaunens und wiederholte:

»Ihr Name?«

Sein Ton war jetzt bedeutend strenger als vorher, aber der Jäger schien dies gar nicht zu bemerken. Er schmunzelte den General abermals höchst vertraulich an und antwortete kopfnickend:

»Freilich, freilich! Mein Name!« – »Mann, was fällt Ihnen ein. Ihren Namen will ich wissen!« rief der Offizier erzürnt. – »Ah! Wissen wollten Sie ihn? Ja, das konnte ich doch nicht erraten. Sie sagen: ›Ihr Name!‹ Ich habe gedacht, er gefällt Ihnen so ausnehmend. Nun erfahre ich aber, daß Sie ihn noch gar nicht wissen.« – »Sind Sie des Teufels? Es versteht sich doch ganz von selbst, daß ich wissen will, wie Sie heißen!« – »Ganz von selbst? O nein! Wenn jemand zu mir sagt: ›Hochgeehrtester Señor, wollen Sie die Gewogenheit haben, mir zu sagen, wie Ihr geehrtester Name lautet?‹, so weiß ich, was er will; aber wenn einer bloß sagt: ›Ihr Name!‹, so kann ich nur vermuten, daß er in Beziehung meines Namens irgendeine Absicht verfolgt; welche, das weiß der Teufel!«

Der General wußte nicht, was er denken sollte. Hatte er hier einen äußerst frechen oder geistig beschränkten Menschen vor sich? Er hielt noch an sich und sagte:

»Nun, also jetzt wissen Sie, daß ich Ihren Namen hören will.« – »Den richtigen oder den anderen?« – »Den richtigen.« – »Den richtigen? Hm! Das wird schwer halten!« meinte Geierschnabel höchst nachdenklich.

Der General runzelte die Stirn.

»Wieso?« fragte sie. »Sie haben wohl Ursache, sich des richtigen gar nicht zu bedienen? Sie tragen falsche Namen? Das ist sehr verdächtig!« – »Schwerlich!« antwortete Geierschnabel leichthin. »Aber man hat mich so lange Zeit nicht bei meinem richtigen Namen genannt, daß ich ihn fast ganz vergessen habe.« – »Nun, so besinnen Sie sich! Wie lautet er?« – »Hm! Ich glaube, ich heiße William Saunders.« – »Woher?« – »Woher ich so heiße?« – »Nein, sondern woher Sie sind!« fuhr ihn der General an. – »Aus den Vereinigten Staaten.« – »Und wie heißt der andere Name?« – »Geierschnabel.« – »Ah! Ein nom de guerre, wie ihn die Verbrecher untereinander zu führen pflegen. Wer hat Sie so genannt?« – »Meine Kameraden.« – »Ich dachte es mir! Diese Kameraden waren wohl Bewohner der hintersten Quartiere?« – »Der hintersten Quartiere?« fragte Geierschnabel erstaunt. »Diesen Ausdruck habe ich noch nie gehört. Was hat er zu bedeuten?« – »Ich meine, daß es Menschen waren, die das Licht des Tages zu scheuen hatten.« – »Ah! Sie meinen wohl Spitzbuben und Konsorten?« – »Ja«, nickte der General. – »Pfui Teufel! Pchtichchchch!«

Dabei spuckte er so nahe am Kopf des Offiziers vorüber, daß dieser erschrocken zur Seite sprang und mehr erstaunt als zornig ausrief:

»Mensch, was fällt Ihnen ein! Wissen Sie, vor wem Sie stehen?« – »Ja«, nickte Geierschnabel ganz gemütlich. – »So betragen Sie sich auch danach. Also wer waren Ihre Komplizen?« – »Komplizen? Ich will geteert und gefedert werden, wenn ich dieses Wort verstehe! Meinen Sie etwa meine Kameraden?« – »Ja.« – »Die mir den Namen gegeben haben?« – »Ja.« – »Nun, das waren wackere Jungen, tüchtige Kerle, denen es ganz egal war, ob sie mit einem General sprachen. Jäger waren es, Trapper, Squatter und Indianer. Sie müssen nämlich wissen, daß es in der Savanne fast keinen Jäger gibt, der nicht einen Beinamen hat. Der eine erhält ihn infolge irgendeines Vorzuges, der andere infolge eines Fehlers. Mein größter Vorzug ist nun meine Nase. Ist es da zu verwundern, daß mich die verteufelten Kerle Geiernase oder Geierschnabel genannt haben?«

Der General wußte noch immer nicht, wie er diesen eigentümlichen Menschen zu taxieren habe. Er ging zur Hauptsache über, indem er fragte:

»Also ein Präriejäger sind Sie?« – »Ja.« – »Haben Sie sich stets bloß mit der Jagd beschäftigt?« – »Nicht ganz allein.« – »Womit noch?« – »Ich habe nebenbei auch noch gegessen, getrunken, geschlafen, die Hosen ausgebessert, Tabak gekaut und verschiedenes andere mehr.« – »Mille tonnerres! Wollen Sie sich etwa einen Spaß mit mir machen?« – »Nein.« – »Das will ich Ihnen auch geraten haben. Kennen Sie Juarez?« – »Ja. Sehr gut sogar.« – »Persönlich?« – »Natürlich!« – »Haben Sie unter ihm gefochten?« – »Nein, sondern geschossen.« – »Das ist gleich. Sie haben uns gegenübergestanden?« – »Den Franzosen? Ja. Ich Ihnen und Sie mir.« – »Sie haben Franzosen getötet?« – »Das ist möglich. Während des Gefechts kann man nicht hinter jeder Kugel herlaufen, um zu sehen, ob sie trifft.« – »Waren Sie im Gefecht von Cena Sonores?« – »Ja.« – »Kennen Sie diese Männer?«

Der General zeigte auf drei Soldaten, die als Zeugen warteten. Geierschnabel sah sie an und antwortete:

»Ja, die kenne ich.« – »Woher?« – »Ich habe sie vorhin auf dem Feld draußen gesehen.« – »Vorher nicht?« – »Kann mich nicht besinnen! Ist mir auch ganz egal.« – »Diese drei Männer haben Sie bei Cena Sonores gesehen.« – »Das ist möglich.« – »Sie behaupten, daß Ihre Kugeln sehr gut getroffen haben!« – »So? Das freut mich. Für einen alten Jäger ist es verdammt ärgerlich, zu erfahren, daß er nur ins Blaue geschossen hat.« – »Scherzen Sie nicht«, rief der General in erstem Ton. »Es handelt sich hier um Leben und Tod!«

Geierschnabel machte ein erstauntes Gesicht und fragte:

»Um Leben und Tod? Wieso denn?« – »Sehen Sie das nicht selbst ein?« – »Nein.« – »Dann sind Sie wegen Ihres mangelhaften Fassungsvermögens zu bedauern. Sie sind überführt, Franzosen erschossen zu haben.« – »Ich hoffe es!« – »Sie sind also Mörder.« – »Mörder?« fragte Geierschnabel rasch. – »Ja. Und mit Mördern pflegt man kurzen Prozeß zu machen.« – »Ja, man gibt ihnen eine Kugel oder den Strick«, nickte Geierschnabel. »Aber wer will mir nachweisen, daß ich ein Mörder bin?« – »Es ist bereits nachgewiesen.« – »Oho! Ich bin Kombattant, aber kein Mörder. Jetzt geht mir ein Licht auf. Diese drei Kerle haben mich im Gefecht gesehen, hier wiedererkannt und angezeigt.« – »So ist es. Ein kaiserliches Dekret befiehlt, jeden Empörer zu erschießen.« – »Empörer? Pchtichch!«

Er spuckte gerade an dem General vorüber nach dem Tisch, wo der braune Saft ein brennendes Wachslicht auslöschte.

»Ich, ein Empörer?« wiederholte er. »Herr General, wollen Sie die Güte haben, dieses Schriftstück zu lesen?«

Er zog einige Dokumente aus der Tasche und reichte eins davon dem Offizier. Dieser las es und sagte dann:

»Ah! Sie wären also Dragonerkapitän der Vereinigten Staaten?« – »Ja. Das kann man nämlich werden, trotzdem man eine lange Nase hat.«

Der General tat, als habe er diese letztere Bemerkung gar nicht vernommen und sagte:

»Das kann Sie doch nicht retten. Sie haben sich einer mexikanischen Bande beigesellt.« – »Ist das Heer des Juarez eine Bande? Hier! Ich bitte, auch dieses zu lesen!«

Er gab ein zweites Schriftstück hin, und der General nahm Einsicht davon, meinte aber achselzuckend:

»Ihr von Juarez ausgefertigtes Patent als Kapitän der freiwilligen Jäger.« – »Ja freilich. Ich traf mit Juarez zusammen; er konnte mich brauchen, und da sein Weg zufälligerweise auch der meinige war, schloß ich mich ihm an und erhielt den Befehl über eine Jägerkompagnie.« – »Sie sind also Deserteur?« – »Wer sagt das?« – »Ich! Sie haben unter Juarez gefochten, trotzdem Sie Offizier der Vereinigten Staaten sind.« – »Das nennen Sie Deserteur? Selbst wenn ich desertiere, ist dies nur Sache des Präsidenten, aber nicht eines Franzosen. Ich habe unbestimmten Urlaub und vom Präsidenten die Erlaubnis, unter Juarez zu fechten. Ich bin weder Deserteur noch Mörder.« – »Befleißigen Sie sich eines anderen Tones! Selbst wenn ich das Bisherige fallenlasse, so bleibt doch der Umstand, daß Sie als Kombattant des Juarez hier mitten in unserem Lager betroffen wurden. Sie werden wissen, was das zu bedeuten hat.« – »Kriegsgefangenschaft etwa?« – »O nein! Etwas viel Schlimmeres. Sie haben sich hier eingeschlichen. Sie sind ein Spion!« – »Oho!« rief da Geierschnabel. »Ich bin nicht mehr Kombattant. Hier ist der Beweis!«

Er gab ein drittes Papier hin.

»Das ist allerdings die Zufertigung Ihres Abschiedes von Seiten des Juarez«, sagte der General, als er es gelesen hatte; »aber das kann nichts ändern. Sie sind im Lager betroffen worden, Sie sind ein Spion!« – »So muß ein jeder Fremde, der zufälligerweise an einen Ort kommt, wo sich französische Truppen befinden, ein Spion sein!« – »Ihr Argument ist kein geistreiches. Ich habe übrigens weder Zeit noch Lust, mich mit Ihnen weiter zu unterhalten. Das bereits angezogene kaiserliche Dekret sagt, daß ein jeder, der den Truppen des Kaisers gegenübersteht, nämlich mit den Waffen in der Hand, ein Rebell und ein Räuber ist und als solcher behandelt, das heißt, erschossen werden soll. Ihr Urteil ist gesprochen.«

Da richtete sich die Gestalt des Jägers stolz in die Höhe. »General«, sagte er. »Sie sind Untertan des Kaisers von Frankreich, der den Erzherzog Max von Österreich als Kaiser von Mexiko anerkennt; für Sie mag also das, was Max oder Napoleon dekretieren, Geltung haben. Ich aber bin Untertan der Vereinigten Staaten, deren Präsident einen Kaiser von Mexiko nie anerkannt hat; was also der Erzherzog von Österreich dekretiert, ist meinem Präsidenten und auch mir ganz egal.« – »Es wird sich zeigen, daß es Ihnen nicht ganz und gar egal zu sein braucht. Sie befinden sich innerhalb unseres Machtbereiches und werden nach den Gesetzen behandelt, die hier Geltung haben.« – »Man versuche es! Ich protestiere gegen jede Gewalt. Mein Präsident wird sich und mir Genugtuung zu verschaffen wissen.« – »Pah! Der Präsident von Krämern«, rief der General verächtlich. – »Pchtichchchchch!« spie Geierschnabel einen Strahl aus, der über das ganze Zimmer hinüber und gegen die Wand spritzte. »Krämer?« rief er. »General, sagen Sie mir doch, weshalb die Franzosen jetzt aus Mexiko gehen? Dieser Präsident der Krämer hat Napoleon mitgeteilt, daß er keinen Franzosen mehr in Mexiko dulde, und Ihr großer Kaiser läßt Sie abmarschieren. Diese Krämer müssen also doch Kerle sein, die nicht auf den Kopf gefallen sind und die man in Paris zu respektieren gezwungen ist.«

So hatte noch niemand gewagt, mit dem General zu sprechen. Auf seine Büchse gestützt, stand Geierschnabel in stolzer, selbstbewußter Haltung da, als ob er der Kommandierende, der General aber der Arretierte sei. Dieser letztere hätte den mutigen Jäger am liebsten sofort erschießen lassen, aber er kannte gar wohl die Macht der von diesem vorgebrachten Argumente. Er befleißigte sich daher eines hochstolzen, eisigen Tones und sagte:

»Ich habe mich herabgelassen, Ihren Fall direkt zu untersuchen. Sie haben nun zu schweigen und das Weitere zu gewärtigen.« – »Bin neugierig darauf, meinte Geierschnabel.

Der General wandte sich zu Grandeprise:

»Wie heißen Sie?« – »Grandeprise.« – »Woher?« – »Aus New Orleans.« – »Also auch Untertan der Vereinigten Staaten?« – »Ja, ursprünglich, dann nicht mehr, jetzt aber wieder.« – »Wie habe ich das zu verstehen?« – »Ich bin Jäger und wohnte am texanischen Ufer des Rio Grande.« – »Kämpften Sie unter Juarez?« – »Nein.« – »Was tun Sie hier?« – »Ich bin von dem Herrn Leutnant Helmers engagiert.« – »Und Sie?« fragte der Franzose den Seemann Peters. – »Ich bin Matrose, heiße Peters und habe einen Privatauftrag in Mexiko auszurichten. Hier meine Legitimation.«

Das war eine ebenso kurze wie exakte Auskunft. Der General las die Legitimation und fragte:

»Aber Sie sind wohl auch von diesem Herrn engagiert?« – »Ja.« – »Trotz Ihres privaten Auftrages?« – »Ja. Unsere privaten Absichten sind zufälligerweise ganz dieselben.« – »So werde ich wohl hier darüber Aufklärung erlangen.« Bei diesen Worten wandte er sich Kurt zu. Dieser hatte bisher ganz ruhig dagestanden und gar nicht getan, als ob das Gesprochene ihn berühre. Jetzt wurde er gefragt: »Sie heißen?« – »Hier meine Legitimation!« sagte Kurt mit scharfer Kürze.

Er gab seine Dokumente ab. Der General las, behielt sie in der Hand und betrachtete den jungen Mann eine Weile mit neugierigen Blicken. Dann fragte er:

»Sie heißen also Kurt Helmers?« – »Ja.« – »Sind Oberleutnant der Gardehusaren in Berlin?« – »Ja.« – »Kommandiert zum Stab des jetzt so berühmten Moltke?«

Bei dieser letzten Frage zuckte ein höhnisches Lächeln um seinen Mund. Kurt antwortete in aller Ruhe:

»Warum diese Frage, General? Sie haben meine Legitimation gelesen; meine Personalien sind Ihnen also bekannt. Eine jede Wiederholung ist unnötig.« – »Ah, Sie sprechen ja höchst peremptorisch«, lachte der General. »Dieser Ton scheint den Herren Preußen zur zweiten Natur geworden zu sein; bei mir aber verfängt er nicht. Ich spreche meine Fragen aus, weil ich Ihren Dokumenten nicht gut glauben kann. Ein Offizier, wie Sie sein wollen, und – Spion.«

Kurts Wangen färbten sich, aber er behielt seine Ruhe doch noch bei.

»General«, sagte er, »Sie sprachen da ein Wort aus, das Ihnen nur die Wahl läßt, mir entweder zu beweisen, daß Sie recht haben, oder mir Genugtuung zu geben.« – »Ah, nicht so stolz, mein junger Leutnant. Sagen Sie mir doch gefälligst, woher Sie jetzt kommen?« – »Aus Mexiko.« – »Haben Sie dort Deutsche besucht?« – »Ja.« – »Wen?« – »Den Geschäftsträger Preußens.« – »Ah! Wohl gar in amtlicher Eigenschaft?« – »Nein.« – »Wie sonst?« – »Privatim, natürlich.« – »Und wohin wollten Sie von hier aus?« – »Nach Santa Jaga und der Hacienda del Erina.« – »Sacre! Nach dieser berühmten oder vielmehr berüchtigten Hazienda. Wissen Sie vielleicht, daß sie sich jetzt in den Händen des Juarez befindet?« – »Ja.« – »Das genügt. Sie kommen aus der Hauptstadt und wollen zu Juarez.« – »Ich komme aus der Hauptstadt und will in privater Angelegenheit nach Santa Jaga«, antwortete Kurt. »Später gehe ich wohl nach der Hazienda. Wer aber hat gesagt, daß ich zu Juarez will?« – »Das steht zu erwarten.« – »Vermutung also! Ich hoffe nicht, daß eine bloße und noch dazu unbegründete Vermutung hinreichend ist, einen Offizier und Ehrenmann zu beleidigen und ihn in Arrest zu nehmen.« – »Ich werde Beweise finden«, sagte der General. »Man suche die Leute aus.« – »Ich protestiere gegen seine solche Behandlung«, rief Kurt empört. – »Ihr Protest gilt nichts. Ich habe befohlen, und man wird gehorchen.«

Die Mantelsäcke der vier Reisenden wurden geholt, und sodann durchsuchte man sogar die Taschen der letzteren. So sehr Kurt gegen eine solche Behandlung protestierte, es half ihm nichts.

»Selbst wenn Sie kein Spion sind«, sagte der General, »und selbst wenn ich diesen Geierschnabel begnadigen wollte, müßte ich Sie in Gewahrsam halten.« – »Warum?« fragte Kurt. – »Meinen Sie, daß ich Sie zu Juarez gehen lasse, damit er erfahre, was bei uns vorgeht? Rittmeister, weisen Sie diesen vier Männern ihr Logis an. Das übrige wird sich finden.«

Es folgte nun eine sehr heftige Szene. Die vier Reisenden mußten alles von sich legen, was nicht ganz und gar unentbehrlich war, und dann wurden sie in einen Raum eingeschlossen, aus dem kein Entrinnen möglich war. Der französische General hatte sich viel sagen lassen müssen, ohne sich direkt zu revanchieren; aber jetzt begann dafür seine Rache.

Am anderen Tag wurde Kurt mit seinen Begleitern mitgeschleppt. Er hoffte auf rasche Erledigung dieser Angelegenheit – umsonst. Er meldete sich; er verlangte eine Untersuchung – kein Mensch hörte ihn. Er wurde weitergeschleppt, bis er sich wieder in Verakruz befand. Erst als der letzte französische Soldat auf dem letzten französischen Schiff den Hafen verlassen hatte, sahen die vier ihre Freiheit wieder und erhielten das zurück, was ihnen konfisziert worden war.

Man kann sich denken, welcher Grimm sich der vier Männer bemächtigt hatte. Sie beschlossen zwar, sich sofort an die Vertreter ihrer Regierungen zu wenden, aber was sie verloren hatten, das blieb doch unwiderbringlich – die kostbare Zeit, die nicht zurückzurufen war.

Sie sagten sich mit wirklicher Wut im Herzen, daß Cortejo und Landola ihnen entgangen seien. Was konnte seit jenem Tag alles vorgekommen und geschehen sein! Sie tauschten ihre abgematteten Pferde gegen bessere um und flogen nach der Gegend zurück, die zu verlassen man sie so schmählich gezwungen hatte.

24. Kapitel.

Wer an einen Gott, an eine Vorsehung glaubt, der wird sehr oft die Erfahrung machen, daß der Lenker der Ereignisse die Fäden derselben gerade dann zusammenzieht, wenn man es am allerwenigsten erwartet und wenn die Hoffnung darauf verschwinden will.

In Fort Guadeloupe ging es jetzt recht einsam zu. Die Komantschen hatten wiederholt recht beherzigenswerte Lehren erhalten, und infolgedessen hatten ihre Häuptlinge beschlossen, sich nicht mehr in die Angelegenheiten der Weißen zu mischen. So hatte das Fort nichts mehr von ihnen zu befürchten. Die Apachen hielten für Juarez die Grenzdistrikte besetzt, und die Jäger und kriegsfähigen Männer, die sonst im Fort verkehrt hatten, waren alle auch dem Zapoteken gefolgt. Darum also gab es kein Leben mehr im Fort, und die Langeweile war als böser Gast nun eingekehrt.

Es war am Spätnachmittag. Resedilla saß an dem Fenster der Schenkstube, wo sie ihren gewohnten Platz hatte, und strickte. Sie war etwas bleich geworden; aber diese Blässe gab ihr etwas ungemein Sanftes und Liebes. Der Grund ihres schönen Auges schien sich vertieft zu haben, und um ihre Lippen lag ein Zug stiller Ergebenheit und Resignation, der sie nicht so lebensfroh, aber fast noch schöner, noch weiblicher erscheinen ließ, als sie früher gewesen war.

An dem anderen Fenster saß Pirnero. Er hatte ein Buch in der Hand, aber er las nicht in demselben, sondern seine Augen schweiften dorthin, wo die Sonne sich dem Horizont näherte. Auch er hatte sich verändert. Es war fast, als ob sein Kopf kahler geworden sei. Seine Stirn lag in Falten, seine Lippen waren zusammengepreßt, und seine Augen blickten finster.

Es herrschte eine tiefe, unerquickliche Stille in der Stube, die keiner von den beiden unterbrechen zu wollen schien.

Endlich räusperte sich der Alte. »Hm!« machte er. »Miserables Wetter!«

Resedilla antwortete nicht.

»Ganz miserables Wetter!« wiederholte er nach einer Weile.

Sie antwortete jetzt ebensowenig wie vorher.

»Nun?« rief er da im zornigen Ton. – »Was, Vater?« fragte sie jetzt. – »Miserables Wetter!« – »Es ist ja ganz schön draußen!«

Da drehte er das Gesicht nach ihr herum, blickte sie so erstaunt an, als ob sie etwas ganz Unbegreifliches gesagt hätte, und fragte sie in pikiertem Ton:

»Wie? Was? Schön soll das sein?« – »Natürlich, Vater!« – »Wieso denn, he?« – »Nun, so blicke doch nur hinaus!« – »Das habe ich bereits den ganzen Tag getan; aber etwas Schönes sehe ich nicht. Da ist die Sonne, da sind Bäume und Sträucher, der Fluß, einige Häuser und Vögel, aber Menschen sehe ich nicht. Oder siehst du etwa welche?« – »Ja«, lächelte sie. – »Wo denn?« – »Nun, zunächst sind ja wir beide da.« – »Wir beide? Das ist auch was Rechtes!« – »Und sodann sehe ich gerade jetzt drüben die Lydia.« – »Die Lydia? Die alte Negerin, die dort Wäsche aufhängt? Wir zwei und die? Sind das etwa Menschen?« – »Ich denke doch!« – »Unsinn!« – »Nun, was verstehst du denn eigentlich unter Menschen?« – »Leute, die bei mir einkehren und einen Julep trinken oder im Laden irgend etwas kaufen, Leute, mit denen man sich unterhalten kann, Leute, mit denen man ein Geschäft macht.« – »Ah so! Dann hast du recht, dann allerdings gibt es hier bei uns keine Menschen mehr«, sagte sie, fast traurig. – »Ja, keine Menschen, keinen einzigen, nicht einmal einen Schwiegersohn.«

Pirnero blickte seine Tochter bei diesen Worten scharf an. Sie senkte das Gesicht, über das sich eine tiefe Röte verbreitete, aber sie antwortete nicht.

»Nun?« sagte er. – »Was?« fragte sie. – »Was sagst du zu diesem Wort?« – »Zu welchem?« erkundigte sie sich, obgleich sie ganz genau wußte, was er meinte. – »Zu dem Wort Schwiegersohn?« – »Rechnest du so einen auch zu den Menschen?« versuchte sie zu scherzen. – »Na und ob! Ein Schwiegersohn ist ein höchst bedeutungsvoller Mensch. Ohne ihn gibt es keinen Schwiegervater, keine Schwiegermutter und keine Schwiegertochter. Wo er fehlt, da gibt es weder Großvater noch Enkel, da gibt es weder Hochzeit noch Kindtaufe noch Patengeld. Eine solche armselige Geschichte mag der Teufel holen.«

Ein leiser Seufzer ertönte von Resedillas Platz her. Ihr Vater achtete gar nicht darauf und fuhr fort:

»Gerade so ist's bei uns.«

Er mochte jetzt eine Äußerung erwartet haben, denn er horchte nach Resedilla hin, da er aber nichts zu hören bekam, rief er:

»Nun?« – »Was?« – »Gerade so ist es bei uns.« – »Ja, Patenbriefe gibt es nicht, die sind alle geworden.« – »Dummes Ding! Rede ich denn von meinem Laden, in dem mir allerdings gerade die Patenbriefe ausgegangen sind? Ich rede ja von weiter niemandem als von dir. Ja. Und das merkst du nicht? Wo hast du denn deinen Verstand und deine Ohren, he? Und wer ist schuld daran?« – »An dem Verstand?« – »Den meine ich nicht, denn den hast du von mir; das kommt von dem Forterben vom Vater auf die Tochter. Ich meine vielmehr den Schwiegersohn. Was habe ich mir da für Mühe geben müssen. Weißt du es noch?« – »Ja«, antwortete sie, damit sich seine Laune nicht verschlimmere. – »Da war dieser Kleine André. Besinnst du dich auf ihn?« – »Ja.« – »Ein hübscher, niedlicher Kerl!« – »Hm!« – »Was hast du denn? Der Kerl paßte ganz gut. Er war Brauer und hatte ganze Beutel voll Nuggets. Dann kam der nächste.«

Sie fragte nicht, wen er meinte. Darum rief er zu ihr hinüber:

»Nun?« – »Was?« – »Der nächste. Weißt du, wer das war?« – »Nein.« – »Ja, so ist es! Unsereiner gibt sich die größte Mühe, um es zu einem Schwiegersohn zu bringen, und sie weiß nicht einmal, welche Anbeter sie gehabt hat. Den Amerikaner meine ich.« – »Welchen Amerikaner?« – »Nun, der auf dem Kanu den Fluß heraufkam.« – »Ah! Geierschnabel etwa?« – »Ja.« – »Pfui!« – »So? Ah! Was pfuist du denn? Er war ein berühmter Scout, und der Lord hatte ihn geschickt. Wegen der Nase hättest du keine Sorge zu haben gebraucht; die hätten nur deine Töchter bekommen, nicht aber deine Söhne. Das ist die Folge der Abstammung vom Vater auf die Tochter und von der Mutter auf den Sohn. Und dann kam der dritte.«

Sie senkte das Köpfchen noch tiefer als vorher.

»Nun?« sagte er. – »Was?« – »Der dritte kam!« – »Ja.« – »Wer war das?« – »Meinst du – meinst du Gerard?« fragte sie stockend. – »Ja. Der war mir der liebste. Dir nicht auch?« – »Ja«, hauchte sie, nachdem sie eine Weile gezögert hatte. – »Donnerwetter. Ein berühmter Kerl! Nicht?« – »Ja.« – »Tapfer!« – »Ja.« – »Stark und hübsch!« – »Ziemlich.« – »Und dabei doch sanft wie ein Kind und fromm wie ein Lamm.« – »Das ist wahr.« – »Und reich! Diese Büchse mit dem Kolben von Gold. Weißt du noch, als er ein Stück davon herabschnitt?« – »Ich war ja dabei.« – »Er war erst inkognito da; aber ich hatte ihn längst durchschaut.« – »Du?« fragte sie. – »Ja, ich! Glaubst du das etwa nicht?« – »Ich habe nichts davon bemerkt.« – »Natürlich. Weißt du, was ein Diplomat ist?« – »Ja.« – »Ein Diplomat ist ein Mann, welcher Rußland seine Gedanken verbirgt, weil Frankreich nicht weiß, was England von Schweden und Norwegen denken soll. Verstanden?« – »Ja.« – »Gerade so habe ich es auch gemacht. Ich habe euch meine Gedanken so fein, so gut versteckt, daß ihr gar nicht ahntet, daß ich überhaupt welche hatte.« – »Ja, so sahst du aus«, lachte sie. – »Nicht wahr? Das war ein Meisterstück. Ich habe die ganze Politik im Kopf. Die Schlacht da draußen am Fluß habe ich lange vorher gewußt Auch den Sieg habe ich mir im stillen vorher geweissagt Darum schoß ich so tapfer mitten unter die Franzosen hinein.« – »Du?« fragte sie. – »Ja. Oder zweifelst du etwa?« – »Hm!« – »Na, was hast du denn? Alle Welt weiß, daß ich acht oder neun erschossen und auch einige erstochen habe. Und dann das Massaker droben in der Bodenkammer.« – »Hast du da auch einige erschossen?« – »Hm!« brummte er verlegen. »Nein.« – »Oder erstochen?« – »Nein. Ich fand keine Gelegenheit dazu, denn der Gerard war damit fertig, ehe ich nur anfangen konnte. Der arme Teufel! So lange zwischen Leben und Tod zu schweben! Das war eine Sorge! Nicht?« – »O Vater, eine sehr große!« – »Ja. Endlich, endlich war wieder Hoffnung da. Weißt du, was ich mir da einbildete?« – »Nun?« – »Daß er dir einen Heiratsantrag machen würde.«

Resedilla zog vor, zu schweigen.

»Oder wenigstens eine Liebeserklärung.«

Auch jetzt gab sie keine Antwort.

»Nun?« rief Pirnero. – »Was denn?« – »Ist nichts derartiges vorgekommen, he?« – »Nein.« – »Also kein richtiger Antrag?« – »Nein.« – »Auch kein kleines, verstohlenes Anträgelchen?« – »Nein.« – »So ein Kuß auf die Hand oder auf die Wange?« – »Nein.« – »Oder so ein bißchen in den Arm oder in das Ohr gezwickt?« – »Auch nicht.« – »Oder so ein gelinder, heimlicher Liebestritt auf die Füßchen?« – »Nein.« – »Donnerwetter! Hat er dir denn nicht wenigstens einmal die rechte oder die linke Hand gequetscht?« – »Als er fortging?« – »Da war's bereits zu spät. Aber mit den Augen hat er wenigstens einmal gezwinkert?« – »Ich kann mich nicht besinnen.« – »Da hat man's. Was habe ich gezwickert und gezwinkert, gequetscht, gekniffen und gepufft, als ich deine Mutter kennenlernte! Wir Alten hatten die Liebe viel besser weg als ihr Jungen. Dieser Gerard! So ein feiner Kerl! Und doch erst, als er fortgegangen ist, hat er dir die Hand gequetscht. Der Esel! Herrjeh, wäre das ein Schwiegersohn gewesen! Hat er dir denn nicht gesagt, wohin er wollte?« – »O ja.« – »Was? Dir hat er es gesagt?« – »Ja.« – »Und mir nicht? Sakkerment! Das will ich mir verbitten! Solche Heimlichkeiten, solche Techtelmechteleien kann ich nicht leiden und dulden. Das ist ja gerade so verschwiegen, als ob ihr ein Liebespaar wäret. Das will ich mir verbitten. Aber wie kommt es denn, daß es dir erst jetzt einfällt?« – »Erst jetzt?« meinte sie verlegen. – »Ja. Du hast immer gesagt, daß du nicht weißt, wohin er ist.« – »Ich habe es gewußt.« – »Ah, sieh doch einmal an! Und warum sagtest du es mir nicht?« – »Es war ja Geheimnis!« – »Himmelelement! Geheimnisse habt ihr miteinander?« – »Nur dieses eine, lieber Vater.« – »Das geht nicht. Das würde ich nicht einmal von meiner Tochter und meinem Schwiegersohn dulden. Ich müßte alles wissen, alles, sogar wieviel Küsse sie sich pro Stunde geben. Dadurch bekommt man eine gewisse Übersicht, die sehr notwendig ist, wenn man die Ehe der Tochter mit der eigenen vergleichen will. Also was für ein Geheimnis ist es?« – »Ich sollte nichts sagen, Vater, aber die Zeit, in der er zurückkehren wollte, ist vorüber, und nun bekomme ich Angst.« – »Angst? Sapperlot, das klingt schlimm! Ist's denn gefährlich?« – »Ja, zumal er noch so schwach war, als er ging.« – »Nun, so rede, um was handelt es sich denn?« – »Um – er wollte – oh, mein Gott!«

Resedilla hielt mitten im Satz inne. Ihr Auge starrte durch das Fenster; ihr Gesicht hatte die Starrheit und Bleichheit des Todes angenommen, und ihre beiden Hände waren nach dem Herzen gefahren, wo sie fest liegenblieben.

Pirnero bemerkte die Richtung ihres Blickes. Er trat zum Fenster und sah hinaus. Da kam ein Reiter langsam die Gasse herauf. Ihm folgten fast ein Dutzend schwerbepackte Maultiere, und hinter diesen ritt ein zweiter Reiter neben einer Reiterin.

»Kreuzhimmelbataillongranatenbombenstiefelknecht – das ist er ja«, schrie Pirnero und stürmte zur Tür hinaus.

Da erhielt auch Resedilla wieder Leben. Ihr Busen begann sich zu bewegen, ihre Hände sanken herab, fuhren aber sofort wieder empor nach den Augen, denen eine Tränenflut der Erleichterung entstürzte.

»Er ist's, er ist's«, schluchzte sie. »Gott sei Dank! Gott sei Dank! Oh, so darf ich ihn nicht sehen, so nicht, nein, so nicht!«

Sie fühlte, daß sie sich ihm jubelnd an die Brust stürzen würde, und darum floh sie hinauf in ihre Kammer, wo sie schon so viele, viele Tränen geweint hatte.

25. Kapitel.

Pirnero aber stand unter der Tür und streckte beide Hände aus, um den Jäger zu empfangen.

»Willkommen, tausendmal willkommen, Señor Gerard!« rief er. »Wo habt Ihr denn gesteckt?« – »Das sollt Ihr bald hören, mein lieber Señor Pirnero. Erlaubt nur, daß ich vom Pferd steige.«

Ja, das war Gerard, der alte, der frühere! Hoch, stark und breit, fast so riesig wie Sternau gebaut, zeigte er nicht die mindeste Spur seiner Krankheit mehr in Haltung und Bewegung. Seine Kleidung war abgerissen, er mußte ungewöhnliche Strapazen hinter sich haben; aber sein sonnenverbranntes Gesicht zeigte eine Frische und sein Auge einen Glanz, die es nicht erraten ließen, daß er vor kurzer Zeit noch mit dem Tode gerungen hatte.

Er sprang vom Pferd, und anstatt dem Alten die Hand zu geben, zog er ihn in die Arme und drückte ihn an sich und gab ihm sogar einen schallenden Kuß auf die Wange.

»Grüß Gott, Señor Pirnero!« rief er dabei im Ausdruck des Glückes. »Wie herzlich froh bin ich, wieder bei Euch zu sein!«

Das war dem Alten noch nicht passiert. Seine Augen wurden vor Freude und Rührung augenblicklich naß. Er hielt beide Hände des Jägers fest und fragte:

»Wirklich? Ihr seid froh darüber?« – »Ja.« – »Ihr umarmt mich sogar vor Freude?« – »Natürlich!« – »Ihr gebt mir einen Schmatz und quetscht mich an Euch, gerade so, wie Ihr Resedilla die Hand gequetscht habt, als Ihr fortgegangen seid! Señor, Ihr seid ein tüchtiger Kerl und ein gutes Gemüt. Ich wünschte nur – na, davon darf man bei Euch nun einmal nicht anfangen, da Ihr partout ledig bleiben wollt. Aber sagt mir doch, wer der Señor ist und die Señora, die Ihr bei Euch habt?« – »Das werde ich Euch drinnen erzählen. Aber sagt mir lieber, ob Señorita Resedilla munter ist.« – »Munter? O leider nein.« – »Ah! Sie ist doch nicht krank?« – »Das eigentlich nicht. Aber sie muß sich den Magen verdorben haben, denn sie kann fast gar nichts mehr essen. Sie magert ab, und im stillen da stöhnt und seufzt sie, da piept und fiebt sie, als wenn es bald zu Ende gehen sollte. Ich habe ihr schon Senfteig geraten, Senfteig auf den Magen, und die Schulterblätter mit Melissengeist einreiben; aber sie hört nicht eher, als bis es zu spät ist. Hier gehört eben ein tüchtiger Schwiegersohn her, der ihr den Standpunkt klarmacht, was Senfteig und Melissengeist zu bedeuten haben, wenn man einen kranken und übergesperrten Magen hat.«

Der Schwarze Gerard kannte den Alten. Auf ihn wirkten die Worte desselben nicht so, wie es bei einem anderen gewesen wäre. Er sagte:

»Wo befindet sie sich jetzt?« – »Drinnen in der Stube.« – »So erlaubt, daß ich sie zunächst begrüße.«

Gerard trat in den Flur, öffnete die Tür der Stube und blickte hinein.

»Hier ist niemand«, sagte er. – »Freilich ist sie drin«, behauptete der Alte. – »Nein.« – »Donnerwetter, seid Ihr denn blind? Sie steht ja da am Fenster, guckt Euch an und macht ein Gesicht, als wenn sie ein halbes Dutzend Maulwürfe lebendig verschluckt hätte.« – »Aber wo denn nur?« fragte Gerard lachend. – »Da! Hier!«

Der Alte kam an die Tür, um nach der Stelle zu zeigen, wo er Resedilla verlassen hatte; aber sie war allerdings leer.

»Weiß Gott, sie ist nicht da«, rief er ganz erstaunt. – »Seht Ihr!« – »Sie ist fort. Reineweg fort! Ist das ein Benehmen. Himmeldonnerwetter! Was habt Ihr ihr denn eigentlich getan?« – »Getan? Wieso?« – »Nun, weil sie Euch so ganz und gar nicht leiden kann.« – »Ja, das kann ich mir auch nicht erklären.« – »Ja, Ihr müßt es mit ihr verdorben haben, ganz gewaltig verdorben. Als sie Euch kommen sah, stieg ihr gleich die Galle in die Höhe; das sah ich ihr an. Darum ist sie ausgerissen. Sie will von Euch gar nichts wissen.« – »Leider. Aber sagt, mein lieber Señor Pirnero, kann ich unsere Pferde und Maultiere bei Euch unterbringen?« – »Das versteht sich.« – »Und die Ladung auch?« – Jawohl!« – »Aber ich kann sie nicht im Freien liegenlassen, ich möchte sie vielmehr einschließen.« – »Ah, ist sie wertvoll?« – »So ziemlich.« – »Worin besteht sie denn?« – »Es ist Blei.« – »Blei? Sapperlot, das ist ja gut. Blei wird außerordentlich gesucht. Wo wollt Ihr es denn hinschaffen?« – »Zunächst will ich es hier lassen. Ich dachte, mit Euch ein kleines Geschäftchen zu machen.« – »Schön! Aber woher habt Ihr das Blei?« – »Ich kannte eine Bleimine da oben in der Sierra. Und da ich nächstens in die Lage kommen werde, viel Geld zu gebrauchen, so reiste ich hinauf und holte mir soviel, daß ich genug habe.« – »Na, ich denke, daß Ihr mir den Preis nicht gar zu hoch stellt Aber, was ist es denn, weswegen Ihr so viel Geld braucht?« – »Etwas sehr Eigentümliches!« – »Wirklich?« – Ja. Sogar etwas sehr Wichtiges.« – »Alle Teufel! Ihr macht mich ganz bedeutend neugierig.« – »Nun, so ratet einmal.« – »Raten? Hm, sagt es mir doch lieber gleich!« – »Meinetwegen. Ich werde heiraten.«

Der Alte sprang vor Erstaunen einen Schritt zurück.

»Heiraten? Unsinn!« rief er. – »O doch«, antwortete Gerard. – »Wann denn?« – »In einigen Tagen.« – »Und wen denn?« – »Die Señorita, die ich mitgebracht habe.«

Gerard deutete auf die verschleierte Frauengestalt, die noch im Sattel saß, während ihr Begleiter bereits abgestiegen war und sich mit den Tieren zu schaffen machte, um sie zu versorgen.

Pirnero warf einen forschenden Blick auf die Señorita. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ebensowenig die Gefühle seines Herzens zurückhalten.

»Seid Ihr denn verrückt oder gescheit?« fragte er. – »Wieso?« – »Daß es Euch einfällt, zu heiraten.« – »Nun, man will doch endlich einmal glücklich sein.« – »Glücklich? Hole Euch der Teufel! Wird man denn durch das Heiraten glücklich?« – »Natürlich.« – »Unsinn. Das fällt keinem Menschen ein. Man verliert nur seine Freiheit und Selbständigkeit; der Charakter, das Temperament und das Ehrgefühl gehen verloren, und man sinkt nach und nach zu einem Ding herab, mit dem die Frau machen kann, was ihr beliebt. Ich rate Euch ab.« – »Es ist zu spät.« – »Sapperlot! Es ist nicht zu spät. Jagt sie zum Teufel! Hat denn diese dort Eltern?« – »Leider nicht mehr.« – »So müßt Ihr sie auf alle Fälle fortjagen.« – »Warum?« – »Weil Ihr ja durch diese Heirat nicht einmal zu einem Schwiegervater kommt. Weshalb heiratet man denn? Um einen Schwiegervater zu haben, mit dem man sich gut steht.« – »Das möchte ich zugeben. Aber wie gesagt, es ist bereits zu spät.« – »Na, so bedaure ich Euch von ganzem Herzen. Willkommen, Señor und Señorita! Tretet gefälligst ein!«

Diese Worte waren an den Begleiter und die Begleiterin Gerards gerichtet, die jetzt näher traten, um sich nach der Gaststube zu begeben.

»Könnten wir die Ladung in Eurem Magazin unterbringen?« fragte Gerard. – »Ja. Ich werde gleich meine Leute rufen. Sapperment, seid Ihr vorsichtig. Ihr habt diese Bleisäcke ja sogar zugesiegelt.« – »Sicher ist sicher! Seht darauf, daß mir die Siegel nicht beschädigt werden, und sorgt dann für ein gutes Abendbrot!«

Gerard folgte den beiden anderen in die Stube. Pirnero holte seine Leute herbei, und dann eilte er nach der Küche, um seiner Tochter die nötigen Befehle zu geben.

»Wo ist Resedilla?« fragte er die alte Magd, die allein da war. – »Ich weiß es nicht«, antwortete die Gefragte, »aber ich hörte, daß sie die Treppe hinaufging.« – »So ist sie ausgerissen«, meinte er. »Hm, ich nehme es ihr auch nicht gerade übel. Der Kerl ist doch zu dumm!« – »Warum?« fragte die Alte, der es selten passierte, ihren Herrn einmal mitteilsam gegen sein Gesinde zu finden, und die daher diese Gelegenheit schleunigst ergriff. – »Weil er heiratet«, antwortete er. – »Oh, Madonna, sollte das wirklich dumm sein?« – »Natürlich!« – »Señor, ich halte es ganz und gar nicht für eine Dummheit, Señorita Resedilla zur Frau zu nehmen. Erstens ist sie lieb, zweitens hübsch, drittens wohlhabend, viertens …« – »Erstens, zweitens, drittens und viertens hast du das Maul zu halten«, unterbrach er sie zornig. »Resedilla ist es ja nicht, die er heiraten will.« – »Nicht?« fragte die Magd ganz erstaunt. – »Nein.« – »Wer denn?« – »Eine andere natürlich. Aber da kommt er bei mir an den richtigen. Wenn er etwa geglaubt hat, daß ich ihm meine Resedilla zur Frau geben werde, da hat er sich gewaltig geirrt. Der könnte vom Kopf bis zu den Füßen in Gold gefaßt sein, er kriegte dennoch meine Tochter nicht. Ich habe mir einen anderen Schwiegersohn eingebildet, und den bekomme ich. Ich habe meine Tochter nicht so fein vom Vater auf die Tochter hinüber erzogen, daß sie einen Jäger heiraten soll. Sie wird einen bekommen, der sich gewaschen hat.«

Pirnero hatte sich in einen Zorn hineingeredet, der sich von Wort zu Wort mehr steigerte. Der Umstand, daß der Schwarze Gerard eine andere heiraten wolle, hatte ihm seine Hoffnung zerstört und versetzte ihn in einen Grimm, wie er ihn lange Zeit nicht gefühlt hatte. Er tat nun so, als ob ihm an dem früher Gewünschten gar nichts gelegen habe, und fuhr fort:

»Wenn du überhaupt wüßtest, was ich vorhabe, so würdest du dich nicht wenig wundern.« – »Wundern? Hm, Señor, ich wundre mich gar zu gern ein bißchen. Wollt Ihr es mir nicht sagen?« – »Warum nicht! Ich werde verkaufen.« – »Verkaufen?« fragte sie ganz erstaunt. »Was denn?« – »Nun was denn sonst als mein Geschäft und meine Besitzungen.« – »Heilige Madonna! Was soll denn da aus uns werden?« rief die Magd, die Hände zusammenschlagend. – »Na, Ihr bleibt da. Der Käufer muß Euch mit übernehmen.« – »Habt Ihr denn schon einen Käufer?« – »Nein.« – »Gott sei Dank!« – »Gott sei Dank? Dumme Liese. Ich will vielmehr Gott danken, wenn ich einen finde. Dann ziehe ich fort.« – »Wohin denn?« – »Weit fort, fort aus Mexiko, fort aus Amerika, dahin, wo es noch andere Schwiegersöhne gibt als diesen Gerard. Ich freue mich darüber, daß Resedilla so klug gewesen ist, mit ihm gar keinen großen Kram zu machen. Wir wollen sie lassen, wo sie ist. Er will zwar ein Essen haben, aber was der bekommen wird, das bringen wir auch ohne sie ganz gut fertig.«

So begann Pirnero denn, sich mit Hilfe der Alten über die Zubereitung eines Mahles herzumachen. Unterdessen brachten seine Leute die Tiere und die Ladung der Angekommenen unter. Diese letzteren befanden sich im Gastzimmer, wo sie sich miteinander unterhielten.

Die Dame hatte den Schleier abgenommen und sah, obwohl sie nicht mehr weit von den Vierzig stehen konnte, noch ganz akzeptabel und reputierlich aus. Dem aufmerksamen Beobachter mußte es auffallen, daß sie eine große Ähnlichkeit mit Gerard besaß.

Was Gerard betrifft, so ließ er jetzt die beiden allein, indem er aus dem Zimmer ging und die Treppe hinaufstieg.

Da oben lag ja Resedillas Schlafstube, die er so gut kannte und in der er so glückliche Augenblicke verlebt hatte.

Er klopfte leise. Ein ebenso leises »Herein« ertönte von innen, und so trat er ein. Resedilla stand am Fenster. Ihre schönen Augen waren noch feucht. Er trat näher und fragte:

»Seid Ihr böse, daß ich es wage, Señorita?« – »Nein«, hauchte sie. – »Ah, Ihr habt geweint!« – »Ein wenig«, flüsterte sie unter einem halben Lächeln. – »Oh, wenn ich doch wüßte, worüber Ihr geweint habt!«

Sie antwortete nicht. Darum fuhr er fort:

»Ihr wart unten, als ich kam?« – »Ja.« – »Und Ihr seid schleunigst geflohen. Auch jetzt sagt Ihr kein Wort, mich zu bewillkommnen. Bin ich Euch denn so verhaßt?«

Er sagte das in einem so traurigen Ton, daß sie sofort auf ihn zutrat und ihm mit herzinnigem Ausdruck ihres Gesichtes beide Hände entgegenstreckte.

»Willkommen, Señor!« sagte sie. – »Wirklich?« fragte er, ihre Hand rasch ergreifend. – »Ja, herzlich willkommen.« – »Und dennoch seid Ihr geflohen? Nicht wahr, vor mir?« – Ja«, antwortete sie langsam und zögernd. – »Warum?«

Sie errötete bis hinter die Ohren und antwortete: »Weil Ihr mich nicht sogleich sehen solltet.« – »Warum sollte ich das nicht?« – »Weil – weil – weil – o bitte, erlaßt mir diese Antwort, Señor!«

Gerard blickte ihr prüfend in die Augen und sagte dann:

»Und doch gäbe ich viel darum, wenn ich diese Antwort hören dürfte. Bitte, bitte, Señorita! Wollt Ihr sie nicht sagen?«

Sie senkte das Köpfchen und flüsterte:

»Ich war ja nicht allein.« – »Nicht allein? Wie meint Ihr das?« – »Mein Vater war dabei.«

Da überkam es ihn wie eine süße, glückliche Ahnung. Er bog den Kopf zu ihr herab und fragte:

»Und warum sollte Euer Vater nicht dabeisein?«

Da zog sie rasch ihre Hände aus den seinigen, legte ihm die Arme um den Hals und antwortete:

»Er sollte nicht sehen, wie lieb, wie so sehr lieb ich dich habe und mit welcher Bangigkeit ich auf dich wartete!«

Der starke Mann hätte am liebsten laut aufjubeln mögen, aber er beherrschte sich. Er schlang seine Arme um sie, zog sie an sich und fragte in einem Ton, der das ganze Glück seines Herzens verriet:

»Ist das wahr, wirklich wahr?« – Ja«, sagte sie, indem sie ihr Köpfchen fest an seine Brust legt, »du darfst es glauben.« – »Meine Resedilla!«

Nur diese beiden Worte sprach er; dann aber standen sie in einer innigen Umarmung beieinander, und ihre Lippen fanden sich zur zärtlichsten Vereinigung. Es war ein Augenblick so großen Glückes, daß Gerard meinte, gar nicht daran glauben zu dürfen.

»Also du liebst mich wirklich, mein süßes, gutes Mädchen?« flüsterte er ihr zu. – »Innig«, antwortete es. – »Und hast dich um mich gesorgt?« – »Sehr.« – »Um diesen armen, einfachen Jäger! Um diesen fremden, bösen Mann, der in der Heimat nichts gewesen ist als ein …« – »Bst!« machte sie, indem sie ihm den Mund mit einem Kuß verschloß. »Du sollst nicht davon sprechen!« – »Aber muß ich denn nicht?« – »Nein, niemals! Nie wieder! Gott hat dir vergeben! Gott wird dich glücklich machen!« – »Durch dich, nur allein durch dich!« sagte er. »Oh, welche Sorgen habe ich gehabt. Noch in letzter Zeit. Es war mir, als hätte ich meine Hand nach einem Gut ausgestreckt, das ich niemals erlangen könnte.« – »Da hast du es! Ich bin ja dein.« – »Ja, mein, mein«, jubelte er, indem er sie küßte und immer wieder küßte. »Aber dein Vater?«

Da breitete sich ein beinahe mutwilliges Lächeln über ihr hübsches Gesicht, und sie fragte:

»Fürchtest du ihn?« – »Ja, beinahe!«

Da zog sie das Mündchen zu einem spaßhaften Schmollen zusammen und rief, ihn mit großen Augen betrachtend.

»Du, der berühmte Jäger? Du fürchtest den alten Pirnero?« – »Ja«, wiederholte er lächelnd. – »Nun, meinetwegen. Aber du bist nicht allein. Du findest Hilfe.« – »Bei wem?« – »Bei mir, mein Gerard! Übrigens weißt du ja, was mein Vater von dir denkt. Er ist förmlich verliebt in dich.« – »So meinst du also, daß ich mit ihm sprechen soll?« – »Ja.« – »Wann?«

Sie errötete ein wenig, doch antwortete sie mit sicherer Stimme:

»Wann du willst, mein Lieber.«

Er drückte sie abermals innig an sich und fragte im Ton der größten, glücklichsten Zärtlichkeit:

»Baldigst?« – »Ja«, antwortete sie. – »Noch heute?« – »Noch heute«, nickte sie, ihre strahlenden Augen zu ihm erhebend. – »Ich danke dir, mein Leben, meine Seligkeit! Gott, wie habe ich denn ein solches Glück verdient! Ich bin nicht wert, eins der lieben, kleinen, warmen Händchen in meiner Hand zu halten, und doch soll ich dich ganz besitzen, und du willst mein eigen sein für das ganze Leben!« – »Ja, Gerard, dein eigen für immerdar«, fügte sie hinzu. »Aber sage, wer sind die beiden, die du mitgebracht hast?«

Da zuckte ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht. Er antwortete:

»Der eine ist mein Freund, und die andere ist – meine Braut.«

Resedilla blickte verwundert zu ihm auf.

»Deine – Braut?« fragte sie. – Ja«, nickte er übermütig. – »Aber, das – das verstehe ich nicht.« – »So muß ich es dir schleunigst erklären, meine Resedilla. Dein Vater war nämlich wißbegierig, was ich nun beginnen würde, und ich antwortete: ›Heiraten!‹ Er fragte mich, wen? Da machte ich mir den Spaß, ihm zu sagen, daß diese Dame meine Braut sei.«

Resedilla lachte, rief aber dennoch:

»O wehe!« – »Warum?« – »Nun wird er außerordentlich schlechte Laune haben. Wo ist er?« – »In der Küche. Wir haben Essen bestellt« – »Das wird nicht zum besten ausfallen. Wo werdet ihr wohnen? Magst du dein Zimmer wiederhaben?« – »Das, wo ich damals vor Ermüdung eingeschlafen war?« – Ja«, lachte sie. »Wo ich untersuchte, ob der Kolben deiner Büchse von Gold sei. Ist dir dieses Zimmer recht?« – »Ich wollte dich bereits darum bitten.« – »So mögen die anderen beiden – ah, ich weiß ja noch immer nicht, wer sie sind,« – »Warte nur ein wenig, meine gute Resedilla! Ich will sehen, ob du es erraten wirst. Für jetzt genügt es, zu wissen, daß sie Mann und Frau sind.« – »So werden sie neben dir wohnen können. Die Señora wird ermüdet sein. Ich werde sie holen, um sie auf ihr Zimmer zu führen, damit sie den Staub der Reise los wird.« – »Bleib, mein Lieb! Ich werde sie selbst holen.«

26. Kapitel.

Gerard ging hinab und gab durch die leise geöffnete Tür den beiden einen Wink, ihm zu folgen. Draußen aber fragte die Dame:

»Ist sie daheim, Gerard?« – Ja«, antwortete er unter einem fröhlichen Nicken. – »Hast du mit ihr gesprochen?« – »Soeben.« – »Ah, dein Gesicht hat einen so überaus glücklichen Ausdruck. Darf ich raten?« – Ja. Rate einmal, Kind!« – »Sie ist dein?«

Da holte er tief Atem und antwortete:

»Ja, sie will mein sein, sie, die Gute, die Reine, will mir angehören, dem Bösen, dem Unreinen!«

Da ergriff die Dame seine Hand und bat:

»Still, Gerard! Was du warst, das warst du ohne deine Schuld. Und damals, als du zu den von Gott scheinbar Verlassenen gehörtest, hat dich die Liebe veredelt, die du zu mir im Herzen trugst. Komm! Ich bin begierig, die kennenzulernen, der du verdankst, daß du es auf dich genommen hast, dich mit deinem Gewissen auszusöhnen.« – »Sie weiß noch nicht, wer du bist.« – »Warum?« – »Weil ich sehen will, ob sie scharfsinnig genug sein wird, es zu erraten. Kommt herauf.«

Oben hatte Resedilla die Zimmer geöffnet und erwartete die beiden.

»Willkommen, Señor! Willkommen, Señora!« sagte sie, ihnen die Hände geben. »Ich hoffe, daß Ihr fürliebnehmen werdet. Ah!«

Diesen Ausruf stieß sie aus, als sie die Dame näher betrachtete.

»Was ist's, meine Resedilla?« fragte Gerard. – »Ah, diese Ähnlichkeit«, antwortete sie mit allen Zeichen freudiger Überraschung. »Soll ich raten, wen du mir bringst?« – »Ja, rate.« – »Diese Señora ist deine Schwester!«

Da nickte er unter einem befriedigten Lächeln mit dem Kopf und sagte:

»Richtig! Es ist Annette, meine Schwester, liebe Resedilla.« – »Dieselbe, die Señor Sternau damals in Paris aus der Seine gerettet hat, als sie sich ins Wasser stürzte?« – »Dieselbe!« – »Willkommen, tausendmal willkommen! Welch eine Freude! Eine solche Überraschung hätte ich nicht für möglich gehalten!«

Resedilla umarmte die Französin, und diese sah und erkannte, welche Perle ihr Bruder in diesem guten, herzigen Mädchen gefunden hatte. Sie erwiderte die Umarmung auf das innigste und sagte:

»Habt Dank, Señorita, für die Liebe, die mein Bruder in Eurem Hause gefunden hat. Wir werden das Euch nie vergessen. Gott segne Euch dafür, da wir es Euch nicht vergelten können!«

Nach einiger Zeit kam Resedilla in die Küche, wo ihr Vater mit der alten Magd zwischen den Schüsseln und Tellern wirtschaftete. Als er sie erblickte, fragte er:

»Wo warst du?« – »Oben in meiner Stube«, antwortete sie. – »Gehe rasch wieder hinauf.« – »Warum?« – »Wir brauchen dich nicht« – »Ich habe doch das Essen zu bereiten.« – »Dummheit! Wir bringen das schon selbst fertig. Dieser Gerard braucht sich auf keine großen Delikatessen zu spitzen.«

Sie wußte, weshalb er sich in einer so grimmigen Stimmung befand. Sie verbarg ihr Lächeln und meinte:

»Ich denke, du hältst so große Stücke auf ihn?« – »Papperlapapp! Diese Zeiten sind vorüber.« – »Warum denn?« – »Das geht dich gar nichts an! Wo ist der Kerl?« – »In seiner Stube.« – »Der kann eigentlich bei den Vaqueros auf dem Heu schlafen. Nicht einen lumpigen Julep hat er sich geben lassen. Wo sind die beiden anderen?« – »Oben.« – »Hast du sie gesehen?« – »Natürlich!« – »Donnerwetter! Weißt du, wer das Mädchen ist?« – »Nun?« – »Seine Braut!«

Resedilla machte eine Miene des allergrößten Erstaunens.

»Seine Braut?« fragte sie. »Nein, das glaube ich nimmermehr.« – »Glaube es meinetwegen oder nicht! Er hat es mir selbst gesagt. Aber die Strafe folgt auf dem Fuß. Hier, dieses Essen soll ihm gut bekommen. Ich habe statt Butter Talg, statt Zucker Pfeffer, statt Milch Essig und anstatt des guten Fleisches eine alte Rindslunge genommen. Das steht am Feuer, bis es verbrannt ist, und dann mögen sie sich die Zähne ausbeißen und die Zungen am Pfeffer verbrennen.« – »Aber Vater! Was denkst du …« – »Still, kein Wort«, unterbrach er sie. »Wer so dumm ist heiraten zu wollen, für den ist eine verbrannte und verpfefferte Ochsenlunge noch immer eine Delikatesse, deren er gar nicht wert ist. Packe dich fort, wir brauchen dich nicht!« – »Aber das geht nicht. Ihr beide versteht ja vom Kochen und Braten nicht das allergeringste.« – »Gerade darum kochen und braten wir für dieses Volk. Teufel noch einmal! Will ich mich freuen über die Gesichter, die sie schneiden werden, wenn sie in die famose Lunge beißen. Du aber, du kannst verschwinden, wir brauchen dich nicht.«

Pirnero faßte Resedilla an und schob sie zur Tür hinaus. Sie ließ es unter heimlichen Lachen geschehen und begab sich zu dem Geliebten, um diesen vor der famosen Rindslunge zu warnen.

Dann aber setzte sie sich wieder in das Gastzimmer an ihr Fenster.

Nach einiger Zeit trat die Magd ein und begann zu decken. Pirnero beaufsichtigte dieses Geschäft und schickte sie dann hinauf, um die drei Gäste zur Tafel zu holen. Dann setzte er sich an sein Fenster, aber so, daß er den Tisch, an dem gegessen werden sollte, übersehen konnte. Er freute sich über die Gesichter, die er nach seiner Ansicht zu sehen bekommen werde.

Die drei traten ein und nahmen mit den ernstesten Mienen Platz. Pirnero sah zum ersten Male Annettes Gesicht.

»Pfui Teufel!« brummte er vor sich hin. »Sich so eine alte Grille auszulesen. Aber, hm, ja. Eine andere hätte er auch nicht bekommen.«

Gerard nahm die Gabel und spießte sie in die Lunge. Er mußte Gewalt anwenden, um die Gabel hineinzubringen.

»Sapperlot«, meinte er schmunzelnd und vor Appetit mit der Zunge schnalzend. »Welch ein saftiger und weicher Braten! Was ist denn das, Señor Pirnero?« – »Gebackene Kalbslunge«, antwortete dieser. – »Ah, mein Leibgericht.« – »Meines auch, lieber Gerard«, meinte die Dame, »aber gebackene Kalbslunge sollte eigentlich kalt gegessen werden.« – »Ja, kalt ist sie mir auch zehnmal lieber«, antwortete Gerard. »Wie wäre es, wenn wir sie uns bis zum Abend aufhöben?« – »Ich bin dabei. Aber was essen wir dann?« – »Oh, ich habe noch ein Stück am Spieß gebratene Büffellende in meinem Sattelsack. Das hole ich, und wir wärmen es. Habt Ihr noch Feuer, Señor Pirnero?« – »Nein«, antwortete dieser ganz ärgerlich, daß er um die gehoffte Genugtuung kommen sollte.

Gerard aber ließ sich nicht irremachen. Er öffnete die Küchentür, blickte hinaus und sagte:

»Dort brennt es ja noch hell und lichterloh. Ich werde das Lendenstück holen. Señorita Resedilla, werdet Ihr so gut sein und es unter Eure Aufsicht nehmen?«

Resedillas Vater warf ihr einen befehlenden Blick zu. Sie sollte die Frage verneinen; aber sie erhob sich vom Stuhl und antwortete:

»Ich kann es Euch doch wohl nicht abschlagen, Señor, obgleich es um die schöne Lunge jammerschade ist.« – »Ja«, meinte Pirnero. »Kalbslunge kalt essen. Habe das noch nie gehört, weder hier noch drüben in Pirna, wo sie doch auch wissen, was gut schmeckt.«

Aber er konnte es nicht ändern. Gerard holte seinen Braten herbei und übergab ihn Resedilla, die mit ihm in der Küche verschwand. Dann wandte er sich an Pirnero.

»Können wir einstweilen einen Julep erhalten, Señor?« – »Ja. Doch einen nur für alle drei?«

Gerard tat, als ob er die Malice, die in dieser Frage lag, gar nicht bemerke, und antwortete:

»Nein, sondern pro Person einen.« – »Ah! Die Señorita trinkt auch Julep?« – »Natürlich!« – »Hm! Das erwartet man eigentlich nur von einer Indianerin.« – »Sie hat auch lange Zeit in der Nähe von Indianern gewohnt.«

Pirnero holte die Schnäpse und setzte sich dann an sein Fenster. Es trat eine Stille ein, die niemand unterbrechen wollte. Gerard wußte, daß der Alte es nicht lange so aushalten werde; er kannte dessen Eigentümlichkeiten. Er hatte sich auch nicht verrechnet, denn nach fünf Minuten rückte Pirnero auf seinem Stuhl hin und her, und nach abermals derselben Zeit sagte er, einen Blick zum Fenster hinauswerfend:

»Schlechtes Wetter.«

Kein Mensch antwortete. Darum wiederholte er nach einer Weile:

»Miserables Wetter!«

Als es nun noch still blieb, drehte er sich halb um und rief:

»Na?« – »Was denn?« fragte Gerard lächelnd. – »Armseliges Wetter!« – »Wieso?« – »Diese Hitze!« – »Nicht so sehr schlimm!« – »Nicht? Donnerwetter! Wollt Ihr die Trockenheit noch schlimmer?« – »Ich habe sie noch viel schlimmer erlebt. Da draußen in der Llano estacado zum Beispiel.« – »Ja, aber hierher paßt sie nicht. Habt Ihr den Fluß gesehen?« – »Natürlich!« – »Fast gar kein Wasser darin. Die Fische verschmachten und die Menschen beinahe auch. Verfluchtes Land. Aber ich werde gescheit sein.« – »Wieso?« – »Ich ziehe fort.«

Dieser Entschluß kam Gerard überraschend.

»Ah! Wirklich?« fragte er. – »Ja. Es ist fest bestimmt.« – »Wohin zieht Ihr denn?« – »Hm! Wißt Ihr, woher ich bin?« – »Ja.« – »Nun?« – »Aus Pirna in Sachsen.« – »Richtig. Nun wißt Ihr ja auch, wohin ich ziehe.« – »Wie? Nach Pirna wollt Ihr?« – »Das versteht sich. Übrigens kann ich fast gar nicht anders.« – »Weshalb?« – »Weil ich gestern einen Brief bekam, aus Pirna nämlich. Könnt Ihr Euch etwa denken, von wem?« – »Ich habe keine Ahnung.« – »Ja, zu so einer Ahnung seid Ihr auch der richtige Kerl gar nicht, dazu fehlt es Euch an den nötigen Begriffen. Wißt Ihr vielleicht, was man unter einem Schulfreund versteht?« – »Das wenigstens weiß ich, trotzdem ich keine Begriffe habe«, antwortete Gerard lachend. – »Nun, so einen Schulfreund habe ich, der hat es so nach und nach bis zum geheimen Stadtgerichtsamtswachtmeistersobersubstituten gebracht. Wißt Ihr, was das ist?« – »Ich ahne es.« – »Ja, so etwas könnt Ihr nur ahnen. Dieser Obersubstitut hat einen Sohn, der erst bei der Eisenbahn, dann bei der Marine und endlich bei der Oberstaatsanwaltschaft gedient hat. Nun ist er wirklicher geheimer Oberlandessporteleinzahlungskassenrevidierungsfeldwebel; und dieser wirkliche Geheime hat in dem Brief um die Hand meiner Resedilla angehalten.« – »Alle Teufel! Kennt er sie denn?« – »Dumme Frage. So vornehme Leute heiraten stets nur aus der Entfernung.« – »Habt Ihr bereits geantwortet?« – »Ja.« – »Was?« – »Ich habe mein Jawort gegeben und meinen Segen erteilt.« – »Das ist sehr schnell gegangen.« – »Warum nicht? Dieser Schwiegersohn stammt aus einer der feinsten Familien des Landes. Er ist ein wirklicher Geheimer. Wen aber hätte Resedilla hier bekommen? Höchstens einen armen Teufel von Trapper oder Jäger, dem es lieb gewesen wäre, sich bei mir satt zu essen.« – »Vielleicht habt Ihr recht. Ich gratuliere.« – »Danke«, meinte der Alte unter einem höchst gnädigen und herablassenden Kopfnicken. – »Aber«, fuhr Gerard fort, »wenn Ihr hier fort wollt, was fangt Ihr da mit Eurem Eigentum an?« – »Ich verkaufe!« – »Hm! Das wird schwer werden.« – »Unsinn! So ein Geschäft, wie das meinige, findet seinen Mann. Und die paar Meiereien, die mir gehören, werde ich auch bald los.« – »So habt Ihr wohl schon einen Käufer?« – »Ja.«

Das war eine Unwahrheit, aber in seinem Grimm lag es dem Alten nur daran, Gerard recht zu ärgern. Dieser machte die unschuldigste Miene von der Welt und sagte:

»Das ist schade, sehr schade.« – »Wieso?« – »Weil ich gekommen bin, um Euch zu fragen, ob Ihr nicht Lust habt, zu verkaufen.«

Da drehte Pirnero sich mit einem Ruck zu ihm herum und fragte:

»Ihr? Ihr selbst?« – »Ja.« – »Ihr wolltet mich fragen, ob ich Lust habe, zu verkaufen?« – »Ja, ich.« – »Wie kommt denn Ihr zu einer solchen Frage?« – »Weil ich einen Käufer weiß, dem Euer Geschäft und Eure Meiereien sehr gut passen würden.«

Pirnero war nur in seinem Grimm auf den Gedanken gekommen, zu verkaufen und fortzuziehen. Nun er aber von dem Jäger diese Worte hörte, war es ihm zumute, als ob er diesen Entschluß bereits längst und unwiderruflich gefaßt gehabt hätte.

»So?« fragte er. »Wer ist es denn?« – »Das zu erfahren, kann Euch doch nun nichts mehr nützen.« – »So? Warum denn?« – »Weil Ihr bereits einen Käufer habt.« – »Das ist noch lange kein Grund, mir die Auskunft zu verweigern. Hat man zwei Käufer anstatt nur einen, so kann man sich den auswählen, der am meisten bietet. Also, wer ist es?« – »Ich selbst.« – »Ihr selbst?« fragte Pirnero, indem er vor Staunen den Mund weit öffnete. – »Ja, ich selbst«, antwortete Gerard sehr ruhig. – »Sakkerment! Macht keine dummen Witze mit mir.« – »Pah! Ich rede sehr im Ernst.« – »So seid Ihr unsinnig.« – »Wieso?« – »Wie wollt Ihr der Käufer sein? Ihr könntet mir das Zeug doch gar nicht bezahlen.« – »Wißt Ihr das so genau?« – »Sehr genau. Der Kolben Eurer Büchse ist zwar von Gold, auch ist es möglich, daß Ihr wißt, wo noch einige Nuggets liegen, und Ihr habt ja wohl einige Säcke Blei bei Euch, aber das alles ist doch noch nichts gegen die Summe, die ich verlangen würde.« – »Hm. Vielleicht könnte ich sie doch bezahlen.« – »Versucht es einmal«, höhnte der Alte. – »Wieviel verlangt Ihr?« – »Hundertsechzigtausend Dollar. Zahlt Ihr die, so bekommt Ihr alles, wie es steht und liegt.« – »Auch das Inventar?« – »Ja.« – »Und die Vorräte im Magazin?« – »Ja.«

Gerard wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.

»Hm«, sagte er. »Das wäre allerdings nicht übel! Aber leider habe ich diese Summe nicht.« – »Dachte es mir schon! Wieviel bringt Ihr denn zusammen?« – »Zwölftausend Dollar.« – »Das ist nichts, das zählt gar nichts. Soviel haben nur arme Leute. Da ist mein wirklicher Geheimer ein anderer Kerl. Aber sagt mir doch einmal, was Ihr mit meinem Zeug anfangen wolltet, vorausgesetzt nämlich, daß Ihr es bezahlen könntet!« – »Ich würde es verschenken.« – »Verschenken?« fragte Pirnero. »Seid Ihr verrückt?« – »Vielleicht.« – »Nicht vielleicht, sondern wirklich! Wer ein solches Vermögen verschenkt, der ist in Wirklichkeit verrückt. An wen würdet Ihr es denn verschenken?« – »An den Señor da drüben.« – »An den? Wer ist er denn?« – »Mein Schwager.« – »Euer Schwager? Ah, ich verstehe! Der Bruder von Eurer Braut. Na, es ist schon dafür gesorgt, daß der Ziege der Schwanz nicht zu lang wächst. Mit dem Verschenken wird es nichts. Mit dem Verkaufen auch nicht, selbst, wenn Ihr noch einige hundert Dollar für das Blei bekommt, das ich Euch abkaufen werde.« – »Leider, leider! Aber sagt, wie bezahlt Ihr das Blei?« – »Je nach der Güte.« – »Da möchte ich doch einmal erfahren, was Ihr für das meinige bietet.« – »Laßt es sehen!«

Ohne ein Wort zu sagen, entfernte sich Gerard und brachte einen der Ledersäcke herein, die von den Dienern abgeladen worden waren. Dieser mußte sehr schwer sein, wie es schien.

»Warum hier?« fragte Pirnero. »Das machen wir ja drüben im Laden ab.« – »Hier oder drüben, das bleibt sich gleich«, antwortete der Jäger. »Ihr werdet das Blei doch nicht kaufen.«

Dabei legte er den Sack vor Pirnero hin.

»Warum nicht kaufen?« fragte dieser. – »Weil Ihr es nicht bezahlen könnt.«

Da lachte der Alte laut auf.

»Ich, und dieses Blei nicht bezahlen!« sagte er. »Ich sage Euch, daß ich es augenblicklich bezahlen könnte, selbst wenn Ihr zehn solche Säcke brächtet! Soviel Geld hat der alte Pirnero immer!« – »Wollen sehen! Macht einmal auf!«

Gerard zog sein Messer und reichte es Pirnero hin. Dieser fragte:

»Darf ich das Siegel wegmachen?« – »Ja.« – »Und das Leder aufschneiden?« – »Natürlich. Ihr müßt ja das Blei sehen.«

Dabei stellte Gerard den Sack aufrecht vor Pirnero hin. Dieser kratzte das Siegel mit dem Messer weg, machte einen Querschnitt und zog das Leder weg. Es gab nun eine zweite und dritte Lage ungegerbten Leders, die Pirnero beseitigte. Dann bückte er sich nieder, um das Metall zu besichtigen, fuhr aber sofort wieder zurück.

»Heiliges Pech! Ist's möglich?« rief er aus.

Seine Augen waren weit geöffnet und starrten mit einem Ausdruck unbeschreiblichen Erstaunens auf Gerard.'

»Was denn?« fragte dieser.

Pirnero bückte sich abermals nieder, um den Inhalt des Sackes genauer zu besichtigen.

»Das nennt Ihr Blei?« rief er, – »Haltet Ihr es denn für etwas anderes?«

Da fuhr der Alte mit beiden Händen in den Sack, wühlte darin herum und antwortete:

»Blei, sagt Ihr? Das ist ja Gold, reines, gediegenes Gold! Nuggets von der Größe einer Haselnuß!« – »Alle Teufel!« lachte Gerard. »Was habe ich da gemacht! Da habe ich mich wahrhaftig vergriffen und meine Nuggets eingepackt anstatt des Bleies!«

Pirnero war ganz starr. Er hielt die beiden mit Nuggets gefüllten Hände gerade vor sich hin und starrte wie abwesend auf das Gold. Resedilla hatte sich in der Küche kein Wort des Gespräches entgehen lassen. Sie war jetzt hereingekommen und stand ebenso erstaunt da wie ihr Vater.

»Euch vergriffen!« rief dieser endlich. »Um Gottes willen! Wie schwer ist denn dieser Sack?« – »Sechzig Pfund«, antwortete der Jäger. – »Und jedes Maultier schleppte zwei solche Säcke?« – »Ja.« – »Und wem gehört das alles?« – »Mir.« – »Euch? Euch allein? Mensch, so seid Ihr ja steinreich!« – »Möglich.« – »Reicher, zehnmal reicher, als ich es bin!« – »Sehr wahrscheinlich.« – »Aber sagt, woher habt Ihr denn dieses Gold?« – »Aus den Bergen. Übrigens liegt noch mehr da oben.« – »Noch mehr? Und Ihr wißt, wo es zu finden ist?« – »Ja.« – »Mensch! Kerl! Gerard! Señor! Und das sagt Ihr mit einer solchen Seelenruhe, als ob es sich um einen Pappenstiel handele!« – »Pah! Das Gold macht nicht glücklich. Ich habe mir ein wenig geholt, weil ich es brauche, um mich zu verheiraten, wie ich Euch bereits sagte.« – »Leider, leider. Aber, Señor, nehmt es mir nicht übel. Ihr spielt da den schlimmsten Streich Eures Lebens!« – »Inwiefern?«

Ohne überhaupt zu beachten, daß die Dame zugegen war, ließ Pirnero in seinem Paroxismus sich fortreißen, zu antworten:

»Ihr hättet noch eine ganz andere Frau gekriegt!« – »So? Meint Ihr? Was denn für eine?« – »Nun, eine, die Euch wenigstens einen tüchtigen Schwiegervater mitbringen würde.« – »Das ist allerdings etwas wert«, lachte Gerard. »Zuerst war es freilich meine Absicht, mir ein Mädchen zu suchen, das mir einen Schwiegervater mitbringen werde, aber …« – »Was, aber? Habt Ihr etwa keine solche gefunden?« – »O ja doch! Aber ich kam zu spät.« – »Wieso zu spät?« – »Ihr Vater hatte sie einem anderen versprochen.« – »Kannte er Euch denn nicht?« – »Oh, sehr gut.« – »Dann ist er ein ganz ungeheurer Dummkopf gewesen!« – »Wohl nicht.« – »O doch! Wer Euch kennt, der weiß, was Ihr wert seid.« – »Soviel war ich doch nicht wert, wie der andere, der das Mädchen bekommen soll.« – »Ah! Wirklich? War der andere denn ein gar so großes Tier?« – »Ein sehr großes«, antwortete Gerard ernsthaft. – »Nun, was war er denn da?« – »Er ist wirklicher geheimer Oberlandessporteleinzahlungskassenrevidierungsfeldwebel.«

Pirnero wich zurück, blickte den Jäger eine Weile an und fragte:

»Wie meint Ihr das? Was wollt Ihr damit sagen?« – »Was der andere ist, wollte ich sagen.« – »Donnerwetter! Das sind ja meine eigenen Worte!« – »Freilich.« – »Ihr meint den Pirn'schen da drüben?« – »Ja.«

Da fixierte der Alte die Anwesenden alle, einen nach dem anderen und rief:

»Señor Gerard, wollt Ihr mich etwa konfus machen?« – »Nein, sondern Ihr habt mich ganz konfus gemacht!« antwortete dieser höchst ernsthaft. – »Euch? Womit?« – »Mit Eurem wirklichen Geheimen.« – »Wie kann ich Euch mit dem konfus machen? Hattet Ihr denn ein Auge auf die Resedilla geworfen?« – »Ja, alle beide sogar!«

Da brauste der Alte zornig auf.

»Und dort steht Eure Braut!« – »O nein, Señor.« – »Nicht? Ihr sagtet es doch!« – »Ich machte nur Scherz. Diese Señora ist meine Schwester und die Frau meines Schwagers, der da neben ihr steht.«

Da machte Pirnero ein Gesicht, als ob er Scheidewasser verschluckt habe.

»Also Scherz?« fragte er. »Sakkerment, was sind mir das für Sachen! Dadurch kann ein braver Kerl nur in die gewaltigste Klemme geraten! Übrigens mag Euch die Resedilla ja gar nicht!« – »Wißt Ihr das so genau?« fragte Gerard. – »Ja. Sie reißt ja vor Euch aus!« – »Das tut nichts. Ich bin ihr nachgelaufen.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja, und habe sie gefragt, ob sie aus Haß oder aus Liebe vor mir ausgerissen ist« – »Dummheit! Aus Liebe reißt keine aus.« – »Es ist aber doch so gewesen. Resedilla hat mir gesagt daß sie mich lieb hat und daß sie bereit ist, meine Frau zu werden.«

Da drehte der Alte sich nach seiner Tochter um.

»Ist das wahr?« fragte er. – »Ja, lieber Vater«, antwortete die Gefragte, zwar errötend, aber doch ohne Furcht und Scheu.

Da schlug Pirnero die eine Hand auf die andere und rief:

»Nun hört mir aber doch alles und verschiedenes auf! Reißt vor ihm aus und will ihn dennoch heiraten! Also Ihr seid Euch gut?«

Sein Gesicht war plötzlich ein ganz anderes geworden; es glänzte förmlich vor Befriedigung und Freude.

»Ja«, antworteten beide. – »Na, da nehmt Euch denn in Gottes Namen!«

Pirnero wollte ihr Hände ergreifen, aber Gerard wehrte ab und sagte:

»Ich danke, Señor! Damit ist es nichts!« – »Nichts? Alle Wetter! Warum denn?« – »Ihr müßt ja Eurem wirklichen Geheimen Wort halten!« – »Unsinn! Der lebt ja nicht!« – »Wie? Was? Er lebt ja drüben in Pirna!« – »Nein. Den gibt es gar nicht.« – »Aber Ihr sagtet es doch!«

Pirnero befand sich in Verlegenheit, da kam ihm ein Gedanke, den er sofort zur Ausführung brachte.

»Ja, gesagt habe ich es«, meinte er, »aber nur, um Euch zu bestrafen, Señor Gerard.« – »Das begreife ich nicht.« – »Und doch ist es so einfach. Haltet Ihr mich etwa für so dumm, daß ich Euch nicht durchschaue? Ich habe längst gewußt, wie es mit Euch und Resedilla steht, ich habe nicht geglaubt, daß diese Señora Eure Schwester sei; aber weil Ihr mir das weismachen wolltet, habe ich zur Strafe das Märchen von dem wirklichen Geheimen erfunden.«

Niemand glaubte ihm; aber sie ließen sich das nicht merken, und Gerard fragte:

»Also, Señor, so sagt mir allen Ernstes, ob ich Euch als Schwiegersohn recht und willkommen bin!«

Da streckte ihm der Alte beide Hände entgegen und rief:

»Na und ob! Junge, willst du das Mädchen wirklich haben?« – »Von ganzem Herzen!« – »Und, Mädel, bist du in den Kerl so verliebt, daß du ihn heiraten willst?« – »Ja«, lachte Resedilla unter Tränen. – »So kommt an mein Herz, Kinder! Endlich, endlich habe ich einen Schwiegersohn! Und was für einen!«

Er drückte beide fest an sich und schob sie dann einander in die Arme, indem er sagte:

»Da, umarmt Euch und gebt Euch einen Kuß, damit ich sehe, ob es wahr ist, was ich beinahe nicht glauben kann!«

Sie küßten sich, und nun faßte er sie bei den Köpfen und rief:

»Wahrhaftig, sie küssen sich! Na, da gibt es keinen Zweifel mehr. Kommt her, Kinder! Auch von mir soll jedes einen Schmatz haben, der Gerard, die Resedilla, der Schwager und auch die Schwester!« – »Nicht auch die Köchin von wegen der gebackenen Lunge?« fragte Gerard lachend. – »Kinder, laßt das gut sein! Die Lunge war ein Braten vor Ärger. Ihr sollt etwas anderes bekommen.«

Er nahm die vier Anwesenden beim Kopf. Er fühlte sich so glücklich wie noch nie, ja, er vergaß sogar in seiner Freude das Gold, bis er fast über den Sack gestürzt wäre.

»Ah, die Nuggets«, sagte er da. »Was geschieht mit denen?« – »Mit ihnen werde ich bezahlen«, antwortete Gerard. – »Was denn?« – »Ah, hast du denn unseren Handel vergessen, lieber Vater?«

Pirnero machte einen Luftsprung und rief:

»Lieber Vater, sagt der Kerl, und du nennt er mich! Himmelbataillon, da könnte man vor Freude gleich den Mond vom Himmel reißen. Ja, sobald man einen Schwiegersohn hat, ist man ein ganz anderer Kerl! Aber unser Handel? Hm, das ist nun so ein Ding. Soll ich denn wirklich verkaufen?« – »Ich denke, du bist dazu entschlossen«, meinte Gerard. – »Ich tat allerdings so. Es war vor Grimm und Wut.« – »Schade.« – »Wieso schade?« – »Ich hätte die Geschichte gekauft und meiner Schwester geschenkt.« – »Mensch, das wäre toll!« – »Nein. Mein Schwager und meine Schwester sehnen sich nach einem Platz, wo sie ruhig und sicher wohnen können. Beide sind arm, ich aber habe mehr als genug. Da dachte ich, wir und der Vater könnten ihnen das Geschäft und die Meiereien ablassen, und dann zögen wir an einen anderen Ort?« – »Hm«, meinte Pirnero. »Nicht übel. Aber an welchen Ort?« – »Das würde sich finden. Nach Mexiko, nach New York, nach London, nach Paris, nach Dresden …« – »Oder nach Pirna!« unterbrach ihn der Alte fast jauchzend. »Himmelsapperlot, Kinder, glaubt ihr denn, daß ich jemals so einen Gedanken gehabt habe?« – »Welchen?« fragte Resedilla. – »Meine Vaterstadt zu besuchen. Man hält es nicht für möglich, aber ich habe niemals daran gedacht. Jetzt werde ich auf einmal gescheit! Holla, hurra! Was werden sie in Pirna sagen, wenn ich komme! Aber, ah, da habe ich einen Gedanken!«

Er machte plötzlich ein so nachdenkliches Gesicht, daß Gerard sich erkundigte:

»Was für ein Gedanke ist es?« – »Hm. Als was soll ich denn eigentlich nach Pirna gehen?« – »Du bist ja Kaufmann hier, lieber Vater.« – »Kaufmann? Das ist jeder, das zieht noch lange nicht«, meinte der Alte verächtlich. – »Haziendero?« – »Sie wissen da drüben gar nicht, was das ist.« – »Plantagenbesitzer?« – »Auch nichts. Ah, ich wüßte etwas!« – »Was?« – »Es war doch hier bei Fort Guadeloupe eine Schlacht!« – »Allerdings.« – »Ich habe auch mit gekämpft.« – »Hm!« machte Gerard. – »Und zwar sehr tapfer.« – »Hm!« – »Wenn ich recht nachsuche, finde ich vielleicht sogar ein paar Wunden und Schrammen, die ich davongetragen habe.« – »Hm!« – »Ich suche also Juarez auf und – und – und …«

Pirnero stockte. Resedilla fragte:

»Was willst du bei ihm?« – »Nun, Juarez ist Präsident, er kann Stellen und Chargen vergeben, ganz nach Belieben.« – »Du möchtest wohl eine?« – »Freilich!« – »Was für eine?« – »Hm, er könnte mich zum Leutnant machen!« – »Du machst wohl Spaß, Vater?« – »Spaß? Ja, Leutnant in meinen Jahren, das klingt allerdings sehr spaßhaft; es ist also besser, ich werde Hauptmann oder Major, am allerbesten aber Oberst. Donnerwetter! Was würden sie in Pirna für Augen machen, wenn da plötzlich ein echter mexikanischer Oberst aus der Kutsche stiege und den Leuten erzählte, daß er vor fünfzig Jahren beim alten Schneidermeister Wehrenpfennig in die Schule gegangen ist. Ich kriegte ein Denkmal gesetzt und eine Tafel über die Tür meines Geburtshauses. Kinder, ich mache zu Juarez. Ich verkaufe alles, Sack und Band, und werde Oberst. Juarez hat mir so viel zu verdanken, daß er mir ein solches Gesuch gar nicht abschlagen kann.«

Teil 3
1. Kapitel.

Einige Zeit nach den Ereignissen bei Vater Pirnero saß der alte, brave Haziendero Pedro Arbellez in einer Stube am Fenster und blickte hinaus in die Ebene, auf der seine Herden wieder ruhig weiden konnten, da die kriegerische Bewegung sich nach Süden gezogen hatte.

Arbellez sah wohl aus. Er hatte sich vollständig wieder erholt; doch lag auf seinem Gesicht ein schwermütiger Ernst, der ein Widerschein der Stimmung seiner Tochter war, die sich unglücklich fühlte, weil sie den Geliebten verloren hatte.

Da sah Arbellez eine Anzahl Reiter von Norden her sich nähern. Voran ritten zwei Männer und eine Dame, und hinter diesen folgten etwa ein Dutzend Packpferde, die von drei Männern getrieben wurden.

»Wer mag das sein?« meinte Arbellez zu der alten Marie Hermoyes, die sich bei ihm befand.

»Wir werden es ja sehen«, meinte diese, nun auch hinaus nach der Ebene blickend. »Diese Leute kommen gerade auf die Hazienda zu und werden also wohl hier einkehren.«

Die Reiter, in solche Nähe gekommen, spornten ihre Tiere zu größerer Eile an und ritten bald durch das Tor in den Hof. Man denke sich das Erstaunen des Haziendero, als er Pirnero erkannte, und die Freude Emmas, als sie Resedilla und den Schwarzen Gerard erblickte, den sie ja von dem Fort Guadeloupe her kannte.

Es gab auf der Hazienda eine Aufregung, die sich nur langsam wieder legte, und ein Erzählen und Berichten, das kein Ende nehmen wollte.

Nur einer blieb sich gleich, ohne sich aufregen zu lassen, der Schwarze Gerard nämlich. Kaum war er dem Haziendero vorgestellt worden, so litt es ihn nicht länger in dem Zimmer; er ging hinaus ins Freie. Vor der Tür trat ihm der Doktor Berthold entgegen, der sich mit Doktor Willmann nebst Pepi und Zilli noch auf der Hazienda befand.

»Ah, welche Überraschung!« rief der Arzt »Monsieur Mason. Sie sind also gesund und wohl?« – »Gott sei Dank, ja«, antwortete der Gefragte. »Ich bin mit Pirnero und Resedilla soeben erst hier angekommen.« – »Die beiden sind da?« fragte der Arzt erstaunt. – »Ja.« – »In welcher Angelegenheit?« – »Hm! Ich will es eine Besuchsreise nennen. Pirnero ist ja mit Arbellez verwandt. Da oben gibt es nun eine Menge Szenen, eine Aufregung, ein Fragen und Horchen, daß ich förmlich geflohen bin. Aber, Monsieur, von unseren Bekannten ist ja kein Mensch zu sehen!« – »Wen meinen Sie?« – »Sternau.« – »Ah, der ist verschwunden.« – »Verschwunden? Was soll das heißen? Er ist verreist?« – »Nein. Er ist verschwunden, es muß ihm ein Unfall begegnet sein; das will ich mit diesem Wort sagen. – »So will ich hoffen, daß Sie sich irren.« – »Leider irre ich mich nicht. Sternau ist fort, und die anderen mit ihm, ohne daß wir wissen, wo sie sich befinden.« – »Die anderen? Wen meinen Sie?«

Der Arzt zählte ihm die Namen her.

»Tod und Teufel!« rief Gerard. »Das klingt ja grausig. Kommen Sie, kommen Sie, Monsieur! Wir gehen in den Garten, wo Sie mir alles erzählen werden.«

Der Arzt tat Gerard den Willen und berichtete, was geschehen war, von der Ankunft Donnerpfeils bis zum rätselhaften Verschwinden des alten Grafen.

Gerard hatte zugehört, ohne ein Wort dazu zu sagen. Als der Arzt aber geendet hatte, fragte er:

»Hat man nicht nach dem Grafen geforscht?« – »Natürlich hat man dies getan.« – »Mit welchem Erfolg?« – »Ohne jeden Erfolg.« – »Unmöglich! Hat man keine Spuren entdeckt?« – »Keine!« – »Aber man muß doch irgend etwas gesehen haben – die Tapsen von Menschen und Pferden.« – »Ach! Wer gibt darauf acht!« – »Aber der Graf kann doch nicht zum Fenster hinausgestiegen sein.« – »Man fand sein Fenster verschlossen!« – »Aber die Tür geöffnet?« – »Ja, wie ich glaube.« – »Sonderbar. War denn nicht ein guter Jäger in der Nähe, der die Umgebung hätte absuchen können?« – »Nein. Übrigens war die allgemeine Bestürzung außerordentlich. Jeder war auf das heftigste erschrocken und tat, was er nach seiner Weise für richtig hielt.« – »Hatten sich am Tag vorher nicht verdächtige Leute blicken lassen?« – »Nein.« – »War kein Besuch auf der Hazienda?« – »O doch!« – »Wer war es?« – »Der Sohn des Alkalden, der von Señor Mariano an den Grafen geschickt wurde.« – »Ah, da scheint es licht zu werden.« – »O nein, es wird vielmehr noch dunkler.« – »Wieso?« – »Dieser Bote ist uns auch ein Rätsel gewesen.« – »Das glaube ich«, meinte der Schwarze Gerard in fast mitleidigem Ton. »Was sollte er beim Grafen?« – »Señor Mariano schickte ihn, um sagen zu lassen, daß Josefa gefangen sei und man Pablo Cortejo auch baldigst festnehmen werde.« – »Wer war der Mann?« – »Er sagte, daß er der Sohn des Richters aus Sombrereto sei.« – »Und Ihr habt das geglaubt?« – »Natürlich. Er legitimierte sich ja mit dem Ring von Señor Mariano, den er mitbrachte.« – »Und den er wieder mitnahm?« – »Nein. Don Ferdinando hat ihn behalten. Der Ring ist Hunderttausende wert. Ihr seht also, daß der Mann ehrlich war.« – »Wann ging er wieder fort?« – »Am anderen Morgen.« – »Wer war bei ihm?« – »Kein Mensch. Ich habe ihn fortreiten sehen, es war am hellen Tag.« – »Hm!« brummte der Jäger nachdenklich. »Erlauben Sie! Verzeihen Sie! Das ist eine Sache, die sich keine Sekunde aufschieben läßt.«

Gerard drehte sich rasch um und eilte nach dem Haus zurück.

Dort weilten alle im Empfangszimmer. Pirnero und Resedilla hatten erwartet, Sternau und dessen Freunde auf der Hazienda zu sehen oder wenigstens gute Nachricht über sie zu erhalten. Es war leicht erklärlich, daß beide nach ihnen fragten, und so kam es, daß auch hier im Empfangszimmer dasselbe Thema verhandelt wurde, wie unten im Garten zwischen dem Arzt und Gerard.

Der alte Haziendero hatte eben von dem rätselhaften Verschwinden des Grafen erzählt, und alle hatten seinem Bericht gelauscht, als Gerard eintrat. Er hörte noch die Worte Pedros, der mit der Bemerkung schloß, daß der leibhaftige Teufel hierbei seine Hände im Spiel gehabt haben müsse.

Einige der Hörer schlossen sich diesem Urteil an, keiner aber kam auf den Gedanken, der allein der richtige war. Pirnero meinte sogar zu dem Haziendero:

»Also ihr habt noch nicht entdeckt, wohin der Graf verschwunden ist?« – »Nein. Es wird wohl auch niemand entdecken.« – »Oh, da dürftest du dich irren.« – »Wieso?« – »Weißt du, was ein Diplomat ist?« – »Ja.« – »Und ein Politiker?« – »Ja.« – »Nun also! Vor einem Diplomaten und Politiker bleibt nichts verborgen. Auch diese Sache wird bald an den Tag kommen.« – »Du meinst durch einen Politiker?« fragte Arbellez. – »Ja«, antwortete Pirnero in stolzem Ton. – »Wer sollte das sein?« – »Hm! Ahnst du das nicht?« – »Nicht im geringsten.« – »So bist du eben nicht das, was man einen Diplomaten nennt. Als Juarez bei uns in Fort Guadeloupe war, habe ich ihm höchst wichtige Ratschläge erteilt, er hat sie befolgt und gewinnt nun Schlacht auf Schlacht und Sieg auf Sieg.«

Arbellez machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Ah, meinst du etwa, aß du selbst…«

Er vollendete den Satz nicht, weil er die Gaben und Eigentümlichkeiten seines Schwagers sehr gut kannte.

»Was denn? So rede doch weiter! Daß ich selbst …« – »Daß du selbst ein Politiker seiest?« – »Ja, dieses meine ich. Oder glaubst du das nicht?« – »Hm! Es müßte bewiesen werden.« – »Oho! Während der Anwesenheit Juarez' war ich nahe daran, Gouverneur einer der nördlichsten Provinzen zu werden.« – »Oho!« wiederholte Arbellez denselben Ausruf. – »Ja. Und ich bin auf dem Weg, mexikanischer Oberst zu werden.« – »Was du sagst!« – »Ja. Ich habe euch erzählt, daß ich alles verkauft habe. Ich bin frei und mein eigener Herr. Wir drei, ich, Resedilla und ihr Verlobter, werden große Vergnügungsreisen machen und uns dann in einer Residenz niederlassen, London, Paris oder Pirna. Das kann ich nur im Charakter eines bedeutenden Mannes tun, und darum will ich Oberst werden. Bin ich nicht ein Politiker?« – »Allerdings, nämlich, wenn wirklich alles so ist, wie du sagst.« – »Natürlich.« – »Und so meinst du also, daß du auch unser gegenwärtiges Rätsel lösen wirst?« – »Das versteht sich von selbst. Wer dem Präsidenten Ratschläge erteilt und nun Oberst werden will, dem wird es doch wohl gelingen, den Grafen Rodriganda aufzufinden.« – »Aber wie willst du das anfangen?« – »Da ich es eben erst erfahren habe, so hatte ich noch keine Zeit, es mir zu überlegen, werde aber schleunigst darüber nachdenken, lieber Schwager.«

Da fiel Gerard ein:

»Das ist nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich.« – »Wieso?« – »Unnötig, weil derjenige, der nicht sofort auf das Richtige kommt, es auch durch das schärfste Nachdenken nicht finden wird. Und schädlich, weil man durch das Nachsinnen viele kostbare Zeit verlieren würde, während der man zu handeln hat.« – »Ah, mein Junge, willst du etwa der Politiker sein, der hier gebraucht wird?« – »Ja. Ich bin überzeugt, daß ein echter, findiger Prärieläufer dazu gehört, das gutzumachen, was hier unterlassen worden ist.« – »Unterlassen?« fragte Arbellez. »Ich bin überzeugt, daß wir alles getan haben, was notwendig war, Aufklärung zu erhalten.« – »So? Nun, was habt Ihr denn getan?« – »Nun – hm, alles!« antwortete Arbellez, einigermaßen verlegen. – »Ah, ich sehe, wie es steht. Habt Ihr den Boden unter dem Fenster des Grafen untersucht?« – »Nein. Wozu wäre das nötig gewesen?« – »Der Graf wurde durch das Fenster entführt.« – »Unmöglich.« – »Warum unmöglich?« – »Weil das Fenster von innen verschlossen war.« – »Ja«, meinte Gerard mit einem überlegenen Lächeln. »Es gehört eben ein Jäger dazu, alles zu begreifen und sich alles zusammenzureimen. Wo liegt das Zimmer, in dem der Graf damals schlief?« – »Gleich nebenan.«

Gerard trat an eines der Fenster und untersuchte dasselbe.

»Eure Fenster sind sehr alt. Die Rahmen beginnen zu verwittern. Ist das mit dem Fenster in dem betreffenden Zimmer vielleicht ebenso?« – »Es ist ebenso alt wie diese hier.« – »Das höre ich gern. Wohin führt es?« – »Nach dem Hof.« – »Ist die Stelle des Hofes, die unter demselben liegt, viel betreten?« – »Gar nicht. Es liegen seit einigen Jahren Bausteine und einige Baumstämme da, die ich zur Ausbesserung des Stalles benutzen wollte, aber noch nicht benutzt habe.« – »Ist zwischen diesen Stämmen und Steinen und der Mauer Raum?« – »Ja.« – »Wieviel?« – »Drei Fuß ungefähr.« – »Und niemand kommt dorthin?« – »Kein Mensch.« – »Gut Ihr hättet dort suchen lassen sollen. Spuren nach monatelanger Zeit zu finden, ist nicht wahrscheinlich, aber ich will wenigstens nicht versäumen, nachzusehen. Führt mich doch einmal nach dem Zimmer!«

Gerards sicheres, bestimmtes Auftreten machte Eindruck. Voll der gespanntesten Erwartung begaben sich alle nach dem erwähnten Zimmer, wo Gerard sofort zum Fenster trat, um es zu öffnen und zu untersuchen. Sie folgten jeder seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Es waren auch kaum drei Augenblicke vergangen, so zeigte es sich, daß er der richtige Mann sei, zu finden, was er suchte. Er wandte sich zu Arbellez:

»Habt Ihr irgend jemand im Verdacht gehabt, Señor?« – »Nein«, antwortete der Gefragte. – »Hm! Auch den Boten aus Sombrereto nicht?« – »Nein. Wie kann ein Verdacht auf ihn fallen? Er legitimierte sich durch den Ring, den er brachte.« – »Er ritt am hellen Tag wieder fort?« – »Ja, am hellen Morgen.« – »Habt Ihr seitdem aus Sombrereto eine Nachricht erhalten?« – »Von dem Richter oder seinem Sohn nicht.« – »Von wem sonst?« – »Von Lord Lindsay.« – »Ah. Der war ja auf der Hazienda, als der Graf verschwand.« – »Ja, er und Amy, seine Tochter. Sie begaben sich kurze Zeit darauf nach dem Hauptquartier des Juarez, und auf diesem Weg machte der Lord einen Abstecher nach Sombrereto.« – »Mit welchem Resultat?« – »Er ließ mir mitteilen, daß der Richter von Sombrereto weder einen Sohn habe, noch von der Angelegenheit etwas wisse.« – »Das dachte ich mir, aber man muß vorsichtig sein. War der Bote, den er sandte, zuverlässig?« – »Im höchsten Grade, denn es war einer meiner Vaqueros, den der Lord zu diesem Zwecke mitgenommen hatte.« – »Das beweist, daß der Lord klug war und dem vermeintlichen Sohn des Richters gleich von vornherein mißtraut hat.« – »Das hat er allerdings«, meinte die alte Marie Hermoyes. – »Ihr aber nicht?« fragte Gerard. – »Es war ja gar kein Grund dazu«, antwortete Arbellez. – »Auch nun noch nicht?« – »Hm! Das ist eben unbegreiflich. Wir haben ihn kommen und wieder fortreiten sehen, er war allein. Er hat den Ring gleich abgegeben. Wäre er ein schlechter Mensch gewesen, so hätte er denselben behalten, denn der Diamant war ein ganzes Vermögen wert.«

Gerard lächelte still vor sich hin, betrachtete das Fenster noch einmal und erwiderte:

»Auch dieser Fensterrahmen ist ziemlich morsch. Betrachtet Euch doch einmal diese Stelle im untersten Teil des Rahmens.«

Die Anwesenden taten dies und blickten ihn dann hilflos an.

»Nun, was habt Ihr gesehen, Señor Arbellez?« fragte er. – »Einen Strich, eine schmale Vertiefung im Rahmen«, antwortete dieser. – »Wie sieht diese Vertiefung aus?« – »Hm! Als ob man mit einem schmalen, stumpfen Gegenstand auf den Rahmen gedrückt hätte.« – »Nicht genauso«, entgegnete der Jäger. »Hier ist nicht gedrückt worden, sondern hier hat man etwas über den Rahmen gezogen. Seht Euch die Vertiefung genau an! Rührte sie von einem Strick her, so wäre sie glatt. Wie aber findet Ihr sie?« – »Rauh.« – »Ja, sie rührt augenscheinlich von einem Lasso her, der aus verschiedenen Riemen zusammengeflochten war. Dieser Lasso war nicht der eines Jägers, denn er war schlecht und holprig gearbeitet. Weiter! Welche Richtung haben die Holzfasern, die von dem Lasso am Rahmen abgeschliffen wurden?« – »Sie gehen nach außen«, antwortete Arbellez. – »Gut. Das beweist, daß am Lasso eine Last gehangen hat, die man nicht in das Zimmer, sondern aus demselben hinaus und hinunter in den Hof transportiert hat. Kommt mit hinab!«

Gerard verließ den Raum und begab sich in den Hof. Die anderen folgten. Sie begannen das, was er sagte, zu glauben.

»Ein verdammt gescheiter Kerl. Nicht wahr?« fragte Pirnero seinen Schwager leise. – »Es scheint so«, nickte dieser. – Ja, das kommt daher, daß er der Verlobte von Resedilla ist. Kennst du die Abstammung vom Vater auf die Tochter?« – »Nein.« – »Ich werde dir das zur passenden Zeit erklären. Von dieser Abstammung hat natürlich auch der Schwiegersohn seinen Profit. Doch sieh einmal, wie er hier unter den Steinen sucht.«

Gerard war über die Steine und Stämme auf den schmalen Raum gestiegen, der zwischen denselben und der Mauer lag. Er betrachtete jeden Zollbreit des Bodens mit großer Aufmerksamkeit. Da richtete er sich auf. Er mußte etwas gefunden haben, denn in seinem Gesicht machte sich ein Ausdruck der Genugtuung bemerkbar.

»Kommt einmal herüber, Señores und Señoritas«, sagte er. »Aber nehmt Euch in acht, hierher zu treten.«

Er deutete dabei nach der Stelle, die er meinte. Alle folgten seiner Aufforderung, und Gerard fragte:

»Was erblickt Ihr hier am Boden, Señor Arbellez?«

Der Haziendero betrachtete die Stelle genau und antwortete verlegen:

»Hm! Nicht eben sehr viel.« – »Also wenig. Aber was ist das Wenige?« – »Der Boden ist hart von Sand und Lehm; aber da gibt es doch einige Eindrücke.« – »Wieviel? Zählt sie einmal.« – »Eins, zwei drei – vier.« – »Richtig. Aber wovon mögen sie herrühren?«

Arbellez wollte auch scharfsinnig sein. Er betrachtete die Spuren mit der größten Aufmerksamkeit und antwortete dann:

»Mit zwei Instrumenten sind sie hervorgebracht.« – »Zwei Instrumente?« fragte Gerard lächelnd. – »Ja, ein breites und ein schmales, rund geformtes. Das letztere ist tiefer eingedrungen.« – »Hm! Ihr seid nicht weit vom Richtigen entfernt«, bemerkte Gerard. »Das Dach des Hauses springt vor und hält den Regen von dieser Stelle ab, kein Mensch ist hergekommen, und so ist es zu begreifen, daß diese Spuren sich erhalten haben. Freilich sind sie nicht mehr scharf und neu. Aber ich will Euch gleich anschaulich machen, wie sie entstanden sind.«

Er stellte sich aufrecht und blickte empor.

»Nehmen wir an«, fuhr er fort, »es werde da oben an einem Lasso ein Mann herabgelassen, den ich empfangen soll. Ich strecke die Arme nach ihm aus, um ihn zu erfassen. So! Wie stehen meine Füße dabei?« – »Auf den Zehen.« – »Gut. Meine Sohle macht also einen Eindruck in den Boden. Das ist das breite Instrument, von dem Ihr redet, Señor Arbellez. Weiter! Ich halte den Mann gefaßt, den er herabläßt, und bücke mich mit dieser Last langsam nieder, um sie auf die Erde zu legen. Paßt auf! So!«

Er tat, als ob er wirklich eine große Last in den Armen habe, und ahmte die beschriebenen Bewegungen nach. Indem er sich nun langsam bückte, fragte er:

»Seht meine Füße genau an! Welche Stellung haben sie?« – »Ihr kauert auf den Absätzen«, antwortete Arbellez. – »Richtig! Diese Absätze sind das scharfe, runde Instrument, von dem Ihr redet. Nun will ich zur Seite treten. Seht Euch die Spur an! Wird sie in drei oder vier Wochen nicht genau so sein wie die anderen?« – »Wahrhaftig! Gewiß! Sicher!« rief es aus aller Munde. – »Nun seht. Es ist einer zum Grafen gegangen, hat ihn im Schlaf überwältigt und am Lasso in den Hof hinabgelassen. Hier unten haben zwei Männer – denn wir haben die Eindrücke von vier Füßen – die Last in Empfang genommen. Jedenfalls sind noch mehrere dabei tätig gewesen. Der Haupttäter aber war jener Bote aus Sombrereto.«

Eine solche Erklärung hatte keiner erwartet. Sie sahen einander erstaunt an. Endlich meinte Pedro Arbellez:

»Ihr mögt recht haben, Señor Gerard, aber den Boten halte ich doch für unschuldig.« – »Wieso?« lächelte der Jäger. – »Er ging allein fort.« – »Das beweist nichts.« – »Wäre er der Täter, so hätte er sich des Nachts gleich mit den anderen entfernt.« – »Mein lieber Señor Pedro, Ihr betrachtet diese Sache nicht mit dem richtigen Auge. Dieser Bote war ein Schlaukopf. Was hättet Ihr wohl getan, wenn er früh verschwunden gewesen wäre?« – »Hm. Das wäre uns aufgefallen.« – »Richtig! Das hat er zu vermeiden gesucht. Er ist geblieben, um seinen Helfershelfern einen genügenden Vorsprung zu sichern.« – »Mein Gott, das klingt ja allerdings sehr wahrscheinlich. Aber er hat ja den Ring übergeben.« – »Deshalb haltet Ihr ihn für ehrlich?« – »Natürlich.« – »Ei, ei, Señor«, meinte Gerard kopfschüttelnd. »Wem gab er diesen wertvollen Ring?« – »Dem Grafen.« – »Wo ist der Graf?« – »Fort – natürlich!« – »Und der Ring?« – »Donnerwetter! Auch mit ihm fort – natürlich!« – »Nun, seht Ihr noch nichts ein?«

Da begann es im Kopf des guten Haziendero zu tagen.

»Heilige Madonna, ich begreife, was Ihr meint«, rief er. – »Nun?« – »Der Kerl konnte dem Grafen den Ring leicht geben, weil er wußte, daß sie beide wieder in seine Hände fallen würden.« – »Und das ist Euch nicht früher aufgefallen?« – »Wahrhaftig nicht.« – »Unbegreiflich. Selbst auch dann nicht, als Ihr die Nachricht vom Lord aus Sombrereto erhieltet?« – »Selbst dann nicht. Wir glaubten nämlich, daß wir uns verhört, daß wir den Boten falsch verstanden hätten. Es gibt nämlich auch ein Sombrera und ein Ombereto.« – »Daran glaube ich nicht! Übrigens hat sich der Bote einer sehr großen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht. Liegt nicht Sombrereto nach Südwest von hier?« – »Ja. Es liegt seitwärts von Santa Jaga.« – »Sind nicht die Spuren von Büffelstirn und den anderen nach Santa Jaga gegangen?« – »Allerdings.« – »Das gibt eine sehr bemerkenswerte Übereinstimmung. Dieser Mensch hat uns, allerdings unwillkürlich und ganz gegen seine Absicht, einen Wink gegeben, nach welcher Richtung hin wir suchen müssen.« – »Gott sei Dank! Endlich gibt es einen Punkt, an den man sich halten kann«, rief der Haziendero.

Resedilla betrachtete den Geliebten mit stolzen Augen. Ihr Vater aber spreizte die Beine weit auseinander und fragte:

»Nun Schwager, glaubst du nun, daß es in Fort Guadeloupe Diplomaten und Politiker gibt?« – »Oh, darüber wollen wir nicht streiten«, antwortete Arbellez. »Nun ist es Hauptsache, sofort Boten auszusenden.« – »Wohin?« fragte Gerard rasch. – »Nach Santa Jaga, nach Sombrereto. Sie müssen die dortige Gegend absuchen.« – »Gemach, lieber Señor, Eure Boten würden alles verderben. Einer genügt.« – »Nur einer?« fragte Arbellez betroffen. – »Ja. Mehrere würden sich untereinander nur irremachen. Sie würden auffallen. Einer aber kann suchen, ohne auffällig zu werden. Natürlich muß es ein Mann sein, der so etwas versteht. Hm! Ich weiß einen, auf den wir uns vollständig verlassen können«, meinte Gerard, indem ein lustiges Lächeln um seine Lippen zuckte. – »Wer ist das?« fragte Arbellez. – »Hier unser guter Señor Pirnero.«

Pirnero warf einen erstaunten Blick auf den Sprecher, faßte sich aber sofort und antwortete:

»Ja, das weiß ich selbst. Gibt es einen, der sich zur Lösung dieser Aufgabe eignet, so bin ich es.« – »Ganz gewiß«, nickte Gerard.

Pirnero nahm eine stolze, siegesgewisse Miene an und fuhr fort:

»Es gehört ein tüchtiger Pfiffikus dazu, der zugleich sehr tapfer ist.« – »Gewiß, lieber Schwiegervater. Darum mache ich den Vorschlag, daß du nach Santa Jaga und Sombrereto reitest, um diese Angelegenheit endlich einmal aufzuklären.«

Da trat Pirnero einen Schritt zurück, streckte alle zehn Finger abwehrend von sich und rief:

»Ich?« – »Natürlich.« – »Ich soll dorthin reiten?« – »Ja.« – »Von wo keiner von ihnen allen wiedergekommen ist?« – »Leider. Doch wir alle sind überzeugt, daß du pfiffig und tapfer genug bist, um wiederzukommen.« – »Das ist ja über alle Zweifel erhaben. Aber, wenn ich nun doch nicht wiederkäme?« – »So würden wir dich suchen.« – »Was würde das mir nützen? Wißt ihr denn nicht, daß ein Feldherr sich stets um der Seinen willen zu schonen hat?« – »Das ist allerdings sehr richtig. Du betrachtest dich hier also als der Feldherr?« – »Natürlich! Ich gebe meine Einwilligung zu eurem Vorschlag und schicke einige Vaqueros nach Santa Jaga.« – »Pah. Das sind die Kerle nicht dazu. Wenn du nicht selbst reitest, so reite ich.« – »Ihr? Du? Nein. Mein Schwiegersohn soll sich nicht abermals in eine solche Gefahr begeben.« – »So halte ich alle die, die wir suchen und die wir so lieb haben, für verloren.« – »Donnerwetter, wirklich?« – Ja.« – »Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte. Sie sollen und müssen gefunden werden; aber ich bin so froh, endlich einmal einen Schwiegersohn zu haben, und nun soll ich gezwungen sein, ihn aufs Spiel zu setzen. Was sagst du dazu, Resedilla?«

Sie alle blickten auf das schöne Mädchen.

»Meine Braut ist gut und tapfer«, warf Gerard ein.

Da reichte sie ihm freudig die Hand und antwortete:

»Ich lasse dich nicht gern fort, Gerard, aber ich weiß, daß du es bist, der das vielleicht zustande bringt. Gehe in Gottes Namen, aber versprich mir, vorsichtig zu sein und dich zu schonen.« – »Habe keine Sorge, mein liebes Kind. Ich gehöre nicht mehr mir allein. Ich habe andere, heilige Verpflichtungen und werde mich sehr bedanken, etwas zu tun, was mir Schaden bringen kann.« – »Das nenne ich reden, als ob es in einem Buch geschrieben wäre«, meinte Pirnero. »Ist Resedilla tapfer, so will ich es auch sein. Gerard mag gehen, aber er darf nicht vergessen, daß er einen Schwiegervater hat, der ihn mit nach New York, Kopenhagen oder Pirna nehmen will. Wann geht es fort?« – »Für heute ist es zu spät«, antwortete Gerard. »Der Abend bricht bald herein. Aber morgen mit dem Frühesten steige ich in den Sattel.« – »Doch aber nicht allein?« – »Hm. Allein ist es mir am liebsten. Aber um euch zu beruhigen, will ich zwei Vaqueros mitnehmen, die euch Nachricht von mir bringen können.«

Somit war diese Angelegenheit geordnet, und der Rest des Tages verlief weniger aufgeregt als die vorherige Zeit.

Natürlich widmete Gerard der Geliebten den größten Teil des Abends, und noch ehe er sich zur Ruhe begab, mußte er ihr versprechen, nicht fortzureiten, bevor er nicht Abschied von ihr genommen habe.

2. Kapitel.

In seinem Zimmer angekommen, schritt Gerard noch lange in demselben auf und ab, um nachzudenken, ob es nicht doch vielleicht noch irgend etwas gebe, was bei der Lösung seiner Aufgabe zu berücksichtigen sei. Er hatte sein Licht ausgelöscht und das Fenster geöffnet. Die Sterne blickten herab und spendeten soviel Helle, daß er ihren Strahl dem Talggeruch des Lichtes vorgezogen hatte.

Da war es ihm, als ob er unter sich ein Geräusch vernehme. Dies konnte eine ganz gewöhnliche Ursache haben, aber als Savannenläufer war er gewöhnt, nichts unberücksichtigt zu lassen. Er trat also an das Fenster und blickte hinab.

Aus dem Fenster, das unter dem seinigen lag, stieg ein Mann. Das konnte ein Vaquero sein, der irgendeiner Magd seine Huldigungen dargebracht hatte; aber in diesem Haus war schon zu viel geschehen, als daß Gerard sich mit einer solchen Vermutung hätte begnügen können.

»Halt! Wer ist da unten?« fragte er hinab.

Der Mann antwortete nicht und sprang eilig über den Hof hinüber nach dem Palisadenzaun zu.

»Halt, oder ich schieße!«

Da der Mann auch auf diesen Zuruf nicht hörte, so trat Gerard eilig vom Fenster zurück, um sein stets geladenes Gewehr zu ergreifen.

Der Sternenschein reichte nicht hin, ihm die Gestalt des Verdächtigen noch sehen zu lassen, aber er kannte ja die Richtung, die derselbe nach den Palisaden zu eingeschlagen hatte. Er drückte alle beide Läufe nacheinander ab, doch antwortete kein Schrei. Hätte er Schrot geladen gehabt, so hätte er wohl keinen Fehlschuß getan. Ein tüchtiger Jäger aber schießt nur mit Kugeln, und da ist es nicht möglich, ein so unsicheres Ziel zu treffen.

Seine Schüsse hallten im ganzen Gebäude wider. Aber damit begnügte er sich nicht. Im Nu hatte er die Revolver und das Messer zu sich gesteckt, im Nu war das eine Ende des Lassos an dem Bein des feststehenden Bettes befestigt, ebenso schnell ließ er sich aus dem Fenster hinab in den Hof, und noch war seit seinem zweiten Schuß nicht eine Minute vergangen, so hatte er sich bereits über die Palisaden geschwungen und horchte in die Nacht hinaus, ob irgendein Geräusch zu vernehmen sei.

Da, links von ihm und in gar nicht zu weiter Entfernung, ertönte das Schnauben eines Pferdes. Er zog den Revolver und eilte der Richtung zu. Aber noch ehe er den Platz erreichte, ertönte lautes Pferdegetrappel. Der Mann, den er fangen wollte, galoppierte davon.

Gerard blieb sofort stehen. Jetzt den Ort aufzusuchen, an dem das Pferd gestanden, wäre ein großer Fehler gewesen, denn er hätte mit seinen Füßen die Spuren verwischt, die ihm später von Nutzen sein konnten. Auch kehrte er nicht an derselben Stelle, an der er über die Palisaden gesprungen war, sondern an einer anderen nach dem Hof zurück. Auch hier galt es, die Spuren des unbekannten Mannes zu erhalten.

Die Bewohner der Hazienda waren durch die Schüsse alarmiert worden. Gerard eilte um das Gebäude herum, um den vorderen Eingang zu gewinnen. Dort hatte man bereits Lichter angebrannt. Ein Vaquero kam ihm entgegen.

»Ah, Señor Gerard«, sagte er, »man sucht Euch, man hat Euch vermißt.« – »Wo sind sie?« – »Überall. Man läuft hin und her und weiß nicht, was die Schüsse bedeuten.« – »Wie ruft man die Leute am schnellsten zusammen?« – »An der Tür des Speisesaales hängt eine Glocke. Läutet sie, so werden alle sich dort einstellen!«

Gerard befolgte den Rat und sah einen Bewohner der Hazienda nach dem anderen dort im Saal erscheinen. Die meisten waren mit Lichtern versehen. Auch Resedilla kam. Als sie Gerard erblickte, eilte sie mit einem Freudenruf auf ihn zu:

»Gott sei Dank, daß ich dich sehe! Ich hatte große Angst um dich!« – »Warum?« fragte er sie liebevoll. – »Wir hörten die Schüsse, wir suchten, ich kam in dein Zimmer und fand dein Gewehr. Die Läufe waren leer, und du warst fort. Bist du es, der geschossen hat?« – »Ja.« – »Warum?« – »Sogleich. Warte, bis alle beisammen sind!«

Dies dauerte nicht lange, und dann erzählte Gerard das Ereignis.

»Was für ein Raum liegt unter meinem Zimmer?« fragte er den Haziendero. – »Die Küche«, antwortete dieser. – »Wohnen alle Eure Vaqueros im Haus?« – »O nein. Die meisten kampieren des Nachts bei den Herden.« – »Bleibt eine Magd des Nachts in der Küche?« – »Nein«, antwortete Marie Hermoyes. »Die Küche ist leer und verschlossen. Ich habe den Schlüssel bei mir.« – »War das Fenster geöffnet?« – »Ja, damit die Hitze abziehen könne.« – »Glaubt Ihr, daß irgendein Vaquero des Nachts einsteigen werde, um sich irgend etwas zu holen?« – »Nein. Unsere Vaqueros haben alles, was sie wünschen. Sie brauchen nicht zu stehlen, und ich kenne keinen, den ich für fähig halte, es zu tun.« – »Ich frage nur, um ganz sicher zu gehen und nichts aus dem Auge zu lassen. Es gilt zunächst, zu sehen, ob die Küche noch verschlossen ist.«

Man begab sich in das Parterre, und da ergab sich, daß die Tür nicht geöffnet worden war. Marie Hermoyes wollte öffnen und eintreten, aber Gerard hielt sie zurück.

»Halt!« sagte er. »Wir müssen vorsichtig sein. Wartet hier, Señora Maria. Wir werden erst nach dem Hof gehen, um zu sehen, was dort zu bemerken ist.«

Es wurden Laternen angebrannt. Da durch das Küchenfenster zuweilen Wasser auf den Hof geschüttet wurde, so war unter demselben die Erde erweicht. Als Gerard hinleuchtete, fand er die ganz deutlichen Tapsen eines Mannes, der hier aus und eingestiegen war.

»Es stimmt«, sagte er. »Dieser Mensch ist nicht durch die Tür in die Küche gekommen. Er ist kein Vaquero, denn ein solcher trägt anderes Schuhwerk. Der Mann, von dem diese Spur stammt, hat einen kleinen Fuß und trägt feine Stiefel. Ich werde mir nachher diese Spur auf Papier zeichnen. Man kann nicht wissen, wozu ein solches Modell nützlich ist. Jetzt aber wollen wir in die Küche gehen.«

An der Küchentür angekommen, ließ Gerard öffnen, gebot aber, daß alle an der Tür bleiben sollten. Es galt zu erfahren, was der Mann hier gewollt hatte.

Er trat ein, den anderen voran, und untersuchte jeden Zollbreit des steinernen Bodens, ohne ein Wort zu sagen. Dann leuchtete er in allen Winkeln und auf den Tischen umher und gebot endlich Marie Hermoyes, nachzusehen, ob irgend etwas entwendet sei.

Sie fand alles in der größten Ordnung und sagte:

»Ich begreife nicht, was der Mensch hier gewollt hat. Wir werden das wohl auch nicht erfahren.« – »Oh«, meinte Gerard, »ich hoffe, daß wir es binnen zwei Minuten wissen. Wer ist zuletzt in der Küche gewesen, Señora?« – »Ich.« – »Habt Ihr da vielleicht ein kleines Fläschchen in der Hand gehabt?« – »Nein.« – »Hm. Ist Euch nicht ein Fläschchen bekannt, auf das dieser Stöpsel passen würde?«

Gerard bückte sich nieder und hob einen kleinen Kork empor, der in der unmittelbarsten Nähe des großen Wasserkessels am Boden lag. Marie wollte ihn in die Hand nehmen, um ihn genauer betrachten zu können, er aber sagte:

»Halt! Vorsicht! Man kann in solchen Dingen nie zu vorsichtig sein. Ihr könnt den Stöpsel so auch sehen.« – »Wir haben gar kein derartiges Fläschchen«, entschied Marie. – »Hm!« brummte Gerard nachdenklich vor sich hin, indem er den Kork noch einmal in das Auge faßte. »Dieser Stöpsel ist noch feucht, und der Teil, der durch den Hals des Fläschchens zusammengedrückt wurde, ist trotzdem noch nicht im geringsten aufgeschwollen. Ich wette meinen Kopf, daß dieser Kork noch vor einer halben Stunde in dem Fläschchen gesteckt hat. Der Fremde hat ihn verloren und gar nicht gesucht oder in der Finsternis nicht gefunden.«

»Was sollte er mit dem Fläschchen gemacht haben? Höchst sonderbar«, meinte Arbellez. – »Auch das werden wir hoffentlich erfahren«, antwortete der Jäger im zuversichtlichsten Ton.

Er trat an das Fenster und betrachtete dasselbe.

»Hier ist er eingestiegen«, erklärte er. »Sein Stiefel war mit nasser Erde beschmutzt, wovon ein Teil hier hängenblieb. Ein anderer Teil liegt hier.«

Er leuchtete dabei am Wasserkessel nieder, wo allerdings ein ziemlicher Brocken niedergetretener, nasser Erde lag.

»Was folgt daraus, daß die Erde hier am Kessel liegt, Señor Arbellez?« fragte er. – »Daß der Mann am Kessel gestanden hat«, antwortete der Haziendero. – »Richtig. Auch der Kork lag hier; er hat also hier das Fläschchen geöffnet. Aber wozu? Könnt Ihr Euch das vielleicht denken?« – »Oh, nicht im geringsten.« – »Nun, es sind hier nur zwei Fälle möglich. Erstens, ein fremder Mensch steigt mit einem winzigen, leeren Fläschchen in eine fremde Küche nächtlich ein, um sich am Kessel dasselbe mit Wasser zu füllen. Was sagt Ihr dazu?« – »Das wird niemand einfallen. Draußen fließt Wasser genug.« – »Gut und sehr richtig! Zweitens, ein fremder Kerl steigt während der Nacht heimlich mit einem vollen Fläschchen in eine fremde Küche ein, um dasselbe in den Kessel zu leeren oder auszuschütten! Was sagt Ihr dazu?« – »Bei Gott, das ist das wahrscheinlichere«, antwortete Arbellez. – »Oh, das ist nicht nur wahrscheinlich, sondern wohl sicher.« – »Aber was mag er in dem Fläschchen gehabt haben?« – »Vielleicht erfahren wir es.« – »Und wozu hat er es in den Kessel ausgeschüttet?« – »Auch das werden wir sehen. Aber kann er etwa einen guten Zweck verfolgt haben?« – »Gewiß nicht.« – »Nun, ich habe das Wasser des Kessels bereits genau betrachtet. Señora Marie, ist etwas Fettiges gestern gekocht worden?« – »Nein«, antwortete die Gefragte. »In diesem Kessel wird nie eine Speise gekocht, er dient nur zur Erwärmung des Wassers, das wir anderweit brauchen. Und gestern ist er gar mit Sand ausgescheuert worden. Dann haben wir ihn mit gutem Quellwasser gefüllt. Das Wasser muß rein sein.« – »Kann es nicht ein wenig fettig sein?« – »Unmöglich.« – »Nun, an einigen Stellen des Randes haben sich Gruppen von winzigen, wasserhellen Fettaugen angesammelt. Die Señores Doktoren mögen näher treten, um sich dies zu betrachten.«

Wilmann und Berthold waren zugegen. Sie traten daraufhin zum Kessel und unterwarfen die Fettaugen einer genauen Betrachtung.

Sie schüttelten die Köpfe, tauschten leise ihre Ansicht aus, und dann fragte Berthold:

»Ist nicht ein wertloser Hund oder eine Katze zu haben?« – »Alle Teufel! Gift?« rief Arbellez, der sogleich begriff, um was es sich handelte. »Holt die alte taube Hündin und zwei Kaninchen herbei.«

Die verlangten Tiere wurden zur Stelle geschafft. Die beiden Ärzte ließen die Fettaugen des Wassers durch ein Stück Brot aufsaugen und gaben dies den Tieren zu fressen. Bereits nach zwei Minuten starben die beiden Kaninchen, ohne ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben, und nach abermals zwei Minuten fiel auch der Hund ganz plötzlich um, gerade so, als ob er umgeworfen worden sei. Er streckte die alten Glieder und war tot, ohne den leisesten Laut des Schmerzes von sich gegeben zu haben.

»Gift! Wirklich Gift!« rief es rundum. – »Ja«, meinte Doktor Berthold. »Aber dieses Gift ist mir unbekannt.« – »Mir auch«, fügte sein Kollege bei. – »Aber ich kenne es«, antwortete Gerard. »Es ist das Öl der fürchterlichen Pflanze, die von den Diggerindianern Klama-bale genannt wird, das heißt, Blatt des Todes. Ich habe die Wirkung dieses Giftes einige Male beobachtet.« – »Herrgott, welch eine Schlechtigkeit!« rief die alte Hermoyes. »Man steigt hier ein, um jemanden unter uns zu vergiften.«

Der Jäger schüttelte sehr ernst den Kopf.

Jemand unter uns?« sagte er. »Irrt Euch nicht, Señora. Wer Gift in den Kessel schüttet, aus dem für alle Wasser genommen wird, der will nicht einen einzelnen, sondern der will alle zugleich vergiften.«

Man kann sich denken, welchen Eindruck diese Worte machten, zumal sich ein jeder sagen mußte, daß Gerard recht habe.

»Wie sehr, wie sehr haben wir Gott zu danken, daß Ihr zu uns gekommen seid«, sagte Arbellez, vor Schreck fast zitternd. »Ohne Euren Scharfsinn wären wir alle morgen tot gewesen.«

Gerard antwortete trocken, ja beinahe vorwurfsvoll:

»Ein wenig von diesem Scharfsinn hätte Don Ferdinando retten können. Ihr aber habt seine Räuber entkommen lassen!« – »Ihr mögt recht haben, Señor! Aber bleiben wir bei der Gegenwart! Wer mag dieser Mensch gewesen sein? Wem mag daran liegen, daß sämtliche Bewohner dieses Hauses während eines Tages zugrunde gehen?«

Gerard zuckte fast mitleidig die Achseln und fragte: »Das ahnt Ihr nicht, Señor?« – »Nein«, lautete die Antwort. – »So denkt doch nur einmal darüber nach! Mir scheint es ganz und gar nicht schwer, das Richtige zu treffen. Seht Ihr denn nicht, daß es auf die Angehörigen der Familie de Rodriganda abgesehen ist?« – »Mein Gott, ja!« rief Arbellez. »Wie war es doch nur möglich, nicht auf diesen Gedanken zu kommen. Aber keiner von uns allen gehört zu dieser Familie.« – »Aber Ihr alle seid in ihre Geheimnisse eingeweiht.« – »Das ist allerdings richtig.« – »Sternau, die beiden Helmers und nach ihnen alle sind verschwunden, die um dieses Geheimnis wissen. Nun sind nur noch die Bewohner der Hazienda übrig. Und sie alle hat man auf einen Schlag mit Hilfe dieses Klama-bale, dieses Totenblattes, beseitigen wollen.« – »Das leuchtet ein. Aber wer mag der Täter sein?« – »Wer anders als Cortejo?« meinte die alte Marie Hermoyes. – »Cortejo«, nickte der Schwarze Gerard. »Cortejo oder eines seiner Werkzeuge. Es ist jedoch auch möglich, daß es nicht ein Verbündeter, sondern gerade ein Feind von ihm ist.« – »Wie wäre das möglich?« – »Hm! Man muß an alles denken. Cortejo scheint viele Werkzeuge zu haben. Um später ihrer Verschwiegenheit sicher zu sein, ist er gezwungen, sie zu opfern. Sind sie nicht ganz dumm, so müssen sie das einsehen, sie müssen vorsichtig sein, sie dürfen ihm nicht trauen. Landola ist sein Hauptverbündeter. Er ist Cortejo überlegen. Sollte er sich alles das, was er weiß, nicht auf die eine oder andere Weise zunutze machen? Kann es nicht noch einen anderen, einen zweiten oder dritten geben, von dem sich dasselbe sagen läßt? Ist es unmöglich, auf irgendeine Weise einen anderen als den Grafen Rodriganda unterzuschieben, wenn Mariano verschwunden ist, und wenn man dafür sorgt, daß auch der jetzige Graf Alfonzo vom Schauplatz tritt?« – »Dieser Gedanke ist ungeheuerlich«, sagte Arbellez. – »Ich will das gar nicht bestreiten«, antwortete Gerard. »Aber für einen Mann, der so viel erlebt hat, gibt es überhaupt nichts Ungeheuerliches mehr. Ich halte mich jetzt zunächst an die Tatsache, daß man die Bewohner der Hazienda vergiften wollte. Den Täter werde ich ergreifen, und er wird beichten müssen.« – »Aber wenn er nichts gesteht?« – »Pah!« antwortete der Jäger mit einer verächtlichen Handbewegung. »Ich möchte den Menschen sehen, der mir etwas verschweigt, wenn ich ihn in das Gebet nehme. Wir Savannenleute haben unsere unfehlbaren Mittel, einen jeden zum Sprechen zu bringen.« – »Und Ihr glaubt also, daß Ihr diesen Menschen in Wirklichkeit ergreifen werdet?« – »Ich bin überzeugt davon.« – »Aber er hat einen großen Vorsprung.« – »Dieser wird ihm nichts nützen. Er bedient sich jetzt desselben Pferdes, mit dem er nach der Hazienda gekommen ist. Es wird ermüdet sein, und ich hoffe doch, daß Ihr mir und den beiden Vaqueros, die mich begleiten werden, frische und schnelle Tiere zur Verfügung stellen könnt.« – »Ihr sollt die besten Pferde erhalten, die ich besitze. Aber vielleicht hilft Euch das gar nichts.« – »Wieso?« – »Wenn der Mann aus der Umgegend ist, so hat er seine Heimat erreicht, ehe Ihr in den Sattel kommt. Was nützt Euch dann die Schnelligkeit Eurer Pferde?«

Gerard schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ihr seid so viel mit Präriejägern zusammengekommen«, antwortete er, »daß Ihr endlich einmal wissen könntet, daß keiner von ihnen einen Mann entkommen läßt, dessen Spur er einmal fand. Von ruhigem Schlaf ist nun doch keine Rede. Ich will mich zum Ritt vorbereiten. Denn wenn der Tag anbricht, suche ich die Fährte.«

Dies geschah. So lange es noch dunkel war, konnte man das Geschehen nur besprechen und sich in allerlei Vermutungen ergehen, aber sobald der Tag zu grauen begann, begab man sich zunächst nach dem Hof unter das Küchenfenster, wo Gerard mit Hilfe eines Papierblattes eine ganz genaue Zeichnung der Fußspur nahm, die dort zu finden war.

Sodann führte er die Freunde in das Freie nach dem Ort, wo er das Schnauben des Pferdes und sodann das Hufgetrappel vernommen hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Er deutete auf ein Loch im grasigen Erdboden und fragte:

»Was hat dieses Loch zu bedeuten, Señor Arbellez?« – »Es ist hier ein Pferd angepflockt gewesen«, antwortete der alte Haziendero. – »Richtig. Der Mann hat sein Tier angepflockt und nicht angebunden. Er trägt also einen Lassopflock bei sich. Das ist auch ein Erkennungszeichen. Und nun seht Euch einmal diesen Kaktus an.«

Die erwähnte Pflanze stand in unmittelbarer Nähe des Loches, in dem der Pflock gesteckt hatte. Arbellez betrachtete sie mit großer Aufmerksamkeit und sagte:

»Hm! Ich bemerke gar nichts Außergewöhnliches.« – »Wirklich nicht?« – »Nein.« – »Und die anderen?«

Auch diese untersuchten den Kaktus, konnten jedoch auch nichts Auffälliges finden.

»Ja«, lachte Gerard, »ein Jäger sieht doch etwas mehr als ein Haziendero oder Vaquero. Was ist denn das, Señores?«

Er zog etwas von den Stacheln des Kaktus weg.

»Ein Pferdehaar«, meinte Arbellez. – »Ja, aber von welchem Teil des Pferdes?« – »Es ist ein Schwanzhaar.« – »Welche Farbe hat es?«

Arbellez betrachtete es genau und antwortete dann:

»Schwarz, aber von einem Rappen scheint es dennoch nicht zu sein.« – »Da habt Ihr recht«, meinte Gerard. »Es ist weder von einem Rappen, noch von einem Braunen. Es hat ganz die eigentümliche Melierung, die man nur bei dunklen Rotschimmeln trifft. Das Pferd hat mit dem Schwanz um sich geschlagen, und dabei ist dieses Haar an den Kaktusstacheln hängengeblieben. Das Pferd ist ein Rotschimmel. Es hat hier das Gras niedergetreten, aber eine deutliche Spur ist leider nicht zu sehen.« – »Das ist freilich schade«, meinte Arbellez im Ton des Bedauerns. – »Warum?« – »Rotschimmel gibt es viele, ein Irrtum ist also möglich. Hättet Ihr aber ein so genaues Bild von der Hufspur, wie Ihr sie vom Stiefel des Reiters habt, so wäre ein Erkennen leichter.«

Gerard lächelte in seiner ruhigen und doch überlegenen Weise und antwortete:

»So glaubt Ihr, daß ein solches Bild nicht zu bekommen sei?« – »Woher denn?« – »Am Bach dort. Seht, daß er hier links hinübergeritten ist. Er hat über den Bach gemußt, und dort wird sich wohl ein deutlicher Eindruck der Hufe finden lassen.«

Er hatte recht. Sie folgten ihm nach dem Wasser, und als sie dort ankamen, zeigte der weiche Uferboden ganz deutliche Eindrücke, die eine Papierzeichnung gestatteten.

»So!« meinte Gerard. Jetzt habe ich alles beisammen, und nun darf ich auch nicht säumen, aufzubrechen.«

Er begab sich in sein Zimmer zurück, um seine Waffen zu sich zu nehmen. Dort suchte ihn Resedilla auf, um ihm Lebewohl zu sagen. Sie umschlang und küßte ihn, als ob es gelte, auf ewig von ihm zu scheiden.

»Tröste dich, mein Herz!« bat er sie in beruhigendem Ton. »Wir werden uns ja sehr bald wiedersehen.« – »Kannst du das wirklich behaupten, mein Gerard?« – »Ja, Kind«, antwortete er. – »O nein. Weißt du nicht, daß die anderen nicht wiedergekommen sind, obgleich sie ganz dasselbe glaubten wie du?« – »Sie konnten nicht wissen, was ich weiß. Sie suchten Verlorene, ich aber verfolge Verbrecher.«

Es gelang Gerard wirklich, Resedilla zu beruhigen, und auch die anderen hatten ihn so gut kennengelernt, daß ihn ihr ganzes Vertrauen geleitete, als er endlich mit den zwei Vaqueros aus dem Tor ritt.

Er nahm die Spur da auf, wo sie über den Bach führte, und ließ sie keinen Augenblick lang aus den Augen. Selbst da, wo seine Begleiter nicht das mindeste von ihr merkten, zeigte er eine Sicherheit, die sie in Erstaunen setzte.

So ging es in höchster Eile den ganzen Tag hindurch, bis die Nacht hereinbrach und von einer Fährte nichts mehr zu erkennen war.

»Hier werden wir absitzen und übernachten«, sagte er, auf ein kleines Gebüsch deutend, das am Weg lag. – »Wird das kein Fehler sein?« fragte der eine Vaquero. – »Warum ein Fehler?« – »Hier ganz in der Nähe liegt die Estanzia des Señor Marqueso. Da ist der Mann ganz sicher eingekehrt.« – »Meint Ihr? Hm! Ein Mörder kehrt nicht ein, wenn er von dem Schauplatz seines Verbrechens kommt. Es liegt in seinem Interesse, sich von keinem Menschen sehen zu lassen. Übrigens sind wir ihm sehr nahe gekommen.« – »Wie weit?« – »Ich sah vorhin aus der Spur, daß er kaum noch eine Stunde weit vor uns ist. Sein Pferd ist müde. Morgen früh haben wir ihn sicher und fest.«

In dieser Überzeugung streckte Gerard sich in das Gras, um zu schlafen. Am anderen Morgen, bereits bei Tagesgrauen, wurde der Weg fortgesetzt. Die Pferde hatten ausgeruht und flogen munter über die Ebene hin. Da plötzlich hielt Gerard das seinige an.

»Hier hat er angehalten«, sagte er, auf eine vielfach zertretene Rasenstelle deutend. »Wollen sehen!«

Er sprang ab und untersuchte den Boden im Umkreis.

»Donnerwetter!« rief er dann. »Wo liegt die Estanzia, von der Ihr gestern abend redetet?« – »Da rechts drüben hinter den Büschen.« – »Wie weit hat man hin?« – »Zehn Minuten.« – »Er ist zu Fuß hinüber und zu Pferde wieder zurück. Seht, hier hat er seinen Rotschimmel angepflockt gehabt. Ich will doch nicht hoffen, daß er sich von der Estanzia ein Pferd geholt hat.« – »Das wäre verteufelt!« – »Und doch wird es so sein. Er ist zurückgekehrt, um den Rotschimmel vom Lasso zu befreien und ihn laufenzulassen. Hier habt Ihr die Spur dieses Tieres. Sie führt rückwärts. Der Schimmel ist ledig. Und hier haben wir die Fährte des anderen Pferdes, die nach Süden geht, also in der Richtung, die er ursprünglich eingeschlagen hatte. Reitet auf dieser Fährte langsam weiter. Ich muß nach der Estanzia.«

Sie gehorchten. In zehn Minuten sah Gerard das Haus vor sich liegen. Er sprang vom Pferd und trat in das Zimmer. Ein älterer Mann lag in der Hängematte und rauchte eine Zigarette.

»Seid Ihr der Estanziero Señor Marqueso?« fragte Gerard. – »Ja«, antwortete der Mann. – »Habt Ihr gestern ein Pferd verkauft?«

Da fuhr der Mann aus der Hängematte empor und rief: »Verkauft? Nein, das ist mir nicht eingefallen. Aber mein Fuchs muß sich verlaufen haben. Er war heute morgen fort.« – »Verlaufen? Hm! Könnte er nicht gestohlen worden sein?« – »Das ist allerdings möglich. Ihr seht mich allein, weil alle meine Leute ausgeritten sind, ihn zu suchen.« – »War dieser Fuchs ein schnelles Pferd?« – »Es war mein bester Läufer.« – »Verdammt.« – »Warum?« – »Ich verfolge einen Mörder von der Hacienda del Erina her. Er ritt einen müden Rotschimmel, und ich glaubte, ihn heute vormittag zu erreichen. Nun aber hat er Euch den Fuchs genommen, und ich kann …« – »Donnerwetter! Also doch gestohlen?« unterbrach ihn der Mann. – »Ja. Hatte Euer Fuchs irgendein Zeichen?« – »Ein sehr häßliches. Die rechte Hälfte des Maules ist weiß und die linke schwarz.« – »Danke!«

Damit drehte Gerard sich um.

»Halt!« rief der Mexikaner hinter ihm her. »Wollt Ihr mir nicht wenigstens sagen, wo der Rotschimmel zu suchen ist? Dann hätte ich doch einigermaßen Ersatz.« – »Da drüben bei den Büschen findet Ihr die Spur«, antwortete Gerard, die Richtung mit der Hand bezeichnend.

Zugleich sprang er in den Sattel und galoppierte davon.

Er brauchte nicht weit zu reiten, so erblickte er seine beiden Gefährten, die er schnell einholte. Er teilte ihnen mit, was er erfahren hatte, und machte sie darauf aufmerksam, daß es jetzt gelte, die größte Schnelligkeit zu entfalten. Infolgedessen flogen ihre drei Pferde förmlich dahin, aber die Züge Gerard, der die Spur fest im Auge behielt, blieben finster. Es war ihm anzusehen, daß ihre Schnelligkeit seinen Erwartungen nicht entsprach.

»Dieser Mensch ist klüger, als ich vermutete«, sagte er. – »Er hat wohl gar nicht geschlafen?« fragte einer der Vaqueros. – »Nein. Er hat den Fuchs gestohlen und ist unverzüglich weiter. Heute früh hatte er einen Vorsprung von vier Stunden. Wir sind ihm näher gekommen, aber das genügt nicht, um ihn vor Einbruch der Nacht einzuholen.«

Es zeigte sich, daß seine Berechnung richtig war. Der Mittag ging vorüber, und der Nachmittag verflog auch. Gegen Abend, als es bereits dämmerte, näherten sie sich Santa Jaga.

»Ich hoffe nicht, daß der Kerl durch die Stadt reitet«, meinte der Vaquero. – »Warum nicht?« fragte Gerard. – »Weil wir in der Stadt seine Spur nicht sehen können.« – »Pah. Wir können dann desto besser nach ihm fragen. Übrigens glaube ich nicht, daß er durch die Stadt reitet.« – »Sondern um dieselbe herum?« – »Nein.« – »Wie sonst?« – »Er wird bloß hineinreiten, aber nicht hinaus. Ich ahne vielmehr, daß er ein Bewohner der Stadt ist.« – »Ah, das ist möglich.« – »War nicht jene Dame, die Juarez die Schriften schickte, aus Santa Jaga gekommen?« – »Ja.« – »Haben nicht Sternau und die anderen die Richtung nach Santa Jaga eingeschlagen?« – »Allerdings.« – »Nun, so ist es leicht möglich, ja, sogar sehr wahrscheinlich, daß wir hier die Lösung des Rätsels finden.«

Sie jagten weiter. Ungefähr zehn Minuten vor der Stadt trafen sie auf einen Mann, der langsam neben einem schweren Ochsenkarren einherschritt. Gerard grüßte und fragte:

»Wie weit ist es noch bis zur Stadt?« – »Ihr reitet keine Viertelstunde mehr«, antwortete der Mann. – »Seid Ihr dort bekannt?« – »Das will ich meinen. Ich bin dort geboren und wohne dort.«

Gerard hatte die Spur des Wagens fast schon während des ganzen Nachmittags gesehen. Er fragte daher:

»Ihr kommt aus dem Norden?« – »Ja.« – »Sind Euch heute viel Leute begegnet?« – »Kein einziger Mensch.« – »Aber überholt hat Euch ein Reiter?« – »Ein einziger.« – »Kanntet Ihr ihn vielleicht?« – »Hm«, antwortete der Mann, indem er pfiffig mit den Augen blinzelte. »Ja, vielleicht kenne ich ihn.« – »Ihr betont das Wort vielleicht. Weshalb?« – »Nun, weil der Señor jedenfalls nicht wollte, daß ich ihn erkennen sollte.« – »Wirklich? Weshalb denkt Ihr das?« – »Weil er einen Bogen schlug, um aus meiner Nähe zu kommen.« – »Ah! Was für ein Pferd ritt er?« – »Einen Fuchs.« – »Ihr erkanntet ihn also doch?« – »Ja, an seiner Haltung. So wie er auf dem Pferd saß, so sitzt nur ein einziger im Sattel.« – »Und wer ist das?«

Der Karrenführer blinzelte abermals sehr listig mit den Augen und fragte:

»Habt Ihr ein so großes Interesse, dieses zu erfahren?« – »Gar zu groß ist es allerdings nicht.« – »So. Na, Señor, ich bin ein armer Mann, und jeder Dienst ist doch seines Lohnes wert.« – »Da«, antwortete Gerard, indem er in die Tasche griff und jenem eine Silbermünze zuwarf. – »Danke. Nun sollt Ihr auch erfahren, wer es ist.« – »Aber schnell!« – »Schön. Es war kein anderer als Pater Hilario.« – »Wer ist das?« – »Ein Arzt im Kloster della Barbara hier in der Stadt.« – »Ein Arzt? Ah!« nickte Gerard. »Ritt er sehr weit an Euch vorüber?« – »Nicht sehr weit. Das Terrain erlaubte es nicht.« – »Habt Ihr an dem Fuchs nichts bemerkt, woran man ihn wiedererkennen könnte?« – »Ah, Ihr meint nicht den Mann, sondern den Fuchs? Nun, da kann ich Euch die allerbeste Auskunft geben.« – »Wirklich?« – »Ja. Ich kenne das Tier sehr genau. Der Pater muß es erst in den letzten Tagen gekauft haben.« – »Von wem?« – »Von einem Estanziero da draußen.« – »Ihr meint wohl Señor Marqueso?« – »Freilich. Der Fuchs hat eine Blässe, die ihm über die rechte Hälfte des Maules geht.« – »Danke. Gute Nacht!«

Gerard ritt mit seinen Begleitern weiter, in tiefe Gedanken versunken. Ein Pater – ein Arzt, der im Kloster wohnte? Hm! Tausend Gedanken stiegen in ihm auf und nieder. Endlich wandte er sich an seine Begleiter:

»Was ich erfahren habe, ist sehr wichtig. Es bestätigt meine Ansicht, daß der Mörder hier in der Stadt wohnt. Wir werden in einer Venta absteigen und hierbleiben. Das weitere wird sich finden.«

3. Kapitel.

Pater Hilario befand sich in der Überzeugung, daß sein mörderischer Anschlag geglückt sei. Er ahnte nicht im geringsten, daß er einen Verfolger hinter sich hatte, und stieg, von dem Ergebnis seines weiten Rittes befriedigt, vor dem Klostertor ab, als das Abenddunkel hereinbrach.

Daß er sich eines fremden Pferdes bemächtigt hatte, machte ihm keine Sorge. Es gab hundert Ausreden für ihn.

Da er einige Tage länger geblieben war, als er vorher bestimmt hatte, so war er von seinem Neffen mit Ungeduld erwartet worden.

»Endlich!« rief dieser, als er zu ihm in das Zimmer trat. »So sage mir doch um aller Welt willen, wo du so lange bleibst!« – »Ja«, antwortete er. »Ich konnte nicht wissen, daß ich drei Nächte um die Hazienda schleichen mußte, ehe ich etwas erreichte.« – »Wie ging es denn?«

Hilario erzählte nun, was er getan hatte. Der Neffe war an Blut und Mord gewöhnt, aber er schüttelte sich doch.

»Brr!« sagte er. »Das ist fürchterlich!« – »Was denn?« fragte der Alte im gleichmütigsten Ton. – »Ein so vielfacher Mord!« – »Pah! Jeder Mensch muß sterben!« – »Aber auf welche Weise!« – »Unsinn! Diese Leute haben den schönsten Tod, den es geben kann. Sie legen sich hin und schlafen schmerzlos ein.« – »Bist du auch sicher, daß keiner übrigbleibt?« – »Von der Familie sicher keiner.« – »Und die anderen, die um das Geheimnis wissen, haben wir ja unten.« – »Einige noch nicht. Wir bekommen sie aber auch.« – »Wann?« – »Baldigst. Die Gelegenheit dazu wird sich mir in Mexiko bieten.« – »Wann wirst du abreisen?« – »Sogleich, nachdem ich gegessen habe.«

Der Neffe macht ein sehr erstauntes Gesicht.

»Sogleich?« fragte er. »Bist du denn nicht müde?« – »Außerordentlich. Aber ich habe drei Tage verloren. Ich muß fort. Reiten kann ich nicht. Ich würde vor Schlaf vom Pferd fallen.« – »So nimmst du wohl die alte Klosterkarosse?« – »Ja. Mache sie bereit und spanne vor dem hinteren Tor an. Es braucht nicht ein jeder zu wissen, daß ich sofort wieder verreise.«

Hilario aß, kleidete sich um und gab dann dem Neffen die Verhaltungsmaßregeln, die er für nötig hielt. Darüber vergingen doch noch einige Stunden, und dann fuhr er heimlich ab.

Sein Neffe horchte dem Wagen nach, so lange er die Räder desselben knarren hören konnte, dann begab er sich in die Stube des Onkels zurück, um sich die Schlüssel zu holen, da er ja die geheimnisvollen Gefangenen bedienen mußte. Auf dem Weg nach dem Studierzimmer des Paters mußte er durch den vorderen Hof. Das Tor desselben stand noch offen. Soeben trat ein Mann herein, der auf ihn zukam.

»Ist der Pater Hilario zu Hause?« fragte er. – »Nein. Ah, Señor, Ihr seid es?«

Als der Mann hörte, daß er erkannt sei, sah er sich auch den Neffen an und sagte dann:

»Ah, du bist es selbst, Manfredo?« – »Ja, Señor.« – »Also dein Oheim ist fort?« – »Ja.« – »Wann?« – »Soeben.« – »Donnerwetter! Warum so spät?« – »Er konnte nicht eher, doch meinte er, daß er noch zur rechten Zeit kommen werde.« – »Das mag sein. Kannst du in sein Zimmer?« – »Ja, ich wohne ja dort, wenn er verreist ist.« – »Laß uns hingehen, aber so, daß uns niemand sieht. Ich habe sehr Wichtiges mit dir zu reden.«

Unterdessen hatte der Schwarze Gerard mit seinen beiden Vaqueros die Stadt erreicht und sich dort nach der besten Venta erkundigt. Sie wurde ihm gezeigt. Er stieg dort ab und fragte den Wirt, ob er hier einen Raum zum Übernachten bekommen könne. Dies wurde ihm bejaht, und er bekam ein Zimmerchen angewiesen, das das beste des Hauses sein sollte, aber schon mehr einem Ziegenstall oder Taubenschlag glich.

Er aß einige Bissen und machte sich dann auf, nach dem Kloster rekognoszieren zu gehen. Er löschte also sein Talglicht aus und öffnete die Tür. Sie traf einen Menschen, der soeben im Dunkeln draußen vorüber wollte.

»Himmeldonnerwetter!« rief der Getroffene. – »Kann nicht dafür«, antwortet er. »Nehmt Euch in acht!« – »Was? Ich in acht? Alle Teufel! Da hast du es!«

Bei diesen Worten erhielt Gerard eine Ohrfeige, daß er meinte, das Feuer springe ihm aus den Augen.

»Hölle und Tod!« rief er. »Mensch, was wagst du?«

Er packte den anderen mit der Linken und gab ihm mit der Rechten eine Ohrfeige, die wenigstens ebenso kräftig war wie diejenige, die er erhalten hatte.

»Was? Mir eine Schelle?« rief der andere. »Da!«

Zugleich erhielt Gerard eine zweite Ohrfeige.

»Und da!« rief auch er.

Sein Gegner erhielt ebenso die zweite. Sie hielten sich fest gepackt. Keiner vermochte den anderen niederzuringen oder sich von ihm loszumachen; aber keiner vermochte auch, des Dunkels wegen, sich des rechten Armes seines Gegners zu bemächtigen. Und da sie beide zu stolz waren, um nach Hilfe zu rufen, so hörte man nur die Ausrufe: »Da! Hier! So! Noch eine! Da ist sie!« und dabei klatschte es herüber und hinüber, daß es eine Art hatte.

Das mochte aufgefallen sein, denn es öffnete sich in der Nähe eine Tür, und es trat ein junger, wie es schien, vornehmer Mann heraus, der in ein reiches, mexikanisches Kostüm gekleidet war und ein Licht in der Hand hielt.

»Was geht hier vor?« fragte er erstaunt, als er die beiden Männer erblickte, die sich mit den linken Fäusten gepackt hielten und mit ihren Rechten in diesem Augenblick zu gleicher Zeit zur Ohrfeige ausholten. – »Oh«, antwortete der andere, »ich will diesem Kerl nur noch seine neunte Maulschelle geben!« – »Und ich diesem Menschen seine zwölfte!« antwortete Gerard. – »Warum denn, Geierschnabel?« fragte der junge Mann erstaunt.

Sein Licht brannte nicht hell genug, darum hatten sich die beiden Kampfhähne nicht sogleich erkannt. Jetzt aber ließ Gerard sofort los und rief:

»Geierschnabel? Was? Ist das möglich?«

Und Geierschnabel drehte seinen Gegner nach dem Licht herum und rief:

»Heiliges Bombenwetter! Da geschehen ja Zeichen und Wunder! Ist es denn möglich, daß ich dich haue?« – »Und daß ich dich ohrfeige!« – »Zwölfe habe ich bekommen!« – »Und ich acht!« – »So habe ich nur elf. Ja, nun weiß ich, warum ich gar nichts machen konnte! Wer so einen Kerl gegen sich hat, der muß froh sein, daß er nicht gleich bei der ersten durch die Mauer fliegt!« – »Du hast dich ebenso tapfer gehalten. Aber wenn ich nicht so lange krank darniedergelegen hätte, wäre es doch noch anders gekommen.« – »Woher kommst du denn?« – »Von del Erina.« – »Ah, von daher!« – »Und du?« – »Aus der Hauptstadt.«

Jetzt mischte sich auch der junge Mann in das Gespräch.

»Wie? Diese Señores kennen sich?« fragte er lachend. – »Ja«, antwortete Geierschnabel. – »Und sind Freunde, trotzdem sie sich ohrfeigen?« – »Dicke Freunde sogar!« – »So darf ich wohl fragen, wer dieser Señor ist und wie Ihr beide dazu kommt, Euch in dieser Weise zu begrüßen.« – »Hölle und Teufel, das ging sehr einfach zu. Er wollte aus seiner Stube treten, eben als ich vorüberging. Da schmiß er mir die Tür gerade an die Nase. Ich gab ihm eine Ohrfeige und er mir eine Maulschelle. Nun wechselten wir ab: Er bekam eine Maulschelle und ich eine Ohrfeige. So haben wir uns amüsiert, bis Sie Licht in die Sache brachten, Señor Kurt. Aber wer es ist, das wollen wir drinnen sagen und nicht hier auf dem Gang, wo ein jeder Lump die Ohren herhalten kann. Komm, Alter!«

Geierschnabel faßte Gerard an und schob ihn in die Stube, aus welcher Kurt getreten war. Nachdem er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, zeigte er auf die riesige Gestalt Gerards und fragte den anderen:

»Señor Leutnant, werden Sie vielleicht erraten können, wer dieser famose Kerl da ist?«

Kurt betrachtete sich den Jäger lächelnd und antwortete:

»Mit einiger Unterstützung wird es mir vielleicht möglich sein. Kenne ich den Namen dieses Herrn?« – »Sogar sehr gut.« – »Er sagte, daß er lange krank gelegen habe. Wohl auf Fort Guadeloupe?« – »Ja.« – »Nun, so darf ich mir nur diese Gestalt betrachten, so weiß ich sofort, wer er ist: der Schwarze Gerard. Nicht?« – »Erraten! Ja, erraten! Und nun, Gerard, mache es nach und errate, wer dieser Señor ist.« – »Das bringe ich nicht fertig«, meinte der Jäger. – »O doch!« – »Kenne ich seinen Namen?« – Ja. Du hast ihn sogar schon gesehen.« – »Wo?« – »Seinen Namen kennst du von Señor Sternau, und gesehen hast du ihn in Rheinswalden, als er noch ein Knabe war.« – »Ah! Ihr Name ist Helmers?« – »Ja«, nickte der junge Mann. »Kurt Helmers!« – Himmel! Welch ein Zufall!« – »Zufall? Vielleicht nicht.« – »Was tun Sie hier?« – »Wir suchen unsere Verschollenen.« – »Ich ebenso.« – »Nun, so ist es allerdings kein Zufall, daß wir uns hier treffen. Aber schnell, schnell! Haben Sie eine Spur von ihnen?« – »Ich hoffe es.« – »Wir vielleicht auch. Setzen Sie sich und erzählen Sie!«

So wunderbar eigentlich dieses Zusammentreffen war, es wurde doch kein Wort darüber verloren. Die drei Männer sahen ein, wie kostbar die Zeit sei und daß man keine Minute verlieren dürfe. Darum erzählte Gerard sofort in kurzen, schlichten Worten, was er seit seiner Trennung von den anderen bis auf den gegenwärtigen Augenblick erlebt hatte.

Weit mehr hatten Kurt und Geierschnabel zu erzählen. Sie taten es in einer Weise, daß durch kein überflüssiges Wort Zeit verlorenging.

»Wo sind Grandeprise und der Seemann?« fragte Gerard. – »Sie haben unten einen Raum für sich«, antwortete Kurt. – »Eigentümlich. Ich ziele auf diesen Pater Hilario, und Sie ebenso. Kennen Sie das Kloster?« – »Nein, aber Grandeprise war da.« – »Ich stand soeben im Begriff, zu rekognoszieren.« – »Und ich auch; da stießest du mir die Bretter an die Nase«, antwortete Geierschnabel.

Jetzt öffnete sich die Tür, und Grandeprise trat ein. Er kam, um Geierschnabel zur Rekognoszierung abzuholen, die sie gemeinsam hatten unternehmen wollen, und staunte nicht wenig, den Schwarzen Gerard hier zu sehen. Nachdem ihm das Nötigste erläutert worden war, meinte er:

»Das ist ein glückliches Zusammentreffen. Ein tüchtiger Jäger ist mehr wert, als zehn andere, und es sollte mich wundern, wenn Cortejo und Landola uns zum zweiten Male entgehen sollten.« – »Waret Ihr einmal in dem Zimmer des Paters?« – »Einige Male.« – »Was steht darin?« – »Ein Sofa, einige Stühle, ein Tisch, ein Schreibtisch und mehrere Bücherregale. An den Wänden hängen Bilder und viele alte Schlüssel.« – »Wozu diese Schlüssel?« – »Wer weiß es?« – »Hm! Klöster haben immer verborgene Räume und Gänge. Was für eine Form haben die Schlüssel?« – »Eine altertümliche.« – »So bin ich beinahe überzeugt, daß wir unter dem Kloster finden, was wir suchen.« – »Sie meinen unsere Verschollenen?« fragte Kurt rasch. – »Ja, wenn er sie nicht getötet hat. Aber Cortejo und Landola finden wir jedenfalls dort.« – »Mein Gott! Wenn das wahr wäre!« – »Ich möchte darauf schwören!« – »So dürfen wir keine Zeit versäumen. Warum dieser Pater sich in die Angelegenheiten der Rodrigandas mischt, das wollen wir gar nicht fragen, wir werden es schon noch erfahren. Zunächst müssen wir um jeden Preis erfahren, ob die Gesuchten sich im Kloster befinden.« – »Aber wie?« fragte Grandeprise. »Der Pater wird es uns nicht freiwillig sagen.« – »Er wird es uns sagen«, antwortete Kurt, indem seine Augen entschlossen aufblitzten; »ob freiwillig oder nicht, das ist Nebensache. Wer bewohnt das Kloster?«

Grandeprise konnte Auskunft geben. Er sagte:

»Es sind mehrere Ärzte da, deren Oberer eben der Pater ist. Ein Gebäude ist für körperlich Kranke und ein zweites für Geisteskranke eingerichtet. Ein drittes wurde von Pensionärinnen bewohnt, steht aber nun leer. Die übrigen Gebäude dienen als Wirtschaftsräume. Einige Diener bilden die ganze Bewohnerschaft, außer den Kranken natürlich.« – »So haben wir gar nichts zu befürchten. Wir werden sehen, ob der Pater daheim ist.« – »Auf jeden Fall ist er da«, meinte Gerard. »Er ist kurze Zeit vor mir hier angekommen.« – »Dennoch ist es notwendig, sich zunächst zu überzeugen. Einer von uns muß zu ihm gehen.« – »Das ist richtig«, meinte Gerard. »Ich aber kann es nicht tun.« – »Warum nicht?« – »Er ist auf der Hazienda gewesen, wenn auch heimlich, aber er kann mich dort gesehen haben.« – »Auch ich kann nicht hin«, meinte Grandeprise, »denn er kennt mich.« – »Und ich ebensowenig«, meinte Geierschnabel. »Meine Nase ist zu bekannt im Land.« – »So mag Peters gehen«, entschied Grandeprise. – »Warum Peters?« fragte Kurt. »Eine so wichtige Sache mag ich ihm nicht anvertrauen. Mich kennt der Pater nicht. Ich gehe selbst.« – »Um Gottes willen«, rief Geierschnabel. »In eine solche Gefahr dürfen Sie sich nicht begeben.« – »Ein anderer aber doch? Halten Sie mich für feig?« – »Nein, aber ich will nicht, daß wir uns um Sie zu sorgen haben.« – »Um wen wir uns sorgen, das bleibt sich gleich. Ich verlasse mich lieber auf mich, als auf Peters. Er hat uns als Bote des Kapitäns begleitet. Wichtigeres darf ich ihm nicht anvertrauen.«

Der Schwarze Gerard blickte den jungen Mann wohlgefällig an. Er gab ihm die Hand und sagte:

»Sie haben recht, Monsieur. Ich sehe es Ihnen an, daß Sie ebenso bedächtig und vorsichtig wie mutig sind. Und auf alle Fälle sind ja wir anderen da. Geschehen kann Ihnen nichts. Grandeprise, wie gelangt man in das Zimmer des Paters?« – »Durch das Tor über den Hof hinüber und zur Treppe hinauf liegt die Tür gleich gegenüber. Sämtliche Zimmer des Klosters sind numeriert Es hat die Nummer 25.« – »Wohin gehen die Fenster?« – »Zwei nach einem Seitenhof, eins aber am Giebel heraus, wo wir stehen können.« – »So sind wir sicher, daß Señor Helmers nichts passieren kann. Es gilt, den Pater zu überraschen. Man darf im Hof nicht nach ihm fragen. Man tritt unangemeldet bei ihm ein. Das übrige ergibt sich dann aus den Umständen. Unter dem Fenster stehen wir. Sollte Monsieur Helmers in Gefahr oder Verlegenheit kommen, so braucht er uns nur zu rufen.« – »Das ist auch meine Ansicht«, sagte Kurt. »Wollen wir aufbrechen?« – »Ja, vorwärts«, meinte der Schwarze Gerard. »Zwar habe noch zwei Vaqueros mit, die uns helfen könnten, aber ich bin der Ansicht, daß solche Leute uns eher hinderlich als förderlich sind. Wir vier sind genug. Gehen wir.«

Sie verließen wohlbewaffnet die Venta und stiegen den Klosterberg empor. Als sie oben angekommen waren, hörten sie das Rollen eines Wagens, der um eine Mauerecke bog. Sie traten zur Seite, um nicht bemerkt zu werden, und ahnten nicht, daß in diesem Wagen derjenige saß, den sie suchten, Pater Hilario nämlich.

Dann zeigte Grandeprise ihnen das Fenster, das zum Zimmer des Paters gehörte. Das Tor war offen, und Kurt trat ein. Das betreffende Fenster war erleuchtet, und die drei Jäger blickten unverwandt empor, um beim kleinsten Zeichen bereit zu sein. Da hörten sie nahende Schritte. Sie traten zurück und duckten sich nieder, um nicht gesehen zu werden. Eine Gestalt schritt an ihnen vorüber und huschte in das Tor.

Es war der kleine, dicke Verschwörer, der im Vorderhof Manfredo traf und mit demselben nach dem Zimmer des Paters ging, wie wir bereits wissen.

Vorher aber war Kurt über den Hof geschritten und die Treppe emporgestiegen, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Er sah die ihm gegenüberliegende Tür, auf der die Nummer 25 stand und trat ein, ohne anzuklopfen. Es brannte eine Lampe da, aber kein Mensch war zu sehen.

Eine zweite Tür führte nach dem Schlafzimmer des Paters. Kurt vermutete ihn in diesem Raum und öffnete die Tür. Auch hier befand sich niemand. Eben wollte er in das vordere Zimmer zurücktreten, als er draußen die Schritte zweier Personen hörte. Mehr aus plötzlicher Eingebung als aus Berechnung wich er in das Schlafzimmer zurück und zog die Tür desselben zwar an, aber nicht ganz zu. Er war der Meinung, daß der Pater mit irgend jemandem komme. Vielleicht gestattete ihm das Glück, etwas zu belauschen, was ihm von Nutzen sein konnte.

Durch die Spalte, die er gelassen hatte, sah er ein dickes Männchen eintreten und dahinter einen jüngeren Mann, der das Aussehen eines Bediensteten hatte. Nach der Beschreibung, die er sich von der Person des Paters hatte geben lassen, konnte dieser nicht dabeisein.

4. Kapitel.

Der Dicke setzte sich behäbig auf einen Stuhl und fragte: »Also dein Oheim ist erst kürzlich fort?« – »Ja«, antwortete Manfredo. – »Weißt du nicht, was ihn so lange aufgehalten hat?« – »Nein.«

Der Kleine warf einen blitzschnellen, stechenden Blick auf den Neffen und fuhr fort:

»Du bist doch der einzige Verwandte des Paters, nicht wahr?« – »Ja, der einzige.« – »Hm! Da sollte man doch meinen, daß er Vertrauen zu dir habe.« – »Das hat er auch.« – »Warum sagt er dir da nicht, was ihn abgehalten hat, meinem Befehl schneller nachzukommen?« – »Weil ich ihn nicht gefragt habe.« – »So! Hm! Weißt du noch, wann ich zum letzten Mal hier war?« – »Ja.« – »Da waren auch zwei Männer aus der Hauptstadt hier?« – Ja«, antwortete der Neffe, der ja eingeweiht war. – »Was wollten sie?« – »Sie suchten Euch, sie wollten Euch arretieren.« – »Also doch! Welch ein Glück, daß ich ihnen entgangen bin! Es waren zwei ganz dumme Kerle. Sind sie wieder hier gewesen?« – »Nein.« – »Das ist ihr Glück. Ich werde dafür sorgen, daß sie gut empfangen werden, falls sie wiederkommen. Und das ist es eben, weshalb ich mit dir reden will. Sind wir allein?« – »Ihr seht es ja.« – »Und niemand kann uns belauschen?« – »Kein Mensch.« – »Nun gut, so sage mir, ob du weißt, weshalb dein Oheim nach der Hauptstadt gereist ist!« – »Er hat es mir gesagt« – »Alle Wetter! So scheint er also doch Vertrauen zu dir zu haben. Und da sehe ich, daß auch ich aufrichtig mit dir reden kann. Sage mir also, welchen Zweck der Pater in Mexiko verfolgt.« – »Er soll dahin wirken, daß der Kaiser nicht mit den Franzosen abzieht.« – »Und warum?« – »Damit Max von Juarez gerichtet und verurteilt werde.« – »Gut. Juarez steht dann als Mörder da und wird allen Kredit verlieren. Auf diese Weise werden wir den Kaiser und auch den Präsidenten los und bekommen die Macht in unsere Hände. Dein Oheim hat die Verhaltungsvorschriften. Er wird diesen Max nicht in Mexiko, sondern in Queretaro treffen. So weit scheint alles gelungen. Aber der Teufel könnte doch sein Spiel haben. Irgendein Zufall kann den Kaiser bestimmen, das Land schleunigst zu verlassen. Man kann ihm sagen, daß er keinen Rückhalt, keinen Beistand und keine Anhänger mehr habe. Da gilt es dann, ihn glauben zu machen, daß man noch in Massen zu ihm hält.« – »Das wird nicht leicht sein.« – »Leicht und schwer, wie man es nimmt. Ich habe die Veranstaltung getroffen, daß der Kaiser erfährt, seine Anhänger hätten sich im Rücken seines ärgsten Feindes, dieses Juarez erhoben, um die kaiserliche Fahne zum Sieg zu führen. Hört Max dies, so bleibt er sicher im Land und ist ebenso sicher verloren. Es werden morgen an einigen Orten Krawalle vorkommen, den Hauptkrawall aber soll es hier in Santa Jaga geben.« – »Hier?« fragte der Neffe überrascht. »Wieso? Hier gibt es ja nur Anhänger des Juarez.« – »Pah! Laß nur mich machen«, meinte der Dicke in überlegenem Ton. »Wir haben eine Schar von zweihundert tapferen Kerlen angeworben, die noch in dieser Nacht nach Santa Jaga kommen werden, um die kaiserliche Fahne zu entfalten.« – »Die Einwohnerschaft wird sie fortjagen.« – »Das wird nicht gelingen. Das Kloster ist zu einer Zeit gebaut worden, in der jedes Haus zugleich Festung sein mußte. Es hat starke, hohe Mauern und gleicht einem Fort. Unsere Leute werden sich im Kloster festsetzen. Was wollen da die Bürger tun?« – »Dann allerdings möchte es gehen«, meinte Manfredo nachdenklich. – »Gerade der Umstand, daß diese Schilderhebung hier stattfindet, wird deinem Oheim beim Kaiser die allerbeste Empfehlung sein.« – »Weiß mein Oheim davon?« – »Nein.« – »Warum?« – »Weil ich selbst noch nichts wußte, als ich zum letzten Male mit ihm sprach. Und heute ist er ja nicht da, so daß ich es ihm sagen könnte. Aber wenn er es in Querétaro hört, hat er bereits meine Instruktionen in den Händen und weiß, was er zu tun hat.« – »Sind es Soldaten, die kommen?« – »Hm! Man könnte sie so nennen. Es sind bewaffnete Leute, denen es ganz gleich ist, wem sie dienen.« – »Wann kommen sie?« – »Heute nacht punkt vier Uhr werden sie unten am Klosterweg eintreffen, und du wirst sie in das Kloster führen, aber so, daß unten im Ort kein Mensch etwas merkt. Wenn der Tag anbricht, weht die kaiserliche Fahne von den Mauern herab, und die Bürger dürfen nicht murren.« – »Wird der Anführer mir folgen?« – Ja. Du sagst ihm das Wort ›Miramara‹ dann weiß er, daß du der richtige bist.« – »Werdet Ihr nicht dabeisein?« – »Nein. Ich habe heute nacht noch einen weiten Ritt in einer ähnlichen Angelegenheit. Du hast doch alles ganz genau verstanden?« – »Ganz genau.« – »Gut. Sei so treu wie dein Oheim, dann wird die Belohnung nicht ausbleiben! Ich will gehen. Hier die Instruktion für den Anführer der Truppen. Du gibst sie ihm, sobald du ihn triffst. Gute Nacht.« – »Ich werde Euch hinunterbegleiten«, meinte der Neffe, indem er die empfangenen Papiere zu sich steckte. – »Warum?« – »Das Tor könnte unterdessen verschlossen worden sein.«

Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, so trat Kurt in dasselbe. Er eilte an das Fenster, öffnete es und fragte halblaut hinab:

»Seid ihr hier?« – Ja«, antwortete Gerard. »Was gibt es?« – »Der Pater ist verreist. Alles geht gut. Haltet euch ruhig, bis ihr mich wiederseht! Aber tretet zurück! Es wird jemand kommen.«

Er schloß das Fenster und kehrte in die Schlafstube zurück! Er war überzeugt, diesem Neffen des Paters gewachsen zu sein; jedenfalls hatte er es nur mit diesem zu tun, und er beschloß, kurzen Prozeß mit ihm zu machen.

Nach wenigen Minuten kehrte Manfredo in die Stube zurück. Er schien nachdenklich zu sein und schritt sinnend im Zimmer auf und ab.

»Hm!« hörte Kurt ihn brummen. »Kaiserliche in Santa Jaga. Räuber und Mörder werden es sein, aber ich muß gehorchen. Zuvor will ich zu meinen Gefangenen. Ah! Bin ich nur erst Graf Alfonzo de Rodriganda, so mögen sie in Mexiko einander erwürgen, wie es ihnen beliebt. Mir soll alles gleich sein!«

Kurt erstaunte gewaltig über den Inhalt dieses Selbstgesprächs. Er stand schon im Begriff, aus der Tür zu treten und den Kerl zu packen und zum Geständnis zu bringen; da sah er, daß derselbe einige Schlüssel ergriff, und das brachte ihn auf andere Gedanken.

Manfredo steckte die Schlüssel ein, brannte eine Blendlaterne an und verließ das Zimmer, ohne die Tür desselben zuzuschieben. Sofort trat Kurt ein, riß ein Licht von einem Leuchter, steckte es ein und zog dann sein Messer. Er öffnete so leise wie möglich die Tür und sah Manfredo eine zweite Treppe hinabsteigen. Er drückte die Tür zu und folgte ihm.

Das Licht der Blendlaterne fiel nur vorwärts, darum ging Kurt im dunkelsten Schatten. Aus diesem Grund konnte er sehr leicht an etwas stoßen und dadurch ein verräterisches Geräusch verursachen. Deshalb blieb er einen Augenblick stehen, um seine Stiefel auszuziehen, deren Sporen ihn ohnedies verraten konnten. Dann ging es wieder weiter.

Da Kurt vom Dunkel eingehüllt war, so konnte er sich nahe genug an seinen Vordermann halten, um diesen nicht aus den Augen zu verlieren. Weil es aber doch möglich war, daß der Mexikaner einmal stehenbleiben und sich umdrehen konnte, so hielt Kurt sich für diesen Fall bereit, sich augenblicklich niederzuwerfen, um nicht bemerkt zu werden.

So ging es durch einige Türen, die Manfredo offenließ. Sie schritten durch mehrere feuchte Felsengänge, ohne daß es dem Mexikaner ein einziges Mal eingefallen wäre, sich umzudrehen. Der Gang, in dem sie sich nun befanden, hatte mehrere Türen. Vor einer derselben blieb Manfredo stehen. Er schob zwei starke, eiserne Riegel zurück und öffnete das Schloß mit einem seiner Schlüssel. Dann trat er ein.

War dort ein neuer Gang, oder gab es hinter dieser Tür ein Gefängnis? So fragte sich Kurt. Im ersteren Fall mußte er rasch folgen, im letzteren aber zurückbleiben.

Er horchte. Ah, er hörte sprechen! Diese Tür hatte also einen Kerker verschlossen. Leise schlich er näher. Niemand hörte ihn. Er wagte es, den Kopf ein wenig vorzustrecken und blickte in ein viereckiges Gefängnis, an dessen Mauern mehrere Personen gefesselt waren. Manfredo stand in der Mitte des Raumes und hatte seine Laterne in eine Ecke gestellt. Sie erhellte das Gefängnis so ungenügend, daß es unmöglich war, die Züge der Gefangenen zu erkennen. Manfredo sprach mit einem derselben.

»Es gibt einen Weg, Euch zu retten«, hörte Kurt ihn sagen. –

»Welchen?« fragte eine Stimme aus dem Hintergrund. – »Könnt Ihr das nicht erraten?« – »Nein.« – »Ich will ihn Euch sagen. Ihr wißt, daß dieser Mariano hier Euer wirklicher Neffe ist?« – »Ja.« – »Und daß der jetzige Graf Alfonzo nur der Sohn von Gasparino Cortejo ist?« – »Ja.« – »Nun, so stelle ich zwei Bedingungen. Erfüllt Ihr diese, so seid Ihr alle frei.« – »Wir wollen sie hören.«

Der alte Graf Ferdinando war es, der sprach. Der Neffe des Paters fuhr fort:

»Zunächst erklärt Ihr diesen Alfonzo für einen Betrüger und laßt ihn und seine Verwandten bestrafen.« – »Dazu bin ich natürlich bereit.« – »Sodann aber muß Mariano entsagen, und Ihr erkennt mich als den Knaben an, der geraubt und verwechselt wurde.«

Ein Schweigen des Erstaunens folgte.

»Nun, Antwort!« gebot der Mexikaner. – »Ah«, sagte Don Ferdinando, »so wollt wohl gar Ihr Graf von Rodriganda werden?« – »Ja«, antwortete der Gefragte im Ton der unverschämtesten Offenheit. »Das ist meine Bedingung.« – »Ich gehe niemals darauf ein.« – »So bleibt Ihr gefangen bis an Euer Ende.« – »Gott wird uns erretten.« – »Pah, das kann er nicht. Ich gebe Euch eine halbe Stunde Bedenkzeit, bis ich Euch Brot und Wasser bringe. Sagt Ihr dann nicht ja, so erhaltet Ihr weder Trank noch Speise und müßt elend verschmachten!« – »Gott wird uns rächen!« – »Don Ferdinando, sprecht nicht mit diesem Buben!« klang eine tiefe Stimme von der Seite her.

Es war, als ob Kurt augenblicklich vorstürzen solle. Diese Stimme kannte er. Er hätte sie an jedem Ort, unter allen Verhältnissen wiedererkannt. Es war die Stimme seines einstigen Lehrers, die Stimme Sternaus.

»Was?« rief Manfredo. »Einen Buben nennst du mich? Hier hast du deinen Lohn!«

Er trat zu dem Gefesselten und holte zum Schlag aus, kam aber nicht dazu, denn sein erhobener Arm wurde ergriffen. Er drehte sich im höchsten Grade erschrocken um und sah zwei blitzende Augen und die Mündung eines Revolvers auf sich gerichtet Die Blässe eines tödlichen Schrecks bedeckte sein Gesicht.

»Wer ist das? Was wollt Ihr hier?« fragte er vor Angst stammelnd. – »Das wirst du sogleich hören!« antwortete Kurt. »Nieder mit dir auf die Knie!« – »Wer – wer – was …« wiederholte der Erschrockene. – »Nieder auf die Knie!« wiederholte Kurt.

Und als Manfredo nicht sogleich gehorchte, riß Kurt ihn an dem Arm, den er noch gefaßt hielt, auf den Boden nieder.

»Komm, mein Bursche, wir wollen dich sicher nehmen!«

Bei diesen Worten nahm er sich den Lasso von den Hüften und schlang ihn um den Leib und die Arme des Kerkermeisters. Dieser war mit keiner Waffe versehen; aber selbst wenn er eine solche bei sich gehabt hätte, wäre er doch vor Erstarrung momentan unvermögend gewesen, sie zu gebrauchen. Als er so gebunden war, daß er sich nicht rühren konnte, gab Kurt ihm einen Fußtritt, daß er vollends umstürzte.

Nun aber konnte Kurt sich nicht länger halten. Er holte tief Atem, stieß einen überlauten Jubelruf aus, von dem draußen die Gänge widerhallten, und frohlockte:

»Gott sei Dank! Endlich ist es mir gelungen! Ihr seid frei!« – »Frei?« rief es rundum. »Ist das wahr?« – »Ja und tausendmal ja!« – »Señor, wer seid Ihr?« fragte der alte Ferdinando, der an dieses plötzliche Glück nicht zu glauben vermochte. – »Das werdet Ihr noch erfahren. Nur hinaus aus diesem Loch, aus diesem pestilenzialischen Gestank! Das ist das Allernötigste. Könnt Ihr gehen?« – »Ja«, antwortete Sternau.

Kurt, so jung er war, vermochte es doch über sich, seinem Herzen einstweilen zu gebieten und das zu tun, was der Verstand ihm vorschrieb.

»Wie öffnet man Eure Ketten?« fragte er. – »Dieser Mann hat den kleinen Schlüssel dazu in der Tasche.«

Kurt griff in Manfredos Taschen und fand ein Schlüsselchen. Er eilte von Mann zu Mann in unbeschreiblicher Hast und öffnete die Fesseln, die niederklirrten. Nun wollten sie alle auf ihn stürzen, er aber wehrte sie ab, obgleich ihm die Freudentränen aus den Augen liefen, und rief:

»Noch nicht! Zunächst das Allernötigste. Seid Ihr alle beisammen, oder gibt es woanders noch Leidensgefährten?« – »Wir sind es alle«, antwortete Sternau, der die meiste Kraft besaß, kaltblütig zu bleiben. – »Aber Cortejo und Landola müssen auch hier sein!« – »Sie sind auch hier.« – »Aber nicht gefangen?« – »Gefangen! Alle beide Cortejos, Landola und Josefa Cortejo.« – »Gott sei Dank! Das ist mir zwar ein Rätsel, aber es wird sich aufklären. Folgt mir in eine andere Luft.«

Er nahm dem gefesselten Manfredo alle Schlüssel ab, stieß ihn in die Ecke und ergriff die Laterne. Als er in den Gang trat, folgten ihm die anderen. Er verschloß und verriegelte die Tür und schritt ihnen voran, in der Richtung, aus der er gekommen war. Aber er durfte nur langsam gehen. Einige der Geretteten waren so schwach, daß sie sich kaum aufrecht halten konnten.

Die Luft wurde bei jedem Schritt besser, und im vordersten Keller hielt Kurt endlich an. Er brannte das Licht, das er zu sich gesteckt hatte, an, befestigte es auf einem Balken, und nun war es hell genug, um die Gesichtszüge zu erkennen. Da ergriff Sternau ihn bei der Hand und bat:

»Señor, hier können wir Atem holen. Nun müßt Ihr uns auch sagen, wer Ihr seid.« – Ja, hier sollt Ihr es erfahren«, antwortete Kurt, vor Aufregung beinahe schluchzend. »Aber einer soll es zuerst erfahren, vor allen anderen!«

Er zog einen der bärtigen Männer nach dem anderen in den Kreis der Lichter und betrachtete sie. Als er des Steuermanns Hände in den seinigen hatte, fragte er ihn:

»Werden Sie stark genug sein, alles zu hören?« – Ja«, antwortete dieser. – »So will ich Ihnen leise sagen, wer ich bin. Aber Sie müssen es noch verschweigen, denn die anderen sollen es erraten.«

Kurt schlang die Arme um ihn, näherte seinen Mund dem Ohr des Seemannes und wollte ganz leise flüstern: »Mein Vater!« Aber er brachte es nicht fertig. Als er die abgemagerte Gestalt seines Vaters in den Armen hielt, konnte er nicht an sich halten, sondern rief laut und schluchzend:

»Väter! Mein lieber, lieber Vater!«

Er drückte ihn an sich und küßte ihn auf Mund, Stirn und Wangen. Er bemerkte nicht, daß er vorher spanisch gesprochen, die letzten Worte aber in deutscher Sprache ausgerufen hatte.

Der Steuermann konnte nicht antworten. Er lag ohnmächtig in seinen Armen. Auch die anderen waren vor Entzücken und Bewunderung stumm. Sternau war der erste, der sich faßte.

»Kurt! Ist's wahr? Du bist Kurt Helmers?« fragte er bewegt. – »Ja, ja, Herr Doktor, ich bin es«, entgegnete Kurt, indem er seinen Vater langsam und vorsichtig zur Erde gleiten ließ und in die geöffneten Arme Sternaus flog. – »Mein Gott, welch ein Glück, welch eine Gnade!« rief nun der letztere. »Ich will nicht fragen, wie du uns fandest, wie es dir gelang, uns zu retten. Nur eins will ich wissen: Wie steht es in Rheinswalden?« – »Gut, gut! Sie leben alle, alle.« – »Meine Frau?« – »Ja.« – »Mein Kind, meine Tochter?« – »Ja.« – »Meine Mutter und Schwester?« – »Alle, alle!«

Da sank der gewaltige Mann, der sich am stärksten und kräftigsten erhalten hatte, in die Knie, faltete die Hände und betete:

»Herrgott im Himmel, zum zweiten Mal gerettet! Wenn ich das vergesse, so magst du meiner vergessen, wenn meine sterbende Hand an der Tür deines Himmels um Einlaß klopft.«

Da fühlte sich Kurt abermals von zwei Armen umfaßt.

»Ah, bist du Onkel Donnerpfeil?« – »Ja, mein lieber, lieber Neffe.«

Aus diesen Händen ging der junge Mann in andere. Jeder wollte ihn umarmen und küssen. Er mußte schließlich Sternau um Beistand bitten, diese Szenen zu beenden.

»Allein bist du unmöglich hier«, sagte dieser. – »Im Kloster ganz allein, draußen aber stehen meine Kameraden.« – »Wer sind sie?« – »Der Schwarze Gerard, Geierschnabel und der Jäger Grandeprise. Kommt, Ihr Herren, kommt heraus! Noch sind wir nicht völlig sicher. Man weiß nicht, ob dieser Teufel von Pater noch Helfershelfer hat. Wir wollen gehen, aber so wenig wie möglich Geräusch verursachen.«

Seinen Vater am rechten Arm, ergriff Kurt mit der Linken die Laterne und schritt voran. Die anderen folgten langsam. Den Schluß bildete Sternau mit dem Licht. Er, der immer an alles dachte, hatte die Schlüssel an sich genommen und verschloß jede Tür hinter sich, durch die sie kamen.

Sie gelangten in die Wohnung des Paters. Es war spät geworden. Man war im Kloster schlafen gegangen, und da die Krankenwärter, die zu wachen hatten, sich in einem anderen Gebäude befanden, so hatten die Erretteten ihren Aufenthalt erreicht, ohne daß sie gesehen worden waren.

Hier brannte eine helle Lampe. Kurt brannte zum Überfluß noch eine an, und nun konnte man sich deutlich sehen. Die Begrüßungen und Fragen begannen von neuem.

»Später, später«, wehrte Kurt ab. »Señor Sternau wird mir recht geben, daß wir zunächst auf unsere Sicherheit bedacht sein müssen.« – »Ganz recht«, antwortete der Genannte. »Wo sind die drei braven Jäger, die draußen stehen?« – »Ich werde sie rufen.«

Bei diesen Worten trat Kurt an das Fenster und öffnete es.

»Gerard!« rief er halblaut hinab. – »Hier, Monsieur!« – »Ist unten etwas vorgekommen?« – »Nein. Wie aber steht es oben?« – »Gut. Werfen Sie mir Ihren Lasso zu.« – »Warum?« – »Sie drei sollen an demselben heraufsteigen. Die anderen Wege werden verschlossen sein.« – »Haben Sie den Ihrigen nicht mehr?« – »Nein.«

Gerard warf, und Kurt fing den Lasso auf. Als er ihn gehörig befestigt hatte, kamen die drei nacheinander durch das Fenster. Sie waren nicht wenig erstaunt, eine so zahlreiche Gesellschaft zu finden.

»Donnerwetter!« meinte Geierschnabel, indem er den Mund weit aufriß. »Das sind sie ja!« – Ja, das sind wir«, antwortete Sternau. »Wir schulden Euch unendlichen Dank, daß Ihr Euch unserer angenommen habt.« – »Unsinn. Aber zum Teufel, wie hat dieser junge Mann denn das eigentlich fertiggebracht?« – »Das hören Sie später«, meinte Kurt. »Sie sollen hierbleiben und für die Sicherheit dieser Herren, die noch unbewaffnet sind, sorgen. Herr Doktor, meinen Sie, daß noch andere Bewohner des Klosters mit dem Pater im Komplott sind?« – »Außer seinem Neffen wohl keiner«, antwortete Sternau. – »Werde es gleich sehen.«

Bei diesen Worten eilte Kurt zur Tür hinaus, ohne sich durch die ängstlichen Zurufe der anderen zurückhalten zu lassen.

5. Kapitel.

Zur Treppe hinunter kam Kurt in den Hof, dessen vorderes Tor verschlossen worden war. Beim Laternenschein sah er ein zweites Tor, das in einen anderen Hof führte. Er ging dahin und erblickte ein Gebäude vor sich, in dessen Parterre ein Fenster erleuchtet war. An der Tür des Zimmers, zu dem dieses Fenster gehörte, las er die Inschrift »Meldezimmer«. Er trat ein und wurde von dem darin sitzenden Wärter erschrocken angestarrt.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wie kommen Sie hierher?« fragte dieser, indem er aufsprang. – »Erschrecken Sie nicht«, antwortete er. »Ich komme in der friedlichsten Absicht. Ich befinde mich bei Manfredo, dem Neffen des Paters Hilario. Wer hat in Abwesenheit dieses letzteren Kranke zu behandeln?« – »Der zweite und dritte Arzt.« – »Wie heißt der zweite?« – »Menuccio.« – »Er schläft?« – »Ja.« – »Wecken Sie ihn augenblicklich.« – »Ist es notwendig? Sonst darf ich nicht.« – »Äußerst notwendig.« – »Wen soll ich melden?« – »Einen fremden Offizier.«

Der Mann ging und kam erst nach einer Weile wieder, um Kurt zu dem Arzt zu führen. Dieser befand sich im Schlafrock und empfing ihn nicht mit freundlicher Miene.

»Ist es so gefährlich, daß Sie mich im Schlaf stören?« fragte er. – »Ja, sehr gefährlich, besonders für Sie«, antwortete Kurt. – »Für mich? Señor, ich bin nicht zum Scherz aufgelegt!« – »Ich ebensowenig. Ich komme, um Sie zu einer ganzen Zahl von Patienten zu bitten.« – »Darin sehe ich doch keine Gefahr für mich.« – »Und doch ist es so. Sagen Sie, ob Ihnen das geheimnisvolle und verbrecherische Treiben des Paters Hilario ganz unbekannt ist.« – »Señor, wer sind Sie, daß Sie es wagen, von Verbrechen zu reden?« – »Ich habe das Recht dazu. Vor einiger Zeit verschwand eine Zahl teils gewöhnlicher, teils hochgestellter Personen, zwei Grafen Rodriganda, ein Herzog von Olsunna und andere. Ich wurde beauftragt, nach ihnen zu forschen, und fand sie vor einer Stunde als Gefangene in den unterirdischen Löchern dieses Klosters. Wissen Sie etwas davon?«

Der Arzt machte ein Gesicht, als ob er zu Stein geworden sei.

»Träume ich denn?« fragte er. – »Sie träumen nicht, sondern Sie wachen. Pater Hilario hat diese Señores ins Kloster gelockt und sie heimtückisch eingeschlossen. In den letzten Tagen war er sogar auf der Hacienda del Erina, um sämtliche Bewohner derselben zu vergiften.«

Der Arzt wußte wirklich nicht, was er sagen sollte.

»Ich träume«, stieß er abermals hervor. – »Ich wiederhole, daß Sie wachen. Ich habe die Gefangenen befreit. Die Gefangenschaft in jenen Löchern hat ihre Gesundheit im höchsten Grade angegriffen. Sie bedürfen Ihrer Hilfe, und ich fordere Sie auf, mir nach des Paters Wohnung zu folgen, wo jene sich einstweilen befinden.«

Der Arzt schüttelte noch immer den Kopf.

»Señor, es handelt sich nicht um einen Scherz?« fragt er. – »Es ist mein bitterer Ernst.« – »Ich werde Sie begleiten, um mich zu überzeugen.«

Der Arzt kleidete sich schnell an und folgte Kurt. Sein Staunen vergrößerte sich, anstatt sich zu vermindern, als er die zahlreiche Versammlung erblickte, zu der er gebracht wurde.

»Hier ist zunächst ein Arzt«, meldete Kurt. »Wir bedürfen eines größeren Zimmers und stärkender Speisen und Getränke.«

Der Heilkünstler befand sich noch wie im Traum. Aber als er Don Ferdinando erblickte, der todesmatt auf dem Sofa lag, begann er an die Wirklichkeit zu glauben. Er hatte den Grafen früher in Mexiko gesehen und erkannte ihn sofort wieder, trotzdem derselbe sich sehr verändert hatte.

Die Anwesenden hatten selbst den Zusammenhang ihrer Rettung noch nicht vollständig erfahren, darum mußte der Arzt sich mit kurzen Mitteilungen begnügen, aber dies reichte hin, ihn zu überzeugen, daß es seine unbedingte Pflicht sei, hier einzugreifen.

Die Gesellschaft wurde nach einem kleinen hübschen Salon versetzt, wo bald ein jeder erhielt, was notwendig war, ein Bad, frische Wäsche, reinliche Kleider anstatt der halb vom Leib gefaulten, stärkenden Wein und eine Mahlzeit, wie sie in den Räumen des Krankenhauses wohl noch selten verzehrt worden war.

Die Geretteten dachten indes wenig an ihre körperliche Schwäche. Sie wollten vor allen Dingen erfahren, was draußen geschehen sei. Jeder hatte unzählige Fragen, und selbst der Kleine André wandte sich an Kurt:

»Also Sie stammen aus Rheinswalden?« – »Ja, freilich.« – »Und kennen Sie dort wohl alle Leute?« – »Alle.« – »Kennen Sie einen Jägerburschen, der Ludwig Straubenberger heißt?« – »O freilich. Er ist der Liebling des Oberförsters.« – »Herr, der ist mein Bruder.« – »Das hat mir Geierschnabel bereits erzählt!« – »So lebt Ludwig noch?« – »Der?« meinte Geierschnabel. »Oh, wenn den die lieben Engel doch schon hätten!« – »Warum?« fragte André, indem er Miene machte, zornig zu werden. – »Weil er mich arretiert hat.« – »Arretiert? Als was?« – »Als Wilddieb, Piraten und Giftmischer. Aber er hat mich doch noch laufenlassen müssen.«

Während Geierschnabel sein kleines Abenteuer erzählte, fragte der Steuermann seinen Sohn:

»Vor allen Dingen eins, Kurt! Die Mutter lebt?« – »Ja. Sie ist auch gesund und wohl, obgleich sie sich sehr gehärmt und gegrämt hat.« – »Und du, was bist du denn eigentlich geworden?« – »Rate einmal!« – »Hm. Señor Sternau hat dir zur weiteren Ausbildung gefehlt, und deinen Anteil vom Schatz aus der Königshöhle hast du auch erhalten?« – »Ja, wenn auch etwas spät.« – »Nun, so bist du reich; du hast auf eine Stellung verzichtet?« – »O nein. Ich bin doch etwas, nämlich Offizier, geworden«, lächelte Kurt.

Da rötete sich das Gesicht des Steuermanns vor Freude. Sternau ergriff Kurts Hand und meinte:

»Das ist brav. Du hast Urlaub?« – »Ja.« – »Wo dienst du?« – »Ich stehe in Berlin und bin als Oberleutnant der Gardehusaren zum Generalstab kommandiert.« – »Alle Wetter! Ich gratuliere.«

Der Vater umarmte den Sohn vor Freude, und nun begann das eigentliche Erzählen und Berichten, das so lange dauerte, bis völlige Klarheit herrschte. Da erhob sich Sternau von seinem Stuhl und sagte:

»Meine Freunde, wir dürfen noch nicht ruhen, es gibt für uns zu tun. Da ich der kräftigste bin, werde ich mich mit Kurt von Euch auf kurze Zeit verabschieden.«

Die Unglücksgefährten ahnten, was Sternau vorhatte; aber sie waren durch die erlittenen Qualen und durch die gegenwärtige Aufregung geschwächt worden. Büffelstirn und Bärenherz wollten mitgehen; er aber bat sie, zu bleiben. Zwei allerdings ließen sich nicht zurückweisen, Grandeprise und Geierschnabel.

Diese vier begaben sich, nachdem sie sich mit Waffen und Licht versehen hatten, wieder hinab in die unterirdischen Gänge, wo sie Manfredo aufsuchten. Er war so fest geschnürt, daß er sich aus seiner Ecke nicht hatte fortbewegen können. Da Sternau von allem unterrichtet war, so leitete er das Verhör.

»Mensch«, sagte er, »du bist nicht wert, daß ich dich zertrete, aber vielleicht läßt sich dein Schicksal doch noch mildern, wenn du mir meine Fragen aufrichtig beantwortest.«

Manfredo war im Grunde genommen feig. Er sah, daß sein Spiel verloren sei, und darum suchte er sich zu entschuldigen.

»Ich bin nicht schuld, Señor, gar nicht«, wimmerte er. – »Wer denn?« – »Mein Oheim. Ich mußte ihm gehorchen.« – »Das entschuldigt dich nicht Ich will aber sehen, ob du ein aufrichtiges Geständnis ablegst. Warum nahmt Ihr uns gefangen?« – »Weil ich Graf von Rodriganda werden sollte.« – »Welch ein Wahnsinn? Dein Oheim hätte uns später getötet?« – »Ja.« – »Wo sind die Sachen, die ihr uns abgenommen habt?« – »Die habe ich noch. Nur die Pferde sind verkauft.« – »Du wirst uns nachher alles wiedergeben. Weißt du, wo die Cortejos und Landola stecken?« – Ja. Dieser Señor hat mir den Schlüssel zu ihrem Kerker mit den anderen weggenommen.« – »Wir haben ihn, und du wirst uns die vier Personen zeigen. Kennst du sämtliche unterirdische Gänge und Gewölbe dieses Klosters?« – »Alle.« – »Wer hat sie dir gezeigt?« – »Mein Oheim. Er hat einen Plan dieser Gewölbe.« – »Weißt du, wo dieser Plan sich befindet?« – Ja, im Schreibtisch.« – »Du wirst ihn uns zeigen. Gibt es heimliche Ausgänge aus diesen Gewölben?« – »Ihr meint in das Freie?« – »Ja.« – »Es gibt nur einen solchen!« – »Wo mündet er?« – »In einem Steinbruch, östlich von der Stadt« – »Du wirst uns dahinführen. Wo ist dein Oheim?« – »Er ist nach Mexiko oder Querétaro.« – »Zu wem?« – »Zu dem Kaiser.« – »Was will er da?« – »Ich – ich weiß es nicht.«

Manfredo log. Er dachte, daß sein Oheim ihn vielleicht doch noch retten könne, wenn es ihm gelang, seine politische Aufgabe zu erfüllen. Sternau durchschaute ihn, darum sagte er:

»Glaube nicht, daß du mich betrügst. Je weniger aufrichtig du bist, desto schlimmer wird dein Los. Was will dein Oheim beim Kaiser?« – »Er will ihn abhalten, Mexiko zu verlassen.«

– »Den Grund weiß ich bereits. Wer ist der dicke Mensch, mit dem du heute abend gesprochen hast?«

Manfredo erschrak. Also auch das war verraten.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. – »Man empfängt niemand bei sich, den man nicht kennt.« – »Ich kenne ihn wirklich nicht. Er kommt zuweilen zum Oheim, um ihm Befehle zu bringen.«

– »Von wem?« – »Von der geheimen Regierung.« – »Aus welchen Personen besteht diese?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wo hat sie ihren Sitz?« – »Auch das ist mir unbekannt.« – »Hm! Empfängt dein Oheim geheime Papiere?«

Manfredo zögerte mit der Antwort.

»Wenn du nicht redest«, drohte Sternau, »werde ich dich so lange prügeln lassen, bis du die Sprache findest. Ich frage dich, ob er geheime Papiere bekommt?« – »Ja.« – »Hebt er sie auf?«

– »Ja.« – »Wo?« – »In einer verborgenen Zelle.« – »Kennst du sie?« – »Ja.« – »Du wirst uns auch dahin führen. Steh auf, und zeige uns, wo die Cortejos stecken!«

Sternau lockerte dem Gefangenen die Beinfesseln so weit, daß derselbe langsam gehen konnte.

»Zunächst werde ich die Instruktion zu mir nehmen, die dieser gute Neffe eines noch besseren Onkels heute von dem Dicken empfangen hat«, meinte Kurt.

Er zog ihm die Papiere aus der Tasche und steckte sie in die seinige. Dann verließen sie das Gefängnis und wurden von Manfredo zu der Tür geführt, hinter der ihre Feinde steckten.

6. Kapitel.

Kurt öffnete. Der Schein des Lichtes drang in den dunklen Raum, in dem vier gefesselte Gestalten zu erkennen waren.

»Kommst du, um uns herauszulassen?« fragte einer heisere Stimme.

Es war die Gasparino Cortejos, der glaubte, daß Manfredo käme.

»Herauslassen? Dich, Schurke?« rief Grandeprise, indem er Sternau die Laterne aus der Hand nahm und eintrat. Cortejo starrte ihn an.

»Grandeprise!« stöhnte er. – »Ja, Grandeprise bin ich, und endlich habe ich dich und meinen teuren Bruder! Oh, dieses Mal lasse ich mich nicht täuschen, dieses Mal sollt Ihr nicht entkommen.« – »Wie kommt Ihr hierher?« fragte Gasparino. »Hat der Pater Euch an Manfredos Stelle zum Kerkermeister gemacht? Laßt uns fliehen, und ich belohne Euch mit einer Million Dollar.« – »Mit einer Million? Wicht! Kein Pfennig ist dein Eigentum. Es wird dir alles genommen werden, selbst dein armseliges Leben.« – »Weshalb? Ich habe nichts getan.« – »Nichts, Schurke? Frage den hier!«

Grandeprise ließ das Licht der Laterne auf Sternau fallen, der hinter ihm eingetreten war. Cortejo erkannte diesen.

»Sternau!« knirschte er.

Da begannen auch sein Bruder und seine Nichte sich zu regen. Sie drehten sich um und blickten Sternau an.

»Er ist frei«, rief Josefa kreischend. – »So hat der Teufel uns betrogen«, meinte Landola, indem er einen fürchterlichen Fluch hinzufügte. – »Ja, er hat euch betrogen«, antwortete Sternau, »und Gott hat sein Gericht bereits begonnen. Ihr werdet das Loch nur verlassen, um verhört und bestraft zu werden.« – »Pah!« hohnlachte Landola. »Wer zwingt uns, zu gestehen?« – »Wir brauchen euer armseliges Geständnis nicht. Ihr seid bereits überwiesen. Aber ich würde wohl ein Mittel kennen, euch alle zum Reden zu bringen. Hast du es vergessen, Gasparino Cortejo?«

Dieser antwortete nicht.

»Ich werde es dir ins Gedächtnis zurückrufen«, sagte Sternau.

»Weißt du noch, als ich dich anschnallen und kitzeln ließ, weil ich deinen Geifer zu einem Gegengift brauchte?«

Es ging Cortejo eiskalt über den Körper.

»Graf Emanuel lebt«, fuhr Sternau fort, »aber er ist noch wahnsinnig von dem Gift, das ihr ihm gegeben. Ich brauche Gegengift. Macht euch gefaßt! Ich nehme es mir von keinem anderen Menschen als von euch.«

Damit verließ Sternau mit Grandeprise das Gefängnis und schloß es wieder zu.

»Jetzt sollst du uns zunächst den Plan dieser Gewölbe und Gänge zeigen«, sagte er darauf zu Manfredo, und sie begaben sich nach der Stube des Paters zurück, in dessen Schreibtisch sie den Plan fanden. Wer denselben zur Hand hatte, bedurfte keines Führers, so labyrinthisch die einzelnen Teile auch ineinanderflossen, das sah Sternau sofort.

Nun wollte er die geheimen Schriften des Paters sehen. Er wurde von dem Gefangenen nach der Zelle geführt, in der Señorita Emilia ihre Abschriften genommen hatte. Er blickte die vorhandenen Skripturen oberflächlich durch und untersuchte sodann die Koffer und Kisten. Dabei entdeckte er die Meßgewänder und heiligen Gefäße, die Emilia nicht angerührt hatte, obwohl dieselben ein Vermögen von mehreren Millionen präsentierten.

Sternau sah die Juwelen flimmern und fragte:

»Wem gehört das?« – »Meinem Onkel!« antwortete der Gefangene. – »Ah! Ihm? Woher hat er es?« – »Vom Kloster.« – »Er hat es gewiß geschenkt erhalten?« – »Nein. Er hat es einfach genommen und aufbewahrt. Das Kloster ging ein, da hatte das Zeug keinen Herrn mehr.« – »Schön! Es wird den richtigen finden. Jetzt wollen wir den Gang sehen, der ins Freie führt.«

Auch hier mußte Manfredo gehorchen. In Zeit von zehn Minuten standen sie vor dem geheimen Ausgang, der durch einen Haufen scheinbar zufällig hierher gekommener Steintrümmer maskiert wurde. Es genügte das Fortwälzen von drei oder vier Blöcken, um ein so großes Loch freizulegen, daß ein Mann ganz bequem eintreten konnte.

»Wie herrlich wird das passen!« meinte Kurt zu Sternau, jedoch in deutscher Sprache, um von Manfredo nicht verstanden zu werden. – »Was?« fragte der Doktor. – »Ich meine diesen geheimen Eingang in Beziehung zu den zweihundert Soldaten, die Punkt vier Uhr kommen sollen.« – »Ich verstehe dich. Glaubst du, daß ich diesen Gedanken gehabt habe?« – »Ich bin überzeugt davon.« – »Warum?« – »Weil Sie diesen Menschen nach einem verborgenen Ausgang fragten, nachdem wir von der erwarteten Einquartierung gesprochen hatten.« – »Das stimmt! Wo sollte er sie treffen?« – »Unten, wo der Klosterweg beginnt.« – »Es soll hier eine Demonstration vorgenommen werden, und zwar, um den Kaiser zu verleiten, Mexiko nicht zu verlassen. Wir müssen das hindern, sowohl des Kaisers, als auch Juarez' wegen.« – »Auch der Bewohner dieses Städtchens wegen, denn die sogenannten Soldaten, die kommen werden, sind jedenfalls nur zusammengetrommelte Räuber und Plünderer.« – »Das steht zu erwarten. Wie aber werden wir das fertigbringen? Ziehen wir die Stadtbewohner, um Hilfe zu haben, in das Geheimnis?« – »Da würden wir uns der Gefahr aussetzen, verraten zu werden.« – »Leider. Wir müssen allein fertig zu werden suchen. Bist du gewillt, an Stelle des Gefangenen hier die heimlich eintreffenden Truppen zu empfangen?« – »Natürlich!« – »Es kann das aber gefährlich sein.« – »Pah! Ich habe nicht gelernt, mich zu fürchten.« – »Schön! Sie werden aber denken, durch das Tor nach dem Kloster geführt zu werden.« – »Ich werde ihnen sagen, daß der Plan einigermaßen verraten zu sein scheine und daß Juarez einen kleinen Truppenteil gesandt habe, um das Kloster zu besetzen.« – »Schön! Sie werden also einsehen, daß sie ohne Kampf nicht durch das Tor gelangen können.« – »Und daß sie klüger tun, mir durch einen geheimen Eingang zu folgen, in welchem Fall es ihnen leicht sein würde, die Besatzung zu überrumpeln.« – »Ich bin darauf gefaßt, daß sie dir folgen werden. Aber wie wird es uns gelingen, sie zu überwältigen?« – »Wir schließen sie ein.« – »Pah, sie sind bewaffnet. Sie schießen die Türen kaputt! Wir müssen ihnen auf irgendeine Weise die Waffen abzunehmen suchen.« – »Mit Gewalt geht das nicht.« – »Hm!« meinte Kurt nachdenklich. »Da fällt mir ja ein, wie dieser Pater Hilario seine Gefangenen entwaffnet hat.« – »Du meinst das Pulver, mit welchem er uns die Besinnung nahm?« – »Ja.« – »Das wird sich bei einer so großen Anzahl wohl nicht verwenden lassen.« – »Warum nicht? Die Hauptsache ist, solches Pulver zu haben. Ich setze den Fall, wir kommen in einen Gang, der durch zwei Türen verschlossen ist und eine solche Länge hat, daß er gefüllt ist, wenn zweihundert Mann hintereinander herschreiten. Am Boden hat man, so lang der Gang ist, einen Strich dieses Pulvers geschüttet. Ich gehe voran, Sie hinterher, die Kerle aber zwischen uns. Wenn ich die vordere Tür erreiche, sind Sie zur hinteren eingetreten. Wir bücken uns und brennen das Pulver an; die Flamme läuft in einem Augenblick durch den ganzen Gang. Sie springen durch Ihre Tür zurück, ich zu der meinigen vor; wir verriegeln sie, und diese Kerle werden alle ohnmächtig.« – »Hm«, meinte Sternau nachdenklich. »Die Ausführung dieses Planes wäre möglich. Aber haben wir Pulver?«

Und sich zu Manfredo wendend, fragte er:

»Wer fertigte das Pulver an, mit dessen Hilfe Ihr uns verteidigungslos gemacht habt?« – »Mein Oheim.« – »Kennst du die Zusammensetzung desselben?« – »Nein.« – »Wird es durch Nässe verdorben?« – »Nein. Es brennt naß ebensogut wie trocken. Wir haben es in einem dumpfen Keller stehen, es zieht viel Feuchtigkeit an, hat aber noch niemals versagt.« – »So brennt es ebenso leicht wie Schießpulver?« – »Noch leichter.« – »Habt ihr davon Vorrat?« – »Ein kleines Fäßchen voll.« – »Zeige es uns!«

Sie kehrten zurück. Indem sie durch einen der Gänge schritten, meinte Sternau zu Kurt:

»Dieser Gang dürfte gerade die geeignete Länge haben.« – »Er wird zweihundert Personen fassen. Wenn ich da vorn die Tür erreicht hätte, müßte ich warten, bis Sie mir durch ein Zeichen zu verstehen geben, daß Sie eingetreten und bereit sind.« – »Ich würde ganz einfach so tun, als ob ich dir etwas zu sagen hätte, und laut deinen Namen rufen.« – »Das heißt nicht meinen richtigen.« – »Nein, sondern den Namen Manfredo, da sie dich für den Neffen des Paters halten.« – »Was aber geschieht, wenn es glückt, mit ihren Pferden? Denn Reiter kommen auf alle Fälle.« – »Sie werden die Tiere unter Aufsicht einiger Kameraden zurücklassen, und für diese letzteren sind wir jedenfalls Männer genug.« – »Richtig! Das wäre also abgemacht! Nun zunächst das Pulver sehen.«

Manfredo führte die Herren in ein kleines, niedriges Kellerchen, wo ein Fäßchen stand, das ungefähr fünfzehn Liter Inhalt zu fassen vermochte. Es war noch halb voll Pulver. Das letztere war sehr feinkörnig, vollständig geruchlos und hatte eine dunkelbraune Farbe.

»Wollen es probieren«, meinte Sternau, nahm eine kleine Quantität und kehrte eine Strecke zurück, wo er das Pulver auf eine sehr feuchte Stelle des Bodens fallen ließ. Dann putzte er das Licht und ließ eine kleine Schnuppe auf die Stelle niederfallen. Im Nu zuckte eine gelbblaue Flamme empor, und in demselben Augenblick verbreitete sich ein Geruch, der sie zur schleunigsten Flucht zwang.

»Es wird gelingen«, meinte Sternau. »Wir sind hier unten fertig. Kehren wir zu den Freunden zurück!«

Manfredo wurde in seine Zelle zurückgebracht und dort eingeschlossen; die vier Männer aber gingen hinauf, natürlich alle Türen sorgfältig hinter sich verschließend. Oben wandte Sternau sich an Geierschnabel:

»Sie kommen, wie ich hörte, aus der Hauptstadt?« – »Ja.« – »Wo hat Juarez sein Hauptquartier?« – »In Zacatecas.« – »Aber die Ortschaften nördlich dieser Stadt sind auch von seinen Truppen besetzt?« – »Natürlich!« – »Welches ist der nächste Ort von hier, wo Soldaten des Präsidenten zu finden sind?« – »Nombre de Dios.« – »Wie weit ist dies von hier?« – »Ein guter Reiter erreicht es in vier Stunden.« – »Würden Sie in der Nacht den Weg hin finden?« – »Donnerwetter! Geierschnabel und den Weg nicht finden! Das wäre ja ebenso schlimm, als wenn das Primchen den Mund nicht finden würde.« – »Wollen Sie den Ritter unternehmen?« – »Ja. Ah, wohl wegen der zweihundert Kerle, die da unten angeräuchert werden sollen?« – »Ja«, antwortete Sternau. »Sie sagen dem Platzkommandanten, was Sie wissen, und bitten ihn um eine hinreichende Anzahl Soldaten, denen wir unsere Gefangenen übergeben können.« – »Schön! Werde am Vormittag zurück sein.« – »Aber, ob man Ihnen glauben wird?« – »Sicher! Ich bin ja mit Señor Kurt durch den Ort gekommen, und wir haben den Kommandanten besucht. Er kennt mich persönlich.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Er war mit dabei, nämlich bei Juarez, als dieser am Rio Grande auf Lord Lindsay stieß. Damals war er nur Leutnant, jetzt ist er bereits Major. In diesem gesegneten Land avanciert man sehr schnell.« – »Es scheint allerdings so. Soll ich Ihnen einen Mann mitgeben?« – »Wozu?« – »Man weiß nicht, was passieren kann, und ich möchte die Botschaft ganz sicher wissen.« – »Pah! Bei Geierschnabel ist sie sicher. Ich gehe nach der Venta zu meinem Pferd. In zehn Minuten bin ich unterwegs.« Er ging.

Sternau hatte nun den anderen zu berichten, was er unter dem Kloster gesehen und gefunden. Man kann sich denken, mit welcher Spannung alle seinem Bericht folgten. Als er erwähnte, daß er im Begriff stehe, eine ganze Schar Soldaten zu fangen, wollte fast jeder dabeisein, aber er schlug alle Anerbietungen mit der Bemerkung ab, daß es auffallen müsse, wenn sich viele Personen zeigen würden.

Der Hauptheld des Abends aber war und blieb doch Kurt. Sein Vater und Oheim konnten sich nicht satt an ihm sehen; er hatte nur zu erzählen, und wenn eine Frage beantwortet war, so gab es deren für diese eine gleich zehn andere, die ebenso beantwortet werden mußten.

Es war eigentümlich, daß, außer Don Ferdinando, der im Bett lag, die anderen sich verhältnismäßig wohl fühlten. Die Freude über ihre Rettung schien alle Folgen ihrer Gefangenschaft beseitigt zu haben. Man war fröhlich, munter, teilweise sogar ausgelassen und dankte das in nicht geringem Grade auch der Aufmerksamkeit, die ihnen von dem Personal des Hauses erwiesen wurde.

Es war diesen Leuten fast unmöglich, an das Geschehene zu glauben. Sie wußten natürlich, daß eine gerichtliche, strenge Untersuchung die Folge sein werde, und taten alles Mögliche, um zu zeigen, wie fern sie den Taten des verbrecherischen Paters gestanden hatten.

So verging die Nacht, und es nahte die vierte Stunde. Da machte sich Sternau auf, um sich ganz allein nach den unterirdischen Gängen zu begeben. Es blieb ihm Zeit genug, das Pulver zu streuen. Eine volle halbe Stunde später brach Kurt auf.

7. Kapitel.

Kurt schlich sich durch das geöffnete Klostertor und schritt den Weg hinab. Unten angekommen, war es ihm, als ob er ein leises Waffengeklirr vernehme. Er blieb also stehen und horchte aufmerksam in das Dunkel hinein. Da rief es so nahe neben ihm, daß er fast erschrocken zusammenfuhr:

»Halt! Werda?« – »Gut Freund«, antwortete er. – »Die Losung?« – »Miramara!« – »Gut! Du bist der richtige. Komm!«

Kurt wurde beim Arm gepackt und eine ziemliche Strecke vom Weg seitwärts abgeführt. Dort sah er trotz der Dunkelheit zahlreiche Männer und Pferde stehen. Eine Gestalt trat ihnen entgegen und fragte:

»Ist er da?« – Ja, hier«, antwortete der Mann, der Kurt geführt hatte. – »Wer bist du?« fragte die Gestalt. – »Ich hoffe, daß Ihr es bereits wißt«, antwortete der Gefragte. – »Allerdings. Ich frage nur der Sicherheit wegen.« – »Mein Name ist Manfredo.« – »Verwandt mit …« – »Neffe des Paters Hilario.« – »Das stimmt. Ist oben das Tor offen?« – »Nein.« – »Donnerwetter! Warum nicht?« – Ich würde schön ankommen, wenn ich es öffnen wollte!« – »Bei wem denn?« – »Beim Kommandanten.« – »Ist denn ein Kommandant da oben?« – »Natürlich.« – »Aber davon wurde mir ja gar nichts gesagt!« – »Das läßt sich denken. Die Kerle sind ja erst seit Mitternacht dort oben.« – »Welche Kerle?« – »Nun, die Republikaner.« – »Alle Wetter! Leute des Juarez?« – Ja.« – »Wie viele?« – »Fünfzig Mann.« – »Was wollen sie denn im Kloster?« – »Hm. Ob sie Wind bekommen haben? Der Anführer fragte nämlich in einem höhnischen Ton, ob wir vielleicht heute nacht Besucht erwarteten.« – »Ah! Sie haben eine Ahnung. Aber sein Hohn soll ihm schlecht bekommen. Wir werden hinaufreiten und die Kerle zusammenhauen.« – »Wenn das nur ginge, Señor.« – »Warum soll das nicht gehen?« – »Könnt Ihr durch die Mauern oder durch verschlossene Tore reiten?« – »Das nicht; aber wir können verschlossene Tore aufsprengen.« – »Und sich vorher von denen, die dahinter stehen, erschießen lassen.« – »Pah! Es sind nur fünfzig Mann!« – »Aber diese fünfzig Mann hinter Mauern sind mehr zu fürchten als die zehnfache Zahl im offenen Feld.« – »Das ist wahr. Verdammt! Ich habe Befehl, mich des Klosters auf alle Fälle zu bemächtigen.« – »Und ich habe den Befehl, Euch auf alle Fälle hinzubringen.« – »Das ist nun doch nicht möglich.« – »Warum nicht?« – »So gibt es wohl eine Pforte, die nicht besetzt oder bewacht ist?« – »Das nicht. Aber diese klugen Republikaner haben vergessen, daß alte Klöster geheime, unterirdische Gänge zu haben pflegen.« – »Alle Teufel! Gibt es hier einen?« – »Ja.« – »Ist er gefährlich?« – »Ganz und gar nicht. Ihr kommt durch denselben in das Innere des Klosters, ohne von einem einzigen Menschen bemerkt zu werden. Die Republikaner kampieren im Hof und Garten.«

Der Anführer stieß ein kurzes, befriedigtes Lachen aus.

»Welch eine Überraschung«, meinte er, »wenn es Tag wird, und sie sehen uns als Herren des Platzes, den sie verteidigen sollen! Wo ist der geheime Eingang?« – »Gar nicht weit von hier, da links hinüber.« – »Aber wir brauchen Laternen.« – »Nur zwei, und die sind vorhanden.« – »So führe uns! Aber was wird mit den Pferden?« – »Laßt einige Leute hier bei ihnen. Wenn ich Euch an Ort und Stelle gebracht habe, kehre ich zurück und bringe sie an einen sicheren Ort.«

Der Anführer hegte nicht das mindeste Mißtrauen. Er handelte ganz nach Kurts Vorschlägen.

Als die lange Kolonne in den Steinbruch kam, tönte ihnen ein Halt entgegen.

»Guter Freund«, antwortete Kurt. – »Die Losung?« – »Miramara.« – »Alles in Ordnung!« – »Donner und Doria! Wer ist das?« fragte der Anführer. – »Ein Kamerad von mir. Wir müssen doch wenigstens zweie sein, um Euch zu führen.« – »Hm. Ist der Kerl sicher?« – »Das seht Ihr aus dem Umstand, daß er die Losung kennt.« – »Mag sein. Wo ist der Eingang?« – »Hier«, antwortete Sternau, indem er in das Loch trat und die Blendlaterne öffnete, um ihren Schein auf die Umgebung fallen zu lassen. Eine zweite Laterne reichte er Kurt hin. – »Wer geht voran?« fragte der Offizier. – »Ich«, meinte Kurt. – »Und dieser da hinterher?« – »Ja.« – »Da haben wir zu wenig Licht; aber es ist zu spät, dies abzuändern. Vorwärts also!«

Kurt stellte sich an die Spitze und betrat den Gang. Der Anführer folgte gleich hinter ihm. Langsamen Schrittes setzte sich der Zug, einer hinter dem anderen, in Bewegung, aus einem Gang in den anderen.

Nach kurzer Zeit wurde derjenige erreicht, wo die Explosion vor sich gehen sollte. Kurt hatte ihn schon ganz durchschritten und stand an der Tür, die Sternau offengelassen hatte. Nur noch ein Schritt, so hatte er den Gang hinter sich, und es war ihm möglich, das Pulver anzubrennen. Daß dies an der rechten Seite des Ganges hart an die Mauer gestreut werden solle, hatte er mit Sternau ausgemacht.

Dieser letztere war jedenfalls noch zurück und hatte, hinter dem Zug hergehend, den Gang noch gar nicht erreicht. Um Zeit zu gewinnen, hielt Kurt das Windloch seiner Laterne zu, und sofort verlöschte dieselbe.

»Donnerwetter! Was machst du denn?« fragte der Offizier. – »Nichts. Ich bin nicht schuld«, antwortete Kurt, »Es kam ein Zug durch die Tür her.« – »Hast du Hölzer?« – Ja.« – »So brenne wieder an.«

Kurt kauerte sich nieder, als ob das Licht sich in dieser Stellung besser anbrennen lasse und strich das Hölzchen an. Beim Aufflackern desselben erkannte er deutlich den Pulverstrich, den Sternau gestreut hatte.

»Manfredo«, rief es glücklicherweise in diesem Augenblick von hinten her. – »Ja«, antwortete er.

Zugleich hielt er die Flamme des Hölzchens an das Pulver. Ein blaugelber Blitz zuckte von den beiden Enden des Ganges nach dem Mittelpunkt zu. Kurt sprang zur Tür hinaus, warf dieselbe zu und schob die Riegel vor. Dann erst brannte er die Laterne wieder an und lauschte.

Er hörte hinter der Tür ein wirres Rufen und Fluchen, es folgte ein vielstimmiges Ächzen, das nach und nach verstummte, und dann ward es still. Das Pulver hatte seine Wirkung getan.

Jetzt eilte Kurt nach oben, um Hilfe zu holen. Grandeprise, Gerard, André, die Indianerhäuptlinge, kurz alle außer Don Ferdinando, der zu schwach war, folgten ihm. Sie mußten sich, an Ort und Stelle angelangt, in vorsichtiger Entfernung halten, um, als Kurt die Tür öffnete, von dem Geruch nicht erreicht zu werden. Nach einiger Zeit jedoch hatte sich derselbe so weit verflüchtigt, daß man zu den Gefangenen konnte.

»Kurt«, rief es von hinten.

Es war Sternau, der die Laternen da vorn gesehen hatte. »Ja«, antwortete der Angerufene. – »Gelungen bei dir?« – »Ja.« – »Dann schnell entwaffnen und sie wieder einschließen.« Dies wurde in aller Eile besorgt, während Sternau von seiner Seite beschäftigt war, den Eingang im Steinbruch wieder zu maskieren. Als er zu den anderen kam, waren diese fertig.

»Das ist ein Streich«, meinte der Kleine André. »Den werden diese Kerle gewiß nie vergessen.« – »Wir sind noch nicht fertig«, entgegnete Sternau. »Wo hat man die Pferde gelassen?« – »Unten, unweit des Weges«, antwortete Kurt. – »Wie viele Männer sind bei ihnen?« – »Da es dunkel war, konnte ich sie nicht zählen.« – »Viele können es nicht sein. Wir werden es mit ihnen kurz machen.« – »Sie überfallen?« fragte Andre. – »Ja.« – »Ich würde einfacher verfahren«, meinte Kurt. – »Wie?« – »Ich gehe hinab zu den Wärtern und sage, daß wir glücklich im Kloster angekommen sind und die Republikaner überwältigt haben.« – »Du denkst, sie werden dir mit den Pferden folgen und uns so von selbst in die Hände laufen?« – »Ja.« – »Hm. Möglich wäre es, daß sie dumm genug sind. Mit unseren Kavalleriepferden brächten sie es nicht fertig; die mexikanischen Tiere aber folgen wie die Pudel, wenn sie einmal eingeritten sind. Versuche es!«

Nach kurzer Zeit verließ Kurt das Kloster durch das Tor und schritt, laut pfeifend, den Weg hinab. Unten angekommen, bog er nach der Stelle ab, wo er die Pferde wußte.

»Na, da bin ich endlich«, meinte er in übermütigem Ton. – »Kerl, was fällt dir ein«, antwortete einer der Leute. – »Was denn?« – »So laut zu pfeifen.« – »Warum soll ich das nicht?« – »Du machst ja die Republikaner droben auf uns aufmerksam.« – »Fällt mir nicht ein.« – »Sie müssen es doch hören.« – »Pah! Die hören mein Pfeifen nicht. Sie stecken alle im Keller.« – »Was? Wie? Ist es wahr?« – »Natürlich. Wir haben sie ausgezeichnet überrumpelt. Sie ahnten nichts und waren entwaffnet, ehe sie Widerstand zu leisten vermochten.« – »Das ist gut. Hurra, das ist gut! Hört Ihr es, Ihr anderen?«

Diese kamen herbei und jubelten mit, als sie die freudige Botschaft hörten. Einer fragte:

»Was tun denn nun die Kerle da oben?« – »Oh, die vertreiben sich die Zeit. Sie sitzen im Saal und schmausen oder sind im Keller bei den großen Stückfässern.« – »Diese Lumpen! Und was haben wir?« – »Ihr sollt hier bei den Pferden bleiben.« – »Wer sagte das? Etwa der Oberst?« – »Nein, der sitzt beim Arzt und säuft. Ein anderer sagte es.« – »Was andere sagen, geht uns nichts an. Wenn andere essen und trinken, so wollen wir es auch. Ist der Klosterhof groß?« – »Ja.« – »Faßt er diese Zahl von Pferden?« – Hm, noch viel mehr.« – »So reiten wir hinauf.« – »Das geht ja nicht.« – »Warum nicht?« – »Die Pferde werden Euch nicht nachlaufen.« – »Kerl, was verstehst du als Neffe eines alten Pfaffen von den Pferden! Diese Tiere werden uns ganz prächtig folgen. Kannst du reiten?« – »Ein wenig.« – »So steig auf das erste beste Pferd und zeige uns den Weg.« – »Gut. Aber ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn Ihr da droben nicht so aufgenommen werdet, wie Ihr es denkt.« – »Rede nicht, sondern gehorche!« – »Meinetwegen!«

Kurt stieg auf und ritt voran. Die Pferde folgten wirklich. In der Wildnis folgt jedes Tier dem Leithengst, und diese Pferde waren ja noch halb wild.

Droben angekommen, gab Kurt das Zeichen. Das Tor wurde geöffnet, und sie ritten in den Hof, wo nur eine einzige Laterne brannte. Das Tor aber schloß sich hinter ihnen. Als die Leute den Hof so dunkel und menschenleer sahen, fragte einen

»Nun, wo sind denn die Kameraden?« – »Kommt nur hinter, in den zweiten Hof«, antwortete Kurt, »da könnt Ihr Euch eine Güte tun.«

Sie stiegen ab und folgten ihm. Allerdings war dieser andere Hof besser erleuchtet, aber kaum eingetreten, wurden sie umringt und entwaffnet, ohne daß es nur einer von ihnen zustande gebracht hätte, das Messer zu ziehen oder ein Pistol abzufeuern.

Jetzt erst konnte man sagen, daß der Handstreich vollständig gelungen sei. Helmers war stolz auf seinen Sohn, er sah ja, was für ein tüchtiger Kerl derselbe geworden war.

Nachdem die Gefangenen in Sicherheit gebracht worden waren, wurde der Alkalde geweckt und geholt. Er mußte ein Protokoll über alles, was geschehen war, anfertigen und gab gern seine Erlaubnis dazu, daß die beiden Cortejos, Josefa und Landola so lange in ihrem Klosterkeller bleiben sollten, bis Juarez eine andere Bestimmung getroffen habe.

Sodann wurde beraten, was nun geschehen solle.

Es war klar, daß der erste gerichtliche Akt in Angelegenheit der Familie Rodriganda hier in Mexiko spielen müsse. Das aber konnte nicht eher geschehen, als bis geordnetere Verhältnisse eingetreten waren. Die Franzosen waren fort, und der Kaiserthron wankte bereits so sehr, daß er jeden Augenblick einstürzen konnte. Dann erst war auf die kräftige Hilfe Juarez' zu rechnen.

Darum wurde nach längerer Besprechung beschlossen, daß Kurt, Sternau, Geierschnabel, Gerard, Büffelstirn und Bärenherz sich zu Juarez begeben sollten, auch der Kleine André setzte es durch, mitgehen zu dürfen. Die anderen aber sollten zurückbleiben, um dafür zu sorgen, daß keiner der vier so wichtigen Gefangenen entkomme. Peters blieb auch zurück. Die beiden Vaqueros wurden aus der Venta geholt, und nachdem sie alles erfahren und gesehen hatten, ritten sie nach der Hazienda zurück, um dort die frohe Botschaft auszurichten, daß alle, alle gerettet seien.

Mariano sehnte sich zwar, auch mit zu Juarez zu gehen, da Lindsay und Amy sich bei demselben befanden, aber die Rücksicht auf die höchst angegriffene Gesundheit Don Ferdinandos, seines Oheims, nötigte ihn, bei demselben zu bleiben.

Der Vormittag war noch nicht vergangen, so kam Geierschnabel den Klosterweg herangaloppiert und meldete, daß der Major in eigener Person mit zweihundert Lanzenreitern aufgebrochen sei und ihm auf dem Fuß folge.

Als einige Minuten später diese Truppe anlangte, erinnerte Sternau sich allerdings, diesen Offizier am Rio Grande del Norte bei Juarez bereits gesehen zu haben. Dieser war nicht wenig erstaunt, als er hörte, was geschehen war und auf welche Weise man sich der Feinde bemächtigt hatte.

Er bestimmte, daß die Gefangenen bis auf weiteres hier verbleiben sollten, und legte hundert Mann Garnison in den Ort. Als er hörte, daß Sternau nebst seinen Genossen zu Juarez gehe, schrieb er einen Bericht an General Eskobedo nieder, der in Zacatecas kommandierte, und bat Sternau, dieses Schriftstück dem General zu überreichen.

Jetzt nun ging es ans Ausräumen. Die im unterirdischen Gemach vorgefunden Schriftstücke und Kostbarkeiten wurden sorgfältig verpackt. Überhaupt wurde alles, was für Juarez von Interesse sein konnte, mitgenommen.

8. Kapitel.

Am Nachmittag ritt man ab, nachdem von den anderen Abschied genommen worden war, und am übernächsten Tag vormittags langte die Truppe glücklich in Zacatecas an.

Dort gab es ein mehr als reges, ein beinahe fieberhaftes Leben, da General Eskobedo hier kommandierte und zugleich Juarez seinen Sitz da hatte.

Der erste Weg Sternaus war natürlich zu diesem letzteren.

Der Präsident war außerordentlich beschäftigt, aber als er hörte, wer ihn sprechen wolle, ließ er Sternau augenblicklich vor.

Letzter kam nicht allein, sondern hatte Kurt mitgebracht. Dieser hatte im Kloster und auch unterwegs gar nicht viel Redens von sich gemacht Er hatte weder von seinen Orden, noch von der Auszeichnung gesprochen, die ihm von seinen Vorgesetzten geworden war, doch jetzt, da er diesem großen, berühmten Indianer gegenüberstehen sollte, hatte er sich den Spaß gemacht, alle seine Orden und Ehrenzeichen anzulegen. Da er aber nach mexikanischer Weise die Serape – kostbare Decke – um die Schulter trug, waren dieselben noch nicht zu sehen.

Sternau seinerseits hatte erkannt, daß der Same, den er in das Gemüt und den Charakter des Knaben gelegt hatte, zur glücklichen Reife gekommen sei. Er kannte zwar nicht die Anerkennungen, die dem jungen Mann geworden waren, aber er war überzeugt, daß dieser ganz das Zeug zu einer mehr als gewöhnlichen Karriere habe, und daher beschloß er, bei dieser Audienz beim Präsidenten Kurt mehr in den Vordergrund treten zu lassen, sich selbst aber nur mit der zweiten Rolle zu begnügen. Er ahnte nicht, daß dies gar nicht notwendig sei und daß Kurt es selbst ganz vortrefflich verstand, sich Geltung zu verschaffen.

Die kräftige Gestalt des Zapoteken stand stramm aufgerichtet an dem Tisch, als die beiden eintraten. In seinem sonst so ernsten Auge glänzte ein freudiger Schimmer, als er Sternau erblickte. Er schritt ihm schnell entgegen, gab ihm beide Hände und sagte:

»Wie? Da sind Sie wirklich, Señor? Ich traute meinen Ohren kaum, als Sie mir gemeldet wurden. So ist es also nicht wahr, was man mir erzählte, daß Ihnen ein neues großes Unglück zugestoßen sei?« – »Wohl ist es wahr, Señor«, antwortete Sternau ernst. »Ich und alle meine Freunde, wir befanden uns in einer geradezu verzweifelten Lage, und nur diesem jungen Mann haben wir es zu verdanken, daß wir gerettet wurden.«

Juarez richtete sein Auge forschend, aber mild und wohlwollend auf Kurt und sagte:

»Wollen Sie ihn mir nicht vorstellen, Señor Sternau?« – »Ich wollte bitten, es tun zu dürfen. Oberleutnant Kurt Helmers vom preußischen Regiment der Gardehusaren.«

Kurt verbeugte sich sehr höflich. Juarez nickte ihm freundlich zu und fragte, wie nachsinnend:

»Kurt Helmers? Habe ich diesen Namen nicht schon einmal gehört?« – »Gewiß, Señor«, antwortete Kurt. »Ich war so glücklich, zweimal durch Ihre Güte ein reicher Mann zu werden.« – »Wieso?« fragte der Präsident, frappiert durch diese Worte. – »Ich erhielt durch Ihre Vermittlung zweimal einen Betrag aus der Höhle des Königsschatzes.«

Jetzt besann sich Juarez.

»Ah, Sie sind aus Rheinswalden?« fragte er. – »Ja, Señor.« – »Der Sohn des Steuermannes Helmers und der Neffe Donnerpfeils?« – »So ist es.« – »So seien Sie mir willkommen! Señor Sternau bereitet mir wirklich eine große Freude, indem er mir Gelegenheit gibt, Sie kennenzulernen. Wie es scheint, haben Ihnen diese Schmucksachen doch einen Nutzen gebracht?«

Juarez hatte Kurt die Hand gereicht. Er wußte, daß der Steuermann ursprünglich arm war, und darum war es verzeihlich von ihm, zu denken, daß der Erlös aus jenen Kostbarkeiten Kurt die zu seiner Ausbildung nötigen Mittel an die Hand gegeben habe.

»Sie haben mich in eine freudige Überraschung versetzt«, antwortete Kurt, »und werden nie aus meinen Händen oder denen meiner Familie kommen.« – »Ah, so besitzen Sie noch alles? Das freut mich desto mehr. Aber, lieber Señor Sternau, jetzt bitte ich Sie, mir doch zu sagen, wie und wohin Sie verschwinden konnten.«

Sternau erzählte in kurzen, aber hinlänglichen Worten seine Erlebnisse. Natürlich fing er bei dem Augenblick seiner Trennung von Juarez an. Das Gesicht des letzteren nahm einen immer gespannteren Ausdruck an.

Sternau schwieg, als er den hoffnungslosen, verzweiflungsvollen Zustand der Gefangenschaft geschildert hatte. Da holte der Zapoteke tief Atem.

»Ich kann an keinem Ihrer Worte zweifeln«, sagte er, »aber dennoch muß ich fragen, ob so etwas auf der Erde, in Mexiko, möglich sei. Dieser Pater Hilario ist mir nicht unbekannt. Señorita Emilia hat ihn mir gegenüber entlarvt, wofür ich ihr großen Dank schuldig bin. Aber, daß er solcher Taten fähig sei, das konnte ich nicht glauben. Welchen Zweck aber hat er gehabt, sich Ihrer zu bemächtigen und Sie alle einzusperren? Und wie sind Sie dann doch noch entkommen?« – »Diese Fragen kann hier mein junger Freund am besten beantworten«, meinte Sternau, auf Kurt deutend. – »Erzählen Sie!« bat Juarez diesen.

Kurt gehorchte dieser Aufforderung. Er begann bei seiner Begegnung mit Geierschnabel in Schloß Rodriganda bei Rheinswalden und erzählte alles, was bis auf den gegenwärtigen Augenblick geschehen war. Das Erstaunen des Präsidenten wuchs von Sekunde zu Sekunde, er wich ganz unwillkürlich Schritt um Schritt zurück. Er hatte ganz das Aussehen, als ob er sprachlos geworden sei.

Dann aber begann sein starres Gesicht sich zu beleben. Hundert Regungen zuckten blitzschnell über dasselbe hin, aber keine einzige konnte festgehalten werden, um sich definieren zu lassen.

»Was Sie mir da sagen, Señor, ist mir von sehr großer Wichtigkeit«, meinte er endlich. Seine Stimme klang dabei tief grollend und drohend. »Also es gibt hier eine Vereinigung, die mich stürzen will, indem sie mich zwingt, der Mörder des Erzherzogs von Österreich zu werden?« – »Es scheint ganz so«, antwortete Kurt. – »Und dieser geheimnisvolle, dicke, kleine Mann gehört ihr an?« – »Ganz sicher.« – »Seinen Namen hörten Sie nicht?« – »Nein. Er kam mir wie ein verkappter Priester vor.« – »Sei er, wer und was er wolle, ich werde ihn zu packen wissen. Und dieser Pater Hilario ist also das Werkzeug dieser Verbindung?« – »Ohne allen Zweifel.« – »Jetzt bei Max in Querétaro?« – »Ja.« – »Dann ist es auch um Señorita Emilia geschehen, deren Feind der Pater geworden ist. Doch das wird sich wohl arrangieren lassen. Sie glauben nicht, Señor, welch einen Dienst Sie mir mit diesen Enthüllungen erweisen. Ein Meisterstück von Ihnen aber war es, daß Sie den Putsch auf Kloster Santa Jaga vereitelten. Aber ich bin so überwältigt von dem, was ich höre, daß ich ganz vergesse, höflich gegen Sie zu sein. Nehmen wir doch Platz!«

Die drei Männer hatten allerdings bisher nur im Stehen gesprochen. Jetzt zog Juarez Stühle herbei. Um bequem zu sitzen, legte Sternau die Serape ab, und Kurt tat dasselbe. Sofort ruhten die Augen der beiden anderen erstaunt auf seiner Brust.

»Wie? Alle Wetter, Kurt«, rief Sternau. »Diese Orden gehören dir?« – »Würde ich sie sonst tragen?« antwortete Kurt lächelnd. – »Aber, wie kommst du dazu, ein halber Knabe noch!« – »Man hat mich vielleicht trotzdem für einen Mann gehalten.« – »So hast du Außerordentliches erlebt. Mensch, daß du darüber geschwiegen hast, das beweist zur Evidenz, daß du ein braver, tüchtiger Junge geworden bist!« – »Auch ich muß sagen«, fiel Juarez ein, »daß ich auf einer so jungen Brust noch nicht solche Auszeichnungen erblickte. Das Schicksal scheint Ihnen wohlzuwollen. Verscherzen Sie sich die Gunst desselben nicht. Da Sie zur Garde gehören, stehen Sie wohl in Berlin?« – »Ja, Señor«, antwortete Kurt unter einer Verbeugung. – »So haben Sie das Glück, großen Männern zu begegnen, wenn auch einstweilen nur von weitem. Ihr Moltke ist ein großer Kriegsmann. Suchen Sie, mit der Zeit seiner Umgebung näherzutreten. Und Ihr Bismarck ist ein Staatsmann von genialem Scharfblick und eiserner Energie. Er wird einst dem Erdkreis Gesetze vorschreiben. Haben Sie seinen Vertreter in Mexiko besucht?« – »Baron Magnus? Ja. Er gab mir Gelegenheit, Sie um die Überreichung dieser Zeilen zu bitten.«

Kurt zog ein Portefeuille hervor und überreichte Juarez ein kleines Kuvert, das derselben öffnete, um den Inhalt zu lesen.

»Ah, das ist ja eine ganz ungewöhnliche Empfehlung«, sagte er. – »Ich bedarf derselben, um dieses zweite vorlegen zu dürfen.«

Kurt gab Juarez ein größeres Schreiben. Dieser brach das Wappensiegel auf und las. Sein Gesicht nahm den Ausdruck des allerhöchsten Erstaunens an. Als er fertig war, rief er laut:

»Dios mios! Junger Mann, wer sind Sie denn eigentlich? Wie kommen Sie dazu, der Überbringer so hochwichtiger Staatsakten zu sein? Entweder genießen Sie ein blindes Glück und Vertrauen, oder Sie haben das Zeug, das wirkliche Zeug zu einem Mann, dem seine Vorgesetzten bereits jetzt ein außerordentliches Prognostikon stellen. Während ich Ihnen rate, sich der Umgebung dieser großen Männer zu nähern, genießen Sie den Umgang und die Zuneigung nicht der Umgebung, sondern dieser Größen selbst. Fast möchte ich unhöflich sein und Sie fragen, wie Sie bei Ihrer Jugend zu einer solchen Auszeichnung kommen.«

Sternau war ebenso überrascht über diese Worte, wie über den Inhalt der Schreiben, den er allerdings nicht kannte, sondern nur vermuten konnte. Er betrachtete Kurt mit ebenso erstaunten Blicken wie der Präsident. Der junge Mann aber tat, als ob er dies gar nicht bemerke, und antwortete in ruhigem, bescheidenem Ton:

»Neben einigen kleinen Verdiensten ist es wohl zumeist die Güte derjenigen hohen Personen, mit denen ich in Berührung kam, der ich die Gnade zu verdanken habe, welcher ich mich erfreue.«

Juarez überflog die Schriftstücke noch einmal und meinte dann:

»Sie werden mir hier als diejenige Person empfohlen, die mir die Wünsche einer hervorragenden Regierung mündlich überbringt. Ich freue mich des Scharfsinnes der Vertreter dieser Regierung. Auf offiziellem Weg Verhandlungen über das Schicksal eines Mannes, der so viel dazu beigetragen hat, die Selbständigkeit der Republik von Mexiko zu töten, anzuknüpfen, das müßte ich entschieden ablehnen. Aber einen privaten Austausch unserer Gedanken werde ich nicht abweisen.« – »Diese Hoffnung war es, welche mich an einem Gelingen meiner Sendung nicht verzweifeln ließ, Señor«, entgegnete Kurt. – »Haben Sie fest formulierte Fragen oder Wünsche auszusprechen?« fragte Juarez in jenem Ton, mit dem er auf schwierige Verhandlungen einzugehen pflegte. – »Ja.« – »Darf ich sie hören?« – »Jetzt?« – »Warum nicht sogleich jetzt?« – »Ich bin beauftragt, unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen.«

Ein leises Lächeln spielte um die Lippen des Zapoteken, als er fragte:

»Mißtrauen Sie etwa unserem Freund Sternau?« – »Nicht im geringsten. Ich würde nicht anstehen, ihn zum Vertrauten aller meiner persönlichen Angelegenheiten zu machen; die Sache aber, die wir zu verhandeln haben, ist nicht mein Eigentum.« – »Aber das meinige. Geben Sie das zu?« – »Gern, obgleich diejenigen, in deren Auftrag ich hier stehe, daran partizipieren.« – »Und mein Eigentum kann ich teilen, mit wem ich will?« – »Allerdings.« – »Nun, so erkläre ich Ihnen, daß ich Señor Sternau erlaube, unserer Unterhaltung beizuwohnen. Wollen Sie weniger höflich sein?« – »Señor Sternau ist mein Freund und Gönner, mein Vater und Lehrer. Meine Pflicht gebot mir, seiner Gegenwart zu gedenken; nun aber erkläre ich, daß dieselbe mich nicht hindern kann, in aller Offenheit mit Ihnen zu sprechen.« – »So sprechen Sie.« – »Ich hoffe nicht, daß Sie erwarten, ein junger Mann von so wenig Erfahrung, wie ich bin, werde sich in komplizierten, diplomatischen Wendungen ergehen. Ich sagte bereits, daß das, was ich zu sagen habe, streng formuliert ist, und ich bitte um die Erlaubnis, offen und ehrlich fragen und sprechen zu können.«

Juarez betrachtete Kurt mit einem wohlgefälligen Blick und nickte zustimmend.

»Das ist Ihnen sehr gern gewährt«, antwortete er. »Ich hasse alle Finessen, alles diplomatische Versteckenspielen. Wie weit man sich auf eine Regierung verlassen kann, die ihre Absichten stets hinter den Schleier des Geheimnisses versteckt, das habe ich ja zur Genüge erfahren. Ihr Minister ist der erste gewesen, der mit dem alten Herkommen gebrochen hat. Talleyrand sagte, daß der Mensch die Sprache nur habe, um seine Gedanken zu verbergen. Dies ist der Grundsatz des Unehrlichen, der Spitzbuben. Trotzdem ist dieser Grundsatz von den Staatsmännern aller Zeiten und Völker befolgt worden. Ihr Minister hat den Mut gehabt, mit ihm zu brechen; er hat die offene, ehrliche Sprache zum Element auch diplomatischer Verhandlungen gemacht und dabei einen Sieg errungen, um den ich ihn beneiden möchte. Ich freue mich, daß in dieser Beziehung meine Intentionen sich mit den seinigen decken, und so ist es mir lieb, wenn Sie sich einer geraden, ehrlichen Sprache bedienen.«

Kurt verbeugte sich zustimmend und erwiderte:

»Man ist allgemein der Ansicht, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen Kaiser Max sich nicht zu halten vermag. Darf ich Sie um Ihre Meinung ersuchen?«

Juarez machte mit dem Arm eine Bewegung, die man fast geringschätzig nennen konnte, und antwortete:

»Sie nennen diesen Mann Kaiser?« – »Ja.« – »Mit welchem Recht?« – »Weil er als solcher anerkannt ist.« – »Ah! Von wem?« – »Von den meisten Regierungen.« – »Pah! Von den Regierungen aber nicht, die dabei zunächst in Frage kommen. Übrigens mußten die Regierungen, von denen Sie sprechen, wenigstens so viel Scharfblick haben, um gleich von vornherein zu wissen, daß es sich um einen Theatercoup handle, der zu Ende gehen müsse, sobald den Lampen das Öl mangle. Das Stück hat ausgespielt. Ich habe keinen Max von Mexiko gekannt und kenne auch jetzt nur einen gewissen Max von Habsburg, der sich zu seinem eigenen Schaden von Napoleon verleiten ließ, mir va banque zu bieten. Die Bank hat gewonnen. Ich bitte, wenigstens in meiner Gegenwart nicht von einem Kaiser Max zu sprechen! Ihre Frage beantworte ich dahin, daß dieser Señor allerdings nicht imstande sein wird, sich zu halten.« – »Und wie denken Sie, daß sich sein Schicksal gestalten werde?« – »Señor Helmers, Sie sprechen allerdings sehr offen und klar. Ich will dasselbe tun. Geht dieser Max beizeiten aus dem Land, so mag er mit dem Leben davonkommen und mit der Ehre, sich Kaiser von Mexiko genannt zu haben. Zögert er aber, so ist er verloren.« – »Was habe ich unter dem Wort verloren zu verstehen?« – »Ich meine, daß es ihm dann unmöglich sein wird, länger zu leben. Man wird ihm den Prozeß machen.« – »Wer?« – »Die Regierung von Mexiko.« – »An wen habe ich bei dem Wort Regierung zu denken?« – »An mich.«

Kurt verneigte sich höflich und fuhr fort:

»Sie werden Präsident von Mexiko sein?«

Juarez zog die Brauen finster zusammen.

»Ich werde Präsident sein?« fragte er. »Bin ich es etwa nicht gewesen, Señor?«

Kurt ließ sich nicht einschüchtern. Er meinte:

»Ich muß darauf aufmerksam machen, daß ich hier nicht von meiner persönlichen Meinung zu sprechen habe.« – »Oder bin ich es nicht mehr?« fuhr Juarez fort. »Wer hat mich abgesetzt?«

– »Napoleon und Max.« – »Diese beiden? Pah! Das glauben Sie selbst nicht. Ich sage Ihnen, daß in einigen Wochen ganz Mexiko mir Untertan sein wird. Ich wiederhole: Das Stück ist ausgespielt.« – »Dann werden also Sie es sein, der Max richtet?« – »Ja.« – »Und wie wird das Urteil lauten?« – »Auf Tod durch die Kugel.« – »Wollen Sie nicht bedenken, daß man das Glied einer kaiserlichen Familie nicht so ohne weiteres erschießt?« – »Ohne weiteres wird es auch nicht geschehen. Man wird einen Gerichtshof konstituieren.« – »Und dennoch darf dieser Gerichtshof nicht aus den Augen lassen, wer der Angeklagte ist. Ein Erzherzog von Österreich darf Rücksichten in Anspruch nehmen, die ich hier wohl nicht weiter auszuführen brauche.« – »Wer Rücksichten in Anspruch nimmt, muß gelernt haben, selbst Rücksichten zu üben. Ein Dieb, ein Verleumder, ein Fälscher, ein Mörder, ein Empörer oder Landfriedensbrecher wird bestraft, mag er sein, wer er will. Und je höher an Intelligenz ein Mensch steht, desto härtere Strafe verdient er, wenn er gegen Gesetze fehlt, die er besser kennen muß, als ein jeder andere.« – »Das ist der Grundsatz eines strengen Richters.« – »Der bin ich auch.« – »Aber nicht eines Regenten, der das schöne Recht hat, Gnade walten zu lassen.« – »Wer sagt Ihnen, daß ich nicht an Gnade gedacht habe?« –

»Ihre eigenen Worte.«

Juarez erhob sich von seinem Stuhl, schritt einige Male im Zimmer auf und ab und blieb dann vor Kurt stehen.

»Junger Mann«, sagte er, »Sie sollen mir mitteilen, daß es der Wunsch Ihrer Regierung ist, ich möge Gnade walten lassen?« – »Sie erraten das richtige.« – »Kennen Sie die Art und Weise, wie Mexiko von den Franzosen für Max in Beschlag genommen wurde?« – Ja.« – »Wissen Sie, daß ich damals der von Gott eingesetzte und von den Mexikanern erwählte Regent dieses Landes war?« – Ja.« – »Können Sie sagen, daß ich mein Volk unglücklich gemacht habe?« – »Ich bin vom Gegenteil überzeugt.« – »Hat mein Volk mich abgesetzt?« – »Nein, obgleich eine Deputation nach Paris kam und den Kaiser …« – »Das war Blendwerk und Spiegelfechterei«, fiel Juarez schnell ein. »Es war ein Puppenspiel, an das nur Kinder glauben konnten. Aber wissen Sie, wie die Franzosen hier im Land gewirtschaftet haben?« – »Leider!« – »Sie waren meine Feinde. Gegen Maximilian von Habsburg habe ich nur zweierlei: erstens, daß er vertrauensselig auf die Intentionen eines Mannes einging, der selbst nur durch Blut und Revolution Kaiser wurde, eines Mannes, von dem wir niemals annehmen konnten, daß er der Beglücker seines Volkes sein werde, und zweitens, daß Maximilian jetzt, da der letzte Franzose das Land verlassen hat, in ganz unbegreiflicher Verblendung diesen Leuten, die an der Spitze der Zivilisation marschieren, nicht sofort auf dem Fuße folgt. Nur sein Vertrauen auf die Hilfe Napoleons war es, das ihn zu Schritten verleitete, deren Folgen zerschmetternd auf sein Haupt fallen werden. Ist Ihnen das berüchtigte Dekret vom 3. Oktober bekannt?« – Ja.« – »Und Ihrer Regierung auch?« – Jedenfalls.« – »Nun, so lassen Sie mich katechetisch verfahren. Welchen Inhalt hat dieses Dekret?« – »Ein jeder Feind des Kaiserreiches ist ein Landesverräter und Empörer und wird ohne vorheriges Urteil mit dem Tode bestraft.« – »Dieses Dekret hat vielen, vielen das Leben gekostet. Selbst meine treuen Generäle Arteagar und Salazar wurden ohne Urteil und Recht gemordet. Wir lebten friedlich im Land; wir waren glücklich. Da kamen die Franzosen und sagten, wir hätten kein Recht, Frieden und unsere Verfassung zu haben, Max müsse unser Kaiser sein. Das Blutvergießen begann. Wer waren die Empörer, junger Mann?« Kurt zuckte die Achseln.

»Etwa wir?« – »Hm!« – »Oder die Franzosen? Oder Napoleon und Max?« – »Señor, Sie haben recht«, meinte Sternau mit seiner tiefen, kräftigen Stimme.« – »Und dennoch waren wir es, die als Räuber behandelt wurden«, fuhr Juarez erregt fort. »Der Inhalt jenes blutigen Dekretes ist kein anderer als der Spruch jenes alten Eroberers: ›Wehe den Besiegten!‹ Wir waren die Besiegten, und das Wehe kam über uns. Jetzt aber hat unser gerechter Gott geholfen. Wir sind die Sieger. Wir könnten nun auch rufen: ›Wehe den Besiegten!‹ Und mit viel größerem Recht. Doch wir tun es nicht. Wir wollen nicht ungerecht, nicht grausam sein. Aber unser Recht wollen wir, und wenn wir dies wollen, so wollen wir folgerichtig, daß auch einem jeden anderen, also auch den Bedrückern unseres Landes, sein und ihr Recht werde. Ist Ihnen das jus talionis – Recht der Wiedervergeltung – der Bibel bekannt, Señor Helmers?« – »Natürlich!« antwortete Kurt. – »Dieses Recht herrscht und gilt noch in der Prärie, allüberall, wo die Völker noch in guter, alter patriarchalischer Weise beisammen wohnen …« – »Es ist grausam«, fiel Kurt ein. »Diejenigen Nationen, die Anspruch auf die Segnungen der Zivilisation …« – »Gehen Sie mir mit dieser Zivilisation!« unterbrach ihn Juarez. »Zählen Sie die Franzosen auch zu diesen zivilisierten Nationen?« – »Natürlich!« – »Ich habe es auch getan. Aber sie sind ohne alle Ursache in Mexiko eingefallen wie die Räuber! Ist das ihre Zivilisation, ihre Bildung? Wenn der Panther des Südens raubt und mordet, so ist er einfach ein Raubtier in Menschengestalt und wird seinen Käfig finden. Wenn dieser Cortejo erklärt, daß er Präsident sein wolle, so ist dies einfach wahnsinnig oder zum wenigsten lächerlich. Wenn aber Napoleon und Maximilian von Österreich mit einer Heeresmacht in ein Land einbrechen, dessen Bewohner ihnen nichts getan haben, so gleichen sie nur den Botokuden, Komantschen, Kurden und anderen wilden Völkerschaften, die ich unter die Barbaren zähle. Und wenn ich Sie unterbrach, als sie von den zivilisierten Nationen begannen, so haben doch auch diese das Vergeltungsrecht in ihre Gesetzbücher aufgenommen. Sie sagen zwar nicht mehr: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn!‹, aber sie bestrafen jedes Verbrechen und Vergehen, den Mord mit dem Tode und jedes andere mit einer kongruenten Summe von Freiheitsentziehung oder Geld. Haben Sie die Tropfen Blutes gezählt, die während der letzten Invasion in Mexiko geflossen sind?«

Kurt schüttelte trüben Angesichts mit dem Kopf.

»Nun, sie sind nicht zu zählen. Es sind nicht Tropfen, sondern Ströme. Bin ich im Unrecht, wenn ich dieser Ströme wegen den Schuldigen zum Tode verurteile, während ein jeder Richter einen Mörder, der nur ein einziges Menschenleben zerstörte, dem Henker überliefert?« – »Ich wiederhole, daß der, von dem Sie sprechen, das Glied einer erlauchten Kaiserfamilie ist.« – »Erlaucht? Was nennen Sie erlaucht? Kommt dieses Wort nicht von dem Verbum erleuchten her?« – Ja.« – »Nun, so stelle ich es Ihnen anheim, den Betreffenden erleuchtet zu nennen, ich aber hüte mich, es zu tun. Und je höher er steht, desto strafbarer ist er. Was würde man in Österreich sagen, wenn ich plötzlich dort mit einem Heer einbräche, um dem Volke zu beweisen, daß ich ein besserer Regent sei, als …«

Juarez wurde unterbrochen. Die Tür öffnete sich, und es trat, nein, es stürmte ein Mann heran, an dessen Kleidung man sofort den höheren Offizier erkannte. Nicht groß und nicht klein, nicht schmächtig und nicht dick, trug sein Äußeres das echt mexikanische Gepräge. Seine Gesichtsfarbe spielte in das Gelbliche; seine Züge waren scharf, seine Augen schwarz und glänzend, und die raschen Schritte, mit denen er auf Juarez zueilte, verrieten ein feuriges Temperament und eine große Energie des Charakters.

»Señor Juarez«, rief er, beide Hände zum Gruß ausstreckend. – »General Diaz«, entgegnete Juarez, indem sein Gesicht den Ausdruck des höchsten Erstaunens zeigte. – »Ihr wundert Euch, mich hier zu sehen?« – »Ihr hier in Zacatecas!« rief Juarez, indem er ihn bei den Händen nahm und dann umarmte. – Ja, hier, Señor. Ihr seht es ja!« – »Ich vermutete Euch noch jenseits der Hauptstadt!« – »Da war ich auch.« – »Und nun hier! Ist ein Unglück geschehen?« – »O nein! Ich komme im Gegenteil, Euch eine sehr gute Nachricht zu bringen.« – »Ah! So sprecht!«

Diaz sah die beiden anderen an.

»Das sind Señor Sternau und Señor Helmers, zwei Freunde von mir, vor denen ich offen sein kann«, erklärte Juarez.

Die drei verbeugten sich stumm gegeneinander, und dann fragte der General den Präsidenten:

»Habt Ihr meine Botschaften alle erhalten?« – »Die beiden letzten nicht.« – »Sie wurden von dem Gegner aufgefangen. Darum komme ich selbst. Daß die Franzosen aus dem Land sind, wißt Ihr?« – »Ja.« – »Daß Max in Querétaro ist, auch?« – »Auch.« – »Er hat nur noch drei Städte im Besitz: Mexiko, die Hauptstadt, Querétaro und Verakruz. In Mexiko kommandiert der Schuft Marquez, der die Bürger bis auf das Blut schindet.« – »Gott wird geben, daß er nicht lange mehr befehligt!« – »Ich hoffe es. Ich erwartete Nachricht von Euch. Da ich aber keine erhielt, weil die Boten weggefangen wurden, habe ich auf eigene Faust gehandelt.« – »Ah! Was habt Ihr unternommen?«

»Die drei Städte, die Maximilian noch gehören, müssen getrennt werden; ihre Verbindung muß unterbrochen werden. Darum habe ich Puebla belagert und erstürmt.« – »Wirklich?« fragte Juarez im Ton höchster Freude. – »Ja.« – »Und es ist in Eure Hand gefallen?« – »Natürlich, ja.« – »Das ist herrlich! Das ist ein großer Fortschritt. Señor Porfirio, hier meine Hand. Ich danke Euch aus vollem Herzen.« – »Und nun«, fuhr Porfirio Diaz fort, »komme ich selbst, um mit Euch und General Eskobedo das Weitere persönlich zu beraten. Ich will mich jetzt nur anmelden. Befehlt, wann Ihr zu sprechen seid.« – »Ich werde es Euch und Eskobedo wissen lassen. Jetzt seid Ihr mein Gast. Kommt und laßt Euch führen!«

Die Freude hatte den ernsten Zapoteken förmlich verjüngt und ganz verändert. Er entschuldigte sich gegen Sternau und Helmers, nahm den General beim Arm und führte ihn fort.

Erst nach einer längeren Weile kehrte er zurück. Sein Gesicht strahlte vor Vergnügen.

»Señor Sternau«, fragte er, »habt Ihr schon von diesem Porfirio Diaz gehört?« – »Sehr viel«, antwortete der Gefragte. – »Wenn ich an ihn denke oder ihn sehe, erinnere ich mich stets eines Generals des ersten Napoleon, den dieser den Bravsten der Braven zu nennen pflegte.«

»Ah, Sie meinen den Marschall Ney?« – »Ja. Diaz ist mein Marschall Ney. Er ist nicht bloß ein guter und außerordentlich zuverlässiger Militär, sondern auch ein nicht schlechter Diplomat. Ich bin fest überzeugt, daß er einst mein Nachfolger sein wird. Kennt Ihr die Lage von Puebla?« – »Sehr gut. Ich bin ja durch die Stadt gekommen.« – »Sie liegt zwischen der Hauptstadt und dem Hafen von Verakruz. Nun wir sie erobert haben, ist Max von Habsburg verloren. Er ist vom Hafen abgeschnitten und kann uns nicht mehr entgehen.«

Da erhob Kurt bittend die Hände und sagte:

»Señor, ich flehe um Gnade für ihn.« – »Und ich vereinige meine Bitte mit diesem Flehen!« meinte Sternau.

Juarez blickte sie kopfschüttelnd an. Sein Gesicht hatte einen weichen Zug, einen Zug der Milde angenommen, wie er an ihm nur selten zu bemerken war.

»Ich habe geglaubt, daß Sie mich kennen, Señor Sternau«, sagte er. – »Oh, ich kenne Sie ja auch!« antwortete der Doktor. – »Nun und wie denn?« – »Als einen festen, unerschütterlichen Charakter, der unter allen Umständen das hinausführt, was er sich vorgenommen hat.« – »Weiter nichts?« – »Dessen Herz aber doch nicht völlig unter der Herrschaft seines strengen Verstandes steht.« – »Da mögt Ihr recht haben.« – »Darum hoffe ich, daß unsere Bitte keine ganz vergebliche sei.« – »Hm. Was verlangen Sie denn eigentlich von mir?« – »Lassen Sie den Erzherzog entfliehen!« – »Und wenn ich dies nicht vermag?« – »So lassen Sie sein Urteil wenigstens nicht eins zum Tode sein.«

Der Zapoteke schüttelte den Kopf.

»Señores, Sie verlangen zu viel von mir«, sagte er. »Maximilian hat sich in jenem blutigen Dekret sein Urteil selbst gesprochen. Dennoch wollte ich Milde walten lassen, aber er hat mich nicht gehört. Ich darf keinen Kaiser von Mexiko anerkennen, wie er ja auch mich nicht als Präsidenten anerkannt hat. Ich sehe in ihm ebensowenig eine Person, mit der ich in diplomatischen Verkehr treten möchte, wie auch er es mit mir nicht getan hat. Doch ich bin nicht bloß Präsident, ich bin auch Mensch, und weil auch er Mensch ist, so habe ich zu ihm als Mensch zum Menschen gesprochen, er aber hat nicht auf mich gehört.« – »Welche Verblendung!« rief Sternau. – »Ich habe jene Señorita Emilia zu ihm gesandt. Sie hat ihn auf seine Umgebung aufmerksam gemacht. Sie hat ihm bewiesen, daß er nur Verräter oder schwachköpfige Abenteurer um sich hat – es hat nichts geholfen.« – »So ist er selbst schuld.« – »Er und kein anderer. Ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihm den Weg nach der See bis zum letzten Augenblick offenlassen werde – er hat gelacht. Ich habe ihm ferner gesagt, daß ich ihn nicht zu retten vermöge, sobald er als Gefangener in die Hände der Meinigen gerate – er hat abermals gelacht!« – »Gibt es keinen weiteren Ausweg?« fragte Kurt.

Juarez blickte ihn forschend an.

»Vielleicht«, antwortete er nachdenklich. – »Oh, so versäumen Sie ihn nicht!« – »Hm. Wollen Sie etwa die Sache übernehmen?«

Bei diesen Worten war das Auge des Zapoteken forschend, fast stechend auf Kurt gerichtet.

»Sofort«, antwortete dieser freudig. – »Es wird auch umsonst sein.« – »Ich hoffe das Gegenteil.« – »So! Sie sind allerdings der einzige Mann, dem ich so etwas anvertrauen möchte. Glauben Sie durch die Vorposten zu kommen?« – »Sie meinen die Vorposten der Kaiserlichen?« – »Ja. Für die meinigen gebe ich Ihnen ein Passepartout.« – »Ich bin gut legitimiert. Man wird mich nicht anhalten.« – »Und Sie glauben auch vor Maximilian zu kommen?« – »Ganz bestimmt.«

Juarez blickte Kurt noch einmal mit voller Schärfe an. Es war, als ob er in der tiefsten Tiefe von dessen Seele lesen wolle. Dann machte er eine rasche Wendung und setzte sich an den Tisch, auf dem neben allerlei Skripturen die nötigen Schreibrequisiten lagen. Er legte sich ein Blatt zurecht, tauchte die Feder ein und schrieb. Als er fertig war, gab er es Kurt hin und fragte:

»Wird das genügen?«

Kurt las:

»Hiermit verbiete ich, dem Vorzeiger dieses und dessen Begleitern irgendwelche Hindernisse in den Weg zu legen. Ich befehle im Gegenteil, sie auf alle Fälle und ohne weiteres alle Linien passieren zu lassen und ihnen allen möglichen Vorschub zu leisten, ihr Ziel schnell und sicher zu erreichen. Wer diesem Befehl zuwiderhandelt, wird mit dem Tode bestraft.

Juarez.«

»Das genügt vollständig, vollständig!« rief Kurt, im höchsten Grade erfreut.

Er sah sich bereits als Retter des Kaisers drüben in der Heimat und allerwärts gefeiert.

»Ich glaube nicht daran«, erwiderte Juarez. – »Oh, man wird doch diesem Befehl gehorchen!« – »Sicher. Aber der eine, auf den es ankommt, wird ihn nicht respektieren.« – »Maximilian?« – Ja.« – »Er wäre wahnsinnig.« – »Versuchen Sie es!« – »Darf ich ihm dieses Passepartout zeigen?« – Ja.« – »Auch anderen?« – »Nein. Sie dürfen sich dieses Papiers nur im Notfall bedienen. Übrigens gebe ich Ihnen zu bedenken, daß ich verloren bin und von meinen Anhängern sicher verlassen werde, wenn sie erfahren sollten, daß ich meine Hand zur Rettung des Erzherzogs bot. Ich gebe mich trotz Ihrer Jugend in Ihre Hände, aber ich hoffe, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen.«

Kurt wollte antworten. Der Zapoteke aber schnitt ihm die Rede mit der schnellen und kalten Bemerkung ab:

Jetzt habe ich alles getan, was mir möglich ist; jetzt werde ich für nichts Weiteres verantwortlich sein und wasche meine Hände in Unschuld. Fällt Max dennoch in unsere Hand, so ist er nicht zu retten. Ich bin nicht König eines absolut regierten Landes. Ich hänge von Verhältnissen ab, denen ich mich nicht entwinden kann. Darum bitte ich Gott, Ihrem Vorhaben seinen Segen zu geben.«

Juarez reichte Kurt die Hand und wandte sich dann zu Sternau:

»Ihr junger Freund wird nun Eile haben; er mag schleunigst abreisen, um nach Querétaro zu kommen. Vielleicht ist es ihm möglich, etwas für Señorita Emilia zu tun, für die ich einiges befürchte, da dieser Pater Hilario, ihr Feind, zum Kaiser gegangen ist. Was Sie betrifft, so wissen Sie, daß ich gern für Sie tue, was möglich ist. Heute aber bin ich es, der eine sehr große Bitte an Sie hat.« – »Könnte ich sie doch erfüllen«, meinte Sternau. – »Sie können es.« – »Dann haben Sie meine Zusage im voraus, Señor.« – »Warten Sie erst. Wie haben Sie über Ihre nächste Zeit verfügt?« – »Ich habe mich noch zu nichts bestimmt. Ich kam, um Ihnen zu melden, was geschehen ist. Ich weiß ja, daß wir ohne Ihre gütige Hilfe mit dem Ordnen der Verhältnisse der Rodriganda nicht zustande kommen.« – »Das ist allerdings sehr wahr. Die Cortejos, Josefa Cortejo, Landola, der Pater und sein Neffe, sie alle müssen in Anklagezustand versetzt werden. Es handelt sich darum, ein umfassendes Geständnis von ihnen zu erlangen. Und selbst dann ist es nicht möglich, einen gültigen Urteilsspruch zu erlangen.« – »Warum?« – »Bedenken Sie unsere gegenwärtigen Verhältnisse. Noch wissen wir ja nicht, was geschehen kann. Wo gibt es einen kompetenten Gerichtshof für Ihre Angelegenheit?« – »Ich denke bei Ihnen.« – »Meine Gerechtigkeitspflege ist noch ambulant. Für Ihre Angelegenheit bedürfen wir eines Richterspruches, der auch von anderen Mächten, besonders von Spanien anerkannt wird.« – »Das ist allerdings sehr richtig.« – »Wir müssen also warten, bis sich die Verhältnisse Mexikos leidlich geordnet haben.« – »Das ist leider höchst unangenehm.« – »Aber ich hoffe, bis zum Juni zu Ende zu sein. Bis dahin ist nicht gar zu lange Zeit. Wie gedenken Sie, dieselbe zu verbringen?« – »Würden Sie mir gestatten, in Ihrer Nähe zu bleiben?« – »Sehr, sehr gern! Das war es gerade, was ich wünschte. Das war ja die Bitte, die ich an Sie richten wollte. Hätten Sie nicht Lust, in meine Dienste zu treten?«

Sternau blickte überrascht auf.

»Als was?« fragte er. – »Als Offizier.«

Sternau schüttelte langsam den Kopf.

»Señor, Sie sehen ein, daß ich …« – »Pst!« unterbrach ihn Juarez lächelnd. »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Ihr Leben ist Ihnen und anderen, die sich seit zwanzig Jahre vergebens nach Ihnen sehnen, zu kostbar, als daß Sie es an eine Sache wagen möchten, die Sie unmittelbar doch nichts angeht.« – »Das ist allerdings meine Meinung. Ich hoffe, nicht falsch beurteilt zu werden.« – »Gar nicht. Ich bezweifle weder ihren Mut, noch Ihre außerordentliche Befähigung. Aber in meinem Dienst möchte ich Sie doch haben.« – »Als was, wenn nicht als Offizier?« – »Als Arzt.« – »Ah!« – »Ja. Wir kämpfen. Ärzte sind notwendig und leider so selten. Und welche Ärzte haben wir? Kaum einen, der eine geschickte Operation vorzunehmen vermag.« – »Auf welche Zeit würden Sie mich engagieren?« – »Auf keine bestimmte Frist. Ich will Ihnen nicht hinderlich sein. Sie können gehen, sobald Sie es für notwendig halten.« – »Gut, so akzeptiere ich.« – »Topp?« – »Topp!« Sie schlugen die Hände ineinander. Dann sagte Juarez: »Abgemacht also! Sie bringen mir ein Opfer, für das ich Ihnen dankbar sein werde. Welche Personen haben Sie noch bei sich?« – »Bärenherz und Büffelstirn, nebst dem Kleinen André.« – »Wie wollen sich diese beschäftigen?« – »Ich werde dafür sorgen. Bezüglich Andres hätte ich bereits jetzt eine Idee. Señor Helmers braucht einen Begleiter. Einen der Häuptlinge kann er unmöglich mitnehmen, also würde ich ihm André vorschlagen.« – »Ich nehme ihn mit, wenn er mitgeht!« meinte Kurt sehr rasch. – »Schön. Und nun noch eins. Erwähnten Sie nicht gewisse Gegenstände, die Sie im Keller des Klosters erbeutet haben?« – »Allerdings.« – »Was war es?« – »Der politische Briefwechsel des Paters und sodann die Meßgewänder, die er unterschlagen hat.« – »Sind Sie kostbar?« – »Sehr. Sie repräsentieren einen Reichtum von Millionen.« – »Sie werden mir diese Sachen vorlegen?« – »Ich bitte um die Erlaubnis dazu.« – »Sie haben dieselbe. Von jetzt an wohnen Sie mit in meinem Haus. Ich werde Ihnen sofort die nötigen Zimmer anweisen lassen. Und dann, wenn Sie sich ausgeruht haben, werden wir uns wiedersehen.«

9. Kapitel.

Ein einsamer Reiter trabte auf der Straße von der Hauptstadt nach Queretaro dahin. Zwischen beiden Städten, ungefähr in der Mitte des Weges, liegt das Städtchen Tula.

Der Mann passierte dasselbe, ohne anzuhalten, obgleich sein Pferd müde zu sein schien. Aber als er Tula im Rücken hatte, verließ er die von Militär belebte Straße und bog seitwärts in das Feld ein.

Dort lag die Ruine eines Hauses. Die geschwärzten Mauern verrieten, daß das Gebäude ein Raub der Flammen geworden sei. Jedenfalls war dies während des gegenwärtigen Krieges geschehen, denn es schien, als ob die Ruinen noch nicht alt seien.

Der Mann stieg ab, ließ sein Tier frei grasen und setzte sich in dem Schatten einer halbeingestürzten Wand nieder. Kaum war dies geschehen, so fuhr er zusammen.

»Pst!« hatte er es rufen hören.

Er blickte sich um, konnte aber nichts bemerken.

»Pst!« hörte er von neuem.

Er zog ein Pistol hervor und suchte mit dem Auge in allen seinem Blick erreichbaren Winkeln herum – vergebens.

»Pater Hilario!« rief es jetzt halblaut. Da sprang er auf. Wer kannte ihn hier?

»Pater Hilario!« wiederholte es.

Aus dem Ton entnahm er jetzt die Richtung, aus der die Stimme kam. Er trat hinter die Mauer, vor der er gesessen hatte. Dort stand – der kleine, dicke Verschwörer, ihn mit einem freundlichen, breiten Grinsen seines Gesichtes empfangend.

»Nicht wahr, das ist eine Überraschung?« fragt er. – »Ihr? Ihr?« rief der Pater erstaunt. »Wie kommt Ihr hierher?« – »Der geheime Bund ist allgegenwärtig. Ich habe Euch hier erwartet.« – »Mich? Wie konntet Ihr wissen, daß ich nach der Ruine kommen würde, um auszuruhen?« – »Das wußte ich allerdings nicht. Aber seht Ihr denn nicht, daß man von hier aus die Straße überblicken kann?« – »Wußtet Ihr, daß ich jetzt diese Straße kommen werde?« – »Daß Ihr jetzt kommen würdet, wußte ich nicht, daß Ihr aber überhaupt die Straße passieren müßtet, das konnte ich mir denken.« – »Wieso?« – »Ich war in Santa Barbara.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Ich sprach mit Eurem Neffen. Ihr wäret kaum eine Stunde fort.« – »So konntet Ihr mir ja nachreiten.« – »Das war unsicher, da ich nicht wußte, welchen Weg Ihr eingeschlagen hattet. Ich hätte Euch leicht verfehlen können. Da ich aber wußte, daß Ihr nach der Hauptstadt gingt und von da, weil Ihr dort den Kaiser nicht mehr treffen würdet, gezwungenermaßen Euch nach Querétaro wenden mußtet, so zog ich vor, mir einen Punkt zwischen den beiden Städten auszusuchen, wo ich überzeugt war, Euch zu sehen. Dieser Punkt mußte, Verhältnisse halber, im Freien liegen, und so habe ich diese Brandruine gewählt.« – »So habt Ihr mir also etwas Notwendiges mitzuteilen?« – »Ja.« – »Wie ging es in Santa Barbara?« – »Warum diese Frage?«

Der kleine Dicke blickte den Pater erstaunt und forschend an.

»Nun, sie ist doch sehr natürlich. Wer von der Heimat fern ist, der will doch gern etwas von ihr wissen.« – »Ah pah! Ihr wißt doch, daß ich kaum eine Stunde nach Eurem Fortreiten dort war. Was konnte sich in dieser kurzen Zeit ereignet haben.« – »Das kann man doch nicht wissen.« – »Ihr scheint Euch dort mit geheimnisvollen Dingen herumgetragen zu haben, von denen ich nichts erfahren soll.« – »Da irrt Ihr Euch sehr. Aber wir leben im Krieg, da kann jeder Augenblick eine Änderung bringen.«

Der Kleine blickte den Pater scharf an und fragte: »Wollt Ihr etwa mit mir Versteckenspielen?« – »Fällt mir gar nicht ein.« – »Das sollte Euch auch schlecht bekommen.« – »Ich habe keine Angst. Was ist es, was Ihr mir zu sagen habt?« – »Seit dem Tag, da ich Euch meinen Auftrag gab, hat sich einiges verändert. Ihr kennt doch die Aufgabe, die Euch geworden ist, noch ganz genau?« – »Das versteht sich.« – »Nun, ich komme, Euch dieselbe wesentlich zu erleichtern. Die Verbindung hat an einige Orte, die im Rücken der Republikaner liegen, Truppen detachiert, um dort kriegerische Demonstrationen zu unternehmen.« – »Ah! Das wird den Lauf des Präsidenten aufhalten.« – »Ja, aber noch mehr als das. Es wird auch Euch beim Kaiser großen Nutzen bringen.« – »Wieso?« – »Könnt Ihr Euch das nicht denken?« – »Nein.« – »Es fehlt Euch doch mehr Scharfsinn, als ich dachte! Diese Demonstrationen geschehen scheinbar zu Gunsten des Kaisers …« – »Ah, jetzt vermute ich«, fiel der Pater ein. – »Nun?« – »Max wird infolgedessen glauben, daß die Zahl seiner Anhänger größer ist, als er angenommen hat.« – »Sehr richtig.« – »Sein Mut, sein Vertrauen werden wachsen.« – »Das eben bezwecken wir.« – »Und infolgedessen wird er nicht daran denken, Mexiko als Flüchtling zu verlassen.« – »So ist es. Er wird seine Lage als viel besser nehmen, als sie in Wahrheit ist, und das wird ihn in die Hände der Republikaner liefern. Diese können ihn infolge seines Dekretes nicht begnadigen, und er wird erschossen. Juarez steht dann als sein Mörder da und ist vor aller Welt gebrandmarkt.« – »Wo finden diese Kundgebungen statt?« – »Die erste in Santa Jaga.« – »In Santa Jaga?« fragte der Pater erschrocken. – »Ja.« – »Alle Wetter! Warum gerade dort?« – »Der geheime Bund hat es beschlossen.« – »Wird das Kloster Barbara davon berührt?« – »Sogar in sehr hervorragender Weise.« – »Inwiefern?« – »Das Kloster ist wie eine Festung gebaut. Es gewährt genügenden Schutz gegen alle Angriffe. Darum ist es von den Unsrigen besetzt worden.« – »Donnerwetter! Wann?« – »In der Nacht nach Eurer Abreise.« – »Und ich bin nicht dort!« Der Pater machte ein Gesicht, auf dem sich eine peinliche Verlegenheit nicht verkennen ließ.

»Warum alteriert Euch das in solcher Weise?« fragte der Dicke, indem er ihn von der Seite fixierte. – »Nun, ich dächte, das wäre doch sehr leicht zu erraten.« – »Ich errate es keineswegs.« – »So seid Ihr es dieses Mal, dem es an dem nötigen Scharfblick mangelt.« – »Ah, Ihr werdet spitzig«, lachte der Kleine. »Aber ich bitte Euch, deutlicher zu sprechen.« – »Nun, Ihr wißt doch, daß ich der Leiter der Klosteranstalt bin.« – »Freilich.« – »Ich bin also auch für alles, was die Anstalt betrifft, verantwortlich.« – »Das geht mich nichts an.« – »Aber mich desto mehr. Wie viele Soldaten habt Ihr hingelegt?« – »Zweihundert ungefähr.« – »Nun, ich habe Kranke da, schwere und leichte Kranke, Rekonvaleszenten und Geisteskranke. Ihr könnt Euch denken, welchen Einfluß der Lärm und die Verwirrung, die bei einer solchen militärischen Okkupation des Klosters unvermeidlich sind, auf diese Patienten hervorbringen muß.« – »Pah! Sie mögen sterben.« – »Das sagt Ihr, ich aber nicht.« – »So sagt es mit!« – »Der Ruf meiner Anstalt wird geschädigt!« – »Pah! Seid Ihr Schuld an dieser Okkupation?« – »Nein, aber die Folgen kommen dennoch über mich.« – »Ah!« lachte der Kleine. »Seit wann seid Ihr denn so zartfühlend und bedenklich? Ich denke mir, daß Euer Mißmut noch einen ganz anderen Grund hat!«

Er hatte recht. Der Pater dachte an seine Gefangenen, die er unter der Obhut seines Neffen hatte zurücklassen müssen. Was konnte da alles geschehen! Wie leicht konnte alles verraten werden! Dennoch antwortete er:

»Ich wüßte keinen Grund, den ich noch haben könnte.« – »Nun, so braucht Ihr Euch auch nicht aufzuregen. Also, dieses Militär ist des Nachts im Kloster eingezogen und hat dann des Morgens die Stadt Santa Jaga für den Kaiser in Besitz genommen.« – »Ist das gewiß?« – Ja. Ich war zwar nicht dabei, aber es versteht sich ganz von selbst. Ich mußte noch des Abends fort, bin aber von dem Gelingen dieses Streiches vollständig überzeugt, weil da niemand da war, Widerstand zu leisten.« – »Oh, der Teufel hat zuweilen seine Hand im Spiel.« – »Der ist ja unser Verbündeter!« lachte der Kleine. Ähnliche Demonstrationen sind noch an neun anderen Orten geschehen.« – »Wo?« – »Hier ist das Verzeichnis dieser Orte.«

Der kleine Dicke zog einen Zettel hervor, den er dem Pater gab.

»Soll ich dieses Verzeichnis behalten?« fragte dieser. – »Natürlich!« – »Wozu?« – »Um es in Queretaro vorzuzeigen.« – »Bei wem?« – »Beim Beichtvater des Kaisers.« – »Ist dieser auch mit uns verbündet?« – »Das geht Euch nichts an. Ihr meldet Euch bei ihm, und das übrige wird sich dann ganz von selbst finden.« – »Sind auch diese anderen Demonstrationen gelungen?« – »Ja. Ihr könnt darauf schwören.« – »Nun, so bin ich sicher, daß wir den Kaiser festhalten.« – »Ich ebenso. Habt Ihr vielleicht noch eine Frage?« – »Nein.« – »Nun, so reitet in Gottes Namen weiter. Wir sehen uns wieder, sobald es nötig ist.« – »Wohin geht Ihr jetzt?« – »Danach habt Ihr eigentlich gar nicht zu fragen. Da man aber doch zuweilen wissen muß, wonach man sich zu richten hat, so will ich Euch sagen, daß ich nach Tula gehe.« – »Also ebenfalls nach Queretaro.« – »Nein. Ich reise nicht durch, sondern um Queretaro herum.« – »Weshalb? Wir könnten ja miteinander reiten.« – »Nein. Man braucht uns nicht beisammen zu sehen. Adieu!«

Der kleine Dicke verschwand zunächst hinter einem Trümmerhaufen und kam sodann mit einem Pferd zum Vorschein, auf dem er davonritt.

Der Pater setzte ebenfalls seinen Weg fort, indem er wieder nach der Straße hinüberlenkte. Das, was er gehört hatte, war nicht geeignet, ihn in eine gute Laune zu versetzen.

In Querétaro angekommen, begab er sich zum Beichtvater des Kaisers, dessen Wohnung leicht zu erfragen war. Dieser betrachtete ihn forschend und fragte:

»Man meldet Sie mir als Pater Hilario?« – »Ja, der bin ich.« – »Vom Kloster Santa Barbara?« – »Dort wohne ich.« – »Ich kenne Sie bereits seit längerer Zeit.« – »Ich habe leider nicht die Ehre, mich zu besinnen, wann und wo …« – »Oh«, fiel der Beichtvater ein, »ich meine nur, daß ich Sie per Distance kenne, nämlich als verdienstvollen Arzt …« –»Sie beschämen mich.« – »Und als treuen Anhänger Seiner Majestät des Kaisers. Oder sollte ich mich in letzterer Beziehung irren?« – »Nein. Ich bin bereit, mein Leben für den Kaiser zu opfern.« – »Ich habe das erwartet. Übrigens ist mir Ihr Besuch gestern angekündigt worden.« – »Darf ich fragen, von wem?« – »Von einem Freund, den auch Sie kennen, den ich aber jetzt nicht nennen will. Welche Botschaft bringen Sie mir?« – »Ich bringe die ebenso gute wie wichtige Nachricht, daß sich einige Ortschaften für den Kaiser erhoben haben.« – »Ah! Das wäre allerdings höchst wertvoll.« – »Welche Ortschaften sind es?« – »Hier ist das Verzeichnis derselben.«

Der Beichtvater nahm den Zettel in Empfang und las die Namen.

»Das sind ja lauter Städte, die im Rücken des Heeres von Juarez liegen«, meinte er mit gutgespieltem Erstaunen. – »Allerdings.« – »Und sind diese Aufstände als gelungen zu bezeichnen?« – »Ja, sämtliche.« – »Wissen Sie das genau?« – »Ich kann es beschwören. Bei einem derselben bin ich sogar Zeuge gewesen.« – »Sie meinen Santa Jaga?« – »Ja.« – »Sie haben den Putsch mit angesehen?« – »Ich war dabei, als das Militär einzog und die kaiserliche Fahne auf die Zinne des Klosters pflanzte.« – »Wie verhielt sich die Bevölkerung?« – »Ausgezeichnet. Als der Morgen anbrach, jubelte sie dem Zeichen des Kaiserreiches zu.« – »Würden Sie diese Worte in Gegenwart des Kaisers wiederholen?« – Gern.« – »Ich werde Sie sofort zu ihm fuhren. Warten Sie einen Augenblick.«

Der Beichtvater des Kaisers trat in ein Nebenzimmer, scheinbar, um sich in Beziehung auf seine Kleidung auf den Gang zum Kaiser vorzubereiten. Aber in diesem Zimmer stand – der kleine Dicke.

»Nun, wie verhält er sich?« flüsterte dieser. – »Tadellos!« – »Bestätigt er alles?« – »Er sagt sogar, daß er bei dem Putsch in Santa Jaga gegenwärtig gewesen sei.« – »Ah, ich glaubte nicht, ihn so fügsam zu finden. Er ist das Werkzeug, das man zerbricht, nachdem man es gebraucht hat.« – »Ah, Sie wollen ihn opfern?« – »Was anders? Oder sollen wir fallen anstatt seiner?« – »Würde dies notwendig sein?« – »Sicher! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß sämtliche Demonstrationen, deren Verzeichnis er besitzt, eine Lüge sind, ausgenommen diejenige in Santa Jage. Übrigens ist es nicht schade um den Kerl. Er hat Geheimnisse in seinem Kloster, die ich schon noch ergründen werde. Entweder er stirbt, oder wir beide sind verloren und – Miramon dazu.«

Der Dicke nannte diesen Namen so leise, daß er kaum gehört werden konnte.

»Ich werde ihn also zum Kaiser führen«, meinte der Beichtvater. – »Aber vorher zu Miramon.« – »Gut. Werde ich diesen in seinem Quartier treffen?« – »Nein, er ist hier im Kloster in seinem Kabinett.«

Kaiser Max hatte nämlich in dem Kloster la Cruz in Querétaro sein Hauptquartier aufgeschlagen. Dort wohnte natürlich auch sein Beichtvater, bei dem sich der Pater jetzt befand.

»Und wo treffe ich Sie wieder?« fragte der Beichtvater. – »Ich verlasse Querétaro sofort«, antwortete der Dicke. »Alle Botschaften senden Sie mir nach meiner Wohnung in Tula.«

Er verließ das Gemach durch eine Seitentür. Der Beichtvater aber trat in das Zimmer zurück, in dem der Pater sich befand. Seine Miene war die eines freundlichen Protektors, als er diesem sagte:

»Wir werden zunächst zum General Miramon gehen. Sind Sie bereit dazu?« – »Warum nicht direkt zum Kaiser?« – »Sie wissen ja, daß man zu gekrönten Häuptern nicht direkt gelangt wie etwa zu einem einfachen Bürger.« – »Ich stehe zur Verfügung.«

Sie verließen das Gemach und gingen über einen Korridor, bis der Geistliche eine Tür öffnete. Sie traten ein und befanden sich in einer Art Vorzimmer.

Hierauf klopfte der Beichtvater an eine nach innen führende Tür, die er öffnete, nachdem ein lautes, gebieterisches »Herein!« erschollen war.

Nachdem er die Tür sorgfältig wieder hinter sich zugezogen hatte, stand er vor dem berühmten oder vielmehr berüchtigten General, den man mit dem besten Gewissen als einen Räuber und sogar Verräter bezeichnen kann.

Dieser warf einen forschenden Blick auf ihn und fragte dann, ohne seine tiefe Verbeugung weiter zu beachten.

»Was bringen Sie mir?« – »Einen Mann, den ich Ihnen vorstellen muß.« – »Wer ist es?« – »Pater Hilario aus Santa Jaga.«

Das Gesicht des Generals nahm einen gespannten Ausdruck an.

»Ah, dem wir jene zweihundert Mann schickten?« – »Ja.« – »Ist er zu Hause gewesen?« – »Nein, er war bereits unterwegs.« – »Schade. So wird er uns wenig nützen.« – »O doch! Er schwört, bei dem Putsch zugegen gewesen zu sein.« – »Der natürlich gelungen ist?« – »Selbstverständlich!« – »Das ist gut. Sie haben die Sache famos arrangiert. Wenn ich Präsident sein werde, erhalten Sie Ihre Belohnung.«

Er machte eine Pause, während welcher sein Gesicht einen bedenklichen, ja finsteren Ausdruck annahm, dann fuhr er fort:

»Aber meinen Sie nicht, daß unser Spiel ein gewagtes ist?«

Der Geistliche schüttelte den Kopf.

»Ich kann das nicht einsehen«, sagte er. – »Und doch kommen mir allerlei Gedanken. Wir liefern den Kaiser in die Hände des Juarez. Wird dieser dankbar sein und uns dafür frei abziehen lassen?« – »Ganz sicher.« – »Bedenken Sie, daß wir, um den Löwen zu fangen, selbst vorher in die Falle gehen müssen. Fast möchte ich es eine Dummheit von Juarez nennen, wenn er mich, ›seinen Feind und Nebenbuhler‹, frei ließe.« – »Ich kenne Juarez. Er ist edel und dankbar.« – »Sein Edelmut ist mir sehr gleichgültig, aber auf seine Dankbarkeit möchte ich rechnen. Lassen Sie den Mann ein!«

Der Pater durfte eintreten. Er ahnte keineswegs, daß er jetzt vor dem Obersten des Geheimbundes stehe. General Miramon fixierte ihn scharf und fragte dann:

»Sie nennen sich Pater Hilario?« – »Ja, Señor.« – »Man sagt mir, daß Sie aus Santa Jaga seien.« – »So ist es die Wahrheit.« – »Was haben Sie von dort zu berichten?« – »Es ist ein Trupp Kaiserlicher dort eingezogen und hat die Fahne des Kaiserreiches entfaltet.«

Miramon legte die Stirn in Falten und meinte:

»Sie wollen sagen: ein Trupp Wahnsinniger. Denn Wahnsinn ist eine solche Kundgebung, wenn sie nicht von anderen, ähnlichen Demonstrationen unterstützt wird.« – »Das letztere ist ja eben der Fall.« – »Wie? Es hätten auch an anderen Orten solche Vorgänge stattgefunden?« – »Ja.« – »Wo?« – »Hier ist das Verzeichnis, Señor. Ich glaube übrigens, daß diese Bewegung immer weiter um sich greifen wird.« – »Ah, Sie bringen mir da eine sehr gute Nachricht! Können Sie die Wahrheit derselben verfechten?« – »Ich stehe mit meinem Kopf dafür.«

Man sieht, daß der Pater bei jeder Instanz mehr sagte, als bei der vorigen, mehr, als er zu beweisen vermochte.

Der General las das Verzeichnis durch und fragte dann:

»Sind diese Demonstrationen überall geglückt?« – »Ja, vollständig.«

Miramon mußte sich alle Mühe geben, um ein halb mitleidiges, halb triumphierendes Lächeln zu verbergen, und fragte weiter:

»Ihre Antwort ist für mich bestimmt?« – »Nicht allein, Señor.« – »Ah! Für wen noch?« – »Ich hoffte, daß meine frohe Botschaft mir den Zutritt bei Seiner Majestät öffnen werde.«

Miramon machte ein scheinbar erstauntes Gesicht und fragte:

»Zum Kaiser wollen Sie?« – »Ich bitte um die Erlaubnis dazu.« – »Warum?« – »Um ihm meine Nachricht zu bringen.« – »Es genügt, wenn sie mir gebracht wird. Sie wissen wohl, daß ich hier der Oberstkommandierende bin?« – »Ich weiß es, Señor. Aber doch hat jeder brave Untertan den Wunsch, seinen Herrscher einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und ich hege die Hoffnung, daß meine Botschaft geeignet ist, zur Erfüllung dieses Wunsches beizutragen.« – »Hm! So haben Sie den Kaiser noch nicht gesehen?« – »Noch nie.« – »Ich gebe zu«, meinte Miramon mit gutgespieltem Zögern, »daß das, was ich von Ihnen höre, eine Belohnung verdient. Also, Sie können alles verbürgen?« – »Mit meinem Kopf, mit meinem Leben!« – »Und Sie werden dem Kaiser alles wiederholen?« – »Alles!« – »So bin ich nicht abgeneigt, Ihnen den Zutritt zu ihm zu eröffnen.«

Miramon schnallte den Säbel, der in einer Ecke lehnte, um und sagte zu dem Beichtvater, der wartend an der Tür stand:

»Ich danke Ihnen! Wir sehen uns wieder!«

Der Geistliche verschwand, und der General winkte dem Pater, ihm zu folgen.

10. Kapitel.

Um dieselbe Zeit, oder vielmehr einige Minuten zuvor, stand Kaiser Max am Fenster und blickte mit einem ernst sinnenden Ausdruck seines Gesichtes hinab in den Klostergarten. In der Mitte des Zimmers aber stand ein untersetzt gebauter Mann in reicher mexikanischer Uniform. Dieselbe trug die Abzeichen des Generals, und sein Gesicht, ebenso ernst wie dasjenige des Kaisers, war vom Wetter tiefgebräunt und gegerbt. Der Mann, dem man die indianische Abstammung leicht ansah, war – General Mejia.

Als Juarez gegen Sternau den Marschall Ney, den Bravsten der Braven, erwähnte, hatte er seinem General Porfirio Diaz dieselbe Bezeichnung gegeben. Kaiser Max aber hätte ganz mit ebendemselben Recht den General Mejia den Bravsten der Braven, den Treuesten der Treuen nennen können.

Die beiden Herren hatten augenscheinlich ein sehr ernstes Gespräch durch eine Pause unterbrochen. Endlich beendete der Kaiser diese, indem er, ohne sich umzudrehen, fragte:

»Und Puebla ist also auch verloren?« – »Unwiederbringlich, Majestät.« – »Sagen Sie dieses Wort mit voller Überzeugung?« – »Leider.« – »Und doch denke ich, daß dieser Ort wieder zurückzuerobern sei.« – »Ich sehen keine Möglichkeit ein.« – »Ah! Haben wir hier nicht fünfzehntausend Mann zur Verfügung?« – »Wir können keinen einzigen Mann entbehren.« – »Warum nicht?« – »Weil uns Eskobedo bedroht.« – »Er liegt noch in Zacatecas.« – »Aber er hat seine Avantgarde so weit vorgeschoben, daß er uns in drei Tagen erreichen kann, vielleicht sogar in zweien.«

Da drehte sich der Kaiser schnell um und sagte:

»Ah! Sie fürchten Eskobedo?«

Mejia antwortete nicht.

»Nun?« fragte Maximilian ungeduldig. – »Ich fürchte ihn nicht, aber er ist einer der besten Generäle, die ich kenne«, antwortete Mejia. »Übrigens glaube ich, niemals gezeigt zu haben, daß ich Furcht besitze.« – »Aber Sie sind zu bedenklich.« – »Nicht für mich, sondern für meinen Kaiser.« – »Ihre Bedenklichkeit ist es ja, die Puebla für immer aufgibt.« – »Weil ich keine Mittel sehe, es zurückzunehmen.« – »Nun, wenn wir unser Militär brauchen, so kommandiert ja Marquez in der Hauptstadt. Er ist im Besitz verfügbarer Kräfte.« – »Er braucht diese Kräfte. Er ist von Diaz bedroht.« – »So halten Sie Diaz für einen so vorzüglichen General wie Eskobedo?« – »Für noch vorzüglicher!« – »Marquez wird ihm gewachsen sein.« – »Majestät gestatten mir, zu zweifeln. Marquez ist verhaßt. Er ist zu langsam, er ist nicht treu. Gerade sein Zögern, sein Hinhalten trägt die Schuld, daß es Porfirio Diaz gelang, Puebla wegzunehmen.« – »Mein Gott! Welche Perspektive eröffnen Sie!« – »Leider! Majestät, wir sind eingeschlossen.« – »Sie meinen, wir können nicht nach der Küste?« – Jetzt nicht mehr.« – »Auch vereint nicht?« – »Nein.« – »Pah! Ich verfüge im ganzen über dreißigtausend Mann guter Truppen. Wenn ich mich entschließe, die Hauptstadt und Querétaro zu räumen, so bringen diese Truppen mich sicher nach Verakruz. Was meinen Sie? Zweifeln Sie auch da noch?« – »Leider ja.« – »Warum?« fragte Max ungeduldig oder vielleicht sogar unwillig. – »Erstens traue ich diesen ›guten Truppen« nicht. Und zweitens hat uns Porfirio Diaz den Weg verlegt.« – »Wir sind stärker als er. Wir werfen ihn über den Haufen.« – »Eskobedo würde ihm sofort durch einen eiligen Flankenmarsch zu Hilfe kommen.« – »So schlagen wir erst den einen und sodann den anderen.« – »Bedenken Majestät, daß, wenn wir Querétaro und die Hauptstadt aufgeben, wir in freier Feldschlacht ohne alle Stütze sind, während wir jetzt wenigstens unter Deckung stehen.«

Max war kein Kriegsmann. Seine Ansichten bewegten sich bald auf der höchsten Sprosse der Hoffnungsleiter, bald sanken sie wieder und rasch bis auf die unterste herab.

»So ist also Ihre Ansicht, daß alles verloren sei?« fragte er mutlos. – »Alles!« antwortete Mejia in tiefem Ton.

Da strich der Kaiser sich den Bart, seine Augen ruhten vorwurfsvoll auf dem General, und er sagte:

»Wissen Sie, daß Sie durchaus nicht Hofmann sind?« – »Majestät, ich bin es nie gewesen. Ich bin Soldat und meines Kaisers treuer, wahrheitsliebender Untertan.«

Da reichte Max ihm die Hand und sagte mit dem mildesten Ton seiner Stimme:

»Ich weiß das. Sie sind zwar immer ein Unglücksrabe gewesen, aber Sie haben es gut gemeint.« – »Ein Unglücksrabe?« fragte Mejia unter überströmendem Gefühl seines Herzens. »Nein, nein, Majestät. Ich habe Majestät gewarnt, seit Sie den Fuß auf den Boden dieses Landes setzten. Meine Warnungen verhallten ungehört. Nun werde ich mit meinem Kaiser untergehen.«

Wieder trat eine Pause ein, während welcher der Kaiser trüben Sinnes zum Fenster hinausblickte. Dann drehte er sich schwer und langsam um und sagte:

»General, ich will gestehen, daß ich jetzt wünsche, mich zuweilen Ihrer Ansicht gefügt zu haben.«

Da ergriff Mejia des Kaisers Hände, küßte sie und benetzte sie mit Tränen und rief aus:

»Dank, tausend Dank für dieses Wort, Majestät. Es entschädigt mich für alles, was ich im stillen erlitten habe.« – »Ja. Sie sind treu und zuverlässig. Und Sie glauben wirklich, daß wir weichen müssen?« – »Weichen? O nein, das können wir gar nicht.« – »Wieso?« – »Wohin wollen wir weichen?« – »Hm! Ich weiß es nicht.« – »Es gibt keinen Ort. Man wird Mexiko und Verakruz nehmen und uns hier erdrücken.« – »So werden wir kämpfen.« – »Kämpfen und sterben!« – »Dieses letztere Wort mag ich nicht hören. Ich scheue nicht den Heldentod auf dem Schlachtfeld; aber man wird es niemals wagen, Hand an das Leben eines Sohnes des Hauses Habsburg zu legen.«

Da streckte Mejia abwehrend seine Hand aus und rief:

»Man wird es wagen, Majestät.« – »Meinen Sie?« fragte Max fast drohend und indem er seine Gestalt stolz aufrichtete. – »Ich bin überzeugt davon.« – »Das wäre Kaisermord.« – »Die Bewohner dieses Landes sagen, daß sie keinen Kaiser kennen.« – »Man würde mich rächen.« – »Wer?« – »Die Mächte.« – »Haben England und Spanien etwas vermocht? Sie haben ihre Truppen bereits im ersten Augenblick zurückgezogen. Hat Frankreich etwas erreicht? Napoleon hat sich rechtzeitig aus der Schlinge gezogen und uns darin zurückgelassen. Welche Macht sollte uns rächen?« – »Die Stimme der Geschichte.«

Diese Worte waren im Ton tiefster Überzeugung gesprochen.

»Die Geschichte?« fragte Mejia. »Ist sie stets unparteiisch?« – »Nicht immer, aber die Nachwelt müßte unsere Richter verurteilen.« – »Vielleicht verurteilt die Nachwelt uns.« – »Wieso?« – »Indem sie sich auf die Seite der Mexikaner stellt.« – »Also auf die Seite unserer Mörder?« – »O Majestät, gestatten Sie mir in Gnaden, diesen Punkt mit objektivem Auge zu betrachten. Der echte Mexikaner kennt keinen Kaiser von Mexiko. Er nennt den Erzherzog von Osterreich einen Eindringling, der widerrechtlich das Land mit Blut übergössen hat.« – »General, Sie ergehen sich in starken Ausdrücken.« – »Aber diese Ausdrücke bezeichnen die Stimme der Republikaner sehr genau. Und dazu bitte ich, an das Dekret zu denken.« – »Erwähnen Sie es nicht!« rief Max unter der Gebärde eines tiefen Unmutes. – »Und doch muß ich dies tun. Ich riet Ihnen damals von der Unterschrift ab, sie wurde dennoch vollzogen.« Von dem Augenblick an aber, als wir die Republikaner als Mörder bezeichneten und behandelten, hatten sie, von ihrem Standpunkt aus betrachtet, das doppelte Recht, dies auch mit uns zu tun. Gerät der Erzherzog Max von Österreich in ihre Hände, so machen sie ihm den Prozeß, ohne nach dem Urteil der Mächte oder nach der Stimme der Geschichte zu fragen.« – »Das wäre schrecklich.« – »Ja, man wird uns als gemeine Mörder behandeln und erschießen.« – »Eher sterbe ich mit dem Degen in der Faust.« – »Nicht immer hat man die Gelegenheit zu einem solchen Tode.« – »So gibt es also kein Mittel, einem so gräßlichen Schicksal zu entrinnen?« – »Es gibt eins.« – »Sie meinen den Rückzug?« – »Ein Rückzug? Wohin? Es gibt keinen. Ein Rückzug war möglich, als Bazaine wartete, Sie an Bord aufzunehmen. Ein Rückzug war möglich, noch immer und zum letzten Male möglich, als uns Puebla noch gehörte und der Weg nach Verakruz noch offenstand. Jetzt ist das nicht mehr der Fall.« – »Nun, welches Rettungsmittel meinen Sie?« – »Die Flucht.« – »Die Flucht?« fragte Max, sich abermals stolz emporrichtend. – »Ja.« – »Nie, niemals!« – »Sie ist der einzige Weg der Rettung.« – »Ich verschmähe, ihn zu betreten.« – »Und ich würde ihn nicht verschmähen.« – »Man würde Sie für feig erklären.«

Da richtete Mejia sich stolz empor.

»Majestät«, sagte er, »ich hoffe, man kennt den General Mejia zu gut, als daß es möglich sei, ihn für einen Feigling zu halten.« – »Und dennoch würde man dies tun.« – »Hielt man Bonaparte für einen Feigling, als er aus Ägypten und Rußland flüchtete? In beiden Fällen ließ er sein Heer zurück, das nichts zu erringen vermochte.« – »Er rettete die Kaiseridee, nicht sich.« – »Sie haben ganz dieselbe Aufgabe.« – »Ich halte aus.« – »Oder noch ein Beispiel. War der schwedische Karl ein Held, als er verachtete, nach der Heimat zurückzukehren?« – »Er war ein Tollkopf.« – »Und doch war er wenigstens seines Lebens sicher. Hier aber lauert der Tod in seiner schrecklichsten Gestalt auf Sie.« – »Ich halte auch diese Rettung für unmöglich.« – »Darf ich fragen, warum?« – »Das ganze Land ist vom Feind besetzt.«

Da legte Mejia mit blitzenden Augen seine Hand an den Degen und antwortete:

»Haben Sie nicht mehrere hundert ungarische Husaren, die bereit sind, ihr Leben für Sie zu lassen? Stellen Sie mich an die Spitze dieser Leute, und ich hafte mit meinem Ehrenwort und mit meinem Kopf dafür, daß ich Sie wohlbehalten an die Küste und auf ein Schiff bringe.« – »Ich darf diese Treuen nicht opfern.« – »Sie opfern sie auch, indem Sie hierbleiben.« – »Was wird aus den anderen, aus meinen Generälen, wenn es mir gelingt, zu entkommen? Man wird sie ergreifen!« – »Man wird dies auch tun, wenn Sie bleiben.« – »Aber dann wird es möglich sein, für sie zu sprechen.« – »Man wird nicht auf diese Fürsprache hören.« – »Sie würden verloren sein, alle, Marquez, Miramon …«

Mejia wagte den Kaiser zu unterbrechen, indem er fragte:

»Getrauen sich Majestät wirklich, diesen Miramon durch Ihre Fürsprache zu retten?« – Ja.« – »Er ist der erste, dem man den Prozeß machen wird.« – »Er steht unter meinem Schutz.« – »Man wird diesen Schutz nicht anerkennen. Miramon gilt im ganzen Land als Verräter.« – »General!« – »Ich weiß es, ich darf es behaupten.« – »General!« rief Max abermals in strengem Ton.

Mejia achtete nicht darauf. Er fuhr fort:

»Man gibt ihm die Schuld an allem, was geschehen ist.« – »Beweisen Sie es!« – »Tausend Stimmen sind zu hören!« – »Ah! Was sagen diese tausend Stimmen?« – »Haben Majestät von Jecker gehört?« – »Natürlich!« – »Dieser naturalisierte Franzose borgte Miramon, der damals Gegenpräsident war, sieben Millionen Franken, gab ihm aber nur drei Millionen bar und die anderen vier in wertlosen Papieren. Hierfür erhielt Jecker von Miramon Schuldbriefe, die auf die Republik Mexiko lauteten, und zwar im Betrag von fünfundsiebzig Millionen Franken. Über achtundsechzig Millionen also waren erschwindelt.« – »General!« – »Diese Schwindelschuld kaufte Herr Morny, Halbbruder Napoleons. Und weil Juarez diese Summe nicht bezahlen wollte, so …« – »General!« rief Max noch drohender.

Aber Mejia ließ sich in seinem ehrlichen Feuereifer nicht irremachen, sondern er fuhr fort:

»So überzog Napoleon unser schönes Land mit Krieg.« – »Ah, Sie machen mich zum Mitschuldigen!« rief Max. – »Nein. Das sei fern von mir! Davor mag unser Gott mich in Gnaden behüten! Ich halte es nur für meine Pflicht, Sie auf die Stimme des Landes, des Volkes aufmerksam zu machen, die vielleicht einmal die – Stimme der Geschichte sein wird.« – »Sie sind mehr als kühn!« – »Ich bin es nur, um Sie zu retten. Ich muß Ihnen beweisen, daß Miramon nichts zu erwarten hat, weder Gnade noch Barmherzigkeit. Und Marquez, Lopez und die anderen, unter denen die Bewohner der Hauptstadt seufzen, werden auch nicht gerettet, indem Sie sich für dieselben opfern. Ein Haar Eurer Majestät ist teurer und mehr wert als diese Männer zusammen. Majestät, Sie sehen mich zu Ihren Füßen. Ich vereinige mein Flehen mit den Bitten aller Ihrer treuen Diener und Untertanen. Lassen Sie das Wort Flucht nicht den schlimmen Klang haben, den es zu besitzen scheint! Vertrauen Sie sich mir an! Kehren wir zurück nach Europa, um Kräfte zu sammeln, das hohe Spiel, das uns die Klugheit rät, einstweilen aufzugeben, von neuem zu beginnen und dann zu gewinnen.«

Mejia war vor Max niedergekniet und hatte dessen Hände ergriffen.

»Ich – kann nicht!« antwortete dieser.

Da spielte Mejia seinen letzten und besten Trumpf aus. Er sagte:

»Denken Sie unserer hohen Kaiserin. Noch ist vielleicht Rettung für sie möglich. Vielleicht belebt sich ihr Auge, wenn es auf den Mann fällt, dem ihre Seele, ihr Herz, ihr Leben gehören. Soll sie in die Nacht unrettbaren Geistestodes fallen, wenn sie vernimmt, daß dieser Mann gestorben sei, gestorben am Kreuz im dunklen Winkel, gestorben den Tod des Verbrechers?«

Der Kaiser entzog dem General seine Hände und legte sie vor das leichenblasse Angesicht.

»Wer – wen erwähnten Sie da?« rief er. – »Diejenige, die Sie vielleicht retten können und retten müssen, indem Sie sich selbst retten.« – »Charlotte, o Charlotte!«

Bei diesem Schmerzensruf rollten dem Kaiser Tränentropfen zwischen den Fingern hervor. Er war tief bewegt. Seine Brust hob und senkte sich, und hinter den vorgehaltenen Händen ließ sich ein lautes Schluchzen hören.

»Majestät!« rief der noch immer kniende General in bittendem Ton.

Da ließ Max die Hände sinken und sagte unter strömenden Tränen:

»Mejia, Sie haben da eine Saite berührt, deren Klang ich niemals widerstehen konnte.«

Jetzt sprang der treue Mann auf und rief:

»O mein Gott, wäre es möglich, daß du das Herz meines Kaisers gelenkt hättest?« – Ja, er hat es gelenkt«, antwortete Max. »Mein Weib, meine Charlotte soll nicht dem Wahnsinn verfallen, wenn es mir möglich ist, ihrem Geist das Licht wiederzugeben. Also Sie halten die Rettung für möglich?« – Ja.«

– »Aber nur durch die Flucht?« – »Nur durch sie.« – »Sie meinen heimliche Flucht?« – »Nein. Heimlich zu fliehen, bin auch ich zu stolz. Freilich braucht nicht jeder vorher zu erfahren, daß Sie das Land verlassen wollen. An der Spitze Ihrer treuen Husaren bringe ich Sie sicher an das Meer.« – »Aber die Republikaner?« – »Ich fürchte sie nicht!« – »Sie werden es erfahren und uns den Weg verlegen.« – »Sie werden uns ziehen lassen.«

– »Nachdem wir sie zurückgeschlagen, ja. Aber ich will so wenig wie möglich Blut vergießen.« – »Es soll keins vergossen werden. Juarez wird uns beschützen.« – Juarez?« fragte der Kaiser erstaunt. – Ja.« – »Welch ein Rätsel! Juarez wird meine Flucht beschützen?« – Ja«, antwortete Mejia im Ton größter Zuversicht. – »Inwiefern?« – Darf ich an die Dame erinnern, die Majestät bereits einige Male gesprochen haben?« – Jene Señorita Emilia etwa?« – Ja.« – »Sie ist mir doch einige Male absichtlich in den Weg getreten.« – »Haben Majestät mit ihr gesprochen?« – »Nein. Sie hat mir jedesmal ein Schreiben übergeben.« – »Darf ich erfahren, was diese Schreiben enthielten?« – Die dringende Mahnung zur Flucht.« – »War Juarez nicht erwähnt?« – Ja. Ich hielt sie für eine Abenteurerin!« – »Vielleicht ist sie das auch. Aber Juarez bedient sich ihrer zu Aufträgen, die nicht den Charakter des Offiziellen trafen dürfen.« – »Ah! So ist sie seine Spionin?« – »Nein, sondern seine Agentin.« – »Verkehren Sie noch mit ihr?« – Ja.« – »Das könnte Sie verdächtig erscheinen lassen, General!« – »Majestät, Juarez will nicht Ihren Tod. Er weiß, daß er Sie nicht zu retten vermag, wenn Sie in die Hände der Republikaner gefallen sind, und so sandte er diese Dame als Botin, die seinen Wunsch in diskreter Weise zu erkennen geben soll. Sie hat sich an mich gewandt.« – »Hat sie bestimmt formulierte Aufträge?« – Die kann sie noch nicht haben. Aber sobald sie weiß, daß Majestät auf sie hören wollen, wird sie um eine kurze Audienz bitten.« – »Wo wohnt sie? Kennen Sie ihre Wohnung?«

– »Ja.« – »Sie sehen ein, daß es höchst unklug sein würde, der Vertrauten des Juarez wissen zu lassen, daß ich fliehen will. Aber ich will doch sehen, was sie mir mitzuteilen hat. Lassen Sie sie holen.« – »Sie ist bereits da.« – »Ah! Wo?« – »Im Garten.« – »Ich ahne, Sie haben sie bestellt oder mitgebracht.« – »Verzeihung, Majestät! Ich habe Gott gebeten, meinem Flehen bei meinem Kaiser Erhörung zu schenken. Ich war überzeugt, daß Gott ja und amen sage, und so beorderte ich die Señorita nach dem Garten, damit sie nötigenfalls sofort zur Hand sei.« – »Gut! Gehen Sie, um sie zu holen!«

11. Kapitel.

Mejia ging. Draußen begegnete er Miramon, der ihm mit einem fremden Menschen entgegenkam. Beide Generäle grüßten sich kalt und schritten gleichgültig aneinander vorüber.

»Warten Sie hier!« meinte Miramon zu dem Pater.

Er ließ sich melden und trat dann ein.

Im Angesicht des Kaisers lag ein Etwas, was der General sich nicht zu erklären vermochte. Mejia war hier gewesen. Jedenfalls galt es, den Eindruck, den dieser zurückgelassen hatte, wieder zu verwischen.

»Was bringen Sie?« fragte der Kaiser ernst. – »Eine außerordentlich wichtige Nachricht, Majestät«, antwortete der General unter einer tiefen Verneigung. – »Wichtig? Aber doch wohl nicht erfreulich?« – »Im Gegenteil, außerordentlich erfreulich.« – »Das bin ich leider gar nicht mehr gewöhnt.« – »Oh, Majestät werden sich bald wieder an das zurückkehrende Glück gewöhnen und Ihre Regierung noch lange zum Wohl und Ruhm des Landes fortsetzen.« – »Ich verstehe Sie nicht! Welche Nachrichten bringen Sie?« – »Juarez wird von Querétaro ablassen.« – »Ah!« rief der Kaiser im Ton des höchsten Erstaunens. – »Und Diaz von der Hauptstadt und Puebla.« – »Das wäre mir unbegreiflich.« – »Juarez ist gezwungen.« – »Wodurch?« – »Durch den Aufstand Ihrer Treuen.«

Da trat der Kaiser rasch näher.

»Einen Aufstand gibt es? Wirklich?« – »Ich bringe die Nachricht davon.« – »Gegen Juarez ein Aufstand?« – »Ja.« – »Wo?« – »Oh, an vielen, vielen Orten.« – »Nennen Sie dieselben.« – »Da ist zuerst zu nennen das Kloster della Barbara.« – »Wo liegt dieses?« – »In Santa Jaga.« – »Liegt diese Stadt nicht viel nördlicher als Zacatecas?« – »Allerdings.« – »So wäre dieser Aufstand ja im Rücken von Juarez.« – »So ist es.« – »Und die anderen Orte?« – »Liegen alle auch im Rücken der Republikaner.« – »Woher haben Sie diese Kunde?« – »Von einem sicheren Gewährsmann.« – »Können Sie sich auf ihn verlassen?« – »Wie auf mich selbst.« – »Wo befindet er sich?« – »«Vor der Tür Eurer Majestät,« – »Ah, Sie haben ihn mitgebracht?« – »Ich sagte mir, daß Majestät den Wunsch haben würden, eine so wichtige Botschaft aus seinem eigenen Mund zu hören.« – »Ich danke Ihnen. Wer ist der Mann?« – »Er ist ein hochgelehrter und berühmter Arzt, Pater Hilario, der Dirigent der ebenso berühmten Krankenheilanstalt della Barbara.« – »Wo der Aufstand ausgebrochen ist?« – »Ja.« – »Lassen Sie ihn eintreten!«

Eigentümlich! Die Haltung des Kaisers war im Handumdrehen eine ganz andere geworden. Er dachte bereits nicht mehr an Rückzug und Flucht, Seine Augen glänzten; seine Wangen hatten sich gerötet, und es war ein höchst wohlwollender Blick, mit dem er den Eintretenden betrachtete.

»Sie nennen sich Pater Hilario?« fragte er ihn. – »Zu Befehl, Majestät«, antwortete der Gefragte, indem er sich fast bis zur Erde verneigte. – »Haben Sie sich bisher mit Politik beschäftigt?« – »Ich habe mich nur mit meinen Kranken beschäftigt.«

– »Das ist sehr verdienstvoll. Man sagt mir, daß diese Anstalt jetzt sehr beunruhigt worden sei?« – »Majestät meinen die militärische Demonstration, die in Santa Jaga stattgefunden hat?« – »Ja. War sie bedeutend?« – »Sie wurde von vielleicht zweihundert Personen eingeleitet, und sodann beteiligte sich die Bevölkerung der ganzen Stadt und Umgegend daran.« – »In welcher Weise?« – »Man bewaffnete sich, man ließ Fahnen und Flaggen wehen, man läutete die Glocken und sandte zu den Nachbargemeinden, um Kompanien, Bataillone und Regimenter zu bilden, die ausziehen werden, unseren Kaiser zu schützen.« – »Wie hoch belief sich die Anzahl der Demonstrierenden in Santa Jaga?« – »Früh zweihundert, abends vielleicht bereits dreitausend.« – »Man sagt, auch andere Orte haben demonstriert?« – »Ich habe die Liste derselben bei mir.« –

»Zeigen Sie, guter Mann.«

Der Pater gab auch hier den Zettel hin. Maximilian las die Namen und sagte dann zu Miramon gewandt:

»Alle im Rücken von Juarez.« – »Desto besser für uns.« – »Gelangen diese Demonstrationen ebenso wie diejenige in Santa Jaga?« – »Gewiß. Die Bewegung wird sich wie ein Präriefeuer verbreiten. Nach meiner Rechnung stehen dreißigtausend Mann hinter Juarez, die sich von Stunde zu Stunde verstärken werden.« – »Man muß ihnen einen geeigneten Anführer senden.« – »Ich bitte um die Erlaubnis, dies mit Majestät besprechen zu dürfen. Aber wir sehen, daß der Kaisergedanke tief Wurzel geschlagen hat und von keinem republikanischen Schwärmer jemals wieder ausgerissen werden darf.« – »Wenigstens sind die militärischen Folgen dieser Kundgebung einzusehen.« – »Sie werden nicht auf sich warten lassen. Die Republikaner müssen sich gegen den neuen Feind nach Norden wenden. Das verschafft uns Luft und Raum zu neuen Evolutionen.«

Während der Kaiser mit Miramon ganz begeistert von den so plötzlich neu belebten Hoffnungen sprach, kam Mejia mit Emilia aus dem Garten.

»Seine Majestät noch allein?« fragte der General einen Bedienten. – »Nein«, antwortete dieser. – »Wer ist bei ihm?« – »Miramon und ein Unbekannter.«

Mejias Stirn legte sich in Falten. Die beiden waren also zum Kaiser gegangen. Er ahnte eine Gefahr, und schnell entschlossen, wie er als Soldat war, sagte er zu Emilia.

»Kommen Sie! Treten Sie gleich mit ein.«

Es war dies natürlich gegen den Gebrauch. Miramon machte daher ein sehr finsteres Gesicht, als er Mejia eintreten sah. Der Kaiser aber übersah in seiner Freude den faux pas und trat rasch auf Mejia zu.

»General, haben Sie bereits gehört, daß es nun nicht nötig sein wird, unseren Plan auszuführen?« – »Unseren Plan«, dachte Miramon. »Ah, sie hatten einen Plan, von dem ich nichts wissen sollte?«

Mejia verbeugte sich kalt und antwortete:

»Ich würde glücklich sein, zu hören, daß Ereignisse eingetreten sind, die diesen Plan unnötig machen. Darf ich mir eine Erkundigung erlauben?« – »Oh, sehr einfach! Man revoltiert gegen Juarez und zwar an zehn Orten, hinter seinem Rücken. Er ist jetzt gezwungen, mit seinen Truppen eine Rückwärtsbewegung zu machen, die uns erlaubt, angriffsweise vorzugehen und ihn zwischen zwei Feuer zu nehmen.«

Der verständige Mejia schüttelte den Kopf.

»Haben Eure Majestät Beweise?« fragte er. – Ja. Hier steht der Bote.«

Der General wandte sich zum Pater. Dieser hatte nicht gewagt, sich umzudrehen, als die Tür aufging, und hatte also Emilia auch noch nicht gesehen.

»Wer sind Sie?« fragte ihn Mejia. – »Er ist ein Señor, den ich Majestät bereits vorgestellt habe«, entgegnete Miramon in scharfem Ton.

Um Mejias Lippen spielte ein überlegenes Lächeln.

»Das schließt nicht aus, daß auch ich ihn kennenlernen muß«, antwortete er. »Majestät sind nicht so gnädig gewesen, mir den Namen zu nennen, nach dem ich mich also erkundigen muß.« – »Dieser Señor ist der Arzt Pater Hilario im Kloster della Barbara in Santa Jaga«, erklärte der Kaiser.

Mejia konnte einen Ausdruck der Überraschung nicht verbergen. Sein Blick flog zu Emilia hin und auf den Pater zurück, auf dem er streng und stechend haften blieb. Dann fragte er, sich zum Kaiser wendend:

»Erlauben mir Majestät, einige Fragen an diesen Mann zu richten?« – »Sprechen Sie mit ihm!« nickte der Kaiser. – »Nicht wahr, Sie sind Arzt?« fragte Mejia. – Ja«, antwortete der Pater. – »Wer schickt Sie her nach Querétaro?« – »Die Bevölkerung dieser Stadt.« – »Weshalb?« – »Sie hat sich nebst den Bewohnern anderer Städte für Seine Majestät den Kaiser erklärt. Wir sind über dreißigtausend Mann stark und stehen bereit, Juarez anzugreifen.« – »Wer ist Euer Anführer?« – »Wir haben noch keinen, bitten aber um einen solchen.« – In solchen Fällen schickt man eine Deputation und keinen einzelnen Mann. Wo haben Sie die Adresse?« – »Eine Deputation mit Adresse wäre in die Hände von Juarez gefallen. Darum komme ich allein.« – »Ich hoffe, daß Sie ein ehrlicher Mann sind.« – »Ich bin es.« – »Kennen Sie diese Dame?«

Der Pater drehte sich um. Er erkannte Emilia, hatte aber so viel Macht über sich, daß er sich nicht aus der Fassung bringen ließ.

»Ja«, antwortete er ruhig. – »Nun, wer ist sie?« – »Eine Spionin des Juarez, die ich allerdings nicht hier erwartet habe.« – »Ah!« machte Miramon, indem er Emilia fixierte.

Mejia lächelte überlegen und antwortete:

»Majestät wissen bereits, wer diese Dame ist. Ich habe von ihr erfahren, daß sie in dem Kloster della Barbara gewesen ist. Es scheint dort nicht alles in Ordnung zu sein.«

Das trat Miramon vor. Er ahnte, was hier beabsichtigt wurde, und fiel schnell ein:

»Die Privatverhältnisse dieses Señors interessieren uns hier nicht. Wir haben es zunächst nur mit seiner Botschaft zu tun.« – »Ich glaube nicht daran«, meinte Mejia. – »Señor!« rief Miramon.

Mejia trat hart an ihn heran und antwortete:

»Welch ein Ton ist dies in Gegenwart unseres allergnädigsten Kaisers! Ich wiederhole, daß ich nicht an die Worte dieses Mannes glaube, es sei denn, daß er mir Beweise bringe.«

Da winkte der Kaiser mit der Hand und wandte sich an Miramon:

»General, Sie haben diesen Mann eingeführt. Sind Sie überzeugt von der Wahrheit dessen, was er berichtet hat?« – »Vollständig.« – »Das ist genügend.« Und sich an Mejia wendend, fuhr er fort: »Ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, daß ich dieser Dame nicht mehr bedarf. Sie können dieselbe begleiten.«

Mejias Fäuste ballten sich, aber er hielt an sich. Er verbeugte sich tief, aber nur vor dem Kaiser, und entfernte sich mit Emilia, seinen Feind und Widersacher beim Regenten lassend. Wieder einmal hatte ihm der Verräter den Rang abgelaufen!

Erst eine Stunde später verließ auch Miramon das Kabinett des Kaisers, an seiner Seite der Pater. Er bezeichnete diesem letzteren eine Venta, in der er logieren solle, und begab sich darauf zu dem Beichtvater.

Dieser hatte augenscheinlich auf ihn gewartet und empfing ihn mit der Frage:

»Gelungen, Señor?« – »Ja, aber schwer.« – »Ah! War der Kaiser ungläubig?« – »Der nicht, aber Mejia.« – »Der General war bei ihm, und in seiner Gesellschaft befand sich Señorita Emilia?« – »Ja.« – »Diese Señorita war beim Kaiser?« – »Ja.« – »Mit Mejia?« – Ja. Und zwar hatte Mejia mit dem Kaiser einen Plan gefaßt, von dem ich nichts wissen sollte.« – »Donner! Er wird doch nicht etwa fliehen wollen?« – »Ich vermute es.« – »Das müssen wir hintertreiben. Aber was hat diese Emilia dabei zu tun?« – »Oh, sehr viel. Unser Pater sagte mir, daß sie eine Spionin des Juarez sei und viele Franzosen in das Verderben geführt habe. Sie soll wenigstens ebenso gefährlich sein wie jener Schwarze Gerard, von dem man vor Wochen so viel erzählte.« – »So steht zu vermuten, daß beide, der Kaiser und Mejia, mit ihrer Hilfe, also unter dem indirekten Schutz des Juarez, fliehen wollen, was wir verhindern müssen.« – »Natürlich. Aber wie?« – »Ich habe das meinige bereits getan. Der Kaiser glaubt mir und dem Pater. Er ist voller Hoffnungen und erwartet nur eine Kunde, daß Juarez von hinten angegriffen worden sei. Ich werde ein Regiment detachieren, das eine Demonstration machen soll, dann ist dieser Max völlig überzeugt und wird in der Falle sitzen bleiben.« – »Das ist indes nur halbe Arbeit. Wie leicht könnte er dennoch mißtrauisch werden!« – »Er war nahe daran.« – »Inwiefern?« – »Diese Señorita Emilia muß Mejia einiges nicht Empfehlendes von unserem Pater mitgeteilt haben. Der General fing davon an, ich aber fiel ihm sofort in die Rede.« – »So müssen wir das Frauenzimmer entfernen.« – Jedenfalls. Dann fehlt Mejia der Beweis und ihnen beiden die Helferin zur Flucht.« – »Also fort mit ihr! Aber wie?« – »Es muß scheinen, als ob sie heimlich entwichen sei. Dann fällt der Verdacht des Kaisers auf sie, daß sie gelogen habe und vor der Verantwortung entwichen sei.« – »So muß ihre Entfernung im geheimen geschehen.« – »Natürlich. Kennen Sie Ihre Wohnung?« – »Sehr gut. Sie wohnt bei der alten Señora Miranda, deren Beichtvater ich bin und deren Haus; ich also ganz genau kenne.« – »Könnten Sie sie heute abend aus dem Haus locken, ohne daß es bemerkt wird?« – »Ich bin bereit. Aber was dann?« – »Der Kaiser darf nichts ahnen. Ich sende sie nach Tula und lasse ihr dort als Spionin den Prozeß machen.« – »Lopez ist zuverlässig und verschwiegen, er wird sie sicher hingeleiten. Sie werden also die Señorita aus dem Haus locken. In der Nähe hält Lopez dann mit seinen Leuten. Um wieviel Uhr sind Sie Bereit?« – »Punkt neun Uhr?« – »Lopez wird fünf Minuten vorher zu Ihnen kommen. Adios!« – »Adios!«

12. Kapitel.

Während dieses Komplott gegen Emilia geschmiedet wurde, war sie in ihre Wohnung zurückgekehrt. Sie sah ein, daß ihre Rolle hier ausgespielt sei, und sehnte sich fort. Da hörte sie draußen Männerschritte, die vor der Tür halten blieben. Die alte Dienerin, die ihre Wirtin ihr zur Verfügung gestellt hatte, öffnete, steckte den Kopf herein und sagte:

»Zwei Señores wollen Euch sprechen, Señorita.« – »Wer sind sie?« – »Ein Señor Helmers und der andere heißt Strau-Strauber – ja, Straubenberger.« – »Ich kenne sie nicht.« – »Aber sie kennen Euch.« – »Nun, so mögen sie eintreten.«

Die beiden Eintretenden waren Kurt und der Kleine André. Sobald Emilias Blick auf den letzteren fiel, erheiterte sich ihr Gesicht. Sie eilte auf ihn zu, streckte ihm die Hände entgegen und sagte im Ton der höchsten Freude:

»Mein Gott, welch eine Überraschung! Ihr, Señor André?« – »Ja, ich«, antwortete der Kleine, ihre Hand ergreifend. – »Wo kommt Ihr denn her?«

André sah sich vorsichtig um, und als er fand, daß die Dienerin sich zurückgezogen habe, antwortete er leise:

»Von Juarez.« – »Von Juarez? Das ist aber unendlich gefährlich.« – »Ja, Ihr müßt wissen, gerade das Gefährliche liebe ich.« – »Das habe ich erfahren. Aber wer ist Euer Begleiter hier?«

Emilias Blick glitt mit sichtlichem Wohlgefallen an Kurts Gestalt nieder.

»Hm. Wenn Ihr das raten könntet!« schmunzelte der Kleine. – »Mit Raten gebe ich mich nicht gern ab.« – Er kennt meinen Bruder.« – »Ah!« – Ja, den Ludwig.« – »So, so«, lächelte sie. – »Habt Ihr denn nicht von den beiden Brüdern Helmers gehört, die mit Señor Sternau waren?« – »O doch, Ehr meint Donnerpfeil und den Steuermann?« – Ja. Señor Kurt hier ist der Sohn des Steuermannes. Er ist aus Deutschland herübergekommen, um uns zu retten.« – »Zu retten? Bedurftet Ihr denn der Rettung?« – »Das versteht sich. Wir waren alle miserabel gefangen.

Das wunderte Emilia noch mehr, und die beiden mußten sich niedersetzen und erzählen. Dieses letztere besorgte der brave André. Kurt saß da und beobachtete Emilia, deren Schönheit er bewunderte.

Das Mädchen war so lieb und gut mit dem Kleinen, daß diesem das Herz aufging. Was er darauf hatte, das mußte herunter, und so kam es auch, daß er ihr den Zweck ihrer gegenwärtigen Anwesenheit mitteilte.

»Wie?« fragte sie Kurt. »Sie wollen mit dem Kaiser sprechen! Ich darf wohl nicht fragen, welches der Zweck Ihrer Audienz beim Kaiser ist?« – »Es ist mir allerdings nicht erlaubt, darüber zu sprechen, obgleich ich überzeugt bin, daß ich Ihnen Vertrauen schenken dürfte.« – »Sicher, Señor. Wie lange werden Sie hierbleiben?« – »Das ist noch unbestimmt. Es kommt das auf die Antwort an, die ich vom Kaiser erhalte.« – »Sie gehen wieder zu Juarez?« – Ja.« – »Oh, würden Sie mich mitnehmen? Ich fühle mich so unsicher und elend hier.« – »Natürlich, natürlich! Wir nehmen Euch mit!« rief der Kleine André ganz enthusiasmiert. – »Ich stimme meinem Kameraden vollständig bei«, fügte Kurt hinzu. – »Wann gehen Sie zum Kaiser?« – »Sogleich.« – »Darf ich dann erfahren, wie lange Sie noch hierbleiben?« – »Ich stehe gern zu Diensten. Wann darf ich Sie wiedersehen?« – »Heute abend?« fragte sie. – »Gewiß.« – »Vielleicht nach neun Uhr? Sie müssen nämlich wissen, daß man hier sehr spät empfängt.« – »Wir werden kommen, Señorita. Nicht wahr, lieber André?« – »Mit dem allergrößten Vergnügen«, schmunzelte der Kleine. – »Wo logieren Sie?« – »In der Venta, rechts auf dieser Gasse.« – »So haben Sie also nicht weit zu mir. Ich wollte, Sie reisten bereits morgen wieder ab.« – »Vielleicht habe ich die Freude, Ihnen diese Antwort zu bringen.« – »Aber wie sind Sie in die Stadt gekommen? Man kontrolliert seit einiger Zeit sehr streng.« – »Ich bin im Besitz von Papieren, die mir überall Eingang verschaffen.«

Die beiden gingen. Während André nach seiner Venta zurückkehrte, wandte Kurt sich nach dem Kloster La Cruz. Er wurde zwar dort eingelassen, aber nach seinem Begehr gefragt. Er zeigte seine Papiere vor und erhielt nun erst die Erlaubnis, in das Vorzimmer zu treten. Er wurde angemeldet, obgleich noch mehrere andere Personen auf Einlaß warteten. Es dauerte kaum zehn Minuten, so durfte er eintreten.

So stand er also jetzt vor dem Mann, von dem die ganze Welt sprach, den so viele in den Himmel hoben und den noch viel mehr verurteilten.

Max richtete sein großes Auge auf ihn und fragte:

»Man hat Sie mir als Leutnant Helmers angemeldet?«

Kurt machte seine Reverenz und antwortete:

»Dies ist mein Name und meine Eigenschaft, Majestät.« – »In welchem Land dienen Sie?« – »Ich bin Preuße.« – »Ah! Sie waren in der Hauptstadt?« – »Vor einiger Zeit.« – »Kommen Sie vielleicht von Herrn von Magnus?« – »Leider nein.«

Das Gesicht des Kaisers hatte infolge der letzteren Vermutung einen freundlichen Ausdruck angenommen, jetzt aber wurde es wieder ernst.

»So ist es vielleicht eine Privatangelegenheit, in der Sie sich mir nähern?« – »Eine Privatangelegenheit? Ja, fast möchte ich es so nennen.« – »Das heißt eine Angelegenheit, die persönlich Sie betrifft?« – »Nein, Majestät. Ich komme aus Zacatecas.«

Da trat der Kaiser einen Schritt zurück.

»Aus Zacatecas? Aus dem Hauptquartier des Juarez?« – »Ja.« – »Waren Sie bei ihm?« – »Ich sprach mit ihm.« – »Wie kommen Sie als preußischer Offizier zu Juarez?« – »Ich bin nicht als Offizier, sondern als Privatmann bei ihm gewesen. Er ist bereits vor Jahren der Freund und Beschützer einiger Mitglieder meiner Familie gewesen, und in Angelegenheiten dieser Familie mußte ich zu ihm.« – »Und wie kommt es, daß Sie von ihm nach Querétaro gingen?« – »Er sendet mich.« – »Zu wem?« – »Zu Ihnen, Majestät.«

Die Züge des Kaisers wurden kälter und kälter.

»Halten Sie mich für einen Mann, der mit Juarez in Korrespondenz oder Verbindung steht?« fragte er. – »Mitnichten«, antwortete Kurt. »Ich bin hier auf Veranlassung mehrerer hervorragender Männer, die sich zwar in der Nähe des Zapoteken befinden, aber trotzdem nur das Wohl des Kaisers von Mexiko im Auge haben.« – »Welch eine Ehre!« meinte Max beinahe ironisch. »Nun, was haben Sie mir zu sagen?« – »Ich habe Euer Majestät ein Schriftstück zu übergeben, mußte aber mein Ehrenwort verpfänden, dasselbe zu vernichten, falls Eure Majestät sich dessen nicht zu bedienen beabsichtigten.« – »Das heißt, ich darf dieses Schriftstück nur lesen, muß es Ihnen aber wiedergeben?« – »Nur in dem von mir erwähnten Fall.« – »Das klingt ja sehr geheimnisvoll. Zeigen Sie!«

Kurt holte seine Brieftasche heraus, nahm das von Juarez unterschriebene Blatt hervor und überreichte es dem Kaiser. Dieser las es. Zuerst spiegelte sich allergrößte Überraschung in seinem Gesicht, dann aber zog er die Brauen finster zusammen.

»Was ist das?« fragte er. »Wer hat das geschrieben?« – Juarez«, antwortete Kurt kalt.

Er besaß Scharfsinn genug, um zu bemerken, daß seine Botschaft verunglückt sei.

»Ist die Unterschrift echt?« – »Majestät! Ich bin Offizier!«

Aus den Augen des Kaisers fiel ein Blitz auf den Sprecher.

»Ich meine«, sagte er, »ob Sie zugegen gewesen sind, als Juarez dieses Schriftstück verfaßte?« – Ja.« – »Aus welchem Grund tat er das?« – Er wurde von den bereits erwähnten Personen darum gebeten.« – »Er setzt also voraus, daß ich zu fliehen beabsichtige?« – »Nein, sondern es ist die Überzeugung aller seiner Anhänger, daß Majestät nur auf diese Weise zu retten sind.« – Junger Mann, vergessen Sie nicht, vor wem Sie stehen!« – »Ich bin meiner Lage vollständig eingedenk.« – Dem Wortlaut dieses Schreibens nach hätte ich mich irgend jemandem anzuvertrauen?« – Ja.« – »Wem?« – »Dem Besitzer dieses Passepartout.« – »Ah! Das sind ja Sie!« – »Allerdings.« – »Das ist mir interessant!« rief der Kaiser, in dessen Gesicht sich das allergrößte Erstaunen zu erkennen gab. »Sie sind es, der mich retten will?« – »Ich bin es«, antwortete Kurt ruhig. – »Ein junger Leutnant!« – »Ich bin überzeugt, Majestät könnten sich mir anvertrauen. Sie sehen, daß Juarez ganz derselben Überzeugung ist.« – »Das wäre Wahnsinn! Hier haben Sie Ihr Papier zurück.«

Kurt nahm die Schrift und schob sie wieder in die Brieftasche.

»Ich halte es für meine Pflicht, Eure Majestät aufmerksam zu machen, daß dies der letzte Schritt von Benito Juarez ist, den er in dieser Angelegenheit tun kann.« – »Diese Bemerkung ist vollständig überflüssig.« – »Sie kommt aus einem wohlmeinenden deutschen Herzen, Majestät. Und sollte sie wirklich überflüssig sein, so gestatte ich mir eine zweite, nämlich die, daß sich eine Clique gebildet hat, die Juarez dadurch stürzen will, daß sie ihn zwingt, Ihr Mörder zu werden.« – »Das klingt sehr romantisch.« – »Ist aber dennoch wahr. Und da er nur dann Ihr Mörder werden kann, wenn Sie in seine Hände geraten, so wird diese Clique alles tun, um Sie zu veranlassen, hier in Querétaro zu bleiben.« – »Woher wissen Sie das so genau?« – »Ich gestatte mir vorher die Gegenfrage, ob nicht ein gewisser Pater Hilario aus Santa Jaga hier angekommen ist?« – »Ich betrachte diese Frage als nicht an mich gerichtet.« – »So kann ich nur bemerken, daß dieser Pater das Werkzeug dieser Clique ist und daß es sehr wohlgetan sein wird, alles, was er tut und sagt, mit Mißtrauen entgegenzunehmen.« – »Ich verstehe. Juarez will nicht gestürzt sein, darum will er mich nicht fangen, und darum fordert er mich auf zu entfliehen.«

Der Kaiser sprach diese Worte in einem höchst beleidigendem Ton aus. Kurt aber blieb gleichmütig und antwortete:

»Ich bezeuge mit meinem Ehrenwort, daß Juarez nicht durch eine solche Berechnung, sondern allein durch die Stimme seines Herzens und durch unsere vereinten Bitten veranlaßt wurde, die Zeilen zu schreiben, die ich die Ehre hatte, Eurer Majestät vorzulegen. Juarez ist nicht der Mann, sich durch eine Intrige in seiner Handlungsweise beeinflussen zu lassen. Ein Mann des festen, unerschütterlichen Prinzips wie er, kann wohl besiegt werden, kann untergehen, wird aber nie einer gemeinen Berechnung fähig sein. Er kennt sein Ziel, er weiß, daß er es erreichen wird, und wenn er während seines riesenhaften, gigantischen Ringens einmal zeigt, daß in seinem Herzen nicht nur eine geradezu bewundernswerte Energie, sondern auch ein menschliches Fühlen wohnt, so muß man diesen großen Mann um so höher achten.«

Kurt verbeugte sich und ging hinaus.

Der Kaiser wußte nicht, wie ihm geschah. Er vergaß, zu fragen, ob Kurt in Querétaro bleiben oder dasselbe verlassen werde. Er vergaß ferner, daß die militärische Klugheit es fordere, sich dieses Mannes zu bemächtigen, der das Innere der Stadt gesehen hatte und dasselbe an Juarez verraten konnte. Er dachte nur an die Worte, die er zuletzt gehört hatte. Sie klangen wie ein sich immer mehr entfernendes Donnerrollen an sein Ohr, aber – er hatte die Stunde der Rettung unbenutzt vorübergehen lassen.

Kurt fühlte sich nicht aufgelegt, in seine Venta zurückzukehren. Der Nachmittag neigte sich zu Ende, und so strich er sinnend und langsam durch die Stadt, bis die Dunkelheit hereinbrach. Erst dann begab er sich zu André, der mit dem Abendbrot auf ihn gewartet hatte.

»Gelungen?« fragte dieser kurz. – »Mißlungen!« lautete die Antwort. – »Warum?« – »Der Kaiser hat jedenfalls noch eine Hoffnung, Juarez niederzuwerfen.« – »Wird ihm verdammt schwer werden.«

13. Kapitel.

Es war gegen neun Uhr, und Emilia erwartete bereits ihre Gäste. Da ließen sich schleichende Schritte draußen vernehmen, die Tür wurde eine Spanne breit geöffnet, und zwei Augen lugten vorsichtig herein. Als der Draußenstehende sich überzeugt hatte, daß die Dame allein sei, trat er ein.

Emilia war erst ein wenig erschrocken gewesen, jetzt aber erkannte sie ihn. Es war – der Beichtvater des Kaisers.

Er grüßte sehr höflich und sagte:

»Verzeihung, Señorita, daß ich in dieser Weise Zutritt zu Ihnen nehme! Aber es handelt sich um eine diskrete Angelegenheit. Sie waren heute mit dem General Mejia beim Kaiser. Seine Majestät konnte Ihnen keine Aufmerksamkeit schenkten, weil Miramon mit einer anderen Person zugegen war. Da nun der Kaiser gewisse Vorschläge und vielleicht auch etwas über jene Person zu hören beabsichtigt, so glaubt er, Sie jetzt bei sich sehen zu können.« – »Sie sollen mich zu ihm bringen?« – »Ja, und dabei haben Majestät noch gewünscht, daß niemand etwas von dieser Audienz wissen sollte.« – »Es ist meine Pflicht, mich zur Verfügung zu stellen. Zuvor aber muß ich meiner Dienerin sagen …« – »Halt! Auch diese darf nicht wissen, wohin Sie gehen.« – »O nein. Ich werde Ihr nur befehlen, den Personen, die ich erwarte, zu sagen, daß ich erst in einer Stunde zu sprechen bin.« – »Gut! Ihre Dienerin ist bei der Señora unten. Ich werde mich vor das Haus begeben und Sie dort erwarten.«

Der Beichtvater ging.

Emilia machte schleunigst Toilette und stieg die Treppe hinab. Unten gab sie der Duenja den erwähnten Befehl und trat auf die Straße, wo sie den Beichtvater sah, Sie schritt zu ihm hin

»So, jetzt stehe ich zur Disposition«, meinte sie. – »Es ahnt doch niemand, wohin Sie gehen?« fragte er. – »Kein Mensch.« – »So kommen Sie.«

Emilia folgte, aber kaum hatte sie fünf Schritt getan, so wurde sie von starken Armen von hinten erfaßt.

»Hil…«

Mehr konnte sie nicht rufen, denn ein Tuch legte sich auf ihren Mund, und zugleich wurde sie an Händen und Füßen gebunden. Ein zweites Tuch wand man ihr über die Augen um den Kopf, und sie bemerkte, daß sie auf ein Pferd gehoben wurde. Der Reiter, der auf demselben saß, nahm sie in Empfang, und dann ging es fort.

Emilia vermochte sich nicht zu bewegen, sie wurde in einer höchst unangenehmen Lage von starken Armen wie mit Klammern festgehalten. Sie hörte und fühlte, daß die Pferde erst durch die Straßen der Stadt trabten und draußen auf der breiten Feldstraße dann angetrieben wurden und in einen gestreckten Galopp fielen.

Sie konnte kaum atmen. So ging es, wie es ihr schien, eine ganze Ewigkeit fort, bis der Führer zu halten gebot. Er nahm ihr die Tücher ab. Nun konnte sie wenigstens sehen und atmen.

»Um Gottes willen, was soll das sein?« fragte sie. »Ihr müßt Euch in mir geirrt haben, Señores.« – »O nein! Wir wissen ganz genau, wen wir haben«, lachte der Reiter. – »Was wollt Ihr denn von mir?« fragte sie voller Angst. »Und was soll mit mir geschehen?« – »Halte den Mund! Du wirst schon Antwort bekommen, wenn es Zeit ist. Mit Weibern Eures Gelichters wird wenig Federlesens gemacht. Für Euch ist der Strick noch viel zu gut.«

Der dies sagte, war der Oberst Miguel Lopez, ein Oheim der Frau des Marschalls Bazaine, Ritter der französischen Ehrenlegion und gern gesehener Gast in den Tuilerien – der Wohnung des Kaisers Napoleon in Paris –.

»Hier ist ein Pferd für dich! Ich kann mich mit dir nicht weiterschleppen. Wir werden dich also auf den Gaul binden. Aber spreize dich nicht, und versuche weder zu sprechen, noch zu entfliehen, sonst erhältst du eine Kugel vor den Kopf!«

Emilia wurde auf das Pferd gebunden, der Oberst nahm die Zügel desselben in die Hand, und dann ging es im Galopp weiter.

So mochte man wohl drei Stunden geritten sein, als man an einer Venta vorüberkam, die einsam an der Straße lag. Man sah noch Licht durch die Ladenritzen schimmern.

»Enrico, siehe einmal nach, wer drin ist!« gebot Lopez.

Der genannte Soldat stieg ab und blickte durch eine der Ritzen.

»Einige Vaqueros«, antwortete er. – »Wie viele?« – »Ich sehe drei, es können im ganzen höchstens fünf sein.« – »So steigen wir ab, um einen Schluck zu tun. Bindet das Frauenzimmer los und bringt es herein.«

Die Pferde wurden an eine dazu vorhandene Querstange gebunden, und Lopez, dem die anderen folgten, trat in das Haus.

Als die fünf Männer in Querétaro Emilia gefesselt hatten und aufgestiegen waren, hatte der Beichtvater den Beobachter gemacht. Aber wie sich die Pferde in Bewegung setzten, hatte er die Unvorsichtigkeit begangen, ihnen nachzurufen:

»Guten Ritt nach Tula!«

Die Reiter hatten es nicht beachtet oder wohl auch gar nicht gehört, wohl aber zwei andere.

Nämlich, als es einige Minuten nach neun geworden war, hatte Kurt sich mit André aufgemacht, um zu Emilia zu gehen. Querétaro war, wie damals alle mexikanischen Städte, nicht gepflastert, deshalb verursachten ihre Schritte nur wenig Geräusch.

Da hörten sie plötzlich ein laut gerufenes:

»Hil…«

Sie blieben stehen.

»Was war das?« fragte André. – »Es rief jemand um Hilfe!« antwortete Kurt. – »Aber nur halb.« – »Es schien eine Dame zu sein.« – »Ja. Sie brachte das Wort nur halb hervor. Man hat ihr also den Mund zugehalten.« – »Wir müssen ihr helfen. Vorwärts!« – »Halt. Langsam und leise anschleichen. Das ist viel sicherer.«

Sie versuchten, ihre Schritte so viel wie möglich zu dämpfen, und huschten leise vorwärts. Sie kamen vor der offenstehenden Tür des Hauses vorüber, in dem Emilia wohnte. Schon bemerkten sie eine kleine Gruppe vor sich, da setzte sich dieselbe mit lautem Pferdegetrappel in Bewegung.

»Guten Ritt nach Tula!« rief dabei eine Stimme.

Im Nu stand Kurt neben dem Sprecher und hatte ihn gepackt.

»Kerl, was ist hier geschehen?« fragte er. – »Nichts«, antwortete der Mann.

Er machte eine rasche Bewegung – Kurt hielt ein Kleidungsstück in der Hand, der aber, der darinnen gesteckt hatte, eilte davon.

»Er entkommt!« rief André.

Zugleich schickte er sich an, dem Fliehenden nachzueilen. »Halt!« gebot Kurt.

André gehorchte, aber er brummte unwillig:

»Wollen wir den Kerl denn entlaufen lassen?« – »Vielleicht ist es das beste. Und selbst wenn sich meine Vermutung bestätigt, nützt er uns nichts.« – »Wie? Sie haben eine Vermutung? Alle Teufel! Denken Sie etwa gar – Señorita Emilia?« – »Überzeugen wir uns.« – »Ah, da sollte der Teufel diese Kerle holen!«

Der kleine Mann sprang vorwärts, zur Tür hinein, zur Treppe empor. Oben war kein Licht, und die Zimmertür war verschlossen. Man hatte seine Schritte gehört, und eben als er die Treppe herabkam, trat die Dienerin in den Hausflur.

»Zu wem wünschen Sie?« fragte sie ihn. – »Ist Señorita Emilia zu Hause?« fragte er. – »Nein«, antwortete die Duenja. – »Ah, gewiß sind Sie die Señores, die sie erwartete. Sie waren heute bereits einmal da?« – »Ja.« – »In diesem Fall muß ich Sie bitten, in einer Stunde wiederzukommen.« – »Weshalb?« fragte Kurt. – »Der Beichtvater der Kaisers war bei Señorita Emilia, und sie ging gleich nach ihm aus.« – »Leuchten Sie einmal her! Kennen Sie dieses Gewand?« – »Himmel! Das ist ja die Kutte des Beichtvaters.« – »Oh, nun weiß ich genug. Die Señorita ist auf einige Zeit verreist, sie wird aber wiederkommen. Schließen Sie alle Sachen, die sie zurückgelassen hat, sorgfältig ein, und geben Sie den Schlüssel niemandem in die Hände.«

Er ließ die Alte nach ihrer Verwunderung stehen und eilte davon, seiner Venta zu. Der Kleine André sprang ihm nach.

»Donnerwetter! Verreist soll sie sein?« fragte er. – »Fällt niemandem ein«, antwortete Kurt – »Sie sagten es aber doch!« – »Weil die Alte das Richtige nicht zu wissen braucht. – Señorita Emilia ist entführt, das unterliegt keinem Zweifel, und da der dumme Teufel von einem Pfaffen sich selbst verraten hat, indem er ausrief: ›Nach Tula‹, so müssen wir ihm nach, und zwar sofort. Hier ist die Venta. Bezahlen wir unsere Zeche, und dann ihnen nach!« – »Wissen Sie den Weg?« – »Ja, ich bin ihn schon geritten.«

Unter diesen Reden hatten sie das Gasthaus erreicht. Der Wirt wunderte sich nicht wenig, als Kurt die Zeche bezahlte und die beiden ihre Pferde schnell sattelten und auf die Straße zogen.

»Señores, wollt Ihr etwa abreisen?« fragte er. – »Ja, alter Christian«, antwortete der Kleine. – »Nur werdet Ihr nicht hinauskommen. Denn es darf, sobald es dunkel ist, niemand passieren.« – »Bei dir mag es schwarz sein, bei uns aber ist es hell. Adieu, lieber Gottlieb.«

Nach diesem halb zärtlichen, halb beleidigenden Abschied trabten die beiden davon. Am Tor angekommen, sahen sie beim Schein einer Lampe eine Schildwache stehen.

»Halt! Wer da?« rief dieselbe. – »Offiziere!« – »Name!« – »Pedro Gibellar.« – »Kann passieren.« – »Sage, mein Lieber, sind nicht vor einer halben Stunde hier mehrere Reiter passiert? Wir gehören ihnen.« – »Ja. Oberst Lopez.« – »Richtig. Sie hatten eine gefangene Dame bei sich?« – »Ja. Sie mußten Eile habe, denn sie begannen draußen zu galoppieren.« – »Wir erreichen sie doch noch. Hier hast du!« – »Danke, Señor!«

Während der Soldat aufschloß, hatte Kurt ihm eine Silbermünze zugeworfen.

Als sie das Freie erreichten und ihre Pferde in einen fliegenden Galopp gesetzt hatten, meine der Kleine.

»Schöne Wirtschaft da in Queretaro.« – »Wieso?« – »Nicht einmal Parole oder wie man es nennt.« – »Das war gut für uns.«

– »Ich stand schon im Begriff, den Kerl mit dem Kolben niederzuschlagen, um zu seinem Schlüssel zu kommen.« – »Es wäre schade um seine Dummheit gewesen. Doch vorwärts!«

Sie ritten mehrere Stunden lang, ohne die Verfolgten zu erreichen. Da sahen sie an der Straße eine Venta, durch deren Ladenritzen Licht schimmerte.

»Sollten sie da eingekehrt sein?« fragte André. – »Jedenfalls.«

– »Ah! Wieso?« – »Dort stehen ja sechs Pferde.« – »Bei Gott, das ist wahr! Hallelujah! Wir haben sie!« – »Ruhig. Auch wir binden unsere Pferde an, aber etwas abseits. Wenn wir drin die Señorita sehen, tun wir so, als ob wie sie nicht kennen und nichts ahnten.«

Sie stiegen ab. In der Stube waren sehr laute Stimmen zu hören. Nachdem sie ihre Pferde angebunden hatten, traten sie an den Laden und blickten hindurch.

»Ein Offizier und vier Soldaten«, flüsterte der Kleine. – »Und einige Vaqueros am anderen Tisch«, antwortete Kurt. »Hinten am Herd sitzt die Señorita.« – »Richtig! Na, freue dich, Oberst Mo-Po-Ro – wie hieß der Kerl?« – »Lopez.« – Ja. Lopez. Freue dich, Lopez, der Kleine André ist da.« – »Schonen wir ihn so viel wie möglich.« – »Werden es abwarten.« – »Sie brüllen so laut, daß sie den Hufschlag unserer Pferde wohl gar nicht gehört haben. Treten wir ein!«

Kurt hatte recht. Als die beiden Männer grüßend in die armselige Hütte traten, fuhr Lopez erschrocken auf. Als er aber bemerkte, daß es nur zwei waren, setzte er sich wieder nieder. Aber er drehte sich zu ihnen herum und fixierte sie scharf.

Sie setzten sich an einen leeren Tisch nieder, der an der Tür stand. So waren sie sicher, daß ihnen niemand entgehen könne. Der Wirt fragte sie, ob sie etwas genießen wollten.

»Drei Glas Wein«, antwortete André. – »Drei?« fragte der Wirt verwundert, – »Ja.« – »Sie sind doch nur zwei.« – »Was geht das deine Tante an?«

Da begann der Oberst.

»Wer seid Ihr, Señores?«

Der Kleine saß mit dem Rücken gegen ihn gerichtet. Jetzt drehte er sich herum, betrachtete den Frager mit maliziösen Blicken und antwortete:

»Neugierde!« – »Was? Neugierde?« brauste der Offizier auf. »Wißt Ihr, wer ich bin?« – »Pah! Wollen es gar nicht wissen. Viel Gescheites wird es nicht sein!« – »Mensch, ich glaube, du bist verrückt!«

Bei diesen Worten erhob sich Lopez und trat an den Tisch.

Emilia hatte beim Eintritt der beiden sofort gewußt, daß dieselben gekommen seien, sie zu retten. Aber sie hatte das mit keiner Miene verraten. Jetzt wollte es ihr angst werden um den kleinen Mann. Dieser jedoch blickte den Obersten furchtlos an und meinte:

Ja, einer von uns beiden ist verrückt!« – »Du nämlich, Mensch!« – »Wollen sehen!«

In demselben Augenblick gab der Kleine dem Obersten, der ihm prächtig hiebrecht stand, einen so gewaltigen Faustschlag in die Magengegend, daß der Getroffene zu Boden stürzte. Und im nächsten Augenblick kniete er auf ihm und schnürte ihm die Kehle zu.

Die vier Soldaten wollten ihrem Offizier zu Hilfe kommen, aber da stand Kurt vor ihnen und hielt ihnen den geladenen Revolver entgegen.

»Halt!« gebot er. »Keinen Laut und keine Bewegung, wenn Ihr nicht eine Kugel haben wollt!«

Sein Aussehen war so drohend, daß sie auf Widerstand verzichteten. Sie setzten sich, gar nicht an ihre Waffen denkend, wieder nieder. Die Vaqueros und der Wirt, an solche Szenen gewöhnt, hielten es für das beste, sich nicht einzumischen.

»Fertig mit dem Obersten?« fragte Kurt. – »Gleich«, meinte der Kleine, indem er dem Offizier noch einen Faustschlag auf den Kopf versetzte. »So, der hat genügt für diesen Abend.« – »Dann die Stricke her dort von der Wand. Wir wollen die vier Señores ein wenig binden.«

André brachte die Stricke herbei und fesselte einen Soldaten nach dem anderen. Sie wagten auch jetzt nicht, sich zu widersetzen, denn sie sahen es Kurt an, daß er wirklich schießen werde. Zuletzt wurde auch der Oberst gebunden, damit er nicht schaden könne, wenn er wieder zu sich komme.

»So!« meinte der Kleine. »Von jetzt an wird niemand ohne unsere Erlaubnis die Stube verlassen. Es geschieht keinem etwas, aber wer sich nicht fügt, den holt entweder der Teufel oder ich.«

Dann trat er zu Emilia.

»Welche Angst werden Sie ausgestanden haben«, sagte er. »Wir kamen gerade dazu, als diese Kerle mit Ihnen forttrabten, und sind natürlich schleunigst nach. Kommen Sie, Señorita, und trinken Sie einen Schluck.

Kurt führte Emilia zum Tisch und reichte ihr das dritte Glas.

»Seht Ihr«, sagte er zum Wirt, »daß ich wohl recht hatte, als ich drei Gläser verlangte.«

Emilia dankte mit überströmendem Herzen. Sie erzählte, wie sie behandelt worden war und daß man sie morgen hatte aufknüpfen wollen.

»Was?« rief der Kleine. »Gehängt sollten Sie werden?« – »Ja.« – »Das war doch nur dummer Spaß?« – »Nein, sondern völliger Ernst.«

Da versetzte André dem noch immer bewußtlosen Obersten wütend einen Fußtritt und rief:

»Das hätten sie wagen sollen! Wäre ich morgen nach Tula gekommen und hätte Sie hängen sehen, so hätte ich das Nest in die Luft gesprengt.«

Emilia reichte André das zarte, schöne Händchen und erwiderte:

»Ich glaube, daß Sie zornig geworden wären, und danke Ihnen herzlich für diese Teilnahme.« – »Was? Zornig?« fragte er. »Verrückt wäre ich geworden, ein rasender Robinson, oder heißt es vielleicht Roland? Wissen Sie noch, was ich in Chihuahua für meine Kameraden tat?« – »Oh, noch sehr gut weiß ich das. Ich werde es nie vergessen.« – »Nun, für Sie könnte ich noch tausendmal mehr tun. Trinken Sie nur, damit der Schreck keine weiteren Folgen hat.«

Als Emilia das Glas zum Mund führte, hörte man den Hufschlag eines Pferdes, das draußen anhielt, und eine Minute darauf trat der Reiter ein. Es war der dicke Kleine, der Bote des geheimen Bundes.

Als er die Gefesselten erblickte, wollte er sofort zurückweichen, aber André war schneller als er und hatte ihn gepackt.

»Halt, Freund!« sagte er. »Hierbleiben! Wer hier einmal eintritt, der muß wenigstens so lange bleiben wie wir.« – »Aber, Señor, ich wollte gar nicht bleiben«, meinte der Mann angstvoll. – »So? Was wolltest du denn?« – »Ich wollte einen Schluck Wein trinken und wieder fort.« – »Trinke zehn Schlucke. Dann sind auch wir fertig, und du kannst gehen, wohin es dir beliebt.« – »Das wohl nicht«, meinte Kurt lächelnd. »Der Señor wird uns begleiten.« – »Sie begleiten?« fragte der Dicke. »Wohin?« – »Zu Juarez.«

Der Dicke wurde leichenblaß.

»Zu Juarez?« fragte er. »Warum?« – »Weil der Präsident Sie gern kennenlernen will. Wo sind Sie heute gewesen?« – »In der Umgegend.« – »Nicht in Querétaro?« – »Auch mit.« – »Was hatten Sie da zu tun?« – »Ich bin Handelsmann und reise für mein Geschäft.« – »Ja. Sie handeln mit Lügen, und Ihr Geschäft ist der Verrat.« – »Gott, Señor, Sie verkennen mich«, rief der Beschuldigte voller Angst. – »Ich Sie verkennen? Das wollen wir gleich sehen. Sind Sie in Santa Jaga bekannt?« – »Nein.« – »Auch nicht im Kloster della Barbara dort?« – »Nein.« – »Sie sind nie dort gewesen?« – »Nein.« – »Aber Sie kennen den Pater Hilario?« – »Nein.« – »Oder dessen Neffen Manfredo?« – »Auch nicht.« – »Sie lügen. Ich selbst habe Sie dort gesehen.« – »Sie täuschen sich.«

Da holte Kurt aus und gab dem Dicken eine solche Ohrfeige, daß er mit dem Kopf an die Wand flog. Der Getroffene nahm beide Hände gegen das Haupt und rief:

»Sie tun mir wirklich unrecht. Der, den Sie gesehen haben, muß mir außerordentlich ähnlich sein.« – »Ja, so ähnlich, daß du es bist, mein Bursche. Hast du nicht am Mittwoch abend im Zimmer des Paters mit dessen Neffen gesprochen?« – »Nein.« – »Hast du ihm nicht gesagt, daß zweihundert Soldaten kommen würden, die er den Klosterberg heraufholen solle?«

Der Mann starrte Kurt erschrocken an.

»Nein«, leugnete er dennoch. – »Diese Soldaten sollten das Kloster in Besitz nehmen, damit der Kaiser getötet und Juarez sein Mörder werde?« – »Nein. Ich habe nicht daran gedacht.« – »Leugne jetzt, wie du willst. Ich bin kein Henker. Aber wir werden dich schon noch zum Sprechen bringen und auch die Mitglieder eures sauberen Bundes erfahren. Wir binden dich aufs Pferd und nehmen dich mit. Brechen wir auf!«

Kurt warf ein Geldstück als Bezahlung für den Wein auf den Tisch und faßte den Dicken an. André half, und bald war der Verschwörer auf sein Pferd gebunden. Emilia, jetzt frei, stieg auf ein anderes, und es ging fort.

Sie mußten zurück, vorsichtig um Querétaro herum, und nun galt es, die Vorposten von Juarez zu erreichen.

Der ebenso vorsichtige wie tatkräftige Zapoteke hatte sein Heer unterdessen eine allgemeine Vorwärtsbewegung machen lassen. Er befand sich in viel größerer Nähe, als selbst Mejia heute am Nachmittag geahnt hatte, denn noch war der Mittag nicht vorüber, so stieß Kurt auf eine bedeutende Streifpatrouille, welche zum Korps des Generals Velez gehörte.

Sie wurden in das Quartier desselben geleitet. Dieser hatte Kurt bei Juarez gesehen und kannte überdies Emilia sehr genau. Er war ein rauher, höchst feuriger und oft rücksichtsloser Republikaner. Er ließ sich das Geschehene erzählen und rief den Dicken vor sich, den er eine ganze Weile schweigend und mit finsteren Blicken betrachtete.

»Du hast geleugnet, was dir dieser Señor vorgeworfen hat?« fragte er ihn. – »Ich leugnete es, denn ich sagte die Wahrheit«, antwortete der Mann. – »Du bist nicht derjenige, für den er dich hielt?« – »Ich heiße Pedrillo und handle mit Ponchos und Sarapen.«

Da nahm das Gesicht des Generals eine höhnische Miene an.

»Und jetzt sagst du auch die Wahrheit?« fragte er. – »Die reine, lautere Wahrheit.« – »Wenn ich dich nun besser kenne?« – »So täuschen Sie sich, Señor.« – »Hund! Ich täusche mich niemals in einer Person, am allerwenigsten aber in einer solchen Galgenphysiognomie, wie die deinige ist. Hast du jemals einem Mönch, einen Pater Juanito gekannt?«

Der Mann wurde leichenblaß.

»Nein«, antwortete er dennoch. – »Der aus dem Kloster Anuamente entwich?« – »Nein.« – »Und den Franzosen den General Tonamente an das Messer lieferte?« – »Ich habe ihn nicht gekannt, Señor.«

Dies Verhör fand im Freien statt. Der General stand wie ein Racheengel vor dem Gefangenen.

»Mensch, zu allen Teufeleien hattest du den Mut, aber zu einem Bekenntnis bist du zu feig!« rief Velez. »Du nanntest dich Pedrillo, den Verlorenen, und du hast recht. Verloren bist du! Du sollst zum Teufel fahren in allen deinen Sünden, ohne Beichte und Absolution!«

Seine Hand fuhr in den Gürtel, ein Schuß krachte, und der frühere Mönch stürzte, durch den Kopf getroffen, tot zur Erde.

»General!« rief Kurt. – »Was?« fragte Velez rauh. – »Er hätte noch leben sollen.« – »Wozu?« – »Er hätte uns Geständnisse machen und alle seine Mitschuldigen und Verschworenen nennen müssen.« – »Pah! Ich mag nichts von ihnen wissen. Diese Schufte geraten noch alle in meine Hände. Wenn ich so einen Schurken für irgendein Verhör oder eine Untersuchung aufhebe, so bin ich niemals sicher, daß er mir nicht doch noch entkommt.« An demselben Mittag traf Oberst Lopez mit seinen vier Soldaten wieder in Querétaro ein; man kann sich denken, in welcher Stimmung. Seine Pflicht war, sich sogleich zu Miramon zu begeben, um diesem Meldung über das Geschehene zu machen.

Der General hörte ihn erstaunt an.

»Was?« fragte er. »Zwei Männer waren es, die Euch bezwangen?« – »Es ging so verteufelt schnell, Señor.« – »Hm. Und wohin haben sie das Mädchen geschafft?« – »Zu Juarez, wie die Vaqueros sagten.« – »Das ist noch gut, denn da sind wir sicher, daß der Kaiser sie niemals wieder zu sehen bekommt, und darum will ich Ihnen diesen Fehler verzeihen. Aber ich hoffe, daß Sie den nächsten Auftrag, den ich Ihnen geben werde, desto besser, sorgfältiger und vor allem vorsichtiger zu Ende führen.«

Welcher Auftrag dies sein sollte, das wußte der Oberst jetzt bereits, hütete sich aber sehr, schon jetzt ein Wort davon zu sagen.

Von nun an entwickelten sich die Verhältnisse mit ungemeiner Schnelligkeit. Eskobedo rückte rasch näher und schloß die fünfzehntausend Mann, die Max bei sich hatte, mit fünfundzwanzigtausend Republikanern ein. Die Belagerung von Querétaro begann.

Ebenso umschloß Porfirio Diaz mit seiner Armee die Hauptstadt, in der bald der gräßlichste Hunger zu wüten begann.

Kurt wollte nicht untätig bleiben. Er schloß sich dem Geniewesen an und leitete unter dem Kommandanten dieses Korps die Belagerungsarbeiten.

Sternau bemühte sich als tüchtiger Arzt und leuchtete allen seinen mexikanischen Kollegen als Muster vor.

Juarez hatte den Sitz der Regierung nach San Luis Potosi verlegt. Lindsay und Amy befanden sich bei ihm. Es läßt sich denken, wie erfreut diese beiden gewesen waren, als sie von der Rettung der Gefangenen hörten. Wie gern wäre Amy nach Santa Jaga gegangen, aber allein getraute sie sich nicht fort, und die Begleitung ihres Vaters konnte sie nicht erlangen, da er bei Juarez unumgänglich nötig war. Desto eifriger aber wurden Briefe gewechselt. Täglich flogen dieselben zwischen Santa Jaga und Potosi hin und her, um Grüße und Küsse zu bringen und die Liebenden auf die so nahe Zukunft zu vertrösten.

Auch Sternau hatte seine Pflicht getan und, sobald der Telegraf benutzbar war, in die Heimat telegrafiert, daß sie alle gerettet seien. Hätte er dabeisein können, als diese Depesche das alte, liebe Rheinswalden erreichte!

14. Kapitel.

In Rheinswalden saß der Hauptmann Rodenstein in seinem Lehnstuhl und stöberte in allerlei Papieren herum. Er war recht alt und grau und wacklig geworden, der alte Oberförster, und gerade heute plagte ihn die Gicht auf eine wahrhaft gräßliche Weise.

Da trat Ludwig ein, schob die Absätze zusammen, legte die Hand an den Kopf, als ob er seine Mütze aufhabe, und wartete, bis sein Herr ihn anreden werde. Dieser drehte sich endlich zu ihm und sagte mißmutig:

»'n Morgen; Ludwig!« – »'n Morgen, Herr Hauptmann!« – »Was Neues?« – »Nein.« – »Kein Wilddieb? Kein Windbruch? Keine Kuh gekalbt?« – »Nein.« – »Hole dich der Teufel, du alte Neinposaune – au!«

Der Hauptmann hatte eine schnellere Bewegung gemacht, als seine liebe Gicht es gestattete, und zog nun vor Schmerzen ein fürchterliches Gesicht.

»Da hat man's!« räsonnierte er. »Ich wollte, du wärest der Oberförster und hättest die Gicht.« – »Und Sie wären der Ludwig ohne Gicht dahier?« – Ja.« – »Habe auch meine Leiden, Herr Hauptmann.« – »Was denn?« – »Gehaltszulage.« – »Donnerwetter! Das fällt dir niederträch… au! Mensch, mache, daß du fortkommst, sonst werfe ich dir hier meine Tabakspfeife in das Gesicht, daß dir die Gehaltszulagen aus der Nase wachsen – he, wer kommt da?«

Es hatte draußen geklopft.

»Weiß es nicht dahier«, meinte Ludwig gleichmütig. – »So gucke doch hinaus, du Esel!« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Ludwig drehte sich um, öffnete ein wenig, steckte den Kopf vorsichtig hinaus, zog ihn wieder ein und meldete:

»Der Telegrafenbote.« – »So laß ihn herein!« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

Der Bote trat ein.

»Woher?« fragte der Alte, indem er die Hand ausstreckte. – »Aus Mexiko«, antwortete der Beamte, indem er ihm das Kuvert entgegenstreckte. – »Aus Me… Me… Mexi… woher, Kerl?« – »Aus Mexiko.«

Der Hauptmann machte Augen wie ein Teller so groß.

»Ist's wahr?« fragte er. – »Natürlich. Hier steht es ja.« – »So soll mich doch gleich vor lauter Freude der Kuckuck fressen! Fahre hin, du alte Kanaille! Von heute an wird die neue gestopft! Verstanden, Ludwig?«

Der Hauptmann warf bei diesen Worten die Tabakspfeife zum Fenster hinaus, so daß sie mitsamt der zerbrochenen Scheibe in den Hof hinunterflog.

»Zu Befehl!« brummte Ludwig. »Erst mir ins Gesicht und dann zum Fenster hinaus dahier. Wollte lieber, ich hätte sie zum Präsent erhalten.« – »Gehe hinunter und hole sie dir.«

Aber der brave Bursche ging noch lange nicht. Er mußte doch auch wissen, was in der Depesche stand.

Der Alte hatte jetzt geöffnet und las:

»An den Hauptmann von Rodenstein. Rheinswalden bei Mainz in Deutschland. – Alle glücklich gerettet durch Kurt. Brieflich mehr. Euer Sternau.«

Noch einmal las der Hauptmann diese Worte leise durch, dann aber fuhr er in die Höhe, daß der Stuhl umfiel, machte einen Freudensprung und rief:

»Gerettet! Hurra! Alle gerettet! Durch Kurt! Kyrieeleison! Glücklich gerettet! Gaudeamus igitur! Brieflich mehr! In dulcio jubilo! Euer Sternau! Vivat Pestilenz! Pereat Exzellenz! Hast du's gehört, Ludwig? Na, was steht Er denn noch da und hält Maulaffen feil?«

Letztere Worte waren an den Telegrafenboten gerichtet. Dieser kannte den Alten von früher her und antwortete ruhig:

»Ich lauere auf meine Gebühr.« – »Auf deine Gebühr?« – Ja.« – »Hast du denn eine Gebühr zu bekommen?« – »Natürlich. Oder denken Sie etwa, daß so eine Depesche ganz umsonst übers Meer herübergetragen wird?« – »Alle Teufel, ist der Kerl grob! Na dieses Mal mag dir's noch so hingehen, weil ich gerade bei guter Laune bin. Also deine Gebühr. Hm! Was gebe ich dir nur gleich?«

Der Hauptmann war vor Freude ganz außer Rand und Band geraten. Er dachte in seinem Entzücken gar nicht daran, daß für das Telegramm eine feste Taxe zu zahlen sei, sondern sein Auge schweifte im Zimmer umher, um da etwas zu finden, womit er den Mann belohnen könne.

»Halt! Ich hab's!« rief er endlich.

Er sprang auf den Stuhl und von da auf den Tisch und langte an die Wand, wo hoch oben eine alte Schwarzwälder Kuckucksuhr hing, deren Schleuder und Gewicht in einem ewig langen, wurmzerstochenen Kasten steckten.

»Kerl, siehst du diese Uhr, he?« fragte er. – »Ja, Herr Hauptmann.« – »Das ist ein altes Kapitalstück. Sie geht zwar schon einundzwanzig Jahre nicht mehr, aber sie ist unter Brüdern noch vierzig Taler wert. Da nimm sie! Sie soll deine Gebühr sein! Da!«

Er hob die Uhr ab und schob sie dem Boten in die Arme. Dabei sprang er vom Tisch herab, packte den Kasten und packte denselben dem Boten entgegen, daß beide beinahe niedergestürzt wären.

»Da hast du sie! Halte sie gut! Wenn du sie nicht aufziehst, dann brauchst du sie im ganzen Leben nicht reparieren zu lassen. Gescheit muß man sein. Nun aber hinaus mit dir und dem alten Urahnenkasten! Fort! Hinaus mit euch!«

Der Telegrafenbote wollte gegen diese Art von Gebührenentrichtung protestieren, aber ehe er so recht zu Worte kam, stand er draußen, die Uhr in den Händen, und der Kasten lag neben ihm. Nach einigem Nachdenken fügte er sich in das Unvermeidliche, hob den Kasten auf und schleppte seine »Telegrammgebühr« mühselig und beladen zur Treppe hinab.

»So, der ist bezahlt«, meinte der Hauptmann. »Habe ich eine Freude, so mache ich anderen auch gern eine.«

Ludwig stand dabei, starrte ihn ganz verdutzt an und fragte:

»Aber, Herr Hauptmann, tut es denn nicht weh?« – »Was denn?« – »Beißt oder zwickt und kneipt es denn gar nicht?« – »Zum Teufel! Was denn?« – »Na, die Gicht dahier.«

Jetzt erst fiel auch dem Alten seine Gicht ein. Er machte ein eminent überraschtes Gesicht, stampfte einige Male mit den Füßen und rief:

»Ludwig, sie ist fort, rein fort, Gott habe sie selig!« – »Das ist aber doch merkwürdig«, meinte der Bursche kopfschüttelnd. – Ja. Was mag da schuld sein?« – »Die Freude oder das Telegramm.« – »Die Freude, Dummkopf! Denke dir, und an mich hat er's adressiert, an mich! Der Prachtkerl, dieser Sternau! Ludwig renne hinunter in die Küche und sage, daß ihr heute mittag ein Extraessen bekommen sollt.« – »Was denn dahier?« – »Na, was ist euch denn lieber? Nudeln mit Hering oder Eierkuchen mit Sauerkraut oder Pflaumenmus mit Schweizerkäse?« – »Alles drei!« – »Gut. Mir auch egal! Laßt es euch machen! Ich laufe aber sogleich hinüber nach Rodriganda, um die Depesche vorzulesen.« – »Laufen? Mit der Gicht?« – »Sie ist ja fort.« – »Aber sie kann unterwegs wiederkommen.« – »Das mag sie nicht etwa wagen. Ich würde ihr schön heimleuchten. Heute und Gicht! Das reimt sich schlecht auf ein Telegramm aus Mexiko!«

Damit humpelte der Hauptmann fort. Man kann sich denken, welche Freude, ja, welches Entzücken seine Botschaft bei den Lieben allen hervorbrachte.

15. Kapitel.

Unterdessen schritt die Belagerung von Querétaro rasch vorwärts. Die Belagerten sahen freilich nicht müßig zu. Bis zum sechsten Mai hatten sie fünfzehn Ausfälle gemacht, aber nun waren auch die Mittel zum Widerstand fast erschöpft.

Max hatte Unterhandlungen mit Eskobedo anzuknüpfen versucht. Er bot demselben die Übergabe der Stadt unter der Bedingung an, daß ihm nebst seinen europäischen Soldaten und Begleitern freier Abzug aus dem Land bewilligt und seinen mexikanischen Anhängern eine vollständige Amnestie zugesichert werde. Eskobedo ließ kurz antworten:

»Ich habe den Befehl, Querétaro zu nehmen, nicht aber mit dem angeblichen Kaiser von Mexiko – ich kenne keinen solchen – zu unterhandeln. Im übrigen schreit das Blut derer, die um dieses sogenannten Kaiserreiches willen ermordet wurden und die man infolge des Dekretes vom dritten Oktober rechtlos erschoß, zum Himmel auf um Rache. Zudem ist es dem Erzherzog von Österreich verschiedene Male geflissentlich an die Hand gegeben worden, dem wohlverdienten Schicksal zu entgehen. Hat er diese Winke nicht befolgt, so ist das seine Sache.«

*

So von Eskobedo abgewiesen, hatte Maximilian sich an Juarez selbst gewandt, aber gar keine Antwort erhalten.

Ebenso war es Miramon ergangen. Er hatte sich mit verschiedenen Anträgen an Juarez, Eskobedo und andere gewandt, aber seine Hoffnungen, aus der Falle zu kommen, in die er seinen Kaiser gelockt hatte, war stets vergeblich gewesen. Er erntete entweder Schweigen oder verächtlichen Hohn.

Jetzt hatte er sich auf sein Zimmer zurückgezogen, und vor ihm stand – der Oberst Miguel Lopez, jener Ritter der französischen Ehrenlegion, der für einen persönlichen Freund des Kaisers gehalten wurde, weil dieser sogar seinen Sohn aus der Taufe gehoben hatte. Max hatte ihn erst zum Kommandanten und zum Gouverneur der Feste und des Schlosses Chapultepek und sodann zum Obersten des Reiterregimentes der Kaiserin sowie zum Befehlshaber der Leibgarde derselben gemacht. Grund genug, seinem Kaiser die höchste Dankbarkeit und Anhänglichkeit zu beweisen.

Nun also stand er vor Miramon. Beider Mienen waren düster, aber doch zeigten sie einen ganz verschiedenen Ausdruck.

Der General hatte das Aussehen eines Mannes, der sich verloren gibt, der keine Hoffnung mehr hat und doch nach jedem Strohhalm greifen möchte. Er sah ein, daß er nicht entkommen könne, daß er rettungslos verloren sei.

Oberst Lopez hingegen zeigte eine finstere Entschlossenheit. Er war anzusehen wie ein Mann, der seine schlimme Lage zwar kennt, dem aber jedes Mittel recht ist, sich derselben zu entwinden.

»Soeben komme ich von einer Inspektion zurück«, meinte Miramon. »Wir vermögen uns kaum noch einige Tage zu halten. Der Cerro de las Campanas ist von den Kartätschen des Feindes vollständig verwüstet, die Stadt ist zerstört, die Befestigungen sind vernichtet, und nur das Fort la Benze vermag noch Widerstand zu leisten.« – »Es wird für uneinnehmbar gehalten«, meinte Lopez. – »Das ist es jetzt nicht mehr. In kurzer Zeit wird Eskobedo seinen Einzug halten und uns das fürchterliche Echo des Blutdekretes vernehmen lassen.« – »Sollte es keine Rettung geben?« – »Den Heldentod mit der Waffe in der Hand.« – »Pah!« lachte Lopez. »Es mag sehr schön sein, für seinen Kaiser zu sterben, noch schöner aber ist es jedenfalls, für sich selbst zu leben.« – »Sie haben nicht unrecht«, entgegnete Miramon nachdenklich. »Und was heißt Sterben für uns! Es ist das Aufgeben aller Errungenschaften, aller Hoffnungen und Wünsche, aller Pläne, an denen wir Jahrzehnte lang gebaut und gearbeitet haben. Ich mag, ich kann nicht sterben mit dem Gedanken, daß dieser Juarez, dieser Indianer, wieder Präsident von Mexiko ist und als der Retter seines Vaterlandes gefeiert wird.« – »Es muß, es muß ein Mittel geben, uns zu retten.« – »Es gibt eins!« – »Ah! Welches, General?« – »Es ist ein Mittel, das man kaum sich selbst anzuvertrauen wagt, viel weniger einem anderen.« – »So darf ich es nicht hören?« – »Nur, wenn Sie stumm wären.« – »Nun, so bin ich stumm.« – »Schwören Sie es mir zu!« – »Ich versichere Ihnen bei Gott und allen Heiligen, daß kein menschliches Ohr ein Wort von dem hören soll, was wir nun sprechen werden!« – »Gut. Ich vertraue Ihnen. Beginnen wir mit der Betrachtung der Lage, in der sich der Kaiser befindet!« – »Er ist verloren.« – »Meinen Sie?« – »Ich bin überzeugt davon. Er hat sich mit dem Dekret sein eigenes Todesurteil unterzeichnet, und es wird jedenfalls an ihm vollstreckt werden.« – »Wenn das ist, so hilft ihm auch unsere Aufopferung nichts.« – »Sie nützt weder ihm noch uns das geringste.« – »Sie schadet uns vielmehr. Könnten wir diese Aufopferung in das Gegenteil verwandeln, so würde auch aus dem Schaden ein Nutzen für uns werden.« – »Was soll das heißen?« – »Das müssen Sie verstehen, ohne es zu hören!« – »Ah! Sie meinen, anstatt den Kaiser zu verteidigen sei es geratener – ihn seinem Schicksal zu überlassen?« – »Das wäre zu wenig; das hieße doch für uns untätig verbleiben. Und doch, nur die Tat kann uns retten.« – »Ich verstehe«, meinte der Oberst in einem sehr entschlossenen Ton. – »Gut, Sind Sie bereit, mein Bote zu sein?« – »Ja.« – »Es ist noch nicht lange her, daß Ihnen diese Señorita Emilia entkam. Ich vergab Ihnen diesen Streich, indem ich von Ihnen erwartete, daß Ihnen ein anderer Auftrag besser gelingen werde. Die Zeit, Ihnen diesen Auftrag zu erteilen, ist gekommen.«

Lopez warf einen listigen Blick auf seinen Vorgesetzten und fragte:

»Sie haben also schon damals an diese Möglichkeit gedacht?« – »Schon längere Zeit,« – »Desto besser. Ich darf dann hoffen, daß alles reiflich überlegt sei.« – »Das ist es.« – »Die Hauptsache ist, wie überall, hier das Schwierigste.« – »Was verstehen Sie unter der Hauptsache?« – »Eine Person zu finden, an die man sich gefahrlos wenden kann.« – »Sie ist gefunden.« – »Wirklich?« – »Ja, und auch so leidlich vorbereitet.« – »Wer ist es?« – »General Velez.« – »Der mir gegenüber in den Trencheen liegt? Eignet er sich zu einer so schwierigen Verhandlung?« – »Ausgezeichnet. Er ist ein zweiter Trenck, rauh, verwegen und Herr seiner Soldaten, nicht aber seiner Gesinnung. Er haßt den Kaiser wie den Tod und würde sehr viel darum geben, derjenige zu sein, von dem gesagt wird, daß er den Kaiser gefangen habe.« – »Wird er aber ermächtigt sein, einen Vertrag wie den beabsichtigten, abzuschließen?« – »Jedenfalls.« – »Also autorisiert von Eskobedo?« – »Es kann Eskobedo nur lieb sein, ohne weitere Opfer in den Besitz der Stadt zu gelangen.« – »Dann müßte vor allen Dingen Fort la Cruz übergeben werden.« – »Allerdings. Also wollen Sie diese Verhandlung übernehmen?« – »Ja. Ich bin entschlossen dazu.« – »So ist hier der Schlüssel zur Ausfallpforte. Heute, gerade um Mitternacht, wird Velez sich bis zu derselben heranschleichen.« – »Er selbst?« – »Ja. Er verläßt sich auf mein Wort, daß ihm nichts geschieht.« – »Welche Bedingungen stellen Sie?« – »Freien Abzug für mich und Sie.« – »Welche Garantien fordern Sie?« – »Welche könnte ich fordern?« – »Etwa eine Unterschrift?« – »Die kann ich nicht verlangen. Kein General wird so unvorsichtig sein, über einen solchen Vertrag ein Schriftstück zu verfassen und dasselbe gar noch mit seiner Unterschrift versehen.« – »So müssen wir uns mit dem Ehrenwort begnügen?« – »Ja. Velez hat sein Wort noch niemals gebrochen.« – »So ist das meine ganze Instruktion?« – »Ihre ganze. Nur habe ich noch hinzuzufügen, daß die Stunde genau angegeben werden muß.« – »Das versteht sich von selbst.« – »So können wir uns trennen. Ich werde heute abend nicht eher zur Ruhe gehen, als bis Sie bei mir gewesen sind, um mir das Resultat Ihrer Konferenz mitzuteilen.«

Lopez ging. Draußen aber wandte er sich um, ballte die Faust, drohte zurück und meinte:

»Jeder erhält seinen Lohn. Hast du den Kaiser ins Unglück gestürzt, so wirst du nun von mir betrogen. Du sollst sterben müssen, gerade wie er.«

Er konnte kaum die Mitternacht erwarten. Der Tag und der Abend schienen ihm schneckenhaft zu schleichen. Endlich aber war doch die Zeit gekommen. Er schlich zur Ausfallpforte, öffnete leise und verschloß sie ebenso, nachdem er sich im Freien befand.

Nun blickte er sich um. Nicht weit von ihm lehnte eine dunkle Gestalt an der Mauer.

»Wer da?« flüsterte diese. – »Bote von Miramon«, antwortete er ebenso leise. – »Willkommen!«

Mit diesem Wort trat die Gestalt näher.

»General Velez?« fragte er. – »Ja. Und Sie?« – »Oberst Lopez.« – »Ah! Kenne Sie! Schickten mir kürzlich ein allerliebstes Mädchen.«

Dabei kicherte der Offizier leise, aber doch vernehmlich vor sich hin.

»Ich Ihnen ein Mädchen?« fragte Lopez erstaunt. »Wüßte nicht!« – »Schon gut! Hatten sie sollen nach Tula bringen, um sie dort zu hängen!« – »Ah, diese, Señor! Das war eine fatale Sache.« – »Wir hoffen, daß es heute nicht ebenso fatal zugehen wird.« – »Ich bin überzeugt, daß wir uns einigen.« – »Kommt auf Eure Vorschläge an. Was verlangt Miramon?« – »Freiheit für sich und mich.« – »Hm. Ist sie nicht wert. Lasse ihn nicht gern durchschlüpfen.« – »Das ist auch nicht notwendig.« – »Ah! Wieso?« fragte der General betreten. – »Er ist nicht mein Freund.« – »Alle Teufel! Ich denke, Sie sind sein Bote, sein Bevollmächtigter!« – »Das ist wahr. Aber muß denn er das Tor aufschließen? Kann nicht auch ich dasselbe tun?« – »Sehr richtig! Aber wie wollen Sie sich dann gegen ihn verhalten?« – »Ich werde so tun, als ob ich abgeschlossen habe, unter der Bedingung, daß er die Freiheit erhält.« – »Donnerwetter! So wird er mich für unehrlich halten, nicht aber Sie! Und das würde mir verteufelt unlieb sein.« – »Das läßt sich arrangieren. Wir müssen doch die Zeit bestimmen?« – »Allerdings.« – »Ich gebe dem General einen späteren Tag an. Geschieht es einen Tag vorher, so wird er nicht annehmen, daß die Stadt infolge unseres Vertrages in Ihre Hand gefallen sei.« – »Das ist richtig. Also lassen Sie uns machen und keine Zeit versäumen, sonst werde ich vermißt.« – »Ich lasse Ihnen die Initiative.« – »Gut. Also Sie wollen den Vertrag auf eigene Faust abschließen?« – »Das versteht sich ja von selbst« – »So sagen Sie mir, ob Sie ganz genau wissen, wo und wie der Kaiser wohnt« – »Er wohnt im Kloster La Cruz hier über uns, und seine Wohnung kenne ich.« – »Ich verlange zu einer gewissen Stunde hier eingelassen zu werden.« – »Sie haben diese Stunde zu bestimmen!« – »Von hier aus führen Sie mich nach dem Schlafzimmer des Kaisers.« – »Zugestanden!« – »Weiter verlange ich nichts.« – »So viel kann ich leisten«, lachte Lopez leise. – »Welche Ansprüche machen nun Sie?« – »Ich verlange volle Freiheit für mich und mein Eigentum, die Meinen sind natürlich eingeschlossen.« – »Ich stimme bei.« – »Und außerdem eine Summe in Münzen oder guten Papieren. Die Gründe, wegen deren ich eine solche Forderung stelle, gehören entweder nicht hierher oder sind selbstverständlich.« – »Ich verstehe. Wieviel verlangen Sie?« – »Werden Sie handeln?« – »Ich schachere nie. Fordern Sie zu viel, so sehe ich ganz einfach von der Sache ab. Also …« – »Sind Ihnen zehntausend Pesos zu viel?« – »Fast, aber ich will sie Ihnen geben. Sagen wir: In der Nacht vom 14. bis 15. Mai öffnen Sie elf Uhr abends dieses Pförtchen. Neben demselben liegt in einer Brieftasche diese Summe in englischen Noten. Sie haben bis zwölf Uhr Zeit, die Noten zu prüfen. Genügen sie Ihnen nicht, oder, was dasselbe ist, halte ich mein Wort nicht, so schließen Sie wieder zu. Um Mitternacht rücke ich ein, voran zweihundert Mann. Mit diesen Leuten werde ich mich überzeugen, ob auch Sie ehrlich sind. Mehr Menschenleben darf ich nicht daran wagen. Bemerke ich, daß Sie Wort halten und verschwiegen waren, schicke ich nach Verstärkung, und Sie führen mich zum Kaiser. Sobald Sie mir dessen Wohnung gezeigt haben, sind Sie entlassen und können tun, was Ihnen beliebt. Jedenfalls werden Sie gefangen. Sie werden auch, um allen Verdacht abzulenken, einige Zeit festgehalten werden; aber ich verbürge mich dafür, daß Sie innerhalb zweier Wochen mit allem, was Ihnen gehört, freigelassen werden. Einverstanden?« – »Vollständig.« – »Ihr Ehrenwort?« – »Hier ist es.« – »Und hier das meinige.«

Beide Männer reichten sich die Hände und trennten sich dann. General Velez suchte sein Lager auf, und Lopez kehrte zu General Miramon zurück, der ihn sehnlichst erwartet hatte. Es wäre ihm unmöglich gewesen, zur Ruhe zu gehen, ehe Lopez zurückgekehrt war, denn er hätte wegen der erwartungsvollen Spannung, in der er sich befand, doch keinen Schlaf finden können.

»Nun, wie ist es gegangen?«

Mit diesen Worten empfing er den Eintretenden, noch ehe dieser Zeit gefunden hatte, zu grüßen.

»Sie werden zufrieden sein, General«, antwortete der Gefragte. – »Gott sei Dank«, meinte Miramon mit einem Seufzer der Erleichterung. »Es war mir fast, als ob ich Sorge haben müsse.« – »Warum?« – »Nun, unsere Angelegenheit war doch immerhin eine prekäre. Das Vorhaben, mit einem feindlichen Offizier auf solchen Grundlagen in Verhandlungen zu treten, ist stets ein Wagnis, das mißlingen kann, und dann hat man die unangenehmen Folgen zu tragen.«

Lopez zog die Brauen zusammen und antwortete in einem Ton, der jedenfalls ein wenig spitz zu nennen war:

»Ein Wagnis? Jedenfalls! Aber wer hat dieses Wagnis unternommen? Wir beide doch.« – »Wohl ich allein, Señor!« – »Das möchte ich denn doch bestreiten. Sie haben sich in dem Hintergrund gehalten and mich vorgeschickt. Bei einem Mißlingen des Unternehmens würde also ich es sein, den man anpackt.« – »Aber ich bin Ihr Auftraggeber, und infolgedessen hätten Sie sich wohl auf mich berufen. Sie sehen, daß wir beide uns ganz der gleichen Gefahr ausgesetzt haben.« – »Mag sein«, meinte Lopez, der einsah, daß er wieder einlenken müsse. »Es ist ein Glück, daß ich unser gefährliches Vorhaben als ein gelungenes bezeichnen kann.« – »Nun, wie lautet das Übereinkommen?« – »Wir öffnen ihm heimlich Fort und Kloster la Cruz, so daß der Kaiser in seine Hände fällt, und dafür erhalten wir die Freiheit.« – »Welche Garantie haben Sie erhalten?« – »Keine andere als sein Ehrenwort.«

Der General schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:

»Hm! Wird das genügen?« – »Zweifeln Sie an der Rechtlichkeit des Generals Velez?« – »Ich habe allerdings noch nie gehört, daß er sein Wort gebrochen hätte, aber in diesem Fall … hm!«

Der General schwieg. Es fiel ihm augenscheinlich schwer, in der begonnenen Rede fortzufahren. Lopez verstand ihn und fragte lächelnd:

»Warum meinen Sie, daß er gerade in diesem Fall eine Ausnahme machen werde?« – »Weil – weil – er uns – für Verräter halten wird.« – »Dieses Wort ist kein gar zu schönes, aber trotzdem ist es das richtige. Es gibt Leute, die den eigentümlichen Grundsatz haben, daß man einem Ver… Donnerwetter, dieses verdammte Wort – daß man einem Verräter nicht Wort zu halten brauche.« – »Sollte Velez zu diesen Leuten gehören?« – »Ich hoffe es nicht, aber trotzdem wäre es gut, wenn Sie einige Gewährleistung hätten erhalten können.« – »Worin sollte diese bestehen?« – »Das ist allerdings das Schwierige.« – »Und wenn es möglich gewesen wäre, irgendeine Bürgschaft zu erlangen, so hätte Velez auch von unserer Seite eine solche haben müssen. Was aber hätten wir ihm bieten können?« – »Hm! Nichts als unser Wort.« – »Sie sehen also, daß er uns gegenüber wenigstens nicht in irgendeinem Vorteil steht.« – »O doch! Die Lage, in der wir uns befinden, muß ihm Bürgschaft genug sein, daß wir unser Versprechen erfüllen werden.« – »Welches Schicksal erwartet uns, wenn wir kriegsgefangen werden?« – »Ein rosiges allerdings nicht.« Und mit eigentümlicher Betonung fügte Lopez hinzu: »Ein schlimmes kann ich es aber auch nicht nennen. Man pflegt doch Kriegsgefangene nach geschlossenem Frieden wieder freizulassen.« – »Darauf kann aber ich nicht rechnen.« – »Ah!«

Lopez machte zu diesem Ausruf ein sehr erstauntes Gesicht. Es kam ihm darauf an, den General, dem er keineswegs gewogen war, ein wenig zu peinigen.

»Nein«, fuhr dieser fort. »Freigelassen würden wir keinesfalls, aber wissen Sie, welches Schicksal den Kaiser erwartet, wenn er in die Hände der Republikaner gerät?« – »Er wird erschossen.« – »Jedenfalls. Und wir? Werden wir ein besseres Schicksal haben?« – »Meinen Sie etwa, daß Juarez uns alle erschießen lassen wird, vom Kaiser an bis auf den letzten Soldaten?« – »Das zu denken, wäre ja Wahnsinn.« – »Nun also! Man erschießt einfach die Führer, das heißt, den Kaiser und einige Generäle – weiter keinen!«

Miramon zog die Stirn in Falten.

»Oberst«, sagte er, »es ist nicht sehr liebenswürdig, mich auf eine so aufrichtige Weise vor diese Perspektive zu stellen.« – »Was nun meine Abmachung mit Velez anbelangt, so kommt derselbe mit zweihundert Mann. Sieht er aber, daß wir Wort halten, so zieht er die notwendige, größere Truppe zu sich heran.« – »Das ist allerdings sehr vorsichtig von ihm. Wann und um welche Zeit gedenkt er zu kommen?« – »In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai.« – »Donnerwetter! So spät?«

Lopez hatte den mit Velez vereinbarten Zeitpunkt um zwei Tage hinausgeschoben. Er antwortete abermals lügend:

»Er könnte nicht eher, weil er bis dahin abwesend sei, sagte er mir.« – »So müssen wir uns fügen. Welche Stunde wurde bestimmt?« – »Mitternacht.« – »So wollen wir wünschen, daß diese Nacht nicht eine helle, sondern eine recht trübe sei. Ist das alles, was zwischen Ihnen und dem General verhandelt wurde?« – »Ja, alles.« – »Nun, so wollen wir mit der Hoffnung auseinandergehen, daß unser Vorhaben gelingen werde. In diesem Falle dürfen Sie darauf rechnen, daß ich imstande sein werde, Ihr Verdienst anzuerkennen und zu belohnen.«

Lopez zuckte unter einem halben Lächeln die Achsel und antwortete:

»Mit Illusionen ist nicht gut rechnen, Señor.« – »Halten Sie meine Worte für ein Hirngespinst?« – »Das nicht Aber …« – »Was, aber …?« fragte Miramon. – »Wir wollen bedenken, daß Juarez nicht nur Ihr Gegner, sondern geradezu Ihr Feind ist. Er wird Präsident sein, und Sie werden unter seiner Regierung keinerlei Einfluß erlangen.« – »Ich werde sogar des Landes verwiesen werden.« – »Wie also werden Sie mir nützlich sein können?« – »Hm! Denken Sie, daß ich mich seinen Anordnungen wirklich fügen werde? Ich werde rücksichtslos gegen ihn vorgehen. Noch ist mein Einfluß nicht erloschen, er reicht sogar weit über die See hinüber, und ich werde ihn aufbieten, um Juarez zu stürzen.« – »Eine schwere Aufgabe, die nicht einmal Napoleon und Maximilian von Österreich zu lösen vermochten.« – »Die Schule, durch die ich gegangen bin, hat mich gewitzigt. Bin ich einmal frei, so wird der Zapoteke nicht lange am Ruder bleiben. Ich bin dessen so sicher, daß ich darauf schwören kann.«

Miramon dachte dabei an die geheime Korporation. Vielleicht hatte er die Absicht, derselben eine solche Verfassung und Ausdehnung zu geben, daß sie Juarez gefährlich werden mußte. Natürlich aber hütete er sich, Lopez von diesem Plan etwas mitzuteilen. Er fuhr nur fort:

»Doch, noch ist es nicht Zeit, von diesen Dingen zu sprechen. Ist der Augenblick gekommen, so werden auch Sie etwas Näheres erfahren und dann mit mir zufrieden sein. Aber wir wollen scheiden. Gute Nacht, Oberst!« – »Gute Nacht, General!«

Lopez entfernte sich. Miramon ging schlafen. Er dachte nicht daran, daß Lopez entschlossen sei, so an ihm zu handeln, wie er im Begriff stand, an seinem Kaiser zu handeln. Er hatte seine Maßregeln getroffen und, um nun auch Maximilian zu täuschen, einen Boten abgesandt, der einen seiner Anhänger, einen Bandenführer, aufsuchen sollte, von dem er wußte, daß er sich in der Gegend zwischen Salamanca und Quanachta aufhalte.

Dieser Bote hatte einen schriftlichen Befehl mit, der lautete:

»Sie brechen nach Empfang dieses Befehls mit Ihrer Truppe auf, um während der nächstfolgenden Nacht im Rücken von Eskobedo einen Angriff unter Ausrufungen usw., durch die sich die Ihrigen als Anhänger des Kaisers bezeichnen, zu unternehmen. Dieser Angriff wird zwar für Sie nutzlos, für mich aber von großen Folgen sein. Sie kämpfen, so lange es geht, und ziehen sich dann zurück, um sich in Ihrem Lager zu verbergen.

General Miramon.«

Der Bote war angewiesen, falls es ihm nicht gelinge, sich durch den Feind zu schleichen, und falls er ergriffen würde, diesen Zettel zusammenzuballen und zu verschlingen, damit nichts von dem Inhalt desselben verraten werde.

Er war mit Anbruch der Nacht aufgebrochen und glücklich durch die Linien der Belagerer gekommen.

Am Tage glückte es ihm dann, den Adressaten aufzufinden, und dieser machte sich sofort daran, den ihm übermittelten Befehl auszuführen.

16. Kapitel.

Kurt war bei demjenigen Truppenteil tätig, der unter dem Befehl des Generals Velez stand. Man hatte sich über einen neuen Plan geeinigt, der die Eroberung der Stadt erleichtern sollte. Velez hatte diesen zwar für unnütz erklärt, weil er wußte, daß die Festung durch Verrat in seine Hände fallen werde. Da er dies aber nicht sagen durfte, so war trotz seines Einspruches der Plan angenommen worden, und es bedurfte zur Ausführung desselben nur noch der Genehmigung des Generals Eskobedo.

Um dieselbe zu erlangen, mußte ein Bote zu dem Feldherrn geschickt werden, der imstande war, demselben alle Vorteile des Planes vorzustellen. Man wählte Kurt Helmers.

Eskobedo hatte sein Hauptquartier eine Stunde von Querétaro entfernt, und es war am Nachmittag, als Kurt aufbrach. Er traf den General an und erlangte die Genehmigung desselben, allerdings nach einer so eingehenden Besprechung, daß währenddessen der Abend herangekommen war.

Es war dunkel, und um schneller fortzukommen, wich Kurt von der geraden Richtung ab, diese hätte ihn mitten durch das Belagerungsheer geführt, wo sein Ritt durch allerlei Aufenthalt verlangsamt worden wäre. Er hatte also beschlossen, einen Bogen zu schlagen und am äußersten Ende der Truppenaufstellung hinzureiten.

Da es finster war und es hier keinen gebahnten Weg gab, so konnte man leicht die beabsichtigte Richtung versehen, und wirklich geriet Kurt eine Strecke abseits in das Feld. Er merkte es und hielt an, um sich zu orientieren.

Indem er überlegend im Gras hielt, war es ihm, als ob er das Schnauben eines Pferdes vor sich höre, da, wo ein Streifen zu bemerken war, der, dunkler als die nächtliche Finsternis, sich ohne Schwierigkeit erkennen ließ. Ein zweites und darauf ein drittes und viertes Schnaufen erfolgte.

Was war das? Dort waren jedenfalls mehrere, vielleicht viele Pferde beisammen. Und wo Pferde sind, da gibt es auch Reiter. Waren es Freunde oder Feinde? Jedenfalls das letztere. Die Truppen Eskobedos lagen links hinüber und hätten auch nicht notwendig gehabt, sich im Wald zu verbergen. Daß nämlich der dunkle Streifen einen Wald bedeute, verstand sich von selbst.

»Es sind Feinde. Ich muß sehen, was sie wollen«, flüsterte Kurt sich selbst zu.

Er wandte sein Pferd und ritt so weit zurück, daß es, im Falle es schnauben sollte, außer Hörweite der zu belauschenden Reiter sei, pflockte es an und schritt wieder leise und vorsichtig auf den Wald zu.

Es verstand sich von selbst, daß sein Vorhaben nicht ohne Gefahr war. Daher legte er sich, in der Nähe des Waldes angekommen, im Gras nieder und schob sich nach Art der Präriejäger vorwärts.

Nicht lange dauerte es, so hatte er den Waldrand erreicht und drang zwischen den Bäumen vor. Da hörte er zu seiner Linken ein halblaut geführtes Gespräch. Er schlich sich auf diese Gegend zu, mußte aber bald anhalten, denn er war bei einem Baum angelangt, in dessen Nähe zwei Männer saßen, die miteinander sprachen. Er konnte jedes Wort genau verstehen.

»Wieviel Uhr haben wir?« fragte der eine. – »Das weiß der Teufel«, antwortete der andere. »Es wird gegen elf Uhr sein.« – »Also noch eine Stunde.« – »Du denkst, daß wir um Mitternacht aufbrechen?« – »Ja. Um ein Uhr soll der Angriff unternommen werden.« – »Hm! Was hältst du von diesem Angriff?« – »Eigentlich eine verrückte Idee.« – »Ganz meine Ansicht.« – »Wir sind vierhundert, und der Feind zählt fünfundzwanzigtausend.« – »Unsinn! Wir haben es ja nur mit einem kleinen Teil desselben zu tun! Aber trotzdem wird es nichts sein, als ein Laufen in den Tod.« – »Ich stelle mir die Sache nicht so schlimm vor. Als ich heute Posten stand, kam der Colonel mit dem Boten des Generals Miramon an mir vorüber, und da gelang es mir, einige Worte ihres Gespräches wegzuschnappen.« – »Was sagten sie?« – »Der Colonel war ungehalten darüber, daß er sich opfern solle.« – »Und der Bote?« – »Dieser beruhigte ihn, indem er ihm erklärte, daß es sich ja gar nicht um ein ernstliches Gefecht handle. Es sei nur darum zu tun, die Annahme zu wecken, daß der Kaiser im Rücken seiner Feinde noch Anhänger habe, die gesonnen sind, für ihn zu kämpfen.« – »Dummheit! Was könnte das ihm nützen?« – »Wer weiß es? Ich bin kein General und auch kein Minister. Wir greifen an und ziehen uns zurück, sobald die Kugeln des Feindes zu pfeifen beginnen.« – »Ja, und haben dabei nichts weiter zu tun, als uns totschießen zu lassen und ›Vivat Max‹ zu rufen. Ich habe große Lust, zurückzubleiben und schreien zu lassen, wer da will.« – »Hast du etwa Angst?« – »Angst? Vor wem?« – »Nun, vor den Waffen der Republikaner.« – »Was fällt dir ein! Hast du jemals bemerkt, daß ich mich gefürchtet habe? Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich für eine Sache kämpfe, die eine Zukunft hat, oder für eine solche, die ich im vornherein verloren geben muß!« – »Verloren? Du meinst die Sache des Kaisers?« – »Natürlich!« – »Und du erklärst sie für verloren? Das laß ja den Colonel nicht hören. Er würde dir eine Kugel vor den Kopf geben lassen.« – »So wäre er dumm genug. Die Wahrheit belohnt man nicht mit einer Kugel.« – »Pah! Die Wahrheit! Du denkst, weil wir jetzt so schauderhaftes Pech gehabt haben, müsse das auch so bleiben. Aber du irrst dich da gewaltig. Miramon ist ein tüchtiger Kerl. Ist er nicht Präsident gewesen? Er wird wohl wissen, was er tut. Und der Streich, den wir heute auszuführen haben, hat jedenfalls auch seine Berechnung. Vielleicht sollen wir die Aufmerksamkeit Eskobedos auf uns lenken, damit den Unseren in der Stadt ein Ausfall gelingt, der den Belagerern verderblich wird.

Während dieses Gesprächs, am Schluß desselben, hatte Kurt nahende Schritte vernommen, die aber den beiden Sprechenden entgangen waren. Jetzt fragte eine tiefe befehlshaberische Stimme:

»Was fällt euch ein, so laut hier zu sprechen?« – »Ah! Der Colonel!« riefen die beiden, indem sie aufsprangen.

Kurt hatte die Ansicht, daß die eigentliche Truppe im Innern des Wäldchens kampiere, während an den Rand desselben Doppelposten gelegt waren. Einen solchen Posten bildeten jedenfalls auch die beiden, die er belauscht hatte. Daß seine Meinung die richtige sei, sollte er sogleich hören.

»Leise!« befahl der Colonel. »Ich habe doch den Befehl gegeben, daß auf Posten nicht gesprochen werden soll!«

Die zwei fühlten sich schuldig und schwiegen infolgedessen. Der Colonel fuhr fort:

»Ist etwas vorgekommen?« – »Nein«, antwortete der eine. – »Auch nichts Verdächtiges gehört?« – »Gar nichts.« – »So verhaltet euch ruhiger als bisher. Anstatt zu hören, werdet ihr gehört, wenn ihr laut sprecht. Ich will einmal rundum rekognoszieren gehen. Fällt während dieser Zeit etwas vor, so meldet ihr es dem Major!«

Kurt konnte den Colonel nicht sehen, aber er hörte es an dem Geräusch der Schritte, daß derselbe gerade auf den Baum zukam, hinter dem er sich niedergelegt hatte. Infolgedessen erhob er sich schnell und geräuschlos aus seiner liegenden in eine kauernde Stellung, duckte sich so eng und tief wie möglich zusammen und schmiegte sich fest an den Stamm des Baumes.

Um nicht anzustoßen, hielt der Oberst die Hände vor. Er fühlte den Stamm und wollte zur Seite vorüber. Dabei aber blieb er am Fuß Kurts hängen und stürzte zu Boden.

»Verdammt!« rief er. »Das war gerade, als ob ich an dem Stiefel eines Menschen hängengeblieben wäre. Schnell herbei, ihr beiden!«

Kurt hatte kaum so viel Zeit, zur Seite zu schnellen und, an einigen Bäumen vorüberschleichend, sich hinter einem anderen Stamm zu verbergen, so rasch waren die zwei Männer da.

Der Oberst hatte sich natürlich wieder erhoben.

»Habt ihr Zündhölzer?« fragte er. – »Ja«, antwortete einer.

Kurt zog sich rasch noch weiter zurück.

»Brennt an!« gebot der Offizier. »Aber nicht eins allein, sondern mehrere zusammen. Das leuchtet besser.«

Kurt vernahm das Anstreichen der Hölzer, und einen Augenblick darauf beleuchtete das Flämmchen die Umgebung des Ortes, wo die drei Personen standen, ziemlich deutlich. Ein Glück war es, daß der Schein nicht zu ihm dringen konnte.

»Seht ihr etwas?« fragte der Colonel. – »Nein«, antworteten die Männer zugleich. – »Leuchtet nieder an den Boden.«

Sie gehorchten.

»Ah!« meinte der Offizier im Ton der Beruhigung. »Hier ist eine Wurzel. Freilich war das, worüber ich stolperte, weicher, als eine Wurzel zu sein pflegt, aber sie ist mit Moos bewachsen. Sie ist es gewesen, an der ich hängenblieb.« – »Jedenfalls, Señor«, bestärkte ihn der eine der beiden Posten in dieser irrigen, für Kurt aber günstigen Ansicht. – »Man kann nicht vorsichtig genug sein«, meinte er, »besonders in der Lage, in der wir uns befinden. Haltet darum eure Ohren offen, Leute!«

Nach dieser Warnung schritt der Oberst weiter, dem Ausgang zu. Es war kein Zweifel, daß Kurt sich in Gefahr befunden hatte, doch schätzte er dieselbe nicht groß. Er wußte, daß man ihn sicher nicht zu ergreifen vermocht hätte. Freilich wäre der Oberst dann zu der Überzeugung gekommen, daß er belauscht worden und seine Absicht kaum noch ausführbar sei.

Jetzt war diese Gefahr vorüber. Der Colonel hatte sich jedenfalls vorgenommen, außerhalb des Wäldchens, da, wo ebener Grasboden zu sein schien, rund um das letztere herumzugehen. Bei diesem Gedanken durchzuckte ein Entschluß den jungen Mann. Wie, wenn er diesen Obersten gefangennahm? Es war dies wohl kein leichtes Unternehmen, aber er fühlte sich gewandt genug dazu, dasselbe auszuführen.

Er folgte in geduckter Stellung dem Offizier. Dieser war wirklich aus dem Wald heraus auf die offene Grasfläche getreten und patrouillierte nun langsam an dem Waldrand weiter. Kurt schlich, nachdem er einige Zeit hatte vergehen lassen, um außer Hörweite der beiden Posten zu kommen, hinter ihm her. Er erreichte ihn und schlang ihm von hinten die Finger der beiden Hände fest um den Hals. Der Offizier stieß ein halblautes Stöhnen aus, griff mit den Händen in die Luft, um seinen Angreifer zu fassen, was ihm aber nicht gelang. Ein noch festerer Druck von Kurts Fingern, ein röchelndes, leise endendes Stöhnen, und der Oberst sank zur Erde.

»So, den habe ich!« murmelte Kurt befriedigt.

Dann zog er sein Taschentuch hervor, band es um den Mund des augenblicklich Besinnungslosen, schlang sich den Lasso von den Hüften und wickelte denselben so fest um die Arme und Beine des Gefangenen, daß dieser sich beim Erwachen nicht zu rühren vermochte.

Nun erst hatte er ihn vollständig in seiner Gewalt. Er warf sich den Mann über die Schulter und eilte zu seinem Pferd zurück, das zu finden ihm trotz der Dunkelheit glücklicherweise gelang. Er hob ihn empor, stieg auf, nahm ihn quer vor sich über und ritt davon, erst langsam und vorsichtig, dann aber so schnell, als es ihm die Dunkelheit und das Terrain gestatteten.

Anstatt bei der vorher eingehaltenen Richtung zu verharren, die ihn längs der Vorpostenkette der Republikaner hingeführt hatte, hielt er jetzt in gerader Richtung auf dieselbe zu, bis er angerufen wurde und also halten mußte. Nachdem er sich durch Parole, Losung und Feldgeschrei legitimiert hatte, fragte er den befehlenden Offizier, der in der Nähe war:

»Wer ist Ihr Kommandeur?« – »General Hernano«, antwortete der Gefragte. – »Bringen Sie mich schnell zu ihm.« – »Ist die Angelegenheit eilig?« – »Ja. Sie sollen um ein Uhr angegriffen werden.« – »Donner! Wen haben Sie denn da auf dem Pferd?« – »Einen Gefangenen. Aber ich habe keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Bitte, lassen Sie uns eilen!«

Nachdem der Offizier den Seinen die größte Wachsamkeit eingeschärft hatte, ging er, Kurt führend, nach seinem Posten zurück, wo sein Pferd stand, bestieg es, und beide sprengten dem Quartier des Generals zu.

Dasselbe befand sich in einer Art von Dörfchen, das vielleicht eine halbe Stunde von Querétaro lag. Der Kommandierende saß mit seinen Stabsoffizieren bei einem frugalen Nachtessen, als ihm Kurt gemeldet wurde.

»Ein deutscher Name«, sagte er. »Wird nicht viel bringen. Der Mann mag eintreten!«

Kurt hatte kurzen Prozeß gemacht und seinen Gefangenen auf die Schulter geladen. Er trat mit demselben ein. Bei diesem außergewöhnlichen Anblick sprangen die Offiziere auf.

»Valga me Dios! Was bringen Sie da?« fragte erstaunt der General. – »Einen Gefangenen, Señor«, antwortete Kurt, indem er den Colonel zur Erde legte und sein Honneur machte. – »Das scheint so! Wer ist der Mann?« – »Ein kaiserlicher Oberst.« – »Hm. Der Kerl sieht nicht danach aus. Jedenfalls haben Sie da eine Maus gefangen, anstatt eines Elefanten.«

Bei diesen Worten umspielte ein ironisches Lächeln die Lippen des Generals, und seine Offiziere hielten es natürlich für ihre Pflicht, dasselbe Lächeln sehen zu lassen.

»Überzeugen Sie sich«, meinte Kurt in sehr ruhigem Ton. – »Er trägt ja nicht die kaiserliche Uniform!« – »Er ist dennoch ein Kaiserlicher. Ich trage auch nicht die Uniform Eskobedos oder des Präsidenten, sondern gerade wie dieser Gefangene mexikanische Kleidung.« – »Und dennoch sind Sie Republikaner? Das wollen Sie doch sagen?« – »Nein.« – »Was sonst? Sie wurden mir als Premierleutnant angemeldet.« – »Das bin ich allerdings. Ich diene in der Armee des Königs von Preußen, bin in Familienangelegenheiten nach Mexiko gekommen und habe mich gegenwärtig aus gewissen Gründen der Sache des Präsidenten angeschlossen.« – »Ah! Warum nicht der Sache des Kaisers?« fragte der General.

Es war ihm leicht anzusehen, daß er einiges Mißtrauen hegte.

»Es war mir so opportun«, antwortete Kurt kurz und scharf. – »Sie haben sich bei den Vorposten legitimiert?« – »Ja. Hätte der Führer der Posten mich Ihnen sonst angemeldet?«

Der General erkannte, daß er im Begriff gestanden hatte, zu weit zu gehen, und fragte:

»Woher kommen Sie?« – »Von Eskobedo.« – »Ah! Sie waren beim Oberstkommandierenden? In welcher Angelegenheit wenn ich fragen darf?«

Der letzte Zusatz war doch wieder in einem ziemlich ironischen Ton gesprochen.

»Fragen dürfen Sie allerdings, Señor«, antwortete Kurt lächelnd, »aber antworten darf ich nicht.« – »Ah! Es handelt sich um eine diskrete Angelegenheit?« – »Ja, um einen Plan, über den Sie das Nähere von einem anderen als von mir zu erfahren haben.« – »Sie scheinen in Preußen an eine strenge Disziplin gewöhnt zu sein.« – »Das ist allerdings wahr.« – »Auch an diese Verschlossenheit Vorgesetzten gegenüber?« – »Auch an sie, wenn es nötig ist. Nur fragt es sich, wen Sie einen Vorgesetzten nennen.« – »Sie meinen doch, daß ich der Ihrige bin?« – »Vielleicht nicht. Ich habe mich dem Präsidenten zur Verfügung gestellt, ohne einen militärischen Rang zu beanspruchen.« – »Sie meinen doch nicht etwa, daß Ihnen im anderen Fall der meinige angeboten worden wäre? Ich bin General.« – »Ich bin Offizier, wie Sie, das ist alles, was ich Ihnen antworten kann. Welcher Rang mir geworden wäre, kommt nicht in Betracht. Übrigens denke ich, dem Präsidenten nicht weniger dienlich zu sein als jeder andere.«

General Hernano war als stolzer, hochfahrender, aber keineswegs als sehr befähigter General bekannt. Seine Arroganz machte sich auch hier Kurt gegenüber geltend. Dieser aber war freilich nicht derjenige, der so etwas etwa demütig hinnahm. Er wußte, daß ein mexikanischer General in Beziehung auf militärische Kenntnis nicht stets einem deutschen Leutnant gleichstehe, und beeilte sich daher, dem Ton des Generals mit einem gleichen zu begegnen.

Er sah, daß dies von der Umgebung Hernanos beifällig bemerkt wurde, und das befriedigte ihn. Der General dagegen ließ ein finsteres Gesicht sehen.

»Ah!« sagte er. »In welcher Weise dienen Sie dem Präsidenten?« – »Als Ingenieur. Ich bin den Genietruppen zugeteilt.« – »Hm. Ich halte es mit der Reiterei. Der Ingenieur ist ein Bohrwurm, der das Tageslicht scheut. Sie wurden mir als Oberleutnant Helbert angemeldet. Ich hörte den Namen zum ersten Male.«

Kurt verstand sehr wohl, was das heißen solle, aber er antwortete dennoch in ruhiger Höflichkeit:

»So hatte sich der betreffende Offizier verhört, oder er besitzt nicht die Fertigkeiten, einen deutschen Namen auszusprechen. Ich heiße nicht Helbert, sondern Helmers.«

Da blickte der General rasch empor.

»Helmers?« fragte er. – »Ja, Señor.« – »Sie stehen bei der Truppe des Generals Velez?« – »Allerdings.« – »Ah! Das ist etwas anderes. Entschuldigung! Wäre mir Ihr Name richtig genannt worden, so wäre Ihr Empfang ein anderer gewesen. Señores, ich stelle Ihnen hiermit die eigentliche Seele unserer Belagerungsarbeit vor.«

Gerecht war Hernano also doch. Die Offiziere traten jetzt zu Kurt und reichten ihm in kameradschaftlicher Weise die Hände. Dann fuhr der Oberst fort:

»Nun lassen Sie uns zur Ursache Ihrer Anwesenheit zurückkehren! Sie bezeichnen diesen Gefangenen wirklich als einen kaiserlichen Obersten?« – »Ja, obgleich ich der Ansicht bin, daß es sich nur um einen Guerilla- oder Bandenführer handelt. Er wurde von den Seinen in meiner Gegenwart Colonel, also Oberst genannt.« – »Wieviel Mann Begleitung hatten Sie bei sich?« – »Niemanden.« – »Wie aber sind Sie in den Besitz dieses Mannes gekommen?« – »Sehr einfach, ich habe ihn gefangen.« – »Sie allein?« fragte der General erstaunt. – »Nicht anders. Darf ich den Fall berichten?« – »Tun Sie es! Ich bin sehr gespannt!«

Kurt erzählte, und die Anwesenden hörten aufmerksam zu. Am Schluß rief der General:

»Alle Wetter! Man will uns also überfallen?« – »Ja.« – »Und wir versäumen die Zeit mit unnützen Reden!« – »Nicht meine Schuld«, meinte Kurt, indem er mit der Achsel zuckte. – »Warum machten Sie mich nicht sogleich aufmerksam?« – »Sie sind General, ich bin nur Leutnant«, antwortete Kurt, nun seinerseits mit einem ironischen Lächeln. »Ich hatte also nichts anderes zu tun, als Ihre Fragen zu beantworten.« – »Donner! Höflich scheinen diese Herren Preußen nicht zu sein. Ich werde sogleich eine Abteilung gegen den Wald vorrücken lassen. Wollen Sie die Güte haben, derselben als Führer zu dienen?« – »Ich stelle mich gern zur Verfügung, bitte aber, sich vorher mit diesem Colonel einen Augenblick zu beschäftigen.« – »Warum? Die Zeit drängt.« – »Nicht so sehr, daß wir nicht vorher einige Fragen an ihn richten und seine Taschen untersuchen könnten.« – »Das ist wahr. Sie sagten, daß der Angriff um ein Uhr stattfinden soll?« – Ja.« – »Und daß sie sich dazu um Mitternacht vorbereiten werden?« – »So ist es.« – »Es ist jetzt erst über elf Uhr, und so bleibt uns also noch Zeit. Binden wir ihn los.«

17. Kapitel.

Der Gefangene war unterdessen wieder zu sich gekommen, das sah man an seinen dunklen Augen, die er geöffnet hatte und mit dem Ausdruck der Wut von einem zum anderen gleiten ließ. Man nahm ihm das Taschentuch und den Lasso ab und hieß ihn aufstehen. Er tat es, indem er die schmerzenden Glieder streckte.

»Wie heißen Sie?« fragte ihn der General.

Der Gefragte antwortete nicht und schwieg selbst dann, als die Frage wiederholt wurde. Da meinte Hernano:

»Wenn Sie nicht antworten, so betrachte ich Sie nicht als Offizier, sondern als einen gemeinen Verräter und lasse Sie auf der Stelle erschießen. Also, wie heißen Sie?«

Jetzt nannte der Mann seinen Namen.

»Haben Sie gehört, was dieser Señor uns erzählt hat?« – »Ja.« – »Sie geben zu, daß es die Wahrheit ist?« – »Sie als General werden einsehen, daß ich diese Frage nicht beantworten darf.« – »Sie meinen, daß Ihre Pflicht Ihnen hier Schweigen auferlegt? Gut, ich will das zugeben. Aber fragen muß ich Sie doch, ob es sich wirklich um einen Angriff auf uns handelt.« – »Auch jetzt antworte ich nicht.« – »Von wem haben Sie den Befehl erhalten, heute …« – »Halt!« rief in diesem Augenblick Kurt, den General unterbrechend.

Der Gefangene war nämlich leise und, wie er meinte, unbeobachtet mit der Hand in die Tasche gefahren und stand im Begriff, diese Hand zum Mund zu führen. Kurt aber hatte ihn im Auge behalten und den erhobenen Arm am Handgelenk ergriffen. Der Gefangene machte eine verzweifelte Kraftanstrengung, ihm den Arm zu entreißen, was ihm aber nicht gelang. Da bückte er sich schnell mit dem Kopf herab. Ehe einer der Anwesenden herzutreten konnte, wäre es dem Colonel fast gelungen, das, was er in der Hand hielt, in den Mund zu bekommen, aber Kurt, der den Arm mit der Linken gepackt hielt, stieß ihm die geballte Faust in der Weise unter das Kinn, daß der Kopf emporflog. Ein zweiter Faustschlag gegen die Schläfe des Widerstrebenden warf denselben zu Boden, wobei Kurt noch immer die Hand des jetzt Besinnungslosen festhielt.

»Donnerwetter«, rief der General. »Was für einen famosen Hieb haben Sie!« – »Beweis, daß ich einen tüchtigen Lehrmeister hatte«, lächelte Kurt. – »Sie haben den Mann erschlagen. Er ist tot.« – »Wohl nicht! Um ihn zu töten, hätte ich ihn ein wenig mehr nach hinten treffen müssen.« – »Sie scheinen den Schädelbau Ihrer Gegner genau zu studieren, ehe Sie zuschlagen.« – »Das ist allerdings notwendig.« – »Warum unterbrachen Sie mich?« – »Der Mann zog etwas aus der Tasche, was er zum Mund führen und jedenfalls verschlingen wollte.« – »Ah! Was ist es?« – »Wir werden sehen.«

Kurt brach die Hand des Bewußtlosen auf und fand ein fest zusammengeknülltes Papier, das er glättete und dem General überreichte. Dieser las es durch.

»Ein Befehl des Generals Miramon!« rief er aus.

Die Anwesenden gaben ihr Erstaunen teils durch ihre Mienen, teils durch verschiedene laute Ausrufe zu erkennen.

»Daß dies Billett in die Hände dieses Mannes kommen konnte«, meinte der General, »ist ein Beweis, daß entweder die Stadt noch nicht vollständig eingeschlossen ist oder daß unsere Posten nicht wachsam sind.«

Er las den Befehl des Generals Miramon laut vor und sagte dann:

»Er hat also doch eingesehen, daß dieser Angriff keinen direkten Nutzen haben werde. Unsere Vorposten hätten Alarm geschlagen. Aber er redet da von einem indirekten Vorteil. Was mag er meinen?«

Einer der anwesenden Offiziere antwortete:

»Das ist, meiner Ansicht nach, sehr leicht einzusehen.« – »Wieso?« – »Miramon beabsichtigt heute nach Mitternacht einen Ausfall und will unsere Aufmerksamkeit von demselben ablenken.« – »Hm. Das ist allerdings wahrscheinlich.« – »Ich bin anderer Meinung«, bemerkte Kurt – »Warum?« fragte der General. – »Miramons Ausfälle sind alle siegreich zurückgeschlagen worden. Der letzte wurde am fünften Mai unternommen, wobei ich durch eine einzige Mine das ganze Vorhaben vereitelte. Miramon muß, wenn er nur ein mittelmäßiger Soldat ist, wissen, daß seine ganzen Befestigungen von unseren Minen umgeben sind. Er mag einen Ausfall versuchen, wo er will, so sprenge ich ihn in die Luft. Nein, seine Absicht ist eine andere!« – »Aber mir ein Rätsel. Wollen Sie sich erklären?« – »Er will den Kaiser verderben. Max soll denken, daß hinter unserem Rücken seine Anhänger in hinreichender Stärke stehen, um uns anzugreifen und von der Stadt abzuziehen.« – »Eine Spiegelfechterei also?« – »Die aber doch ihren Zweck erfüllen kann. Halten Sie es für unmöglich, daß der Kaiser noch heimlich entkommen kann?« – »Ja.« – »Es ist dem Boten Miramons gelungen, unbemerkt sich durchzuschleichen. Was diesem nicht unmöglich war, kann auch dem Kaiser recht wohl möglich werden.« – »Hm. Man wird wachsamer sein müssen.« – »Um nun Max von jedem solchen Gedanken abzubringen, spiegelt Miramon ihm die erwähnte Lüge vor.« – »Was aber kann es ihm nützen, wenn der Kaiser nicht entkommt, sondern gefangen wird?« – »Vielleicht gibt er sich der Hoffnung hin, daß man sich begnügen werde, das Haupt unschädlich zu machen.« – »Ah! Er gedenkt, dadurch sein Leben zu retten?« – »Ich habe Grund, dies zu glauben. Ich weiß ganz genau, daß von einer gewissen Seite Anstrengungen gemacht werden, den Kaiser zu täuschen.« – »Woher wissen Sie das?« – »Ich habe keine Anweisung, darüber zu sprechen. Ich darf Ihnen nur sagen, daß ich den Präsidenten darüber unterrichtet habe und daß dieser seine Maßregeln danach zu ergreifen weiß. Auch mit General Miramon habe ich über diesen Punkt gesprochen.« – »Donner! Sie scheinen ja mit diesen Herren auf einem sehr vertrauten Fuß zu stehen.« – »Vielleicht! Jedenfalls aber ist es notwendig, dem Oberstkommandierenden sofort diesen Befehl Miramons zu schicken und ihn von dem beabsichtigten Überfall, sowie den dagegen ergriffenen Mitteln zu benachrichtigen.« – »Das soll geschehen. Wie stark sind diese Guerillas? Wie sagten Sie?« – »Vierhundert, wie ich erlauschte.« – »Reiter oder Fußtruppen?« – »Ich hörte die Pferde schnaufen und glaube auch bemerkt zu haben, daß die beiden Posten großrädrige Sporen trugen. Ich vernahm das Klirren derselben. Diese Banden sind ja meist beritten.« – »Meinen Sie, daß wir den Angriff erwarten?« – »Nein. Weil dann mehr oder weniger der Unserigen fallen werden.« – »Also greifen wir sie an?« – »Auch nicht. Sie sind vom Wald gedeckt, und wir geben uns ihren Kugeln preis, obgleich bei der Dunkelheit ein gutes Zielen nicht möglich ist. Wir umzingeln sie.« – »Sie werden durchzubrechen versuchen.« – »Es wird ihnen nicht gelingen, denn Sie werden die Güte haben, eine hinreichende Anzahl zu detachieren.« – »Gewiß! Aber der Versuch des Durchbruches wird uns Tote und Verwundete kosten, und das ist es gerade, was Sie vermeiden zu wollen scheinen.« – »Wir werden es auch vermeiden, indem wir sie verhindern, den Durchbruch auch nur zu versuchen.« – »In welcher Weise scheint Ihnen das möglich?« – »Wir umschließen den Wald und benachrichtigen sie einfach hiervon durch einen Parlamentär.« – »Teufel! Das ist gefährlich!« – »Wieso?« – »Diese Kerle achten keinen Parlamentär. Sie stechen ihn nieder.« – »Ich befürchte dies nicht, sobald man einen Mann sendet, der mit ihnen zu sprechen versteht.« – »Sie vergessen, daß Sie es hier mit keiner regelrechten Truppe, sondern mit einer Bande zu tun haben. Keiner meiner Offiziere wird es wagen, sich als Parlamentär zu melden.« – »Sie haben zu befehlen.« – »Ich weiß, daß ich den Betreffenden in den Tod schicken würde.« – »Gut, so bin ich es, der sich meldet.«

Der General machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Sie? Sie wollen mit diesen Guerillas unterhandeln?« fragte er. – »Ja, ich«, antwortete Kurt zuversichtlich. – »So sage ich Ihnen im voraus, daß Sie ein toter Mann sind.«

Kurt zuckte die Achseln und antwortete gleichmütig:

»Ich fühle nicht die Lust, mich von diesen Leuten erschießen oder aufhängen zu lassen. Ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird, sie zur Räson zu bringen. Allerdings sehe ich mich gezwungen, die Bedingung zu stellen, daß Sie mir den geschriebenen Befehl Miramons mitgeben.« – »Ich denke, daß ich denselben an Eskobedo schicken soll?« – »Der Obergeneral wird ihn noch früh genug erhalten. Aber ich sehe ein, daß auch eine Abschrift genügen wird.« – »Sie soll sofort ausgefertigt werden.«

Der General gab einem Offizier den Zettel des feindlichen Generals, der im Augenblick kopiert wurde, während Hernano fortfuhr:

»Was meinen Sie, Señor Helmers, werden zwei Bataillone genügen?« – »Sicher«, antwortete Kurt. »Wählen Sie gute Schützen, und verteilen Sie Fackeln und Raketen, denn jedenfalls werden wir in die Lage kommen, das Terrain erleuchten zu müssen.«

Der General gab die nötigen Befehle, und dann wurde der gefangene Colonel untersucht. Es fand sich nichts Bedeutungsvolles bei ihm; er wurde nach dem Depot transportiert.

Kurze Zeit später befand Kurt sich mit zwei Bataillonen auf dem Marsch, der ohne alles Geräusch ausgeführt wurde. Es war noch nicht zwölf, als sie in der Nähe des Wäldchens ankamen, welches in Zeit von kaum zehn Minuten vollständig umzingelt wurde.

Es war bestimmt worden, daß, wenn Kurt eine Rakete steigen lasse, auch von Seiten der Republikaner rundum mehrere abgebrannt werden sollten, um den Leuten zu beweisen, daß sie wirklich umzingelt seien.

18. Kapitel.

Nun machte sich Kurt an das Werk. Er trat den von General Hernano für so schwierig gehaltenen Gang an.

Er schritt gerade auf das Wäldchen zu und gab sich natürlich keine Mühe, seine Schritte zu dämpfen.

»Halt! Werda?« tönte es ihm entgegen, als er den ersten Baum beinahe erreicht hatte. – »Parlamentär«, antwortete er. – »Steh, oder ich schieße!« wurde ihm warnend zugerufen.

Kurt blieb stehen. Es trat eine Pause ein, während der er nichts vernahm, als das Rascheln von Zweigen und ein leises Knicken von an dem Boden liegenden Ästchen. Aber es dünkte ihm, trotz der Dunkelheit, einige Gewehrläufe auf den Ort gerichtet zu sehen, wo er sich befand. Erst nach einer längeren Weile wurde er wieder angerufen, und zwar dieses Mal von einer anderen Stimme.

»Wer ist da draußen?« – »Parlamentär von General Hernano.« – »Alle Teufel!« hörte er fluchen. »Wie kommt dieser dazu, uns einen Parlamentär zu senden?« – »Das werde ich Ihnen sagen, sobald Sie mir erlaubt haben, näherzutreten.« – »Wie viele Personen sind dort?« – »Ich bin allein.« – »Warten Sie!«

Obgleich Kurt sein Gesicht und Gehör anstrengte, hoben sich nach kaum einer Minute fünf bis sechs Gestalten gerade vor ihm vom Boden empor, ohne daß er ihr Kommen bemerkt hätte. Der eine fragte:

»Wer sind Sie?« – »Das werde ich dem Stellvertreter des Colonels sagen.« – »Ich bin Leutnant!« – »So bitte ich, mich zu ihm zu führen, Señor Leutnant.« – »Kommen Sie!«

Kurt wurde von mehreren Händen gepackt und fortgezogen, was er sich auch gefallen ließ. Sie waren nicht weit in das Wäldchen eingedrungen, so stießen sie auf eine Gruppe von Männern, vor der sie halten blieben.

»Hier, Major, ist der Mann«, meldete der Leutnant.

Eine schnarrende Stimme antwortete:

»Haltet ihn fest! Hat er Waffen bei sich?« – »Ah, das ist uns noch gar nicht eingefallen, danach haben wir ihn noch nicht gefragt.« – »Dumme Kerle! Durchsucht ihn!« – »Ich führe als Parlamentär keine Waffen«, meinte Kurt. – »Maul halten«, gebot der Major. »Durchsucht ihn!«

Dies geschah sehr sorgfältig, und da sie nichts als die Rakete fanden, so meldete der Leutnant:

»Er ist wirklich unbewaffnet. Aber da hat er ein Ding in der Hand.« – »Was ist es?« fragte der Major. – »Ich weiß es nicht.« – »Es ist eine Rakete«, antwortete Kurt – »Donnerwetter, eine Rakete! Wozu?« – »Ich werde Ihnen das erklären, nachdem Sie mich gehört haben.« – »O nein, mein Bester, wir werden die Rakete an uns nehmen, bevor wir Sie gehört haben. So ein Ding ist gefährlich. Bindet ihn!«

Man nahm Kurt die Rakete und schickte sich an, ihn zu fesseln.

»Ich werde mich binden lassen«, erklärte Kurt, »obgleich es nicht völkerrechtlich ist, einen Parlamentär in Banden zu legen.« – »Es ist auch nicht gebräuchlich, daß Parlamentäre Raketen bei sich führen«, schnarrte der Major. – »Das gebe ich zu. Ich habe das Feuerwerk in der besten Absicht mitgebracht, wie Sie später einsehen werden. Schon der Umstand, daß ich mich mitten in dunkler Nacht Ihnen im finsteren Wald überliefere, muß Sie überzeugen, daß ich eine ehrliche Absicht hege.« – »Das werden wir sehen. Seid ihr fertig?« – »Ja«, antwortete einer von denen, die Kurt gefesselt hatten. – »So können wir beginnen. Also wer sendet Sie?« – »General Hernano, wie ich dem Señor Leutnant bereite sagte.« – »Hernano?« fragte der Major im Ton des Erstaunens. »Wie kommt dieser Mann dazu, Sie hierherzuschicken?« – »Sehr einfach. Weil er wußte, daß Sie sich hier befinden.« – »Unmöglich! Wie hat er es erfahren?« – »Es ist heute von General Miramon ein Bote zu Ihnen gekommen, der Ihnen eine Befehl Miramons überbracht hat.« – »Donnerwetter, woher haben Sie das erfahren?« – »Unsere Quelle darf ich nicht verraten. Wir kennen diesen Befehl, ja, ich kann Ihnen eine Abschrift desselben zeigen, und zwar eine ganz genaue.« – »Dann wäre ja der krasseste Verrat im Spiel.« – »Darüber kann ich mich nicht äußern.« – »Sie haben die Abschrift bei sich?« – Ja. Sie steckt in meiner rechten Hosentasche. Man hat bei meiner Durchsuchung den kleinen Zettel nicht beachtet.«

Kurt fühlte, daß man ihm den Zettel aus der Tasche nahm. Er wurde dem Major übergeben.

»Das Licht her!« gebot dieser.

Einen Augenblick später brannte eine kleine Blendlaterne, bei deren Schein der Major die Zeilen las.

»Das ist Verrat! Das ist der unverzeihlichste Verrat!« rief er.

Ein Mann, der neben ihm stand, fragte:

»Stimmt es denn, Major?« – »Ganz genau. Was sagt Ihr dazu, Pater?« – »Daß es mir völlig unbegreiflich ist, denn ich weiß, daß Miramon allein von diesem Befehl unterrichtet ist.« – »Ihr waret bei ihm, als er ihn schrieb?« – »Ja, und kein Mensch weiter, dann brach ich sofort auf.« – »Sollte Miramon davon gesprochen haben? Oder sollte er selbst – ah, das ist ja nicht zu denken!« Und sich wieder an Kurt wendend, fragte er: »Wissen Sie, wie dieser Befehl in die Hände der Ihrigen gefallen ist?« – »Ja, es ist mir aber natürlich verboten, darüber zu sprechen.«

Es war eine eigentümliche Szene. Das Lämpchen der kleinen Laterne beleuchtete das Gesicht des ergrimmten Majors. Die anderen Gestalten, auch diejenige des gefesselten Kurt, und die Bäume mit ihren im völligen Dunkel verschwindenden Wipfeln lagen in schwarzgrauem Dunkel.

»Sie sind umzingelt«, unterbrach Kurt das Schweigen. »Entkommen ist unmöglich, also ergeben Sie sich und vermeiden Sie so unnötiges Blutvergießen.« – »Tod und Teufel!«

Der Major warf den Zettel, den ihm der Pater wiedergegeben hatte, zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf. Auch die anderen Offiziere, die bei ihm standen, und diejenigen der sich herandrängenden Mannschaft, die Kurts letzte Worte vernommen hatten, wurden von demselben Zorn ergriffen. Ein tiefes, grollendes Murmeln durchlief das Lager.

»Ruhe!« zischte der Major. »Man muß hier vorsichtig sein.« Und sich an Kurt wendend, fragte er, während alle anderen in größter Spannung lauschten: »Wer hat uns umzingelt?« – »Eine Abteilung des Generals Hernano.« – »Wie stark ist sie?« – »Señor«, antwortete Kurt, »ich bin Offizier, aber kein Wahnsinniger.« – »Ah! Sie haben recht! Verzeihen Sie« – »Ich habe Ihnen zu sagen, daß Hernano, sobald er sich orientiert hatte, eine Abteilung aussandte, die stark genug ist, die fünffache Zahl der Ihrigen zu bewältigen. Wir sind von allem genug unterrichtet, Sie haben nicht mehr und nicht weniger als vierhundert Mann.« – »Teufel! Abermals Verrat!« – »Sie werden zugeben, daß, wenn man Ihre Zahl kennt, man auch geschickt ist, gegen Sie eine Truppe zu detachieren, gegen die Sie nichts machen können. Wir halten den Wald so umzingelt, daß kein einziger Mann entkommen kann. Ich ersuche Sie in Ihrem eigenen Interesse, nicht in den Fehler zu verfallen, den Ihr Colonel begangen hat!« – »Der Colonel? Ah! Der ist noch nicht wieder da.« – »Das glaube ich gern, denn er fiel in unsere Hände.« – »Maria und Josef! Er ist Ihr Gefangener? Ah! Jetzt weiß ich auch, wie Sie unsere Stärke erfahren haben, denn nur der Colonel konnte Sie unterrichten. Nicht?« – »Ich bin auch hier nicht beauftragt, Auskunft zu erteilen.« – »Aber es ist jedenfalls so. Wir sind von mehreren Seiten verraten. Wissen Sie, Señor, daß dies sehr, sehr schlimm für Sie ist, denn Sie werden diesen Ort nicht lebend verlassen!« – »Hm! So bin ich tot!« – »Das nehmen Sie so ruhig hin?« – »Was soll ich sonst tun? Ich befinde mich ja in Ihrer Gewalt!« – »Sie scheinen den Tod nicht zu fürchten?« – »Nein, besonders dann nicht, wenn er unverschuldet ist und gerächt wird. Meine Leute haben den Befehl, Sie alle bis auf den letzten Mann niederzumachen, falls ich binnen einer Stunde nicht wieder bei ihnen bin.« – »Das wird ihnen schwer werden. Wir verteidigen uns!« – »Das ändert Ihr Schicksal nicht. Wir sind stark genug. Übrigens kam ich in der Überzeugung zu Ihnen, mit dem Anführer einer achtbaren, regulären Truppe, nicht aber mit einem Bandenhäuptling zu verhandeln.« – »Sehen Sie da einen Unterschied, dann bitte ich um eine Erklärung.« – »Diese ist sehr einfach. Wie Sie mich behandeln, so werden auch Sie behandelt. Töten Sie mich, so schießt man Sie als Mörder zusammen. Beachten Sie aber gegen mich das Völkerrecht, so ist Ihr Schicksal höchstens, Kriegsgefangener zu sein, die man nach Abschluß des Friedens freigibt.« – »Sie fordern uns also auf, uns zu ergeben?« – Ja. Jeder Widerstand würde unnütz sein, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich die Wahrheit sage.« – »Im Falle, daß wir uns ergeben, sind wir nur kriegsgefangen?« – »Ja.« – »Man läßt uns also unser Eigentum?« – »Das versteht sich. Sie werden allerdings entwaffnet, aber Juarez ist kein Blutmensch, der Kriegsgefangene für Mörder erklärt und töten läßt.« – »Wie aber wollen Sie uns beweisen, daß alles, was Sie gesagt haben, die Wahrheit ist, also, daß wir von einer Macht umzingelt sind, gegen die ein Widerstand nutzlos sein würde?« – »Dazu sollte eben die Rakete dienen.« – »Wieso?« – »Sobald ich sie steigen lasse, werden meine Leute den ganzen Kreis erleuchten, den sie um den Wald bilden. Das wird genügen, um Sie sehen zu lassen, daß ich wahr gesprochen habe.«

War es der Grimm, daß er verraten worden war, oder war der Major so einsichtsvoll oder so feig, kurz, er schien für einen Widerstand nicht sehr eingenommen zu sein. Er besann sich ein Weilchen und sagte dann:

»Gut, ich werde mich überzeugen. Señor Gardenas, Ihr versteht es, mit Raketen umzugehen?« – »Ja«, antwortete einer der anwesenden Offiziere. – »Die Señores mögen sich rundum am Waldesrand verteilen, damit der Überblick ein vollständiger wird. Dann läßt Gardenas die Rakete steigen, und Ihr kehrt hierher zurück, um mir Meldung zu machen. Vorwärts. Ihr, Pater, bleibt bei mir!«

Es trat nun eine Stille ein, die vielleicht fünf Minuten währte, dann gab der Major dem erwähnten Gardenas ein Zeichen. Die Rakete zischte hoch empor, und zugleich war eine dunkle Linie zu bemerken, die in nicht gar zu großer Entfernung den nächtlichen Horizont abschloß.

»Sind das Ihre Leute?« fragte der Major, auf diese Linie zeigend. – »Ja«, antwortete Kurt. – »Man konnte nur höchst undeutlich sehen.« – »Warten Sie. Da, da.«

In diesem Augenblick hörte man draußen auf der Ebene einen lauten Befehl erschallen, der rund im Kreis weitergegeben wurde, und einen Augenblick später stiegen Flammen, Funken und Kugeln empor, die die ganze Umgebung des Wäldchens fast taghell erleuchteten.

»Alle Teufel! Es ist wahr!« rief der Major.

Er hatte einen Kreis von Truppen gesehen, die mit angelegtem Gewehr postiert waren, jeden Moment zum Schuß bereit.

»Nun, sind Sie überzeugt?« fragte Kurt, als es wieder dunkel war. – »Warten Sie noch!«

Es dauerte nicht lange, so kehrten die Offiziere zurück. Sie hatten ganz dasselbe gesehen, und auf alle hatte die von den grellen, farbigen Lichtern bestrahlte Truppenabteilung einen höchst imponierenden Eindruck gemacht.

»Was meint Ihr, Señores?« fragte der Major. – »Widerstand ist unnütz«, wagte einer zu sagen. – »Ich bin nicht unsinnig genug, dies zu bestreiten«, meinte der Major. »Aber ich hege nicht den Wahnsinn, mich, Euch und alle unsere Leute ohne Nutzen niederschießen zu lassen, zumal wir verraten worden sind, mag es nun sein, von wem es wolle. Nehmt diesem Parlamentär die Fesseln ab. Er hat die Wahrheit gesagt«

Als dies geschehen war und Kurt nun wieder Herr seiner Glieder war, fragte er:

»Nun, Señor, was beschließt Ihr, zu tun?« – »Das ist bald gesagt. Also, Sie versichern uns, daß wir als Kriegsgefangene behandelt werden, wenn wir uns ergeben?« – »Ja.« – »Dann sind Sie von jetzt frei.« – »Das habe ich nicht anders erwartet. Ich gehe also jetzt, um den Kommandierenden zu benachrichtigen. Halten Sie sich bereit, in zehn Minuten eine Rakete von dem Punkt aufsteigen zu sehen, wo Sie uns treffen werden.«

Kurt wollte gehen, da aber faßte ihn der am Arm, der Pater genannt worden war.

»Halt, Señor«, sagte dieser. »Zuvor noch einige Worte.« – »Sprechen Sie«, meinte Kurt. – »Werde auch ich in den Vertrag eingeschlossen sein?« – »Sie gehören nicht zu dieser Truppe?« – »Nein.« – »Ah! Ich hörte, daß Sie der Bote sind, der den Befehl des Generals Miramon überbracht hat?« – »Der bin ich allerdings.« – »Hm! Das ist nun freilich eine heikle Angelegenheit! Wissen Sie vielleicht, mit welchem Wort man einen Menschen bezeichnet, der geheime Befehle und Botschaften aus einer Festung schmuggelt?« – »Ich hoffe doch nicht, daß Sie mich als – als – als Spion bezeichnen werden!« – »Gerade das meine ich leider.« – »Ich bin nicht Spion.« – »Ah, hören Sie! Sind Sie Adjutant Miramons?« – »Nein.« – »Sind Sie Offizier? Wenn nicht ein solcher, so frage ich Sie: Sind Sie überhaupt Militär?« – »Nein.« – »Und dennoch kolportieren Sie militärische Befehle?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Sie antworten nicht, Sie richten sich also selbst.« – »Señor, ich kannte die Tragweite meiner Botschaft nicht.« – »Sie sagten vorhin selbst, daß Sie den Befehl unterwegs gelesen haben. Wer lesen kann, hat auch gelernt zu denken, zu begreifen und zu verstehen. Ihre Ausrede ist hinfällig!«

Da ergriff der Major das Wort, indem er bemerkte:

»Señor, ich teile Ihnen mit, daß ich nicht kapitulieren werde, wenn einer von denjenigen, welche jetzt bei mir sind, ausgeschlossen würde.« – »Nun, so will ich Ihnen versprechen, meinen Kommandeur zur Nachsicht zu bestimmen.« – »Das genügt nicht. Ich muß eine bündige Erklärung, ich muß Ihr Versprechen, Ihr Wort haben.«

Kurt sann nach, dann erklärte er:

»Nun, ich will nicht hart sein, ich glaube vielmehr im Sinne des Präsidenten zu handeln, wenn ich den Señor mit in den Vertrag aufnehme.«

Kurt ging. Er ahnte ganz und gar nicht, wer derjenige sei, dem er das Leben geschenkt hatte.

Man hatte von seiten der Republikaner Kurt gleich von vornherein aufgegeben. Als man aber seine Rakete steigen sah, begann man zu hoffen, und jetzt wurde er mit Freude empfangen. Der Kommandierende gab seine Zustimmung zu allem, was er versprochen hatte, er sah ein, daß man, um Blutvergießen zu verhüten, doch einige Konzessionen machen könne.

Eine Viertelstunde später fanden er und Kurt sich mit dem Major und dessen Begleiter zusammen, um die notwendigen Einzelheiten zu vereinbaren. Das Hauptergebnis war, daß die Gefangenen noch während der Nacht die Waffen abzuliefern und dann den Morgen zu erwarten hatten, um nach dem Lager von Querétaro transportiert zu werden.

Natürlich war von Schlaf keine Rede. Die Offiziere der Guerillas hatten ihr Ehrenwort gegeben, nicht zu fliehen, und durften sich daher frei bewegen. Dieses Vorrecht hätte auch ein anderer gern genossen, nämlich – der Pater.

Er meinte, in Kurt ein mitleidiges, nachsichtiges Gemüt kennengelernt zu haben, und ließ ihn um eine Unterredung bitten. Der Leutnant verfügte sich zu ihm, da er glaubte, daß es sich vielleicht um eine wichtige Mitteilung handeln könne.

»Was wünschen Sie?« fragte er den Pater. – »Ich wollte mir eine Erkundigung gestatten. Nicht wahr, die Offiziere sind frei auf Ehrenwort? Könnte ich das nicht auch für mich erlangen?«

Kurt brachte vor Erstaunen zunächst kein Wort hervor, dann aber fragte er in einem keineswegs Hoffnung erweckenden Ton:

»Für Sie …?« – »Ja.« – »Aber Mann, sind Sie klug? Ich habe Ihnen gesagt, daß man einen Menschen, der das unternimmt, was Sie ausgeführt haben, in die Klasse oder Ordnung der Spione rechnet. Sie haben mir das Leben zu verdanken.« – »Mein Leben gehört dafür Ihnen.« – »Ich verzichte auf diesen Besitz. Wissen Sie auch, daß man Spione zu denjenigen Menschen zählt, die keine Ehre besitzen? Ich schließe mich der allgemeinen und landläufigen Ansicht an. Nun sagen Sie, wenn Sie ehrlos sind, wie wollen Sie da auf Ehrenwort freiere Bewegung erlangen? Wer keine Ehre hat, kann auch kein Ehrenwort geben.«

Das war dem Pater denn doch etwas zu deutlich. Er erwiderte:

»Señor, Sie wissen noch nicht, wer ich bin. Sie halten mich für einen Spion, allein ich bin Arzt, und zwar Arzt und Priester, man nennt mich Pater Lorenzo, ich lebe im Kloster de la Cruz in Querétaro.« – »Also ein Klostergeistlicher. Kennen Sie das Bibelwort von der Lieblichkeit der Boten, die da Frieden predigen und das Heil verkündigen?« – »Warum sollte ich es nicht kennen?« – »Ein solcher Bote des Friedens sollen Sie sein. Und was sind Sie? Ein Bote, der auf dem Weg der Spione wandelt, um Kampfbefehle auszutragen. Man wird Ihnen keine freie Bewegung erlauben.«

Der Tag wollte anbrechen, aber es war noch dunkel. Trotzdem sah Kurt die Augen des Paters mit glühendem Blick auf sich ruhen. Es waren die Augen der Wildkatze, die zum Sprung bereit ist. Dieser Mann erweckte in ihm ein höchst negatives Gefühl.

Aber der Pater hatte gelernt, sich zu beherrschen. Er sagte nach einer kurzen Pause in demütigem Ton:

»Sie beurteilen mich falsch. Ich mußte meinen Oberen gehorchen und glaubte, meinem Kaiser zu dienen.« – »Für meine Person will ich diese Gesinnungen und Gefühle gelten lassen, aber von anderer Seite wird man keine Lust haben, sie anzuerkennen. Also Sie sind ein treuer Anhänger des Kaisers?« – »Ja! Und indem ich Ihnen, dem Republikaner, dies offen gestehe, gebe ich Ihnen den Beweis, daß ich kein feiger Spion bin.«

Dabei brach ein eigentümliches, gefährliches Feuer aus den Augen des Paters hervor. Er verstand es, dasselbe sogleich zu dämpfen, doch Kurt hatte es bereits bemerkt.

»Welche Blicke«, dachte er. »Dieser Pater ist ein böser, ein gefährlicher Mensch. Ich werde mich vor ihm hüten.«

19. Kapitel.

Endlich brach der Morgen an, und der Zug konnte sich in Bewegung setzen. Die Gefangenen in der Mitte, ging es auf Querétaro zu. Natürlich hatten die Sieger die Pferde der Besiegten in Verwahrung genommen.

Der Weg wurde in größter Ordnung zurückgelegt, bis man an eine Schlucht kam, die nach links hin in eine Höhe schnitt und mit dichtem Buschwerk bestanden war.

Der Pater hatte sich geärgert, daß es ihm nicht erlaubt gewesen war, sich den gefangenen Offizieren anzuschließen, denen man ihre Pferde gelassen. Er sah seine Zukunft beim Schimmer des Tages, der jede Einbildung zu zerstören pflegt, in einem nicht so günstigen Licht wie am Ende der Nacht.

Er wurde nach Querétaro transportiert. Wie nun, wenn man ihn dort erkannte? Wenn man hörte, daß er nicht Pater Lorenzo aus dem Kloster de la Cruz sei? In diesem Fall war er verloren. Flucht war das einzige Rettungsmittel für ihn.

Er sah sich vergebens nach einer Gelegenheit zu derselben um. Aber als man die erwähnte Schlucht erreichte, die man umreiten und umschreiten mußte, war eine Möglichkeit des Entkommens geboten.

Der Weg war hier sehr schmal. Fußgänger und Reiter waren gezwungen, sich einzeln zu folgen. Der Pater ließ seine Augen umherschweifen. Niemand schien auf ihn zu achten. Gelang es ihm, die Büsche zu erreichen, so war er unter denselben versteckt, und keine Kugel konnte ihn treffen.

Gerade an der Mündung der Schlucht warf er den letzten Blick um sich. Dann – husch – sprang er zur Linken ab.

»Haltet auf!« schrie sein Hintermann.

Jetzt erst sah man den Fliehenden in weiten Sprüngen den Büschen entgegeneilen. Zehn, zwanzig Gewehre wurden erhoben. Die Schüsse krachten. Zu spät! Die Zweige hatten sich bereits hinter dem Flüchtling geschlossen.

Dieser drang in das Dickicht ein. Er hatte die Schüsse gehört Er war von keiner Kugel getroffen worden. Die Freude seines Herzens war so groß, daß er einen lauten Jubelruf ausstieß.

Dieser Ruf war verfrüht. Ein einziger hatte, mehr aus Instinkt als aus Berechnung, ihn im Auge behalten – Kurt Helmers. Er ritt seitwärts hinter ihm, und als das fragliche Terrain kam, drängte er sein Pferd noch näher, ohne daß der Pater es merkte.

Sobald nun der letztere mit möglichster Schnelligkeit in die Schlucht eindrang und Deckung durch die Büsche zu erreichen suchte, riß Kurt sein Pferd nach links, gab ihm die Sporen und galoppierte eine Strecke oben am Rand der Schlucht dahin, bis er annehmen konnte, daß er den unten durch das Gesträuch sich drängenden Pater überholt habe.

Dort stieg er ab, band sein Pferd an und arbeitete sich durch die Büsche bis an den Rand der Schlucht, an dem er vorsichtig hinabrutschte. Dort kauerte er sich nieder und lauschte.

Er brauchte nicht lange zu warten, so hörte er nahende Schritte, immer lauter werdendes Rascheln und ein tiefes, arbeitendes Atmen.

»Da kommt mein Mann«, flüsterte er. »Wie wird er staunen, wenn er mich bemerkt!«

Einige Sekunden später teilte sich das Buschwerk, und der Pater erschien, bemüht, eiligst weiterzukommen. Nur noch wenige Schritte war es bis zum Beginn des eigentlichen Waldes. Hätte er diesen erreicht, so wäre er geborgen gewesen.

Kurt richtete sich gerade vor ihm auf.

»Guten Morgen, frommer Pater!« grüßte er lachend. »Wohin so früh und so eilig?«

Der Pater blieb einen Augenblick starr und mit aufgerissenen Augen stehen. Den Leutnant hier vor sich, wo er alle hinter sich wähnte, das dünkte ihm Zauberei zu sein.

»Verdammt!«

Diesen Ausruf stieß er endlich hervor, und zugleich schoß er seitwärts, um die Lehne der Schlucht emporzuklimmen.

»Halt!« rief Kurt. »Stehe, oder ich schieße!«

Zugleich zog er den Revolver hervor.

»Schieß, du Hund!« rief der Pater.

Zugleich keuchte er mit aller Anstrengung nach oben, in der Hoffnung, daß ihn die vielleicht unsichere Revolverkugel nicht treffen werde. In einer Minute mußte er den Rand erreichen.

Kurt besann sich anders. Vielleicht war es besser, diesen Menschen lebendig zu fangen.

»Schießen? Nein!« antwortete er. »Aber mein wirst du doch!«

Im Nu hatte er den Lasso los; im Nu war derselbe zur Schlinge gelegt. Kurt hob den Arm empor. Ein kurzes Drehen – ein pfeifendes Sausen, und die Schlinge zuckte nieder.

»Alle Teufel!« rief der Pater.

Er hatte gerade in diesem Augenblick den Rand der Schlucht erreicht und sich als gerettet betrachtet. Da wurden ihm die Arme plötzlich mit aller Gewalt zusammengezogen, und ein kräftiger Ruck riß ihn kopfüber von oben wieder in die Schlucht hinab. Es war ihm zumute, als sei er vom Himmel in die Hölle gestürzt. Er schloß die Augen.

Als er dieselben wieder öffnete, lag er oben neben Kurts Pferd, an Händen und Füßen gebunden. Das volle, von der Sonne gebräunte Gesicht des Leutnants lachte ihm entgegen.

»Nun, Pater Lorenzo, wie ist der Rutsch bekommen?« fragte Helmers. – »Hole Sie der Teufel!« lautete die grimmige Antwort. – »Ich denke, der hat mehr Neigung für Sie als für mich.« – »Warum lassen Sie mich nicht entkommen?« – »Weil ein Spion das nicht wert ist.« – »Wo sind die anderen?« – »Vorwärts! Man wollte Sie in Masse verfolgen, aber ich habe sie zurückgewiesen. Um einen Pater zu fangen, ist ein Mann mehr als genug.«

Der Pater drängte seinen Ärger zurück.

»Wenn man nicht wüßte«, sagte er, »daß Sie mich wieder ergriffen haben, würde ich Ihnen einen sehr akzeptablen Vorschlag machen.« – »Kann ich denselben nicht unter den gegenwärtigen Verhältnissen hören?« – »Es würde nichts nützen.« – »Das weiß man nicht.« – »Gut. Sie sollen ihn hören! Aber machen Sie mir vorher erst die Fesseln weg!« – »Nein, Schatz! Sonst müßte ich Sie vielleicht wieder einfangen, und es ist mit einem Male genug. Es geht dabei nicht sehr rücksichtsvoll zu, und es schmerzt mich, einen Angehörigen Ihres Standes unzart zu behandeln.« – »Sie spotten? Wenn Sie wüßten, was ich Ihnen sein könnte, würden Sie das nicht tun!« – »Nicht? Nun, was könnten Sie mir denn sein?« – »Ihr – Ihr Wohltäter.« – »Ah! Inwiefern denn?« – »Nicht wahr, Sie sind nicht reich?« – »Hm! Nicht sehr.« – »Sondern arm?« – »So ziemlich.« – »Nun, ich könnte Sie reich machen, nach Ihren Begriffen sehr reich.« – »So? Sind Ihnen denn meine Begriffe so sehr bekannt?« – »Ich denke.« – »Nun, wodurch wollen Sie mich denn reich machen?« – »Indem ich Ihnen meine Freiheit bezahle.« – »Pah! Ihre Freiheit ist ganz und gar nichts wert. Ich gebe keinen Pfifferling dafür.« – »Aber ich.« – »Wirklich? Wieviel?« – »Ich biete Ihnen fünftausend Dollar.« – »Ah! Sie haben also Geld?« – »Ich bin reich.« – »So, so. Dann können Sie auch noch mehr bezahlen.« – »Gut, Ich biete Ihnen zehntausend.« – »Alle Wetter! Sie müssen es sehr notwendig haben, wieder frei zu sein.« – »Das ist wahr. Ich habe nämlich einige schwere Patienten liegen, die ohne mich sterben müssen.« – »Da tun mir die Patienten leid, der Arzt aber keineswegs. Ich denke, aus unserem Handel wird nichts werden. Kommen Sie!«

Kurt hob den Pater empor, um ihn auf das Pferd zu nehmen.

»Fünfzehntausend!« rief dieser. – »Unsinn!« – »Ich gebe zwanzigtausend!« – »Schweigen Sie, ich brauche Ihr Geld nicht.«

Bei diesen Worten stieg Kurt auf und nahm den Pater zu sich empor.

»So haben Sie doch nur Erbarmen!« bat letzterer in höchster Verzweiflung. »Ich biete Ihnen dreißigtausend Dollar!«

Kurt setzte sein Pferd in Bewegung und antwortete: »Jetzt befehle ich Ihnen, still zu sein, sonst stecke ich Ihnen einen Knebel in den Mund. Daß Sie für Ihre Freiheit so viel bieten, macht Sie mir im höchsten Grade verdächtig; ich werde mich informieren, welche Gründe Sie veranlassen, für Ihr Entkommen solche Summen zu bieten. Ihr Gewissen scheint viel schlimmer bestellt zu sein, als ich bisher dachte.«

Er setzte sein Pferd in Galopp und flog den anderen nach, die er kurz vor dem Lager erreichte.

Der Pater hatte den Mund nicht wieder geöffnet. Er schien sich einstweilen in sein Schicksal ergeben zu haben. Jetzt wurde er vom Pferd genommen, um seinen Einzug mit den anderen zu Fuß zu halten, wobei es ohne einige Püffe und Stöße nicht abging.

Er hatte mit seinem Fluchtversuch so viel erreicht, daß er in ein Gefängnis gesteckt wurde, während die anderen nach dem Gefangenendepot gebracht wurden, wo ihnen ihr Los möglichst wenig hart gemacht wurde.

General Hernano war sehr erfreut über den günstigen Erfolg der Expedition. Ganz entgegen der Art und Weise, wie er Kurt am Abend vorher empfangen hatte, sendete er demselben jetzt das höchste Lob und versprach, über ihn Juarez und dem Obergeneral in bester Weise zu berichten.

Bei Erwähnung des Paters und dessen Flucht gab er den Entschluß kund, über die Person dieses Mannes die genaueste Erkundigung einzuziehen. Kurt wurde in größer Freundlichkeit entlassen.

Er stand eben im Begriff, sein Pferd zu besteigen, als ein Reiter in kurzem Galopp dahergeritten kam. Kurt erkannte ihn bereits von weitem, es war – Sternau.

»Ah, Herr Doktor, Sie hier?« rief er ihm entgegen. »Das ist eine Überraschung!« – »Dich zu finden, für mich auch, mein Junge«, antwortete der Arzt. »Ich suchte dich.« – »Wo?« – »Bei dir. Es hat seit einiger Zeit keinen Kampf, kein Gefecht gegeben; so habe ich einige freie Zeit und beschloß gestern, dich zu besuchen.« – »Ich war leider nicht anwesend.« – »Allerdings. Ich erfuhr, daß du zu Eskobedo seist, aber am Abend zurückkehren würdest. Ich wartete den Abend, ich wartete die ganze Nacht – vergebens. Da brach ich auf. Um mir die Schanzarbeiten zu besehen, schlug ich die gegenwärtige Richtung ein und – treffe dich.« – »Was mir die größte Freude bereitet.« – »Mir ebenso. Aber sage, wo du gesteckt hast!« – »Ich hatte ein Abenteuer, und zwar ein sehr glückliches. Lassen Sie uns absteigen und einige Augenblicke da eintreten! Es wird sich in Hernanos Hauptquartier schon ein Ort zum Plaudern finden und auch ein Tropfen, um das Plaudern zu erleichtern.« – »Wollen es versuchen.«

Sie fanden, was sie suchten, und als sie beisammensaßen, begann Kurt zu erzählen. Sternau hörte sehr aufmerksam zu, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Als Kurt geendet hatte, nickte er leise vor sich hin und sagte:

»Eigentümlich! Bist du über die gegenwärtigen Verhältnisse des Klosters de la Cruz in Querétaro unterrichtet?« – »Nein.« – »Nun, im Hauptquartier hat man sich besser orientiert. Die früheren Insassen haben das Kloster räumen müssen.« – »Das ist auffällig.« – »Auch hat es, soweit ich weiß, dort jetzt keinen Mönch gegeben, der als Arzt tätig gewesen ist. Willst du mir diesen Pater nicht einmal beschreiben?« – »Gewiß.«

Er folgte der Aufforderung. Sternaus Gesicht nahm den Ausdruck einer immer größeren Spannung an, und als Kurt geendet hatte, sprang er sogar auf.

»Wie?« fragte er. »Du hast diesen Pater gefangengenommen? Es muß der Pater Hilario sein!« – »Sollte dies möglich sein!« antwortete Kurt ganz erstaunt. – »Und er befindet sich hier im Gefängnis? Hast du Zutritt zu ihm, ohne große Weitläufigkeiten zu haben?« – »Ich kann zu ihm, sobald und so oft es mir beliebt.« – »Gehen wir zu ihm!« – »Sofort!« – »Aber ich trete zunächst nicht mit ein.« – »Warum?« – »Weil ich ihn überraschen möchte. Du sprichst zuerst allein mit ihm.« – »Gut! Brechen wir sofort auf. Wehe ihm, wenn er es ist! Ich eile dann sofort zum General, um ihm Mitteilung zu machen.«

Sie ließen den Wein auf dem Tisch und ihre Pferde vor dem Haus stehen und begaben sich nach dem Gefängnis.

Als solches diente das Erdgeschoß eines einzelstehenden Hauses, das aus früherer Zeit stammte und äußerst solide gebaut war. Die Mauern waren mehr als mannesdick, und alle Fenster zeigten ein Gitterwerk von Eisen. Hierher ließ Hernano alle Gefangenen bringen.

Der Soldat, dem die Schlüssel anvertraut waren, erkannte Kurt sogleich wieder und öffnete ihm ohne Weigerung die Tür zur Zelle des Paters. Sie wurde nicht verschlossen und blieb angelehnt. Draußen aber stand Sternau, um dem innen geführten Gespräch zu lauschen.

Der Pater wunderte sich, als er den Leutnant eintreten sah.

»Sie wieder hier?« fragte er.

Er war jetzt nicht gefesselt und saß auf der nackten Diele, von der er sich erhob.

»Wie Sie sehen«, antwortete Kurt.

Es war ein ganz anderer Blick als früher, den er auf den Gefangenen warf. Diesem fiel das auf.

»Was führt Sie her?« fragte er. – »Eine Erkundigung. Ich habe Ihnen gesagt, daß der hohe Preis, den Sie mir für Ihre Befreiung boten, meinen Verdacht erregt habe, und daß ich Erkundigungen einziehen wolle. Wird es nun nicht besser sein, wenn Sie mich dieser Mühe entheben, indem Sie offen sind und mir sagen, was der Grund Ihrer Furcht ist, erkannt zu werden?« – »Erkannt zu werden? Von wem? Ich habe keine Begegnung zu befürchten. Wer den Pater Lorenzo kennt, der kann und wird mir von Nutzen sein.« – »Und sodann verlangten Sie so sehnlich nach Ihrer Freiheit, nicht weil Kranke auf Sie warten, sondern weil Gefangene von Ihnen zu versorgen sind. So zunächst ein gewisser Gasparino Cortejo und ein anderer, der Henrico Landola heißt.«

Es war dem Pater, als ob er mit einer Keule auf den Kopf getroffen sei. Dennoch gelang es ihm, sich schnell zu fassen, denn die beiden Genannten waren doch nicht Freunde, sondern Feinde von Kurt Helmers.

»Ich kenne diese Namen nicht«, antwortete er mit gutgespieltem Gleichmut. – »Andere werden Sie besser kennen. Ich nenne da Pablo Cortejo und dessen Tochter Josefa.« – »Diese beiden sind mir allerdings bekannt, aber nur wie jedem anderen Mexikaner, der weiß, welche jämmerliche Rolle sie gespielt haben.« – »Hm! Jetzt spielen sie eine noch viel jämmerlichere Rolle – in dem unterirdischen Keller von della Barbara – angeschmiedet an die nackten Wände.«

Kurt gab diese Tropfen langsam, einen nach dem anderen. Der Pater wurde kreideweiß im Gesicht. Seine Stimme zitterte merklich, als er fragte:

»Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie nicht. Ich weiß nicht, was Sie wollen.« – »Wirklich? Nun, so muß ich Ihnen noch einige andere Gefangene nennen, zum Beispiel den Grafen Ferdinando de Rodriganda. Kennen Sie den?«

Es war dem Pater, als ob er in die Erde versinken müsse. Seine Knie zitterten.

»Ich kenne ihn nicht.« – »Mariano, Helmers, den Kleinen André, Büffelstirn und Bärenherz auch nicht?« – »Nein. Sie sind mir völlig fremd.« – »Aber Sternau doch nicht?«

Jetzt lehnte sich der Pater in die Ecke. Er fürchtete, daß er sonst umfallen werde. Doch stammelte er:

»Ich habe diesen Namen – noch – nie gehört.« – »Alle diese Männer steckten angebunden in einem anderen Gewölbe, bewacht von Manfredo, Ihrem Neffen.«

Für einen anderen wäre das zu viel gewesen, aber gerade das Fürchterliche der Entdeckung, daß dies alles verraten sei, gab dem Pater seine Beherrschung zurück. Er richtete sich wieder empor und sagte:

»Was Sie da reden, scheint einem Märchen entnommen zu sein oder aus einem alten Ritter- oder Schauerroman zu stammen.« – »Ja, ein Schauerroman ist es, und der Ritter desselben sind Sie. Ich selbst bin es gewesen, der die Gefangenen befreit hat.« – »Wa- wa- waaas?!« rief der Pater. – »Und dafür habe ich Ihren Neffen eingesperrt. Er sieht seiner Strafe entgegen, die Sie mit ihm teilen werden.«

Der Pater starrte den Sprecher an, ohne zu antworten. Wann war das geschehen? Befanden sich nicht Soldaten jetzt im Kloster? Es sollte ihm sofort Auskunft werden, denn Kurt sagte:

»Auch Ihre anderen Machinationen liegen offenbar. Ihr Verbündeter, der Sie nach Querétaro schickte, ist von General Velez niedergesäbelt worden; Señorita Emilia wurde von mir und dem Kleinen André gerettet. Ich bin es gewesen, der die in das Kloster della Barbara eingedrungenen Kaiserlichen gefangennahm. Und die Hauptsache, der Massenmord, den Sie auf der Hacienda del Erina beabsichtigten, ist vereitelt worden. Kein Mensch hat von dem Saft des Todesblattes getrunken, den Sie in den Kessel schütteten.«

Das war mehr, als selbst der Pater auszuhalten vermochte. Seine Augen nahmen einen starren Ausdruck an. Er hörte Namen und vernahm Tatsachen, die er im tiefsten Geheimnis gewähnt hatte, und nun war alles offenbar. Er fühlte sich verloren, versuchte aber doch mit fast überschnappender Stimme die Rechtfertigung: »Ich verstehe – ich begreife nichts.« – »Wirklich nicht, Schurke?« tönte es da vom Eingang her.

Die hohe, ernste Gestalt Sternaus erschien im Rahmen der Tür. Der Pater erblickte ihn. Seine Augen wurden gläsern, seine Lippen verfärbten sich. Er griff mit den Händen haltlos in die Luft.

»Ster- Ster- Ster- er…«

Er wollte den Namen des Eintretenden ausrufen, vermochte aber nicht einmal, die erste Silbe zu wiederholen. Er stammelte die verschwindenden Laute, die in ein unartikuliertes Gurgeln verliefen. Die Hände emporgehoben, taumelte er hin und her und stürzte dann wie ein Sack zu Boden, wo er bewegungslos liegenblieb, dicken Schaum vor dem Mund.

Kurt wandte sich ab, Sternau aber kniete nieder, um den Pater zu untersuchen. Als er damit zu Ende war und sich wieder erhob, erklärte er:

»Den richten wir nicht. Gott hat ihn gerichtet.« – »Ah! Ist er tot?« – »Nein. Noch schlimmer. Der Schlag hat ihn getroffen.« – »Ist er zu heilen?« – »Nein. Er wird noch tagelang leben und Todesqualen erdulden müssen, denn wie ich an seinem Blick sehe, ist der Geist nicht mit betroffen.« – »Fürchterlich!« – »Ich werde ihn überwachen, obgleich keine Hoffnung vorhanden ist, ihn noch zum Sprechen zu bringen.« – »Hört er, was wir reden?« – »Jedenfalls. Siehst du nicht, daß seine Augen angstvoll auf uns gerichtet sind?« – »Ja. Gott straft gerecht. Aber wenn er stirbt, geht manches Geheimnis mit ihm für uns verloren.« – »Das befürchte ich nicht.« – »Wenn er nicht wieder zum Sprechen kommt?« – »Er wird keinen verständigen Laut mehr zu stammeln vermögen; aber sein Neffe wird gezwungen sein zu reden. Dieser Pater wird langsam zur Hölle fahren. Die Zunge wird bleischwer in seinem Mund liegen. Seine Eingeweide werden nach und nach den Dienst versagen, und er wird, zur Strafe für das, was wir bei ihm erlitten haben, seine letzten Atemzüge zählen können und seinen letzten Pulsschlag fühlen. Komm! Laß uns gehen!«

Sie verließen das Gefängnis und schlossen den Pater ein, über dessen einstweilige Behandlung Sternau dem Schließer Verhaltungsmaßregeln gab. Der Doktor ging sodann zu General Hernano, um diesem das Nötige mitzuteilen, während Kurt sich zu Pferde setzte, da er seit gestern nicht auf seinem Posten gewesen war, wo seine Gegenwart leicht notwendig sein konnte.

20. Kapitel.

Unterwegs sah Kurt zu seiner Überraschung eine verschleierte Dame vor sich reiten. Sie saß auf einem Maultier, hatte einen Diener hinter sich und wurde von einer Kavalleriebedeckung geleitet. Da er schneller ritt, als diese kleine Kavalkade, so kam er rasch an sie heran. Als höflicher Mann griff er im Vorüberreiten grüßend an den Hut und war nicht wenig überrascht, als er hinter dem Schleier hervor in deutscher Sprache die Worte hörte:

»Ist es möglich? Sehe ich recht? Sie hier, Herr Leutnant?«

Die Sprecherin hielt ihr Maultier an und er infolgedessen sein Pferd natürlich auch. Da er in deutscher Sprache angeredet worden war, so antwortete er auch in derselben:

»Höre ich recht? Eine deutsche Dame?« – »Ja. Sie sind der Leutnant Kurt Helmers?« – »Allerdings. Wie komme ich zu der Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?« – »Wir sahen uns in Wien und auch in Darmstadt, am Hof des Großherzogs. Ich denke, Sie werden mich noch kennen.«

Dabei schob die Sprecherin den dichten Schleier zurück, und Kurt erblickte ein Gesicht, das ihm allerdings sehr bekannt war.

»Wie, gnädige Frau, Sie hier? Sie wagen sich aus der Stadt heraus?« rief er. – »Sie wußten, daß ich in Querétaro bin?« – »Ich wußte, daß Sie treu zu Ihrem Gemahl halten, wie dieser treu zu dem Kaiser hält. Ich habe Ihr Schicksal mit dem allerregsten Interesse verfolgt.« – »Ich danke Ihnen! Hier, meine Hand zum Gruß, lieber Leutnant! Aber was tun Sie hier in Mexiko?«

Kurt nahm ihre Hand und drückte dieselbe an seine Lippen. Die Eskorte hatte sich ehrfurchtsvoll zurückgezogen, so daß sie nicht verstanden werden konnten, selbst wenn sie sich der spanischen, anstatt der deutschen Sprache bedient hätten.

Diese Dame war die Prinzessin Salm, die Gemahlin jenes braven Prinzen Salm, der als treuer Adjutant des Kaisers die letzte, unglückliche Phase des mexikanischen Kaiserreiches mit durchlebte und durchlitt. Beide, er und seine Frau, hingen mit größter Hingebung an Max, aber alle ihre Bemühungen, eine Änderung seines Schicksals herbeizuführen, erwiesen sich leider als vergeblich.

»Sprachen wir nicht in Darmstadt einmal von den eigentümlichen Verhältnissen der Familie Rodriganda, gnädige Frau?« fragte Kurt. – »Gewiß! Ich entsinne mich dessen ganz genau.« – »Nun, das ist die Angelegenheit, die mich über die See führte.« – »So wünsche ich Ihnen die besten Erfolge.« – »Ergebenen Dank! Die Erfolge haben auf sich warten lassen, stellen sich jedoch endlich ein.« – »Das freut mich. Aber was tun Sie hier im feindlichen Lager? Man scheint Sie zu kennen und zu respektieren.« – »Was ich tue?« lächelte Kurt. »Nun, ich belagere Querétaro!« – »Sie auch?« antwortete die Prinzessin in scherzendem Ton, da sie annahm, daß auch Kurt nur scherze. – »Ja, auch ich. Ich bin bei den Belagerungsarbeiten beschäftigt.« – »Im Ernst?« – »Im Ernst«, nickte Kurt.

Da nahm das Gesicht der Dame einen fast bestürzten Ausdruck an. Sie sagte:

»Das kann ich doch nicht für möglich halten!« – »Halten Sie es sogar für wirklich. Ich habe mich Juarez und Eskobedo zur Verfügung gestellt.« – »Sie als Deutscher? Abtrünniger! Verräter!«

Diese letzten Worte waren zwar nicht schlimm gemeint, wurden aber doch in einem sehr ernsten Ton ausgesprochen.

»Ich bin überzeugt, daß Sie mich pardonieren werden, meine Gnädige«, meinte Kurt. »Darf ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen?« – »Ich werde es nicht verraten.« – »Oh, Sie dürfen und sollen es verraten, aber nur an zwei Personen, sonst an keinen Menschen.« – »Wer sind diese beiden Personen?« – »Der Kaiser und Ihr Herr Gemahl.« – »Und wie lautet Ihr Geheimnis?«

– »Ich belagere den Kaiser nur aus dem Grund, um ihn zu retten.« – »Das klingt widersinnig.« – »Ist aber leicht verständlich und erklärlich. Leider aber sind meine bisherigen Bemühungen ohne Erfolg gewesen.« – »Wie leider auch die unsrigen. Raten Sie, von wem ich komme, lieber Helmers!« – »Ich habe keine Ahnung.« – »Vom Präsidenten.« – »Von Juarez? Das ist mir im höchsten Grade interessant.« – »Ich wurde vorgelassen und habe mit ihm gesprochen.« – »Im Auftrag?«

Die Prinzessin sah sich vorsichtig um und antwortete:

»Eigentlich war es mein Herz, das mich zu dem Zapoteken trieb, aber ich kenne Sie und kann Ihnen im Vertrauen mitteilen, daß mir auch von gewisser Seite, die ich nur anzudeuten brauche, ein Auftrag wurde. Ich suchte bei Eskobedo um freies Geleit nach und erhielt es.« – »Aber wohl vergeblich?« – »Leider! Ich kehre hoffnungslos zurück.«

Im Auge der Prinzessin standen Tränen. Kurt konnte seine Rührung über diese Treue kaum verbergen. Die Dame fuhr fort:

»O mein Gott, ist dieser Juarez hart und gefühllos!« Kurt schüttelte den Kopf.

»Sie irren«, sagte er. »Ich kenne ihn. Äußerlich scheint er von Eisen zu sein, unnahbar, wie er auch unbestechlich ist. Aber sein Herz schlägt warm und fühlt mit anderen Menschen.« – »Das kann nicht sein, nein, das kann nicht sein! Er hat mich kalt und teilnahmslos angehört und dann fortgeschickt,« – »Kalt und teilnahmslos? Das hat nur so geschienen. Er ist ein Indianer und läßt als solcher seine Gefühle nur selten einem Mann, niemals aber einer Dame merken.« – »Wenn er wirklich fühlt, so mußte er mein Flehen erhören.« – »Um was baten Sie?« – »Um das Leben des Kaisers.« – »Und was antwortete er?« – »Seine Antwort war härter als hart, sie war unhöflich, ja ungezogen.« – »Das sollte mich wundern.« – »Sie werden mir recht geben. Er sagte, der Kaiser habe bereits selbst über sein Leben verfügt, ihm, dem Präsidenten, sei es also unmöglich, etwas zu tun; übrigens sei es eine Unvorsichtigkeit von mir, ihm eine solche Bitte vorzutragen, und er wünsche sehr, daß dies von keiner Seite mehr geschehe. Ist das nicht ungezogen und beleidigend sogar?« – »Ich finde das nicht.« – »Was? Wie? Haben auch Sie kein Herz, kein Gefühl?« – »Von mir ist jetzt nicht die Rede, sondern von dem Zapoteken, und ich finde, daß er nichts als die Wahrheit gesagt hat.« – »Dann ist es mir bei Gott unmöglich, den Kaiser zu begreifen!« – »Hören Sie! Juarez hat ganz recht, wenn er sagte, daß der Kaiser selbst endgültig über sein Leben entschieden habe. Juarez hat ihn retten wollen, ja, er hat sogar Personen in die Nähe des Kaisers gebracht, die den bestimmten Auftrag hatten, für das Leben Maximilians zu wirken, ich selbst war in dieser Angelegenheit beim Kaiser. Ja, der Präsident vertraute mir ein Passepartout durch alle Truppen und Stellungen an, das auf den Vorzeiger und alle seiner Begleiter lautete. Er bedrohte jeden, der diesen Paß nicht achte, sogar mit dem Tode.« – »Gott! Wenn Sie es nicht sagten, könnte ich es unmöglich glauben.« – »Ich gebe Ihnen, allerdings überflüssigerweise, mein Ehrenwort darauf.« – »Das ist nicht nötig, Leutnant! Sie sind mit diesem Passepartout beim Kaiser gewesen?« – »Ja, vor einigen Tagen, allein ohne Erfolg; der Kaiser las es durch, gab es mir zurück, und ich konnte wieder gehen.« – »Das ist mir abermals unbegreiflich.« – »Ich gestehe von mir das Gegenteil. Ich war sogar sehr froh, daß ich nicht als heimlich eingeschlichener Republikaner ergriffen und stranguliert oder erschossen wurde.« – »Ist das nicht übertrieben?« – »Nein, gewiß nicht. Eine andere Person befand sich bereits längere Zeit in der Nähe des Kaisers, um auf Befehl des Präsidenten auf den Kaiser zur Rettung desselben einzuwirken …« – »Wer war diese Person?« – »Verzeihung, gnädige Frau. Ich bin nicht genau überzeugt, ob ich Namen nennen darf. Es gelang dieser Person, das Vertrauen des Generals Mejia zu erlangen …« – »Mejia ist treu und brav.« – »Beide gaben sich alle Mühe, den Wünschen des Präsidenten gerecht zu werden – vergeblich. Zuletzt erriet man von gewisser Seite den Zweck, den jene Person verfolgte. Raten Sie, was nun geschah? Man lockte sie auf die Straße, des Nachts, und nahm sie gefangen. Man entführte sie gefesselt nach Tula, wo sie hingerichtet werden sollte. Es war an dem Abend des Tages, an dem ich bei dem Kaiser gewesen war. Ich überraschte zwar die Menschen, kam aber zu spät, um eingreifen zu können. Ich kehrte in meine Venta zurück, stieg auf das Pferd, gelangte glücklich aus der Stadt und verfolgte diese Kerle. Ich erreichte sie in einem Wirtshaus, und es gelang mir, die Person zu befreien.« – »Sie sehen mich erstaunt, ja vollständig bestürzt. Wer war der, der die betroffene Person gefangennahm und entführte?« – »Oberst Lopez.« – »Ah! Ahnen oder wissen Sie vielleicht, auf wessen Befehl derselbe handelte?« – »Das ist leicht zu erraten.« – »Meinen Sie etwa Miramon?« – »Ja.« – »Wie soll ich das glauben?« – »Miramon war es auch, der durch sein Einschreiten den Kaiser bestimmte, mich fortzuschicken.« – »Welchen Grund kann er haben?« – »Er hofft durch den Tod des Kaisers sich selbst zu retten. Übrigens gibt es eine geheime Verschwörung, die den Zweck hat, den Kaiser zu bestimmen, im Land auszuharren, bis keine Rettung mehr möglich ist. Sein Tod soll Juarez aufgeladen und dieser dadurch als Kaisermörder diskreditiert und gestürzt werden.« – »In welchen Abgrund blicke ich da! Sind Ihnen etwa Teilnehmer dieser Verschwörung bekannt?« – »Sie hüllen sich in Dunkel, doch vermute ich, daß Miramon das Haupt ist. Einen anderen, den Sie aber nicht kennen, ergriff ich, und General Velez spaltete ihm den Kopf. Sie sehen, daß selbst republikanische Offiziere im Interesse des Kaisers handeln.« – »Ich werde denselben benachrichtigen und warnen.« – »Wenn Sie das tun, so erwähnen Sie dabei eine Person, die er gesehen hat, als ich bei ihm war, und die sicher zu den Verschwörern gehört. Es ist das ein gewisser Pater Hilario aus Santa Jaga.« – »Ah, ich glaube diesen Namen vom Beichtvater gehört zu haben.« – »Warnen Sie den Kaiser auch vor dem letzteren, denn er war es, der jene Person, die heimlich entführt wurde und in Tula den Tod finden sollte, hinterlistigerweise auf die Straße lockte.« – »Könnten Sie das beweisen?« – »Zur Genüge. Ich kam dazu und ergriff den einen. Er entfloh und ließ seine Kutte in meinen Händen. Es war diejenige des Beichtvaters.« – »Kutten sind einander ähnlich!« – »Der Beichtvater war soeben bei einer Familie gewesen, die er täglich besuchte, und diese Leute erkannten die Kutte. Das ist genug, um jeden Zweifel zu beseitigen.« – »Himmel, was soll man da denken! Untreue und Verrat auf allen Seiten! Aber jener Pater Hilario, was wollten Sie von ihm sagen?« – »Er war der Beauftragte, der Bote der geheimen Verbindung und kam nach Querétaro, um dem Kaiser vorzulügen, daß hinter dem Rücken der Republikaner zahlreiche Demonstrationen zu seinen Gunsten stattgefunden hätten. Nur in Santa Jaga bestand eine Verbindung, die allerdings eine Demonstration vorbereitete, um den Kaiser zu täuschen, aber die Republikaner vereitelten dieses Vorhaben und nahmen die Demonstranten gefangen. Diese letzteren sitzen noch heute im Kloster hinter Schloß und Riegel.« – »Darf ich das dem Kaiser erzählen?« – »Ich bitte Sie sogar darum.« – »Und Sie verbürgen diese Tatsache mit Ihrem Ehrenwort?« – »Ja. Ich war ja Zeuge des ganzen Vorganges. Sie kennen die Gräfin Rosa de Rodriganda, die jetzt Frau Sternau ist?« – »Ja. Ich sah sie beim Großherzog und unterhielt mich gern mit ihr.« – »Nun, ihr Gemahl, Doktor Sternau, war auch Zeuge jener mißlungenen Demonstration von Santa Jaga. Und in vergangener Nacht hat Miramon nicht weit von hier eine ebensolche angeordnet. Er sandte jenen Pater Hilario mit dem Befehl an einen Bandenführer, derselbe solle die Republikaner angreifen, sich aber zurückziehen. Auch dies mißlang. Wir haben sie ergriffen, bis auf den letzten Mann. Sogar der Pater ist in meine Hand geraten. Wir hatten von früher her mit ihm abzurechnen, und als wir ihn als einen Verbrecher ersten Ranges entlarvten, wirkte die Fürchterlichkeit der Enthüllungen so auf ihn, daß er vom Schlag getroffen zu Boden niederstürzte. Gott hat ihn gerichtet, obgleich der Kaiser ihm glaubte und vertraute.« – »Der Kaiser ist nicht allwissend. Wie wird mein Mann staunen, wenn er alles hören wird. Er muß sofort um Audienz nachsuchen.«

Kurt zuckte die Achsel.

»Ich zweifle am Erfolg!« sagte er. »Sie sehen also ein, daß Juarez das Wohl des Kaisers gewollt hat. Indem der letztere das bekannte Dekret fertigte und unterzeichnete, hat er das jus talionis herausgefordert und über sein Leben verfügt. Indem er alle Bemühungen des Präsidenten zurückwies, hat er über sein Leben verfügt. Indem er der Bitte des französischen Marschalls, mit ihm Mexiko zu verlassen, das Gehör versagte, hat er über sein Leben verfügt. Hat Juarez nicht recht?« – »Was soll ich Ihnen antworten, lieber Leutnant? Ich möchte fast verzweifeln!« – »Juarez hat die rettende Hand wiederholt geboten, sie wurde zurückgewiesen. Juarez war nicht die Person, mit der man unterhandeln konnte, von der man sich retten lassen wollte. Verträgt es sich mit der Würde des Präsidenten, die Hand abermals zu bieten, wo übrigens an eine Rettung kaum noch gedacht werden kann?« – »Mit seiner Würde allerdings nicht. Aber als Mensch muß er vor dem Vergießen dieses Blutes zurückschrecken, und dennoch wies er mich ab.« – »Ah, da komme ich auf seine vermeintliche Unhöflichkeit.« – »Vermeintlich? Ich bin neugierig, wie es Ihnen gelingen soll, ihn zu entschuldigen.« – »Eine bloße Entschuldigung liegt nicht in meiner Absicht. Ich will ihn so verteidigen, daß Sie ihn freisprechen, ja, daß Sie sogar sein Verhalten gutheißen.« – »So versuchen Sie das Unmögliche!« – »Bitte sagen Sie mir, ob Juarez das, was er für den Kaiser tat, öffentlich tun durfte! Keineswegs!« – »Warum nicht?« – »Er hätte sich bei seinen Anhängern unmöglich gemacht. Es wäre um sein Ansehen, um seine Präsidentschaft geschehen gewesen. Sie staunen, und dennoch ist es richtig. Ich versichere Ihnen, daß ich überzeugt bin, der Präsident sei auch nun noch nicht abgeneigt, dahin zu wirken, daß wenigstens das Leben des Kaisers nicht angegriffen werde …« – »Wirklich?« unterbrach sie ihn. – »Ich wiederhole Ihnen, daß ich wirklich überzeugt bin.« – »Sie geben mir die bereits geschwundene Hoffnung zurück.« – »Mußte er es vorher geheimhalten, so nun erst recht. Wo die Republikaner den Kaiser sicher zu haben glauben, werden sie ihn mit aller Gewalt festhalten. Er kann ihnen nur durch List entrissen werden.« – »Das sehe ich ein.« – »Die Schritte, die Juarez in dieser Richtung tut, müssen sehr geheimgehalten werden. Niemand darf ahnen, daß er sich auch nur mit der Spur eines Gedankens beschäftigen könne, der dem Kaiser günstig ist.« – »Ich gebe das zu, aber was bezwecken Sie denn eigentlich mit dieser so eifrigen Auseinandersetzung?«

Kurt wehrte mit der Hand ab und fuhr, ohne eine direkte Antwort zu geben, fort:

»Und nun gehen Sie öffentlich zu ihm, um ihn um das Leben des Kaisers zu bitten, offen und frei; vor den Augen und Ohren aller Welt, die nur sehen und hören und dann – beobachten und verurteilen will!« – »Gott, ich begreife, was Sie meinen!«

– »Das wollte ich. Hat Juarez nicht das Recht, Sie unvorsichtig zu nennen?« – »Oh, mehr als das.« – »Und selbst, daß er Ihnen dies Wort gesagt hat, ist ein sehr großes Wagnis von ihm. Indem er von Unvorsichtigkeit spricht, gibt er indiskret zu, daß er Vorsicht wünsche, also, daß er sich mit dem Gedanken beschäftige, den Sie in ihm anregen wollen.« – »Leutnant!« meinte die Prinzeß, seine Hand ergreifend. »Sie stellen diese Angelegenheit in ein Licht, für das ich Ihnen gar nicht genug dankbar sein kann!« – »Ich will Ihnen nur beweisen, daß Juarez nicht unhöflich, nicht ungezogen gegen Sie gewesen ist, sondern Ihnen auf eine zwar indiskrete, doch korrekte und diplomatisch feine Weise die Versicherung gegeben hat, daß er tun werde, was in seinen Kräften steht, um Ihre Bitte zu erfüllen.«

Bei diesen Worten änderte sich die trübe Stimmung der Prinzessin plötzlich. Ihr Gesicht glänzte vor Freude, und in lebhaftem Ton sagte sie:

»Sie geben mir da eine Lektion, wie ich sie aus dem Munde eines jungen Leutnants nicht erwartet, ja geradezu für eine Unmöglichkeit gehalten hätte. Man hat recht, Sie als einen guten Offizier zu bezeichnen, und ich bin überzeugt, daß Sie so nebenbei auch noch das Zeug zu einem ganz leidlichen Diplomaten haben.« – »Zu viel auf einmal, meine Gnädigste«, lachte Kurt. »Aber bleiben wir beim Gegenstand unserer Unterhaltung! Ich kann Ihnen sogar den Beweis liefern, daß ich die Antwort, die Sie von Juarez erhalten haben, richtig deute. Ich habe Ihnen doch vorhin gesagt, daß ich den Kaiser belagere, nur um ihn zu retten. Juarez weiß nun ganz genau, daß Mexiko mich nichts angeht, daß es mir sehr gleichgültig ist, ob dieses Land von einem Monarchen oder einem Präsidenten regiert wird. Er weiß genau, daß ich nicht aus Begeisterung für die Republik hier vor Queretaro liege und daran arbeite, eine Bresche in die Mauern zu legen.« – »Sie meinen also, er kenne Ihre Absicht?« – »Ja.« – »Und billige dieselbe?« – »Natürlich! Anderenfalls würde er mich nicht dulden, mir nicht sogar allen Vorschub leisten.« – »Das tut er?« – »Ja, ich kann es zu meiner Freude sagen.« – »Haben Sie sich vielleicht ihm gegenüber aussprechen können?« – »Was man aussprechen nennt, nein; aber es sind gewisse Worte und Winke gefallen, die mir zur Richtschnur dienen.« – »Sie halten also den Kaiser nicht für rettungslos verloren?« – »Nein, obgleich seine Rettung schwierig ist.« – »Worin liegt denn eigentlich diese Schwierigkeit?« – »Darin, daß er nur dann zu retten ist, wenn er gerettet werden will. Bisher aber hat er es nicht gewollt.« – »Man muß ihn umzustimmen suchen.« – »Ja, aber man muß vor allen Dingen den Einfluß der Personen brechen, die es nicht ehrlich mit ihm meinen, und dazu ist leider die Zeit fast zu kurz. Es kann dies nur mit Gewalt geschehen, und die Mittel dazu habe ich Ihnen heute ja hinreichend an die Hand gegeben.« – »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür und werde Sorge tragen, sie sofort und mit Nachdruck in Anwendung zu bringen. Also ich darf Ihrer bei ihm erwähnen?« – »Ja. Versichern Sie ihn meiner Ergebenheit, und bitten Sie ihn inständigst, daß er auf mich hören möge, wenn er mich wiedersieht!« – »Sie werden ihn sehen?« – »Ich hoffe und wünsche es mit Sehnsucht.« – »Wann?« – »Bei – der Erstürmung von Querétaro.« – »Schrecklich! Wird die Stadt fallen?« – »In einigen Tagen. Begegne ich dem Kaiser, so werde ich glücklich sein, ihn in Zivilkleidung und waffenlos zu sehen. Folgt er dann genau dem Wink, den ich ihm gebe, so hoffe ich, daß er gerettet wird.« – »Diese Worte wiegen schwerer als Gold. Möge Gott Sie und Ihre Pläne segnen!« – »Das ist auch mein Gebet. Nun aber lassen Sie uns scheiden!« – »Bleiben Sie nicht, mich zu begleiten?« – »Nein. Ich muß bitten, mich zu entschuldigen. Man weiß, welche Absicht Sie aus der Stadt geführt hat. Sieht man mich bei Ihnen, so könnte man mich mit dieser Absicht in Verbindung bringen, und das wünsche ich nicht. Hier war zufälligerweise ein einsamer Ort. Wir haben uns unterhalten, ohne von vielen beobachtet zu werden, was aber anders würde, wenn ich Sie begleiten wollte. Ich werde sogar einen kleinen Umweg einschlagen.«

Sie nahmen mit herzlichem Händedruck Abschied, und die Prinzessin nahm Hoffnungen mit in die Stadt, die sie kurz vorher vollständig aufgegeben hatte.

21. Kapitel.

Von da an vergingen einige Tage. Der Morgen des vierzehnten Mai brach an. Da wurde Kurt zu General Velez beordert, mit dem er eine lange Unterredung hatte. Nach Beendigung derselben kehrte er mit einem ungewöhnlich ernsten Gesicht in sein Zelt zurück.

Der Kleine André war bei ihm. Dieser hielt sich vorzugsweise im Hauptquartier auf, weil er da Señorita Emilia treffen und sprechen konnte.

»Was für ein Gesicht machen Sie da, Herr Leutnant?« fragte er.

Kurt antwortete nicht, sondern schritt eine Weile grübelnd in dem engen Raum auf und ab. Dann blieb er vor dem Jäger stehen und fragte:

»Wo ist Sternau heute?« – »Im Lager Eskobedos.« – »Wissen Sie das genau?« – »Ja, sehr genau.« – »Satteln Sie! Wir müssen hin!« – »Warum?« – »Fragen Sie nicht.«

In Zeit von zehn Minuten saßen sie auf und sprengten im Galopp dem Quartier des Obergenerals zu. André hatte die Wahrheit gesagt; Sternau ließ sich nicht nur im Lager überhaupt, sondern sogar in seiner Wohnung treffen. Er war einigermaßen erstaunt, als er die beiden, ganz erhitzt von dem schnellen Ritt, bei sich eintreten sah. Er begrüßte sie und fragte dann:

»So angegriffen? Es muß etwas Wichtiges sein, dem Ihr heute nachgeritten seid.« – »Allerdings«, antwortete Kurt. »Sind wir hier ungestört?« – »Vollständig. Warum diese Frage?« – »Weil ich Ihnen höchst Wichtiges mitzuteilen habe.« – »Gut. Setzen wir uns!«

Sternau verriegelte die Tür, schob den beiden ein Kistchen Cigarros zu, steckte sich selbst eine an und erwartete dann in seiner ruhigen, überlegenen Weise den Beginn der Mitteilung.

»Was ich zu sagen habe, bedarf der Verschwiegenheit«, bemerkte Kurt. – »Der meinigen bist du sicher«, meinte Sternau. – »Ich weiß es; darum will ich Ihnen sagen, daß in nächster Nacht Queretaro in unsere Hände fallen wird.«

André sprang auf.

»Wirklich? Endlich! Ah, das freut mich!« rief er.

Sternau aber fragte in seiner selbstbewußten Weise:

»Will man einen Hauptsturm unternehmen? Eskobedo hat mir ja nichts davon gesagt!« – »Es handelt sich nicht um einen Sturm«, antwortete Kurt. »Die Stadt wird durch Verrat fallen.« – »Durch Verrat? Wieso?« fragte Sternau befremdet. – »Lopez wird dem General Velez die Ausfallpforte öffnen. Ich teile Ihnen das mit, weil ich Ihrer zur Ausführung eines schwierigen Vorhabens bedarf. Ich will den Kaiser retten.«

Sternau bewegte unter einem leisen Lächeln den Kopf langsam hin und her und antwortete:

»Du weißt doch, daß ich dich lieb habe. Darum kann mir nichts verborgen bleiben, obgleich du es mir zu verheimlichen strebst. Wie aber willst du in den Besitz des Kaisers kommen?« – »Unter Umständen sehr leicht. Von Mitternacht an steht die Pforte offen. Velez schleicht sich mit zweihundert Mann ein …« – »Ah!« unterbrach ihn Sternau. »Der Schlaukopf. Er will sich erst überzeugen, ob man ihm nicht eine Falle legt.« – »So ist es. Er hat Zutrauen zu mir gefaßt und mir eine Abteilung dieser zweihundert übergeben. Er wird zwar sofort den Kaiser aufsuchen, um ihn gefangenzunehmen, aber ich hoffe, ihm zuvorzukommen. Der Kaiser ist von mir bereits benachrichtigt, nur Zivil anzulegen …« – »Wohl durch die Prinzessin Salm?« – »Was wissen Sie von dieser?« – »Daß du mit ihr gesprochen hast, als sie von Juarez kam. Du siehst, daß ich mich mehr mit dir beschäftige, als du ahnst.« – »Sie haben das Richtige erraten. An der Pforte bleibt nur ein Posten zurück. Gelingt ein Überfall, so sendet Velez nach Verstärkung. Vom Augenblick an, wo wir in das Fort de la Cruz dringen, bis zur Ankunft der Verstärkung wird mir Zeit genug bleiben, den Kaiser unerkannt durch die Pforte in das Freie zu bringen.« – »Und der Posten?« – »Verursacht keine Schwierigkeiten.« – »Wenn man bemerkt, daß der Kaiser entkommen ist und daß du mit einem zweiten die Pforte passiert hast, wird der Verdacht auf dich fallen.« – »Es gibt Vorwände genug, den Posten auf einige Augenblicke zu beschäftigen, so daß er nichts bemerkt.« – »Gut also, wohin mit dem Kaiser?« – »Zunächst in mein Zelt, wo André auf ihn wartet.« – »Ich?« fragte der Kleine begeistert. »Ich soll den Kaiser retten, den Señorita Emilia nicht zu retten vermochte?« – »Ja«, antwortete Kurt. »Ich muß natürlich in das Fort zurück, nachdem ich Ihnen den Kaiser gebracht habe. Dann aber bringen Sie ihn außerhalb des Lagers einstweilen in Sicherheit.« – »Wohin?« – »Hm! Der Ort ist noch nicht bestimmt. Es kam zu schnell über mich. Ich bin noch nicht ganz vorbereitet. Wir werden uns über den Ort besprechen müssen.« – »Er ist schon längst bestimmt«, lächelte Sternau. – »Bestimmt? Schon längst?« fragte Kurt überrascht. – »Ja«, antwortete der Doktor. »Ich bin älter als du, und daher wirst du mir wohl erlauben, überlegt und umsichtig zu verfahren, nachdem ich einmal deine Absicht durchschaut hatte.« – »Sie beschämen mich!« bekannte Kurt. – »Das ist nicht meine Absicht. Deine Verschwiegenheit war mir im Gegenteil ganz recht und willkommen.« – »Welchen Ort meinen Sie denn?« – »Diesen hier.« – »Ihre Wohnung?« – »Ja.« – »Das ist außerordentlich gefährlich. Ich soll den flüchtigen Kaiser nach dem Hauptquartier Eskobedos schicken?« – »Unter Umständen ist man in der Höhle des Löwen sicherer als anderswo. Du sorgst für eine Verkleidung, und André bringt ihn zu Pferde zu mir.« – »Aber hier kann er doch unmöglich bleiben.« – »Allerdings nicht. Er wird nur fünf Minuten verweilen. Die Relais sind längst gelegt und harren nur der Benutzung.« – »Was! Sie haben Relais gelegt?« – »Ja, natürlich!« – »Wohin?« – »Kannst du das nicht erraten?« – »Wie wäre mir das möglich?« – »Es muß ein abgelegener Ort sein, wo niemand den Kaiser sucht und wo er in Sicherheit und Verborgenheit leben kann, bis ihm der Weg nach der See geöffnet ist.« – »Wo liegt ein solcher Ort?« – »Ich werde dir es doch sagen müssen. Ich meine die Hacienda del Erina.«

Dieses Wort elektrisierte die beiden anderen.

»Ja, die Hazienda«, stimmte André bei. – »Ich war noch nicht dort«, meinte Kurt, »aber ich glaube, daß eine bessere Wahl nicht getroffen werden könnte. Wer aber bringt ihn hin?« – »Ich«, antwortete Sternau. – »Sie selbst? So müssen Sie Urlaub nehmen.« – »Dessen bedarf es nicht. Ich bin mein eigener Herr und kann kommen und gehen, wann es mir beliebt.« – »Aber Juarez wird Sie vermissen!« – »Er wird kein Wort darüber verlieren und im stillen sich freuen, daß ich ihm nicht gesagt habe, wohin ich reise.« – »Wie? Sie meinen, daß er ahnen wird, daß …« – Juarez ist doch noch klüger und menschlicher, als du denkst.« – »Aber wenn nun die anderen, Velez, Eskobedo, etwas ahnen oder gar eine Spur entdecken sollten?« – »So steht dem Kaiser der noch erhaltene Teile der Höhle des Königsschatzes offen. Dort wird ihn niemand finden.« – »Dazu bedarf es der Genehmigung Büffelstirns.« – »Die habe ich. Er und Bärenherz werden mich und den Kaiser begleiten.« – »Wie? Haben nicht beide gegen den Kaiser gekämpft?« – »So lange er Kaiser war. Sobald er Mensch und Hilfesuchender ist, gilt meine Empfehlung. Sie werden ihn mit ihrem Leben beschützen und verteidigen.« – »Welch eine Umsicht!« staunte Kurt. – »Wenn du mein Alter erreicht hast, wirst du mich darin vielleicht noch übertreffen. Die Hauptsache ist, daß es dir gelingt, allen Verdacht von dir abzulenken.« – »Was aber geschieht, wenn sie abreisen, mit unseren Gefangenen in Santa Jaga?« – »Ich komme ja wieder, und übrigens kannst du dich in dieser Angelegenheit fest auf Juarez verlassen.«

Damit war der Plan entworfen. Es galt nun, die Details zu besprechen, womit man auch sehr bald zustande kam. Dann trennten sich Kurt und André von Sternau, um nach ihrem Lager zurückzukehren.

22. Kapitel.

Der Abend dieses für Mexiko und auch andere Kreise so wichtigen Tages brach an. Er war mild, so daß in Queretaro die Soldaten auf den Straßen kampierten. Die Gewehre standen in Pyramiden beisammen, rund um dieselben saßen die Krieger, miteinander flüsternd.

Der Kaiser hatte nämlich für die Zeit gegen Morgen einen allgemeinen Ausfall angeordnet, von dem er sich vielleicht mehr Erfolg versprach, als von den früheren, die abgeschlagen worden waren.

Da galt es, angestrengt und tapfer zu kämpfen, und so sank ein Kriegerhaupt nach dem anderen nieder, um die Ruhe zu suchen, bis der Befehl zum Aufbruch gegeben werde. Endlich schlief die ganze Stadt, und nur einzelne Posten wachten, müde, über die ihnen auferlegten Pflichten schimpfend.

Der Kaiser hatte in seinen Gemächern keine Ruhe gefunden, daher begab er sich mit dem Prinzen Salm, seinem Adjutanten, hinab in den Garten, ohne daß dies jemand bemerkt hätte. Er hoffte, dort besser schlafen zu können als in dem schwülen Klostergemach.

Es war Mitternacht. Da schlich eine Gestalt aus dem Kloster nach der Ausfallpforte. Ein Schlüssel knirschte leise, und die Pforte öffnete sich. Neben derselben lag ein wohl gefülltes Portefeuille, das der Mann – es war Oberst Lopez – an sich nahm. Er trat in das Türgewölbe zurück, wo er sich sicher fühlten konnte, zog eine Laterne aus der Tasche, brannte das Licht derselben an und untersuchte den Inhalt der Brieftasche. Als er sie dann einsteckte und das Licht wieder ausblies, murmelte er befriedigt:

»Alles richtig! Der General hat Wort gehalten, und so soll er auch mit mir zufrieden sein!«

Unterdessen war auch draußen bei den Belagerern alles still geworden. Niemand ahnte, was bevorstand. Rückwärts lag zwar ein Regiment in Waffen, aber das fiel nicht auf, da man stets auf einen etwaigen Ausfall vorbereitet sein mußte.

Aber seitwärts sammelte sich kurz vor Mitternacht eine Schar von zweihundert Männern, die alle bis an die Zähne bewaffnet waren. Leise Schritte näherten sich dem Zelt Kurts! Der Vorhang wurde beiseite geschoben, und eine gedämpfte Stimme fragte:

»Sind Sie bereit, Señor?« – »Ja, General.« – »So kommen Sie.«

Die beiden nahmen die Richtung auf die zweihundert zu und stellten sich an die Spitze derselben. Der General gab seine Befehle, und dann setzte sich die Truppe langsam und vorsichtig in Bewegung.

Die Sterne leuchteten am Himmel. Sie hätten sich in Anbetracht dessen, was geschehen sollte, hinter dichte Wolken verhüllen mögen, um nicht zu sehen, daß Verrat und Untreue auf Erden oft den Sieg davontragen über Treue und Zuverlässigkeit.

Als man die Pforte erreichte, war dieselbe nur angelehnt. Velez öffnete ein wenig und schob langsam und vorsichtig den Kopf in die Wölbung.

»Señor!« rief er mit gedämpfter Stimme. – »General!« antwortete es ebenso. – »Seid Ihr der Rechte?« – »Ja.« – »Wie steht es drin?« – »Gut! Es schläft alles, ohne zu ahnen, wie man erwachen werde.« – »Wo befindet sich der Kaiser?« – »Er liegt in seinem Schlafzimmer.« – »Wissen Sie das genau?« – »Ich habe Achtung gegeben. Übrigens ist es sehr gut, daß wir die gegenwärtige Zeit bestimmt haben. Kurz vor Anbruch des Tages sollte ein allgemeiner Ausfall stattfinden.« – »Das hätte uns höchst fatal werden können. Also Sie führen uns?« – »Ja.« – »Hundert Mann für das Innere des Klosters.« – »Wie die anderen?« – »Ich werde sie oben verteilen.« – »Dann vorwärts!«

Die Klingen wurden entblößt und die Pistolen in die linke Faust genommen; dann schlich sich die Schar, Lopez mit dem General voran, vorwärts.

Die Verteilung begann, und es glückte Kurt, an die Spitze derjenigen Schar zu kommen, die den Garten zu besetzen hatte, während Lopez den General in das Innere führte.

Kurt hatte nur fünfzehn Mann bei sich. Dies war ihm außerordentlich lieb. Als er den Garten erreichte, teilte er sie und befahl ihnen, den Zaun desselben zu umschleichen, damit von keiner Seite ein Entrinnen möglich sei. Als sie dieser Weisung gefolgt waren, schritt er auf das Zelt zu, das er im Sternenschimmer liegen sah.

Bereits erscholl lautes Waffengeklirr aus dem Inneren des Klosters. Max wurde dadurch geweckt und trat aus dem Zelt. Er sah eine Gestalt, die schnell auf ihn zukam.

»Was …« – »Pst! Um Gottes willen still!« unterbrach ihn der Nahende. »Majestät.«

Er hatte mit gedämpfter Stimme gesprochen.

Ja«, antwortete der Kaiser ebenso. »Was wollen Sie?« – »Sie retten, Folgen Sie mir!« – »Retten? Wer sind Sie? Was ist geschehen?« – »Ich bin Leutnant Helmers und …« – »Sie? Sie sind es? Wie kommen Sie in das Innere der Stadt?« – »Velez ist mit den Seinigen durch Verrat eingedrungen. Ich flehe Sie an, mir schleunigst zu folgen!« – »Mein Gott! Wohin?« – »Durch die Ausfallpforte ins Freie. Der Weg steht noch offen. In einer Minute kann das vorüber sein.« – »Und was dann da draußen?« – »Es sind Relais gelegt. Sobald Sie die Pforte hinter sich haben, sind Sie in Sicherheit.«

Max antwortete nicht. Das Gehörte schien ihn zu überwältigen. Da faßte Kurt ihn bei der Hand und bat dringend:

»Ich bitte Sie um des Himmels willen keinen Augenblick zu verlieren, sonst ist es zu spät!«

Jetzt hatte der Kaiser sich gefaßt. Er antwortete:

»Ich danke Ihnen. Ist eine Rettung möglich, so will ich mich nicht sträuben, aber ich gehe nicht ohne diesen und den treuen Mejia.«

Dabei deutete er nach dem Zelt, aus dem der Adjutant trat.

»Wer ist dieser?« fragte Kurt, dessen Atem flog. – »Mein Adjutant Prinz Salm.« – »Nun wohlan! Und wo ist Mejia?« – »Auf dem Cerro de las Campanas.« – »So ist er nicht zu retten.« – »So bleibe auch ich!«

Das Waffengeklirr hatte überhandgenommen. Kurt hörte, wie einige Leute nach der Ausfallpforte eilten, um Verstärkung herbeizurufen.

»Um Gottes willen, kommen Sie ohne Verzug!« drang Kurt in den Kaiser. »In wenigen Augenblicken ist man im Garten, und die Republikaner dringen in die Stadt.« – »Nicht ohne Mejia!« lautete die unerschütterliche Antwort. – »Ich bitte Sie um Ihrer Anhänger, um alles, was Ihnen lieb ist, um des Vaterlandes, um Österreichs willen, mir zu folgen, Majestät! Ich werde … ah! Da haben wir es! Zu spät, zu spät! Kommen Sie, kommen Sie!«

Er faßte den Kaiser beim Arm und riß ihn mit sich fort in einen Laubengang hinein; der Adjutant folgte eilig. General Velez war mit seiner Schar in den Garten gedrungen und rief wütend:

»Er ist nicht drin, er ist nicht im Kloster! Sucht hier, hier, hier!«

Zugleich hörte man draußen im Feld den Laufschritt heraneilender Militärmassen. Velez war in den Garten eingedrungen, der Eingang war auf einige Augenblicke frei. Dahin riß jetzt Kurt den Kaiser.

»Gott, zur Flucht ist's nun zu spät!« stöhnte er. »Schnell, schnell, hier hinaus und nach dem Cerro de las Campanas, Majestät!«

Er zog den nur widerwillig folgenden Max, der von hinten von dem Adjutanten gedrängt wurde, aus dem Garten hinaus. Aber da kam ihnen eine neue Schar Republikaner entgegen.

»Hat! Wer ist das? Wohin?« rief der Führer derselben, indem er den Fliehenden den Degen vorhielt. – »Was wollen Sie, Orbejo?« antwortete Kurt. »Sehen Sie denn nicht, daß diese Señores friedliche Bürger sind?« – »Bürger? Der Teufel mag das glauben!« – »Ich kenne sie! Wollen Sie das etwa bezweifeln?« – »Ah, wer sind denn Sie selbst?«

Der Führer trat nahe an Kurt heran, um ihm in das Gesicht zu blicken, und erkannte ihn.

»Sie sind es, Señor Helmers?« sagte er. »Das ist etwas anderes. Aber was haben diese beiden Hidalgos denn hier zu suchen?« – »Sie sind vom Wein nach Hause gegangen und neugierig herbeigeeilt, als sie hier ein Geräusch vernahmen.« – »Das glaube ich, das richtige Geräusch. Aber sie mögen ein anderes Mal ihre Nase unter das Bett stecken und nicht in eine solche Art von Geräusch. Lassen wir sie laufen!«

Er entfernte sich nach dem Garten zu. Die Verstärkung war angekommen und drang in Masse vor.

»Fort, fort! Geschwind!« bat Kurt, indem er den Kaiser eine Strecke weiterzog.

Dort aber blieb Max stehen.

»Lassen Sie!« sagte er in wunderbarer Ruhe. »Ich sehe jetzt ein, daß ich Ihnen hätte Gehör schenken sollen. Prinzeß Salm hat mir von Ihnen erzählt, und auch da hatte ich keinen Glauben. Sie wollten mich retten und vermochten es nicht, denn Sie waren nicht so stark wie das Schicksal, dem ich zu gehorchen habe. Nehmen Sie den innigsten Dank und leben Sie wohl!«

Er drückte Kurt die Hand.

»Majestät, Gott schütze Sie besser, als ich es vermochte!« schluchzte der junge Mann.

Die beiden anderen verschwanden im Dunkel der Nacht. Kurt aber stand da und lauschte auf ihre Schritte, die er längst nicht mehr hören konnte. Da schlug ihn jemand mit der Faust auf die Schulter.

»Heda, Faulenzer! Was stehst du da und träumst? Auf zum Sieg! Hurra, die Republik! Hurra, Juarez! Hurra, Eskobedo und Hurra unser Velez!«

Da ergrimmte Kurt. Er hob den Arm und schmetterte den Mann nieder, als ob seine Faust ein Schmiedehammer sei.

»Da, Schreihals!« knirschte er. »Ich wollte, ich hätte in dir die ganze Menschheit zu Boden geschlagen. Fort, fort! Hier habe ich nichts mehr zu tun! Hier ist meines Bleibens keinen Augenblick länger!«

Er wandte sich um und stürmte der Ausfallpforte zu. Er traf gerade einen Augenblick, in dem niemand passierte, und gelangte in das Freie. Schweigend schritt er seinem Zelt zu.

Dort trat ihm der Kleine André entgegen.

»Endlich«, sagte dieser. »Wo ist der Kaiser?« – »Da drin«, antwortete Kurt, nach der Stadt deutend. – »Ist's nicht gelungen?« – »Pah! Es wäre gelungen, aber er wollte nicht!« – »Er wollte nicht? Gott, welche Torheit! Was wird Señorita Emilia dazu sagen! Nun kann ich ihn nicht retten! Aber, Herr Oberleutnant, warum wollte er denn eigentlich nicht?« – »Lassen Sie mich in Ruhe, sonst schlage ich auch Sie nieder!«

Kurt warf sich, unbekümmert um das, was draußen vorging, auf sein Lager und vergrub das Gesicht tief in die Decke. So lag er noch, als der Morgen anbrach, und so lag er noch am Mittag, als Sternau eintrat, um sich nach dem Grund des Fehlschlagens ihres Planes zu erkundigen. Auch er hatte vergebens gewartet und vergebens seine Relais gelegt.

Das Fort de la Cruz und die Stadt Querétaro befanden sich bereits beim Morgengrauen in Eskobedos Besitz, der überrascht herbeigeeilt war, als er hörte, daß die Seinigen ohne Schwertstreich eingedrungen seien.

Der von den Belagerern eng umschlossene und schon früher von ihnen fast zerstörte Cerro de las Campanas, den der Kaiser glücklich erreicht hatte, konnte sich nur wenige Stunden halten.

Um sieben Uhr sandte Max einen Parlamentär, um die Übergabe anzubieten, sie konnte nur auf Gnade oder Ungnade sein, und bereits um acht Uhr überlieferte er seinen Degen an den General Eskobedo.

So fiel Querétaro mit seiner ganzen Besatzung in die Hände der Sieger.

Kurz sei hier erwähnt, daß sich am neunzehnten Juni auch die Hauptstadt Mexiko an General Porfirio Diaz auf Gnade und Ungnade ergab, nachdem sich der schändliche Kommandant, General Marquez, heimlicherweise aus der Stadt geschlichen hatte. Und am siebenundzwanzigsten desselben Monats zogen die Scharen des Präsidenten siegreich auch in Verakruz ein.

So kam es, daß Juarez die von den Franzosen verhöhnte und besudelte Fahne Mexikos, die er bis nach Paso del Norte, dem äußersten Punkt des Reiches, gerettet hatte, triumphierend wieder in das Hochtal von Onahuak zurückbrachte und auf der Plaza mayor von neuem aufpflanzte.

Die Republik war im ganzen Bereich von Mexiko neu hergestellt, und die Autorität des Präsidenten Juarez wurde wieder anerkannt Der Kaisertraum war ausgeträumt und – der Kaiser selbst? Wir werden sehen!

Am fünfzehnten Mai berichtete General Eskobedo folgendes an den Kriegsminister des Präsidenten in San Luis Potosi:

»Lager vor Querétaro, am 15. Mai 1867. Heute morgen um drei Uhr haben die Truppen das Fort La Cruz genommen, indem sie den Feind an jenem Punkt überrumpelten. Kurz darauf wurde die Garnison des Platzes gefangengenommen und die Stadt durch unsere Truppen besetzt, während der Feind mit einem Teil der Seinigen sich auf den Cerro de las Campanas zurückzog, in großer Unordnung und von unserer Artillerie auf das wirksamste beschossen. Schließlich, etwa um die achte Stunde, ergab sich mir Maximilian auf Diskretion, ebenfalls auf dem erwähnten Cerro. Haben Sie die Güte, dem Bürger Präsidenten meine Glückwünsche zu diesem großen Triumph der nationalen Sache darzubringen!

General Eskobedo.«

In dieser Depesche ist allerdings der Verrat des Obersten Lopez nicht erwähnt, aber höhere, republikanische Offiziere pflegten, wenn darauf die Rede kam, diese Angelegenheit mit der Bemerkung abzutun: »Solche Leute benutzt man und gibt ihnen dann einen Fußtritt.«

Kaum war die Kunde erschollen, daß der Kaiser gefangen sei, so vereinigten die Vertreter fast aller Mächte sich in der eifrigsten Anstrengung zur Rettung des Gefangenen. Allein der Zapoteke schien taub zu sein. Wie konnte er auf die Vorstellung von Mächten hören, die seine Erniedrigung geduldet und das Kaisertum anerkannt hatten!

Der österreichische Gesandte in Washington wandte sich an die Regierung der Union mit der Bitte, um die Begnadigung des Kaisers nachzusuchen, und diese ging wirklich darauf ein. Aber der Zapoteke antwortete kurz:

»Ich gebe allerdings zu, daß der Prinz die Schuld eines anderen büßt, der weit schuldiger ist als er selbst, aber seine Invasion war ein Attentat auf die Unabhängigkeit meines Volkes, und daher ist es unmöglich, ihn zu begnadigen. Sollen wir in ihm den Mittelpunkt aller feindseligen Machinationen bestehen lassen? Es mag der Republik zum Ruhm gereichen, des Gefangenen Leben zu schonen, aber mit dieser Ansicht ist gegen die Logik der Notwendigkeit nicht aufzukommen.

Juarez.«

Am einundzwanzigsten Mai hatte der Kaiser eine Zusammenkunft mit Eskobedo. Er erbot sich, abzudanken, und verlangte dafür Leben und sicheres Geleit aus dem Land für sich, seine deutschen Offiziere und Soldaten und ebenso für Mejia und seinen mexikanischen Privatsekretär. Miramon wurde ausgeschlossen.

Juarez verwarf alle diese Punkte. Er hatte die Ansicht, daß ein gefangener Kaiser ohne Land und Volk ganz überflüssig von Abdankung spreche.

Und doch tat er noch einen Schritt, um Max zu retten. Er entzog nämlich den gegen diesen gerichteten Prozeß der gewöhnlichen Standrechtsübung und brachte denselben vor ein eigens zu diesem Zweck bestelltes Kriegsgericht.

Er wollte dadurch Zeit gewinnen, damit die Leidenschaften sich inzwischen abkühlen sollten. Währenddessen konnte er seinen Einfluß aufbieten, so daß von dem Kriegsgericht nicht auf Tod, sondern auf einfache Landesverweisung erkannt worden wäre. Diese Absicht wäre wohl erreicht worden, allein gerade derjenige, den er retten wollte, arbeitete ihm entgegen.

Max nämlich setzte ein Schriftstück auf, in dem er zu Gunsten des alten, schwachen Iturbide entsagte und die Herren Larez, Lakunza und Marquez zu Mitgliedern der Zwischenregierung ernannte, lauter Feinde des Präsidenten.

Außerdem wurden von verschiedenen Seiten Versuche unternommen, Max zu befreien. Dadurch wurde die Aufregung der Republikaner hochgradig erhalten, und Juarez sah sich gezwungen, nun endlich auf alles zu verzichten, was er zugunsten des Gefangenen hätte unternehmen können.

Das aus sieben Mitgliedern bestehende Kriegsgericht begann am dreizehnten Juni seine Sitzungen. Die Anklage lautete auf Verschwörung, Usurpation und das an den rechtmäßigen Verteidigern begangene Verbrechen der Ächtung. Mitangeklagt waren Mejia und Miramon. Am vierzehnten Juni nachts elf Uhr wurde gegen alle drei der Todesspruch gefällt. Das Hauptquartier bestätigte dieses Urteil, das am sechzehnten vollzogen werden sollte, doch wurde den Verurteilten noch eine weitere Frist von drei Tagen bewilligt, damit sie Zeit fänden, ihre Angelegenheiten zu ordnen.

Dieser Aufschub wurde von dem preußischen Geschäftsträger, Herrn von Magnus, schleunigst benutzt, um doch noch das Leben Maximilians zu retten. Er sandte folgenden Protest an die Regierung des Präsidenten Juarez:

»An Seine Exzellenz Señor Sebastian Lerdo de Tejada! Heute in Queretaro angekommen, werde ich mir klar, daß die am vierzehnten dieses Monats verurteilten Gefangenen bereits am verflossenen Sonntag, dem sechzehnten, moralisch gestorben sind. So wird die ganze Welt es ansehen, denn da alle Vorbereitungen für jenen Tag getroffen waren, so warteten sie eine ganze Stunde darauf, zum Richtplatz geführt zu werden, ehe der die Urteilsvollstreckung aufschiebende Befehl ihnen angezeigt wurde. Der humane Geist unseres Zeitalters wird es nicht gestatten, daß sie, die einen so schrecklichen Todeskampf bereits bestanden haben, nun morgen zum zweiten Male zum Tode geführt werden sollen. Im Namen der Humanität und der Ehre beschwöre ich Sie, anzuordnen, daß ihnen das Leben nicht genommen werde, und ich wiederhole Ihnen nochmals meine sichere Überzeugung, daß mein Herrscher, Seine Majestät der König von Preußen, und alle gekrönten Häupter Europas bereitwilligst darauf eingehen werden, Eurer Exzellenz jede Bürgschaft zu stellen, daß keiner der Gefangenen jemals wieder den mexikanischen Boden betreten wird.« Es war zu spät. Die Antwort des Ministers lautete:

»Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, daß, wie ich Ihnen schon vorgestern anzeigte, der Präsident der Republik nicht der Ansicht ist, daß es sich mit den großen Rücksichten auf die Gerechtigkeit und auf die Notwendigkeit der Sicherstellung des zukünftigen Friedens der Republik vereinigen lasse, Maximilian von Habsburg zu begnadigen.«

Max hatte sich Tinte und Feder bringen lassen und schrieb in der letzten Nacht einen Brief an seine Frau und einen an seine Mutter, die Erzherzogin Sophie. Der erste lautete:

»Meine vielgeliebte Charlotte!

Wenn Gott es zuläßt, daß Du eines Tages genesest und diese Zeilen liest, so wirst Du die ganze Grausamkeit des Schicksals erkennen lernen, das mich ununterbrochen schlägt seit Deine Abreise nach Europa. Du hast mit Dir mein Glück und meine Seele fortgeführt. Warum habe ich Deine Stimme nicht gehört! So viele Ereignisse, ach, so viele plötzliche Schläge haben die Fülle meiner Hoffnungen zerstört, so daß der Tod für mich eine glückliche Befreiung und keine Agonie ist. Ich werde glorreich fallen wie ein Soldat, wie ein besiegter König, nicht entehrt. Wenn meine Leiden zu heftig sind, wenn Gott mich bald mit Dir vereinigt, so werde ich seine göttliche Hand segnen, die uns schwer getroffen hat. Adieu, adieu!

Dein armer Max.«

Diesem Brief legte er eine Haarlocke bei, die ihm die Frau seines Kerkermeisters abgeschnitten hatte. Er küßte sie und steckte sie in das bereits geschlossene Kuvert.

Ganz verschieden nun war das Verhalten der beiden übrigen Gefangenen.

Der treue Mejia war in Beziehung auf sich ganz entzückt über das Todesurteil. Er war ein Indianer, der eine Klage über körperliches Leid und Wehe gar nicht kennt, und für den es der größte Ruhm ist, für seinen Freund, den er liebt, zu sterben.

Anders bei Miramon.

In jener Nacht des Überfalles war er erschrocken aufgewacht und hatte nach Oberst Lopez gesandt. Dieser war auch wirklich kurze Zeit darauf erschienen.

»Was geschieht? Welch ein Lärm ist das?« hatte Miramon gefragt.

Lopez hatte kaltblütig die Achsel gezuckt und geantwortet:

»Die Republikaner sind in der Stadt.« – »Alle Teufel! Sind sie Sturm gelaufen?« – »Nein.« – »Wie sind sie denn hereingekommen?« – »Niemand weiß es.« – »Wer führt sie an?« – »Velez.« – »Ich denke, daß er erst in drei Tagen kommt!« – »Er hat Ihnen nicht Wort gehalten, wie es scheint.«

Der Ton, in dem diese Antworten gegeben wurden, hatte den General frappiert. Er hatte geahnt, was vorgegangen sei.

»Aber Ihnen hat er desto mehr Wort gehalten?« – »Das müßte man untersuchen.« – »Verräter!« hatte Miramon gezischt. – »Pah! Was sind denn Sie? Soll ich bekanntgeben, daß Sie mich beauftragten, mit dem General Velez zu verhandeln? Sie haben sich in Ihrer eigenen Schlinge gefangen und werden ganz dasselbe Schicksal erleiden, das Sie dem Kaiser bereiten wollten.«

Damit war er davongegangen.

Miramon hatte sich bewaffnet, fand aber, daß aller Widerstand nutzlos sei. Er war, ebenso wie Mejia, mit dem Kaiser gefangengenommen worden.

Seit dieser Zeit saß er finster brütend in seinem Gefängnis.

Er war ein Feind von Juarez gewesen, hatte diesen stürzen wollen und doch gefühlt, daß er nicht die Kraft besitze, dies allein zu vollbringen. In Mexiko einen Verbündeten zu finden, war ihm unmöglich gewesen, und so war ihm der Gedanke gekommen, Juarez durch einen Fremden zu stürzen, dessen Herrschaft ja auch nur auf kurze Zeit berechnet sein konnte – er hatte zu denjenigen gehört, die die Kaiserkrone gemacht und dem Erzherzog von Österreich gebracht hatten. Dieser Prinz war, wie das Werkzeug Napoleons, so auch das seinige gewesen.

Seit Maxens Einzug in Mexiko hatte Miramon für einen Anhänger desselben gegolten, war aber im stillen bemüht gewesen, nur für sein eigenes Interesse zu handeln. In der Überzeugung der jedenfalls nur kurzen Dauer des Kaiserreiches hatte er im trüben gefischt; aber seine Rechnung war an der Zähigkeit und Ausdauer Juarez' gescheitert. Diesen zu stürzen, hatte er alles aufgeboten, aber es war ihm nicht gelungen. Seine letzte Falle war der Verrat an dem Kaiser gewesen – er hatte sich selbst in derselben gefangen.

Jetzt nun sah er ein, daß alles verloren sei. Einen einzigen Hoffnungsstrahl hatte er zu sehen geglaubt, die Begnadigung des Kaisers. Wäre diese ausgesprochen worden, so hätte man auch die Generäle dessen, den man Usurpator nannte, nicht töten können. Es wäre nur eine Verbannung ausgesprochen worden, die Miramon Gelegenheit gegeben hätte, seine feindselige Rolle von neuem aufzunehmen.

Dieses war es, was jedenfalls auch mit in Betracht gezogen wurde, als der Gedanke an die Begnadigung des Kaisers zur Sprache kam.

Man hätte nicht nur in Max einen immerwährenden Prätendenten der mexikanischen Herrschaft gehabt, sondern es wären in Miramon und Konsorten Männer am Leben geblieben, die als ewige Ruhestörer eine stete Aufmerksamkeit erregt und eine immerwährende Sorge bereitet hätten.

Auch dies müssen diejenigen bedenken, die einen Schrei der Entrüstung ausstießen, als sie die Kunde von dem Tode des Kaisers vernahmen.

Also jetzt saß Miramon, aller, auch der letzten Hoffnung bar, im Gefängnis. Nicht Reue war es, die über ihn kam, sondern ein Gefühl des Hasses, der Wut gegen Lopez, der ihn betrogen hatte. Und aus Rache gegen diesen Verräter ließ Miramon einen der Untersuchungsrichter kommen und vertraute ihm an, was Lopez getan hatte.

»Zu welchem Zweck sprechen Sie zu mir von dieser obskuren Angelegenheit?« fragte der Richter. – »Ich hege die Hoffnung, daß Sie meine Mitteilung dem Kaiser vermitteln werden«, antwortete Miramon. – »Welchen Nutzen könnte er davon haben? Er hat nur noch wenige Stunden zu leben.« – »Den Nutzen, daß er wenigstens weiß, wem er sein gegenwärtiges Schicksal zu verdanken hat.« – »Er weiß dies bereits.« – »Ah, er hat von Lopez' Verrat gehört?«

Der Richter antwortete nicht gleich. Er hielt den strengen Blick auf Miramon gerichtet und antwortete dann:

»Er weiß allerdings, daß unsere Truppen nicht dadurch in die Stadt gekommen sind, daß sie das Fort de la Cruz erstürmt haben.« – »Sondern daß sie von einem der Unseligen verräterischerweise eingelassen worden sind.« – »Ja, aber der Kaiser weiß auch, wie wir alle, daß Lopez eigentlich nur das Werkzeug eines kaiserlichen Generals war.«

Miramon gewann es über sich, eine gleichgültige Miene zu heucheln, und sprach:

»Das ist mir neu, das ist mir höchst unwahrscheinlich. Jedenfalls eine Erfindung des Lopez, um seine Tat zu beschönigen.« – »Sie irren! Es kann Lopez nicht einfallen, von dieser Tat zu sprechen, also hat er gar keine Gelegenheit, dieselbe zu beschönigen, wie Sie sich auszudrücken belieben.« – »Dennoch möchte ich den Namen dessen kennen, in dessen Auftrag er gehandelt haben soll.« – »Sie kennen diesen Namen besser als jeder andere.« – »Ich?« fragte Miramon mit gut gespieltem Erstaunen. – »Ja, Sie, denn Sie sind es selbst!«

Da wollte Miramon zornig auffahren.

»Ich?« rief er. »Was fällt Ihnen ein?«

Der Richter machte eine abwehrende, verächtliche Handbewegung und sagte:

»Schweigen wir darüber.« – »Nein, Señor, schweigen wir nicht darüber! Es kann nicht die Rede davon sein, daß ich einen so krassen, so entehrenden Vorwurf auf mir sitzen lasse.« – »Und dennoch wird er auf Ihnen sitzen bleiben. Wir kennen die Unterredung, die Sie mit Lopez geführt haben, sehr genau.« – »Ich habe keine auf diesen Gegenstand bezügliche Unterredung mit ihm gehabt. Und selbst wenn eine solche stattgefunden hätte, wer könnte sie Ihnen verraten haben?« – »Der, welcher zugegen war.« – »Lopez selbst?« – »Nein. Dieser wird sich hüten, ein Wort darüber zu verlieren!« – »Wer aber sonst?« – »Ich will es Ihnen sagen, obgleich ich das nicht notwendig habe. Der General, der mit Ihnen in eine heimliche Unterhaltung getreten war, ist als ein schlauer und vorsichtiger Mann bekannt …« – »Welchen General meinen Sie?« – »Namen sind nicht notwendig. Und überdies sind Sie ja wenigstens ebensogut unterrichtet wie ich selbst. Dieser Offizier wußte ganz genau, welche Gefahren ein solches geheimes Verhältnis mit sich bringen kann. Er mußte sich überzeugen, ob Sie es ehrlich meinten, und es gelang ihm, einen Mann zu gewinnen, der sich in Ihrer unmittelbaren Nähe zu befinden pflegte.« – »Alle Teufel! Wer ist das?« fragte Miramon zornig. – »Ich wiederhole, daß ich Namen nicht nenne.« – »So erkläre ich dieses Gerücht für eine niederträchtige und armselige Lüge!« – »Leugnen Sie nicht!« meinte der Richter in strengem Ton. – »Señor!« brauste Miramon auf. – »Pah!« erklang es im Ton der Verachtung. »Ihr Zuruf kann nicht die mindeste Wirkung haben. Man weiß, was geschehen ist. Wenn man die drei Personen nach der Richtstätte führt, wird man Max bemitleiden, den treuen Mejia bewundern und Sie ver… ah, erlassen Sie mir das Wort auszusprechen, das Sie sich ja selbst sagen können.«

Dabei drehte sich der Richter um und verließ das Gefängnis.

Miramon blieb in einer fürchterlichen Stimmung zurück.

»Ver- verachten, Sie aber wird man verachten, hat dieser Mensch gemeint. Das bietet er mir! Oh, wäre ich frei! Ich wollte diese Kreatur des Zapoteken lehren, mich zu verachten!«

Er war unfähig, Reue zu fühlen, und auch der Zuspruch des Beichtvaters, der ihm gewährt worden war, brachte ihn nicht dazu.

Ein amerikanischer Bericht vom 30. Mai hatte gesagt: »Morgen werden wahrscheinlich Maximilian und seine vornehmsten Generäle zum Tode durch Pulver und Blei verurteilt werden.«

Man sieht aus diesem und ähnlichen Berichten, daß man über das Schicksal der Gefangenen selbst im Ausland nicht im Zweifel war. Eine jede Regierung besitzt das Recht, denjenigen, der durch Gewalt oder List ihre Fundamente zu untergraben strebt, als Verräter oder Empörer zu bezeichnen oder zu bestrafen. Von diesem Standpunkt aus war das bereits allerwärts vorher geweissagte Todesurteil ausgesprochen worden, und heute, am 19. Juni, sollte dasselbe auf dem östlich vor der Stadt gelegenen Cerro de las Campanas vollzogen werden.

Max hatte die ihm von Kurt gebotene Rettung verschmäht; er war nach dem Cerro geflohen und hatte damit aus eigener Entschließung den ersten Schritt ins Grab getan.

*

Am Morgen des angegebenen Tages herrschte in Queretaro eine dumpfe Stille, obgleich kein Mensch schlief, sondern alle Welt wach und auf den Beinen war. Der Mexikaner pflegt sich überhaupt sehr früh vom Lager zu erheben, und so waren die Teile der Stadt, durch die der Zug kommen mußte, bereits vor sechs mit Tausenden und aber Tausenden bedeckt.

Bürger, Soldaten, Vaqueros zu Pferde und zu Fuß, Indianer und Weiße, Neger, Mestizen, Mulatten, Terzeronen, Quarteronen, Chinos, überhaupt Menschen in allen Farben und Trachten standen wartend auf den Plätzen oder schoben sich in dichter Menge schweigend durch die Straßen, um die Hinrichtung eines Kaisers zu sehen.

Es war nicht das Gefühl wilder Befriedigung, das aus den Augen dieser meist nur halb zivilisierten Menschen leuchtete; nein, in ihren ernsten Gesichtern sprach sich eine Teilnahme aus, die auch der Barbar dem Unglück nicht versagen sollte.

Man redete nicht laut. Wo man sich unterhielt, da geschah es im Flüsterton. Es war, als ob man sich in der Kirche oder in einem Trauerhaus befände.

Um sieben Uhr wurden die Gefangenen aus den Zellen geholt.

Für einen jeden war ein von einer starken Eskorte umgebener Wagen bestimmt und ein starkes Holzkreuz, an das gelehnt er die Kugel empfangen sollte.

Auf der Hauptstraße trafen die drei Wagen zusammen und fuhren dann, langsamen Schrittes und von einer ungeheuren Menschenmenge gefolgt, dem Richtplatz zu.

Der Zug wurde von einer Schwadron Lanciers eröffnet. Dann kam die Musik, die einen Trauermarsch spielte. Das Spalier bildete eine Bataillon Infanterie, das Gewehr im Arm, in zwei Reihen zu je vier Mann.

Als der Zug die hohe Spitalpforte erreichte, warf Mejia einen herausfordernden Blick auf die Menge und rief mit lauter Stimme dem Kaiser zu:

»Majestät, geben Sie uns zum letzten Male ein Beispiel Ihres edlen Mutes! Wir folgen Ihnen in Tod und Grab!«

Gerade in diesem Augenblick zogen die Franziskaner vorüber. Die beiden Vordersten trugen das Kreuz und das geweihte Wasser, die anderen hielten Kerzen in den Händen.

Jeder der drei Särge, die den Verurteilten folgten, wurde von vier Indianern getragen. Dann kamen die drei Hinrichtungskreuze nebst den Bänken.

In den Augen Maximilians lag während des ganzen Weges ein Ausdruck, den niemand vergessen kann, der den verratenen und verlassenen Kaiser in seiner letzten Stunde geschaut hat.

Sobald sein Wagen den Hauptplatz verlassen hatte, wandte er das große Auge mit unverwandtem Blick nach Osten, wo die Heimat lag und alles, alles, was er verlassen hatte, um einem Trugbild zu folgen, das ihn in das nun offene Grab führen sollte. Dort drüben über der See lag auch Miramare, wo die Kaiserin gestörten Geistes durch die Gemächer und die Gärten irrte, nichts von all der Herrlichkeit bemerkend, durch die sich dieser Edelsitz vor anderen auszeichnet.

Ein schmerzvolles Lächeln umspielte seine Lippen. Die eine blasse Hand lag ruhig auf dem Polster des Wagens, während die andere leise den schönen, vollen Bart strich.

Als der Zug den Richtplatz erreichte, wurde die Menge zurückgehalten, und die Truppen bildeten ein Viereck, das nach einer Seite zu offen blieb.

Eskobedo, der die Exekution selbst befehligte, näherte sich mit seinem Stab den drei Wagen und befahl den Gefangenen auszusteigen.

»Vamos nos a la liberdad – sterben wir für die Freiheit!« sagte Max mit einem Blick in die aufgehende Sonne, die ihm zum letzten Male leuchten sollte. Dann zog er seine Uhr und ließ eine daran angebrachte Feder spielen. Es sprang ein Deckel auf, der das Miniaturporträt der Kaiserin Charlotte barg. Er küßte das Bild und reichte dann die Uhr dem Beichtvater mit der Bitte:

»Überbringen Sie dieses Andenken meiner geliebten Gattin in Europa. Sollte dieselbe Sie jemals verstehen können, so sagen Sie ihr, daß meine Augen sich schließen mit ihrem Bildnis, das ich mit nach oben nehme!«

Die Sterbeglocken hallten dumpf zusammen. An der starken, äußeren Kirchhofmauer hielten die Verurteilten, denen ihre Plätze angewiesen wurden. Maximilian schritt in fester, aufrechter Haltung nach dem Holzkreuz und der Bank, die man für ihn neben dem geöffneten Grab aufgestellt hatte. Mejia tat desgleichen. Miramon aber wankte. Sein Auge irrte, wie nach Hilfe suchend, über die Höhe und in die Ebene hinaus.

Jetzt wurden das Todesurteil und die Gründe verlesen, und dann erteilte man den Gefangenen die Erlaubnis, noch einmal zu sprechen. Miramon stammelte einige Worte. Mejia machte eine stolze Handbewegung als Zeichen, daß er auf diese Gnade verzichte. Aber der Kaiser ergriff die Gelegenheit, zum letzten Male auf Erden seine Stimme öffentlich hören zu lassen.

Man hat viel über seine letzten Worte gefabelt; man hat ihm Reden in den Mund gelegt, die die Zeit einer ganzen Viertelstunde in Anspruch genommen hätten, sie sind erfunden. Nach authentischen Berichten trat er einen Schritt vor und sagte mit lauter, fester Stimme:

»Ich sterbe für eine gerechte Sache, die der Freiheit und Unabhängigkeit Mexikos! Möge mein Blut das Unglück meines Vaterlandes auf immer besiegen! Es lebe Mexiko!«

Diese Worte fanden keinen Widerspruch, aber auch nicht den leisesten Widerhall.

Nun wurden drei Pelotons kommandiert, ein jedes aus fünf Mann und zwei Unteroffizieren bestehend. Sie näherten sich den Verurteilten auf drei Schritte.

Der Kaiser winkte den Feldwebel, der die Pelotons befehligte, zu sich heran, zog eine Hand voll Goldstücke hervor und sagte:

»Verteilen Sie dies nach meinem Tode unter Ihre Leute, und sagen Sie ihnen, daß sie nach meinem Herzen zielen sollen. Auf die Brust! Zielt nach meinem Herzen! Zielt gut!«

Der Feldwebel trat zurück und ebenso der Kaiser. Die geladenen Gewehre wurden erhoben. Miramon sank auf die Bank nieder, wo er kraftlos sitzen blieb. Die Franziskaner legten ihm die Arme kreuzweise übereinander. Der Kaiser umarmte Mejia. Dieser erwiderte die Umarmung schluchzend und mit einigen Worten, die niemand verstehen konnte. Dann kreuzte der treue, tapfere General die Arme über der Brust, die Kugeln mutig erwartend.

Der Bischof trat hierauf zu Maximilian und sagte:

»Majestät, geben Sie in meiner Person dem Land und Volk von Mexiko den Kuß der Versöhnung. Mögen Sie im letzten Augenblick allen und alles verzeihen!«

Max ließ sich umarmen und küssen. Er war tief erregt. Er wußte, was der Bischof meinte. Ein innerer Kampf folgte, dann aber sagte er laut:

»Sagen Sie Lopez, daß ich ihm seinen Verrat verzeihe!«

Viele von den Umstehenden weinten, und selbst diejenigen, die keine Tränen hatten, waren sichtlich gerührt. Was Eskobedo fühlte, konnte kein Mensch erraten. Sein Gesicht war ernst und unbeweglich. An ihn wandte sich Max mit den Worten:

»A la disposition de usted – ich stelle mich zu Ihrer Verfügung!«

Bei diesen Worten lehnte er sich aufrecht an das Kreuz, das für ihn bestimmt war. Der Feldwebel blickte auf Eskobedo. Dieser nickte mit dem Kopf und gebot:

»Adelante – vorwärts!«

Die Schützen traten an. Ein entblößter Degen hob sich, und die Gewehrläufe senkten sich, der Degen hob sich abermals, die Schüsse krachten, die Hörner gellten, und die Trommeln wirbelten.

Der Kaiser fiel, durch das Herz getroffen, auf das Kreuz, an das er sich gelehnt hatte. Man hob ihn auf und legte ihn sofort in den Sarg.

Miramon war schwerfällig in den Sand gerollt, aber tot. Mejia blieb stehen und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Er war schlecht getroffen. Einer der Unteroffiziere trat zu ihm heran, hielt ihm die Mündung seines Gewehres hinters Ohr und drückte ab. Dieser Schuß aus nächster Nähe streckte den treuen Mann zu Boden.

»Libertad y independencia – Freiheit und Unabhängigkeit«, erscholl es über die drei Särge hinweg.

Dies war die Grabrede, die die mexikanische Nation dem toten Kaiser und seinen vornehmsten Generalen hielt.

Am dreißigsten Juni erhielt der Kaiser von Österreich, der sich in München aufhielt, die Botschaft von der Hinrichtung Maximilians. Das »Neue Wiener Fremdenblatt« berichtete über den Tod des Erschossenen:

*

»Kaiser Maximilian von Mexiko ist tot! Aus dem kühnen Zug eines geistvollen Prinzen ist ein Trauerspiel geworden, so grandios, wie es noch in dem Sinne keines Dichters entstand. Der Kaiser, ausgezogen, um ein Werk der Zivilisation zu vollbringen, liegt nun, von seinen Feinden erschossen, auf den Feldern von Mexiko, und die Kaiserin sitzt wahnsinnig auf dem Schloß zu Miramare. Fürwahr, die Geschichte hat der kommenden Generation da eines ihrer geheimnisvollsten Rätsel aufgegeben!

Wir aber sagen:

So starb Maximilian von Österreich. Er war wert, für eine bessere Sache zu sterben; er hat dies durch sein Verhalten in den letzten Tagen seines Lebens bewiesen.«

23. Kapitel.

Juarez war nun wieder Alleinherrscher von Mexiko. Kurt hatte der Hinrichtung nicht beigewohnt. Es widerstrebte seinem Gefühl, einen Mann sterben zu sehen, den er hatte retten wollen. Er saß zur Zeit der Exekution mit dem Kleinen André in seinem Zelt. Er hörte das Trauergeläut. Das Krachen der Gewehre drang an sein Ohr.

»Jetzt! Jetzt sind sie tot!« rief André. – »Er war bereits tot, als er mich von sich wies«, antwortete Kurt. – »War keine Rettung mehr möglich? Man hätte ihn vielleicht doch heimlich aus seinem Gefängnis entführen können.« – »Ehe Max gefangen war, konnte ich ihn retten, ohne ein Verbrechen zu begehen.« – »War es denn später eins?« – »Gewiß, und zwar ein Verbrechen, das von jedem Gesetzbuch mit hoher Strafe belegt wird. Es ist widerrechtliche Befreiung eines Gefangenen.« – »Nun, so wäre die Befreiung erst auch widerrechtlich gewesen.« – »Nein, er befand sich noch mitten unter den Seinigen. Sobald er aber in die Gewalt der Republikaner geraten war, sah ich mich gezwungen, die Hand abzulassen.« – »Hm. Sie mögen recht haben. Er hat es nicht anders gewollt.« – »Und so brauchen wir uns keine Vorwürfe zu machen. Hier aber haben wir nichts mehr zu tun. Ich wollte nur noch diese verhängnisvollen Schüsse hören. Nun bin ich Zeuge eines der größten geschichtlichen Trauerspiele gewesen und werde Querétaro verlassen.« – »Ohne Abschied oder Urlaub?« – »Ich bin von Eskobedo nicht abhängig.« – »Wohin gehen Sie?« – »Zu Juarez.« – »Ah, darf ich mit?« – »Natürlich«, nickte Kurt. – »Ah, da werde ich Señorita Emilia sehen! Geht Herr Doktor Sternau auch mit uns?« – »Ich hoffe es. Reiten Sie voraus zu ihm, damit ich ihn bereit finde, wenn ich komme!«

Am anderen Morgen ritten die drei unter Begleitung der beiden Indianerhäuptlinge nach San Luis Potosi. Als sie durch Guanajuato kamen, hielt der Kleine André an.

»Ah, meine Herren, kennen Sie dieses Pferd?«

Dabei deutete er auf ein gesatteltes Pferd, das vor einer Venta hielt.

»Das Pferd des Schwarzen Gerard«, antwortete Sternau. »Er muß hier abgestiegen sein. Gehen wir hinein.«

Aber sie brauchten nicht in das Haus zu treten. Gerard hatte sie schon gesehen und kam heraus. Er war in Santa Jaga gewesen und hatte sie aufsuchen wollen, um ihnen mitzuteilen, daß dort alles in Ordnung sei. Natürlich schloß er sich ihnen an.

Als sie Potosi erreichten und ihre Pferde untergebracht hatten, begab sich Sternau mit Kurt sofort zu dem Präsidenten, der sie empfing, obgleich er mit Geschäften überhäuft war.

»Sie bringen Trauriges?« fragte er ernst, nachdem die Begrüßungsworte gewechselt worden waren. – Ja«, antwortete Kurt. »Ich bringe den Schall der Schüsse, unter denen Max von Österreich gefallen ist.« – »So waren Sie bei der Exekution zugegen?« – »Nein. Ich mußte verschmähen, ein Schauspiel anzustaunen, das ich hatte kommen sehen.« – »Eskobedos Kurier ist bereits angelangt. Maximilian ist mutig und als Mann gestorben. Ich war sein politischer Gegner, aber nicht sein persönlicher Feind.«

Es war, als ob er es für nötig gehalten hätte, diese Entschuldigung hier auszusprechen; daher fiel Sternau schnell ein:

»Wir wissen das am besten, Señor!« – »Ah!« sagte Juarez, indem er ein leises, geheimnisvolles Lächeln bemerken ließ. »So hatten Sie mich verstanden!« – Ja, Señor, und Sie haben sich bemüht?« – »Sogar sehr eifrig, aber ohne Erfolg, sogar Leutnant Helmers hier wurde abgewiesen«, antwortete Juarez. – »So hielten Sie es also doch für möglich, Herr Leutnant, den Erzherzog – Sie verstehen?« – »Es war sogar sehr leicht«, antwortete Kurt.

Da schüttelte Juarez den Kopf, trat an das Fenster und sah lange schweigend hinaus. Dann drehte er sich rasch wieder um und sagte:

»So hat er es nicht anders gewollt Er ist tot! Richten nicht auch wir noch über ihn! Ihnen aber danke ich, daß Sie meine Andeutungen verstanden und danach gehandelt haben. Man wird mich falsch beurteilen, Sie aber kennen mich besser, obgleich Sie schweigen müssen, so lange ich noch die Zügel der mexikanischen Angelegenheiten in den Händen halte. Während dieser Zeit darf kein Republikaner wissen, was ich tat und wünschte. Aber wenn ich einmal abgetreten oder tot sein werde, dann denken Sie daran, daß die Zeit gekommen sei, der Welt mitzuteilen, wie gern ich meinen Gegner retten wollte. Dies ist das Vermächtnis, das ich Ihnen anvertraue, wenn Sie das Land verlassen, das der Schauplatz einer Tragödie war, die ich weder veranlaßt, noch verschuldet habe.«

Er sprach ernst und aus bewegtem Herzen. Die beiden Zuhörer waren ebenso bewegt. Es entstand eine Pause, die Juarez mit der Frage beendete:

»Und nicht wahr, daß Sie Mexiko verlassen, wird sehr bald geschehen?« – »Wir hoffen es allerdings«, antwortete Sternau. »Aber einige Zeit werden wir immer noch unter Ihrem Schutz bleiben müssen, Señor.« – »Das freut mich. Sie wissen, daß alles geschieht, was ich für Sie tun kann. Wir müssen, ehe Sie abreisen, die Angelegenheit der Rodriganda beenden, soweit dieselbe nämlich vor das mexikanische Forum gehört.« – »An welchen Richter haben wir uns da zu wenden?« – »An mich selbst. Ich werde dafür sorgen, daß Ihre Sache in ebenso gerechte, wie eifrige Hände gelegt wird. Die Gefangenen befinden sich noch im Kloster della Barbara?« – »Ja. Sie sind sehr gut bewacht.« – »Holen Sie sie! Lassen Sie auch Marie Hermoyes, den alten Haziendero Pedro Arbellez nebst seiner Tochter und die Indianerin Karja herbeirufen.« – »Nach Potosi hier?« – »Nein. Ich werde nach der Hauptstadt gehen. Dorthin haben Sie die Gefangenen zu bringen.« – »Stehen nicht nur diejenigen, die hier geboren oder naturalisiert sind, unter Ihrer Jurisdiktion?« – »Allerdings. Ich kann zwar alle in Anklagestand versetzen, aber nur Pablo Cortejo und dessen Tochter aburteilen.« – »Und die anderen?« – »Führen Sie sie nach Spanien, wo die Angelegenheit zu beenden ist.« – »An welche Behörde haben wir uns da zu wenden?« – »An das Obertribunalgericht zu Barcelona.« – »Ich danke. Werden Sie die Untersuchung hier öffentlich führen?« – »Natürlich!« – »Ich möchte dagegen Einspruch erheben.« – »Warum?« – »Es würde von der Sache, ehe wir hier mit derselben fertig sind, so viel nach Spanien verlauten, daß die Schuldigen, die sich dort befinden, Zeit gewinnen, sich der Gerechtigkeit zu entziehen.« – »Das ist allerdings richtig. Wir werden also vorsichtig sein und die Untersuchung so diskret wie möglich führen müssen. Um aber allem vorzubeugen, werde ich mich nach Spanien unter Beifügung der Gründe mit der Bitte wenden, den Grafen Alfonzo unter eine, wenn auch heimliche, aber desto strengere Polizeiaufsicht zu nehmen. Genügt Ihnen das?« – »Vollständig, Señor!« – »Zum Transport der Gefangenen vom Kloster della Barbara nach der Hauptstadt stelle ich Ihnen ein hinreichendes Militärdetachement zur Verfügung. Wann reisen Sie ab?« – »Morgen früh. Wir wollen bis dahin die Pferde ausruhen lassen.« – »So werde ich die nötigen Befehle geben.«

Damit war die Unterredung beendet. Sternau besprach sich mit den anderen, wer nach der Hazienda reiten sollte, um die Bewohner derselben zu holen. Da Emma, Resedilla und Karja sich dort befanden, wurden Donnerpfeil, Gerard und Bärenherz gewählt. Am anderen Morgen wurde aufgebrochen.

Vorher aber wurde noch ein Herz glücklich gemacht, das ein solches Glück nicht für möglich gehalten hätte.

Nach der erwähnten Besprechung begab sich André zu Señorita Emilia, die sich ja in Potosi befand. Es war Abend, und das Gemach, das sie mit noch zwei anderen bewohnte, war von einer Lampe hell erleuchtet.

Juarez hatte sie für die ihm geleisteten Dienste so freigebig belohnt, daß sie imstande war, sich einer fein ausgestatteten Wohnung zu bedienen.

Als André eintrat, lag das schöne Mädchen hingegossen auf einer Ottomane. Es stand zwar nicht mehr in den Tagen der ersten, der besten Jugend, aber seine Schönheit gehörte zu denen, die nicht verschwinden, sondern mit den Jahren an Zauber zu gewinnen scheinen.

Als es ihn erblickte, erhob es sich rasch aus den Kissen.

»Ah, Monsieur André!« rief Emilia. »Ihr wieder hier? Das freut mich, das freut mich wirklich recht herzlich!«

Der kleine Jäger machte ein halb seliges und halb verlegenes Gesicht und fragte:

»Freut Ihr Euch denn wirklich, daß so ein alter Büffeltöter zu Euch kommt, Mademoiselle?« – »Natürlich, natürlich! Seht Ihr denn nicht, daß ich Euch beide Hände entgegenstrecke?« – »Alle Wetter, ja! Aber – hm!«

Er zögerte, ihre Hände zu nehmen, und sprach:

»Diese kleinen, schönen, weißen Patschchen, und da meine sonnenverbrannten Tatzen. Paßt das zusammen?«

Da ergriff sie seine Hände, um sie kräftig zu schütteln, und dann fuhr sie fort:

»Ihr scheut Euch vor meinen Händen, wißt Ihr denn, was ohne Euch aus denselben geworden wäre?« – »Na, was denn, Mademoiselle?« – »Sie wären jetzt kalt, starr und faulten unter der Erde.« – »Donnerwetter, das wäre weiß Gott zu jammerschade. Aber, hm, wo denn eigentlich?« – »In Tula, wo ich ja erschossen oder gar gehängt worden wäre, wenn Ihr mich nicht gerettet hättet.« – »Ich?« fragte er verwundert. – »Ja, Ihr!« antwortete sie. – »Unsinn! Der Retter war dieser famose Leutnant Helmers, aber doch nicht ich.« – »Ihr habt beide gleichviel getan, einer so viel wie der andere. Kommt, setzt Euch doch endlich nieder!«

Sie wollte ihn nach der Ottomane ziehen; er sträubte sich.

»Nicht dorthin!« sagte er. – »Dieser Platz ist ja aus Samt fabriziert.« – »Was tut das?« – »Sehr viel. Meine Hosen und so ein Samt! Der Kleine André und so ein Kanapee oder was es ist! Das würde gerade so passen wie eine Eidechse in den Milchreis oder in den Hirsebrei!«

Sie faßte ihn kräftig an und zog ihn neben sich in die schwellenden Polster nieder.

»Himmel hilf!« rief er. »Das geht tief hinab. So ein Polster gibt es ja selbst im besten Wald nicht.« – »Meint Ihr? Und diese Kissen haben noch dazu die Eigentümlichkeit, daß es sich darauf so recht gemütlich plaudern läßt.« – »Im Wald auf dem Moos auch.« – »Geht mir jetzt mit dem Wald! Wir sind hier und wollen von uns reden, aber nicht von Euren Büffeln und Bären.« – »Gut«, sagte er, sich scheu in die Ecke drückend, wo er aber auch von den Sprungfedern recht beunruhigend auf- und niedergeschaukelt wurde. »Also von uns wollen wir reden? So fangt einmal an!« – »Warum Ihr nicht?« – »Ich? Alle Wetter! Womit sollte ich denn anfangen?« – »Von mir!« lachte sie.

Er blinzelte furchtsam zu ihr herüber. Sie bemerkte das und fragte:

»Fürchtet Ihr Euch vor mir, oder redet Ihr etwa nicht gern von mir?«

Er nickte bedenklich mit dem Kopf und antwortete:

»Hm! Mit dem Fürchten ist es nicht so ganz richtig!« – »Ah! Warum?« – »Nun, das will ich Euch erklären. Sagt einmal, wenn hier der Teufel hereinkäme, würdet Ihr …« – »Pfui, der Teufel! Wie kommt Ihr auf den? Bin ich ihm etwa so ähnlich?« – »Gar nicht! Aber würdet Ihr Euch nicht vor ihm fürchten?« – »Ein wenig, ja.« – »Oder wenn ein Engel käme, würdet Ihr Euch da nicht auch fürchten?« – »Hm! Ein wenig scheuen würde ich mich allerdings.« – »Nun seht, Mademoiselle. Man fürchtet sich vor allem, was ganz häßlich und schlecht oder ganz schön und gut ist. Man steht so sehr in der Mitte der beiden, daß man sich weder an das eine, noch an das andere getraut.« – »Das habt Ihr sehr gut erklärt, mein lieber André. Aber was wollt Ihr denn damit in Beziehung auf mich sagen?« – »Daß ich mich fürchte, weil Ihr ein Engel seid.«

Sie machte eine allerliebste, verwunderte Miene und rief:

»Wie? Ihr könnt auch galant sein?« – »Galant?« fragte er erschrocken. »Ist das denn galant?« – »Natürlich!« – »Alle Wetter! Da bitte ich um Verzeihung! Nehmt mir das nur ja nicht übel. Ich habe es nicht böse gemeint!« – »Davon bin ich überzeugt. Aber meint Ihr etwa, daß Ihr gegen mich nicht galant sein dürft?« – »Wie dürfte ich so etwas wagen?« – »Warum denn nicht?«

Sie rückte ihm dabei etwas näher, und er drückte sich, als er dies bemerkte, so viel wie möglich in seiner Ecke zusammen.

»Ich, der Andreas Straubenberger! Und Ihr, der Engel, die schöne Señorita Emilia! Das verhält sich ja gerade so wie die Stiefelschmiere zur Morgenröte!«

»Was war denn eigentlich Euer Vater, André?« – »Ein blutarmer Teufel in der Rheinpfalz.« – »Und mein Vater war ein blutarmer Teufel in Paris. Habt Ihr Euch da vor mir zu fürchten?« – »Der Väter wegen nicht, aber der Tochter wegen!« – »Da irrt Ihr Euch. Ich bin ein Mädchen, nichts weiter, eine Kundschafterin des Präsidenten. Ihr aber seid ein wackerer, tapferer Jäger, der hundert schöne, rühmliche Taten zu seinem Lob hat. Wißt Ehr noch, wie Ihr Euch damals in Chihuahua für Eure Freunde aufgeopfert habt?« – »Hm! Ja!«

Er dachte dabei an die Küsse, die er von dem schönen Mädchen zum Lohn erhalten hatte.

»Und sodann habt Ihr mir das Leben gerettet!« – »Das ist ja nur eine Kleinigkeit!« – »Was? Ihr haltet mein Leben für eine Kleinigkeit?« fragte sie.

Er fuhr erschrocken empor.

»Alle Teufel, das habe ich nicht gemeint«, rief er. »Dem Kerl, der Euer Leben eine Kleinigkeit nennen wollte, den würde ich auf den Kopf schlagen, daß ihm die Seele zu allen zehn Fußzehen hinausfahren sollte!« – »Nun seht, Monsieur, und doch hing dieses Leben nur an einem Faden. Ihr habt mich gerettet. Ich wünsche sehr, ich hätte stets so einen Beschützer bei mir.«

Da blitzte sein gutes, ehrliches Auge vor Freude hell auf.

»Wirklich, wünscht Ihr das, Mademoiselle?« fragte er rasch. – »Ja«, antwortete sie. »So einen Beschützer, wie Ihr seid, oder am liebsten Euch selbst.« – »Nun, das könntet Ihr ja sehr leicht haben.« – »Wieso?« fragte sie, gespannt auf die Antwort, die er ihr geben werde. – »Nun – hm!« hustete er verlegen. »Braucht Ihr vielleicht einen – hm – einen Diener?« – »Einen Diener? Warum?« – »Dann würde ich fragen, ob ich der Diener sein darf.« – »Ihr? O nein! Als Diener würde ich Euch nicht haben mögen.« – »Sapperment!« meinte er enttäuscht. »Ich würde aber stets so treu und aufmerksam sein wie kein zweiter!« – »Das glaube ich Euch sehr gern, denn Ihr seid eine gute, treue Seele. Aber als Diener wäret Ihr ja mein Untergebener!« – »Das gerade will ich ja!« – »Aber ich will es nicht. Ich schätze Euch, ich achte Euch so hoch, daß ich Euch nie unter mich stellen könnte.« – »Nun, so stellt mich neben Euch!« – »Als was denn?« – »Hm! Das ist freilich eine ganz verteufelte Geschichte. Da hört meine Weisheit beinahe auf. Braucht Ihr nicht einen Reisebegleiter?« – »Vielleicht. Aber ich werde sehr wenig auf Reisen sein.« – »Nun, so stellt mich als Hausmeister an!« – »Ich habe kein Haus.« – »So baue ich Euch eins. Ich bin nicht ganz ohne!«

Er blinzelte dabei mit den Augen und machte mit den beiden ersten Fingern der Rechten das Zeichen des Geldzählens.

»So, so!« lachte sie. »Das brauche ich nicht anzunehmen. Denn ich bin auch nicht ganz ohne.«

Sie blinzelte dabei ebenso wie er schalkhaft zu ihm hinüber und machte auch dieselbe Bewegung mit Daumen und Zeigefinger.

»Das freut mich«, meinte er. »Also mit dem Haushofmeister ist es nichts. So macht mich zum Aufseher oder Verwalter!« – »Ich habe keine Fabrik und kein Rittergut.« – »Das schadet nichts. Baut Euch eine Brauerei! Ich bin eigentlich ein Brauer.« – »Wenn ich bauen wollte, so würde ich auf die Brauerei verzichten und doch lieber auf Euren vorigen Vorschlag eingehen.« – »Ein Haus zu bauen? Sapperment! So werde ich Hausmeister!« – »Dann wäret Ihr doch immer mein Untergebener.« – »Das ist wahr. Aber wenn es sich um ein Haus handeln muß, so gibt es da ja nur den Hausherrn, der nicht Untergebener ist.« – »Richtig! Was aber hält Euch denn ab, das zu werden?« – »Nichts. Nur müßte ich es sein, der das Haus baut, nicht Ihr.« – »Aber wenn ich es dennoch baute?« – »So wäret Ihr die Herrin.« – »Wäre denn ein Herr da ganz und gar keine Möglichkeit?«

Er saß sie groß an, nickte mit dem Kopf und antwortete:

»Freilich doch, aber dann wäre er nicht Hausherr, sondern Haus …« – »Nun, warum stockt Ihr denn? Redet doch aus.« – »Hm! Es ist ein verteufelt dummes Wort.« – »Welches denn?« – »Haus – hm – Hausva- Hausvater!«

Endlich hatte er das Wort herausgebracht Er holte tief Atem, legte den Kopf furchtsam nach hinten und machte die Augen zu, um nicht sehen zu müssen, wie zornig er sie gemacht habe. Aber anstatt Worte des Zorns zu hören, vernahm er in leisem, freundlichen Ton die Frage:

»Nun, Monsieur, ist das nicht ein schöner Posten? Möchtet Ihr ihn nicht haben? Möchtet Ihr denn nicht bei mir Hausvater sein?«

Da öffnete er langsam die Augen und sagte ebenso langsam:

»Aber wer sollte denn da die Hausmutter machen?« – »Nun, wer anders als ich?« – »Ihr?« rief er.

Er war so erschrocken, daß er aufspringen wollte. Sie aber hielt ihn zurück und fragte:

»Glaubt Ihr etwa, daß ich eine schlechte Hausfrau sein würde?« – »Nein, nein! Ganz und gar nicht«, antwortete er. »Aber es geht nicht, es geht nicht.« – »Warum nicht?« – »Weil – Ihr dann ja meine – Frau werden müßtet.«

Sie lachte laut auf und fragte:

»Und dieses kleine Wort auszusprechen, ist Euch so schwer geworden?« – »Sehr schwer, ungeheuer schwer! Lieber will ich einen Bären mit einer Stricknadel erstechen, als daß ich mich auf so etwas einlasse.« – »So habt Ihr wohl noch niemals einem Mädchen eine Liebeserklärung gemacht?« – »Nein – hm, ja, nein, nämlich was man so eine richtige Liebeserklärung nennt.« – »Aber gut gewesen seid Ihr einmal einer?« – »Ja, höllisch gut. Aber mein Bruder war ihr lieber, und darum ging ich in die weite Welt.« – »Und seit jener Zeit bis heute seid Ihr keiner wieder so gut gewesen, Monsieur?«

Da machte er abermals die Augen zu, aber aus einem ganz anderen Grund als vorher. Sein Gesicht nahm einen eigentümlich seelenvollen Ausdruck an, der es verschönte, und ohne die Augen zu öffnen, antwortete er:

»O doch, Mademoiselle! Einer einzigen bin ich gut. Aber nein, gut sein, das ist nicht der richtige Ausdruck, das ist viel, viel zu wenig. Ich denke an sie bei Tag und Nacht. Ich träume von ihr. Ich möchte ihr jeden Tropfen meines Blutes einzeln opfern. Ich könnte auf alles und jedes Glück verzichten, um sie nur froh zu sehen. Ich wäre imstande, tausendfaches Herzeleid zu erdulden, nur damit sie mich einmal freundlich anblicken möchte.«

Da wurde das Auge Emilias groß und feucht. Ihr schönes Angesicht zeigte einen tiefen Ernst, und ihre Stimme vibrierte leise, als sie fragte:

»Darf ich nicht wissen, wer die ist, die Ihr so unendlich liebt?«

Da öffnete er, wie erschrocken, rasch die Augen und antwortete:

»Nein, um Gottes willen nein!« – »Warum nicht?« – »Weil Ihr zornig, entsetzlich zornig werden würdet.« – »Nun, wenn Ihr es mir nicht mitteilt, so will ich es Euch sagen.« – »Das könnt Ihr nicht. Ihr wißt es ja nicht.« – »Ich will Euch beweisen, daß ich es weiß. Legt einmal den Kopf so nach hinten und macht dabei die Augen zu, gerade wie Ihr es vorhin getan habt.«

Er gehorchte, ohne zu ahnen, was sie wollte. Da, kaum hatte er die Augen geschlossen, fühlte er sich von zwei warmen, weichen Armen umfangen, zwei Lippen legten sich auf seinen Mund, und dann hörte er die leisen, liebevollen Worte:

»Ich bin es, ich! Nicht wahr, ich weiß es, wen du lieb hast?«

Er antwortete nicht, er öffnete auch die Augen nicht. Er bewegte sich nicht, sondern er blieb liegen wie ein Hund, den die schöne Herrin liebkost und der vor Freude und Entzücken darüber vergehen und sich in Wonne auflösen möchte.

Sie drückte ihn an sich, küßte ihn abermals und fragte wieder:

»Antworte mir. André! Nicht wahr, ich bin es, die du so unendlich lieb hast?« – Ja«, wagte er ganz leise zu sagen. – »So schlage deine Augen auf.«

Er gehorchte. Er erblickte ihr schönes, freudeglänzendes Gesicht so nahe an dem seinigen. Er fühlte, daß der Hauch ihres Atems ihn berührte, es war ihm so eigentümlich, so traumhaft, so wirr im Kopf. Er strich sich langsam die Haare aus der Stirn und fragte:

»Träume ich, oder ist es wirklich wahr?! O Gott, es ist des Glückes zu viel!«

Sanft entwand er sich den Fesseln der Liebe und erhob sich.

Langsam und fast taumelnd schritt er zum Fenster. Dort stand er lange, lange Zeit mit gefalteten Händen und in die Nacht hinaus zu den Sternen emporblickend. Sie ließ ihn ruhig gewähren. Sie hatte den Wert dieses rauhen Mannes kennengelernt. Wurde sie auch nicht von der Glut zu ihm gezogen, die sie Gerard gegenüber gefühlt hatte, so war sie ihm, ihrem Lebensretter, dagegen mit jenem stillen, reinen Gefühl ergeben, das der Volksmund »von Herzen gut sein« nennt und das mehr Bürgschaft eines dauernden Glückes bietet, als ein hell aufloderndes, aber ebenso schnell wieder in sich zusammensinkendes Herzensfeuer.

Sie war Spionin gewesen. Was hatte sie zu hoffen? Sollte sie ihre Schönheit einem auf Adel oder Reichtum stolzen Protzen opfern, um dann von ihm verlassen zu werden? Nein. Sie wußte, daß sie schön war, aber sie wußte auch, daß sie mit dieser Gottesgabe hier einem braven Mann ein unendliches Glück bereiten werde, und sie zog dies letztere vor, nicht aus Berechnung, sondern weil ihr Herz sie dazu trieb. Sie war ihm ja so herzensgut, diesem einfachen, biederen Andreas, dessen Charakter ihr mehr Gewähr eines wirklichen und dauerhaften Glückes bot, als die egoistische, genußsüchtige Liebe all der vornehmen Anbeter, die sie bisher gehabt hatte.

Da drehte er sich um und kehrte langsam zu ihr zurück. Sein ehrliches Gesicht glänzte wie verklärt, und in seinen Augen standen Tränentropfen, die ihm über die Wangen rollten.

»Weißt du, was ich jetzt getan habe?« fragte er. – »Was? Sage es!« – »Gebetet. Ja, gebetet habe ich, daß der liebe Gott mir den Verstand und die Gedanken lasse. Ich habe jetzt erkannt, daß es ebenso schwer ist, sich in ein großes Glück zu finden wie in ein schweres Herzeleid. Und nun sage mir, ob du wirklich im Ernst gesprochen hast, und ob es wahr ist, daß ich dich in Wirklichkeit besitzen soll, dich, die ich im stillen angebetet habe, als ob du meine Königin seiest, und ich, der Sklave, der Untertan, der bereit ist, für dich zu leben, aber auch für dich zu jeder Stunde in den Tod zu gehen!«

Die Frage, die er aussprach, glänzte ihr auch aus seinen ehrlichen, treuen Augen entgegen, und zwar so angstvoll und unsicher, daß sie ihre Hände ausstreckte, die seinigen ergriff und schnell antwortete:

»Ja, es ist wahr, mein lieber André. Ich will dein Weib sein, deine Hausfrau, bei der du eine Heimat findest, nachdem du so lange Jahre ruhe- und heimatlos gewesen bist.«

Da stieß er einen Ruf des höchsten Entzückens aus. Er schlang die Arme um sie, drückte sie fest und innig an sich und sagte:

»Gott segne dich für dieses Wort! Oh, nun bin ich ein ganz anderer Kerl! Nun tausche ich nicht mit Sternau oder Mariano, mit keinem einzigen Menschen! Mögen sie mich immerhin den Kleinen André nennen. Ich fühle mich jetzt auf einmal so groß, so groß, daß es mir gar nicht einfallen kann, einen von ihnen zu beneiden.«

Da schob sie ihn leise von sich, maß unter einem glücklichen Lächeln seine Gestalt, zog ihn wieder an sich heran, so daß sie wieder Brust an Brust standen und sagte:

»Messen wir uns einmal, lieber André. Bin ich etwa länger als du?«

Er verglich ihre Höhe mit der seinigen und meinte ganz erstaunt:

»Wahrhaftig, ich bin noch einen Zoll länger als du. Wer hätte das gedacht!« – »Du siehst, daß der Schein trügt. Wir Frauen sehen größer aus, als wir sind. Wir passen sehr gut zusammen. Nicht?« – »Außerordentlich gut. Ich bekomme Respekt vor mir selber. Und nun wirst du sehen, daß auch die anderen den gleichen Respekt haben sollen. Die Liebe ist doch ein wunderbares Ding, ich glaube, daß sie gar imstande sein wird, aus dem Kleinen André einen großen Kerl zu machen.«

24. Kapitel.

Einige Zeit später hielt der wieder zu allen Ehren und Würden gelangte Präsident Juarez seinen Einzug in der Hauptstadt Mexiko. Es herrschte ein unbeschreiblicher Jubel unter der Bevölkerung, als der Zapoteke, der einst zur Flucht gezwungen gewesen war, aber trotzdem seinen starren Mut nicht verloren und auf seinen Titel verzichtet hatte, nun als Retter des Vaterlandes in der Stadt einritt. Alle Straßen waren mit Ehrenpforten, Girlanden und Flaggen geschmückt, und ein wahrer Regen von duftenden Blumen flog auf ihn und das Pferd, das ihn trug und mit stolzen Schritten über die lieblichen Kinder Floras hinwegtänzelte.

Aber am ersten Tag nach seinem Einzug hatte sich der laute Jubel in eine stille Erwartung umgewandelt; Juarez begann zu sichten. In unerbittlicher Gerechtigkeit prüfte er diejenigen, die seit dem ersten Tag der französischen Invasion eine Rolle gespielt hatten, auf ihren patriotischen Wert. Er begann die Schafe von den Böcken zu scheiden und das Gewürm von dem Baum der nationalen Wohlfahrt zu schütteln. Tausende fühlten sich im Besitz eines bösen Gewissens. Viele entflohen heimlich, als sie sahen, wie ernst es dem Präsidenten war. Wo es möglich war, ließ er Gnade walten, aber wo er erkannte, daß Milde nicht angewandt oder gar für das Allgemeinwohl gefährlich sei, da ließ er sich von seinem guten Herzen nicht hinreißen, sondern strafte mit jener einsichtsvollen Unnachsichtigkeit, der man es dankbar anmerkt, daß sie nicht aus Persönlichkeit und Eigennutz entspringt.

Da er selbst eine ruhelose Tätigkeit entfaltete, so dauerte es nur kurze Zeit, bis in allen Abteilungen des Regierungsmechanismus die größte Ordnung herrschte, und so kam es, daß er selbst von denjenigen Regierungen, die vorher mit Napoleon geliebäugelt hatten, als Herrscher des mexikanischen Reiches anerkannt wurde.

*

Eines Spätabends, als die Bewohner der Hauptstadt im Schlummer lagen, näherte sich der letzteren von Norden her ein Reiterzug. Der Mond schien hell, und so konnte man erkennen, daß derselbe aus mehreren Gefangenen und ihrer Eskorte bestand. Die ersteren waren sorgfältig gefesselt und auf ihre Pferde gebunden. Zwei Maultiere trugen eine Art von Sänfte, aus der fast ununterbrochen das Wimmern einer weiblichen Stimme erscholl, um das sich die Begleiter aber nicht im geringsten kümmerten.

Dieser Trupp erreichte die Stadt, ritt durch einige Straßen und hielt dann vor dem Regierungsgebäude, an dessen Tor die Reiter der Eskorte sich von ihren Pferden schwangen. Einer von ihnen trat ein und wurde von dem wachhabenden Posten gefragt, was er wolle und wen er bringe.

»Ist der Präsident noch wach?« lautete die kurze Gegenfrage. – »Ja. Er arbeitet alle Nächte bis zum Anbruch des Morgens.« – »So lassen Sie mich melden. Ich heiße Sternau. – »Sternau? Hm. Man darf niemand melden. Der Präsident will ungestört sein. Kommen Sie am Tag wieder.« – »Ob und wann ich wiederkommen soll, haben nicht Sie zu bestimmen. Sie haben mich melden zu lassen, und der Präsident wird mich empfangen.«

Diese Worte waren in einem so befehlenden Ton gesprochen, daß der Posten gehorchte, ohne einen weiteren Einwand zu wagen. Es dauerte auch nur eine kurze Zeit, so wurde Sternau benachrichtigt, daß Juarez bereit sei, ihn zu empfangen.

Als er bei dem Präsidenten eintrat, wollte er sich wegen seines späten Erscheinens entschuldigen, wurde aber durch den freundlichen Ausruf unterbrochen:

»Endlich, endlich kommen Sie! Ich habe Sie bereits längst mit Ungeduld erwartet.« – »Wir konnten nicht eher, Señor. Wir hatten auf die Herren und Damen der Hazienda zu warten, und unterdessen war Josefa Cortejo so krank geworden, daß es unmöglich war, sie nach der Hauptstadt zu transportieren.« – »Was fehlte ihr?« – »Sie wissen, Señor, daß sie auf der Hazienda von einem Vaquero so gegen die Wand und Diele geworfen wurde, daß sie einige Verletzungen davontrug, die vollständig falsch behandelt worden sind. Die Folgen davon stellten sich nun in Santa Jaga ein, und zwar in Gestalt einer heftigen Entzündung, deren ich kaum Herr werden konnte.« – »Aber jetzt ist sie bereits wiederhergestellt?« – »Nein. Sie wird nicht wiederhergestellt werden.« – »Was Sie sagen!« rief Juarez beinahe erschrocken. »Verstehe ich Sie recht? Sie meinen, daß sie sterben werde?« – Ja.« – »Doch nicht eher, als bis wir mit ihr fertig sind?« – »Ich hoffe das. Ich habe alle Sorgfalt und alle künstlichen Mittel anwenden müssen, um sie nach hier zu bringen. Sie hat trotzdem unbeschreibliche Schmerzen auszustehen gehabt. Sie wimmert Tag und Nacht. Wenn die Wirkung meiner Mittel zu Ende ist, wird sie aufhören zu leben.«

Juarez nickte leise mit dem Kopf und meinte ernsten Tones:

»Da ist Gott selbst eingetreten, um sie zu bestrafen, noch ehe die Gesetze des menschlichen Richters aufgeschlagen zu werden brauchen. Es gibt, das sehen wir auch hier wieder, eine Gerechtigkeit, die zwar nur sich selbst verantwortlich ist, aber gerechter straft, als wir es vermögen. Sie haben die anderen Gefangenen auch mitgebracht?« – »Alle, außer einem, dem Neffen des Paters nämlich.« – »Warum diesen nicht?« – »Auch ihn hat Gottes Strafe getroffen, oder vielmehr, er ist sein eigener Richter gewesen. Er hat sich in der Zelle, in der er aufbewahrt wurde, erhängt.« – »Das ist mir außerordentlich unangenehm. Ich glaubte, die Geheimnisse des Paters entdecken zu können, und nun ist dieser an den Folgen des Schlaganfalles gestorben, und sein Neffe, der jedenfalls sein einziger Vertrauter war, hat sich getötet.« – »Ich verzweifle noch nicht an der Enthüllung jener Geheimnisse. Es ist wahrscheinlich, daß sich bei einer genauen Durchforschung des Klosters della Barbara vieles entdecken läßt, was uns jetzt noch entgangen ist. Ich werde eine gründliche Durchsuchung aller Räume vornehmen lassen.« – »Aber, wie steht es, Señor Sternau, haben Sie die Gefangenen ins Verhör genommen?« – Ja.« – »Und irgendwie ein Geständnis erhalten?« – »Leider nein.« – Das habe ich erwartet. Die Charaktere, mit denen wir es zu tun haben, sind so verstockt, daß ein offenes Geständnis gar nicht zu erwarten ist. Wir werden also notgedrungen einen genauen Beweis führen müssen.«

Sternau wiegte bedenklich den Kopf hin und her und antwortete:

»Einem Beweis, selbst wenn er mit aller Logik und vollster Sicherheit gezogen wird, haftet immer eine kleine Portion Zweifelhaftigkeit an. Er gibt dem Verbrecher noch Gelegenheit zum Leugnen und zu der Behauptung, daß er unschuldig sei, trotz aller Beweise. Das ist um so unangenehmer, als selbst der scharfsinnigste Richter nicht untrüglich ist. Daher möchte ich eine Überführung auf Zeugenaussagen hin, mögen sie noch so untrüglich sein, gern vermeiden, zumal wir es hier mit einem außerordentlichen Fall zu tun haben und auch zur möglichsten Geheimhaltung wenigstens einstweilen gezwungen sind.« – »So meinen Sie, daß wir auf ein Geständnis noch hoffen dürfen?« – »Ja, nämlich von seiten der Josefa Cortejo. Wir haben einen kräftigen Verbündeten in den Schmerzen, die sie zu erdulden hat. Ich habe dieselben durch meine Mittel zu lindern gesucht. Das werde ich nicht länger tun. Ich bin überzeugt, daß sich diese Schmerzen in so fürchterliche Qualen verwandeln, wie sie von der Tortur nicht schlimmer hervorgebracht werden können. Das muß und wird ihrer Verstocktheit ein Ende machen.« – »Als Mensch bedaure ich dieses Mädchen, als Jurist aber muß ich sagen, daß sie ihr Los verdient hat. Sie sind eben erst angekommen?« – »Ja.« – »Sie werden natürlich alle Wohnung bei mir nehmen. Das Palais hat mehr als genug Zimmer für Sie. Landola und die Cortejos werde ich streng in Gewahrsam nehmen. Ich will sofort die nötigen Befehle erteilen.«

Er griff zur Klingel, Sternau aber hinderte ihn, jetzt schon das Zeichen zu geben, und sagte:

»Noch eins, Señor! Sie wissen, daß Graf Emanuel noch irrsinnig ist, und zwar infolge des Giftes, das man ihm gegeben hat. Ich habe Ihnen auch erzählt, daß ich das Gegengift kenne und es bereits einmal bereitete. Es gelang mir damals, meine Frau mit demselben herzustellen. Jetzt brauche ich eine Dosis dieses Gegengiftes.« – »Ja, Sie haben mir einmal davon erzählt. Ich entsinne mich dieses Gegengiftes und seiner Zubereitungsweise. Es ist dazu der Mundschaum eines Menschen nötig, der fast bis zum Wahnsinn gekitzelt wird?« – »Allerdings. Ich muß diese Prozedur eine unmenschliche nennen, aber ebenso muß ich den Grafen herstellen.« – »Ich verstehe Sie. Einer der Gefangenen ist es, der Ihnen diesen Schaum liefern soll. Auf welchen ist Ihre Wahl gefallen?« – »Auf Landola. Er ist der Böseste und Schlimmste von allen. Die Prozedur muß natürlich im geheimen vorgenommen werden und ist unmöglich, wenn ich nicht die Erlaubnis dazu erhalte.«

Juarez schritt einige Male im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor Sternau stehen und sagte:

»Gut! Eigentlich widerstrebt es mir, aber der arme Graf muß gerettet werden, und Landola, der tausendfache Bösewicht, verdient ein Mitleid nicht. Ich erteile Ihnen die notwendige Erlaubnis, doch unter der Bedingung, daß Sie ihn nicht töten oder wahnsinnig machen.« – »Das wird nicht geschehen. Ich glaube im Gegenteil, daß wir ihn durch dieses Verfahren zu einem Geständnis bringen werden. Auch ich bin Mensch und habe als solcher meine Gefühle; aber wenn zum Beispiel die Vivisektion unschuldige Tiere ohne Zahl in teuflischer Weise quälen darf, um Fragen zu beantworten, die teils untergeordneter Natur und teils durch die Sektion lebender Geschöpfe gar nicht zu lösen sind, so sehe ich kein Verbrechen darin, einen Teufel, wie Landola ist, zu zwingen, sein Gift herzugeben, um einen der vielen Unschuldigen zu retten, die er ins Elend stürzte.«

So waren die beiden also einig, und nun wurden die Angekommenen mit aller Sorgfalt untergebracht.

Am anderen Tag begann das Verhör, es hatte keinen Erfolg. Aber es verging nur kurze Zeit, so zeigte sich, daß Sternau richtig vermutet hatte. Die Schmerzen Josefas steigerten sich in einer Weise, daß sie dieselben nicht mehr ertragen konnte. Es gab Minuten, in denen sie vor Qual brüllte und heulte. Sternau riet, ihren Vater nun in ihre Zelle zu führen.

Pablo Cortejo, so verstockt er war, konnte doch den Zustand seiner Tochter nicht ersehen und ihr Geschrei nicht erhören, ohne davon nicht nur ergriffen, sondern geradezu niedergeschmettert zu werden. Er sah, daß sie nur noch Stunden zu leben habe, gräßliche Stunden, sie, für die er gesündigt hatte und ein Verbrecher geworden. Es war ihm, als ob ein verzehrendes Feuer in ihm brenne. Ein herbeigeholter Priester benutzte diesen Augenblick, Vater und Tochter zu einem Geständnis zu bewegen und dadurch wenigstens ihr Gewissen zu reinigen und ihre Seelen zu retten. Josefa, dem Tode nahe, schrie mit zitternder Stimme, daß sie alles sagen wolle, da gab es auch für ihren Vater kein Zurückhalten mehr. Juarez selbst eilte herbei. Sämtliche Zeugen kamen mit ihm, und das Geständnis der beiden wurde zu Protokoll genommen und in gehöriger rechtsgültiger Weise unterzeichnet.

Nur eine Stunde später war Josefa eine Leiche.

Nun galt es noch, auch Landola und Gasparino Cortejo zum Bekenntnis ihrer Taten zu bringen. Sie blieben beim Leugnen, obgleich ihnen das erwähnte Protokoll verlesen wurde.

Aber in der nächsten Nacht wurden beide in ein tiefliegendes Gewölbe geschafft, in dem Sternau, Juarez, Büffelstirn und Bärenherz sich befanden. Was da unten vorgenommen wurde, ist Geheimnis geblieben. Wäre aber jemand auf den Gedanken gekommen, an dem Luftloch zu horchen, das von außen nach diesem Gewölbe hinabführte, so hätte er, obgleich dieses Loch von innen sehr sorgfältig verstopft war, ein nicht ganz zu unterdrückendes Brüllen und Stöhnen vernommen, das aus keiner menschlichen Kehle zu kommen schien. Und als die beiden dann nach ihren Zellen gebracht wurden, war Landola ohnmächtig und steif wie eine Leiche, und Cortejo wankte in völlig gebrochener Haltung zwischen seinen Führern, so daß sie ihn halten und stützen mußten.

Nach ihnen verließen auch die anderen das Gewölbe. Die beiden Indianer schienen kalt und teilnahmslos; aber Juarez und Sternau waren bleich. Der letztere steckte ein Fläschchen in die Tasche, und der erstere trug ein Aktenstück in der Hand, das alle Aussagen enthielt, die ihnen in der letzten halben Stunde gemacht worden waren.

Erst in seinem Zimmer angekommen, ergriff der Präsident das Wort:

»Das war fürchterlich, entsetzlich! Das war haarsträubend! Hätte ich das vorher gewußt, so wäre es sehr fraglich gewesen, ob ich mitgegangen wäre. Aber wir haben nun alles beisammen, was wir brauchen, und können kurz verfahren. Landola und Gasparino Cortejo gehen mit Ihnen nach Spanien, und Pablo Cortejo – hm.«

Er brach ab, um in ein nachdenkliches Schweigen zu verfallen.

»Was geschieht mit ihm?« fragte Sternau. – »Er bleibt hüben. Er ist meiner Gerichtsbarkeit verfallen. Übrigens hat er als Empörer den Tod verdient. Sprechen wir nicht weiter über ihn, wir haben heute abend genug Schreckliches zu sehen und zu hören gehabt.«

Am anderen Tag bemerkten die Nachbarn des Palastes der Rodriganda, der nach Abzug der Franzosen fast leergestanden hatte, daß derselbe jetzt von mehr Personen als vorher bewohnt sei. Aber wer diese Personen seien, erfuhr niemand. Diese letzteren ließen sich nicht sehen, da die Kunde, daß Graf Ferdinando noch lebe, nicht eher nach Spanien dringen sollte, als dieser selbst dort angelangt war.

Es gab in Schnelligkeit sehr vieles und Schwieriges zu ordnen, und nach einiger Zeit trabte des Nachts eine ziemliche Anzahl von Reitern, die einige Wagen umgaben, durch die Stadt, um den Weg einzuschlagen, den die Diligence zu fahren pflegte, wenn sie nach Verakruz ging.

Der alte, brave Haziendero nebst seiner Tochter Emma und seinem Schwiegersohn Helmers blieben zurück. Sie hatten von dem Grafen den Auftrag bekommen, die Verwaltung seiner mexikanischen Besitzungen unter dem Schutz des Präsidenten einstweilen zu übernehmen.

Eine kurze Zeit später verlautete das Gerücht, daß der verschwundene Prätendent Pablo Cortejo, lächerlichen Andenkens, ergriffen worden sei. Und bald darauf erzählte man sich, daß er, als Anführer und auch noch aus anderen Gründen zum Tode verurteilt, im Hof des Gefängnisses eine Kugel vor den Kopf bekommen habe.

25. Kapitel.

Der Personenzug, der von Hof über Reichenbach mittags gegen halb zwölf Uhr in Dresden einzutreffen pflegt, war soeben in den böhmischen Bahnhof eingelaufen, und den geöffneten Waggons entstiegen hunderte von Passagieren, die sich freuten, ihr Ziel erreicht zu haben.

Unter diesen befanden sich zwei, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Es waren eine Dame und ein Herr. Die erstere ging in Seide gekleidet und hatte ihr Gesicht mit einem Schleier verhüllt. Solche Erscheinungen sind auf einem Bahnhof nichts Seltenes, und so wäre sie nicht so beobachtet worden, wenn ihr Begleiter sich ebenso unauffällig getragen hätte.

Dieser aber hatte sich auf eine Weise gekleidet, die in Dresden nichts weniger als gewöhnlich war. Seine Hose war weit und aus einem rot und himmelblau karierten Stoff gefertigt. Sie wurde um die Hüften von einem grünen Schal festgehalten, in dem drei Pistolen, zwei Messer und drei Revolver steckten. Dann kam eine weiß und violettgestreifte Weste, aus deren Taschen zwei Uhrketten hingen, an denen einige Dutzend Petschaften und Berloques befestigt waren. Darüber sah man eine kurze, dunkelrote Jacke, die reiche Goldstickereien zeigte. Um den offenen Hals war ein gelbseidenes Tuch gebunden, dessen Zipfel über beide Schultern geworfen, weit auf den Rücken hinunterhingen. Dazu trug der Mann einen riesigen Sombrero, der zehn Köpfen Schutz gegen die Sonne hätte geben können, und in der rechten Hand einen grauen Regenschirm, während die Linke das Rohr einer langen Tabakspfeife hielt, aus der er mächtige Rauchwolken blies. Außerdem hatte er einen großen, mit einer breiten Horneinfassung versehenen Klemmer auf der Nase und an den Lackstiefeln Sporen, deren Räder so groß waren, daß man sie als Deckel eines Kaffeetopfes hätte benützen können.

Dieser Mann war mit seiner Dame aus einem Kupee erster Klasse gestiegen. Er blickte sich auf dem Perron um und winkte mit der Pfeife einen Kofferträger herbei.

»Heda, Mann, sind Sie ein Sachse?« fragte er ihn. – »Ja, mein Herr«, antwortete der Gefragte, indem er seine Mütze höflich vom Kopf riß. – »Kennen Sie Pirna?« – Ja, mein Herr.« – »Waren Sie schon dort?« – »Oh, sehr oft.« – »Das freut mich. Da sollen Sie uns bedienen dürfen. Wo ist das Wartezimmer erster Klasse?« – »Ich bitte, nur durch diese Tür zu treten.« – »Schön! Bringen Sie uns das Gepäck nach, das sich noch im Kupee befindet, und dann besorgen Sie uns eine Droschke bester Klasse. Das Passagiergut lasse ich vom Hausknecht des Hotels holen.«

Er hatte diese Worte mit der Miene und dem Ton eines Oberfeldherrn gesprochen, der seiner Generalität die Schlachtbefehle erteilt. Dann trat er in das Wartezimmer, wo er gravitätisch Platz nahm. Aller Augen ruhten mit halb erstaunten und halb lustigen Blicken auf ihm.

Als der Kofferträger eintrat, brachte er zwei Gewehre in Mahagonifutteralen, ein Gebauer mit drei Papageien, einen mexikanischen Reitsattel, den er sich der Schwere wegen mit dem Bügelriemen auf den Rücken gehängt hatte, einen Säbel, ein riesiges Fernrohr und ein Dutzend Bauernhasen.

Letzte sind ein der Stadt Freiberg eigentümliches Gebäck, das Reisende oft auf dem dortigen Bahnhof einkaufen, um es als Kuriosität mit in die Heimat zu nehmen.

Nachdem der Kofferträger diese Sachen abgelegt hatte, ging er, um nach einer Droschke zu sehen. Ein Kellner eilte herbei und fragte unter einer tiefen Verneigung, ob die Herrschaften etwas zu trinken wünschten. Der Fremde musterte ihn vornehm und antwortete:

»Na! Natürlich trinken wir etwas. Aber, hm, kennen Sie Pirna?« – Ja, mein Herr.« – »Waren Sie einmal dort?« – »Nein, mein Herr!« – »Nicht? Ah, dann packen Sie sich! Wir trinken nichts!«

Man sah, daß die Dame ihm eine leise, bedenkliche Bemerkung zuflüsterte, er aber nahm keine Notiz davon.

Jetzt kehrte der Dienstmann mit dem Lenker der Droschke zurück. Letzterer fragte:

»Wohin wünschen Sie, mein Herr?« – »Ins feinste Hotel, ins allerfeinste.« – »Wünschen Sie Hotel de Saxe, de Rome, Bellevue oder Union?« – »Bellevue, Bellevue! Aber gleich!«

Die beiden dienstbaren Geister nahmen die Effekten auf, um sie nach der Droschke zu tragen, und er folgte ihnen mit der Dame.

»Donnerwetter!« flüsterte er ihr in spanischer Sprache zu. »Siehst du, welches Aufsehen wir erregen, Resedilla?«

Sie antwortete nicht.

Draußen am Ausgang stand ein Stadtgendarm. Als er den Fremden kommen sah, machte er ein höchst erstauntes Gesicht, fixierte ihn einige Augenblicke lang, trat dann schnell zu ihm heran und fragte in höflichem Ton:

»Entschuldigung, mein Herr! Sie befinden sich wohl jedenfalls im Besitz eines Waffenpasses?«

Der Fremde nahm den Klemmer ab, blies eine Rauchwolke von sich, maß den Polizisten vom Kopf bis zur Sohle und antwortete:

»Waffenpaß? Warum denn?« – »Weil Sie Waffen tragen.« – »Darf ich das nicht?« – »Nein.« – »Sie sind ja mein Eigentum.« – »Das ist noch kein Grund, eine solche Menge von Waffen in einem Land zu tragen, dessen Zustände sehr gesicherte sind. Sind diese Pistolen und Büchsen geladen?« – »Nein.« – »Sie sind jedenfalls fremd. Darf ich um Ihre Legitimation bitten?«

– »Legitimation? Donnerwetter! Halten Sie mich etwa für einen Räuberhauptmann?« – »Das nicht«, antwortete lächelnd der Polizist. »Aber wir erregen hier die Aufmerksamkeit des Publikums. Bitte, folgen Sie mir hier herein!«

Er öffnete eine Tür, an der das ominöse Wort »Polizei« zu lesen war, und die beiden sahen sich gezwungen, einzutreten. Als sie nach einer Weile wieder erschienen, trug der Fremde seinen Schal so breit, daß man die darin steckenden Waffen nicht sehen konnte. Sein Gesicht zeigte eine ärgerliche Miene, und in grimmigem Ton sagte er zu seiner Begleiterin:

»Das will Dresden sein? Donnerwetter, man arretiert mich hier. Hätten sie nur ein einziges Pulverkörnchen in den Läufen gefunden, so wäre ich gar noch eingesperrt worden, ich, du und die Papageien. Kein Mensch sieht mich auf diesem Bahnhof wieder!«

Der Fremde stieg mit Resedilla, die sich unter ihrem Schleier ganz schweigsam verhielt, in die Droschke, die sie in kurzer Zeit vor das erwähnte Hotel brachte. Ein an der Tür stehender Kellner sprang herbei und öffnete unter einer höchst devoten Verbeugung den Schlag des Wagens. Er mochte den Insassen für einen ägyptischen General oder so etwas Ähnliches halten.

»Kennen Sie Pirna?« fragte Pirnero. – Jawohl, mein Herr«, antwortete der Gefragte mit einem ausdrucksvollen, vielsagenden Lächeln. – »Was lachen Sie denn? Ist denn mit Pirna etwas los?« – »O nein, ganz und gar nicht! Pirna ist ja das sächsische Buxtehude oder Schöppenstädt.«

Da wurde das Gesicht des Mexikaners um das Doppelte grimmiger.

»Was? Wie?« rief er aus. »Schöppenstädt? Buxtehude? Und dieses Nest hier soll Bellevue, das Hotel ersten Ranges sein? Kutscher, gibt es an der Elbe Dampfschiffe?« – »Natürlich, mein Herr!« – »Die nach Pirna fahren?« – Ja. Ich glaube, in fünf Minuten geht eins ab.« – »Rasch hin! Dieses Dresden ist mir ein schönes Dorf. Arretur und Buxtehude. Ich fahre nach Pirna. Dort wird es wohl noch Menschen geben, mit denen sich reden läßt.«

Die Droschke setzte sich abermals in Bewegung, um ihre Insassen nebst deren Eigentum nach dem Schiff zu bringen. Es war gerade die höchste Zeit.

Auch hier erregte Pirnero bei den Fahrgästen ein solches Aufsehen, daß er es vorzog, in der Kajüte zu verschwinden. Er kam nicht eher wieder zum Vorschein, als bis das Schiff in Pirna anlegte, wo er sein Gepäck nach dem Ratskeller tragen ließ, der ihm von früher her bekannt war. Er folgte mit Resedilla dorthin.

Sein Gesicht war wieder hell geworden. Er blickte sich nach allen Seiten um.

»Fürchterlich verändert das gute Nestchen! Ich kenne es gar nicht wieder. Jetzt wirst du sehen, daß es hier ein ganz anderes Ding ist als mit diesem Loch, dem Dresden. Dort wohnt jetzt nur Plebs, das haben wir ja gesehen. Aber hier in Pirna ist der eigentliche Sammelpunkt der sächsischen Aristokratie. Du wirst das sofort merken.«

In der Restauration des Ratskellers war kein Gast vorhanden. Der Wirt und seine Bedienung waren nicht wenig erstaunt über die fremdartige Erscheinung der Eingetretenen. Doch war leicht einzusehen, daß dieselben nichts Gewöhnliches seien, und so wurden sie in feinster Manier empfangen.

Um zu imponieren, sprach Pirnero nur das Allernötigste und bestellte sich ein Mittagsmahl, das er bereits nach kurzer Zeit erhielt. Während er mit seiner Tochter speiste, trat ein Mann ein, der sich an einen nahestehenden Tisch setzte und ein Glas Bier verlangte. Pirnero beobachtete ihn von der Seite. Er sah, wie er angestaunt wurde, und glaubte nun, den richtigen Augenblick gekommen, dem lauschenden Wirt wissen zu lassen, was für einen außerordentlichen Gast zu bedienen er die Ehre habe.

»Schönes Wetter!« meinte er, eine Viertelwendung nach dem Neuangekommenen machend.

Dieser wußte nicht, ob er gemeint sei, und schwieg.

»Nun?«

Dabei drehte er sich vollständig um, so daß der Mann nun nicht mehr im Zweifel sein konnte, daß der Herr mit ihm rede.

»Ja, sehr schön«, antwortete er darum. – »Der reine Sonnenschein.« – »Können ihn auch gebrauchen.« – »Wieso?« – »Weil Sonnenschein gutes Obst gibt. Ich handle nämlich mit Obst.« – »Ah!« fuhr Pirnero auf. »Vielleicht auch mit Meerrettich?« – »Auch.« – »Hat es hier in Pirna nicht schon früher Meerrettichhändler gegeben?« – »Jawohl.« – »Wie hießen sie denn?« – »Hm! Es waren ihrer viele.« – »Ich meine einen, der sehr berühmt war. Er starb in der Ausübung seines Amtes und Berufes.« – »Wieso denn?« – »Er ertrank im Garten. Hieß er nicht Matzke?« – »Ah, Sie meinen den alten Matzke, den Trunkenbold, den Schnapsbruder? Der ist auch nur ersoffen, weil er besoffen war.« – »Donnerwetter! Da irren Sie sich wohl! Ich meine den Matzke, dessen Sohn Essenkehrer war!« – »Jawohl ist der's!« – »Der Sohn starb auch in der Ausübung seines Berufes.« – »Freilich. Er erstickte in der Feueresse, aber auch nur in der Trunkenheit. Die ganze Familie hat es von jeher mit dem Spiritus und Kornschnaps gehalten.«

Pirnero machte ein ganz eigentümliches Gesicht. Er schielte bedenklich zu Resedilla hinüber und antwortete:

»Sie sind wirklich im Irrtum! Ich meine den Essenkehrer, dessen Sohn nachher in die Fremde ging!« – »Ganz recht, ganz recht«, nickte der Mann eifrig. »Und das war erst der richtige Urian. Ich weiß ein Wort davon zu erzählen.« – »Wieso?« – »Nun, der Kerl hat mich um vier Taler angepumpt und ist nachher fortgelaufen. Er ist mir das Geld heute noch schuldig. Der sollte mir wiederkommen!« – »Sapperment! Wie heißen Sie denn?« – »Eberbach. Wir waren Schulkameraden und liefen immer miteinander. Aber in diesem Menschen war eben nichts Gutes. Vogel hat er gestellt, daß ihm die Polizei aufpaßte. Dann hatte er eine Liebste, die er nicht kriegen sollte. Zu der ist er auf der Leiter zum Bodenfenster hineingeklettert, und als ihr Vater dazugekommen ist, sind sie einander in die Haare gefahren im Stockfinstern. Der Alte ist dabei zur Treppe hinuntergestürzt und hat das Bein gebrochen, der Schlingel aber ist zum Fenster hinaus und auf der Leiter hinunter entkommen, und am anderen Morgen ist er über alle Berge gewesen. Seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört. Er soll nur wiederkommen! Der Beinbruch kann ihn noch heute in das Gefängnis bringen. Haben Sie ihn etwa irgendwo gesehen?«

Pirnero würgte ein Stück Schweinskarbonade hinunter, schluckte und drückte und antwortete erst nach einer ganzen Weile:

»Fällt mir ganz und gar nicht ein!« – »Aber wie kommen Sie als Fremder denn auf diese Familie Matzke zu sprechen?« – »Es wurde auf dem Schiff von ihr geredet.« – »Hm! Woher sind Sie denn eigentlich?« – »Aus – aus – aus Rheinswalden!« platze Pirnero heraus. – »Wo liegt denn das?« – »Bei Mainz.« – »Und was sind Sie denn?« – »Großherzoglich-hessischer Hauptmann und Oberförster. – »Ach so. Tragen die Hessen denn solche Uniform?« – »Ja, seit drei Wochen. Wirt, was habe ich zu bezahlen?«

Der Wirt machte die Rechnung. Pirnero bezahlte und fragte dann seine Tochter leise:

»Gefällt es dir hier in Pirna, Resedilla?« – »Bei deiner sächsischen Aristokratie?« lachte sie. »Ganz und gar nicht. Aber, Vater, was höre ich da für Sachen!« – »Pst! Pst! Sprich leise!« sprach er ängstlich. »Wenn die hier hören, daß ich früher Matzke geheißen habe, so geht es mir traurig. Ich mache mich zum zweiten Male aus dem Staub und komme niemals wieder. Der Teufel hole Pirna! Ich habe nicht gedacht, daß so ein blutdürstiges Volk hier wohnt. Wir fahren nach Dresden zurück und lassen uns das Passagiergut holen und fahren von einem anderen Bahnhof ab nach Leipzig. Auf dem Böhmischen Bahnhof soll mich kein Mensch wieder erblicken. In Leipzig kaufe ich mir andere Kleider, und dann können wir es einrichten, daß wir zur verabredeten Zeit in Mainz und Rheinswalden eintreffen. Die anderen werden aus Spanien angekommen sein, Gerard mit ihnen.« – »Und was tun wir dann?« – »Erst sehen wir uns das Wiedersehen an, und darauf geht es nach Mexiko zurück.« – »Wirklich?« fragte sie, sichtlich erfreut. »Du wolltest doch in Pirna wohnen bleiben?« – »Sei still! Dieses Pirna kann mir gestohlen werden. Drüben in Mexiko sind Gerards Schwester und Schwager, André geht auch wieder hinüber zu seiner Emilia. Warum denn wir nicht auch? Von unserem Geld können wir dort ebensogut und noch besser leben als hier. Ich habe verteufelt wenig Lust, mich hier als ehemaligen Hausbodeneinsteiger und Beinbrecher arretieren zu lassen, sondern werde schleunigst verschwinden.«

Mit dem nächsten Schiff dampften sie wieder stromabwärts. Die Stadt Pirna ahnte nicht, welchen Besuch sie heute bei sich gesehen hatte.

26. Kapitel.

Auf dem alten Polsterstuhl seines Arbeitszimmers saß der Hauptmann von Rodenstein und starrte verdrießlich vor sich nieder. Seine Beine steckten bis zu den Knien herauf in dicken, unförmlichen Filzstiefeln, über die noch eine wollene Pferdedecke doppelt gebreitet war. Vor ihm stand sein treuer Ludwig, ebenso finster und ratlos auf den Boden niederblickend.

»Ja«, sagte letzterer, »ich weiß auch kein Mittel, Herr Hauptmann.« – »Da bist du gerade ebenso gescheit wie die Ärzte oder ebenso dumm. Die Allopathen haben mich hingerichtet, die Hydropathen haben gar den Zapfen hinausgestoßen, und die Homöopathie bringt mich nun ganz um den Verstand. Da soll ich gegen den akuten Rheumatismus nehmen Akonit, Arnika, Belladonna, Loryonia, Chinin, Chamomilla, Merkur, Nux, Vomica, Pulsatilla, gegen den chronischen Arsenik Sulfur, Rhododendron. Phytolaca und Stillingia, gegen den herumziehenden Arnika, Pulsatilla, Belladonna, Moschus, Sabina, Sulfur, Almia und Capsia. Nun sage mir ein Mensch, was für ein Kräuter-, Pulver- und Pillensack aus mir würde, wenn ich das Zeug alles verschlingen soll! Hole es der Teufel! Wenn nur wieder einmal eine so famos gute Nachricht käme wie damals von unserem Sternau. Ich bin vor Freude aufgesprungen und war plötzlich so gesund wie ein Fisch im Wasser. Aber jetzt, da … ah, hat es nicht geklopft, Ludwig?« – »Ja, Herr Hauptmann!« – »Sieh nach!«

Ludwig öffnete die Tür. Draußen stand ein gespornter, uniformierter, junger Mensch.

»Wer sind Sie?« fragte Ludwig. – »Kurier Seiner Durchlaucht des Herrn Großherzogs an den Herrn Hauptmann von Rodenstein.« – »An mich?« rief der Alte. »Vom Großherzog? Herein!«

Der Kurier trat ein und überreichte ein wappengesiegeltes Schreiben.

»Soll Antwort erfolgen?« fragte der Oberförster. – »Nein.« – »Gut! Lassen Sie Ihr Pferd ausruhen und sich Essen geben. Sie wissen ja schon!«

Als der Mann abgetreten war, öffnete der Alte das Kuvert und las das Schreiben. Er war aber noch nicht zur Hälfte fertig, so warf er wie ein Knabe beide Arme empor.

»Juch! Juchhei! Juchheirassassa! Ludwig! Esel! Alter Knabe! Herunter mit den Stiefeln!«

Er war aufgesprungen und bemühte sich, die Stiefel von den Füßen zu schlenkern, was ihm bei der großen Weite der ersteren auch gelang. Ludwig war perplex.

»Aber, Herr Hauptmann! Die Stiefel – die Schmerzen!« – »Schmerzen? Unsinn! Ich habe keine Schmerzen. Ich bin geheilt; ich bin kuriert; der Rheumatismus ist zum Teufel! Der Großherzog hat mich geheilt. Weißt du, was in dem Brief steht?« – »Nein.« – »Nun, auch von dir steht etwas darin. Darum werde ich dir den Prachtwisch vorlesen. Du hast während der Schmerzen bei mir ausgehalten und nicht gemuckst, nun sollst du die Freudenbotschaft hören und dann mucksen.« – »Zu Befehl, Herr Hauptmann. Ich werde mucksen, wenn es verlangt wird dahier!«

Der Hauptmann stand aufrecht ohne das mindeste Gefühl von Schmerzen da und las:

»Unserem lieben Hauptmann von Rodenstein. Es naht der Jahrestag des Festes, an dem Wir die Freude hatten, in der Verbindung der Gräfin Rosa de Rodriganda mit dem Herrn Doktor Sternau der Vereinigung zweier Herzen mit beizuwohnen, die Gottes Liebe und Güte füreinander bestimmt hatte. Da Wir anzunehmen geneigt sind, daß dieser Tag auf Rheinswalden und Rodriganda ein festlicher sein wird, so laden Wir Uns für den Abend desselben zu Gaste und werden eine Anzahl Unserer Herren und Damen des Hofes mitbringen, um zu beweisen, daß die Teilnahme der Genannten eine allgemeine sei.

Nachdenkend über die Art und Weise, wie dieser Feier am besten eine äußere Gestaltung zu geben sei, ist Uns der Gedanke gekommen, eine kleine Maskerade zu veranstalten. Die Damen und Herren, die sich in Unserer Begleitung befinden, werden vollständig maskiert abends präzis acht Uhr ankommen. Was nun die Maskierung der Bewohner Rheinswaldens betrifft, so haben Wir unserem Zeremonienmeister das Arrangement überlassen. Es ist dasselbe auf dem beiliegenden Entwurf enthalten, und übersenden Wir dieses in der Überzeugung, daß Wir bei Unserer Ankunft alle genannten Personen bereits maskiert finden.

Wir tun Ihnen dieses mit dem Befehl kund, es alle Bewohner der beiden Besitzungen schleunigst wissen zu lassen und verbleiben bis zum Wiedersehen Ihr wohlgewogener

Ludwig.«

Ludwig Straubenberger sperrte den Mund auf, so weit er konnte.

»Donnerwetter!« rief er, »ein Maskenball!« – »Ja, ein Maskenball mit dem Großherzog und der Großherzogin, mit dem ganzen anderen großherzoglichen Menageriegerümpel! Juchheirassassa! Heidideldumheirassa! Vivat, mein Podagra, meine Gicht, meinen Rheumatismus habe ich in den Filzstiefeln stecken gelassen! Schau, wie ich springen kann!«

Wahrhaftig, der Hauptmann stieg mit großen Schritten in der Stube umher und rief dabei:

»Und hier ist der Zettel, wie wir uns maskieren sollen. Horch: Frau Rosa Sternau und Frau Flora von Rodenstein, das ist meine Schwiegertochter, nebst Frau Herzogin von Olsunna und Fräulein Waldröschen als Mexikanerinnen. Herr Herzog von Olsunna, Herr Otto von Rodenstein als Mexikaner. Frau Helmers als Schifferin, Ludwig Straubenberger als Präriejäger und Herr Hauptmann von Rodenstein als …«

Er hielt im Lesen inne und starrte auf das Papier.

»Alle Graupelwetter! Was steht denn da?« rief er. – »Also ich als Präriejäger?« fragte Ludwig. – »Ja.« – »Das gefällt mir! Das ist allerliebst!« – »Ja, ja. Aber meins ist nicht allerliebst. Da steht … Donner und Doria! Da steht mit wirklichen Buchstaben geschrieben: ›Herr Hauptmann von Rodenstein als Wilddieb, hat eine Larve mit möglichst langer Nase vorzustecken.‹ Ist das nicht impertinent?« – »Sehr. Aber man hat zu gehorchen.« – »Werde sehen. Ich, der Hauptmann und Oberförster von Rodenstein als langnasiger Wilddieb! So eine Maliziosität ist mir all mein Lebtag noch nicht vorgekommen! Die lange Nase ginge noch, aber der Wilddieb wurmt mich. Was nur dem Herzog eingefallen ist! Na, ich werde mir das Ding doch erst einmal überlegen. Jetzt aber muß ich hinüber nach Rodriganda, um denen da drüben den Brief und das Verzeichnis zu übergeben. Es stehen noch mehr Personen darauf, ich habe aber keine Zeit, es zu lesen.« – »Werden der Herr Hauptmann denn auch hinüberlaufen können?« fragte Ludwig besorgt. – »Warum denn nicht? Ich möchte den Rheumatismus sehen, der mich verhindern könnte, einen großherzoglichen Maskenball mitzumachen! Ein Wildspitzbube muß laufen können. Siehe dich nach dem Kurier um, daß er gehörig zu essen und zu trinken bekommt. Der Kerl hat es verdient«

Der Hauptmann humpelte wirklich die Treppe hinab und durch den Wald nach Rodriganda, wo seine Botschaft großes Aufsehen hervorbrachte.

27. Kapitel.

Die Bewohner des schönen Landsitzes Rodriganda waren bereits von allem unterrichtet, was in Mexiko geschehen war, und vor einigen Tagen war aus Spanien durch Sternaus Hand die Nachricht gekommen, daß alles gut gehe und der falsche Alfonzo nebst der Schwester Clarissa sich bereits in Haft befinde. Zarba, die Zigeunerin, hatte man nebst ihrer Bande nicht aufzufinden vermocht, was um so auffälliger war, da auch Tombi, der Waldhüter, aus Rheinswalden verschwunden war. Dafür aber hatte man den alten Dominikaner aufgefunden, der Marianos Jugendlehrer gewesen war, seine Abstammung aus der Beichte des Bettlers Pedro kannte und Sternau aus dem Gefängnis zu Barcelona befreit hatte. Daran hatte letzterer die Bemerkung geschlossen, daß es ihm und seinen Gefährten vielleicht möglich sei, nach Verlauf von vierzehn Tagen nach Rheinswalden aufzubrechen.

Diese Nachricht hatte alle mit großer Freude und Wonne erfüllt. Endlich, endlich stand das so heißersehnte Wiedersehen bevor. Der Seelenzustand der Bewohner von Rheinswalden und Rodriganda läßt sich gar nicht beschreiben, er war ein fast fieberhafter zu nennen.

Zu dieser gehobenen, freudigen Stimmung paßte ganz der Vorschlag, den der Großherzog in seinem Schreiben machte. Er war von dem Herzog von Olsunna in einer Audienz von dem Stand der Dinge unterrichtet worden, und es lag auf der Hand, daß er mit der Maskerade bezweckte, ein Bild des Volkes zu geben, in dessen Mitte die Zurückerwarteten so viele Freunde, aber auch ebenso viele Feinde gefunden hatten.

Selbstverständlich wußte niemand, daß auch die Zurückkehrenden als Maskierte erscheinen würden.

Die Anweisung des Zeremonienmeisters war eine sehr ausführliche. Der Hauptmann hatte sie seinem Ludwig nicht vollständig vorgelesen. Sie enthielt genau Angaben über die Kleidung der einzelnen Personen. Daß jeder das Gesicht mit einer Larve zu verhüllen hatte, war selbstverständlich.

Die Vorbereitungen zu dem Fest begannen auf der Stelle, und am Tag vor dem Fest waren alle Gaderobenstücke fertiggestellt.

Waldröschen befand sich wie in einem glücklichen, wonnigen Traum. Sie sollte den Vater sehen, den ihre Augen noch nie erblickt hatten, und den – Geliebten. Die Erwartung trieb sie bin und her und auf und ab. Gegen Abend des erwähnten Tages konnte sie es im Schloß nicht aushalten, sie mußte hinaus in ihren lieben Wald, um sich die Szene des frohen Wiedersehens zum tausendsten Male in einsamer Stille auszumalen.

Zu derselben Stunde saßen in einem Dickicht zwei Männer beisammen, die leise miteinander sprachen.

»Ob Sie sich nicht irren werden, lieber Geierschnabel«, flüsterte der eine. – »Sicher nicht, Master Sternau«, antwortete der andere. »An jedem der vier Tage, die ich hier auf der Lauer lag, ist der alte Graf im Wald herumspaziert. Er spricht leise vor sich hin und findet sich vor der Dämmerung nach dem Schloß zurück. Er scheint die Wege zu kennen.« – »Gott gebe, daß es mir gelingt! Wie gern hätte ich meinem Herzen gefolgt, aber es galt, den Willen des Großherzogs zu berücksichtigen. Ah, da höre ich Schritte!«

Sie lauschten. Es nahte jemand leise, langsam, fast schleichend. Graf Emanuel war es, der wie ein Nachtwandler geistesabwesend vorüberging. Sternau huschte hervor, ging ihm nach und holte ihn ein.

Der Graf erschrak nicht, als er ihn bemerkte, sondern setzte teilnahmslos seinen Weg fort, als ob niemand vorhanden sei. Sternau grüßte ihn und versuchte, mit ihm zu sprechen, erhielt aber keine Antwort als ein monotones: »Ich bin der gute, treue Alimpo.«

Sternau ergriff daraufhin die Hand des Grafen, sie wurde ihm auch ohne Widerstand gelassen. Er blieb stehen, um die halbgeschlossenen Lider des Geisteskranken emporzuziehen. Dieser ließ es ruhig geschehen und leistete auch nicht den leisesten Widerstand, als Sternau eine eingehende Untersuchung des Körpers vornahm.

Schließlich zog der Arzt ein Fläschchen und ein Löffelchen aus der Tasche, ließ aus dem ersteren in dieses einige Tropfen fließen und reichte sie dem Grafen, der sie wie ein Kind nahm und hinunterschluckte.

»Pst! Man kommt!« warnte Geierschnabel, der den Wächter machte und nach dieser Mahnung sofort verschwand.

Auch Sternau wollte sich zurückziehen, doch zu spät. Er konnte nur noch Flasche und Löffel verbergen, dann stand – Waldröschen vor ihm.

Sie blickte den großen Mann mit dem langen, prachtvollen Bart ein wenig befremdet an, aber nach diesem ersten Blick wurde ihr Auge mild und freundlich. Es war ihr, als ob sie diese Gestalt und dieses ernste, bedeutende Gesicht bereits längst gekannt habe, eine Regung, die sie an sich noch niemals beobachtet hatte.

»Wer sind Sie mein Herr?« fragte sie in freundlichem Ton, der keine Spur von Zudringlichkeit hatte.

Sternau hatte sie sofort erkannt. Das war nicht nur das Original jener Fotografie, die er in der Kajüte auf Lindsays Dampfer gesehen hatte, sondern das Ebenbild seiner Rosa, aber verjüngt und verschönt durch ein seelisches Etwas, das sich nicht in Worten beschreiben läßt.

Er hätte die Arme fest um sein Kind schlingen mögen, aber er beherrschte sich und antwortete im Ton eines höflichen Unbekannten:

»Ich bin Landschaftsmaler, mein Fräulein, und durchstrich den Wald, in der Hoffnung, ein Sujet zu einer kleinen Skizze zu finden. Dabei traf ich diesen Herrn, der mir des Schutzes bedürftig zu sein schien; daher begleitete ich ihn.« – »Ich danke Ihnen. Er ist mein Großpapa. Er ist sehr krank, doch kennt er den Weg so genau, daß er sich nie verirrt. Wollen Sie nicht weiter mitkommen? Vielleicht finden sich in der Nähe des Schlosses Punkte, die Ihrem Künstlerauge genügen.« – »Sie sind gütig, mein Fräulein, aber leider ist meine Zeit so kurz bemessen, daß ich heimkehren muß.« – »Wo wohnen Sie?« – »In Mainz. Darf ich fragen, wem dieses Schloß gehört?« – »Meinem Großpapa, dem Herzog von Olsunna.« – »Ah, Verzeihung, gnädiges Fräulein, daß ich das nicht ahnte!«

Sternau zog den Hut abermals, aber viel tiefer als vorher und machte dazu eine höchst respektvolle Verbeugung.

»O bitte«, meinte Waldröschen, indem sie ein reizendes, goldenes Lachen hören ließ. »Man beansprucht hier auf dem Lande keine solche Verehrung. Ich habe Sie noch nie gesehen. Durchstreifen Sie öfters unseren Wald?« – »Ich war noch niemals hier, fürchte auch, Ihr Mißfallen …« – »O nein«, unterbrach sie ihn schnell. »Die Natur ist ja jedes Eigentum, und jeder hat das Recht, ihre Schönheit zu bewundern. Vielleicht treffen wir uns noch einmal hier.« – »Ich würde glücklich darüber sein.« – »Oh, ich liebe die Kunst, die es sich zur Aufgabe stellt, uns Gott in seinen Werken erkennen zu lassen. Sehen wir uns wieder, so können wir dieses Themas festhalten! Adieu, mein Herr. Komm, lieber Großpapa.«

Waldröschen verbeugte sich mit entzückender Anmut, ergriff die Hand des Grafen und schritt mit diesem davon.

Sternau blickte ihr nach, so lange er konnte, dann lehnte er sich an den Stamm des nächsten Baumes, faltete die Hände, hob die Augen zum Himmel empor und betete halblaut:

»Mein Gott, wie reich hast Du mich mit Deiner Güte begnadigt! Jeder Augenblick meines Lebens soll ein Dankgebet für Dich sein!«

Der nächste Tag brach hell und goldig an, und reges, frohes Leben herrschte in dem Schloß. In Küche und Keller legte man die letzte Hand an. Alles sah dem Abend mit Spannung entgegen. Niemand ahnte, was er in Wirklichkeit bringen werde. Aller Stirnen zeigten Heiterkeit, doch wurde diese gestört, als man gegen Mittag die Entdeckung machte, daß Graf Emanuel noch nicht von seinem Schlaf erwacht sei. Man versuchte, ihn zu wecken, doch vergebens. Nun wurde ein Bote nach dem Arzt geschickt. Dieser kam, untersuchte den Kranken und beruhigte dessen Verwandte durch die Versicherung, daß es sich hier nicht um einen besorgniserregenden Zustand, sondern um einen ungewöhnlich festen Schlaf handle, wie er bei solchen Patienten nicht sehr selten zu beobachten sei. Da er sich bereit erklärte, bei dem Schläfer bis zu dessen Erwachen zu bleiben, so kehrte nach dieser Unterbrechung die gute Stimmung bald zurück.

Um die vom Herzog angegebene Zeit erstrahlten alle Gesellschaftsräume im Lichterglanz. Alle fanden sich ein, alle trugen Masken, nur die Herzogin, Sternaus Mutter, nicht, da sie die Gäste empfangen wollte.

Die mexikanische Nationaltracht kleidete die Herren und besonders die Damen außerordentlich gut. Gräfin Rosa glich einer Königin des Sonnenreiches von Anahuac, wurde aber doch noch überstrahlt von dem Liebreiz Röschens, die sich in dieser Verkleidung geradezu bezaubernd ausnahm.

Der kleine Alimpo stolzierte an der Seite seiner Elvira her. Er als Indianerhäuptling und sie als Indianerin waren trotz dieser Umwandlung zu erkennen. Auch der alte Hauptmann war eingetroffen mit seiner riesigen Nase, in deren Schatten Ludwig als Präriejäger sich bewegte.

Da hörte man Karossen rollen, und einige Augenblicke später drangen zahlreiche Gestalten in den Saal, männliche und weibliche, große und kleine, glänzende und bescheidene. Es erfolgte zunächst ein wirres Durcheinander, ein Suchen, Prüfen, Finden, Zweifeln und wieder Verlieren, bis endlich einige Ordnung in die Bewegung zu kommen schien. Von den Schloßbewohnern vermutete natürlich niemand, daß Sternau und die anderen Erwarteten darunter waren, denn dieselben sollten ja direkt von der Reise eintreffen.

Kein einziges Gesicht war zu erkennen, alle waren durch Larven unkenntlich gemacht; sogar Sternaus Mutter hatte gleichfalls eine vorgenommen, als sie erkannte, daß es bei dem schnellen Eintritt der Gäste unmöglich sei, dieselben nach den gegebenen Regeln zu empfangen.

Von den Masken, die Paare bildeten, hatten zwei sich sofort und zu allererst zusammengefunden; der Oberförster hatte unweit des Einganges gestanden, als die Gäste kamen; da war einer derselben auf ihn zugesprungen und hatte ihm unter einem Schlag auf die Schulter zugerufen:

»Spitzbube! Wilddieb! Wollen wir Kompanie machen?«

Der Sprecher trug dieselbe Kleidung wie der Alte und hatte eine ebenso lange Nase.

»Halte den Mund, Kerl!« schimpfte der Hauptmann. »Es ist ja nur Verkleidung!« – »Das wollen wir untersuchen. Komm, Bursche!«

Der Langnasige faßte den Alten an und riß ihn mit sich fort. Als dieses Paar ein entferntes Zimmer erreicht hatte, wo sie unbelauscht waren, meinte die andere Maske:

»Sie sind der Herr Hauptmann Rodenstein?« – »Ja, aber ich darf es nicht verraten, so lange ich diese verteufelte Maske trage. Wer sind denn Sie?« – »Raten Sie!« – »Unsinn, raten! Nehmen Sie diese Nase herunter, damit ich Ihre Visage betrachten kann.« – »Das geht nicht, mein Lieber. Diese Nase ist leider angewachsen.« – »Donnerwetter! Das macht mir niemand weis. Eine solche Gesichtsturbine kann es in Wirklichkeit gar nicht geben.« – »Überzeugen Sie sich.«

Der Sprecher zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich mit demselben die roten und schwarzen Farben aus dem Gesicht Der Alte starrte ihn mit immer größer werdenden Augen wie abwesend an und rief:

»Alle guten Geister loben … Das ist ja …« – »Nun, wer denn?« – »Storch – ja Storchschnabel!« – »Falsch.« – »Kreuzschnabel.« – »Falsch.« – »Grünschnabel.« – »Noch falscher.« – »Löffelgans.« – »Hurrje! Sind Sie denn verrückt? Ist das Wort Geierschnabel denn so schwer zu merken?« – »Geierschnabel! Ah, ja, Geierschnabel! Aber, Kerl, auf welche Weise bringt denn der Geier seinen Schnabel wieder hierher?« – »Das werden Sie sehr bald erfahren. Aber, sagen Sie einmal, ob Sie wissen, in welchem Zimmer sich Graf Emanuel befindet.« – »Natürlich weiß ich es.« – »Zeigen Sie mir die Tür.« – »Warum, Sie Teufelsschnabel?« – »Fragen Sie nicht, sondern halten Sie den Hauptmannsschnabel!«

Dabei faßte Geierschnabel den Hauptmann an und zog ihn aus dem Zimmer.

Alimpo und Elvira waren zwei Indianern nebst einer Indianerin in die Hände geraten, die dem Ehepaar nicht wenig zu schaffen machten. Auf Frau Helmers war ein Schiffer zugeeilt, hatte ihren Arm in den seinen genommen und sie mit sich fortgeführt. Sie traten in ein kleines Zimmer, die Tür desselben wurde verschlossen, und dann ließ sich ein Jubelschrei im Inneren vernehmen. Kurts Vater hatte sich seiner Frau zu erkennen gegeben.

Ein kleiner Kerl, als Präriejäger gekleidet, trat auf Ludwig zu und faßte diesen beim Arm.

»Glück gehabt auf der Jagd, Kamerad?« fragte er. – »Das ist Neugier!« meinte Ludwig. »Aber heute abend wird es gemütlich. Wollen wir in Gemeinschaft einen Bock schießen dahier?« – »Meinetwegen. Komm, Kumpan! Ich kenne einen Wechsel, wo du ganz sicher zum Schuß kommst.«

Auch die beiden verließen den Saal. Es gab im Schloß Zimmer genug zu allerlei Szenen unter vier Augen. Der brave Ludwig folgte dem Kameraden in eins derselben. Dort nahm der letztere seine Larve ab.

»Ludwig Straubenberger, kennst du mich?« fragte er.

Der Gefragte starrte den Sprecher an, schüttelte den Kopf und antwortete:

»Dieses Gesicht muß ich schon einmal gesehen haben, aber wo? Ich kann mich nicht besinnen.« – »So will ich es kurz machen und es dir sagen. Ich bin der Brauer Andreas Straubenberger, dein ehemaliger Nebenbuhler, jetziger Bruder und glücklicher Bräutigam einer ganz famosen Heißgeliebten.«

Da erbleichte Ludwig. Er griff in die Luft, als ob er fallen wollte.

»Ist's wa- wahr«, stotterte er. – »Natürlich, ja. Herunter mit deiner Larve, damit ich dein gutes, liebes Gesicht zu sehen bekomme!«

Nun hätte ein Lauscher in diesem Zimmer ein zweistimmiges Schluchzen hören können, das von Freudenrufen unterbrochen wurde.

Waldröschen hatte an der Seite der Mutter gestanden. Da war ein geschmeidiger, reichgekleideter Mexikaner auf sie zugetreten, hatte sich tief verneigt und dann ihren Arm in den seinigen genommen, um langsamen Schrittes mit ihr im Saal auf und ab zu spazieren.

»Darf ich um Ihren Namen bitten, Señorita?« fragte er.

Die Larve war Schutz genug, die Stimme nicht erkennen zu lassen.

»Wozu? Sie würden meinen mexikanischen Namen doch nicht auszusprechen vermögen«, antwortete sie. – »Den Ihrigen jedenfalls. Im Falle der Not aber würde ich ihn deutsch aussprechen.« – »Da klingt er häßlich.« – »Wie? Ist ›Waldröschen‹ ein so häßliches Wort?« – »Ah, Sie erkennen und verraten mich! Das ist nicht chevaleresk von Ihnen. Es muß bestraft werden.«

Sie entzog ihm rasch ihren Arm und entfloh. Sie wollte ihre Mutter aufsuchen, fand dieselbe aber auch bereits engagiert.

Ein hoch und breit gebauter Mexikaner, unter dessen Larve ein mächtiger Bart hervorwallte, hatte von Geierschnabel einen Wink erhalten und war ihm hinaus auf den Korridor gefolgt.

»Da hinten, die vorletzte Tür, Master Sternau.« – »Schön. Ich danke.«

Sternau schritt auf diese Tür zu, klopfte an und trat ein. Der Arzt saß am Bett des Schläfers. Sternau bog sich wortlos über den letzteren, schob seine Augenlider empor, prüfte die Pupille und beobachtete den Schlag des Pulses.

»Ein krampfhafter Schlaf, nicht gefährlich«, erklärte der Arzt, der glaubte, einen Herrn des großherzoglichen Hofes vor sich zu haben.

Sternau zuckte wie mitleidig die Achsel und antwortete:

»Dieser Kranke wird in fünf Minuten erwachen und gesund sein.«

Nach diesen Worten verließ Sternau das Zimmer und kehrte nach dem Saal zurück. Dort ging er auf Rosa zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. Es war ihr, als ob die Hand dieses kräftigen Mannes zittere. Sie mußte bei dem Anblick dieser Gestalt an ihren Gatten denken.

Er führte sie in eine Fensternische und sagte:

»Ich möchte Ihnen zu dem heutigen Tag gratulieren, gnädige Frau. Werden Sie mir das erlauben?«

Seine Stimme hatte einen vibrierenden, belegten Ton, dessen Ursache nicht allein die Maske sein konnte.

»Ich danke Ihnen, Señor«, antwortete sie. »Dieser Tag ist für mich leider mehr ein Tag der Trauer als der Freude.« – »Ich halte ihn aber dennoch nur für einen Tag der Freude.« – »So sind Ihnen die Verhältnisse meiner Familie unbekannt.« – »Nicht doch, ich kenne sie sehr genau und weiß, daß Ihrer eine große Freude wartet.« – »Wo?« – »Vertrauen Sie sich mir an, so werde ich es Ihnen zeigen.«

Sternau führte Rosa aus dem Saal hinaus und nach dem Krankenzimmer; wo er auf den ersten Blick bemerkte, daß sich die Wangen des Grafen zu röten begannen.

»Verlassen Sie uns!« gebot er dem Arzt. – »Verzeihung! Mein Platz ist hier«, antwortete dieser.

Da nahm Sternau Rosa ohne Umstände die Maske ab.

»Sie erkennen die Tochter dieses Patienten«, sagte er. »Das wird genügen, uns allein zu lassen.«

Der Arzt zog sich zurück. Rosa blickte auf den Maskierten und fragte:

»Was bezwecken Sie, Señor?« – »Bitte setzten Sie sich so zu Ihrem Papa, daß sein Blick sofort auf Sie fällt.« – »Wird er erwachen?« – »In einer halben Minute.« – »Wie gut! Ich glaubte ihn in Gefahr. Sind Sie Arzt?« – »Ein wenig. Bitte zu schweigen.«

Sternau ergriff die Hand des Patienten und behielt sie in der seinigen, bis er plötzlich sie losließ und hinter das Kopfende des Bettes trat.

Der Graf regte sich, öffnete die Augen, ließ sie langsam durch das Zimmer gleiten, wie einer, der vom Schlaf erwacht, bis sie Rosa trafen. Er blickte sie lange und forschend an und sagte mit leiser Stimme:

»Mein Gott! Wo bin ich? Was habe ich geträumt? Das ist ihr Gesicht und doch auch nicht. Rosa, meine liebe Rosa, bist du es? Wo ist Señor Sternau, der mich gerettet hat?«

Rosa war totenbleich geworden. Sie saß starr, als hätte sie der Schlag getroffen. Dann aber fuhr sie mit einem Schrei empor und rief:

»Vater, mein Vater. Kennst du mich? Kennst du mich wirklich?«

Da zog ein seliges Lächeln über sein Gesicht, und er antwortete:

»Ja, ich kenne dich. Du bist meine Rosa, mein Kind. Du bist heute anders als sonst, aber du bist es doch. Laß Cortejo und Clarissa und Alfonzo nicht zu mir. Sternau mag wachen. Ich bin so müde, ich muß schlafen. Komm, gib mir den Abendkuß, mein Kind, und sei morgen recht bald bei mir.«

Da hob sich Rosas Brust, als ob sie gesprengt werden solle, ihre Lippen und Zähne preßten sich zusammen, aber sie vermochte nicht, das, was sich in ihr aufbäumte, zurückzudrängen. Ein fast unmenschlicher Schrei kam aus ihrem Mund, eine ganze Flut von Tränen aus ihren Augen, und dann lagen ihre Lippen auf denen des Vaters. Sie drückte das teure Haupt an ihre Brust, sie küßte und küßte es wieder und wieder, bis sie endlich merkte, daß der Vater entschlummert sei. Da erhob sie sich. Ihr Auge traf Sternau, es blieb forschend, flammend auf ihm haften. Ihr Busen wogte, ihre Pulse glühten, und ihre Lippen, ihre Glieder zitterten.

»Señor«, stieß sie in fliegender Hast hervor, »Ist mein Vater geheilt?« – »Ja, Señora«, antwortete er mühsam. – »Erwacht zu neuem, geistigen Leben?« – »Ja, Señora, der Wahnsinn ist – ist be- ist be…« – »Besiegt« wollte er sagen, aber der Sturm der Gefühle, die er nicht länger zu beherrschen vermochte, machte es ihm unmöglich, auszureden. Rosa begann zu wanken, aber sie nahm alle Kraft zusammen.

»Das vermag nur einer«, rief sie, die Arme gegen ihn ausbreitend. »Sternau! Carlos! Karl, mein Karl!« – »Rosa, Gott, Gott, meine Rosa!« antwortete er, die Maske vom Gesicht reißend.

Im nächsten Augenblick lag sie ohnmächtig an seinem Herzen.

Die folgenden Minuten gehören hinter den Vorhang des Allerheiligsten. Kein profanes Auge darf bis zum Thron der göttlichen Liebe dringen, die sich in der menschlichen offenbart.

Nachdem über eine halbe Stunde vergangen war, verließen sie Arm in Arm und wieder maskiert das Gemach, in dem der Graf seinem völligen Erwachen entgegenschlief.

»Nun zu Rosita, meinem süßen Kind!« sagte Sternau.

Sie suchten im Saal nach ihr, ohne sie zu finden. Da trafen sie auf Geierschnabel, der die vorher fortgewischten Striche und Punkte in seinem Gesicht wieder erneuert hatte.

»Suchen Sie Waldröschen?« fragte er, ihre Absicht erratend. – Ja«, antwortete Sternau. – »Kommen Sie!«

28. Kapitel.

Kurt war es doch geglückt, sich Röschens noch einmal zu bemächtigen. Ihre Flucht war nur ein Scherz gewesen, und nun lauschte sie ganz aufmerksam dem, was er sagte.

»Bitte, mir zu verraten, wer von den Herren der Großherzog ist«, bat sie ihn. – »Muß ich aufrichtig sein?« – »Natürlich! Ich befehle es!« – »Nun, so muß ich gehorchen. Keiner ist es.« – »Wie? Er ist nicht hier?« meinte sie erstaunt. – »Nein, aber er wird noch eintreffen.« – »Warum so spät?« – »Um nicht bei gewissen Überraschungen zugegen zu sein, wo er nur stören würde.« – »Welche Geheimnisse wären das?« – »Es sind verschiedene, von denen ich nur eines Ihnen enthüllen dürfte.« – »So sprechen Sie!« – »Hier nicht. Bitte, kommen Sie!«

Kurt zog Röschen mit sich fort, hinaus, den Korridor hinab, bis zu einer Tür, an deren Klinge er probierte.

»Was wollen Sie?« fragte sie, ein wenig ängstlich. »Hier kann niemand herein. Das ist das Stübchen, das Leutnant Kurt Helmers zu bewohnen pflegte. Er ist abwesend.« – »Hat er den Schlüssel mitgenommen?« – »Es scheint so. Alimpo hat einen zweiten.« – »Und ich einen dritten.«

Kurt brachte einen Schlüssel aus der Tasche hervor, öffnete die Tür und trat ein, ohne Röschen loszulassen.

»Mein Gott, ich verstehe Sie nicht«, wehrte sie.

Sein Blick durchflog das Zimmerchen, das durch eine der Tür gegenüberhängende Lampe Licht erhielt.

»Sie verstehen mich nicht?« rief er beinahe jubelnd aus. »Oh, ich will Ihnen sagen, daß während der Abwesenheit dieses garstigen Helmers ein allerliebstes Waldröschen, jedenfalls mit Hilfe von Alimpos Schlüssel, zuweilen hier geblüht und geduftet hat. Dieser Stickrahmen, dieses Album, diese Bouquetts verraten es mir.«

In diesem Augenblick flammte ein Hölzchen in seiner Hand. Er zündete die auf dem Tisch stehende Kerze an und schloß dann die Tür. Röschen war von diesem sicheren Gebaren so überrascht, daß sie vergaß, ihm hindernd entgegenzutreten.

»Ja«, fuhr er fort, »so ist es, wenn zu einem Zimmer drei Schlüssel vorhanden sind.«

Da gewann sie ihre Sprache wieder.

»Von wem haben Sie den Ihrigen, mein Herr?« fragte sie. – »Von dem da!«

Bei diesen Worten nahm Kurt die Maske ab. Röschen fuhr einen Schritt zurück, dann aber warf sie sich ohne Rückhalt mit einem lauten Jubelruf in seine Arme.

»Kurt! Mein Kurt, mein lieber, lieber Kurt. Du bist es, du? O du schlimmer, du gefährlicher, hinterlistiger Intrigant. Ich muß dich streng, sehr streng bestrafen.« – »Mit einem Kuß, meine Rosita, nicht wahr?« – »Nein, sondern mit dreien oder gar noch mehr!« – »Auf diese Maske?« fragte er sie, glücklich lächelnd. – »Ah, wahrhaftig, ich habe das häßliche Ding noch dran. Komm, du Retter meines Vaters, du darfst mich küssen ohne Maske!«

Sie riß die Maske vom Gesicht und warf sie zu Boden; dann lagen sie sich am Herzen und tauschten Kuß um Kuß in seliger Vergessenheit, Sie merkten nicht, daß draußen Schritte erklangen; sie bemerkten ebensowenig, daß die Tür geöffnet wurde und daß zwei Personen unter derselben erschienen und dort stehenblieben.

»Oh, wie unendlich glücklich bin ich, dein liebes, liebes Gesichtchen wiederzusehen!« sagte Kurt. – »Ich bin nicht minder glücklich!« gestand sie ihm. »Aber, nicht wahr, du bringst mir den Vater mit?« – Jawohl, jawohl, du herziges Röschen. Ich bringe dir ihn mit und werde ihn bitten, dir all meine Geschmeide aus der Höhle des Königsschatzes schenken zu dürfen, obgleich der garstige Hauptmann einst sagte, daß ich mir keine so großen Rosinen in den Kopf setzen solle.« – »Ich nehme es an, ich nehme es an. Ich habe dir das ja versprochen unter der Bedingung, daß du meinen lieben, guten, armen Vater rettest. Aber wo hast du ihn? Wo befindet er sich?« – »Hier!«

Dieses Wort ertönte von der Tür her. Rosa hatte es ausgesprochen. Die beiden fuhren auseinander.

»Mama!« rief Röschen bestürzt. – »Gnädige Frau!« sekundierte Kurt erschrocken.

Da nahmen die Eltern ihre Masken ab und traten näher.

»Fürchte dich nicht, mein lieber Kurt!« sagte Sternau. »Glaubst du, ich könnte den Augenblick vergessen, in dem du in unser Gefängnis tratest und den Kerkermeister niederwarfst, um uns zu retten? Wollte ich daran nicht denken, so würde Gott, der ein Vergelter aller Taten ist, meiner auch vergessen.«

Röschen erkannte den Mann, mit dem sie bereits gestern gesprochen hatte. Es wurde ihr hell und sonnenklar im Köpfchen und im Herzen.

»Vater, mein Vater!« rief sie aus, und im nächsten Augenblick hing sie an seinem Hals. »Vater, mein armer, mein schöner, mein stolzer Vater. Ich bin deine Rosita, dein Kind, deine Tochter, dein Röschen, das gestorben wäre, wenn du noch länger gezögert hättest, zu kommen!«

Da legte Sternau die starken Arme um sie, hob sie hoch empor und betrachtete sie unter Wonnetränen, so, wie ein Kind die geliebte Puppe vor sich hinhält, um sie mit zärtlichen Blicken zu umfassen.

»Röschen! Rosita! Mein Leben, meine Seele, mein Abgott! Oh, wie ist mir, wie wird mir! Ich muß mich setzen!«

Der starke Mann ließ sie wieder nieder und sank langsam auf einen Stuhl. Rechts von Rosa und links von Röschen umschlungen, weinten alle drei Tränen des Schmerzes, der innigsten Rührung und des Entzückens zugleich. Kurt fühlte, daß diese Herzen mehr Rechte aneinander hatten als er an sie. Er schlich sich leise an ihnen vorüber und zur Tür hinaus, wo er stehenblieb, um die Tränen zu trocknen, die auch in seinen Augen standen. Dann kehrte er still nach dem Saal zurück.

Er hatte ganz vergessen, daß er jetzt ohne Maske war. Als er eintrat, fielen die Blicke der Anwesenden auf ihn.

»Kurt! Kurt!« rief es vor und neben ihm, von rechts und von links. Erst jetzt dachte er an sein unverhülltes Gesicht.

Der Herzog und die Herzogin, Otto von Rodenstein nebst Flora, seiner Frau, Sternaus Schwester, sie alle eilten auf ihn zu, ihre Masken entfernend, um von ihm erkannt zu werden. Zu ihnen gesellten sich ein Präriejäger und ein Wilddieb mit einer ungeheuren Nase, Ludwig und sein Herr, der Rodensteiner.

Kurt wurde von ihnen mit hundert Fragen bestürmt, die so durcheinander geschleudert wurden, daß er auf keine einzige mit Bedacht zu antworten vermochte, bis endlich Rettung erschien. Sternau, mit Frau und Tochter, die eintraten, ebenfalls ohne Hülle vor ihren Gesichtern. Auch sie hatten vergessen, die Masken wieder anzulegen. Kaum wurden sie bemerkt, so eilte Flora von Rodenstein auf den Herzog, ihren Vater, zu.

»Papa! Vater!« rief sie. »Schau hin, wer da kommt. Erkennst du ihn? Kennst du ihn noch?«

Zugleich flog sie auf Sternau zu, warf ihm die Arme um den Nacken und schluchzte unter Tränen:

»Carlos, mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!«

Sternau wollte erstaunt zurückweichen, da wurde er noch von vier Armen umschlungen.

»Mein Sohn! Mein Karl! Ist es wahr?« schluchzte seine Mutter. – »Mein Arzt und Retter! Mein Wohltäter! Mein Sohn!« so klang es aus dem Mund des Herzogs.

Sternaus einfache, anspruchslose Schwester fand gar keinen Raum, zu ihrem Bruder zu gelangen. Es dauerte eine lange Zeit, ehe der Sturm sich legte, den das Erscheinen Kurts und Sternaus hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde eigentlich erst durch das Erscheinen des Großherzogs besiegt, der mit seiner Gemahlin und einigen bevorzugten Herren kam, um zu gratulieren.

Jetzt erst kam es zu einem geordneten Reden und zu einem wirklich zusammenhängenden Bericht. Es ist leicht erklärlich, daß man bis zur Morgenstunde beisammenblieb, und da kamen nun auch die Personen zur Geltung, die bisher in zweiter Reihe gestanden harten: Resedilla und Pirnero, die sich glücklich von Pirna hierhergefunden hatten, der Schwarze Gerard, der Kleine André, die beiden Häuptlinge und Karja. Außer Geierschnabel war auch Grandeprise zugegen, der mit nach Spanien gegangen war, um gegen Landola, seinen teuflischen Stiefbruder, zu zeugen.

Was aber war aus diesem Landola, aus Gasparino Cortejo und Clarissa, was aus dem falschen Alfonzo, ihrem Sohn, geworden? Sternau, im Verein nach allen diesen Personen gefragt, antwortete:

»Die Entscheidung ist gefallen, und die Beweise sind geführt: Unser Mariano ist Graf Alfonzo de Rodriganda. Er mußte, um das Allernötigste zu ordnen, in Rodriganda bleiben, wird aber in einigen Tagen mit Amy Lindsay, seiner Braut, und ihrem Vater, dem Lord, hier eintreffen. Ich sehe zu meinem Erstaunen, daß aus dem einfachen Doktor Sternau ein Herzogsohn geworden ist. Unsere Schicksale haben uns gelehrt, daß der Mensch nur so viel wert ist als er wiegt, und daß Rang, Stand und Besitz nur eine nebensächliche Bedeutung haben. Daher wird es keinen von uns überraschen, daß Kurt, der Steuermannssohn, mein und unser aller Retter, durch das, was er für uns tat, sich uns allen ebenbürtig gestellt hat. Unserer Feinde wollen wir nur kurz gedenken. Clarissa spinnt für lebenslang Flachs im engen Kerker, Landola und Gasparino Cortejo sind unter der Hand des Henkers gefallen. Die alte Zarba bleibt spurlos verschwunden. Auf dem Weg zur Hinrichtung ist sie Gasparino Cortejo noch hohnlachend entgegengetreten. Ihr Racheschwur, an dessen Verwirklichung ihre geheimnisvollen Helfer mitarbeiteten, hat sich erfüllt. Alfonzo, der falsche Graf, büßt seine Taten als Sträfling, ohne Aussicht auf spätere Begnadigung. Sie alle haben ihren Lohn; darum soll auch unser Kurt den Lohn empfangen, der ihm verheißen worden ist. Eine herzogliche Prinzeß von Olsunna muß Wort halten. Röschen, stehe auf, und sage unserem Retter, daß er von uns die Erlaubnis empfängt, sein Andenken an die Höhle des Königsschatzes an Eurem Ehrentag als Brautgeschmeide dir anzulegen. Gott segne euch, so wie er uns alle fortan beschützen möge!«

Die Wirkung dieser Worte läßt sich unmöglich beschreiben. Alles rief, staunte, fragte, gratulierte, weinte und lachte. Aber zwei standen in der Ecke des Saales, in Liebe umschlungen, und weinten heiße Zähren der Herzenswonne und des Dankes an Gott, die einfachen Eltern Kurts, deren Glück nur dadurch gesteigert werden konnte, daß Waldröschen herbeikam, sie beide herzlich umarmte und küßte und dann zu dem Kreis der anderen zog.

Die Sonne ging auf. Ihre ersten Strahlen fielen in goldigem Purpur zum Fenster herein auf die so seltsame Versammlung von Personen, die, so lange hart und schwer geprüft, nun endlich sich die Garantien eines reinen und dauernden Glückes errungen hatten. Da öffnete sich die Tür, und die hohe, ernste Greisengestalt des Grafen Emanuel trat ein. Alle, außer Sternau und Rosa, erwarteten, ihn sein: »Ich bin der brave, treue Alimpo!« aussprechen zu hören. Aber ehe er noch zu Worte kam, stand bereits einer vor ihm, der die Arme zur Begrüßung ausbreitete.

»Emanuel! Bruder! O Gott, wäre er doch nicht krank!«

Der Angeredete warf einen langen, forschenden Blick in das Gesicht des anderen und antwortete:

»Ferdinando! Bruder! Du lebst? Man sagte mir doch wohl vor einigen Tagen, daß du gestorben und begraben seiest!« – »Er redet! Er spricht! Er kann denken! Gott, Gott, Allmächtiger, wir danken Dir!«

Bei diesem Ausruf Ferdinandos lagen sich die beiden Brüder in den Armen. Sternau aber trat hinzu und führte sie in ein anderes Gemach. Die zurückkehrende Denkkraft Emanuels war noch viel zu schwach, um das verwickelte Material, das vor ihm lag, zu überwinden und zu entwirren.

Er wurde wiederhergestellt. Ferdinando kehrte nicht mehr nach Mexiko zurück. Er verkaufte seine dortigen Güter und blieb mit Emanuel auf dem deutschen Rodriganda. Mariano, der junge Graf, residierte mit seiner glücklichen Amy auf dem spanischen Rodriganda, war und ist aber sehr oft Gast bei seinen deutschen Verwandten. Sternau, der einstige Arzt, weiß die Traditionen seines herzoglichen Hauses in Spanien an der Seite seiner noch immer schönen Rosa würdig zu vertreten. Otto von Rodenstein und Flora befinden sich sehr oft bei ihm. Alimpo lebt mit Elvira beim Grafen Emanuel. Der Rodensteiner zankt sich auch jetzt noch täglich mit Ludwig und mit seinem Podraga. Der Kleine André wohnt mit Frau Emilia bei Anton Helmers und dessen Emma auf der Hacienda del Erina, während der alte Pedro Arbellez sich zur Ruhe gesetzt hat. Der Schwarze Gerard lebt mit Frau und Schwiegervater in der Hauptstadt Mexiko, wo sie oft Geierschnabels Besuch erhalten. Büffelstirn jagt noch immer die Bisons und Bären und kehrt zuweilen auf der Hacienda ein. Bärenherz hat Karja als seine Squaw mit nach den Jagd- und Weidegründen der Apachen genommen, um mit seinem Bruder Bärenauge sich in die Herrschaft der tapferen Stämme zu teilen. Das tapfere Schwesternpaar, Pepi und Zilli, die hinterlassenen Kinder eines reichen, mexikanischen Granden, der ein Freund des Grafen Ferdinando gewesen war, sind mit ihren Erwählten verheiratet und leben als glückliche Professorsfrauen in Wien.

Waldröschen ist aber die glücklichste der jungen Frauen. Ihr Kurt ist bereits Oberst in einer norddeutschen Stadt, wenn man hier auch nicht verraten darf, in welcher Garnison. Beide wiegen abwechselnd auf ihren Knien ein kleines, niedliches Waldknösplein, das verspricht, das Ebenbild der Mutter zu werden – ein liebreizendes ›Waldröschen‹.
