Durchs Wilde Kurdistan

Erstes Kapitel.

Der Opfertod des Heiligen.

Wir kehrten von dem Besuche des Häuptlings der
Badinankurden zurück. Als wir auf der letzten Höhe
ankamen und das Thal der Teufelsanbeter überblicken
konnten, bemerkten wir ganz in der Nähe des Hauses,
welches dem Bey gehörte, einen ungeheuern Haufen von
Reisholz, der von einer Anzahl von Dschesidi immer
noch vergrößert wurde. Pir Kamek stand dabei und warf
von Zeit zu Zeit ein Stück Erdharz hinein.

„Das ist sein Opferhaufen,“ meinte Ali Bey.

„Was wird er opfern?“

„Ich weiß es nicht.“

„Vielleicht ein Tier?“

„Nur bei den Heiden werden Tiere verbrannt.“

„Dann vielleicht Früchte?“

„Die Dschesidi verbrennen weder Tiere noch Früchte.
Der Pir hat mir nicht gesagt, was er verbrennen wird,
aber er ist ein großer Heiliger, und was er thut, wird
keine Sünde sein.“

Noch immer ertönten von der gegenüberliegenden
Höhe die Salven der ankommenden Pilger, und noch
immer wurde denselben im Thale geantwortet: und doch
bemerkte ich, als wir unten ankamen, daß dieses Thal
kaum noch mehr Menschen zu fassen vermöge. Wir übergaben unsere Tiere und gingen nach dem Grabmale. An
dem Wege, welcher zu demselben führte, lag ein Springbrunnen, der von Platten eingefaßt war. Auf einer derselben saß Mir Scheik Khan und sprach mit einer Anzahl von Pilgern, die in ehrerbietiger Haltung und Entfernung vor ihm standen.

„Dieser Brunnen ist heilig, und nur der Mir, ich
und die Priester dürfen auf diesen Steinen sitzen. Zürne
also nicht, wenn du stehen mußt!“ sagte Ali zu mir.

„Eure Gebräuche werde ich achten.“

Als wir uns nahten, gab der Khan den Umstehenden
ein Zeichen, worauf sie Platz machten, so daß wir zu
ihm kommen konnten. Er erhob sich, kam uns einige
Schritte entgegen und reichte uns die Hände.

„Willkommen bei eurer Rückkehr! Nehmt Platz zu
meiner Rechten und Linken!“

Er deutete dem Bey zur Linken, sodaß mir die rechte
Seite übrig blieb. Ich setzte mich auf die geheiligten
Steine, ohne daß ich bei einem der Anwesenden den geringsten Verdruß darüber bemerkt hätte. Wie sehr stach
ein solches Verhalten gegen dasjenige ab, welches man bei
den Mohammedanern zu beobachten hat!

„Hast du mit dem Häuptling gesprochen?“ fragte der
Khan.

„Ja. Es ist alles in der besten Ordnung. Hast du
den Pilgern bereits eine Mitteilung gemacht?“

„Nein.“

„So wird es Zeit sein, daß die Leute sich versammeln. Gieb den Befehl dazu!“

„Ich bin der Regent des Glaubens, und alles andere
ist deine Sache. Ich werde dir den Ruhm, die Gläubigen beschützt und die Feinde besiegt zu haben, niemals
verkürzen.“

Auch dies war eine Bescheidenheit, welche bei den
mohammedanischen Imams niemals zu finden ist. Ali
Bey erhob sich und schritt von dannen. Während ich
mich mit dem Khan unterhielt, bemerkte ich eine Bewegung
unter den Pilgern, welche mit jeder Minute größer wurde.
Die Frauen blieben an ihren Plätzen stehen, die Kinder
ebenso; die Männer aber stellten sich am Bache entlang
auf, und die Anführer der einzelnen Stämme, Zweige
und Ortschaften bildeten einen Kreis um Ali Bey, der
ihnen die Absichten des Mutessarif von Mossul bekannt
machte. Dabei herrschte eine Ruhe, eine Ordnung, wie
bei der Parade einer europäischen Truppe, ganz verschieden
von dem lärmenden Durcheinander, welches man sonst bei
orientalischen Kriegern zu sehen und zu hören gewohnt
ist. Nach einiger Zeit, in welcher die Anführer den Ihrigen
die Mitteilung und die Befehle des Bey überbracht hatten,
ging die Versammlung ohne Unordnung wieder auseinander, und ein jeder begab sich an den Platz, den er vorher
inne gehabt hatte.

Ali Bey kam zu uns zurück.

„Was hast du befohlen?“ fragte der Khan.

Der Gefragte streckte den Arm aus und deutete auf
einen Trupp von vielleicht zwanzig Männern, die den Pfad
emporstiegen, auf dem wir vorhin herabgekommen waren.

„Siehe, das sind Krieger aus Aïran, Hadschi Dsho
und Schura Khan, welche diese Gegend sehr gut kennen.
Sie gehen den Türken entgegen und werden uns von deren
Kommen rechtzeitig benachrichtigen. Auch gegen Baadri
hin habe ich Wachen stehen, so daß es ganz unmöglich ist,
uns zu überraschen. Bis es Nacht wird, ist noch drei
Stunden Zeit, und das genügt, um alles Ueberflüssige
nach dem Thalde Idiz zu bringen. Die Männer werden
aufbrechen, und Selek wird ihnen den Weg zeigen.“

„Werden sie bei dem Beginne der heiligen Handlungen zurückgekehrt sein?“

„Ja; das ist sicher.“

„So mögen sie gehen!“

Nach einiger Zeit schritt ein sehr, sehr langer Zug
von Männern, welche Tiere mit sich führten oder verschiedene Habseligkeiten trugen, an uns vorüber, wo sie,
immer einer nach dem andern, hinter dem Grabmale verschwanden. Dann kamen sie über demselben auf einem
Felsenpfade wieder zum Vorscheine, und man konnte von
unserm Sitz aus ihren Weg verfolgen, bis derselbe oben
in den hohen, dichten Wald verlief.

Jetzt mußte ich mit Ali Bey gehen, um das Mahl
einzunehmen. Nach demselben trat der Baschi-Bozuk zu mir.

„Herr, ich muß dir etwas sagen!“

„Was?“

„Uns droht eine große Gefahr!“

„Ah! Welche?“

„Ich weiß es nicht; aber diese Teufelsmänner haben
mich seit einer halben Stunde mit Augen angesehen, welche
ganz fürchterlich sind. Es sieht grad so aus, als ob sie
mich töten wollten!“

Da der Buluk Emini seine Uniform trug, so konnte
ich mir das Verhalten der von den Türken bedrohten
Dschesidi sehr leicht erklären; doch war ich vollständig
überzeugt, daß ihm nichts geschehen werde.

„Das ist schlimm!“ meinte ich. „Wenn sie dich töten,
wer wird dann den Schwanz deines Esels bedienen?“

„Herr, sie werden den Esel auch mit erstechen! Hast
du nicht gesehen, daß sie die meisten Büffel und Schafe,
die vorhanden sind, bereits getötet haben?“

„Dein Esel ist sicher, und du bist es auch. Ihr gehört
zusammen, und man wird euch nicht auseinanderreißen.“

„Versprichst du mir dies?“

„Ich verspreche es dir!“

„Aber ich hatte Angst, als du vorhin abwesend warst.
Gehst du wieder fort von hier?“

„Ich werde bleiben; aber ich befehle dir, stets hier
im Hause zu sein und dich nicht unter die Dschesidi zu
mischen, sonst ist es mir unmöglich, dich zu beschützen!“

Er ging, halb und halb getröstet, von dannen, der
Held, den der Mutessarif mir zu meinem Schutze mitgegeben hatte. Aber es kam auch noch von einer andern
Seite eine Warnung: Halef suchte mich auf.

„Sihdi, weißt du, daß es Krieg geben wird?“

„Krieg? Zwischen wem?“

„Zwischen den Osmanly und den Teufelsleuten.“

„Wer sagte es?“

„Niemand.“

„Niemand? Du hast doch wohl gehört, was wir
heute früh in Baadri bereits davon gesprochen haben?“

„Nichts habe ich gehört, denn ihr spracht türkisch,
und diese Leute sprechen die Sprache so aus, daß ich sie
nicht verstehen kann. Aber ich sah, daß es eine große
Versammlung gab und daß nach derselben alle Männer
die Waffen untersuchten. Nachher haben sie ihre Tiere
und Güter fortgeschafft, und als ich zu Scheik Mohammed hinauf auf die Plattform kam, war er beschäftigt,
die alte Ladung aus seinen Pistolen zu nehmen, um sie
gegen eine neue zu vertauschen. Sind dies nicht genug
Zeichen, daß man eine Gefahr erwartet?“

„Du hast recht, Halef. Morgen früh beim Anbruch
des Tages werden die Türken von Baadri und auch von
Kaloni her über die Dschesidi herfallen.“

„Und das wissen die Dschesidi?“

„Ja.“

„Wie hoch zählen die Türken?“

„Fünfzehnhundert Mann.“

„Es werden viele von ihnen fallen, da ihr Plan verraten ist. Wem wirst du helfen, Sihdi, den Türken oder
den Dschesidi?“

„Ich werde gar nicht kämpfen.“

„Nicht?“ erwiderte er getäuscht. „Darf ich nicht?“

„Wem willst du helfen?“

„Den Dschesidi.“

„Ihnen, Halef? Ihnen, von denen du glaubtest, daß
sie dich um das Paradies bringen würden?“

„O Sihdi, ich kannte sie nicht; jetzt aber liebe
ich sie.“

„Aber es sind Ungläubige!“

„Hast du selbst nicht stets jenen geholfen, die gut
waren, ohne sie zu fragen, ob sie an Allah oder an einen
andern Gott glauben?“

Mein wackerer Halef hatte mich zum Moslem machen
wollen, und jetzt sah ich zu meiner großen Freude, daß
er sein Herz für ein ganz und gar christliches Gefühl geöffnet hatte. Ich antwortete ihm:

„Du wirst bei mir bleiben!“

„Während die andern kämpfen und tapfer sind?“

„Es wird sich für uns vielleicht Gelegenheit finden,
noch tapferer und mutiger zu sein, als sie.“

„So bleibe ich bei dir. Der Buluk Emini auch?“

„Auch er.“

Ich stieg hinauf auf die Plattform zu Scheik Mohammed Emin.

„Hamdullillah, Preis sei Gott, daß du kommst!“ sagte
er. „Ich habe mich nach dir gesehnt wie das Gras nach
dem Tau der Nacht.“

„Du bist stets hier oben geblieben?“

„Stets. Es soll mich niemand erkennen, weil ich sonst
vielleicht verraten werden möchte. Was hast du neues erfahren?“

Ich teilte ihm alles mit. Als ich geendet hatte, deutete
er auf seine Waffen, welche vor ihm lagen.

„Wir werden sie empfangen!“

„Du wirst dieser Waffen nicht bedürfen.“

„Nicht? Soll ich mich und unsere Freunde nicht verteidigen?“

„Sie sind stark genug. Willst du vielleicht in die Hände
der Türken, denen du kaum entgangen bist, fallen, oder
soll dich eine Kugel, ein Messerstich treffen, damit dein
Sohn noch länger in der Gefangenschaft von Amadijah
schmachtet?“

„Emir, du sprichst wie ein kluger, aber nicht wie ein
tapferer Mann!“

„Scheik, du weißt, daß ich mich vor keinem Feinde
fürchte; es ist nicht die Angst, welche aus mir spricht.
Ali Bey hat von uns verlangt, daß wir uns vor dem
Kampfe hüten sollen. Er hegt übrigens die Ueberzeugung,
daß es gar nicht zum Kampfe kommen werde, und ich bin
ganz derselben Meinung wie er.“

„Du denkst, die Türken ergeben sich ohne Widerstand?“

„Wenn sie es nicht thun, so werden sie zusammengeschossen.“

„Die Offiziere der Türken taugen nichts, aber die
Soldaten sind tapfer. Sie werden die Höhen stürmen und
sich befreien.“

„Fünfzehnhundert gegen vielleicht sechstausend Mann?“

„Wenn es gelingt, sie zu umzingeln!“

„Es wird gelingen.“

„So müssen wir also mit den Frauen nach dem Thale
Idiz gehen?“

„Du, ja.“

„Und du?“

„Ich werde hier zurückbleiben.“

„Allah kerihm! Wozu? Das würde dein Tod sein!“

„Das glaube ich nicht. Ich bin im Giölgeda padischahnün, besitze die Empfehlungen des Mutessarif und
habe einen Buluk Emini bei mir, dessen Anwesenheit schon
genügend wäre, mich zu schützen.“

„Aber was willst du hier thun?“

„Unheil vermeiden, wenn es möglich ist.“

„Weiß Ali Bey davon?“

„Nein.“

„Oder der Mir Scheik Kahn?“

„Auch nicht. Sie erfahren es noch immer zur rechten
Zeit.“

Ich hatte wirklich große Mühe, den Scheik zur Billigung
meines Vorhabens zu überreden. Endlich aber gelang es mir.

„Allah il Allah! Die Wege des Menschen sind im
Buche vorgeschrieben,“ meinte er; „ich will dich nicht bewegen, von diesem Vorhaben abzulassen, aber ich werde
hier bei dir bleiben!“

„Du? Das geht nicht!“

„Warum?“

„Sie dürfen dich nicht finden.“

„Dich auch nicht.“

„Ich habe dir bereits auseinandergesetzt, daß ich keine
Gefahr laufe; dich aber, wenn du erkannt wirst, erwartet
ein anderes Loos.“

„Das Ende des Menschen steht im Buche verzeichnet.
Soll ich sterben, so muß ich sterben, und dann ist es gleich,
ob es hier geschieht oder dort in Amadijah.“

„Du willst in dein Unglück rennen, aber du vergissest,
daß du auch mich darein verwickelst.“

Dies schien mir der einzige Weg, seiner Hartnäckigkeit
beizukommen.

„Dich? Wieso?“ fragte er.

„Bin ich allein hier, so schützen mich meine Firmans;
finden sie aber dich bei mir, den Feind des Mutessarif,
den entflohenen Gefangenen, so habe ich diesen Schutz verloren und verwirkt. Dann sind auch wir verloren, du
und ich, alle beide!“

Er blickte nachdenklich vor sich nieder. Ich sah, was
sich in ihm gegen den Rückzug nach dem Thale Idiz
sträubte, aber ich ließ ihm Zeit, einen Entschluß zu fassen.
Endlich sagte er mit halber, unsicherer Stimme:

„Emir, hältst du mich für einen Feigling?“

„Nein. Ich weiß ja, daß du tapfer und furchtlos bist.“

„Was wird Ali Bey denken?“

„Er denkt ganz so wie ich, ebenso Mir Scheik Khan.“

„Und die andern Dschesidi?“

„Sie kennen deinen Ruhm und wissen, daß du vor
keinem Feinde fliehest. Darauf kannst du dich verlassen!“

„Und wenn man an meinem Mute zweifeln sollte,
wirst du mich verteidigen? Wirst du öffentlich sagen, daß
ich mit den Frauen nach Idiz gegangen bin, nur um dir
zu gehorchen?“

„Ich werde es überall und öffentlich sagen.“

„Nun wohl, so werde ich thun, was du mir vorgeschlagen hast!“

Er schob resigniert die Flinte von sich fort und wendete
sein Angesicht wieder dem Thale zu, das sich bereits in
den Schatten des Abends zu hüllen begann.

Grade jetzt kamen die Männer zurück, welche vorher
nach Idiz gegangen waren. Sie bildeten einen Zug einzelner Personen, der sich im Thale vor uns auflöste.

Da erscholl vom Grabe des Heiligen her eine Salve,
und zu gleicher Zeit kam Ali Bey herauf zu uns mit den
Worten:

„Es beginnt die große Feier am Grabe. Es ist noch
nie ein Fremder dabei zugegen gewesen, aber der Mir
Scheik Khan hat mir im Namen aller Priester die Genehmigung erteilt, euch einzuladen.“

Das war nun allerdings eine sehr hohe Ehre für
uns; aber Scheik Mohammed Emin lehnte sie ab:

„Ich danke, dir, Herr; aber es ist dem Moslem
verboten, bei der Anbetung eines andern als Allah zugegen zu sein.“

Er war ein Moslem; aber er hätte diese Abweisung
doch in andere Worte kleiden können. Er blieb zurück,
und ich folgte dem Bey.

Als wir aus dem Hause traten, bot sich uns ein seltsamer, unbeschreiblich schöner Anblick dar. So weit das
Thal reichte, flackerten Lichter unter und auf den Bäumen,
am Wasser unten und auf jedem Felsen in der Höhe, um
die Häuser herum und auf den Plattformen derselben.
Das regste Leben aber herrschte am Grabmale des Heiligen. Der Mir hatte an der ewigen Lampe des Grabes
ein Licht angebrannt und trat damit heraus in den
innern Hof. An diesem Lichte zündeten die Scheiks
und Kawals ihre Lampen an; von diesen liehen wieder
die Fakirs ihre Flammen, und nun traten sie alle heraus
in das Freie, und Tausende strömten herbei, um sich an
den heiligen Feuern zu reinigen.

Wer den Lichtern der Priester nahe zu kommen vermochte, fuhr mit der Hand durch die Flamme derselben
und bestrich dann mit dieser Hand die Stirn und die
Gegend des Herzens. Männer strichen dann zum zweitenmal durch die Flamme, um den Segen derselben ihren
Frauen zu bringen. Mütter thaten ganz dasselbe für ihre
Kinder, welche nicht die Kraft besaßen, durch die dichte
Menge zu dringen. Und dabei herrschte ein Jubel, eine
Freude, die gar nichts Anstößiges hatte.

Auch das Heiligtum wurde illuminiert. In jede der
zahlreichen Mauernischen kam eine Lampe zu stehen, und
über die Höfe hinweg zogen sich lange Guirlanden von
Lampen und Flammen. Jeder Zweig der dort befindlichen
Bäume schien der Arm eines riesigen Leuchters zu sein,
und Hunderte von Lichtern liefen an den beiden Türmen
bis zu den Spitzen derselben empor, zwei riesige Girandolen bildend, deren Anblick ein zauberischer war.

Die Priester hatten jetzt, zwei Reihen bildend, im
inneren Hofe Platz genommen. Auf der einen Seite saßen
die Scheiks in ihren weißen Anzügen und ihnen gegenüber
die Kawals. Diese letzteren hatten Instrumente in der
Hand, abwechselnd je einer eine Flöte und der andere ein
Tamburin. Ich saß mit Ali Bey unter der Rebenlaube.
Wo Mir Scheik Khan war, konnte ich nicht bemerken.

Da ertönte aus dem Innern des Grabes ein Ruf,
und die Kawals erhoben ihre Instrumente. Die Flöten
begannen eine langsame, klagende Melodie zu spielen, wozu
ein leiser Schlag auf das Tamburin den Takt angab.
Dann folgte plötzlich ein lang ausgehaltener viertöniger
Akkord; ich glaube, es war ein Terzquartsextakkord, zu
welchem auf den Tamburins mit den Fingerspitzen getrillert wurde, erst pianissimo, dann piano, stärker, immer
stärker bis zum Fortissimo, und dann fielen die Flöten
in ein zweistimmiges Tonstück ein, für welches keiner
unserer musikalischen Namen paßt, dessen Wirkung aber
doch eine sehr angenehme und befriedigende war.

Am Schlusse dieses Stückes trat Mir Scheik Khan
aus dem Innern des Gebäudes heraus. Zwei Scheiks begleiteten ihn. Der eine trug ein hölzernes Gestell vor ihm
her, das einem Notenpulte glich; dieses wurde in die
Mitte des Hofes gesetzt. Der andere trug ein kleines Gefäß
mit Wasser und ein anderes, offenes, rundes, worin
sich eine brennende Flüssigkeit befand. Diese beiden Gefäße wurden auf das Pult gestellt, zu dem Mir Scheik
Khan trat.

Er gab mit der Hand ein Zeichen, worauf die
Musik von neuem begann. Sie spielte eine Einleitung,
nach welcher die Priester mit einer einstimmigen Hymne
einfielen. Leider konnte ich mir ihren Inhalt nicht
notieren, da dies aufgefallen wäre, und der eigentliche
Wortlaut ist meinem Gedächtnisse entschwunden. Sie war
in arabischer Sprache verfaßt und forderte zur Reinheit,
zum Glauben und zur Wachsamkeit auf.

Nach derselben hielt Mir Scheik Khan eine kurze
Ansprache an die Priester. Er schilderte in kurzen Worten
die Notwendigkeit, seinen Wandel von jeder Sünde rein
zu halten, Gutes zu thun an allen Menschen, seinem
Glauben stets treu zu bleiben und ihn gegen alle Feinde
zu verteidigen.

Dann trat er zurück und setzte sich zu uns unter den
Weinstock. Jetzt brachte einer der Priester einen lebenden
Hahn herbei, der mittels einer Schnur an das Pult
befestigt wurde; zur Linken von ihm wurde das Wasser
und zur Rechten das Feuer gestellt.

Die Musik begann wieder. Der Hahn hockte in sich
gekehrt am Boden; die leisen Klänge der Flöten schien er
gar nicht zu beachten. Da wurden die Töne stärker, und
er lauschte. Den Kopf aus dem Gefieder ziehend, blickte
er sich mit hellen, klugen Augen im Kreise um und bemerkte dabei das Wasser. Schnell fuhr er mit dem Schnabel
in das Gefäß, um zu trinken. Dieses freudige Ereignis
wurde durch ein helles, jubelndes Zusammenschlagen der
Tamburins verkündet. Dies schien das musikalische Interesse des Tieres zu erregen. Der Hahn krümmte den Hals
und horchte aufmerksam. Dabei bemerkte er, daß er sich
in einer gefahrvollen Nähe von der Flamme befand. Er
wollte sich zurückziehen, konnte aber nicht, da er festgehalten
wurde. Darüber ergrimmt, richtete er sich auf und stieß
ein lautes „Kik-ri-kih!“ hervor, in welches die Flöten und
Tamburins einfielen. Dies schien in ihm die Ansicht zu
erwecken, daß man es auf einen musikalischen Wettstreit
abgesehen habe. Er wandte sich mutig gegen die Musikanten, schlug die Flügel und schrie abermals. Er erhielt
dieselbe Antwort, und so entwickelte sich ein Tongefecht,
welches den Vogel schließlich so erzürnte, daß er unter
einem wütenden Gallicinium sich losriß und in das Innere
des Grabens floh.

Die Musik begleitete diese Heldenthat mit dem allerstärksten Fortissimo; die Stimmen der Priester fielen
jubelnd ein, und nun folgte ein Finale, welches allerdings
ganz geeignet war, sowohl die Musikanten als auch die
Sänger zu ermüden. Am Schluß des Stückes küßten die
Kawals ihre Instrumente.

Sollte dieses laute, stürmische Finale auf irgend eine
Weise einmal Gelegenheit gegeben haben, die Dschesiden
mit den unlautern Cheragh Sonderan, oder wie es in
kurdischer Sprache lautet, Tscherah sonderahn zu verwechseln? Das religiöse Gefühl eines Christen sträubt sich
allerdings gegen die Vorführung dieses Vogels, aber etwas
Immoralisches habe ich dabei nicht beobachten können.

Jetzt sollte der Verkauf der Kugeln erfolgen, von
denen ich bereits gesprochen habe. Vorher aber traten die
Priester herbei und machten Ali Bey und mir ein Geschenk davon. Er erhielt sieben und ich sieben. Sie waren
vollständig rund und mit einem arabischen Worte versehen,
das man mit einem spitzigen Instrumente eingegraben
hatte. Von meinen sieben Kugeln zeigten vier das Wort
„El Schems“, die Sonne.

Der Verkauf fand im äußeren Hofe statt, während
im Innern des ummauerten Raumes die Instrumente
und der Gesang noch ertönten. Ich verließ das Heiligtum. Ich dachte, daß das Thal von der Höhe aus einen
wundervollen Anblick bieten müsse, und ging, um mir
Halef zur Begleitung zu holen. Ich fand ihn auf der
Plattform des Hauses bei dem Buluk Emini sitzen. Sie
schienen sich in einem sehr animierten Gespräch zu befinden, denn ich hörte ihn sagen:

„Was? Ein Russe wäre es gewesen?“

„Ja, ein Russikow, dem Allah den Kopf abschneiden
möge; denn wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich meine
Nase noch! Ich haute wie wütend um mich; dieser Kerl
aber holte nach meinem Kopfe aus; ich wollte ausweichen
und trat zurück. Der Hieb, welcher den Kopf treffen
sollte, traf bloß die — — —“

„Hadschi Halef!“ rief ich.

Es machte mir wirklich Spaß, die berühmte Geschichte
von der Nase auch einmal unterbrechen zu können. Die
beiden sprangen auf und traten auf mich zu.

„Du sollst mich begleiten, Halef; komm!“

„Wohin, Sihdi?“

„Dort hinauf zur Höhe, um zu sehen, wie sich die
Illumination des Thales ausnimmt.“

„O Emir, laß mich mit dir gehen!“ bat Jfra.

„Ich habe nichts dagegen. Vorwärts!“

Wir stiegen die nach Baadri zu gelegene Höhe hinan.
Ueberall trafen wir Männer, Frauen und Kinder mit
Fackeln und Lichtern, und von allen wurden wir mit einer
wirklich kindlichen Freude begrüßt und angeredet. Als
wir die Höhe erreichten, bot sich uns ein geradezu unbeschreiblicher Anblick dar. Mehrere der Dschesidi waren
uns gefolgt, um uns zu leuchten: ich aber bat sie, zurückzugehen oder ihre Fackeln zu verlöschen. Wer den Genuß
vollständig haben wollte, mußte sich selbst im Dunkeln
befinden.

Da unten im Thale flutete Flamme an Flamme.
Tausend leuchtende Punkte kreuzten, hüpften und schlüpften,
tanzten, schossen und flogen durcheinander, klein, ganz klein
tief unten, je näher aber zu uns, desto größer werdend.
Das Heiligtum wallte förmlich von Glanz und Licht, und
die beiden Türme leckten empor in das Dunkel der Nacht
wie flammende Hymnen. Dazu ertönte von unten herauf
zu uns das dumpfe Wogen und Brausen der Stimmen,
oft unterbrochen von einem lauten, nahen Jubelrufe. Ich
hätte stundenlang hier stehen und mich an diesem Anblicke weiden und ergötzen können.

„Was ist das für ein Stern?“ ertönte da neben mir
eine Frage in kurdischer Sprache.

Einer der Dschesidi hatte sie ausgesprochen.

„Wo?“ fragte ein anderer.

„Siehe die Rea kadisahn da rechts!“

„Ich sehe sie.“

„Unter ihr flammte ein heller Stern auf. Jetzt wieder! Siehst du ihn?“

„Ich sah ihn. Es ist der Kjale be scheri.“

Die vier Sterne, welche in unserm Sternbilde den
Rücken des Bären bilden, heißen nämlich bei den Kurden
„der Alte“. Sie meinen, daß sein Kopf hinter einer benachbarten Sternengruppe versteckt sei. Die drei Sterne,
welche bei uns den Schwanz des großen Bären bilden
(oder die Deichsel des „Wagens“, wie dieses Sternbild
auch genannt wird), heißen bei ihnen die „zwei Brüder
und die blinde Mutter des Alten“.

„Der Kjale be scheri? Der hat doch vier Sterne!“
meinte der erste Frager. „Es wird Kumikji schiwan sein.“

„Der steht höher. Jetzt leuchtet es wieder. Ah, wir
sind irr; es ist ja im Süden! Es wird Meschin sein.“

„Meschin hat auch mehrere Sterne. Was meinst du,
Herr, daß es ist?“

Diese Frage war an mich gerichtet. Mir schien das
Phänomen auffällig.

Die Fackeln und Lichter unter uns warfen einen Schein
in die Höhe, der es uns unmöglich machte, die Sterne
genau zu erkennen. Der Glanz aber, welcher von Zeit zu
Zeit da drüben aufblitzte, um sofort wieder zu verschwinden, war intensiv. Er glich einem Irrlichte, das plötzlich aufleuchtete und augenblicklich wieder verlöschte. Ich
beobachtete noch eine Weile und wandte mich dann zu
Halef:

„Hadschi Halef, eile sofort hinab zu Ali Bey und
sage ihm, daß er sehr schnell zu mir heraufkommen möge!
Es handle sich um etwas Wichtiges.“

Der Diener verschwand mit schnellen Schritten, und
ich trat noch eine Strecke weiter vor, teils, um den vermeintlichen Stern besser beobachten zu können, teils auch,
um allen weiteren Fragen zu entgehen.

Glücklicherweise hatte Ali Bey gehört, daß ich heraufgegangen sei, und den Entschluß gefaßt, mir zu folgen.
Halef traf ihn eine nur kleine Strecke unter uns und
brachte ihn zu mir.

„Was willst du mir zeigen, Emir?“

Ich streckte den Arm aus.

„Blicke fest dorthin! Du wirst einen Stern aufblitzen
sehen. Jetzt!“

„Ich sehe ihn.“

„Er ist wieder fort. Kennst du ihn?“

„Nein. Er liegt sehr tief und gehört zu keinem Bilde.“

Ich trat an einen Busch und schnitt einige Ruten
ab. Die eine davon steckte ich in die Erde und stellte mich
dann einige Schritte vorwärts von ihm auf.

„Kniee genau hinter dieser Rute nieder. Ich werde
in der Richtung in welcher der Stern wieder blitzt, eine
zweite aufstecken. — Sahst du ihn jetzt?“

„Ja. Ganz deutlich.“

„Wohin soll die Rute? Hierher?“

„Einen Fußbreit weiter nach rechts.“

„Hierher?“

„Ja; das ist genau.“

„So! Nun beobachte weiter!“

„Jetzt sah ich ihn wieder!“ meinte er nach einer kleinen
Weile.

„Wo? Ich werde eine dritte Rute stecken.“

„Der Stern war nicht am alten Platze. Er war viel
weiter links.“

„Wie weit? Sage es!“

„Zwei Fuß von der vorigen Rute.“

„Hier?“

„Ja.“

Ich steckte die dritte Rute ein, und Ali Bey beobachtete weiter.

„Jetzt sah ich ihn wieder,“ meinte er bald.

„Wo?“

„Nicht mehr links, sondern rechts.“

„Gut! Das war es, was ich dir zeigen wollte. Jetzt
magst du dich wieder erheben.“

Die andern hatten meinem sonderbaren Gebaren mit
Verwunderung zugesehen, und auch Ali konnte den Grund
desselben nicht einsehen.

„Warum lässest du mich dieses Sternes wegen rufen?“

„Weil es kein Stern ist!“

„Was sonst? Ein Licht?“

„Nun, wenn es nur ein Licht wäre, würde es schon
merkwürdig sein; aber es ist eine ganze Reihe von Lichtern.“

„Woraus vermutest du dies?“

„Ein Stern kann es nicht sein, weil es tiefer steht,
als die Spitze des Berges, der dahinter liegt. Und daß
es mehrere Lichter sind, hast du ja aus dem Experimente
gesehen, das wir vorgenommen haben. Da drüben gehen
oder reiten viele Leute mit Fackeln oder Laternen, von
denen zuweilen die eine oder die andere herüberblitzt.“

Der Bey stieß einen Ausruf der Verwunderung aus.

„Du hast recht, Emir!“

„Wer mag es sein?“

„Pilger sind es nicht, denn diese würden auf dem
Wege von Baadri nach Scheik Adi kommen.“

„So denke an die Türken!“

„Herr! Wäre es möglich?“

„Das weiß ich nicht, denn diese Gegend ist mir unbekannt. Beschreibe sie mir, Bey!“

„Hier grad aus geht der Weg nach Baadri, und hier
weiter links der nach Aïn Sifni. Teile diesen Weg in
drei Teile; gehe das erste Drittel, so hast du diese Lichter
dann dir zur Linken nach dem Wasser zu, welches von
Scheik Adi kommt.“

„Kann man am Wasser entlang reiten?“

„Ja.“

„Und auf diese Weise nach Scheik Adi kommen?“

„Ja.“

„So ist ein großer, ein sehr großer Fehler vorgekommen!“

„Welcher?“

„Du hast Vorposten gestellt nach Baadri und Kaloni
hin, aber nicht nach Aïn Sifni zu.“

„Dorther werden die Türken nicht kommen. Die Leute
von Aïn Sifni würden es uns verraten.“

„Aber wenn die Türken nicht nach Aïn Sifni gehen,
sondern bei Dscheraijah den Khausser überschreiten und
dann zwischen Aïn Sifni und hier das Thal zu erreichen
suchen? Mir scheint, sie würden dann dieselbe Richtung
nehmen, in der sich dort jene Lichter bewegen. Siehe, sie
sind bereits wieder nach links vorgerückt!“

„Emir, deine Vermutung ist vielleicht die richtige. Ich
werde sofort mehrere Wachen vorschicken!“

„Und ich werde mir einmal diese Sterne näher betrachten. Hast du einen Mann, der diese Gegend genau
kennt?“

„Niemand kennt sie besser als Selek.“

„Er ist ein guter Reiter; er soll mich führen!“

Wir stiegen so schnell wie möglich hinab. Der letztere
Teil der Unterredung war von uns leise geführt worden,
so daß niemand, und besonders auch der Baschi-Bozuk
nicht, etwas davon vernommen hatte. Selek war bald gefunden; er erhielt ein Pferd und nahm seine Waffen zu
sich. Auch Halef mußte mit. Ich konnte mich auf ihn
mehr als auf jeden andern verlassen. Zwanzig Minuten
später, nachdem ich den Stern zuerst gesehen hatte, jagten
wir auf dem Wege nach Aïn Sifni dahin. Auf der nächsten
Höhe blieben wir halten. Ich musterte das Halbdunkel
vor uns und sah endlich das Aufleuchten wieder. Ich
machte Selek auf dasselbe aufmerksam.

„Emir, das ist kein Stern, das sind auch keine
Fackeln, denn diese würden einen umfangreicheren Schein
verbreiten. Das sind Laternen.“

„Ich muß hart an sie heran. Kennst du die Gegend
genau?“

„Ich werde dich führen; ich kenne jeden Stein und
jeden Strauch. Halte dich nur hart hinter mir und nimm
dein Pferd stets hoch!“

Er wandte sich von dem Wasser nach rechts, und
nun ging es über Stock und Stein im Trabe vorwärts.
Es war ein sehr böser Ritt, aber bereits nach einer reichlichen Viertelstunde konnten wir genau mehrere Lichter
unterscheiden. Und nach einer zweiten Viertelstunde,
während welcher uns dieselben hinter einem vor uns
liegenden Bergrücken verschwunden waren, langten wir
auf dem letzteren an und sahen nun sehr deutlich, daß
wir einen ziemlich langen Zug vor uns hatten. Von
wem derselbe gebildet wurde, war von hier aus nicht zu
unterscheiden; das aber bemerkten wir, daß er plötzlich
verschwand und nicht wieder erschien.

„Giebt es dort wieder einen Hügel?“

„Nein. Hier ist Ebene,“ antwortete Selek.

„Oder eine Vertiefung, ein Thal, in welchem diese
Lichter verschwinden können?“

„Nein.“

„Oder ein Wald — — —“

„Ja, Emir,“ fiel er schnell ein. „Dort, wo sie verschwunden sind, liegt ein kleines Olivenwäldchen.“

„Ah! Du wirst mit den Pferden hier bleiben und
auf uns warten. Halef aber begleitet mich.“

„Herr nimm mich auch mit,“ bat Selek.

„Die Tiere würden uns verraten.“

„Wir binden sie an!“

„Mein Rappe ist zu kostbar, als daß ich ihn ohne
Aufsicht lassen dürfte. Und übrigens verstehst du auch
das richtige Anschleichen nicht. Man würde dich hören
oder gar sehen.“

„Emir, ich verstehe es!“

„Sei still!“ meinte da Halef. „Auch ich dachte, ich
verstände es, mich mitten in ein Duar zu schleichen und
das beste Pferd wegzunehmen; aber als ich es vor dem
Effendi machen mußte, habe ich mich schämen müssen, wie
ein Knabe! Aber tröste dich, denn Allah hat nicht gewollt, daß aus dir eine Eidechse werde!“

Wir ließen die Gewehre zurück und schritten voran.
Es war grad so licht, daß man auf fünfzig Schritte einen
Menschen so leidlich erkennen konnte. Vor uns tauchte
nach vielleicht zehn Minuten ein dunkler Punkt auf, dessen
Dimensionen von Schritt zu Schritt zunahmen — das
Olivenwäldchen. Als wir so weit heran waren, daß wir
es in fünf oder sechs Minuten zu erreichen vermocht
hätten, hielt ich an und lauschte angestrengt. Nicht der
mindeste Laut war zu vernehmen.

„Gehe genau hinter mir, daß unsere Personen eine
einzige Linie bilden!“

Ich hatte nur Jacke und Hose an, beide dunkel; auf
dem Kopfe trug ich den Tarbusch, von dem ich das
Turbantuch abgewunden hatte. So war ich nicht so leicht
vom dunklen Boden zu unterscheiden. Mit Halef war
ganz dasselbe der Fall.

Lautlos glitten wir weiter. Da vernahmen wir das
Geräusch knackender Aeste. Wir legten uns nun auf die
Erde nieder und krochen langsam vorwärts. Das Knacken
und Brechen wurde lauter.

„Man sammelt Aeste, vielleicht gar um ein Feuer zu
machen.“

„Gut für uns, Sihdi!“ flüsterte Halef.

Bald erreichten wir den hinteren Rand des Gehölzes.
Das Schnauben von Tieren und Männerstimmen wurden
hörbar. Wir lagen soeben hart neben einem dichten Buschwerke. Ich deutete auf dasselbe und sagte leise: „Verbirg
dich hier und erwarte mich, Halef.“

„Herr, ich verlasse dich nicht; ich folge dir!“

„Du würdest mich verraten. Das unhörbare Schleichen
ist in einem Walde schwieriger als auf offenem Felde. Ich
habe dich nur mitgenommen, um mir den Rückzug zu decken.
Du bleibst liegen, selbst wenn du schießen hörst. Wenn
ich dich rufe, so kommst du so schnell wie möglich.“

„Und wenn du weder kommst noch rufest?“

„So schleichst du dich nach einer halben Stunde vorwärts, um zu sehen, was mit mir geschehen ist.“

„Sihdi, wenn sie dich töten, so schlage ich alle tot!“

Diese Versicherung hörte ich noch, dann war ich fort;
aber noch hatte ich mich nicht sehr weit von ihm entfernt,
so hörte ich eine laute, befehlende Stimme rufen:

„Et atesch — brenne an, mache Feuer!“

Diese Stimme kam aus einer Entfernung von vielleicht
hundert Fuß. Ich konnte also unbesorgt weiter kriechen.
Da vernahm ich das Prasseln einer Flamme und bemerkte
zugleich einen lichten Schein, der sich zwischen den Bäumen
fast bis zu mir verbreitete. Das erschwerte mir natürlich
mein Vorhaben bedeutend.

„Taschlar atesch tschewresinde — lege Steine um das
Feuer!“ befahl dieselbe Stimme.

Diesem Befehle wurde jedenfalls sofort Folge geleistet,
denn der lichte Schein verschwand, so daß ich nun besser
vorwärts konnte. Ich schlich mich von einem Stamme
zum andern und wartete hinter einem jeden, bis ich mich
überzeugt hatte, daß ich nicht bemerkt worden sei. Glücklicherweise war diese Vorsicht überflüssig; ich befand mich
nicht in den Urwäldern Amerikas, und die guten Leute,
welche ich vor mir hatte, schienen nicht die mindeste Ahnung
zu haben, daß es irgend einem Menschenkinde einfallen
könne, sie zu belauschen.“

So avancierte ich immer weiter, bis ich einen Baum
erreichte, dessen Wurzeln so zahlreiche Schößlinge getrieben
hatte, daß ich hinter denselben ein recht leidliches Versteck
zu finden hoffte. Wünschenswert war dies besonders deshalb, weil ganz in der Nähe des Baumes zwei Männer
saßen, auf die ich es abgesehen hatte, zwei türkische Offiziere.

Mit einiger Vorsicht gelang es mir, mich hinter den
Schößlingen häuslich niederzulassen, und nun konnte ich
die Scene vollständig überblicken.

Draußen vor dem kleinen Gehölze standen — vier
Gebirgskanonen oder vielmehr zwei Kanonen und zwei
Haubitzen, und am Saume des Gehölzes waren ungefähr
zwanzig Maultiere angebunden, die zum Transporte
dieser Geschütze erforderlich gewesen waren. Man braucht
zu einem Geschütze gewöhnlich vier bis fünf Maultiere;
eins muß das Rohr, eins die Lafette und zwei bis vier
müssen die Munitionskästen tragen.

Die Kanoniere hatten es sich bequem gemacht; sie
lagen auf dem Boden ausgestreckt und plauderten leise
miteinander. Die beiden Offiziere aber wünschten Kaffee
zu trinken und ihren Tschibuk zu rauchen; darum war
ein Feuer gemacht worden, über welchem ein kleiner Kessel
auf zwei Steinen stand. Der eine der beiden Helden war
ein Hauptmann und der andere ein Lieutenant. Der
Hauptmann hatte ein recht biederes Aussehen; er kam
mir grade so vor, als sei er eigentlich ein urgemütlicher,
dicker deutscher Bäckermeister, der auf einem Liebhabertheater den wilden Türken spielen soll und sich dazu für
anderthalbe Mark vom Maskenverleiher das Kostüm geliehen hat. Mit dem Lieutenant war es ganz ähnlich.
Just so wie er mußte eine sechzigjährige Kaffeeschwester
aussehen, die auf den unbegreiflichen Backfischgedanken
geraten ist, in Pumphosen und Osmanly-Jacke auf die
Redoute zu gehen. Es war mir ganz so, als müsse ich
jetzt hinter meinem Baume hervortreten und sie überraschen mit den geflügelten Worten:

„Schön guten Abend, Meister Mehlhuber; 'pfehle
mich, Fräulein Lattenstengel; 'was Neues? Danke, danke,
werde so frei sein!“

Freilich waren die Worte, welche ich zu hören bekam, etwas weniger gemütlich. Ich lag ihnen so nahe,
daß ich alles hören konnte.

„Unsere Kanonen sind gut!“ brummte der Hauptmann.

„Sehr gut!“ flötete der Lieutenant.

„Wir werden schießen, alles niederschießen!“

„Alles!“ ertönte das Echo.

„Wir werden Beute machen!“

„Viel Beute!“

„Wir werden tapfer sein!“

„Sehr tapfer!“

„Wir werden befördert werden!“

„Hoch, äußerst hoch!“

„Dann rauchen wir Tabak aus Persien!“

„Tabak aus Schiras!“

„Und trinken Kaffee aus Arabien!“

„Kaffee aus Mokka!“

„Die Dschesidi müssen alle sterben!“

„Alle!“

„Die Bösewichter!“

„Die Buben!“

„Die Unreinen, die Unverschämten!“

„Die Hunde!“

„Wir werden sie töten!“

„Morgen früh gleich!“

„Natürlich, das versteht sich!“

Ich hatte nun genug gesehen und gehört; darum zog
ich mich zurück, erst langsam und vorsichtig, dann aber
rascher. Ich erhob mich dabei sogar von der Erde, worüber Halef sich nicht wenig wunderte, als ich bei ihm
ankam.

„Wer ist es, Sihdi?“

„Artilleristen. Komm; wir haben keine Zeit!“

„Gehen wir aufrecht?“

„Ja.“

Wir erreichten bald unsere Pferde, stiegen auf und
kehrten zurück. Die Strecke nach Scheik Adi wurde jetzt
natürlich viel schneller zurückgelegt, als vorhin. Wir
fanden dort noch dasselbe rege Leben.

Ich hörte, daß Ali Bey sich beim Heiligtum befinde,
und traf ihn mit dem Mir Scheik Khan in dem inneren
Hofe desselben. Er kam mir erwartungsvoll entgegen und
führte mich zum Khan.

„Was hast du gesehen?“ fragte er.

„Kanonen!“

„Oh!“ machte er erschrocken. „Wie viele?“

„Vier kleine Gebirgskanonen.“

„Welchen Zweck haben sie?“

„Scheik Adi soll damit zusammengeschossen werden.
Während die Infanteristen von Baadri und Kaloni angreifen, soll die Artillerie jedenfalls da unten am Wasser
spielen. Der Plan ist nicht schlecht, denn von dort aus
läßt sich das ganze Thal bestreichen. Es handelte sich
nur darum, die Geschütze unbemerkt über die Höhen zu
bringen; dies ist gelungen; man hat sich der Maultiere
bedient, mit deren Hilfe die Kanonen in einer Stunde
von dem Lagerplatze aus bis nach Scheik Adi gebracht
werden können.“

„Was thun wir, Emir?“

„Gieb mir sofort sechzig Reiter mit und einige Laternen, so siehst du binnen zwei Stunden die Geschütze
mit ihrer Bedienung hier in Scheik Adi!“

„Gefangen?“

„Gefangen!“

„Herr, ich gebe dir hundert Reiter!“

„Nun wohl, gieb mir sofort achtzig und sage ihnen,
daß ich sie unten am Wasser erwarte.“

Ich ging und traf Halef und Selek noch bei den
Pferden.

„Was wird Ali Bey thun?“ fragte Halef.

„Nichts. Wir selbst werden thun, was gethan
werden soll.“

„Was ist das, Sihdi? Du lachst! Herr, ich kenne
dein Gesicht; wir holen die Kanonen?“

„Allerdings! Ich möchte aber die Kanonen haben,
ohne daß Blut vergossen wird, und darum nehmen wir
achtzig Reiter mit.“

Wir ritten dem Ausgange des Thales zu, wo wir
nicht lange warten durften, bis die achtzig kamen.

Ich sandte Selek mit zehn Mann voran und folgte
mit den andern eine Strecke hinter ihnen. Wir erreichten,
ohne einen Feind zu sehen, die Anhöhe, auf der Selek
vorhin auf uns gewartet hatte, und stiegen ab. Zunächst
sandte ich einige Leute aus, welche für unsere eigene Sicherheit zu wachen hatten; dann ließ ich zehn Mann bei den
Pferden zurück und gebot ihnen, den Platz ohne meinen
Befehl nicht zu verlassen, und nun schlichen wir andern
auf das Wäldchen zu. In passender Entfernung vor
demselben angekommen, wurde Halt gemacht, und ich ging
allein vorwärts. Wie vorher gelangte ich auch diesmal
ohne Hindernis zu dem Baume, unter dem ich bereits
gelegen hatte. Die Türken lagen in einzelnen Gruppen
beisammen und plauderten. Ich hatte gehofft, daß sie
schliefen. Die militärische Wachsamkeit und die Erwartung
des bevorstehenden Kampfes ließen sie jedoch nicht schlafen.
Ich zählte mit den Unteroffizieren und den beiden Offizieren vierunddreißig Mann und kehrte zu den Meinen
zurück.

„Hadschi Halef und Selek, geht und holt eure Pferde!
Ihr reitet einen Bogen und kommt an der andern Seite
des Wäldchens vorüber. Man wird euch anhalten. Ihr
sagt, daß ihr euch verirrt habt und zu dem Feste nach
Scheik Adi kommen wollt. Ihr werdet so die Aufmerksamkeit der Osmanly von uns ab- und auf euch lenken.
Das übrige ist unsere Sache. Geht!“

Die übrigen ließ ich zwei lange, hintereinanderstehende Reihen bilden, die den Zweck hatten, das Gehölz von drei Seiten zu umfassen. Ich gab ihnen die
nötige Anweisung, worauf wir uns zu Boden legten und
vorwärts krochen.

Natürlich kam ich am schnellsten voran. Ich hatte
meinen Baum wohl bereits seit zwei Minuten erreicht,
als laute Hufschläge erschallten. Das Feuer brannte noch
immer; darum war es mir möglich, die ganze Scene
leidlich zu überblicken. Die beiden Offiziere hatten wahrscheinlich während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit
geraucht und Kaffee getrunken.

„Scheik Adi ist ein böses Nest!“ hörte ich den Hauptmann sagen.

„Ganz bös!“ antwortete der Lieutenant.

„Die Leute beten dort den Teufel an!“

„Den Teufel; Allah zerhacke und zerquetsche sie!“

„Das werden wir thun!“

„Ja, wir werden sie zerreißen!“

„Ganz und gar!“

Bis hierher konnte ich die Unterhaltung vernehmen,
dann aber hörte man das erwähnte Pferdegetrappel. Der
Lieutenant hob den Kopf empor.

„Man kommt!“ sagte er.

Auch der Hauptmann lauschte.

„Wer mag das sein?“ fragte er.

„Es sind zwei Reiter; ich höre es!“

Sie erhoben sich, und die Soldaten thaten dasselbe.
In dem Scheine, den das Feuer hinauswarf, wurden
Halef und Selek sichtbar. Der Hauptmann trat ihnen
entgegen und zog seinen Säbel.

„Halt! Wer seid ihr?“ rief er sie an.

Sie waren sofort von den Türken umringt. Mein
kleiner Halef betrachtete sich die Offiziere vom Pferde
herunter mit einer Miene, welche mich erraten ließ, daß
sie auf ihn den gleichen Eindruck machten, den sie auch
auf mich hervorgebracht hatten.

„Wer ihr seid, habe ich gefragt!“ wiederholte der
Hauptmann.

„Leute!“

„Was für Leute?“

„Männer!“

„Was für Männer?“

„Reitende Männer!“

„Der Teufel verschlinge euch! Antwortet besser, sonst
erhaltet ihr die Bastonnade! Also wer seid ihr?“

„Wir sind Dschesidi,“ antwortete jetzt Selek mit kleinlauter Stimme.

„Dschesidi? Ah! Woher?“

„Aus Mekka.“

„Aus Mekka? Allahil Allah! Giebt es dort auch
Teufels-Anbeter?“

„Grad fünfmalhunderttausend.“

„So viele! Allah kerihm; er läßt viel Unkraut unter
dem Weizen wachsen! — Wohin wollt ihr?“

„Nach Scheik Adi.“

„Ah, habe ich euch? Was wollt ihr dort?“

„Es wird dort ein großes Fest gefeiert.“

„Ich weiß es. Ihr tanzt und singt mit dem Teufel
und betet dabei einen Hahn an, der durch das Feuer der
Dschehennah ausgebrütet worden ist. Steigt ab! Ihr
seid meine Gefangenen!“

„Gefangen? Was haben wir gethan?“

„Ihr seid Söhne des Teufels. Ihr müßt geprügelt
werden, bis euer Vater von euch gewichen ist. Herunter
von den Pferden!“

Er griff selbst zu, und die beiden Männer wurden
förmlich von den Pferden heruntergezogen.

„Gebt eure Waffen her!“

Ich wußte, Halef würde das nie thun, selbst unter
den gegenwärtigen Verhältnissen nicht. Er sah suchend
nach dem Feuer hin, und so hob ich den Kopf so weit
empor, daß er mich erblickte. Nun wußte er, daß er sicher
sein könne. Aus dem vielen leisen Rascheln hinter mir
hatte ich bereits erkannt, daß die Meinen das Lager vollständig umschlossen hatten.

„Unsere Waffen?“ fragte Halef. „Höre, Jüs Baschi,
erlaube, daß wir dir etwas sagen!“

„Was?“

„Das können wir nur dir und dem Mülasim mitteilen.“

„Ich mag nichts von euch erfahren!“

„Es ist aber wichtig, sehr wichtig!“

„Was betrifft es?“

„Höre!“

Er flüsterte ihm einige Worte in das Ohr, welche
den augenblicklichen Erfolg hatten, daß der Hauptmann
einen Schritt zurücktrat und den Sprecher mit einer gewissen achtungsvollen Miene musterte. Später erfuhr ich,
daß der schlaue Halef geflüstert hatte: „Euern Geldbeutel
betrifft es!“

„Ist das wahr?“ fragte der Offizier.

„Es ist wahr!“

„Wirst du darüber schweigen?“

„Wie das Grab!“

„Schwöre es mir!“

„Wie soll ich schwören?“

„Bei Allah und dem Barte des — — doch nein,
ihr seid ja Dschesidi. So schwöre es mir beim Teufel,
den ihr anbetet!“

„Nun wohl! Der Teufel weiß es, daß ich nachher
nichts sagen werde!“

„Aber er wird dich zerreißen, wenn du die Unwahrheit sagst! Komm, Mülasim; kommt, ihr beiden!“

Die vier Männer traten zum Feuer herbei; ich konnte
jedes ihrer Worte vernehmen.

„Nun, so rede!“ gebot der Hauptmann.

„Laß uns frei! Wir werden dich bezahlen.“

„Habt ihr Geld?“

„Wir haben Geld.“

„Wißt ihr es nicht, daß dieses Geld bereits mir gehört? Alles, was ihr bei euch führt, ist unser.“

„Du wirst es nie finden. Wir kommen von Mekka
her, und wer eine solche Reise macht, der weiß sein Geld
zu verbergen.“

„Ich werde es finden!“

„Du wirst es nicht finden, selbst wenn du uns tötest
und alles ganz genau durchsuchen lässest. Die Teufelsanbeter haben sehr gute Mittel, ihr Geld unsichtbar zu
machen.“

„Allah ist allwissend!“

„Aber du bist nicht Allah!“

„Ich darf euch nicht freilassen.“

„Warum?“

„Ihr würdet uns verraten.“

„Verraten? Wie so?“

„Seht ihr nicht, daß wir hier sind, um einen Kriegszug zu unternehmen?“

„Wir werden dich nicht verraten.“

„Aber ihr wollt nach Scheik Adi gehen!“

„Sollen wir nicht?“

„Nein.“

„So sende uns, wohin es dir beliebt!“

„Wolltet ihr nach Baaweiza gehen und dort zwei Tage
warten?“

„Wir wollen es.“

„Wie viel wollt ihr uns für eure Freiheit zahlen?“

„Wie viel verlangst du?“

„Fünfzehntausend Piaster für jeden.“

„Herr, wir sind sehr arme Pilger. So viel haben wir
nicht bei uns!“

„Wie viel habt ihr?“

„Fünfhundert Piaster können wir dir vielleicht geben.“

„Fünfhundert? Kerl, ihr wollt uns betrügen!“

„Vielleicht bringen wir auch sechshundert zusammen.“

„Ihr gebt zwölftausend Piaster und keinen Para weniger. Das schwöre ich euch bei Mohammed. Und wollt ihr
nicht, so lasse ich euch so lange prügeln, bis ihr sie gebt.
Ihr habt gesagt, daß ihr Mittel besitzt, euer Geld unsichtbar zu machen; ihr habt also viel bei euch, und ich
habe das Mittel, eure Piaster wieder sichtbar zu machen!“

Halef that, als erschrecke er.

„Herr, thust du es wirklich nicht billiger?“

„Nein.“

„So müssen wir es dir geben!“

„Ihr Schurken, jetzt sehe ich, daß ihr viel Geld bei
euch habt! Nun werdet ihr nicht für zwölftausend Piaster
frei, sondern ihr müßt das geben, was ich zuerst verlangte,
nämlich fünfzehntausend.“

„Verzeihe, Herr, das ist zu wenig!“

Der Hauptmann sah den kleinen Hadschi Halef ganz
erstaunt an.

„Wie meinst du das, Kerl?“

„Ich meine, daß ein jeder von uns mehr wert ist,
als fünfzehntausend Piaster. Erlaube, daß wir die fünfzigtausend geben!“

„Mensch, bist du verrückt?“

„Oder hunderttausend!“

Der Bäckermeister-Jüs Baschi blies ganz ratlos die
Backen auf, blickte dem Lieutenant in das hagere Gesicht
und fragte ihn:

„Lieutenant, was sagst du?“

Dieser hatte den Mund offen und gestand freimütig:

„Nichts, ganz und gar nichts!“

„Ich auch nichts! Diese Menschen müssen ungeheuer
reich sein!“

Dann wandte er sich wieder zu Halef:

„Wo habt ihr das Geld?“

„Mußt du es wissen?“

„Ja.“

„Wir haben einen bei uns, der für uns bezahlt. Du
kannst ihn aber nicht sehen.“

„Allah beschütze uns! Du meinst den Teufel!“

„Soll er kommen?“

„Nein, nein, niemals! Ich bin kein Dschesidi, ich
verstehe nicht, mit ihm zu reden! Ich würde tot sein vor
Schreck!“

„Du wirst nicht erschrecken, denn dieser Scheitan
kommt in der Gestalt eines Menschen. Da ist er schon!“

Ich hatte mich hinter dem Baume erhoben, und mit
zwei schnellen Schritten stand ich vor den beiden Offizieren. Sie fuhren entsetzt auseinander, der eine nach rechts
und der andere nach links. Da ihnen aber meine Gestalt
doch nicht ganz und gar schrecklich vorkommen mochte, so
blieben sie stehen und starrten mich wortlos an.

„Jüs Baschi,“ redete ich sie an, „ich habe alles gehört,
was ihr heute abend und heute morgen gesprochen habt.
Ihr sagtet, Scheik Adi sei ein böses Nest!“

Ein schwerer Atemzug erscholl als einige Antwort.

„Ihr sagtet, Allah möge dort die Leute zerhacken und
zerquetschen.“

„Oh, oh!“ ertönte es.

„Ihr sagtet ferner, ihr wolltet die Bösewichter, die
Buben, die Unreinen, die Unverschämten, die Hunde niederschießen und große Beute machen!“

Der Mülasim war halb tot vor Angst, und der Jüs
Baschi konnte nichts als stöhnen.

„Ihr wolltet dann befördert werden und Tabak aus
Schiras rauchen!“

„Er weiß alles!“ brachte der dicke Hauptmann angstvoll hervor.

„Ja, ich weiß alles. Ich werde euch befördern. Weißt
du, wohin?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nach Scheik Adi, zu den Unreinen und Unverschämten, die ihr töten wolltet. Jetzt sage ich zu euch das, was
ihr vorhin zu diesen beiden Männern sagtet: Ihr seid
meine Gefangenen!“

Die Soldaten konnten sich den Vorgang nicht erklären; sie standen in einem dichten Knäuel beisammen.
Der Wink, den ich bei meinen letzten Worten gab,
genügte. Die Dschesidi brachen hervor und umringten sie.
Nicht ein einziger dachte daran, Widerstand zu leisten.
Alle waren ganz verblüfft. Die Offiziere aber ahnten nun
doch den wahren Sachverhalt und griffen in den Gürtel.

„Halt, keine Gegenwehr!“ ermahnte ich sie, indem ich
den Revolver zog. „Wer zur Waffe greift, wird augenblicklich niedergeschossen!“

„Wer bist du?“ fragte der Hauptmann.

Er schwitzte förmlich. Der brave Fallstaff dauerte
mich einigermaßen, und die Don Quixote-Gestalt neben
ihm gleichfalls. Um ihre Beförderung war es nun geschehen.

„Ich bin euer Freund und wünsche deshalb, daß ihr
nicht von den Dschesidi niedergeschossen werdet. Gebt eure
Waffen ab!“

„Aber wir brauchen sie doch!“

„Wozu?“

„Wir müssen damit die Geschütze verteidigen!“

Dieser beispiellosen Naivität war nicht zu widerstehen,
ich mußte laut auflachen. Dann beruhigte ich sie:

„Seid ohne Sorgen; wir werden die Kanonen behüten!“

Es ward zwar noch einiges hin und her gesprochen,
dann aber streckten sie doch die Waffen.

„Was werdet ihr mit uns thun?“ fragte jetzt der besorgte Jüs Baschi.

„Das kommt ganz auf euer Verhalten an. Vielleicht
werdet ihr getötet, vielleicht aber auch erlangt ihr Gnade,
wenn ihr gehorsam seid.“

„Was sollen wir thun?“

„Zunächst meine Fragen der Wahrheit gemäß beantworten.“

„Frage!“

„Kommen noch mehr Truppen hinter euch?“

„Nein.“

„Ihr seid wirklich die einzigen hier?“

„Ja.“

„So ist der Miralai Omar Amed ein sehr unfähiger
Mensch. In Scheik Adi halten mehrere tausend Bewaffnete, und hier schickt er dreißig Männer mit vier Kanonen
gegen sie. Er mußte euch wenigstens einen Alai Emini
mit zweihundert Mann Infanterie als Bedeckung mitgeben. Dieser Mann hat gemeint, die Dschesidi seien so
leicht zu fangen und zu töten, wie die Fliegen. Welche
Befehle hat er euch gegeben?“

„Wir sollen die Geschütze unbemerkt bis an das Wasser
schaffen.“

„Und dann?“

„Und dann an demselben aufwärts gehen, bis eine
halbe Stunde vor Scheik Adi.“

„Weiter!“

„Dort sollen wir warten, bis er uns einen Boten
sendet. Darauf müssen wir bis zum Thale vorrücken und
die Dschesidi mit Kugeln, Kartätschen und Granaten beschießen.“

„Das Vorrücken ist euch gestattet; ihr werdet sogar
noch weiter kommen als nur bis zum Eingange des Thales.
Das Schießen aber werden andere übernehmen.“

Nun es einmal geschehen war, ergaben sich die Türken
als echte Fatalisten ganz ruhig in ihr Schicksal. Sie
mußten zusammentreten und wurden von den Dschesidi
eskortiert. Die Geschützstücke waren auf die Maultiere
geladen worden und folgten unter Bedeckung. Natürlich
machten wir uns wieder beritten, als wir bei den Pferden
ankamen.

Eine halbe Stunde vor dem Thale von Scheik Adi
ließ ich die Kanonen unter dem Schutze von zwanzig Mann
zurück. Es geschah dies um des Boten willen, welcher
von dem Miralai erwartet wurde.

Gleich an dem Eingange zum Thale trafen wir auf
eine bedeutende Menschenmenge. Das Gerücht von unserer
kleinen Expedition hatte sich sehr bald unter den Pilgern
verbreitet, und man hatte sich hier versammelt, um das
Ergebnis so bald wie möglich zu vernehmen. Infolgedessen war auch jedwedes Schießen im Thale eingestellt
worden, sodaß nun eine tiefe Stille herrschte. Man
wollte die Schüsse hören, falls es zwischen uns und den
Türken zu einem ernstlichen Kampfe kommen sollte.

Der erste, welcher mir entgegenkam, war Ali Bey.

„Endlich kommst du,“ rief er sichtlich erleichtert;
dann setzte er besorgt hinzu: „aber ohne Kanonen! Und
auch Leute fehlen!“

„Es fehlt kein Mann, und auch kein einziger ist verwundet.“

„Wo sind sie?“

„Bei Halef und Selek draußen bei den Geschützen,
die ich zurückgelassen habe.“

„Warum?“

„Dieser Jüs Baschi hat mir erzählt, daß der Miralai
an die Stelle, wo die Kanonen stehen, einen Boten senden
werde. Sie sollen dann vorrücken und Scheik Adi mit
Vollkugeln, Kartätschen und Granaten beschießen. Hast
du Leute, welche ein Geschütz zu bedienen verstehen?“

„Genug!“

„So sende sie hinaus. Sie mögen mit den Türken
die Kleidung wechseln, den Boten gefangen nehmen und
dann sofort einen Schuß lösen. Dies wird für uns das
sicherste Zeichen sein, daß der Feind nahe ist, und diesen
selbst wird es zu einem übereilten Angriff verleiten. Was
thust du mit den Gefangenen?“

„Ich schicke sie fort und lasse sie bewachen.“

„Im Thale Idiz?“

„Nein. Diesen Ort darf keiner sehen, der nicht ein
Dschesidi ist. Aber es giebt eine kleine Schlucht, in der
es möglich ist, die Gefangenen nur durch wenige Leute
festzuhalten. Komm!“

In seinem Hause erwartete mich ein sehr reichliches
Nachtessen, wobei mich seine Frau bediente. Er selbst war
nicht zugegen, denn er mußte die Umkleidung der Gefangenen beaufsichtigen, welche dann abgeführt wurden.
Diejenigen, welche die Uniformen der Türken erhielten,
waren geschulte Kanoniere und rückten bald ab, um sich
zu den Geschützen zu begeben.

Die Sterne begannen bereits zu erbleichen, als Ali
Bey zu mir kam.

„Bist du bereit, aufzubrechen, Emir?“

„Wohin?“

„Nach dem Thale Idiz.“

„Erlaube, daß ich hier bleibe!“

„Du willst mitkämpfen?“

„Nein.“

„Dich uns nur anschließen, um zu sehen, ob wir
tapfer sind?“

„Ich werde mich euch auch nicht anschließen, sondern
hier in Scheik Adi bleiben.“

„Herr, was denkst du!“

„Ich denke, daß dies das Richtige sein wird.“

„Man wird dich töten!“

„Nein. Ich stehe unter dem Schutze des Großherrn
und des Mutessarif.“

„Aber du bist unser Freund; du hast die Artilleristen
gefangen genommen; das wird dir das Leben kosten!“

„Wer wird das den Türken erzählen? Ich bleibe
hier mit Halef und dem Baschi-Bozuk. So kann ich für
euch vielleicht mehr thun, als wenn ich in euren Reihen
kämpfe“

„Du magst recht haben, Emir; aber wenn wir
schießen, kannst auch du verwundet oder vielleicht gar getötet werden!“

„Das glaube ich nicht, denn ich werde mich hüten,
mich euern Kugeln auszusetzen.“

Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat herein.
Er gehörte zu den Posten, welche Ali Bey ausgestellt hatte.

„Herr,“ meldete er ihm, „wir haben uns zurückgezogen, denn die Türken sind bereits in Baadri. In einer
Stunde sind sie hier.“

„Kehre zurück und sage den Deinen, daß sie immer
in der Nähe der Türken bleiben, sich aber von ihnen nicht
sehen lassen sollen!“

Wir gingen vor das Haus. Die Frauen und Kinder
zogen an uns vorüber und verschwanden hinter dem Heiligtume. Da kam ein zweiter Bote atemlos gelaufen und
meldete:

„Herr, die Türken haben Kaloni längst verlassen und
marschieren durch die Wälder. In einer Stunde können
sie hier sein.“

„Postiert euch jenseits des ersten Thales und zieht
euch, wenn sie kommen, zurück. Die Unserigen werden
euch oben erwarten!“

Der Mann kehrte zurück, und der Bey entfernte sich
auf einige Zeit. Ich stand am Hause und sah auf die
Gestalten, die an mir vorüberzogen. Als die Frauen
und Kinder vorbei waren, schlossen sich ihnen lange Reihen
von Männern an, zu Fuße und zu Pferde; aber sie verschwanden nicht hinter dem Heiligtume, sondern erstiegen
die nach Baadri und Kaloni gelegenen Höhen, um den
Türken das Thal freizugeben. Es war ein eigentümliches
Gefühl, das ich beim Anblick dieser dunklen Gestalten
empfand. Ein Licht nach dem andern wurde ausgeblasen;
eine Fackel nach der andern erlosch, und nur das Grabmal
mit seinen beiden Türmen streckte seine flammende Doppelzunge noch immer zum Himmel empor. Ich war allein
hier. Die Angehörigen des Bey waren fort; der Buluk
Emini schlief droben auf der Plattform, und Halef war
noch nicht zurück. Da aber hörte ich den Galopp eines
Pferdes. Halef sprengte heran. Als er absaß, erdröhnten
von unten herauf zwei starke, krachende Schläge.

„Was war das, Halef?“

„Die Bäume stürzen. Ali Bey hat befohlen, sie zu
fällen, um unten das Thal zu schließen und die Kanonen
gegen einen Angriff der Türken zu schützen.“

„Das ist klug gehandelt! Wo sind die andern von
den zwanzig?“

„Sie mußten auf Befehl des Bey bei den Geschützen
zurückbleiben, und er hat außerdem noch dreißig andere
Männer zu ihrer Bedeckung beordert.“

„Also zusammen fünfzig Mann. Diese könnten schon
einen Angriff aushalten.“

„Wo sind die Gefangenen?“ fragte Halef.

„Bereits fort unter Aufsicht.“

„Und diese Männer hier ziehen schon zum Kampfe?“

„Ja.“

„Und wir?“

„Bleiben hier zurück. Ich bin begierig, die Gesichter
der Türken zu sehen, wenn sie bemerken, daß sie in die
Falle geraten sind.“

Dieser Gedanke schien Halef zu befriedigen, sodaß
er nicht über unser Hierbleiben murrte. Er mochte sich
auch sagen, daß dieses Bleiben wohl gefährlicher sei, als
der Anschluß an die Streiter.

„Wo ist Ifra?“ fragte Halef noch.

„Er schläft auf der Plattform.“

„Er ist eine Schlafmütze, Sihdi, und darum wird
ihm sein Hauptmann den Esel gegeben haben, welcher die
ganze Nacht hindurch schreit. Weiß er bereits etwas von
dem, was geschehen wird?“

„Ich glaube nicht. Er soll auch nicht wissen, wie
weit wir dabei beteiligt waren; verstehst du?“

Da kam Ali Bey noch einmal zurück, um sein Pferd
zu holen. Er machte mir noch allerlei Vorstellungen,
die aber nichts fruchteten, und so war er gezwungen,
mich zu verlassen. Er that dies mit dem herzlichsten
Wunsche, daß mir nichts Böses geschehen möge, und versicherte wiederholt, er würde alle fünfzehnhundert Türken
niederschießen lassen, wenn ich von ihnen ein Leid erdulden
müsse. Zuletzt bat er mich, das große weiße Tuch, das
in der Stube hing, auf die Plattform des Hauses,
die er von der Höhe ganz gut überblicken konnte, zu
legen, zum Zeichen, daß ich mich wohl befinde. Sollte
das Tuch fortgenommen werden, so werde er schließen,
daß ich mich in Gefahr befinde, und werde sofort dem gemäß handeln.

Nun stieg er auf und ritt davon, der letzte von all
den Seinen.

Der Tag begann zu grauen; der Himmel lichtete sich,
und wenn man zu ihm emporblickte, vermochte man bereits
die einzelnen Aeste der Bäume zu unterscheiden. Droben
an der gegenüberliegenden Thalwand verhallten die Hufschläge von Ali Beys Pferd. Ich war nun, da auch mein
Dolmetscher mich verlassen mußte, mit den beiden Dienern
ganz allein in jenem viel besprochenen Thale eines geheimnisvollen und auch jetzt mir immer noch rätselhaften Kultus. Allein? Ganz allein? War es wirklich so, oder
hörte ich nicht Schritte dort in dem kleinen, El Schems
geweihten Hause?

Eine lange, weiße Gestalt trat hervor und blickte sich
um. Da sah sie mich und kam auf mich zu. Ein langer,
schwarzer Bart hing ihr über die Brust herab, während
das Haupthaar schneeweiß über den Rücken wallte. Es
war Pir Kamek; ich erkannte ihn jetzt.

„Du noch hier?“ fragte er, als er vor mir stand, mit
beinahe harter Stimme. „Wann folgest du den andern nach?“

„Ich bleibe hier.“

„Du bleibst? Warum?“

„Weil ich euch hier mehr nützen kann, als auf andere
Weise.“

„Das ist möglich, Emir; aber dennoch solltest du
gehen!“

„Ich richte dieselbe Frage an dich: Wann gehest du
den andern nach?“

„Ich bleibe!“

„Warum?“

„Hast du dort den Scheiterhaufen nicht gesehen?“
antwortete er finster. „Er hält mich zurück.“

„Warum er?“

„Weil es nun an der Zeit ist, das Opfer zu bringen,
wegen dessen ich ihn errichten ließ.“

„Die Türken werden dich ja stören!“

„Sie werden mir sogar das Opfer bringen, und ich
werde heute den wichtigsten Tag meines Lebens feiern.“

Fast wollte es mir unheimlich werden bei dem Klange
dieser hohlen, tiefen Stimme. Ich überwand jedoch dieses
Gefühl und fragte:

„Wolltest du nicht heute noch mit mir über dein Buch
sprechen, welches mir Ali Bey geliehen hatte?“

„Kann es dir Freude machen und Nutzen bringen?“

„Gewiß!“

„Emir, ich bin ein armer Priester; nur dreierlei gehört mir: mein Leben, mein Kleid und das Buch, von
dem du redest. Mein Leben bringe ich dem Reinen, dem
Mächtigen, dem Erbarmenden zurück, der mir es geliehen
hat; mein Kleid überlasse ich dem Elemente, in welchem
auch mein Leib begraben wird, und das Buch schenke ich
dir, damit dein Geist mit dem meinigen sprechen könne,
wenn Zeiten, Länder, Meere und Welten uns voneinander
trennen.“

War dies nur eine blumige, orientalische Ausdrucksweise, oder sprach aus ihm wirklich die Ahnung eines
nahen Todes? Es überlief mich ein Schauder, den ich
nicht abschütteln konnte.

„Pir Kamek, deine Gabe ist groß; fast kann ich sie
nicht annehmen!“

„Emir, ich liebe dich. Du wirst das Buch erhalten,
und wenn dein Blick auf die Worte fällt, die meine
Hand geschrieben hat, so denke an das letzte Wort, welches diese Hand schreiben wird in das Buch, darinnen
verzeichnet steht die blutige Geschichte der Dschesidi, der
Verachteten und Verfolgten.“

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn umarmen.

„Ich danke dir, Pir Kamek! Auch ich liebe dich, und
wenn ich dein Buch öffne, so wird vor mich treten deine
Gestalt, und ich werde hören alle Worte deines Mundes,
die du zu mir gesprochen hast. Jetzt aber solltest du Scheik
Adi verlassen, denn noch ist es nicht zu spät!“

„Sieh dort das Heiligtum, in welchem Der begraben
liegt, welcher verfolgt und getötet wurde. Er ist nie geflohen. Steht nicht auch in deinem Kitab, daß man sich
nicht fürchten soll vor jenen, die nur den Leib töten können? Ich bleibe hier, da ich weiß, daß die Osmanly mir
nicht zu schaden vermögen. Und wenn sie mich töteten,
was wäre es? Muß nicht der Tropfen emporsteigen zur
Sonne? Stirbt nicht El Schems, die Glänzende, täglich,
um auch täglich wieder aufzuerstehen? Ist nicht der Tod
der Eingang in eine lichtere, in eine reinere Welt? Hast
du jemals gehört, daß ein Dschesidi von einem andern
sagt, daß er gestorben sei? Er sagt nur, daß er verwandelt sei; denn es giebt weder Tod noch Grab, sondern
Leben, nichts als Leben. Darum weiß ich auch, daß ich
dich einst wiedersehen werde!“

Nach diesen Worten schritt er schnell davon und kam
hinter der Außenmauer des Grabmales außer Sicht.

Ich trat in das Gebäude und ging nach der Plattform. Droben vernahm ich Stimmen. Halef und Ifra
redeten miteinander.

„Ganz allein?“ hörte ich den letzteren fragen.

„Ja.“

„Wohin sind die andern, die vielen, die Tausende?“

„Wer weiß es!“

„Aber warum sind sie fort?“

„Sie sind geflohen.“

„Vor wem?“

„Vor euch.“

„Vor uns? Hadschi Halef Omar, ich verstehe nicht,
was du sagest!“

„So will ich dir es deutlicher sagen: Sie sind geflohen vor deinem Mutessarif und vor deinem Miralai
Omar Amed.“

„Aber warum denn?“

„Weil der Miralai kommt, um Scheik Adi zu überfallen.“

„Allah akbar, Gott ist groß, und die Hand des
Mutessarif ist mächtig! Sage mir, ob ich bei unserem
Emir bleiben darf, oder ob ich unter dem Miralai kämpfen
muß!“

„Du mußt bei uns bleiben.“

„Hamdullilah, Preis und Dank sei Allah, denn es
ist gut sein bei unserm Emir, den ich zu beschützen habe!“

„Du? Wann hast du ihn denn beschützt?“

„Stets, so lange er unter meinem Schirme wandelt!“

Halef lachte und erwiderte:

„Ja, du bist der Mann dazu! Weißt du, wer der
Beschützer des Emir ist?“

„Ich!“

„Nein, ich!“

„Hat ihn nicht der Mutessarif selbst in meine Obhut
gegeben?“

„Hat er sich nicht selbst unter meinen Schutz begeben? Und wer gilt da mehr, der Sihdi oder dein Nichtsnutz von Mutessarif?“

„Halef Omar, hüte deine Zunge! Wenn ich dieses
Wort dem Mutessarif sage!“

„Glaubst du, ich werde mich dann vor ihm fürchten?
Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas
Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!“

„Und ich heiße Ifra, gehöre zu den tapfern Baschi-Bozuk des Großherrn und wurde für meine Heldenthaten
zum Buluk Emini ernannt! Für dich sorgt nur eine
Person, für mich aber sorgt der Padischah und der ganze
Staat, den man den osmanischen nennt!“

„Ich möchte wirklich wissen, welchen Vorteil du von
dieser Fürsorge hast!“

„Welchen Vorteil? — Ich will es dir auseinandersetzen! Ich erhalte einen Monatssold von fünfunddreißig
Piastern und täglich zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch,
drei Lot Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz, anderthalb
Lot Zuthaten nebst Seife, Oel und Stiefelschmiere!“

„Und dafür verrichtest du Heldenthaten?“

„Ja, sehr viele und sehr große!“

„Die möchte ich sehen!“

„Was? Du glaubst das nicht! Wie bin ich da zum
Beispiel um meine Nase gekommen, welche ich nicht mehr
habe! Das war nämlich bei einem Streite zwischen den
Drusen und Maroniten des Dschebel Libanon. Wir wurden hingeschickt, um Ruhe und Achtung der Gesetze zu
erkämpfen. In einer dieser Schlachten schlug ich wie
wütend um mich herum. Da holte ein Feind nach meinem
Kopfe aus. Ich wollte ausweichen und trat zurück und
nun traf der Hieb statt meinen Kopf meine Na— — —
oooh — aaah — — was war das?“

„Ja, was war das? Ein Kanonenschuß!“

Halef hatte recht; es war ein Kanonenschuß, der den
kleinen Buluk Emini um den Schluß seiner interessanten
Erzählung gebracht hatte. Das war jedenfalls der Signalschuß, den unsere Artilleristen abgegeben hatten, um uns
anzuzeigen, daß der Adjutant des Miralai von ihnen gefangen genommen worden sei. Die beiden Diener kamen
sofort von oben herunter geeilt.

„Sihdi, man schießt!“ rief Halef, nach den Hähnen
seiner Pistolen sehend.

„Mit Kanonen!“ fügte Ifra hinzu.

„Schön! Holt die Tiere herein und schafft sie nach
dem innern Hof!“

„Auch meinen Esel?“

„Ja. Dann schließt ihr die Thür!“

Ich selbst holte den weißen Shawl und breitete ihn
oben auf der Plattform aus. Dann ließ ich mir einige
Decken kommen und legte mich in der Weise darauf, daß
ich von unten nicht bemerkt werden konnte. Die beiden
Diener nahmen später unweit von mir Platz.

Es war mittlerweile so licht geworden, daß man
ziemlich deutlich sehen konnte. Der Nebel wallte bereits
im Thale auf; aber noch immer brannten die Lichter und
Flammen des Heiligtums, ein Anblick, der dem Auge wehe
zu thun begann.

So vergingen fünf, ja zehn erwartungsvolle Minuten.
Da hörte ich drüben am Abhange ein Pferd wiehern, noch
eins, und dann antwortete ein drittes hüben von der
andern Seite. Es war klar: die Truppen rückten zu
gleicher Zeit an beiden Seiten in das Thal hernieder.
Die Befehle des Miralai wurden mit großer Pünktlichkeit
befolgt.

„Sie kommen!“ meinte Halef.

„Ja, sie kommen!“ bestätigte Ifra. „Herr, wenn sie
uns nun für Dschesidi halten und auf uns schießen?“

„Dann lässest du deinen Esel hinaus, an welchem sie
dich sofort erkennen werden!“

Kavallerie war jedenfalls nicht dabei; die Pferde,
welche gewiehert hatten, waren Offizierspferde. Man hätte
das Pferdegetrappel hören müssen. Nach und nach aber
ließ sich ein Geräusch bemerken, das immer hörbarer
wurde. Es war der Tritt vieler Menschen, die näher
kamen.

Endlich ertönten Stimmen von dem Grabmale her,
und zwei Minuten später vernahmen wir den Marschschritt einer geschlossenen Kolonne. Ich erhob den Kopf
und schaute hinab. Es waren vielleicht zweihundert
Arnauten, prächtige Gestalten mit wilden Angesichtern,
angeführt von einem Alai Emini und zwei Hauptleuten.
Sie zogen in geschlossenen Gliedern das Thal hinab.
Hinter ihnen aber kam eine Bande Baschi-Bozuk, die
sich nach rechts und links zerstreute, um die unsichtbaren
Bewohner des Thales aufzusuchen. Dann folgte eine kleine
Kavalkade von lauter Offizieren: zwei Jüs Baschi, zwei
Alai Emini, zwei Bimbaschi, ein Kaimakam,
mehrere Kol Agassi und an der Spitze der Truppe ein
langer, hagerer Mensch, mit einem außerordentlich grob
zugehackten Gesichte, in der reichen, von Gold strotzenden
Uniform eines Regimentskommandeurs.

„Das ist der Miralai Omar Amed!“ meinte Ifra
in achtungsvollem Tone.

„Wer ist der Civilist an seiner Seite?“ fragte ich.

An der Seite des Obersten nämlich ritt ein Mann,
dessen Züge höchst auffällig waren. Ich weiß, daß man
einen Menschen nicht mit einem Wesen aus dem Tierreiche vergleichen soll; aber es giebt wirklich menschliche
Physiognomien, welche ganz unwillkürlich an bestimmte
Tiere erinnern. Ich habe Gesichter gesehen, die etwas
Affen-, Bullenbeißer- und Katzenartiges hatten; ich habe
bei gewissen Gesichtsschnitten sofort an einen Ochsen, einen
Esel, eine Eule, ein Wiesel, ein Rüsseltier oder einen
Fuchs oder Bären denken müssen. Mag man nun Phrenolog und Physiognomiker sein oder nicht, man wird doch
bald bemerken, daß auch die Haltung, der Gang, die Ausdrucksweise, das ganze Thun und Treiben eines solchen
Menschen eine gewisse Aehnlichkeit mit der Art und Weise
des Tieres besitzt, an das man durch die Physiognomie
erinnert wurde. Das Gesicht des Mannes nun, den ich
jetzt sah, hatte etwas Raubvogelähnliches; es war ganz
das eines Stößers.

„Es ist der Makredsch von Mossul, der Vertraute
des Mutessarif,“ antwortete der Buluk Emini.

Was wollte, oder was sollte dieser Makredsch mit
den Truppen hier? Ich konnte meinen Vermutungen
darüber nicht nachhängen, denn jetzt ertönte plötzlich ein
Kanonenschuß und noch einer. Ein wirres Heulen,
Schreien und Rufen erscholl, und dann hörte ich ein
Stampfen, als ob viele Menschen im Galoppe herbeigesprungen kämen. Die Kavalkade hatte grad unter meinem
Beobachtungsposten angehalten.

„Was war das?“ rief der Miralai.

„Zwei Kanonenschüsse!“ antwortete der Makredsch.

„Sehr richtig!“ bemerkte der Oberst spöttisch. „Ein
Offizier wäre wohl schwerlich auf diese Antwort gekommen. Aber, Allah, was ist das!“

Die Arnauten, welche soeben erst vorüber marschiert
waren, kamen in größter Unordnung und schreiend zurückgeflohen; viele unter ihnen blutig und zerfetzt, alle aber
von höchstem Schreck ergriffen.

„Halt!“ donnerte der Oberst. „Was ist geschehen?“

„Man hat mit Kartätschen auf uns geschossen. Der
Alai Emini ist tot und ebenso einer der Hauptleute; der
andere liegt verwundet dort.“

„Allah onlari boza-uz — Allah vernichte sie! Auf
ihre eigenen Leute zu feuern! Ich lasse sie alle totpeitschen.
Nasir Agassi, reite vor und kläre diese Hunde auf!“

Dieser Befehl war an einen der Kol Agassi gerichtet,
die sich in seinem Gefolge befanden. Es war derselbe,
den ich am Bache von Baadri überrascht und dem ich
dann wieder zu seiner Freiheit verholfen hatte. Er gab
seinem Pferde die Sporen, kehrte aber in kürzester Zeit
wieder zurück.

„Herr, es sind nicht die Unserigen, sondern es sind
Dschesidi, welche geschossen haben. Sie ließen mich herankommen und riefen es mir zu.“

„Wo sind unsere Geschütze?“

„Die befinden sich in ihren Händen; mit ihnen haben
sie geschossen; sie haben die Geschütze heute nacht dem Jüs
Baschi abgenommen.“

Der Oberst stieß einen fürchterlichen Fluch hervor.

„Dieser Halunke soll es mir büßen! Wo ist er?“

„Gefangen mit allen seinen Leuten.“

„Gefangen? Mit allen? Also ohne sich gewehrt zu
haben!“

Er stieß seinem Pferde vor Wut die Sporen so in
die Weichen, daß es kerzengerade emporstieg, dann fragte
er weiter:

„Wo sind die Dschesidi, die Teufelsmänner, diese
Giaurs unter den Giaurs? Ich wollte sie fangen, peitschen,
töten, aber keiner läßt sich sehen! Sind sie verschwunden?
Man wird sie finden. Vorher aber holt mir die Geschütze
zurück! Die von Diarbekir haben sich geschlossen. Vorwärts mit ihnen, und dann die Hunde von Kjerkjuk
hinterher!“

Der Kol Agassi sprengte zurück, und sofort setzten
sich die Infanteristen von Diarbekir in Bewegung. Der
Oberst ging mit seinem Stab zur Seite. Sie marschierten
an ihm vorüber. Weiter konnte ich nichts sehen, da das
Thal eine Wendung machte; aber kaum war eine Minute
vorüber, so dröhnte ein Kanonenschuß, ein zweiter, dritter
und vierter, und dann erfolgte ganz dieselbe Scene wie
vorher: die Verschonten und Leichtverwundeten kamen
zurückgeflohen, indem sie die Toten und Schwerverwundeten
hinter sich ließen. Der Oberst ritt mitten unter sie hinein
und züchtigte sie mit der flachen Klinge seines Säbels.

„Steht, ihr Feiglinge; steht, sonst schicke ich euch mit
eigener Hand in die Dschehennah! Agassi, die Dragoner
herunter!“

Der Adjutant eilte davon. Die Flüchtigen sammelten
sich, und viele der Baschi-Bozuk kamen herbei, um zu
melden, daß sie alle Gebäude leer gefunden hätten.

„Zerstört die Nester, brennt alles nieder und sucht
mir Spuren. Ich muß wissen, wo diese Ungläubigen hingekommen sind!“

Jetzt war es Zeit für mich, wenn ich überhaupt hier
etwas nützen sollte.

„Halef, wenn mir etwas Uebles geschieht, so nimmst
du dieses weiße Tuch hinweg. Es ist ein Zeichen für Ali
Bey!“

Nach diesen Worten richtete ich mich empor und
wurde sofort bemerkt.

„Ah,“ rief der Miralai, „da ist ja einer! Komm
herunter, du Sohn eines Hundes; ich will Auskunft
haben!“

Ich nickte und trat zurück.

„Halef, du verschließest die Thüre hinter mir und
lässest ohne meine Erlaubnis niemand ein. Wenn ich
deinen Namen rufe, öffnest du sofort!“

Ich nahm ihn mit hinab und trat vor das Haus;
die Thüre schloß sich hinter mir. Sofort hatten die Offiziere einen Kreis um mich gebildet.

„Wurm, der du bist, antworte auf meine Fragen,
sonst lasse ich dich schlachten!“ befahl mir der Oberst.

„Wurm?“ fragte ich ruhig. „Nimm und lies!“

Er blitzte mich wütend an, ergriff aber doch den großherrlichen Ferman. Als er das Siegel erblickte, drückte
er das Pergament an seine Stirn, aber nur leicht und
beinahe verächtlich, und überflog den Inhalt.

„Du bist ein Franke?“

„Ein Nemtsche.“

„Das ist gleich! Was thust du hier?“

„Ich kam, um die Gebräuche der Dschesidi zu studieren,“ antwortete ich, indem ich den Paß wieder in
Empfang nahm.

„Wozu das! Was geht mich dieses Bu-djeruldi an!
Warst du in Mossul beim Mutessarif?“

„Ja.“

„Hast du von ihm die Erlaubnis, hier zu sein?“

„Ja. Hier ist sie.“

Ich reichte ihm das zweite Blatt entgegen; er las
es und gab es mir wieder.

„Das ist richtig: aber — — —“

Er hielt inne, denn es prasselte jetzt drüben am Abhange ein sehr kräftiges Gewehrfeuer los, und zu gleicher
Zeit vernahmen wir den Hufschlag schnell gehender Pferde.

„Scheïtan! Was ist das da oben?“

Diese Frage war halb an mich gerichtet; daher antwortete ich:

„Es sind die Dschesidi. Du bist umzingelt, und jeder
Widerstand ist vergebens.“

Er richtete sich im Sattel auf.

„Hund!“ brüllte er mich an.

„Laß dieses Wort, Miralai! Sagst du es noch einmal, so gehe ich!“

„Du bleibst!“

„Wer will mich halten? Ich werde dir jede Auskunft
erteilen, aber wisse, daß ich nicht gewohnt bin, mich unter
einen Miralai zu stellen. Ich habe dir gezeigt, unter
welchem Schutze ich stehe, und sollte dies nicht helfen, so
weiß ich mich selbst zu schützen!“

„Ah!“

Er erhob die Hand, um nach mir zu schlagen.

„Halef!“

Mit diesem lauten Rufe drängte ich mich zwischen
die Pferde hindurch; die Thüre öffnete sich, und kaum
hatte ich sie hinter mir zugeschoben, so knirschte die Kugel
einer Pistole im Holze. Der Miralai hatte auf mich
geschossen.

„Das galt dir, Sihdi!“ meinte Halef besorgt.

„Komm herauf!“

Noch während wir die Treppe erstiegen, vernahmen
wir draußen ein wirres Rufen, untermischt mit Rossegestampf, und als ich oben anlangte, sah ich die Nachhut
der Dragoner hinter der Krümmung des Thales verschwinden. Es war der reine Wahnsinn, sie gegen die Geschütze
zu jagen, die nur durch einen Schützenangriff von den
Seiten des Berges aus hätten zum Schweigen gebracht
werden können. Der Miralai war sich über seine Situation ja gar nicht klar, und ein Glück war es für ihn,
daß Ali Bey das Leben der Menschen schonen wollte;
denn droben am Heiligtume und auf den Pfaden bis zur
halben Höhe des Berges standen die Türken so dicht, daß
jede Kugel der Dschesidi ein oder gar mehrere Opfer finden
mußte.

Da erdröhnte der Donner der Kanonen von neuem.
Die Kartätschen und Granaten mußten, wenn gut gerichtet
war, eine fürchterliche Verwüstung unter den Reitern
hervorbringen, und dies bestätigte sich nur gar zu bald;
denn der ganze untere Teil des Thales bedeckte sich mit
fliehenden Reitern, laufenden Dragonern und reiterlosen
Pferden.

Jetzt war der Miralai ganz steif vor Wut und Entsetzen; aber es mochte ihm dabei die Erkenntnis kommen,
daß er anders zu handeln habe. Er bemerkte meinen
Kopf, der nach unten schaute, und winkte mir. Ich erhob mich wieder.

„Komm herab!“

„Wozu?“

„Ich habe dich zu fragen.“

„Und auf mich zu schießen?“

„Es galt nicht dir!“

„Nun wohl, so frage! Ich werde dir von oben antworten; du hörst dann meine Worte ebenso deutlich, als
wenn ich bei dir stünde. Aber“ — und dabei gab ich
Halef, der mich sofort verstand, einen Wink — „aber
siehst du diesen Mann? Er ist mein Diener; er hat die
Büchse in der Hand und zielt auf dich. Sobald sich eine
einzige Waffe gegen mich erhebt, erschießt er dich, Miralai, und dann werde ich grad so sagen wie du, nämlich:
Es galt nicht dir!“

Halef kniete hart am Rande der Plattform und hielt
seine Büchse auf den Kopf des Obersten gerichtet. Dieser
wechselte die Farbe, ob vor Angst oder vor Wut, das
weiß ich nicht.

„Thut das Gewehr fort!“ rief er.

„Es bleibt!“

„Mensch, ich habe fast zweitausend Soldaten hier;
ich kann dich zermalmen!“

„Und ich habe diesen einen bei mir; ich kann dich
mit einem Winke zu deinen Vätern senden!“

„Die Meinen würden mich fürchterlich rächen!“

„Es würden viele von ihnen zu Grunde gehen, ehe
es ihnen gelänge, in dieses Haus zu dringen. Uebrigens ist
das Thal von viertausend Kriegern umschlossen, denen es ein
Leichtes ist, euch innerhalb einer halben Stunde aufzureiben.“

„Wie viele, sagst du?“

„Viertausend. Schau hinauf auf die Höhen! Siehst
du nicht Kopf an Kopf? Dort steigt ein Mann hernieder,
der mit seinem weißen Turbantuche weht. Es ist gewiß
ein Bote des Bey von Baadri, der mit dir verhandeln
soll. Gewähre ihm ein sicheres Geleite und empfange ihn
der Sitte gemäß; das wird zu deinem Besten dienen!“

„Ich brauche deine Lehren nicht. Die Rebellen sollen
nur kommen! Wo sind die Dschesidi alle?“

„Laß dir erzählen! Ali Bey hörte, daß du die Pilger
überfallen solltest. Er sandte Boten aus und ließ die
Truppen aus Mossul, Diarbekir und Kjerkjuk beobachten.
Die Frauen und Kinder wurden in Sicherheit gebracht.
Er stellte deinem Anzuge nichts in den Weg, aber er verließ das Thal und schloß dasselbe ein. Er ist dir weit
überlegen an Anzahl der Krieger und auch in Beziehung
auf das Terrain. Er befindet sich in Besitz deiner Artillerie
mit ihrer ganzen Munition. Du bist verloren, wenn du
nicht freundlich mit seinem Abgesandten verhandelst!“

„Ich danke dir, Franke! Ich werde erst mit ihm
verhandeln und dann auch mit dir. Du hast das Budjeruldi des Großhern und den Ferman des Mutessarif
und machst doch gemeinschaftliche Sache mit ihren Feinden. Du bist ein Verräter und wirst deine Strafe finden!“

Da drängte Nasir Agassi, der Adjutant, sein Pferd
zu ihm heran und sagte ihm einige Worte. Der Oberst
deutete auf mich und fragte:

„Dieser wäre es gewesen?“

„Er war es. Er gehört nicht zu den Feinden; er ist
zufällig ihr Gast und hat mir das Leben gerettet.“

„So werden wir weiter darüber reden. Jetzt aber
kommt in jenes Gebäude!“

Sie ritten nach dem Tempel der Sonne, stiegen vor
demselben ab und traten ein.

Mittlerweile war der Parlamentär, von Fels zu
Fels springend, in grader Linie herab in das Thal und
über den Bach herübergekommen. Er trat auch in den
Tempel ein. Kein Schuß fiel; es herrschte Ruhe, und nur
der Schritt der Soldaten ertönte, welche sich von dem
oberen Teile des Thales, wo sie sich zu sehr bloßgestellt
sahen, mehr nach unten ausbreiteten.

Wohl über eine halbe Stunde verging. Da trat der
Parlamentär wieder in das Freie, aber nicht allein, sondern er wurde — geführt. Man hatte ihn gebunden. Der
Miralai, welcher auch am Eingange des Gebäudes erschien, blickte sich um, sah den Scheiterhaufen und deutete
auf denselben. Es wurden zehn Arnauten herbeigerufen;
diese nahmen den Mann in ihre Mitte und schleppten ihn
zum Holzstoß. Während mehrere ihn hielten, griffen die
andern nach ihren Gewehren — er sollte erschossen werden.

„Halt!“ rief ich zum Obersten hinüber. „Was willst
du thun? Er ist ein Abgesandter, also eine unverletzliche
Person!“

„Er ist ein Rebell, wie du. Erst er, dann du; denn
nun wissen wir, wer die Artilleristen überfallen hat!“

Er winkte; die Schüsse krachten; der Mann war tot.
Da aber geschah etwas, was ich nicht erwartet hatte:
durch die Soldaten drängte sich ein Mann. Es war der
Pir Kamek. Er erreichte den Scheiterhaufen und kniete
bei dem Toten nieder.

„Ah, ein zweiter!“ rief der Oberst und schritt hinzu.
„Erhebe dich und antworte mir!“

Weiter konnte ich nichts hören, denn die Entfernung
wurde zu groß. Ich sah nur die feierlichen Gesten des
Pir und die zornigen des Miralai. Dann bemerkte ich,
daß der erstere die Hände in den Haufen steckte, und
einige Sekunden später züngelte eine Flamme blitzschnell
an demselben empor. Eine Ahnung durchzuckte mich. Großer
Gott, sollte er ein solches Opfer, eine solche Strafe, eine
solche Rache an dem Mörder seiner Söhne und seines
Weibes gemeint haben!

Er wurde ergriffen und von dem Haufen weggerissen,
aber bereits war es zu spät, die Flamme zu löschen, die
in dem Erdpeche eine furchtbare Nahrung gefunden hatte.
In der Zeit von kaum einer Minute war sie bereits zur
hellen Lohe geworden, welche hoch zum Himmel schlug.

Der Pir stand umringt und festgehalten; der Miralai
schien den Platz verlassen zu wollen. Da aber kehrte er
um und ging zu dem Priester zurück. Sie sprachen zusammen, der Oberst erregt, der Pir aber ruhig und mit
geschlossenen Augen. Doch plötzlich öffnete er sie, warf
die zwei, welche ihn hielten, von sich und packte den Oberst.
Mit der Körperkraft eines Riesen hob er ihn empor —
zwei Sprünge, und er stand vor dem Scheiterhaufen;
noch einer — sie verschwanden in der lohenden Glut, die
über ihnen zusammenschlug. Eine Bewegung im Innern
derselben ließ vermuten, daß die beiden dem Flammentode Geweihten miteinander kämpften; der eine, um sein
Leben zu retten, der andere, um ihn sterbend festzuhalten.

Es war mir, als sei ich bei der grimmigsten Winterkälte in das Wasser gestürzt. Also darum war dieser
Tag „der wichtigste seines Lebens“, wie er, der Priester,
zu mir gesagt hatte! Ja, der wichtigste Tag des Lebens
ist derjenige, an welchem man dieses Leben verläßt, um
sich den brandenden Fluten der Ewigkeit anzuvertrauen.
Also diese fürchterliche Rache an dem Miralai war das
„letzte Wort“, welches seine Hand verzeichnen sollte in
jenes Buch, darinnen verzeichnet steht die blutige Geschichte der Dschesidi, der Verachteten und Verfolgten?
Also dieses Feuer war das „Element“, in dem sein Leib
begraben werden sollte, und dem er darum auch sein Kleid
überlassen wollte?

Schrecklich! Ich schloß die Augen. Ich mochte nichts
mehr sehen, nichts mehr wissen; ich ging hinunter in die
Stube und legte mich auf das Polster, mit dem Gesicht
an die Wand. Noch einige Zeit lang war es draußen
verhältnismäßig ruhig, dann aber begann das Schießen
von neuem. Mich ging das nichts an. Wenn mir Gefahr
drohte, würde mich Halef ganz sicher benachrichtigen. Ich
sah nur die langen weißen Haare, den wallenden schwarzen
Bart und die goldblitzende Uniform in dem Brodem des
Scheiterhaufens verschwinden. Mein Gott, wie wertvoll,
wie unendlich kostbar ist ein Menschenleben, und dennoch
— dennoch — dennoch — — —!

So verging eine geraume Zeit; da hörte das Schießen
auf, und ich vernahm Schritte auf der Treppe. Halef
trat ein.

„Sihdi, du sollst auf das Dach kommen!“

„Weshalb?“

„Ein Offizier verlangt nach dir.“

Ich stand auf und begab mich wieder hinauf. Ein
einziger Blick belehrte mich über den Stand der Dinge.
Die Dschesidi hielten nicht mehr die Höhen besetzt, sie
waren vielmehr nach und nach hernieder gestiegen. Hinter
jedem Stein, hinter jedem Baum oder Strauch hielt sich
einer verborgen, um aus dieser sichern Stellung seine
Kugel zu versenden. Im untern Teile des Thales hatten
sie sogar, durch die Geschütze gedeckt, bereits die Sohle
erreicht und sich in dem Gebüsch am Bache eingenistet.
Es fehlte nur noch eins: wenn die Geschütze nur eine
kurze Strecke noch herauf avancieren, so konnten mit
einigen Salven sämtliche Türken vernichtet werden.

Vor dem Hause stand Nasir Agassi.

„Herr, wirst du noch einmal mit uns sprechen?“
fragte er.

„Was habt ihr mir zu sagen?“

„Wir wollen einen Boten zu Ali Bey senden, und
weil der Miralai, dem Allah das Paradies schenken möge“
— er deutete dabei nach dem noch immer qualmenden
Scheiterhaufen — „den Boten der Dschesidi getötet hat,
so kann keiner von uns gehen. Willst du es thun?“

„Ich will. Was soll ich sagen?“

„Der Kaimakam wird es dir befehlen. Er führt
jetzt das Kommando und ist in jenem Hause. Komm
herüber!“

„Befehlen? Euer Kaimakam hat mir nicht das mindeste zu befehlen. Was ich thue, das thue ich freiwillig.
Der Kaimakam mag kommen und mir sagen, was er mir
zu sagen hat. Dieses Haus steht ihm offen, aber nur ihm
und höchstens noch einer zweiten Person. Wer sich sonst
naht, den lasse ich niederschießen.“

„Wer ist außer dir im Hause?“

„Mein Diener und ein Kawaß des Mutessarif, ein
Baschi-Bozuk.“

„Wie heißt er?“

„Er ist der Buluk Emini Ifra.“

„Ifra? Mit seinem Esel?“

„Ja,“ lachte ich.

„So bist du der Fremdling, welcher den arnautischen
Offizieren die Bastonnade erlassen hat und die Freundschaft des Mutessarif erlangte?“

„Ich bin es.“

„So warte ein wenig, Herr! Der Kaimakam wird
gleich kommen.“

Es währte wirklich nur kurze Zeit, so trat der Kaimakam drüben aus dem Tempel und kam auf das Haus
zu. Nur der Makredsch begleitete ihn.

„Halef, öffne ihnen und führe sie in die Stube. Die
Thür schließest du wieder, und dann kehrst du hierher zurück. Sollte sich ein Unberufener dem Hause nähern, so
schießest du auf ihn!“

Ich ging hinab. Die beiden Männer traten ein.
Sie waren hohe Beamte; das durfte mich jedoch nicht
kümmern; ich empfing sie daher in sehr gemessener Haltung
und winkte ihnen nur, sich niederzulassen. Als sie dies
gethan hatten, fragte ich, ohne sie besonders willkommen
zu heißen:

„Mein Diener hat euch eingelassen. Hat er euch gesagt, wie man mich zu nennen hat?“

„Nein.“

„Man nennt mich hier Hadschi Emir Kara Ben
Nemsi. Wer ihr seid, weiß ich. Was habt ihr mir zu
sagen?“

„Du bist ein Hadschi?“ fragte der Makredsch.

„Ja.“

„Du warst also in Mekka?“

„Ja. Siehst du nicht den Kuran an meinem Halse
hangen und das kleine Fläschchen mit dem Wasser des
Zem-Zem?“

„Wir glaubten, du seist ein Giaur!“

„Seid ihr gekommen, mir dies zu sagen?“

„Nein. Wir bitten dich, in unserem Auftrage zu
Ali Bey zu gehen.“

„Werdet ihr mir sicheres Geleite geben?“

„Ja.“

„Mir und meinen Dienern?“

„Ja.“

„Was soll ich ihm sagen?“

„Daß er die Waffen strecken und zum Gehorsam
gegen den Mutessarif zurückkehren möge.“

„Und dann?“ fragte ich, neugierig, was noch kommen
werde.

„Dann soll die Buße, welche der Gouverneur über
ihn verhängt, so gnädig wie möglich sein.“

„Du bist der Makredsch von Mossul, und dieser
Mann ist Kaimakam und Befehlshaber der Truppen,
welche hier stehen. Er ist es, welcher mir seine Aufträge
zu erteilen hat, nicht aber du.“

„Ich bin bei ihm als Beauftragter des Mutessarif.“

Der Mann mit der Stößerphysiognomie warf sich
bei diesen Worten so viel wie möglich in die Brust.

„Hast du schriftliche Vollmacht?“

„Nein.“

„So giltst du hier so wenig wie jeder andere!“

„Der Kaimakam wird es mir bezeugen!“

„Nur eine schriftliche Vollmacht kann dich legitimieren,
sonst nichts. Gehe und hole dir dieselbe. Der Mutessarif
von Mossul wird nur einem Manne von Kenntnissen erlauben, ihn zu vertreten.“

„Willst du mich beleidigen?“

„Nein. Ich will nur bestätigen, daß du kein Offizier
bist, von militärischen Dingen nichts verstehst und hier
also schweigst.“

„Emir!“ rief er, indem er mir einen wütenden Blick
zuwarf.

„Soll ich dir die Wahrheit meiner Worte beweisen?
Ihr seid so eingeschlossen, daß kein einziger von euch
entkommen kann; es bedarf nur einer kleinen halben Stunde,
so seid ihr hilflos in die Erde hineingeschossen. Und bei einem
solchen Stande der Dinge soll ich dem Bey sagen, daß er die
Waffen strecken soll? Er würde mich für wahnsinnig
halten. Der Miralei, dem Allah gnädig und barmherzig
sein möge, hat fünfzehnhundert wackere Krieger durch seine
Unvorsichtigkeit in das Verderben geführt. Dem Kaimakam
fällt die ehrenvolle Aufgabe zu, sie diesem Verderben zu
entreißen; wenn ihm dies gelingt, so hat er, wie ein guter
Offizier und wie ein Held gehandelt. Mit hochtrabenden
Worten aber, hinter denen Furcht und die Heimtücke
lauern, wird es ihm nicht gelingen. Ich habe nur mit
ihm zu reden. In militärischen Angelegenheiten soll nur
ein Krieger zu bestimmen haben.“

„Und doch sollst du auch mich anhören!“

„Ich wüßte nicht, worin!“

„Es sind auch Dinge zu verhandeln, welche das Gesetz
betreffen, und ich bin ein Makredsch!“

„Sei, was du willst! Du kannst mir keine Vollmacht zeigen, und darum sind wir miteinander fertig!“

Ich hatte einen entschiedenen Widerwillen gegen diesen
Menschen, aber es wäre mir nicht eingefallen, demselben
einen so kräftigen Ausdruck zu geben, wenn er anders
aufgetreten wäre und ich nicht eine sehr deutliche Ahnung
gehabt hätte, daß er die meiste Schuld an den gegenwärtigen
Verhältnissen trage. Warum hatte sich dieser Gerichtsmensch überhaupt der Expedition angeschlossen? Doch wohl
nur, um den Dschesidi nach ihrer etwaigen Ueberwindung
auf dem Wege des moslemitischen Gesetzes die Uebermacht
der Osmanly fühlbarer zu machen.

Ich wandte mich nun an den Kaimakam:

„Was soll ich dem Bey sagen, wenn er mich fragt,
warum ihr Scheik Adi überfallen habt?“

„Weil wir uns zwei Mörder holen wollen, und
weil die Dschesidi den Haradsch nicht regelmäßig bezahlen.“

„Er wird sich über die Gründe sehr wundern. Die
Mörder müßt ihr bei euch selbst suchen; das wird er euch
beweisen, und den Haradsch konntet ihr auf einem andern
Wege erlangen. Was soll ich ihm von deinen jetzigen
Entschlüssen sagen?“

„Sage ihm, daß er mir einen Mann senden möge,
mit dem ich über die Bedingungen verhandeln kann, unter
denen ich abziehe!“

„Und wenn er mich nach der Grundlage dieser Bedingungen fragt?“

„Ich verlange im Namen des Mutessarif unsere Geschütze zurück; ich verlange für jeden unserer Toten oder
Verwundeten ein Sühnegeld; ich verlange den verweigerten
Haradsch, und ich verlange die Auszahlung einer Summe,
die ich noch bestimmen werde, als Brandschatzung.“

„Allah kehrim, Gott ist gütig! Er hat dir einen
Mund gegeben, welcher sehr gut zu fordern weiß. Du
brauchst mir weiter nichts zu sagen; es ist genug, und
das übrige magst du Ali Bey selbst mitteilen. Ich werde
sofort zu ihm gehen und euch die Antwort entweder selbst
bringen oder sie euch durch einen Boten wissen lassen.“

„Sage ihm nur noch, daß er unsere Artilleristen frei
lassen und ihnen ihren Schreck vergüten muß!“

„Ich werde ihm auch dies noch mitteilen; aber ich
befürchte, daß er von euch auch eine Vergütung der Ueberraschung verlangt, welche ihr ihm bereitet habt. Jetzt
sind wir fertig; ich werde mich aufmachen, warne euch
aber vorher noch in einer Beziehung. Wenn ihr in Scheik
Adi Schaden anrichtet, dann wird der Bey gegen euch
keine Schonung kennen.“

Ich stand auf. Sie thaten dasselbe und gingen.

Jetzt rief ich Halef und Ifra herab, welche die Tiere
satteln mußten. Dies nahm nur kurze Zeit in Anspruch.
Dann verließen wir das Haus und stiegen auf.

„Haltet hier; ich komme gleich zurück!“

Nach diesen Worten ritt ich zunächst ein Stück das
Thal hinab, um die Wirkung der Geschütze in Augenschein
zu nehmen. Sie war eine grauenhafte, doch wurde sie
dadurch gemildert, daß die Dschesidi die verwundeten
Türken aufgehoben hatten, um ihnen möglichst Hilfe angedeihen zu lassen. Wie anders wäre es wohl gewesen,
wenn den Osmanly ihr Ueberfall geglückt wäre! Ich
wandte mich ab, trotzdem mir die Sieger von ihrer Verschanzung her erfreut zuriefen, nahm Halef und Jfra auf
und ritt nun am Bache hinan, um auf dem Weg nach
Baadri zu gelangen; denn da oben auf dieser Seite mußte
ich den Bey vermuten.

Als ich an dem Tempel vorüberkam, stand der Kaimakam mit seinem Stabe vor demselben. Er winkte mir,
und ich ritt zu ihm hin.

„Sage dem Scheik noch, daß er eine Summe bezahlen
muß als Sühne für den Tod des Miralai!“

„Ich glaube sehr, daß der Makredsch von Mossul
sich große Mühe giebt, immer neue Forderungen zu entdecken, und ich vermute, daß der Bey eine sehr bedeutende
Sühne verlangen wird für seinen ermordeten Parlamentär.
Doch werde ich ihm deine Worte sagen.“

„Du hast einen Baschi-Bozuk bei dir?“

„Wie du siehst!“

„Wer hat ihn dir gegeben?“

„Der Mutessarif.“

„Brauchst du ihn noch?“

„Ja.“

„Wir brauchen ihn auch.“

„So hole dir einen Befehl vom Gouverneur. Wenn
du mir diesen vorzeigst, werde ich dir den Buluk Emini
zurückgeben!“

Ich ritt weiter und kam an lauter finsteren Gesichtern
vorüber. Gar manche Hand zuckte nach dem Dolche, aber
Nasir Agassi begleitete mich, bis ich in Sicherheit war,
dann aber nahm er Abschied.

Der Abschied war kurz, denn die Zeit drängte.

„Effendi, werden wir uns wiedersehen?“ fragte Nasir
Agassi.

„Allah weiß alles, auch dieses, wir aber nicht.“

„Du bist mein Retter; ich werde dich nie vergessen
und danke dir. Sollten wir uns einmal wiedersehen, so
sage mir dann, ob ich dir dienen kann.“

„Gott schütze dich! Vielleicht sehe ich dich einmal als
Miralai; dann möge deiner ein besseres Kismet warten,
als das des Omar Amed!“

Wir reichten einander die Hände und schieden. Auch
ihn habe ich zu einer Zeit wieder gesehen, wo ich am
wenigsten an ihn dachte.

Nur wenige Schritte weiter empor trafen wir hinter
einem Busche den ersten Dschesidi, welcher sich so weit
herangewagt hatte, um beim Wiederbeginn des Kampfes
ein sicheres Ziel zu haben. Es war der Sohn Seleks,
mein Dolmetscher.

„Emir, bist du wohl erhalten?“ rief er mir entgegen.

„Ganz wohl. Hast du das Buch des Pir Kamek
bei dir?“

„Nein. Ich habe es an einem Ort versteckt, an dem
es keinen Schaden leiden kann.“

„Aber wenn du gefallen wärest, so wäre es verloren
gewesen!“

„Nein, Effendi. Ich habe mehreren offenbart, wo es
liegt, und diese hätten dir es mitgeteilt.“

„Wo ist der Bey?“

„Oben auf der Klippe, von welcher aus man das
Thal am besten überblicken kann. Erlaube, daß ich dich
führe!“

Er nahm das Gewehr über die Schulter und schritt
voran. Wir erreichten die Höhe, und es war von Interesse, hier hinabzublicken auf die Verstecke, hinter denen
die Dschesidi standen, saßen, hockten und lagen, ganz bereit, bei dem Zeichen ihres Anführers den Kampf nun im
vollen Ernste zu beginnen. Hier kam man noch besser als
unten zu der Ueberzeugung, daß die Türken verloren wären,
wenn es ihnen nicht gelänge, mit ihren Gegnern einig zu
werden. Hier an derselben Stelle hatte ich mit Ali Bey
gestanden, als wir die vermeintlichen Sterne beobachteten,
und jetzt, nur wenige Stunden später, stand die kleine
Sekte, welche es gewagt hatte, den Kampf mit den Truppen
des Großherrn aufzunehmen, bereits als Sieger da.

Wir ritten nun links weiter, bis wir zu einem Felsen
gelangten, der sich ein weniges über den Rand des Thales
hervorstreckte. Hier saß der Bey mit seinem Stabe, welcher nur aus drei barfüßigen Dschesidi bestand. Er kam
mir erfreut entgegen.

„Ich danke dem Allgütigen, der dich gesund und unversehrt erhalten hat!“ sagte er herzlich. „Ist dir Uebles
begegnet?“

„Nein, sonst hätte ich dir das Zeichen gegeben.“

„Komm her!“

Ich stieg ab und folgte ihm auf den Felsen. Man
konnte von hier aus alles deutlich sehen, das Heiligtum,
das Haus des Bey, da unten die Batterie hinter der Verschanzung und die beiden Seitenwände des Thales.

„Siehst du die weiße Stelle auf meinem Hause?“
fragte er.

„Ja. Es ist der Shawl.“

„Wäre er verschwunden, so hätte ich ein Zeichen gegeben, und fünfhundert meiner Leute wären Sturm hinabgelaufen, unter dem Schutze der Kanonen, welche den Feind
zurückgehalten hätten.“

„Ich danke dir, Bey. Es ist mir nichts geschehen,
als daß der Miralai einmal nach mir schoß; aber ohne
mich zu treffen.“

„Das soll er büßen!“

„Er hat es bereits gebüßt.“

Ich erzählte ihm alles, was ich gesehen hatte, und
berichtete ihm auch die Worte, in denen der Abschied des
Pir von mir enthalten war. Er hörte aufmerksam und
in tiefster Bewegung zu; aber als ich geendet hatte, sagte
er nichts als:

„Er war ein Held!“

Dann versank er in ein tiefes Sinnen, aus welchem
er erst nach einer Weile wieder erwachte.

„Und was sagst du? Sie haben meinen Boten getötet?“

„Sie haben ihn hingerichtet, erschossen.“

„Wer hat den Befehl dazu erteilt?“

„Jedenfalls der Miralai.“

„O lebte er noch!“ knirschte er. „Ich ahnte, daß
dem Boten etwas widerfahre. Ich hatte ihm gesagt, daß
ich den Kampf wieder beginnen werde, wenn er binnen
einer halben Stunde nicht zurückgekehrt sei. Aber ich werde
ihn rächen; ich werde jetzt das Zeichen geben, daß nun
endlich Ernst gemacht werden soll!“

„Warte noch, denn ich habe vorher mit dir zu reden.
Der Kaimakam, welcher jetzt das Kommando führt, hat
mich zu dir gesandt.“

Ich erzählte ihm nun wortgetreu meine ganze Unterredung mit dem Oberstlieutenant und dem Makredsch.
Als ich den letzteren in Erwähnung brachte, zog er die
Brauen finster zusammen, doch hörte er mich ruhig bis zu
Ende an.

„Also der Makredsch ist dabei! O, nun weiß ich,
wem wir das alles zu verdanken haben! Er ist der schlimmste
Feind der Dschesidi; er haßt sie; er ist ihr Vampyr, ihr
Blutsauger, und er hat auch jenem Morde die Wendung
gegeben, welche zur Handhabe geworden ist, durch diesen
Ueberfall eine Kontribution von uns zu erzwingen. Aber
meine Gesandtschaft, welche nach Stambul gegangen ist,
wird auch zum Anadoli Kasi Askeri gehen, um ihm
einen Brief von mir zu überbringen, den mir der Pir
Kamek noch geschrieben hat. Beide kannten sich und hatten
sich lieb, und der Pir ist lange Zeit sein Gast gewesen.
Er weiß die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden und
wird uns Hilfe bringen.“

„Das wünsche ich dir von Herzen. Aber wen wirst
du zu dem Kaimakam senden? Ein gewöhnlicher Mann
darf es nicht sein, sonst wird er überlistet.“

„Wen ich senden werde, fragest du? Niemand werde
ich senden, keinen Menschen. Nur ich selbst werde mit
ihm sprechen. Ich bin das Haupt der Meinen; er ist
der Anführer der Seinen, und wir beide haben zu entscheiden. Aber ich bin der Sieger, und er ist der Besiegte;
er mag zu mir kommen!“

„So ist es recht!“

„Ich werde ihn hier erwarten. Ich werde ihm freies
Geleit geben; aber wenn er in dreißig Minuten noch
nicht zur Stelle ist, so lasse ich die Beschießung beginnen
und halte nicht eher ein, als bis keiner der Osmanly
mehr lebt!“

Er trat zu seinen Adjutanten und sprach kurze Zeit
mit ihnen. Darauf entfernten sich zwei von ihnen. Der eine
ergriff einen weißen Shawl, legte seine Waffen ab und
stieg links da hinab, wo ich jetzt heraufgekommen war;
der andere aber schritt längs des Randes der Höhe hin
und klimmte dann rechts hinab nach dem Punkte hin, an
welchem die Geschütze standen.

Nun gab Ali Bey einigen Dschesidi, welche in der
Nähe hielten, den Befehl, ein Zelt für uns zu errichten.
Die zu demselben gehörigen Requisiten lagen bereit. Während sie seinem Gebote Folge leisteten, bemerkte ich, daß
sich unten die Verschanzung öffnete. Die Kanonen wurden
durch die entstandene Lücke vorgezogen und avancierten
längs des Baches bis an die Linie derjenigen Dschesidi,
welche auf der Sohle des Thales festen Fuß gefaßt hatten.
Dort gab es mehrere Felsblöcke, welche mit einigen schnell
umgehauenen Bäumen eine neue Verschanzung bildeten.

Es waren seit der Absendung des Dschesidi noch nicht
zwanzig Minuten vergangen, so nahte sich der Kaimakam.
Er war von drei türkischen Soldaten begleitet, und an
seiner Seite ritt — der Makredsch. Das war eine große
Unklugheit von dem letzteren; ich sah es dem finsteren
Blicke an, mit welchem Ali Bey ihn betrachtete.

Der Bey trat in das Zelt, welches mittlerweile aufgerichtet worden war, und ließ sich auf den Teppich nieder, welcher den Fußboden desselben bildete. Ich empfing
die Kommenden. Die drei Soldaten blieben vor dem Zelte
halten; die beiden andern aber traten ein.

„Sallam!“ grüßte der Kaimakam.

Der Makredsch grüßte nicht. Er als der Vorsteher
eines großherrlichen Gerichtshofes erwartete, daß der Bey
der Teufelsanbeter ihn bewillkommnen werde. Dieser aber
nahm weder von ihm Notiz, noch beantwortete er den
Gruß des Oberstlieutenants. Er deutete nur auf den
Teppich und meinte:

„Kaimakam, komar-sen — du darfst dich setzen!“

Der Angeredete nahm in würdevoller Weise Platz,
und der Makredsch ließ sich an seiner Seite nieder.

„Du hast uns gebeten, zu dir zu kommen,“ begann
der Offizier. „Warum bist du nicht zu uns gekommen?“

„Du irrst!“ antwortete Ali Bey sehr ernst. „Ich
habe dich nicht gebeten, sondern ich habe dir nur kund
gethan, daß ich die Osmanly niederkartätschen lassen
werde, wenn du nicht kommst. Ist das eine Bitte? Du
fragst ferner, warum ich nicht zu dir gekommen bin. Wenn
ich von Scheik Adi nach Mossul komme, werde ich dich
aufsuchen und nicht verlangen, daß du dich zu mir bemühest; du bist von Mossul nach Scheik Adi gekommen
und wirst die Gesetze der Höflichkeit kennen, welche dir
gebieten, dich zu mir zu bemühen. Deine Frage veranlaßt mich übrigens, dir gleich die Stellung klar zu
machen, von welcher aus wir gegenseitig zu einander sprechen
werden. Du bist ein Diener, ein Beamter des Großherrn
und des Mutessarif, ein Offizier, der im günstigen Falle
ein Regiment kommandiert; ich aber bin ein freier Fürst
der Kurden und Oberfeldherr aller meiner Krieger. Glaube
darum nicht, daß dein Rang höher sei, als der meinige —“

„Ich bin nicht ein Diener des — — —“

„Schweige! Ich bin gewohnt, daß man mich hört
und mich ausreden läßt; merke dir das, Kaimakam! Du
bist ohne alles Recht und ohne vorherige Ankündigung
in mein Gebiet eingebrochen, wie ein Dieb, wie ein Räuber
mit bewaffneter Hand. Einen Räuber fange und töte ich,
ganz wie es mir gefällt; da du aber ein Diener des Großherrn und des Mutessarif bist, so will ich vorher, ehe ich
meine ganze Macht entwickle, in Güte mit dir reden.
Daß du noch lebst, du und die Deinen, das habt ihr nur
meiner Milde und Nachsicht zu verdanken. Nun sage, wer
das Recht hat, zu erwarten, daß der andere zu ihm komme,
du oder ich!“

Der Kaimakam machte ein ganz erstauntes Gesicht,
denn eine solche Ausführung hatte er jedenfalls nicht erwartet. Er besann sich noch, was er sagen solle; doch der
Makredsch, über dessen Stößerphysiognomie es wie ein
flammender Grimm zuckte, ergriff das Wort:

„Ali Bey, was wagest du! Du nennst uns Diebe
und Mörder, uns, die wir als Vertreter des Padischah
und des Generalgouverneur hier sitzen! Nimm dich in
acht, sonst wirst du es bereuen!“

Der Bey wandte sich in vollkommenster Ruhe an den
Offizier:

„Oberstlieutenant, wer ist dieser Verrückte?“

Der Gefragte machte eine erschrockene Gebärde.

„Wahre deine Zunge, Ali Bey! Dieser Effendi ist
der Makredsch von Mossul!“

„Du scherzest! Ein Makredsch muß im Besitze seiner
Besinnung sein. Der Makredsch von Mossul hat den
Mutessarif zu dem Kriegszuge gegen mich beredet; er
würde, wenn er nicht verrückt ist, es nie wagen, zu mir
zu kommen; denn er muß wissen, was in diesem Falle
seiner wartet!“

„Ich scherze nicht. Er ist es wirklich.“

„Ich sehe, daß du weder träumst, noch betrunken
bist; darum muß ich dir glauben. Aber bedenke, daß ich
nur dich allein zu mir gefordert habe!“

„Er ist mit mir gegangen als Vertreter und Abgesandter des Mutessarif.“

„Das ist möglich, denn du sagest es; aber kannst du
mir es beweisen?“

„Ich sage und bezeuge es!“

„Das darf hier nichts gelten. Ich vertraue dir; aber
ein jeder andere, der in einer solchen oder in einer ähnlichen Angelegenheit zu mir kommt, muß beweisen können,
daß er das Recht und den Auftrag hat, mit mir zu verhandeln; sonst läuft er Gefahr, daß ich ihn so behandle,
wie ihr meinen ersten Boten behandelt habt.“

„Ein Makredsch kann niemals in eine solche Gefahr
kommen!“

„Ich werde dir das Gegenteil beweisen!“

Er klatschte in die Hände, und sogleich trat der
Dschesidi ein, welcher den Kaimakam geholt hatte.

„Hast du dem Kaimakam ein sicheres Geleite versprochen?“

„Ja, Herr.“

„Wem noch?“

„Keinem.“

„Den drei Soldaten nicht, welche draußen stehen?“

„Nein, und dem Makredsch auch nicht.“

„Die drei werden abgeführt; sie sind gefangen; und
diesen Mann, welcher sich für den Makredsch von Mossul
ausgiebt, nimmst du auch mit. Er ist schuld an allem,
auch an der Ermordung meines Parlamentärs.“

„Ich protestiere!“ rief der Kaimakam.

„Ich werde mich zu verteidigen und auch zu rächen
wissen,“ drohte der Makredsch, indem er einen Dolch zog,
den er im Gürtel stecken hatte.

In demselben Augenblick aber hatte sich Ali Bey
emporgeschnellt und schlug ihm die Faust mit solcher Gewalt in das Gesicht, daß der Getroffene rückwärts niederstürzte.

„Hund, wagst du es, in meinem Zelte die Waffe
gegen mich zu ziehen! Fort, hinaus mit ihm!“

„Halt!“ gebot der Kaimakam. „Wir sind gekommen,
zu unterhandeln; es darf uns nichts geschehen!“

„Auch mein Bote kam zu euch, um zu unterhandeln,
und dennoch habt ihr ihn ermordet, habt ihn als einen
Verräter hingerichtet. Hinaus mit diesem Menschen!“

Der anwesende Dschesidi faßte den Makredsch und
schaffte ihn fort.

„So werde auch ich gehen!“ drohte der Kaimakam.

„So gehe. Du wirst die Deinen unverletzt erreichen;
aber ehe du zu ihnen kommst, werden ihrer viele getötet
sein. Emir Kara Ben Nemsi, tritt hinaus auf den Felsen
und erhebe die Rechte. Es ist das Zeichen, daß die
Kanonade beginnen soll!“

„Bleibe!“ wandte sich der Kaimakam schnell zu mir.

„Ihr dürft nicht schießen.“

„Warum nicht?“ fragte Ali Bey.

„Das wäre Mord, denn wir können uns nicht wehren.“

„Das wäre kein Mord, sondern Strafe und Vergeltung. Ihr wolltet uns überfallen, ohne daß wir eine
Ahnung davon hatten; ihr kamt mit Säbeln, Flinten und
Kanonen, um uns niederzuhauen, niederzukartätschen. Nun
aber eure Kanonen sich in unseren Händen befinden, nun
ihr von uns gebührenderweise empfangen worden seid,
sagt ihr, derjenige, welcher schießt, sei ein Mörder! Kaimakam, lasse dir zürnen, aber lasse dich nicht verlachen!“

„Du wirst den Makredsch freigeben!“

„Er ist Repressalie für den gemordeten Parlamentär!“

„Du wirst ihn töten?“

„Vielleicht. Es kommt ganz darauf an, ob wir beide
uns verständigen.“

„Was verlangst du von mir?“

„Ich bin bereit, deine Zugeständnisse zu vernehmen.„

„Zugeständnisse? Wir sind gekommen, um Forderungen zu machen!“

„Ich habe dich bereits gebeten, dich nicht auslachen
zu lassen! Sage mir zunächst, aus welchem Grunde ihr
uns überfallen habt!“

„Es sind Mörder unter euch.“

„Ich weiß, welchen Fall du meinst, aber ich sage
dir, daß du falsch unterrichtet bist: nicht zwei von den
Unserigen haben einen der Eurigen, sondern drei der
Eurigen haben zwei der Unserigen ermordet. Ich habe
bereits dafür gesorgt, euch dies beweisen zu können: denn
der Kiajah des Ortes, wo die That geschehen ist, wird
in kurzer Zeit mit den Angehörigen der Ermordeten hier
sein.“

„Vielleicht ist dies ein anderer Fall!“

„Es ist nur der nämliche, aber der Makredsch hat
ihn verdreht. Er wird es nicht wieder thun. Und wenn
es so wäre, wie du sagst, so ist dies ganz und gar kein
Grund, mit bewaffneter Macht unser Gebiet zu überfallen.“

„Wir haben noch einen zweiten Grund.“

„Welchen?“

„Ihr habt den Haradsch nicht bezahlt.“

„Wir haben ihn bezahlt. Was nennst du überhaupt
Haradsch? Wir sind freie Kurden; was wir zahlen, das
zahlen wir freiwillig. Wir haben die Kopfsteuer bezahlt,
welche jeder, der nicht ein Moslem ist, für seine Befreiung
vom Militärdienste zu entrichten hat. Nun wollt ihr auch
den Haradsch, und doch ist dieser nichts anderes als diese
bereits entrichtete Kopfsteuer! Und wenn ihr in eurem
Rechte wäret, und wenn wir dem Mutessarif eine Steuer
schuldig geblieben wären, ist dies eine genügende Veranlassung, uns zu überfallen? Muß er da just Scheik Adi
überfallen, wo jetzt Tausende von Menschen sind, die nicht
nach Mossul gehören, und die ihm auf keinen Fall etwas
schuldig sind? Kaimakam, du und ich, wir beide wissen
sehr genau, was es eigentlich ist, was der Gouverneur
von uns will: Geld und Beute. Es ist ihm nicht gelungen, uns zu berauben, und so wollen wir also nicht
weiter über seine Gründe sprechen. Du bist weder ein
Jurist noch ein Steuereinnehmer; du bist Offizier, und
darum habe ich mit dir nur das zu besprechen, was deine
militärische Aufgabe betrifft. Du sollst reden, und ich
werde hören!“

„Ich habe von dir den Haradsch und die Mörder zu
verlangen, sonst muß ich auf Befehl des Mutessarif Scheik
Adi und alle Ortschaften der Dschesidi zerstören und einen
jeden töten, der mir Widerstand leistet.“

„Und alles mit dir nehmen, was die Dschesidi besitzen?“

„Alles!“

„So lautet der Befehl des Gouverneur?“

„So lautet er.“

„Und du wirst ihn erfüllen?“

„Mit allen Kräften.“

„Thue es!“

Er erhob sich, zum Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Der Kaimakam machte eine Bewegung, ihn
zurückzuhalten.

„Was wirst du beginnen, Bey?“

„Du wirst die Dörfer der Dschesidi zerstören und die
Einwohner derselben berauben, und ich, das Oberhaupt
der Dschesidi, werde meine Unterthanen zu beschützen wissen.
Ihr seid ohne vorherige Anmeldung bei mir eingebrochen;
ihr verteidigt das mit Gründen, welche Lügen sind; ihr
wollt sengen und brennen, rauben und morden: ihr habt
sogar meinen Boten getötet, eine That, welche ganz und
gar gegen das Recht der Völker ist. Daraus folgt, daß
ich euch nicht als Krieger betrachten kann, sondern als
Räuber behandeln muß; Räuber aber schießt man einfach
über den Haufen. Wir sind fertig! Kehre zu den Deinen
zurück. Jetzt stehst du noch unter meinem Schutze; dann
aber bist du vogelfrei!“

Er verließ das Zelt und erhob den Arm. Die Artilleristen mochten längst auf dieses Zeichen gewartet haben
— ein Kanonenschuß krachte, und noch einer.

„Herr, was thust du!“ rief der Kaimakam. „Du
brichst den Waffenstillstand, noch während ich bei dir bin!“

„Haben wir einen Waffenstillstand abgeschlossen?
Habe ich dir nicht gesagt, daß wir fertig sind? Hörst du?
Das waren Kartätschen — und das Granaten; dieselben
Geschosse, welche für uns bestimmt waren; nun aber treffen
sie euch. Allah hat gerichtet; er trifft den Sünder mit
demselben Streiche, mit dem dieser gesündigt hat. Du
hörst das Schreien deiner Leute. Gehe zu ihnen und
befiehl ihnen, unsere Dörfer zu zerstören!“

Wirklich schien der dritte und vierte Schuß außerordentlich gewirkt zu haben; das konnte man aus dem
wilden Heulen schließen, welches aus der Tiefe scholl.

„Halt ein, Ali Bey! Gieb das Zeichen, mit dem
Feuer wieder einzuhalten, damit wir weiter verhandeln
können!“

„Du kennst den Befehl des Mutessarif, und ich kenne
meine Pflicht; wir sind fertig.“

„Der Mutessarif hatte seine Befehle nicht mir, sondern dem Miralai gegeben, und nun ist es meine Pflicht,
meine Leute nicht wehrlos niederschießen zu lassen. Ich
muß sie zu retten suchen.“

„Willst du diesen Gedanken festhalten, so bin ich
bereit, die Verhandlung wieder aufzunehmen.“

„So komm herein!“

Ali Bey wand sein Turbantuch los und wehete damit nach unten, dann ging er wieder in das Zelt.

„Was verlangst du von mir?“ fragte der Kaimakam.

Der Bey blickte nachdenklich zur Erde, dann antwortete er:

„Nicht du bist es, dem ich zürne, und darum möchte
ich dich schonen; jedes endgültige Uebereinkommen aber,
welches wir treffen könnten, würde dein Verderben sein,
weil meine Bedingungen für euch mehr als ungünstig
sind. Darum werde ich nur mit dem Mutessarif selbst
verhandeln, und du bist aller Verantwortung ledig.“

„Ich danke dir, Bey!“

Der Kaimakam schien kein schlimmer Mann zu sein;
er war froh, daß der Angelegenheit eine solche Wendung
gegeben wurde, und darum kam sein Dank ganz sichtlich
aus einem aufrichtigen Herzen.

„Aber eine Bedingung habe ich natürlich auch an
dich,“ fuhr Ali fort.

„Welche?“

„Du betrachtest dich und deine Truppen als kriegsgefangen und bleibst mit ihnen in Scheik Adi, bis ich mich
mit dem Mutessarif geeinigt habe.“

„Darauf gehe ich ein, denn ich kann es verantworten.
Der Miralai ist an allem schuld; er ist zu unvorsichtig
vorgegangen.“

„Du giebst also die Waffen ab?“

„Das ist schimpflich!“

„Könnt ihr als Kriegsgefangene die Waffen behalten?“

„Ich erkläre mich nur insoweit für kriegsgefangen,
als ich in Scheik Adi bleibe und keinen Durchbruch versuche, bis ich weiß, wie der Mutessarif über uns verfügen wird.“

„Der Durchbruch würde dein Verderben sein; er
würde euch aufreiben.“

„Bey, ich will ehrlich sein und zugeben, daß unsere
Lage eine sehr schlimme ist; aber weißt du, was tausend
Mann vermögen, wenn sie zur Verzweiflung getrieben
werden?“

„Ich weiß es, aber es kommt dennoch keiner von euch
davon.“

„Aber es wird auch mancher von euch fallen! Und
bedenke, daß dem Mutessarif noch das Linien- und Dragonerregiment zur Verfügung steht, dessen größter Teil
in Mossul zurückgeblieben ist. Rechne dazu die Hilfe,
welche er aus Kjerkjuk und Diarbekir, aus Sulimanijah
und andern Garnisonen erhalten kann; rechne dazu die
Artillerie, welche ihm noch zur Verfügung steht, und du
wirst einsehen, daß du zwar Herr der jetzigen Situation
bist, es aber wohl nicht bleiben wirst.“

„Soll ich auf einen Sieg und seine Ausnutzung verzichten, weil ich später vielleicht geschlagen werden kann?
Der Mutessarif mag mit seinen Regimentern kommen;
ich werde ihm sagen lassen, daß es euch das Leben kostet,
wenn er mich nochmals angreift. Und wenn ihm weitere
Hilfe zur Verfügung steht, so ist dies bei mir ebenso der
Fall. Du weißt, daß es nur meines Aufrufes bedarf,
um so manchen tapfern Stamm der Kurden zur Erhebung
gegen ihn zu bringen. Doch ich liebe den Frieden und
nicht den Krieg. Ich habe zwar heute Dschesidi aus ganz
Kurdistan und den angrenzenden Provinzen um mich versammelt und könnte die Fackel des Aufstandes unter sie
schleudern; aber ich thue es nicht, sobald der Mutessarif
mir erlaubt, die Rechte der Meinigen zu wahren. Ich
will dir und deinen Truppen jetzt noch die Waffen lassen;
aber ich habe einem Verbündeten Gewehre versprochen,
und die wird der Gouverneur auf alle Fälle liefern müssen.“

„Wer ist dieser Verbündete?“

„Kein Dschesidi verrät seinen Freund. Also du behältst deine Waffen, aber alle Munition lieferst du mir
ab, und dafür verspreche ich dir, für den Proviant zu
sorgen, dessen du bedarfst.“

„Gebe ich dir die Munition, so ist es genau so, als
ob du auch die Waffen hättest!“

Ali Bey lächelte.

„Wohl, so sollst du auch die Munition behalten;
doch sage ich dir: wenn deine Leute Hunger bekommen
und du mich um Proviant bittest, so werde ich dir denselben nur gegen Flinten, Pistolen, Degen und Messer
verkaufen. Also auf diese Weise seid ihr nicht kriegsgefangen, sondern wir schließen nur einen Waffenstillstand ab.“

„So ist es, und darauf kann ich eingehen.“

„Du siehst, daß ich sehr nachsichtig bin. Nun aber
höre meine Bedingungen: Ihr bleibt im Thale Scheik
Adi; ihr bleibt ohne alle Verbindung mit außen; ihr
enthaltet euch aller Feindseligkeit gegen die Meinigen; ihr
ehrt unsere Heiligtümer und unsere Wohnungen; erstere
dürft ihr gar nicht betreten und die letzteren nur mit
meiner Erlaubnis; der Waffenstillstand dauert so lange,
bis euch ein Befehl des Mutessarif zugeht, und zwar wird
dieser Befehl euch in meiner Gegenwart gegeben; jeder
Fluchtversuch, auch eines einzelnen, und jede Zuwiderhandlung gegen unsere Vereinbarung hebt den Waffenstillstand sofort auf; ihr behaltet eure gegenwärtige Stellung und ich die meinige. Dagegen mache ich mich verbindlich, daß ich bis zu der angegebenen Zeit mich aller
Feindseligkeiten enthalten werde. Bist du einverstanden?“

Nach einem kurzen Bedenken und einigen unwesentlichen Hinzufügungen und Ausführungen nahm der Kaimakam die Bedingungen an. Er verwandte sich sehr für den
Makredsch und verlangte die Auslieferung desselben, doch
ging Ali nicht darauf ein. Es wurde Papier herbeigeschafft; ich entwarf den Vertrag, und beide unterzeichneten: der eine durch die Unterschrift seines Namens und
der andere mit seinem Bu-kendim. Dann kehrte der Offizier in das Thal zurück, wobei es ihm erlaubt wurde,
seine drei Soldaten wieder mitzunehmen.

Nun wartete Pali auf die Befehle seines Vorgesetzten.

„Willst du mir einen Brief an den Mutessarif schreiben?“ fragte mich dieser.

„Gern! Was willst du ihm mitteilen?“

„Die jetzige Lage seiner Truppen. Dann sollst du
ihm sagen, daß ich mit ihm zu verhandeln wünsche, daß
ich ihn entweder hier erwarte oder in Dscherraijah mit
ihm zusammentreffen will. Er darf aber eine Begleitung
von höchstens fünfzig Mann mitbringen und hat sich aller
Feindseligkeiten zu enthalten. Die Zusammenkunft findet
übermorgen bis zum Mittag statt. Versäumt er, zu kommen, so töte ich den Makredsch und lasse seine Truppen
ihre eigenen Kartätschen fühlen. Dies geschieht auch dann,
sobald ich bemerke, daß er gesonnen ist, die Feindseligkeiten fortzusetzen. Kannst du dies schreiben?“

„Ja.“

„Ich werde Pali noch ganz besondere Aufträge erteilen. Schreibe so schnell wie möglich, damit er bald aufbrechen kann!“

Einige Minuten später saß ich im Zelte und schrieb
mit meinem Bleistifte, nach orientalischer Manier das
Papier auf dem Knie, von der Rechten zur Linken hinüber den Brief an den Gouverneur, der sicher beim Lesen
desselben keine Ahnung hatte, daß er von seinem Schützlinge verfaßt worden war. Und kaum eine halbe Stunde
später jagte das Pferd, welches Pali trug, im Galopp
auf dem Wege nach Baadri hin. —

Das Fest der Dschesidi hatte eine außerordentliche Störung erfahren, aber das Bedauern darüber war nicht so
groß, wie die Freude, daß es gelungen war, das große
Unglück abzuwenden, welches der Versammlung in Scheik
Adi gedroht hatte.

„Was wird nun aus dem Feste?“ fragte ich Ali Bey.

„Die Osmanly können noch mehrere Tage lang da unten
verweilen müssen, und eine so lange Zeit dürften die
Dschesidi doch nicht warten wollen.“

„Ich werde ihnen ein Fest geben, welches größer ist,
als sie erwartet haben,“ antwortete er. „Weißt du den
Weg nach dem Thale Idiz noch genau?“

„Ja.“

„Du hast Zeit. Reite hin und hole Mir Scheik Khan
mit den Scheiks und Kawals herbei. Wir wollen sehen,
ob sich die Ueberreste des Pir Kamek finden lassen, und
sie im Thale Idiz begraben.“

Das war allerdings ein Gedanke, welcher bei den
Dschesidi zünden mußte, und mir war es außerordentlich
lieb, bei dem Begräbnisse eines Dschesidi gegenwärtig sein
zu können. Ich nahm nur Halef mit, den Buluk Emini
aber ließ ich zurück.

Zwar hatte ich gesagt, daß der Weg nach dem Thale
Idiz mir bekannt sei, aber ich war ja nicht von Scheik
Adi, sondern von Baadri aus dorthin gekommen. Jedenfalls glaubte der Bey, daß ich mit dem Sohne Seleks
über Scheik Adi geritten sei, und ich klärte ihn nicht auf,
weil es mir Vergnügen machte, zu sehen, ob ich das Thal
finden werde, ohne den Weg zu kennen. In der Richtung konnte ich mich nicht irren, und die Spuren der
Dschesidi vom Tage vorher mußten mich ja ganz genau
führen. Ich ritt also an der Kante des Thales hin, bis
ich oberhalb des Heiligtumes anlangte. Bis hierher kam
ich an zahlreichen Dschesidi vorüber, welche den Abhang
eng besetzt hielten; dann aber wandte ich mich links in
den Wald hinein. Einem geübten Auge war es selbst
vom Pferde herab nicht schwer, die Spur zu erkennen.
Wir folgten ihr und langten bald an der Stelle an, an
welcher ich mit meinem Dolmetscher hinabgestiegen war.
Hier stand eine Wache, welche den Auftrag hatte, jeden
Unberufenen abzuweisen. Wir stiegen von den Pferden
und ließen dieselben oben.

Als wir die Steilung hinunterkletterten, bot sich uns
ein seltsamer, lebensvoller Anblick dar. Tausende von
Frauen und Kindern hatten sich in den malerischsten
Stellungen dort unten gelagert. Pferde grasten; Rinder
weideten; Schafe und Ziegen kletterten an den Felsen herum; aber kein Laut war zu hören, denn ein jeder redete
leise, damit das Versteck ja nicht durch einen unvorsichtigen Laut verraten werde. Am Wasser saß Mir Scheik
Khan mit seinen Priestern. Sie empfingen mich mit großer
Freude; denn sie hatten bisher nur erfahren, daß der
Angriff des Feindes allerdings mißlungen sei, aber einen
ausführlichen Bericht hatten sie noch nicht erhalten.

„Ist das Heiligtum erhalten?“

Das war die erste Frage, welche der Khan an mich
richtete.

„Das Heiligtum ist unversehrt, und ebenso alle anderen Gebäude.“

„Wir hörten das Schießen. Ist viel Blut geflossen?“

„Nur das der Osmanly.“

„Und die Unsrigen?“

„Ich habe nicht gehört, daß einer während des Kampfes
verletzt worden sei. Zwei allerdings sind tot, doch starben
sie nicht im Streite.“

„Wer ist es?“

„Der Sarradsch Hesi aus Baazoni und — —“

„Hesi aus Baazoni? Ein frommer, fleißiger und
tapferer Mann. Nicht im Kampfe? Wie starb er denn?“

„Der Bey sandte ihn als Parlamentär zu den Osmanly, und sie erschossen ihn. Ich mußte zusehen, ohne
ihn retten zu können.“

Die Priester neigten die Häupter, falteten die Hände
und schwiegen. Nur Mir Scheik Khan sagte mit ernster,
tiefer Stimme:

„Er ist verwandelt. El Schems wird ihm hier nicht
mehr leuchten, aber er wandelt unter den Strahlen einer
höheren Sonne in einem Lande, wo wir ihn wiedersehen
werden. Dort giebt es weder Tod noch Grab, weder
Schmerz noch Kummer; dort ist ewig Licht und Wonne;
denn er ist bei Gott!“

Diese Art und Weise, die Nachricht von dem Tode
eines Freundes hinzunehmen, war ergreifend. Nicht ein
böses Wort traf die Mörder. Diese Priester trauerten,
aber sie gönnten dem Toten seine Verwandlung. Einer
solchen Ergebenheit ist der Islam niemals fähig; sie
konnte nur eine Folge der christlichen Ideen und Anschauungen sein, welche die Dschesidi aufgenommen und festgehalten haben.

„Und wer ist der andere?“ fragte nun der Khan.

„Du wirst erschrecken!“

„Ein Mann erschrickt nie vor dem Tode, denn der
Tod ist der Freund des Menschen, das Ende der Sünde
und der Anfang der Seligkeit. Wer ist es?“

„Pir Kamek.“

Sie zuckten dennoch alle wie unter einem plötzlichen
Schmerze, aber keiner sagte ein Wort. Auch jetzt sprach
Mir Scheik Khan zuerst wieder.

„Ewlija dejischtirmis — der Heilige ist verwandelt.
Chüda bujurdi — Gott hat es gewollt! Erzähle uns
seinen Tod!“

Ich berichtete so ausführlich, als ich nur konnte. Sie
hörten alle tief ergriffen zu, und dann bat der Khan:

„Brüder, laßt uns seiner gedenken!“

Sie senkten die Köpfe tief herab. Beteten sie? Ich
weiß es nicht; aber ich sah, daß die Augen mehrerer sich
befeuchteten und daß ihre Rührung wohl eine wahre und
herzliche war. Man hat behauptet, daß nur der Deutsche
das besitze, was man „Gemüt“ nennt. Wenn dies wahr
sein sollte, so waren diese Dschesidi den Deutschen sehr
ähnlich. Wie wollte ich es ihnen gönnen, wenn die göttliche Milde und Klarheit des Christentums die Schatten
ihrer Thäler erleuchten und die Spitzen ihrer Berge vergolden dürfte!

Erst nach einer längeren Weile wich ihre Andacht
der gewöhnlichen Stimmung, so daß ich wieder zu ihnen
reden konnte.

„Nun sendet mich Ali Bey, um euch zu ihm zu holen.
Er will es versuchen, ob die Ueberreste des Heiligen noch
zu finden seien, damit sie in diesem Falle heute noch begraben werden.“

„Ja, das ist eine wichtige Aufgabe, welche wir zu
lösen haben. Die Gebeine des Pir dürfen nicht da ruhen,
wo diejenigen des Miralai liegen!“

„Ich befürchte sehr, daß wir nicht Gebeine, sondern
nur Asche finden werden!“

„So laßt uns eilen!“

Wir brachen auf, das heißt, sämtliche Priester und
Kawals; die Fakirs aber blieben zur Beaufsichtigung von
Idiz zurück. Als wir oberhalb Scheik Adi bei dem Zelte
des Bey anlangten, sprach dieser mit einem Mann, den
er an den Kaimakam mit der Frage gesendet hatte, ob
die Türken den Priestern der Dschesidi erlauben würden,
den Scheiterhaufen zu untersuchen. Der Offizier hatte bejahend geantwortet und nur die Bedingung ausgesprochen,
daß die betreffenden Personen keine Waffen bei sich führen
sollten.

Ali Bey konnte die Scheiks nicht begleiten, da er
stets anderweit zur Disposition sein mußte. Ich bat, mich
anschließen zu dürfen, und das wurde mir gern gestattet.
Fast hätte man die Hauptsache vergessen: ein Gefäß, welches die Asche des Heiligen aufnehmen sollte. Auf eine
darauf bezügliche Frage zeigte der Bey, daß er auch bereits an diesen Umstand gedacht habe.

„Mir Scheik Khan, du weißt, daß der berühmte
Töpfer Rassat in Baazoni meinem Vater Hussein Bey
eine Urne machte, welche einst seinen Staub aufnehmen
soll, wenn es Zeit ist, ihn aus dem Grabe zu entfernen,
damit er nicht mit dem Mehle des Sarges vermengt und
verunreinigt werde. Diese Urne ist ein Meisterstück des
berühmten Töpfers und wohl wert, die Ueberreste des
Heiligen aufzunehmen. Sie steht in meinem Hause zu
Baadri, und ich habe bereits Boten ausgesandt, sie herbeizuholen. Sie wird ankommen, noch ehe ihr am Scheiterhaufen eure Arbeit beendet habt.“

Dies war genügend, und so setzte sich die Prozession
nach niederwärts in Bewegung. Wir kamen bei der Batterie
vorüber und langten an dem Orte an, wo der „Heilige“
sich und seinen Feind der Rache geopfert hatte. Wir sahen
einen Aschenhügel, aus dem die halb verbrannten Stummel starker Hölzer hervorragten. Vor demselben lag die
Leiche des erschossenen Parlamentärs. Die Hitze des Feuers
hatte wohl seine Kleider, nicht aber seinen Körper zerstört.
Er wurde entfernt, eine Arbeit, bei welcher unsere Geruchsnerven nicht wenig zu leiden hatten.

Die Asche war erkaltet. Die nahe liegenden Häuser
lieferten die nötigen Werkzeuge, und nun begann man eine
vorsichtige, nur Zoll für Zoll fortschreitende Wegräumung
der Aschendecke. Diese Abräumung mußte so sorglich vorgenommen werden, daß sie eine sehr lange Zeit in Anspruch nahm, während welcher ein Dschesidi mit einem
Maultiere anlangte, auf dessen Rücken die Urne befestigt
war. Ihre Form glich über dem Fuße derjenigen eines
umgestürzten Glasschirmes, wie wir sie auf unseren Lampen zu sehen pflegen, und darauf ruhte ein Deckel, welchen eine Sonne krönte. Auf diesem Gefäße waren eine
Abbildung und einige Worte im Kurmangdschi eingebrannt.

Es schien mir ganz unmöglich, die Ueberreste des
„Heiligen“ von denen des Scheiterhaufens zu unterscheiden;
allein ich sollte mich bei dieser Annahme geirrt haben.
Als die Asche beinahe bis zum Boden herab fortgeräumt
worden war, wurden zwei formlose Klumpen bloßgelegt,
denen die Priester ihre ganze Aufmerksamkeit zuwandten.
Sie schienen nicht ins Reine kommen zu können, und Mir
Scheik Khan winkte mich hinzu.

Es war keine leichte Aufgabe, diese Gegenstände genau
zu untersuchen; man mußte sich Mund und Nase dabei
verschließen. Wir hatten wirklich die Körper der beiden
Toten vor uns. Sie waren halb verbraten und halb verkohlt, auf ein Dritteil ihrer früheren Größe zusammengeschrumpft und von einer ziemlich starken Kruste umgeben,
welche, wie sich bei der näheren Untersuchung ergab, aus
den unverbrennlichen Bestandteilen des Erdpeches und der
daran angeklebten Asche bestand.

„Es sind die Toten,“ meinte ich. „Ihr habt es
diesem Erdpeche zu verdanken, daß ihr euren ‚Heiligen‘
begraben könnt.“

„Aber welcher ist es?“

„Sucht ihn heraus!“

Ich wollte sehen, wie weit der Scharfsinn dieser
Männer gehe. Sie gaben sich die größte Mühe, vermochten es aber nicht, die scheinbar schwierige und doch
so leichte Frage zu entscheiden.

„Es ist unmöglich, den Pir zu erkennen,“ meinte
endlich der Khan in ziemlicher Ratlosigkeit. „Wir müssen
entweder darauf verzichten, seiner Asche die gebührende
Ehre zu erweisen, oder wir sind gezwungen, beide Körper
in die Urne zu legen, Freund und Feind, den Frommen
und den Gottlosen. Oder weißt du einen bessern Rat,
Emir Kara Ben Nemsi?“

„Ich weiß einen.“

„Wie lautet er?“

„Nur allein die Gebeine des Pir in die Urne zu
thun.“

„Aber du hast ja gehört, daß wir dieselben nicht von
denen des Miralai unterscheiden können!“

„Das ist ja nicht schwer! Dieser hier ist der ‚Heilige‘,
und dieser hier ist der Türke.“

„Woraus erkennst du das? Kannst du es beweisen?“

„So sicher, wie ihr es nur wünschen möget. Der
Pir hatte keine Waffen bei sich; der Miralai aber trug
seinen Säbel, einen Dolch und zwei Pistolen. Seht ihr
die krumm gezogenen Pistolenläufe und die Messerklinge
an diesem Körper kleben? Die Schäfte und der Griff sind
verbrannt. Und hier grad unter ihm sieht die Säbelspitze
aus der Asche heraus. Dieser ist also unbedingt der
Miralai gewesen.“

Jetzt nun wunderten sich die Dschesidi, daß sie nicht
selbst auch auf diesen so einfachen Gedanken gekommen
waren. Sie alle ohne Ausnahme stimmten meiner Ansicht
bei und machten sich daran, die Reste des Pir in die Urne
zu bringen.

Während des ganzen Vorganges hatte der Kaimakam
mit mehreren seiner Offiziere in der Nähe gehalten. Ihm
wurde die Leiche seines früheren Vorgesetzten überlassen,
und dann kehrten wir wieder zur Höhe zurück. Dort bat
Ali Bey den Khan um seine Befehle in Beziehung auf
die Bestattungsfeierlichkeit.

„Wir müssen sie auf morgen verschieben,“ antwortete
dieser.

„Warum?“

„Pir Kamek war der Frömmste und der Weiseste
unter den Dschesidi; er soll würdig bestattet werden, und
dazu ist es heute zu spät. Ich werde anordnen, daß man
ihm im Thale Idiz ein Grabmal errichte, und dieses
kann erst morgen fertig sein.“

„So wirst du Maurer und Zimmerleute brauchen?“

„Nein. Wir werden einen einfachen Bau aus Felsblöcken errichten, der keines Kittes bedarf, und jeder Mann,
jedes Weib und auch ein jedes Kind soll einen Stein dazu
herbeibringen, je nach seinen Kräften, damit keiner der
versammelten Pilger ausgeschlossen werde, dem Verwandelten das ihm gebührende Denkmal zu stiften.“

„Aber ich brauche die Krieger zur Bewachung der
Türken!“ wendete Ali Bey ein.

„Sie werden sich ablösen; dann stehen dir immer
genug von ihnen zu Gebote. Laß uns beraten, welche
Gestalt wir dem Baue geben!“

Da ich hierbei unbeteiligt war, suchte ich meinen Dolmetscher auf, um mir das Manuskript des Verstorbenen
geben zu lassen. Er hatte es in das Innere eines hohlen
Thinarbaumes versteckt, und wir ließen uns in der Nähe
desselben nieder, wo ich meinen Sprachübungen ungestört
obliegen konnte.

Darüber verging der Tag, und der Abend kam heran.
Auf den Höhen, welche das Thal von Scheik Adi umgaben, leuchtete ein Wachtfeuer neben dem andern auf.
Es war den Türken unmöglich, zu entkommen, selbst wenn
der Kaimakam gegen sein Versprechen die Nacht zu einem
Durchbruche hätte benutzen wollen. Die Zeit der Dunkelheit verging ohne alle Störung, und am Morgen kehrte
Pali zurück. Die Schnelligkeit und Ausdauer seines guten
Pferdes hatte die Entfernung zwischen Scheik Adi und
Mossul bedeutend abgekürzt. Ich hatte in dem Zelte des
Bey geschlafen und befand mich noch dort, als der Bote
eintrat.

„Hast du den Mutessarif getroffen?“ fragte ihn Ali.

„Ja, Herr; noch spät am Abend.“

„Was sagte er?“

„Erst wütete er und wollte mich tot peitschen lassen.
Dann ließ er viele Offiziere und seinen Diwan effendisi 
kommen, mit denen er sich lange Zeit beraten hat. Dann
durfte ich zurückkehren.“

„Bei dieser Beratung warest du nicht zugegen?“

„Nein.“

„Welche Antwort hast du erhalten?“

„Einen Brief an dich.“

„Zeige ihn!“

Pali zog ein Schreiben hervor, welches mit dem
großen Möhür mutessarifün verschlossen war. Ali Bey
öffnete und betrachtete die Zeilen. In dem großen
Schreiben lag ein kleiner, offener Brief. Er reichte mir
beide Schriftstücke.

„Lies du, Emir! Ich bin begierig, zu erfahren, was
der Mutessarif beschlossen hat.“

Die Zuschrift war von dem Schreiber des Statthalters verfaßt und von dem letzteren unterzeichnet worden. Er versprach, am andern Morgen mit zehn Mann
Begleitung, in Dscherraijah zu sein, und stellte die Bedingung, daß Ali Bey auch nur von einer so geringen
Anzahl begleitet werde. Er erwartete, daß der Ausgleich
ein friedlicher sein werde, und bat, dem Kaimakam den
inneliegenden schriftlichen Befehl zu übergeben. Dieser
enthielt die allerdings sehr friedliche Weisung, bis auf
weiteres jede Feindseligkeit einzustellen, den Ort Scheik
Adi zu schonen und die Dschesidi als Freunde zu behandeln. Angeschlossen war dann die Bemerkung, diesen
Befehl recht genau zu lesen.

Ali Bey nickte befriedigt mit dem Kopfe.

Nach einer kleinen Pause machte der Dschesidi-Häuptling seinem vollen Herzen mit den Worten Luft:

„Wir haben gewonnen und dem Mutessarif eine nachhaltige Lehre erteilt; merkst du dies, Emir? Der Kaimakam soll diesen Brief erhalten, und morgen werde ich
in Dscherraijah sein.“

„Wozu dem Kaimakam diese Zuschrift geben?“

„Sie gehört ihm.“

„Ist aber überflüssig, da er sich ja bereits verbindlich gemacht hat, das zu thun, was ihm hier geboten wird.“

„Er wird es um so sicherer und treuer thun, wenn
er sieht, daß es auch der Wille des Mutessarif ist.“

„Ich muß dir gestehen, daß dieser schriftliche Befehl
meinen Verdacht erweckt.“

„Warum?“

„Weil er überflüssig ist. Und wie eigentümlich klingen
die letzten Worte, daß der Kaimakam den Befehl ja ganz
genau lesen möge!“

„Dies soll uns von dem guten Willen des Mutessarif
überzeugen und den Kaimakam zum pünktlichsten Gehorsam
ermuntern.“

„Diese Pünktlichkeit ist selbstverständlich, und darum
scheint mir der Befehl mehr als überflüssig.“

„Dieser Brief gehört nicht mir; der Gouverneur hat
ihn meiner Ehrlichkeit anvertraut, und der Kaimakam soll
ihn erhalten.“

Es war, als wolle der Zufall diesem Vorsatze des
Bey seine ganz besondere Genehmigung erteilen, denn
gerade jetzt meldete ein eintretender Dschesidi:

„Herr, es kommt ein Reiter aus dem Thal herauf.“

Wir gingen hinaus und erkannten nach einiger Zeit in
dem Nahenden den Kaimakam, der allerdings ohne alle Begleitung heraufgeritten kam. Wir erwarteten ihn im Freien.

„Seni selamlar-im — ich begrüße dich!“ sagte er
beim Absteigen erst zum Bey und dann auch zu mir.

„Chosch geldin-sen, effendi — sei willkommen, Herr!“
antwortete Ali. „Welcher Wunsch führt dich zu mir?“

„Der Wunsch meiner Krieger, welche kein Brot zu
essen haben.“

Das war ohne alle Einleitung gesprochen. Ali lächelte
leise.

„Ich mußte das erwarten. Aber hast du dir gemerkt,
daß ich Brot nur gegen Waffen verkaufe?“

„So sagtest du; aber du wirst dennoch Geld nehmen!“

„Was der Bey der Dschesidi sagt, das weiß er auch
zu halten. Du brauchst Speise, und ich brauche Waffen
und Munition. Wir tauschen, und so ist uns beiden dann
geholfen.“

„Du vergissest, daß ich die Waffen und die Munition
selbst brauche!“

„Und du vergissest, daß ich des Brotes selbst bedarf!
Es sind viele tausend Dschesidi bei mir versammelt; sie
alle wollen essen und trinken. Und wozu brauchst du die
Waffen? Sind wir nicht Freunde?“

„Doch nur bis zum Schlusse des Waffenstillstandes!“

„Wohl auch noch länger. Emir, ich bitte dich, ihm
den Brief des Gouverneur einmal vorzulesen!“

„Ist ein Brief von ihm angekommen?“ fragte der
Oberstlieutenant schnell.

„Ja. Ich sandte einen Boten, welcher jetzt zurückgekommen ist. Lies, Emir!“

Ich las das Schreiben, welches ich noch bei mir
hatte, vor. Ich glaubte, in der Miene des Kaimakam
eine Enttäuschung zu bemerken.

„So wird also Friede zwischen uns werden!“ meinte er.

„Ja,“ antwortete der Bey. „Und bis dahin wirst
du dich freundlich zu uns verhalten, wie dir der Mutessarif noch besonders gebietet.“

„Besonders?“

„Er hat einen Brief beigelegt, den ich dir geben soll.“

„Einen Brief? Mir?“ rief der Offizier. „Wo
ist er?“

„Der Emir hat ihn. Laß ihn dir geben!“

Schon stand ich im Begriff, ihm das Schreiben hinzureichen; aber die Hast, mit welcher er danach langte,
machte mich denn doch stutzig.

„Erlaube, daß ich ihn dir vorlese!“

Ich las, aber nur bis zu der letzten Bemerkung,
welche meinen Verdacht so sehr erregt hatte. Doch da
fragte er:

„Ist dies alles? Steht weiter nichts da?“

„Noch zwei Zeilen. Höre sie!“

Ich las nun bis zu Ende und hielt dabei den Blick
halb auf ihn gerichtet. Nur einen kurzen Moment lang
öffneten sich seine Augen weiter als gewöhnlich, aber ich
wußte nun sicher, daß dieser Satz irgend eine uns unbekannte Bedeutung habe.

„Dieser Brief gehört mir. Zeige ihn her!“

Bei diesen Worten griff er so schnell zu, daß ich
kaum Zeit behielt, meine Hand mit dem Papiere zurückzuziehen.

„Warum so eilig, Kaimakam?“ fragte ich, ihn voll
ansehend. „Haben diese Zeilen etwas so sehr Wichtiges
zu bedeuten, daß du deine ganze Selbstbeherrschung verlierst?“

„Nichts, gar nichts haben sie zu bedeuten; aber dieses
Schreiben ist doch mein!“

„Der Mutessarif hat es dem Bey gesandt, und auf
diesen allein kommt es an, ob er es dir geben oder dich
nur mit dem Inhalte bekannt machen will.“

„Er hat es dir ja bereits gesagt, daß ich den Brief
erhalten soll!“

„Da dieses Papier dir so wichtig zu sein scheint,
trotzdem du seinen Inhalt bereits kennst, so wird er mir
erlauben, es zuvor einmal genau zu betrachten.“

Mein Verdacht hatte sich noch mehr befestigt. Anstatt gehoben zu werden, war er bereits zu einer bestimmten Vermutung geworden. Ich hielt das Papier
mit seiner Fläche senkrecht zwischen das Auge und die
Sonne; ich konnte nichts Auffälliges bemerken. Ich befühlte und beroch es, aber ohne Erfolg. Nun hielt ich
es wagrecht so, daß ich die darauf fallenden Sonnenstrahlen mit dem Auge auffing, und da endlich zeigten sich
mir mehrere, allerdings nur einem sehr scharfen Blicke
bemerkbare Stellen, welche zwar mit der Farbe des Papiers
beinahe verschwammen, aber dennoch die Gestalt von
Schriftzeichen zu haben schienen.

„Du wirst das Papier nicht bekommen!“ sagte ich
zum Kaimakam.

„Warum nicht?“

„Weil es eine geheime Schrift enthält, welche ich
untersuchen werde.“

Er verfärbte sich.

„Du irrst, Effendi!“

„Ich sehe es genau!“ Und um ihn zu versuchen, fügte
ich hinzu: „Diese geheime Schrift wird zu lesen sein, wenn
ich das Papier in das Wasser halte.“

„Thue es!“ antwortete er mit einer sichtbaren Genugthuung.

„Du hast dich durch die Ruhe deiner Worte verraten,
Kaimakam. Ich werde das Papier nun nicht in das
Wasser, sondern über das Feuer halten.“

Ich hatte es getroffen; das erkannte ich an dem nicht
ganz unterdrückten Erschrecken, welches sein zu offenes
Gesicht überflog.

„Du wirst den Brief ja dabei verbrennen und zerstören!“ mahnte er.

„Trage keine Sorge! Ein Effendi aus dem Abendlande weiß mit solchen Dingen recht wohl umzugehen.“

Der Bey war ganz erstaunt.

„Glaubst du wirklich, daß dieser Brief eine verborgene Schrift enthält?“

„Laß ein Feuer anmachen, so werde ich es dir beweisen!“

Noch war Pali zugegen. Auf einen Wink Alis suchte
er dürre Aeste zusammen und steckte sie in Brand. Ich
kauerte mich nieder und hielt das Papier vorsichtig über
die Flammen. Da that der Kaimakam einen schnellen
Sprung auf mich zu und suchte es mir zu entreißen. Ich
hatte das erwartet, wich ebenso schnell zur Seite, und er
fiel strauchelnd zu Boden. Sofort kniete Ali Bey auf ihm.

„Halt, Kaimakam!“ rief er; „du bist falsch und treulos; du bist jetzt zu mir gekommen, ohne dich vorher
meines Schutzes zu versichern, und ich mache dich zu meinem Gefangenen!“

Der Offizier wehrte sich, so gut er es vermochte, aber
wir waren ja drei gegen einen, und zudem kamen auch
andere Dschesidi, welche in der Nähe gehalten hatten,
herbei. Er wurde entwaffnet, gebunden und in das Zelt
geschafft.

Nun konnte ich mein Experiment vollenden. Die
Flamme erhitzte das Papier beinahe bis zum Versengen,
und nun kamen sehr deutliche Worte zum Vorscheine,
welche an dem Rande der Zeilen standen.

„Ali Bey, siehst du, daß ich recht hatte?“

„Emir, du bist ein Zauberer!“

„Nein; aber ich weiß, wie man solche Schriften
sichtbar machen kann.“

„O, Effendi, die Weisheit der Nemtsche ist sehr groß!“

„Hat der Mutessarif dieses Zauberstück nicht ebenso
verstanden? Es giebt Stoffe, aus denen man eine Tinte
machen kann, welche nach dem Schreiben verschwindet und
mit einem andern Mittel gezwungen wird, wieder sichtbar
zu werden. Die Wissenschaft, welche diese Mittel kennt,
heißt Chemie oder Scheidekunst. Sie wird bei uns mehr
gepflegt als bei euch, und darum haben wir auch bessere
Mittel als ihr. Wir kennen viele Arten von geheimen
Schriften, welche sehr schwer zu entdecken sind; die euren
aber sind so einfach, daß keine große Klugheit dazu gehört,
eure unsichtbaren Worte sichtbar zu machen. Rate einmal,
womit diese Worte geschrieben worden sind.“

„Sage es!“

„Mit Harn.“

„Unmöglich!“

„Wenn du mit dem Harne eines Tieres oder eines
Menschen schreibst, so verschwindet die Schrift, sobald sie
eingetrocknet ist. Hältst du das Papier dann über das
Feuer, so werden die Züge schwarz, und du kannst sie
lesen.“

„Wie lauten diese Worte?“

Ich komme übermorgen, um zu siegen.“

„Ist dies wahr? Irrest du dich nicht?“

„Hier steht es deutlich!“

„Wohlan, so gieb mir diesen Brief!“

Er ging in großer Erregung einige Male auf und
ab; dann blieb er wieder vor mir stehen.

„Ist dies Verrat oder nicht, Emir?“

„Es ist Heimtücke.“

„Soll ich diesen Mutessarif vernichten? Es liegt in
meiner Hand!“

„Du wirst es dann mit dem Padischah zu thun bekommen!“

„Effendi, die Russen haben ein Wort, welches lautet:
‚der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit.‘ So ist es
auch mit dem Padischah. Ich werde siegen!“

„Aber du wirst viel Blut vergießen. Sagtest du mir
nicht kürzlich, daß du den Frieden liebst?“

„Ich liebe ihn, aber man soll ihn mir auch lassen!

Diese Türken kamen, um uns die Freiheit, das Eigentum
und das Leben zu rauben; ich habe sie dennoch geschont.
Jetzt spinnt man neuen Verrat. Soll ich mich nicht
wehren?“

„Du sollst dich wehren, aber nicht mit dem Säbel!“

„Womit sonst?“

„Mit diesem Briefe. Tritt mit demselben vor den
Mutessarif, und er wird besiegt und geschlagen sein.“

„Er wird mir einen Hinterhalt legen und mich gefangen nehmen, wenn ich morgen nach Dscherraijah gehe!“

„Wer hindert dich, dasselbe auch mit ihm zu thun?
Er ist dir sicherer als du ihm, denn er hat keine Ahnung,
daß du seine Absichten kennst.“

Ali Bey sah eine ganze Weile nachdenklich vor sich
nieder; dann antwortete er:

„Ich werde mich mit Mir Scheik Khan besprechen.
Willst du mit mir nach dem Thale Idiz reiten?“

„Ich reite mit.“

„Vorher aber will ich diese Menschen da unten unschädlich machen. Tritt nicht mit ein, sondern erwarte
mich hier!“

Warum sollte ich ihn nicht in das Zelt begleiten?
Seine Hand lag am Dolche, und sein Auge blickte entschlossen. Wollte er mich verhindern, eine rasche That
zu verhüten? Ich stand wohl eine halbe Stunde allein,
und während dieser Zeit hörte ich die zornigen Töne einer
sehr erregten Unterhaltung. Endlich kam er wieder. Er
hatte ein Papier in der Hand und gab es mir.

„Lies! Ich will hören, ob es ohne Falschheit ist.“

Es enthielt die kurze, gemessene Weisung an die befehligenden Offiziere, alle Waffen und auch die Munition
sofort an diejenigen Dschesidi zu übergeben, deren Anführer diesen Befehl vorzeige.

„Es ist richtig. Aber wie hast du das erlangt?“

„Ich hätte ihn und den Makredsch sofort erschießen
lassen und die Kanonade begonnen. In einer Stunde
wären wir mit ihnen fertig gewesen.“

„Nun bleibt er gefangen?“

„Ja. Er wird mit dem Makredsch bewacht.“

„Und wenn sich die Seinen nicht fügen?“

„So werde ich meine Drohung wahr machen. Bleibe
hier, bis ich zurückkehre, und du wirst sehen, ob mich die
Türken respektieren.“

Er erteilte noch einige Befehle und stieg dann nach
der Batterie hinab. In der Zeit von zehn Minuten
waren alle Dschesidi kampfbereit. Die Schützen lagen mit
aufgenommenen Schießgewehren in ihren Verstecken, und
die Artilleristen standen zum Schusse fertig bei den Geschützen. Ihre Verschanzung öffnete sich, um gegen zweihundert Dschesidi und wohl an die dreißig Maulesel
durchzulassen. Diese Tiere bestanden meist aus denen,
die wir mit den Kanonieren gefangen genommen hatten.
Der Zug blieb in einiger Entfernung halten, während
der Anführer desselben vorschritt und den Platz aufsuchte,
wo sich die Offiziere der Osmanen befanden.

Ich konnte von meinem Standpunkte aus dies alles
sehr genau beobachten. Es gab eine ziemlich lange Zeit
der Verhandlung. Dann jedoch traten die Soldaten in
Trupps zusammen, welche einer nach dem andern bis in
die Nähe der Maultiere vormarschierten, um dort die
Waffen abzulegen. Dies lief nun allerdings nicht ganz
glatt und ruhig ab, besonders da auch sämtliche Chargen
gezwungen waren, sich von Säbel und Pistole zu trennen;
aber es blieb nur bei leeren Kraftworten, da die Türken
wußten, daß jeder thatsächliche Widerstand mit Kartätschen
gebrochen werden solle.

Ali Bey war kaum eine Stunde lang entfernt gewesen, so kehrte er zurück. Ihm folgten die mit den
Waffen beladenen Maultiere, deren Treiber beordert
waren, die kostbare Beute nach dem Thale Idiz zu bringen.
Auch der Kaimakam wurde von einigen Kriegern in Sicherheit gebracht. Man führte ihn dorthin, wo der Makredsch
das Glück hatte, die Gesellschaft des dicken Artilleriehauptmannes und seines tapfern Lieutenants zu genießen. Er
konnte mit diesen beiden auf Beförderung warten und
unterdessen „Tabak aus Schiras“ rauchen.

Nun machten auch wir uns auf den Weg. Halef
ritt mit. Mein Baschi-Bozuk war nicht zu sehen; jedenfalls hatte er aus Langeweile seinen Esel spazieren geritten. Auf dem Wege nach dem Thale Idiz begegneten
wir einer langen Reihe zurückkehrender Dschesidi. Sie
hatten ihren Beitrag zum Baue des Grabmales geleistet
und sollten nun zu demselben Zwecke eine gleiche Anzahl
ihrer Gefährten ablösen. Sie teilten uns mit, daß der
Bau rasch vor sich schreite.

Als wir den Eingang erreichten, bot sich uns das
Bild eines sehr bewegten Lebens dar. In der Mitte desselben war eine große Anzahl von Frauen versammelt,
die auf großen, flachen Steinen Mehl aus Körnern bereiteten; andere saßen an Gruben, die sie durch Feuer
erhitzten, um Brot zu backen; noch andere machten Fackeln
oder richteten die Lampen und Laternen, die man vorgestern aus Scheik Adi mitgenommen hatte, zu der bevorstehenden Feier her. Am regsamsten aber ging es im
oberen Teile des Thales zu, wo das Grabmal errichtet
wurde. Es stellte eine ungeheure Felspyramide dar, deren
hintere Seite sich an die steile Wand des Felsens lehnte.
Das Fundament bestand aus großen Blöcken, deren Transport und Aufbau jedenfalls bedeutenden Kraftaufwand
gekostet hatte. In der Mitte der voraussichtlichen Höhe
war ein hohler Raum gelassen, der die Gestalt einer
zwölfstrahligen Sonne hatte und von deren Mittelpunkt
die Urne aufgenommen werden sollte. Mehrere hundert
Männer arbeiteten daran, und noch mehr Frauen und
Kinder waren beschäftigt, Steine herbeizuwälzen, oder
hingen wie Eichhörnchen an den Vorsprüngen der Felsenwand, um von oben herab dem Baue förderlich zu sein.

Die Priester waren teils mit der Beaufsichtigung des
Werkes beschäftigt, teils legten sie selbst mit Hand an.
Mir Scheik Khan saß in der Nähe der Pyramide. Wir
gingen zu ihm. Ali Bey erzählte ihm die heutigen Vorkommnisse und zeigte ihm auch die beiden Schreiben des
Mutessarif. Der Khan versank in tiefes Nachdenken;
dann aber fragte er:

„Was wirst du thun, Ali Bey?“

„Du bist der ältere und der weisere; ich komme, mir
deinen Rat zu erbitten.“

„Du sagst, ich sei der ältere. Das Alter liebt die
Ruhe und den Frieden. Du sagst, ich sei der weisere.
Die größte Weisheit ist der Gedanke an den Allmächtigen
und Allgütigen. Er macht den Schwachen stark; er beschützt den Unterdrückten; er will nicht, daß der Mensch
das Blut seines Bruders vergieße.“

„Sind diese Türken unsere Brüder? Sie, die wie
wilde Tiere über uns und die Unserigen herfallen?“

„Sie sind unsere Brüder, obgleich sie nicht als Brüder
an uns handeln. Tötest du einen Bruder, der dir übel
will?“

„Nein.“

„Du sprichst mit ihm freundlich oder streng, aber du
forderst nicht sein Leben. So sollst du auch mit dem
Mutessarif reden.“

„Und wenn er nicht auf mich hört?“

„Der Allerbarmer gab dem Menschen den Verstand,
um zu denken, und ein Herz, um zu fühlen. Wer nicht
die Rede eines andern überdenkt, und wer nicht die Gefühle seines Bruders empfindet, der hat den Erbarmenden
verlassen und verleugnet, und dann, erst dann darf der
Zorn und die Strafe über ihn kommen.“

„Mir Scheik Khan, ich werde nach deinen Worten
handeln!“

„So wiederhole ich meine Frage: Was wirst du
thun?“

„Ich werde mit zehn Männern nach Dscherraijah
gehen, mir aber genug Krieger folgen lassen, um den
Mutessarif gefangen zu nehmen. Vorher aber, bereits
noch heute werde ich Kundschafter nach Mossul, Kufjundschik, Telkeif, Baaweiza, Ras ul Aïn und Khorsabad
senden, die mich rechtzeitig von seinen Plänen benachrichtigen werden. Ich werde in Liebe mit ihm reden,
dann mit Strenge, wenn er nicht hört. Achtet er auch
dann nicht auf mich, so lasse ich ihn seinen geheimen Brief
sehen und gebe das Zeichen, ihn zu ergreifen. Während
ich bei ihm bin, werden meine Männer Dscherraijah umringen. Er kann mir nicht entgehen.“

„Vielleicht wird er auch Kundschafter senden, um zu
erfahren, wie du dich auf die Zusammenkunft mit ihm
vorbereitest.“

„Er wird nichts erfahren, denn meine Leute werden
bereits während der Nacht von hier abgehen, und zwar
nicht auf der Straße über Baadri, sondern rechts bis fast
nach Bozan hinüber. Sie werden am Morgen am Bache
im Westen von Dscherraijah sein.“

„Und wer wird während deiner Abwesenheit in Scheik
Adi befehligen?“

„Willst du es thun?“

„Ich will.“

Das klang so einfach. Hier übergab der weltliche
Beherrscher der Dschesidi ihrem geistlichen Regenten seine
Gewalt ohne die leiseste Regung einer kleinlichen Eifersucht, ohne alles Mißtrauen und Bedenken. „Willst du?“
fragte der eine. „Ich will,“ antwortete der andere.
Welchen Klang mag wohl das Wort „Kulturkampf“ in
einem der Dialekte dieser Teufelsanbeter haben!

Es wurde nun die Verproviantierung der in Scheik
Adi eingeschlossenen Türken besprochen und dann das heutige Fest. Unterdessen wanderte ich von Gruppe zu Gruppe,
um einen oder den andern sprachlichen Fund zu thun.
Da kam es hinter mir heran gekeucht, und eine nach Atem
schnappende Stimme rief:

„Weiche aus, Sihdi!“

Ich wandte mich um. Es war mein Halef, der seine
ganze Körperkraft anstrengte, ein mächtiges Felsstück vor
sich herzurollen.

„Was thust du hier?“ fragte ich erstaunt.

„Mein Beitrag zum Monument.“

„Wird er angenommen? Du bist ja kein Dschesidi!“

„Sehr gern! Ich habe gefragt.“

„So hole ich auch einen Stein!“

Nicht weit von unserm Standorte lag ein ziemlicher
Felsbrocken. Ich legte die Waffen und das Oberkleid
ab und machte mich daran, ihn fortzuschaffen. Er wurde
von den Scheiks mit Dank angenommen und, nachdem ich
mit dem Dolche meinen Namen eingegraben hatte, mit
Anwendung von Seilen emporgezogen, wo er seine Sellung
grad über der Sonne bekam.

Mittlerweile hatte Ali Bey den Zweck seines Besuches erreicht. Er wollte wieder aufbrechen und fragte
mich, ob ich ihn gerner begleiten oder lieber hier bleiben
wolle.

„Wie werde ich die Feierlichkeit am besten beobachten
können?“

„Wenn du mit mir gehest,“ antwortete er. „Die
Urne wird heute abend beim Glanze der Fackeln und Laternen von Scheik Adi nach dem Thale Idiz übergeführt.“

„Ich denke, sie ist bereits hier!“

„Nein. Sie steht am kühlen Wasser im Walde und
wird erst in das Heiligtum gebracht.“

„Trotz der Türken?“

„Sie können uns nicht hindern.“

„So reite ich mit.“

„Du hast bis zum Abend Zeit. Willst du mir eine
Liebe erweisen?“

„Gern, im Falle es mir möglich ist!“

„Du weißt, daß ich dem Häuptling der Badinan-Kurden Gewehre versprochen habe. Wirst du den Ort finden, wo er seine Hütten hat?“

„Sehr leicht. Jedenfalls braucht man gar nicht bis
dorthin zu reiten, da er den Paß und die Seitenthäler
besetzen wollte. Es wird übrigens an der Zeit sein, ihm
einmal Nachricht zu geben.“

„Willst du dies übernehmen?“

„Ja.“

„Und ihm seine Gewehre bringen?“

„Wenn du sie mir anvertraust!“

„Er soll hundert haben und auch Munition dazu.
Drei Maultiere können dies tragen. Wie viele Männer
wünschest du als Begleitung?“

„Ist ein Angriff oder sonst eine Feindseligkeit zu erwarten?“

„Nein.“

„Gieb mir zehn Krieger mit. Ich werde auch Mohammed Emin mitnehmen, der dort von der Höhe kommt.“

Ich hatte vorhin erfahren, daß der Scheik der Haddedihn auf die Jagd gegangen sei. Ich war überhaupt in
den letzten Tagen gar nicht mit ihm zusammengetroffen.
Er wollte sich so wenig wie möglich zeigen, damit seine
Anwesenheit nicht öffentlich zur Sprache komme, und er
hatte wohl auch sein Vorurteil gegen die Teufelsanbeter
nicht ganz überwunden. Darum war es ihm lieb, daß er
mit mir gleich wieder aufbrechen konnte.

Es währte nur kurze Zeit, so waren die Maultiere
beladen, und unser kleiner Zug setzte sich in Bewegung.
Zunächst hielten wir auf Scheik Adi zu, und dann wichen
wir links ab, um den Weg nach Kaloni zu gewinnen.
Meine Vermutung bestätigte sich; ich traf eine Anzahl
der Badinankurden bereits auf der ersten Höhe hinter
Scheik Adi und wurde von ihnen zu ihrem Häuptlinge
geführt, der mich dieses Mal mit sehr großer Ehrerbietung
empfing. Ich mußte bei ihm bleiben, um ein Mahl einzunehmen, das uns sein Weib bereitete. Er war mit
den Gewehren sehr zufrieden und zeigte sich ganz besonders erfreut über den Säbel des Kaimakam, den Ali Bey
mir als Extrageschenk für ihn mitgegeben hatte. Mohammed Emin fand an den Badinankurden ein solches Wohlgefallen, daß er sich entschloß, hier zurückzubleiben und
mich zu erwarten, obgleich er nicht Kurdisch verstand. Ich
versuchte nicht, ihm abzuraten, da seine Anwesenheit in
Scheik Adi doch noch von den Türken bemerkt und dann
der eigentliche Zweck unsers Rittes in die Berge gefährdet
werden konnte. Ich kehrte also ohne ihn zurück.

Der Tag war doch so ziemlich vergangen, als ich
wieder bei Ali Bey anlangte und ihm von den Badinan
berichtete. Ich bemerkte, daß die Türken sich mehr nach
der Mitte des Thales zurückgezogen und das Heiligtum
also freigegeben hatten.

„Wann beginnt die Feier?“ fragte ich den Bey.

„Sobald es dunkel geworden ist. Nimm deine Gewehre mit; es wird viel geschossen.“

„Gieb mir eins von den deinigen. Ich muß meine
Patronen schonen, die ich hier nicht durch neue ersetzen
kann.“

Ich war wirklich sehr neugierig auf diese Begräbnisfeierlichkeit, deren Zeuge ich werden sollte. Es war ja
sehr leicht möglich, daß vor mir noch niemals ein Europäer
dem Begräbnisse eines der angesehensten Teufelsanbeter
beigewohnt hatte. Ich saß an der Kante des Thales und
blickte hinab, bis sich die Schatten der Nacht niedersenkten.
Da leuchteten rundum die Wachtfeuer wieder auf, und
zugleich wuchs über dem Heiligtume langsam eine Doppelpyramide von Lichtern empor, grad so wie am ersten
Abend, den ich in Scheik Adi zugebracht hatte. Die beiden
Thüren des Grabmales wurden mit Lampen behangen.

„Komm!“ ermunterte mich Ali Bey, der mit einigen
Bevorzugten zu Pferde stieg.

Der Baschi-Bozuk blieb zurück. Halef begleitete uns.
Wir ritten in das Thal hinab und langten vor dem
Heiligtume an, welches vollständig erleuchtet worden war.
Der Platz vor demselben wurde von einer doppelten Reihe
bewaffneter Dschesidi eingeschlossen, um jedem Türken den
Zutritt zu versagen. Im Heiligtume selbst befand sich
nur Mir Scheik Khan mit den Priestern; andern außer
Ali Bey und mir war der Eintritt nicht gestattet. Im
innern Hofe standen zwei eng neben einander gekoppelte
Maultiere, die ein quer über ihre Rücken liegendes Gestell
trugen, auf welchem die Urne befestigt war. Um diese
beiden Tiere hatten die Priester einen Kreis gebildet. Sie
begannen bei unserm Erscheinen in sehr langsamem Tempo
einen monotonen Gesang, in welchem die Worte „dschan
dedim — ich gebe meine Seele hin“ sehr oft wiederkehrten.
Nach demselben wurden die Maultiere mit Wasser aus
dem heiligen Brunnen getränkt und erhielten einige Handvoll Körner, um anzudeuten, daß der, den sie trugen, eine
weite Reise vor sich habe. Nun machte der Mir Scheik
Khan einige Zeichen mit der Hand, deren Bedeutung ich
nicht verstand, und jetzt begann ein zweiter Gesang, leise
und harmonisch. Er hatte vier Absätze, deren jeder mit
den Worten: „Tu Chode dehabini, keif inim — du liebst
Gott, genieße Ruhe“ begann. Leider verstand ich zu wenig
Kurdisch, um das Ganze begreifen und merken zu können.

Als dieser Gesang beendet war, gab der Khan ein
Zeichen. Er stellte sich an die Spitze; zwei Scheiks nahmen
die Maultiere am Zügel; ihnen folgten paarweise die andern Scheiks und Kawals, denen sich Ali Bey mit mir
anschloß. Der Zug setzte sich in Bewegung und wurde,
als er aus dem Heiligtume trat, von einer Salve der
Wachehaltenden empfangen.

Sofort krachten auf den Höhen Hunderte von Schüssen,
und aber Hunderte trugen die Botschaft, daß wir aufgebrochen seien, dem Thale Idiz entgegen.

Wir zogen langsam zur Höhe empor. Als wir den
Weg nach dem Thale erreichten, bot sich uns ein zauberischer Anblick dar. Die Dschesidi hatten von Scheik Adi
bis Idiz ein Spalier gebildet, dessen Doppelglieder ungefähr dreißig Schritte auseinander standen. Jeder dieser
Männer trug eine Fackel und eine Flinte, und jedes dieser
Glieder schloß sich unter Abfeuern der Gewehre hinter
uns an. So bildete sich ein Zug, der mit jedem Augenblicke und mit jedem Schusse immer länger wurde. Das
Licht der Fackeln schmückte den dunkeln Wald, welcher
hier meist aus hohen Eichen bestand, mit unbeschreiblichen
Tinten, und der Donner der Salven wurde von den
dunkeln Gründen des tiefen Forstes ununterbrochen zurückgeworfen.

Wahrhaft überwältigend aber wurde das Schauspiel,
als wir endlich das Thal erreichten. Dasselbe schien der
mächtige Krater eines Vulkanes zu sein, in dessen Grunde
riesige Flammen loderten, zwischen denen Tausende von
Geistern mit Leuchten und Lichtern irrten. Ein mehrtausendstimmiger Ruf hieß uns willkommen und in der
Zeit einiger Sekunden hatten sich sämtliche Lichter zu beiden Seiten der Thalsohle geordnet. Der große, weite
Kessel war förmlich tageshell erleuchtet. Das größte Licht
aber verbreiteten zwei gigantische Feuer, deren Flammen,
von riesigen Scheiterhaufen genährt, zu beiden Seiten der
Felsenpyramide an der nackten Wand des Thales emporkletterten. Es überkam mich jenes „süße Grauen,“ welches, wohlthuend und niederbeugend zu gleicher Zeit, das
Menschenherz ergreift, sobald etwas Erhabenes hereingreift
in die Grenzen unserer kleinen inneren Welt.

Wir zogen den Abhang hinunter, zwischen dem wallenden Meere der Fackeln hindurch, und hielten vor dem
Denkmale. In der sonnenförmigen Aushöhlung desselben
standen zwei Priester, deren weiße Gewänder von dem
dunkeln Gestein lebhaft abstachen. Hoch oben hatten sich
mehrere Männer postiert, welche die Seile hielten, an
denen die Urne emporgezogen werden sollte.

Sobald die Maultiere vor der Pyramide anlangten,
verstummten die Schüsse; es trat eine tiefe Stille ein. Die
Urne wurde abgeladen und an die Seile befestigt. Ein
anderes Seil, unten an die Urne gebunden, diente dazu,
das zerbrechliche Gefäß von den Steinen abzuhalten. Der
Mir Scheik Khan winkte, und die Seile wurden angezogen. Die Urne schwebte höher und höher und erreichte
die Sonne. Die Priester griffen zu und zogen sie hinein.
Sie wurde von ihnen aufgestellt, und dann hingen sie sich
selbst an die Seile, um herabgelassen zu werden.

Nun gab der Khan das Zeichen, daß er sprechen
wolle. Er hielt eine kurze Rede. Seine langsam, deutlich
und sehr laut gesprochenen Worte klangen über das ganze
Thal dahin, und obgleich ich die wenigsten derselben verstand, fühlte ich mich doch unter dem Eindrucke des außergewöhnlichen Vorganges tief ergriffen. Als er geendet
hatte, begann der Chor der Priester einen freudigen Gesang, von welchem ich nur den Refrain der einzelnen
Teile verstehen konnte: „Ro dehele — die Sonne geht
auf.“ Bei dem letzten Tone erhoben alle die Hände, und
da krachte aus allen Gewehren eine Salve, wie ich eine
solche noch nie gehört hatte.

Damit war die eigentliche Feierlichkeit beendet. Nun
aber begann sich das Leben erst zu regen. Es giebt nichts,
womit ich diese Nacht im Thale Idiz vergleichen könnte,
diese Nacht der Flammen und Fackeln zwischen himmelan
strebenden Felsen, diese Nacht der Fragen und Klagen
unter den Verachteten und Geschmähten, diese Nacht unter
den Bekennern einer Anbetungsform, deren Grundzug in
der irre geleiteten und daher unbefriedigten Sehnsucht nach
jenem Lichte besteht, das einst den drei Scheiks leuchtete, die, vielleicht aus dem nämlichen Lande, in dem ich
mich jetzt befand, nach Bethlehem pilgerten, um vor der
Krippe das Bekenntnis abzulegen: „Wir haben im Morgenlande seinen Stern gesehen und sind gekommen, ihn
anzubeten.“

Ich saß bei den Priestern bis lange nach Mitternacht; dann erloschen die Fackeln, und die Feuer fielen
zusammen. Nur die beiden Flammen am Denkmale brannten noch, als ich mich unter einem Baume in meinen
Burnus wickelte, um den Schlaf zu suchen. Da oben stand
die Urne mit den Gebeinen des „Heiligen“. Dieser „Merdes-Scheïtan“ war der Unterrichtetste unter allen seinen
Glaubensgenossen, und dennoch hatte er den rechten Weg
zur Wahrheit nicht finden können.

Wie glücklich sind jene zu preisen, deren Wiege bereits an diesem Wege steht, und doch wie schwer wird es
ihnen oft, dieses Glück zu erkennen und zu schätzen! Ich
schloß die Augen, und es gelang mir endlich, einzuschlafen; aber ich träumte von Fackelzügen und Salven, von
Scheiterhaufen und Urnen, aus denen Gerippe stiegen, die
mich, den Christen, mit Grinsen umtanzten. Sie wollten
mich ergreifen; da aber erschien der Pir Kamek, wehrte
sie von mir ab und sagte:

„Er hat ein heiliges Kitab, darinnen geschrieben steht:
‚Oghuldschikler, sizi oranizde sewyn-iz — Kindlein, liebet
euch untereinander!‘“ — — —

Zweites Kapitel.

Dojan.

„Prester Johann, von Gottes und unsers Herrn
Jesu Christi Gnaden König der Könige, an Alexios
Komnenos, Statthalter zu Konstantinopel. Gesundheit
und glückliches Ende.

Unsere Majestät hat in Erfahrung gebracht, daß du
von unserer Herrlichkeit gehört hast und daß dir über
unsere Größe Mitteilungen gemacht worden sind. Was
wir zu wünschen wissen, ist, ob du mit uns am wahren
Glauben hängst und in allen Dingen an unsern Herrn
Jesum Christum glaubst.

Wenn du zu wissen wünschest die Größe und Herrlichkeit unserer Macht und welchen Umfang unsere Länder
haben, so wisse und glaube, ohne zu zweifeln, daß wir
sind Prester Johann, der Diener Gottes: daß wir an
Reichtum alles unter dem Himmel und an Tugend und
Macht alle Könige der Erde übertreffen. Siebenzig Könige
sind uns zinspflichtig. Wir sind ein frommer Christ und
beschützen und unterstützen mit Almosen jeden armen Christen, der sich in dem Bereiche unserer Gnade befindet.
Wir haben ein Gelübde gethan, das Grab unsers Herrn,
wie es sich für den Ruhm unserer Majestät gebührt, mit
einer großen Armee zu besuchen und gegen die Feinde des
Kreuzes Christi Krieg zu führen, sie zu demütigen und
seinen heiligen Namen zu erhöhen.

Unsere Herrlichkeit regiert über die drei Indien, und
unsere Besitzungen gehen über das äußerste Indien hinaus,
in welchem der Körper des heiligen Apostels Thomas
ruht; von dort aus über die Wildnis, welche sich nach
dem Aufgange der Sonne zu erstreckt, und geht rückwärts,
nach Sonnenuntergang zu, bis Babylon, das verlassene,
ja sogar bis zum Turme zu Babel.

Zweiundsiebenzig Provinzen gehorchen uns, von denen
einige christliche Provinzen sind, und jede hat ihren eigenen
König. Und alle ihre Könige sind uns zinspflichtig. In
unsern Ländern werden Elefanten, Dromedare und Kamele gefunden, und fast alle Arten von Tieren, die es
unter dem Himmel giebt. In unsern Ländern fließt Milch
und Honig. In einem Teile unseres Staates kann kein
Gift schaden; in einem andern wachsen alle Arten von
Pfeffer; ein anderer ist so dicht mit Hainen versehen, daß
er einem Walde gleicht, und er ist in allen Teilen voller
Schlangen. Dort ist auch eine sandige See ohne Wasser.
Drei Tagereisen von dieser See entfernt sind Gebirge,
von denen Ströme von Steinen herabkommen. In der
Nähe dieser Gebirge befindet sich eine Wüste zwischen
unwirtbaren Hügeln. Unter diesen fließt ein unterirdischer
Bach, zu dem kein Zugang ist, und dieser Bach fällt in
einen größeren Fluß, in den Leute aus unsern Besitzungen
hineingehen und Edelsteine in großem Ueberflusse darin
finden. Ueber diesen Fluß hinaus wohnen zehn Stämme
Juden, welche, obgleich sie behaupten, ihre eigenen Könige
zu haben, dessenungeachtet unsere Diener und uns zinspflichtig sind.

In einer andern unserer Provinzen, in der Nähe
der heißen Zone, sind Würmer, welche in unserer Sprache
Salamander genannt werden. Diese Würmer können nur
im Feuer leben und machen ein Gehäuse um sich herum,
wie die Seidenwürmer. Dieses Gehäuse wird von unsern
Palastdamen fleißig gesponnen, und es giebt die Zeuge zu
unsern Kleidern. Es kann aber nur im hellen Feuer gewaschen werden.

Vor unserer Armee werden dreizehn große Kreuze
von Gold und Edelsteinen hergetragen; wenn wir aber
ohne Staatsgefolge ausreiten, wird nur ein Kreuz, welches
nicht mit Figuren, Gold und Juwelen geziert ist, damit wir
immer unseres Herrn Jesu Christi eingedenk seien, und
eine mit Gold gefüllte Silbervase, damit alle Leute wissen,
daß wir der König der Könige sind, vor uns hergetragen.

Alljährlich besuchen wir den Leib des heiligen Daniel,
welcher in Babylon in der Wüste ist. Unser Palast ist
von Ebenholz und von Schittimholz und kann vom Feuer
nicht beschädigt werden. An jedem Ende seines Daches
sind zwei goldene Aepfel, und in jedem Apfel zwei Karfunkel, damit das Gold bei Tage scheinen und die Karfunkel bei Nacht leuchten mögen. Die größeren Thore
sind von mit Horn gemischtem Sardonyx, damit niemand
mit Gift eintreten könne; die kleineren sind von Ebenholz.
Die Fenster aber sind von Krystall. Die Tische sind von
Gold und Amethyst, und die Säulen, welche sie tragen,
von Elfenbein. Das Zimmer, in welchem wir schlafen,
ist ein wundervolles Meisterstück aus Gold, Silber und
jeder Art von Edelsteinen. In ihm brennt beständig
Weihrauch. Unser Bett ist von Saphir. Wir haben die
schönsten Frauen. Täglich unterhalten wir dreißigtausend
Menschen, außer den gelegentlichen Gästen. Und alle diese
beziehen täglich Summen aus unserer Kämmerei zur Unterhaltung ihrer Pferde und zu anderweitiger Verwendung.
Während jedes Monats werden wir von sieben Königen
(von jedem der Reihe nach), von fünfundsechzig Herzogen
und von dreihundertfünfundsechzig Grafen bedient. In
unserem Saale speisen täglich zu unserer Rechten zwölf
Erzbischöfe und zu unserer Linken zwanzig Bischöfe, außerdem noch der Patriarch von Sankt Thomas, der Protopapas von Salmas und der Archiprotopapas von Susa,
in welcher Stadt der Thron unseres Ruhmes und unser
kaiserlicher Palast sich befindet. Aebte, der Zahl nach
mit den Tagen des Jahres im Einklange, verwalten das
geistliche Amt vor uns in unserer Kapelle. Unser Mundschenk ist ein Primas und König; unser Haushofmeister
ist ein Erzbischof und ein König; unser Kammerherr ist
ein Bischof und ein König; unser Marschall ist ein Archimandrit und ein König, und unser Küchenmeister ist ein
Abt und ein König; wir aber nehmen einen niedrigeren
Rang und einen demütigeren Namen an, auf daß wir
unsere große Demut zeigen.“ — —

So lautet im Auszuge ein Brief, den der berühmte,
aber geschichtlich vielleicht doch fragliche Tartarenkönig
Presbyter Johann an den griechischen Kaiser geschrieben hat oder doch geschrieben haben soll. Mag der Brief
untergeschoben sein oder nicht, er enthält neben verschiedenen belustigenden Merkwürdigkeiten, die ihren Grund
in den falschen Anschauungen früherer Jahrhunderte haben,
doch auch Thatsachen und Einzelheiten, welche von Marco
Polo, Sir John Mandeville und andern Reisenden oder
Forschern bestätigt worden sind, und ich wurde lebhaft
an ihn erinnert, als ich jetzt auf der östlichen Höhe von
Scheik Adi hielt und einen Blick nach Morgen richtete,
wo sich die Berge von Surgh, Zibar, Haïr, Tura Ghara,
Baz, Dschelu, Tkhoma, Karitha und Tijari erhoben.

In den Thälern, welche zwischen ihnen liegen, wohnen
die letzten jener christlichen Sektierer, denen dieser Tartarenkönig angehörte. Zu seiner Zeit waren sie mächtig
und einflußreich; die Sitze ihrer Metropolitanen lagen
über den ganzen asiatischen Kontinent zerstreut, von den
Küsten des kaspischen Meeres bis zu den chinesischen Seen
und von den allernördlichsten Grenzen Skythiens bis zum
äußersten südlichen Ende der indischen Halbinsel. Sie
waren die Ratgeber Mohammeds und seiner Nachfolger.
Die christlichen Anklänge des Kuran sind meist ihren
Büchern und Lehren entnommen. Aber mit dem Falle
der Khalifen brach auch ihre Macht zusammen und zwar
mit reißender Schnelligkeit; denn ihre innere, geistliche
Konstitution entbehrte der göttlichen Reinheit, welche die
Kraft eines unbesiegbaren Widerstandes verleiht. Bereits
unter der Regierung des Kassan, der ein Sohn des Arghun
und ein Enkel des berühmten Eroberers von Baghdad,
Hulaku Khan, war, begannen die Verfolgungen gegen sie.
Dann aber brach der große Tamerlan unbarmherzig über
sie herein. Mit unersättlicher Wut verfolgte er sie, zerstörte ihre Kirchen und brachte alle, denen es nicht gelang,
in die unzugänglichen Berge Kurdistans zu entkommen,
mit dem Schwerte um. Die Urenkel dieser Entkommenen
leben noch heute an Plätzen, die Festungen verglichen
werden können. Sie, die Ueberreste des einst so mächtigen
assyrischen Volkes, sehen allzeit das Schwert der Türken
und den Dolch der Kurden über sich schweben und haben
in neuerer Zeit Grausamkeiten zu ertragen gehabt, bei
deren Erzählung sich die Haare sträuben. Einen großen
Teil der Schuld daran haben jedenfalls jene überseeischen
Missionäre zu tragen, die ihren Schul- und Bethäusern
das Ansehen von Fortifikationen gaben und dadurch das
Mißtrauen der dortigen Machthaber erweckten. Damit
und durch ähnliche Unvorsichtigkeiten haben sie sowohl
ihrem Werke als auch den Anhängern desselben gleich
großen Schaden bereitet.

Auf meinem Ritt nach Amadijah kam ich voraussichtlich auch in Ortschaften, die von diesen chaldäischen
Christen bewohnt wurden; Grund genug, an jenen Brief
zu denken, der ihre Vergangenheit am lebhaftesten illustriert. Einst Minister und Berater von Fürsten und
Khalifen, sind sie jetzt, soweit sie nicht zur heiligen christkatholischen Kirche zurückgekehrt sind, so ohne alle innere
und äußere Kraft, daß Männer wie der berüchtigte Beder
Khan Bey und sein Verbündeter Abd el Summit Bey die
fürchterlichsten Metzeleien unter ihnen anrichten konnten,
ohne den geringsten Widerstand zu finden. Und doch
hätte das schwer zugängliche Terrain, das sie bewohnen,
ihnen die erfolgreichste Verteidigung an die Hand gegeben.

Wie ungleich männlicher hatten sich dagegen die
Dschesidi verhalten!

Nach jener Flammennacht im Thale Idiz war Ali
Bey nach Dscherraijah geritten, scheinbar nur von zehn
Männern begleitet. Aber noch vor seinem Aufbruche hatte
er eine hinreichende Anzahl von Kriegern in die Nähe von
Bozan vorausgesandt.

Der Mutessarif war wirklich mit einer gleich großen
Begleitung eingetroffen, aber Ali Bey hatte durch seine
Kundschafter erfahren, daß zwischen Scio Khan und Ras
ul Aïn eine beträchtliche Truppenmacht zusammengezogen
worden sei, um noch desselben Tages nach Scheik Adi
vorzugehen. Auf diese Kunde hin hatte er den Mutessarif
einfach einschließen lassen und zum Gefangenen gemacht.
Um seine Freiheit wieder zu erhalten, hatte dieser sich nun
gezwungen gesehen, alle hinterlistigen Pläne aufzugeben
und die friedlichen Vorschläge des Bey einzugehen.

Die Folge davon war, daß das unterbrochene Fest
der Dschesidi wieder aufgenommen und mit einem Jubel
begangen wurde, dessen Zeuge Scheik Adi wohl noch nie
gewesen war.

Nach Ablauf dieser Feste wollte ich nach Amadijah
aufbrechen, erfuhr aber, daß Mohammed Emin sich in den
Bergen von Kaloni den Fuß vertreten hatte, und so war
ich gezwungen, drei Wochen lang seine Wiederherstellung
abzuwarten. Indes ging mir diese Zeit nicht ungenützt
vorüber, da sie mir die höchst willkommene Gelegenheit
bot, mich mit dem Kurdischen vertrauter als bisher zu
machen.

Endlich benachrichtigte mich der Haddedihn durch
einen Boten, daß er zum Aufbruche bereit sei, und so
hatte ich mich in aller Frühe aufgemacht, um ihn bei
dem Häuptlinge der Badinankurden abzuholen. Mein
Abschied von den Dschesidi war ein herzlicher, und ich
mußte versprechen, auf der Rückkehr noch einige Tage
bei ihnen zu verweilen. Zwar hatte ich mir jede Begleitung verbeten, aber Ali Bey ließ es sich nicht nehmen,
mich wenigstens zu den Badinan zu bringen, um auch
Mohammed Emin lebewohl sagen zu können.

Jetzt also hielten wir auf der östlichen Höhe von
Scheik Adi und ließen die Ereignisse der letzten Wochen
an uns vorüberfliegen. Was werden die nächsten Tage
bringen? Je weiter nach Nordost hinauf, desto wilder
werden die Bergvölker, die keinen Ackerbau kennen und
nur von Raub und Viehzucht leben. Ali Bey mochte
mir diesen Gedanken von der Stirn ablesen.

„Emir, du gehst beschwerliche und gefährliche Wege,“
meinte er. „Wie weit hinauf willst du in die Berge?“

„Zunächst nur bis nach Amadijah.“

„Du wirst noch weiter müssen.“

„Warum?“

„Dein Werk in Amadijah mag gelingen oder nicht,
so bleibt die Flucht dein Los. Man kennt den Weg, welchen der Sohn Mohammed Emins einzuschlagen hat, um
zu seinen Haddedihn zu gelangen, und man wird ihm
denselben verlegen. Wie willst du dann reiten?“

„Ich werde mich nach den Umständen zu richten haben.
Wir könnten nach Süden gehen und auf dem Zab Ala
oder zu Pferde längs des Akra-Flusses entkommen. Wir
könnten auch nach Norden gehen, über die Berge von
Tijari und den Maranan-Dagh, und dann den Khabur
und den Tigris überschreiten, um durch die Salzwüste
nach dem Sindschar zu kommen.“

„In diesen Fällen aber werden wir dich niemals
wiedersehen!“

„Gott lenkt die Gedanken und Schritte des Menschen; ihm sei alles anheimgestellt!“

Wir ritten weiter. Halef und der Baschi-Bozuk folgten uns. Mein Rappe hatte sich weidlich ausruhen können. Er hatte früher nur Balahat-Datteln gefressen und
sich jetzt an anderes Futter gewöhnen müssen, war mir
aber doch fast ein wenig zu fleischig geworden und zeigte
einen Ueberfluß an Kräften, so daß ich ihn derb zwischen
die Schenkel nehmen mußte. Ich war übrigens halb neugierig und halb besorgt, wie er sich bewähren werde, wenn
es gälte, die Schneeberge Kurdistans zu überwinden.

Wir langten bald bei den Badinan an und wurden
von ihnen mit gastlicher Fröhlichkeit empfangen. Mohammed Emin war reisefertig, und nachdem wir noch ein
Stündchen geplaudert, geschmaust und geraucht hatten,
brachen wir auf. Ali Bey gab uns allen, und mir zuletzt, die Hand. Im Auge stand ihm eine Thräne.

„Emir, glaubst du, daß ich dich lieb habe?“ fragte
er bewegt.

„Ich weiß es; aber auch ich scheide in Wehmut von
dir, den meine Seele lieb gewonnen hat.“

„Du gehst von hinnen, und ich bleibe; aber meine
Gedanken werden dich begleiten, meine Wünsche werden
weilen in den Spuren deiner Füße. Du hast Abschied
genommen von dem Mir Scheik Khan, aber er hat mir
seinen Segen mitgegeben, daß ich ihn im Augenblicke des
Scheidens auf dein Haupt legen soll. Gott sei mit dir
und bleibe bei dir zu aller Zeit und auf allen Wegen;
sein Zorn treffe deine Feinde, und seine Gnade erleuchte
deine Freunde! Du gehst großen Gefahren entgegen, und
der Mir Scheik Khan hat dir seinen Schutz versprochen.
Er sendet dir diesen Melek Ta-us, damit er dir als Talisman diene. Ich weiß, du hältst diesen Vogel nicht für ein
Götzenbild, sondern für ein Zeichen, an welchem du als
unser Freund erkannt wirst. Jeder Dschesidi, welchem du
diesen Ta-us zeigest, wird für dich sein Gut und sein Leben
opfern. Nimm diese Gabe, aber vertraue sie keinem andern
an, denn sie ist für dich allein bestimmt! Und nun lebe
wohl, und vergiß nie diejenigen, welche dich lieben!“

Er umarmte mich, stieg dann schnell auf sein Pferd
und ritt, ohne sich umzusehen, von dannen. Es war mir,
als sei ein Stück meines Herzens mit ihm davongegangen.
Es war ein großes, ein sehr großes Geschenk, das mir
der Mir Scheik Khan durch ihn gemacht hatte. Wie viel
ist über das Vorhandensein eines Melek Ta-us gestritten
worden! Und hier hatte ich dieses rätselhafte Zeichen in
meiner eignen Hand. Es war ein ganz ungewöhnliches
Vertrauen, dessen mich der Khan würdigte, und es verstand sich ganz von selbst, daß ich mich der Figur nur im
äußersten Notfalle bedienen würde.

Sie war aus Kupfer und stellte einen Vogel dar,
der seine Schwingen zum Fluge entfaltete, und auf dem
unteren Teile zeigte sich das Kurmangdschi-Wort „Hemdscher“, d. i. Freund oder Genosse, eingegraben. Eine seidene
Schnur diente dazu, sie um den Hals zu befestigen.

Die Badinan wollten uns eine Strecke weit das Geleit geben; ich mußte es gestatten, machte aber die Bedingung, daß sie bei ihrem Dorfe Kalahoni umkehren
sollten. Dieses liegt vier Stunden von Scheik Adi entfernt. Seine Häuser waren fast ausnahmslos aus Stein
gebaut und hingen wie riesige Vogelnester zwischen den
Weingärten hoch über dem Flußbette des Gomel. Sie
erhielten ein sehr durables Aussehen durch die riesigen
Steinblöcke, welche als Oberschwellen der Thüren und als
Ecken des Gebäudes dienten.

Hier wurde Ade gesagt, dann ritten wir zu vieren
weiter.

Auf einem sehr steilen Wege, der unsern Tieren
große Beschwerden bereitete, erreichten wir das kleine
Dörfchen Bebozi, das auf dem Gipfel einer bedeutenden
Höhe liegt. Es giebt hier eine katholische Kirche, denn
die Einwohner gehören zu den Chaldäern, die bekehrt
worden sind. Wir wurden von ihnen sehr freundlich aufgenommen und erhielten unentgeltlich Trank und Speise.
Sie wollten mir einen Führer mitgeben; da ich dies aber
ablehnte, so wurde mir der Weg zum nächsten Orte so
genau beschrieben, daß wir ihn gar nicht verfehlen konnten.

Er führte uns zunächst längs der Höhe hin durch
einen Wald von Zwergeichen und stieg dann in das Thal
hinab, in welchem Cheloki liegt. In diesem Orte machten
wir einen kurzen Halt, und ich nahm den Baschi-Bozuk vor:

„Buluk Emini, höre, was ich dir sage!“

„Ich höre es, Emir!“

„Der Mutessarif von Mossul hat dir den Befehl
gegeben, für alles zu sorgen, was ich brauchen werde.
Du hast mir bisher noch keinen Nutzen gebracht; von
heute an aber wirst du deines Amtes warten.“

„Was soll ich thun, Effendi?“

„Wir werden diese Nacht in Spandareh bleiben. Du
reitest voraus und trägst Sorge, daß bei meiner Ankunft
alles für mich bereitet ist. Hast du mich verstanden?“

„Sehr gut, Emir!“ antwortete er mit amtlicher
Würde. „Ich werde eilen, und wenn du kommst, wird
dich das ganze Dorf mit Jubel empfangen.“

Er stieß seinem Esel die Fersen in die Seiten und
trollte von dannen.

Von Cheloki bis hinüber nach Spandareh ist nicht
weit, aber doch brach die Nacht bereits herein, als wir
dieses große Kurdendorf erreichten. Es hat seinen Namen
von der großen Anzahl von Pappeln, die dort vorkommen; denn Spidar, Spindar und auch Spandar heißt
im Kurmangdschi die Weißpappel. Wir fragten nach der
Wohnung des Kiajah, erhielten aber statt einer Antwort
nur grimmige Blicke.

Ich hatte meine Frage türkisch ausgesprochen; jetzt
wiederholte ich sie kurdisch, indem ich nach dem Malkoegund, welches Dorfältester bedeutet, fragte. Dies machte
die Leute augenblicklich willfähriger. Wir wurden vor
ein größeres Haus geführt, wo wir abstiegen und eintraten. In einem der Räume wurde ein sehr lautes Gespräch geführt, das wir sehr deutlich hören konnten. Ich
blieb stehen und horchte.

„Wer bist du, du Hund, du Feigling?“ rief eine
zornige Stimme. „Ein Baschi-Bozuk bist du, der auf
einem Esel reitet. Das ist für dich eine Ehre, für den
Esel aber eine Schande; denn er trägt einen Kerl, der
dümmer ist, als er. Und du kommst herbei, mich hier zu
vertreiben!“

„Wer bist denn du, he?“ antwortete die Stimme
meines tapfern Ifra. „Du bist ein Arnaute, ein Gurgelabschneider, ein Spitzbube! Dein Maul sieht aus wie das
Maul eines Frosches, deine Augen sind Krötenaugen;
deine Nase gleicht einer Gurke, und deine Stimme klingt
wie das Schreien einer Wachtel! Ich bin ein Buluk Emini
des Großherrn; was aber bist denn du? Ein Khawaß,
ein einfacher Khawaß, weiter nichts.“

„Mensch, ich drehe dir das Gesicht auf den Rücken,
wenn du nicht schweigest! Was geht dich meine Nase an?
Du hast gar keine! Du sagst, dein Gebieter sei ein sehr
großer Effendi, ein Emir, ein Scheik des Abendlandes?
Man darf nur dich betrachten, dann weiß man, wer er
ist! Und du kommst, mich hier fortzujagen?“

„Und wer ist denn dein Gebieter? Auch ein großer
Effendi aus dem Abendlande, sagst du? Ich aber sage
dir, daß es im ganzen Abendlande nur einen einzigen
großen Effendi giebt, und das ist mein Herr. Merke dir
das!“

„Hört,“ begann eine dritte Stimme sehr ernst und
ruhig; „ihr habt mir zwei Effendi angemeldet. Der eine
hat eine Schrift vom Onsul der Franken, die vom
Mutessarif unterzeichnet worden ist; das gilt. Der andere
aber ist im Giölgeda padischahnün; er hat Schriften vom
Onsul, vom Großherrn, vom Mutessarif und hat auch
das Recht auf den Disch-parassi; das gilt noch mehr.
Dieser letztere wird hier bei mir wohnen; für den andern aber werde ich eine Schlafstätte in einem andern
Hause bereiten lassen. Der eine wird alles umsonst erhalten; der andere aber wird alles bezahlen.“

„Das leide ich nicht!“ klang die Stimme des Arnauten. „Was dem einen geschieht, das wird dem andern
auch geschehen!“

„Höre, ich bin hier Nezanum und Gebieter; was
ich sage, das gilt, und kein Fremder hat mir Vorschriften
zu machen. Söjle-dim — ich habe gesprochen!“

Jetzt öffnete ich die Thür und trat mit Mohammed
Emin ein.

„Ivari 'l kher — guten Abend!“ grüßte ich. „Du
bist der Herr von Spandareh?“

„Ich bin es,“ antwortete der Dorfälteste.

Ich deutete auf den Buluk Emini.

„Dieser Mann ist mein Diener. Ich habe ihn zu
dir gesandt, um mir deine Gastfreundschaft zu erbitten.
Was hast du beschlossen?“

„Du bist der, welcher unter dem Schutze des Großherrn steht und das Anrecht auf den Disch-parassi hat?“

„Ich bin es.“

„Und dieser Mann ist dein Begleiter?“

„Mein Freund und Gefährte.“

„Habt ihr viele Leute bei euch?“

„Diesen Buluk Emini und noch einen Diener.“

„Ser sere men at — Ihr seid mir willkommen!“

Er erhob sich von seinem Sitze und reichte uns die Hand
entgegen. „Setzt euch nieder an mein Feuer, und laßt
es euch in meinem Hause gefallen! Ihr sollt ein Zimmer
bekommen, wie es euer würdig ist. Wie hoch schätzest
du deinen Disch-parassi?“

„Für uns beide und den Diener sei er dir geschenkt,
aber diesem Baschi-Bozuk wirst du fünf Piaster geben.
Er ist der Beauftragte des Mutessarif, und ich habe nicht
das Recht, ihm das Seinige zu entziehen.“

„Herr, du bist nachsichtig und gütig; ich danke dir!
Es soll dir nichts mangeln an dem, was zu deinem Wohle
gehört. Doch erlaube, daß ich mich eine kleine Weile mit
diesem Khawassen entferne!“

Er meinte den Arnauten. Dieser hatte uns sehr
finster zugehört; jetzt nun zürnte er:

„Ich gehe nicht fort; ich verlange das gleiche Recht
für meinen Herrn!“

„So bleibe!“ meinte der Nezanum einfach. „Wenn
aber dein Gebieter keine Wohnung findet, so ist es deine
Schuld.“

„Was sind diese beiden Männer, welche sagen, daß
sie unter dem Schutze des Großherrn stehen? Araber sind
es, welche in der Wüste rauben und stehlen und hier in
den Bergen die Herren spielen — — —“

„Hadschi Halef!“ rief ich laut.

Der kleine Diener trat ein.

„Halef, dieser Khawaß wagt es, uns zu schmähen;
wenn er noch ein einziges Wort sagt, welches mir nicht
gefällt, so gebe ich ihn in deine Hand!“

Der Arnaut, der bis unter die Zähne bewaffnet war,
blickte mit offenbarer Verachtung auf Halef herab.

„Vor diesem Zwerge soll ich mich fürchten, ich, der
ich — —“

Er konnte nicht weiter sprechen, denn er lag bereits
am Boden, und mein kleiner Hadschi kniete über ihm, in
der Rechten den Dolch zückend und die Linke um seinen
Hals klammernd.

„Soll ich, Sihdi?“

„Es ist einstweilen genug; aber sage ihm, daß er
verloren ist, wenn er noch eine feindselige Miene macht!“

Halef ließ ihn los, und er erhob sich. Seine Augen
blitzten in zorniger Tücke, aber er wagte doch nichts zu
unternehmen.

„Komm!“ gebot er dem Dorfältesten.

„Du willst dir die Wohnung anweisen lassen?“ fragte
dieser.

„Ja, einstweilen. Wenn aber mein Herr angekommen ist, dann werde ich ihn herbeisenden, und es wird
sich entscheiden, wer in deinem Hause schläft. Er wird
auch richten zwischen mir und diesem Diener der beiden
Araber!“

Sie gingen miteinander fort. Während der Abwesenheit des Nezanum leistete uns einer seiner Söhne Gesellschaft, und bald wurde uns gesagt, daß der Ort, an dem
wir schlafen sollten, für uns bereitet sei.

Wir wurden in ein Gemach geführt, in welchem
mittels Teppichen zwei weiche Lager bereitet waren; in
der Mitte desselben aber hatte man das Abendessen serviert. Diese Schnelligkeit und das ganze Arrangement
ließen vermuten, daß der Dorfälteste nicht zu den armen
Bewohnern des Ortes zählte. Sein Sohn saß bei uns,
nahm aber nicht teil am Mahle; es war dies eine Respektserweisung, auf welche wir uns etwas einbilden
konnten. Die Frau und eine Tochter des Vorstehers bedienten uns.

Zunächst wurde uns Scherbet gereicht. Wir tranken
ihn aus sehr hübschen Findschani ferfuri, hier in Kurdistan eine sehr große Seltenheit. Dann erhielten wir
Valquapamasi, Weizenbrot in Honig gebraten, wozu der
dazu gebotene Findika allerdings nicht recht passen wollte.
Nun folgte ein junger Vizihn mit Reisklößen, die in
feiner Brühe schwammen, dazu Bera asch †) die ihrem
Namen vollständig entsprachen. Zwei kleine Braten,
welche die Fortsetzung bildeten, kamen mir recht appetitlich
vor. Sie waren recht schön „knusperig“ gebräunt; ich
hielt sie unbedingt für Tauben. Sie waren wirklich delikat,
hatten aber doch einen Geschmack, der mir etwas fremd
erschien.

„Ist dies Kewuk?“ fragte ich den jungen Mann.

„Nein. Es ist Bartschemik,“ antwortete er.

Hm! Eine recht hübsche gastronomische Ueberraschung!
Jetzt trat der Vorsteher herein. Auf meine Einladung
setzte er sich zu uns nieder und nahm teil an dem Mahle,
in dessen ganzem Verlaufe auf einer blechernen Platte
duftendes Mastir brannte. Jetzt, da der Hausherr zugegen war, wurde die Hauptschüssel aufgetragen. Sie
enthielt Quapameh, Hammelbraten in saurer Sahne gebacken, und dazu wurde Reis gegeben, der mit Zwiebeln
abgesotten war. Als wir zur Genüge davon gekostet hatten, winkte der Vorsteher. Man brachte eine zugedeckte
Schüssel, die er mit sehr wichtiger Miene in Empfang
nahm.

„Rate, was das ist!“ bat er mich.

„Zeige es!“

„Das ist ein Gericht, welches du nicht kennst. Es
ist nur in Kurdistan zu haben, wo es starke und mutige
Männer giebt.“

„Du machst mich neugierig!“

„Wer es genießt, dessen Kräfte verdoppeln sich, und
er fürchtet sich vor keinem Feinde mehr. Rieche einmal!“

Er öffnete den Deckel ein wenig und ließ mich den
Duft kosten.

„Diesen Braten giebt es nur in Kurdistan?“ fragte ich.

„Ja.“

„Du irrst; denn ich habe dasselbe Fleisch bereits sehr
viele Male gegessen.“

„Wo?“

„Bei den Urus und den andern Völkern, besonders
aber in einem Lande, das Amerika genannt wird. Dort
wächst das Tier viel größer und ist auch viel wilder und
gefährlicher, als bei euch.“

„Du bist es, der sich irrt; denn nur hier in Kurdistan
lebt dieses Tier.“

„Ich bin noch nie in Kurdistan gewesen und erkenne
dieses Fleisch doch bereits am Geruche; also muß ich es
auch schon in andern Ländern gegessen haben.“

„Was ist es für ein Tier?“

„Es ist Bär. Habe ich recht?“

„Ja wirklich, du kennst es!“ rief er erstaunt.

„Ich kenne es noch besser, als du meinst. Ich habe
noch nicht in diese Schüssel geblickt und wette dennoch
mit dir, daß das Fleisch die Tatze vom Bären ist!“

„Du hast es erraten! Nimm und iß!“

Nun ging es an das Erzählen von Jagdgeschichten.
Der Bär ist in Kurdistan allerdings sehr häufig anzutreffen, aber bei weitem nicht so gefährlich, wie der große
graue Petz von Nordamerika. Zu den gedämpften Bärentatzen gab es ein dickes Mus von gedörrten Birnen und
Pflaumen, dem ein gepanzertes Gericht folgte, nämlich
gesottene Krebse, zu denen eine Zuspeise gereicht wurde,
die mir sehr fremd und kompliziert erschien. Ich erlaubte
mir, mich zu erkundigen, und die Frau des Vorstehers
gab mir bereitwillig Auskunft:

„Nimm Kürbisse und koche sie zu Brei,“ meinte sie.
„Thue Zucker und Butter dazu, rühre klaren Käse und
geschnittenen Knoblauch hinein und füge zerdrückte Maulbeeren und weichgequollene Kerne von Sonnenblumen
hinzu. Dann hast du diese Speise, welcher keine andere
gleichkommt!“

Ich kostete diese unvergleichliche Mischung von Kürbis
und Sonnenblume, Käse und Zucker, Butter, Maulbeeren
und Knoblauch und fand, daß der Geschmack derselben
nicht so schlimm war, wie der Klang der Ingredienzien.
Den Schluß des Mahles bildeten getrocknete Aepfel und
Weintrauben, zu denen ein Schluck Racki getrunken wurde.
Dann kamen die Tabakspfeifen zu ihrem Rechte.

Während wir den starken, rauhen und nur wenig
fermentierten Tabak von Kelekowa in Brand steckten, ließ
sich unten ein lautes Gespräch vernehmen. Der Vorsteher
ging hinaus, um nach der Veranlassung desselben zu sehen,
und da er den Eingang offen ließ, konnten wir jedes
Wort vernehmen.

„Wer ist da?“ fragte er.

„Was will er?“ hörte ich eine andere Stimme in
englischer Sprache fragen.

„Er fragt, wer da ist,“ antwortete ein dritter, gleichfalls englisch.

„Was heißt türkisch: ich?“

„Ben.“

„Well! Ben!!!“ rief es dann zum Wirte herauf.

„Ben?“ fragte dieser. „Wie ist dein Name?“

„Was will er?“ fragte dieselbe klappernde Stimme,
die mir so außerordentlich bekannt war, daß ich vor Verwunderung über die Anwesenheit dieses Mannes aufgesprungen war.

„Er fragt, wie sie heißen.“

„Sir David Lindsay!“ rief er herauf.

Im nächsten Augenblicke stand ich unten neben ihm
im Flur. Ja, da lehnte er vor mir, beleuchtet vom Feuer
des Herdes. Das war der hohe, graue Cylinderhut, der
lange, dünne Kopf, der breite Mund, die Sierra-Morena-Nase, der bloße, dürre Hals, der breite Hemdkragen, der
graukarrierte Schlips, die graukarrierte Weste, der graukarrierte Rock, die graukarrierte Hose, die graukarrierten
Gamaschen und die staubgrauen Stiefel. Und wahrhaftig,
da in der Rechten trug er die berühmte Hacke, welche die
edle Bestimmung hatte, Fowling-bulls und andere Altertümer zu insultieren!

„Master Lindsay!“ rief ich aus.

„Well! Ah, wer sein? Oh — ah — Ihr seid es?!“

Er riß die Augen auf und den Mund noch viel mehr
und staunte mich mit den genannten Organen wie einen
Menschen an, der vom Tode erstanden ist.

„Wie kommt Ihr nach Spandareh, Sir?“ fragte ich,
beinahe ebenso erstaunt, wie er.

„Ich? Well! Geritten!“

„Natürlich! Aber was sucht Ihr hier?“

„Ich? Oh! Hm! Euch und Fowling-bulls!“

„Mich?“

„Yes! Werde erzählen. Vorher aber zanken!“

„Mit wem?“

„Mit Mayor, mit Bürgermeister von Dorf. Schauderhafter Kerl!“

„Warum?“

„Will nicht haben Englishman, will haben Araber!
Miserabel! Wo ist Kerl, he?!“

„Hier steht er,“ antwortete ich, auf den Aeltesten
zeigend, der unterdessen herbeigetreten war.

„Ihm zanken, räsonnieren!“ gebot Lindsay dem Dolmetscher, welcher neben ihm stand. „Mach Quarrel, mach
Scold, sehr, laut, viel!“

„Erlaubt, Sir, daß ich dies übernehme,“ meinte ich.

„Die beiden Araber, über welche Ihr Euch ärgert, werden
Euch nicht im Wege sein. Sie sind Eure besten Freunde.“

„Ah! Wo sind?“

„Der eine bin ich, und der andere ist Mohammed
Emin.“

„Moh — — — ah! Emin — — ah! Wo ist?“

„Droben. Kommt mit herauf!“

„Well! Ah, ganz außerordentlich, immense, unbegreiflich!“

Ich schob ihn ohne Umstände die schmale Stiege
empor und wies sowohl den Dolmetscher als auch den
Arnauten, die uns folgen wollten, zurück. Bei den kurdischen Damen erregte das Erscheinen der langen, graukarrierten Gestalt ein gelindes Entsetzen; sie zogen sich in
die entfernteste Ecke zurück. Mohammed Emin aber, der
sonst so ernsthafte Mann, lachte laut, als er den dunklen
Krater erblickte, den der offene Mund des erstaunten Engländers bildete.

„Ah! Good day, Sir, Master Mohammed! How do
you do — wie befinden Sie sich?“

„Maschallah! Wie kommt der Inglis hierher?“ fragte
dieser.

„Wir werden es erfahren.“

„Kennst du diesen Mann?“ fragte mich der Herr des
Hauses.

„Ich kenne ihn. Er ist derselbe Fremdling, welcher
seinen Khawaß vorhin sandte, um bei dir zu bleiben. Er
ist mein Freund. Hast du eine Wohnung für ihn besorgt?“

„Wenn er dein Freund ist, so soll er in meinem
Hause bleiben,“ lautete die Antwort.

„Hast du Raum für so viele Leute?“

„Für Gäste, welche willkommen sind, ist immer Raum
vorhanden. Er mag Platz nehmen und ein Mahl genießen!“

„Setzt Euch, Sir,“ sagte ich also zu Lindsay, „und
laßt uns wissen, was Euch auf den Gedanken gebracht
hat, die Weidegründe der Haddedihn zu verlassen und
nach Spandareh zu kommen!“

„Well! Aber erst versorgen.“

„Was?“

„Diener.“

„Die mögen für sich selbst sorgen, denn dazu sind
sie da.“

„Pferde.“

„Die werden von den Dienern versorgt. Also, Master?“

„Hm! War tedious, fürchterlich langweilig!“

„Habt Ihr nicht gegraben?“

„Viel, sehr viel.“

„Und etwas gefunden?“

„Nothing, nichts, gar nichts! Fürchterlich!“

„Weiter!“

„Sehnsucht, schreckliche Sehnsucht!“

„Wonach?“

„Hm! Euch, Sir!“

Ich lachte.

„Also aus Sehnsucht nach mir!“

„Well, very well, yes! Fowling-bulls nicht finden.
Ihr nicht da — ich fort.“

„Aber, Sir, wir hatten doch bestimmt, daß Ihr bis
nach unserer Rückkehr bleiben solltet!“

„Keine Geduld, nicht aushalten!“

„Es gab doch Unterhaltung genug!“

„Mit Arabern? Pshaw! Mich nicht verstehen!“

„Ihr hattet einen Dolmetscher!“

„Fort, weg, ausgerissen.“

„Ah! Der Grieche, dieser Kolettis ist entflohen? Er
war doch verwundet!“

„Loch im Bein, wieder gewachsen. Halunke frühmorgens weg!“

„Dann allerdings konntet Ihr Euch nicht gut verständlich machen. Wie aber habt Ihr mich gefunden?“

„Wußte, daß Ihr nach Amadijah wolltet. Ging nach
Mossul. Konsul gab Paß; Gouverneur unterschrieb Paß,
gab Dolmetscher mit und Khawaß. Ging nach Dohuk.“

„Nach Dohuk? Warum diesen Umweg?“

„War Krieg mit Teufelsmännern; konnte nicht durch.
Von Dohuk nach Duliah und von Duliah nach Mungayschi. Dann hierher. Well! Euch finden. Sehr gut,
prachtvoll!“

„Aber nun?“

„Zusammenbleiben, Abenteuer machen, ausgraben!
Fowling-bulls schicken, Traveller-Klub, London, yes!“

„Schön, Master Lindsay! Aber wir haben jetzt andere
Dinge zu thun.“

„Was?“

„Ihr kennt doch den Grund, welcher uns nach Amadijah führt!“

„Kenne ihn. Schöner Grund, tapferer Grund, Abenteuer! Master Amad el Ghandur holen. Werde ihn mitholen!“

„Ich glaube, daß Ihr uns nicht viel Nutzen bringen
würdet.“

„Nicht! Warum?“

„Ihr versteht ja nur englisch.“

„Habe Dolmetscher!“

„Wollt Ihr ihn mit in das Geheimnis ziehen? Oder
habt Ihr vielleicht gar bereits davon gesprochen?“

„Kein Wort!“

„Das ist gut, Sir, sonst wären wir ungemein gefährdet. Ich muß Euch offen gestehen, daß ich gewünscht
habe, Euch erst später wiederzusehen.“

„Ihr? Mich? Well, ab! Habe geglaubt, daß Ihr
Freund von mir! Das aber nicht, folglich ab! Reise nach
— nach — nach — — —“

„Ins Pfefferland, sonst nirgends wo anders hin!
Es versteht sich ganz von selbst, daß Ihr mein Freund
seid, und ebenso bin ich der Eurige; aber Ihr müßt doch
einsehen, daß Ihr uns Schaden bringt!“

„Schaden? Warum?“

„Ihr fallt zu sehr auf!“

„Well, nicht mehr auffallen! Was muß ich thun?“

„Hm, das ist eine höchst unangenehme Affaire!
Zurückschicken kann ich euch nicht; hier lassen kann ich
Euch nicht; ich muß Euch mitnehmen; wahrhaftig, es
geht nicht anders!“

„Schön, sehr schön!“

„Aber Ihr müßt Euch nach uns richten.“

„Richten? Well, werde es!“

„Ihr jagt Euern Dolmetscher und auch den Khawaß
fort.“

„Müssen fort, zum Teufel, yes!“

„Auch diese Kleidung muß fort!“

„Fort? Ah! Wohin?“

„Weg, ganz weg. Ihr müßt wie ein Türke oder
wie ein Kurde gehen.“

Er sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an,
grad so, als ob ich ihm zugemutet hätte, sich selbst aufzuspeisen. Seine Mundstellung wäre dazu wohl nicht
ungeeignet gewesen.

„Wie ein Türke? Wie ein Kurde? Horribel, schauderhaft!“

„Es geht nicht anders!“

„Was anziehen?“

„Türkische Pumphosen oder schwarzrote kurdische Beinkleider.“

„Schwarzrot! Ah, schön, sehr gut! Schwarz und rot
karriert!“

„Meinetwegen. Wie wollt Ihr Euch tragen? Als
Türke, oder als Kurde?“

„Kurde.“

„So müßt Ihr allerdings schwarzrot gehen; das ist
die kurdische Leibfarbe. Also kurdische Hosen. Eine Weste,
ein Hemd, welches über die Hose getragen wird.“

„Schwarzrot?“

„Ja.“

„Karriert?“

„Meinetwegen! Es muß vom Hals bis auf die Knöchel
reichen. Dann einen Rock oder Mantel darüber.“

„Schwarzrot?“

„Natürlich!“

„Karriert?“

„Meinetwegen! Sodann einen Turban von der riesigen Größe, wie ihn vornehme Kurden zu tragen pflegen.“

„Schwarzrot?“

„Auch!“

„Karriert?“

„Meinetwegen!“

„Dann einen Gürtel, Strümpfe, Schuhe, Waffen — —“

„Schwarzrot?“

„Habe nichts dagegen!“

„Und karriert?“

„Laßt Euch meinetwegen auch noch das Gesicht schwarzrot karrieren!“

„Wo kaufen diese Sachen?“

„Da weiß ich selbst keinen Rat. Einen Bazar finden
wir ja erst in Amadijah. Vielleicht aber giebt es auch
hier einen Händler, denn Spandareh ist ein großes Dorf.
Und — — — Ihr habt ja Geld, viel Geld, nicht?“

„Viel, sehr viel, well! Werde alles bezahlen!“

„Werde einmal fragen.“

Ich wandte mich an den Vorsteher:

„Giebt es hier einen Urubadschi?“

„Nein.“

„Giebt es einen Mann, der jetzt nach Amadijah reiten
und für diesen Fremdling Kleider holen könnte?“

„Ja, aber der Bazar wird erst morgen offen sein,
und die Kleider können also erst spät eintreffen.“

„Oder ist ein Mann hier, der uns ein Kleid bis
Amadijah leihen würde?“

„Du bist mein Gast; ich habe ein neues Panbukah;
ich werde es ihm sehr gern leihen.“

„Auch einen Turban?“

„Es giebt hier keinen, der zwei Turbane hätte; aber
eine Mütze kannst du sehr leicht erhalten.“

„Was für eine Art?“

„Ich gebe dir eine Kulik, die ihm passen wird.“

„Welche Farbe hat sie?“

„Sie sieht rot und hat schwarze Bänder.“

„So bitte ich dich, dies alles für morgen früh zu
besorgen. Du giebst uns einen Mann mit, den wir bezahlen. Wir werden ihm in Amadijah den Anzug für
dich zurückgeben. Aber ich wünsche, daß von dieser Sache
nicht gesprochen werde!“

„Wir beide werden schweigen, ich und mein Bote!“

Jetzt kam das Nachtmahl für den Engländer. Er
bekam einige Reste, welche wir übrig gelassen hatten und
denen ein neues Ansehen gegeben worden war. Er schien
nicht bloß Appetit, sondern sogar Hunger zu haben; denn
zwischen seinen langen, breiten, gelb glänzenden Zähnen
verschwand der größte Teil dessen, was ihm vorgelegt
wurde. Mit innerlicher Genugthuung bemerkte ich, daß
man ihm auch einen jener kleinen Braten servierte, welche
ich für Tauben gehalten hatte. Er ließ nicht das kleinste
Knöchelchen davon übrig. Später setzte man ihm unter
anderem einen zierlich gearbeiteten Holzteller vor, der ein
niedliches Gerichtchen enthielt, welches die Form eines
Beefsteak hatte und einen solchen Wohlgeruch verbreitete,
daß ich selbst noch Appetit bekam, obgleich ich ganz gegen
meine sonstige Gewohnheit bereits sehr reichlich gegessen
hatte. Ich mußte wissen, was dies war.

„Sidna, was ist dies für ein schönes Gericht?“
fragte ich die Frau, welche den Engländer bediente.

„Es ist Tschekurdschek,“ antwortete sie.

„Wie wird es bereitet?“

„Die Heuschrecken werden geröstet, klein gestoßen und
in die Erde gelegt, bis sie anfangen, zu riechen. Dann
habe ich den Teig in Olivenöl gebraten.“

Auch nicht übel! Ich nahm mir vor, dieses höchst
wichtige Recept meinem guten Master Fowling-bull nicht
lange vorzuenthalten. Während er noch aß, ging ich
hinab, um nach den Pferden zu sehen. Sie waren wohl
versorgt. Bei ihnen standen Halef, der Dolmetscher, der
Boluk Emini und der Arnaute, im heftigen Streite, der
aber bei meinem Erscheinen sofort abgebrochen wurde.

„Was zanket ihr, Halef?“ fragte ich diesen.

Er deutete auf den Arnauten.

„Dieser Mensch schändet dich, Sihdi. Er hat gedroht, dich und mich zu ermorden, weil ich ihn auf
deinen Befehl niedergeworfen habe.“

„Laß ihn reden! Thun wird er wohl nichts.“

Da legte der Arnaute die Hand an die Pistole
und rief:

„Schweig, Mensch! Oder willst du dich mit diesen
deinen Knechten heute noch in der Dschehenna treffen?“

„Tschit-i, ker, werujem, ti szi szlep — sei still, Hund!
Ich glaube, du bist vollständig blind!“ antwortete ich
ihm arnautisch. „Siehst du nicht die Gefahr, in welche
du dich begiebst?“

„In welche?“ fragte er ganz verdutzt.

„Male ti pucshke ne gadschaju dobo — diese Pistolen
treffen nicht gut!“ antwortete ich, auf seine Waffen deutend.

„Warum?“

„Budutschi um-e-m öno bölje — weil ich es besser
kann!“

Zu gleicher Zeit hielt ich ihm meinen Revolver entgegen. Ich hatte die Gewaltthätigkeit dieser arnautischen
Soldaten genugsam kennen gelernt, um selbst einen so einfachen Fall nicht zu leicht zu nehmen. Der Arnaute
achtet das Leben eines Menschen gleich nichts. Er schießt
wegen eines Schluck Wassers einen andern ruhig nieder
und beugt dann dafür mit derselben Ruhe sein Haupt
unter das Schwert des Henkers. Wir hatten diesen
Khawaß beleidigt; ein Schuß war ihm zuzutrauen. Dennoch nahm er die Hand von den Pistolen und fragte im
Tone der Verwunderung:

„Du sprichst die Sprache von Schkiperia?“

„Wie du hörst!“

„Bist du ein Schkipetar?“

„Nein.“

„Was sonst?“

„Ich bin ein Nematz, und ich sage dir, daß die
Leute aus Nemacschka es verstehen, mit deinesgleichen
umzuspringen.“

„Ein Nematz bist du nur? Kein Madschar, kein Rusz,
kein Szrbin und kein Turcschin? Obictz-i dschawo-wraga
— fahre zum Teufel!“

Er erhob blitzschnell die Pistole und drückte los.
Hätte ich nicht das Auge fest auf die Mündung der
Waffe gehalten, so wäre mir die Kugel in den Kopf gegangen; so aber fuhr ich mit dem Kopf rasch zur Seite
nieder, und die Kugel ging über mich hinweg. Ehe er
den zweiten Lauf abfeuern konnte, hatte ich ihn unterlaufen und preßte ihm die Arme an den Leib.

„Soll ich ihn erschießen, Sihdi?“ fragte Halef.

„Nein. Bindet ihn!“

Um seine Arme nach hinten zu bekommen, mußte ich
sie einen Augenblick freigeben. Das benutzte er, riß sich
los und sprang davon. Im nächsten Augenblicke war
er zwischen den Bäumen, welche die Häuser trennten, verschwunden. Alle Anwesenden eilten ihm nach, aber sie
kehrten bald wieder zurück, ohne ihn gesehen zu haben.

Der Schuß hatte auch die andern herbeigelockt.

„Wer hat geschossen, Sir?“ fragte Lindsay.

„Euer Khawaß.“

„Auf wen?“

„Auf mich.“

„Ah! Fürchterlich! Weshalb?“

„Aus Rache.“

„Ist richtiger Arnaut! Hat getroffen?“

„Nein.“

„Ihn erschießen, Sir; sofort!“

„Er ist entflohen.“

„Well; laufen lassen! Kein Schade!“

Damit hatte er allerdings sehr recht. Der Arnaute hatte
mich nicht getroffen, warum also blutdürstig sein? Zurück
kam er sicherlich nicht wieder, und ein hinterlistiger Anfall stand wohl auch nicht zu befürchten. Der Engländer
brauchte nun, da er mich gefunden hatte, weder ihn noch
den Dolmetscher, und so wurde auch dieser letztere abgelohnt, und zwar mit der Weisung, daß er morgen früh
Spandareh verlassen und nach Mossul zurückkehren könne.

Die übrige Zeit des Abends verbrachten wir mit
den Kurden in lebhafter Unterhaltung, die mit einem
Tanze schloß, der uns zu Ehren veranstaltet wurde. Man
lud uns ein, in den Hof zu kommen. Dieser bildete ein
Viereck, das von einem niederen Dache eingeschlossen
wurde, auf dem sämtliche anwesende Männer Platz nahmen. Hier lagen, hockten und knieten sie in den malerischsten Stellungen, während sich gegen dreißig Frauen in
dem Hofraume zum Tanze versammelt hatten.

Sie bildeten einen doppelten Kreis, in dessen Mitte
ein Vortänzer stand, der einen Wurfspieß schwang. Das
Orchester bestand aus einer Flöte, einer Art von Geige
und zwei Tamburins. Der Vortänzer gab das Zeichen
zum Beginne durch einen lauten Ruf. Seine Tanzkunst
bestand aus den mannigfaltigsten Arm- und Beinbewegungen, die er immer auf ein und derselben Stelle ausführte. Der Kreis der Frauen ahmte dieselben nach. Ich
fand nicht, daß diesem einfachen Tanze irgend ein Gedanke, irgend eine Idee zu Grunde liege; aber dennoch
gewährten diese Frauen mit ihren eckigen Turbanmützen,
von denen lange, über den Rücken geschlungene Schleier
herabwallten, bei der ungewissen Fackelbeleuchtung einen
ganz hübschen Anblick.

Als dieser einfache Tanz beendet war, gaben die
Männer ihre Zufriedenheit durch ein lautes Murmeln zu
erkennen, ich aber zog ein Armband hervor und rief
die Tochter des Vorstehers, die mich beim Essen bedient
hatte und sich jetzt mit unter den Tänzerinnen befand,
zu mir herauf. Es bestand aus gelben Glasstücken und
hatte das täuschende Ansehen jenes rauchigen, halbdurchsichtigen Bernsteines, der im Oriente so beliebt, gesucht
und teuer ist. Bei einem deutschen Tabulettkrämer hätte
ich dieses Armband mit fünfzig bis sechzig Pfennigen bezahlt; hier aber richtete ich voraussichtlich eine Freude
damit an, die mir bedeutend höher angerechnet wurde.

Das Mädchen kam herbei. Alle Männer hatten gehört, daß ich sie zu mir verlangte, und wußten, daß es
sich um eine Belobigung handeln werde. Ich mußte der
Höflichkeit meiner Erzieher Ehre zu machen suchen.

„Komme herbei, du lieblichste Tochter der Kurden
von Missuri! Auf deinen Wangen glänzt das Licht
Schefag, und dein Antlitz ist lieblich wie der Kelch
Sumbul. Deine langen Locken duften wie der Hauch
Gulilik, und deine Stimme klingt wie der Gesang
Bulbuli. Du bist das Kind der Gastfreundschaft, die
Tochter eines Helden, und wirst die Braut eines weisen
Kurden und eines tapferen Kriegers werden. Deine Hände
und Füße haben mich erfreut wie der Tropfen, der den
Durstigen labt. Nimm dieses Bazihn, und denke meiner,
wenn du dich damit schmückest!“

Sie errötete vor Freude und Verlegenheit und wußte
nicht was sie antworten sollte.

„Az khorbane ta, Hodia — ich bin dein eigen,
o Gebieter!“ lispelte sie endlich.

Dies ist ein gebräuchlicher Gruß der kurdischen
Frauen und Mädchen, einem vornehmen Manne gegenüber. Auch der Dorfälteste war so erfreut über die seiner
Tochter gewordene Auszeichnung, daß er sogar die orientalische Zurückhaltung ganz vergaß und sich das Geschenk
reichen ließ, um es zu betrachten.

„O wie herrlich, wie kostbar!“ rief er aus und ließ
das Armband ringsum von Hand zu Hand gehen. „Das
ist Bernstein, so guter, prächtiger Bernstein, wie ihn der
Sultan nicht köstlicher an seiner Pfeife trägt! Meine
Tochter, dein Vater kann dir keine solche Hochzeitsgabe
schenken, wie sie dieser Emir dir gegeben hat. Aus seinem
Munde ertönt die Stimme der Weisheit, und von den
Haaren seines Schnurrbartes träufelt die Güte. Frage
ihn, ob er es dir erlaubt, ihm so zu danken, wie eine
Tochter ihrem Vater dankt!“

Sie errötete noch mehr als vorhin; aber sie fragte
dennoch:

„Erlaubst du es, Herr?“

„Ich erlaube es.“

Da bog sie sich zu mir, der ich auf dem Boden saß,
hernieder und küßte mich auf den Mund und auf die
beiden Wangen; dann aber eilte sie schnell davon.

Ich war über diese Art, seine Dankbarkeit zu beweisen, nicht erstaunt; denn ich wußte, daß es den
Mädchen der Kurden erlaubt ist, Bekannte auch mit
einem Kusse zu begrüßen. Einem höher Stehenden gegenüber würde eine solche Vertraulichkeit eine Beleidigung
sein, und daher hatte ich eigentlich meine Güte verdoppelt,
indem ich den Kuß gestattete. Dies sprach der Vorsteher
auch sofort aus.

„Emir, deine Gnade erleuchtet mein Haus, wie das
Licht der Sonne die Erde erwärmt. Du hast meine
Tochter begnadigt, damit sie sich deiner erinnern möge;
erlaube, daß auch ich dir ein Andenken verehre, damit
du Spandareh nicht vergessen mögest!“

Er bog sich über die Kante des Daches vor und rief
das Wort „Dojan“ in den Hof hinab. Sogleich ertönte
ein freudiges Gebell; eine Thüre wurde geöffnet, und ich
bemerkte, daß die unten Stehenden einem Hunde Platz
machten, damit er über die Treppe herauf zu uns kommen
könne. Nur einen Augenblick später stand derselbe vor
dem Aeltesten und liebkosete ihn. Es war einer jener
kostbaren gelbgrauen und außergewöhnlich großen und
starken Windhunde, die in Indien, Persien und Turkestan bis nach Sibirien hinein Slogi genannt werden.
Bei den Kurden wird diese seltene Rasse Tazi genannt.
Sie ereilen die flüchtigste Gazelle; sie holen oft selbst den
wilden Esel und das windschnelle Tschiggetai ein und
fürchten sich vor keinem Panther und vor keinem Bären.
Ich muß gestehen, daß mich der Anblick dieses Tieres
mit lebhafter Bewunderung erfüllte. Er war als Hund
ebenso kostbar, wie mein Rappe dieses Prädikat als Pferd
verdiente.

„Emir,“ meinte der Vorsteher, „die Hunde der Missurikurden sind berühmt weit über unsere Berge hinaus.
Ich habe manchen Tazi erzogen, auf den ich stolz sein
konnte; keiner aber hat diesem hier geglichen. Er sei dein!“

„Nezanum, diese Gabe ist so wertvoll, daß ich sie
nicht annehmen kann,“ antwortete ich ihm.

„Willst Du mich beleidigen?“ fragte er sehr ernst.

„Nein, das will ich nicht,“ lenkte ich ein. Ich wollte
nur sagen, daß deine Güte größer ist als die meinige.
Erlaube, daß ich den Tazi annehme, aber gestatte mir
auch, dir dieses Fläschlein zu geben!“

„Was ist es? Ein Wohlgeruch aus Persien?“

„Nein. Es ist von mir gekauft worden beim Beith
Allah in der heiligen Stadt Mekka und enthält das
Wasser vom Brunnen Zem-Zem.“

Ich machte es vom Halse los und reichte es ihm.
Er war so gewaltig erstaunt, daß er vergaß, zuzugreifen.
Ich legte es in seinen Schoß.

„O Emir, was thust du!“ rief er endlich entzückt.
„Du bringst in mein Haus die herrlichste Gabe, welche
Allah der Erde verliehen hat. Ist es dein Ernst, daß
du sie mir schenkest?“

„Nimm sie hin, ich gebe sie dir sehr gern!“

„Gesegnet sei deine Hand, und stets weile das Glück
auf deinem Pfade! Kommt her, ihr Männer, und befühlt diese Flasche, damit die Güte des großen Emir
auch euch beglücken möge!“

Die Flasche ging von Hand zu Hand. Ich hatte
mit ihr die größte Freude gestiftet, die es nur geben kann.
Als sich das Entzücken des Vorstehers einigermaßen gelegt hatte, wandte er sich wieder zu mir:

„Herr, dieser Hund ist nun dein. Spucke ihm dreimal in das Maul, und nimm ihn heut unter deinen
Mantel, wenn du schlafen gehest, so wird er dich nie
wieder verlassen!“

Der Engländer hatte das alles mit angesehen, ohne
den Vorgang recht zu verstehen. Er fragte mich:

„Zem-Zem verschenkt, Master?“

„Ja.“

„Well! Immer fort damit! Wasser ist Wasser!“

„Wißt Ihr, was ich dafür bekommen habe?“

„Was?“

„Diesen Hund.“

„Wie? Was? Nicht möglich!“

„Warum nicht?“

„Zu kostbar. Kenne die Hunde! Dieser ist fünfzig
Pfund wert!“

„Noch mehr. Aber dennoch gehört er mir.“

„Warum?“

„Weil ich der Tochter des Ortsvorstehers das Armband geschenkt habe.“

„Schrecklicher Kerl! Kolossales Glück! Erst Pferd
von Mohammed Emin, gar nichts zu bezahlen, und nun
auch Windhund! Ich Pech dagegen. Nicht einen einzigen
Fowling-bull gefunden. Schauderhaft!“

Auch Mohammed bewunderte den Hund, und ich
glaube gern, daß er ein klein wenig eifersüchtig auf mich war.
Ich muß gestehen, ich hatte Glück. Kurz bevor ich mich
zur Ruhe begab, ging ich noch einmal zu den Pferden.
Der Vorsteher traf mich dort.

„Emir,“ fragte er halblaut, „darf ich eine Frage aussprechen?“

„Sprich!“

„Du willst nach Amadijah?“

„Ja.“

„Und noch weiter?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Es ist ein Geheimnis dabei?“

„Das vermutest du?“

„Ich vermute es.“

„Warum?“

„Du hast einen Araber bei dir, der nicht vorsichtig
ist. Er schlug den Aermel seines Gewandes zurück, und
dabei habe ich die Tättowirung seines Armes gesehen. Er
ist ein Feind der Kurden und auch ein Feind des Mutessarif; er ist ein Haddedihn. Habe ich richtig gesehen?“

„Er ist ein Feind des Mutessarif, aber nicht ein
Feind der Kurden,“ antwortete ich.

Dieser Mann war ehrlich; ich konnte ihn nicht belügen. Es war jedenfalls besser, ihm zu vertrauen, als ihm
eine Unwahrheit zu sagen, die er doch nicht geglaubt hätte.

„Die Araber sind stets Feinde der Kurden; aber er
ist dein Freund und mein Gast; ich werde ihn nicht verraten. Ich weiß, was er in Amadijah will.“

„Sage es!“

„Es ist viele Tage her, daß die Krieger des Mutessarif einen gefangenen Araber hier durchführten. Sie stiegen
bei mir ab. Er war der Sohn des Scheik der Haddedihn
und sollte in Amadijah gefangen gehalten werden. Er
sah deinem Freunde so ähnlich wie der Sohn dem Vater.“

„Solche Aehnlichkeiten kommen sehr oft vor.“

„Ich weiß es, und ich will dir dein Geheimnis gar
nicht rauben; aber eins will ich dir sagen: Kehrest du
von Amadijah zurück, so kehre bei mir ein, es mag am
Tage sein oder mitten in der Nacht, im geheimen oder
öffentlich. Du bist mir willkommen, auch wenn der junge
Araber bei dir ist, von dem ich gesprochen habe.“

„Ich danke dir!“

„Du sollst mir nicht danken! Du hast mir das
Wasser des heiligen Zem-Zem gegeben; ich werde dich
beschützen in jeder Not und Gefahr. Wenn dich aber
dein Weg nach einer andern Richtung führt, so mußt
du mir eine Bitte erfüllen.“

„Welche?“

„Im Thale von Berwari liegt das Schloß Gumri.
Dort wohnt der Sohn des berühmten Abd el Summit
Bey; eine meiner Töchter ist sein Weib. Grüße sie und
ihn von mir. Ich werde dir ein Zeichen mitgeben, an
dem sie erkennen, daß du mein Freund bist.“

„Ich werde es thun.“

„Sage ihnen jede Bitte, die du auf dem Herzen hast;
sie werden sie dir gern erfüllen, denn kein wackerer Kurde
liebt die Türken und den Mutessarif von Mossul.“

Er trat in das Haus. Ich wußte, was der brave
Mann bezweckte. Er erriet, was wir vorhatten, und
wollte mir auf alle Fälle nützlich sein. Ich ging nun
schlafen und nahm den Windhund mit. Als wir am
andern Morgen erwachten, erfuhren wir, daß der Dolmetscher des Engländers Spandareh bereits verlassen habe.
Er hatte den Weg nach Bebozi eingeschlagen.

Ich hatte mit Mohammed Emin in demselben Gemache geschlafen; dem Engländer aber war ein anderer
Raum angewiesen worden. Er trat jetzt zu uns herein
und — wurde mit einem hellen Gelächter empfangen.
Niemand kann sich den Anblick denken, welchen uns der
brave Master Lindsay bot. Vom Halse bis herab zu den
Füßen war er vollständig rot und schwarz, allerdings
noch nicht karriert, und auf dem hohen, spitzigen Kopfe
saß wie ein umgekehrter Kaffeesack die kurdische Mütze,
von welcher lange Bänder wie die Fangarme eines Polypen herabhingen.

„Good morning! Warum lachen?“ grüßte er sehr
ernst.

„Vor Freude über Euer außerordentlich amüsantes
Exterieur, Sir.“

„Well! Freut mich!“

„Was tragt Ihr hier unter dem Arme?“

„Hier? Hm! Ein Paket, denke ich!“

„Das sehe ich allerdings auch. Was enthält es?“

„Ist mein Hat-box, meine Hutschachtel.“

„Ah!“

„Habe den Hut eingewickelt, auch Gamaschen und
Stiefel. Well!“

„Das konntet Ihr alles hier lassen!“

„Hier? Warum?“

„Wollt Ihr Euch mit diesen unnützen Kleinigkeiten
schleppen?“

„Unnütz? Kleinigkeiten? Schauderhaft! Brauche sie
doch wieder!“

„Aber wohl nicht gleich.“

„Kehren wir zurück nach hier?“

„Das ist zweifelhaft.“

„Also! Hat-box wird also mitgenommen! Versteht
sich!“

Das weite Gewand schlotterte ihm um den hagern
Leib wie ein altes Tuch, das man einer Vogelscheuche
umgehangen hat. Das störte ihn aber nicht. Er nahm
würdevoll an meiner Seite Platz und meinte siegesbewußt:

„Nun bin ich Kurde! Well!“

„Ein echter und richtiger!“

„Famos, ausgezeichnet! Prachtvolles Abenteuer!“

„Eins aber fehlt Euch noch!“

„Was?“

„Die Sprache.“

„Werde lernen.“

„Das geht nicht so schnell, und wenn Ihr uns nicht
schaden wollt, so seid Ihr gezwungen, unter zwei Entschlüssen einen zu fassen.“

„Welche Entschlüsse?“

„Entweder Ihr geltet für stumm — — —“

„Stumm? Dumb? Abscheulich! Geht nicht!“

„Ja, für stumm oder gar taubstumm.“

„Sir, Ihr seid verrückt!“

„Danke! Es bleibt aber doch dabei. Also, entweder
Ihr geltet für stumm, oder Ihr habt ein Gelübde gethan — — —“

„Gelübde? Well! Schöner Gedanke! Interessant!
Welches Gelübde?“

„Nicht zu sprechen.“

„Nicht zu reden? Kein Wort? Ah!“

„Kein einziges!“

„Keine Silbe?“

„Keine! Nämlich nur dann, wenn wir beobachtet
sind. Befinden wir uns aber allein, so könnt Ihr reden
nach Herzenslust.“

„Ist gut! Nicht ganz übel! Werde Gelübde thun!
Wann geht es an?“

„Sofort, nachdem wir Spandareh verlassen haben.“

„Well! Einverstanden!“

Nach dem Morgenkaffee erhielten wir noch allerhand
Proviant eingepackt; dann stiegen wir zu Pferde. Wir
hatten Abschied von allen Mitgliedern des Hauses, außer
dem Hausherrn selbst, genommen und sagten auch den
andern, die sich versammelt hatten, lebewohl. Der Vorsteher hatte satteln lassen, um uns eine Strecke Weges zu
begleiten.

Hinter Spandareh gab es einen sehr beschwerlichen,
kaum reitbaren Weg, der uns zu den Tura-Ghara-Bergen emporführte. Es gehörten fast die Füße von
Gemsen dazu, diesen Felsenpfad zu überwinden, aber wir
langten glücklich auf der Höhe an. Hier hielt der Vorsteher sein Pferd an, nahm aus der Satteltasche ein Paket
und sagte:

„Nimm dies und gieb es dem Manne meiner Tochter,
wenn du nach Gumri kommen solltest. Ich habe ihr ein
persisches Tuch und ihrem Manne für seine Mehin einen
Dizgin versprochen, wie ihn die Kurden von Pir Mani
führen. Wenn du ihnen diese Sachen bringst, so wissen
sie, daß du mein Freund und Bruder bist, und werden
dich so aufnehmen, als ob ich es selber wäre. Aber ich
wünsche um deinetwillen dennoch, daß du wieder zu mir
zurückkehren mögest.“

Er deutete auf einen Reiter, der uns gefolgt war
und bei Halef und dem Baschi-Bozuk hielt.

„Das ist der Mann, der mir den Anzug dieses
Fremdlings wieder bringen wird. Ihm könntest du auch
das Paket geben, wenn du merkst, daß dich dein Weg
nicht nach Gumri führt. Und nun scheiden wir! Aaleïk
sallam, u rahhmet Allah — der Friede und die Barmherzigkeit sei mit dir!“

Wir umarmten und küßten uns, dann gab er auch
den andern die Hand und kehrte um. Ich hatte in ihm
einen Mann kennen gelernt, an den ich noch heute mit
Achtung und Wohlwollen zurückdenke.

Drittes Kapitel.

In der Festung.

Wir ritten weiter. Der Weg ging bergab in das
Thal von Amadijah hinunter. Dieses Thal wird von
einer Sandsteinablagerung gebildet und von sehr vielen
Schluchten durchschnitten, in denen rauschende Waldbäche
strömen. Sie führen alle ihr Wasser dem Zab entgegen.
Die Schluchten und Gelände sind mit kräftigen Eichenwaldungen bestanden, die bedeutende Galläpfelernten liefern, mit denen die Bewohner einen einträglichen Handel
treiben. In der Ebene liegen zahlreiche chaldäische Dörfer,
die aber entweder öde und verlassen sind, oder nur wenige
Bewohner zählen, da die Chaldäer sich vor den Bedrückungen der Türken und den Einfällen räuberischer
Kurdenstämme gern in die Berge zurückziehen.

Durch diese Landschaft, deren Eichen mich heimatlich
anmuteten, ritten wir unserm Ziele entgegen.

„Darf ich reden?“ fragte Lindsay leise.

„Ja. Wir sind ja unbelauscht.“

„Aber der Kurde hinter uns?“

„Kommt nicht in Betracht.“

„Well!“

„Dorf hieß Spandareh?“

„Ja.“

„Wie Euch gefallen?“

„Sehr. Und Euch, Sir?“

„Prächtig! Guter Wirt, gute Wirtin, feines Essen,
schöner Tanz, prachtvoller Hund!“

Bei dem letzten Worte blickte er auf das Windspiel,
welches neben meinem Pferde hertrabte; ich war so vorsichtig gewesen, es mittels einer Leine an meinen Steigbügel zu binden. Uebrigens hatte der Hund bereits
Freundschaft mit meinem Pferde geschlossen und schien es
genau zu wissen, daß ich sein Herr geworden sei. Er
blickte mit seinen großen, klugen Augen sehr aufmerksam
zu mir empor.

„Ja,“ antwortete ich. „Alles war schön, besonders
das Essen.“

„Excellent! Sogar Taube und Beefsteaks!“

„Hm! Glaubt Ihr wirklich an die Taube?“

„Well! Warum nicht?“

„Weil es keine war.“

„Nicht? Keine Taube. War welche!“

„War keine!“

„Was sonst?“

„Es war das Tier, das von den Zoologen den lateinischen Namen Vespertilio murinus oder myotis erhalten hat.“

„Bin kein Zoolog. Auch nicht Latein!“

„Diese Taube heißt gewöhnlich Fledermaus.“

„Fleder — — —“

Er hielt inne. Seine Geschmacks- und Verdauungsnerven wurden beim Klange dieses Wortes in eine Anstrengung versetzt, durch welche sein Mund in eine trapezoïde und perennierende Höhlenöffnung verwandelt wurde,
in welcher man die schönste Entdeckungsreise vornehmen
konnte. Sogar die lange Nase schien in Mitleidenschaft
gezogen zu sein, denn ihre Spitze bekam jene weiße Färbung, von welcher der Dichter gesungen haben soll: „Ich
weiß nicht, was soll es bedeuten, daß mir so traurig ist!“

„Ja, Fledermaus war es, Sir. Fledermaus habt
Ihr gegessen.“

Er hielt sein Pferd an und starrte in das Blaue.

Endlich hörte ich einen lauten Klapp; der Mund
war wieder zugefallen, und ich ahnte, daß ihm nun auch
das Vermögen, seine Gefühle in Worte zu fassen, zurückgekommen sei.

„— — — maus!!!“

Mit dieser kleinen Silbe setzte er das vorhin begonnene „Fleder — — —“ fort; dann langte er von seinem
Pferde herüber und faßte mich am Arme.

„Sir!“

„Was?“

„Vergeßt die Achtung nicht, die man einem jeden
Gentleman schuldig ist!“

„Habe ich sie Euch gegenüber vergessen?“

„Sehr, sage ich!“

„Inwiefern?“

„Wie könnt Ihr behaupten, daß Sir David Lindsay
Fledermäuse ißt!“

„Fledermäuse? Ich habe nur von einer einzigen gesprochen.“

„Gleich! Eine oder mehrere, die Injurie bleibt sich gleich
Ihr werdet mir Genugthuung geben! Satisfaktion! Well!“

„Die habt Ihr ja bereits!“

„Ich habe? Ich hätte? Ah! Wie?“

„Ihr habt eine Satisfaktion erhalten, die Euch vollständig genügen wird.“

„Welche? Weiß von keiner!“

„Ich habe selbst auch Fledermaus gegessen; auch
Mohammed Emin.“

„Auch? Ihr und er? Ah!“

„Ja. Auch ich hielt es für Taube. Als ich mich
aber erkundigte, hörte ich, daß es Fledermaus sei.“

„Fledermaus hat Häute!“

„Waren weggeschnitten.“

„Also wirklich wahr?“

„Wirklich.“

„Kein Scherz, kein Spaß?“

„Ernst!“

„Fürchterlich! Oh! Bekomme Kolik, Cholera, Typhus, oh!“

Er machte ein wirkliches Choleragesicht; ich mußte
Erbarmen zeigen:

„Fühlt Ihr Euch unwohl, Sir?“

„Sehr! Yes!“

„Soll ich helfen?“

„Schnell! Womit?“

„Mit einem homöopathischen Mittel.“

„Habt Ihr eins? Mir ist wirklich übel! Armselig!
Welches Mittel?“

„Similia similibus.“

„Wieder Zoologie? Latein?“

„Ja. Latein ist es: gleiches mit gleichem. Und zoologisch ist es auch, nämlich Heuschrecken.“

„Was! Heuschrecken?“

„Ja, Heuschrecken.“

„Gegen das Uebelsein? Soll ich essen?“

„Ihr sollt sie nicht essen, sondern Ihr habt sie bereits gegessen.“

„Habe bereits? Ich?“

„Ja.“

„Dulness, Dummheit! Unmöglich! Wann?“

„Gestern abend.“

„Ah! Erklärung!“

„Ihr sagtet vorhin, die Beefsteaks seien sehr gut gewesen.“

„Sehr! Ungeheuer gut! Well!“

„Es waren keine Beefsteaks.“

„Keine? Keine Beefsteaks! Bin Englishman! Waren
welche!“

„Waren keine! Ich habe ja gefragt.“

„Was sonst?“

„Es waren in Olivenöl gebratene Heuschrecken. Wir
Deutsche nennen diese delikaten Springer sogar zuweilen
Heupferde.“

„Heu — — —“

Wieder blieb ihm wie vorhin das Wort auf halbem
Wege stecken, aber diesmal gestattete er seinem Munde
nicht, allzu offenherzig zu werden, sondern er preßte die
Lippen mit solcher Charakterstärke zusammen, daß sie ihre
Ausdehnung, anstatt in die Weite, so sehr in die Breite
nahmen, daß es ihm bei nur einigem guten Willen möglich gewesen wäre, mit jedem Mundwinkel ein Ohrläppchen
abzukneipen. Und die Nase war über das Verschwinden
der ihr so sympathischen Oeffnung so bestürzt, daß sie ihre
Spitze weit herunterbog, um nachzusehen, wie dem Verluste abzuhelfen sei.

Da endlich näherten sich die Dimensionen wieder
ihrem früheren Zustande; die Restitutio in integrum stellte
sich ein, und die Lippen ließen voneinander ab.

„— — — pferde!“

So ließ er die Fortsetzung seines unterbrochenen
„Heu — — —“ vernehmen, und die Nasenspitze schnellte
sich befriedigt in die Höhe.

„Ja, Heupferde habt Ihr gegessen.“

„Ah! Schauderhaft! Habe sie ja aber gar nicht geschmeckt!“

„Wißt Ihr so genau, wie sie schmecken?“

Er machte mit Armen und Beinen eine Bewegung,
als wolle er sich auf dem Pferde um seine eigene Achse
drehen.

„No, at no time, niemals!“

„Ich versichere Euch, daß es Heuschrecken waren.
Sie werden geröstet und zerrieben; dann legt man sie in
die Erde, bis sie haut gout erhalten, und schmort sie in
dem Oele der friedlichen Olive. Ich habe mir dieses
Rezept von der Frau des Dorfältesten geben lassen und
weiß also sehr genau, was ich sage.“

„Entsetzlich! Bekomme Magenkrampf!“

„Seid Ihr mit meiner Satisfaktion zufrieden?“

„Habt auch Heupferd gegessen?“

„Nein.“

„Nicht? Warum nicht?“

„Weil ich keines vorgesetzt bekam.“

„Nur ich?“

„Nur Ihr allein; jedenfalls als ehrenvolle Auszeichnung für Euch, Sir!“

„Habt Ihr gewußt?“

„Erst nicht. Aber während Ihr aßt, fragte ich.“

„Warum mir nicht gleich gesagt?“

„Weil Ihr jedenfalls etwas gethan hättet, wodurch
unser Wirt beleidigt worden wäre.“

„Master, will mir das verbitten! Yes! Hinterlist!
Heimtücke! Schadenfreude! Werde mich mit Euch schlagen,
boxen oder — — —“

Er hielt inne, denn es fiel ein Schuß, und die Kugel
riß mir einen Fetzen aus dem Turban.

„Herab, und hinter die Pferde gestellt!“ rief ich.

Zugleich warf ich mich vom Pferde, keinen Augenblick zu früh, denn ein zweiter Knall ertönte, und die

Kugel pfiff über mich hinweg. Mit einem schnellen Griffe
zog ich die Schnur, an welche der Hund gebunden war,
aus dem Halsbande desselben.

„Sert — halte fest!“

Nur einen kurzen Laut stieß der Hund aus, der fast
so klang, als ob er mir sagen wollte, daß er mich verstanden habe; dann schoß er in das Gebüsch.

Wir befanden uns in einer Schlucht, deren Seiten
von dicht stehenden jungen Eichen bewachsen waren. Selbst
einzudringen, war zu gefährlich, da wir uns der Waffe
des unsichtbaren Schützen ausgesetzt hätten. Wir schützten
uns durch die Körper unserer Pferde und horchten.

„Maschallah! Wer mag es sein?“ fragte Mohammed
Emin.

„Der Arnaute,“ antwortete ich.

Da hörten wir einen Schrei und gleich darauf ein
lautes, rufendes Anschlagen des Hundes.

„Dojan hat den Thäter,“ meinte ich so ruhig wie
möglich. „Buluk Emini, gehe hin und hole ihn!“

„Allah illa Allah! Emir, ich bleibe; es könnten zehn
oder gar hundert sein, und dann wäre ich verloren!“

„Und dein Esel wäre ein Waisenkind geworden, du
Hasenfuß! Paß auf die Pferde auf! Kommt!“

Wir drangen in das harte Gestrüpp ein und brauchten
nicht weit zu gehen. Ich hatte mich nicht geirrt; es war
der Arnaute. Der Hund stand nicht, sondern er lag auf
ihm, und zwar in einer Stellung, welche mich über die
außergewöhnliche Klugheit des Tieres erstaunen ließ. Der
Arnaute hatte nämlich seinen Dolch gezogen, um sich gegen
den Angreifer zu verteidigen; der Hund hatte also eine
mehrfache Aufgabe. Darum hatte er ihn niedergerissen
und sich so auf den rechten Arm des Arnauten gelegt, daß
dieser denselben nicht bewegen konnte. Dabei hielt er ihn
mit den Zähnen am Halse, zwar leicht, aber doch so, daß
der Ueberwundene bei der geringsten Bewegung verloren
war.

Ich nahm dem Meuchler erst den Dolch aus der
Hand und dann die eine Pistole aus dem Gürtel; die
andere, abgeschossene lag am Boden; er hatte sie beim
Angriffe des Hundes fallen lassen.

„Geri — zurück!“

Auf diesen Befehl ließ Dojan den Arnauten los.
Dieser erhob sich und griff sich unwillkürlich an den Hals.
Ich sagte zu ihm:

„Mensch, du mordest ja! Soll ich dich niederschlagen?“

„Sihdi befiehl es, und ich hänge ihn auf!“ bat Halef.

„Pah! Er hat keinen von uns getroffen. Laßt ihn
laufen!“

„Emir,“ meinte Mohammed, „er ist ein wildes Tier,
welches unschädlich gemacht werden muß!“

„Er hat auf mich geschossen und wird keine Gelegenheit haben, es wieder zu thun. Packe dich, Schurke!“

Im Nu war er zwischen den Büschen verschwunden.
Der Hund wollte ihm augenblicklich folgen, aber ich hielt
ihn zurück.

„Sihdi, wir müssen ihm nach; er ist ein Arnaute
und bleibt uns gefährlich!“ rief Halef.

„Wo will er uns gefährlich sein? Etwa in Amadijah? Dort darf er sich nicht sehen lassen, sonst lasse ich
ihm den Prozeß machen.“

Auch Mohammed und der Engländer erhoben heftigen Widerspruch, aber ich kehrte zu den Pferden zurück
und stieg auf. Der Hund folgte mir ungeheißen; ich
merkte, daß ich ihn nicht anzubinden brauchte, und fand
dies in der Folge auch bestätigt.

Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Dorf,
Namens Bebadi; es sah sehr ärmlich aus und hatte nestorianische Bewohner, wie ich zu bemerken glaubte. Wir
machten da eine kurze Rast und hatten Mühe zu unserm
Proviant einen Schluck Scherbet zu erhalten.

Nun hatten wir den kegelförmigen Berg vor uns,
auf welchem Amadijah liegt. Wir erreichten es sehr bald.
Zur Rechten und zur Linken des Weges, der uns emporführte, bemerkten wir Fruchtgärten, die eine leidliche
Pflege zu genießen schienen; der Ort selbst aber machte
schon von außen keinen sehr imponierenden Eindruck auf
uns. Wir ritten durch ein Thor, das jedenfalls einmal ganz verfallen und dann nur notdürftig ausgebessert
worden war. Einige zerlumpte Arnauten standen da, um
Sorge zu tragen, daß kein Feind die Stadt überfalle.
Einer von ihnen ergriff mein Pferd, und ein anderer
das des Haddedihn beim Zügel.

„Halt! Wer seid ihr?“ fragte er mich.

Ich deutete auf den Buluk Emini.

„Siehst du nicht, daß wir einen Soldaten des Großherrn bei uns haben? Er wird dir Antwort geben.“

„Ich habe dich gefragt, aber nicht ihn!“

„Fort, auf die Seite!“

Bei diesen Worten nahm ich mein Pferd in die Höhe;
es that einen Sprung, und der Mann fiel auf die Erde.
Mohammed folgte meinem Beispiele, und wir ritten davon. Hinter uns aber hörten wir die Arnauten fluchen
und den Baschi-Bozuk sich mit ihnen zanken. Ein Mann
begegnete uns, der einen langen Kaftan trug und ein altes
Tuch um den Kopf geschlungen hatte.

„Wer bist du, Mann?“ fragte ich ihn.

„Herr, ich bin ein Jehudi. Was befiehlst du mir?“

„Weißt du, wo der Mutesselim wohnt?“

„Ja, Herr.“

„Führe uns nach seinem Serai!“

Je sicherer man im Oriente auftritt, desto freundlicher wird man behandelt. Zudem war dieser Mann ein
Jude, also nur ein in Amadijah Geduldeter; er wagte
es nicht, sich zu widersetzen. Wir wurden von ihm durch
eine Reihe von Gassen und Bazars geführt, die alle den
Eindruck des Verfallens auf mich machten.

Diese wichtige Grenzfestung schien sehr vernachlässigt
zu werden. Es gab kein Leben in den Straßen und Läden; nur wenige Menschen begegneten uns, und die,
welche wir sahen, hatten ein krankhaftes, gedrücktes Aussehen und waren lebende Zeugnisse für die bekannte Ungesundheit dieser Stadt.

Der Serai verdiente seinem Aeußern nach den Namen
eines Palastes nicht im geringsten. Er glich einer ausgebesserten Ruine, vor deren Eingang nicht einmal eine
Wache zu sehen war. Wir stiegen ab und übergaben
Halef, dem Kurden und dem Buluk Emini, der uns
wieder eingeholt hatte, unsere Pferde. Nachdem der Jude
ein Geschenk erhalten hatte, wofür er sich enthusiastisch
bedankte, traten wir ein.

Erst nachdem wir einige Gänge durchwandert hatten,
kam uns ein Mann entgegen, der bei unserem Anblick
seinen langsamen Gang in einen schnellen Lauf verwandelte.

„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“ fragte er mit
zorniger Stimme.

„Mann, rede anders, sonst werde ich dir zeigen, was
Höflichkeit ist! Wer bist du?“

„Ich bin der Aufseher dieses Palastes.“

„Ist der Mutesselim zu sprechen?“

„Nein.“

„Wo ist er?“

„Ausgeritten.“

„Das heißt, er ist daheim und hält seinen Kef!“

„Willst du ihm gebieten, was er thun und lassen soll?“

„Nein; aber ich will dir gebieten, mir die Wahrheit
zu sagen!“

„Wer bist du, daß du so mit mir redest? Bist du
ein Ungläubiger, daß du es wagst, mit einem Hunde in
den Palast des Kommandanten einzutreten?“

Er hatte recht, denn neben mir stand der Windhund
und beobachtete uns mit Augen, die mir deutlich sagten,
daß er nur auf meinen Wink warte, um sich auf den Türken zu stürzen.

„Stelle Wachen vor das Thor,“ antwortete ich ihm;
„dann wird niemand Zutritt erhalten, dem derselbe nicht
erlaubt worden ist. In welcher Zeit kann ich mit dem
Mutesselin sprechen?“

„Zur Zeit der Abenddämmerung.“

„Gut. So sage ihm, daß ich kommen werde!“

„Und wenn er mich fragt, wer du bist?“

„So sagest du, ich sei ein Freund des Mutessarif
von Mossul.“

Er wurde verlegen; wir aber kehrten um und stiegen
wieder zu Pferde, um uns eine Wohnung zu suchen. Eine
solche war eigentlich sehr leicht zu finden, denn wir bemerkten, daß viele Häuser leer standen; doch konnte es
nicht meine Absicht sein, heimlich von einem derselben
Besitz zu ergreifen.

Indem wir so, die Gebäude musternd, dahinritten,
kam uns eine riesige, martialische Gestalt entgegen. Der
Mann ging breitspurig wie ein osterländischer Zwölfspänner. Seine Samtjacke war ebenso wie seine Hose
von Goldstickereien bedeckt; seine Waffen hatten keinen
geringen Wert, und von dem Tschibuk, welchen er mit
großem Selbstbewußtsein im Gehen rauchte, hingen, wie
ich später zählte, vierzehn seidene Quasten herab. Er
blieb seitwärts von uns stehen, um meinen Rappen mit
wichtiger Kennermiene zu betrachten. Ich hielt an und
grüßte ihn.

„Sallam!“

„Aaleïkum!“ antwortete er mit einem stolzen Neigen
seines Hauptes.

„Ich bin hier fremd und mag mit keinem Birkadschi
reden. Erlaube, daß ich mich bei dir erkundige!“ sagte
ich wenigstens ebenso stolz.

„Deine Rede sagt mir, daß du ein Effendi bist. Ich
werde deine Fragen beantworten.“

„Wer bist du?“

„Ich bin Selim Agha, der Befehlshaber der Albanesen, welche diese berühmte Festung verteidigen.“

„Und ich bin Kara Ben Nemsi, ein Schützling des
Padischah und Abgesandter des Mutessarif von Mossul.
Ich suche mir ein Haus in Amadijah, in dem ich einige
Tage wohnen kann. Kannst du mir eins nennen?“

Er ließ sich zu einer Bewegung militärischer Ehrerbietung herab und meinte:

„Allah segne deine Hoheit, Effendi! Du bist ein
großer Herr, der in dem Palaste des Mutesselim Aufnahme finden muß.“

„Der Aufseher des Palastes hat mich fortgewiesen,
und ich — — —“

„Alla verderbe diese Kreatur,“ unterbrach er mich.
„Ich werde gehen, um ihn in Stücke zu zerreißen!“

Er rollte die Augen und fuchtelte mit beiden Armen.
Dieser Mann war wohl nur ein Bramarbas gewöhnlicher
Sorte.

„Laß diesen Menschen! Er soll nicht die Ehre haben,
Gäste bei sich zu sehen, die ihm viel Backschisch bringen.“

„Backschisch?“ fragte der Tapfere. „Du giebst viel
Backschisch?“

„Ich pflege damit nicht zu geizen.“

„Oh, so weiß ich ein Haus, in welchem du wohnen
und rauchen kannst, wie der Schah-in-Schah von Persien.
Soll ich dich führen?“

„Zeige es mir!“

Er wandte sich wieder um und schritt voran. Wir
folgten. Er führte uns durch einige leere Bazargassen,
bis wir vor einem kleinen offenen Platze hielten.

„Das ist der Meidan jüdschelikün, der ‚Platz der
Größe‛“, erklärte er.

Dieser Platz hatte alle möglichen Eigenschaften, nur
groß war er nicht, und grad darum jedenfalls hatte man
ihm diesen hochtrabenden Namen gegeben. Daß ich mich
in einer türkischen Stadt befand, sah ich hier sehr genau;
denn es lungerten wohl an die zwanzig herrenlose Hunde
auf diesem Meidan jüdschelikün herum, unter denen mehrere
räudig waren. Bei dem Anblick meines Hundes erhoben
sie ein wütendes Geheul, dem aber Dojan, wie ein Pascha
einem Haufen von Bettlern gegenüber, keine Aufmerksamkeit schenkte.

„Und hier ist das Haus, welches ich meine,“ fügte
der Agha hinzu.

Er zeigte dabei auf ein Gebäude, das die ganze eine
Fronte des Platzes einnahm und gar kein übles Aussehen hatte. Es zeigte nach vorn heraus mehrere Pengdscheri, die mit hölzernen Gitterstäben versehen waren,
und um das platte Dach lief ein Schutzgeländer, gewiß
ein großer Luxus hier zu Lande.

„Wer wohnt in diesem Hause?“ fragte ich.

„Ich selbst, Effendi,“ antwortete er.

„Und wem gehört es?“

„Mir.“

„Du hast es gekauft oder gemietet?“

„Keines von beidem. Es war Eigentum des berühmten Ismaïl Pascha und blieb seitdem herrenlos,
bis ich es in Besitz nahm. Komm, ich werde dir alles
zeigen!“

Dieser wackere Befehlshaber der Arnauten hatte
jedenfalls großes Wohlgefallen an meinem Backschisch gefunden. Doch war mir sein Anerbieten sehr willkommen,
da ihn seine Stellung befähigte, mir über alles Nötige
die gewünschte Auskunft zu geben. Wir stiegen vor dem
Hause ab und traten ein. Im Flure hockte ein altes
Weib, welches Zwiebeln schälte und dabei mit thränenden
Augen die abgefallenen Schalen kaute. Ihrem Aussehen
nach war sie entweder die Urgroßmutter des ewigen Juden,
oder die von dem Tode ganz vergessene Tante von Methusalem.

„Höre, meine süße Mersinah, hier bringe ich dir
Männer!“ redete er sie in sehr liebenswürdigem Tone an.

Sie konnte uns vor Thränen nicht sehen und wischte
sich daher mit der Zwiebel, die sie grad in der Hand
hielt, die Augen aus, so daß das Wasser sich verdoppelte.

„Männer?“ fragte sie mit einer Stimme, welche dumpf
wie die Antwort eines Klopfgeistes aus dem zahnlosen
Munde hervorklang.

„Ja, Männer, die in diesem Hause wohnen werden.“

Sie warf die Zwiebeln von sich und sprang mit
jugendlicher Schnelligkeit vom Boden auf.

„Wohnen? Hier in diesem Hause? Bist du toll,
Selim Agha?“

„Ja, meine liebliche Mersina, du wirst die Meichanedscha dieser Männer sein und sie bedienen.“

„Wirtin? Bedienen? Allah kerihm! Du bist wirklich verrückt geworden! Habe ich nicht bereits Tag und
Nacht zu arbeiten, um nur mit dir allein fertig zu werden!
Jage sie fort, fort auf der Stelle; das befehle ich dir!“

Er wurde ein wenig verlegen; das war ihm anzumerken. Die „süße, liebliche“ Mersinah schien hier ein
sehr kräftiges Scepter zu führen.

„Deine Arbeit soll nicht größer werden, meine Taube.
Ich werde ihnen eine Kyzla halten, die sie bedienen
wird.“

„Eine Kyzla?“ fragte sie, und dabei klang ihre Stimme
nicht mehr dumpf und hohl, sondern kreischend und überschnappend, als ob der rosige Mund der lieblichen Taube
sich in einen Klarinettenschnabel verwandelt hätte. „Eine
Kyzla! Und wohl eine junge, hübsche Kyzla, he?“

„Das kommt auf diese Männer an, Mersina.“

Sie stemmte die Arme in die Hüften, eine Bewegung,
welche dem Oriente ebenso eigentümlich ist, wie dem Abendlande, und holte tief Atem. Dies war ein Zeichen, daß
sie einen bedeutenden Luftvorrat brauchen werde, um ihre
angestammte Herrschaft mit dem notwendigen Nachdrucke
verteidigen zu können.

„Auf diese Männer? Auf mich kommt das an! Hier
bin ich Herrin! Hier habe ich allein zu befehlen! Hier
habe ich zu bestimmen, was geschehen soll, und ich gebiete
dir, diese Männer fortzujagen! Hörst du, Selim Agha?
Fort, augenblicklich!“

„Aber es sind ja gar keine Männer, meine einzige
Mersina!“

Mersinah, was im Deutschen Myrte bedeutet, wischte
sich die Aeuglein abermals aus und betrachtete uns sehr
genau. Ich selbst war etwas erstaunt über diese Behauptung des Agha. Was denn eigentlich sollten wir
sein, wenn wir keine Männer waren?

„Nein,“ antwortete er. „Es sind keine Männer,
sondern Effendis, große Effendis, die unter dem Schutze
des Großherrn stehen.“

„Was geht mich der Großherr an! Hier bin ich die
Großherrin, die Sultanin Valide, und was ich sage,
das — — —“

„Aber so höre doch! Sie werden ein sehr gutes
Backschisch geben!“

Backschisch hat im Oriente eine zauberhafte Wirkung;
es schien auch hier das richtig erlösende Wort zu sein.
Die „Myrte“ ließ die Arme sinken, versuchte ein einlenkendes Lächeln, welches aber in ein höhnisches Grinsen
ausartete, und wandte sich an Master David Lindsay:

„Ein großes Backschisch? Ist das wahr?“

Der Gefragte schüttelte den Kopf und deutete auf mich.

„Was ist mit diesem?“ fragte sie mich. „Ist er übergeschnappt?“

„Nein,“ antwortete ich. „Laß dir sagen, wer wir
sind, du Seele dieses Hauses! Dieser Mann, den du jetzt
fragtest, ist ein sehr frommer Pilger aus Londonistan;
er gräbt mit seiner Hacke, die du hier siehst, in die Erde,
um die Sprache der Verstorbenen zu belauschen, und hat
ein Gelübde gethan, kein Wort zu reden, bis er die Erlaubnis dazu hat.“

„Ein Frommer, ein Heiliger, ein Zauberer?“ fragte
sie erschrocken.

„Ja. Ich warne dich, ihn zu beleidigen! Dieser
andere Mann ist der Anführer eines großen Volkes weit
im Westen von hier, und ich bin ein Emir derjenigen
Krieger, welche die Frauen verehren und Backschisch
geben. Du bist die Sultana dieses Hauses. Erlaube uns,
es zu besehen, ob wir für einige Tage darinnen wohnen
können!“

„Effendi, deine Rede duftet nach Rosen und Nelken;
dein Mund ist weiser und klüger als das Maul dieses
Selim Agha, der stets vergißt, das Richtige zu sagen,
und deine Hand ist wie die Hand Allahs, die Segen
spendet. Hast du viele Diener bei dir?“

„Nein, denn unser Arm ist stark genug, uns selbst
zu beschützen. Wir haben nur drei Begleiter: einen
Diener, einen Khawassen des Mutessarif von Mossul und
einen Kurden, welcher noch heute Amadijah wieder verlassen wird.“

„So seid ihr mir willkommen! Seht euch mein Haus
und meinen Garten an, und wenn es euch bei mir gefällt, so wird mein Auge über euch wachen und leuchten!“

Sie wischte sich die „Wachenden“ und „Leuchtenden“
abermals aus und sammelte dann die Zwiebeln vom
Boden auf, um uns den Weg zu ebnen. Der tapfere
Agha der Arnauten schien mit diesem Ausgange sehr zufrieden zu sein. Er brachte uns zunächst nach einer Stube,
welche ihm als Wohnung diente. Sie war sehr geräumig
und hatte als einziges Möbel einen alten Teppich, der
als Sofa, Bett, Stuhl und Tisch gebraucht wurde. An
den Wänden hingen einige Waffen und Tabakspfeifen,
und auf dem Boden stand eine Flasche, in deren Nähe
einige hohle Eierschalen zu sehen waren.

„Ich heiße euch willkommen, ihr Herren,“ meinte er.
„Laßt uns den Trunk der Freundschaft thun!“

Er bückte sich, um die Flasche nebst den Schalen aufzuheben, und gab von den letzteren einem jeden von
uns eine in die Hand. Dann schenkte er ein. Es war
Raki. Wir tranken aus den hühnerognostischen Pokalen,
er aber setzte die Flasche selbst an den Mund und nahm
sie nicht eher wieder fort, bis er die beruhigende Ueberzeugung hatte, daß das scharfe, schwefelsaure Getränk der
Bouteille keinen chemischen Schaden mehr thun könne.
Dann nahm er uns die Schalen aus der Hand, sog das
heraus, was wir noch drin gelassen hatten, und legte
sie sehr behutsam auf den Boden nieder.

„Kendim idschad eter — meine eigne Erfindung!“
meinte er stolz. „Wundert ihr euch, daß ich keine Gläser
habe?“

„Du wirst diese schöne Erfindung den Gläsern vorziehen,“ antwortete ich.

„Ich ziehe sie vor, weil ich keine Gläser habe. Ich
bin Agha der Albanesen und habe als Sold und Taim
monatlich dreihundertdreißig Piaster zu bekommen; aber
ich warte bereits seit elf Monaten auf dieses Geld. Allah
kerihm; Padischah kendisi onu kullar — Gott ist gnädig,
und der Sultan braucht es selber!“

Da durfte ich mich allerdings nicht darüber wundern, daß das Wort Bakschisch für ihn eine nachhaltige
Bedeutung hatte.

Er führte uns nun in dem Hause herum. Es war
geräumig gebaut, aber doch auch bereits in Verfall geraten. Wir nahmen uns vier Zimmer, eins für jeden
von uns und eins für Halef und den Baschi-Bozuk. Der
Preis war gering, fünf Piaster, also eine Mark pro
Woche für die Stube.

„Wollt ihr auch den Garten sehen?“ fragte er dann.

„Natürlich! Ist er schön?“

„Sehr schön; so schön, wie die Gärten des Paradieses! Du siehst da allerlei Bäume, Kräuter und Gräser,
die ich gar nicht kenne. Bei Tage leuchtet über ihm die
Sonne, und des Nachts glänzen die Augen der Sterne
auf ihn herab. Er ist sehr schön!“

„Regnet es auch auf ihn nieder?“ fragte ich belustigt.

„Wenn es regnet, erhält er auch sein Teil; ja, es
ist zuweilen sogar Schnee auf ihn gefallen. Komm und
siehe!“

Im Hofe gab es einen Schuppen, den wir für die
Pferde mieteten. Auch er kostete eine Mark. Der Garten
maß ungefähr vierzig Schritte im Gevierte, war also sehr
unbedeutend. Ich sah eine verkrüppelte Cypresse und
einen wilden Apfelbaum. Die „allerlei Kräuter und Gräser“
bestanden einfach aus wildem Kendir, ausgewucherter
Madanos und einigen notorisch armen Gänseblümchen.
Das größte Wunder dieses Gartens aber war ein Beet,
auf welchem Soghani, Sarmysak, Kedilan, eine
Stachelbeere, mehrere Pilsenkräuter und einige verblühte
Veilchen in lieblicher Eintracht nebeneinander verhungerten.

„Bir güzel bagtsche — ein schöner Garten! Nicht
wahr?“ fragte der Agha, indem er eine gewaltige Tabakswolke auspuffte.

„Güzel-zorli — gewaltig schön!“ entgegnete ich.

„Pek bereketli — sehr fruchtbar!“

„Ghajet bereketli — äußerst fruchtbar!“

„Ile tschok güzel dikekler — und viele schöne Pflanzen! Nicht?“

„Syz sajyjü — ohne Zahl!“

„Weißt du, wer hier gewandelt hat?“

„Wer?“

„Die schönste Rose von Kurdistan. Hast du niemals
von Esma Khan gehört, der keine andere an Schönheit
gleich gekommen ist?“

„Sie war das Weib von Ismaïl Pascha, dem letzten
erblichen Sohne der abbassidischen Khalifen?“

„Ja; du weißt es. Sie führte den Ehrentitel ‚Khan‘,
wie alle Frauen dieser erlauchten Familie. Er wurde,
nämlich Ismaïl Pascha, von dem Indscheh Bairakdar
Mohammed Pascha belagert; dieser sprengte die Mauern
des Schlosses, welches dann im Sturm genommen wurde.
Darauf ging Ismaïl mit Esma Khan als Gefangener
nach Bagdad. Hier hat sie gelebt und geduftet. Emir,
ich wollte, sie wäre noch hier!“

„Hat sie auch diese Petersilie und diesen Knoblauch
gepflanzt?“

„Nein,“ antwortete er sehr ernsthaft; „das hat Mersinah, meine Wirtschafterin, gethan.“

„So danke Allah, daß du an Stelle von Esma Khan
diese süße Mersinah bei dir hast!“

„Effendi, sie ist zuweilen sehr bitter!“

„Darüber darfst du nicht murren, denn Allah teilt
die Gaben sehr verschieden aus. Und daß du den Duft
dieser ‚Myrte‘ atmen sollst, das stand ja wohl im Buche
verzeichnet.“

„So ist es! Aber sage mir, Emir, ob du diesen
Garten pachten willst!“

„Wie viel verlangst du dafür?“

„Du bezahlst mir zehn Piaster für die Woche.
Dann dürft ihr alle in den Garten gehen und an die
Esma Khan denken, so oft ihr wollt!“

Ich zögerte mit der Antwort. Der Garten stieß an
die Rückwand eines Gebäudes, in welcher ich zwei Reihen
kleiner Löcher bemerkte. Das sah mir recht gefängnismäßig aus. Ich mußte mich erkundigen:

„Ich glaube nicht, daß ich diesen Garten mieten werde.“

„Warum nicht?“

„Weil mich diese Mauer stört.“

„Diese Mauer? Warum, Effendi?“

„Ich liebe es nicht, in der Nähe eines Gefängnisses
zu sein.“

„Oh, die Leute, welche da drinnen stecken, können
dich nicht stören. Ihre Löcher sind so tief, daß sie diese
kleinen Fenster gar nicht erreichen können.“

„Ist dies das einzige Gefängnis in Amadijah?“

„Ja. Das andere ist eingefallen. Mein Tschausch
hat die Aufsicht über die Gefangenen.“

„Und du glaubst, daß mich diese nicht stören werden?“

„Du wirst nichts von ihnen sehen und keinen Laut
von ihnen hören.“

„So werde ich dir die zehn Piaster geben. Du hast
also in Summa für die Woche fünfunddreißig Piaster
von uns zu bekommen. Erlaube, daß ich dich für die erste
Woche jetzt gleich bezahle!“

Er schmunzelte bei diesem Anerbieten vor Vergnügen
im ganzen Gesichte. Der Engländer bemerkte, daß ich in
die Tasch griff, um zu bezahlen. Er schüttelte den Kopf,
zog seine eigne Börse hervor und reichte sie mir. Er
konnte eine kleine Erleichterung derselben recht wohl verschmerzen; darum nahm ich drei Mahbub-Zechinen hervor
und gab sie dem Agha.

„Hier nimm! Das übrige ist Bakschisch für dich.“

Das war mehr als das Doppelte von dem, was er
zu erhalten hatte; darum machte er ein sehr vergnügtes
Gesicht und meinte sehr respektvoll:

„Emir, der Kuran sagt: ‚Wer doppelt giebt, dem
wird es Allah hundertfach segnen.‘ Allah ist dein Schuldner; er wird es dir reichlich vergelten!“

„Wir brauchen nun Teppiche und Pfeifen für unsere
Zimmer. Wo kann man diese geliehen bekommen, Agha?“
fragte ich ihn.

„Herr, wenn du noch zwei solche Goldstücke giebst,
wirst du alles erhalten, was dein Herz begehrt.“

„Hier hast du sie!“

„Ich eile, um euch zu bringen, was du brauchst.“

Wir verließen den Garten. Im Hofe stand Mersinah, die Seele des Palastes. Ihre Hände waren jetzt
von Ruß geschwärzt. Sie rührte mit dem Zeigefinger in
einem Gefäße voll zerlassener Butter.

„Emir, wirst du die Zimmer nehmen?“ erkundigte
sie sich.

Bei dieser Frage mochte ihr einfallen, daß der Finger
kein integrierender Teil des Napfes sei; sie zog ihn also
heraus und strich ihn sehr behutsam an der herausgestreckten
Zunge ab.

„Ich werde sie behalten; auch den Schuppen und
den Garten.“

„Er hat bereits alles bezahlt,“ bemerkte der Agha
nachdrücklich.

„Wie viel?“ fragte sie.

„Fünfunddreißig Piaster für die erste Woche.“

Von dem Bakschisch sagte der Schalk nichts. Ob er
wohl auch in dieser Beziehung unter dem Paputsch
seiner „Myrte“ stand? Ich nahm noch eine Mahbub-Zechine aus der Börse und gab sie ihr.

„Hier nimm, du Perle der Gastfreundschaft! Das
ist das erste Bakschisch für dich. Wenn wir mit dir zufrieden sind, wirst du mehr erhalten.“

Sie griff höchst eilfertig zu und steckte das Geld in
ihren Gürtel.

„Ich danke dir, o Herr! Ich werde darüber wachen,
daß du dich in meinem Hause so wohl befindest, wie im
Schoße des Erzvaters Ibrahim. Ich sehe, daß du der
Emir der tapfern Krieger bist, welche die Frauen verehren und Bakschisch geben. Geht hinauf in eure Zimmer! Ich werde euch einen steifen Pirindsch machen, mit
sehr viel zerlassener Butter darüber!“

Dabei fuhr sie selbstvergessen und „in der Gewohnheit holder Sitte“ mit dem Finger wieder in den Napf
und begann von neuem zu rühren. Ihr Anerbieten war
ein sehr leutseliges, aber — brrrr!

„Deine Güte ist groß,“ antwortete ich, „aber wir
haben leider keine Zeit, sie anzunehmen, da wir jetzt ausgehen müssen.“

„Aber du wünschest doch, daß ich die Speisen für
euch bereite, Emir?“

„Du sagtest doch, daß du Tag und Nacht zu arbeiten hättest, um nur den Agha zu bedienen; wir dürfen
dich also nicht noch mehr belästigen. Uebrigens steht zu
erwarten, daß wir oft zu Tische geladen werden, und
wenn dies nicht der Fall ist, so werden wir unser Essen
beim Jemegidschi holen lassen.“

„Aber das Ehrenmahl darfst du mir doch nicht versagen!“

„Nun wohl, so siede uns einige Eier; etwas anderes
dürfen wir heute nicht essen.“

Das war das einzige, was man füglicherweise aus
den Händen der zarten „Myrte“ genießen konnte.

„Eier? Ja, die sollst du haben, Effendi,“ antwortete
sie geschäftig; „aber wenn ihr sie esset, so schonet der Schalen, denn Agha Selim gebraucht sie als Becher, und dieser
Unvorsichtige ist so unbedachtsam, sie alle zu zerbrechen.“

Wir zogen uns für kurze Zeit in unsere Räume
zurück, in denen der Agha bald mit den Decken, Teppichen
und Pfeifen erschien, die er sich bei den betreffenden Händlern ausgeliehen hatte. Sie waren neu und darum reinlich, so daß wir zufrieden sein konnten. Dann erschien
Mersinah mit dem Deckel einer alten Holzschachtel, welcher als Präsentierteller diente. Auf demselben befanden
sich die Eier, welche uns zum Ehrenmahle dienen sollten.
Daneben lagen einige halb verbrannte Teigfladen und —
auch der berühmte Butternapf stand dabei, umgeben von
einigen Eierschalen, in denen sich schmutziges Salz, grob
gestoßener Pfeffer und ein sehr zweifelhafter Kümmel befand. Messer oder Eierlöffel gab es natürlich nicht.

Diese lukullische Empfangsgasterei, zu welcher wir die
Höflichkeit hatten, auch Mersinah einzuladen, wurde bald
und glücklich überwunden. Sie bedankte sich höflichst für
die ihr erwiesene, nie geahnte Ehre und ging mit ihrem
„Alfenidegeschirr“ in die Küche. Auch der Agha erhob sich.

„Weißt du, Herr, wohin ich jetzt gehen werde?“
fragte er.

„Ich werde es wohl hören.“

„Zum Mutesselim. Er soll erfahren, was du für
ein vornehmer Emir bist, und wie dich der Aufseher seines
Palastes behandelt hat.“

Er vollendete sein dienstliches Aeußere dadurch, daß
er sich die Reste der zerlassenen Butter, welche er mit
Mersinah allein genossen hatte, aus dem Schnurrbart
strich, und brach auf. Jetzt waren wir allein.

„Darf ich reden, Sir?“ fragte jetzt Lindsay.

„Ja, Master.“

„Kleider kaufen!“

„Jetzt?“

„Ja.“

„Rotkarrierte?“

„Natürlich!“

„So wollen wir zum Bazar gehen!“

„Aber ich nicht reden! Ihr müßt kaufen, Sir. Hier
Geld?“

„Kaufen wir uns nur Kleider?“

„Was noch?“

„Einiges Geschirr, welches wir brauchen und klugerweise dem Agha oder der Haushälterin zum Geschenk
machen können. Sodann Tabak, Kaffee und ähnliche Dinge,
die sich nicht gut entbehren lassen.“

„Well; bezahle alles!“

„Wir werden uns zunächst Eurer Börse bedienen und
sodann miteinander abrechnen.“

„Pshaw! Bezahle alles! Abgemacht!“

„Gehe ich mit?“ fragte Mohammed.

„Wie du willst. Nur denke ich, daß du besser thust,
dich so wenig wie möglich sehen zu lassen. In Spandareh
hat man dich auch als einen Haddedihn erkannt, gar nicht
gerechnet, daß du deinem Sohne sehr ähnlich siehst, was
mir auch der dortige Dorfälteste versicherte.“

„So bleibe ich zurück!“

Wir brannten unsere Dschibuks an und gingen. Der
Hausflur war mit Rauch erfüllt, und in der Küche hustete
die „Myrte“. Als sie uns bemerkte, kam sie für einen
Augenblick hervor.

„Wo sind unsere Leute?“ fragte ich sie.

„Bei den Pferden. Du willst gehen?“

„Wir begeben uns nach dem Bazar, um einiges einzukaufen. Laß dich nicht stören, du Hüterin der Küche.
Dort läuft dir das Wasser über.“

„Laß es laufen, Herr. Das Essen wird dennoch
fertig!“

„Das Essen? Kochst du es in diesem großen Kessel?“

„Ja.“

„So ist es jedenfalls nicht für dich und Selim
Agha?“

„Nein. Ich habe für die Gefangenen zu kochen.“

„Ah! Die sich hier nebenan befinden?“

„Ja.“

„Giebt es viele solche Unglückliche in dem Hause?“

„Noch nicht zwanzig.“

„Die sind alle aus Amadijah?“

„O nein. Es sind mehrere arnautische Soldaten, die
sich vergangen haben, einige Chaldäer, ein Kurde, ein
paar Einwohner von Amadijah und auch ein Araber.“

„Ein Araber? Araber giebt es hier ja gar nicht!“

„Er wurde von Mossul gebracht.“

„Was bekommen sie zu essen?“

„Brotfladen, die ich backe, und dann des Mittags
oder des Nachmittags, ganz wie es mir paßt und gefällt,
dieses warme Essen.“

„Worin besteht es?“

„Mehl in Wasser gequirlt.“

„Wer bringt es ihnen?“

„Ich selbst. Der Sergeant öffnet mir die Löcher.
Hast du schon einmal ein Gefängnis gesehen, Emir?“

„Nein.“

„Wenn du es sehen willst, so darfst du es mir nur
sagen; ich nehme dich mit.“

„Der Sergeant würde es mir nicht erlauben!“

„Er erlaubt es dir, denn ich bin seine Herrin.“

„Du?“

„Ja. Bin ich nicht die Herrin seines Agha?“

„Das ist wahr! Ich werde mir einmal überlegen,
ob es sich für die Würde eines Emir schickt, ein Gefängnis zu besuchen und denen, welche dies erlauben, ein gutes
Bakschisch zu geben.“

„Es schickt sich, Herr; es schickt sich sehr. Du wirst
vielleicht deine Gnade leuchten lassen auch über die Gefangenen, daß sie mir einige Speisen und auch Tabak abkaufen können, was sie sonst nicht haben!“

Nichts konnte mir lieber sein als die Erfahrung,
welche ich hier machte; aber ich war so vorsichtig, eingehendere Fragen jetzt noch zu vermeiden, da ich durch
dieselben leicht hätte Verdacht erregen können. Halef, der
Buluk Emini und der Kurde aus Spandareh wurden gerufen, uns zu begleiten; dann gingen wir.

Die Bazars waren wie ausgestorben. Kaum daß wir
eine Kaffeeschänke fanden, wo uns ein Trank gereicht
wurde, der mir sehr nach gebrannten Gerstenkörnern
schmeckte. Dort erfuhren wir auch, was die Ursache der
jetzigen Leblosigkeit in Amadijah war. Trotz der hohen
und freien Berge dieser Stadt ist sie nämlich außerordentlich ungesund, so daß sich bei Anbruch der wärmeren
Jahreszeit schleichende Fieber erzeugen. Dann verlassen
die Einwohner den Ort und begeben sich in die benachbarten Wälder, um dort in Sommerwohnungen zu leben,
welche Jilaks genannt werden.

Nachdem wir den mysteriösen Trank überwunden und
uns die Pfeifen neu gestopft hatten, begaben wir uns auf
den Kleiderhandel. Der Kaffeewirt hatte uns einen Ort
beschrieben, an dem wir das Gesuchte finden konnten. Der
Handel wurde unter der schweigsamen Assistenz des Engländers und zu seiner sichtbaren Befriedigung abgeschlossen.
Er erhielt ein vollständiges, rot und schwarz karriertes
Gewand für einen verhältnismäßig billigen Preis. Dann
wurden auch die übrigen Einkäufe besorgt und die Diener
mit denselben nach Hause geschickt. Der Kurde erhielt
als Geschenk einen perlengestickten und gefüllten Tabaksbeutel, den er mit stolzer Genugthuung sofort an seinem
Gürtel befestigte, damit dieser Beweis seiner männlichen
Würde jedermann in die Augen falle.

Nun begann ich mit dem Engländer allein einen
Gang durch die Stadt, um dieselbe einigermaßen kennen
zu lernen, und erhielt die Ueberzeugung, daß diese einst
so wichtige Grenzfestung, auf welche die Türken auch heute
noch einen nicht geringen Wert legen, von einigen hundert
unternehmenden Kurden leicht überrumpelt werden könne.
Die wenigen Soldaten, welche wir trafen, sahen hungrig
und fieberkrank aus, und die Verteidigungswerke befanden
sich in einem Zustande, der ihnen alles Recht auf diesen
Namen raubte.

Als wir heimkehrten, wartete der Agha bereits meiner.

„Emir, ich harre schon lange auf dich.“

„Warum?“

„Ich soll dich zum Mutesselim bringen.“

„Bringen?“ fragte ich mit lächelnder Betonung dieses
Wortes.

„Nein, sondern begleiten. Ich habe ihm alles erzählt und diesem Aufseher des Palastes die Fäuste unter
die Nase gehalten. Allah beschützte ihn, sonst hätte ich
ihn vielleicht gar getötet oder erwürgt!“

Dabei rollte er die Augen und bog die zehn Finger
wie Zangen zusammen.

„Was sagte der Kommandant?“

„Emir, soll ich dir die Wahrheit sagen?“

„Ich erwarte das!“

„Er ist nicht erfreut über deinen Besuch.“

„Ah! Warum nicht?“

„Er liebt die Fremden nicht und empfängt überhaupt
sehr selten Besuche.“

„Ist er ein Einsiedler?“

„Nein. Aber er bekommt als Kommandant neben
freier Wohnung monatlich sechstausendsiebenhundertachtzig
Piaster, und es geht ihm, wie uns allen: er hat seit elf
Monaten nichts erhalten und weiß nicht, was er essen
und trinken soll. Kann er sich da freuen, wenn er wichtige Besuche erhält?“

„Ich will ihn sehen und sprechen, aber nicht bei ihm
essen!“

„Das geht nicht. Er muß dich standesgemäß und
würdig empfangen, und darum hat er die — die — — —“

Er wurde verlegen.

„Was? Die — die — — —?“

„Die hiesigen Juden zu sich kommen lassen, um fünfhundert Piaster von ihnen zu leihen. Das braucht er,
um zu kaufen, was er zu deinem Empfange nötig hat.“

„Sie haben es ihm gegeben?“

„Alla illa Allah; sie hatten selbst nichts mehr, denn
sie haben ihm bereits alles geben müssen. Nun hat er
sich einen Hammel geborgt und noch vieles dazu. Das
ist sehr schlimm, besonders für mich, Emir!“

„Warum für dich?“

„Weil ich ihm diese fünfhundert Piaster leihen oder
— oder — — —“

„Nun, oder — — —“

„Oder dich fragen muß, ob du — du — — —“

„Sprich doch weiter, Agha!“

„Ob du reich bist. Oh, Emir, ich hätte ja selbst auch
keinen einzigen Para, wenn du mir heute nichts gegeben
hättest! Und davon habe ich an Mersinah fünfunddreißig
Piaster geben müssen!“

Zu meinem Empfange dem Mutesselim fünfhundert
Piaster borgen, das heißt so viel wie schenken! Das waren
ungefähr hundert Mark. Hm, ich war ja durch das Geld,
welches ich bei dem Tiere von Abu-Seïf gefunden hatte,
nicht ganz mittellos, und für unsern Zweck konnte das
Wohlwollen des Mutesselim von großem Vorteile sein.
Fünfhundert Piaster konnte ich allenfalls geben, und ebensoviel rechnete ich auf Master Lindsay, der für ein Abenteuer sehr gern diese für ihn so geringfügige Summe verausgabte. Daher begab ich mich in die Stube des Engländers, während der Agha auf mich warten mußte.

Sir David war grad mit dem Umkleiden beschäftigt.
Sein langes Angesicht strahlte vor Vergnügen.

„Master, wie sehe ich aus?“ fragte er.

„Ganz Kurde!“

„Well; gut, sehr gut! Ausgezeichnet!“

„Aber wie wickeln Turban?“

„Gebt her das Zeug!“

Er hatte in seinem Leben noch kein Turbantuch in
der Hand gehabt. Ich setzte ihm die Mütze auf das strahlende Haupt und schlang ihm das rotschwarze Zeug kunstvoll um dieselbe herum. So brachte ich einen jener riesigen Turbane fertig, wie sie hierzulande von Würdenträgern und vornehmen Männern getragen werden. Eine
solche Kopfbedeckung hat oft vier Fuß im Durchmesser.

„So, nun ist ein kurdischer Großkhan fertig!“

„Vortrefflich! Herrlich! Schönes Abenteuer! Amad
el Ghandur befreien! Alles bezahlen; sehr gut bezahlen!“

„Ist dies Euer Ernst, Sir?“

„Warum nicht Ernst?“

„Ich weiß allerdings, daß Ihr sehr wohlhabend seid
und das zur richtigen Zeit auch anzuwenden wißt — — —“

Er blickte mich schnell und forschend an und fragte
dann:

„Wollt Geld haben?“

„Ja,“ antwortete ich einfach.

„Well; sollt es bekommen! Für Euch?“

„Nein. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht von einer
solchen Seite kennen gelernt habt!“

„Ist richtig, Sir! Also für wen?“

„Für den Mutesselim.“

„Ah! Warum? Wozu?“

„Dieser Mann ist sehr arm. Der Sultan schuldet
ihm seit elf Monaten sein Gehalt. Aus diesem Grunde
hat er jedenfalls das bekannte System aller türkischen
Beamten angewandt und die hiesige Bewohnerschaft so
ziemlich ausgesaugt. Nun hat niemand mehr etwas, und
kein Mensch kann ihm borgen. Deshalb bringt ihn mein
Besuch in große Verlegenheit. Er muß mich gastlich
empfangen und besitzt die dazu nötigen Mittel nicht.
Darum hat er sich einen Hammel und verschiedenes andere
geborgt und läßt mich unter der Hand fragen, ob ich
reich genug bin, ihm fünfhundert Piaster zu leihen. Das
ist nun allerdings ganz türkisch gehandelt, und auf das
Zurückerstatten darf man nicht rechnen. Da es aber für
uns sehr nötig ist, eine freundliche Gesinnung in ihm zu
erwecken, so habe ich beschlossen — — —“

Er unterbrach mich mit einer schnellen Handbewegung.

„Gut! Sollt eine Hundertpfundnote haben!“

„Das ist zu viel, Sir! Das wären ja nach dem
Kurse von Konstantinopel elftausend Piaster! Ich will
ihm fünfhundert Piaster geben und ersuche Euch, dieselbe
Summe hinzuzufügen. Er kann damit zufrieden sein.“

„Tausend Piaster! Zu wenig! Habe ja Araber-Scheiks seidenes Gewand geschenkt! Möchte ihn auch sehen.
Wenn mit darf, dann alles bezahlen; Ihr nichts geben!“

„Mir soll es recht sein.“

„So sagt Agha, er soll uns machen lassen!“

„Und was werden wir machen?“

„Unterwegs Geschenk kaufen; Geld hinein stecken.“

„Aber nicht zu viel, Sir!“

„Wie viel? Fünftausend Piaster?“

„Zweitausend ist mehr als genug!“

„Well; also zweitausend! Fertig!“

Ich kehrte zu Selim Agha zurück.

„Sage dem Kommandanten, daß ich mit einem von
meinen Begleitern kommen werde!“

„Wann?“

„In kurzem.“

„Deinen Namen kennt er bereits; welchen Namen soll
ich ihm noch sagen?“

„Hadschi Lindsay-Bey.“

„Hadschi Lindsay-Bey. Gut! Und die Piaster, Emir?“

„Wir bitten um die Erlaubnis, ihm ein Geschenk
mitbringen zu dürfen.“

„Dann muß er Euch auch eins geben!“

„Wir sind nicht arm; wir haben alles, was wir
brauchen, und werden uns am meisten freuen, wenn er
uns nichts als seine Freundschaft schenkt. Sage ihm das!“

Er ging getröstet und zufriedengestellt davon.

Bereits nach fünf Minuten saß ich mit dem Engländer zu Pferde; ich hatte ihm eingeschärft, ja kein Wort
zu sprechen. Halef und der Buluk folgten uns. Den
Kurden hatten wir mit dem geliehenen Gewande und
vielen Grüßen nach Spandareh zurückgeschickt. Wir ritten
durch die Bazars, wo wir gesticktes Zeug zu einem Feierkleide und eine hübsche Börse kauften, in welche der Engländer zwanzig goldene Medschidje zu je hundert Piaster
legte. In solchen Dingen war mein guter Master Lindsay nie ein Knauser; das hatte ich zu meinem Vorteile
sehr oft erfahren.

Nun ritten wir nach dem Palast des Kommandanten.
Vor demselben standen etwa zweihundert Albanesen in
Parade, angeführt von zwei Mulasim unter dem Kommando unsers tapfern Selim Agha. Er zog den Sarras
und kommandierte:

„Ajakda duryn dykkatli — steht genau!“

Sie gaben sich herzliche Mühe, diesem Verlangen
nachzukommen, bildeten aber doch eine Art Schlangenlinie,
die am Ende der Aufstellung in einen sehr gebogenen
Schwanz auslief.

„Tschalghy! Islik tscharyn: — Musik! Pfeift!“

Drei Flöten begannen zu wimmern, und eine türkische Trommel forcierte einen Wirbel, der wie das Leiern
einer Kaffeemühle klang.

„Daha giöre! Kuwetlirek! — lauter, stärker!“

Der gute Agha rollte dabei die Augen nach der geschwindesten Ziffer von Melzels Metronom; die Musikanten thaten es ihm nach, und während dieses künstlerischen und für uns sehr schmeichelhaften Empfanges
ritten wir vor den Eingang, um abzusteigen. Die beiden
Lieutenants ritten herbei und hielten uns die Steigbügel.
Ich griff in die Tasche und gab jedem von ihnen ein
silbernes Zehnpiasterstück. Sie steckten es befriedigt zu
sich, ohne im geringsten in ihrer Offiziersehre verletzt zu
sein. Der türkische subalterne Offizier ist, besonders in
entlegenen Garnisonen, selbst heute noch der Diener seines
nächst höheren Vorgesetzten und stets gewohnt, sich als
solchen betrachten zu lassen.

Dem Agha gab ich das Zeug und die Börse.

„Melde uns an, und gieb dem Kommandanten dieses
Geschenk!“

Er ging würdevoll voran, und wir folgten. Unter
dem Thore stand der Nazardschi des Palastes. Er empfing uns jetzt ganz anders als beim ersten Male. Er
kreuzte die Arme über der Brust, verbeugte sich tief und
murmelte demütig:

„Bendeniz el öpir; aghamin size selami wer — Euer
Diener küßt die Hand; mein Herr läßt sich Euch empfehlen!“

Ich schritt an ihm vorüber, ohne ihm zu antworten,
und auch Lindsay that, als habe er ihn gar nicht bemerkt.
Ich muß gestehen, daß mein Master Fowling-bull trotz
der schreienden Farbe seines Anzuges einen ganz respektablen Eindruck machte. Der Anzug paßte, wie für ihn
gemacht, und das Bewußtsein, ein Engländer und dazu
auch reich zu sein, gab seiner Haltung eine Sicherheit,
die hier ganz am Platze war.

Der Aufseher nahm trotz seiner offenen Mißachtung
doch den Vortritt und führte uns eine Treppe empor in
einen Raum, der das Vorzimmer zu bilden schien. Dort
saßen die Beamten des Kommandanten auf armseligen
Teppichen. Sie erhoben sich bei unserm Eintritte und
begrüßten uns ehrfurchtsvoll. Es waren meist Türken
und einige Kurden dabei. Die letztern machten, wenigstens
in Beziehung auf ihr Aeußeres, einen viel bessern Eindruck als die ersteren, die sich in keiner so guten wirtschaftlichen Lage zu befinden schienen. An einer der
Fensteröffnungen stand ein Kurde, den man sofort für
einen freien Mann der Berge halten mußte. Er schaute
mit finsterer, ungeduldiger Miene hinaus ins Freie. Einer
der Türken trat auf mich zu:

„Du bist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, den
der Mutesselim erwartet?“

„Ich bin es.“

„Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey, welcher
das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?“

„Ja.“

„Ich bin der Basch Kiatib des Kommandanten.
Er läßt dich bitten, einige Augenblicke zu warten.“

„Warum? Ich bin nicht gewohnt, zu warten, und
er hat gewußt, daß ich komme!“

„Er hat eine wichtige Abhaltung, die nicht lange
währen wird.“

Was dies für eine wichtige Abhaltung war, konnte
ich bald bemerken. Nämlich ein Diener kam äußerst eilfertig aus dem Zimmer des Mutesselim gestürzt und
kehrte nach einiger Zeit mit zwei Büchsen zurück, auf
denen die Deckel fehlten. Die größere enthielt Tabak und
die kleinere gebrannte Kaffeebohnen. Der Kommandant
hatte diese notwendigen Sachen erst nach Empfang unseres
Geldes holen lassen können. Vor der Rückkehr seines
Dieners trat der Agha aus dem Zimmer des Mutesselim.

„Effendi, verziehe noch einen Augenblick! Du wirst
sofort eintreten können!“

Da wandte sich der am Fenster stehende Kurde zu
ihm:

„Und wann endlich werde ich eintreten dürfen?“

„Du wirst noch heute vorgelassen.“

„Noch heute? Ich bin eher dagewesen als dieser
Effendi, und auch eher als alle diese andern. Meine
Sache ist notwendig, und ich muß noch heute wieder aufbrechen!“

Selim Agha rollte die Augen.

„Diese Effendis sind ein Emir und ein Bey, du aber
bist nur ein Kurde. Du kommst erst nach ihnen!“

„Ich habe ein gleiches Recht wie sie, denn ich bin
der Abgesandte eines tapfern Mannes, der auch ein Bey ist!“

Das freimütige, furchtlose Wesen dieses Kurden gefiel
mir ungemein, obgleich seine Beschwerde indirekt gegen
mich gerichtet war. Den Agha aber schien sie außerordentlich zu erzürnen; denn er begann seinen Augenwirbel von neuem und antwortete:

„Du kommst erst später daran, und vielleicht auch gar
nicht. Wenn dir das nicht gefällt, so kannst du gehen!
Dir ist ja nicht einmal das Notwendigste bekannt, um vor
einem großen, einflußreichen Manne erscheinen zu dürfen!“

Ah, der Kurde hatte also das „Notwendigste“, nämlich das Bakschisch, vergessen. Er ließ sich aber nicht einschüchtern, sondern antwortete:

„Weißt du, was das Notwendigste für einen Berwari-Kurden ist? Dieser Säbel ist es!“ Dabei schlug er
an den Griff der genannten Waffe. „Willst du eine Probe
davon versuchen? Mich sendet der Bey von Gumri; es
ist eine Beleidigung für ihn, wenn ich immer von neuem
wieder zurückgesetzt werde und warten muß, und er wird
wissen, was er darauf zu erwidern hat. Ich gehe!“

„Halt!“ rief ich.

Er befand sich bereits an der Thüre. Der Bey von
Gumri, an den mich der Aelteste von Spandareh adressiert
hatte? Das war eine vortreffliche Gelegenheit, mich vorteilhaft bei ihm anzumelden.

„Was willst du?“ fragte er barsch.

Ich schritt auf ihn zu und hielt ihm die Hand entgegen.

„Ich will dich begrüßen, denn das ist ebenso, als
ob dein Bey meinen Gruß hörte.“

„Kennst du ihn?“

„Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber man hat mir
von ihm erzählt. Er ist ein sehr tapferer Krieger, dem
meine Achtung gehört. Willst du mir eine Botschaft an
ihn ausrichten?“

„Ja, wenn ich es kann.“

„Du kannst es. Aber vorher werde ich dir beweisen,
daß ich den Bey zu ehren weiß: Du sollst vor mir zum
Mutesselim eintreten dürfen.“

„Ist dies dein Ernst?“

„Mit einem tapfern Kurden scherzt man nie.“

„Hört ihr es?“ wandte er sich zu den andern. „Dieser
fremde Emir hat gelernt, was Höflichkeit und Achtung
bedeutet. Aber ein Berwari kennt die Sitte ebenso.“ Und
zu mir gerichtet, fügte er hinzu: „Herr, ich danke dir:
du hast mir mein Herz erfreut! Aber ich werde nun gern
warten, bis du mit dem Mutesselim gesprochen hast.“

Jetzt war er es, der mir die Hand entgegenstreckte.
Ich schlug ein.

„Ich nehme es an, denn ich weiß, daß du nicht lange
zu warten haben wirst. Aber sage mir, ob du nach deiner
Unterredung mit dem Kommandanten so viel Zeit hast,
zu mir zu kommen!“

„Ich werde kommen und dann etwas schneller reiten.
Wo wohnest du?“

„Ich wohne hier bei Selim-Agha, dem Obersten der
Arnauten.“

Er trat mit einer zustimmenden Kopfbewegung zurück, denn der Diener öffnete die Thüre, um mich und
Lindsay eintreten zu lassen.

Das Zimmer, in welches wir gelangten, war mit
einer alten, verschossenen Papiertapete bekleidet und hatte
an seiner hintern Wand eine kaum fußhohe Erhöhung,
die mit einem Teppiche belegt war. Dort saß der Kommandant. Er war ein langer, hagerer Mann mit einem
scharfen, wohl frühzeitig gealterten Angesichte. Sein Blick
war verschleiert und nicht Vertrauen erweckend. Er erhob
sich bei unserem Eintritte und bedeutete uns durch eine
Bewegung seiner Hände, zu beiden Seiten von ihm Platz
zu nehmen. Mir fiel dies nicht schwer; Master Lindsay
aber hatte einige Mühe, sich mit gebogenen Beinen in
jene Stellung zu bringen, welche die Türken „Ruhen der
Glieder“ nennen. Wer sie nicht gewöhnt ist, dem schlafen
die untern Extremitäten sehr bald ein, so daß man dann
gezwungen ist, sich wieder zu erheben. Ich mußte also
aus Rücksicht auf den Engländer dafür sorgen, daß die
Unterhaltung nicht gar zu lange dauere.

„Chosch geldin demek; ömriniz tschok ola — seid mir
willkommen; euer Leben möge lang sein!“ empfing uns
der Kommandant.

„Grad so, wie das deinige,“ antwortete ich ihm.
„Wir sind von fern her gekommen, um dir zu sagen, daß
wir uns freuen, dein Angesicht zu sehen. Möge Segen
in deinem Hause wohnen und jedes Werk gelingen, das
du unternimmst!“

„Auch euch wünsche ich Heil und Erfolg in allem,
was ihr thut! Wie heißt das Land, das deinen Tag gesehen hat, Emir?“

„Germanistan.“

„Hat es einen großen Sultan?“

„Es hat sehr viele Padischahs.“

„Und viele Krieger?“

„Wenn die Padischahs von Germanistan ihre Krieger
versammeln, so sehen sie mehrere Millionen Augen auf
sich gerichtet.“

„Ich habe dieses Land noch nicht gesehen, aber es
muß ein großes und ein berühmtes sein, da du unter
dem Schutze des Großherrn stehest.“

Dies war natürlich ein Wink, mich zu legitimiren.
Ich that es sogleich:

„Dein Wort ist richtig. Hier hast du das Bu-djeruldi des Padischah!“

Er nahm es, drückte es an Stirn, Mund und Brust
und las es.

„Hier lautet doch dein Name anders als Kara Ben
Nemsi!“

Ah, das war fatal! Der Umstand, daß ich den mir
von Halef gegebenen Namen hier beibehalten hatte, konnte
uns schädlich werden; doch faßte ich mich schnell und
meinte:

„Willst du mir einmal den Namen vorlesen, der
hier auf dem Pergamente steht?“

Er versuchte es, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Und über den Namen des Heimatortes stolperte
er vollends gar hinweg.

„Siehest du!“ erklärte ich. „Kein Türke kann einen
Namen aus Germanistan richtig lesen und aussprechen;
kein Mufti und kein Mollah bringt dies fertig, denn
unsere Sprache ist sehr schwer und wird in einer andern
Schrift geschrieben, als die eurige ist. Ich bin Hadschi
Kara Ben Nemsi; das wird dir auch dieser Brief beweisen, welchen der Mutessarif von Mossul mir für dich
mitgegeben hat.“

Ich reichte ihm das Schreiben hin. Als er es gelesen hatte, war er befriedigt und gab mir das Bu-djeruldi nach der gebräuchlichen Ceremonie zurück.

„Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey?“ fragte
er dann.

„So ist sein Name.“

„Aus welchem Lande ist er?“

„Aus Londonistan,“ antwortete ich, um den bekannteren Namen von England zu vermeiden.

„Er hat gelobt, nicht zu sprechen?“

„Er spricht nicht.“

„Und er kann zaubern?“

„Höre, Mutesselin, von der Magie soll man nicht
sprechen, wenigstens nicht zu jemand, den man noch nicht
kennt.“

„Wir werden uns kennen lernen, denn ich bin ein
großer Freund der Magie. Glaubst du, daß man Geld
machen kann?“

„Ja, Geld kann man machen.“

„Und daß es einen Stein der Weisen giebt?“

„Es giebt einen, aber er liegt nicht in der Erde,
sondern im menschlichen Herzen vergraben und kann also
auch nicht durch die Scheidekunst bereitet werden.“

„Du sprichst sehr dunkel; aber ich sehe, daß du ein
Kenner der Magie bist. Es giebt eine weiße und eine
schwarze. Kennst du alle beide?“

Ich konnte nicht anders, ich mußte lustig antworten:

„O, ich kenne auch alle andern Arten.“

„Es giebt noch andere? Welche?“

„Eine blaue, eine grüne und gelbe, auch eine rote
und graue. Dieser Hadschi Lindsay-Bey war erst ein
Anhänger der graukarrierten, jetzt aber hat er die schwarzrote angenommen.“

„Das sieht man an seinem Gewande. Selim Agha
hat mir erzählt, daß er eine Hacke bei sich führt, mit
welcher er in die Erde schlägt, um die Sprachen der Verstorbenen zu erforschen.“

„So ist es. Aber laß uns heute darüber schweigen.
Ich bin ein Krieger und Effendi, aber kein Schulmeister,
der andere unterrichtet.“

Der brave Kommandant hatte alle Hilfsquellen der
ausgesaugten Provinz erschöpft und suchte nun sein Heil
in der Magie. Es konnte mir nicht einfallen, ihn in
seinem Aberglauben zu bestärken, aber ich hatte in den
gegenwärtigen Verhältnissen auch keine Veranlassung, sie
ihm wegzudisputieren. Oder hatte ihn nur die berühmte
Hacke meines Master Fowling-bull auf den Gedanken gebracht, mit mir über die Magie zu verhandeln? Das
war auch möglich. Uebrigens machten meine letzten Worte
wenigstens den Eindruck auf ihn, daß er in die Hände
klatschte und Kaffee und Pfeifen bringen ließ.

„Ich hörte, daß der Mutessarif einen Kampf mit
den Dschesidi gehabt habe?“ begann er ein anderes
Thema.

Dasselbe war für mich nicht ungefährlich, aber ich
wußte nicht, wie ich es hätte abweisen können. Es begann grad wie ein Verhör: „Ich hörte!“ Und doch
mußte er als der nächste Untergebene des Gouverneur
und als Kommandant von Amadijah die Sache nicht bloß
vom Hören-Sagen kennen. Ich trat dazu in seine eigenen
Fußstapfen:

„Auch ich hörte davon.“ Und um einer Frage seinerseits zuvorzukommen, fügte ich hinzu: „Er wird sie gezüchtigt haben, und nun kommen wohl die widerspenstigen
Araber an die Reihe.“

Er horchte auf und blickte mich forschend an.

„Woraus vermutest du das, Emir?“

„Weil er selbst mit mir davon sprach.“

„Er selbst? Der Mutessarif?“

„Ja.“

„Wann?“

„Als ich bei ihm war, natürlich.“

„Wie kam er dazu?“ erkundigte er sich, ohne eine
Miene des Unglaubens ganz verbergen zu können.

„Jedenfalls weil er Vertrauen zu mir hatte und gewillt ist, mir in Beziehung auf diesen Kriegszug eine
Aufgabe zu erteilen.“

„Welche?“

„Hast du einmal etwas von Politik und Diplomatik
gehört, Mutesselim?“

Er lächelte überlegen.

„Wäre ich Kommandant von Amadijah, wenn ich
nicht ein Diplomat wäre?“

„Du hast sehr recht! Aber warum zeigst du mir es
nicht, daß du ein solcher bist?“

„Bin ich undiplomatisch gewesen?“

„Sehr!“

„Inwiefern?“

„Weil du mich nach meiner Aufgabe in so direkter
Weise fragst, daß ich erstaunen muß. Ich darf von ihr
nicht sprechen, und du hättest es nur durch eine feine und
kluge Ausforschung erfahren können.“

„Warum dürftest du es mir nicht sagen? Der Mutessarif hat kein Geheimnis vor mir!“

„Du mußtest mich fragen, um etwas über diese Angelegenheit zu erfahren; dies ist doch der sicherste Beweis,
daß der Mutessarif gegen mich offenherziger gewesen ist,
als gegen dich. Wie nun, wenn ich grad in einer Sache,
die auf seinen Einfall in das Gebiet der Araber Bezug
hat, nach Amadijah gekommen wäre?“

„Das ist nicht möglich!“

„Das ist sehr möglich! Ich will dir nur soviel vertrauen, daß der Gouverneur mich nach meiner Rückkehr
von Amadijah zu den Weideplätzen der Araber senden
wird. Ich soll dort heimlich das Terrain studieren, damit ich ihm meine Vorschläge machen kann.“

„Ist dies wahr?“

„Ich sage es dir im Vertrauen, folglich ist es wahr.“

„Dann bist du ein großer Vertrauter von ihm!“

„Vermutlich!“

„Und hast Einfluß auf ihn!“

„Wenn dies der Fall wäre, so dürfte ich es doch
nicht behaupten. Sonst könnte ich diesen Einfluß doch
sehr leicht verlieren.“

„Emir, du machst mich besorgt!“

„Warum?“

„Ich weiß, daß die Gnade des Mutessarif nicht über
mir leuchtet. Sage mir, ob du wirklich sein Freund und
Vertrauter bist!“

„Er hat mir mitgeteilt, was er andern vielleicht nicht
sagen würde, sogar von seinem Zuge gegen die Dschesidi
hat er mir vorher gesagt; ob ich aber sein Freund bin,
das ist eine Frage, deren Beantwortung du mir erlassen
mußt.“

„Ich werde dich auf die Probe stellen, ob du wirklich mehr weißt, als andere!“

„Thue es!“ sagte ich zuversichtlich, obgleich ich innerlich einige Besorgnis fühlte.

„Auf welchen Stamm der Araber hat er es besonders
abgesehen?“

„Auf die Schammar.“

„Und auf welche Abteilung derselben?“

„Auf die Haddedihn.“

Jetzt nahm sein scharfes Gesicht einen lauernden
Ausdruck an.

„Wie heißt der Scheik derselben?“

„Mohammed Emin. Kennst du ihn?“

„Nein. Aber ich hörte, der Mutessarif soll ihn gefangen genommen haben. Er hat doch sicher davon zu
dir gesprochen, da er dir sein Vertrauen schenkte und dich
zu den Arabern senden will!“

Dieser gute Mann machte wirklich eine Anstrengung,
diplomatisch zu sein! Ich aber lachte ihm in das Gesicht.

„O Mutesselim, du stellst mich da sehr hart auf die
Probe! Ist Amad el Ghandur so alt, daß du ihn mit
Mohammed Emin, seinem Vater, verwechselst!“

„Wie kann ich sie verwechseln, da ich beide noch nie
gesehen habe!“

Ich erhob mich.

„Laß uns unser Gespräch beenden! Ich bin kein
Knabe, den man narren darf. Aber wenn du den Gefangenen sehen willst, so gehe hinab in das Gefängnis;
der Sergeant wird dir ihn zeigen. Ich sage dir nur:
Halte es geheim: wer er ist, und laß ihn ja nicht entkommen! Solange der zukünftige Scheik der Haddedihn
sich in der Gewalt des Mutessarif befindet, kann dieser
letztere den Arabern Bedingungen stellen. Jetzt erlaube,
daß ich gehe!“

„Emir, ich wollte dich nicht beleidigen. Bleibe!“

„Ich habe heute noch anderes zu thun.“

„Du mußt bleiben, denn ich habe dir ein Mahl bereiten lassen!“

„Ich kann in meiner Wohnung speisen und danke
dir. Uebrigens steht draußen ein Kurde, der notwendig
mit dir zu sprechen hat. Er war eher da als ich, und
darum wollte ich ihm den Vortritt lassen; er war aber
so höflich, dies abzulehnen.“

„Er ist ein Bote des Bey von Gumri. Er mag
warten!“

„Mutesselim, erlaube, daß ich dich vor einem Fehler
warne!“

„Vor welchem?“

„Du behandelst diesen Bey wie einen Feind oder doch
wie einen Mann, den man nicht zu achten oder zu fürchten
braucht!“

Ich sah es ihm an, daß er sich Mühe gab, eine
zornige Aufwallung zu beherrschen.

„Willst du mir Lehren geben, Emir, du, den ich gar
nicht kenne?“

„Nein. Wie kann ich es wagen, dich belehren zu
wollen, da du mehr als mein Alter hast! Bereits als
wir von der Magie sprachen, habe ich dir bewiesen, daß
ich dich für weiser halte, als daß ich dich belehren könnte.
Aber einen Rat darf auch der Jüngere dem Aelteren
erteilen!“

„Ich weiß selbst, wie man diese Kurden zu behandeln
hat. Sein Vater war Abd el Summit Bey, der meinen
Vorgängern und besonders dem armen Selim Zillahi so
große Mühe machte!“

„Soll sein Sohn euch dieselbe Mühe machen? Der
Mutessarif braucht seine Truppen gegen die Araber, und
einen Teil derselben muß er stets gegen die Dschesidi bereit
halten, denen er nicht trauen darf. Was wird er sagen,
wenn ich ihm mitteile, daß du die Kurden von Berwari
so behandelst, daß auch hier ein Aufstand zu befürchten
steht, wenn sie merken, daß der Gouverneur augenblicklich
nicht die Macht besitzt, ihn niederzudrücken? Thue was
du willst, Mutesselim. Ich werde dir weder eine Lehre
noch einen Rat erteilen.“

Dieses Argument frappierte ihn; das sah ich ihm an.

„Du meinst, daß ich den Kurden empfangen soll?“

„Thue, was du willst. Ich wiederhole es!“

„Wenn du mir versprichst, bei mir zu essen, so werde
ich ihn in deiner Gegenwart hereinkommen lassen.“

„Unter dieser Bedingung kann ich hier bleiben; denn
ich gehe meist ja deshalb, damit er nicht meinetwegen noch
länger warten müsse.“

Der Mutesselim klatschte in die Hände, und aus einer
Nebenthüre trat der Diener ein, welcher den Befehl erhielt,
den Kurden hereinzurufen. Dieser schritt in stolzer Haltung in das Zimmer und grüßte mit einem kurzen „Sellam“,
ohne sich zu bücken.

„Du bist ein Bote des Bey von Gumri?“ fragte der
Kommandant.

„Ja.“

„Was hat mir dein Herr zu sagen?“

„Mein Herr? Ein freier Kurde hat nie einen Herrn.
Er ist mein Bey, mein Anführer im Kampfe, nicht aber
mein Gebieter. Dieses Wort kennen nur die Türken und
Perser.“

„Ich habe dich nicht rufen lassen, um mich mit dir
zu streiten. Was hast du an mich auszurichten?“

Der Kurde mochte ahnen, daß ich die Ursache sei,
daß er nicht länger zu warten brauchte. Er warf mir
einen verständnisvollen Blick zu und antwortete sehr ernst
und langsam:

„Mutesselim, ich hatte etwas auszurichten; da ich
aber so lange warten mußte, habe ich es vergessen. Der
Bey muß dir also einen andern Boten senden, der es
wohl nicht vergessen wird, wenn er nicht zu warten braucht!“

Das letzte Wort sprach er bereits unter der Thüre;
dann war er verschwunden. Der Kommandant machte ein
ganz verblüfftes Gesicht. So etwas hatte er nicht erwartet, während ich mir im stillen sagte, daß kein europäischer
Ambassadeur korrekter hätte handeln können, als dieser
junge, einfache Kurde. Es zuckte mir förmlich in den Beinen, ihm nachzueilen, um ihm meine Achtung und Anerkennung auszusprechen. Auch der Mutesselim wollte ihm
nachspringen, aber in etwas anderer Absicht.

„Schurke!“ rief er aufspringend. „Ich werde — —“

Er besann sich aber doch und blieb stehen. Ich stopfte
mir sehr gleichmütig meinen Tschibuk und brannte an.

„Was sagst du dazu, Emir?“ fragte er.

„Daß ich es so kommen sah. Ein Kurde ist kein
heuchelnder Grieche und auch kein schmutziger Jude, der
sich nicht einmal krümmt, wenn man ihn tritt. Was wird
der Bey von Gumri thun, und was wird der Mutessarif
sagen!“

„Du wirst es ihm erzählen?“

„Ich werde schweigen, aber er wird die Folgen sehen.“

„Ich lasse diesen Kurden zurückrufen!“

„Er wird nicht kommen.“

„Ich will ihm ja nicht zürnen!“

„Er wird das nicht glauben. Es giebt nur einen
einzigen, der ihn bewegen kann, zurückzukehren.“

„Wer ist das?“

„Ich bin es.“

„Du?“

„Ja. Ich bin sein Freund; er wird vielleicht auf
meine Stimme hören.“

„Du bist sein Freund? Du kennst ihn?“

„Ich habe ihn in deinem Vorzimmer zum erstenmal
gesehen. Aber ich sprach zu ihm wie zu einem Manne,
welcher der Bote eines Bey ist, und das hat ihn sicher
zu meinem Freund gemacht.“

„Du weißt jedoch nicht, wo er sich befindet!“

„Ich weiß es.“

„Wo ist er? Fort von Amadijah. Sein Pferd stand
unten.“

„Er ist in meiner Wohnung, wohin ich ihn eingeladen habe.“

„Du hast ihn eingeladen? Soll er bei dir essen?“

„Ich werde ihn als Gast empfangen; die Hauptsache
aber ist, daß ich ihm eine Botschaft an den Bey anzuvertrauen habe.“

Der Mutesselim staunte immer mehr.

„Was für eine Botschaft?“

„Ich denke, du bist ein Diplomat? Frage den Mutessarif!“

„Emir, du sprichst in lauter Rätseln!“

„Deine Weisheit wird sie sehr bald zu lösen wissen.
Ich will dir aufrichtig sagen, daß du einen Fehler begangen hast, und da du weder eine Lehre noch einen Rat
von mir annehmen willst, so erlaube mir wenigstens,
diesen Fehler wieder gut zu machen, indem ich dem Bey
von Gumri eine sehr friedliche Botschaft sende!“

„Ich darf sie nicht wissen?“

„Ich will es dir im Vertrauen mitteilen, trotzdem
es ein diplomatisches Geheimnis ist: Ich habe ihm ein
Geschenk zu übermitteln.“

„Ein Geschenk? Von wem?“

„Das darf ich allerdings nicht sagen, aber du kannst
es vielleicht erraten, wenn ich dir gestehe, daß der betreffende Beamte und Gebieter, von dem es kommt, im
Westen von Amadijah wohnt und sehr wünscht, daß der
Bey von Gumri ihm nicht feindlich gesinnt werde.“

„Herr, jetzt sehe ich, daß du wirklich der Vertraute
des Mutessarif von Mossul bist; denn von ihm kommt
das Geschenk, du magst es nun sagen oder nicht!“

Der Mann war ein Schwachkopf und ganz unfähig
für sein Amt. Ich erfuhr später, daß er die Kreatur
seines Vorgängers gewesen war, der selbst auch den Sprung
vom Nefus Emini in Zilla in Kleinasien zum Mutesselim
von Amadijah gethan hatte. Mein Besuch bei diesem Kommandanten hatte eine ganz unerwartete, frappante Wendung erhalten. Für was er mich nahm, das konnte ich
zwar hören und vermuten, nicht aber sicher behaupten;
und doch führte mich der eigentümliche Gang unsers Gespräches dazu, ihm Dinge zu sagen, Dinge wissen oder
ahnen zu lassen, von denen er recht wohl auf die Absicht
unserer Anwesenheit hätte schließen können. Er hatte
wohl kaum das rechte Zeug, ein guter Dorfältester, viel
weniger aber Mutesselim zu sein; aber doch dauerte er
mich im geheimen, wenn ich an die Verlegenheit dachte,
in welche ihn das Gelingen unsers Vorhabens bringen
mußte. Die Möglichkeit, ihn dabei zu schonen, wäre mir
willkommen gewesen; aber es gab sie ja nicht.

Die Fortsetzung unseres Gespräches wurde aufgeschoben, da man das Essen brachte. Es bestand aus einigen Stücken des geliehenen Hammels und einem mageren
Pillau. Der Kommandant langte fleißig zu und vergaß
dabei das Sprechen; als er sich aber gesättigt hatte,
fragte er:

„Du wirst den Kurden wirklich bei dir treffen?“

„Ja; denn ich glaube, daß er sein Wort hält.“

„Und ihn wieder zu mir schicken?“

„Wenn du es haben willst, ja.“

„Wird er auf dich warten?“

Dies war ein leiser Fingerzeig, der seinen Grund
nicht in einem Mangel an Gastfreundlichkeit, sondern in
der Besorgnis hatte, daß der Bote die Geduld auch bei
mir verlieren werde. Darum antwortete ich:

„Er will bald aufbrechen, und darum wird es geraten sein, daß ich ihn nicht ermüde. Erlaubst du, daß
wir gehen?“

„Unter der Bedingung, daß du mir versprichst, heute
abend abermals mein Gast zu sein.“

„Ich verspreche es. Wann wünschest du, daß ich
komme?“

„Ich werde es dir durch Selim Agha wissen lassen.
Ueberhaupt bist du mir willkommen, wann und so oft
du kommst.“

Unser Gastmahl hatte also nicht lange Zeit in Anspruch genommen. Wir brachen auf und wurden in sehr
höflicher Weise von ihm bis hinunter vor das Thor begleitet. Dort warteten unsere beiden Begleiter mit den
Pferden auf uns.

„Du hast einen Baschi-Bozuk bei dir?“ fragte der
Kommandant.

„Ja, als Khawaß. Der Mutessarif bot mir ein
großes Gefolge an, doch ich bin gewohnt, mich selbst zu
beschützen.“

Jetzt erblickte er den Rappen.

„Welch ein Pferd! Hast du es gekauft oder groß
gezogen?

„Es ist ein Geschenk.“

„Ein Geschenk! Herr, der es dir schenkte, ist ein
Fürst gewesen! Wer war es?“

„Auch das ist ein Geheimnis; aber du wirst ihn
vielleicht bald sehen.“

Wir stiegen auf, und sofort brüllte Selim Agha
seiner Wachtparade, die auf uns gewartet hatte, den Befehl entgegen:

„Silahlarile nischanlaryn — zielt mit den Gewehren!“

Sie legten an, aber nicht zwei von den Flinten bildeten eine Linie miteinander.

„Tschalghy, schamataji kylyn — Musik, macht Lärm!“

Das vorige Wimmern und Kaffeemahlen begann.

„Hepsi herbiri halan atyn — schießt alle zugleich los!“

O weh! Kaum die Hälfte dieser Mordgewehre hatte
den Mut, einen Laut von sich zu geben. Der Agha rollte
die Augen; die Träger der konfusen Schießinstrumente
rollten auch die Augen und bearbeiteten die Schlösser
ihrer Vorderlader, aber erst nachdem wir bereits um die
nächste Ecke gebogen waren, erklang hier und da ein leises
Gekläff, welches uns vermuten ließ, daß wieder einmal
ein Pfropfen aus dem Laufe geschlingert worden sei.

Als wir zu Hause anlangten, saß der Kurde in
meinem Zimmer auf meinem Teppich und rauchte aus
meiner Pfeife meinen Tabak. Das freute mich, denn es
bewies mir, daß unsere Ansichten über Gastlichkeit ganz
dieselben seien.

„Kheïr ati, hemscher — willkommen, Freund!“ begrüßte ich ihn.

„Wie, du redest kurdisch?“ fragte er erfreut.

„Ein wenig nur, aber wir wollen es versuchen!“

Ich hatte Halef den Befehl gegeben, für mich und
den Gast bei irgend einem Speisewirte etwas Eßbares
aufzutreiben, und konnte mich also dem Boten des Bey
von Gumri ruhig widmen. Ich steckte mir nun auch eine
Pfeife an und ließ mich an seiner Seite nieder.

„Ich habe dich länger warten lassen, als ich wollte,“
begann ich; „ich mußte mit dem Mutesselim essen.“

„Herr, ich habe gern gewartet. Die schöne Jungfrau,
welche deine Wirtin ist, mußte mir eine Pfeife reichen,
und dann habe ich mir von deinem Tabak genommen. Ich
hatte dein Angesicht gesehen und wußte, daß du mir nicht
darüber zürnen würdest.“

„Du bist ein Krieger des Bey von Gumri; was mein
ist, das ist auch dein. Auch muß ich dir danken für das
Vergnügen, welches du mir bereitet hast, als ich mich bei
dem Kommandanten befand.“

„Welches?“

„Du bist ein Jüngling, aber du hast als Mann gehandelt, als du ihm deine Antwort gabst.“

Er lächelte und sagte:

„Ich hätte anders mit ihm gesprochen, wenn ich allein
gewesen wäre.“

„Strenger?“

„Nein, sondern milder. Da aber ein Zeuge zugegen
war, so mußte ich die Ehre dessen wahren, der mich gesendet hat.“

„Du hast deinen Zweck erreicht. Der Mutesselim
wünscht, daß du zu ihm zurückkehrst, um deine Botschaft
auszurichten.“

„Ich werde ihm diesen Gefallen nicht erweisen.“

„Auch mir nicht?“

Er blickte auf.

„Wünschest du es?“

„Ich bitte dich darum. Ich habe ihm versprochen,
diese Bitte an dich zu richten.“

„Kennst du ihn? Bist du sein Freund?“

„Ich habe ihn noch niemals gesehen und war heute
zum erstenmal bei ihm.“

„So will ich dir sagen, was für ein Mann er ist.
Eigentlich schildere ich dir diesen Mann am besten, wenn
ich dir weiter nichts sage, als daß der Saliahn jetzt
nur kaum zwanzigtausend Piaster für Amadijah einbringt,
und daß er nicht, wie es doch an der Regel wäre, die
Pacht der Steuern hat. Die hat man ihm genommen.
Der Sultan hört selten eine Beschwerde an; hier aber hat
er hören müssen, denn es war zu himmelschreiend. Er
plünderte die Einwohner dermaßen, daß sie auch im
Winter im Gebirge blieben und sich nicht in die Stadt
zurückwagten. Nun ist der ganze Distrikt verarmt, und
der Hunger ist ein steter Gast der Leute geworden. Der
Mutesselim braucht immer Geld und borgt, und wer ihm
da nicht zu Willen ist, der hat seine Rache zu befürchten.
Uebrigens ist er ein feiger Mensch, der nur gegen den
Schwachen mutig ist. Seine Soldaten hungern und frieren,
weil sie weder Speise noch Kleidung erhalten, und ihre
guten Gewehre hat er gegen schlechte umgetauscht, um den
Profit für sich zu nehmen, und wenn für die paar Kanonen, welche die Festung verteidigen sollen, das Pulver
kommt, so verkauft er es an uns, um Geld zu erhalten.“

Das war also eine echt türkische Wirtschaft! Nun
brauchte ich mich nicht über die effektvolle Schießübung zu
wundern, deren Augen- und Ohrenzeuge ich gewesen war.

„Und wie steht er mit deinem Bey?“ erkundigte ich
mich.

„Nicht gut. Es kommen viele Kurden nach der Stadt,
entweder um hier einzukaufen oder Lebensmittel zu verkaufen. Für diese hat er eine hohe Steuer eingeführt, die
der Bey nicht leiden will. Auch maßt er sich in vielen
Fällen eine Gewalt über uns an, die ihm gar nicht gehört. Zwei Kurden haben sich kürzlich in Amadijah Blei
und Pulver gekauft, und man verlangte ihnen am Thore
eine Steuer dafür ab. Das war noch nie vorgekommen;
sie hatten nicht genug Geld zur Bezahlung der Steuer,
welche noch höher war, als der Preis der so schon teuren
Ware, und so wurden sie in das Gefängnis gesteckt. Der
Bey verlangte ihre Freiheit und gab zu, daß man das
Pulver und Blei konfiszieren möge; aber der Mutesselim
ging nicht darauf ein. Er verlangte die konfiszierte Ware,
den Zoll, eine Strafsumme und dann auch noch Bezahlung der Untersuchungs- und Gefängniskosten, so daß aus
zwanzig Piastern hundertundvierzig geworden sind. Ehe
diese nicht bezahlt werden, gibt er die Leute nicht los
und rechnet ihnen zehn Piaster für den Tag als Verpflegungsgelder an.“

„In dieser Angelegenheit wolltest du mit ihm reden?“

„Ja.“

„Solltest du die Summe bezahlen?“

„Nein.“

„Nur unterhandeln? Das würde zu nichts führen.“

„Ich soll ihm sagen, daß wir jeden Mann aus Amadijah, der unser Gebiet betritt, gefangen nehmen und zurückhalten werden, bis die beiden Männer wieder bei
uns sind.“

„Also Repressalien! Das würde keine großen Folgen
haben, denn ihm ist es wohl sehr gleich, ob ein Bewohner
Amadijahs euer Gefangener ist oder nicht. Und sodann
müßt ihr bedenken, daß aus einem solchen Verfahren sehr
leicht bedeutende Konflikte entstehen können. Das beste
würde sein, wenn es diesen Männern gelänge, zu entfliehen.“

„Das sagt auch der Bey; aber eine Flucht ist nicht
möglich.“

„Warum nicht? Ist die Bewachung streng?“

„O, die Wächter machen uns keine Sorge. Es ist
ein Sergeant mit drei Männern, die wir bald überwältigt hätten; aber das könnte einen Lärm ergeben, der uns
gefährlich werden möchte.“

„Gefährlich? Hm!“

„Die Hauptsache aber: es ist ganz unmöglich, in das
Gefängnis zu kommen.“

„Warum?“

„Die Mauern sind zu stark, und der Eingang mit
zwei Thüren verschlossen, die mit starkem Eisen beschlagen
sind. Das Gefängnis stößt an den Garten dieses Hauses,
wo der Agha der Arnauten wohnt; jedes ungewöhnliche
Geräusch kann ihn aufmerksam machen und uns verderblich werden. Wir müssen auf den Gedanken einer Flucht
verzichten.“

„Auch wenn ihr einen Mann findet, der bereit ist,
euch behilflich zu sein?“

„Wer wäre dies?“

„Ich!“

„Du, Emir? O, das wäre gut! Und wie wollte ich
dir danken! Die beiden Männer sind mein Vater und
mein Bruder.“

„Wie ist dein Name?“

„Dohub. Meine Mutter ist eine Kurdin von dem
Stamme der Dohubi.“

„Ich muß dir sagen, daß ich selbst hier fremd bin
und also nicht weiß, wie eine Flucht zu bewerkstelligen
ist; aber dein Bey wurde mir empfohlen, und auch dir
bin ich gewogen. Ich werde bereits morgen forschen, was
man in dieser Angelegenheit unternehmen kann.“

Hinter dieser Zusicherung versteckte sich allerdings
auch ein kleiner Eigennutz. Es war ja sehr leicht möglich,
daß wir der Unterstützung des Bey von Gumri bedurften,
und dieser konnten wir uns am besten versichern, wenn
wir seine eigenen Leute in Schutz nahmen.

„Du meinst also, daß ich zum Mutesselim gehen soll?“

„Ja, gehe zu ihm und versuche dein Heil noch einmal durch Verhandlung; ich habe mir Mühe gegeben, ihn
zu bearbeiten, daß er deine Verwandten vielleicht freiwillig entläßt.“

„Herr, hättest du dies wirklich gethan?“

„Ja.“

„Wie hast du es angefangen?“

„Dir dies zu sagen, würde zu weit führen; aber ich
werde dir einige Worte aufschreiben, die dir vielleicht von
Nutzen sein werden, wenn du meinem Rate Folge leistest.“

„Welchen Rat giebst du mir?“

„Sprich nicht zu ihm von Repressalien. Sage zu
ihm, wenn er die Gefangenen nicht heute noch freigäbe,
so würdest du sofort zum Mutessarif nach Mossul reiten
und ihm sagen, daß die Berwari-Kurden sich erheben
werden. Dabei mußt du vorübergehend erwähnen, daß
du durch das Gebiet der Dschesidi reiten und mit Ali
Bey, ihrem Feldherrn, reden wirst.“

„Herr, das ist zuviel gesagt und auch zuviel gewagt!“

„Thue es dennoch; ich rate es dir und habe meinen
Grund dazu. Er hält die Gefangenen wohl meist deshalb so fest, weil er euch Geld abpressen will, welches er
sehr nötig brauchte; jetzt aber fällt dieser Grund fort,
weil wir ihm ein bedeutendes Geschenk an Piastern gemacht haben.“

„So werde ich zu ihm gehen!“

„Und zwar jetzt gleich. Dann aber kommst du wieder
zu mir, damit ich dir meine Botschaft an den Bey sagen
kann!“

„Ich schrieb auf ein Blatt meines Notizbuches folgende Worte in türkischer Sprache: „Erlaube mir, dir
das Anliegen dieses Kurden an das Herz zu legen, und
vermeide es, den Mutessarif zu erzürnen!“ Nachdem ich
meinen Namen hinzugefügt hatte, übergab ich Dohub diese
Zeilen, mit denen er sich eilig entfernte.

Ich hatte die Kühnheit, mich als einflußreiche Persönlichkeit zu fühlen; ich handelte abenteuerlich, das ist
wahr; aber der Zufall hatte mich nun einmal, sozusagen,
an eine Kletterstange gestellt und mich bis über die Hälfte
derselben emporgeschoben; sollte ich wieder herabrutschen
und den Preis aufgeben, da es doch nur einer Motion
bedurfte, um vollends empor zu kommen?

Da kam Halef zurück und brachte eine solche Ladung
kalter Speisen und Früchte, als habe er uns für eine
Woche zu verproviantieren.

„Sehr reichlich, Hadschi Halef Omar!“ sagte ich.

„Allah akbar; Allah ist groß, Sihdi, aber mein
Hunger ist noch größer. Weißt du, daß ich und der kleine
Ifra seit heute morgen in Spandareh gar nichts gegessen
haben?“

„So eßt! Aber trage vor allen Dingen hier auf,
damit mein Gast nicht hungrig von mir geht. Hast du
Wein?“

„Nein. Du bist ein echter Gläubiger geworden und
willst noch immer den Trank der Ungläubigen genießen!
Allah kerihm; ich bin ein Moslem und soll in Amadijah
Wein verlangen?“

„So werde ich mir selbst welchen holen. Verstehest du!“

„Nein, Sihdi, das sollst du nicht; aber hier reden
viele Leute kurdisch, was ich gar nicht verstehe, und das
Türkische kenne ich nur wenig. Ich kann also nur Dinge
kaufen, deren Namen ich weiß.“

„Wein heißt türkisch Scharab und kurdisch Scherab;
das ist sehr leicht zu merken. Master Lindsay will welchen
haben; also geh und hole!“

Er ging. Als sich dabei die Thür öffnete, hörte ich
unten die scheltende Stimme Mersinahs, in welche sich die
bittende Stimme eines Mannes mischte, und gleich darauf
kehrte Halef zurück.

„Sihdi, es ist ein Mann unten, den die Wirtin nicht
herauf lassen wollte.“

„Wer ist es?“

„Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.“

„Was hat dies mit uns zu thun?“

„Verzeihe, Sihdi! Als ich vorhin Brot kaufte, kam
ein Mann gerannt, der mich beinahe über den Haufen
riß. Ich fragte ihn, was er so eilig zu laufen habe, und
er sagte mir, daß er nach einem Hekim suche, weil seine
Tochter ganz plötzlich krank geworden sei und vielleicht
sterben müsse. Da riet ich ihm, zu dir zu kommen, wenn
er keinen Arzt finden könne, und nun ist er da.“

„Das hast du dumm gemacht, Halef. Du weißt ja,
daß ich die kleine Apotheke, aus welcher ich am Nil
kurierte, gar nicht mehr besitze!“

„O, Sihdi, du bist ein großer Gelehrter und kannst
einen Kranken auch ohne die Körner gesund machen, die
du damals gabst.“

„Aber ich bin doch eigentlich kein Arzt!“

„Du kannst alles!“

Was war zu thun? Halef hatte in Erinnerung an
die damaligen Bakschisch jedenfalls wieder einmal sehr
Großes von mir berichtet, und ich war nun derjenige, der
den angeschnittenen Apfel zu verspeisen hatte.

„Die Wirtin ist klüger wie du, Halef! Aber gehe
und hole den Mann herauf!“

Er ging und schob bald nachher einen Mann herein,
dem der Schweiß von der Stirn in den Bart herabtropfte.
Es war ein Kurde; das sah man an dem Tolik, der
ihm unter dem etwas gelüpften Turban hervor über die
Stirne herabfiel; doch trug er türkische Kleidung.

„Sallam!“ grüßte er eilig. „O Herr, komm schnell,
sonst stirbt meine Tochter, die bereits von dem Himmel
redet!“

„Was fehlt ihr?“

„Sie ist von einem bösen Geist besessen, der sie umbringen wird.“

„Wer sagte das?“

„Der alte türkische Hekim, den ich holte. Er hat ihr
ein Amulet umgehangen, aber er meinte, daß es nicht
helfen werde.“

„Wie alt ist deine Tochter?“

„Sechzehn Jahre.“

„Leidet sie an Krämpfen oder Fallsucht?“

„Nein, sie ist niemals krank gewesen bis auf den
heutigen Tag.“

„Was thut der böse Geist mit ihr?“

„Er ist ihr in den Mund gefahren, denn sie klagte,
daß er ihr den Hals zerkratze; dann machte er ihr die
Augen größer, damit er herausgucken könne. Ihr Mund
ist rot und auch ihr Gesicht, und nun liegt sie da und
redet von den Schönheiten des Himmels, in den sie
blicken kann.“

Hier war schleunige Hilfe nötig, denn es lag jedenfalls eine Vergiftung vor.

„Ich will sehen, ob ich dir helfen kann. Wohnest
du weit von hier?“

„Nein.“

„Giebt es außer dem alten Hekim noch einen Arzt?“

„Nein.“

„So komm schnell!“

Wir eilten fort. Er führte mich durch drei Gassen
und dann in ein Haus, dessen Aeußeres eine gewisse
Stattlichkeit zeigte. Der Besitzer desselben konnte nicht
zu den ärmeren Leuten gehören. Wir passierten zwei
Zimmer und traten dann in ein drittes. Auf einem
niedrigen Polster lag ein Mädchen lang ausgestreckt auf
dem Rücken. An ihrer Seite knieten einige weinende
Frauen, und in der Nähe hockte ein alter Mann, der
seinen Turban abgenommen hatte und, gegen die Kranke
gerichtet, laute Gebete murmelte.

„Bist du der Hekim?“ fragte ich ihn.

„Ja.“

„Was fehlt dieser Kranken?“

„Der Teufel ist in sie gefahren, Herr!“

„Albernheit! Wenn der Teufel in ihr steckte, würde
sie nicht von dem Himmel sprechen.“

„Herr, das verstehst du nicht! Er hat ihr das Essen
und Trinken verboten und sie schwindelig gemacht.“

„Laßt mich sie sehen!“

Ich schob die Weiber beiseite und kniete neben ihr
nieder. Es war ein sehr schönes Mädchen.

„Herr, rette meine Tochter vom Tode,“ jammerte
eine der Frauen, „und wir werden dir alles geben, was
wir besitzen.“

„Ja,“ bestätigte der Mann, welcher mich geholt hatte.
„Alles, alles sollst du haben, denn sie ist unser einziges
Kind, unser Leben.“

„Rette sie,“ ertönte eine Stimme aus dem Hintergrunde des Raumes; „so sollst du Reichtum besitzen und
Gottes Liebling sein!“

Ich schaute nach dieser Gegend hin und erblickte eine
alte Frau, deren Aeußeres mich schaudern machte. Sie
schien ihre hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war
tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen;
ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes, aber von ihrem Haupte hingen
schwere weiße Haarzöpfe fast bis auf den Boden herab.

„Ja, rette sie, rette mein Urenkelkind!“ wiederholte
sie, indem sie bittend die gefalteten, ausgedorrten Hände
erhob, von denen ein Rosenkranz hernieder hing. „Ich
werde niederknieen und zur schmerzensreichen Mutter
Gottes bitten, daß es dir gelingen möge.“

Eine Katholikin! Hier unter den Kurden und Türken!

„Bete,“ antwortete ich ergriffen; „ich werde versuchen,
ob hier ein Mensch noch helfen kann!“

Die Kranke lag da mit offenen, heiteren Augen; aber
ihre Pupillen waren sehr erweitert. Ihr Angesicht war
stark gerötet, Atem und Puls gingen schnell, und ihr Hals
bewegte sich unter einem krampfhaften Würgen. Ich frug
gar nicht, wann die Krankheit ausgebrochen sei; ich war
Laie, aber ich hatte die Ueberzeugung, daß die Kranke
Belladonna oder Stramonium genossen habe.“

„Hat deine Tochter gebrochen?“ fragte ich den Mann.

„Nein.“

„Hast du einen Spiegel?“

„Einen kleinen hier.“

„Gieb ihn her!“

Der alte Hekim lachte heiser:

„Der böse Geist soll sich im Glase besehen!“

Ich antwortete ihm gar nicht und ließ das durch
die Fensteröffnung eindringende Licht der bereits niedersteigenden Sonne so auf den Spiegel fallen, daß es auf
das Gesicht der Kranken gebrochen wurde. Der blendende
Strahl übte keine Wirkung auf die Iris der Kranken aus.

„Wann hat deine Tochter zum letztenmal gegessen?“
fragte ich.

„Das weiß ich nicht,“ antwortete der Vater. „Sie
war allein.“

„Wo?“

„Hier.“

„Es ist kein böser Geist in sie gefahren, sondern sie
hat ein Gift gegessen oder getrunken!“

„Allah il Allah! Ist das wahr, Herr?“

„Ja.“

„Glaubt es nicht!“ mahnte der Hekim. „Der Teufel
ist in ihr.“

„Schweig, alter Narr! Habt ihr Citronen hier?“

„Nein.“

„Kaffee?“

„Ja.“

„Könnt ihr Galläpfel bekommen?“

„Deren wachsen viel in unsern Wäldern. Wir haben
welche im Hause.“

„Macht schnell einen sehr starken, heißen Kaffee fertig
und kocht Galläpfel in Wasser. Schickt auch nach Citronen!“

„Ha, er will den Teufel mit Galläpfeln, Citronen
und Kaffee füttern!“ verwunderte sich der Hekim, indem
er vor Entsetzen die Hände zusammenschlug.

Ich steckte in Ermangelung von etwas anderem den
Finger in den Mund der Kranken, um sie zum Erbrechen
zu reizen, wobei ich den Finger durch den Griff meines
Messers vor ihren Zähnen schützte. Nach einiger Mühe
gelang das Experiment, wenn auch unter der schmerzlichsten
Anstrengung des Mädchens. Ich wiederholte es, doch
war die Entleerung nicht hinlänglich.

„Giebt es eine Etschzaga in der Nähe?“ fragte ich,
da ein Vomitiv notwendig war.

„In derselben Gasse.“

„Komm schnell; führe mich!“

Wir gingen. Mein Führer blieb vor einem kleinen
Laden stehen.

„Hier wohnt der Attar!“ sagte er.

Ich trat in die kleine Budika und sah mich von
einem Chaos von allerlei nötigen und unnötigen Dingen umgeben. Ranzige Pomaden, Pfeifenrohre, alte vertrocknete
Pflaster und Talglichter, Rhabarber und brauner Zucker
in einem Kasten, Kaffeebohnen neben Lindenblüten, Pfefferkörner und geschabte Kreide, Sennesblätter in einer Büchse,
auf welcher „Honig“ stand; Drahtnägel, Ingwer und
Kupfervitriol, Seife, Tabak und Salz, Brillen, Essig,
Charpie, Spießglanz, Tinte, Hanfsamen, Gallizenstein,
Zwirn, Gummi, Baldrian, Knöpfe und Schnallen, Teer,
eingemachte Walnüsse, Teufelsdreck und Feigen. — Alles
lag hier friedlich bei-, neben-, unter-, über- und durcheinander, und dabei saß ein schmutziges Männlein, welches
grad so aussah, als habe es alle diese Mittel und Ingredienzien soeben innerlich und äußerlich an sich selbst
probiert. Welches Unheil hatte dieser Attar wohl bereits
angerichtet!

Ich konnte für meine Zwecke nur Kupfervitriol bekommen und nahm noch ein Fläschchen Salmiakgeist mit.
Das erstere wirkte nach unserer Rückkehr zur Kranken
recht befriedigend. Dann gab ich ihr starken Kaffee mit
Citronensaft und dann den Galläpfelaufguß. Hierauf
schärfte ich zur Verhütung eines etwaigen Steck- und
Schlagflusses ihren Verwandten ein, sie durch Schütteln,
Bespritzen mit kaltem Wasser und Riechenlassen an dem
Salmiakgeist möglichst am Einschlafen zu verhindern, und
versprach baldigst wiederzukommen.

Diese Behandlung war wohl keine ganz richtige, aber
ich verstand es nicht besser, und — sie hatte Erfolg.
Nun konnte ich, da die augenblickliche Gefahr entfernt zu
sein schien, auch an anderes denken. Ich blickte mich im
Zimmer genau um, und sah ein kleines Körbchen in der Ecke
stehen, welches noch ziemlich mit Maulbeeren gefüllt war.
Zwischen diesen sah ich mehrere — Tollkirschen liegen.

„Willst du den bösen Geist sehen, der in die Kranke
gefahren ist?“ fragte ich den Hekim.

„Einen Geist kann man nicht sehen. Und selbst wenn
dies möglich wäre, könntest du ihn mir nicht zeigen, da
du nicht an ihn glaubst. Wenn das Mädchen nicht stirbt,
so hat mein Amulett geholfen.“

„Hast du nicht gesehen, daß ich es ihr sofort vom
Halse nahm? Hier liegt es, ich werde es öffnen.“

„Das darfst du nicht!“ rief er, schnell zugreifend.

„Laß ab, Alter! Meine Hand ist kräftiger als die
deinige. Warum darf ich es nicht öffnen?“

„Weil ein Zauber darinnen ist. Du würdest sofort
von demselben Geiste besessen werden, der in dem Mädchen steckt!“

„Wollen sehen!“

Er wollte es verhindern, aber ich öffnete das viereckig zusammengenähte Stück Kalbleder und — fand darinnen eine tote Fliege.

„Laß dich nicht auslachen mit diesem unschuldigen
Tierchen!“ lachte ich, indem ich die Fliege zu Boden
fallen ließ und zertrat. „Nun, wo ist dein Geist, der
mich befallen soll?“

„Warte nur; er wird kommen!“

„Ich werde dir den Teufel zeigen, der diese Krankheit verschuldet hat. Schau her! Was ist das? Du bist
ein Hekim und mußt diese Beeren kennen!“

Ich hielt ihm die Tollkirsche entgegen, und er erschrak.

„Allah sei uns gnädig! Das ist ja die Oelüm kires! 
Wer diese ißt, der muß sterben, der ist verloren, der kann
nicht gerettet werden!“

„Nun, von diesen Früchten hat die Kranke gegessen;
das habe ich an ihren Augen gesehen. Wer von ihnen
genießt, dessen Augen werden größer; das merke dir!
Und nun setze deinen Turban auf und mache dich von
hinnen, sonst zwinge ich dich, von diesen Todeskirschen
zu genießen, damit du siehest, ob dir eine Sin-ek das
Leben retten wird!“

Ich nahm die Kirschen in die Hand und schritt auf
ihn zu. Da stülpte er in wahrer Todesangst den Turban
auf sein kahl geschorenes Haupt und nahm sehr eilig und
ohne allen Abschied Reißaus.

Die Anwesenden sahen ein, daß ich recht hatte. Auch
ohne meine Worte sagte es ihnen die günstige Veränderung,
welche mit der Kranken vorgegangen war. Sie ergingen
sich in den ehrfurchtsvollsten Dankesbezeigungen, denen
ich nur dadurch ein Ende machen konnte, daß ich mich
schnell entfernte. Ich hinterließ die Weisung, mich bei
einer etwaigen Verschlimmerung gleich holen zu lassen.

Als ich in meiner Wohnung anlangte, traf ich Mersinah, welche soeben mit wütender Gebärde und mit einem
großen Löffel in der Hand aus der Küche geschossen kam.
Hinter ihr flog ein großer, nasser Hader, der so vortrefflich gezielt war, daß er ihre kleinen, wirren Knackwurstzöpfe erreichte und sich sehr liebevoll um ihr ehrwürdiges
Haupt herumschlang. Zugleich ertönte aus dem Innern
des auf solche Weise entweihten Heiligtums die Stimme
von Hadschi Halef Omar hervor:

„Warte, alter Drache!“ rief er; „du sollst mir noch
einmal über meinen guten Kaffee kommen!“

Sie wickelte sich aus der feuchten Umarmung des
Hadern heraus und ballte denselben zusammen, jedenfalls
um ihn in eine rückgängige Bewegung zu versetzen; da
erblickte sie mich.

„O, Emir, wie gut ist es, daß du kommst! Errette
mich von diesem wütenden Menschen!“

„Was giebt es denn, o Rose von Amadijah!“

„Er sagte, er hätte in deiner Büchse meinen Kaffee
gefunden und in meiner Tüte den deinigen.“

„Das ist wohl auch wahr?“

„Wahr? Ich schwöre es dir bei Ayescha, der Mutter
aller Heiligen, daß ich deine Büchse nicht angerührt
habe!“

„So, du Großmutter aller Lügnerinnen und Spitzbuben!“ ertönte es aus der Küche. „Du bist nicht über
unsern Kaffee geraten, von dem mich zweihundert Drehm 
fünfundzwanzig gute Piaster kosten? Ich werde es dem
Sihdi doch beweisen!“

Er kam aus der Küche, in der Rechten die neugekaufte Kaffeebüchse und in der Linken eine große, geöffnete
Papiertüte.

„Sihdi, du kennst den Kaffee von Harimah?“

„Du weißt es, daß ich ihn kenne.“

„Suche einmal, wo er ist!“

Ich unterwarf die Büchse und auch die Tüte einer
sehr eingehenden und ernsthaften Okularinspektion.

„Er ist in allen beiden, aber mit schlechteren Bohnen
und gedörrten Schalen vermischt.“

„Siehst du wohl, Effendi! Ich habe guten Harimah
gekauft, und hier diese Mutter und Urgroßmutter eines
Räubers und Spitzbuben kocht nur schlechten Kaffee, mit
Schalen vermengt. Siehst du nun, daß sie über meine
Büchse geraten ist!“

„Sihdi, du bist ein gewaltiger Krieger, ein großer
Gelehrter und der weiseste aller Richter,“ entgegnete die
‚Myrte‘, indem sie dem Hadschi ihren Hader sehr unternehmend vor der Nase herumschwenkte. „Du wirst diesen
Vater eines Uebelthäters und Sohn eines Verleumders
streng bestrafen!“

„Bestrafen?“ rief Halef ganz erstaunt. „Auch noch!“

„Ja,“ entschied sie sehr bestimmt; „denn er ist es,
der über meine Tüte geraten ist und mich betrogen hat.
Nur er allein hat den Kaffee vermischt, um mir und
meinem Hause vor deinen Augen Schande zu bereiten!“

„O, du Ausbund aller neununddreißig Laster!“ zürnte
Halef ganz ergrimmt; „du willst es wagen, mich, mich
zum Diebe zu machen? Wärest du nicht ein Weib, so
würde ich dich — — —“

„Halt, Halef, zanke nicht, denn ich bin da und werde
ein gerechtes Urteil sprechen! Mersinah, du behauptest,
daß dieser Halef Omar die beiden Arten des Kaffees
untereinander gemengt hat?“

„Ja, Emir!“

„So hat er das Seinige zu diesem schwierigen Rechtsfalle beigetragen. Nun thue du auch das Deinige und
lies die Sorten wieder auseinander! Ich werde bald nachsehen, ob es geschehen ist, und dann mein Urteil sprechen.“

Sie öffnete den Mund, um mir mitzuteilen, daß sie
gesonnen sei, Einspruch oder Nichtigkeitsbeschwerde zu erheben, doch Halef kam ihr zuvor:

„Das muß aber schnell geschehen, denn wir brauchen
den Kaffee sehr notwendig!“

„Warum?“ fragte ich.

„Du hast ja Gäste oben!“

„Wen?“

„Drei Kurden, welche auf dich warten. Derjenige,
welcher dich bereits besuchte, ist dabei.“

„So hole einstweilen rasch andern Kaffee!“

Ich stieg hastig die Treppe empor, denn die zwei
andern Kurden konnten doch wohl nur die beiden Gefangenen sein. Diese Vermutung bestätigte sich. Als ich
eintrat, erhoben sie sich, und Dohub sprach:

„Hier ist der Emir, der euch gerettet hat! O Effendi,
der Mutesselim hat deine Worte gelesen und mir den
Vater und den Bruder zurückgegeben!“

„Sagtest du ihm, daß du bald nach Mossul gehen
würdest?“

„Ja. Dein Rat war gut, denn der Kommandant
wurde sofort freundlicher, und als ich ihm deinen Brief
gab, ließ er Selim Agha rufen, der die Gefangenen
bringen mußte.“

„Wie ist es mit dem Zoll und der Strafe?“

„Er hat uns alles erlassen, aber das Pulver und
Blei erhielten wir nicht zurück. Emir, sage uns, wie wir
dir danken sollen!“

„Kennst du den Nezanum von Spandareh?“

„O, sehr gut! Seine Tochter ist das Weib unseres
Bey, und er kommt sehr oft nach Gumri, um beide zu
besuchen.“

„Er ist auch mein Freund. Ich war bis heute früh
bei ihm, und er bat mich, den Bey zu besuchen, wenn ich
nach Gumri komme.“

„Komm, Herr, komm zu uns. Dein Empfang soll besser
sein, als wenn der Mutesselim oder der Mutessarif käme!“

„Ich werde vielleicht kommen; aber bis dahin dürften
wohl noch einige Tage vergehen. Der Nezanum hat mir
ein Paket übergeben, welches ich dem Bey überreichen
sollte. Es darf nicht lange hier liegen bleiben, und darum
bitte ich euch, es mit nach Gumri zu nehmen. Grüßt
mir den Bey und sagt ihm, daß ich sein Freund sei und
ihm alles Glück und Gute wünsche!“

„Das ist die Botschaft, die du uns aufzutragen hast?“

„Ja.“

„Es ist zu wenig, Herr!“

„Vielleicht könnt ihr mir später eine Liebe erweisen.“

„Wir thun es. Komm nur und befiehl, was du von
uns wünschest!“

„Würdet ihr einem Freunde von mir Schutz gewähren, wenn er von dem Mutesselim verfolgt wird und
sich zu euch flüchtet?“

„Der Kommandant würde ihn nie zu sehen bekommen!“

Ich wandte mich zu dem älteren der beiden andern,
denen man die Entbehrungen anmerkte, denen sie während
ihrer Gefangenschaft unterworfen gewesen waren.

„Wißt ihr, wer mit euch gefangen war?“

„Nein,“ antwortete er. „Ich stak in einem finsteren
Loche, welches nur ganz wenig Licht erhielt, und ich konnte
weder etwas hören, noch etwas sehen.“

Seinem Sohne war es ebenso ergangen.

„Ist der Sergeant, der euch bewachte, ein böser
Mann?“

„Er hat nie mit uns gesprochen. Die einzige menschliche Stimme, welche wir zu hören bekamen, war diejenige
des alten schmutzigen Weibes, welches uns das Essen
brachte.“

„Wie sind die Wege von hier nach Gumri?“

„Du mußt zunächst in das Thal von Berwari hinab,
und zwar auf einem Pfade, der so steil und gefährlich ist,
daß man nicht reiten kann, sondern die Pferde am Zügel
führen muß. Das Thal ist reich von Eichen bewaldet
und enthält Dörfer, welche teils von Kurden und teils
von nestorianischen Chaldäern bewohnt werden. Auch
durch die dürre Ebene wirst du kommen, welche wir Newdascht nennen und in der das kurdische Dorf Maglano
liegt; dann erreichest du den kurdischen Weiler Hajis, in
welchem nur einige arme Familien wohnen. Du mußt
über viele Gewässer hinweg, die alle dem Zab zufließen,
und erblickst Gumri schon von weitem, da es auf einem
hohen Felsen erbaut ist, welcher ganz allein in der Ebene
steht.“

Nach diesen und andern notwendigen Erkundigungen
lud ich sie zum Essen ein. Die beiden frei gewordenen
Gefangenen langten mit einem Heißhunger zu, der mich
wohl erkennen ließ, wie besorgt die alte Mersinah um
das leibliche Wohl ihrer Pfleglinge sei. Halef brachte
auch Kaffee, ein Getränk, welches die Kurden am schmerzlichsten vermißt hatten, ganz ebenso wie den Tabak, den
sie nachher rauchten.

Endlich brachen sie auf, eben als Selim Agha eintrat, um mir zu sagen, daß der Mutesselim bereit sei,
mich zu empfangen. Sie nahmen einen herzlichen Abschied
von mir und schärften mir nochmals ein, daß ich ja nach
Gumri kommen möge. Dohub nahm das Paket des Dorfältesten mit, und ich war überzeugt, daß ich mir Freunde
erworben hatte, auf die ich im Falle der Not wohl sicher
rechnen könne.

Ich besuchte nun zunächst meine Patientin und wurde
in dem vorderen Zimmer von ihren Eltern mit Freude
empfangen.

„Wie geht es eurer Tochter?“ fragte ich.

„O, viel, viel besser bereits, Herr,“ antwortete der
Mann. „Deine Weisheit ist fast noch größer als unser
Dank, denn sie kann bereits wieder vernünftig reden und
hat uns auch gesagt, daß sie wirklich von den Kirschen
des Todes gegessen habe. Und deine Güte ist noch größer,
als wir verdienen und ahnten; denn ich habe erfahren,
daß du kein Arzt bist, der für Lohn zu den Kranken
kommt, sondern ein großer Emir, der ein Liebling des
Großherrn und ein Freund des Mutessarif ist.“

„Wer sagte dies?“

„Die ganze Stadt weiß es bereits. Selim Agha ist
deines Lobes voll; der Mutesselim hat dich mit Parade
empfangen und auf deinen Befehl sogar Gefangene freilassen müssen. Einer sagt es dem andern, und so haben
auch wir es erfahren.“

„Bist du ein Kind dieser Stadt? Ich sehe doch, daß
du doch wohl eigentlich ein Kurde bist!“

„Du hast richtig geraten, Effendi. Ich bin ein Kurde
von Lizan und für kurze Zeit nach Amadijah gezogen,
weil ich mich daheim nicht sicher fühlte.“

„Nicht sicher? Warum?“

„Lizan gehört zu dem Gebiete von Tijari und wird
meist von nestorianischen Christen bewohnt. Diese haben
große Bedrückungen zu erleiden gehabt, so daß es seit
kurzem unter ihnen gärt, als ob sie sich einmal aufraffen
und Rache nehmen wollten. Weil ich nun kein Christ,
sondern ein Mohammedaner bin, so habe ich mich in
Sicherheit gebracht und kann hier mein Geschäft in Frieden treiben, bis die Gefahr vorüber ist.“

„Welches Geschäft hast du?“

„Ich kaufe die Galläpfelernten ein und versende sie
nach dem Tigris, von wo aus sie dann weiter gehen.“

„Du bist ein Moslem, und doch ist die alte Mutter,
welche ich bei dir sah, eine Christin. Wie kommt das?“

„Emir, das ist eine Geschichte, die mich und mein
Weib sehr betrübt. Der Ahne war ein berühmter Melek 
der Tijaris und nahm die Lehre an von Christus, dem
Gekreuzigten. Sein Weib, die Ahne, die du gesehen hast,
that dasselbe. Aber sein Sohn war ein treuer Anhänger
des Propheten und trennte sich vom Vater. Dieser starb
und der Sohn später auch, der die Würde eines Melek
verloren hatte. Er war arm geworden um des Propheten
willen, trotzdem sein Vater einer der reichsten Fürsten des
Landes war. Seine Kinder blieben auch arm, und als
ich mein Weib heiratete, die seine Enkelin ist, hatte sie
kaum ein Kleid, um ihre Blöße zu bedecken. Aber wir
liebten einander, und Allah segnete uns; wir wurden
reich.“

„Und die Ahne?“

„Wir hatten sie nie gesehen, bis sie uns einst in
Lizan aufsuchte. Sie zählte über hundert Jahre, glaubte,
nun bald sterben zu müssen, und wollte ihre Kindeskinder
einmal sehen. Seit jener Zeit hat sie uns jährlich zweimal besucht; aber wir wissen nicht, woher sie kommt und
wohin sie geht.“

„Habt ihr sie nicht gefragt?“

„Einmal nur, aber da antwortete sie nicht und verschwand auf lange Zeit. Seitdem haben wir diese Frage
nie wieder ausgesprochen. Sie ist jetzt bei der Kranken.
Willst du diese sehen?“

„Ja; kommt!“

Ich fand die Patientin bedeutend besser. Die Röte
war verschwunden; der Puls ging matt, aber ruhiger,
und sie vermochte, wenn auch mit einiger Anstrengung,
doch geläufiger zu sprechen, als da ich sie zuerst gesehen
hatte, wo sie in der Betäubung fabulierte. Die Pupille
hatte sich verengert, aber die Schlingbeschwerden waren
noch vorhanden. Sie blickte mir neugierig entgegen und
erhob die Hand, um mir zu danken.

Ich riet, mit dem Kaffee und Citronensaft fortzufahren, und empfahl dabei ein heißes Fußbad; dann
wollte ich wieder gehen. Da erhob sich die Gestalt der Alten,
die bisher am unteren Ende des Lagers gekauert hatte.

„Herr,“ sagte sie, „ich habe dich für einen Hekim
gehalten. Verzeihe, daß ich dir Lohn versprach!“

„Mein Lohn ist die Freude, dir dein Enkelkind erhalten zu dürfen.“

„Gott hat deine Hand gesegnet, Emir. Er ist mächtig
in dem Schwachen und barmherzig in dem Starken. Wie
lange wird die Kranke noch leidend sein?“

„Einige Tage sind genug, um ihre gegenwärtige
Schwäche zu überwinden.“

„Emir, ich lebe, aber nicht in mir, sondern in diesem
Kinde. Ich bin gestorben seit langen, langen Jahren;
aber ich stand wieder auf in Der, welche ich bewahrt sehen
möchte vor jedem Flecken des Leibes und der Seele. Du
hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten,
und du weißt nicht, wie gut dies ist für viele, die du
weder kennst noch jemals gesehen hast. Du wirst wiederkommen?“

„Ja, morgen.“

„So brauche ich dir heute weiter nichts zu sagen.“

Sie wandte sich ab und setzte sich wieder an ihren
früheren Platz. Sie sprach so dunkel und war selbst für
ihre Verwandten ein Rätsel. Ich hätte mir Zeit genug
wünschen mögen, dieses Rätsel zu lösen. Ich sollte essen
und trinken, ehe ich das Haus verließ, aber ich kam eben
von dem Mahle her und hatte auch bei dem Mutesselim
vielleicht ein solches zu erwarten; daher mußte ich abschlagen.

Viertes Kapitel.

Aus der Festung.

Als ich zu dem Kommandanten kam, waren alle seine
Beamten und auch die Offiziere der Besatzung bereits um
ihn versammelt. Es gab also große Soiree. Ich erhielt
den Ehrenplatz an seiner Seite. Wir befanden uns in
einem größeren Zimmer, welches einem kleinen Saale glich;
es wäre Raum genug zur freien Bewegung gewesen, aber
ein jeder saß still an seinem Platze, rauchte seine Pfeife,
trank den herumgereichten Kaffee und flüsterte leise mit
seinem Nachbar. Wenn aber der Mutesselim ein lautes
Wort sagte, so neigten sie lauschend die Häupter, wie
vor einem mächtigen Herrscher.

Auch meine Unterredung mit ihm wurde leise geführt. Nach einigen Weitschweifigkeiten sagte er:

„Ich habe schon gehört, daß du heute ein Mädchen
heiltest, welches vom Teufel besessen war. Mein Hekim
hat ihn hineinfahren sehen; er verlangte, daß ich dich
fortschicken soll, weil du ein Zauberer bist.“

„Dein Hekim ist ein Thor, Mutesselim! Das Mädchen
hatte eine giftige Frucht gegessen, und ich gab ihr ein
Mittel, durch welches das Gift unwirksam gemacht wurde.
Von dem Teufel oder von einem Geiste war keine Rede.“

„So bist du ein Hekim?“

„Nein. Du weißt ja, wer und was ich bin! Aber
im Westen von hier, weit über Stambul hinaus, da, wo
ich geboren bin, hat jedermann mehr Kenntnisse über die
Krankheiten als dein Hekim, der den Teufel durch eine
tote Fliege vertreiben wollte.“

Das war rücksichtslos und wohl auch ein wenig
mutig gesprochen; aber es konnte diesen Leuten gar nicht
schaden, wenn einmal einer kam, der es wagte, an ihrer
Selbstherrlichkeit zu rütteln.

Der Mutesselim that, als hätte er meine scharfe Antwort nicht gehört, und erkundigte sich weiter:

„So kennst du alle Krankheiten?“

„Alle!“ antwortete ich sehr entschieden.

„Und kannst auch alle Tränke machen?“

„Alle.“

„Giebt es auch Tränke, die ein guter Moslem nicht
trinken darf?“

„Ja.“

„Welche sind es?“

„Die Paksitz, welche aus solchen Dingen bereitet
werden, deren Genuß der Prophet verboten hat, zum
Beispiel Schweinefett und Wein.“

„Wein ist aber auch eine Medizin?“

„Ja, eine sehr wichtige.“

„Wann wird sie getrunken?“

„Bei gewissen Krankheiten des Blut- und Nervensystems, sowie auch der Verdauung als Stärkungs- oder
Erregungsmittel.“

Wieder stockte die Unterhaltung. Die Anwesenden
begannen wieder leise untereinander zu flüstern, und nach
einer Weile wandte sich der Mutesselim auch ebenso leise
an mich:

„Effendi, ich bin krank, sehr krank!“

„Ah, ist es möglich! Allah gebe dir deine Gesundheit zurück!“

„Er wird es vielleicht thun, denn ich bin ein guter
Moslem und ein treuer, frommer Anhänger des Propheten.“

„An welcher Krankheit leidest du?“

„Ich habe bereits sehr viele Aerzte gefragt; sie sagen
alle, daß ich leide an gewissen Krankheiten des Blut- und
Nervensystemes, sowie auch der Verdauung.“

Ich konnte mich kaum beherrschen, ihm nicht geradezu
in das Gesicht zu lachen. Darum also diese eigentümliche
Einleitung, die sich um den Rand herum bewegt hatte,
wie „die Katze um den heißen Brei“. Jedenfalls lief die
Sache auf eine kleine Bettelei hinaus.

„Haben dir deine Aerzte Mittel gegeben?“

„Ja, aber diese Mittel haben nicht geholfen. Diese
Männer waren nicht so klug und unterrichtet wie du.
Meinst du nicht, daß ich der Anregung und der Stärkung
bedarf?“

„Ich bin davon überzeugt.“

„Würdest du mir ein solches Mittel geben?“

„Ich darf nicht.“

„Warum nicht?“

„Der Prophet verbietet es mir.“

„Der Prophet hat nicht gewollt, daß die wahren
Gläubigen an dem Systeme des Blutes und der Nerven
untergehen und sterben sollen. Hast du den Kuran aufmerksam gelesen?“

„Sehr aufmerksam.“

„So sage mir, ob du eine einzige Arznei gefunden
hast, die darin verboten wird!“

„Keine!“

„Siehst du! Also willst du mir eine Anregung geben?“

„Ich habe die Sachen nicht, welche ich zur Bereitung
derselben brauche.“

„Du scherzest wieder, denn du hast sie!“

„Woher wolltest du dies wissen?“

„Dein Diener hat heute solche Dinge bei einem Juden
gekauft.“

Ah, der Mutesselim ließ uns also beobachten! Er
wußte bereits, daß der kleine Hadschi für den Engländer
Wein geholt hatte. Wir mußten also vorsichtig sein, wenn
unser Vorhaben nicht verraten werden sollte.

„Es gehört mehr dazu, als das ist, was mein Diener
kaufte,“ antwortete ich.

„Das Wenige ist besser als gar nichts. Eben weil ich
sehr schwach bin, darfst du nicht viele Dinge zusammenmischen. Willst du mir eine einfache Stärkung senden?“

„Gut; du sollst sie haben!“

„Wie viel?“

„Eine Arzneiflasche voll.“

„Emir, das ist viel zu wenig! Ich bin Kommandant und ein sehr langer Mann; der Trank wird alle sein,
ehe er durch den ganzen Körper gekommen ist. Siehst du
dies ein?“

„Ich sehe es ein, darum werde ich dir eine große
Flasche senden.“

„Eine? Nimmt ein Kranker nur einmal Arznei?“

„Nun wohl, du sollst zwei haben!“

„Laß mich täglich einmal nehmen, und zwar eine Woche
lang!“

„Mutesselim, ich denke, du wirst dann zu stark werden!“

„O, Emir, das hast du nicht zu befürchten.“

„So wollen wir es denn mit einer Woche versuchen?“

„Aber eine Bitte erfüllst du mir dabei.“

„Welche?“

„Ein Mutesselim darf seinen Untergebenen nie wissen
lassen, daß er ein krankes System der Nerven und der
Verdauung hat.“

„Das ist richtig!“

„Also wirst du diese Arznei so gut einpacken, daß
niemand sieht, daß sie in Flaschen enthalten ist.“

„Ich werde dir diesen Wunsch erfüllen.“

„Hast du auch kranke Nerven, Emir?“

„Nein. Warum sollte ich welche haben?“

„Weil du dir dieses Mittel kaufen ließest.“

„Es war nicht für mich.“

„Für wen sonst? Für den stummen Hadschi Linsay-Bey?“

„Du sagtest vorhin, daß ein Mutesselim nicht wissen
lassen dürfe, daß er ein krankes System habe. Es giebt
auch andere Männer, welche dies nicht wissen lassen dürfen.“

„Oder war es für den dritten Mann, der sich gar
nicht sehen läßt? Er muß sehr krank sein, weil er nicht
aus seiner Stube kommt!“

Das klang wie ein Verhör. Er wollte sich nach Mohammed Emin erkundigen.

„Ja, er ist krank,“ antwortete ich.

„Welche Krankheit hat er?“

„Eine Krankheit des Herzens.“

„Kannst du ihn heilen?“

„Ich hoffe es.“

„Ich bedaure, daß du ihn wegen seiner Krankheit
nicht mitbringen konntest. Es ist ein Freund von dir?“

„Ein sehr guter Freund.“

„Wie lautet sein Name?“

„Er hat mich gebeten, ihn dir heute noch nicht zu
nennen. Du kennst ihn sehr gut, und er will dir eine
Ueberraschung bereiten.“

„Ah!“ meinte er neugierig. „Eine Ueberraschung?
Wann?“

„Sobald seine Krankheit geheilt ist.“

„Wie lange dauert dies noch?“

„Nur einige Tage.“

„Soll ich ihn nicht lieber besuchen, da er nicht zu
mir kommen kann?“

„Dieser Besuch würde ihn zu sehr aufregen. Herzkrankheiten sind lebensgefährlich; das wirst du wohl auch
wissen?“

„So muß ich warten.“

Wieder versank er in Schweigen; dann begann er
von neuem:

„Weißt du, daß du mir ein Rätsel bist?“

„Du mir auch.“

„Warum?“

„Weil du mich rätselhaft findest. Sage mir, ob es
bereits jemand gewagt hat, so klar und offen, so aufrichtig
und ohne Furcht wie ich, mit dir zu reden!“

„Das ist wahr, Effendi! Ich wollte es auch keinem
andern raten! Du aber bist ein Emir, stehst unter dem
Schatten des Großherrn und bist mir sehr gut von dem
Mutessariff empfohlen; da dulde ich es.“

„Und bei all dieser Furchtlosigkeit bin ich dir ein
Rätsel?“

„Ja.“

„Ich will dir helfen, es zu lösen. Frage mich!“

„Ich möchte vor allen Dingen wissen, wie du in den
Schutz des Großherrn gekommen bist, wie der Großherr
über mich denkt und was er für Pläne hat mit dir und
mir. Aber dazu ist heute keine Zeit. Wir werden davon
morgen reden, wenn wir allein sind.“

Das war mir lieb. Auch hörte jetzt die Unterhaltung
auf, da ein Medah eingelassen wurde, welchen der Kommandant zur Unterhaltung seiner Gäste engagiert hatte.
Die Pfeifen wurden von neuem gestopft und angebrannt,
die Tassen wieder gefüllt, und dann lauschte man andächtig
den Worten des Erzählers.

Er stellte sich in die Mitte des Raumes und erzählte
mit singender, lamentierender Stimme die tausendmal gehörten Geschichten von Abu-Szaber, dem schiefmäuligen
Schulmeister, dem Liebessklaven Ganem, von Nureddin
Ali und Bedreddin Hassan. Dafür erhielt er zwei Piaster
und konnte gehen.

Dann erhob sich der Mutesselim, zum Zeichen, daß
diese amüsante Soiree beendet sei. Man sagte sich einige
sulminante Höflichkeiten, verbeugte sich gegenseitig und
war dann froh, dem Kommandanten, dem Emir Hadschi
Kara Ben Remsi, dem Tabak und Kaffee und dem Medah
glücklich entronnen zu sein. Ich hatte das nachträgliche
Vergnügen, von Selim Agha unter dem Arm genommen
und nach Hause begleitet zu werden.

„Emir, erlaube, daß ich deinen Arm nehme!“ bat er.

„Da hast du ihn!“

„Ich weiß, daß ich dies eigentlich nicht sollte, denn
du bist ein großer Emir, ein weiser Effendi und ein Liebling des Propheten; aber ich habe dich lieb, und du mußt
bedenken, daß ich kein gemeiner Arnaute, sondern ein sehr
tapferer Agha bin, der diese Festung gegen fünfzigtausend
Feinde verteidigen würde.“

„Das weiß ich. Auch ich habe dich lieb. Komm, laß
uns gehen!“

„Wer ist das?“

Er deutete dabei auf eine Gestalt, welche hinter der
Ecke gelehnt hatte und nun an uns vorüberstrich und
schnell im Dunkel der Häuser verschwand. Ich erkannte
den Mann. Es war der Arnaute, der uns angefallen
hatte, doch zog ich es jetzt vor, ihn nicht zu erwähnen.

„Es war wohl einer deiner Arnauten.“

„Ja, aber ich habe doch wohl dieses Gesicht noch nicht
gesehen.“

„Das Licht des Mondes täuscht.“

„Weißt du, Emir, was ich dir da jetzt sagen wollte?“

„Was?“

„Hm! Ich bin krank.“

„Was fehlt dir?“

„Ich leide an dem System der Nerven und des Blutes.“

„Selim Agha, ich glaube, du hast gehorcht!“

„O nein, Effendi! Aber ich mußte ja euer Gespräch
hören, da ich als der Nächste neben dem Mutesselim saß.“

„Jedoch so weit entfernt, daß du lauschen mußtest!“

„Soll man nicht lauschen, wenn man einer Stärkung
bedarf?“

„Du willst sie doch nicht etwa von mir verlangen!“

„Wohl von dem alten Hekim? Der würde mir Fliegen
geben!“

„Willst du sie in einer Arzneiflasche oder in einer
großen Flasche?“

„Du willst sagen, in einigen großen Flaschen!“

„Wann?“

„Jetzt, wenn es dir gefällig ist!“

„So laß uns eilen, daß wir nach Hause kommen!“

„O nein, Emir, denn da ist mir Mersinah im Wege.
Sie darf niemals wissen, daß ich ein krankes System der
Verdauung habe!“

„Aber sie sollte es doch wissen, da sie dir die Speisen
bereitet.“

„Sie würde die Medizin an meiner Stelle trinken.
Ich weiß einen Ort, wo man diesen Trank in Ruhe und
Sicherheit genießen kann.“

„Wo?“

„Effendi, ein solcher Ort ist allemal bei einem Juden
oder bei einem Griechen. Hast du dies noch nicht bemerkt?“

„Sehr oft. Aber man wird dich sehen, und dann erfährt die ganze Stadt, daß du dich nicht ganz auf dein
System verlassen kannst!“

„Nur wir beide werden einander sehen. Dieser Jude
hat eine kleine Stube, in welche nicht einmal der Mond
blicken kann.“

„So komm! Aber laß uns vorsichtig sein, daß wir
nicht beobachtet werden.“

Also wieder einen Angriff auf meinen Geldbeutel!
Uebrigens war ich ganz vergnügt, den Agha als einen
Moslem kennen zu lernen, dem zwar der Wein, nicht aber
die Arznei verboten ist, welche aus dem Blute der Trauben gekeltert wird. Ein kleines Räuschchen konnte mir
Vorteile bringen.

Nachdem wir einige enge und winkelige Gäßchen passiert hatten, hielten wir vor einem kleinen, armseligen
Häuschen, dessen Thüre nur angelehnt war. Wir traten
in den dunklen Flur, wo Selim in die Hände klatschte.
Sogleich erschien eine krumme, mit einem echt israelitischen
Gesichte ausgestattete Gestalt aus der Stube und leuchtete
dem Agha in das Gesicht.

„Ihr seid es, Hoheit? Gott Abrahams, bin ich erschrocken, als ich sah im Hause stehen zwei Gestalten statt
der Eurigen, die ich gewohnt bin, alle Tage die Ehre zu
haben, zu empfangen in meinem Hause mit Vergnügen
und sehr tiefer Unterthänigkeit!“

„Mach auf, Alter!“

„Mach auf? Was? Die Stube, welche ist die kleine
oder die große?“

„Die kleine!“

„Bin ich auch sicher, daß dieser Mann, welcher hat
die Ehre, mit Euch zu kommen in mein Haus, nicht wird
sein ein Herr, dessen Mund redet von Dingen, die von mir
geschehen aus Barmherzigkeit und doch nicht sollen werden
besprochen, weil mich dann bestrafen würde der mächtige
Mutesselim?“

„Du bist ganz sicher. Oeffne, oder ich mache mir
selbst auf!“

Der Alte schob einige Bretter zur Seite, hinter denen
eine Thüre zum Vorschein kam. Sie führte in ein sehr
kleines Gemach, dessen Boden mit einer zerrissenen Bastmatte belegt war. Einige Mooskissen bildeten die Sofas.

„Soll ich brennen an die Lampe?“

„Natürlich!“

„Was werden begehren die Herren zu trinken?“

„Wie immer!“

Jetzt brannten zwei Flammen, und der Jude konnte
mich, der ich bisher stets hinter Selim gestanden, nun
besser betrachten.

„Katera Musa, das ist ein hoher Effendi und ein
großer Held des Krieges! Ist er doch behangen mit glänzenden Silahs, trägt einen goldenen Kuran am Halse
und hat einen Simbehl wie Jehoschuah, der Eroberer
des Landes Kanaan. Da darf ich nicht bringen den Gewöhnlichen, sondern ich muß gehen in eine Ecke des Kellers,
wo da liegt vergraben ein Trank, den nicht ein jeder bekommt.“

„Was für welcher ist es?“ fragte ich.

„Es ist Wein von Türbedi Haidari, aus einem Lande,
welches niemand kennt und wo Trauben wachsen, deren
Beeren sind wie die Aepfel und deren Saft kann umreißen die Mauern einer ganzen Stadt.“

„Bringe eine Flasche!“ befahl der Agha.

„Nein, bringe zwei Krüge! Du mußt nämlich wissen,
daß der Wein von Türbedi Haidari nur in großen Thonkrügen aufbewahrt und nur aus kleinen Krügen getrunken
wird,“ sagte ich.

„Du kennst ihn?“ fragte der Jude.

„Ich habe ihn oft getrunken.“

„Wo? Wo liegt dieses Land?“

„Der Name, den du nanntest, ist der Name einer
Stadt, welche in Terbidschan in Persien liegt. Der Wein
ist gut, und ich hoffe, daß du verstanden hast, ihn zu behandeln. Was kostet er?“

„Du bist ein vornehmer Herr; darum sollst du ihn
haben halb umsonst. Du wirst bezahlen dreißig Piaster
für den Krug.“

„Das ist halb umsonst? Bringe die zwei Krüge, damit ich ihn koste. Dann werde ich dir sagen, wie viel ich
gebe!“

Er ging. In einer Ecke lehnten einige Pfeifen neben
einem Kästchen mit Tabak. Wir setzten uns und griffen
nach den Pfeifen, die ohne Spitze waren. Ich zog mein
Mundstück aus der Tasche und schraubte es an; dann versuchte ich den Tabak; es war ein guter Perser.

„Was ist drüben auf der andern Seite des Hauses,
Selim Agha?“ fragte ich.

„Ein Spezereiladen und eine Kaffeestube. Hinten ist
eine Opiumbude und eine Weinschänke für das Volk;
hier aber dürfen nur vornehme Herren eintreten,“ erklärte
er mir mit selbstgefälligem Gesichte.

Ich kann sagen, daß ich mich auf diesen Wein freute.
Es ist ein roter, dicker und ungemein starker Naturtrank,
von dem drei Schluck genügen, um einen Menschen, der
noch nie Wein getrunken hat, in einen gelinden Rausch
zu versetzen. Selim liebte das Getränk Noahs, aber ich
war überzeugt, daß ihn der Krug mehr als überwältigen
werde.

Da kam der Wirt mit zwei Krügen, von denen jeder
vielleicht einen Liter faßte. Hm, armer Selim Agha! Ich
versuchte einen Schluck. Der Wein hatte auf der Reise
gelitten, ließ sich aber trinken.

„Nun, Hoheit, wie ist er?“ fragte der Jude.

„Er ist so, daß ich dir für den Krug zwanzig Piaster
geben werde.“

„Herr, das ist geboten zu wenig, viel zu wenig! Für
zwanzig Piaster werde ich wieder mitnehmen meinen Wein
und dir bringen einen andern.“

„Im Lande, wo er bereitet wird, gebe ich nach hiesigem Gelde für diesen Krug vier Piaster. Du siehst, ich
will gut bezahlen, aber wenn dir das nicht genügt, so
nimm ihn wieder mit!“

Ich stand auf.

„Was soll ich bringen für welchen?“

„Keinen! Ich trinke nur diesen für zwanzig Piaster,
den du mir auch für fünfzehn ließest. Bekomme ich ihn
nicht, so gehe ich, und du magst ihn selbst trinken.“

„So wird ihn trinken die Hoheit des Selim Agha.“

„Er wird mit mir gehen.“

„Gieb neunundzwanzig!“

„Nein.“

„Achtundzwanzig!“

„Gute Nacht, Alter!“

Ich öffnete die Thüre.

„Komm her, Effendi! Du sollst ihn doch haben für
zwanzig Piaster, weil es mir ist eine Ehre, dich zu sehen
in meinem Hause.“

Der Handel war also abgeschlossen, und jedenfalls
sehr zur Zufriedenheit des Juden, der sich, nachdem ich
ihm das Geld gegeben hatte, mit verstecktem Schmunzeln
entfernte. Der Agha kostete ein wenig und that dann einen
tiefen Zug.

„Allah illa Allah! Wallah, Billah, Tallah! Solchen
habe ich noch nicht bekommen. Glaubst du, daß er gut
ist für ein krankes System, Emir?“

„Sehr gut!“

„Oh, wenn das die ‚Myrte‘ wüßte!“

„Hat sie auch ein System?“

„Ein sehr durstiges, Effendi!“

Er that einen zweiten und nachher einen dritten Zug.

„Das ist kein Wunder,“ meinte ich. „Sie hat sehr
viel zu sorgen, zu schaffen und zu arbeiten.“

„Für mich nicht; das weiß Allah!“

„Aber für deine Gefangenen.“

„Sie bringt ihnen täglich einmal Essen, Brot und
Mehlwasser.“

„Wie viel giebt dir der Mutesselim für jeden Gefangenen?“

„Dreißig Para täglich.“

Also fünfzehn Pfennige ungefähr! Davon blieb sicherlich die Hälfte in den Händen Selims kleben.

„Und was erhältst du für die Beaufsichtigung?“

„Zwei Piaster täglich, die ich aber noch niemals bekommen habe. Ist es da ein Wunder, daß ich diese schöne
Arznei noch gar nicht kenne?“

Er that abermals einen Zug.

„Zwei Piaster? Das ist sehr wenig, zumal dir die
Gefangenen sehr viele Mühe machen werden.“

„Mühe? Gar keine! Was soll ich mir mit diesen
Halunken für Mühe geben? Ich gehe täglich einmal in das
Gefängnis, um nachzusehen, ob vielleicht einer gestorben ist.“

„Zu welcher Zeit thust du das?“

„Wenn es mir paßt.“

„Auch des Nachts?“

„Ja, wenn ich am Tage es vergessen hatte und grad
ausgegangen war. Wallahi, da fällt mir ein, daß ich
heute noch nicht dort gewesen bin!“

„Meine Ankunft hat dich gestört.“

„Das ist wahr, Effendi.“

„So mußt du nachsehen?“

„Das werde ich nicht thun.“

„Warum nicht?“

„Die Kerle sind es nicht wert, daß ich mich bemühe!“

„Richtig! Aber wirst du dir nicht den Respekt verscherzen?“

„Welchen Respekt?“

„Du bist doch Agha, ein hoher Offizier. Deine Arnauten
und Unteroffiziere müssen Angst vor dir haben! Nicht?“

„Ja, das müssen sie. Bei Allah, das müssen sie!“
beteuerte er.

„Auch der Sergeant, der im Gefängnis ist?“

„Auch dieser. Natürlich! Dieser Mazir ist überhaupt
ein widerspenstiger Hund. Er muß Angst haben!“

„So mußt du ihn gut beaufsichtigen, mußt ihn zuweilen überraschen, um zu sehen, ob er im Dienste pünktlich ist, sonst wird er dich niemals fürchten!“

„Das werde ich; ja, bei Allah, ich werde es!“

„Wenn er sicher ist, daß du nicht kommst, so sitzt er
vielleicht beim Kawedschi oder bei den Tänzerinnen und
lacht dich aus.“

„Das soll er wagen! Ich werde ihn überraschen,
morgen oder auch heute noch. Emir, willst du ihn mit
überraschen?“

Ich hütete mich wohl, einen Zweifel darüber blicken
zu lassen, ob ich überhaupt das Recht habe, in dem Gefängnisse Zutritt zu nehmen; ich that im Gegenteile so,
als ob ich ihm mit meiner Begleitung eine Ehre erwiese:

„Ist so ein Kerl es wert, daß er das Angesicht eines
Emir sieht?“

„Du begleitest mich doch nicht um seinet-, sondern
um meinetwillen.“

„Dann muß mir aber auch die Ehre erwiesen werden, die einem Emir und Effendi, der das Gesetz studiert
hat, gebührt!“

„Das versteht sich! Es wird so sein, als ob mich der
Mutesselim selbst begleitete. Du sollst das Gefängnis inspizieren.“

„So gehe ich mit, denn ich bin überzeugt, daß mich
diese Arnauten nicht für einen Khawassen halten.“

Er hatte nur noch eine kleine Neige im Kruge, und
ich hatte mit ihm gleichen Schritt gehalten. Seine Augen
wurden kleiner, und die Spitzen seines Schnurrbartes standen auf Krakehl.

„Wollen wir uns noch einen Krug kommen lassen,
Selim Agha?“ fragte ich ihn.

„Nein, Effendi, wenn es dir beliebt. Ich dürfte danach, diesen Mazir zu überraschen. Wir werden morgen
wieder hierhergehen!“

Der Sergeant wurde nur vorgeschoben, in Wirklichkeit aber mochte der gute Agha die Gefährlichkeit des
Weines aus Türbedi Haidari bereits verspüren. Er legte
die Pfeife fort und erhob sich ein wenig unsicher.

„Wie war der Tabak, Effendi?“ erkundigte er sich.

Ich ahnte den Grund und antwortete deshalb:

„Schlecht. Er macht Kopfschmerzen und Schwindel.“

„Bei Allah, du hast recht. Dieser Tabak schwächt das
System des Blutes und der Nerven, während man doch
gekommen ist, es zu stärken. Komm, laß uns gehen!“

„Müssen wir denn dem Juden unsere Entfernung
melden?“

„Ja.“

Er klatschte in die Hände. Das war wieder das Zeichen; dann traten wir in das Freie. Das kurze Weinstudium war für mich vorteilhaft gewesen.

„Komm, Emir, gieb mir deinen Arm! Du weißt, ich
liebe dich!“

Es war weniger die Liebe als vielmehr die Schwächung
seines „Systems“, welche ihn bewog, diese Bitte auszusprechen; denn als ihm die frische Abendluft entgegenwehte,
verriet er den sichtbarsten Eifer, in jene akrobatische Fatalität zu verfallen, in welcher man den Nadir mit dem Zenith
zu verwechseln pflegt.

„Nicht wahr, Mohammed war ein gescheiter Kerl,
Emir?“ fragte er so laut, daß ein eben Vorübergehender
stehen blieb, um uns etwas in Augenschein zu nehmen.

„Warum?“

„Weil er die Arzneien nicht verboten hat. Hätte er
auch dies noch gethan, so müßte man aus den Trauben
Tinte machen. Weißt du, wo das Gefängnis liegt?“

„Hinter deinem Hause.“

„Ja; du hast immer recht, Emir. Aber wo liegt
unser Haus?“

Das war nun eine jener leichten Fragen, die sich doch
sehr schwer beantworten lassen, wenn nicht die Antwort
ebenso albern sein soll, wie die Frage.

„Grad vor dem Gefängnisse, Agha.“

Er blieb stehen oder versuchte vielmehr, still zu stehen,
und sah mich überrascht an.

„Emir, du bist just ein ebenso gescheiter Kerl wie der
alte Mohammed; nicht? Aber ich sage dir, dieser Tabak
ist mir so in das Gehirn gefahren, daß ich hier rechts
das Gefängnis sehe und dort links ebenso. Welches ist
das richtige?“

„Keines von beidem. Da rechts steht eine Eiche, und
das da oben links, das ist eine Wolke.“

„Eine Wolke? Allah illa Allah! Erlaube, daß ich
dich ein wenig fester halte!“

Der wackere Agha führte mich und zeigte dabei jene
merkwürdige Manie des unwillkürlichen Fortschrittes, welchen man in einigen Gegenden Deutschlands „eine Lerche
schießen“ nennt. So kamen wir allerdings ziemlich schnell
weiter, und es gelang mir endlich, ihn vor das Gebäude
zu bringen, welches ich für das Gefängnis hielt, obgleich
ich es von seiner vorderen Seite noch nicht gesehen hatte.

„Ist dies das Zindan?“ fragte ich ihn.

Er schob den Turban in das Genick und blickte sich
nach allen Seiten um.

„Hm! Es sieht ihm ähnlich. Emir, bemerkst du niemand in der Nähe, den man fragen kann? Ich habe dich
so fest halten müssen, daß mir die Augen wirbeln, und
das ist schlimm; denn diese Häuser sprangen an mir vorbei wie eine galoppierende Karawane.“

„Ich sehe keinen Menschen. Aber es muß es sein!“

„Wir wollen einmal probieren!“

Er fuhr mit der Hand in seinen Gürtel und vigilierte nach etwas, was er nicht finden konnte.

„Was suchest du?“

„Den Schlüssel zur Gefängnisthüre.“

„Hast du ihn?“

„Stets! Lange du doch einmal her und sieh, ob du
ihn findest!“

Ich suchte und fand den Schlüssel sofort. Man mußte
ihn bei dem ersten Griffe fühlen, denn er war so groß,
daß man ihn mit einer Bärenkugel Nummer Null hätte
laden können.

„Hier ist er. Soll ich schließen?“

„Ja, komm! Aber ich denke mir, daß du das Loch
nicht finden wirst, denn dein System hat sehr gelitten.“

Der Schlüssel paßte, und bald knarrte die Thüre in
ihren Angeln.

„Gefunden!“ meinte er. „Diese Töne kenne ich sehr
genau. Laß uns eintreten!“

„Soll ich die Thüre wieder zuschließen?“

„Versteht sich! In einem Gefängnisse muß man vorsichtig sein.“

„Rufe den Schließer!“

„Den Sergeant? Wozu?“

„Er soll uns leuchten.“

„Fällt mir gar nicht ein! Wir wollen doch den Schurken
überraschen!“

„Dann mußt du leiser sprechen!“

Er wollte vorwärts, stolperte aber so, daß er gefallen wäre, wenn ich ihn nicht mit beiden Händen gehalten hätte.

„Was war das? Emir, wir sind dennoch in ein
fremdes Haus geraten!“

„Wo ist der Raum, in dem sich der Sergeant befindet? Liegt er zu ebener Erde?“

„Nein, sondern eine Treppe hoch.“

„Und wo führt die Treppe hinauf, hinten oder vorn?“

„Hm! Wo war es nur! Ich glaube, vorn. Man
hat von der Thüre aus noch sechs bis acht Schritte zu
gehen.“

„Rechts oder links?“

„Ja, wie stehe ich denn? Hüben oder drüben? O
Emir, deine Seele kann die Arznei nicht gut vertragen;
denn du hast mich so schief gestellt, daß dieser Hausflur
nicht gradaus läuft, sondern von unten hinauf in die
Höhe!“

„So komm her! Hinter dir ist die Thüre; hier ist
rechts, und da ist links. An welcher Seite nun geht die
Treppe empor?“

„Hier links.“

Wir schritten vorsichtig weiter, und mein tastender
Fuß stieß wirklich bald an die unterste Stufe einer Treppe.

„Da sind die Stufen, Agha!“

„Ja, das sind sie. Falle nicht, Emir! Du warst
noch nie in diesem Hause; ich werde dich sehr sorgfältig
leiten.“

Er hing sich schwer an mich, so daß ich ihn die mir
unbekannte Treppe förmlich emportragen mußte.

„Jetzt sind wir oben. Wo ist die Stube des Sergeanten?“

„Rede leiser; ich höre alles! Rechts die erste Thür
ist es.“

Er zog mich fort, aber grad aus statt nach rechts;
ich schwenkte ihn also herum und fühlte nach einigen
Schritten die Thüre, welche ich tastend untersuchte.

„Ich fühle zwei Riegel, aber kein Schloß.“

„Es giebt keins.“

„Die Riegel sind vorgeschoben.“

„Dann sind wir am Ende doch in ein fremdes Haus
geraten!“

„Ich werde öffnen.“

„Ja thue es, damit ich erfahre, woran ich mit dir bin!“

Ich schob die schweren Riegel zurück. Die Thüre
ging nach außen auf. Wir traten ein.

„Giebt es ein Licht in der Stube des Sergeanten?“

„Ja. Die Lampe steht mit dem Feuerzeuge links
in einem Mauerloche.“

Ich lehnte ihn an die Wand und suchte. Das Loch
nebst dem Nötigen wurde entdeckt, und bald hatte ich die
Lampe angebrannt.

Der Raum war eng und klein. Eine Binsenmatte
lag auf der Diele; sie hatte als „Möbel für alles“ zu
dienen. Ein zerbrochener Napf, ein Paar zerrissene Schuhe,
ein Pantoffel, ein leerer Wasserkrug und eine Peitsche
standen und lagen auf dem Boden herum.

„Nicht da! Wo steckt dieser Mensch?“ fragte der Agha.

„Er wird bei den Arnauten sein, die auch hier zu
wachen haben.“

Er nahm die Lampe und wankte voran, stieß aber
an den Thürpfosten.

„Schiebe mich nicht, Emir. Komm, halte die Lampe;
ich will dich lieber führen, sonst könntest du mich die Treppe
hinabwerfen. Ich liebe dich und bin dein Freund, dein
bester Freund; darum rate ich dir, nie wieder diese persische Arznei zu trinken. Sie macht dich ja ganz gewaltthätig!“

Ich mußte allerdings einige Gewalt anwenden, um
ihn unbeschädigt hinabzubringen. Als wir vor der bezeichneten Thüre anlangten, war auch sie verschlossen, und
als wir sie öffneten, fanden wir auch diesen Raum leer.
Er glich mehr einem Stalle als der Wohnung eines
Menschen und ließ sehr Trauriges über die Asyle der
Gefangenen erraten.

„Auch fort! Emir, du hattest recht. Diese Schurken
sind fortgelaufen, statt zu wachen. Aber sie sollen lernen,
mich zu fürchten. Ich lasse ihnen die Bastonnade geben;
ja, ich lasse sie sogar aufhängen!“

Er versuchte, die Augen zu rollen, aber er brachte es
nicht fertig; der Wein wirkte je länger desto kräftiger;
sie fielen ihm zu.

„Was thun wir nun?“

„Was meinst du, Emir?“

„Ich an deiner Stelle würde warten, um die Arnauten so zu empfangen, wie sie es verdient haben.“

„Freilich werde ich dies thun. Aber wo warten wir?“

„Hier oder oben.“

„Hier. Ich steige nicht erst wieder hinauf; du wirst
mir zu schwer, Effendi. Sieh, wie du wankst! Setze dich
nieder!“

„Ich denke, wir wollen die Gefängnisse inspizieren?“

„Ja, das wollten wir,“ sagte er ermüdet. Aber,
diese Menschen sind es nicht wert. Es sind lauter Spitzbuben, Diebe und Räuber, Kurden und auch ein Araber,
welcher der schlimmste von allen ist.“

„Wo steckt dieser Kerl?“

„Hier nebenan, weil er am schärfsten bewacht werden
soll. So setze dich doch!“

Ich ließ mich neben ihm nieder, obgleich der Boden
nur aus hartgestampften Lehm bestand und den höchsten
Grad von Unreinlichkeit zeigte. Der Agha gähnte.

„Bist du müde?“ fragte er mich.

„Ein wenig.“

„Darum gähnst du so. Schlafe, bis sie kommen. Ich
werde dich wecken. Allah illa Allah, du bist ganz schwach
und unzuverlässig geworden! Aber ich werde es mir so
bequem wie möglich machen.“

Er streckte sich aus, stemmte den Ellenbogen auf und
legte den Kopf in die Hand. Eine lautlose Stille trat
ein, und nach einer kleinen Weile sank der Kopf vollends
nieder — der Herr des Gefängnisses schlief.

Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch
die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und
mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert!
Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge
eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen. Sollte
ich dem Haddedihn Thor und Thüre öffnen? Das wäre
wohl unklug gewesen. Wir waren nicht vorbereitet,
augenblicklich die Stadt zu verlassen. Am Thore standen
Wachen, welche sicher Verdacht geschöpft hätten. Auf den
armen Agha wäre die ganze Schuld gefallen und — ich
mußte ganz offen als der Thäter bezeichnet werden, was
mir große Gefahr bringen oder wenigstens später viele
Ungelegenheiten bereiten konnte. Es war jedenfalls besser,
den Gefangenen so verschwinden zu lassen, daß sein Entkommen ganz unbegreiflich blieb. Das war jetzt in meine
Hand gegeben und machte es mir möglich, jeden Verdacht
von mir fern zu halten. Ich beschloß also, heute mit dem
Haddedihn nur zu sprechen, und die Flucht erst dann zu
bewerkstelligen, wenn sie gehörig vorbereitet sein würde.

Der Agha lag am Boden und schnarchte laut bei
offen stehendem Munde. Ich rüttelte ihn erst leise und
dann stärker am Arme. Er erwachte nicht. Nun ergriff
ich die Lampe und verließ die Stube, deren Thüre ich
leise zumachte. Auch einen der Riegel schob ich lautlos
vor, um auf keinen Fall überrascht zu werden. Ich hatte
bereits vorhin achtgegeben und bemerkt, daß alle Thüren
ohne Schlösser und nur mit zwei Riegeln versehen waren.
Einen Schlüssel brauchte ich also nicht zu suchen.

Es war mir doch ein wenig verändert zu Mute,
als ich so allein draußen auf dem Gange stand, dessen
Finsternis von dem kleinen Lichte der Lampe nicht durchdrungen werde konnte. Aber ich hielt mich auf alles gefaßt. Wäre ein zwingender Umstand eingetreten, so hätte
ich alles gewagt, um nicht ohne den Gefangenen fortzukommen. Ich schob die Riegel zurück, öffnete und ließ
die Thüre weit offen stehen, um jeden Laut vernehmen
zu können, nachdem ich eingetreten war.

Ja, es war ein Loch, welches ich erblickte! Ganz
ohne die Vermittelung von einigen Stufen fiel der vor
mir liegende Raum hart hinter der Thüre über zwei
Ellen tief hinab. Er hatte eine Länge von vier und eine
Breite von zwei Schritten ungefähr und zeigte weder
Tünche, noch Holz- oder Lehmboden. Oben, dicht unter
der Decke war eines jener Löcher angebracht, die ich am
Tage von außen bemerkt hatte, und außer einem „Napfe“
mit Wasser, wie man ihn einem Hunde vorgesetzt haben
würde, sah ich nichts als den Gefangenen in dieser Höhle.

Er hatte auf der feuchten dumpfen Erde gelegen, war
aber bei meinem Erscheinen aufgestanden. Hohläugig und
abgemagert, glich er einem Halbtoten, aber dennoch war
seine Haltung eine stolze, und sein Auge blitzte zornig,
als er mich fragte:

„Was willst du? Darf man nicht einmal schlafen?“

„Sprich leise! Ich gehöre nicht zu deinen Wächtern.
Wie ist dein Name?“

„Warum fragest du?“

„Sprich noch leiser, denn man soll uns nicht hören.
Wie heißest du?“

„Das wirst du wissen!“ antwortete er, aber doch mit
gedämpfter Stimme.

„Ich vermute es, aber ich will aus deinem Munde
wissen, wer du bist.“

„Man nennt mich Amad el Ghandur.“

„So bist du jener, den ich suche. Versprich mir,
ganz ruhig zu sein, was ich dir auch sagen werde!“

„Ich verspreche es!“

„Mohammed Emin, dein Vater, ist in der Nähe.“

„Allah il Al — — —!“

„Schweig! Dein Ruf kann uns verraten!“

„Wer bist du?“

„Ein Freund deines Vaters. Ich kam als Gast zu
den Haddedihn und habe an der Seite deines Vaters
gegen eure Feinde gekämpft. Da hörte ich, daß du gefangen seiest, und wir haben uns aufgemacht, dich zu befreien.“

„Allah sei gelobt! Aber ich kann es nicht glauben!“

„Glaube es! Siehe, dieses Fenster geht in einen Hof,
welcher an einen Garten stößt, der zu dem Hause gehört,
in dem wir wohnen.“

„Wie viele Männer seid ihr?“

„Nur vier. Dein Vater, ich, noch ein Freund und
mein Diener.“

„Wer bist du, und wer ist dieser Freund?“

„Laß das für später, denn jetzt müssen wir eilen!“

„Fort?“

„Nein. Wir sind noch nicht vorbereitet, und ich kam
zufällig hierher, ohne es vorher geahnt zu haben. Kannst
du lesen?“

„Ja.“

„Aber es fehlt dir das Licht dazu.“

„Zur Mittagszeit ist es hell genug.“

„So höre. Ich könnte dich gleich jetzt mitnehmen,
aber das wäre zu gefährlich; doch ich versichere dir, daß
es nur ganz kurze Zeit noch dauern wird, bis du frei
sein wirst. Noch weiß ich nicht, was wir beschließen
werden; aber wenn du einen Stein durch das Fenster
fallen hörst, so hebe ihn auf; es wird ein Papier daran
gebunden sein, welches dir sagt, was du thun sollst.“

„Herr, du giebst mir das Leben zurück; denn beinahe
wäre ich verzweifelt! Wie habt ihr erfahren, daß man
mich nach Amadijah geschleppt hat?“

„Ein Dschesidi sagte es mir, den du am Wasser getroffen hast.“

„Das stimmt,“ antwortete er schnell. „O, nun sehe
ich, daß du die Wahrheit redest! Ich werde warten, aber
grüße den Vater von mir!“

„Ich werde es noch heute thun. Hast du Hunger?“

„Sehr!“

„Könntest du Brot, Licht und Feuerzeug verstecken?“

„Ja. Ich grabe mit den Händen ein Loch in die
Erde.“

„Hier hast du meinen Dolch dazu. Es ist für alle
Fälle gut, wenn du eine Waffe hast. Aber sie ist mir
kostbar; laß sie nicht entdeckt werden!“

Er griff hastig zu und drückte sie an die Lippen.

„Herr, Allah mag dir das in deiner Todesstunde
gedenken! Nun habe ich eine Waffe; nun werde ich frei
sein, auch wenn ihr nicht kommen könnt!“

„Wir werden kommen. Unternimm ja nichts Vorschnelles; das könnte dich und deinen Vater in große
Gefahr versetzen.“

„Ich werde eine ganze Woche warten. Seid ihr
dann noch nicht gekommen, so handle ich selbst.“

„Gut! Wenn es geht, werde ich dir noch diese Nacht
Speise, Licht und Feuerzeug durch das Fenster bringen.
Vielleicht können wir auch miteinander sprechen. Wenn
es ohne Gefahr geschehen kann, sollst du die Stimme
deines Vaters hören. Jetzt, lebe wohl; ich muß gehen!“

„Herr, reiche mir deine Hand!“

Ich hielt sie ihm entgegen. Er drückte sie mit beiden
Händen, daß es mich schmerzte.

„Allah segne diese Hand, solange sie sich bewegt, und
wenn sie sich zum Todesschlaf gefaltet hat, so möge dein Geist
sich im Paradiese freuen der Stunde, in welcher du mein
Engel wurdest! Jetzt gehe, damit dir nichts widerfahre!“

Ich verschloß das Gefängnis und begab mich leise
zum Agha zurück. Er schlief und schnarchte noch immer,
und ich setzte mich nieder. So saß ich wohl eine ganze
Stunde lang, bis ich Schritte vernahm, welche vor der
Hausthür halten blieben. Schnell zog ich die bisher offene
Thüre zu und rüttelte den Agha munter. Es war dies
keine leichte Arbeit, besonders da sie schnell geschehen
mußte. Ich stellte ihn aufrecht empor. Er starrte mich
verwundert an.

„Du, Emir? Wo sind wir?“

„Im Gefängnisse. Raffe dich zusammen!“

Er schaute sich verdutzt um.

„Im Gefängnisse? Ah! Wie kommen wir hierher?“

„Denke an den Juden und an die Arznei; denke auch
an den Sergeant, den wir überraschen wollen!“

„Den Serg — — — Maschallah, jetzt weiß ich es!
Ich habe geschlafen. Wo ist er? Ist er noch nicht da?“

„Sprich leiser! Hörst du? Sie stehen noch unter der
Thüre und reden miteinander. Reibe dir den Schlaf aus
dem Gesichte!“

Der gute Selim sah sehr jämmerlich aus; aber er
hatte wenigstens die Besinnung wieder gefunden und vermochte ohne Schwanken aufrecht zu stehen. Und jetzt, als
die Hausthür verschlossen wurde, nahm er die Lampe in
die Hand, stieß unsere Thüre auf und trat in den Gang
hinaus. Ich folgte ihm. Die Uebelthäter blieben erschrocken stehen, während er auf sie zuschritt.

„Wo kommt ihr her, ihr Hunde?“ fuhr er sie an.

Seine Stimme klang wie Donner in dem langen,
schmalen Raum.

„Vom Kawedschi,“ antwortete der Sergeant nach
einigem Zögern.

„Vom Kawedschi! Während ihr hier wachen sollt!
Wer hat euch die Erlaubnis erteilt, fortzugehen?“

„Niemand!“

Die Leute zitterten vor Angst; sie dauerten mich.
Ihre Nachlässigkeit war mir ja von so großem Vorteile
gewesen. Trotz des kleinen Flämmchens sah ich, wie
schrecklich der Agha seine Augen rollen ließ. Die Spitzen
seines Bartes bebten, und seine Hand ballte sich vor
Wut. Aber er mochte bemerken, daß er denn doch noch
nicht ganz fest auf den Füßen stehe, und daher besann er
sich eines Besseren.

„Morgen erhaltet ihr eure Strafe!“

Er setzte die Lampe auf eine der Treppenstufen und
wandte sich zu mir:

„Oder meinst du vielleicht, Emir, daß ich gleich jetzt
das Urteil fälle? Willst du haben, daß ich den einen
durch die andern auspeitschen lasse?“

„Verschiebe ihre Züchtigung bis morgen, Selim Agha!
Sie kann ihnen ja nicht entgehen.“

„Ich thue deinen Willen. Komm!“

Er öffnete die Thüre und verschloß sie von draußen
wieder.

Wir gingen nach Hause, wo uns die ‚Myrte‘ erwartete.

„Warest du so lange beim Mutesselim?“ fragte sie
ihn argwöhnisch.

„Mersinah,“ antwortete er, „ich sage dir, daß wir
eingeladen wurden, bis zum frühen Morgen zu bleiben;
aber ich wußte dich allein zu Hause und habe darum die
Gastfreundlichkeit des Kommandanten abgeschlagen. Ich
will nicht haben, daß dir die Russen den Kopf abschneiden.
Es giebt Krieg!“

Sie schlug erschrocken die Hände zusammen.

„Krieg? Zwischen wem denn?“

„Zwischen den Türken, Russen, Persern, Arabern
und Kurden. Die Russen stehen bereits mit hunderttausend Mann und dreitausend Kanonen vier Stunden
von hier in Serahru.

„O Allah! Ich sterbe; ich bin bereits tot! Mußt
du auch mitkämpfen?“

„Ja. Fette mir noch heute nacht die Stiefel ein!
Aber laß keinen Menschen etwas wissen. Der Krieg ist
jetzt noch Staatsgeheimnis, und die Leute von Amadijah
sollen es erst erfahren, wenn die Russen morgen die Stadt
umzingelt haben.“

Sie taumelte und setzte sich ganz entkräftet auf den
ersten besten Topf, der in ihrer Nähe stand.

„Schon morgen! Morgen sind sie wirklich da?“

„Ja.“

„Und sie werden schießen?“

„Sehr!“

„Selim Agha, ich werde dir deine Stiefel nicht einschmieren!“

„Warum nicht?“

„Du darfst nicht Krieg führen helfen; du sollst nicht
erschossen werden!“

„Gut! Das ist mir sehr lieb, denn dann kann ich
schlafen gehen. Gute Nacht, Effendi! Gute Nacht, meine
süße Mersinah!“

Er trat ab. Die Blume des Hauses blickte ihm etwas
verwundert nach; dann erkundigte sie sich:

„Emir, ist es wahr, daß die Russen kommen?“

„Das ist noch ein wenig ungewiß. Ich glaube, daß
der Agha die Sache etwas zu ernst genommen hat.“

„O, du träufelst Balsam in mein verwundetes Herz.
Ist es nicht möglich, sie von Amadijah abzuhalten?“

„Wir wollen uns das überlegen. Hast du die Kaffeesorten auseinander gelesen?“

„Ja, Herr. Es ist das eine sehr schlimme Arbeit
gewesen; aber dieser böse Hadschi Halef Omar ließ mir
keine Ruhe, bis ich fertig war. Willst du es sehen?“

„Zeige her!“

Sie brachte die Büchse und die Tüte herbei, und ich
überzeugte mich, daß sie sich allerdings große Mühe gegeben hatte.

„Und wie wird dein Urteil lauten, Emir?“

„Es lautet gut für dich. Da deine zarten Hände
diese Bohnen so oft berühren mußten, so soll der Kaffee
dein Eigentum sein. Auch das Geschirr, welches ich heute
einkaufte, gehört dir; die Gläser aber schenke ich dem
wackeren Selim Bey.“

„O Effendi, du bist ein gerechter und weiser Richter.
Du hast mehr Güte, als ich Töpfe hatte, und dieser
duftende Kaffee ist ein Beweis deiner Herrlichkeit. Allah
mag das Herz der Russen lenken, daß sie nicht kommen
und dich nicht erschießen. Denkst du, daß ich heute noch
ruhig schlafen kann?“

„Das kannst du; ich versichere es dir!“

„Ich danke dir, denn die Ruhe ist noch das einzige,
an dem ein geplagtes Weib sich freuen kann!“

„Schläfst du hier unten, Mersinah?“

„Ja.“

„Aber nicht in der Küche, sondern nach vorn
hinaus?“

„Herr, eine Frau gehört in die Küche und schläft
auch in der Küche.“

Hm! Das war unangenehm. Uebrigens kam mir der
dumme Witz des Agha sehr ungelegen. Die ‚Myrte‘
schlief heute gewiß nicht gleich ein. Ich stieg nach oben,
ging aber, anstatt in mein Zimmer, in dasjenige des
Haddedihn. Er hatte sich bereits schlafen gelegt, erwachte
aber sofort. Ich erzählte ihm mein Abenteuer im Gefängnis, und er ward des Staunens voll.

Wir packten dann Eßwaren nebst Licht und Feuerzeug ein und schlichen uns nach einer leeren Stube, welche
an der Hochseite des Hauses lag. Sie hatte nur ein
Fenster, das heißt, eine viereckige Oeffnung, welche durch
einen Laden verschlossen war. Dieser war nur angelehnt,
und als ich hinausblickte, sah ich das glatte Dach, welches
diese Seite des kleinen Hofes umschirmte, nur fünf Fuß
unter mir. Wir stiegen hinaus und von dem Dache in
den Hof hinab. Die Thüre des letzteren war verschlossen;
wir befanden uns also allein und gingen in den Garten,
in welchem einst die schöne Esma Khan geduftet hatte.
Nun trennte uns von dem Gefängnisse nur eine Mauer,
deren Höhe wir mit der Hand erreichen konnten.

„Warte,“ bat ich den Scheik. „Ich will der Sicherheit wegen erst sehen, ob wir auch wirklich unbeobachtet
sein werden.“

Ich schwang mich leise hinauf und drüben wieder
hinab. Aus dem ersten kleinen Fensterloche rechts im
Parterre sah ich einen fahlen Lichtschein. Dort war die
Stube, in welcher der Agha geschlafen hatte. Und dort
saßen jetzt wohl die Arnauten, die vor Angst nicht schlafen
konnten. Das nächste, also das zweite Fenster gehörte
zu dem Raume, in welchem Amad el Ghandur auf uns
wartete.

Ich durchsuchte den schmalen Hofraum, ohne auf
etwas Verdachterregendes zu stoßen, und fand auch die
Thüre verschlossen, welche aus dem Gefängnisse in den
Hof führte. Nun kehrte ich zu der Stelle der Mauer
zurück, hinter welcher der Haddedihn stand.

„Mohammed!“

„Wie ist es?“

„Alles sicher. Kannst du herüber?“

„Ja.“

„Aber leise!“

Er kam.

Wir huschten über den Hof hinüber und standen nun
unter dem Fensterchen, welches ich beinahe mit der Hand
erreichen konnte.

„Bücke dich, Scheik, stütze dich gegen die Wand und
stemme die Hände auf die Kniee!“

Er that es, und ich stieg auf seinen Rücken, welcher
jetzt eine beinahe wagrechte Lage angenommen hatte. Ich
stand mit dem Gesicht grad vor dem Loche des Kerkers.

„Amad el Ghandur!“ sprach ich in dasselbe hinein
und hielt dann schnell das Ohr hin.

„Herr, bist du es?“ klang es hohl von unten herauf.

„Ja.“

„Ist mein Vater auch da?“

„Er ist hier. Er wird dir Speise und Licht an einer
Schnur herablassen und dann mit dir sprechen. Warte;
er wird gleich oben sein.“

Ich stieg von dem Rücken des Arabers herab.

„War ich schwer?“

„Lange ist es nicht auszuhalten, denn die Stellung
ist zu unbequem.“

„So werden wir es jetzt anders machen, da du jedenfalls nicht nur einen kurzen Augenblick mit deinem Sohne
reden willst: du kniest auf meine Achseln; dann kann ich
aufrecht stehen und es so lange aushalten, wie es dir
beliebt.“

„Hat er dich gehört?“

„Ja. Er fragte nach dir. Ich habe in der Tasche
eine Schnur, an welcher du das Paket hinablassen kannst.“

Die Schnur wurde befestigt; ich bildete mit auf dem
Rücken gefalteten Händen einen Tritt, auf welchen er den
Fuß setzen konnte, und er stieg auf. Nachdem ich meine
Hände an seine Kniee gelegt hatte, so daß er nicht abrutschen konnte, kniete er auf meinen Achseln so sicher
wie zur ebenen Erde. Er ließ das Päckchen hinab, und
nun begann ein leises, aber desto eifrigeres Zwiegespräch,
von dem ich nur den von Mohammed Emin gesprochenen
Teil vernehmen konnte. Dazwischen hinein fragte mich
der Scheik zuweilen, ob er mir nicht zu schwer werde.
Er war ein langer, starker Mann, und deshalb war es
mir schon recht, als er nach ungefähr fünf Minuten zu
Boden sprang.

„Emir, er muß heraus; ich kann es nicht erwarten,“
sagte er.

„Vor allen Dingen wollen wir gehen. Steig einstweilen voran; ich will dafür sorgen, daß man am Tage
keine Fußspur findet.“

„Der Boden ist ja hart wie Stein!“

„Vorsicht ist besser als Nachlässigkeit.“

Er ging voran, und ich folgte bald nach. In kurzer
Zeit waren wir auf demselben Wege, den wir gekommen
waren, zurückgekehrt und befanden uns in dem Zimmer
des Scheik.

Er wollte nun sogleich einen Plan zur Befreiung
seines Sohnes mit mir beraten; ich aber empfahl ihm,
darüber zu schlafen, und schlich mich auf mein Zimmer.

Am andern Morgen besuchte ich zunächst meine
Patientin; sie hatte nichts mehr zu befürchten. Die Mutter
war ganz allein bei ihr, wenigstens bekam ich weiter niemand zu sehen. Sodann machte ich einen Gang durch
und um die Stadt, um eine Stelle in der Mauer ausfindig zu machen, an der es möglich war, hinaus in das
Freie zu gelangen, ohne das Thor passieren zu müssen.
Es gab eine, aber sie war nicht für Pferde, sondern nur
für Fußgänger zu passieren.

Als ich wieder nach Hause kam, hatte sich Selim
Agha erst vom Lager erhoben.

„Emir, jetzt ist es Tag,“ meinte er.

„Bereits schon lange,“ antwortete ich.

„O, ich meine, daß man nun besser als gestern über
unsere Sache reden kann.“

„Unsere Sache?“

„Ja, unsere. Du bist ja auch dabei gewesen. Soll
ich Anzeige machen oder nicht? Was meinst du, Effendi?“

„Ich an deiner Stelle würde es unterlassen.“

„Warum?“

„Weil es besser ist, es wird gar nicht davon gesprochen, daß du während der Nacht im Gefängnisse gewesen bist. Deine Leute haben jedenfalls bemerkt, daß
dein Gang nicht ganz sicher war, und sie könnten dies bei
ihrer Vernehmung mit in Erwähnung bringen.“

„Das ist wahr! Als ich vorhin erwachte, sah mein
Anzug sehr schlimm aus, und ich habe lange reiben müssen,
um den Schmutz wegzubringen. Ein Wunder, daß dies
Mersinah nicht gesehen hat! Also du meinst, ich soll die
Anzeige unterlassen?“

„Ja. Du kannst ja den Leuten einen Verweis geben,
und deine Gnade wird sie blenden wie ein Sonnenstrahl.“

„Ja, Effendi, ich werde ihnen zunächst eine fürchterliche Rede halten!“

Seine Augen rollten wie das Luftrad einer Stubenventilation. Dann standen sie plötzlich still, und sein
Gesicht nahm einen sehr sanftmütigen Ausdruck an.

„Und dann werde ich sie begnadigen, wie ein Padischah, der das Leben und das Eigentum von Millionen
Menschen zu verschenken hat.“

Er wollte gehen, blieb aber unter der Thüre halten;
denn draußen war ein Reiter abgestiegen, und ich hörte
eine bekannte Stimme fragen:

„Sallam, Herr! Bist du vielleicht Selim Agha, der
Befehlshaber der Albanesen?“

„Ja, der bin ich. Was willst du?“

„Wohnt bei dir ein Effendi, welcher Hadschi Emir
Kara Ben Nemsi heißt, und zwei Effendi, einen Diener
und einen Baschi-Bozuk bei sich hat?“

„Ja. Was soll er?“

„Erlaube, daß ich mit ihm spreche!“

„Hier steht er.“

Selim trat zur Seite, so daß der Mann mich sehen
konnte. Es war kein anderer als Selek, der Dschesidi
aus Baadri.

„Effendi,“ rief er mit großer Freude, „erlaube, daß
ich dich begrüße!“

Wir reichten einander die Hände; dabei sah ich, daß
er ein Pferd Ali Beys ritt, welches dampfte. Er war
jedenfalls sehr rasch geritten. Es war zu vermuten, daß
er mir eine Botschaft, und zwar eine sehr wichtige, zu
überbringen hatte.

„Führe dein Pferd in den Hof und komme dann
herauf zu mir!“ wies ich ihn an.

Als wir uns in meiner Stube und also allein
befanden, griff er in den Gürtel und zog einen Brief
hervor.

„Von wem?“

„Von Ali Bey.“

„Wer hat ihn geschrieben?“

„Mir Scheik Khan, der Oberste der Priester.“

„Wie hast du meine Wohnung gefunden?“

„Ich frug gleich am Thore nach dir.“

„Und woher weißt du, daß zwei Effendi bei mir
sind? Als ich bei euch war, hatte ich nur einen bei mir.“

„Ich erfuhr es in Spandareh.“

Ich öffnete den Brief. Er enthielt sehr Interessantes,
einige gute Nachrichten, welche die Dschesidi betrafen, und
eine schlimme, welche sich auf mich bezog.

„Was? Einen solchen Erfolg hat die Gesandtschaft
Ali Beys gehabt?“ fragte ich. „Der Anadoli Kasi Askerie ist mit ihr nach Mossul gekommen?“

„Ja, Herr. Er liebt unsern Mir Scheik Khan und
hat eine strenge Untersuchung gehalten. Der Mutessarif
wird weggenommen; an seine Stelle kommt ein anderer.“

„Und der Makredsch von Mossul ist entflohen?“

„So ist es. Er war an allen Fehlern schuld, die
der Mutessarif gemacht hat. Es haben sich sehr schlimme
Dinge herausgestellt. Seit elf Monaten hat kein Unter-Gouverneur die nötigen Gelder und kein Befehlshaber
und kein Soldat seinen Sold erhalten. Die Demütigung
der Araber, welche die hohe Pforte anbefohlen hatte, blieb
unterlassen, weil er alle Summen einsteckte, welche dazu
erforderlich waren. Und so noch vieles andere. Die Khawassen, welche den Makredsch gefangen nehmen sollten,
sind zu spät gekommen; er war fort. Darum haben alle
Beys und Kajahs der Umgegend den Befehl erhalten, ihn
festzunehmen, sobald er sich sehen läßt. Der Anadoli
Kasi Askerie vermutet, daß er nach Bagdad geflohen sei,
weil er ein Freund des dortigen Weli gewesen ist.

„Das ist wohl eine falsche Vermutung! Der Flüchtling ist sicher in die Berge geflohen, wo er schwerer zu
ergreifen ist, und wird lieber nach Persien als nach Bagdad
gehen. Das Reisegeld kann er unterwegs sehr leicht erhalten. Er ist der Oberrichter sämtlicher Untergerichtshöfe, deren Gelder ihm zu Gebote stehen.“

„Du hast recht, Effendi! Noch gestern abend haben
wir erfahren, daß er am Morgen des vorigen Tages in
Alkosch und am Abend bereits in Mungayschi gewesen
ist. Es scheint, daß er nach Amadijah gehen wolle, aber
auf einem Umwege, weil er die Ortschaften der Dschesidi
fürchtet, die er überfallen hat.“

„Ali Bey vermutet mit Recht, daß mir sein Eintreffen hier große Schwierigkeiten bereiten kann. Er wird
mir sehr hinderlich sein, und ich kann leider nicht beweisen,
daß er selbst ein Flüchtling ist.“

„O, Emir, Ali Bey ist klug. Als er von dem
Makredsch hörte, befahl er mir, sein bestes Pferd zu
satteln und die ganze Nacht zu reiten, um noch vor dem
Oberrichter hier einzutreffen, falls dieser wirklich die Absicht haben sollte, nach Amadijah zu kommen. Und als
ich Baadri verließ, gab er mir zwei Schreiben mit, die
er aus Mossul erhalten hat. Hier sind sie; du sollst
sehen, ob du sie gebrauchen kannst.“

Ich öffnete sie und las. Das eine war der Brief
des Anadoli Kasi Askerie an Mir Scheik Khan, in welchem
diesem die Absetzung des Mutessarif und des Makredsch
mitgeteilt wurde. Das andere enthielt die amtliche
Weisung an Ali Bey, den Makredsch festzunehmen und
nach Mossul zu transportieren, sobald er sich auf dessen
Gebiete sehen lasse. Beide waren mit der Unterschrift
und dem großen Siegel des Kasi Askerie versehen.

„Diese Papiere sind mir allerdings sehr wichtig. Wie
lange kann ich sie behalten?“

„Sie sind ganz dein.“

„Also vorgestern abend ist der Makredsch in Mungayschi gewesen?“

„Ja.“

„So könnte er heute hier ankommen, und ich brauche
diese Schreiben bloß für diesen Tag. Kannst du so lange
warten?“

„Ich warte so lange, wie du befiehlst, Emir!“

„So gehe jetzt zwei Thüren weiter! Dort wirst du
Bekannte treffen, nämlich Hadschi Halef und den Buluk
Emini.“

Die Nachricht, daß der Makredsch nach Amadijah
kommen könne, hatte mich zunächst mit Besorgnis erfüllt;
sobald ich mich aber in dem Besitze der beiden Schriftstücke sah, mußte diese Besorgnis schwinden, und ich konnte
seinem Kommen mit Ruhe entgegensehen. Ja, ich glaubte
bereits, daß die Kunde von der Absetzung des Mutessarif
eine Freilassung des gefangenen Haddedihn zur Folge
haben könne, kam aber von dem Gedanken zurück, als ich
las, daß die Feindseligkeiten gegen die Araber nicht als
eine Privatsache des Mutessarif, sondern auf Befehl der
Pforte unternommen seien.

Am Nachmittage trat die ‚Myrte‘ in meine Stube.

„Effendi, willst du mit in das Gefängnis?“

Das kam mir erwünscht, aber ich mußte doch erst
mit Mohammed Emin reden. Darum sagte ich:

„Ich habe jetzt keine Zeit.“

„Du hast es mir aber doch versprochen und auch gesagt, daß du den Gefangenen erlauben willst, einiges von
mir zu kaufen!“

Der Rose von Amadijah schien sehr viel an dem Gewinne zu liegen, den dieser kleine Handel ihr jedenfalls
einbrachte.

„Ich würde mein Wort halten; aber ich habe leider
erst in einer Viertelstunde Zeit.“

„So warte ich, Emir! Aber wir können doch nicht
mitsammen gehen!“

„Ist Selim Agha dabei?“

„Nein. Er hat jetzt Dienst bei dem Mutesselim.“

„So befiehl dem Sergeanten, daß er mir öffnen möge.
In diesem Falle kannst du bereits jetzt gehen, und ich
werde nachkommen.“

Sie verschwand mit heiterem Angesichte. Sie schien
es gar nicht der Mühe wert zu halten, daran zu denken,
ob der Sergeant mir den Zutritt erlauben werde, da ich
doch weder ein Recht dazu hatte, noch die Erlaubnis
seines Vorgesetzten nachweisen konnte. Natürlich ging ich
sofort zu Mohammed Emin und setzte ihn von meinem
bevorstehenden Besuche im Gefängnis in Kenntnis. Ich
empfahl ihm, zur Flucht bereit zu sein und zunächst für
seinen Sohn durch Halef heimlich einen türkischen Anzug
kaufen zu lassen. Dann brannte ich mir einen Tschibuk
an und stieg mit gravitätischen Schritten durch die Gassen.
Als ich das Gefängnis erblickte, sah ich die Thüre desselben offen. Der Sergeant stand unter derselben.

„Sallam!“ grüßte ich kurz und würdevoll.

„Sallam aaleïkum!“ antwortete er. „Allah segne deinen Eintritt in dieses Haus, Emir! Ich habe dir viel
Dank zu sagen.“

Ich trat ein, und er verschloß die Thüre wieder.

„Dank?“ fragte ich nachlässig. „Wofür?“

„Selim Agha war hier. Er war sehr zornig. Er
wollte uns peitschen lassen, aber endlich sagte er, daß wir
Gnade finden sollen, weil du für uns gebeten hast. Sei
so gütig, mir zu folgen.“

Wir stiegen die Treppe empor, welche zu finden und
zu passieren mir der Agha gestern so viele Mühe gemacht
hatte. Auf dem Gange stand Mersinah mit einem blechernen Kessel, welcher eine Mehlbrühe enthielt, die ganz das
Ansehen hatte, als ob sie aus dem Spülwasser ihrer Küche
und Schlafstätte bestehe, und auf dem Boden lag das
Brot, welches ihre zarten Hände gebacken hatten. Es war
einst auch Mehlwasser gewesen, hatte aber durch Feuer
und anhaftende Kohlenreste eine feste Gestalt bekommen.
Neben ihr standen die Arnauten, mit leeren Gefäßen in
den Händen, die von einem Scherbenhaufen aufgelesen zu
sein schienen. Sie verbeugten sich bis zur Erde herab,
blieben aber aus Ehrfurcht stumm.

„Emir, befiehlst du, daß wir beginnen sollen?“ fragte
die ‚Myrte‛.

„Ja.“

Sofort wurde die erste Thüre geöffnet. Der Raum, in
welchen ich blickte, war auch ein Loch, doch lag der Boden
desselben mit dem Gange in gleicher Höhe. Ein Türke lag
darin. Er erhob sich nicht und würdigte uns keines Blickes.

„Gieb ihm zwei Portionen, denn es ist ein Osmanly!“
befahl der Sergeant.

Der Mann erhielt zwei Schöpflöffel voll Brühe in einem
größeren Napfe und ein Stück Brot dazu. In der nächsten
Zelle lag wieder ein Türke, welcher die gleiche Portion
erhielt. Der Insasse des dritten Loches war ein Kurde.

„Dieser Hund erhält nur eine Portion, denn er ist
ein Mann aus Balahn!“ 

Das war ja eine ganz allerliebste Einrichtung! Ich
hätte den Kerl beohrfeigen mögen. Er führte dieses Prinzip
während der ganzen Speiseverteilung durch. Als die oberen
Gefangenen versorgt waren, stiegen wir hinab in den untern Gang.

„Wer befindet sich hier?“ fragte ich.

„Die Schlimmsten. Ein Araber, ein Jude und zwei
Kurden von dem Stamme Bulamuh. Sprichst du kurdisch,
Emir?“

„Ja.“

„Du magst wohl nicht mit den Gefangenen sprechen?“

„Nein; denn sie sind es nicht wert!“

„Das ist wahr. Aber wir können nicht Kurdisch und
auch nicht Arabisch, und diese Hunde haben doch stets
etwas zu sagen.“

„So werde ich einmal mit ihnen reden.“

Das war es ja, was ich so gern wollte; nur hatte
ich nicht geglaubt, daß ich den Wächtern auch einen Gefallen erweisen werde.

Die Zelle des einen Kurden wurde geöffnet. Er hatte sich
ganz vor gestellt. Der arme Teufel hatte jedenfalls Hunger;
denn als er seinen Löffel Brühe erhielt, bat er, man möge
ihm doch ein größeres Stück Brot geben, als gewöhnlich.

„Was will er?“ fragte der Sergeant.

„Etwas mehr Brot. Gieb es ihm!“

„Er soll es haben, weil du für ihn bittest.“

Nun kamen wir zum Juden. Ich schwieg, weil dieser
türkisch reden konnte. Er hatte eine Menge Klagen vorzubringen, die von meinem Standpunkte aus alle sehr
wohl begründet waren; aber er wurde nicht angehört.

Der zweite Kurde war ein alter Mann. Er bat nur,
vor den Richter geführt zu werden. Der Sergeant versprach es ihm und lachte dabei.

Jetzt endlich wurde die letzte Zelle geöffnet. Amad
el Ghandur hockte tief unten in der Ecke und schien sich
nicht rühren zu wollen, aber als er mich erblickte, erhob
er sich.

„Ist das der Araber?“ fragte ich.

„Ja.“

„Spricht er nicht türkisch?“

„Er redet gar nicht.“

„Nie?“

„Kein Wort. Deshalb erhält er auch kein warmes Essen.“

„Soll ich einmal mit ihm reden?“

„Versuche es!“

Ich trat näher zu ihm heran und sagte:

„Sprich nicht mit mir!“

Er blieb infolgedessen still.

„Siehst du, daß er nicht antwortet!“ meinte der Sergeant zornig. „Sage ihm, daß du ein großer Emir bist,
und dann wird er wohl reden!“

Nun wußte ich ja ganz genau, daß die Wächter wirklich nicht Arabisch verstanden; und wenn auch, der Dialekt
der Haddedihn war ihnen fremdklingend.

„Halte dich heute abend bereit,“ sagte ich zu Amad.
„Vielleicht ist es mir heute möglich, wiederzukommen.“

Er stand stolz und aufrecht da, ohne eine Miene zu
verziehen.

„Er redet auch jetzt noch nicht!“ rief der Unteroffizier. „Nun soll er heute auch kein Brot bekommen, da er
nicht einmal dem Effendi antwortet.“

Die Revision der Löcher war beendet. Nun führte
man mich auch weiter in dem Gebäude herum. Ich ließ
dies geschehen, obgleich es keinen Zweck hatte. Endlich
waren wir fertig, und Mersinah sah mir mit fragender
Miene in das Gesicht.

„Kannst du den Gefangenen Kaffee kochen?“ erkundigte ich mich bei ihr.

„Ja.“

„Und ihnen Brot dazu geben, eine sehr reichliche Portion?“

„Ja.“

„Wie viel kostet das?“

„Dreißig Piaster, Effendi.“

Also zwei Thaler ungefähr. Die Gefangenen erhielten
wohl kaum für eine Mark davon. Ich zog das Geld heraus und gab es ihr.

„Hier. Aber ich wünsche, daß alle davon erhalten.“

„Sie sollen alle haben, Effendi.“

Ich gab der Alten und dem Sergeanten je fünfzehn
und den Arnauten je zehn Piaster, ein Trinkgeld, wie sie
es wohl nicht erwartet hatten. Daher erschöpften sie sich
in außerordentlichen Danksagungen, und als ich das Haus
verließ, exekutierten sie ihre Verbeugungen selbst dann
noch, als ich bereits die Gasse erreicht hatte und sie nur
noch meinen Rücken sehen konnten.

Heimgekommen, suchte ich Mohammed Emin auf. Ich
traf Halef bei ihm, welcher den Anzug gebracht hatte.
Dies war unbemerkt geschehen, weil ja weder der Agha
noch Mersinah zu Hause war.

Ich beschrieb dem Haddedihn meinen Besuch.

„Also heute abend!“ meinte er erfreut.

„Wenn es möglich ist,“ fügte ich hinzu.

„Aber wie willst du es machen?“

„Ich werde, wenn nicht ein Zufall etwas Besseres
bringt, von dem Agha den Schlüssel zu erhalten suchen
und — — —“

„Er wird dir ihn nicht geben!“

„Ich nehme ihn! Dann warte ich, bis die Wächter
schlafen und öffne Amad die Zelle.“

„Das ist zu gefährlich, Emir! Sie werden dich hören.“

„Ich glaube dies nicht. Sie haben während der letzten
Nacht nicht geschlafen und werden infolgedessen müde sein.
Sodann gab ich ihnen ein Bakschisch, das sie sicher nach
und nach in Raki anlegen, und dieser wird ihre Schläfrigkeit befördern. Uebrigens habe ich genau aufgepaßt und
da bemerkt, daß das Schloß der Hausthüre sich lautlos
öffnen läßt. Wenn ich einigermaßen vorsichtig bin, wird
es gelingen.“

„Aber, wenn man dich erwischt?“

„So habe ich doch keine Sorge. Den Wächtern gegenüber giebt es eine Ausrede, und träfen sie mich mit dem
Gefangenen, nun, dann müßte eben gehandelt werden,
und zwar schnell.“

„Wohin wirst du Amad bringen?“

„Er wird sofort die Stadt verlassen.“

„Mit wem?“

„Mit Halef. Ich reite jetzt mit diesem aus, um in
der Umgebung der Stadt einen Ort zu suchen, welcher
ein Versteck bietet. Halef wird sich den Weg merken und
deinen Sohn hinführen.“

„Aber die Wachen am Thore?“

„Sie werden die beiden nicht zu sehen bekommen.
Ich kenne eine Stelle, an welcher man über die Mauer
kommen kann.“

„Wir sollten gleich selbst mitgehen!“

„Wir bleiben noch wenigstens einen Tag, damit kein
Verdacht auf uns fällt.“

„Aber Amad wird sich unterdessen in großer Gefahr
befinden, denn man wird ihn in der ganzen Umgegend
suchen.“

„Auch dafür ist gesorgt. Unsern des einen Thores
bildet der Felsen von Amadijah einen Abgrund, in den
wohl wenige Männer hinabzusteigen sich getrauen. Dorthin schaffen wir einige Fetzen seines alten Gewandes, welches wir zerreißen. Man wird das finden und dann annehmen, daß er bei seiner nächtlichen Flucht in die Schlucht
gestürzt sei.“

„Wo kleidet er sich um?“

„Hier. Und der Bart muß ihm sofort abrasiert werden.“

„So soll ich ihn sehen! O, Emir, welche Freude!“

„Ich stelle aber die Bedingung, daß ihr euch still
verhaltet.“

„Das werden wir ganz sicher. Aber unsere Wirtin
wird ihn kommen sehen; denn sie ist stets in der offenen
Küche.“

„Das wirst du verhindern. Halef wird dich benachrichtigen, wenn Amad kommt. Dann gehst du hinunter
und verhinderst die Wirtin, ihn zu bemerken. Das ist
nicht schwer, und unterdessen bringt ihn der Diener in
deine Stube, welche du verschließest, bis ich heim komme.“

Ich hörte jetzt, daß Halef die Pferde herausschaffte,
und ging. Draußen fand ich die Thüre des Engländers
offen. Er winkte mich hinein und fragte:

„Darf ich reden, Sir?“

„Ja.“

„Höre Pferde. Ausreiten? Wohin?“

„Vor die Stadt.“

„Well; werde mitreiten!“

„Ich beabsichtige einen Ritt in den Wald. Ihr würdet
gezwungen sein, ein wenig mit durch die Büsche zu kriechen.“

„Werde kriechen!“

Er war schnell fertig. Sein Pferd wurde auch gesattelt, und bald ritten wir zum Thore hinaus, welches
nach Asi und Mia führt. Es war so, wie mir der Kurde
Dohub erzählt hatte. Der Pfad war so steil, daß wir
die Pferde führen mußten. Am Thore hatte man uns
übrigens nicht angehalten, da dort Arnauten die Wache
hatten, die mich von der gestrigen Parade her kannten.

Unten im Thale angelangt, wären wir rechts an die
Jilaks der Einwohner von Amadijah gekommen, welche
sich in die Berge zurückgezogen hatten. Darum wandten
wir uns nach links grad in den Wald hinein. Er war
hier so licht, daß er uns am Reiten nicht verhinderte,
und nach einer Viertelstunde erreichten wir eine Blöße, wo
wir abstiegen, um uns auf dem Boden auszustrecken.

„Warum hierher führen?“ fragte Lindsay.

„Ich suche ein Versteck für Amad el Ghandur.“

„Ah! Bald frei?“

Ich teilte ihm meinen Plan mit.

„Prächtig!“ meinte er. „Schöne Gefahr dabei! Erwischen! Boxen! Schießen! Well; werde mitbefreien!“

„O, Master, Ihr könnt mir nichts nützen!“

„Nicht? Warum? Schlage jeden nieder, der uns
wehren will! Freier Englishman! Yes!“

„Na, wollen erst sehen! Hier links oben liegt die
Stelle, an welcher man über die Mauer kommt. In der
hiesigen Gegend also müssen wir uns ein Versteck suchen.
Wollt Ihr mitsuchen?“

„Sehr!“

„So teilen wir uns. Ihr geht grad, und ich gehe
mehr zur Seite. Wer einen guten Ort gefunden hat, der
schießt sein Pistol los und wartet dort, bis der andere
kommt.“

Halef blieb bei den Pferden zurück, und wir gingen
vorwärts. Der Wald wurde dichter, aber ich suchte wohl
lange Zeit, ohne eine geeignete Stelle zu finden, welche
wirkliche Sicherheit bot. Da hörte ich einen Schuß mir
zur Linken. Ich schritt der Richtung entgegen, aus welcher
der Knall gekommen war, und hörte bald einen zweiten
Schuß ganz in meiner Nähe. Der Engländer stand bei
einem Gestrüpp, aus welchem vier riesige Eichen emporragten. Er war barfuß und hatte sein Obergewand abgelegt. Auch der rotkarrierte Riesenturban lag am Boden.

„Habe zweimal geschossen. Konntet mich fehlen, weil
der Schall im Wald täuscht. Versteck gefunden?“

„Nein.“

„Habe eins.“

„Wo?“

„Ratet! Werdet nicht erraten!“

„Wollen sehen!“

Er war barfuß und halb entkleidet; er hatte also
eine Kletterpartie gemacht, und das Versteck mußte also
auf einer der Eichen zu suchen sein. Aber diese waren
so stark, daß man sie unmöglich erklettern konnte. Doch
neben der einen ragte der schlanke Stamm einer Pinie
in die Höhe und verschlang ihre doldenartige Krone mit
den breitgreifenden Zweigen der Eiche. Ziemlich hoch
oben lehnte sich der Stamm an einen starken Eichenast,
so daß von der Pinie aus dieser leicht zu erreichen war,
und oberhalb der Stelle, an welcher er am Stamme saß,
sah ich ein Loch in der Eiche.

„Ich habe es, Sir!“ meinte ich.

„Wo?“

„Dort oben. Der Stamm ist hohl.“

„Well; gefunden! War bereits oben.“

„Ihr klettert wohl gut?“

„Wie Eichhörnchen! Yes!“

„Aber jedenfalls ist der ganze Baum hohl!“

„Sehr!“

„Und wer da oben hineinkriecht, der fällt herab und
kann nicht heraus.“

„Sehr! Kann gar nicht heraus.“

„Dann ist es ja mit dem Verstecke nichts!“

„Versteck ist gut, sehr gut. Nur dafür sorgen, daß
nicht herunterfällt.“

„Auf welche Weise?“

„Ah, ihr wißt nicht? Hm, Master Lindsay gescheiter
Kerl! Schönes Abenteuer! Prächtig! Möchte bezahlen,
gut bezahlen! Knüppel abschneiden und in die Höhlung
klemmen, quer herüber. Viel Moos hier. Dieses darauf
legen. Dann kann nicht herunterfallen. Versteck fertig!
Schönes Landhaus! Prachtvolle Villa!“

„Da hättet Ihr recht! Wie groß ist dort der Durchmesser der Höhlung?“

„Vier Fuß ungefähr. Weiter nach unten noch mehr.
Könnt Ihr klettern?“

„Ja. Ich werde mir diese Gelegenheit einmal ansehen.“

„Nicht ledig hinauf. Gleich Knüppel mitnehmen!“

„Das ist allerdings praktischer. Hier stehen genug
eichene Stangen.“

„Aber wie hinaufbringen? Klettern und auch tragen?
Geht nicht!“

„Ich habe meinen Lasso mit. Der hat mich auf allen
meinen Reisen begleitet, denn so ein Riemen ist eine der
nützlichsten Sachen.“

„Well; so schneiden wir!“

„Aber immer vorsichtig sein, Master! Zunächst wollen
wir uns überzeugen, ob wir allein sind. Unsere englische
Unterhaltung kann hier kein Mensch verstehen; sie hätte
also unser Vorhaben nicht verraten. Aber ehe wir handeln,
müssen wir uns sicher stellen.“

„So sucht! Werde einstweilen Stangen machen.“

Ich ging den Umkreis ab und überzeugte mich, daß
wir unbeachtet waren; dann half ich dem Engländer, der
ganz erpicht war, da oben eine Villa zu bauen. Wir
schnitten ein Dutzend etwas mehr als vier Fuß langer
Stämmchen aus den Büschen, aber so, daß wir dabei jede
Spur vermieden, und dann wand ich den Gürtelshwal
von der Hüfte, unter welchem ich den Lasso um den Leib
geschlungen trug. Bis zum ersten Ast der Pinie reichte
er. Während der Engländer die Stämmchen zusammenlegte und mit dem einen Ende des achtfach zusammengeflochtenen, unzerreißbaren Riemens umwand, nahm ich
das andere zwischen die Zähne und kletterte empor. Die
hindernden Kleidungsstücke hatte ich natürlich abgelegt.
Auf dem ersten Aste angekommen, zog ich das Bündel in
die Höhe. Lindsay kam nachgeklettert, und so brachten
wir die ‚Knüppel‘ bis vor die Oeffnung, wo sie angebunden wurden. Ich untersuchte die Höhlung. Sie hatte
die angegebene Weite, wurde nach unten immer größer
und reichte bis zur Erde hinab.

Nun begannen wir die Stämmchen einzuklemmen,
um aus ihnen einen Fußboden zu bilden. Das mußte
sehr sorgfältig geschehen, damit er ja nicht hinunterbrechen
konnte. Mit Hilfe der Messer brachten wir es nach einiger
Anstrengung fertig. Der Boden war fest und sicher.

„Nun Moos, Streu und Laub mit dem Lasso herauf!“

Wir kletterten nun wieder hinab und hatten bald
so viel gesammelt, wie wir brauchten. Es wurde in
meinen Haïk und das Ueberkleid Lindsays geschlungen,
und nach zweimaligem Auf- und Niederklettern war die
Höhlung in ein Versteck umgewandelt, in welchem es sich
ganz weich und sicher liegen ließ.

„Wacker gearbeitet,“ meinte der Engländer, indem er
sich den Schweiß von der Stirn wischte. „Amad wird
gut wohnen. Nun noch Essen und Trinken, Pfeife und
Tabak, so ist der Diwan fertig!“

Wir kehrten jetzt zu Halef zurück, der bereits Sorge
um uns hegte, weil wir so lange Zeit fortgeblieben waren.

„Master Lindsay, jetzt bleibt Ihr bei den Pferden
zurück, denn ich muß nun zuvor auch unserem Hadschi
Halef Omar das Versteck zeigen!“ sagte ich.

„Well! Doch bald wiederkommen! Yes!“

„Kannst du klettern?“ fragte ich Halef, als wir bei
den Eichen angekommen waren.

„Ja, Sihdi. Ich habe ja von mancher Palme die
Datteln herabgeholt. Warum?“

„Das ist ein ganz anderes Klettern. Hier giebt es
einen glatten Stamm, der keine Stütze bietet, und auch
kein Klettertuch, wie man es beim Ernten der Datteln
in Anwendung bringt. Siehst du das Loch an dem
Stamme der Eiche, dort grad über dem Aste?“

„Ja, Sihdi.“

„Klettere einmal hinauf und siehe dir es an! Du
mußt hier an der Pinie empor und dann den Eichenast
entlang.“

Er versuchte es, und siehe da, es ging recht leidlich.

„Effendi, das ist ja ein Kiosk,“ meinte er, als er unten
wieder anlangte. „Den habt ihr wohl jetzt gebaut?“

„Ja. Weißt du, wo das Fort von Amadijah liegt?“

„Hier links hinauf.“

„So höre, was ich dir sage! Ich glaube heute abend
Amad el Ghandur aus dem Gefängnisse holen zu können.
Er muß noch während der Nacht aus der Stadt gebracht
werden, und das sollst du thun.“

„Herr, die Wachen werden uns sehen!“

„Nein. Es giebt eine Stelle, an welcher die Mauer
so beschädigt ist, daß ihr sehr leicht unbemerkt in das
Freie gelangen könnt. Ich werde dir diese Stelle bei
unserer Rückkehr zeigen. Nun aber handelt es sich darum,
daß ihr trotz der Nacht hier diesen Platz nicht verfehlt,
denn das Loch da oben soll dem Haddedihn zum Verstecke
dienen, bis wir ihn von hier abholen. Darum gehest du
von hier aus links hinauf, um den Weg, den ihr heute
abend zu nehmen habt, richtig kennen zu lernen, und kehrst
dann zu uns zurück. Präge dir das Terrain gut ein.
Wenn er sich in Sicherheit befindet, hast du dafür zu
sorgen, ungesehen wieder in unsere Wohnung zu gelangen;
denn niemand darf wissen, daß einer von uns die Stadt
verlassen hat.“

„Sihdi, ich danke dir!“

„Wofür?“

„Dafür, daß du mir erlaubst, wieder einmal auch
selbst etwas zu thun; denn seit langer Zeit habe ich zusehen müssen.“

Er ging, und ich kehrte zu Lindsay zurück, der lang
ausgestreckt im Moose lag und gen Himmel blickte.

„Prachtvoll in Kurdistan! Fehlt nur an Ruinen!“
sagte er.

„Ruinen giebt es hier genug, wenn auch keine tausendjährigen wie am Tigris. Vielleicht sind wir gezwungen,
Gegenden aufzusuchen, in denen Ihr Euch von dem Vorhandensein von Ruinen überzeugen könnt. Aus den
Thälern Kurdistans ist der Qualm brennender Dörfer
und der Geruch von Strömen vergossenen Blutes zum
Himmel gestiegen. Wir befinden uns in einem Lande,
in welchem Leben, Freiheit und Eigentum mehr gefährdet
sind, als in jedem anderen. Wünschen wir, daß wir uns
nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugen müssen!“

„Will mich aber davon überzeugen, Sir! Will Abenteuer haben! Möchte kämpfen, boxen, schießen! Werde
bezahlen.“

„Dazu giebt es vielleicht auch ohne Bezahlung Gelegenheit, Sir; denn gleich hinter Amadijah hört das
Gebiet der Türken auf, und es beginnen diejenigen Länder,
welche von Kurden bewohnt werden, die der Pforte nur
dem Namen nach unterworfen oder tributpflichtig sind.
Dort gewähren uns unsere Pässe nicht die mindeste Sicherheit; ja, es kann sehr leicht der Fall sein, daß wir feindselig behandelt werden, grad deshalb, weil wir die Empfehlung der Türken und der Konsuln besitzen.“

„Dann nicht vorzeigen!“

„Allerdings. Diese halbwilden gewaltthätigen Horden
macht man sich am besten geneigt, wenn man sich ihrer
Gastfreundschaft mit Vertrauen überläßt. Ein Araber
kann noch Hintergedanken haben, wenn er einen Fremden
in sein Zelt aufnimmt; ein Kurde aber nie. Und sollte
dies ja einmal der Fall sein, und sollte es keine andere
Möglichkeit der Rettung geben, so begiebt man sich in
den Schutz der Frauen; dann ist man sicher geborgen.“

„Well, werde mich beschützen lassen von den Frauen!
Prachtvoll! Sehr guter Gedanke, Master!“

Nach vielleicht einer Stunde kehrte Halef zurück. Er
versicherte, das Versteck nun selbst bei Nacht ohne Irrung
auffinden zu können, sobald es ihm nur erst gelungen sei,
aus der Stadt zu kommen. Der Zweck unsers Spazierrittes war somit erreicht, und wir kehrten nach Amadijah
zurück. Dort richtete ich es so ein, daß wir an der beschädigten Mauerstelle vorüberkamen.

„Das ist der Ort, den ich meine, Halef. Wenn du
nachher ausgehest, so magst du diese Bresche einmal genau
untersuchen, aber so, daß es nicht auffällt.“

„Das werde ich baldigst thun müssen, Sihdi,“ antwortete er; „ denn es wird sehr bald Abend werden.“

Der Tag war, als wir unsere Wohnung erreichten,
allerdings schon weit vorgeschritten. Ich bekam keine Zeit,
mich von dem Ritte auszuruhen, denn Selim Agha
empfing mich an der Thüre:

„Hamdulillah, Allah sei Dank, daß du endlich
kommst!“ meinte er. „Ich habe auf dich mit Schmerzen
gewartet.“

„Warum?“

„Der Mutesselim sendet mich, um dich zu ihm zu
bringen.“

„Was soll ich dort?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du vermutest es auch nicht?“

„Du sollst mit einem Effendi reden, der vorhin ankam.“

„Wer ist es?“

„Der Mutesselim hat mir verboten, es dir zu sagen.“

„Pah! Der Mutesselim kann mir nichts verheimlichen! Ich wußte längst, daß dieser Effendi kommen
werde!“

„Du wußtest es? Aber es ist ja ein Geheimnis!“

„Ich werde dir beweisen, daß ich dieses große Geheimnis kenne. Es ist der Makredsch von Mossul, der
gekommen ist.“

„Wahrhaftig, du weißt es!“ rief er erstaunt. „Aber
er ist nicht allein bei dem Mutesselim.“

„Wer ist noch da?“

„Ein Arnaute.“

Ah, ich ahnte, welcher es war, und sagte daher:

„Auch das weiß ich. Kennst du den Mann?“

„Nein.“

„Er hat keine Waffen bei sich.“

„Allah akbar; das ist richtig! Effendi, du weißt alles.“

„Wenigstens siehst du, daß der Mutesselim nicht der
Mann ist, mir etwas zu verbergen.“

„Aber, Herr, sie müssen bös von dir gesprochen haben!“

„Warum?“

„Ich muß darüber schweigen.“

„Gut, Selim Agha, ich sehe nun, daß du mein Freund
bist und mich liebst!“

„Ja, ich liebe dich, Emir; aber der Dienst erfordert,
daß ich gehorche.“

„So sage ich dir, daß ich dir noch heute Befehle
geben werde, denen du grad so gehorchen wirst, als ob
du sie von dem Kommandanten erhieltest! Seit wann ist
der Makredsch hier?“

„Seit fast zwei Stunden.“

„Und so lange Zeit wartest du bereits auf mich?“

„Nein. Der Makredsch kam allein, ganz heimlich
und ohne alles Gefolge. Ich war grad beim Kommandanten, als er eintrat. Er sagte, daß er heimlich komme,
weil er in einer sehr wichtigen Sache reise, von welcher
niemand eine Ahnung haben dürfe. Sie unterhielten sich
weiter, und da erwähnte der Kommandant auch dich und
deine Gefährten. Der Makredsch muß dich kennen, denn
er wurde sehr aufmerksam, und der Mutesselim mußte
dich ihm beschreiben. „Er ist's!“ rief er dann und bat
den Kommandanten, mich hinauszuschicken. Nachher wurde
ich gerufen und erhielt den Befehl, dich zu holen und — — —“

„Nun, und — — —“

„Und — — Emir, es ist gewiß wahr, daß ich dich
lieb habe, und darum will ich es dir sagen. Aber, wirst
du mich verraten?“

„Nein. Ich verspreche es dir!“

„Ich mußte mehrere Arnauten mitnehmen, um den
Platz zu besetzen, daß deine Gefährten sich nicht entfernen
können. Und auch für dich stehen im Palaste einige
meiner Arnauten bereit. Ich soll dich festnehmen und in
das Gefängnis schaffen.“

„Ah, das ist ja sehr interessant, Selim Agha! So ist
wohl bereits eines deiner Löcher für mich in Bereitschaft
gesetzt worden?“

„Ja du kommst neben dem Araber zu liegen, und
ich mußte einige Strohdecken hineinthun lassen; denn der
Mutesselim sagte, du seist ein Emir und solltest feiner
behandelt werden, als die andern Spitzbuben!“

„Für diese Rücksicht bin ich ihm wirklich sehr großen
Dank schuldig. Sollen meine Gefährten auch eingesteckt
werden?“

„Ja, aber ich habe über sie noch keine weiteren Befehle.“

„Was sagt die ‚Myrte‘ dazu?“

„Ich habe es ihr gesagt. Sie sitzt in der Küche und
weint sich die Augen aus.“

„Die Gute! Aber du sprachst von einem Arnauten?“

„Ja. Er war da, noch ehe der Makredsch kam, und
hat mit dem Mutesselim lange Zeit gesprochen. Dann
wurde ich gerufen und gefragt.“

„Wonach?“

„Danach, ob der schwarzrote Effendi auch in der
Wohnung kein Wort rede.“

„Was hast du geantwortet?“

„Ich sagte die Wahrheit. Ich habe den Effendi
noch keine Silbe reden hören.“

„So komm. Wir wollen gehen!“

„Herr, ich soll dich bringen, das ist wahr; aber ich
habe dich lieb. Willst du nicht lieber entfliehen?“

Dieser brave Arnaute war wirklich mein Freund.

„Nein, ich fliehe nicht, Agha; denn ich habe keine
Veranlassung, mich vor dem Mutesselim oder dem Makredsch zu fürchten. Aber ich werde dich bitten, außer
mir noch einen mitzunehmen.“

„Wen?“

„Den Boten, welcher zu mir gekommen ist.“

„Ich will ihn rufen; er ist im Hofe.“

Ich trat unterdessen in die Küche. Dort kauerte
Mersinah am Boden und machte ein so trübseliges Gesicht, daß ich mich wirklich gerührt fühlte.

„Oh, da bist du, Effendi!“ rief sie aufspringend.
„Eile, eile! Ich habe dem Agha befohlen, dich entfliehen
zu lassen.“

„Nimm meinen Dank dafür, Mersinah! Aber ich
werde doch bleiben.“

„Sie werden dich aber einsperren, Herr.“

„Das wollen wir abwarten!“

„Wenn sie es thun, Effendi, so weine ich mich zu
Tode und werde dir die besten Suppen kochen, die es
giebt. Du sollst nicht hungern!“

„Du wirst für mich nichts zu kochen haben, denn man
wird mich nicht einstecken; das versichere ich dir.“

„Emir, du giebst mir das Leben wieder! Aber sie
könnten es doch thun, und dann nehmen sie dir alles ab.
Magst du mir nicht dein Geld zurücklassen und auch die
andern Sachen, welche dir teuer sind? Ich werde dir alles
aufbewahren und kein Wort davon sagen.“

„Das glaube ich dir, du Schutz und Engel dieses
Hauses; aber eine solche Vorsicht ist nicht nötig.“

„So thue, was dir gefällt! Gehe nun, und Allah sei
bei dir mit seinem Propheten, der dich beschützen möge!“

Wir gingen. Als ich über den Platz schritt, bemerkte
ich hinter den Thüren einiger Häuser die Arnauten stehen,
von denen Selim gesprochen hatte. Es war also jedenfalls sehr ernstlich gemeint. Auch vor dem Palaste, im
Flur und auf der Treppe desselben, sogar im Vorzimmer
standen Soldaten. Ich wäre doch beinahe besorgt geworden.

Der Kommandant befand sich nicht allein in seinem
Raume; die zwei Lieutenants saßen am Eingange, und
auch Selim Agha zog sich nicht wieder zurück, sondern
ließ sich nieder.

„Sallam aaleïkum!“ grüßte ich so unbefangen wie
möglich, trotzdem ich mich in der Falle befand.

„Aaleïkum!“ antwortete der Kommandant zurückhaltend und zeigte dabei auf einen Teppich, welcher seitwärts
in seiner Nähe lag.

Ich that, als ob ich diesen Wink nicht gesehen oder
nicht verstanden habe, und ließ mich an seiner Seite nieder,
wo ich ja früher schon gesessen hatte.

„Ich sandte nach dir,“ begann er, „aber du kamst
nicht. Wo bist du gewesen, Effendi?“

„Ich ritt spazieren.“

„Wohin?“

„Vor die Stadt.“

„Was wolltest du da?“

„Mein Pferd ausreiten. Du weißt, ein edles Roß
muß gepflegt werden.“

„Wer war dabei?“

„Hadschi Lindsay-Bey.“

„Der das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?“

„Derselbe.“

„Ich habe vernommen, daß er dieses Gelübde nicht
sehr streng hält.“

„So!“

„Er redet.“

„So!“

„Auch mit dir.“

„So!“

„Ich weiß das gewiß.“

„So!“

Dieses „So!“ brachte den guten Mann einigermaßen
in Verlegenheit.

„Du mußt dies doch auch wissen!“ meinte er.

„Wer hat dir gesagt, daß er spricht?“

„Einer, der ihn gehört hat.“

„Wer ist es?“

„Ein Arnaute, der heute kam, um euch anzuklagen.“

„Was thatest du?“

„Ich sandte nach dir.“

„Warum?“

„Um dich zu vernehmen.“

„Alla illa Allah! Also auf die Anklage eines schurkischen Arnauten hin sendest du zu mir, um mich, den
Emir und Effendi, wie einen eben solchen Schurken zu
behandeln! Mutesselim, Allah segne deine Weisheit, damit
sie dir nicht abhanden komme!“

„Effendi, bitte Gott um deiner eigenen Weisheit
willen, denn du wirst sie brauchen können!“

„Das klingt fast wie eine Drohung!“

„Und dein Wort klang wie eine Beleidigung!“

„Nachdem du mich beleidigt hast. Laß dir etwas
sagen, Mutesselim. Hier in dieser Drehpistole sind sechs
Schüsse und in dieser anderen ebenso viele. Rede, was
du mit mir zu reden hast; aber bedenke, daß ein Emir
aus Germanistan kein Arnaute ist und sich auch nicht mit
einem solchen vergleichen läßt! Wenn mein Gefährte sein
Gelübde nicht hält, was geht es einen Arnauten an? Wo
ist dieser Mann?“

„Er steht in meinem Dienst.“

„Seit wann?“

„Seit lange.“

„Mutesselim, du sprichst die Unwahrheit! Dieser Arnaute stand gestern noch nicht in deinem Dienste. Er ist
ein Mann, von dem ich dir noch mehr erzählen werde.
Wenn Hadschi Lindsay-Bey spricht, so hat er dies mit
seinem Gewissen abzumachen, aber einen andern geht dies
gar nichts an!“

„Du hättest recht, wenn ich von ihm allein nur dieses
wüßte.“

„Was giebt es noch?“

„Er ist der Freund eines Mannes, der mir sehr verdächtig ist.“

„Wer ist dieser Mann?“

„Du selbst bist es!“

Ich that sehr erstaunt.

„Ich! Allah kehrim, Gott ist gnädig; er wird auch
dir barmherzig sein!“

„Du hast zu mir von dem Mutessarif gesprochen und
gesagt, daß er dein Freund sei.“

„Ich sagte die Wahrheit.“

„Es ist nicht wahr!“

„Was! Du zeihst mich der Lüge! So kann meines
Bleibens hier nicht länger sein. Ich werde dir Gelegenheit geben, diese Beleidigung zu vertreten.“

Ich erhob mich und that, als ob ich das Selamlük
verlassen wollte.

„Halt,“ rief der Kommandant. „Du bleibst!“

Ich drehte mich zu ihm um.

„Du befiehlst es mir?“

„Ja.“

„Hast du mir zu befehlen?“

„Hier stehest du unter mir, und wenn ich dir gebiete,
zu bleiben, so wirst du gehorchen!“

„Und wenn ich nicht bleibe?“

„So zwinge ich dich! Du bist mein Gefangener!“

Die beiden Lieutenants erhoben sich; auch Selim Agha
that dies, aber sehr langsam und ungern, wie ich bemerken mußte.

„Dein Gefangener? Was fällt dir ein? Sallam!“

Ich wandte mich wieder nach der Thüre.

„Haltet ihn!“ gebot er.

Die beiden Lieutenants ergriffen mich, einer hüben
und der andere drüben. Ich blieb stehen und lachte erst
dem rechten und dann dem linken in das Angesicht; dann
flogen sie, einer hinter dem andern, über den Raum hinweg und stürzten vor dem Mutesselim zur Erde.

„Da hast du sie, Mutesselim. Hebe sie auf! Ich sage
dir, daß ich gehen werde, wenn es mir beliebt, und keiner
deiner Arnauten soll mich halten! Aber ich werde bleiben,
denn ich habe noch mit dir zu sprechen. Dies thue ich
aber nur, um dir zu beweisen, daß kein Nemtsche einen
Türken fürchtet. Frage also weiter, was du zu fragen
hast!“

Dem guten Manne war ein solcher Widerstand gar
niemals vorgekommen; er war gewohnt, daß ein jeder sich
tief vor ihm beugen müsse, und schien jetzt gar nicht so
recht zu wissen, was er thun solle.

„Ich sagte,“ begann er endlich wieder, „daß du kein
Freund des Mutessarif seist.“

„Du hast doch seinen Brief gelesen.“

„Und du hast gegen ihn gekämpft!“

„Wo?“

„In Scheik Adi!“

„Beweise es!“

„Ich haben einen Zeugen.“

„Laß ihn kommen!“

„Ich werde dir diesen Wunsch erfüllen.“

Auf einen Wink des Mutesselim verließ der Agha
das Zimmer.

In einigen Augenblicken kehrte er mit — dem Makredsch von Mossul zurück. Dieser würdigte mich keines
Blickes, schritt an mir vorüber zu dem Kommandanten,
ließ sich an derselben Stelle nieder, an welcher ich vorher
gesessen hatte, und griff zu dem Schlauche der Wasserpfeife, welche dort stand.

„Ist dies der Mann, von dem du erzähltest, Effendi?“
fragte ihn der Kommandant.

Er warf einen halben, verächtlichen Blick auf mich
und antwortete:

„Er ist es.“

„Siehst du?“ wandte sich der Kommandant zu mir.
„Der Makredsch von Mossul, den du ja kennen wirst, ist
Zeuge, daß du gegen den Mutessarif kämpftest.“

„Er ist ein Lügner!“

Da erhob der Richter die Augen voll zu mir.

„Wurm!“ zischte er.

„Du wirst diesen Wurm bald kennen lernen!“ antwortete ich ruhig. „Ich wiederhole es: Du bist ein Lügner, denn du hast nicht gesehen, daß ich gegen die Truppen des Mutessarif die Waffen gezogen habe!“

„So sahen es andere!“

„Aber du nicht! Und der Kommandant sagte noch,
daß du selbst es gesehen haben willst. Nenne deine Zeugen!“

„Die Topdschis haben es erzählt.“

„So haben auch sie gelogen. Ich habe nicht mit
ihnen gekämpft; es ist kein Tropfen Blutes geflossen. Sie
haben sich und ihre Geschütze ohne alle Gegenwehr ergeben. Und dann, als ihr in Scheik Adi eingeschlossen
wurdet, habe ich den Bey zur Güte und Nachsicht gemahnt,
so daß ihr es nur mir zu verdanken habt, daß ihr nicht
samt und sonders niedergeschossen wurdet. Willst du daraus
den Beweis ziehen, daß ich ein Feind des Mutessarif
sei?“

„Du hast die Geschütze überfallen und weggenommen!“

„Das gestehe ich sehr gern ein.“

„Aber du wirst dich dafür in Mossul verantworten.“

„Oh!“

„Ja. Der Mutesselim wird dich gefangen nehmen
und nach Mossul schicken, dich und alle, welche bei dir sind.
Es giebt nur ein einziges Mittel, dich und sie zu retten.“

„Welches?“

Er gab einen Wink, und die drei Offiziere traten ab.

„Du bist ein Emir aus Frankistan, denn die Nemsi
sind Franken,“ begann nun der Makredsch. „Ich weiß,
daß du unter dem Schutze ihrer Konsuln stehst, und daß
wir dich also nicht töten dürfen. Aber du hast ein Verbrechen begangen, auf welchem die Strafe des Todes steht.
Wir müssen dich über Mossul nach Stambul senden, wo
du dann allerdings ganz gewiß die Strafe erleiden wirst.“

Er machte eine Pause. Es schien ihm nicht leicht zu
werden, jetzt die richtige Wendung zu finden.

„Weiter!“ meinte ich.

„Nun bist du aber ein Schützling des Mutessarif gewesen; auch der Mutesselim hat dich freundlich aufgenommen, und so wollen diese beiden nicht, daß dir ein so
trauriges Los bereitet werde.“

„Allah denke ihrer dafür in ihrer letzten Stunde!“

„Ja! Darum ist es möglich, daß wir von einer Verfolgung dieser Sache absehen, wenn — — —“

„Nun, wenn?“

„Wenn du uns sagst, wie viel das Leben eines Emirs
aus Germanistan wert ist.“

„Es ist gar nichts wert.“

„Nichts? Du scherzest!“

„Ich rede im Ernste. Gar nichts ist es wert.“

„Inwiefern?“

„Weil Allah auch einen Emir zu jeder Minute zu
sich fordern kann.“

„Du hast recht; das Leben steht in Allahs Hand; aber
es ist ein Gut, welches man beschützen und erhalten soll!“

„Du scheinst kein guter Moslem zu sein, denn sonst
würdest du wissen, daß die Wege des Menschen im Buche
verzeichnet stehen.“

„Und dennoch kann der Mensch sein Leben wegwerfen,
wenn er diesem Buche nicht gehorcht. Willst du dieses thun?“

„Nun gut, Makredsch. Wie hoch würdest du dein
eignes Leben schätzen?“

„Wenigstens zehntausend Piaster.“

„So ist das Leben eines Nemtsche grad zehntausendmal mehr wert, nämlich hundert Millionen Piaster. Wie
kommt es, daß ein Türke so sehr tief im Preise steht?“

Er blickte mich verwundert an.

„Bist du ein so reicher Emir?“

„Ja, da ich ein so teures Leben besitze.“

„So meine ich, daß du hier in Amadijah dein Leben
auf zwanzigtausend Piaster schätzen wirst.“

„Natürlich!“

„Und das deines Hadschi Lindsay-Bey ebenso hoch.“

„Ich stimme bei.“

„Und zehntausend für den dritten.“

„Ist nicht zu viel.“

„Und dein Diener?“

„Er ist zwar ein Araber, aber ein tapferer und treuer
Mann, der ebensoviel wert ist, wie jeder andere.“

„So meinst du, daß auch er zehntausend kostet?“

„Ja.“

„Hast du die Summe berechnet?“

„Sechzigtausend Piaster. Nicht?“

„Ja. Habt ihr so viel Geld bei euch?“

„Wir sind sehr reich, Effendi.“

„Wann wollt ihr bezahlen?“

„Gar nicht!“

Es war wirklich spaßig zu sehen, mit welchen Gesichtern die beiden Männer erst mich und dann sich ansahen. Dann fragte der Makredsch:

„Wie meinst du das, Effendi?“

„Ich meine, daß ich aus einem Lande stamme, in
welchem Gerechtigkeit herrscht. Bei den Nemsi ist der
Bettler ebensoviel wert vor dem Richter wie der König.
Und wenn der Padischah der Nemsi sündigt, so wird er
von dem Gesetze bestraft. Keiner kann sein Leben erkaufen,
denn es giebt keinen Richter, der ein Schurke ist. Die
Osmanly aber haben kein anderes Gesetz als ihren Geldbeutel, und darum schachern sie mit der Gerechtigkeit. Ich
kann mein Leben nicht bezahlen, wenn ich verdient habe,
daß es mir genommen wird.“

„So wirst du es verlieren!“

„Das glaube ich nicht. Ein Nemtsche treibt keinen
Handel mit seinem Leben, aber er weiß es zu verteidigen.“

„Effendi, die Verteidigung ist dir unmöglich!“

„Warum?“

„Deine Schuld ist erwiesen, und du hast sie auch
bereits eingestanden.“

„Das ist nicht wahr. Ich habe keine Schuld eingestanden, sondern ich habe nur zugegeben, daß ich euch die
Kanonen fortgenommen habe. Und das ist eine That, die
keine Strafe erhalten wird.“

„Das meinst du nur. Du weigerst dich also, auf unsern Vorschlag der Güte und des Erbarmens einzugehen?“

„Ich brauche kein Erbarmen.“

„So müssen wir dich festnehmen.“

„Versucht es!“

Auch der Kommandant richtete eine wohlgemeinte
Vorstellung an mich; da ich aber nicht auf dieselbe hörte,
so klatschte er in die Hände, und die drei Offiziere erschienen wieder.

„Führt ihn ab!“ gebot er ihnen. „Ich hoffe, Effendi,
daß du dich nicht weigern wirst, mit ihnen zu gehen.
Draußen stehen genug Leute, um jeden Widerstand zu
überwinden. Du sollst es während deiner Haft hier gut
haben und — — —“

„Schweige, Mutesselim!“ unterbrach ich ihn. „Ich
möchte den Mann hier sehen, der das Zeug hätte, mich
zu überwältigen. Euch fünf thut ein Nemtsche in drei
Sekunden ab, und deine fieberkranken Arnauten reißen
vor meinem Blick aus; darauf kannst du dich verlassen!
Daß ich es gut haben würde als Gefangener, versteht sich
ganz von selbst; das gebietet euch ja euer eignes Interesse.
Nach Mossul werde ich nicht geschickt, denn das kann dem
Makredsch nichts nützen; er will bloß, daß ich mich loskaufe, denn er braucht Geld, um über die Grenze zu kommen.“

„Ueber die Grenze?“ fragte der Mutesselim. „Wie
soll ich deine Worte verstehen?“

„Frage ihn selbst!“

Er blickte den Makredsch an, der sich plötzlich verfärbte.

„Was meint er?“ fragte er ihn.

„Ich verstehe ihn nicht!“ antwortete der Beamte.

„Er versteht mich nur zu gut,“ entgegnete ich. „Mutesselim, du hast mich beleidigt; du willst mich gefangen
nehmen; du hast mir einen Antrag gemacht, der sehr
schwere Folgen für dich hätte, wenn ich davon sprechen
wollte. Ihr beide habt mich bedroht; aber jetzt werde ich
die Waffe selbst auch in die Hand nehmen, nachdem ich
gesehen habe, wie weit ihr zu gehen wagt. Weißt du,
wer dieser Mann ist?“

„Der Makredsch von Mossul.“

„Du irrst. Er ist es nicht mehr; er ist abgesetzt.“

„Abgesetzt!“ rief er.

„Mensch!“ rief dagegen der Makredsch. „Ich erwürge dich.“

„Abgesetzt!“ rief der Kommandant noch einmal, halb
erschrocken und halb fragend.

„Ja. Selim Agha, ich sagte dir vorhin, daß ich dir
heute einen Befehl geben werde, dem du Gehorsam leisten
wirst. Jetzt sollst du ihn hören: Nimm den Mann dort
gefangen und stecke ihn in das Loch, in welches ich kommen sollte! Er wird dann nach Mossul geschafft.“

Der gute Agha staunte erst mich an und dann die
beiden andern; aber er rührte natürlich keinen Fuß, um
meinen Worten nachzukommen.

„Er ist wahnsinnig,“ meinte der Makredsch, indem
er sich erhob.

„Du selbst mußt es sein, da du es wagst, nach Amadijah zu kommen. Warum bist du nicht den geraden Weg,
sondern über Mungayschi geritten? Du siehst, daß ich
alles weiß. Hier, Mutesselim, hast du den Beweis, daß
ich das Recht habe, seine Gefangennehmung zu verlangen!“

Ich übergab ihm dasjenige Schreiben, welches an Ali
Bey gerichtet war. Er blickte zunächst nach der Unterschrift.

„Vom Anatoli Kasi Askeri?“

„Ja. Er ist in Mossul und verlangt die Auslieferung dieses Mannes. Lies!“

„Es ist wahr!“ staunte er. „Aber was thut der Mutessarif?“

„Er ist auch abgesetzt. Lies auch dieses andere Schreiben!“

Ich übergab es ihm, und er las es.

„Allah kerihm, Gott sei uns gnädig! Es gehen große
Dinge vor!“

„Sie gehen allerdings vor. Der Mutessarif ist abgesetzt,
der Makredsch ebenso. Willst auch du abgesetzt sein?“

„Herr, du bist ein geheimer Abgesandter des Anatoli
Kasi Askeri oder gar des Padischah!“

„Wer ich bin, das kommt hier nicht in Betracht;
aber du siehst, daß ich alles weiß, und ich erwarte, daß
du deine Pflicht erfüllst.“

„Effendi, ich werde sie thun. Makredsch, ich kann nicht
anders; hier steht es geschrieben; ich muß dich gefangen
nehmen!“

„Thue es!“ antwortete dieser.

Ein Dolch blitzte in seiner Hand, und im Nu war
er durch das Zimmer hinweg, auch an mir vorüber und
zur Thüre hinaus. Wir eilten nach und kamen grad recht,
zu sehen, daß er draußen zu Boden gerissen wurde. Selek,
der mich begleitet hatte, war es, der auf ihm kniete und
ihm den Dolch zu entringen versuchte. Ein Entkommen
war nun allerdings unmöglich. Er wurde entwaffnet und
wieder in das Selamlük zurückgebracht.

„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Kommandant,
auf Selek deutend.

„Es ist der Bote, den mir Ali Bey von Baadri gesandt hat. Er kehrt wieder dorthin zurück, und du magst
ihm erlauben, den Transport zu begleiten. Dann sind wir
sicher, daß der Makredsch nicht entkommen wird. Aber
ich werde dir noch einen Gefangenen übergeben.“

„Wen, Herr?“

„Laß nur den Arnauten kommen, der mich angeklagt
hat!“

„Holt ihn!“ gebot er.

Einer der Lieutenants ging und brachte den Mann,
der eine Wendung der Dinge zu seinen Ungunsten nicht
vermutete.

„Frage ihn einmal,“ sagte ich, „wo er seine Waffen
hat!“

„Wo hast du sie?“

„Sie wurden mir genommen.“

„Wo?“

„Im Schlafe.“

„Er lügt, Mutesselim! Dieser Mann war dem Hadschi Lindsay-Bey von dem Mutessarif mitgegeben worden;
er hat auf mich geschossen und entfloh; dann unterwegs
lauerte er uns auf und gab aus dem Dickicht des Waldes
noch zwei Kugeln auf mich ab, die aber nicht trafen.
Mein Hund hielt ihn fest, aber ich ließ Gnade walten,
vergab ihm und ließ ihn entkommen. Wir nahmen ihm
dabei die Waffen ab, welche mein Khawaß noch besitzt.
Soll ich die Zeugen, daß ich die Wahrheit rede, kommen
lassen?“

„Herr, ich glaube dir! Nehmt diesen Hund gefangen
und schafft ihn in das sicherste Loch, welches sich in dem
Gefängnisse befindet!“

„Herr, befiehlst du mir, den Makredsch gleich mitzunehmen?“ fragte Selim Agha den Kommandanten.

„Ja.“

„Mutesselim, laß ihn zuvor binden,“ erinnerte ich.
„Er hat einen Fluchtversuch gemacht und wird ihn wiederholen.“

„Bindet ihn!“

Sie wurden alle beide abgeführt, und ich blieb mit
dem Kommandanten allein zurück. Dieser war von dem
Ereignisse so angegriffen, daß er sich müde auf den Teppich
fallen ließ.

„Wer hätte das gedacht!“ seufzte er.

„Du allerdings nicht, Mutesselim!“

„Herr, verzeihe mir! Ich wußte ja von diesen
Dingen nichts.“

„Gewiß hat der Arnaute den Makredsch vorher getroffen und sich mit ihm verständigt, sonst hätte er es
nicht gewagt, gegen uns aufzutreten, da wir doch Grund
hatten, ihn bestrafen zu lassen.“

„Er soll auf keinen Menschen wieder schießen! Erlaube, daß ich dir eine Pfeife reiche!“

Er ließ noch ein Nargileh kommen und setzte es mit
eigener Hand in Brand; dann meinte er in beinahe unterwürfigem Tone:

„Emir, glaubst du, daß es mein Ernst war?“

„Was?“

„Daß ich Geld von dir nehmen wollte?“

„Ja.“

„Herr, du irrst! Ich fügte mich in den Willen des
Makredsch und hätte dir meinen Teil zurückgegeben.“

„Aber entfliehen hätte ich dürfen?“

„Ja. Du siehst, daß ich dein Bestes wollte!“

„Das durftest du nicht, wenn die Anklage gegen mich
begründet war.“

„Wirst du weiter daran denken?“

„Nein, wenn du machest, daß ich es vergessen kann.“

„Du sollst nicht wieder daran denken, Emir. Du
sollst es vergessen, wie du bereits ein anderes vergessen
hast.“

„Was?“

„Die Arznei.“

„Ja, Mutesselim, die habe ich allerdings vergessen;
aber du sollst sie noch heute erhalten; das verspreche ich
dir!“

Da kam einer der Diener herein.

„Herr, es ist ein Basch Tschausch draußen,“ meldete er.

„Was will er?“

„Er kommt aus Mossul und sagt, daß seine Botschaft wichtig sei.“

„Schicke ihn herein!“

Der Unteroffizier trat ein und übergab dem Kommandanten ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben; es war das Siegel des Anatoli Kafi Askeri; ich erkannte es sogleich. Er erbrach es und las. Dann gab
er dem Manne den Bescheid, morgen früh die Antwort
abzuholen.

„Herr, weißt du, was es ist?“ fragte er mich dann,
als der Soldat fort war.

„Ein Schreiben des Oberrichters von Anatolien?“

„Ja. Er schreibt mir von der Absetzung des Mutessarif und des Makredsch. Diesen letzteren soll ich, sobald
er sich hier je erblicken lasse, sofort noch Mossul senden.
Ich werde ihn morgen diesem Basch Tschausch mitgeben.
Soll ich in meinem Schreiben etwas von dir erwähnen?“

„Nein. Ich werde selbst schreiben. Aber sende nur
eine genügende Bedeckung mit!“

„Daran soll es nicht fehlen, besonders da noch ein
anderer wichtiger Gefangener mitgehen soll.“

Ich erschrak.

„Welcher?“

„Der Araber. Der Anatoli Kasi Askeri befiehlt es
mir und sagt, daß der Sohn des Scheik als Geisel nach
Stambul gesandt werden solle.“

„Wann geht der Transport ab?“

„Am Vormittage. Ich werde jetzt gleich das Schreiben
beginnen.“

„So darf ich dich nicht länger stören.“

„O Effendi, deine Gegenwart ist mir lieber als alles!“

„Und dein Auge ist mir wie das Auge des besten
Freundes, aber deine Zeit ist kostbar; ich darf sie dir
nicht rauben.“

„Aber morgen früh kommst du?“

„Vielleicht.“

„Du sollst bei dem Abgange des Transportes zugegen sein, um zu sehen, daß meine Sorge an alles denkt!“

„So werde ich kommen. Sallam!“

„Sallam! Allah sei dein Führer!“

Als ich nach Hause kam, tönte mir ein heller Ruf
entgegen:

„Hamdulillah, Effendi, du lebst und bist frei!“

Es war die ‚Myrte‘. Sie nahm mich bei den
Händen und atmete tief auf:

„Du bist ein großer Held. Deine Diener und der
fremde Bote haben es gesagt. Wenn sie dich gefangen
genommen hätten, so hättest du den ganzen Palast erschlagen, und vielleicht gar Selim Agha auch.“

„Ihn nicht, aber die andern alle; darauf kannst du
dich verlassen!“ antwortete ich belustigt.

„Ja. Du bist wie Kelad der Starke. Dein Bart
steht rechts und links wie der Bart eines Panthers, und
deine Arme sind wie die Beine eines Elefanten!“

Das war natürlich bildlich gemeint. Oh Myrte,
welch ein Attentat auf den dunkelblonden Schmuck meines
Gesichtes und auf die liebliche Symmetrie meiner unentbehrlichsten Gliedmaßen! Ich mußte ebenso höflich sein:

„Dein Mund spricht wie der Vers eines Dichters,
Mersinah, und deine Lippen strömen über wie ein Topf
voll süßen Honigs; deine Rede thut wohl, wie das
Pflaster auf eine Beule, und deiner Stimme Klang kann
keiner vergessen, der ihn einmal hörte. Hier, nimm fünf
Piaster, um dir Khol und Henneh zu kaufen für die
Ränder deines Augenlides und die rosigen Nägel deiner
Hand. Mein Herz will sich freuen über dich, damit meine
Seele jung werde und mein Auge sich ergötze an der Anmut deines Ganges!“

„Herr,“ rief sie, „du bist tapferer als Ali, weiser als
Abu Bekr, stärker als Simsah und schöner als Hosseïn,
der Armadener! Befiehl was ich dir braten soll; oder
willst du gekocht und gebacken haben? Ich thue für dich
alles, was du verlangst, denn mit dir ist Freude über
mein Haus gekommen und Segen über die Schwelle
meiner Thüre.“

„Deine Güte rührt mich, oh Mersinah; ich kann sie
nicht vergelten! Aber ich habe weder Hunger noch Durst,
wenn ich den Glanz deiner Augen, die Farbe deiner
Wangen und das liebliche Bild deiner Hände erblicke.
War Selim Agha da?“

„Ja. Er hat mir alles erzählt. Deine Feinde sind
vernichtet. Gehe hinauf und tröste die Deinen, die in
großer Sorge um dich sind!“

Ich ging hinauf.

„Endlich zurück!“ meinte der Engländer. „Große
Sorge!“ Wollten kommen und Euch holen! Glück, daß
Ihr da seid!“

„Du warst in Gefahr?“ fragte auch Mohammed.

„Nicht sehr. Sie ist vorüber. Weißt du, daß der
Mutessarif abgesetzt ist?“

„Von Mossul?“

„Ja, und der Makredsch auch.“

„Also darum ist Selek da?“

„Ja. Hat er dir nichts erzählt, als wir am Nachmittage ausgeritten waren?“

„Nein. Er ist schweigsam. Aber da kann doch
Amad frei werden, denn nur der Mutessarif hat ihn gefangen gehalten!“

„Ich hoffte dies auch, aber es steht schlimmer. Der
Großherr billigt das Vorgehen der Türken gegen euch,
und der Oberrichter von Anatolien hat befohlen, daß dein
Sohn als Geisel nach Stambul gebracht werde.“

„Allah kerihm! Wann soll er fort?“

„Morgen vormittags.“

„Wir überfallen unterwegs seine Begleitung!“

„So lange wir noch Hoffnung haben, ihn durch List
frei zu bekommen, so lange soll kein Menschenleben beschädigt werden.“

„Aber wir haben nur noch die Zeit von einer Nacht!“

„Diese Zeit ist lang genug.“

Dann wandte ich mich an den Engländer:

„Sir, ich brauche Wein für den Mutesselim.“

„Wäre Wein wert, dieser Kerl! Mag Wasser trinken!
Kaffee, Lindenblüten, Baldrian und Buttermilch!“

„Er hat mich um Wein gebeten!“

„Schlingel! Darf doch keinen trinken! Ist Mohammedaner!“

„Die Moslemin trinken ihn ebenso gern wie wir.
Ich möchte uns sein Wohlwollen erhalten, solange wir
es brauchen.“

„Schön! Soll Wein haben! Wie viel?“

„Ein Dutzend. Ich gebe die Hälfte und Ihr die andere.“

„Pshaw! Kaufe nicht halben Wein. Hier Geld!“

Er reichte mir die Börse hin, ohne daß es ihm einfiel,
zu bemerken, wie viel ich ihr entnahm. Er war ein Gentleman und ich ein armer Teufel.

„Wie ist's?“ fragte er. „Retten wir Amad?“

„Ja.“

„Heute?“

„Ja.“

„Wie?“

„Ich gehe mit Selim Agha Wein trinken und
suche — — —“

„Trinkt auch Wein?“ unterbrach er mich.

„Leidenschaftlich.“

„Schöner Muselmann! Verdient Prügel!“

„Grad diese Geschmacksrichtung aber giebt uns Vorteile. Er wird einen Rausch bekommen und dann nehme
ich ihm unbemerkt den Gefängnißschlüssel fort. Ich lasse
den Araber heraus zu seinem Vater, wo er sich umkleidet.
Dann führt ihn Halef nach der Villa, die Ihr für ihn
gebaut habt.“

„Well! Sehr schön! Was thue ich dabei?“

„Zunächst aufpassen. Wenn ich ihn bringe, so gebe
ich da drüben an der Ecke ein Zeichen. Ich werde wie
ein Rabe krächzen, der aus dem Schlafe gestört worden
ist. Dann eilt Halef hinunter, um die Thüre zu öffnen
und die Wirtin in der Küche festzuhalten. Ihr geht mit
Mohammed an die Treppe und empfangt Amad, um ihn
empor zu führen. Er zieht sich an, und ihr wartet, bis
ich nach Hause komme.“

„Ihr geht wieder fort?“

„Ja. Ich muß zu Selim Agha, um keinen Verdacht
zu erregen und ihm den Schlüssel wieder zuzustecken.“

„Schwere Sache für Euch! Wenn Ihr nun ertappt
werdet?“

„Ich habe eine Faust und, wenn das zu wenig sein
sollte, auch Waffen. Jetzt aber laßt uns in Gemeinschaft
zu Abend essen.“

Während des Mahles wurde auch Mohammed genau
instruiert. Halef brachte den Wein und mußte ihn gut
verpacken.

„Den trägst du jetzt zum Mutesselim,“ sagte ich ihm.

„Will er ihn trinken, Sihdi?“ fragte er erstaunt.

„Er soll ihn verwenden, wozu er ihn braucht. Du
giebst das Paket an keinen andern Menschen als nur
an ihn und sagst, daß ich hier die Medizin sende. Und
höre! Wenn ich dann mit Selim Agha fortgehe, so gehest
du uns heimlich nach und merkst dir das Haus, in welches
wir treten, aber genau! Und sollte ich irgendwie gebraucht
werden, so kommst du, mich zu holen.“

„Wo werde ich dich in dem Hause finden?“

„Du gehst im Flur von der Thüre aus ungefähr
acht Schritte gradaus und pochest dann rechts an eine
Thüre, hinter welcher ich mich befinde. Sollte der Wirt
dich sehen, der ein Jude ist, so sagest du, daß du den
fremden Emir suchest, der aus dem Kruge trinkt. Verstehest du?“

Er ging mit seinem Pakete fort.

Mohammed Emin befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Ich hatte ihn selbst damals, als es
im Thale der Stufen galt, seine Feinde gefangen zu nehmen,
nicht so gesehen. Er hatte alle seine Waffen angethan
und auch die Flinte neu geladen. Ich konnte nicht darüber lächeln. Ein Vaterherz ist eine heilige Sache; ich
hatte ja auch einen Vater daheim, der oft für mich der
Sorgen und Entbehrungen genug getragen hatte, und
konnte also das begreifen.

Endlich kam Selim Agha von dem Mutesselim zurück.
Er verzehrte in der Küche sein Abendbrot, und dann
gingen wir heimlich zum Juden. Selim Agha hatte die
Wirkung des starken Weines zur Genüge kennen gelernt
und nahm sich daher sehr in acht. Er trank nur in
kleinen Schlückchen und auch sehr langsam.

Wir mochten bereits dreiviertel Stunden beim Weine
sitzen, und noch immer zeigte derselbe keine andere Wirkung
auf den Agha, als dieser stiller und träumerischer wurde und
sich sinnend in seine Ecke lehnte. Schon stand ich im Begriff,
ihn zum Austrinken zu nötigen und zwei neue Krüge
bringen zu lassen, als es draußen an die Thüre pochte.

„Wer ist das?“ frug der Agha.

„Das muß Halef sein.“

„Weiß er, wo wir sind?“

„Ja.“

„Effendi, was hast du gethan!“

„Aber er weiß nicht, was wir thun.“

„Laß ihn nicht herein!“

Wie gut, daß ich Halef aufmerksam gemacht hatte!
Daß er kam, um mich zu holen, war mir Beweis, daß
etwas Besonderes passiert sei. Ich öffnete von innen und
trat hinaus auf den Flur.

„Halef!“

„Sihdi, bist du es?“

„Ja. Was ist's?“

„Der Mutesselim ist gekommen.“

„Das ist schlimm; das kann uns das ganze Werk
verderben. Gehe. Wir kommen gleich nach. Aber bleibe
stets an der Thüre meines Zimmers, damit ich dich sofort
habe, wenn ich dich brauche!“

Ich trat wieder in den kleinen Raum zurück.

„Selim Agha, es war dein Glück, daß ich dem Hadschi sagte, wo wir sind. Der Mutesselim ist bei dir und
wartet auf dich.“

„Allah illa Allah! Komm schnell, Effendi!“ Was
will er?“

„Halef wußte es nicht.“

„Es muß wichtig sein. Eile!“

Wir ließen den Wein stehen und schritten mit schnellen
Schritten unserer Wohnung zu.

Als wir heim kamen, saß der Kommandant auf meinem
Ehrenplatze in meiner Stube, ließ sich von der roten
Papierlaterne magisch beleuchten und sog an meinem Nargileh. Er war, als er mich erblickte, so höflich, sich zu
erheben.

„Ah, Mutesselim, du hier in meiner Wohnung!
Allah segne deinen Eintritt und lasse es dir wohlgefallen
an meiner Seite!“

Im stillen aber hatte ich allerdings einen nicht ganz
mit dieser höflichen Phrase übereinstimmenden Wunsch.

„Emir, verzeihe, daß ich zu dir heraufstieg. Die
Wirtin dieses Hauses, der Allah ein Gesicht gegeben hat
wie keiner zweiten, wies mich herauf. Ich wollte mit
Selim Agha reden.“

„So erlaube, daß ich mich wieder entferne!“

„Jetzt war er gezwungen, mich zum Hierbleiben aufzufordern, wenn er nicht ganz und gar gegen alle türkische
Bildung verstoßen wollte.

„Bleib, Emir, und setze dich. Auch Selim Agha mag
sich setzen; denn was ich von ihm verlange, das darfst du
wissen.“

Jetzt mußten die Reservepfeifen her. Während des
Anzündens beobachtete ich den Kommandanten scharf. Das
rote Licht der Laterne ließ mich sein Gesicht nicht genau
erkennen, aber seine Stimme schien mir jenen Klang zu
besitzen, welcher dann zu hören ist, wenn die Zunge ihre
gewöhnliche Leichtigkeit zu verlieren beginnt.

„Was meinest du, Effendi? Ist der Makredsch ein
wichtiger Gefangener?“

„Ich meine es.“

„Ich auch. Darum macht mir der Gedanke, daß es
ihm vielleicht gelingen könnte, zu entkommen, schwere Sorge.“

„Er ist doch sicher eingeschlossen!“

„Ja. Aber das ist nicht genug für mich. Selim
Agha, ich werde diese Nacht nicht schlafen und zwei- oder
dreimal nach dem Gefängnisse gehen, um mich zu überzeugen, daß er wirklich in seinem Loche ist.“

„Herr, ich werde das an deiner Stelle thun!“

„Dann siehst du ihn wohl, aber ich nicht, und ich
kann dennoch nicht schlafen. Ich werde selbst gehen. Gieb
mir den Schlüssel!“

„Weißt du, Herr, daß du mich kränkst?“

„Ich will dich nicht kränken, sondern ich will mich
beruhigen. Der Anatoli Kasi Askeri ist ein sehr strenger
Mann. Ich würde die seidene Schnur bekommen, wenn
ich den Gefangenen entkommen ließe.“

Da war ja die Ausführung unseres Planes ganz
und gar unmöglich gemacht! Gab es keine Hilfe? Ich war
schnell entschlossen. Entweder Wein oder Gewalt! Während der Agha seinem Vorgesetzten noch Vorstellungen
machte, erhob ich mich und trat hinaus auf den Korridor,
wo Halef stand.

„Bringe vom allerbesten Tabak, und hier hast du
Geld; gehe in das Haus, wo du mich geholt hast, und
verlange von dem Juden solchen Wein von Türbedi Haidari, wie ich vorhin getrunken habe.“

„Wie viel soll ich bringen?“

„Ein Gefäß, in welches zehn Krüge gehen von der
Sorte, die der Jude hat. Er wird dir ein solches Gefäß
borgen.“

„Bringe ich das Getränk des Teufels in das Zimmer
hinein?“

„Nein. Ich hole es aus deiner Stube. Aber der
Baschi-Bozuk darf nichts wissen. Gieb ihm dieses Bakschisch. Er mag ausgehen und so lange bleiben, als es
ihm beliebt. Er kann ja zur Wache gehen, um sich dem
Basch Tschausch zu zeigen, mit dem er morgen reisen wird.
So werden wir ihn los!“

Als ich wieder eintrat, reichte der Agha dem Kommandanten grad den Schlüssel hin. Dieser steckte ihn in
seinen Gürtel und sagte zu mir:

„Weißt du, daß der Makredsch widersetzlich gewesen ist?“

„Ja. Er hat erst den Agha bestechen wollen und
ihm dann gar nach dem Leben getrachtet.“

„Er wird es büßen!“

„Und,“ fügte Selim bei, „als ich ihn aufforderte,
seine Taschen zu leeren, that er es nicht.“

„Was hatte er darin?“

„Viel Geld!“

„Emir, wem gehört dieses Geld?“ fragte mich der
Kommandant lauernd.

„Du hast es in Empfang zu nehmen.“

„Das ist richtig. Laß uns gehen!“

„Mutesselim, du willst mich verlassen?“ fragte ich.
„Willst du mich beleidigen?“

„Ich bin dein Besuch, aber nicht dein Gast!“

„Ich habe nicht gewußt, daß du kommst. Erlaube
mir, dir eine Pfeife zu stopfen, wie man sie hier selten
raucht.“

Eben trat Halef ein und brachte den Tabak; es war
Master Lindsays Sorte; der Kommandant fand sie sicher
gut. Uebrigens war ich sehr fest entschlossen, daß er ohne
meinen Willen meine Stube nicht verlassen solle. Doch,
es kam glücklicherweise nicht zum Aeußersten, denn er
nahm die Pfeife an. Aber im Laufe der ferneren Unterhaltung merkte ich, daß seine Augen sehr erwartungsvoll
an der Thüre hingen. Er wollte Kaffee haben. Deshalb
erkundigte ich mich:

„Hast du die Medizin erhalten, Herr?“

„Ja. Ich danke dir, Effendi!“

„War es genug?“

„Ich habe noch nicht gezählt.“

„Und sie auch noch nicht gekostet?“

„Ein wenig.“

„Wie war sie?“

„Sehr gut. Aber ich habe gehört, daß es auch ganz
süße giebt!“

Der gute Agha wußte sehr genau, wovon die Rede
war. Er schmunzelte lüstern und blickte mich mit verführerisch blinzelnden Augen an.

„Es giebt ganz süße,“ antwortete ich.

„Aber sie ist selten?“

„Nein.“

„Und heilsam?“

„Sehr. Sie gleicht der Milch, die aus den Bäumen
des Paradieses fließt.“

„Aber in Amadija giebt es keine?“

„Ich kann welche bereiten, überall, auch in Amadijah.“

„Und wie lange dauert es, bis sie fertig ist?“

„Zehn Minuten. Willst du so lange warten, so sollst
du den Trank des Paradieses schmecken, der Mohammed
von den Houris gereicht wird.“

„Ich warte!“

Seine Augen leuchteten sehr vergnügt, noch vergnügter
aber die Augen des würdigen Selim Agha. Ich verließ
das Zimmer und benutzte die angegebene Pause, um zu
Mohammed Emin zu gehen.

„Emir, nun ist es aus!“ empfing mich dieser.

„Nein, sondern nun geht es an!“

„Aber du erhältst nun den Schlüssel nicht!“

„Vielleicht brauche ich ihn gar nicht. Harre nur geduldig aus.“

Auch Lindsay kam geschlichen.

„Von meinem Tabak geholt! Wer raucht ihn?“

„Der Kommandant.“

„Sehr gut! Trinkt meinen Wein, raucht meinen
Tabak! Ausgezeichnet!“

„Warum sollte er nicht?“

„Mag zu Hause bleiben! Flucht nicht stören!“

„Vielleicht befördert er sie. Ich habe nach Wein geschickt.“

„Wieder?“

„Ja. Nach persischem. Reißt einen Elefanten nieder.
Süß wie Honig und stark wie ein Löwe!“

„Well! Trinke auch persischen!“

„Habe dafür gesorgt, daß für euch auch da ist. Ich
werde die beiden Leute lustig machen, und dann werden
wir sehen, was zu thun ist.“

Nun ging ich in die Küche und ließ Feuer machen.
Ehe es ordentlich brannte, kam Halef zurück. Er brachte
ein großes Gefäß des gefährlichen Trankes. Ich setzte
einen Topf voll davon über das Feuer und empfahl ihn
der Fürsorge Mersinahs. Dann kehrte ich zum Engländer
zurück.

„Hier ist Perser! Aber gebt Gläser her; sie sind bei
Euch.“

Als ich in meine Stube trat, blickten mir die beiden
Türken erwartungsvoll entgegen.

„Hier bringe ich die Medizin, Mutesselim. Koste sie
zunächst, da sie kalt ist. Dann sollst du auch sehen, wie
sie das Herz begeistert, wenn man sie heiß genießt.“

„Sage mir ganz genau, Effendi, ob es Wein ist oder
Medizin!“

„Dieser Trank ist die beste Medizin, die ich heute
kenne. Trinke sie und sage mir, ob sie nicht deine Seele
erfreut!“

Er kostete und kostete abermals. Ueber seine scharfen,
aber matten Züge legte sich ein Schein der Verklärung.

„Hast du selbst diesen Trank erfunden?“

„Nein, sondern Allah giebt ihn denen, die er am
liebsten hat.“

„So meinst du, daß er uns lieb hat?“

„Gewiß.“

„Von dir weiß ich es, daß du ein Liebling des Propheten bist. Hast du noch mehr von diesem Tranke?“

„Hier. Trinke aus!“

Ich schenkte wieder ein.

Seine Augen funkelten noch vergnügter als vorher.

„Effendi, was ist Ladakia, Djebeli und Tabak von
Schiras gegen diese Arznei! Sie ist besser als der feinste
Duft des Kaffees. Willst du mir das Rezept geben, wie
sie bereitet wird?“

„Erinnere mich daran, so werde ich es aufschreiben,
noch ehe ich Amadijah verlasse. Aber hier steht der Krug.
Trinkt! Ich muß hinab zur Küche, um die andere Arznei
zu bereiten.“

Ich ging mit Vorbedacht sehr leise zur Treppe hinab
und öffnete unhörbar die Küchenthüre ein wenig. Richtig!
Da stand die ‚Myrte‘ vor meinem Topfe und schöpfte mit
einer kleinen türkischen Kaffeetasse den jetzt bereits ziemlich
heißen Wein unaufhaltsam zwischen ihre weit geöffneten
Lippen, welche nach jeder Tasse mit einem herzlich schmatzenden Laute zusammenklappten.

„Mersinah, verbrenne deine Zähne nicht!“

Sie fuhr erschrocken herum und ließ die Tasse fallen.

„O, Sihdi, es war ein Oerümdschek in den Topf
gelaufen, und den wollte ich wieder herausfischen!“

„Und diese Spinne hast du dir in den Mund gegossen?“

„Nein, Effendi, sondern nur das Wenige, was an
der Spinne hängen geblieben ist.“

„Gieb mir den kleinen Topf von da unten herauf!“

„Hier, Emir!“

„Fülle ihn dir mit diesem Tranke!“

„Für wen?“

„Für dich.“

„Was ist es, Emir?“

„Es ist die Arznei, welche ein persischer Hekim erfunden hat, um das Alter wieder jung zu machen. Wer genug
davon trinkt, dem ist die Seligkeit gegeben, und wer davon
trinkt, ohne jemals aufzuhören, der hat das ewige Leben!“

Sie dankte mir in blühenden Ausdrücken, und ich trug
das übrige nach oben. Die beiden Trinker waren trotz
ihres Rangunterschiedes sehr nahe zusammengerückt und
schienen sich ganz angenehm unterhalten zu haben.

„Weißt du, Effendi, worüber wir streiten?“ fragte
mich der Kommandant.

„Ich hörte es ja nicht!“

„Wir stritten, wessen System am meisten leiden muß,
das seinige oder das meinige. Wer hat recht?“

„Das will ich euch sagen: Wem die Arznei die größte
Hilfe bringt, dessen System hat am meisten gelitten.“

„Deine Weisheit ist zu groß, als daß wir sie begreifen könnten. Was hast du in diesem Topfe?“

„Das ist Itschki itschkilerin, denn ihm kommt kein
anderer gleich.“

„Und du willst, daß wir ihn probieren sollen?“

„Wenn du es wünschest, so schenke ich dir davon ein.“

„Gieb mir!“

„Mir auch, Effendi,“ bat der Agha.

Sie hatten beide bereits das, was der Spiro-Zoologe
einen „Käfer“ zu nennen pflegt, ja, es schien bereits ein
bedeutender Hirschkäfer zu sein, der alle Anlagen zeigte,
sich nach und nach in einen bekannten Vierhänder zu verwandeln. Es war nur heißer Wein, ohne alles Gewürz,
den sie jetzt kosteten, aber er brachte sie dem „Seid umschlungen, Millionen!“ sehr nahe; sie tranken bereits nur
noch aus einem Glase, und der Mutesselim wischte sogar seinem Agha einmal den Bart ab, als einige Tropfen
der herrlichen Arznei sich in den Wald desselben verlaufen
hatten. Die dabei geführte Unterhaltung war diejenige
zweier Personen, die im „edlen Kampfe voller Humpen“
noch vollständige Laien sind: närrisch und kauderwelsch.
Selbst ich, der ich nur that, als ob ich trinke, wurde in
Mitleidenschaft gezogen; denn der Mutesselim umarmte
mich ein über das andere Mal, und der Agha hielt traulich seinen Arm um meinen Nacken geschlungen.

Da erhob sich einmal der letztere, um eine neue Lampe
für die rote Laterne zu holen. Er kam ganz glücklich in
die Höhe, dann aber streckte er die Arme zuckend aus und
trillerte unsicher mit den Knieen wie einer, der zum erstenmal Schlittschuhe läuft.

„Was ist dir, Agha?“ fragte der Kommandant.

„O, Herr, ich bekomme das Baldyr tschekmisch. Ich
glaube, ich muß mich wieder setzen!“

„Setze dich! Ich werde dir helfen!“

„Kennst du ein Mittel?“

„Ein sehr gutes. Setze dich!“

Der Agha nahm wieder Platz. Der Kommandant
richtete sich ein wenig empor und erkundigte sich mit liebevoller Herablassung:

„In welcher Wade hast du den Krampf?“

„In der rechten.“

„Gieb mir einmal das Bein!“

„Der Agha streckte es ihm hin, und sein Vorgesetzter
begann, an demselben mit allen Kräften zu zerren und zu
ziehen.

„O jazik — o wehe, Herr; ich glaube, daß es doch
in der linken ist!“

„So gieb diese her!“

Selim reichte ihm sein anderes Vehikel hin, und der
Helfer in der Not zog aus Leibeskräften. Es war komischrührend, zu sehen, daß dieser hochgestellte Beamte, der
gewohnt war, sich auch im Allerkleinsten bedienen zu lassen,
seinem Untergebenen mit so brüderlicher Bereitwilligkeit
die Wade zog und klopfte.

„Gut! Ich glaube, es ist nun weg!“ sagte der Agha.

„So stehe einmal auf und probiere es!“

Selim erhob sich und gab sich dieses Mal Mühe. Er
stand kerzengrad. Aber mit dem Gehen! Ich sah es ihm
an, daß es ihm war wie einem flüggen Vogel, der sich
zum erstenmal der unsicheren Luft anvertrauen will.

„Laufe einmal!“ gebot der Mutesselim. „Komm; ich
werde dich unterstützen!“

Er wollte sich mit der gewohnten Schnelligkeit aufrichten, verlor aber die Balance und kam sehr schnell in
seine vorige Stellung zurück. Aber er wußte sich zu helfen. Er legte seine Hand auf meine Achsel und stand auf.
Dann machte er die Beine breit, um eine festere Stellung
zu bekommen, und starrte ganz verwundert auf die rote
Lampe.

„Emir, deine Lampe fällt herab!“

„Ich glaube, sie hängt fest!“

„Sie fällt, und das Papier brennt an. Ich sehe schon
die Flammen zucken!“

„Ich sehe nichts!“

„Maschallah! Ich sehe sie fallen, und dennoch bleibt
sie oben! Wackele nicht so, Selim Agha, sonst wirst du
umstürzen!“

„Ich wackele nicht, Effendi!“

„Ich sehe es sehr genau!“

„Du selbst wackelst, Herr!“

„Ich? Agha, mir wird es sehr bange um dein System.
Deine Nerven schieben dich hin und her, und die Verdauung ist dir in die Beine gesunken. Du schüttelst die
Arme und schlingerst mit dem Kopfe, als ob du schwimmen wolltest. O, Selim Agha, diese Medizin war zu
herrlich und zu stark für dich. Sie wird dich zu Boden
werfen!“

„Herr, du irrst! Was du mir sagst, das ist mit dir
der Fall. Ich sehe deine Füße tanzen und deine Arme
hüpfen. Dein Kopf dreht sich rund herum. Effendi, du bist
sehr krank. Allah möge dir Hilfe senden, daß das System
deines Blutes nicht ganz und gar zu Grunde gehe!“

Das war dem Mutesselim denn doch zu viel. Er
machte eine Faust und drohte:

„Selim Agha, nimm dich in acht! Wer da sagt, daß
mein System nicht in Ordnung sei, den lasse ich peitschen
oder einstecken! Wallah! Habe ich denn den Schlüssel zu
mir gesteckt?“

Er fuhr sich nach dem Gürtel und fand das Gesuchte.

„Agha, mache dich auf und begleite mich! Ich werde
jetzt das Gefängnis untersuchen. Emir, deine Medizin ist
wirklich wie die Milch des Paradieses; aber sie hat deinen
Magen umgedreht; du willst immer mit dem Kopfe nach
unten. Erlaubst du, daß wir gehen?“

„Wenn es dein Wille ist, den Gefangenen zu besuchen, so darf ich dich in der Erfüllung deiner Pflicht
nicht hindern.“

„So gehen wir. Wir danken dir für das Gute, das
du uns heute schmecken ließest. Wirst du bald wieder
Medizin bereiten?“

„Sobald du es wünschest.“

„Die heiße ist noch besser als die kalte, aber sie geht
dem Menschen durch Mark und Bein und schiebt ihm
die Knochen ineinander. Allah behüte dich und gebe dir
eine gute Ruhe!“

Er ging auf den Agha zu und nahm ihn beim Arme.

Sie gingen ab und ich folgte ihnen. An der Treppe
blieben sie stehen.

„Selim Agha, steige du zuerst hinunter!“

„Herr, diese Ehre gebührt ja dir!“

„Ich bin nicht stolz; das weißt du ja.“

Der Agha setzte, während er sich mit den Händen anhielt, einen Fuß um den andern sehr vorsichtig auf die
Stufen. Der Mutesselim folgte ihm. Es wollte nicht recht
sicher bei ihm gehen, zumal ihm die Treppe unbekannt war.

„Effendi, bist du noch da?“ fragte er.

„Ja.“

„Weißt du, daß es Sitte ist, seine Gäste bis vor die
Thüre zu begleiten?“

„Ich weiß es.“

„Aber du begleitest mich ja nicht!“

„So erlaube, daß ich es thue!“

Ich nahm ihn beim Arme und stützte ihn. Nun ging
es besser. Unten vor der Thüre blieb er stehen, um tief
Atem zu holen.

„Emir, dieser Makredsch ist eigentlich auch dein Gefangener,“ meinte er.

„Wenn man es recht betrachtet, ja.“

„So mußt du dich auch überzeugen, ob er noch da ist!“

„Ich werde euch begleiten.“

„So komm, gieb mir deinen Arm!“

„Du hast zwei Arme, Effendi,“ meinte der Agha;
„gieb mir den andern!“

Die beiden Männer hingen schwer an mir, aber ihr
Rausch befand sich doch noch immer innerhalb desjenigen
Stadiums, in welchem man noch leidlich Herr seiner selbst
ist. Ihr Gang war unsicher, doch kamen wir rasch vorwärts. Die Gassen lagen finster und öde da. Kein Mensch
begegnete uns.

„Deine Arnauten werden erschrecken, wenn ich komme,“
sagte der Mutesselim zum Agha.

„Und ich mit dir!“ brüstete sich dieser.

„Und ich mit euch!“ vervollständigte ich.

„Ist der Araber noch da?“

„Herr, glaubst du, ich lasse solche Leute ausreißen?“
fragte Selim Agha sehr beleidigt.

„Ich werde auch nach ihm sehen. Hat er auch Geld
gehabt?“

„Nein.“

„Wie viel denkst du, daß der Makredsch bei sich hat?“

„Ich weiß es nicht.“

„Er muß es hergeben. Aber, Selim, deine Arnauten
sollten dann eigentlich nicht dabei sein.“

„So gebiete ich ihnen, fortzugehen.“

„Und wenn sie lauschen?“

„Ich riegele sie ein.“

„Gut. Aber wenn wir fort sind, werden sie mit dem
Gefangenen reden.“

„Sie bleiben eingeriegelt.“

„So ist es richtig. Dieses Geld gehört in die Kasse
des Mutesselim, welcher dem Agha der Arnauten ein sehr
gutes Bakschisch giebt.“

„Wie viel, Herr?“

„Das kann ich jetzt noch nicht wissen, denn ich muß
erst sehen, wie viel er bei sich führt.“

Wir kamen bei dem Gefängnisse an.

„Schließe auf, Selim Agha!“

„Herr, du selbst hast doch den Schlüssel!“

„Ja, richtig!“

Er langte in den Gürtel und zog den Schlüssel hervor, um zu öffnen. Er probierte und probierte, fand aber
das Schlüsselloch nicht.

Darauf hatte ich allerdings gerechnet. Darum bat ich:

„Erlaube, Effendi, daß ich dir öffne!“

Ich nahm den Schlüssel aus seiner Hand, machte
auf, zog ihn wieder ab, trat in den Flur und steckte den
Schlüssel von innen wieder in das Schloß.

„Tretet ein. Ich werde wieder verschließen!“

Sie kamen herein. Ich that, als ob ich zuschließen
wolle, drehte aber den Schlüssel schnell wieder zurück und
versuchte scheinbar, ob auch wirklich fest zugeschlossen sei.

„Es ist zu. Hier hast du deinen Schlüssel, Mutesselim!“

Er nahm ihn. Da kamen aus der hintern Zelle und
auch von oben die Arnauten herbei, mit den Lampen in
der Hand.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte der Mutesselim mit
Würde.

„Ja, Herr.“

„Ist keiner entwischt?“

„Nein.“

„Auch der Araber nicht?“

„Nein.“

„Aber der Makredsch?“

„Auch nicht,“ antwortete der Sergeant bei diesem
geistreichen Verhöre.

„Das ist euer Glück, ihr Hunde. Ich hätte euch totpeitschen lassen. Packt euch hinauf in eure Stube! Selim
Agha, schließe sie ein!“

„Emir, willst du es nicht thun?“ fragte mich dieser.

„Gern!“

Das war mir lieb. Der Agha nahm eine der Lampen, und ich führte die Leute nach oben.

„Warum werden wir eingeschlossen, Herr?“ fragte
der Sergeant.

„Die Gefangenen werden verhört.“

Ich ließ sie in ihre Zelle treten und schob die Riegel
vor, dann stieg ich wieder die Treppe hinab. Da der
Kommandant und der Agha bereits nach hinten gingen,
lag die Außenthüre im Dunkeln. Ich huschte hin und
öffnete sie, so daß sie nur angelehnt blieb. Dann schritt
ich schnell den beiden nach.

„Wo liegt er?“ hörte ich den Mutesselim fragen.

„Hier.“

„Und wo liegt der Haddedihn?“ fragte ich, um dem
Oeffnen der andern Thüre zuvorzukommen; denn ich mußte
darauf sehen, daß bei dem Araber zuerst aufgemacht wurde.

„Hier hinter der zweiten Thüre.“

„So mache einmal auf!“

Der Kommandant schien mit meinem Verlangen einverstanden zu sein. Er nickte mit dem Kopfe, und nun
machte Selim auf.

Der Gefangene hatte unser lautes Kommen gehört und
stand aufrecht in seinem Loche. Der Mutesselim trat näher.

„Du bist Amad, der Sohn von Mohammed Emin?“

Er erhielt keine Antwort.

„Kannst du nicht reden?“

Es erfolgte dasselbe Schweigen.

„Hund, man wird dir den Mund zu öffnen wissen!
Morgen wirst du fortgeschafft!“

Amad sprach keine Silbe, hielt aber das Auge auf
mich gerichtet, um sich keine meiner Mienen entgehen zu
lassen. Ich gab ihm durch ein schnelles Aufziehen und
Sinkenlassen der Brauen zu verstehen, daß er aufmerken
solle; dann schob Selim die Riegel wieder vor.

Jetzt wurde die andere Thüre geöffnet. Der Makredsch
stand an die Mauer gelehnt. Sein Auge war erwartungsvoll auf uns gerichtet.

„Makredsch, wie gefällt es dir?“ fragte der Kommandant ein wenig ironisch, wohl infolge des Weines.

„Wollte doch Allah, daß du an meiner Stelle wärest!“

„Das wird der Prophet verhüten! Dein Schicksal
ist ein sehr schlimmes?“

„Ich fürchte mich nicht!“

„Du hast den Agha hier ermorden wollen.“

„Er ist es wert!“

„Hast ihn bestechen wollen.“

„Er ist die Dummheit selbst!“

„Hast ihn gleich bezahlen wollen.“

„Der Kerl verdiente, gehängt zu werden!“

„Vielleicht wären deine Wünsche zu erfüllen,“ meinte
der Kommandant mit schlauer Miene. Infolge des Weingenusses und vor Erwartung der hoffentlichen Beute
strahlte sein Angesicht.

„Wie?“ zuckte der Makredsch auf. „Sprichst du im
Ernste?“

„Ja.“

„Du willst mit mir handeln?“

„Ja.“

„Wie viel wollt ihr haben?“

„Wie viel hast du bei dir?“

„Mutesselim, ich brauche Reisegeld!“

„Wir werden so billig sein, es dir zu lassen.“

„Gut, so wollen wir verhandeln. Aber nicht in
diesem Loche!“

„Wo sonst?“

„In einem Raume, der für Menschen, nicht aber für
Ratten ist.“

„So komm herauf!“

„Gebt mir die Hand!“

„Selim Agha, thue es!“ meinte der Kommandant,
der seinem Gleichgewichte nicht zu trauen schien.

Dem Agha aber kam ganz dasselbe Bedenken, denn
er gab mir einen Stoß in die Seite und ermahnte mich:

„Effendi, thue du es!“

Ich streckte also, um die Sache nicht zu verzögern,
meinen Arm aus, faßte den Makredsch bei der Hand und
zog ihn heraus.

„Wohin soll er?“ fragte ich.

„In die Wächterzelle,“ antwortete der Kommandant.

„Soll ich diese Thüre auflassen oder — — —?“

„Lehne sie nur an!“

„Ich machte mir mit der Thüre zu schaffen, um die
drei erst in die Zelle eintreten zu lassen, aber das ging
nicht; der Kommandant wartete auf mich. Ich mußte
also an etwas anderes denken.

Voran trat der Makredsch ein, hinter ihm der Kommandant mit der Lampe, dann der Agha und endlich ich.
In dem Augenblicke, in welchem diese Ordnung aufgelöst
wurde, genügte ein schneller, bei dem Agha vorüber
geführter Stoß meiner Hand an den Ellenbogen des
Kommandanten, um diesem die Lampe aus der Hand zu
werfen.

„Agha, was thust du?“ rief dieser.

„Ich war es nicht, Herr!“

„Du stießest mich! Nun ist es finster. Schaffe eine
andere Lampe!“

„Ich werde sie von den Arnauten holen,“ meinte ich
und verließ die Zelle. Ich verschloß sie, trat an die
Thüre der Nachbarzelle und schob leise die Riegel zurück.

„Amad el Ghandur!“

„Herr, bist du es?“

„Ja. Komme schnell herauf.“

Er stieg mit meiner Hilfe empor, und ich schob den
Riegel wieder vor.

„Sprich nicht, sondern eile sehr!“ flüsterte ich.

Ich faßte ihn, führte ihn rasch an die Außenthüre
des Gefängnisses, trat mit ihm hinaus und zog die Thüre
wieder heran.

Die frische Luft trieb ihn fast zurück. Er war sehr
schwach.

Ich nahm ihn wieder bei der Hand; im Fluge ging
es fort, um zwei Ecken hinum, und bei der dritten hielten
wir. Seine Lungen atmeten laut.

„Fasse dich! Dort ist meine Wohnung, und dort ist
auch dein Vater.“

Ich stieß das verabredete Krächzen aus, und sofort
erblickte ich einen Lichtschein, an dem ich erkannte, daß
die Hausthüre aufgestoßen worden war.

Wir eilten über den Platz hinüber. Unter der Thüre
stand Halef.

„Schnell hinein!“

Nun eilte ich zurück. Ich erreichte das Gefängnis
in einer Zeit von sicher nicht zwei Minuten, nachdem wir
es verlassen hatten, machte die Thüre zu und sprang die
dunkle, mir aber nun bekannte Treppe hinauf, um mir
von den Arnauten eine Lampe geben zu lassen. In
einigen Sekunden befand ich mich wieder unten und kehrte
in die Wächterzelle zurück.

„Du warst lange fort, Effendi!“ bemerkte der Mutesselim.

„Die Wächter wollten wissen, warum sie eingeschlossen
sind.“

„Hättest du ihnen eine Ohrfeige statt einer Antwort
gegeben! Warum hast du uns eingeschlossen?“

„Herr, es war ja ein Gefangener bei euch!“

„Du bist vorsichtig, Emir; du hast recht gethan.
Setze die Lampe her und laß uns beginnen!“

Es verstand sich ganz von selbst, daß der Kommandant nicht beabsichtigte, den Gefangenen gegen das Geld
desselben freizugeben. Er wollte das Geld nur durch eine
List an sich bringen, weil er den Widerstand des Makredsch
fürchtete. Aber diese List war eine Hinterlist, eine Treulosigkeit und zugleich jedenfalls eine große Unvorsichtigkeit. Sie beide befanden sich in einem angetrunkenen Zustande; der Makredsch konnte sie überwältigen, ihnen den
Schlüssel abnehmen und entfliehen, ohne daß es den eingeriegelten Arnauten möglich gewesen wäre, ihnen beizustehen.

„Nun sage, wie viel Geld du bei dir hast!“ begann
der Kommandant.

„Sage mir lieber, wie viel ihr von mir verlangt!“

„Ich kann erst dann eine Summe sagen, wenn ich
weiß, ob du sie auch bezahlen kannst.“

„Versuche es einmal!“

„Giebst du dreitausend Piaster?“

„Das ist mir zu viel,“ meinte der Makredsch zurückhaltend.

„So giebst du viertausend.“

„Herr! Du steigst ja in die Höhe!“

„Makredsch, du steigest ja abwärts! Ein Mutesselim
braucht nicht mit sich feilschen zu lassen. Sagst du nicht
ja, so gehe ich noch höher.“

„Ich habe es nicht. Zweitausend könnte ich dir
geben!“

„Deine Hand ist verschlossen, aber du wirst sie gern
noch öffnen. Jetzt verlange ich fünftausend!“

„Herr, ich will dir die drei Tausend geben!“

„Fünf habe ich gesagt!“

Die Augen des Makredsch hafteten wütend auf dem
Kommandanten, und die Angst um sein Geld stand ihm
deutlich auf der Stirn geschrieben. Aber die Sorge für
seine Freiheit war noch größer.

„Versprichst du mir, mich hinaus zu lassen, wenn ich
dich bezahle?“

„Ich verspreche es dir.“

„Schwöre es mir bei dem Propheten!“

„Ich schwöre es!“

Diese Worte sprach der Mutesselim unbedenklich aus.

„So zähle!“ sagte der Makredsch.

Er langte in die Taschen seiner weiten Beinkleider
und zog ein Paket hervor, welches in ein seidenes Tuch
geschlagen war. Er öffnete es und begann, die Summe
auf dem Fußboden aufzuzählen, wobei der Agha leuchtete.

„Ist es richtig?“ fragte er, als er fertig war.

Der Mutesselim zählte nach und sagte dann:

„Es sind Kaime mit dem Zahlwerte von fünftausend Piaster. Aber du wirst wissen, daß dieses Geld
den vollen Wert nicht hat. Das Pfund Sterling kostet,
mit Kaime bezahlt, jetzt einhundertvierzig statt einhundertzehn Piaster, und du hast also noch zweitausend Piaster
daraufzulegen!“

„Herr, bedenke, daß die Kaime sechs Prozent Zinsen
tragen!“

„Früher war dies der Fall, aber auch nur bei einem
Teile dieses Geldes; doch der Großherr zahlte auch für
ihn keine Zinsen. Lege zweitausend dazu.“

„Herr, du bist ungerecht!“

„Gut! Gehe in dein Loch!“

Dem Makredsch stand der Schweiß auf der Stirn.

„Aber zweitausend macht es ja nicht!“

„Wie viel denn?“

„Dreizehnhundertunddreiundsechzig.“

„Das bleibt sich gleich! Was ich sage, das habe ich
gesagt. Du giebst noch zweitausend!“

„Herr, du bist grausam wie ein Tiger!“

„Und dich wird der Geiz noch töten!“

Mit Grimm im Angesichte zählte der Makredsch von
neuem auf.

„Hier, nimm!“ sagte er endlich, tief Atem holend.

Der Mutesselim zählte wieder nach, schob die Scheine
zusammen und steckte sie zu sich.

„Es stimmt!“ meinte er. „Danke dem Propheten,
daß er dein Herz zur Einsicht bekehrt hat, denn sonst hätte
ich noch mehr gefordert!“

„Nun laß mich gehen!“ forderte der andere, sein
Tuch wieder um die übrig gebliebenen Scheine schlagend.

Der Kommandant sah ihn mit sehr gut gespielter
Verwunderung an.

„Gehen lassen? Ja, aber erst dann, wenn du bezahlt hast!“

„Ich habe es doch gethan!“

„Ja, mich hast du bezahlt, aber noch nicht diesen
Agha der Arnauten!“

„Alla illa Allah!“ rief der Gefangene zornig. „Du
hast doch nur fünftausend Piaster verlangt!“

„Allah hat dir deinen Verstand verdunkelt. Warum
fragtest du nicht, für wen diese fünftausend Piaster seien?
Sie waren nur für mich. Der Agha hat seinen Teil noch
zu erhalten.“

„Wie viel?“

„Ebenso viel wie ich!“

„Herr, der Satan redet aus dir!“

„Bezahle, so wird er schweigen!“

„Ich bezahle nicht!“

„So kehrest du in dein Loch zurück!“

„Oh, Mohammed, oh, ihr Khalifen, ihr habt seinen
Schwur gehört! Der Scheïtan ist bereits in ihm; er wird
ihn umbringen!“

„Das Oel dieser Lampe geht zur Neige. Wirst du
bezahlen oder nicht?“

„Ich gebe ihm tausend!“

„Fünftausend! Handle nicht, sonst steige ich höher!“

„Ich habe sie nicht!“

„Du hast sie. Ich habe es gesehen, daß es langen
wird.“

„So gebe ich — — —“

„Soll ich etwa sechstausend fordern?“

„Du bist ein Tyrann, ja, du bist der Teufel selbst!“

„Makredsch, wir sind miteinander fertig!“

Er erhob sich langsam und vorsichtig.

„Halt!“ rief der Gefangene. „Ich werde bezahlen!“

Die Freiheit stand ihm schließlich doch noch höher
als das Geld. Er begann von neuem aufzuzählen, während der Kommandant sich wieder setzte. Das Paket langte
wirklich; aber es blieben ihm nur noch einige Scheine
übrig.

„Hier liegt es,“ meinte er, „und Allah verdamme
den, der es nimmt!“

„Du hast recht gesagt, Makredsch,“ antwortete sein
früherer Verbündeter und jetziger Gegner sehr ruhig.
„Dieser Agha der Arnauten wird das Geld nicht nehmen.“

„Warum?“

„Es sind nur die fünf Tausend. Du hast vergessen,
die zwei Tausend daraufzulegen.“

Der Makredsch machte eine Bewegung, als wolle
er sich auf den Kommandanten stürzen; aber er besann
sich noch.

„Ich habe nichts mehr als diese drei Papiere.“

„So schließe ich dich ein. Vielleicht besinnst du dich
dann, daß du noch mehr Geld bei dir trägst. Komm!“

Der Makredsch machte eine Miene, als ob er ersticken
wolle, dann langte er abermals in die Tasche und zog
einen Beutel hervor, den er so hielt, daß nur er selbst
den Inhalt sehen konnte.

„So will ich versuchen, ob ich es noch zusammenbringe! Dein Herz ist von Stein, und deine Seele hat
sich in einen Felsen verwandelt. Ich habe hier nur kleine
Silberstücke mit einigen goldenen Medschidje darunter.
Diese letzteren sollst du erhalten, wenn sie reichen.“

Er legte die drei Scheine hin und dann sehr langsam
ein Goldstück nach dem andern hinzu.

„Hier! Nun bin ich arm, denn ich habe höchstens
noch vierzig Piaster bei mir, und diese muß ich haben,
wenn ich nicht verhungern will!“

Ich muß gestehen, daß ich mit dem Manne Bedauern
empfand; aber ich sah vorher, daß er auch den letzten
Heller werde geben müssen. Es war als ob der Anblick
des Geldes den Mutesselim vollständig ernüchtert hätte.
Und auch an dem Agha war nicht die Spur eines Rausches
zu bemerken. Dieser langte hastig zu, um die Summe an
sich zu nehmen.

„Halt!“ wehrte ihm der Kommandant. „Ich werde
dieses Geld einstweilen aufbewahren.“

Er schob es zusammen und steckte es ein.

„Jetzt endlich bin ich frei!“ sagte der Makredsch.

Der Kommandant schüttelte in höchster Verwunderung den Kopf.

„Frei! Hast du denn bezahlt?“

„Sind dir deine Sinne abhanden gekommen? Du
hast ja das Geld eingesteckt!“

„Das meinige und das dieses Selim Agha. Aber
dieser Emir hat noch nichts erhalten!“

„Er hat ja gar nichts zu bekommen!“

„Wer sagt dir das? Er ist ja hier, und muß also
auch bezahlt werden!“

„Aber er hat ja über mich nicht das mindeste zu
gebieten!“

„Hat er dich nicht gefangen nehmen lassen? Du hast
das Fieber, Makredsch, sonst würdest du erkennen, daß
er eigentlich noch mehr zu bekommen hat, als wir beiden
anderen zusammen.“

„Er hat nichts zu erhalten!“ rief der Gepeinigte nun
förmlich wütend. „Er bekommt nichts, denn ich habe
nichts mehr, und ich würde ihm keinen Piaster und keinen
Para geben, selbst wenn ich Millionen bei mir trüge!“

„Du hast noch Geld!“

„Vierzig Piaster, wie ich dir schon sagte!“

„Oh Makredsch, wie dauerst du mich! Glaubst du, daß
ich den Klang des Goldes von dem des Silbers nicht
unterscheiden kann! Dein Beutel ist noch voll goldener
Medschidje zu hundert und fünfzig Piaster, und sein
Bauch ist so umfangreich, daß du mehr zusammenbringst,
als was du brauchst, um den Emir zu bezahlen. Du
hast dich sehr gut mit Reisegeld versehen!“

„Du irrst!“

„Zeige mir den Beutel her!“

„Er gehört mir!“

„So behalte ihn, aber bezahle!“

Der Makredsch wand sich wie ein Wurm unter den
unnachsichtlichen Forderungen des geldgierigen Mannes.
Es war eine widerwärtige Scene, aber sie warf ein deutliches Licht auf die Zustände der türkischen Verwaltung
besonders jener Provinzen, welche dem Padischah am
fernsten liegen.

„Ich kann nicht!“ erklärte der Makredsch entschieden.

„So folge uns in dein Loch!“

„Ich gehe nicht. Ich habe dich bezahlt!“

„Wir werden dich zu zwingen wissen.“

„So gieb mir mein Geld wieder heraus!“

„Es gehört mir. Bedenke, daß ich dich gefangen
habe und verpflichtet bin, dir alles abzunehmen, was du
bei dir trägst!“

„Ich würde auch diese Summe bezahlen, wenn ich
sie hätte!“

„Du hast sie. Und wenn dein Beutel ja zu wenig
enthält, so habe ich eine schöne Uhr bei dir gesehen, und
an deinen Fingern glänzen Ringe, welche viel mehr wert
sind, als das, was ich noch zu verlangen habe.“

„Es bleibt dabei, ich kann nicht! Fünfhundert Piaster
will ich diesem Manne geben, der mein größter Feind ist.“

Er blitzte mir mit Augen entgegen, in denen der grimmigste Haß zu lesen war. Ich konnte nicht an seiner
Feindschaft zweifeln.

„So hast du dein letztes Gebot gethan?“ fragte der
Kommandant.

„Ja.“

„Dann vorwärts! Folge uns!“

Er stand entschlossen auf; auch der Agha that dies.
Ich stand an der Thüre und trat zur Seite, um
dem Mutesselim den Vortritt zu lassen. Aus dem Gürtel
desselben blickte der Schlüssel hervor. Die Augen des
Gefangenen leuchteten auf. Er that einen Sprung, riß
den Schlüssel heraus, warf den Kommandanten auf den
Agha, daß beide taumelnd an mich flogen und ich fast
niedergerissen wurde, sprang zur Thüre hinaus und eilte
den finstern Gang hinauf. Die Lampe war umgestürzt
und Finsternis umhüllte auch uns.

„Ihm nach!“ rief der Kommandant.

Der Makredsch wäre gerettet gewesen, wenn er die
Geistesgegenwart gehabt hätte, die Thüre hinter sich zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben. Zeit dazu hätte
er gehabt, denn die beiden Männer verwirrten sich ineinander, so daß ich, um schnell hinauszukommen, sie
fassen und von der Thüre zurückschleudern mußte.

Schon hörte ich den Schlüssel im Schlosse klirren.
Der Umstand, daß die Thüre bereits von mir geöffnet
war, wurde dem Makredsch verderblich. Er wandte die
Kraft der Verzweiflung an, mittels des Schlüssels den
Riegel zurückzubewegen, ohne das Oeffnen der Thüre zu
versuchen. Der Riegel aber konnte nicht nachgeben. Jetzt
war ich dort und faßte ihn. Er hatte sich gegen mich
gewendet und die Vorsicht gebraucht, nach meinem Gürtel
zu langen. Ich fühlte dies und griff nieder. Es war
ihm gelungen, mein Messer zu ergreifen, denn die Schneide
desselben strich, mich verwundend, über die Außenfläche
meiner Hand hinweg. Es war so dunkel, daß ich seine
Bewegungen nicht sehen konnte. Ich griff ihm also, indem ich ihn mit der Rechten festhielt, mit der Linken
nach seiner rechten Achsel und fuhr von derselben aus
längs des Armes herab, um sein Handgelenk zu fassen.
Es war grad die rechte Zeit gewesen, denn er hatte bereits den Arm erhoben, um zuzustoßen.

Mittlerweile waren die beiden anderen schreiend bei
uns angekommen. Der Kommandant packte mich an.

„Lasse los, Mutesselim, ich bin es ja!“

„Hast du ihn fest?“

„Ja. Schließe die Thüre schnell zu, und brenne
Licht an. Er kann uns nicht entkommen!“

„Kannst du ihn allein halten, Emir?“ fragte der Agha.

„Ja.“

„So werde ich Licht holen!“

Der Kommandant verschloß die Thüre, getraute sich
dann aber nicht, uns nahe zu kommen. Ich hatte den
Gefangenen an die gegenüberliegende Wand gebracht,
konnte ihn aber nicht zu Boden drücken, weil ich die Hand
nicht frei bekam, welche mich vor dem Messer zu schützen
hatte. Ich hielt ihn aber fest, bis nach einer sehr langen
Zeit der Agha mit Licht erschien. Er hatte erst oben bei
dem Sergeanten Oel holen müssen. Er stellte die Lampe
auf eine der Treppenstufen und kam herbei.

„Nimm ihm das Messer,“ bat ich.

Er entriß es ihm, und nun hatte ich freie Hand.
Ich faßte den Makredsch bei der Brust. Er griff nach
mir, aber augenblicklich bückte ich mich, und während
seine beiden Hände in die Luft langten, faßte ich ihn am
Unterbeine und riß dasselbe empor, so daß er das Gleichgewicht verlor und niederstürzte.

„Bindet ihn!“ sagte ich.

„Womit?“

„Mit seinem Gürtel.“

Sie thaten es. Er lag still und ruhig und ließ es
geschehen. Nach der großen Anstrengung war das Gefühl einer Ohnmacht über ihn gekommen.

„Halte ihm die Beine!“ gebot der Mutesselim dem
Agha.

Der Erstere leerte nun vor allen Dingen die Taschen
des Gefangenen; dann zog er ihm auch die Ringe ab und
steckte alles zu sich. Hierauf packte der Agha den Gefangenen
bei einem der Beine und zog ihn bis vor seine Zelle, in
welche er ihn hinabgleiten ließ. Dann wurde dieselbe
zugeschlossen. Nun mußte Selim hinauf, um die Wächter
frei zu lassen und ihnen die größte Wachsamkeit einzuschärfen.

„Nimm ihnen den Schlüssel zum Thore ab!“ rief
ihm der Kommandant zu. „Dann kann niemand öffnen,
und auch sie nicht.“

Selim that dies, und dann verließen wir das Gefängnis.

Draußen blieb der Mutesselim stehen. Er war jetzt
vollständig ernüchtert, indem er sagte:

„Agha, ich werde nun das Verzeichnis von allem
anfertigen, was der Makredsch bei sich hatte; denn ich
habe alles mit ihm nach Mossul zu senden. Du wirst es
unterzeichnen, damit ich beweisen kann, daß ich die Wahrheit geschrieben habe, falls ihm einfallen sollte, zu behaupten, daß er mehr gehabt habe!“

„Wann soll ich kommen?“ fragte Selim.

„Zur gewöhnlichen Zeit.“

„Und den Schlüssel behältst du?“

„Ja. Vielleicht gehe ich des Nachts noch einmal
hierher. Gute Nacht, Emir! Du warst mir heute von
großem Nutzen und wirst mir sagen, wie ich dir dankbar
sein kann.“

Er ging, und wir wandten uns unserer Wohnung zu.

„Effendi!“ meinte der Agha mit sehr bedenklicher
Stimme.

„Was?“

„Ich hatte siebentausend Piaster am Boden liegen!“

„Und freutest dich darauf?“

„Sehr!“

„Laß sie dir geben!“

„Ich? Geben? Weißt du, wie es morgen sein wird?“

„Nun?“

„Er wird ein Verzeichnis aufstellen, in welchem steht,
daß der Makredsch tausend Piaster bei sich gehabt hat,
und ich werde es unterschreiben. Das übrige, die Uhr
und die Ringe behält er zurück, und ich werde dafür die
große Summe von hundert Piastern erhalten.“

„Und wirst dich auch darüber freuen!“

„Zu Tode ärgern werde ich mich!“

„Das Verzeichnis erhält der Basch Tschausch?“

„Ja.“

„So wirst du mehr erhalten.“

„Wer sollte es mir geben?“

„Der Mutesselim oder ich.“

„Ich weiß, daß du ein barmherziges Herz besitzest.
Oh Effendi, wenn du nur wenigstens noch ein wenig von
deiner Arznei übrig hättest!“

„Ich habe noch davon. Willst du sie haben?“

„Ja.“

„Ich werde dir davon in die Küche bringen.“

Wir fanden die Thüre nicht verschlossen. In der
Küche lag die ‚Myrte‘ auf einigen alten Fetzen, die ihr
des Tages als Hadern und des Nachts als Lager dienten,
und schlief den Schlaf der Gerechten.

„Mersinah!“ rief der Agha.

Sie hörte nicht.

„Laß sie schlafen,“ bat ich. „Ich werde dir die Arznei
bringen, und dann magst du dich zur Ruhe begeben, die
du so nötig brauchst.“

„Allah weiß es, daß ich sie verdient habe!“

Ich fand oben die Beteiligten alle in der Stube des
Haddedihn versammelt. Sie brachten mir einen zu lauten
Schwall von Worten entgegen, so daß ich Ruhe gebieten
mußte. Ich befriedigte zunächst den Agha und überzeugte
mich, daß er schlafen ging; dann kehrte ich zu ihnen zurück.

Amad el Ghandur hatte die neue Kleidung angelegt
und war von seinem Vater rasiert und gereinigt worden.
Nun bot er einen ganz andern Anblick dar, als vorher
in der Zelle. Die Aehnlichkeit mit seinem Vater war
ganz unverkennbar. Er hatte sich erhoben und trat mir
entgegen.

„Emir, ich bin ein Beni Arab und kein plaudernder
Grieche. Ich habe gehört, was du meinem Stamme und
mir gethan. Mein Leben gehört dir, auch alles, was ich
habe!“

Das war einfach gesprochen, aber es kam aus einem
vollen Herzen.

„Noch bist du nicht in Sicherheit. Mein Diener
wird dich in dein Versteck bringen,“ antwortete ich.

„Ich bin bereit. Wir warteten nur auf dich.“

„Kannst du klettern?“

„Ja. Ich werde das Versteck erreichen, trotzdem ich
schwach geworden bin.“

„Hier hast du meinen Lasso. Wenn dir die Kräfte
fehlen, so mag Hadschi Halef Omar voranklettern und
dich ziehen. Hast du Waffen?“

„Dort liegen sie; der Vater hat sie mir gekauft. Hier
hast du deinen Dolch. Ich danke dir!“

„Und Nahrung?“

„Es ist alles eingepackt.“

„So geht! Wir werden dich bald abholen.“

Der Sohn des Scheik verließ mit Halef vorsichtig
das Haus, und bald schlich auch ich mich fort, seine alten
Kleider am Arme. Ich gelangte unbemerkt in die Nähe
der Schlucht, riß den Haïk in Fetzen und hing dieselben
an die Felskanten und Zweige des Gestrüppes, welches
dort stand.

Zu Hause angekommen, wurde ich von dem Engländer in seine Stube geführt. Er hatte ein sehr zorniges
Angesicht.

„Herein kommen und setzen, Sir!“ sagte er. „Schlechte
Wirtschaft! Miserabel hier!“

„Warum?“

„Sitze bei diesen Arabern und verstehe kein Wort!
Mein Wein wird alle, mein Tabak wird alle, und ich
werde auch alle! Yes!“

„Ich stehe Euch ja zu Diensten, um alles zu erzählen!“

Ich mußte ihm seinen Willen thun, obgleich ich
mich nach Ruhe sehnte. Doch hätte ich immerhin erst
Halefs Rückkehr erwarten müssen. Dieser ließ sehr lange
auf sich warten, und als er kam, begann bereits der Tag
zu grauen.

„Wie ist's?“ fragte Master Lindsay. „Glücklich angekommen auf Villa?“

„Mit einiger Mühe!“

„Well! Halef hat Kleider zerrissen. Hier, Halef,
Bakschisch!“

Der Hadschi verstand die englischen Worte nicht,
wohl aber das letzte des Satzes. Er streckte die Hand aus
und erhielt ein Hundertpiasterstück.

„Neuen Mantel kaufen; sagt es ihm, Sir!“ — — —

So war denn dieser schlimme Abend vorüber, und
ich konnte mich, wenigstens für einige Stunden, zur Ruhe
legen, die ich denn auch in einem sehr tiefen, traumlosen
Schlafe genoß. Ich erwachte nicht von selbst aus demselben, sondern es weckte mich eine sehr laute, hastige
Stimme:

„Effendi! Emir! Wache auf! Schnell!“

Ich blickte von meinem Lager empor. Selim Agha
stand vor mir, ohne Oberkleid und Turban. Die Scheitellocke hing ihm schreckensmatt in das Gesicht hinab; der
Schnurrbart sträubte sich voll Entsetzen zu ihr empor,
und die von dem genossenen Weine noch trüben Augen
versuchten ein Rollen, welches sehr unglücklich ausfiel.

„Was giebt es?“ fragte ich sehr ruhig.

„Erhebe dich! Es ist etwas Entsetzliches geschehen!“

Erst nach und nach brachte ich aus ihm heraus, daß
der Mutesselim die Flucht des jungen Arabers entdeckt
habe und nun in fürchterlicher Wut sei. Der geängstigte
Agha bat mich inständig, mit ihm in das Gefängnis zu
gehen und den Mutesselim zu beschwichtigen.

In kurzer Zeit befanden wir uns auf dem Wege.
Unter der Gefängnisthüre wartete der Mutesselim auf den
Agha. Er dachte gar nicht daran, mich zu begrüßen,
sondern faßte Selim beim Arme und zog ihn in den Gang
hinein, in welchem die zitternden Wächter standen.

„Unglücklicher, was hast du gethan!“ brüllte er ihn an.

„Ich, Herr? Nichts, gar nichts habe ich gethan!“

„Das ist ja eben dein Verbrechen, daß du nichts, gar
nichts gethan hast! Du hast nicht aufgepaßt!“

„Wo sollte ich aufpassen, Effendi?“

„Hier im Gefängnisse natürlich!“

„Ich konnte ja nicht herein!“

Der Mutesselim starrte ihn an. Dieser Gedanke
schien ihm noch gar nicht gekommen zu sein.

„Ich hatte ja keinen Schlüssel!“ fügte der Agha hinzu.

„Keinen Schlüssel — — —! Ja, Agha, das ist wahr,
und das ist auch dein Glück, sonst wäre dir sehr Uebles
widerfahren. Komm her und sieh einmal in das Loch
hinab!“

Wir schritten den Gang entlang. Die Zellenthüre
war geöffnet, und in dem Loche war nichts zu sehen, als
das Loch.

„Fort!“ meinte der Agha.

„Ja, fort!“ zürnte der Mutesselim.

„Wer hat ihm aufgemacht?“

„Ja, wer? Sage es, Agha!“

„Ich nicht, Herr!“

„Ich auch nicht! Nur die Wächter waren da.“

Der Agha drehte sich nach diesen um.

„Kommt einmal her, ihr Hunde!“

Sie traten zögernd näher.

„Ihr habt hier geöffnet!“

Der Sergeant wagte es, zu antworten:

„Agha, es hat keiner von uns einen Riegel berührt.
Wir haben die Thüren erst am Nachmittage zu öffnen,
wenn das Essen gegeben wird, und so ist nicht eine einzige
geöffnet worden.“

„So war ich der erste, welcher diese Thüre hier
öffnete?“ fragte der Kommandant.

„Ja, Effendi!“

„Und als ich öffnete, war das Loch leer. Er ist
entflohen. Aber wie hätte er herausgekonnt? Gestern
abend war er noch da; jetzt ist er fort. Zwischen dieser
Zeit seid nur ihr dagewesen. Einer von euch hat ihn
herausgelassen!“

„Ich schwöre bei Allah, daß wir diese Thüre nicht
geöffnet haben!“ versicherte zitternd der Sergeant.

„Mutesselim,“ nahm ich jetzt das Wort, „diese Leute
haben keinen Thorschlüssel gehabt. Wenn einer von ihnen
den Gefangenen herausgelassen hätte, so müßte er noch im
Hause sein.“

„Du hast recht; ich habe ja alle beide Schlüssel,“
meinte er. „Wir werden alles durchsuchen.“

„Und schicke auch auf die Wache, um die Mauern der
Stadt und die Klippen zu untersuchen. Wenn er die
Stadt verlassen hat, so ist es sicher nicht durch eines der
Thore, sondern über die Mauer weg geschehen, und dann
glaube ich bestimmt, daß eine Spur von ihm gefunden
wird. Seine Kleidung ist in diesem Loche so verschimmelt
und vermodert, daß sie den Weg über die Felsen gewiß
nicht ausgehalten hat.“

„Ja,“ gebot er einem der Arnauten, „laufe eilig zur
Wache und bringe meinen Befehl, daß die ganze Stadt
durchsucht werde.“

Es begann jetzt ein sehr sorgfältiges Durchsuchen des
Gefängnisses, welches wohl eine ganze Stunde dauerte.
Natürlich aber wurde nicht die geringste Spur von dem
Entflohenen entdeckt. Eben wollten wir das Gefängnis
verlassen, als zwei Arnauten erschienen, welche mehrere
Kleiderfetzen trugen.

„Wir fanden diese Stücke draußen über dem Abgrund
hangen,“ meldete der eine.

Der Agha nahm das Zeug in die Hand und prüfte es.

„Effendi, das ist von dem Ueberkleide des Gefangenen,“ berichtete er dem Mutesselim. „Ich kenne es
genau!“

„Bist du dessen sicher?“

„So sicher wie meines Bartes.“

„So ist er dennoch aus diesem Hause entkommen!“

„Aber wohl in den Abgrund gestürzt,“ fügte ich hinzu.

„Laßt uns gehen und nachsehen!“ gebot er.

Wir verließen das Gefängnis und kamen an den
Ort, an welchem ich das Gewand zerrissen und verteilt
hatte. Ich wunderte mich jetzt am Tage, daß ich nicht
während der nächtlichen Dunkelheit hinab in den Schlund
gestürzt war. Der Mutesselim besah sich das Terrain.

„Er ist hinuntergestürzt und sicher tot. Von da unten
ist kein Auferstehen! Aber wann ist er entkommen?“

Diese Frage blieb natürlich unbeantwortet, so sehr
sich der Kommandant während einiger Stunden auch Mühe
gab, dem Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Er
wütete und tobte gegen einen jeden, der ihm nahe kam,
und so war es kein Wunder, wenn ich seine Nähe mied.
Die Zeit wurde mir trotzdem nicht lang, denn ich hatte
genug zu thun. Zunächst wurde ein Pferd für Amad el
Ghandur eingekauft, und dann ging ich zu meiner Patientin, die ich bis jetzt vernachlässigt hatte.

Vor der Thüre des Hauses stand ein gesatteltes
Maultier; es war für ein Frauenzimmer bestimmt. Im
Vordergemach stand der Vater, welcher mich mit Freuden
bewillkommnete.

Ich fand die Kranke aufrecht sitzend; ihre Wangen
waren bereits wieder leicht gerötet und ihre Augen frei
von allen Spuren des Unfalles. An ihrem Lager standen
die Mutter und die Urahne. Diese letztere befand sich
in Reisekleidern. Sie hatte über ihr weißes Gewand
einen schwarzen, mantelähnlichen Umhang geschlagen und
auf ihrem Kopfe war ein ebenfalls schwarzer Schleier befestigt, welcher jetzt über den Rücken hinabhing. Das
Mädchen reichte mir sofort die Hand entgegen.

„Oh, ich danke dir, Effendi, denn nun ist es sicher,
daß ich nicht sterben werde!“

„Ja, sie wird leben,“ sagte die Alte. „Du bist das
Werkzeug Gottes und der heiligen Jungfrau gewesen, mir
ein Leben zu erhalten, welches mir teurer ist, als alles
auf Erden. Reichtümer darf ich dir nicht bieten, denn du
bist ein großer Emir, der da alles hat, was er braucht;
aber sage mir, wie ich dir danken soll, Effendi!“

„Danke Gott anstatt mir, dann kommt dein Dank
an die rechte Stelle; denn er ist es gewesen, der dein
Enkelkind gerettet hat!“

„Ich werde es thun und auch für dich beten, Herr,
und das Gebet eines Weibes, welches bereits nicht mehr
der Erde angehört, wird Gott erhören. Wie lange bleibst
du in Amadijah?“

„Nicht lange mehr.“

„Und wohin gehest du?“

„Das soll niemand wissen, denn es wird vielleicht
Gründe geben, es zu verschweigen. Euch aber kann ich
sagen, daß ich nach Sonnenaufgang reiten werde.“

„So gehest du nach derselben Gegend, nach welcher
auch ich abreise, Herr. Mein Tier wartet meiner bereits
vor dem Hause. Vielleicht sehen wir uns niemals wieder;
dann nimm den Segen einer alten Frau, die dir nichts
weiter geben darf, aber auch nichts Besseres geben kann!
Aber ein Geheimnis will ich dir verraten, denn es kann
dir vielleicht von Nutzen sein. Ueber den Osten von hier
brechen böse Tage herein, und es ist möglich, daß du einen
dieser Tage erlebst. Kommst du in Not und Gefahr an
einer Stelle, welche zwischen Aschiehtah und Gunduktha,
dem letzten Orte von Tkhoma, liegt, und es kann dir
niemand helfen, so sage dem ersten, der dir begegnet,
daß dich der Ruh 'i kulyan beschützen wird. Hört
er dich nicht, so sage es weiter, bis du einen findest, der
dir Auskunft giebt.“

„Der Ruh 'i kulyan? Der Höhlengeist? Wer führt
diesen sonderbaren Namen?“ fragte ich die Hundertjährige.

„Das wird dir niemand sagen können.“

„Aber du sprichst von ihm und kannst mir wohl
Auskunft geben?“

„Der Ruh' i kulyan ist ein Wesen, das niemand
kennt. Er ist bald hier, bald dort, überall wo ein Bittender ist, der es verdient, daß seine Bitte erfüllt werde.
An vielen Dörfern giebt es einen bestimmten Ort, an
welchem man zu gewissen Zeiten mit ihm reden kann.
Dahin gehen die Hilfesuchenden um Mitternacht und sagen
ihm, was sie von ihm begehren. Er giebt dann Rat
und Trost, aber er weiß auch zu drohen und zu strafen,
und mancher Mächtige thut, was er von ihm begehrt.
Nie wird vor einem Fremden von ihm gesprochen; denn
nur die Guten und die Freunde dürfen wissen, wo er zu
finden ist.“

„So wird mir dein Geheimnis keinen Nutzen bringen.“

„Warum?“

„Man wird mir nicht sagen, wo er zu finden ist,
obgleich man sieht, daß ich seinen Namen kenne.“

„So sage nur, daß ich dir von ihm erzählt habe:
dann wird man dir den Ort sagen, wo er zu finden ist.
Mein Name ist bekannt im ganzen Lande von Tijari,
und die Guten wissen, daß sie meinen Freunden vertrauen dürfen.“

„Wie lautet dein Name?“

„Marah Durimeh heiße ich.“

Das war eine geheimnisvolle Mitteilung, die aber
so abenteuerlich klang, daß ich nicht den mindesten Wert
auf sie legte. Ich verabschiedete mich und ging nach
Hause. Dort merkte ich, daß es ungewöhnlich laut in
der Küche herging. Es mußte der edlen ‚Myrte‘ etwas
widerfahren sein, was ihren Unmut erweckt hatte. Unter
den gegenwärtigen Umständen konnte das kleinste Ereignis
für mich Wert besitzen, und so trat ich ein. Mersinah
hielt dem tapfern Agha eine Strafpredigt, das sah ich
auf den ersten Blick. Sie stand mit drohend erhobenen
Armen vor ihm, und er hielt die Augen niedergeschlagen
wie ein Knabe, der von seinem Erzieher einen Verweis
erhält. Sie sahen mich eintreten, und sofort bemächtigte
sich die ‚Myrte‘ meiner.

„Siehe dir einmal diesen Selim Agha an!“

Sie deutete mit gebieterischer Miene auf den armen
Sünder, und ich machte mit meinem Kopfe eine Viertelwendung nach rechts, um ihn pflichtschuldigst in Augenschein zu nehmen.

„Ist dieser Mann ein Agha der Arnauten?“ fragte
sie nun.

„Ja.“

Ich gab diese Antwort natürlich in dem Tone meiner
festesten Ueberzeugung, aber grad dieser Ton schien einen
Rückfall ihres Raptus über sie zu bringen.

„Was! Also auch du hältst ihn für einen Befehlshaber tapferer Krieger? Ich werde dir sagen, was er
ist; ein Agha der Feiglinge ist er!“

Der Agha schlug die Augen auf und versuchte, einen
verweisenden Blick zu stande zu bringen. Es gelang
ihm leidlich.

„Erzürne mich nicht, Mersinah, denn du weißt, daß
ich dann schrecklich bin!“ sagte er dabei.

„Worüber seid ihr so ergrimmt?“ wagte ich jetzt zu
fragen.

„Ueber diese fünfzig Piaster!“ antwortete die ‚Myrte‘,
indem sie mit der verächtlichsten ihrer Mienen auf die
Erde deutete.

Ich blickte nieder und sah nun zwei silberne Zwanzig- und ein ebensolches Zehn-Piasterstück am Boden liegen.

„Was ist's mit diesem Gelde?“

„Es ist vom Mutesselim.“

Jetzt begann ich das übrige zu ahnen und fragte:

„Wofür?“

„Für die Gefangennehmung des Makredsch. Effendi,
du weißt ungefähr, wie viel Geld dieser bei sich hatte?“

„Ich schätze es auf ungefähr vierundzwanzigtausend
Piaster.“

„So hat Selim mir doch die Wahrheit gesagt. Dieses
viele ungeheure Geld hat der Kommandant dem Makredsch
abgenommen und von demselben diesem tapfern Agha der
Arnauten fünfzig Piaster gegeben!“

Bei diesen Worten bildete ihr ganzes Gesicht ein
empörtes Ausrufezeichen. Sie schob die Silberstücke mit
dem Fuße fort und fragte mich:

„Und weißt du, was dieser Agha der Arnauten gethan hat?“

„Was?“

„Er hat das Geld genommen und ist davongegangen,
ohne ein einziges Wort zu sagen! Frage ihn, ob ich
dich belüge!“

„Was sollte ich thun?“ entschuldigte sich Selim.

„Ihm das Geld in den Bart werfen! Ich hätte es
ganz sicherlich gethan. Glaubst du das, Effendi?“

„Ich glaube es!“

Mit dieser Versicherung sagte ich die Wahrheit. Sie
beehrte mich mit einem Blicke der Dankbarkeit und fragte
mich dann:

„Soll er es ihm wiedergeben?“

„Nein.“

„Nicht?“

Ich wandte mich an den Agha:

„Hast du das Verzeichnis, welches der Kommandant
nach Mossul schicken muß, unterschrieben?“

„Ja.“

„Wie viel hat er angegeben?“

„Vierhundert Piaster in Gold und einundachtzig Piaster
in Silber.“

„Weiter nichts?“

„Nein.“

„Die Uhr und die Ringe?“

„Auch nicht.“

„Er ist dein Vorgesetzter, und du darfst ihn dir nicht
zum Feinde machen; darum ist es gut, daß du das Geld
ruhig genommen hast. Weißt du noch, was ich dir versprochen habe?“

„Ich weiß es!“

„Ich werde mein Wort halten und mit dem Kommandanten sprechen. Tausend Piaster wenigstens sollst
du erhalten.“

„Ist das wahr, Effendi?“ frug Mersinah.

„Ja. Das Geld gehört weder dem Mutesselim noch
dem Agha, aber es kommt auf alle Fälle in Hände, welche
kein Recht daran haben, und so mag es bleiben, wo es
ist. Aber der Agha soll nicht so schmählich betrogen werden!“

„Er sollte doch wohl siebentausend erhalten?“

„Die bekommt er nicht. Das wurde nur als Vorwand gesagt. Selim, ist der Basch Tschausch schon fort?“

„Nein, Effendi.“

„Er sollte doch am Vormittage fortgehen.“

„Der Mutesselim hat ja einen neuen Bericht zu schreiben,
weil er in dem alten sagte, daß er den Araber schicken
werde. Vielleicht soll der Basch Tschausch warten, bis
wir den Entflohenen wieder haben.“

„Dazu ist wohl keine Hoffnung vorhanden.“

„Warum?“

„Weil er sich an den Felsen zu Tode gestürzt hat.“

„Und wenn wir uns getäuscht hätten?“

„Wieso?“

„Der Mutesselim scheint jetzt zu glauben, daß er
noch lebt.“

„Hat er dir nähere Mitteilung darüber gemacht?“

„Nein; aber ich hörte es aus verschiedenen Worten,
welche er sprach.“

„So wünsche ich ihm, daß er sich nicht irren möge!“

Ich begab mich nach meinem Zimmer. Sollte ein
von mir oder von uns unbeachteter Umstand den Verdacht
des Kommandanten erregt haben? Möglich war es. Aber
dann war es auch geraten, sich auf alles gefaßt zu machen.
Doch ehe ich meinen Gefährten eine Mitteilung machte,
ging ich im Geiste noch einmal alles Geschehene durch.
Ich konnte nichts finden, was mir hätte auffallen können,
und noch war ich mit mir nicht im klaren, als der Agha
die Treppen emporkam und bei mir eintrat.

„Effendi, es ist ein Bote des Mutesselim da. Er
läßt uns sagen, daß wir nochmals in das Gefängnis
kommen sollen.“

„Er ist bereits dort?“

„Ja.“

„Erwarte mich unten. Ich komme sogleich!“

War es in Frieden oder war es Feindseligkeit, daß
er mich kommen ließ? Ich beschloß mich auch auf letztere vorzubereiten. Die beiden Revolver waren geladen.
Ich steckte auch die Pistolen zu mir und ging dann
zu Halef. Dieser war allein in seiner Stube.

„Wo ist der Buluk Emini?“

„Der Basch Tschausch hat ihn geholt.“

Das war nichts Besonderes, fiel mir aber doch auf,
weil ich einmal Verdacht gefaßt hatte.

„Wie lange ist es her?“

„Gleich als du fortgingst, um das Pferd zu kaufen.“

„Komm mit herüber zum Haddedihn!“

Dieser lag rauchend am Boden.

„Emir,“ empfing er mich, „Allah hat mir nicht die
Geduld verliehen, lange auf ein Ding zu warten, nach
dem ich mich sehne. Was thun wir noch in dieser Stadt?“

„Vielleicht verlassen wir sie in kurzer Zeit. Es hat
fast den Anschein, als ob wir verraten seien.“

Jetzt erhob er sich langsam und in der Art und
Weise eines Mannes, der zwar überrascht wird, sich aber
stark genug fühlt, diese Ueberraschung zu verbergen und
ihren Folgen zu begegnen.

„Woraus schließest du das, Effendi?“

„Ich ahne es einstweilen nur. Der Kommandant
hat zu mir geschickt, daß ich in das Gefängnis kommen
soll, wo er mich erwartet. Ich werde gehen, aber die
Vorsicht nicht vergessen. Komme ich in einer Stunde nicht
zurück, so ist mir ein Uebel widerfahren.“

„Dann suche ich dich!“ rief Halef.

„Du wirst nicht zu mir können, denn ich werde mich
vielleicht in dem Gefängnisse befinden, und zwar als Gefangener. Ihr könnt dann wählen: — entweder ihr flieht,
oder ihr sucht, mich frei zu machen.“

„Wir werden dich nicht verlassen!“ versicherte der
Haddedihn mit ruhiger Stimme.

Wie er jetzt stolz und aufrecht vor mir stand; im
langen, weißen Bart, der bis auf den Gürtel herab wallte,
bot er ganz das Bild eines kühnen, aber doch besonnenen
Mannes.

„Ich danke dir! Sollten sie mich gefangen nehmen,
so steht doch so viel fest, daß es nur nach einem heißen
Kampfe geschieht. Binden aber lasse ich mich auf keinen
Fall, und dann wird es wohl möglich sein, euch die Zelle
zu bezeichnen, in der ich mich befinde.“

„Wie willst du dies thun, Sihdi?“ fragte Halef.

„Ich werde versuchen, an der Mauer in die Höhe
zu kommen, und euch das Zeichen mit einem meiner
Kleidungsstücke geben, welches ich soweit im Loche vorschiebe, daß ihr es sehen könnt. Dann ist es euch vielleicht möglich, mir durch den Agha oder durch Mersinah
eine Botschaft zu senden. Lange bin ich keinenfalls gefangen. Auf alle Fälle aber haltet ihr eure Pferde gesattelt. Ueberlegt euch die Sache selbst weiter; ich habe
keine Zeit, denn der Mutesselim wartet, und ich muß
noch zum Engländer.“

Auch dieser saß auf seinem Teppich und rauchte.

„Schön, daß Ihr kommt, Sir!“ begrüßte er mich.
„Wollen fort!“

„Warum?“

„Ist nicht geheuer hier!“

„Sprecht deutlicher!“

Er erhob sich, trat in die Nähe der Fensteröffnung
und deutete auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses.

„Seht dort!“

Ich blickte schärfer hinüber und erkannte die Gestalt
eines Arnauten, welcher auf dem Bauche lag und unsere
Wohnung beobachtete.

„Werde auch auf unser Dach steigen,“ sagte Lindsay
ruhig, „und dem Manne dort eine Kugel geben!“

„Ich gehe jetzt nach dem Gefängnisse, wo mich der
Mutesselim erwartet. Wenn ich in einer Stunde nicht
zurück bin, so ist mir etwas geschehen, und ich sitze fest.
In diesem Falle stecke ich irgend ein Kleidungsstück aus
dem Loche heraus, in welchem ich hocke. Ihr könnt es
von den hintern Fenstern oder von dem Dache aus sehen.“

„Sehr schön; wird großes Vergnügen sein; sollen
Master Lindsay kennen lernen!“

„Verständigt Euch mit Halef. Er spricht ja einige
Brocken Englisch.“

„Werden Pantomimen machen. Yes!“

Ich ging. Ueber mich wachten drei Männer, auf
die ich mich verlassen konnte. Uebrigens war Amadijah
bereits menschenleer; die Hälfte der Garnison laborierte
am Fieber, und den Mutesselim hatte ich in meiner Hand.

Selim Agha stand bereits unter der Thüre. Die
beiden Besprechungen hatten ihm zu lange gedauert, und
er suchte das Versäumte durch einen schnellen Schritt
wieder einzuholen. Wie bereits heute morgen, stand der
Kommandant auch jetzt wieder unter der geöffneten Gefängnisthüre. Er trat zurück, als er uns erblickte. Seit
meinem Austritte aus der Wohnung bis hierher hatte ich
scharf gespäht, aber keinen Menschen gesehen, der den
Auftrag hätte haben können, mich zu beaufsichtigen. Die
zwei Gassen, durch welche wir kamen, waren leer, und
auch in der Nähe des Gefängnisses ließ sich niemand
sehen. Der Kommandant begrüßte mich sehr höflich, aber
mein Mißtrauen entdeckte sehr leicht, daß hinter dieser
Höflichkeit sich eine Arglist barg.

„Effendi,“ begann er, als er die Thüre hinter sich
und uns verschlossen hatte, „wir haben den Körper des
Entflohenen nicht gefunden.“

„Hast du in der Schlucht suchen lassen?“

„Ja. Es sind Leute an Stricken hinabgelassen worden.
Der Gefangene ist nicht dort hinab.“

„Aber seine Kleider lagen dort!“

„Vielleicht hat er sie dort nur abgelegt!“

„Dann würde er ja ein anderes Gewand haben
müssen!“

„Vielleicht hat er das gehabt. Es ist gestern ein
vollständiger Anzug gekauft worden.“

Er blickte mich bei diesen Worten forschend an. Er
meinte jedenfalls, ich werde mich durch eine Miene verraten; im Gegenteil aber hatte er sich durch diese Bemerkung bloßgestellt, denn nun wußte ich ganz genau,
was ich von ihm zu erwarten hatte.

„Für ihn?“ fragte ich ungläubig lächelnd.

„Ich glaube es. Ja, man hat sogar ein Reitpferd
gekauft!“

„Auch für ihn?“

„Ich denke es. Und dieses befindet sich noch in der
Stadt.“

„Er will also offen und frei zum Thore hinausreiten?
Oh, Mutesselim, ich glaube, dein System ist noch nicht in
Ordnung gekommen. Ich werde dir Medizin senden müssen!“

„Ich werde nie wieder eine solche Medizin trinken,“
antwortete er einigermaßen verlegen. „Ich habe die Ueberzeugung, daß er zwar hier aus dem Gefängnisse entkommen ist, sich aber noch in der Stadt befindet.“

„Und weißt du auch, wie er entkommen ist?“

„Nein; aber davon bin ich nun überzeugt, daß weder
der Agha noch die Wächter die Schuld tragen, daß es
ihm gelang.“

„Und wo soll er sich versteckt halten?“

„Das werde ich schon noch entdecken, und dabei sollst
du mir helfen, Effendi.“

„Ich? Gern, wenn ich es vermag.“

Ich hatte bei meinem Eintritte einen raschen Blick
zur Treppe emporgeworfen und oben mehr Arnauten stehen
sehen, als vorher hier postiert gewesen waren. Man hatte
also wohl die Absicht, mich hier festzuhalten. In dieser
Ueberzeugung bestärkten mich natürlich die unvorsichtigen
Reden des Kommandanten. Ein Blick auf das offene
Gesicht des Agha ergab, daß er von dem Vorhaben des
Mutesselim ganz sicher keine Kenntnis hatte. Also auch er
stand im Verdacht, und daraus schloß ich, daß man den
Entsprungenen in seiner und in meiner Wohnung vermute.

„Ich habe gehört,“ meinte der Kommandant, „daß
du ein großer und geschickter Kenner aller Spuren bist.“

„Wer hat dir das gesagt?“

„Dein Baschi-Bozuk, dem dein Diener Halef es erzählte.“

Also er hatte den Baschi-Bozuk verhört. Darum also
war derselbe von dem Basch Tschausch geholt worden!
Der Kommandant fuhr fort:

„Und darum bitte ich dich, dir einmal das Gefängnis anzusehen.“

„Dies habe ich doch bereits gethan!“

„Aber nicht so genau, wie es geschehen muß, wenn
man Spuren entdecken will. Dann ist oft ein ganz kleines
Ding, welches man erst gar nicht beachtet hat, von sehr
wichtiger Bedeutung.“

„Das ist richtig. Also das ganze Haus soll ich durchsuchen?“

„Ja. Aber du wirst wohl mit dem Loche beginnen
müssen, in dem er gesteckt hat, denn dort hat auch seine
Flucht begonnen.“

O schlauer Türke! Hinter mir hörte ich auf den Treppenstufen etwas knistern. Die Arnauten kamen leise herab.

„Das ist sehr richtig,“ bemerkte ich scheinbar ahnungslos. „Laß die Thüre zu der Zelle öffnen!“

„Mache auf, Selim Agha!“ gebot er.

Der Agha schob die Riegel zurück und legte die
Thüre ganz bis an die Wand hinum.

Ich trat näher, aber so vorsichtig, daß mich kein Stoß von
hinten hinabwerfen konnte, und blickte aufmerksam hinein.

„Ich sehe nichts, was mir auffallen könnte, Mutesselim!“

„Von hier aus kannst du auch nichts sehen. Du
wirst wohl hinabsteigen müssen, Effendi!“

„Wenn du es für nötig hältst, werde ich es thun,“
erwiderte ich unbefangen.

Ich trat zur Seite, faßte die Thüre, hob sie aus den
Angeln und legte sie quer vor der Thüröffnung auf den
Boden nieder, so daß ich sie von dem Loche aus stets im
Auge behalten konnte. Das hatte der gute Kommandant
nicht erwartet; es machte ihm einen sehr dicken Strich
durch seine Rechnung.

„Was thust du da?“ fragte er enttäuscht und ärgerlich.

„Ich habe die Thüre ausgehoben, wie du siehst,“
antwortete ich.

„Warum?“

„O, wenn man Spuren entdecken will, so muß man
sehr vorsichtig sein und alles im Auge behalten!“

„Aber das Abnehmen der Thüre ist doch nicht notwendig. Du erhältst dadurch nicht mehr Licht in das Loch,
als vorher.“

„Richtig! Aber weißt du, welche Spuren die sichersten sind?“

„Welche?“

„Diejenigen, welche man in dem Angesichte eines Menschen findet. Und diese“ — dabei klopfte ich ihm vertraulich auf die Achsel — „weiß ein Effendi aus Germanistan ganz sicher zu finden und zu lesen.“

„Wie meinst du das?“ fragte er betroffen.

„Ich meine, daß ich dich wieder einmal für einen
großen Diplomaten halte. Du verstehst deine Geheimnisse
und Absichten ausgezeichnet geheim zu halten. Und darum
werde ich dir auch deinen Willen thun und jetzt hinunterspringen.“

„Was meinst du für Absichten?“

„Deine Weisheit hat dich auf den ganz richtigen Gedanken geführt, daß ein Gefangener es am besten erraten
könne, wie es einem andern Gefangenen möglich gewesen
sei, zu entkommen. Allah sei Dank, daß er so kluge Männer geschaffen hat!“

Ich sprang hinunter in das Loch und bückte mich,
um zu thun, als ob ich am Boden suche. Dabei jedoch
sah ich unter dem Arm hinweg und bemerkte einen Wink,
den der Mutesselim dem Agha gab. Beide bückten sich,
um die schwere Thüre aufzunehmen und in die Angeln
zu bringen. Ich drehte mich um.

„Mutesselim, laß die Thüre liegen!“

„Sie soll dahin, wohin sie gehört.“

„So gehe ich auch wieder dahin, wohin ich gehöre!“

Ich machte Anstalt, mich emporzuschwingen, was
nicht sehr leicht zu bewerkstelligen war, weil das Loch eine
bedeutende Tiefe hatte.

„Halt, du bleibst!“ gebot er mir und gab zugleich
einen Wink, auf welchen mehrere bewaffnete Arnauten
herbeitraten. „Du bist mein Gefangener!“

Der gute Selim erschrak. Er starrte erst den Mutesselim und dann mich an.

„Dein Gefangener?“ fragte ich. „Du scherzest!“

„Es ist mein voller Ernst!“

„So bist du über Nacht verrückt geworden! Wie
kannst du glauben, daß du der Mann seist, der mich gefangen nehmen kann!“

„Du bist ja schon gefangen und wirst nicht eher wieder
frei kommen, als bis ich den Entflohenen entdeckt habe.“

„Mutesselim, ich glaube nicht, daß du ihn entdecken wirst!“

„Warum?“

„Dazu gehört ein Mann, welcher Mut und Klugheit besitzt, und mit diesen beiden Eigenschaften hat dich
Allah in seiner Weisheit verschont.“

„Du willst mich verhöhnen? Siehe zu, wie weit du
mit deiner eignen Klugheit kommst! Legt die Thüre an
und schiebt die Riegel vor!“

Jetzt zog ich eine der Pistolen.

„Laßt die Thüre liegen, das rate ich euch!“

Die braven Arnauten blieben sehr verlegen stehen.

„Greift zu, ihr Hunde!“ gebot er drohend.

„Laßt euch nicht erschießen, ihr Leute!“ sagte ich,
indem ich die Hähne spannte.

„Wage es, zu schießen!“ rief der Mutesselim.

„Wagen? O, Mutesselim, das ist ja gar kein Wagnis. Mit diesen Leuten werde ich ganz gut auskommen,
und du bist der erste, den meine Kugel trifft!“

Die Wirkung war eigentümlich, denn der kühne Held
von Amadijah verschwand sofort von der Thüröffnung.
Aber seine Stimme ertönte:

„Schließt ihn ein, ihr Schurken!“

„Thut es nicht, ihr Männer, denn ich werde den,
der diese Thüre zu schließen wagt, ganz sicher in die
Dschehennah schicken!“

„So schießt ihr wieder!“ ertönte es von der Seite her.

„Mutesselim, vergiß nicht, wer ich bin! Eine Verletzung meiner Person würde dich deinen Kopf kosten.“

„Wollt ihr gehorchen, ihr Buben! Oder soll ich es
sein, der euch erschießt? Selim Agha, greif zu!“

Der Neffe des Schwagers von der Schwester des
Enkelsohnes der Mutter von der Stiefschwester der ‚Myrte‘
war dem Beispiele seines Vorgesetzten gefolgt und hatte
sich in der Entfernung an die Mauer gedrückt. Er befand
sich jetzt gewiß in sehr großer Verlegenheit, aus der ich
ihn erretten mußte.

„Tretet ein wenig zurück, ihr Männer, denn jetzt
geht es los!“

Ich richtete die Mündung der Waffe auf sie und
bekam die Oeffnung frei. Nach einer schnellen Kraftanstrengung stand ich oben vor dem Kommandanten, dem
ich die Pistole unter die Nase hielt.

„Mutesselim, ich habe da unten keine Spur gefunden!“

„Alla illa Allah! Emir, thue diese Waffe weg!“

Daß er selbst ein solches Schießding, mit dem er sich
ja wehren konnte, im Gürtel trug, schien ihm gar nicht
einzufallen.

„Sie kommt erst dann zurück an ihre Stelle, wenn
diese Wächter zurückgekehrt sind nach oben. Selim Agha,
schaffe sie fort!“

Diesem Befehle leistete der Agha augenblicklich Folge:

„Packt euch, und laßt euch nicht wieder sehen!“

Sie retirierten schleunigst die Treppe empor.

„So, jetzt stecke ich die Waffe ein. O, Mutesselim,
in welche Schande hast du dich gebracht! Deine List ist
nicht gelungen, deine Gewalt hat nichts genützt; und nun
stehest du da wie ein Fakara günakiar, der um Gnade
bitten muß. Warum wolltest du mich einschließen lassen?“

„Weil ich bei dir aussuchen muß.“

„Darf ich nicht dabei sein?“

„Du hättest dich gewehrt.“

„Ah, du hast also Respekt vor mir? Das höre ich
gern! Und du meinst, daß die andern sich nicht gewehrt
hätten?“

„Du bist der schlimmste, sie aber hätten wir nicht
gefürchtet.“

„Du irrst, Mutesselim. Ich bin der gütigste von
ihnen allen. Mein Hadschi Halef Omar ist ein Held; der
Hadschi Lindsay-Bey ist ein Wüterich, und der dritte, den
du noch nicht gesehen hast, der übertrifft noch beide. Du
wärest nur tot von ihnen weggekommen! Wie lange aber,
glaubst du, daß ich mich hier in diesem Loche befunden
hätte?“

„So lange es mir beliebte!“

„Meinst du? Sieh diese Waffen und diesen Beutel
mit Kugeln und Patronen! Ich hätte die Riegel oder die
Angeln aus der Thüre geschossen und in zwei Minuten
da gestanden, wo ich jetzt stehe. Und bereits bei dem
ersten Schusse hätten meine Leute gewußt, daß ich in Gefahr war. Sie wären herbeigeeilt, um mir zu helfen.“

„Sie hätten nicht herein gekonnt.“

„Eine Büchsenkugel öffnet dein altes Schloß ganz
leicht. Komm her, ich will dir etwas zeigen!“

Ich drehte ihn nach der Zelle zu und deutete nach
dem Fensterloche, durch welches man ein Stückchen des
Himmels erblicken konnte; jetzt aber sah man in dem
Rahmen des Loches eine Gestalt, welche ein schwarz und
rot karriertes Gewand trug, eine Büchse in der Hand
hielt und aufmerksam nach dem Gefängnisse herüberblickte.

„Kennst du diesen Mann?“ fragte ich.

„Hadschi Lindsey-Bey!“

„Ja, er ist's. Er steht auf dem Dache meiner Wohnung und wartet auf das Zeichen, welches wir verabredet
haben. Mutesselim, dein Leben hängt an einem Haare.
Was hast du gegen mich?“

„Du hast den Entflohenen befreit!“

„Wer sagte das?“

„Ich habe Zeugen.“

„Mußt du mich da gefangen nehmen, mich, einen
Effendi und Bey, einen Emir, der viel höher steht, als du,
der das Budjeruldi des Großherrn besitzt und dir schon
viele Beweise gegeben hat, daß er keinen Menschen fürchtet?“

„Ja, du fürchtest niemand, und eben darum wollte
ich dich hier sicher haben, ehe ich deine Wohnung durchsuchte.“

„Du kannst sie in meiner Gegenwart durchsuchen!“

„Herr, nun thue ich es nicht. Ich werde meine Leute
senden.“

Ah, er fürchtete jetzt den ‚Helden‘, den ‚Wüterich‘
und den, der diese beiden noch übertraf.

„Auch das werde ich gestatten, wenn es ohne Aufsehen geschieht. Sie können jeden Winkel durchstöbern;
ich habe nichts dagegen. Du siehst also, daß du mich nicht
einzusperren brauchtest, Mutesselim!“

„Das wußte ich nicht!“

„Dein größter Fehler aber war, daß du glauben
konntest, ich sei mit Blindheit geschlagen und werde mich
ruhig einsperren lassen. Thue das nicht wieder, denn ich
sage dir: dein Leben hing an einem Haar.“

„Aber, Emir, wenn wir den Gefangenen bei dir entdecken, so werde ich dich doch gefangen nehmen müssen!“

„Dann werde ich mich nicht weigern.“

„Und ich kann dich jetzt nicht nach Hause gehen lassen.“

„Warum?“

„Ich muß sicher sein, daß du nicht den Befehl giebst,
den Gefangenen zu verstecken.“

„Gut. Aber ich sage dir, daß meine Gefährten dann
die Wohnung nicht durchsuchen lassen. Sie werden im
Gegenteile einen jeden niederschießen, der sie zu betreten
wagt.“

„So schreibe ihnen, daß sie meine Leute eintreten
lassen sollen!“

„Das will ich thun. Selim Agha kann den Brief
gleich hintragen.“

„Nein. Dieser nicht!“

„Warum?“

„Er könnte von allem wissen und sie warnen.“

„Oh, der Agha ist dir treu und weiß kein Wort über
den Gefangenen zu sagen oder zu verschweigen! Nicht
wahr, Selim Agha?“

„Herr,“ meinte dieser zu seinem Vorgesetzten, „ich
schwöre dir, daß ich nicht das Geringste weiß, und daß
auch der Effendi ganz unschuldig ist!“

„Das letztere kannst du nicht beschwören, das erstere
aber möchte ich glauben um deinetwillen. Emir, du gehst
mit zu mir, wo wir dann weiter über diese Sache reden
werden. Ich werde dich deinen Anklägern gegenüberstellen.“

„Das verlange ich auch!“

„Einen derselben kannst du gleich jetzt hören.“

„Wer ist es?“

„Der Arnaute, der um deinetwillen dort in dem Loche
steckt.“

„Ah! Dieser?“

„Ja. Ich durchsuchte heute noch einmal die Zellen
und fragte jeden Gefangenen, ob er heute nacht etwas
gemerkt habe. Ich kam auch zu ihm und hörte von ihm
etwas, was dir sehr schädlich ist.“

„Er will sich rächen! Aber willst du nicht lieber einen
der Wächter nach meiner Wohnung senden? Wenn ich
einen Brief schreibe, könnte doch ein Irrtum unterlaufen,
oder meine Gefährten könnten glauben, daß ihn ein anderer
geschrieben habe.“

„Sie werden dem Wächter noch viel weniger glauben!“

„Das meine ich auch nicht. Dieser Mann soll aber
meinen Diener holen, der sich überzeugen kann, daß ich
selbst die Erlaubnis gebe, die Wohnung zu durchsuchen.“

„Du wirst nur in meiner Gegenwart mit ihm
sprechen?“

„Ja.“

„So werde ich ihn holen lassen.“

Er rief einen der Arnauten und gab ihm den betreffenden Befehl; dann mußte Selim Agha den Kerker
öffnen, in welchem der frühere Khawaß des Engländers
eingeschlossen war.

„Stehe auf,“ gebot ihm der Mutesselim, „und gieb
mir Rede und Antwort! Behauptest du das, was du mir
heute sagtest, auch jetzt noch?“

„Ja.“

„Wiederhole es!“

„Der Mann, den du Hadschi Lindsay-Bey nanntest,
ist ein Inglis. Er nahm mich und einen Dolmetscher von
Mossul mit, und diesem hat er erzählt, daß er einen
Mann suche, der ausgezogen ist, einen Gefangenen zu
befreien.“

Also hatte Master Fowling-bull dennoch geplaudert!

„Hat er diesen Mann genannt?“ fragte ich den Arnauten.

„Nein.“

„Hat er dem Dolmetscher den Namen des Gefangenen
gesagt, welcher befreit werden soll?“

„Nein.“

„Auch nicht den Ort, wo dieser Gefangene ist?“

„Nein.“

„Mutesselim, hat dieser Arnaute noch mehr zu sagen?“

„Das ist alles.“

„Nein; das ist gar nichts! Selim Agha, schließe
wieder zu! Oh, Mutesselim, du bist wirklich ein so großer
Diplomat, daß ich in Stambul gewiß deine Verdienste
sehr viel rühmen werde! Man wird sich dann beeilen,
dir eine noch viel höhere Stellung als die jetzige zu geben.
Vielleicht macht dich der Padischah gar zum Vicekönig
von Bagdad. Hadschi Lindsay-Bey will einen Mann
aufsuchen. Hat er gesagt, daß ich dieser Mann sei? Dieser
Mann will einen Gefangenen befreien. Hat er gesagt,
daß es dein Gefangener sein soll? Wird ein Inglis sein
Vaterland, welches beinahe tausend Kameltagreisen von
hier entfernt ist, verlassen, um einen Araber aus der Gefangenschaft zu befreien? Er hatte, als er es verließ, noch
niemals einen Araber gesehen.“

„Aber du, du bist ein Freund von Amad el Ghandur?“

„Ich sage dir, daß ich ihn noch nie gesehen hatte,
als bis ich ihn hier in dem Loche sah! Hadschi Lindsay-Bey versteht nicht Türkisch und nicht Arabisch, und sein
Dolmetscher konnte nicht gut englisch sprechen. Wer weiß,
was dieser Mann gehört und verstanden hat. Vielleicht
hat der Hadschi ihm nur ein Märchen erzählt.“

„Aber er redet doch nicht!“

„Damals sprach er noch. Er hat sein Gelübde erst
später gethan.“

„So komm, du sollst auch den andern Zeugen hören!
Man klopft. Es wird dein Diener sein.“

Er öffnete den Eingang. Der Arnaute brachte Halef,
dem ich sagte, daß ich mit der Haussuchung einverstanden
sei, und fügte bei:

„Ich will dem Mutesselim beweisen, daß ich sein
Freund bin. Die Leute sollen überall hingelassen werden.
Nun gehe!“

„Wo gehest denn du jetzt hin?“

„Zum Mutesselim.“

„Wann kommst du wieder?“

„Ich weiß es noch nicht.“

„In einer Stunde kann sehr viel gethan und gesprochen werden. Bist du bis dahin noch nicht zurück, so
werden wir kommen und dich holen!“

Er ging. Der Kommandant machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Das mannhafte Wesen meines kleinen
Halef hatte ihm imponiert.

In dem Vorzimmer seines Selamlüks befanden sich
mehrere Beamte und Diener. Er winkte einem der ersteren,
welcher mit uns eintrat. Wir setzten uns, aber eine Pfeife
erhielt ich nicht.

„Das ist der Mann!“ meinte der Mutesselim, indem
er auf den Beamten zeigte.

„Was für ein Mann?“

„Der dich gesehen hat.“

„Wo?“

„Auf der Gasse, welche zum Gefängnisse führt.
Ibrahim, erzähle es!“

Der Beamte sah, daß ich mich auf freiem Fuße befand; er warf einen unsichern Blick auf mich und berichtete:

„Ich kam vom Palaste, Herr. Es war sehr spät,
als ich meine Thüre öffnete. Eben wollte ich sie wieder
schließen, da hörte ich Schritte, die sehr eilig herbeikamen.
Es waren zwei Männer, die sehr schnell gingen; der eine
zog den andern mit sich fort, und dieser andere hatte
keinen Atem. An der Ecke verschwanden sie und gleich
darauf hörte ich einen Raben schreien.“

„Hast du die beiden Männer erkannt?“

„Nur diesen Effendi. Es war zwar finster, aber ich
erkannte ihn an seiner Gestalt.“

„Wie war die Gestalt des andern?“

„Kleiner.“

„Haben sie dich gesehen?“

„Nein, denn ich stand hinter der Thüre.“

„Du kannst gehen!“

Der Mann trat ab.

„Nun, Emir, was sagest du?“

„Ich war den ganzen Abend bei dir!“

„Aber einige Minuten bist du fort gewesen, nämlich
als du die Lampe holtest. Da hast du den Gefangenen
fortgeschafft, wie ich vermute, und dabei solche Eile gehabt, weil wir auf dich warteten.“

Ich lachte.

„Oh, Mutesselim, wann endlich wirst du einmal ein
guter Diplomat werden! Ich sehe, daß dein System wirklich einer Stärkung bedarf. Erlaube mir einige Fragen.“

„Rede.“

„Wer hatte den Schlüssel zur Außenthüre des Gefängnisses?“

„Ich.“

„Konnte ich also hinaus, selbst wenn ich gewollt
hätte?“

„Nein,“ antwortete er zögernd.

„Mit wem bin ich nach Hause gegangen?“

„Mit Selim Agha.“

„Ist dieser Agha der Arnauten länger oder kürzer
als ich?“

„Kürzer.“

„Und nun, Agha, frage ich dich: Sind wir langsam
gegangen wie die Schnecken oder mit schnellen Schritten?“

„Schnell,“ antwortete der Gefragte.

„Haben wir uns geführt oder nicht?“

„Wir führten uns.“

„Mutesselim, kann ein Rabe, der im Traume ein
wenig krächzt oder ruft, in Beziehung zu dem Entflohenen
stehen?“

„Emir, das trifft ja wunderbar!“ antwortete er.

„Nein, das trifft nicht wunderbar, sondern das ist
so einfach und natürlich, daß ich über die Kleinheit deiner
Gedanken erschrecke! Ich werde ganz besorgt um dich!
Du hattest den Schlüssel, und niemand konnte heraus
das mußtest du wissen. Ich bin mit dem Agha nach
Hause gegangen, und zwar durch die Gasse, in welcher
jener Mann wohnt; das wußtest du auch. Und auf eine
Erzählung hin, die nur geeignet wäre, mich zu rechtfertigen, willst du mich verurteilen? Ich war dein Freund.
Ich gab dir Geschenke; ich führte den Makredsch, dessen
Festnehmung dir Ehre und Beförderung in Aussicht stellt,
in deine Hände; ich gab dir Arzenei, um deine Seele zu
erfreuen und das alles dankst du dadurch, daß du mich
in das Gefängnis stecken willst. Geh! Ich werde irre an
dir! Und was ebenso schlimm ist: du wirfst dein Mißtrauen sogar auf den Agha der Arnauten, dessen Treue
du kennst, und der für dich kämpfen würde, selbst wenn
er dabei das Leben verlieren müßte!“

Da richtete sich Selim Agha um einige Zoll höher auf.

„Ja, das ist wahr!“ beteuerte er, indem er an seinen
Säbel schlug und die Augen rollen ließ. „Mein Leben
gehört dir, Herr. Ich gebe es für dich hin!“

Das war zu viel der Beweise. Der Kommandant
reichte mir die Hand und bat:

„Verzeihe, Emir! Du bist gerechtfertigt, und ich werde
in deiner Wohnung nicht nachsuchen lassen!“

„Du wirst suchen lassen. Ich verlange es nun selbst!“

„Es ist ja unnötig geworden!“

„Ich bestehe aber auf meinem Verlangen.“

Der Mutesselim erhob sich und ging hinaus.

„Effendi, ich danke dir, daß du mich von seinem Verdachte gereinigt hast!“ sagte nun der Agha.

„Du wirst gleich hören, daß ich noch mehr für dich
thue.“

Als der Kommandant wieder eintrat, machte er ein
sehr verdrießliches Gesicht und begann:

„Draußen steht jetzt der Basch Tschausch, der nach
Mossul gehen soll — — —“

„Der meinen Baschi-Bozuk holte,“ unterbrach ich ihn,
„damit du ihn über mich verhören konntest! Hast du wohl
ein Wort von ihm erfahren, das mich verdächtigt?“

„Nein, er war deines Lobes voll. Aber sage mir,
was ich dem Anatoli Kasi Askeri über den entsprungenen
Gefangenen schreiben soll!“

„Schreibe die Wahrheit!“

„Das wird mir großen Schaden machen, Effendi.
Denkst du nicht, daß ich schreiben könnte, er sei gestorben?“

„Das ist deine Sache!“

„Würdest du mich verraten?“

„Ich habe keinen Grund dazu, solange du mein
Freund bist.“

„Ich werde es thun!“

„Aber wenn es dir gelingt, ihn wieder zu ergreifen?
Oder wenn er glücklich seine Heimat erreicht?“

„So hat sich der abgesetzte Mutessarif geirrt und mir
einen Mann geschickt, den er zwar für Amad el Ghandur
hielt, der es aber nicht war. Und wenn ich ihn wieder
ergreife — — Effendi, es wird das beste sein, daß ich
gar nicht nach ihm suchen lasse!“

Das war eine echt türkische Weise, sich aus der Not
zu helfen; mir jedoch kam sie sehr willkommen.

„Aber der Basch Tschausch weiß ja, daß der Araber
entflohen ist?“

„Das ist ein anderer Araber gewesen, kein Haddedihn,
sondern ein Abu Salman, der mir den Zoll verweigerte.“

„So eile, damit du der Sorge um den Makredsch
ledig wirst. Wenn es auch diesem gelingen sollte, zu entkommen, so bist du verloren.“

„In einer Stunde soll der Transport abgehen.“

„Hast du schon das Verzeichnis von den Sachen fertig,
welche der Makredsch bei sich hatte?“

„Es ist fertig und von mir und Selim Agha unterzeichnet.“

„Du hast eine Unterschrift vergessen, Mutesselim.“

„Welche?“

„Die meinige.“

„O, Effendi, diese ist gar nicht nötig.“

„Aber wünschenswert.“

„Aus welchem Grunde?“

„Man könnte mich in Mossul oder Stambul über
diese Sache fragen, wenn etwas nicht stimmen sollte. So
wird es besser sein, ich unterzeichne mich jetzt; dann ist
alles in Ordnung. Auch dir muß es willkommen sein,
einen Zeugen mehr zu haben; denn ich traue dem Makredsch gar sehr zu, daß er dich verleumdet, um sich an
dir zu rächen.“

Der Kommandant befand sich augenscheinlich in großer
Verlegenheit.

„Das Verzeichnis ist bereits verschlossen und versiegelt,“ sagte er.

„Zeige es!“

Er erhob sich wieder und ging in die Nebenstube.

„Effendi,“ flüsterte der Agha ängstlich, „verrate nicht,
daß ich dir alles gesagt habe.“

„Sei ohne Sorge!“

Der Mutesselim kehrte zurück und hielt ein versiegeltes
Schreiben in der Hand. Er reichte es mir ohne Bedenken.

Ich nahm es, um mich zu überzeugen, daß es auch
das rechte sei. Ich drückte die langen Bauchseiten zusammen, so daß sich eine Röhre bildete, in deren Inneres ich
blicken konnte. Da es nicht couvertiert war, sah ich zwar
aus einzelnen Wörtern, daß der Kommandant mich nicht
getäuscht habe; doch befanden sich die Ziffern, welche ich
suchte, nicht an einer Stelle, die ich hätte lesen können.
Gleichwohl aber that ich, als ob ich sie sähe, und las
laut und langsam:

„Vierhundert Piaster in Gold — einundachtzig Piaster
in Silber — —! Mutesselim, du wirst dieses Schreiben
öffnen müssen; du hast dich sehr verschrieben!“

„Herr, diese Angelegenheit ist nicht die deinige, sondern die meinige!“

„So war es also nur die deinige, als ich dir beistehen mußte, den Makredsch festzuhalten und ihm sein
Geld abzunehmen?“

„Ja,“ antwortete er naiv.

„Gut! Aber du versprachst mir fünftausend Piaster,
auf welche noch zweitausend zu legen sind, weil das Papiergeld keinen vollen Wert besitzt. Wo ist diese Summe?“

„Emir!“

„Mutesselim!“

„Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich
dennoch peinigen!“

„Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich
dennoch hintergehen!“

„Ich muß das Geld nach Mossul senden.“

„Vierhunderteinundachtzig Piaster, ja. Deine Pflicht
ist es aber, alles Geld des Makredsch samt der Uhr und
den Ringen einzusenden. Thust du dies, so habe ich nichts
zu fordern; thust du es aber nicht, so verlange ich den
mir gebührenden Teil.

„Du hast ja gar nichts zu bekommen,“ erklärte er.

„Du auch nicht, und Selim Agha auch nicht. Hat
er etwas erhalten?“

„Siebentausend Piaster in Papier,“ antwortete er
sehr schnell, um dem Agha die Antwort abzuschneiden.
Dieser schnitt ein Gesicht, daß ich beinahe in lautes Lachen
ausgebrochen wäre.

„Nun, also,“ sagte ich, „warum willst du mir da
meinen Teil vorenthalten?“

„Du bist ein Fremdling und keiner meiner Beamten.“

„Du sollst recht behalten; aber dann trete ich meinen
Teil an den Padischah ab. Sage also dem Basch Tschausch,
daß er nach meiner Wohnung kommen soll, ehe er abreist.
Ich werde ihm meinen Bericht an den Anatoli Kasi Askeri mitgeben. — Lebe wohl, Mutesselim, und erlaube,
daß ich dich heute abend besuche.“

Ich ging zu der Thüre, hatte diese aber noch nicht
erreicht, als er rief:

„Wie viel Geld wirst du angeben?“

„Die runde Summe von fünfundzwanzigtausend Piaster, eine Uhr und vier Brillantringe.“

„Wie viel willst du davon haben?“

„Meinen vollen Teil. Siebentausend Piaster in Papier,
oder fünftausend in Gold oder Silber.“

„Effendi, es war wirklich nicht so viel Gold!“

„Ich kann den Klang des Goldes sehr gut von dem
des Silbers unterscheiden, und der Beutel hatte einen sehr
dicken Bauch.“

„Du bist reich, Emir, und wirst mit funfhundert
Piaster zufrieden sein!“

„Zweitausend in Gold, das ist mein letztes Wort!“

„Allah kerihm, ich kann es nicht!“

„Lebewohl!“

Wieder ging ich nach der Thüre. Er wartete, bis
ich sie geöffnet hatte, dann rief er mich zurück. Ich ging
jedoch weiter und war bereits auf der Straße, als mir
eilige Schritte folgten. Es war Selim Agha, der mich
zurückrief.

Als ich wieder in das Selamlük trat, war der Kommandant nicht da, bald aber kam er aus dem Nebenzimmer. Sein Blick war finster und feindselig, und seine
Stimme vibrierte heiser, als er mich fragte:

„Also zweitausend willst du?“

„In Gold!“

Er setzte sich nieder und zählte mir zwanzig Hundertpiasterstücke auf den Teppich.

Ich bückte mich, nahm das Gold auf und steckte es
ein. Er wartete einige Augenblicke, dann fragte er mit
finsterer Stirn:

„Und du bedankst dich nicht?“

„Ich? Ich erwarte im Gegenteile deinen Dank, weil
ich dir dreitausend Piaster geschenkt habe!“

„Du bist bezahlt und hast mir nichts geschenkt. Wann
reisest du ab?“

„Ich weiß es noch nicht.“

„Ich rate dir, noch heute die Stadt zu verlassen!“

„Warum?“

„Du hast dein Gold, nun gehe! Aber komme ja nie
wieder!“

„Mutesselim, spiele keine Komödie mit mir, sonst
lege ich dir die Piaster wieder her und schreibe einen Bericht. Wenn es mir beliebt, zu bleiben, so bleibe ich, und
wenn ich zu dir komme, wirst du mich höflich empfangen.
Aber um dir deine Sorge vom Herzen zu nehmen, will
ich dir sagen, daß ich noch heute abreise. Vorher aber
werde ich kommen, um von dir Abschied zu nehmen, und
dann hoffe ich, daß wir in Frieden scheiden.“

Jetzt verließ ich ihn und kehrte zu den Gefährten
zurück. Ehe ich das Haus erreichte, begegnete mir eine
Truppe Arnauten, welche sich scheu zur Seite stellten und
mich vorüber ließen. Unter der Thüre stand Mersinah
und blickte ihnen nach. Ihr Angesicht glühte vor Zorn.

„Emir, ist schon einmal so etwas geschehen?“ schnaubte
sie mir entgegen.

„Was?“

„Daß ein Mutesselim bei seinem eignen Agha der
Arnauten hat aussuchen lassen?“

„Das weiß ich nicht, o Engel des Hauses, denn ich
bin noch niemals ein Agha der Arnauten gewesen.“

„Und weißt du, was man suchte?“

„Nun?“

„Den entflohenen Araber! Einen Flüchtling bei dem
Aufseher zu suchen! Aber kommt nur dieser Selim Agha
nach Hause, so werde ich ihm sagen, was ich an seiner
Stelle gethan hätte.“

„Zanke nicht mit ihm. Er hat Leid genug zu tragen.“

„Worüber?“

„Daß ich mit meinen Gefährten abreise.“

„Du?“

Sie machte ein ganz unbeschreiblich erschrockenes Gesicht.

„Ja. Ich habe mich mit diesem Mutesselim gezankt
und mag nicht länger an einem Orte bleiben, wo er gebietet.“

„Allah, Tallah, Wallah! Herr, bleibe hier. Ich
werde diesen Menschen zwingen, dir mit Ehrerbietung zu
begegnen!“

Das war ein Versprechen, dessen Ausführung beizuwohnen höchst interessant gewesen wäre. Ich hielt sie
aber leider für unmöglich und ließ Mersinah unten stehen,
wo ihre Stimme fort grollte, wie ferner Donner. Droben
stand der Baschi-Bozuk vor der Treppe. Er hatte meine
Stimme gehört und auf mich gewartet.

„Effendi, ich will Abschied von dir nehmen!“

„Komme herein; ich will dich bezahlen!“

„Oh, Emir, ich bin schon bezahlt.“

„Von wem?“

„Von dem Manne mit dem langen Gesichte.“

„Wie viel hat er dir gegeben?“

„Das!“

Er fuhr mit freudeglänzenden Augen in den Gürtel
und holte eine ganze Hand voll großer Silberstücke hervor, die er mir zeigte.

„So komme nur. Wenn dies so ist, so hat der Mann
mit dem langen Gesichte dich bezahlt, und ich werde nun
den Esel bezahlen.“

„Allah kerihm, den verkaufe ich nicht!“ rief er erschrocken.

„Ich meine nur, daß ich ihm seinen Lohn auszahlen
will!“

„Maschallah, da komme ich!“

Er ging mit in meine Stube, die leer war. Hier
stellte ich ihm ein Zeugnis aus und gab ihm noch einiges
Geld, über welches er vor Freuden fast ganz außer sich
geriet.

„Emir, ich habe noch niemals einen so guten Effendi
gesehen, wie du bist. Ich wollte, du wärest mein Hauptmann oder mein Major oder Oberst! Dann würde ich
dich in der Schlacht beschützen und um mich schlagen wie
damals, als ich meine Nase verlor. Das war nämlich
in der großen Schlacht bei — — —“

„Laß das sein, mein guter Ifra. Ich bin von deiner
Tapferkeit völlig überzeugt. Du bist heute bei dem Mutesselim gewesen?“

„Der Basch Tschausch holte mich zu ihm, und ich
mußte Antwort geben auf sehr viele Fragen.“

„Auf welche?“

„Ob ein Gefangener bei uns sei; ob du bei den
Dschesidi viel Türken ermordet hast; ob du vielleicht ein
Minister aus Stambul bist, und noch vieles andere, was
ich mir gar nicht gemerkt habe.“

„Euer Weg, Ifra, führt euch nach Spandareh. Sage
dem Dorfältesten dort, daß ich heute nach Gumri aufbreche, und daß ich dem Bey von Gumri das Geschenk
bereits übersandt habe. Und in Baadri gehst du zu Ali
Bey, um das zu vervollständigen, was ihm Selek erzählen wird.“

„Dieser geht auch fort?“

„Ja; wo ist er?“

„Bei seinem Pferde.“

„Sage ihm, daß er satteln kann. Ich werde ihm
einen Brief mitgeben. Und nun lebe wohl, Ifra. Allah
behüte dich und deinen Esel. Mögest du nie vergessen,
daß ein Stein an seinen Schwanz gehört!“ — —

Die drei Gefährten saßen kampfgerüstet in der Stube
des Engländers beisammen. Halef umarmte mich beinahe
vor Freude, und der Engländer reichte mir mit einem
so frohen Gesichte die Hand, daß ich erkennen mußte, er
sei in herzlichster Sorge um mich gewesen.

„Gefahr gehabt, Sir?“ fragte er.

„Ich stak bereits in demselben Loche, aus welchem
ich Amad el Ghandur geholt habe.“

„Ah! Prächtiges Abenteuer! Gefangener gewesen!
Wie lange Zeit?“

„Zwei Minuten.“

„Selbst wieder freigemacht?“

„Selbst! Soll ich Euch die Geschichte erzählen?“

„Versteht sich! Well! Yes! Schönes Land hier,
sehr schön! Alle Tage besseres Abenteuer!“

Ich erzählte ihm in englischer Sprache und fügte dann bei:

„In einer Stunde sind wir fort.“

Des Engländers Gesicht nahm ganz die Stellung
eines außerordentlich erschrockenen Fragezeichens an.

„Nach Gumri,“ fügte ich hinzu.

„Oh, war schön hier, sehr schön! Interessant!“

„Noch gestern hieltet Ihr es nicht für schön, Master
Lindsay!“

„War Aerger! Hatte nichts zu thun! Ist aber
trotzdem schön gewesen, sehr schön! Romantisch! Yes!
Wie ist es in Gumri?“

„Noch viel romantischer.“

„Well! So gehen wir hin!“

Er erhob sich sofort, um nach seinem Pferde zu sehen,
und nun hatte ich Zeit, auch den beiden andern meine
letzten Erlebnisse mitzuteilen. Keiner war über unsere
Abreise so erfreut wie Mohammed Emin, dessen Herzenswunsch es war, mit seinem Sohne baldigst zusammen zu
kommen. Auch er erhob sich eiligst, um sich zur Abreise
fertig zu machen. Nun begab ich mich in meine Stube
zurück, um einen Brief an Ali Bey zu schreiben. Ich
meldete ihm in gedrängten Worten alles und sagte ihm
Dank für die beiden Schreiben, die mir so große Dienste
geleistet hatten. Diese Schreiben übergab ich nebst dem
Briefe Selek, welcher dann Amadijah sogleich verließ.
Er schloß sich dem Transport nicht an, sondern zog als
Dschesidi vor, ganz allein zu reisen.

Da hallten die eiligen Schritte zweier Personen auf
der Treppe. Selim Agha trat mit Mersinah ein.

„Effendi, ist es wirklich dein Ernst, daß du Amadijah
verlassen willst?“ fragte er mich.

„Du hast es ja bei dem Mutesselim gehört.“

„Sie satteln schon!“ schluchzte die ‚Myrte‘, welche
sich die Thränen aus den Augen wischen wollte, mit der
Hand aber leider nur bis an die ebenso betrübte Nase kam.

„Wohin gehet ihr?“

„Das braucht der Mutesselim nicht zu erfahren, Selim
Agha. Wir reiten nach Gumri.“

„Dahin kommt ihr heute nicht.“

„So bleiben wir unterwegs über Nacht.“

„Herr,“ bat Mersinah, „bleibe wenigstens diese Nacht
noch hier bei uns. Ich will euch meinen besten Pillan
bereiten.“

„Es ist beschlossen: wir reiten.“

„Du fürchtest dich doch nicht vor dem Mutesselim?“

„Er selbst weiß am besten, daß ich ihn nicht fürchte!“

„Und ich auch, Herr,“ fiel der Agha ein; „hast du
ihm doch zweitausend Piaster abgezwungen!“

Die ‚Myrte‘ machte große Augen.

„Maschallah, welch eine Summe!“

„Und zwar in Gold!“ fügte Selim hinzu.

„Wem gehört dieses viele Geld?“

„Dem Emir natürlich! Emir, hättest du doch auch
für mich ein Wort gesprochen!“

„Hast du das nicht gethan, Effendi?“ erkundigte sich
Mersinah. „Du hattest es uns doch versprochen!“

„Ich habe ja auch Wort gehalten.“

„Wirklich? Emir, wann hast du mit dem Mutesselim
darüber geredet?“

„Als Selim Agha dabei war.“

„Herr, ich habe nichts gehört!“ beteuerte dieser.

„Maschallah, so bist du plötzlich taub geworden! Der
Mutesselim bot mir ja fünfhundert Piaster anstatt der
fünftausend, welche ich verlangte!“

„Das war ja für dich, Effendi!“

„Selim Agha, du hast gesagt: Du liebst mich und
seist mein Freund, und dennoch glaubst du, daß ich mein
Wort so schlecht halte? Ich mußte ja so thun, als ob
es für mich wäre!“

„So thun — — —?“

Er starrte mich wie versteinert an.

„So thun?“ rief Mersinah. Aber ihr kam das Verständnis schneller. „Warum mußtest du so thun? Rede
weiter, Emir!“

„Das habe ich ja dem Agha bereits erklärt — — —“

„Effendi,“ rief sie, „erkläre diesem Agha der Arnauten nichts mehr, denn er wird es nie verstehen! Sage
es lieber mir!“

„Wenn ich für den Agha Geld gefordert hätte, so
wäre der Mutesselim sein Feind geworden — —“

„Das ist richtig, Effendi,“ fiel sie eilig ein. „Ja,
es wäre noch schlimmeres geschehen, denn nach deiner Abreise hätten wir das Geld wieder hergeben müssen.“

„So dachte ich auch, und daher that ich, als ob ich
das Geld für mich verlangte.“

„Und es war wohl nicht für dich? Oh, sage es
schnell!“

Die edle ‚Myrte‘ zitterte an ihrem ganzen Gebein
vor Begierde.

„Für den Agha,“ antwortete ich ihr.

„Maschallah! Ist dies wahr?“

„Natürlich!“

„Und er soll wirklich außer diesen fünfzig Piastern
noch Geld erhalten?“

„Sehr viel.“

„Wie viel?“

„Alles.“

„Allah illa Allah! Wann, wann?“

„Jetzt gleich.“

„Hamdulillah, Preis und Dank sei Allah! Er macht
uns reich durch dich! Aber nun mußt du es uns auch
geben!“

„Hier ist es. Komm her, Selim Agha!“

Ich zählte ihm die volle Summe in die Hand. Er
wollte die Hand schnell schließen, that es aber doch zu
spät, denn die ‚Myrte‘ hatte ihm mit einem sehr geschickten
Griff sämtliche Hundertpiasterstücke weggestrichen.

„Mersinah!“ donnerte er.

„Selim Agha!“ blitzte sie.

„Es ist ja mein!“ grollte er.

„Es bleibt auch dein!“ beteuerte sie.

„Ich kann es selbst aufheben!“ murmelte er.

„Bei mir ist es sicherer!“ redete sie ihm zu.

„Gieb mir nur etwas davon!“ bat er.

„Laß es mir nur!“ schmeichelte sie.

„So gieb mir wenigstens die gestrigen fünfzig Piaster!“

„Du sollst sie haben, Selim Agha!“

„Alle?“

„Alle; aber dreiundzwanzig sind bereits davon weg.“

„Alle! Und dreiundzwanzig sind bereits fort! Wo
sind sie?“

„Fort! Für Mehl und Wasser für die Gefangenen.“

„Für Wasser? Das kostet doch nichts!“

„Für die Gefangenen ist nichts umsonst; das merke
dir, Selim Agha! Aber, Emir, nun hast du ja nichts!“

Jetzt nun, da sie das Geld in den Händen hatte,
wurde sie auch rücksichtsvoll gegen mich.

„Ich mag es nicht; ja, ich darf es nicht nehmen.“

„Du darfst nicht? Warum?“

„Mein Glaube verbietet es mir.“

„Dein Glaube? Alla illa Allah! Der Glaube verbietet doch nicht, Geld zu nehmen!“

„O doch! Dieses Geld gehörte weder dem Makredsch,
denn er hat es jedenfalls nicht auf rechtliche Weise erworben, noch dem Mutesselim oder dem Agha. Aber es
wäre auf alle Fälle verschwunden und nicht in die Hände
der rechtmäßigen Besitzer zurückgelangt. Nur aus diesem
Grunde habe ich den Mutesselim gezwungen, einen Teil
davon wieder herauszugeben. Wenn es denn einmal in
falsche Hände kommen soll, so ist es besser, ihr habt einen
Teil davon, als daß der Mutesselim alles behielt.“

„Effendi, das ist ein sehr guter Glaube!“ beteuerte
Mersinah. „Du bist ein treuer Anhänger des Propheten.
Allah segne dich dafür!“

„Höre, Mersinah! Wenn ich ein Anhänger des
Propheten wäre, so hättet ihr nichts erhalten, sondern ich
hätte alles in meine eigene Tasche gethan. Ich bin kein
Moslem.“

„Kein Moslem!“ rief sie erstaunt. „Was denn?“

„Ein Christ.“

„Maschallah! Bist du ein Nessorah?“

„Nein. Mein Glaube ist ein anderer als derjenige
der Nessorah.“

„So glaubst du wohl auch an die heilige Omm Allah
Marryam?“

„Ja.“

„O, Emir, die Christen, welche an diese glauben, sind
alle gute Leute!“

„Woher weißt du das?“

„Das sehe ich an dir, und das weiß ich auch von
der alten Marah Durimeh.“

„Ah! Kennst du diese?“

„Sie ist in ganz Amadijah bekannt. Sie kommt sehr
selten, aber wenn sie kommt, so teilt sie Freude aus an
alle Leute, die ihr begegnen. Auch sie glaubt an Omm
Allah Marryam und ist ein Segen für viele. Aber da
fällt mir ja ein, daß ich zu ihr muß!“

„Sie ist nicht mehr da.“

„Ja, sie ist wieder abgereist; aber dennoch muß ich hin.“

„Warum?“

„Ich muß sagen, daß du abreisest.“

„Wer hat dies bestellt?“

„Der Vater des Mädchens, welches du gesund gemacht hast.“

„Bleibe hier!“

„Ich muß!“

„Mersinah, du bleibst! Ich befehle es dir!“

Mein Rufen half nichts; sie war bereits die Treppe
hinab, und als ich an das Fenster trat, sah ich sie über
den Platz eilen.

„Laß sie, Effendi!“ sagte Selim Agha. „Sie hat
es versprochen. Oh, warum hast du mir dies viele Geld
in ihrer Gegenwart gegeben! Nun bekomme ich keinen
Para davon!“

„Verwendet sie es für sich?“

„Nein; aber sie ist geizig, Effendi. Was sie nicht
für uns und für die Gefangenen braucht, das versteckt sie,
daß ich es nicht finden kann. Sie ist sehr stolz darauf,
daß ich einmal viel Geld haben werde, wenn sie stirbt.
Aber das ist nicht gut, da ich jetzt darunter leiden muß.
Ich rauche den schlechtesten Tabak, und wenn ich einmal
zum Juden gehe, so darf ich von seinen Medizinen nur
die billigsten trinken. Und die, die ist nicht gut!“

Betrübt ging der wackere Agha der Arnauten von
dannen, und ich folgte ihm hinab in den Hof, wo die
Pferde gesattelt wurden. Dann machte ich mit dem Engländer noch einen Gang in die Stadt, um einige Einkäufe zu besorgen. Als wir zurückkehrten, waren bereits
alle vor dem Eingange des Hauses versammelt. Bei ihnen
stand ein Mann, in dem ich schon von weitem den Vater
meiner Patientin erkannte.

„Herr, ich höre, daß du abreisest,“ begann er, mir
einige Schritte entgegentretend. „Darum bin ich gekommen, um Abschied von dir zu nehmen. Meine Tochter
wird bald ganz gesund sein. Sie, mein Weib und ich,
wir werden zu Allah beten, daß er dich beschütze. Und
damit du auch an uns denken mögest, habe ich ein kleines
Jadikar mitgebracht, welches anzunehmen ich dich innigst
bitte!“

„Wenn es ein Ufak-Defek ist, werde ich es nehmen,
sonst aber nicht.“

„Es ist so klein und arm, daß ich mich scheue, es
dir selbst zu geben. Erlaube, daß ich es deinem Diener
einhändige! Welcher ist es?“

„Dort bei dem Rappen steht er.“

Er nahm unter seinem weiten Oberkleide ein ledernes,
mit Perlen gesticktes Futteral hervor und reichte es Halef
hin. Dann sah ich, daß er außer diesem Gegenstande dem
Diener noch etwas gab. Ich dankte ihm, und wir schieden.

Jetzt kam das Schlimmste: der Abschied von Selim
Agha und besonders von der ‚Myrte‘. Der Agha ging
von Pferd zu Pferd und nestelte an Riemen und Schnallen
herum, welche ganz in Ordnung waren. Dabei rollte er
die Augen so fürchterlich, wie ich es selbst bei ihm noch
niemals gesehen hatte. Die Spitzen seines Schnurrbartes
gingen auf und nieder wie Wagebalken, und hier und da
fuhr er sich mit der Hand nach dem Halse, als ob es ihn
dort würge. Endlich reichte er Halef die Hand zum Abschied. Er fing von unten an.

„Lebe wohl, Hadschi Halef Omar! Allah sei bei dir
immerdar!“

Er hörte gar nicht auf das, was ihm der kleine
Hadschi antwortete, sondern sprang zu dem Pferde Mohammeds, um eine Fliege tot zu schlagen, welche am Halse
des Rosses saß. Dann fuhr er mit einem energischen Rucke
herum und hielt dem Haddedihn die Hand entgegen:

„Allah sei mit dir und allen den Deinen! Kehre wieder
bei uns ein, wenn dich dein Weg nach Amadijah führt!“

Da bemerkte er plötzlich, daß der Sattelgurt des
Engländers um den zwanzigsten Teil eines Zolles zu weit
nach hinten lag. Er eilte dort hin, kroch unter das Pferd
und schob und zerrte, als habe er eine schwere Last zu
bewältigen. Endlich war er fertig und streckte nun dem
Reiter die Rechte hin:

„Sihdi, dein Weg sei — — —“

„Well!“ unterbrach ihn der Master. „Hier!“

Ein Trinkgeld fiel in die Hand des Agha, und es
war, wie ich Lindsay kannte, gewiß sehr reichlich. Diese
Güte machte den gerührten Anführer der Arnauten noch
verwirrter. Er begann also von neuem:

„Sihdi, dein Weg sei wie der Weg — — —
“

„Well!“ nickte Lindsay, und eine zweite Auflage des
Bakschisch gelangte zur Ausgabe. Der Geber hielt die
zum Abschiede hingestreckte Hand für eine Forderung.

„Sihdi,“ begann der Agha mit erhöhter Stimme,
„dein Weg sei wie der Weg der Gerechten, und — —“

„Well!“ ertönte es zum drittenmal.

Aber der Agha zog nun seine Hand plötzlich zurück
und nahm die Gelegenheit, daß ich eben zu Pferde steigen
wollte, wahr, um mir den Steigbügel zu halten. Jetzt
zog es über sein Gesicht, wie Sonnenblick und Wolkenschatten über ein wogendes Feld, dann öffnete er den
Mund, aber da stürzte ihm plötzlich die so lange zurückgehaltene Flut aus den Augen. Das Wort, welches er
sagen wollte, wurde zu einem unverständlichen Laute. Er
reichte mir die Hand; ich nahm und drückte sie, selbst tief
gerührt, und dann zog er sich sehr eilig in den Flur zurück.

Das hatte Mersinah abgewartet. Sie trat hervor,
wie die Sonne aus der Morgenröte. Sie wollte eben bei
Halef beginnen, da drängte ich mein Pferd heran und sagte:

„Halef, reite mit den andern einstweilen in das Thal
hinab. Ich muß noch einmal zum Mutesselim und werde
schnell nachkommen.“ Dann wandte ich mich zu Mersinah:
„Hier, nimm meine Hand! Ich danke dir für alles. Lebe
wohl, stirb nie und denke an mich, so oft du die liebliche
Speise deiner Gefangenen kochst!“

„Lebe wohl, Emir! Du bist der großmütigste —“

Mehr hörte ich nicht. Ich ritt schnell, gefolgt von
meinem Hunde, nach dem Palaste des Kommandanten,
ließ das Pferd vor dem Thore stehen und trat ein. Der
Hund folgte mir; ich wollte das so. Im Vorzimmer
waren einige Personen, die ich bereits dort gesehen hatte.
Sie fuhren erschrocken empor, als sie den Hund erblickten.
Das hatte noch niemand gewagt.

„Wo ist der Mutesselim?“ fragte ich.

„Im Selamlük,“ antwortete einer.

„Ist er allein?“

„Der Aufseher des Palastes ist bei ihm.“

Ich ließ mich gar nicht anmelden, sondern trat ein.
Der Hund war an meiner Seite. Der Aufseher des Palastes machte eine Gebärde des Entsetzens, und der Mutesselim erhob sich augenblicklich.

„Effendi, was thust du?“ rief er.

„Ich komme, um Abschied von dir zu nehmen.“

„Mit einem Hunde!“

„Er ist besser als mancher Mensch. Du sagtest mir,
daß ich nicht wiederkommen solle, und ich komme mit dem
Hunde. Das ist die Antwort eines Emir aus Germanistan. Sallam!“

Ich verließ ihn ebenso schnell als ich gekommen war
und ging hinab. Unten aber, da ich mich nun im Freien
befand, nahm ich mir Zeit; aber es kam niemand, um
mich zur Rede zu stellen. Ich stieg auf und ritt davon.
Die Gefährten waren eben erst zum Thore hinaus, als
ich sie einholte; denn Mersinahs Abschiedsworte an sie
hatten einige Zeit in Anspruch genommen.

„Was noch gemacht beim Mutesselim?“ fragte Lindsay.

Ich erzählte es ihm.

„Ausgezeichnet! Hm! Köstlicher Einfall! Würde gut
bezahlen, wenn Ihr ein anderer wäret! Yes!“

Er brummte und lachte noch lange vor sich hin.

Wir mußten bald absteigen, um die Pferde den steilen
Weg hinabzuführen. Desto schneller aber ging es unten
weiter, bis wir die Stelle erreichten, an welcher wir früher
links abgeschwenkt hatten. Hier mußte Halef zurückbleiben und sich verstecken, um uns zu benachrichtigen, wenn
wir beobachtet würden. Wir erreichten die kleine Lichtung, bei welcher wir die Pferde anbanden, und drangen
dann zu Fuße in das Dickicht ein.

„Hier!“ meinte der Engländer, als wir bei den Eichen
anlangten. „Prachtvolle Villa da oben! Well! Raucht
Tabak!“

Wirklich sah man ein kleines Tabakswölkchen nach
dem andern oben aus der ‚Villa Amad‘ hervorkräuseln.
Der Araber lag in der Tiefe des Loches und bemerkte
unsere Gegenwart nicht eher, als bis er durch einen lauten
Ruf aufmerksam gemacht wurde. Jetzt steckte er den Kopf
hervor und erkannte uns. Die frische, kräftige Waldluft
und die nahrhaften Speisen hatten ihn wenigstens insoweit gekräftigt, daß er ohne weitere Beihilfe herabkommen konnte. Ich erhielt dabei auch meinen Lasso wieder,
welchen er gestern oben behalten hatte.

Wir verweilten keinen Augenblick, kehrten zurück und
bestiegen die Pferde, da es uns allen darauf ankam, noch
heute eine gute Strecke Wegs zwischen uns und Amadijah
zu legen. Halef meldete, daß sich nichts Verdächtiges gezeigt habe, und so bogen wir rechts in den Weg ein,
welcher zu den Sommerwohnungen der Bewohner von
Amadijah führte.

Wir ritten in einem Thale empor, dessen Sohle ein
breiter Bergbach bewässerte. Die Seiten waren mit schönem
Laubwald besetzt. Weiter oben teilte sich der Bach in
sehr viele Arme; das Thal wurde breiter und bot den
nötigen Raum für eine Menge von Zelten und Hütten,
die in malerischer Unordnung im Thale und an den Abhängen desselben standen. Dies waren die Jilaks oder
Sommerwohnungen.

Diese Stelle war außerordentlich gut gewählt. Grüne
Wald- und Fruchtbäume beschatteten die Zelte und Hütten, und dichtes Rankengewächs bildete einen reichen Teppich an den Abhängen hinauf. Dieser gesunde Ort bot
einen grellen, aber lieblichen Gegensatz zu der von giftigen Lüften erfüllten Festung Amadijah.

Während die anderen im schnellen Tempo weiter
ritten, um Späherblicken baldigst zu entgehen, stieg ich
mit dem Engländer vor der Wohnung eines Geldwechslers ab, da Lindsay sich einen Vorrat von landläufigen
Münzen einwechseln wollte.

Die Spitze der Höhe erreichten wir nach einer halben
Stunde, obgleich die Strecke zwei englische Meilen beträgt,
und nun sahen wir das Thal von Berwari vor uns liegen, wo wir vor jeder Verfolgung von seiten der Türken
in Sicherheit waren.

In der Ferne blauten die Tijariberge, von denen
uns besonders der Kegel von Aschiehtah in die Augen
fiel. Seine Spitze glänzte weiß, denn er war mit Schnee
bedeckt, während wir vor noch ganz kurzer Zeit auf den
Weidegründen der Haddedihn den reichen Blumenstaub
mit den Beinen unserer Pferde aufgewühlt hatten.

Rechts davon stieg hinter den wasserreichen Thälern
des Zab das Bergland von Tkhoma empor, und weiter
nach Süden sahen wir die Höhen des Tura-Ghara, des
Dschebel Haïr und des Zibar-Landes. Von Tijari und
Tkhoma hatte die alte Marah Durimeh gesprochen. Ich
mußte unwillkürlich an ihr Geheimnis denken, an den
‚Geist der Höhle‘, der dort zwischen jenen Bergen hauste.
Ob wir ihm wohl begegnen würden?!

Fünftes Kapitel.

Unter Bluträchern.

Von der Höhe hinter Amadijah führte der Pfad bergab
nach der Ebene Newdascht. Auf derselben angekommen,
gaben wir den Pferden die Sporen, so daß wir über den
dürren Boden, der diese Ebene kennzeichnet, mit vogelhafter Schnelligkeit dahinflogen.

Wir kamen in das Dorf Maglana, von welchem Dohub,
der Kurde, mit mir gesprochen hatte. Es wird von lauter
Kurden bewohnt, welche mit den umliegenden chaldäischen
Christen in steter Feindschaft leben. Wir hielten nur an,
um uns nach dem Wege zu erkundigen, und dann ging
es wieder vorwärts. Wir kamen durch verfallene Ortschaften, bei deren Untergang die Feuersbrunst der Hütten
das Blut der Bewohner aufgeleckt hatte. Die Trümmer
lagen zerstreut; die Tiere des Waldes hatten die Knochen,
welche wir hier und da liegen sahen, abgenagt. Mich
schauderte.

In der Ferne, rechts oder links sahen wir zuweilen
Rauch aufsteigen; es zeigte sich uns die unbeworfene
Mauer eines Hauses; ein einzelner Reiter tauchte vor
uns auf, bemerkte uns und schwenkte rasch zur Seite ab.
Wir befanden uns auf keinem friedlichen Boden, und er
sah, daß wir ihm an Zahl überlegen waren. Genau so
geht es den Vögeln des Waldes, die bei jedem Flügelschlage eines Feindes gewärtig sein müssen und dann ihr
einziges Heil in der Verborgenheit finden.

Nun dunkelte der Abend herein, und vor uns auf
der Ebene sahen wir vielleicht dreißig Häuser zerstreut
liegen. Es war das kleine Dorf Tiah, wo wir zu übernachten dachten. Wie der Empfang sein würde, das
wußten wir allerdings noch nicht.

Man hatte uns von weitem erblickt, und eine Anzahl
von Männern war zu Pferde gestiegen, um uns entweder
als Feind zurückzuweisen, oder als Freund zu empfangen.
Eine Strecke von ungefähr zweitausend Schritten vor dem
Dorfe hielten sie an, um uns zu erwarten.

„Bleibt ein wenig zurück!“ sagte ich und ritt voran.

Ich sah, wie sie bei dem Anblick meines Pferdes
einander die Köpfe zukehrten, und so stolz mich diese Bewunderung machte, so bedenklich mußte sie mir auch sein.
Ein gutes Pferd, schöne Waffen und Geld: — wer eines
von diesen drei Dingen besitzt, der ist bei diesen räuberischen Völkerschaften nie sicher, es zu verlieren und das
Leben dazu.

Einer von ihnen ritt einige Schritte vor.

„Ivari 'l ther — guten Abend!“ grüßte ich ihn.

Nachdem er gedankt hatte, ließ er seinen Blick von
meinem Turban bis zu den Hufen meines Pferdes herabgleiten und begann ein Verhör.

„Woher kommst du?“

„Von Amadijah.“

„Wohin willst du?“

„Nach Kalah Gumri.“

„Was bist du? Ein Türke oder Araber?“

„Nein, ich bin — — —“

„Schweig!“ gebot er mir. „Ich frage dich, und du
antwortest! Du redest Kurdisch, aber ein Kurde bist du
nicht. Bist du ein Grieche, oder ein Russe, oder ein
Perser?“

Ich verneinte, und jetzt war er mit seinen Kenntnissen zu Ende. Dieser Mann empfing mich ja wie ein
russischer Grenzaufseher! Ich durfte nicht sagen, welchem
Volke ich angehöre, sondern er wollte so scharfsinnig sein,
es zu erraten. Da ihm dies nicht gelungen war, gab er
vor Aerger seinem Pferde mit der Faust einen Schlag
über das Auge, daß es vor Schmerz laut aufwieherte.

„Was bist du denn?“ fragte er endlich.

„Ein Tschermaka,“ antwortete ich mit Stolz.

„Ein Tschermaka?“ wiederholte er. „Die Tschermaki
kenne ich. Ihr Stamm wohnt an den Ufern des Sees
von Urmiah und hat elende Hütten von Schilf.“

Diese Worte waren in einem sehr verächtlichen Tone
gesprochen.

„Du irrst,“ entgegnete ich. „Die Tschermaki wohnen
nicht am Ufer des Urmiahsees und wohnen auch nicht in
elenden Schilfhütten.“

„Schweig! Ich kenne die Tschermaki, und wenn du
nicht weißt, wo sie wohnen, so gehörst du nicht zu ihnen.
Wer ist der Kurde dort?“ — Und er deutete auf den
Engländer.

„Es ist kein Kurde; er trägt nur kurdische Kleidung.“

„Wenn er nur kurdische Kleidung trägt, so ist er ja
kein Kurde!“

„Das habe ich ja bereits gesagt.“

„Und wenn er kein Kurde ist, so darf er auch keine
kurdische Kleidung tragen. Das verbieten wir ihm. Was
ist er?“

„Ein Inglo,“ antwortete ich kurz.

„Ein Inglo? Ich kenne die Ingli. Sie wohnen
jenseits des Berges Ararat, sind Karawanenräuber und
fressen Gumgumuku gaurana.“

„Du irrst wieder! Die Ingli wohnen nicht am
Ararat; sie sind keine Räuber und fressen auch keine Eidechsen.“

„Schweig! Ich war im Lande der Ingli und habe
selbst auch mit ihnen Gumgumuku gaurana und sogar
Gumgumuku felana gefressen. Wenn er keine frißt, so
ist er kein Inglo. Wer sind die drei andern Reiter?“

„Der eine ist mein Diener, und die andern sind
Araber.“

„Von welchem Stamme?“

„Sie gehören zum großen Stamme der Schammar.“

Ich sagte die Wahrheit, weil ich mich auf die Feindschaft zwischen den Türken und den Schammar verließ.
Ein Feind der Türken mußte ein Freund der Kurden sein.
Zwar wußte ich, daß die südlichen Stämme der Schammar mit den südlichen Stämmen der Kurden auch in
Feindschaft leben, doch nur infolge der räuberischen
Streifereien der Kurden, welche ja selbst auch wieder mit
andern Kurdenstämmen in dem Zustande der Blutrache
und des ewigen Streites leben. Hier befanden wir uns
in der Mitte Kurdistans, wo es sicher noch keinen feindlichen Araber gegeben hatte, und daher gab ich meine
Antwort in der festen Ueberzeugung, daß sie uns keinen
Schaden bringen werde.

„Ich kenne die Schammar,“ hob der Kurde an.
„Sie wohnen an der Mündung des Phrath, trinken das
Wasser des Meeres und haben böse Augen. Sie heiraten
ihre eigenen Mütter und machen Rollen aus dem Fleisch
der Schweine.“

„Du irrst abermals. Die Schammar wohnen nicht
am Meere und essen niemals Schweinefleisch.“

„Schweig! Ich selbst bin bei ihnen gewesen und
habe das alles gesehen. Wenn diese Männer ihre Mütter
nicht geheiratet haben, so sind sie keine Schammar. Auch
leben die Schammar in Blutfehde mit den Kurden von
Sar Hasan und Zibar, und darum sind sie unsere Feinde.
Was wollt ihr hier?“

„Wir wollen fragen, ob ihr eine Hütte habt, in
welcher wir heute nacht ruhen können.“

„Wir haben keine Hütten. Wir sind Berwari-Kurden
und haben Häuser. Ihr sollt ein Haus haben, wenn ihr
uns beweist, daß ihr nicht unsere Feinde seid.“

„Womit sollen wir dies beweisen?“

„Dadurch, daß ihr uns eure Pferde und eure Waffen
übergebt.“

O du alter Lügner und Eidechsenfresser! Du hältst
die Leute, welche Würste machen, für recht dicke Dummköpfe! Das dachte ich, aber laut sagte ich: „Ein Mann
trennt sich nie von seinem Pferde und von seinen Waffen.“

„So dürft ihr nicht bei uns bleiben,“ sagte er barsch.

„So ziehen wir weiter,“ erwiderte ich kurzweg und
ritt zu meinen Gefährten zurück; auch die Kurden schlossen
nun einen Kreis um ihren Führer.

„Was sagte er?“ fragte mich der Engländer.

„Er will unsere Waffen und Pferde haben, wenn
wir hier bleiben wollen.“

„Mag sie sich holen,“ knurrte er.

„Um Gottes willen, Sir, heute keinen Schuß! Die
Kurden halten die Blutrache noch heiliger als die Araber.
Wenn sie uns feindselig behandeln und wir verwunden
oder töten einen von ihnen, so sind wir verloren; denn
sie sind mehr als fünfmal so stark als wir.“

„Was aber thun?“ fragte er.

„Zunächst unsern Weg fortsetzen und, wenn sie uns
daran hindern sollten, verhandeln.“

Ich sagte das alles auch den übrigen, und sie gaben
mir recht, obgleich kein Feigling unter ihnen war. Diese
Kurden gehörten sicher nicht alle zum Dorfe, das keine
solche Anzahl erwachsener Krieger haben konnte; sie waren
jedenfalls aus irgend einem Grunde hier zusammengekommen,
und es schien, daß sie sich in einer sehr kriegerischen
Stimmung befänden. Sie lösten jetzt den Kreis auf und
bildeten nun einen scheinbar ungeordneten Haufen, der sich
nicht von der Stelle bewegte und unsern Entschluß abzuwarten schien.

„Sie wollen uns den Weg versperren,“ meinte Mohammed, der Häuptling der Haddedihn.

„Es scheint so,“ stimmte ich ihm bei. „Also gebraucht
die Waffen nicht, so lange wir uns nicht in wirklicher
Lebensgefahr befinden!“

„Wir wollen deshalb einen weiten Kreis um das
Dorf herum reiten,“ schlug mein kleiner arabischer Diener
Halef vor.

„Das müssen wir auch. Kommt!“

Wir schwenkten in einem Bogen ab, aber sogleich
setzten sich die Kurden auch in Bewegung, und der Anführer kam wieder auf mich zugeritten.

„Wo willst du hin?“ fragte er.

„Nach Gumri,“ antwortete ich mit Nachdruck.

Meine Antwort mochte dem Kurdenanführer nicht
nach Wunsch sein, und er entgegnete:

„Es ist zu weit, und die Nacht bricht ein. Ihr
werdet Gumri nicht erreichen.“

„Wir werden andere Dörfer finden oder im Freien
schlafen.“

„Da werden euch die wilden Tiere anfallen, und ihr
habt schlechte Waffen.“

Das war jedenfalls nur auf den Busch geklopft.
Vielleicht war es gut für uns, wenn ich ihn vom Gegenteile überzeugte, trotzdem dies auch das Gelüste, unsere
Waffen zu besitzen, in gefährlicher Weise erregen konnte.
Darum sagte ich: „Wir haben sehr gute Waffen!“

„Das glaube ich nicht!“ lautete seine Antwort.

„Oh, wir haben Waffen, von denen eine einzige genügt, um euch alle zu töten!“

Er lachte und sagte dann: „Du hast ein sehr großes
Maul. Zeige mir einmal eine solche Waffe!“

Ich nahm einen meiner Revolver heraus und fragte
den Kurden: „Siehst du dieses kleine Ding?“ — Dann
rief ich meinen Diener herbei und befahl ihm: „Brich
einen Ast von jenem Strauche, mache die Blätter weg
bis auf sechs und halte ihn empor. Ich will danach
schießen!“

Er that es, und da nun die anderen Kurden merkten,
um was es sich handelte, so kamen sie näher heran. Ich
nahm mein Pferd auf die weiteste Distanz zurück und
zielte. Die sechs Schüsse wurden schnell hintereinander
abgegeben, und dann reichte Halef dem Kurden den
Zweig hin.

„Katera Chodeh,“ rief er; „sie sind alle sechs getroffen, die Blätter!“

„Das ist nicht schwer,“ prahlte ich; „das kann bei
den Tschermaki ein jedes Kind. Aber das Wunder besteht
darin, daß man mit diesem kleinen Ding so schnell und
immerfort schießen kann, ohne zu laden.“

Er gab den Zweig seinen Leuten, und während sie
ihn betrachteten, nahm ich sechs Patronen heraus und lud
wieder den Revolver hinter dem Halse des Pferdes, ohne
daß er es bemerkte.

„Was hast du noch für Waffen?“ fragte er nun.

„Siehst du jenen Tu? Paß auf!“

Ich stieg ab und legte den Henry-Stutzen an. Einer,
zwei, drei, fünf, acht, elf Schüsse krachten. Die Kurden
erhoben bei einem jeden neuen Schusse einen Ausruf des
höchsten Erstaunens und nun setzte ich das Gewehr wieder ab.

„Geht hin und seht euch den Baum an!“

Alle eilten hin, und die meisten sprangen, um gut
sehen zu können, vom Pferde. Ich erhielt somit Zeit zu
neuem Laden. Dasselbe Experiment mit demselben Stutzen
hatte mich einst bei den Comanchen in Respekt gesetzt, und
auch jetzt erwartete ich eine ähnliche Wirkung mit Zuversicht. Da kam der Anführer wieder auf mich zu und rief:

„Chodih, alle elf Kugeln stecken im Baume, eine
unter der andern!“

Daß er mich jetzt mit ‚Herr‘ anredete, schien ein gutes
Zeichen zu sein.

„Du kennst nun einige von unsern Waffen,“ sagte
ich, „und wirst mir glauben, daß wir uns vor euren
wilden Tieren nicht fürchten.“

„Zeige uns die andern Waffen auch!“

„Dazu habe ich keine Zeit. Die Sonne ist hinab,
und wir müssen weiter.“

„Warte noch ein wenig!“

Er ritt wieder zu seinen Leuten und verhandelte mit
ihnen. Dann kehrte er zurück und erklärte: „Ihr dürft
bei uns bleiben!“

„Wir geben weder unsere Waffen noch unsere Pferde
ab,“ erwiderte ich.

„Das sollt ihr auch nicht. Ihr seid fünf Männer,
und fünf von den Unserigen haben sich erboten, je einen
von euch bei sich aufzunehmen. Du wirst bei mir wohnen.“

Hm, ich mußte vorsichtig sein. Warum gaben sie auf
einmal nach? Warum ließen sie uns nicht weiter reiten?

„Wir werden dennoch weiter reiten,“ erklärte ich
ihm, „weil wir uns teilen sollen. Wir sind Gefährten
und werden nur da bleiben, wo wir beisammen wohnen
können.“

„So warte noch ein wenig!“

Wieder verhandelte er. Es dauerte etwas länger als
vorher, und es schien mir, als ob sie uns mit Absicht
hinhalten wollten, bis es zu dunkel zum Weiterreiten geworden sei. Endlich kam er wieder mit der Erklärung:
„Chodih, du sollst deinen Willen haben. Wir überlassen
euch ein Haus, in welchem ihr gemeinsam schlafen könnt.“

„Haben auch unsere Pferde Platz?“

„Ja; es ist ein Hof an dem Hause, wo sie stehen
können.“

„Werden wir es allein bewohnen?“

„Es soll niemand darin bleiben dürfen. Siehe, da
reitet schon einer fort, um diesen Befehl zu überbringen.
Wollt ihr die Speisen geschenkt erhalten, oder werdet ihr
sie bezahlen?“

„Wir wünschen, eure Gäste zu sein. Versprichst du
mir das?“

„Ich verspreche es.“

„Du bist wohl der Nezanum dieses Dorfes?“

„Ja, ich bin es.“

„So reiche mir deine beiden Hände und sage, daß ich
dein Hemscher bin!“

Er that es, aber doch mit einigem Widerstreben.
Jetzt fühlte ich mich sicher und winkte den Gefährten,
heranzukommen. Wir wurden von den Kurden in die
Mitte genommen und dann galoppierten wir in das Dorf
hinein, wo vor einem verhältnismäßig ansehnlichen Hause
Halt gemacht ward.

„Das ist euer Haus für diese Nacht,“ erklärte der
Nezanum. „Tretet ein!“

Ich besah mir das Gebäude, ehe ich abstieg, von
außen. Es hatte nur das Erdgeschoß und auf dem platten
Dache eine Art von kleinem Schuppen, in welchem Heu
aufbewahrt zu werden schien. Der an das Gebäude stoßende
Hofraum wurde von einer breiten Mauer umgeben, welche
ungefähr drei Ellen hoch war und von einem schmalen
Buschwerk überragt ward, das sich an der hinteren Seite
der Mauer hinzog. In diesen Hof konnte man nur durch
das Haus gelangen.

„Wir sind zufrieden mit dieser Wohnung. Woher
nehmen wir das Futter für unsere Pferde?“ fragte ich nun.

„Ich werde es euch senden,“ lautete die Antwort.

„Da oben liegt aber ja Futter,“ sagte ich und wies
auf den Schuppen.

Er sah sichtlich verlegen empor und antwortete dann:

„Das ist nicht gut; es würde euren Tieren schaden.“

„Und wer besorgt uns die Speisen?“

„Ich selbst werde sie bringen nebst Licht. Wenn ihr
etwas wünscht, so sagt es mir. Ich wohne in jenem
Hause.“

Er zeigte auf ein Gebäude, welches ziemlich in der
Nähe stand. Wir stiegen ab und führten unsere Pferde
in den Hof. Dann besahen wir uns das Innere des
Hauses. Es bestand nur aus einem einzigen Gemache,
welches aber durch ein dünnes Flechtwerk von Weiden in
zwei ungleiche Hälften geteilt war. Jede derselben hatte
zwei Löcher, die als Fenster dienten und mit einer Matte
verhängt werden konnten. Diese Löcher waren ziemlich
hoch, aber so schmal, daß man kaum den Kopf hindurchstecken konnte. Die Diele bestand aus gestampftem Lehm
und war an der hintern Seite eines jeden Gemaches mit
einem Binsenteppich belegt. Eine weitere Ausstattung gab
es nicht.

Die Thüren konnten beide mit einem starken Balken
fest verschlossen werden; hier wenigstens also war uns
Sicherheit geboten. Im Hofe lag einiges alte Holzwerk
nebst etlichen Gerätschaften, deren Zweck ich nicht erraten
konnte. —

Wir befanden uns allein, denn auch der Nezanum
war draußen geblieben, und nun hielten wir großen Rat.

„Glaubst du, daß wir sicher sind?“ fragte mich der
Scheik.

„Ich bin im Zweifel darüber. Der Nezanum hat
mir alles versprochen und wird es auch halten. Wir sind
seine Gäste und die Gäste des ganzen Dorfes. Aber es
waren viele da, die nicht zu dem Dorfe gehörten.“

„Diese können uns nichts thun,“ erwiderte er. „Wenn
sie einen von uns töteten, wären sie der Blutrache des
ganzen Dorfes verfallen, dessen Gäste wir sind.“

„Und wenn sie uns nicht töten, sondern nur bestehlen
wollen?“

„Was können sie uns nehmen?“

„Die Pferde, vielleicht die Waffen, vielleicht noch
mehr.“

Der ernste Scheik Mohammed Emin streichelte jetzt
lächelnd seinen Bart und sagte: „Wir würden uns wehren.“

„Und dabei der Blutrache verfallen,“ ergänzte ich.

„Warten wir es ab!“ meinte er.

Da trat auch der Engländer ein, welcher draußen im
Hofe umhergestöbert hatte. Seine Nase lag auf der rechten
und sein Mund auf der linken Seite des Gesichtes, ein ganz
sicheres Zeichen, daß ihm etwas Merkwürdiges passiert sei.

„Hm!“ räusperte er sich. „Habe etwas gesehen! —
Interessant! — Yes!“

„Wo? So erzählt doch nur!“

„Pst! Nicht in die Höhe sehen! War im Hofe.
Schmutziger Platz das! Sah die Büsche an der Mauer
und stieg hinauf. Schöner Ueberfall von draußen herein!
Würde prächtig gehen. Blicke auch hinauf zum Dache und
sehe ein Bein. Well! Eines Mannes Bein. Es guckte
einen Augenblick lang aus der Hütte heraus, wo Futter ist.“

„Habt Ihr auch recht gesehen, Sir?“

„Sehr recht! Yes!“

Jetzt erst fiel es mir ein, daß ich weder eine Treppe
noch eine Leiter gesehen hatte, um auf das Dach zu gelangen. Wir traten also hinaus in den Hof, um zu
suchen. Es fand sich nichts. Auch im Innern des Gebäudes war nicht zu entdecken, ob man von hier aus auf
das Dach gelangen könne, und dennoch wurde es Zeit,
nachzusehen; denn die Nacht war schon ganz nahe.

Droben über der hinteren Thüre ragte ein Dachbalken
etwas aus der Mauer hervor, zwar nicht viel, aber es
genügte. Ich nahm den Lasso, knüpfte ihn vierfach zusammen, bildete auf diese Weise eine einzige große Schlinge
und warf sie empor. Sie hing am Balken so, daß ich
sie unten fassen konnte. Nun zog ich mich an der Schlinge
empor, trat in sie hinein und gelangte auf diese Weise
auf das Dach. Nun ging ich auf das Behältnis zu,
welches bis zum Eingange desselben mit Futter angefüllt
war. Ich langte hinein, fühlte aber nichts Verdächtiges;
als ich jedoch soweit hineinkroch, daß meine Arme bis
ganz hinter langen konnten, faßte ich den Kopf eines
Menschen, der sich in die fernste Ecke verkrochen hatte.

„Wer bist du?“ fragte ich.

„U — — ah!“ erklang es gähnend.

Der Mann wollte mich glauben machen, daß er geschlafen habe.

„Komme heraus!“ befahl ich ihm.

„U — — ah!“ machte er noch einmal; dann schob
er meine Hand von sich ab und kam langsam hervorgekrochen. Es war noch so licht, um deutlich zu sehen, daß
dieser Mann nicht einen Augenblick geschlafen habe. Er
gaffte mich an und that, als ob er erstaune.

„Ein Fremder! Wer bist du?“ fragte er mich.

„Sage nur zuerst, wer du bist!“

„Dieses Haus ist mein!“ antwortete er.

„So! Das ist mir lieb, denn dann kannst du mir
sagen, wie du heraufgekommen bist.“

„Auf der Leiter.“

„Wo ist sie?“

„Im Hofe.“

„Da ist sie nicht.“

Ich sah mich auf dem Dache erst jetzt näher um und
gewahrte sie längs des Dachrandes liegen.

„Mensch, du bist verschlafen, denn du hast ganz vergessen,
daß du die Leiter hinter dir heraufgezogen hast! Hier liegt sie!“

Er blickte sich verdutzt um und sagte dann: „Hier?
Ja. Ich habe geschlafen!“

„Nun wache aber. Komm hinab!“ — Mit diesen
Worten schob ich die Leiter hinunter, und der Mann
stieg mir voran und verließ hierauf das Haus, ohne ein
Wort zu sagen. Erst that er, als sei er sehr überrascht
von der Gegenwart eines fremden Menschen, und nun lief
er gemächlich zum Nezanum hinüber, ohne mich weiter
über mein Recht, hier in seinem Hause zu sein, im mindesten zu inquirieren.

„Wer war es?“ fragte der Engländer.

„Der Besitzer dieses Hauses.“

„Was will er da oben?“

„Er that, als habe er geschlafen.“

„Nicht geschlafen! Kenne den Kerl! War derselbe,
welcher fortritt. Ihr konntet das nicht bemerken, weil
Ihr mit dem Schießen zu thun hattet. Yes!“

„So ist es sicher, daß man eine feindselige Absicht
hegt!“

„Denke es auch. Aber welche?“

„Unser Leben wollen sie nicht, aber unser Eigentum.“

„Kerl wird hinaufgestiegen sein, um zu sehen, wann
wir schlafen. Dann giebt er Zeichen, andere kommen,
holen Pferde und alles.“

Derselben Ansicht waren auch die anderen Gefährten.
Es war jetzt vollständig dunkel in den beiden Stuben,
so daß man nicht erkennen konnte, ob man von dem Dache
aus auch in das Innere des Hauses gelangen könne;
doch schien mir dies wahrscheinlich zu sein. Schon stand
ich im Begriff, aus Mangel an irgend einer Beleuchtung
ein Stück Holz anzubrennen, als draußen an den Eingang geklopft wurde. Ich ging hinaus und öffnete. Der
Nezanum war es mit noch zwei Männern, welche Essen,
Wasser und zwei Kerzen brachten. Die Kerzen waren sehr
roh aus ungereinigtem Wachs bereitet und konnten nur
wenig Helligkeit verbreiten. Ich zündete eine derselben an.

Noch hatte keiner der drei Männer ein anderes Wort
gesprochen als die Namen der Gegenstände, welche sie auf
den Lehmboden legten. Nun aber fragte ich den Dorfvorsteher:

„Ich fand einen Mann auf dem Dache. War es
wirklich der Besitzer dieses Hauses?“

„Ja,“ antwortete er einsilbig.

„Was wollte er oben?“

„Er schlief.“

„Warum zog er die Leiter empor?“

„Er wollte nicht gestört sein.“

„Du sagtest doch, daß wir allein hier wohnen sollen.“

„Er lag da bereits oben! Das wußte ich nicht, und
er wußte auch nicht, daß Gäste da sind.“

„Er hat es gewußt.“

„Woher?“ fragte er barsch.

„Er war mit draußen vor dem Dorfe, als wir uns
trafen.“

„Schweig! Er war daheim.“

Dieser Mann verfiel wieder in seinen befehlshaberischen Ton. Ich aber ließ mich nicht einschüchtern und
begann von neuem zu fragen:

„Wo sind die Männer, welche nicht in dein Dorf
gehören?“

„Sie sind nicht mehr da.“

„Sage ihnen, daß sie ja nicht wiederkommen sollen!“

„Warum?“

„Das magst du erraten.“

„Schweig! Ich rate nicht.“

Nun ging er wieder fort, und die beiden anderen
folgten ihm.

Das Abendessen war ein sehr frugales: getrocknete
Maulbeeren, Brot, in Asche gerösteter Kürbis und Wasser.
Glücklicherweise aber hatten wir einigen Vorrat bei uns
und brauchten also nicht zu hungern. Während Halef
das Essen ordnete, ließ ich den jungen Haddedihn mit
der angezündeten zweiten Kerze hinaus auf den Flur
gehen. Die Thüre führte nämlich gleich neben der Ecke
des Hauses in dasselbe, und der Flur wurde also von
der Grundmauer und der Zimmerwand gebildet. Als
Amad mit dem Lichte draußen stand, stieg ich auf das
Dach und untersuchte den Fußboden desselben sehr genau.
Endlich bemerkte ich über dem Flur, welchen das Licht
Amads erhellte, eine sehr dünne Spalte, die ein regelmäßiges Viereck bildete. Ich fuhr mit dem Messer hinein und — hob einen viereckigen Deckel empor. Das Geheimnis war entdeckt.

Nach weiterem Suchen fand ich über den beiden
Wohnräumen einige schadhafte Stellen, welche es ermöglichten, hinabzusehen und nicht nur alles zu überblicken,
sondern auch das Gespräch der darunter Befindlichen zu
belauschen.

Jetzt stieg ich wieder hinab, machte kurzen Prozeß, faßte
meinen Rappen beim Zügel und führte ihn in die Stube.

„Hallo!“ rief der Engländer. „Was ist los?“

„Holt Euer Pferd auch herein, denn auf diese war
es wohl abgesehen. Da draußen über dem Flur ist ein
Loch, durch welches man hinabsteigen und die Thüre öffnen kann. Die Kurden hätten gewartet, bis wir schliefen,
und wären dann mit unseren Pferden davongegangen.“

„Ist richtig, sehr richtig! Werden das thun! Yes!“

Auch die andern waren einverstanden. Die Fenster
wurden verhangen, die Pferde in das hintere Gemach
gebracht; dann zog ich die Leiter in den Flur und schaffte
den Hund auf das Dach hinauf. Nun konnten die Kurden immerhin über die Mauer in den Hof steigen; sie
fanden ihn leer und mußten wieder abziehen. Vielleicht
irrte ich mich auch, und sie hegten gar keine diebischen
Absichten; dann war es um so besser.

Jetzt nun konnten wir endlich auch über unsere weiteren Pläne sprechen. In Amadijah war dies nicht geschehen, weil uns da jeder Augenblick etwas Neues bringen konnte, und unterwegs waren wir nur bedacht gewesen, schnell vorwärts zu kommen. Es handelte sich
natürlich um den Weg, welcher uns zurück nach dem
Tigris führen sollte.

„Der kürzeste Pfad geht durch das Gebiet der Dschesidi,“ meinte Mohammed Emin.

„Den dürfen wir nicht nehmen,“ antwortete Amad.
„Man hat mich da gesehen und würde mich erkennen.“

„Er ist auch in anderer Beziehung nicht sicher,“ fügte
ich hinzu, „besonders da wir nicht wissen, wie der Gouverneur von Mossul seinen Bericht abgefaßt hat. Direkt
nach Westen können wir nicht.“

„So bleiben uns zwei Wege,“ erklärte Mohammed.
„Der eine geht durch Tijari nach dem Buthan und der
andere führt uns auf den Zab hinunter.“

„Beide sind gefährlich, weniger für den entflohenen
Gefangenen als vielmehr im allgemeinen. Aber ich ziehe
den Weg nach Süden vor, wenn er uns auch in das
Gebiet der Abu Salman bringt.“

Dieser Ansicht stimmten die anderen bei, und dem
Engländer war alles recht. Es wurde daher beschlossen,
über Gumri nach Lizan zu reiten, von da aus dem Flusse
zu folgen, bis er seine große Wendung in das Land der
Schirwan- und Zibar-Kurden macht, und diesen Bogen
durch einen Ritt quer über die Berge von Tura Ghara
und Haïr abzuschneiden. Dann mußten wir an die Ufer
des Akra gelangen, der uns wieder an den Zab brachte.

Nachdem wir hierüber einig geworden waren, legten
wir uns zur Ruhe. Ich schlief sehr fest und erwachte
durch einen Stoß, den ich von dem neben mir liegenden
Engländer erhielt.

„Master!“ flüsterte er. „Schritte draußen! Schleicht
jemand!“

Ich horchte gespannt, aber die Pferde waren nicht sehr
ruhig, und so konnte man sich nicht auf das Gehör verlassen.

„Es wird nichts zu bedeuten haben,“ meinte ich.
„Wir sind doch nicht in einer offenen Wildnis, wo jedes
Geräusch, von einem Menschen verursacht, das Nahen
einer Gefahr verkündet. Man wird im Dorfe wohl noch
nicht schlafen gegangen sein.“

„Mögen es thun! Sich auf die Nase legen! Well!
Gute Nacht, Master!“

Er drehte sich auf die andere Seite. Nach einiger
Zeit aber horchte er wieder auf. Auch ich hatte jetzt deutlich ein Geräusch vom Hofe her vernommen.

„Sind im Hofe,“ raunte Lindsay mir zu.

„Es scheint so. Merkt Ihr, was für einen guten
Hund ich habe? Er hat verstanden, daß er nur auf das
Dach aufzupassen hat, und darum giebt er jetzt noch
keinen Laut von sich.“

„Edle Rasse! Will die Kerls nicht verscheuchen, sondern fangen!“

Jetzt aber dauerte es lange, bis wir wieder einzuschlafen vermochten, vielleicht über eine halbe Stunde, da
vernahm ich an der Vorderseite des Hauses leise Schritte.
Ich stieß Lindsay.

„Höre es schon!“ meinte er. „Was aber haben sie vor?“

„Sie werden glauben, daß wir die Pferde in den
Flur gezogen haben, und legen nun von außen eine Leiter
an, um auf das Dach und durch dasselbe herunter zu
den Tieren zu gelangen. Wenn ihnen dieses glückte, so
brauchten sie nur die vordere Thüre zu öffnen, um mit
unseren Pferden davonzugehen.“

„Soll ihnen nicht gelingen!“

Kaum hatte er dies gesagt, so erscholl fast grad über
uns der laute Schrei einer menschlichen Stimme und das
kurze, kräftige Anschlagen des Hundes.

„Hat ihn!“ jubelte Lindsay.

„Pst, leise!“ mahnte ich.

Auch die andern waren aufgewacht und lauschten.

„Werde nachsehen,“ meinte der Engländer.

Er erhob sich und schlich hinaus. Es dauerte wohl
fünf Minuten, bis er zurückkam.

„Sehr schön! Yes! Ausgezeichnet! War oben. Da
liegt ein Kerl und über ihm der Hund. Wagt nicht, zu
reden oder sich zu rühren. Und unten auf der Gasse viel
Kurden. Sprechen auch nicht.“

„So lange der Hund nicht lauter wird, sind wir in
Sicherheit. Aber wenn sie mehrere Leitern anlegen, so
müssen wir hinauf.“

Wir lauschten wieder eine lange Zeit. Da erscholl
ein fürchterlicher Schrei — es war ein Todesschrei, daran
war gar nicht zu zweifeln — und sofort ein zweiter und
gleich darauf wieder das laute, Sieg verkündende Bellen
des Hundes.

Jetzt konnte es gefährlich werden. Wir erhoben uns.
Ich rief Halef zu mir; denn seiner war ich am sichersten. Wir traten leise hinaus auf den Flur und stiegen
die Leiter empor auf das Dach. Ein menschlicher Körper
lag auf demselben. Ich untersuchte ihn; er war tot; der
Hund hatte ihm das Genick zermalmt. Wo dieser sich
jetzt befand, verriet mir ein leiser, leiser Ton, mit dem
er mich bewillkommnete. Vielleicht fünf Schritte von dem
Toten lag ein zweiter Körper, und auf demselben hatte
sich der Hund ausgestreckt. Eine einzige Bewegung brachte
dem unter ihm liegenden Menschen den sicheren Tod.

Wenn ich die Augen recht anstrengte, sah ich unten
allerdings viele Leute stehen. Es war kein Zweifel, daß
sich das ganze Dorf beteiligt hatte, den Pferdediebstahl
oder gar noch etwas anderes auszuführen. Der erste, welcher das Dach erstiegen hatte, war von dem Hunde niedergerissen worden, und sein Schrei hatte die andern zur
Vorsicht gemahnt. Als aber der zweite heraufgekommen
war, hatte sich der Hund nicht anders zu helfen gewußt,
als daß er den vorigen erbiß, um den jetzigen packen zu
können.

Was sollten wir thun!

Ich stieg hinab und ließ Halef als Wächter oben.
Eine kurze Beratung ergab, daß wir uns vollständig
schweigsam verhalten wollten, um am Morgen thun zu
können, als ob wir gar nichts gehört hätten. Gefährlich
war unsere Lage im höchsten Grade, obgleich wir uns
selbst gegen einen noch zahlreicheren Feind recht gut hätten
verteidigen können; aber wir hätten das ganze vor uns
liegende Land in ein uns feindliches verwandelt, während
es uns doch auch nicht möglich war, wieder umzukehren.

Da klopfte es sehr laut an den Eingang des Hauses.
Die Kurden hatten Beratung gehalten, und wir sollten
nun das Ergebnis derselben erfahren. Wir zündeten eine
der Kerzen wieder an und traten mit unseren Waffen hinaus auf den Flur.

„Wer klopft?“ erkundigte ich mich.

„Chodih, öffne!“ antwortete der Nezanum. Ich erkannte ihn an der Stimme.

„Was willst du?“ fragte ich.

„Ich muß dir etwas Wichtiges sagen.“

„Du kannst es so auch sagen.“

„Ich muß drin bei euch sein!“

„So komm herein!“

Ich fragte ihn gar nicht erst, ob er allein sei; denn
es sollte keinem zweiten gelingen, einzutreten. Die Gefährten legten ihre Gewehre an; ich zog den Balken weg
und stellte mich so hinter die Thüre, daß sie nur halb geöffnet werden und also auch nur einem einzelnen Manne
den Eintritt lassen konnte. Als er die auf sich gerichteten
Waffen sah, blieb er in der Thüröffnung stehen.

„Chodih! Ihr wollt auf mich schießen?“

„Nein. Wir halten uns nur für alles bereit. Es
könnte doch auch ein anderer, ein Feind sein!“

Er kam vollends herein, und ich schob den Balken
wieder vor.

„Was willst du, daß du uns in unserer Ruhe störst?“
begann ich nun.

„Ich will euch warnen,“ antwortete er.

„Warnen! Wovor?“

„Vor einer sehr großen Gefahr. Ihr seid meine Gäste,
und daher ist es meine Pflicht, euch aufmerksam zu machen.“

Sein Blick forschte ringsum und fiel auf die Leiter
und auf das geöffnete Loch im Dache.

„Wo habt ihr eure Pferde?“ fragte er.

„Drin in der Stube.“

„In der Stube? Chodih, diese ist doch nur für
Menschen gemacht!“

„Ein gutes Pferd ist dem Reisenden mehr wert als
ein schlechter Mensch!“

„Der Besitzer dieses Hauses wird zornig sein, denn
die Hufe der Tiere werden ihm seine Diele zerstampfen.“

„Wir werden ihn entschädigen.“

„Warum habt ihr die Leiter hereingenommen?“

„Sie gehört herein, da keine Treppe vorhanden ist.“

„Habt ihr geschlafen?“

Ich bejahte, und er fragte weiter:

„Habt ihr Geräusch gehört?“

„Wir hörten draußen vor dem Hause Leute gehen,
aber das können wir ihnen nicht verbieten. Doch wir
hörten auch Leute in den Hof steigen, und das war uns
nicht lieb. Der Hof ist unser. Wären unsere Pferde noch
draußen gewesen, so hätten wir auf die Eindringlinge
geschossen, da wir sie für Diebe hätten halten müssen.“

„Pferde können nicht über die Mauer fortgeschafft
werden, und du hast ja wohl auch den Hund im Hofe,
den ich heute bei dir gesehen habe.“

Das war eine Wendung, auf die ich nicht einging.

„Das wissen auch wir, daß man die Pferde nicht
über die Mauer bringt; aber man konnte sie hier durch
den Flur führen.“

„Man kann ja nicht herein!“

„Laß deine Gedanken etwas weiter reichen, Nezanum! Wenn man auf das Dach und von da hier herunter steigt, so kann man die Hof- und auch die Vorderthüre öffnen und alle Pferde entführen, zumal wenn man
die Stubenthüre hier mit dem Riegel verschließt. Wir
hätten dann drin gesteckt, ohne uns wehren zu können.“

„Wer sollte auf das Dach steigen!“

„Oh, es hatte sich ja bereits ein Mann da oben versteckt und die Leiter mit emporgezogen. Das erweckte
natürlich unsern Verdacht, und so haben wir die Pferde
zu uns hereingenommen. Und wenn auch nun hundert
auf das Dach steigen wollten, sie würden wohl hinauf,
aber nicht in das Innere des Hauses kommen, und am
Morgen würden ihre Leichen auf dem Dache liegen.“

„Würdet ihr sie töten?“

„Nein, wir würden ruhig schlafen; denn wir wissen, daß
wir uns auf meinen Hund, der oben ist, verlassen können.“

„Aber ein Hund gehört doch nicht auf das Dach!“

„Ein Hund gehört überall dahin, wo es gilt, wachsam zu sein, und ich will dir sagen, daß die Hunde der
Tschermaki des Nachts sehr gern auf den Dächern spazieren gehen. Aber du wolltest uns ja warnen! Wovor?
Du hast uns die Gefahr noch nicht genannt.“

„Es wurde vorhin einem Bewohner des Dorfes seine
Leiter gestohlen, und als er sie suchte, fand er sie an
eurem Hause lehnen. Es standen einige fremde Leute dabei, die aber schnell entflohen. Da dachten wir, daß es
Diebe seien, die in euer Haus eindringen wollten, und
daher bin ich gekommen, um es euch zu sagen.“

„Ich danke dir! Aber du kannst ruhig sein und
wieder gehen, und auch wir werden uns wieder niederlegen; denn der Hund wird keinen Dieb in das Haus
kommen lassen.“

„Aber wenn er einen Menschen tötet!“

„Einen einzelnen tötet er nicht; er hält ihn am
Boden fest, bis ich komme. Aber wenn ein zweiter so unvorsichtig wäre, nachzusteigen, so wird er den ersten allerdings töten, um den zweiten packen zu können.“

„Chodih, so ist bereits ein Unglück geschehen!“

„Inwiefern denn?“

„Es ist bereits ein zweiter emporgestiegen!“

„Weißt du das gewiß?“

„Ganz gewiß.“

„Oh, Nezanum, so bist du also dabei gewesen, als
diese Diebe uns überfallen wollten! Was muß ich von dir
und von euer Gastfreundschaft denken!“

„Ich war nicht dabei, sondern man hat es mir gesagt.“

„So ist jener dabei gewesen, welcher es dir sagte!“

„Nein, er hat es auch nur erst vernommen.“

„Das bleibt sich gleich. Wer es zuerst gesagt hat, ist
doch bei den Dieben gewesen. Aber was gehen mich diese
an! Ich habe keinem Menschen erlaubt, auf mein Dach
zu steigen, und wer es dennoch thut, der mag auch zusehen,
wie er ohne mich wieder herunterkommt. Gute Nacht,
Nezanum!“

„So willst du nicht nachsehen?“

„Ich habe keine Lust dazu!“

„Laß wenigstens mich hinauf!“

„Ich erlaube es dir, denn du bist kein Dieb und
kommst erst zu mir, um mich darum zu fragen. Aber hüte
dich vor dem Hunde! Wenn er dich bemerkt, wird er
dich fassen und vorher den andern totbeißen, falls schon
einer oben ist.“

„Ich habe Waffen!“ meinte er.

„Er ist schneller als du, und töten darfst du ihn ja
nicht; denn du müßtest ein reicher Mann sein, um ihn
mir bezahlen zu können!“

„Chodih, gehe mit hinauf! Ich bin der Nezanum,
und meine Pflicht gebietet mir, nachzusehen.“

„Wenn du deines Amtes zu walten hast, so werde
ich dir diesen Gefallen erweisen. Komm herauf!“

Ich stieg voran, und er folgte. Droben angekommen,
sah er sich um und bemerkte den Toten. Unten standen
noch ebenso viele Leute, als ich vorhin gesehen hatte.

„Chodih, hier liegt einer!“ rief er.

Ich trat hinzu. Er bückte sich und befühlte den
Mann.

„Sere men, er ist tot! Oh, Herr, was hat dein
Hund gethan!“

„Seine Pflicht. Klage nicht über ihn, sondern lobe
ihn. Dieser Mann hat wohl den Besitzer dieses Hauses
überfallen wollen und nicht geahnt, daß heute Leute hier
wohnen, die sich von keinem Diebe oder Mörder überfallen lassen.“

„Aber wo ist der Hund?“ fragte er. Ich wies auf
die Stelle, und er rief aus:

„Oh, Chodih, es liegt einer unter ihm! Rufe den
Hund weg!“

„Ich werde mich wohl hüten; aber sage diesem Manne,
daß er sich ja nicht rühren und ja kein Wort sprechen
soll, sonst ist er verloren.“

„Du kannst ihn doch nicht während der ganzen Nacht
hier liegen lassen!“

„Die Leiche werde ich dir übergeben; aber dieser
Lebende bleibt mein.“

„Warum soll er hier bleiben?“

„Wenn noch jemand wagt, dieses Haus oder diesen
Hof zu betreten, so wird er von dem Hunde zerrissen.
Dieser Mann bleibt als Geisel hier.“

„Und ich verlange ihn!“ sagte der Nezanum barsch.

„Und ich behalte ihn!“ lautete meine Antwort.

„Ich bin Nezanum und gebiete es dir!“

„Laß das Gebieten bleiben! Willst du die Leiche
mitnehmen oder nicht?“

„Ich nehme beide, den Toten und den Lebendigen!“

„Ich will nicht grausam sein, sondern dir versprechen,
daß dieser Mann nicht in dieser unbequemen Lage bleiben
soll. Ich werde ihn mit herunter in die Stube nehmen.
Aber jeder Angriff gegen uns würde seinen Tod zur
Folge haben!“

Er legte die Hand auf meinen Arm und sagte ernst:

„Schon dieser eine hier, welchen der Hund erwürgt
hat, fordert euern Tod. Oder kennen die Tschermaki die
Blutrache nicht?“

„Was redest du von Blutrache? Ein Hund hat
einen Dieb erbissen. Das ist kein Fall, welcher die Blutrache herausfordert!“

„Er fordert sie, denn Blut ist geflossen, und euer
Tier hat es vergossen.“

„Und wenn es so wäre, so geht es dich nichts an. Du
hast selbst zu mir gesagt, daß diese Diebe Fremdlinge sind.“

„Es geht mich sehr viel an, denn das Blut ist in
meinem Dorfe geflossen, und die Anverwandten des Toten
werden die Rechenschaft auch von mir und von allen
meinen Leuten fordern. Gieb beide heraus!“

„Nur den Toten!“

„Schweig!“ rief er nun laut, während wir bisher
ziemlich leise gesprochen hatten. „Ich befehle es dir abermals. Und wenn du nicht gehorchest, so werde ich mir
Gehorsam zu verschaffen wissen!“

„Wie wirst du das machen?“

„Die Leiter liegt noch am Hause. Ich laß meine
Leute heraufkommen; sie werden dich wohl zwingen!“

„Du vergissest dabei die Hauptsache: — unten befinden sich vier Männer, die sich vor keinem Menschen
fürchten, und hier oben bin ich mit meinem Hunde.“

„Auch ich bin oben!“

„Du würdest sofort unten sein. Paß auf!“

Ehe er es vermuten konnte, faßte ich ihn unter dem
rechten Arm und beim linken Oberschenkel und hob ihn
empor.

„Chodih!“ brüllte er.

Ich ließ ihn wieder nieder.

„Was hätte mich gehindert, dich hinabzuwerfen? Nun
gehe und sage deinen Männern, was du gehört hast!“

„Du giebst diesen Mann nicht heraus?“

„Einstweilen noch nicht!“

„So behalte auch den Toten. Du wirst ihn bezahlen
müssen!“

Er stieg nicht wieder in das Innere des Hauses,
sondern gleich an der Leiter hinab, welche an der Außenseite desselben lehnte.

„Und sage deinen Leuten,“ rief ich ihm noch zu,
„daß sie fortgehen und diese Leiter mitnehmen sollen. Ich
wünsche, dieses Haus frei zu haben, und werde jedem,
der vor demselben stehen bleibt, eine Kugel senden!“

Er hatte die Erde erreicht und sprach leise mit den
Männern. Ebenso leise wurde ihm geantwortet. Ich
konnte kein Wort verstehen. Aber nach einiger Zeit
wurde die Leiter weggenommen, und die Versammlung
zerstreute sich.

Erst jetzt rief ich dem Hunde zu. Er ließ von dem
Manne ab, trat aber nur einen Schritt von ihm weg.

„Stehe auf!“ sagte ich zu dem Kurden.

Dieser erhob sich schwerfällig und holte tief Atem.
Er war sehr schmächtig von Gestalt, und seine Stimme
hatte einen jugendlichen Klang, als er rief: „Chodeh!“

Er sprach nur dies eine Wort aus, aber es klang
aus demselben die ganze Fülle der ausgestandenen Todesangst.

„Hast du Waffen bei dir?“

„Ich habe nur diesen Dolch.“

Ich trat zur Sicherheit einen Schritt zurück.

„Lege ihn zu Boden und gehe zwei Schritte von der
der Stelle weg!“

Er that es, und ich hob den Dolch auf und steckte
ihn zu mir.

„Jetzt komm herunter!“

Der Hund blieb oben, und wir stiegen hinab, wo
die andern meiner warteten. Ich erzählte ihnen nun, was
sich oben zugetragen hatte. Der Engländer betrachtete
sich den Gefangenen, welcher höchstens im Anfang der
zwanziger Jahre stehen konnte, und sagte dann:

„Master, dieser Kerl sieht sehr ähnlich! Dem Alten!
Yes!“

Jetzt fand ich dies auch; vorher hatte ich es nicht
bemerkt.

„Wahrhaftig! Sollte es sein Sohn sein?“

„Sicher! Sehr sicher! — Fragt ihn einmal, den
Schlingel!“

Verhielt es sich so, dann war allerdings die Sorge
des Nezanum um diesen Menschen sehr begründet; aber
dann lag auch ein ganz außerordentlicher Bruch der Gastfreundschaft vor.

„Wer bist du?“ fragte ich den Gefangenen.

„Ein Kurde,“ antwortete er.

„Aus welchem Ort?“

„Aus Mia.“

„Du lügst!“

„Herr, ich sage die Wahrheit!“

„Du bist aus diesem Dorfe!“

Er zögerte nur einen Augenblick, aber es war genug,
um mir zu verraten, daß ich recht hatte.

„Ich bin aus Mia!“ wiederholte er.

„Was thust du hier so weit von deiner Heimat?“

„Ich bin als Bote des Nezanum von Mia hier.“

„Ich glaube, du kennst den Nezanum von Mia nicht
so gut wie den hiesigen; denn du bist der Sohn des
letzteren!“

Jetzt erschrak er förmlich, obgleich er sich Mühe gab,
dies nicht merken zu lassen.

„Wer hat dir diese Lüge gesagt?“ fragte er.

„Ich lasse mich nicht belügen — weder von dir
noch von anderen. Ich werde bereits in der Frühe wissen,
wer du bist, und dann giebt es keine Gnade, falls du
mich betrogen hast!“

Er blickte verlegen vor sich nieder. Ich mußte ihm
zu Hilfe kommen: „Wie du dich verhältst, so wirst du
behandelt. Bist du aufrichtig, so will ich dir verzeihen,
weil du zu jung warst, um dir alles vorher zu überlegen.
Verharrst du aber in deiner Verstocktheit, so giebt es keine
andere Gesellschaft für dich, als meinen Hund!“

„Chodih, du wirst es doch erfahren,“ antwortete er
nun. „Ja, ich bin der Sohn des Nezanum.“

„Was suchtet ihr in diesem Hause?“ fuhr ich in
dem Verhöre fort.

„Die Pferde!“

„Wie wolltet ihr sie fortbringen?“

„Wir hätten euch eingeriegelt und die beiden Thüren
geöffnet; dann waren die Pferde unser.“

Dieses Geständnis war gar nicht genug beschämend
für ihn, denn bei den Kurden gilt der Pferdediebstahl
ebenso wie der offene räuberische Ueberfall für eine ritterliche That.

„Wer ist der Tote, welcher oben liegt?“

„Der Besitzer dieses Hauses.“

„Sehr klug! Er mußte vorangehen, weil er die
Schliche am besten kannte. Aber warum bist grad du
ihm gefolgt? Es waren doch noch andere und stärkere
Männer vorhanden!“

„Der Hengst, welchen du rittest, Chodih, sollte meinem
Vater gehören, und ich mußte dafür sorgen, daß kein
anderer ihn beim Zügel ergriff; denn wer ein Pferd zuerst ergreift, hat das Recht darauf.“

„Also dein Vater hat selbst den Diebstahl anbefohlen?
Dein Vater, welcher mir die Gastfreundschaft zusagte!“

„Er hat sie dir zugesagt, aber ihr seid dennoch nicht
unsere Gäste.“

„Warum nicht?“ fragte ich verwundert.

„Ihr wohnt allein in diesem Hause. Wo habt ihr
den Wirt, dessen Gast ihr seid? Hättet ihr verlangt, daß
der Besitzer dieser Wohnung in derselben bleiben solle,
so wäret ihr unsere Gäste gewesen.“

Hier bekam ich eine Lehre, welche mir später nützlich
sein konnte.

„Aber dein Vater hat mir ja Sicherheit versprochen
und gelobt!“

„Er braucht sein Versprechen nicht zu halten, da ihr
nicht unsere Gäste seid.“

„Mein Hund hat den Wirt getötet. Ist dies bei
euch ein Grund zur Blutrache?“

Er bejahte es, und ich examinierte weiter:

„Wer ist der Rächer?“

„Der Tote hat einen Sohn hier.“

„Ich bin mit dir zufrieden. Du kannst nach Hause
gehen!“

„Chodih,“ rief er freudig erstaunt, „ist dies dein Ernst?“

„Ja. Ich habe dir gesagt, daß du behandelt werden
sollst ganz so, wie du dich verhältst. Du bist aufrichtig
gewesen, und so sollst du deine Freiheit haben. Sage
deinem Vater, daß die Tschermaki sehr friedliche Leute
sind, die zwar keinem Menschen nach dem Leben trachten,
aber sich auch, wenn man sie beleidigt oder gar angreift,
gehörig zu verteidigen wissen. Daß der Wirt gestorben
ist, das thut mir leid; aber er selbst trägt die Schuld
daran, und ich werde den Rächer seines Blutes nicht
fürchten.“

„Du könntest ihm ja den Preis bezahlen. Ich will
mit ihm reden.“

„Ich bezahle nichts. Hätte der Mann uns nicht berauben wollen, so wäre ihm nichts Uebles geschehen.“

„Aber Herr, man wird euch töten, einen wie den
andern, sobald der Tag anbricht!“

„Obschon ich dir die Freiheit und das Leben geschenkt
habe?“

„Ja, dennoch! Du bist gut gegen mich, und darum
will ich dich warnen. Man will eure Pferde, eure
Waffen und auch euer Geld haben, und so wird man
euch nicht erlauben, das Dorf zu verlassen, bis ihr dies
alles hergegeben habt. Und außerdem wird der Rächer
noch dein Blut verlangen.“

„Man wird weder unser Geld noch unsere Waffen
und Pferde erhalten, und mein Leben steht in der Hand
Gottes, aber nicht in der Hand eines Kurden. Ihr habt
unsere Waffen gesehen, als ich nach einem Baum und
einem Zweige schoß; ihr werdet ihre volle Wirkung kennen
lernen — erst dann, wenn wir auf Menschen zielen.“

„Chodih, eure Waffen werden uns nichts thun; denn
wir werden uns in die beiden Häuser legen, welche hier
gegenüber stehen, und können euch durch die Fenster niederschießen, ohne daß ihr uns zu sehen bekommt.“

„Also eine Belagerung!“ bemerkte ich. „Sie wird
nicht lange dauern.“

„Das wissen wir. Ihr habt nichts zu essen und
zu trinken und müßt doch endlich geben, was wir verlangen,“ meinte der junge Kurde.

„Das fragt sich sehr! Sage deinem Vater, daß wir
Freunde des Bey von Gumri sind.“

„Darauf wird er nicht hören. Ein Pferd ist mehr
wert als die Freundschaft eines Bey.“

„So sind wir fertig. Du kannst gehen; hier ist dein
Dolch!“

„Chodih, wir werden euch die Pferde und alles andere nehmen, aber wir werden euch als wackere und gute
Männer ehren!“

Das war so naiv, wie nur ein Kurde sein kann.
Ich ließ ihn zur Thür hinaus, während sich hinter mir
laute Stimmen erhoben.

„Master,“ rief Lindsay, „Ihr laßt ihn frei?“

„Weil es besser für uns ist.“

„So erzählt doch! Was sagte er? Muß alles
wissen! Yes!“

Ich berichtete mein ganzes Gespräch mit dem Kurden,
und die Nachricht, daß der Nezanum es sei, dem wir den
Ueberfall zu verdanken hatten, brachte mir eine Flut der
kräftigsten Ausdrücke zu Gehör.

„Und du hast diesen Dieb freigelassen, Emir!“ sagte
Mohammed Emin vorwurfsvoll. „Aber warum?“

„Zunächst aus Teilnahme für ihn, sodann aber auch
aus Berechnung. Behalten wir ihn hier, so ist er uns
hinderlich, und wir müssen ihn speisen, während wir selbst
Mangel haben. Nun aber ist er voll von Dankbarkeit
gegen uns und wird eher zur Sühne als zum Streite
raten. Wir wissen nicht, was vorkommen kann, und
werden nur dann sicher sein und ohne Erschwerung handeln können, wenn wir unter uns allein sind.“

Diese Ansicht erhielt die Zustimmung aller. Vom
Schlafe war ohnehin keine Rede mehr, und so beschlossen
wir, auf unserer Hut zu sein.

Da stieß mich Halef am Arm und sagte:

„Sihdi, da hast du doch nun Zeit, an das Geschenk
zu denken, welches mir der Mann in Amadijah für dich
gegeben hat.“

Ja richtig, an das Etui hatte ich ja gar nicht mehr
gedacht.

„Bringe es her!“

Ich öffnete und konnte einen Ruf der Bewunderung
nicht unterdrücken. Das Etui war von sehr schöner, sauberer Arbeit, aber was war es im Vergleich zu seinem
Inhalt! Ein persisches Kaliuhn zum Tabakrauchen beim
Reiten befand sich darin. Es war eine teuere Pfeife, um
deren Besitz mich sogar der Engländer beneiden wollte.
Schade, daß ich sie nicht gleich anrauchen konnte, da wir
nur einige Schlücke Wasser hatten!

„Gab er dir auch etwas, Halef?“ fragte ich den Diener.

„Ja, Sihdi. Fünf goldene Medschidje. Sihdi, es
ist doch manchmal gut, daß Allah auch tolle Kirschen
wachsen läßt, wie du jene Beere nennst. Allah illa Allah!
Er weiß am besten, was er thut!“ — —

Als der Tag zu grauen begann, begaben wir uns
auf das Dach, von wo aus wir den größten Teil des
Dorfes überblicken konnten. Wir sahen nur in der Ferne
einige Männer stehen, welche unser Haus zu beobachten
schienen; in der Nähe aber regte sich niemand. Nach
kurzer Zeit that sich jedoch die Thüre eines der gegenüberliegenden Häuser auf, und es traten zwei Männer
hervor, welche zu uns herüberkamen. Auf der Mitte des
Weges blieben sie stehen.

„Werdet ihr schießen?“ fragte der eine.

„Nein. Ihr habt uns ja noch nichts gethan,“ antwortete ich.

„Wir sind ohne Waffen. Dürfen wir den Toten
holen?“

„Kommt herauf!“

Halef stieg hinab, um die Thüre zu öffnen, und die
beiden Kurden kamen auf das Dach.

„Seid ihr verwandt mit dem Toten?“ redete ich sie an.

„Nein. Wenn wir Verwandte desselben wären,
kämen wir nicht herauf zu dir, Chodih.“

„Warum nicht?“

„Wir könnten ihn besser rächen, wenn du uns nicht
kennst.“

Wieder eine Lehre, welche mir bewies, wie viel ein
Mensch zu lernen hat.

„Schafft ihn fort!“ sagte ich.

„Wir haben dir zuvor eine Botschaft von dem Nezanum auszurichten.“

„Was läßt er uns sagen?“

„Er sendet dir seinen Dank dafür, daß du ihm den
Sohn geschickt hast, der doch in deinen Händen war.“

„Ist dies alles?“

„Sodann fordert er von euch die Pferde, die Waffen
und alles Geld, das ihr bei euch habt. Dann sollt ihr
in Frieden ziehen dürfen. Eure Kleider hat er nicht verlangt, weil du barmherzig gegen seinen Sohn gewesen bist.“

„Sagt ihm, daß er nichts bekommen wird.“

„Du wirst es dir anders überlegen, Chodih! Aber
wir haben dir auch noch eine andere Botschaft zu bringen.“

„Von wem?“

„Von dem Sohne dieses Toten.“

„Was läßt er mir sagen?“

„Du sollst ihm dein Leben geben.“

„Ich will es ihm geben.“

„Herr, ist dies wahr?“ fragte der Mann erstaunt.

„Ja. Sage ihm, er soll zu mir kommen und es sich
mitnehmen!“

„Herr, du scherzest in einer ernsten Sache. Wir haben
den Auftrag, dein Leben oder den Blutpreis zu fordern.“

„Wie viel verlangt er?“

„Vier solche Gewehre, wie du hast, mit denen man
immerfort schießen kann, und fünf solche kleine Pistolen,
aus der du sechs Schüsse thatest. Sodann drei Pferde
und zwei Maultiere.“

„Ich habe diese Sachen nicht!“

„So schickst du nach ihnen und bleibst so lange hier,
bis sie kommen.“

„Ich gebe nichts!“

„So wirst du sterben müssen. Siehst du den Gewehrlauf dort aus dem Fenster ragen? Das ist sein Gewehr.
Von dem Augenblick an, da ich ihm deine Antwort bringe,
wird er auf dich schießen.“

„Er mag es thun.“

„Und ihr wollt auch das andere nicht geben?“

„Nein. Holt euch selbst unsere Habe!“

„So mag der Kampf beginnen!“

Sie hoben ihren Toten auf und trugen ihn auf der
Leiter hinab und zum Hause hinaus. Wir verriegelten
hinter uns die Thüre. Natürlich mußte ich den Gefährten
die Forderung der beiden Abgesandten verdolmetschen.
Die Araber waren sehr ernst; sie kannten die Tücken und
Grausamkeiten der Blutrache zu genau; aber der Engländer schnitt ein vergnügtes Gesicht.

„Oh, herrlich! Belagerung! Bombardement! Bresche
schießen! Sturm laufen! Well! Werden es aber nicht
thun, Sir!“

„Sie werden es thun, Master Lindsay; sie werden
uns bombardieren und auf uns schießen, sobald wir uns
sehen lassen, denn — — —“

Als augenblickliche Bestätigung meiner Worte fiel ein
Schuß, noch einer, drei, vier — — — und dazu hörten
wir Dojan laut auf dem Dache bellen. Ich eilte zur
Leiter empor und steckte den Kopf vorsichtig aus der Bodenöffnung heraus. Es bot sich mir ein spaßhafter Anblick.
Man schoß aus den beiden Häusern da drüben auf den
Hund. Dieser merkte das und bellte die an ihm vorüberfliegenden Kugeln an. Ich rief ihn zu mir her, nahm
ihn auf die Arme und trug ihn hinab.

„Seht Ihr's, Master, daß ich recht habe? Sie
schossen bereits auf den Hund.“

„Well! Werde probieren, ob auch auf Menschen!“

Er öffnete die Thüre des Hauses und trat zwei
Schritte vor dasselbe hinaus.

„Was fällt Euch ein, Sir! Wollt Ihr gleich hereinkommen?“

„Pshaw! Haben schlechtes Pulver. Hätten sonst den
Hund getroffen!“

Drüben krachte ein Schuß, und die Kugel flog in die
Mauer. Lindsay sah sich um und deutete mit dem Zeigefinger auf das Loch, welches sie gebohrt hatte, um dem
Schützen zu zeigen, daß er auf beinahe vier Ellen weit
gefehlt habe. Eine zweite Kugel hätte ihn beinahe getroffen; da trat ich hinaus, faßte ihn und schob ihn hinein.
Nun erscholl drüben ein lauter Schrei; ein dritter Schuß
krachte, und die Kugel traf ganz in der Nähe meiner
Achsel an die Kante der Thüre. Das war sicher des
Toten Sohn gewesen, welcher mir durch seinen Ruf
andeuten wollte, daß die Kugel aus dem Gewehre des
Bluträchers komme. Es war also nun wirklich Ernst
geworden.

„Sihdi,“ meinte Halef, „schießen wir nicht auch?“

„Jetzt noch nicht.“

„Warum jetzt nicht? Wir schießen besser wie sie, und
wenn wir auf ihre Fenster zielen, so werden sie sich sehr
in acht zu nehmen haben.“

„Das weiß ich. Aber wir wollen zunächst sehen, ob
wir ihnen nicht entrinnen können, ohne einen von ihnen
töten zu müssen. Es ist genug an dem Erbissenen.“

„Wie wollen wir entrinnen? Sobald wir mit den
Pferden vor die Thüre kommen, werden wir Kugeln erhalten.“

„Aber diese Leute wollen ja die Pferde haben und
werden diese also nicht treffen wollen. Wenn wir uns
hinter die Tiere verstecken, so schießen sie vielleicht nicht.“

„Oh, Sihdi, ehe sie uns mit den Pferden entkommen
lassen, werden sie dieselben lieber töten!“

Das war allerdings wahr. Ich sann und sann, um
ein Mittel zu finden, uns ohne Blutvergießen aus dieser
fatalen Lage zu befreien; vergeblich! Da erbarmte sich der
Engländer meiner.

„Worüber nachdenken, Sir?“

Ich sagte es ihm.

„Warum sollen wir nicht schießen, wenn sie schießen?
Dann sind einige kurdische Diebe weniger! Was weiter?
Könnten fortkommen, ganz gut! Ohne einen Schuß! —
Hm! Geht aber nicht!“

„Warum nicht?“

„Blamieren uns! Würde aussehen wie Flucht! Wäre
skandalös!“

„Das kann uns gleichgültig sein. Ihr wißt, Sir,
daß ich mich gewiß nicht zu etwas entschließen werde, was
uns in Wirklichkeit blamiert. Also sagt mir Euren Plan.“

„Müssen erst wissen, ob wir auch von hinten belagert
werden.“

„Da giebt es kein Gebäude.“

„Aber vom Felde aus!“

„Nun, weiter!“

„Könnten ja ein Loch in die Mauer machen!“

„Ah, wirklich; das ist kein übler Gedanke!“

„Well! Sehr gut! Ausgezeichnet! Kommt von Master
Lindsay! Yes!“

„Aber die Werkzeuge fehlen uns!“

„Habe ja meine Hacke!“

Allerdings hatte er sein ‚Häcklein‘ stets am Sattel
mit sich geführt; das Ding aber paßte wohl, um das Loch
für eine Pflanze in ein Gartenbeet zu machen, nicht aber,
um eine Mauer einzureißen.

„Diese Hacke ist zu schwach, Sir. Vielleicht ist im
Hofe ein Werkzeug zu finden. Kommt heraus!“

Ich teilte den anderen den Plan des Engländers
mit, und sie begleiteten uns. Ich stieg auf die Mauer
und sah, daß man dieser Seite des Hauses gar keine Beachtung geschenkt habe; denn nirgends war ein Mensch
zu sehen. Die Kurden nahmen jedenfalls an, daß wir der
Pferde wegen das Haus nur durch den vorderen Eingang
verlassen könnten, und daß sie infolgedessen nur diesen
zu blockieren brauchten, um uns in der Falle zu fangen.

„Hier!“ hörte ich Lindsay rufen. „Hier ist etwas,
Sir!“

Das Ding, welches er triumphierend in die Höhe hob,
glich einem an seiner Spitze mit Eisen beschlagenen Hebebaume und war ganz geeignet, ein Stück der alten Mauer
in Bresche zu legen.

„Das geht! Nun haben wir dafür zu sorgen, daß
wir ungestört arbeiten können und bei den Schützen da
drüben keinen Verdacht erwecken. Halef mag die Pferde
in den Hof schaffen; Amad legt sich auf das Dach, um
Wache zu halten, damit niemand bemerkt, was wir hier
thun. Ich und Lindsay werfen die Mauer um, und
Mohammed mag zuweilen durch das Fenster einen Schuß
abgeben, damit sie denken, daß wir uns alle in der Stube
befinden. Gelingt es uns, auf diese Weise hinauszukommen, so brauchen wir doch darum noch keine ehrlose Flucht
zu ergreifen, sondern wir reiten in Parade an ihnen vorüber. Sie werden vor Erstaunen ganz sicher das Schießen
vergessen.“

Diese Arbeitsteilung bewährte sich ganz vortrefflich.
Halef beschäftigte sich mit den Pferden; der Haddedihn
hielt in aller Gemütsruhe seine Schießübungen, und der
Engländer bohrte energisch an der Mauer herum. Es
galt dabei, das Zerstören der Mauer nicht oben, wo es
sehr leicht geworden wäre, zu beginnen; denn das hätte
uns verraten können. Wir mußten von innen und unten
arbeiten, damit man unsere Absicht erst dann bemerken
könnte, wenn einige kräftige Stöße genügten, das Werk
zu vollenden.

Endlich hatten wir den ersten, großen Stein heraus,
und nun folgten die anderen Steine bald nach. Als wir
fast zu Ende waren, wurden die beiden Haddedihn gerufen. Ein jeder stellte sich an sein Pferd. Master Lindsay
ergriff den Hebebaum zum letzten Stoße.

„Jetzt alles umrennen! Yes!“

Er nahm einen Anlauf, stürzte vorwärts und prallte
mit solcher Wucht an die Mauer, daß er niederstürzte;
aber die letzten Steine prasselten auch zu Boden. Nun
wurde in dem Schutt noch ein wenig Bahn gebrochen,
dann stiegen wir auf die Pferde. Ein tüchtiger Satz
brachte uns über das Geröll hinweg und durch die Bresche
hinaus ins Freie. Die Not war zu Ende, noch ehe sie
begonnen hatte, und wir verließen eine Herberge, ohne die
Rechnung berichtigen zu müssen.

„Wohin jetzt?“ fragte Lindsay.

„Im langsamen Trab um die Ecke des Hauses herum
und dann im Schritt durch das Dorf. Reitet Ihr voran!“

Er that es. Ihm folgten die drei Araber, und ich
machte den Schluß. Wir kamen zwischen unserer verlassenen Wohnung und den beiden Häusern, aus denen
man auf uns geschossen hatte, hindurch, und meine Voraussetzung traf wirklich ein: — es fiel kein einziger Schuß
auf uns. Aber wir waren noch gar nicht weit gekommen,
so erhoben sich hinter uns laute Rufe. Jetzt gaben wir
den Pferden die Sporen und jagten zum Dorfe hinaus.

Hier sahen wir, daß die sämtlichen Pferde des Dorfes
sich auf der Weide befanden. Sie graseten in ziemlicher
Entfernung von dem Dorfe, so daß wir hoffentlich einen
guten Vorsprung gewannen, ehe sie von ihren Reitern
bestiegen werden konnten.

Der Weg ging durch ebenes, aber wohl bewässertes
Land, welches uns Gelegenheit gab, die Schnelligkeit
unserer Pferde vollständig zur Entfaltung zu bringen;
nur nicht in Beziehung auf meinen Rappen, der verlangend in die Zügel knirschte und doch gezügelt wurde,
weil sonst die andern weit zurückgeblieben wären.

Endlich bemerkten wir hinter uns eine breite Linie
von Reitern, welche uns verfolgten.

Mohammed Emin warf jetzt einen besorgten Blick auf
das Pferd, welches sein Sohn ritt, und sagte: „Wenn
wir dieses Pferd nicht hätten, so würden sie uns wohl
nicht erreichen.“

Er hatte recht. Es war das beste Pferd, welches in
Amadijah überhaupt zu bekommen gewesen, und dennoch
hatte es einen harten Gang und eine so mühsame Atmung,
daß es bei einem langen Schnellritt sicherlich sehr bald
zusammengebrochen wäre.

„Sihdi,“ fragte Halef, „du willst keinen Kurden töten!“

„So lange es zu vermeiden ist, nein.“

„Aber auf ihre Pferde können wir doch wohl schießen?“

„Es wird uns nichts anderes übrig bleiben.“

Er nahm seine lange, arabische Flinte von der Schulter
und sah nach dem Schlosse. Auf fünfhundert Schritt Entfernung hatte er mit diesem Gewehre sein Ziel noch nie
verfehlt, und meine Büchse trug noch weiter.

Die Verfolger kamen uns immer näher. Ihr lautes
Geschrei klang ganz anders als dasjenige, welches man
bei einer Phantasia, einem Dscheridwerfen, einem Scheingefechte zu hören bekommt: sie machten Ernst. Einer ritt
allen andern voran. Sie näherten sich auf vielleicht fünfhundertfünfzig Schritt; er aber jagte näher, hielt sein Roß
an, zielte und schoß. Dieser Mann besaß eine gute Flinte.
Wir sahen ganz in unserer Nähe von einem Steine, welchen die Kugel getroffen hatte, einige Splitter abfliegen.
Es war ein noch junger Kurde, vielleicht der Bluträcher.

„Well!“ meinte der Engländer, indem er seine Büchse
nahm und das Pferd herumwandte; „geh herunter, Boy!“

Er legte an und drückte ab. Das Pferd des Kurden
that einen Satz, taumelte und brach zusammen.

„Kann nach Hause gehen! Yes!“

Diesem kaltblütigen, sicheren Schusse folgte ein lautes
Schreien der Kurden. Sie hielten an und sprachen miteinander, folgten uns aber alsbald wieder nach. In kurzer
Zeit erreichten wir einen breiten Bach, über den es keine
Brücke gab. Er war reißend und tief, so daß wir eine
Stelle suchen mußten, an welcher der Uebergang sich am
besten bewerkstelligen ließ. Dies gab uns natürlich Blößen.
Die Kurden hielten. Einige von ihnen aber ritten etwas
vor, saßen ab und stellten sich hinter ihre Pferde. Wir
sahen, daß sie die Läufe ihrer Flinten über die Rücken
ihrer Pferde legten.

Schnell waren wir auch von unseren Tieren und
thaten dasselbe. Einen Augenblick nach ihren Schüssen —
nur ich schoß noch nicht — krachten auch die unserigen,
welche zeigten, daß wir die besseren Schießeisen besaßen.
Von unseren vier Schüssen erreichten drei ihr Ziel, während nur eine einzige Kurdenkugel das Pferd des Engländers am Schwanz gestreift hatte. Lindsay schüttelte
den Kopf.

„Haben schlechte Begriffe!“ meinte er. „Miserable
Begriffe! Wollen ein Pferd von hinten erschießen! Kann
nur Kurden passieren!“

„Sucht eine Furt!“ riet ich nun. „Halef und ich
werden die Kerle in Respekt halten!“

Die Besitzer der getroffenen Pferde waren eilig zu
den Ihrigen zurückgekehrt. Zwei aber hielten noch stand.
Ich sah, daß sie wieder luden.

„Sihdi, schieße nicht,“ bat Halef. „Laß mir allein
die Ehre!“

„Gut so!“

Er lud seinen abgeschossenen Flintenlauf wieder und
legte an. Gleichzeitig mit ihren Schüssen ließ er auch zweimal hintereinander krachen. Der kleine Hadschi hatte ganz
gut getroffen. Eines der Pferde brach an Ort und Stelle
zusammen — er hatte es wohl durch den Kopf geschossen
— und das andere sprang wiehernd in langen Sätzen über
die Ebene dahin. Von den Kugeln der beiden Kurden
aber hatten wir nichts gespürt.

„Wenn dies so fortgeht, Sihdi,“ lachte Halef, „so
haben sie sehr bald keine Pferde mehr und tragen das
Sattelzeug selbst nach Hause. Siehst du, wie sie zurücklaufen zu den andern? Sag' diesen doch, daß auch sie sich
zu nahe herangewagt haben!“

„Eine Warnung sollen sie allerdings haben.“

Sie hielten wieder beisammen, und einige Schritte
vor ihnen befand sich der Nezanum, welcher eifrig mit
ihnen sprach. Sie hatten wohl noch kein Gewehr gekannt,
dessen Kugel eine solche Strecke, wie die zwischen uns
liegende, zu durchfliegen vermochte, und hielten sich also
für vollständig sicher. Sie sahen daher auch erstaunt nach
mir, als ich hinter meinem Pferde hervortrat und die
Büchse anlegte. Ein Knall — und im nächsten Moment
lag der Nezanum am Boden, und sein Pferd wälzte sich
über ihm. Ich zielte etwas weiter nach rechts und traf
auch das nächste Pferd. Die Kurden jagten nun mit einem
lauten Geschrei weit zurück, und die pferdelosen Reiter
sprangen unter Verwünschungen hinter ihnen drein. Diese
Leute hatten von gestern her zu viel Respekt vor unsern
Waffen, sonst wären wir doch verloren gewesen.

Jetzt ließen sie uns Muße, eine Furt zu suchen, die wir
auch bald fanden. Wir gingen über den Bach und eilten
dann so schnell vorwärts, als das Pferd Amads laufen konnte.

Das Thal von Berwari wird durch viele Flüßchen
bewässert, welche von dem Gebirge herabströmen und sich
mit einem Arme des Khabur vereinigen, der in den großen
Zab mündet. Diese Wasserläufe sind mit Gebüsch umsäumt und die zwischen ihnen liegenden Ebenen von zahlreichen Eichen, Pappeln und anderen Laubbäumen bestanden. Bewohnt wird das Thal teils von Berwari-Kurden,
teils von nestorianischen Christen; doch sind die Dörfer
der letzteren meist verlassen.

Wir hatten die Verfolger aus dem Gesicht verloren
und kamen zu einigen Dörfern, die wir aber in einem
möglichst weiten Bogen umritten, da wir nicht wissen
konnten, wie man uns begegnen werde. Einige einzelne
Männer, welche im Freien beschäftigt waren, bemerkten
uns aber doch. Wir ritten rasch weiter.

Leider kannten wir den Weg nicht genau, welchen
wir einzuschlagen hatten. Ich wußte nur, daß Gumri im
Norden liege; dies war die einzige Kenntnis, die uns als
Führer dienen konnte. Die vielen Wasserläufe, welche wir
passierten, hielten uns auf und nötigten uns zu manchem
Umweg. Endlich gelangten wir an ein Dorf, welches nur
aus einigen Häusern bestand. Es war nicht gut zu umreiten, weil es auf der einen Seite an das tiefe Bett
eines Baches und auf der andern Seite an ein ziemlich
dichtes Gehölz stieß. Das Dorf schien ganz verödet zu
sein, und wir ritten völlig unbesorgt darauf los.

Schon waren wir an dem ersten Hause vorbei, da
krachten Schüsse. Sie kamen aus den Fensteröffnungen
der Häuser. —

„Zounds!“ rief der Engländer und griff sich an den
linken Oberarm.

Eine Kugel hatte ihn getroffen. Ich selbst lag am
Boden, und mein Pferd rannte im Galopp davon. Ich
stand auf, eilte ihm nach und kam glücklich zum Dorfe
hinaus, obgleich auch aus den anderen Häusern mehrere
Schüsse auf mich fielen. Eine Blutspur zeigte mir, daß
mein Rappe verwundet worden sei. Da dachte ich nicht
mehr an die Gefährten; ohne umzublicken, rannte ich vorwärts und fand das Pferd an dem Rande jenes Gehölzes,
wo es stehen geblieben war. Die Kugel hatte es hart
hinter dem Genick am oberen Hals gestreift und eine zwar
nicht gefährliche, aber doch schmerzhafte Wunde gerissen.
Ich war noch mit der Untersuchung derselben beschäftigt,
als die Gefährten mich erreichten. Sie hatten einige unnütze Kugeln verschossen und waren mir dann gefolgt,
ohne weiteren Schaden zu erleiden. Der Engländer blutete
am Oberarm.

„Ist's gefährlich, Sir?“ fragte ich ihn.

„Nein. Ging nur ins Fleisch. Wißt Ihr, wer es
war? Der Nezanum!“

„Nicht möglich!“

„Schoß vom Dache herab. Habe ihn deutlich gesehen!“

„So haben sie uns den Weg abgeschnitten und uns
in diesem verlassenen Dorf einen Hinterhalt gelegt. Ein
Glück für uns, daß sie sich nicht alle auf die Dächer postierten! Wir wären verloren gewesen. Aus den Fensterspalten aber kann man auf Vorüberreitende keinen sichern
Schuß haben.“

„Seid schön heruntergeflogen, Master!“ neckte er mich.

„War sehr interessant, als man Euch dem Gaul nachlaufen sah! Yes!“

„Ich gönne Euch diese Freude, Sir. Doch vorwärts
jetzt!“

„Vorwärts? Ich denke, wir müssen ihnen vorher
unsern Dank abstatten!“

„Damit würden wir uns in neue Gefahr begeben,
und übrigens ist es notwendig, Euch zu verbinden, und
dies muß doch nicht hier in so unmittelbarer Nähe des
Feindes geschehen!“

„Well! So kommt!“

Der kleine Hadschi Halef Omar war damit nicht einverstanden.

„Sihdi,“ meinte er, „wollen wir diesen Kurden nicht
eine Lehre geben und es ihnen unmöglich machen, uns
weiter zu verfolgen?“

„Wie willst du dies thun?“

„Wo glaubst du, daß sie ihre Pferde haben?“

„Einige davon vielleicht in den Häusern, die anderen
aber ganz sicher außerhalb des Dorfes in irgend einem
Versteck.“

„So laß uns diesen Versteck suchen und ihnen die
Tiere wegnehmen! Schwer wird dies nicht sein; sie getrauen sich im offenen Felde sicher nicht an uns heran
und haben wohl auch keine zahlreiche Bewachung bei den
Pferden gelassen.“

„Willst du ein Pferdedieb werden, Halef?“

„Nein, Sihdi. Aber willst du das, was ich dir vorschlage, einen Diebstahl nennen?“

„In diesem Fall der Notwehr wohl nicht; doch wäre
es wenigstens sehr unvorsichtig gehandelt. Wir würden
Zeit brauchen, um das Versteck zu finden, und müßten
vielleicht mit den Wächtern kämpfen, was ganz unnötig
ist, da wir Gumri bald erreichen werden und uns alsdann in Sicherheit befinden.“

Wir setzten also unsern Ritt fort und bemerkten nach
einiger Zeit, daß die Kurden uns wieder folgten. Sie
hielten sich so weit von uns entfernt, daß wir uns in vollständiger und gegenseitiger Sicherheit befanden. Später
verloren wir sie an einer Krümmung aus dem Auge und
erblickten sie dann wieder vor uns. Sie hatten uns umritten, um entweder uns abermals den Weg zu verlegen,
oder um uns in Gumri zuvorzukommen. Wir bemerkten
sehr bald, daß letzteres beabsichtigt sein müsse; denn vor
uns stiegen nun, allerdings in noch weiter Entfernung, die
Umrisse des isolierten Felsens empor, auf welchem Kalah
Gumri liegt. Dieses ist eigentlich nur ein schwaches, aus
Lehm erbautes Fort, mit dem einige wenige Geschütze leicht
fertig werden könnten; es wird aber von den Kurden für
eine sehr starke Festung gehalten.

Wir hatten uns diesem Ort bis auf eine Entfernung
von vielleicht einer englischen Meile genähert, als uns
plötzlich ein wildes Geschrei umtobte und aus den nahen
Büschen mehrere hundert kurdische Krieger hervorsprangen
und auf uns eindrangen. Lindsay riß die Büchse empor.

„Um Gottes willen, Sir, nicht schießen!“ rief ich ihm
zu und schlug ihm den Lauf des Gewehres nieder.

„Warum?“ fragte er. „Fürchtet Ihr Euch, Master?“

Ich hatte keine Zeit zur Antwort. Die Kurden waren
schon bei uns und zwischen uns und drängten uns auseinander. Ein junger Mensch trat auf meinen im Steigbügel ruhenden Fuß, schwang sich empor und holte mit
dem Dolch zum Stoße aus. Ich riß ihm die Waffe aus
der Hand und schleuderte ihn hinab. Dann packte ich einen
anderen beim Arm.

„Du bist mein Beschützer!“ rief ich ihm zu.

Er schüttelte den Kopf.

„Du bist bewaffnet!“ antwortete er.

„Ich vertraue dir alle Waffen an. Hier, nimm sie!“

Er nahm meine Waffen an und legte dann die Hand
auf mich.

„Dieser ist mein auf den ganzen Tag,“ erklärte er
laut.

„Und die andern auch,“ fügte ich hinzu.

„Sie haben nicht um Schutz gebeten,“ wehrte er ab

„Ich thue es an ihrer Stelle. Sie reden eure Sprache
nicht.“

„So mögen sie ihre Waffen ablegen, dann will ich
ihr Hal-am sein.“

Die Entwaffnung ging sehr schnell vor sich, obgleich
keiner der Gefährten mit meinem Verfahren zufrieden war.
Ausgenommen den einen, welcher den Dolch auf mich gezückt hatte, schien es, als ob die Kurden jetzt weniger nach
unserem Leben als vielmehr danach trachteten, unsere Personen in ihre Gewalt zu bekommen. Jener eine aber
fixierte mich mit so grimmigen Blicken, daß ich in ihm
den Bluträcher vermuten mußte, und dies bestätigte sich
auch sehr bald; denn als wir uns in Bewegung setzten,
ersah er die Gelegenheit, zog den Dolch und warf sich auf
meinen Hund. Doch dieser war schneller als der Mann.
Er fuhr zurück, um dem Stoße auszuweichen, und faßte
dann den Feind gleich über dem Griffe des Dolches am
Handgelenk. Wir hörten zwischen den gewaltigen Zähnen
des Tieres die Knochen knirschen. Der Kurde stieß einen
Schrei aus und ließ den Dolch fallen. Sofort riß ihn der
Hund zu Boden und packte ihn an der Kehle. Einige
Dutzend Flinten richteten sich auf das mutige Tier.

„Katera Chodeh!“ rief ich. „Um Gottes willen die
Flinten weg, sonst erwürgt er ihn!“

Eine Kugel, welche den Hund nicht augenblicklich
tötete, wäre der Tod des Kurden gewesen. Die Krieger
sahen das ein, und da keiner von ihnen seines Schusses
ganz sicher sein mochte, so senkten sie die Gewehre.

„Rufe den Hund weg!“ gebot mir einer.

„Diese Bestie war es, die meinen Nachbar tötete!“
rief eine andere Stimme. Dieselbe gehörte dem Nezanum
an, der hinter einem Strauch hervortrat. Er hatte die
weise Vorsicht gebraucht, sich bis jetzt in gehöriger Entfernung zu halten.

„Du hast recht, Nezanum,“ antwortete ich. „Und er
wird auch das Genick dieses Mannes zermalmen, wenn
ich es ihm gebiete.“

„Rufe ihn weg!“ wiederholte der vorige Sprecher.

„Sage mir zuvor, ob dieser Mann da der Rächer ist!“

„Er ist es, der den Heif hat.“

„So will ich euch zeigen, daß ich ihn nicht fürchte.
— Dojan, geri — zurück!“

Der Hund ließ von dem Kurden ab. Dieser erhob
sich. Der Schmerz seiner Hand war so groß, daß er ihn
kaum verwinden konnte; noch größer aber war seine Wut.
Er trat hart zu mir heran und schüttelte drohend das
verwundete Glied.

„Dein Hund hat mir die Kraft meines Armes genommen,“ knirschte er. „Aber glaube ja nicht, daß ich
nun die Rache einem andern überlassen werde. Ez heïfi
cho-e desti cho-e bigerim tera — ich werde mit eigner Hand
an dir Rache nehmen!“

„Du redest wie ein Bak, vor dessen Quaken sich
niemand fürchten kann!“ antwortete ich. „Reiche mir deinen
Arm, daß ich ihn untersuche und verbinde!“

„Du bist ein Arzt? Ich mag von dir kein Derman
haben, und wenn ich sterben müßte. Aber du wirst Derman von mir erhalten, und zwar so viel, daß du genug
daran haben sollst. Das verspreche ich dir!“

„Ich höre, daß dich bereits das Ta ergriffen hat,
sonst würdest du deine Hand zu retten suchen.“

„Die Deka von Gumri wird mir helfen. Sie ist
ein größerer Arzt als du!“ antwortete er verächtlich. „Du
und dieser Tazi, ihr seid zwei Hunde und sollt auch wie
Hunde sterben!“

Er wickelte die Hand in einen Zipfel seines Gewandes und hob den Dolch auf. Wir wurden in die Mitte
genommen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Keiner
der Kurden hatte ein Pferd bei sich; die Tiere waren in
Gumri zurückgelassen worden. Ich war ein wenig besorgt
um uns, aber wirkliche Angst empfand ich nicht.

Schweigend schritten die Kurden neben uns her und
waren augenscheinlich nur darauf bedacht, uns nicht entfliehen zu lassen. Auch mein kleiner Halef und die beiden
Araber sprachen kein Wort, aber der Engländer konnte
seinen Aerger nicht ganz verwinden.

„Schöne Suppe, Sir, die Ihr uns eingebrockt habt!“
brummte er; „hätten die Kerle alle erschießen sollen!“

„Das hätten wir nicht fertig gebracht, Sir. Sie
kamen zu schnell über uns.“

„Yes! Und nun sind sie um uns herum und wir
in ihnen drin. Die Waffen abgegeben! Fatale Geschichte!
Schauderhaft! Werde mit Euch wieder einmal nach Kurdistan gehen. Wie heißt Esel auf Kurdisch, Master?“

„Ker. Und Eselin, ein junger, ein kleiner Esel heißt
Daschik.“

„Well! So haben wir Vier wie Daschiks und Ihr
habt wie ein sehr alter und sehr großer Ker gehandelt.
Verstanden?“

„Sehr verbunden, Master Lindsay! Nehmt meinen
innigsten Dank für die Anerkennung! Wollt Ihr denn
nicht bedenken, daß es gradezu ein Wahnsinn genannt
werden müßte, wenn fünf Männer sich einbilden, mit
zweihundert, die ihnen bereits bis auf den Frack gerückt
sind, fertig zu werden?“

„Wir hatten bessere Waffen als sie!“

„Konnten wir sie in solcher Nähe gebrauchen? Und
hätten wir uns diese Kurden damit vom Leibe gehalten,
so wäre jedenfalls viel Blut geflossen; das unserige wohl
auch mit. Und dann die Blutrache! Wo denkt Ihr hin!“

Da bemerkten wir einen Reiter, der uns im Galopp
entgegenkam. Als er sich soweit genähert hatte, daß seine
Gesichtszüge zu sehen waren, erkannte ich Dohub, den
Kurden, dessen Verwandte in Amadijah gefangen gewesen
waren. Unser Trupp hielt bei seinem Erscheinen an.
Er drängte sich ungestüm bis zu mir hindurch und reichte
mir die Hand.

„Chodih, du kommst; du bist gefangen!“

„Wie du siehst!“

„Oh, verzeihe! Ich war fort von Gumri, und als
ich jetzt heimkehrte, erfuhr ich, daß man fünf fremde Männer
fangen wollte. Ich dachte gleich an dich und bin eilig
herbeigekommen, um zu sehen, ob meine Gedanken richtig
gewesen sind. Chodih, az kolame ta — Herr, ich bin dein
Diener. Befiehl, was du von mir wünschest!“

„Ich danke dir! Aber ich bedarf deiner Hilfe nicht,
denn dieser Mann ist bereits unser Beschützer.“

„Für welche Zeit?“

„Für einen Tag.“

„Emir, erlaube mir, daß ich es sei für alle Tage,
so lange ich lebe!“

„Wird er es dir gestatten?“

„Ja. Du bist unser aller Freund, denn du wirst
der Mivan des Bey sein. Er hat auf dich geharrt
und freut sich, dich und die Deinen willkommen zu heißen.“

„Ich werde nicht zu ihm gehen können.“

„Warum nicht?“

„Kann ein Emir sich ohne Waffen sehen lassen?“

„Ich sah bereits, daß man sie euch genommen hat.“
Und er wandte sich zu unserer Eskorte mit den Worten:
„Gebt die Waffen zurück!“

Dagegen erhob der verwundete Kurde Einspruch:

„Sie sind Gefangene und dürfen keine Waffen tragen!“

„Sie sind frei, denn sie sind die Gäste des Bey!“
lautete die Gegenrede.

„Der Bey hat uns selbst befohlen, sie gefangen zu
nehmen und zu entwaffnen!“

„Er hat nicht gewußt, das es die Männer sind, die
er erwartet.“

„Sie haben mir den Vater ermordet. Und siehe diese
Hand. Ihr Hund hat sie mir zerbissen!“

„So mache das mit ihnen ab, sobald sie nicht mehr
Gäste des Bey sind. Komm, Chodih, nimm deine Waffen
und erlaube, daß ich dich führe!“

Wir erhielten alles zurück, was wir abgegeben hatten;
dann trennten wir uns von den andern und ritten in
raschem Tempo nach Gumri hinauf.

„Nun, Sir,“ fragte ich Lindsay, „was denkt Ihr jetzt
von dem Ker und dem Daschik?“

„Habe von Eurem Gerede nichts verstanden!“

„Aber die Waffen habt Ihr doch bereits zurück!“

„Well! Und was weiter?“

„Wir werden die Gäste des Bey von Gumri sein.“

„Will Euch Satisfaktion geben, Master: der Esel,
der war ich!“

„Danke, Sir! Gratuliere zu dieser edlen Selbsterkenntnis!“

Jetzt war alle Besorgnis verschwunden, und mit erleichtertem Herzen ritt ich durch das enge Thor des Ortes
ein. Dennoch aber konnte ich mich eines Grauens nicht
erwehren bei dem Anblick der Residenz des berüchtigten
Abd el Summit Bey, der in Verbindung mit Beder
Khan Bey und Nur Ullah Bey die christlichen Bewohner
von Tijari zu Tausenden hingemordet hatte. Der Ort
sah sehr kriegerisch aus. Die engen Gassen waren von
bewaffneten Kurden so belebt, daß die Mehrzahl dieser
Leute wohl nicht zu den Bewohnern von Gumri gehören
konnte. In dieser Beziehung machte die kleine Berwari-Festung einen ganz andern Eindruck als das öde, leblose
Amadijah.

Da schritt, die lange Schilflanze in der Hand, der
Kurde von Serdascht uns entgegen. Er machte den Eindruck eines armen Schluckers gegenüber den Balani und
Schadi, die ich hier nicht vermutet hätte. Ein Alegankurde vom Bohtangebirge plauderte mit einem Omerigan,
der aus der Gegend von Diarbekr herbeigekommen war.
Dann begegneten uns zwei Angehörige des Amadi-manan-Stammes, zwischen denen ein Dilmamikan-Kurde aus
Esi schritt. Da gab es Krieger vom Stamme der Bulanuh, der Hadir-sohr, der Hasananluh, der Delmamikan,
der Karatschiur und Kartuschi-baschi. Sogar Leute aus
Kazikan, Semsat, Kurduk und Kendali waren zu sehen.

„Wie kommen diese Fremden nach Gumri?“ fragte
ich Dohub.

„Es sind meist Bluträcher, welche hier zusammenkommen, um sich gegenseitig auszugleichen, und Boten aus
vielen Gegenden, in denen man einen Aufstand der Christen
befürchtet.“

„Habt ihr hier eine ähnliche Befürchtung zu hegen?“

„Ja, Emir. Die Christen in den Tijaribergen heulen
wie die Hunde, welche man angekettet hat. Sie wollen
gern los sein, aber ihr Bellen hilft ihnen nichts. Wir
haben vernommen, daß sie in das Thal von Berwari einfallen wollen; ja, sie haben bereits einige Männer unsers
Stammes getötet; aber das Blut derselben wird sehr bald
über sie kommen. Ich war heute in Mia, wo morgen
eine Bärenjagd abgehalten werden soll, und fand das
ganze untere Dorf verlassen.“

„Es giebt wohl zwei Dörfer, welche Mia heißen?“

„Ja; sie gehören unserm Bey. Das obere Dorf wird
vur von echten Moslemim und das untere nur von christlichen Nestorah bewohnt. Diese letzteren sind plötzlich
verschwunden.“

„Warum?“

„Man weiß es nicht. Aber Chodih, hier ist die
Wohnung des Bey. Steige ab mit den Deinen und erlaube, daß ich dem Bey deine Ankunft verkündige!“

Wir hielten vor einem langen, unscheinbaren Gebäude, dessen Ausdehnung allein verriet, daß es die
Wohnung eines Anführers sei. Auf ein Wort Dohubs
kamen einige Kurden herbei, um unsere Pferde in Empfang zu nehmen und in den Stall zu führen. Er selbst
aber kehrte bereits nach wenigen Augenblicken zurück und
führte uns zu dem Bey. Wir fanden denselben in einem
großen Empfangsraume, bis zu dessen Thüre er uns entgegenkam. Einige Dutzend Kurden, die sich bei unserm
Eintritte erhoben, waren bei ihm. Er war ein Mann
am Ende der zwanziger Jahre, hoch und breit gewachsen;
sein edles Angesicht zeigte den reinen kaukasischen Typus
und wurde von einem starken, schwarzen Vollbart eingerahmt. Sein Turban hatte wenigstens zwei Ellen im
Durchmesser; an seinem Halse hingen an einer silbernen
Kette verschiedene Talismane und Amulette; seine Jacke
war ebenso wie seine Hose mit reicher Stickerei versehen,
und in seinem Gürtel funkelte neben einem Dolche und
zwei mit Silber ausgelegten Pistolen ein wunderschön
damascierter Schnur ohne Scheide. Der Bey machte
nicht den Eindruck eines halbwilden Anführers von Räubern und Pferdedieben; seine Züge waren bei aller Männlichkeit doch weich und sanft, und seine Stimme klang
freundlich und angenehm, als er uns begrüßte:

„Sei mir willkommen, Emir! Du bist mein Bruder.
und deine Gefährten sind meine Freunde.“

Er reichte uns allen die Hand. Auf seinen Wink
wurden beinahe sämtliche Kissen, welche sich in dem
Raume befanden, zusammengetragen, um uns als Sitz zu
dienen. Wir nahmen Platz, während die andern stehen
blieben.

„Ich habe gehört, daß ich mit dir in kurdischer
Sprache reden kann?“ fragte er.

„Diese Sprache ist mir nur sehr wenig verständlich,
und meine Freunde verstehen sie gar nicht,“ antwortete ich.

„So erlaube, daß ich türkisch oder arabisch mit dir
spreche!“

„Bediene dich derjenigen Sprache, welche deine Leute
hier verstehen,“ sagte ich zu ihm aus Höflichkeit.

„Oh, Emir, ihr seid meine Gäste, und so wollen wir
so sprechen, daß deine Freunde mitreden können. Welche
Sprache reden sie am liebsten?

„Die arabische. Aber, Bey, befiehl vorher deinen
Leuten, daß sie sich setzen! Sie sind nicht Türken und
Perser, sondern freie Kurden, die nur zum Gruße sich zu
erheben brauchen.“

„Chondekar, ich sehe, daß du ein Mann bist, welcher
die Kurden kennt und ehrt; ich werde ihnen erlauben,
sich niederzulassen.“

Er gab ihnen ein Zeichen, und die Blicke, welche sie
sich beim Niedersetzen zuwarfen, sagten mir, daß sie meine
Höflichkeit anerkannten. Ich hatte es hier jedenfalls mit
einem intelligenten Häuptling zu thun, denn im Innern
von Kurdistan ist ein Mann, der neben einigen Dialekten
seiner Muttersprache auch das Türkische und Arabische
versteht, eine Seltenheit. Es ließ sich erwarten, daß der
Bey sich auch noch des Persischen zu bedienen verstand,
und im Verlaufe meines leider nur sehr kurzen Beisammenseins mit ihm erfuhr ich, daß ich mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte.

Es wurden Pfeifen gebracht, zu denen man uns einen
lieblich schmeckenden Reisbranntwein kredenzte, dem die
Kurden mit großem Eifer zusprachen.

„Was denkst du von den Kurden von Berwari?“
fragte mich der Bey.

Diese Frage sollte wohl ohne alle Verfänglichkeit
nur als Einleitung dienen.

„Wenn alle so sind wie du, dann werde ich von
ihnen nur Gutes erzählen können.“

„Ich weiß, was du mir sagen willst. Du hast bisher nur Uebles von ihnen erfahren,“ bemerkte er.

„Oh, nein! Habe ich nicht an Dohub und seinen
beiden Verwandten nur Freunde gefunden?“

„Du hast dir ihre Freundschaft und auch die meinige
sehr reichlich verdient. Wir aber haben dir mit Undank
vergolten. Willst du mir verzeihen? Ich wußte nicht,
daß du es warst.“

„Verzeihe auch du mir! Es hat einer von deinen
Leuten sein Leben eingebüßt; aber wir tragen keine Schuld
daran.“

„Erzähle mir, wie es zugegangen ist!“

Ich gab ihm einen ausführlichen Bericht und fragte
ihn dann, ob hier ein Grund zur Blutrache vorliege.

„Nach der Sitte dieses Landes muß er allerdings
den Tod seines Vaters rächen, wenn er sich nicht die
Verachtung aller erwerben will.“

„Es wird ihm wohl schwer gelingen!“

„Du bist mein Gast, und so lange du dich bei mir
und in meinem Lande befindest, bist du vollständig sicher.
Aber er wird dir später folgen auf Schritt und Tritt,
auch wenn du bis an das Ende der Erde gehen wolltest.“

„Ich fürchte ihn nicht.“

„Du magst stark genug sein, um ihn im offenen
Kampfe zu überwinden; dann aber würden neue Rächer
erstehen. Und kannst du dich gegen eine Kugel wehren,
die aus dem Verborgenen abgeschossen wird? Willst du
nicht den Preis bezahlen?“

„Nein!“ antwortete ich mit Nachdruck.

„Allah gab dir vielen Mut, einen Rächer zu verachten. Ich werde dafür sorgen, daß dieser Mut dich
nicht in das Verderben bringt. — Du warst bei dem
Vater meines Weibes in Spandareh?“

„Ich war sein Gast und wurde sein Freund.“

„Ich weiß es. Wärest du nicht sein Freund, so
hätte er dir nicht das Geschenk für uns anvertraut. Allah
hat Wohlgefallen an dir, denn er läßt dich überall
Freunde finden.“

„Allah giebt Gutes und Böses; er erfreut die Seinen
und betrübt sie auch zuweilen, um sie zu prüfen. Ich
habe auch Feinde in Amadijah gefunden.“

„Wer war dein Feind? Der Mutesselim?“

„Dieser war mir weder Freund noch Feind; er
fürchtete mich. Aber es kam ein Mann zu ihm, der mich
haßte und die Schuld trug, daß ich sogar gefangen genommen werden sollte.“

„Wer war es?“

„Der Makredsch von Mossul.“

„Der Makredsch?“ fragte der Bey sehr aufmerksam.
„Er ist ein Feind der Kurden; er ist ein Feind aller
Menschen, was wollte er in Amadijah?“

„Er befand sich auf der Flucht nach Persien; denn
der Anadoli Kasi Askeri ist gekommen, um ihn und den
Mutessarif von Mossul abzusetzen.“

Diese Kunde erregte die allergrößte Ueberraschung
bei dem Bey. Er teilte die Neuigkeit sofort den Seinigen
mit, von denen sie mit demselben Erstaunen aufgenommen
wurde. Ich mußte alles sehr ausführlich erzählen.

„So wird der Mutesselim wohl auch abgesetzt?“ fragte
der Bey.

„Das kann man nicht wissen. Er war der Kerkermeister des Mutessarif, der einen jeden, der aus Mossul
verschwinden sollte, nach Amadijah sandte.“

„Doch wohl nur Verbrecher?“

„Nein. Hast du nicht gehört von Amad el Ghandur,
dem Sohne des Scheik der Haddedihn?“

„Ist auch er gefangen genommen und nach Amadijah
geschickt worden?“

„Ja. Er hat nichts von ihrer Hinterlist geahnt.“

„Wäre ich ein Haddedihn, so zöge ich nach Amadijah,
um den Sohn meines Scheik zu befreien.“

„Bey, das ist eine schwere Sache!“

„Und dennoch würde ich es thun. Die List ist oft
eine bessere Waffe als die Gewalt.“

„So wisse denn, daß es einen Haddedihn giebt,
welcher nach Amadijah gegangen ist.“

„Einen einzigen?“

Ich bejahte es.

„So kann ihm nichts gelingen,“ meinte der Bey.
„Zu einem solchen Werke gehören viele.“

„Und dennoch ist es ihm gelungen,“ entgegnete ich.

„Tu katischt nezani — was du nicht weißt! Er hat
den Sohn des Scheik wirklich befreit? Durch List oder
Gewalt?“

„Durch List.“

„So ist er ein tapferer und entschlossener, aber auch
ein kluger Mann gewesen. War er ein einfacher Krieger?“

„Nein. Es war der Scheik Mohammed Emin selbst.“

„Chodih, du berichtest mir ein Wunder! Aber ich
glaube es, weil du es sagest. Werden sie unangefochten
nach ihren Weideplätzen kommen?“

„Das weiß nur Allah und du.“

„Ich? Wie meinst du das?“

„Ja, du. Ich habe gehört, daß sie sich nicht nach
Westen, sondern in das Land Berwari wenden werden,
um den Zab zu erreichen und auf ihm hinab zu fahren.“

„Emir, das ist ein großes Abenteuer. Die beiden
Helden sollten mir willkommen sein, wenn sie zu mir
kämen. Wann ist die Flucht gelungen?“

„In der Nacht vor gestern.“

„Woher weißt du dies so genau? Hast du sie gesehen?“

„Beide. Auch du siehst sie, denn sie sitzen an deiner
Seite. Dieser Mann ist Mohammed Emin, der Scheik
der Haddedihn, und dieser ist Amad el Ghandur, sein
Sohn.“

Der Kurdenhäuptling sprang auf und fragte:

„Wer ist dieser andere?“

„Mein Diener.“

„Und dieser?“

„Mein Freund, ein Mann aus dem Abendlande.
Wir haben uns vereinigt und den Gefangenen aus Amadijah geholt,“ sagte ich ohne Prahlerei.

Jetzt entstand ein vollständiges Redegewirr von kurdischen Erklärungen, türkischen Ausrufungen und arabischen
Begrüßungen. Es kam alles zur Sprache, was die Kurden
von den Haddedihn gehört hatten; auch ihr Kampf im
Thale der Stufen. Ich mußte dabei den Dolmetscher
machen, gestehe aber gern, daß mir bei dieser Arbeit der
Schweiß in hellen Tropfen von der Stirne schoß. Meine
Kenntnis des Kurdischen war gering, und das Arabische
wurde ebenso wie das Türkische in einem Dialekt gesprochen, bei dem ich die Bedeutung der Worte und der
Wortverbindungen mehr erraten als verstehen mußte.
Dies gab Veranlassung zu zahlreichen Verwechslungen
und Verdrehungen, über welche trotz aller unserer Würde
lebhaft gelacht wurde.

Am Schlusse dieser außerordentlich angeregten Unterhaltung gab uns der Bey die Versicherung, daß er alles
thun werde, um unser Fortkommen zu ermöglichen. Er
versprach uns die zu mehreren Flößen notwendigen Häute,
einige sichere Führer, welche den Wasserlauf des Khabur
und des oberen Zab Ala genau kannten, und auch Empfehlungen an die Schirwan- und Zibar-Kurden, durch
deren Gebiet wir auf dieser Fahrt kommen mußten. Von
einem Ritte über das Tura-Gharagebirge nach dem Akraflusse wollte er nichts wissen, da nach dieser Gegend hin
sein Schutz uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde.

„Dort giebt es,“ fügte er hinzu, „sehr viele christliche
Nestorah, auch Teufelsanbeter und kleine Kurdenstämme,
mit denen die Berwari in Feindschaft leben. Diese Leute
sind lauter Räuber und Mörder, und die Gebirge sind
so wild und unzugänglich, daß ihr nie den Zab erreichen
würdet. Nun aber ruht euch aus und erlaubt mir, hier
meines Amtes zu warten, bevor wir das Mahl einnehmen.
Ich habe heute viel zu verhandeln, da ich morgen nicht
in Gumri sein werde.“

„Du willst nach Mia gehen?“ fragte ich.

„Ja. Wer sagte es dir?“

„Ich habe von Dohub gehört, daß du dort einen
Bär jagen willst.“

„Einen? Es sind zwei ganze Familien, die den dortigen Herden sehr viel Abbruch thun. Du mußt nämlich
wissen, daß es im Lande der Kurden zahlreiche Bären
giebt, und“ — fügte er mit einigem Stolze hinzu — „die
Giaurs dieses Landes sagen, daß es zwei große Plagen
für sie gebe, von denen die eine grad so schlimm sei, wie
die andere, nämlich die Kurden und die Bären.“

„Wirst du uns erlauben, mitzugehen?“

„Ja, wenn du es wünschest. Ihr sollt zusehen können,
ohne dabei in Gefahr zu kommen.“

„Wir wollen nicht zusehen, sondern mitkämpfen!“

„Emir, der Bär ist ein gefährliches Tier!“

„Du irrst. Der Bär, welcher die kurdischen Schluchten
und Wälder bewohnt, ist ein sehr unschädliches Wild.
Es giebt Länder, in denen die Bären doppelt so groß
und stark sind, wie die eurigen.“

„Ich habe davon gehört. Es soll ein Land geben,
wo man nur Eis und Wasser findet, und dort haben die
Bären ein weißes Fell und werden von den dortigen
Arabern Hirtsch el Buz genannt. Hast du solche weiße
Bären gesehen?“

„Ja, obgleich ich nicht in jenen Ländern gewesen bin.
Man fängt dort die Bären, um sie in anderen Gegenden
für Geld sehen zu lassen. Aber es giebt noch ein Land
mit fürchterlich großen Bären, welche ein graues Fell
besitzen; das sind die stärksten und gefährlichsten. Ein
solcher Bär ist gegen einen kurdischen wie ein Pferd gegenüber einem Hund, vor dem man sich hütet, ohne ihn grad
zu fürchten.“

„Und diesen hast du auch gesehen?“ fragte der Bey
verwundert.

„Ich habe mit ihm gekämpft.“

„So bist du Sieger geblieben, denn du lebst noch.
Ihr sollt auch mit unsern Bären kämpfen.“

Er führte uns jetzt in eine Stube, in deren Mitte
ein niedriges Sufra stand, um welches fünf Kissen gelegt waren. Nachdem er uns verlassen hatte, erschien eine
Frau, und hinter ihr kamen einige Dienerinnen, welche
ein kleines Vorgericht auftrugen, für den Fall, daß wir
zu sehr Hunger hätten, um bis zum eigentlichen Mahle
warten zu können. Es bestand aus einem Zicklein, welches
zuerst gebraten und dann in Sahne gebacken war; dazu
kamen getrocknete Weintrauben, eingelegte Maulbeeren und
ein Salat von Pflanzenblättern, die ich nicht kannte; es
schien eine Nesselart zu sein.

„Ser sere men at — ihr seid mir willkommen!“
grüßte sie. „Wie habt ihr meinen Vater verlassen, den
Nezanum von Spandareh?“

„Wir haben ihn bei gutem Wohlsein verlassen, und
auch die andern hat Allah gesund erhalten,“ antwortete ich.

„Nehmet und esset einstweilen und habt die Güte,
mir von Spandareh zu erzählen. Es ist eine lange Zeit,
daß ich nichts gehört habe.“

Ich erfüllte ihr den Wunsch so ausführlich wie möglich. Sie war ganz glücklich, mit mir über ihre Heimat
plaudern zu können, und ließ sogar den Windhund aus
dem Stalle holen, um ihm mit den Resten des Zickleins
einen Beweis ihrer Freundschaft zu geben. Es gab hier
ein Zusammenhalten der Familienglieder, welches mich
sehr angenehm berührte.

Als wir ihrer Dienste nicht mehr bedurften, verließ
sie uns, und wir machten es uns auf den an die Wand
geschobenen Kissen so bequem wie möglich. In diesem
süßen Nichtsthun wurden wir durch den Eintritt eines
Mannes gestört, den wir nicht erwartet hätten. Es war
der verwundete Kurde. Er trug den Arm in einer Binde,
die er sich um den Hals befestigt hatte.

„Was willst du?“ fragte ich ihn.

„Ein Bakschisch, Herr!“

„Ein Bakschisch? Wofür?“

„Daß ich dich nicht töten werde.“

„Ich höre, daß dich das Fieber noch nicht verlassen
hat. Wenn einer von uns beiden aus dem Grunde,
welchen du angiebst, ein Bakschisch verdient hat, so bin
nur ich es allein. Ich habe dir nicht bloß versprochen,
dich nicht zu töten, sondern dir bereits das Leben erhalten,
als du dich unter den Zähnen meines Hundes befandest.
Was aber hast du für mich gethan? Nach mir geschossen
und gestochen hast du. Und dafür verlangst du einen
Bakschisch? Gehe schnell fort, damit du nicht hörest, daß
wir über dich lachen müssen!“

„Herr, nicht dafür, daß ich auf dich geschossen und
nach dir gestochen habe, verlange ich ein Bakschisch, sondern
dafür, daß ich den Blutpreis angenommen habe.“

„Den Blutpreis? Von wem?“

„Vom Bey. Er hat ihn bezahlt.“

„Wie viel hat er gegeben?“

„Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.“

„Also bedeutend weniger, als du von mir verlangtest.“

„Er ist mein Scheik; ich mußte auf ihn hören. Aber
weil es so wenig ist, darum sollst du mir ein Bakschisch
geben.“

„Wäre ich ein freier, stolzer Kurde, ich würde nicht
wie ein türkischer Hammal um ein Bakschisch betteln.
Da du es aber dennoch thust, so sollst du es erhalten;
aber nicht jetzt, sondern erst dann, wenn wir Abschied
nehmen.“

„Wie viel wirst du mir geben?“

„Das kommt ganz darauf an, wie du dich gegen uns
verhalten wirst.“

„Und wird unser Nezanum auch etwas erhalten?“

„Hat er dir geboten, mich darüber zu fragen?“

„Ja, er that es.“

„So sage ihm, daß ich nur dann einem Bettler etwas
gebe, wenn er mich selbst bittet. Ist der Nezanum ein
Mann, der von der Empfehlung des Propheten lebt, so
soll er von jedem von uns gern eine Gabe erhalten; aber
er mag dann selbst zu uns kommen. Uebrigens habe ich
ihm bereits das Leben seines Sohnes geschenkt, und das
ist mehr als jede andere Gabe.“

Der Kurde ging. Er hatte den Blutpreis erhalten,
aber sein Gesicht sah ganz so aus, als ob ich mich hüten
müsse, ihm einmal unter andern Umständen zu begegnen.

„Was wollte der Kerl?“ fragte Lindsay.

„Der Bey hat ihm an unserer Stelle den Blutpreis
bezahlt, und nun — —“

„Wie? Der Bey?“

„Aus Gastlichkeit!“

„Nobel! Sehr nobel! Yes! Wie viel?“

„Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.“

„Wie viel ist dies an Geld?“

„Nicht mehr als fünf Pfund oder hundert Mark.“

„Werde es ihm wiedergeben.“

„Das wäre eine große Beleidigung, Sir. Wir müssen
das durch ein Geschenk auszugleichen suchen.“

„Gut! Schön! Was geben wir?“

„Darüber wollen wir uns den Kopf jetzt noch nicht
zerbrechen.“

„Und nun verlangt dieser Mensch noch ein Bakschisch?
— Master, was heißt auf Kurdisch ein Backenstreich, eine
Ohrfeige oder eine Maulschelle?“

„Sileik.“

„Well! Warum habt Ihr ihm nicht einige Sileiks
gegeben?“

„Weil es nicht am Platze war. Ich habe ihm im
Gegenteil ein Bakschisch versprochen, welches er erhalten
soll, sobald wir von hier fortgehen.“

„So erlaubt, daß ich es ihm gebe. Soll ihm zugleich
zur Erinnerung und zur Besserung dienen!“

Als der Bey seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, kam
er, um uns hinab in den Hof zu führen, wo das Mahl
eingenommen werden sollte. Es waren zu demselben wohl
an die vierzig Personen geladen, und außerdem kamen
noch viele andere, um sich nach orientalischer Sitte ganz
ungeniert selbst zu Gaste zu bitten.

Gegen Ende des Mahles stellte es sich heraus, daß
die Speisen nicht für alle langten, und so erhielten die
‚Trollgäste‘ ein lebendiges Schaf, welches sie sich gleich
selbst zubereiteten. Der eine machte ein Loch in die Erde;
andere holten Steine und Holz zur Feuerung herbei.
Derjenige, welchen die Wahl getroffen hatte, ergriff das
Schaf, schnitt ihm die Kehle durch und hing es mit den
zusammengebundenen Vorderbeinen an einen Balkenpflock
auf. Die Eingeweide wurden nicht herausgenommen, sondern der Kurde nahm einen Mund voll Wasser, hielt die
Lippen an . . . . des Tieres und blies das Wasser hinein.
Er fuhr in dieser possierlichen Beschäftigung so lange fort,
bis die Eingeweide vollständig aufgebläht und nach oben
hinaus ausgespült waren. Dann wurden die Gedärme in
so viele Stücke zerschnitten, als Männer von dem Schafe
essen sollten; auch das Fleisch des Schafes wurde in eben
so viele Teile zerlegt. Nun wickelte ein jeder sein Stück
Darm um sein Fleisch und legte dieses Präparat in das
mit den Steinen ausgekleidete Loch, über welches ein Feuer
angemacht wurde. Schon nach kurzer Zeit ward dasselbe
hinweggenommen, und die halbgaren Stücke gingen zwischen den Zähnen der Kurden ihrer nützlichen Bestimmung
entgegen.

Nach dem Essen zeigte uns der Bey seinen Stall.
Es befanden sich in demselben über zwanzig Pferde, doch
war unter ihnen nur ein Schimmel, der einer besonderen
Aufmerksamkeit würdig war. Dann gab es Kampfspiele
und Lieder, zu denen ein zweisaitiges Tambur die Begleitung wimmerte, und endlich wurden von einem Manne
Märchen und Geschichten erzählt, Geschichten, Tschiroka:
Baka ki mir — vom sterbenden Frosch; Gur bu schevan
— der Wolf als Hirt; Schyeri kal — der alte Löwe;
Ruvi u bizin — der Fuchs und die Ziege.

Die Versammlung hörte diesen Vorträgen mit größter
Aufmerksamkeit zu, mir aber war es sehr lieb, als sie zu
Ende waren und wir uns zur Ruhe begeben konnten. Zu
diesem Zweck führte uns der Bey in eine große Stube,
an deren Wänden rundum Diwans standen, die uns zum
Lager dienen sollten. Da in diesem Raume gar nichts
Merkwürdiges zu sehen war, so wunderte ich mich über
die gespannten Blicke, mit denen der Bey uns beobachtete.
Es waren ganz die Blicke eines Menschen, der erwartet, daß man bei ihm eine außerordentliche Entdeckung
machen und bewundern werde. Endlich erkannte ich aus
der so oft wiederkehrenden Richtung seiner Augen den
Gegenstand, den wir entdecken und bewundern sollten,
und natürlich brach ich sofort in das größtmögliche Erstaunen aus:

„Was ist das! Oh, Bey, mit welch einem großen
Reichtum hat Allah dich gesegnet! Deine Schätze sind
größer als diejenigen des Bey von Rewandoz oder des
Beherrschers von Dschulamerik!“

„Was meinst du, Emir“ fragte er mit einer gewissen
Koketterie.

„Ich meine das kostbare Dscham, mit welchem du
deinen Palast geschmückt hast.“

„Ja, es ist sehr selten und teuer,“ antwortete er mit
stolzer Bescheidenheit.

„Von wem hast du es?“

„Ich kaufte es von einem Israel, der es aus
Mossul brachte, um es dem Schah von Persien zu verehren.“

Es wäre unhöflich gewesen, nach dem Preise zu
fragen. Der Jude hatte das Märchen vom persischen
Schah erfunden und den Bey jedenfalls ganz tüchtig geprellt. Das Glas war nämlich ein kleines Stück einer
zerbrochenen Fensterscheibe und hatte die Größe von kaum
zwei Mannshänden. Es war als der größte Schmuck des
Zimmers an das geölte Papier des Fensters geklebt worden und ließ den Raum nun allerdings über alle Nebenbuhlerschaft erhaben erscheinen. Der Bey wünschte uns
eine gute Nacht in dem Bewußtsein, uns mit diesem
Fenster außerordentlich imponiert zu haben.

Wir waren müde und sehnten uns nach Ruhe, die
wir nun in vollkommener Sicherheit genießen konnten.

Sechstes Kapitel.

Bären- und Menschenjagd.

Am andern Morgen weckte uns der Bey in eigner
Person mit den Worten:

„Emir, erhebet Euch, wenn Ihr wirklich mit nach
Mia wollt! Wir werden sehr bald aufbrechen.“

Da wir nach dortiger Gewohnheit in unsern Kleidern
geschlafen hatten, so konnten wir ihm fast augenblicklich
folgen. Wir erhielten Kaffee und kalte Bratenstücke, und
dann setzte man sich zu Pferde. Der Weg nach Mia führte
durch mehrere kurdische Dörfer, welche von gut bewässerten
Gärten umgeben waren. Kurz vor dem Dorfe erhebt sich
das Terrain bedeutend, und wir hatten einen Paß zu
überschreiten, an dem wir von einigen Männern erwartet
wurden. Dies schien dem Bey aufzufallen, denn er fragte
sie, warum sie nicht in Mia geblieben seien.

„Herr, es ist seit gestern vieles geschehen, was wir
dir berichten müssen,“ antwortete einer von ihnen. „Daß
die Nestorah das untere Dorf verlassen haben, wird dir
Dohub gesagt haben. Heute in der Nacht nun ist einer
von ihnen in dem oberen Dorfe gewesen und hat einem
Manne, dem er Dank schuldet, dringend geraten, schnell
aus Mia fortzugehen, wenn er sein Leben retten wolle.“

„Und da fürchtet ihr euch?“ fragte der Bey.

„Nein, denn wir sind stark und tapfer genug, es mit
diesen Giaurs aufzunehmen. Aber wir haben in der Frühe
erfahren, daß die Christen bereits moslemitische Einwohner
von Zawitha, Minijanisch, Murghi und Lizan getötet
haben, und hier in der Nähe von Seraruh sind einige
Häuser weggebrannt worden. Wir ritten dir entgegen,
damit du diese Kunde so bald wie möglich empfangen
solltest.“

„So kommt. Wir wollen sehen, was davon zu glauben ist!“

Wir ritten im scharfen Tempo die Höhe hinunter
und kamen bald an die Stelle, wo der Weg sich nach dem
obern und dem untern Dorfe zu teilt. Wir schlugen die
erstere Richtung ein, da der Bey in dem oberen Dorfe
ein Haus besaß. Er wurde an demselben von einer Schar
Kurden erwartet, welche mit langen Lanzen und vielen
kurzen Wurfspießen bewaffnet waren. Es war die Jagdgesellschaft.

Wir stiegen ab, und der Aufseher des Hauses brachte
uns Speise und Trank herbei. Während wir uns labten,
hielt der Bey draußen vor dem Hause ein Verhör bezüglich der Unruhen der Nestorianer. Das Ergebnis desselben schien ein sehr befriedigendes zu sein, denn als er
bei uns eintrat, lächelte er wie ein Mann, der unnötigerweise belästigt worden ist.

„Ist Gefahr vorhanden?“ fragte ich ihn.

„Gar nicht. Diese Nestorah haben uns verlassen, um
hinfort keine Dscherum mehr bezahlen zu müssen, und
da drüben bei Seraruh ist ein altes Haus verbrannt.
Nun reden diese Memmen von Aufstand und Blutvergießen,
während die Giaurs doch froh sind, wenn wir sie ungeschoren lassen. Kommt; ich habe Befehl zum Aufbruch
gegeben. Wir reiten nach Seraruh zu, und da haben wir
sogleich Gelegenheit, zu erfahren, daß die Männer von
Mia zu ängstlich gewesen sind.“

„Werden wir uns teilen?“ fragte ich nun.

„Warum?“ erwiderte er, einigermaßen erstaunt.

„Du sprachst von zwei Bärenfamilien.“

„Wir werden beisammen bleiben und erst die eine und
dann die andere Familie vernichten.“

„Ist es weit von hier?“

„Meine Männer haben die Spuren verfolgt. Sie
sagten mir, daß wir nur eine halbe Stunde zu reiten haben.
Willst du wirklich mit uns gegen die Bären kämpfen?“

Ich bejahte, und er sagte dann:

„So will ich dir einige Wurfspieße geben.“

„Wozu?“

„Weißt du nicht, daß keine Kugel einen Bären tötet?
Er stirbt erst dann, wenn viele Spieße in ihm stecken.“

Das brachte mir keinen guten Begriff von den Kurden und ihren Waffen bei. Entweder waren die ersteren
feig oder die letzteren schlecht.

„Du magst deine Spieße immerhin behalten; es reicht
eine Kugel vollständig hin, um einen Bären zu töten.“

„Thue, was du willst,“ meinte er überlegen, „aber
bleibe stets in meiner Nähe, damit ich dich beschützen
kann.“

„Allah erhalte dich, so wie du mich erhalten willst!“

Wir ritten zum Dorfe hinaus. Der ganze Reitertrupp hatte das Aussehen, als ob wir auf die Gazellenjagd auszögen, so wenig gediegen erschien mir alles. Es
ging erst in das Thal hinab und dann drüben wieder
empor über Berge, durch Schluchten und Wälder, bis wir
endlich in einem Buchenwalde halten blieben, in dem es
viel Unterholz gab.

„Wo ist das Lager der Tiere?“ fragte ich den Bey.

Er deutete nur so vor sich hin, ohne einen bestimmten
Punkt anzugeben.

„Man hat die Spuren gefunden?“

„Ja, auf der andern Seite.“

„Ah! Du lässest das Lager umstellen?“

„Ja, die Tiere werden auf uns zugetrieben. Du sollst
zu meiner Rechten bleiben, und dieser Emir aus dem
Abendlande, der auch keinen Wurfspieß haben will, zu
meiner Linken, damit ich euch beschützen kann.“

„Sind die Bären alle drin?“ fragte ich wieder.

„Wo sollen sie sein? Sie gehen nur des Nachts stehlen.“

Es war eine wunderbare Anordnung, welche jetzt getroffen wurde. Wir waren sämtlich zu Pferde und bildeten einen Halbkreis, dessen einzelne Glieder beim Beginne des Treibens etwa vierzig Schritte voneinander
halten sollten.

„Sollen wir schießen, wenn der Bär kommt?“ fragte
ich ungeduldig.

„Ihr könnt es thun, aber ihr werdet ihn nicht töten;
dann jedoch flieht sofort!“

„Und was thust du?“

„Wenn der Bär kommt, so wirft ihm der nächste den
Dscherid in den Leib und flieht so schnell, als das Pferd
laufen kann. Der Bär setzt ihm nach, und der nächste Jäger
verfolgt den Bären. Er wirft ihm auch seinen Dscherid
in den Leib und flieht. Nun wendet sich der Bär, und
der erste Jäger auch. Es kommen mehrere herbei. Wer
seinen Spieß geworfen hat, der wendet sich rasch zur Flucht,
und der Bär wird von den andern abgehalten. Er bekommt so viele Spieße in den Leib, daß er sich endlich
verbluten muß.“

Ich übersetzte das dem Engländer.

„Feige Jagd!“ räsonnierte er. „Schade um den Pelz!
Wollen wir einen Handel machen, Sir!“

„Welchen?“

„Will Euch den Bären abkaufen.“

„Wenn es mir gelingt, ihn zu erlegen.“

„Pshaw! Wenn er noch lebendig ist.“

„Das wäre kurios!“

„Meinetwegen! Wie viel wollt Ihr haben?“

„Ich kann doch den Bären nicht verkaufen, wenn ich
ihn noch gar nicht habe!“

„Sollt ihn eben gar nicht haben! Wenn er ja hier
herauskommt, so werdet Ihr mir ihn wegschießen. Aber
ich selbst will ihn schießen, und darum werde ich ihn Euch
abkaufen.“

„Wie viel gebt Ihr?“

„Fünfzig Pfund, Sir. Ist's genug?“

„Mehr als genug. Aber ich wollte nur sehen, wie
viel Ihr bietet. Ich verkaufe ihn nämlich nicht.“

Er machte mir ein sehr grimmiges Gesicht.

„Warum nicht, Sir? Bin ich nicht Euer Freund?“

„Ich schenke ihn Euch. Seht, wie Ihr mit ihm fertig
werdet!“

Er zog das gewohnte Parallelogramm seines Mundes
so in die Breite, nämlich vor Vergnügen, daß es schien,
als ob sich unter der Riesennase ein Bewässerungsgraben
von einem Ohre zum anderen befinde.

„Sollt die fünfzig Pfund dennoch haben, Master!“
sagte er.

„Nehme sie nicht!“

„So werden wir auf andere Weise quitt! Yes!“

„Ich stehe bereits weit höher in Eurer Schuld. Aber
eine Bedingung muß ich dennoch stellen. Ich bin begierig,
die Art und Weise kennen zu lernen, wie diese Kurden
den Bären jagen, und darum wünsche ich nicht, daß Ihr
sofort schießt. Laßt ihm erst einige Speere geben! Nicht?“

„Werde Euch den Gefallen thun.“

„Aber nehmt Euch wohl in acht! Schießt ihm in
das Auge oder grad in das Herz, sobald er sich erhebt.
Die hiesigen Bären sind zwar nicht sehr schlimm, aber
man kann doch immerhin Gefahr laufen.“

„Ha! Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?“

„Recht gern, wenn ich kann.“

„Tretet mir für diese Weile Eure Büchse ab. Sie
ist viel besser als die meinige. Tauscht Ihr mit mir so
lange?“

„Wenn Ihr mir versprecht, daß sie dem Bären nicht
zwischen die Tatzen kommen soll!“

„Werde sie in meinen eigenen Tatzen behalten!“

„So gebt her!“

Wir tauschten die Gewehre. Der Engländer war
ein guter Schütze, aber ich war doch neugierig, wie er sich
einem Bären gegenüber verhalten werde.

Die Schar der Kurden löste sich auf. Die Hälfte
derselben ritt mit den Hunden fort, um als Treiber zu
dienen, und wir andern blieben zurück, um die bezeichnete Linie zu bilden. Halef und die beiden Araber hatten
Wurfspieße angenommen und wurden in die Zwischenräume eingereiht; ich aber mußte mit dem Engländer bei
dem Bey halten bleiben. Meinen Hund hatte ich nicht
zum Treiben hergegeben; er blieb an meiner Seite.

„Eure Hunde holen den Bären nicht, sondern sie
treiben ihn?“ fragte ich den Bey.

„Sie können ihn nicht holen oder stellen, denn er
flieht vor ihnen.“

„So ist er feig!“

„Du wirst ihn kennen lernen.“

Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir an dem
Lärmen merkten, daß sich die Treiber in Bewegung gesetzt hatten. Dann erscholl lautes Bellen und Halla-Rufen.
Das Bellen näherte sich schnell, das Rufen etwas langsamer. Nach einigen Minuten verkündete uns ein lautes
Geheul, daß einer der Hunde verwundet worden sei.
Nun krachten Schüsse, und die Meute fiel mit verdoppelter
Stärke ein.

„Paß auf, Emir!“ warnte der Bey. „Jetzt wird
der Bär kommen.“

Er hatte richtig vermutet. Es knackte in dem nahen
Unterholze, und ein schwarzer Bär erschien. Es war kein
Goliath; ein guter Schuß mußte ihn töten. Bei unserm
Anblick blieb er stehen, um sich gemächlich zu überlegen,
was unter so mißlichen Umständen zu thun sei. Ein halblautes Brummen verriet seinen Verdruß, und seine Aeuglein blitzten mißmutig zu uns herüber. Der Bey ließ
ihm keine Zeit. Da wo wir hielten, standen die Bäume
lichter, so daß man sich zu Pferde genügend bewegen konte.
Er ritt auf das Tier zu, schwang einen seiner Spieße
und warf ihn dem Bären in den Pelz, wo er stecken blieb.
Dann aber riß er sein aus Furcht vor dem Bären
zitterndes Pferd herum.

„Fliehe, Emir!“ rief er mir noch zu, dann sauste er
zwischen mir und dem Engländer hindurch.

Der Bär stieß ein lautes schmerzliches Brummen aus,
suchte den Spieß von sich abzuschütteln, und da ihm dies
nicht gelang, so rannte er dem Bey nach. Sofort brachen
die beiden nächsten Nachbarn von uns hinter ihm her
und warfen bereits von weitem ihre Spieße, von denen
nur einer traf, aber ohne stecken zu bleiben. Sofort
wandte sich der Bär nach ihnen. Der Bey merkte dies,
kehrte um, ritt wieder auf ihn zu und warf den zweiten
Spieß, welcher noch tiefer eindrang, als der erste. Das
jetzt wütende Tier erhob sich und versuchte, den Schaft
abzubrechen, während die beiden anderen Reiter von
neuem auf dasselbe eindrangen.

„Soll ich jetzt, Sir?“ rief mir Lindsay zu.

„Ja, macht der Qual ein Ende!“

„So haltet mein Pferd.“

Er ritt, da wir dem Bären ausgewichen und dabei
auseinander gekommen waren, wieder auf mich zu, stieg
ab und übergab mir das Pferd. Schon wollte er sich
abwenden, da prasselten die Zweige nieder und es erschien ein zweiter Bär. Es war die Bärin, welche nur
langsam zwischen den Büschen hervortrat, weil ein schutzbedürftiges Junges bei ihr war. Sie war größer als
das Männchen, und ihr zorniges Brummen konnte schon
mehr ein Brüllen genannt werden. Es war ein nicht
ungefährlicher Augenblick: dort der Bär, hier die Bärin,
und wir zwischen ihnen. Aber die Kaltblütigkeit meines
Master Fowling-Bull kam nicht aus der Fassung.

„Die Bärin, Sir?“ fragte er mich.

„Gewiß!“

„Well! Werde galant sein. Die Dame hat den
Vorzug!“

Er nickte vergnügt, schob sich den Turban aus der
Stirn und schritt mit angelegter Büchse auf die Bärin
zu. Diese sah den Feind kommen, zog das Junge zwischen
ihre Hinterbeine und erhob sich, um den Nahenden mit
ihren Vorderpranken zu empfangen. Dieser trat bis auf
drei Schritte zu ihr heran, hielt ihr die Mündung des
Gewehres so ruhig, als ob er auf ein Bild schieße, vor
den Kopf und drückte ab.

„Zurück!“ warnte ich ihn.

Es war unnötig, denn er war sofort auf die Seite
gesprungen und hielt das Gewehr für den zweiten Schuß
bereit. Dieser war nicht nötig. Die Bärin schlug die
Tatzen in die Luft, drehte sich langsam und zitternd herum
und stürzte zu Boden.

„Ist sie tot?“ fragte Lindsay.

„Ja, aber wartet noch, ehe Ihr sie berührt.“

„Well! Wo ist der andere?“

„Da drüben!“

„Bleibt hier. Werde ihm die zweite Kugel geben.“

„Gebt die Büchse her! Ich will zuvor den leeren
Lauf laden.“

„Dauert mir zu lange!“

Er schritt dem Platze zu, wo sich der verwundete
Bär noch immer mit seinen Verfolgern abmühte. Eben
wollte der Bey dem Tiere einen neuen Spieß geben, als
er den Engländer sah und erschrocken inne hielt. Er hielt
ihn für verloren. Lindsay aber blieb ruhig stehen, als
er sah, daß der Bär auf ihn losrannte. Er ließ ihn
herankommen, wartete, bis er sich zur tödlichen Umarmung
erhob, und drückte los. Der zweite Schuß hatte denselben Erfolg wie der erste: — das Tier war tot.

Es erhob sich ein lauter Jubel, der nur von dem
Geheul der Hunde übertönt wurde, die mit Mühe von
den toten Bären abzuhalten waren. Der Engländer aber
kehrte sehr gleichmütig zu seinem Pferde zurück und
übergab mir die Büchse.

„Jetzt könnt Ihr wieder laden, Sir! Yes!“

„Da, nehmt Euer Pferd!“

„Wie habe ich die Sache gemacht?“

„Sehr gut!“

„Well! Freut mich! Ist schön in Kurdistan, wunderschön!“

Die Kurden kamen aus dem Erstaunen nicht heraus;
es war ihnen unerhört, daß ein Fußgänger mit nur einem
Gewehre mit zwei Bären fertig zu werden vermochte.
Allerdings hatte sich Master Lindsay mehr als musterhaft
benommen. Ein größeres Rätsel noch war es mir, die
Bärenfamilie beisammen zu finden, da das Junge bereits
ziemlich erwachsen war. Die Kurden hatten sehr große
Mühe, es zu überwältigen und zu binden, da der Bey
es lebendig in Gumri zu haben wünschte.

Nun wurde das Lager der Tiere aufgesucht. Es
befand sich im dichtesten Gestrüpp, und die vorhandenen
Spuren zeigten, daß die Familie nur aus den Alten mit
diesem einen Jungen bestanden hatte. Einer der Hunde
war tot, und zwei waren verwundet. Wir konnten mit
dieser Jagd zufrieden sein.

„Herr,“ sagte der Bey zu mir, „dieser Emir aus
dem Abendlande ist ein sehr tapferer Mann!“

„Das ist er.“

„Ich wundere mich nicht mehr, daß euch die Berwari gestern nicht überwältigen konnten, bis sie euch zu
schnell überraschten.“

„Auch da hätten sie uns nicht überwältigt; aber ich
gebot den Gefährten, sich nicht zu wehren. Ich bin dein
Freund und wollte deine Leute nicht töten lassen.“

„Wie ist es möglich, alle beide Bären in das Auge
zu treffen?“

„Ich habe einen Jäger gekannt, der jedes Wild
und jeden Feind in das Auge traf. Er war ein guter
Schütze und hatte ein sehr gutes Gewehr, welches niemals
versagte.“

„Schießest du auch so?“

„Nein. Ich habe sehr viel geschossen, aber nur in
schlimmen Fällen auf das Auge gezielt. Wo ist der
zweite Jagdplatz?“

„Nach Osten, näher nach Seraruh hinüber. Wir
wollen aufbrechen.“

Es wurden einige Männer mit den erbeuteten Tieren
zurückgelassen; wir andern ritten weiter. Wir verließen
den Wald und kamen in eine Schlucht hinab, in welcher
ein Bach floß, dessen Ufern wir zu folgen hatten. Der
Bey ritt mit den beiden Haddedihn bei den Führern an
der Spitze des Zuges; Halef befand sich im dichtesten
Haufen der Kurden, mit denen er sich mittels Gebärden
zu unterhalten suchte, und ich ritt mit dem Engländer
hinterher. Wir waren im Gespräche über irgend einen
Gegenstand vertieft und merkten nicht, daß wir soweit
zurückgeblieben waren, daß wir die Kurden nicht mehr
sehen konnten. Da fiel ein Schuß vor uns.

„Was ist das?“ fragte der Engländer. „Sind wir
schon bei den Bären, Sir?“

„Wohl nicht.“

„Wer schießt aber?“

„Werden es sehen; kommt!“

Da krachte eine ganze Salve, als ob der Schuß vorher
nur als Signal gegolten habe. Wir setzten unsere Pferde
in Galopp. Mein Rappe flog wie ein Pfeil über den
schmierigen Boden, aber — da blieb er mit dem Hufe
an einer Schlingwurzel hangen; ich hatte sie gesehen und
wollte ihn emporreißen, aber es war bereits zu spät. Er
überschlug sich, und ich wurde weit aus dem Sattel geschleudert. Das war in zwei Tagen zum zweitenmale;
aber ich fiel jetzt nicht so glücklich, wie gestern. Ich mußte
mit dem Kopfe aufgefallen sein, oder ich hatte mir den
Büchsenkolben an die Schläfe geschlagen — ich blieb
völlig besinnungslos liegen.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich eine Erschütterung, die mir den ganzen Körper schmerzen machte.
Ich öffnete die Augen und sah mich zwischen zwei Pferden
hangen. Man hatte Stangen an die Sättel befestigt
und mich darauf gebunden. Vor und hinter mir ritten
gegen dreißig kriegerische Gestalten, von denen mehrere
verwundet zu sein schienen, und unter ihnen befand sich
— Master Lindsay, aber gefesselt. Der Anführer der
Schar ritt meinen Hengst und trug auch meine Waffen.
Mir hatte man nur Hemd und Hose gelassen, während
Lindsay außer diesen beiden notwendigen Kleidungsstücken
auch noch seinen schönen Turban behalten durfte. Wir
waren vollständig ausgeraubt und gefangen.

Da wendete einer der Reiter den Kopf und sah, daß
ich die Augen geöffnet hatte.

„Halt!“ rief er. „Er lebt!“

Sofort stockte der Zug. Alle hielten an und bildeten
einen Kreis um mich. Der Anführer drängte meinen
Hengst heran und fragte mich: „Kannst du reden?“

Schweigen konnte zu nichts führen; ich antwortete
daher mit einem Ja.

„Du bist der Bey von Gumri?“ begann er das Verhör.

„Nein.“

„Lüge nicht.“

„Ich rede die Wahrheit.“

„Du bist der Bey!“

„Ich bin es nicht!“

„Wer bist du sonst?“

„Ein Fremder.“

„Woher?“

„Aus dem Abendlande.“

Er lachte höhnisch.

„Hört ihr's? Er ist ein Fremdling aus dem Abendlande, geht mit den Leuten von Gumri und Mia auf die
Bärenjagd und spricht die Sprache dieses Landes!“

„Ich war ein Gast des Bey, und daß ich eure
Sprache nicht gut spreche, das müßt ihr hören. Seid ihr
Nestorah?“

„So nennen uns die Moslemim.“

„Auch ich bin ein Christ!“

„Du?“ Er lachte wieder. „Du bist ein Hadschi;
du hattest den Kuran am Halse hängen; du trägst die
Kleidung eines Moslem; du willst uns betrügen.“

„Ich sage die Wahrheit!“

„Sage uns, ob Sidna Marryam die Mutter Gottes
ist!“

„Sie ist es.“

„Sage uns, ob ein Priester ein Weib nehmen soll!“

„Er soll unvermählt bleiben.“

„Sage mir, ob es mehr oder weniger als drei Sakramente giebt!“

„Es giebt mehr.“

Es fiel mir trotz der Gefahr, in welcher ich schwebte,
nicht ein, meinen Glauben zu verleugnen. Die Folge bekam ich sofort zu hören:

„So wisse, daß Sidna Marryam nur einen Menschen
geboren hat, daß ein Priester sich verheiraten darf, und
daß es nur drei Sakramente giebt, nämlich das Abendmahl,
die Taufe und die Ordination. Du bist ein Moslem,
und wenn du ja ein Christ bist, so bist du ein falscher
Christ und gehörst zu jenen, welche ihre Priester senden,
um die Kurden, Türken und Perser gegen uns aufzuhetzen,
und das ist noch schlimmer, als wenn du ein Anhänger
des falschen Propheten wärest. Deine Leute haben einige
von uns verwundet; du wirst diese Schuld mit deinem
Blute bezahlen.“

„Ihr wollt Christen sein und dürstet nach Blut! Was
haben wir beide euch gethan? Wir wissen nicht einmal,
ob ihr den Bey angefallen habt, oder ob ihr von ihm
angefallen worden seid.“

„Er wurde von uns erwartet, denn wir wußten, daß
er in die Schlucht auf die Jagd kommen würde; aber er
ist uns mit all den Seinen entkommen. Das wollen
wir dir sagen.“

„Wohin führt ihr uns?“

„Das wirst du erfahren, wenn wir dort sind.“

„So befreit mich wenigstens aus dieser Lage, und
laßt mich auf einem Pferde sitzen.“

„Das ist auch uns lieber. Aber wir werden dich
anbinden müssen, damit du uns nicht entkommen kannst.“

„Thut es immerhin!“

„Wer ist dein Gefährte? Er hat zwei Männer von
uns verwundet und ein Pferd erschossen und redet in
einer Sprache, die wir nicht verstehen.“

„Er ist ein Engländer.“

„Ein Engländer? Er trug ja kurdische Kleidung!“

„Weil sie in diesem Lande die bequemste ist.“

„Ist er ein Missionar?“

„Das ist er nicht.“

„Was will er hier?“

„Wir reisen in Kurdistan, um zu sehen, was es hier
für Menschen, Tiere und Pflanzen, für Städte und
Dörfer giebt.“

„Das ist sehr schlimm für euch, denn dann seid ihr
Spione. Was habt ihr euch um dieses Land zu kümmern!
Wir kommen auch nicht in das eurige, um eure Menschen,
Städte und Dörfer auszukundschaften. — Setzt ihn auf
das Pferd und bindet ihn mit dem Manne zusammen,
der ein Engländer sein soll. Auch ihre beiden Tiere
hängt ihr aneinander!“

Diesem Befehle wurde Folge geleistet. Diese Leute
führten so viele Stricke und Riemen bei sich, daß sie sicher
auf einen viel größeren Fang ausgegangen waren, als
sie mit uns gemacht hatten. Es wurden Stricke zwischen
mir und Lindsay herüber und hinüber gezogen, so daß
die Flucht eines einzelnen von uns gar nicht möglich war.
Der Engländer sah diese Veranstaltungen mit einem unbeschreiblichen Blick über sich ergehen; dann wandte er
sich mit einem Gesichte zu mir, an welchem alle bitteren
Gefühle der Welt herumzerrten. Der fest zusammengekniffene Mund bildete einen Halbkreis, dessen Enden das
Kinn abknüpfen wollten, und die Nase hing farblos
nieder, wie eine eingeschneite und steif gefrorene Trauerflagge.

„Nun, Sir?“ fragte ich.

Er nickte sehr langsam zwei- oder dreimal und sagte
dann:„Yes!“

Er brauchte nicht mehr zu sagen, als dieses eine
Wort, denn in dem Tone desselben lag eine ganze Welt
voll Ausrufezeichen.

„Wir sind gefangen,“ hob ich an.

„Yes!“

„Und halb nackt.“

„Yes!“

„Wie ist das gekommen?“

„Yes!“

„Geht zum Kuckuck mit Eurem Yes! Ich habe gefragt, wie es gekommen ist, daß wir gefangen werden
konnten.“

„Wie heißt Schelm oder Spitzbube auf Kurdisch?“

„Schelm heißt Heilebaz, und Spitzbube Herambaz.“

„So fragt diese Heile- und Herambazes, wie es ihnen
gelungen ist, uns wegzufischen!“

Der Anführer mußte die kurdischen Ausdrücke vernommen haben. Er drehte sich um und fragte:„Was
habt ihr zu reden?“

„Ich lasse mir von meinem Gefährten erzählen, wie
wir in eure Hände geraten sind,“ erwiderte ich.

„So redet kurdisch, damit wir es auch hören!“

„Er versteht ja das Kurdische nicht!“

„So redet ja nicht etwa Dinge, die wir nicht erlauben können!“

Er drehte sich wieder hinum, wohl in der Ueberzeugung, uns einen guten Befehl gegeben zu haben. Ich
war jedoch sehr froh, daß er uns das Sprechen nicht überhaupt verboten hatte. Ein Kurde hätte dies sicherlich
gethan. Auch waren unsere Fesseln keineswegs beschwerlicher Art. Unsere Füße waren so zusammengebunden,
daß der Strick unter dem Bauche des Pferdes hinweglief,
und von meinem linken Arme und Beine führte je eine
Leine zu den genannten rechten Gliedmaßen des Engländers. Außerdem waren unsere Pferde zusammengekoppelt;
die Hände aber hatten wir frei — man ließ uns die
Zügel führen. Unsere jetzigen Herren hätten in einem
Kursus bei den wilden Indianern sehr viel lernen können.

„Also, erzählt, Sir!“ bat ich Lindsay.

„Well! Ihr schlugt einen Purzelbaum, grad wie gestern.
Scheint überhaupt seit neuester Zeit in dieser Motion
etwas zu leisten! Ich ritt hinter Euch. Versteht Ihr wohl!“

„Verstehe sehr gut; fahrt fort!“

„Mein Pferd stürzte über Euren Rappen, der jetzt
diesem Gentleman gehört, und ich — — hm! Yes!“

„Aha! Ihr schlugt auch einen Purzelbaum?“

„Well! Aber der meinige gelang besser als der
Eurige —“

„Vielleicht habt Ihr in dieser Motion eine größere
Uebung als ich!“

„Sir, was heißt Schnabel auf Kurdisch?“

„Nekul.“

„Schön! Gebt also auf Euren Nekul besser acht,
Master!“

„Danke für die Warnung, Sir! Eure Ausdrucksweise
scheint sich, seit Ihr Euch mit dem Kurdischen beschäftigt,
sehr verästhetisiert zu haben. Nicht?“

„Ist auch kein Wunder bei diesem Aerger! Also ich
kam zur Erde zu liegen und konnte nur langsam wieder
auf. Es mußte sich etwas in mir verbogen haben. Die
Büchse war weit fortgeschleudert und der Gürtel aufgegangen; alle Waffen lagen an der Erde. Da kamen diese
Herambaz und machten sich über mich her.“

„Ihr wehrtet Euch?“

„Natürlich! Ich konnte aber nur das Messer und
eine der Pistolen erwischen; darum gelang es ihnen, mich
zu entwaffnen und zu binden.“

„Wo blieb der Bey mit seinen Leuten?“

„Habe keinen von ihnen zu sehen bekommen, hörte
aber weiter vor uns noch schießen.“

„Sie werden zwischen zwei Abteilungen dieser Leute
hier geraten gewesen sein.“

„Wahrscheinlich. Als man mit mir fertig war,
machte man sich an Euch. Ich dachte sehr, daß Ihr tot
wäret. Man hat Beispiele, daß selbst ein schlechter Reiter
einmal den Hals entzweifällt; nicht, Sir?“

„Möglich!“

„Ihr wurdet zwischen die zwei Mähren gebunden;
dann ging es fort, nachdem man unsere beiden Pferde
annektiert hatte.“

„Hat man Euch verhört?“

„Sehr! Habe auch geantwortet! Und wie! Yes!“

„Wir müssen zunächst aufmerken, in welcher Richtung
wir transportiert werden. Wo liegt die Schlucht, in der
uns das Unglück passierte?“

„Grad hinter uns.“

„Dort steht die Sonne; wir reiten also Ostsüdost.
Gefällt es Euch noch so in Kurdistan wie vorhin, als
Ihr die Bären getroffen hattet?“

„Hm! Ein miserables Land zuweilen! Wer sind diese
Leute?“

„Es sind Nestorianer.“

„Vortreffliche christliche Sekte! Nicht, Sir?“

„Sie sind von den Kurden oft mit einer solchen unmenschlichen Grausamkeit behandelt worden, daß man sich
nicht wundern darf, wenn sie einmal Vergeltung üben.“

„Konnten aber damit warten bis zu einer andern
Zeit! Was ist nun zu thun, Sir?“

„Nichts, wenigstens jetzt.“

„Nicht fliehen?“

„In dem Zustande, in welchem wir uns befinden?“

„Hm! War ein schöner Anzug! Wunderschön! Nun
ist er fort! In Gumri werden wir andere Kleider erhalten.“

„Das wäre das wenigste. Aber ohne mein Pferd
und meine Waffen fliehe ich nicht. Wie steht es mit Eurem
Gelde?“ fragte ich.

„Fort! Und das Eurige?“

„Fort! Es war übrigens nicht sehr viel,“ lautete
meine Antwort.

„Schöne Wirtschaft, Sir! Was glaubt Ihr, daß sie
mit uns thun werden?“

„In Lebensgefahr befinden wir uns nicht. Sie werden uns früher oder später entlassen. Aber ob wir unser
Eigentum zurückerhalten, das ist sehr zu bezweifeln.“

„Laßt Ihr Eure Waffen im Stich?“

„Nie, und müßte ich sie einzeln in Kurdistan wieder
zusammensuchen!“

„Well; ich suche mit!“

Wir ritten durch ein breites Thal, welches zwei
Höhenzüge trennte, die sich von Nordwest nach Südost
erstreckten; dann ging es links zwischen den Bergen empor,
bis wir auf eine Hochebene gelangten, von welcher aus
man im Osten die Häuser mehrerer Ortschaften und einen
Fluß erblickte, in welchen sich mehrere Bäche ergossen. In
dieser Gegend mußten Murghi und Lizan liegen, denn nach
meiner Ansicht waren wir bereits über Seraruh hinaus.

Hier oben wurde unter Eichen Halt gemacht. Die
Reiter stiegen von den Pferden. Auch wir durften herab,
wurden aber miteinander an den Stamm eines Baumes
gebunden. Ein jeder holte hervor, was er an Eßwaren
bei sich hatte, und wir erhielten die Erlaubnis, zuzusehen.
Lindsay räusperte sich verdrießlich und knurrte:

„Wißt Ihr, worauf ich mich gefreut hatte, Sir?“

„Nun auf was?“

„Auf Bärenschinken und Bärentatzen.“

„Dieses Gelüste laßt Euch vergehen! Habt Ihr
Hunger?“

„Nein, bin satt vor Aerger! Schaut den Kerl! Kann
sich mit den Revolvern nicht zurechtfinden!“

Die Leute konnten jetzt mit Ruhe alles betrachten,
was sie uns abgenommen hatten. Wir sahen unser Eigentum durch alle Hände wandern, und nächst dem Gelde,
welches aber sehr sorgfältig wieder aufgehoben wurde,
erregten besonders unsere Waffen die Aufmerksamkeit der
neuen Inhaber. Der Anführer hielt meine beiden Revolver in der Hand. Er konnte über sie nicht klug werden, drehte sie hin und her und wandte sich endlich an
mich mit den Worten: „Das sind Waffen?“

„Ja.“

„Zum Schießen?“

„Ja.“

„Wie macht man es?“

„Das kann man nicht sagen, sondern man muß es zeigen.“

„Zeige es uns!“

Dem Manne kam es nicht in den Sinn, daran zu
denken, daß das kleine Ding ihm gefährlich werden könne.

„Du würdest es nicht begreifen,“ sagte ich.

„Warum nicht?“

„Weil du zuvor den Bau und die Behandlung des
anderen Gewehres begriffen haben müßtest.“

„Welches Gewehr meinst du?“

„Das zu deiner Rechten liegt.“

Es war der Henrystutzen, den ich meinte. Er war
ebenso wie die Revolver mit einer Sicherung versehen,
welche der Mann nicht zu behandeln verstand.

„So erkläre es mir!“ sagte er.

„Ich habe dir ja bereits gesagt, daß man dies nur
zeigen muß!“

„Hier hast du das Gewehr!“

Er reichte es mir, und sobald ich es in meiner Hand
fühlte, war es mir, als ob ich nichts mehr zu befürchten
brauche.

„Gieb mir ein Messer, damit ich den Hahn öffnen
kann,“ sagte ich nun.

Er gab mir ein Messer, und ich nahm es, schob die
Sicherung mit der Spitze desselben zurück, obgleich ich
dies mit dem leisesten Druck meines Fingers hätte thun
können, und behielt das Messer dann noch in der Hand.

„Sage mir, was ich dir schießen soll?“ hob ich nun an.

Er blickte sich um und sagte dann: „Bist du ein
guter Schütze?“

„Ich bin's!“

„So schieße mir einen jener Galläpfel herab!“

„Ich werde dir fünf herunterschießen und doch nur
einmal laden.“

„Das ist unmöglich!“

„Ich sage die Wahrheit. Soll ich laden?“

„Lade!“

„So mußt du mir den Beutel geben, der an meinem
Gürtel hing. Du hast ihn da an deinen eigenen Gürtel
befestigt.“

„Das Gewehr war vollständig geladen, aber es war
mir um meine Patronen zu thun.“

„Was sind das für kleine Dinger, welche sich darin
befinden?“ fragte er.

„Das werde ich dir zeigen. Wer so ein Ding hat,
braucht weder Pulver noch Kugel, um schießen zu können.“

„Ich sehe, daß du kein Kurde bist; denn du hast
Sachen, die es noch nie in diesem Lande gegeben hat. Bist
du wirklich ein Christ?“

„Ein guter Christ.“

„Sage mir das Vaterunser!“

„Ich spreche nicht gut das Kurdische, aber du wirst
es mir verzeihen, wenn ich einige kleine Fehler mache.“

Ich gab mir Mühe, die Aufgabe zu lösen. Er fiel
zwar einige Male verbessernd ein, weil ich die Worte
‚Versuchung‘ und ‚Ewigkeit‘ nicht kannte, meinte aber dann
doch befriedigt: „Du bist wirklich kein Moslem, denn ein
solcher würde das Gebet der Christen niemals sagen. Du
wirst das Gewehr nicht mißbrauchen, und darum will ich
dir den Beutel geben.“

Seine Gefährten schienen sein Verfahren nicht anstößig und unvorsichtig zu finden. Sie gehörten alle einer
Bevölkerungsklasse an, der durch die Gewalt ihrer Unterdrücker eine lange Zeit die Waffen aus der Hand gerungen gewesen waren, und verstanden darum den Wert
derselben in den Händen eines entschlossenen Mannes kaum
zu schätzen. Und übrigens waren alle wohl neugierig auf
die Unterweisung, welche ich geben sollte.

Ich nahm eine der Patronen heraus und that, als
ob ich lud. Dann zielte ich in die Höhe und gab den
Zweig an, von welchem fünf Galläpfel verschwinden sollten.
Ich drückte fünfmal los, und die Aepfel waren fort. Das
Erstaunen dieser einfachen Leute war grenzenlos.

„Wie vielmal kannst du mit diesem Gewehre schießen?“
fragte mich der Anführer.

„So vielmal, als ich will.“

„Und hier mit diesen kleinen Gewehren?“

„Auch sehr vielmal. Soll ich sie dir erklären?“

„Thue es!“

„Zeige sie einmal her!“

Ich legte den Stutzen neben mich und langte nach
den beiden Revolvern, welche er mir gab. Lindsay beobachtete eine jede meiner Bewegungen mit der größten
Spannung.

„Ich habe euch gesagt, daß ich ein Christ aus dem
Abendlande bin. Wir töten niemals ungezwungen einen
Menschen, aber wenn wir angegriffen werden, so kann
man uns nie besiegen; denn wir haben wunderbare Waffen,
gegen die es keine Rettung giebt. Ihr seid über dreißig
tapfere Krieger; aber wenn wir zwei nicht an diesen Baum
gebunden wären und euch töten wollten, so würden wir
mit diesen drei Gewehren in drei Minuten damit fertig
sein. Glaubst du das?“

„Wir haben auch Waffen!“ antwortete er mit einem
leisen Anflug von Besorgnis.

„Ihr würdet sie nicht brauchen können, denn der
erste, der nach seiner Flinte, nach seiner Lanze oder nach
seinem Messer griffe, wäre auch der erste, welcher sterben
müßte. Versuchtet ihr aber keine Gegenwehr, so würden
wir euch nichts zuleide thun, sondern in Frieden mit
euch reden.“

„Das alles könnt ihr nicht, denn ihr seid an den
Baum gebunden.“

„Du hast recht; aber wenn wir wollten, würden wir
bald frei sein,“ antwortete ich in einem ruhigen, erklärenden Tone. „Dieser Strick geht nur um unsern Leib und
um den Baum. Ich würde meinem Gefährten diese beiden
kleinen Gewehre geben, so wie ich jetzt thue; dann nähme
ich dein Messer, und ein einziger Schnitt mit demselben
zertrennt den Strick, und wir sind frei. Siehest du wohl?“

Grad so, wie ich gesprochen, hatte ich es auch gethan.
Ich stand aufrecht am Baume mit dem Stutzen, Lindsay
neben mir mit den Revolvern. Er nickte mir mit seinem
breitesten Lächeln zu, gespannt auf alles, was ich that, da
er meine Worte nicht verstehen konnte.

„Du bist ein kluger Mann,“ sagte der Anführer;
„aber diesen Strick brauchtest du uns nicht zu ruinieren.
Setze dich wieder nieder, und erkläre uns auch die beiden
kleinen Gewehre!“

„Ich habe dir bereits zweimal gesagt, daß man das
nicht erklären, sondern zeigen muß. Und zeigen werde ich
es euch, wenn ihr nicht das thut, was ich von euch verlange.“

Jetzt endlich begann ihm klar zu werden, daß ich
Ernst machte. Er stand auf, und auch die andern erhoben
sich, nach ihren Waffen greifend.

„Was verlangst du?“ fragte er drohend.

„Höre mich ruhig an! Wir sind keine gewöhnlichen
Krieger, sondern Emire, denen man Achtung schuldig ist,
selbst wenn sie in Gefangenschaft geraten. Ihr aber habt
uns beraubt und gefesselt, als ob wir Diebe und Räuber
seien. Wir verlangen, daß ihr uns alles zurückgebt, was
ihr uns genommen habt!“

„Das werden wir nicht thun!“

„So werde ich deinen Wunsch erfüllen und dir den
Gebrauch unserer Waffen zeigen. Merke wohl auf: der
erste, der auf uns schießen oder stechen will, wird auch
der erste sein, der sterben muß! Es ist besser, wir sprechen
in Frieden miteinander, als daß wir euch töten.“

„Ihr werdet auch fallen!“

„Aber die meisten von euch vorher!“

„Wir müssen euch binden, denn wir müssen euch zu
unserm Melek bringen.“

„Ihr bringt uns nicht zu eurem Melek, wenn ihr
uns fesseln wollt; denn wir werden uns wehren. Aber
wenn ihr uns alles wiedergebt, was uns gehört, so werden
wir euch freiwillig folgen; denn wir können dann als
Emire vor ihm erscheinen.“

Diese guten Leute waren gar nicht blutgierig und
hatten eine große Angst vor unsern Waffen. Sie blickten
einander an, flüsterten leise, und endlich fragte der Anführer:

„Was verlangst du zurück?“

„Die Kleider alle.“

„Die sollst du haben.“

„Das Geld und alles, was in unsern Taschen war.“

„Das müssen wir behalten, um es dem Melek zu
geben.“

„Und die Waffen.“

„Auch sie müssen wir behalten, sonst gebraucht ihr
sie gegen uns.“

„Und endlich verlangen wir unsere Pferde.“

„Du verlangst das Unmögliche!“

„Nun gut; so habt ihr allein die Schuld, wenn wir
uns selbst nehmen, was uns gehört. Du bist der Anführer und hast unser Eigentum eingesteckt. Ich muß dich
töten, um es wieder zu bekommen.“

Ich erhob das Gewehr. Lindsay hielt seine beiden
Läufe vor.

„Halt, schieße nicht!“ gebot der Mann. „Folgest du
uns wirklich, wenn wir euch alles geben?“

„Ja,“ erwiderte ich.

„Schwöre es uns!“

„Ich sage es. Das gilt wie ein Schwur!“

„Und wirst auch deine Waffen nicht gebrauchen?“

„Nein; es sei denn aus Notwehr.“

„So sollst du alles haben.“

Er sprach wieder leise mit den Seinen. Es schien,
als ob er ihnen erkläre, daß unser Eigentum ihnen ja
sicher bleibe. Endlich wurde uns alles hingelegt, so daß
wir nicht den geringsten Gegenstand zu vermissen hatten.
Wir zogen unsere Kleider an, und während dieser Beschäftigung forderte mich Lindsay auf, ihm das Ergebnis
meiner Verhandlung mitzuteilen. Als ich seiner Aufforderung nachgekommen war, legte sich sein Gesicht in
sehr bedenkliche Falten.

„Was habt Ihr gethan, Sir! Hatten unsere Freiheit
so schön in den Händen!“

„Glaubt Ihr? Es hätte auf alle Fälle einen Kampf
gegeben.“

„Hätten sie alle erschossen!“

„Fünf oder zehn, dann aber wäre es aus mit uns
gewesen. Seid froh, daß wir unsere Sachen wieder haben;
das weitere wird sich dann auch noch finden!“

„Wohin führen sie uns?“

„Das werden wir erst noch erfahren. Uebrigens
könnt Ihr versichert sein, Sir, daß uns unsere Freunde
nicht verlassen werden. Von Halef weiß ich es ganz genau,
daß er alles in Bewegung setzen wird, um uns nützlich
zu sein.“

„Glaube es auch. Braver Kerl!“

Als wir alles zu uns genommen hatten, stiegen wir
auf und setzten unsern Ritt fort. Es hätte mich jetzt nur
einen Schenkeldruck gekostet, um wieder frei zu sein; aber
ich hatte mein Wort gegeben, und das mußte ich halten.
Ich ritt an der Seite des Anführers, der seine besorgten
Blicke nicht von uns wendete.

„Ich frage dich abermals, wohin du uns führst?“
hob ich an.

„Das wird der Melek entscheiden.“

„Wo befindet er sich?“

„Wir werden am Abhange des Gebirges auf ihn
warten.“

„Welcher Melek ist es?“

„Von Lizan.“

„So ist er jetzt in Lizan und wird später kommen?“

„Er ist dem Bey von Gumri nachgejagt.“

„Ah! Und warum habt ihr euch von ihm getrennt?“

„Er bedurfte unserer Hilfe nicht, weil er sah, daß
der Bey so wenige Leute bei sich hatte, und als wir umkehrten, trafen wir auf euch.“

Nun war das Rätsel gelöst. Der Feind war so zahlreich gewesen, daß es unseren Freunden nicht möglich geworden war, sich durchzuschlagen und zu uns zu kommen.

Unser Weg führte uns sehr bald wieder bergab und
wir sahen das Thal des Zab in einer Länge von vielen
Stunden vor uns liegen. Nach Verlauf von vielleicht
zwei Stunden gelangten wir an einen einsamen Weiler,
der nur aus vier Gebäuden bestand, von denen drei aus
Lehm aufgeführt waren, während das vierte starke Steinmauern besaß. Es hatte ein Stockwerk über dem Erdgeschoß und einen ziemlich großen Garten an seiner hinteren Seite.

„Hier bleiben wir,“ meinte der Anführer.

„Wem gehört dieses Haus?“

„Dem Bruder des Melek. Ich werde dich zu ihm
führen.“

Wir hielten vor dem Gebäude still, und eben als ich
am Absteigen war, vernahmen wir ein lautes, heulendes
Schnaufen. Wir drehten uns um und sahen einen Hund,
der in gewaltigen Sätzen den Abhang herabgesprungen
kam. Es war mein Dojan, den ich kurz vor dem Ueberfall der Obhut Halefs übergeben hatte. Die Schnur, an
welcher ihn der Diener geführt hatte, war zerrissen, und
sein Instinkt hatte das brave Tier auf meine Spur geführt. Er sprang laut jauchzend an mir empor, und ich
hatte alle Mühe, ihn zur Ruhe zu bringen. Ich gab ihm
den Zügel meines Pferdes zwischen die Zähne und war
nun sicher, daß niemand es mir unbemerkt entführen
könne. Dann wurden wir in das Haus gewiesen. Der
Anführer stieg mit uns eine Treppe empor und bedeutete
uns, in einem Zimmerchen auf ihn zu warten. Es dauerte
eine ganze Weile, ehe er zurückkehrte.

„Ihr sollt kommen,“ meinte er. „Aber legt vorher
die Waffen ab.“

„Warum diese Zumutung?“

„Der Bruder des Melek ist ein Priester.“

„Bei dem du selbst deine Waffen getragen hast!“

„Ich bin sein Freund.“

„Ah! Er fürchtet sich vor uns?“

„So ist es.“

„Du kannst ruhig sein. Wenn er es ehrlich meint,
wird er sich bei uns in keiner Gefahr befinden.“

Der Mann führte uns durch eine Thüre in ein Gemach, in welchem der Besitzer des Hauses sich befand. Es
war ein schwacher, ältlicher Mann, dessen blatternarbiges
Gesicht auf mich keinen sehr angenehmen Eindruck machte.
Er winkte, und der Führer entfernte sich.

„Wer seid ihr?“ fragte er, ohne uns zu begrüßen.

„Wer bist du?“ fragte ich in ganz demselben kurzen
Tone wie er.

Er runzelte die Stirn.

„Ich bin der Bruder des Melek von Lizan.“

„Und wir sind Gefangene des Melek von Lizan.“

„Dein Benehmen ist nicht so, als ob du ein Gefangener seist.“

„Weil ich freiwillig ein Gefangener bin und sehr
genau weiß, daß ich es nicht lange bleiben werde.“

„Freiwillig? Man hat dich doch gefangen genommen!“

„Und wir haben uns wieder frei gemacht und sind
euren Männern aus freiem Willen gefolgt, um nicht gezwungen zu sein, ihnen das Leben zu nehmen. Ist das
dir nicht erzählt worden?“

„Ich glaube es nicht.“

„Du wirst es glauben lernen.“

„Du bist bei dem Bey von Gumri gewesen!“ fuhr
er fort. „Wie kommst du zu diesem?“

„Ich hatte ihm Grüße von einem Verwandten auszurichten.“

„So bist du nicht ein Vasall von ihm?“

„Nein. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande.“

„Ein Christ, wie ich hörte?“

„Du hast die Wahrheit gehört.“

„Aber ein Christ, der an die falsche Lehre glaubt!“

„Ich bin überzeugt, daß sie die wahre ist.“

„Du bist kein Missionar?“

„Nein. Bist du ein Priester?“ fragte ich dagegen.

„Ich wollte einst ein solcher werden,“ antwortete er.

„Wann wird der Melek hier ankommen?“

„Noch heute; die Stunde aber ist unbestimmt.“

„Ich soll bis dahin in deinem Hause bleiben?“

Er nickte, und ich fragte weiter:

„Aber als was?“

„Als das, was du bist, als Gefangener.“

„Und wer wird mich festhalten?“

„Meine Leute und dein Wort.“

„Deine Leute können mich nicht halten, und mein
Versprechen habe ich bereits erfüllt. Ich sagte, daß ich
ihnen folgen würde; das habe ich gethan.“

Er schien zu überlegen.

„Du magst recht haben. So sollst du also nicht mein
Gefangener, sondern mein Gast sein.“

Er klatschte in die Hände. Ein altes Weib erschien.

„Bringe Pfeifen, Kaffee und Matten!“ gebot er ihr.

Die Matten wurden zuerst gebracht, und wir mußten
zu beiden Seiten des Mannes Platz nehmen, der ein
Priester genannt wurde, weil er einst gewillt gewesen
war, ein solcher zu werden. Er wurde jetzt freundlicher,
und als die Pfeifen mit dem Tabak gebracht wurden,
hatte er sogar die Herablassung, sie uns selbst anzubrennen. Ich erkundigte mich bei ihm nach den Verhältnissen
der nestorianischen Chaldäer und erfuhr allerdings Dinge,
bei deren Erzählung einem sich die Haare sträuben konnten.

Die Krieger hatten sich um das Haus gelagert; es
waren, wie ich erfuhr, arme, einfache Ackerbauer, also unangesehene Leute nach den Begriffen der Nomaden und
anderen Bevölkerungsklassen, welche das Handwerk des
Krieges treiben. Sie kannten den Gebrauch der Waffen
nicht, und einige unbewachte Andeutungen unsers Wirtes
brachten mich zu der Ueberzeugung, daß von zehn ihrer
Luntenflinten kaum fünf losgegangen wären.

„Nun aber werdet ihr ermüdet sein,“ meinte er, als
auch der Kaffee eingenommen war. „Erlaubt, daß ich
euch ein Zimmer anweise, welches das eurige sein soll!“

Er erhob sich und öffnete eine Thüre. Scheinbar aus
Höflichkeit stellte er sich zur Seite, um uns zuerst eintreten zu lassen; kaum aber hatten wir die Schwelle überschritten, so warf er die Thüre zu und schob den Riegel vor.

„Ah! Was ist das?“ fragte Lindsay.

„Heimtücke. Was weiter!“

„Habt Euch übertölpeln lassen!“

„Nein. Ich ahnte so etwas.“

„Warum tratet Ihr ein, wenn Ihr es ahntet?“

„Weil ich mich ausruhen wollte. Mir thun die Glieder
noch weh von dem Sturze.“

„Das konnten wir wo anders thun und nicht hier
als Gefangene!“

„Wir sind nicht gefangen. Seht Euch diese Thüre an,
die ich mir bereits während der Unterhaltung betrachtet
habe. Einige Fußtritte oder ein guter Kolbenstoß reichen
hin, sie zu zertrümmern.“

„Wollen das sofort thun!“

„Wir befinden uns in keiner Gefahr.“

„Wollt Ihr warten, bis noch mehr Leute kommen?
Jetzt fällt es uns nicht schwer, aufzusitzen und fortzureiten.“

„Mich reizt dieses Abenteuer. Wir haben jetzt die
beste Gelegenheit, die Verhältnisse dieser christlichen Sektierer kennen zu lernen.“

„Bin nicht sehr neugierig darauf; die Freiheit ist
mir lieber!“

Da hörte ich meinen Hund zornig knurren und dann
in jener bestimmten Weise anschlagen, die mir sagte, daß
er sich gegen einen Angreifer zu wehren habe. Die einzige
Fensteröffnung, welche es in dem Raume gab, und die so
klein war, daß man den Kopf nicht hindurchstecken konnte,
befand sich an der andern Seite. Ich konnte also nicht
sehen, was es gab. Da hörte ich ein kurzes Bellen und
bald darauf einen Schrei. Unter diesen Umständen war
hier oben meines Bleibens nicht.

„Kommt, Sir!“

Ich stemmte mich mit der Achsel gegen die Thüre —
sie gab nur wenig nach.

„Nehmt den Kolben!“ meinte Lindsay, indem er zugleich seine eigne Büchse ergriff.

Einige Schläge genügten, die Thüre zu zertrümmern.
In dem Raume, wo wir vorhin gesessen hatten, standen
vier Männer, welche jedenfalls die Aufgabe hatten, uns
zu bewachen; denn sie traten uns mit erhobenem Gewehr
entgegen, hatten aber gar nicht das Aussehen, als ob sie
Ernst machen würden.

„Halt! Bleibt hier!“ meinte der eine sehr freundlich.

„Thut dies einstweilen an unserer Stelle!“

Ich schob ihn beiseite und eilte hinab, wo die Anwesenden einen weiten Kreis um unsere Pferde geschlossen
hatten. Bei denselben lag der gastfreundliche Wirt an der
Erde und der Hund auf ihm.

„Fort, Sir?“ fragte Lindsay.

„Ja.“

Im nächsten Augenblick saßen wir auf.

„Halt! Wir schießen!“ riefen mehrere Stimmen.

Es richteten sich allerdings mehrere Gewehre gegen
uns, aber wir achteten nicht darauf.

„Dojan, geri!“

Der Hund sprang auf. Ich nahm die Büchse in die
Hand, wirbelte sie um den Kopf; Lindsay that dasselbe,
und unsere Pferde schnellten durch den Kreis hindurch.
Zwei einzelne Schüsse fielen hinter uns: sie schadeten uns
nicht. Aber sämtliche Nestorah stiegen unter lautem Geschrei zu Pferde, um uns zu verfolgen. Das Abenteuer
hatte seit dem Augenblick unserer Gefangennehmung einen
beinahe komischen Verlauf genommen; es bildete einen sehr
überzeugenden Beleg dazu, daß die Tyrannei im stande
ist, ein Volk zu entnerven. Was wären wir zwei gegen
diese Uebermacht gewesen, wenn die Nestorianer noch einiges
Mark besessen hätten!

Wir achteten gar nicht weiter auf sie und ritten so
schnell wie möglich den Weg zurück, auf welchem wir
gekommen waren. Als wir die Höhe erreicht hatten, waren
die Verfolger weit hinter uns geblieben.

„Vor diesen sind wir sicher!“ meinte Lindsay.

„Aber vor den andern nicht.“

„Warum nicht?“

„Sie können uns begegnen.“

„So weichen wir ihnen aus!“

„Das ist nicht an jeder Stelle möglich.“

„So hauen wir uns durch! Well!“

„Sir, das würde uns wohl schwerlich gelingen. Ich
habe nämlich die Ahnung, daß unsere Nestorianer in der
Schar des Melek nur der überflüssige, mutlose und schlecht
bewaffnete Troß gewesen sind, den er zurückgeschickt hat,
um nicht gehindert zu sein. An uns haben sie sich gewagt,
da wir nur zu zweien waren und uns in keiner verteidigungsfähigen Lage befanden.“

„Lasse mich aber nicht wieder fangen! Yes!“

„Ich habe auch nicht Lust dazu, aber der Mensch
kann nicht wissen, was ihm begegnet.“

Wir kamen schnell über die Hochebene zurück, auf
welcher wir vorher Rast gehalten hatten. An dem diesseitigen Rande derselben hielten wir an, und ich zog das
Fernrohr aus der Satteltasche, um die unter uns liegenden Thäler und Abhänge zu betrachten. Ich konnte nichts
Besorgnis Erregendes bemerken, und so setzten wir unsern
Weg thalabwärts fort. Endlich gelangten wir nach langem Ritt auch an die Stelle, an welcher wir gefangen
genommen worden waren. Lindsay wollte nach rechts abbiegen, weil dorthin Mia und unser Jagdplatz lag, aber
ich hielt zaudernd an.

„Wollen wir nicht einmal hier links hinab, Sir?“
fragte ich. „Dort sind die Unsrigen überfallen worden. Es
ist beinahe notwendig, sich den Kampfplatz anzusehen.“

„Wir werden alle in Mia oder Gumri treffen!“ entgegnete er.

„Gumri liegt nach links. Kommt!“

„Ihr werdet Euch in neue Gefahr begeben, Sir!“

Ich schwenkte ohne weitere Antwort links ab, und
er folgte mir ein wenig verdrossen.

Hier sah ich die Wurzel, über welche mein Pferd gestrauchelt war, und vielleicht achthundert Schritte weiter
abwärts fanden wir ein getötetes Pferd daliegen, dem
man Sattel und Zaum abgenommen hatte. Der spärliche
Graswuchs und das niedrige Gestrüpp war zertreten; auch
das mit Blut bespritzte Gestein zeigte, daß hier ein Kampf
stattgefunden habe. Die Spuren desselben führten abwärts: die Kurden waren geflohen und die Nestorianer
ihnen gefolgt. Das regte den Engländer auf. Er dachte
nicht mehr an seine vorige Warnung und setzte sein Pferd
in Trab.

„Kommt, Sir! Müssen sehen, wie es gegangen ist!“
rief er mir zu.

„Vorsichtig!“ warnte ich. „Das Thal ist breit und
offen. Wenn der Feind grad jetzt zurückkehrt, wird er
uns bemerken; dann ist es aus mit uns.“

„Geht mich nichts an! Müssen den Unserigen helfen!“

„Sie werden uns jetzt nicht mehr brauchen!“

Er aber ließ sich nicht halten, und ich war gezwungen, ihm auf dem offenen Terrain zu folgen, während ich
mich lieber unter den Schutz der Bäume zurückgezogen hätte.

Weit unten machte das Thal eine Krümmung. Die
innere Ecke derselben stieß beinahe bis an das Ufer des
Baches heran und hinderte uns, weiter zu sehen. Unweit
davon lag ein nackter Leichnam. Es war ein toter Kurde;
das sah man an dem Haarbüschel. Wir bogen um die
Ecke. Kaum aber hatten wir hundert Schritte gemacht,
so raschelte es in den Bäumen und Sträuchern der Thalwand, und wir sahen uns augenblicklich von einer Menge
bewaffneter Gestalten umringt. Zwei von ihnen hielten
die Zügel meines Pferdes, und mehrere faßten mich an
den Beinen und am Arme, um mich an der Gegenwehr
zu verhindern. So ging es auch dem Engländer, der in
einem solchen Knäuel von Feinden stak, daß sein Pferd
sich kaum zu bewegen vermochte. Er wurde angerufen,
konnte aber nichts verstehen und deutete auf mich.

„Wer seid ihr?“ fragte mich einer.

„Wir sind Freunde der Nestorah. Was wollt ihr
von uns?“

„Wir sind keine Nestorah. So nennen uns nur unsere
Feinde und Bedrücker. Wir sind Chaldäer. Aber ihr seid
Kurden?“

„Wir beide sind weder Kurden, noch Türken, noch
Araber. Wir tragen nur die Tracht dieses Landes. Wir
sind Feringhis.“

„Woher seid ihr?“

„Ich bin ein Nemtsche, und mein Gefährte ist ein
Inglis.“

„Die Nemtsche kenne ich nicht, aber die Inglis sind
böse Menschen. Ich werde euch zum Melek führen, der
über euch urteilen mag.“

„Wo ist er?“

„Weiter unten. Wir sind die Vorhut und sahen euch
kommen.“

„Wir werden euch folgen. Laßt mich los!“

„Steige ab!“

„Erlaube mir, daß ich sitzen bleibe! Ich habe einen
Fall gethan und kann nicht gut gehen.“

„So mögt ihr reiten, und wir werden eure Pferde
führen. Aber sobald ihr versucht, zu fliehen oder eure
Waffen zu gebrauchen, werdet ihr erschossen!“

Das klang sehr bestimmt und kriegerisch. Diese Männer
machten allerdings einen ganz andern Eindruck als diejenigen, welche uns vorher gefangen genommen hatten.
Wir wurden thalabwärts geführt. Mein Hund schritt,
die Augen immer auf mich gerichtet, neben mir her;
er hatte keinen der Feinde angegriffen, weil ich mich ruhig
verhalten hatte.

Ein kleines Nebenwasser floß von rechts her in den
Bach. Es kam aus einem Seitenthale, welches bei seiner
Mündung in das Hauptthal eine ziemlich breite Einbuchtung bildete. Hier lagerten wohl gegen sechshundert Krieger in vielen Gruppen beieinander, während ihre Pferde
in der Umgebung weideten. Unser Erscheinen erregte Aufsehen; aber niemand rief uns an.

Wir wurden zu einer der größten Gruppen geführt,
in deren Mitte ein kräftig gebauter Mann saß, welcher
unsern Begleitern zunickte.

„Ihr bringt sie?“ sagte er zu ihnen. „Kehrt wieder
auf euren Posten zurück!“

Man hatte ihm also unser Kommen bereits gemeldet,
als wir im Begriffe waren, ihnen ahnungslos in die
Hände zu laufen. Der Melek hatte einige Aehnlichkeit mit
seinem Bruder, aber meine Augen richteten sich von ihm
ab und auf eine andere Gruppe. Dort saßen der Bey von
Gumri, Amad el Ghandur und Halef nebst mehreren
Kurden unbewaffnet und rings von Wächtern umgeben;
aber keiner von ihnen war gebunden. Sie hatten die Geistesgegenwart, sich bei unserm Anblick ruhig zu verhalten.

Der Melek winkte uns, abzusteigen.

„Kommt näher!“ gebot er.

Ich trat in den Kreis und setzte mich ungeniert neben
ihm nieder. Auch der Engländer that so. Der Anführer
blickte uns etwas überrascht an, sagte aber nichts über
unser dreistes Benehmen.

„Habt ihr euch bei eurem Ergreifen gewehrt?“ fragte er.

„Nein,“ antwortete ich kurz.

„Ihr tragt doch Waffen!“

„Warum sollen wir die Chaldäer töten, da wir ihre
Freunde sind? Sie sind Christen, wie wir.“

Er horchte auf und fragte dann:

„Ihr seid Christen? — Aus welcher Stadt?“

„Die Stadt, aus der wir stammen, kennst du nicht.
Sie liegt weit von hier im Abendlande, wohin noch kein
Kurde gekommen ist.“

„So seid ihr Franken? Vielleicht aus Inglistan?“

„Mein Gefährte stammt aus Inglistan. Ich aber
bin ein Nemtsche.“

„Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen. Wohnen sie
mit den Inglis in einem Lande?“

„Nein; es liegt ein Meer zwischen ihnen.“

„Das hast du wohl von andern gehört, denn ein
Nemtsche bist du nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich sehe, daß du einen Kuran trägst, wie ihn die
Hadschi tragen.“

„Ich kaufte ihn nur, um zu sehen, was die Moslemim
für einen Glauben und für eine Lehre haben.“

„So handelst du sehr unrecht. Ein Christ darf keine
andere Lehre kennen lernen, als nur die seinige. Aber
wenn ihr Franken seid, warum kommt ihr in unser Land?“

„Wir wollen sehen, ob wir mit euch Handel treiben
können.“

„Welche Waren habt ihr mitgebracht?“

„Wir haben noch nichts mitgebracht. Wir wollen
erst sehen, was ihr braucht, und es dann unsern Kaufleuten erzählen.“

„Warum tragt ihr so viele Waffen, da ihr doch nur
des Handels wegen zu uns kommt?“

„Die Waffe ist das Recht des freien Mannes; wer
ohne Waffen reist, der wird für einen Knecht gehalten.“

„So sagt euren Kaufleuten, daß sie uns Waffen senden sollen; denn hier giebt es sehr viele Männer, welche
frei werden wollen. Ihr müßt sehr mutige Männer sein,
daß ihr euch in so ferne Länder wagt. Habt ihr jemand,
der euch hier beschützt?“

„Ja. Ich habe ein Bu-djeruldi des Großherrn bei
mir.“

„Zeige es her!“

Ich gab ihm den Paß, und ich sah, daß er lesen
konnte. Dieser Melek war also ein unterrichteter Mann.
Er gab mir das Schreiben wieder.

„Du stehest unter einem Schutze, welcher dir hier
nichts helfen kann; aber ich sehe, daß ihr keine gewöhnlichen Krieger seid, und das ist gut für euch. Warum redest
du allein und warum spricht nicht auch dein Gefährte?“

„Er versteht nur die Sprache seiner Heimat.“

„Was thut ihr hier in dieser entlegenen Gegend?“

„Wir sahen die Spuren des Kampfes und sind ihnen
gefolgt.“

„Wo habt ihr die letzte Nacht geschlafen?“

„In Gumri,“ antwortete ich ohne Zögern.

Er erhob den Kopf mit einem überraschten, scharfen Blick.

„Das wagst du, mir zu sagen?“

„Ja, denn es ist die Wahrheit.“

„So bist du ein Freund des Bey! Wie kam es, daß
du nicht an seiner Seite kämpftest?“

„Ich war zurückgeblieben und konnte ihn in der Gefahr nicht mehr ereilen, denn deine Männer kamen zwischen ihn und uns.“

„Sie griffen euch an?“

„Das thaten sie.“

„Ihr habt euch gewehrt?“

„Wenig. Wir beide waren in dem Augenblick, als
sie kamen, mit unsern Pferden gestürzt; ich lag ganz ohne
Besinnung, und mein Gefährte hatte die Waffen verloren.
Es wurde ein Pferd getötet, und zwei Männer sind verwundet.“

„Was geschah dann?“

„Wir wurden ausgezogen bis auf die Unterkleider,
auf die Pferde gebunden und zu deinem Bruder geführt.“

„Und jetzt seid ihr wieder hier! Wie ist das gekommen?“

Ich erzählte ihm alles genau vom ersten Augenblick
unserer Gefangenschaft an bis zur gegenwärtigen Minute.
Seine Augen wurden immer größer, und zuletzt brach er
in einen Ausruf des größten Erstaunens aus:

„Katera Aïsa. — Um Jesu willen, Herr, das alles
sagst du mir? Entweder bist du ein großer Held oder
ein sehr leichtsinniger Mann, oder du suchst den Tod!“

„Es ist keines von diesen dreien der Fall. Ich sagte
dir alles, weil ein Christ nicht lügen soll und weil mir
dein Angesicht gefällt. Du bist kein Räuber und kein
Tyrann, vor dem man zittern soll, sondern ein redlicher
Fürst der Deinen, welcher die Wahrheit liebt und sie
auch hören will.“

„Chodih, du hast recht, und daß du so handelst,
wie du gethan hast, das ist dein Glück. Hättest du die
Unwahrheit gesprochen, so wärest du verloren gewesen,
wie diese andern verloren sind!“

Er deutete auf die Gruppe der Gefangenen.

„Woher hättest du gewußt, daß ich die Unwahrheit
rede?“

„Ich kenne dich. Bist du nicht der Mann, der mit
den Haddedihn gegen ihre Feinde kämpfte?“

„Ich bin es!“

„Bist du nicht der Mann, der mit den Dschesidi
gegen den Mutessarif von Mossul kämpfte?“

„Du sagst die Wahrheit!“

„Bist du nicht der Mann, der Amad el Ghandur
aus dem Gefängnisse von Amadijah befreite?“

„Das that ich!“

„Und der auch die Befreiung zweier Kurden von
Gumri bei dem Mutesselim erzwang?“

„Es ist so!“

Ich ward immer mehr erstaunt. Woher hatte dieser
nestorianische Anführer diese Kenntnis über meine Person?

„Woher weißt du dies alles, Melek?“ fragte ich jetzt.

„Hast du nicht ein Mädchen in Amadijah gesund
gemacht, welches Gift gegessen hatte?“

„Ja. Auch das weißt du?“

„Ihre Ahne heißt Marah Durimeh?“

„Das ist ihr Name. Kennst du sie?“

„Sie war bei mir und hat mir viel von dir erzählt,
was sie mit den Ihrigen von deinem Diener erfahren hat,
der dort sich unter den Gefangenen befindet. Sie wußte,
daß du vielleicht in unsere Gegend kommen würdest, und
hat mich gebeten, dann dein Freund zu sein.“

„Wie kannst du wissen, daß gerade ich dieser Mann
bin?“

„Hast du nicht gestern in Gumri von euch erzählt?
Wir haben einen Freund dort, der uns alles berichtet.
Darum wußten wir auch von der heutigen Jagd, und
daß du dabei sein würdest. Und darum sandte ich auch,
als ich im Hinterhalte lag und bemerkte, daß du zurückgeblieben seist, eine Abteilung der Meinigen, die dich gefangen nehmen und fortführen sollten, damit dir im
Kampfe kein Leid geschehe.“

Das klang ja so abenteuerlich, daß es kaum zu glauben
war. Und nun konnte ich auch das Verhalten der Männer,
welche uns gefangen genommen hatten, begreifen, obgleich
sie mit der Wegnahme unserer Kleidungsstücke zu weit
gegangen waren.

„Was wirst du nun thun?“ fragte ich den Melek.

„Ich werde dich mit nach Lizan nehmen, damit du mein
Gast seist.“

„Und meine Freunde?“

„Dein Diener und Amad el Ghandur werden frei
sein.“

„Aber der Bey?“

„Er ist mein Gefangener. Unsere Versammlung wird
über ihn beschließen.“

„Werdet ihr ihn töten?“

„Das ist möglich.“

„So kann ich nicht mit dir gehen!“

„Warum nicht?“

„Ich bin der Gast des Bey; sein Schicksal ist auch
das meinige. Ich werde mit ihm kämpfen, mit ihm
siegen oder unterliegen.“

„Marah Durimeh hat mir gesagt, daß du ein Emir
bist, also ein tapferer Krieger. Aber bedenke, daß die
Tapferkeit sehr oft in das Verderben führt, wenn sie
nicht auch besonnen ist. Dein Gefährte hat nicht verstanden,
was wir sprechen. Rede mit ihm und frage ihn, was
du beschließen sollst!“

Diese Aufforderung kam mir ungemein erwünscht,
denn sie gab mir Gelegenheit, mich mit dem Engländer
zu verständigen.

Ich wandte mich also zu diesem:

„Sir, wir haben einen Empfang gefunden, wie ich
ihn mir nicht träumen lassen konnte!“

So! Schlimm?“

„Nein, freundlich. Der Melek kennt uns. Die alte
Christin, deren Enkelkind ich in Amadijah heilte, hat ihm
von uns erzählt. Wir sollen als seine Gastfreunde mit
nach Lizan gehen.“

„Well! Sehr gut! Vortrefflich!“

„Aber dann handeln wir, sozusagen, undankbar an
dem Bey; denn er bleibt gefangen und wird vielleicht
getötet.“

„Hm! Unangenehm! Ist ein guter Kerl!“

„Freilich! Vielleicht wäre es möglich, mit ihm von
hier zu entkommen.“

„Wie so?“

„Die Gefangenen sind nicht gefesselt. Jeder von
ihnen bedarf nur ein Pferd. Wenn sie schnell aufspringen,
sich auf die Gäule werfen, die ganz in ihrer Nähe grasen,
und augenblicklich forteilen, so könnte ich ihnen vielleicht
den Rückzug decken, da ich Grund habe, zu glauben, daß
die Nestorianer nicht auf mich schießen werden.“

„Hm! Schöner Coup! Ausgezeichnet!“

„Müßte aber schnell geschehen. Seid Ihr dabei?“

„Yes! Wird interessant!“

„Aber wir schießen nicht, Sir!“

„Warum nicht?“

„Das wäre undankbar gegen den Melek.“

„Aber dann werden sie uns fangen!“

„Ich glaube nicht. Mein Pferd ist gut, das Eurige
auch, und wenn die andern Klepper schlecht sind, so entweicht man in die Büsche. Also seid Ihr bereit?“

„O, yes!“

„So paßt auf!“

Ich drehte mich wieder zu dem Melek.

„Was habt Ihr beschlossen?“ fragte er.

„Wir bleiben dem Bey treu.“

„So lehnt ihr meine Freundschaft ab?“

„Nein. Aber du wirst uns erlauben, unsere Pflicht
zu thun. Wir werden jetzt gehen, doch ich sage dir aufrichtig, daß wir alles aufbieten werden, um ihn zu befreien.“

Er lächelte und sagte:

„Und wenn ihr geht und alle seine Krieger ruft, so
werden sie dennoch zu spät kommen, weil wir dann bereits
fort sind. Aber ihr werdet gar nicht gehen, denn wenn
ihr ihm helfen wollt, so muß ich euch zurückbehalten.“

Ich hatte mich erhoben, und Lindsay stand bereits
bei seinem Pferde.

„Zurückbehalten?“ fragte ich, aber nur um Zeit zu
gewinnen; denn ich hatte Halef einen Wink gegeben und
dabei auf die in der Nähe grasenden Tiere und nach dem
Ausgange des Thales zu genickt. „Ich denke, ich soll
nicht dein Gefangener sein?“

„Du zwingst mich, obgleich du dir sagen könntest,
daß alle deine Bemühungen erfolglos sein werden.“

Ich sah, daß Halef mich verstanden hatte; denn er
flüsterte mit den andern, die ihm zunickten, und sah dann
bedeutungsvoll zu mir herüber.

„Melek, ich will dir etwas sagen,“ meinte ich, indem
ich zu ihm trat und ihm die Hand auf die Achsel legte;
denn ich sah, daß der Augenblick gekommen war. „Blicke
einmal hier das Thal hinauf!“

Er drehte sich um, so daß er den Gefangenen den
Rücken zuwandte, und sagte: „Warum?“

„Während du nach dieser Seite blickst,“ erwiderte
ich, „wird sich hinter deinem Rücken das begeben, was
du für unmöglich hältst!“

„Was meinst du?“ fragte er verwundert. Ich antwortete ihm nicht sogleich.

Wirklich waren in diesem Moment die Gefangenen
auf- und zu den Pferden gesprungen. Sie hatten dieselben
bestiegen, noch ehe der erste Alarmruf erscholl. Auch der
Engländer saß auf und folgte ihnen in der Weise, daß
er eine Anzahl von Männern, die sich zur Verfolgung
erhoben hatten, über den Haufen ritt.

„Deine Gefangenen entfliehen,“ antwortete ich jetzt
gemächlich.

Es war eine sehr kindliche List gewesen, die ich anwandte, um seine Augen und auch diejenigen der Umsitzenden in dem entscheidenden Moment von den Gefangenen abzulenken; aber sie war gelungen. Er fuhr herum.

„Ihnen nach!“ rief er und sprang zu seinem Pferde.
Es war ein kurdischer Falbenhengst von ausgezeichneter
Bauart. Mit diesem Tiere wären die Flüchtlinge sehr
bald eingeholt gewesen. Ich mußte das verhindern, sprang
ihm nach und zog den Dolch. Eben wollte er zum Zügel
greifen, als ich das Tier in den hintern Oberschenkel stach
und ihm einen derben Schlag versetzte. Es schlug wiehernd mit allen vieren aus und sprang davon.

„Verräter!“ rief der Melek und drang auf mich ein.

Ich schleuderte ihn zurück, war mit einigen Sprüngen bei meinem Rappen, schwang mich hinauf und sauste
davon.

Die Flüchtigen wußten, daß aufwärts im Thale ein
Vortrupp stand, und hatten sich deshalb nach rechts abwärts gewandt. Ich eilte an den vordersten der Verfolger vorüber, bis ein Zwischenraum zwischen mir und
ihnen lag; dann hielt ich an und legte das Gewehr an
den Backen.

„Haltet an! Ich schieße!“

Sie hörten nicht; ich drückte also zweimal ab und
schoß die beiden ersten Pferde nieder. Die andern Reiter
stutzten und blieben halten; aber die hinteren drängten,
und so gab ich noch drei Schüsse ab. Der dadurch verursachte Aufenthalt hatte aber doch den Flüchtlingen Zeit
gegeben, uns aus dem Gesichte zu kommen. Jetzt erschien
der Melek auf seinem Falben, den er sich wieder eingefangen hatte. Er überblickte die Scene und riß sein Pistol
heraus.

„Schießt ihn nieder!“ rief er zornig und ritt auf
mich ein.

Jetzt wandte ich mein Pferd und floh. Es kam alles
auf die Schnelligkeit des Rappen an. Ich legte ihm die
Hand zwischen die Ohren.

„Rih — —!“

Da bog er sich lang und flog dahin, als sei er von
einer Sehne geschnellt. Seine lange Mähne wehte mir
wie eine Fahne um das Knie. In einer Minute konnte
mich der Melek mit keinem Gewehr mehr erreichen. Jetzt
am hellen Tage war es noch ein ganz anderes Jagen als
damals in dunkler Nacht vom Thale der Stufen nach
dem Lager der Haddedihn zurück. Ich erreichte die erste
Krümmung des Thales, als eben die Meinigen hinter der
zweiten verschwanden. Da kam mir ein Gedanke. Ich
machte mich so leicht wie möglich in dem Sattel, und der
Hengst schoß dahin, daß sogar der Windhund weit dahinter blieb. In drei Minuten hatte ich die Gefährten
erreicht, die ihre Pferde auf das möglichste anstrengten.

„Reitet schneller!“ rief ich. „Nur kurze Zeit noch
schneller. Ich werde den Melek irre führen.“

„Wie so?“ fragte der Bey.

„Das kümmert euch nicht. Habe keine Zeit, es zu
erklären. Aber heut abend treffen wir uns in Gumri.“

Ich hielt mein Pferd an, während sie fortgaloppierten. Bald waren sie hinter einer neuen Krümmung verschwunden. Ich ritt zur vorigen zurück und sah die Verfolger weit oben, den Melek ihnen allen voran. Ich
rechnete mir den Augenblick, in welchem sie meinen jetzigen
Standort erreichen mußten, aufs ungefähre aus und
kehrte langsam wieder um, setzte mein Pferd in Trab und
dann abermals in Galopp. Der Windhund erreichte mich
wieder, und bald erschienen auch die Verfolger, welche
mich erblickten und natürlich glaubten, daß ich die Gefährten noch gar nicht erreicht habe, aber genau den Weg
einschlagen werde, auf dem sie fortgeritten waren.

Wieder kam ein kleines Wasser aus einem Seitenthale hervor, und ich bog in dieses Thal ein. Es war
sehr steinig und hatte sehr wenig Pflanzenwuchs. Ich
mußte hier langsamer reiten und sah sehr bald, daß der
Melek mir folgte. Jedenfalls ritten auch die Seinen ihm
nach, und die Kurden waren gerettet.

Nun aber mußte ich sehr bald eine Bemerkung machen,
die mir nicht angenehm sein konnte. Der Falbe des Melek
war nämlich ein besserer Bergsteiger noch als mein Rappe.
Diesen mußte ich immer mehr anstrengen, und dennoch
verkleinerte sich die Distanz zwischen mir und dem Verfolger. Am beschwerlichsten war der obere Teil der Schlucht,
wo es eine ziemliche Steilung zu überwinden gab, die
aus losem Gestein bestand, welches unter den Hufen des
Pferdes nachgab. Ich streichelte und liebkoste das Tier;
es stöhnte und schnaufte und that sein möglichstes — endlich waren wir oben.

Da aber krachte hinter mir auch schon der Schuß des
Melek; glücklicherweise traf er nicht.

Nun galt es vor allen Dingen, das Terrain zu überblicken. Ich sah nichts als unbewaldete, kahle Höhen,
zwischen denen es keinen Pfad zu geben schien. Am gangbarsten hielt ich eine Bergwand, welche mir zur Rechten
lag, und lenkte auf sie zu. Die Kuppe, auf welcher ich
mich befand, war eine ziemliche Strecke lang beinahe eben;
darum gewann ich wieder etwas Vorsprung.

Jetzt ging es bergab, wo sich mir eine natürliche
Felsenbahn zeigte, die einem Wege glich. Ich erreichte denselben und ritt auf ihm rasch vorwärts.

Ueber mir ertönte ein lauter Schrei. Der Melek
hatte ihn ausgestoßen. War es ein Ruf des Aergers, mich
entkommen zu sehen? Fast klang es aber wie ein Warnungsruf. Ich ritt vorwärts und sah den Melek mir
vorsichtig folgen. Die Terrainverhältnisse wurden immer
schwieriger. Zu meiner Rechten stieg der Fels steil in die
Höhe, und zu meiner Linken fiel er beinahe lotrecht zur
Tiefe hinab, und dabei wurde der Pfad immer schmaler.
Mein Pferd war von den Schammarbergen her wohl
solche Tiefen gewöhnt; es scheute nicht und schritt vorsichtig und langsam weiter, obgleich der Pfad eine Breite
von nicht über zwei Fuß mehr hatte. Stellenweise allerdings war er breiter, und ich hoffte, als ich eine Krümmung des Berges vor mir sah, daß sich der Fels hinter
derselben wieder gangbar zeigen werde. Dort angelangt,
blieb das Pferd stehen, ohne daß ich es anzuhalten brauchte.
Wir blickten, Roß und Reiter, in eine Tiefe von mehreren
hundert Fuß hinab.

Ich befand mich in einer geradezu schauderhaften
Lage. Vorwärts konnte ich nicht, umwenden auch nicht,
und da hinten sah ich den Melek an der Felsenkante lehnen. Vielleicht hatte er diese Gegend gekannt, denn er
war abgestiegen und mir zu Fuße gefolgt. Hinter ihm
sah ich mehrere seiner Leute ankommen.

Ich konnte allerdings hinter meinem Pferde herabrutschen und zurückkehren; aber dann war mein herrlicher
Rappe verloren. Darum beschloß ich, alles zu wagen.
Ich redete ihm freundlich zu und ließ ihn rückwärts gehen.
Er gehorchte und tastete sich mit ungeheurer Vorsicht, aber
schnaubend und zitternd zurück. Wenn ihn nur ein kleiner
Schwindel überfiel, so waren wir verloren. Aber der
beruhigende und ermutigende Ton meiner Stimme schien
ihm doppelten Scharfsinn zu verleihen. Wenn es auch
langsam ging, so gelangten wir doch Schritt um Schritt
weiter und endlich an eine Stelle, wo der Platz mehr als
doppelt so breit war, als bisher.

Hier ließ ich das Pferd ausruhen. Der Melek erhob
sein Gewehr.

„Bleib dort, sonst schieße ich!“ rief er mir zu.

Sollte ich es zum Schusse kommen lassen? Wenn
mein Pferd erschrak, konnte es mit mir in die Tiefe springen.

Oder es konnte sich eine Partie des Gesteines ablösen und
uns zerschmettern. Aber bleiben konnte ich nicht. Daher
beschloß ich, selbst zu schießen; denn wenn der Rappe die Vorbereitung dazu bemerkte, so erschrak er wahrscheinlich nicht.

Uebrigens war die Entfernung zwischen mir und dem
Melek immerhin so bedeutend, daß ich seine Kugel nicht
zu fürchten brauchte. Erreichte sie uns aber dennoch, so
brauchte sie nur das Pferd zu ritzen, um es scheu zu
machen. Ich drehte mich also im Sattel um, legte die
Büchse an und rief:

„Geh fort, sonst bin ich es, welcher schießt!“

Er lachte und erwiderte:

„Du machst wohl auch nur Spaß. So weit her trifft
niemand.“

„Ich werde dir ein Loch in den Turban machen!“

Ich schwenkte die Büchse noch einmal weit in die
Luft und ließ den Hahn laut knacken, damit der Rappe
vorbereitet sei. Dann zielte ich, drückte ab und wandte
mich sofort wieder um. Diese letztere Vorsicht war unnötig, denn das Pferd stand still. Hinter mir aber erscholl ein Ruf, und als ich mich wieder umdrehte, war
der Melek verschwunden. Schon fürchtete ich, ihn erschossen
zu haben; aber ich bemerkte bald, daß er sich nur in
sichere Entfernung zurückgezogen hatte.

Ich lud den abgeschossenen Lauf wieder und ließ dann
das Pferd abermals rückwärts gehen. Der Hund verhielt
sich während dieser Zeit außerordentlich still. Er blieb
stets in ziemlicher Entfernung von dem Pferde; es war,
als ob er wisse, daß er dasselbe durch keinen Laut und
keine Bewegung stören dürfe.

Jetzt dauerte es sehr lange, ehe wir wieder eine
Ruhestelle erreichten. Sie war vielleicht fünf Ellen lang
und vier Fuß breit.

Sollte ich es wagen? Es war wohl besser, alles auf
einen Augenblick zu setzen, als uns noch stundenlang
zu quälen. Ich drängte den Rappen hart an den Felsen
hinan, damit er rückwärts die Platte überblicken könne.
Dann — gnädiger Gott, hilf! — gab ich dem Tiere die
Schenkel, zog es empor und riß es herum.

Einen Augenblick lang schwebten seine Vorderhufe
über der Tiefe, dann faßten sie festen Fuß; die gefährliche Wendung war geglückt. Aber das Tier zitterte am
ganzen Leib, und es dauerte einige Zeit, ehe ich es ohne
Besorgnis weitergehen lassen konnte.

Nun aber war uns geholfen — Gott sei Dank! Wir
legten den gefährlichen Pfad schnell zurück, dann jedoch
sah ich mich gezwungen, halten zu bleiben. In geringer
Entfernung von mir stand der Melek mit vielleicht zwanzig
seiner Leute. Alle hatten die Gewehre angelegt.

„Halt!“ gebot er mir. „Sobald du eine Waffe ergreifst, werde ich schießen!“

Hier wäre Widerstand ein Frevel gewesen.

„Was willst du?“ fragte ich.

„Steige ab!“ lautete seine Antwort.

Ich that es.

„Lege deine Waffen ab!“ gebot er weiter.

„Das thue ich nicht.“

„So schießen wir dich nieder!“

„Schießt!“

Sie thaten es doch nicht, sondern besprachen sich leise.
Dann sagte der Melek:

„Emir, du hast mein Leben geschont, ich möchte dich
auch nicht töten. Willst du uns freiwillig folgen?“

„Wohin?“

„Nach Lizan.“

„Ja, aber nur dann, wenn du mir läßt, was ich besitze.“

„Du sollst alles behalten.“

„Du schwörst es mir?“

„Ich schwöre!“

Ich ritt nun auf sie zu, nahm aber den Revolver in
die Hand, um auf eine etwaige Hinterlist gefaßt zu sein.
Aber der Melek reichte mir seine Hand entgegen und sagte:

„Emir, war das nicht entsetzlich?“

„Ja, in der That.“

„Und du hast den Mut nicht verloren?“

„Dann wäre auch ich verloren gewesen. Gott hat
mich beschützt!“

„Ich bin dein Freund!“

„Und ich der deinige.“

„Aber dennoch mußt du mein Gefangener sein, denn
du hast als Feind an mir gehandelt.“

„Aber doch hoffentlich mit Offenheit! Was wirst du
in Lizan mit mir thun? Mich einsperren?“

„Ja. Aber wenn du mir versprichst, nicht zu fliehen,
so kannst du als mein Gast bei mir wohnen.“

„Ich kann jetzt noch nichts versprechen. Erlaube, daß
ich es mir noch überlege!“

„Du hast Zeit dazu!“

„Wo sind deine andern Krieger?“

Er lächelte überlegen und erwiderte:

„Chodih, die Gedanken deines Kopfes waren klug,
aber ich habe sie dennoch erraten.“

„Welche Gedanken?“

„Glaubst du, daß ich denken kann, der Bey von
Gumri werde zu Pferde in diese Berge fliehen, die er
ebenso gut kennt, wie ich? Er weiß, daß er hier nicht
entkommen könnte.“

„Was hat dies mit mir zu thun?“

„Du wolltest mich irre leiten. Ich folgte dir, weil
ich des Bey sicher bin und auch dich zugleich wieder haben
wollte. Diese wenigen Männer kamen mit mir; die andern aber haben sich geteilt und werden die Flüchtlinge
sehr bald in ihre Gewalt bekommen.“

„Sie werden sich wehren!“ warf ich ein.

„Sie haben keine Waffen.“

„Sie werden zu Fuße durch den Wald entkommen!“

„Der Bey ist zu stolz, ein Pferd zu verlassen, welches
noch laufen kann! Du hast umsonst dich in Gefahr begeben und umsonst unsere Tiere getötet und verwundet.
Komm!“

Wir machten denselben Weg wieder zurück, den wir
gekommen waren. Da, wo ich aus dem Hauptteile in die
Seitenschlucht eingelenkt hatte, hielten einige Reiter.

„Wie ging es?“ fragte sie der Melek.

„Wir haben nicht alle wieder.“

„Wen habt ihr?“

„Den Bey, den Haddedihn, den Diener dieses Chodih
und noch zwei Kurden.“

„Das ist genug. Haben sie sich gewehrt?“

„Nein. Es hätte ihnen nichts geholfen, denn sie
wurden umzingelt; aber einige der Kurden entschlüpften
in die Büsche.“

„Wir haben den Anführer, und das ist genug!“

Nun kehrten wir nach dem Orte zurück, an welchem
ich die Gefangenen zuerst getroffen hatte. Wunderbar war
es mir, daß man den Engländer nicht erwischt hatte.
Wie war er entkommen, und wohin hatte er sich gewendet? Er verstand kein Kurdisch. Was mußte da aus ihm
werden!

Als wir den Lagerplatz erreichten, saßen die Gefangenen bereits wieder an ihrem vorigen Platze, waren aber
jetzt gebunden.

„Willst du zu ihnen oder zu mir?“ fragte mich der
Melek.

„Zunächst zu ihnen.“

„So werde ich dich ersuchen, deine Waffen vorher
abzulegen!“

„So bitte ich dich, mich und die Gefangenen bei dir
sein zu lassen. In diesem Falle verspreche ich dir, bis
wir nach Lizan kommen, keinen Gebrauch von meinen
Waffen zu machen und auch nicht zu fliehen.“

„Aber du wirst den andern zur Flucht verhelfen!“

„Nein. Ich hafte auch für sie, stelle aber die Bedingung, daß sie ihr Eigentum behalten und nicht gefesselt
werden.“

„So sei es!“

Wir nahmen beieinander Platz, die meisten wohl, das
gestehe ich, mit einem Gefühle der Beschämung; denn wir
hatten uns alle wieder einfangen lassen. Da aber erscholl
ein Ruf des Erstaunens: — es erschien ein Reiter, den
man zu erblicken wohl nicht erwartet hätte: Master Lindsay.

Er blickte sich um, sah uns und kam auf uns zugeritten.

„Ah, Sir! Auch wieder da?“ fragte er erstaunt.

„Ja. Good day, Master Lindsay!“

„Wie kommt Ihr wieder her? Waret ja über alle
Berge.“

„Wenigstens nicht so freiwillig wie Ihr.“

„Freiwillig? Mußte ja!“

„Warum?“

„He! Schauderhafte Lage! Weiß nur, was Esel heißt
und Maulschelle im Kurdischen, und soll ganz allein durch
dieses Land reiten! Sah, daß alles wieder gefangen wurde,
und bin langsam hinterher geritten.“

„Wo habt Ihr gesteckt, als man die andern erwischte?“

„War ein wenig vorangekommen, weil mein Pferd
besser laufen konnte, als die andern. Aber wohin waret
Ihr verschwunden?“

„Sir, ich habe heute eine der gefährlichsten Stunden
meines Lebens gehabt; das könnt Ihr mir glauben. Steigt
ab. Ich werde es Euch erzählen!“

Er ließ sein Pferd laufen und setzte sich zu uns. Ich
erzählte ihm meinen Ritt über den Felsensteig.

„Master,“ meinte er, als ich fertig war, „das ist heut
ein schlimmer Tag, ein sehr schlimmer! Well! Habe keine
Lust, gleich wieder auf die Bärenjagd zu gehen! Yes!“

Auch zwischen mir und dem Bey nebst Halef und
Amad el Ghandur gab es viel zu erzählen. Der erstere
hoffte, daß Mohammed Emin nach Gumri geeilt sei, um
Hilfe zu holen, und freute sich bereits darauf, daß die
Nestorah noch hier im Lager überfallen würden; aber
seine Erwartungen erfüllten sich nicht.

Es wurde bald, nachdem wir einen frugalen Imbiß
von unsern Besiegern erhalten hatten, aufgebrochen. Man
nahm uns in die Mitte, und der Zug setzte sich in Bewegung, um ganz dieselben Wege zu passieren, die ich mit
dem Engländer bereits zweimal zurückgelegt hatte. Durch
die Beerdigung der liegen gebliebenen Kurden trat eine
Verzögerung ein, dann aber ging es so schnell vorwärts,
daß wir noch vor Einbruch der Nacht den Weiler erreichten, in welchem der Bruder des Melek wohnte.

Dort wurden wir auf eine nicht sehr freundliche
Weise empfangen. Die Nestorah, denen wir hier entkommen waren, hatten sich nach einer kurzen und erfolglosen
Verfolgung in dieses Haus zurückbegeben. Sie empfingen
ihre Kameraden mit großem Jubel, uns aber mit drohenden Worten und Blicken. Der Bruder des Melek stand
an der Thüre, um denselben zu begrüßen.

„Hast du den großen Helden wiedergefangen, der
so tapfer ist, daß er am liebsten flüchtet? Er ist rückwärts gelaufen wie ein Keftschinik, der nur unreines
Fleisch verzehrt. Binde ihm die Hände und Füße, damit
er nicht nochmals entlaufen kann!“

So fragte höhnisch der Bruder des Melek.

Das durfte ich mir allerdings nicht bieten lassen.
Nahm ich eine solche Beleidigung ruhig hin, so war es
ganz sicher um den Respekt geschehen, dessen wir so notwendig bedurften. Darum gab ich Halef die Zügel meines
Pferdes und trat hart an den Sprecher heran:

„Mann, du hast zu schweigen! Wie kann ein Lügner
und Verräter es wagen, ehrliche Leute zu beschimpfen!“

„Was wagest du!“ schrie er mich an. „Einen Verräter nennst du mich? Sage noch einmal dieses Wort,
so schlage ich dich zu Boden!“

Ich antwortete kühl, aber ernst:

„Versuche doch einmal, ob du dies zu stande bringst!
Ich habe dich einen Lügner und Verräter genannt, und
das bist du auch. Du nanntest uns deine Gäste, um
uns sicher zu machen, und nahmst uns dann gefangen,
um mein Pferd zu stehlen. Du bist nicht nur ein Lügner
und Verräter, sondern auch ein Dieb, der seine Gäste
betrügt.“

Da erhob er die Faust; aber noch ehe er zu schlagen
vermochte, lag er am Boden, ohne daß ich ihn angerührt
hatte. Mein Hund war jeder seiner Bewegungen gefolgt
und hatte ihn niedergerissen. Er stand über ihm und
legte seine Zähne so fühlbar an die Gurgel des Mannes,
daß dieser weder einen Laut noch eine Bewegung wagte.

„Rufe den Hund zurück, sonst steche ich ihn nieder!“
befahl mir der Melek.

„Versuche es!“ antwortete ich. „Ehe du das Messer
erhebst, ist dein Bruder zerrissen, und du liegst an seiner
Stelle an der Erde. Dieser Hund ist ein Slogi von der
reinsten Rasse. Siehst du, daß er dich bereits im Auge hat?“

„Ich gebiete dir, ihn wegzurufen!“

„Gebieten? Pah! Ich habe dir gesagt, daß wir
dir nach Lizan folgen wollen, ohne Gebrauch von unsern
Waffen zu machen; aber ich habe dir nicht erlaubt, dich
als unsern Herrn und Gebieter zu betrachten. Dein
Bruder hat bereits einmal unter diesem tapfern Hunde
gelegen, und ich gab ihm seine Freiheit wieder. Jetzt
werde ich dies nicht mehr thun, als bis ich die Ueberzeugung habe, daß er fortan Frieden hält.“

„Er wird es thun.“

„Giebst du mir dein Wort darauf?“

„Ich gebe es!“

„Ich halte es fest und warne dich, es nicht zu
brechen!“

Auf ein Wort von mir ließ Dojan von dem Chaldäer ab. Dieser erhob sich, um sich eiligst zurückzuziehen;
aber ehe er unter der Thüre verschwand, hob er die geballte Rechte drohend gegen mich empor. Ich hatte einen
schlimmen Feind an ihm bekommen.

Auch auf den Melek schien der unangenehme Vorgang einen für uns nicht vorteilhaften Eindruck hervorgebracht zu haben. Seine Miene war strenger und sein
Auge finsterer geworden, als vorher.

„Tretet ein!“ gebot er, auf die Thüre des Hauses
deutend.

„Erlaube, daß wir im Freien bleiben!“ sagte ich.

„Ihr werdet in dem Hause sicherer und auch besser
schlafen,“ antwortete er in sehr entschiedenem Tone.

„Wenn es dir auf unsere Sicherheit ankommt, so
glaube mir, daß wir hier besser aufgehoben sind, als
unter diesem Dache, unter welchem ich bereits einmal betrogen und verraten wurde.“

„Es wird nicht wieder geschehen. Komm!“

Er nahm mich bei dem Arme; ich aber zog denselben
zurück und trat zur Seite.

„Wir bleiben hier!“ sagte ich sehr bestimmt. „Wir
sind nicht gewohnt, uns von unsern Pferden zu trennen.
Hier wächst Gras genug für sie zum Futter und für uns
zum Lager.“

„Ganz wie du willst, Chodih,“ antwortete er. „Aber
ich sage dir, daß ich euch sehr scharf bewachen lassen
werde.“

„Thue es!“

„Sollte einer von euch zu entfliehen versuchen, so
lasse ich ihn erschießen.“

„Thue auch das!“

„Du siehst, daß ich dir deinen Willen lasse; aber
einer muß mir doch in das Haus folgen.“

„Welcher?“

„Der Bey.“

„Warum dieser?“

„Ihr seid nicht eigentlich meine Gefangenen; er aber
ist ein solcher.“

„Er wird dennoch bei mir bleiben, denn ich gebe dir
mein Wort, daß er nicht entfliehen wird. Und dieses
Wort ist sicherer als die Mauern, zwischen denen du ihn
einschließen willst.“

„Du bürgst für ihn?“

„Mit meinem Leben!“

„Nun wohl, so geschehe, wie du willst. Aber ich
sage dir, daß ich dein Leben wirklich von dir fordern
werde, wenn er sich entfernt! Ich werde dir Matten
schicken zum Lager, Holz zum Feuer und Speise und
Trank für dich und die andern. Suche dir eine Stelle,
welche dir passend erscheint!“

Unweit des Gebäudes gab es einen weichen Rasen,
auf welchen wir uns niederließen. Die Pferde wurden
nach Art der Indianer „angehobbelt“, so daß sie zwar
grasen, sich aber nicht weit entfernen konnten, und wir
machten uns ein mächtiges Feuer, um welches wir auf
den uns zur Verfügung gestellten Matten einen Kreis
schlossen. Bald erhielten wir auch ein soeben erst geschlachtetes Schaf mit der Weisung, es uns selbst zu
braten. Dies geschah, indem wir es an einen starken Ast
befestigten, den wir als Bratspieß gebrauchten.

An eine Flucht war nicht zu denken, denn die ganze
Schar der Nestorianer hatte sich an vielen Feuern um
uns her gelagert. Sie brieten sich ihre Hämmel und
Lämmer ganz in derselben Weise, wie wir, und waren
voll des Jubels über den Sieg, den sie heute errungen
hatten.

„Wie ist Euch zu Mute, Master?“ fragte mich Lindsay,
welcher zu meiner Linken saß.

„Wie einem, der Hunger hat, Sir.“

„Well! Habt recht!“

Er wandte sich von mir ab und nach Halef hin,
welcher jetzt den Braten vom Feuer nahm, um ihn zu
zerlegen. Der Master Lindsay war zu hungrig, um dies
ruhig erwarten zu können; er zog sein Messer, schnitt
sich schleunigst einen riesigen Appetitsbissen ab und öffnete
seinen Mund in der Weise, daß die Lippen zwei Hypotenusen
und vier Katheten bildeten, zwischen denen der Bissen
seiner irdischen Auflösung entgegen gehen sollte.

In diesem Momente blickte ich ganz zufälligerweise
nach dem Hause hin. Dasselbe war von den zahlreichen
Feuern ziemlich hell erleuchtet, und so war es mir möglich, einen menschlichen Kopf zu erkennen, welcher sich
langsam vom Dache erhob. Dem Kopfe folgte ein Hals,
diesem zwei Schultern, und dann gewahrte ich den
langen Lauf einer Flinte, welcher sich grad nach unserem Feuer richtete. Im Nu hatte ich auch meine
Büchse ergriffen und angelegt: droben blitzte ein Schuß,
und fast zu gleicher Zeit krachte unten auch der meinige;
droben erscholl ein Schrei, und unten wurde ein zweiter
ausgestoßen. Dieser letztere Schrei kam zwischen den
Hypotenusen und Katheten des Engländers hervor, welchem
die Kugel des heimtückischen Schützen das Messer samt
dem Bissen vor dem Munde aus der Hand gerissen hatte.

„Zounds!“ rief er. „Wer war der Halunke, he?“

Das alles war so ungemein schnell geschehen, daß
niemand den Schuß auf dem Dache hatte aufblitzen sehen.
Einer der nahe lagernden Nestorianer, welcher vielleicht
den Rang eines Unteranführers begleitete, trat herbei.

„Warum schießest du, Chodih?“ fragte er.

„Weil ich mich verteidigen muß.“

„Wer greift dich an? Ich sehe ja keinen Feind.“

„Aber ich habe ihn gesehen,“ antwortete ich. „Er
lag dort oben auf dem Dache und schoß nach mir.“

„Du irrst, Chodih!“

„Ich irre nicht. Es wird der Bruder des Melek
sein, und weil er sich nicht warnen läßt, so habe ich ihn
bestraft.“

„Du hast ihn erschossen?“ fragte der Mann erschrocken.

„Nein. Ich zielte auf seinen rechten Ellbogen und
bin sicher, ihn dort getroffen zu haben.“

„Herr, das ist schlimm für dich! Ich werde sofort
nachsehen.“

Die sämtlichen Nestorianer hatten sich von ihren
Plätzen erhoben und zu den Waffen gegriffen. Ganz
dasselbe thaten auch wir. Nur allein der Englishman
saß noch am Boden. Sein Mund klappte in allen möglichen geometrischen Figuren auf und zu, und seine Nase
war von einer so außerordentlichen Bestürzung ergriffen,
daß sie matt und hoffnungslos hernieder hing.

„Seid ihr perplex, Sir?“ fragte ich ihn.

Er holte tief Atem, nahm sein Gewehr und stand
langsam auf.

„Master, bald hätte mich der Schlag gerührt!“ gestand er aufrichtig.

„Eines Schusses wegen? Pah!“

„Oh, nicht dieses Schusses wegen!“

„Weshalb sonst?“

„Des Hiebes wegen, den ich erhalten habe. Mein
Messer ist in alle Welt gefahren, und dieses Stück Fleisch
vom Schafe flog mir in das Gesicht mit einer Gewalt,
als hätte ich von dem Obersteuermann eines Orlogschiffes
eine riesige Ohrfeige erhalten. Da, seht meine Wange,
und hier liegt das Fleisch im Grase!“

„Sihdi, kommt es zum Kampfe?“ fragte Halef, indem
er seine Pistolen im Gürtel lockerte.

„Ich glaube es nicht.“

„Und wenn auch; wir fürchten uns nicht!“

Der kleine, wackere Mann warf einen verächtlichen
Blick auf die Chaldäer, welche allerdings noch keine feindseligen Bewegungen machten, sondern ruhig abwarteten,
was der Unteranführer für eine Botschaft bringen werde.

Er kam sehr bald zurück, und zwar in Begleitung
des Melek, welcher mit drohender Miene zu unserm
Feuer trat.

„Wer hat hier geschossen?“ erkundigte er sich.

„Ich,“ antwortete ich. „Weil auf mich geschossen wurde.“

„Es ist nicht wahr! Nur dein Hund sollte erschossen
werden.“

„Wer hat dies befohlen? Etwa du selbst?“

„Nein. Ich wußte nichts davon. Aber, Chodih,
nun seid ihr alle verloren. Du hast eines Hundes wegen
auf meinen Bruder geschossen!“

„Ich habe das Recht, einen jeden niederzuschießen,
der meinen Hund töten will, und von diesem Rechte
werde ich auch ferner Gebrauch machen; das merke dir.
Wie aber will dein Bruder beweisen, daß er nicht mich,
sondern meinen Hund töten wollte?“

„Er sagt es.“

„So ist er ein sehr schlechter Schütze, denn er hat
nicht den Hund, sondern diesen Emir aus Inglistan getroffen.“

„Er hat wirklich nur den Hund gemeint. Es giebt
keinen Menschen, der des Abends seiner Kugel sicher ist.“

„Das ist keine Entschuldigung für eine so heimtückische
That. Die Kugel ist vier Schritte entfernt an dem Tiere
vorübergegangen; eine Handbreit höher, so wäre dieser
Emir eine Leiche gewesen. Uebrigens giebt es Leute,
welche auch des Nachts sicher schießen; das werde ich dir
beweisen. Ich habe nach dem rechten Ellbogen deines
Bruders gezielt, und sicher habe ich ihm denselben zerschmettert, obgleich ich weniger Zeit zum Zielen hatte,
als er selbst.“

Er nickte grimmig.

„Du hast ihm den Arm genommen; du wirst's mit
deinem Leben bezahlen!“

„Höre, Melek, und sei froh, daß ich nicht nach seinem
Kopfe zielte, welcher viel leichter als der Arm zu treffen
war! Ich sehne mich nicht nach Menschenblut, denn ich
bin ein Christ; aber wer es wagt, mich oder die Meinen
anzugreifen, der wird uns und unsere Waffen kennen
lernen.“

„Wir fürchten sie nicht, denn wir sind euch überlegen.“

„So lange mein Wort uns bindet; sonst aber nicht.“

„Ihr werdet uns sofort eure Gewehre geben müssen,
damit ihr nicht ferneren Schaden damit anrichtet.“

„Und was wird dann geschehen?“

„Ich will über die andern zu Gerichte sitzen; dich
aber werde ich meinem Bruder überlassen. Du hast sein
Blut vergossen; also gehört das deinige nun ihm.“

„Sind die Chaldani Christen oder Barbaren?“

„Das geht dich nichts an! Gieb deine Waffen ab!“

Seine ganze Schar hatte einen weiten Kreis um uns
geschlossen, und es war jedes Wort zu hören, welches von
uns beiden gesprochen wurde. Bei seinem letzten Befehle
griff er nach meiner Büchse.

Ich warf Sir Lindsay einige englische und den
andern einige arabische Worte zu, und dann fuhr ich
gegen den Melek fort:

„So betrachtest du uns von jetzt an als Gefangene?“

Als er bejahte, erwiderte ich:

„Du Unvorsichtiger! Glaubst du wirklich, daß wir
euch fürchten müssen? Wer die Hand gegen einen Emir
aus Germanistan erhebt, der erhebt sie doch nur gegen
sich selbst. Wisse, nicht ich bin dein Gefangener, sondern
du bist der meinige!“

Bei diesen Worten faßte ich ihn mit der Linken beim
Genick und drückte ihm den Hals so fest zusammen, daß
ihm sofort die Arme schlaff herniederhingen, und zugleich
bildeten die Gefährten mit nach auswärts gerichteten
schußfertigen Waffen einen Kreis um mich. Dies geschah
so schnell und unerwartet, daß die Nestorianer ganz sprachlos auf uns starrten. Ich benutzte diese jedenfalls nur
kurze Pause und rief ihnen zu:

„Seht ihr den Melek hier an meinem Arme hangen?
Es bedarf nur noch eines einzigen Druckes, so ist er eine
Leiche, und dann wird die Hälfte von euch durch unsere
verzauberten Kugeln sterben. Kehrt ihr aber ruhig an
eure Feuer zurück, so lasse ich ihm das Leben und werde
mit ihm und euch in Güte verhandeln. Merkt auf! Ich
zähle bis drei. Steht dann noch ein einziger an seiner
jetzigen Stelle, so ist der Melek verloren! — Je —, du
—, seh —, eins —, zwei —, drei — — — —“

Ich hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen,
so saßen die Chaldäer alle an den Feuern auf ihren
früheren Plätzen. Das Leben ihres Anführers hatte
demnach einen großen Wert für sie. Wären Kurden an
ihrer Stelle gewesen, so wäre mir das gefährliche Experiment ganz sicher nicht so wohl gelungen. Nun aber
ließ ich den Melek los. Er fiel mit matten Gliedern
und krampfhaft verzerrtem Angesicht zu Boden, und es
dauerte einige Zeit, ehe er sich wieder vollständig bei
Atem befand. Er hatte das Haus verlassen, ohne eine
einzige Waffe zu sich zu nehmen, und nun stand ich vor
ihm und richtete den Revolver scharf nach seinem Herzen.

„Wage es nicht, dich zu erheben!“ gebot ich ihm.
„Sobald du es ohne meine Erlaubnis thust, wird dich
meine Kugel treffen.“

„Chodih, du hast mich belogen!“ stöhnte er, indem er
mit beiden Händen seinen Hals untersuchte.

„Ich weiß nichts von einer Lüge,“ antwortete ich ihm.

„Du hast mir versprochen, deine Waffen nicht zu gebrauchen!“

„Das ist wahr; aber ich habe dabei vorausgesetzt,
daß wir nicht feindlich behandelt würden.“

„Du hast mir auch versprochen, daß du nicht fliehen
willst!“

„Wer hat dir gesagt, daß wir fliehen wollen? Verhaltet euch als Freunde, so wird es uns bei euch ganz
wohl gefallen.“

„Du selbst hast ja die Feindseligkeiten begonnen!“

„Melek, du nennst mich einen Lügner und sagst doch
soeben selbst eine Lüge. Ihr selbst habt uns und die
Kurden von Gumri überfallen. Und als wir im Frieden
hier am Feuer lagen, hat dein Bruder auf uns geschossen.
Wer also hat die Feindseligkeit begonnen, wir oder ihr?“

„Es galt nur deinem Hund!“

„Deine Gedanken sind ganz kurz, Melek! Mein Hund
sollte getötet werden, damit er nicht mehr im stande sei,
uns zu schützen. Er hat für mich einen größeren Wert,
als das Leben von hundert Chaldani. Wer ihm ein Haar
krümmt, oder wer nur einen Zipfel unseres Gewandes
beschädigt, der wird von uns behandelt, wie der Vorsichtige
einen tollen Hund behandelt, den man, um sich zu retten,
töten muß. Das Leben deines Bruders stand in meiner
Hand; ich habe ihm nur eine Kugel in den Arm gegeben,
damit er sein Gewehr nicht wieder meuchlings erheben
kann. Auch das deinige gehörte mir, und ich habe es dir
gelassen. Was wirst du über uns beschließen?“

„Nichts anderes, als was ich dir bereits sagte. Oder
weißt du nicht, was die Blutrache bedeutet?“

„Habe ich deinen Bruder getötet?“

„Sein Blut ist geflossen!“

„Er selbst trägt die Schuld daran! Was überhaupt
geht denn dich seine Rache an?“

„Ich bin sein Bruder und Erbe!“

„Jetzt lebt er noch und kann sich selbst rächen. Oder
ist er ein Kind, daß du schon vor seinem Tode für ihn
handeln mußt? Du nennst dich einen Christen und sprichst
von Blutrache! Von wem hast du dieses Christentum erhalten? Ihr habt einen Katolihka, einen Mutran,
einen Khalfa; ihr habt Arkidjakoni, Keschihschi,
Schammaschi, Huhpodjakoni und viele Karuhji.
Ist denn unter diesen vielen nicht ein einziger gewesen, der
euch gesagt hat, was der Sohn der Mutter Gottes lehrte?“

„Es giebt keine Mutter Gottes. Marrya war nur
die Mutter des Menschen Aïssa! “

„Ich will nicht mit dir streiten, denn ich bin weder
ein Priester noch ein Missionär. Aber du glaubst doch,
daß dieser Mensch Aïssa zugleich wahrer Gott gewesen ist?“

„Das glaube ich.“

„So wisse, daß er uns und euch geboten hat: Liebet
eure Feinde; segnet die, welche euch fluchen; thut wohl
denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen; dann seid ihr Kinder eures Vaters
im Himmel!“

„Ich weiß, daß er diese Worte gesagt hat.“

„Warum aber gehorchst du ihnen nicht? Warum
redest du von Blutrache? Soll ich, wenn ich in mein Land
zurückkehre, erzählen, daß ihr keine Christen, sondern Heiden seid?“

„Du wirst nicht zurückkehren!“

„Ich werde zurückkehren, und du am allerwenigsten
wirst mich halten können. Siehe dieses Holz, welches ich
in das Feuer werfe! Ehe es verbrannt ist, bist du eine
Leiche, oder du hast mir versprochen, uns als deine Gastfreunde zu behandeln, deren Mißachtung die größte Schande
deines Hauses und deines Stammes sein würde.“

„Du würdest mich töten?“

„Ich würde sofort aufbrechen und dich als Geisel
mit mir nehmen; ich müßte dich aber töten, wenn man
mich am Weggehen hinderte.“

„Dann bist du auch kein Christ!“

„Mein Glaube gebietet mir nicht, mich feig und unnütz abschlachten zu lassen, sondern er erlaubt mir, das
Leben zu verteidigen, welches mir Gott gegeben hat, um
den Brüdern nützlich zu sein und mich auf die Ewigkeit
vorzubereiten. Wer mir diese kostbare Zeit gewaltsam
verkürzen will, gegen den werde ich mich verteidigen, so
weit es meine Kraft gestattet. Und daß diese Kraft nicht
die eines Kindes ist, das hast du wohl erfahren!“

„Chodi, du bist ein gefährlicher Mensch!“

„Du irrst. Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber
ein gefährlicher Feind. Blicke in das Feuer! Das Holz
ist beinahe verbrannt.“

„Gieb mir Zeit, mit meinem Bruder zu sprechen!“

„Nicht einen Augenblick!“

„Er verlangt dein Leben!“

„Er mag es sich holen!“

„Ich kann dich nicht frei geben.“

„Warum nicht?“

„Weil du gesagt hast, daß du den Bey nicht verlassen
willst.“

„Dieses Wort werde ich halten.“

„Und ihn darf ich nicht entlassen. Er ist der Feind
der Chaldani, und die Kurden von Berwari werden sicher
kommen, um uns anzugreifen.“

„Hättet ihr sie ihres Weges ziehen lassen! Ich erinnere dich zum letztenmal, daß dieses Holz bereits in
Asche zerfällt.“

„Nun wohl, Herr; ich muß dir gehorchen, denn du
bist im stande, deine Drohung wahr zu machen. Ihr sollt
meine Gäste sein!“

„Auch der Bey?“

„Auch er. Aber auch ihr müßt mir versprechen,
Lizan nicht ohne meine Erlaubnis zu verlassen!“

„Ich verspreche es.“

„Für dich und alle anderen?“

„Ja. Doch stelle ich einige Bedingungen.“

„Welche?“

„Wir dürfen alles behalten, was uns gehört?“

„Zugestanden!“

„Und sobald man sich feindselig gegen uns verhält,
bin ich meines Versprechens entbunden?“

„So sei es!“

„Nun bin ich zufrieden. Reiche uns deine Hand, und
dann magst du zu dem Verwundeten zurückkehren. Soll
ich ihn verbinden?“

„Nein, Herr! Dein Anblick würde ihn zur größten
Wut entflammen, und es wird wohl andere Hilfe geben.
Ich zürne dir, denn du hast mich besiegt. Ich fürchte
mich vor dir, aber ich habe dich dennoch lieb. Eßt euer
Lamm, und schlaft dann in Frieden. Es wird euch niemand ein Leid thun!“

Er reichte uns allen die Hand und kehrte dann in
das Haus zurück. Dieser Mann war mir nicht mehr gefährlich. Und auch den Mienen der anderen sah man es
an, daß unser Verhalten nicht ohne tiefen Eindruck geblieben sei. Dem Mutigen gehört die Welt, und Kurdistan gehört ja auch zu derselben.

Jetzt konnten wir ohne Besorgnis dem Spießbraten
zusprechen, und während des Essens mußte ich den Gefährten meine mit dem Melek geführte Verhandlung
verdolmetschen. Der Engländer schüttelte bedenklich den
Kopf; die vereinbarten Friedensbedingungen gefielen ihm
nicht.

„Habt doch eine Dummheit begangen, Sir!“ sagte er.

„Inwiefern?“

„Ha! Konntet den Kerl ein bißchen fester drücken.
Mit den anderen wären wir auch noch fertig geworden.“

„Seid nicht unverständig, Sir David! Es sind der
Leute zu viel gegen uns.“

„Wir schlagen uns durch; Yes!“

„Einer oder zwei von uns kämen vielleicht durch;
die andern aber wären verloren.“

„Pshaw! Seid ihr feig geworden?“

„Ich glaube nicht. Wenigstens rührt mich nicht gleich
der Schlag, wenn mir ein Fleischbissen noch hart vor dem
Munde abhanden kommt.“

„Danke für diese Erinnerung! Werden also dort in
Lizan bleiben? Was für ein Nest? Stadt oder Dorf?“

„Residenz mit achtmalhunderttausend Einwohnern,
Pferdebahn, Theater, Viktoria-Salon und Skating-Ring.“

„Away! Hole Euch der Kuckuck, wenn Ihr keine
bessern Witze fertig bringt! Wird gewiß ein schönes Nest
sein, dieses Lizan.“

„Nun, es liegt sehr schön an den Ufern des Zab;
aber da es wiederholt von den Kurden zerstört wurde, so
wird man es nicht gerade mit London oder Peking vergleichen können.“

„Zerstört! Vieles zu Grunde gegangen?“

„Jedenfalls.“

„Herrlich! Werde nachgraben. Fowling-bulls finden.
Nach London schicken. Yes!“

„Habe nichts dagegen, Sir!“

„Werdet mithelfen, Master. Auch diese Nestorianer.
Bezahle gut, sehr gut! Well!“

„Verrechnet Euch nicht.“

„Inwiefern? Giebt es keine Fowling-bulls dort?“

„Gewiß nicht!“

„Warum aber schleppt Ihr mich so unnütz in diesem
verwünschten Lande herum?“

„Thue ich das wirklich? Oder seid Ihr mir nicht
von Mossul aus ganz gegen meinen Willen nachgefolgt?“

„Yes! Habt recht! War zu einsam dort. Wollte ein
Abenteuer haben.“

„Nun, das habt Ihr ja gehabt, und auch noch einige
dazu. Also gebt Euch zufrieden und laßt das Räsonnieren sein, sonst lasse ich Euch hier sitzen, und Ihr geht
so zu Grunde, daß man Euch später als Fowling-bull
auffinden und nach London senden wird.“

„Fie! Noch viel schlechter, dieser Witz! Habe genug!
Mag keinen mehr hören!“

Er wandte sich ab und gab so dem Bey von Gumri
Gelegenheit, einige Bemerkungen zu machen. Dieser hatte
sich sehr finster und schweigsam verhalten; jetzt aber sagte
er mir aufrichtig:

„Chodih, die Bedingungen, auf welche du eingegangen
bist, gefallen mir nicht.“

„Warum nicht?“

„Sie sind zu gefährlich für mich.“

„Es war nicht möglich, bessere zu erhalten. Hätten
wir dich verlassen wollen, so befänden wir übrigen uns
wohler, du aber wärst Gefangener gewesen.“

„Das weiß ich, Herr, und darum danke ich dir. Du
hast dich als ein treuer Freund erwiesen; aber ich werde
doch nichts als ein Gefangener sein.“

„Du wirst Lizan nicht verlassen dürfen; das ist alles.“

„Aber dies ist schon genug. Wo wird Mohammed
Emin sich jetzt befinden?“

„Ich hoffe, daß er nach Gumri gegangen ist.“

„Was meinst du, daß er dort thun wird?“

„Er wird deine Krieger herbeiholen, um dich und
uns zu befreien.“

„Dies wollte ich von dir hören. Es wird also einen
Kampf, einen sehr schlimmen Kampf geben, und du glaubst
dennoch, daß der Melek uns als Gäste behandeln wird?“

„Ja, ich glaube es.“

„Euch, aber nicht mich!“

„So bricht er sein Wort, und wir können dann nach
unserm Belieben handeln.“

„Auch mußt du bedenken, daß es gegen die Ehre ist,
wenn ich unthätig in Lizan sitze, während die Meinen ihr
Blut für mich vergießen. Hättest du doch den Melek
getötet! Diese Nestorah waren so erschrocken, daß wir
entkommen wären, ohne einen Schuß von ihnen zu erhalten.“

„Die Ansicht eines kurdischen Kriegers ist verschieden
von der Meinung eines christlichen Emirs. Ich habe dem
Melek mein Wort gegeben, und ich werde es halten, so
lange er an das seinige denkt.“

Mit diesem Bescheide mußte der Bey sich zufrieden
geben. Unser einfaches Mahl war verzehrt, und so streckten
wir uns zum Schlafe auf die Matten aus, nachdem wir
zuvor die Reihenfolge der Wachen bestimmt hatten. Ich
traute dem Melek vollständig, wenigstens für heute, aber
doch war Vorsicht nicht überflüssig, und so hatte stets
einer von uns die Augen offen zu halten.

Die Nacht verging ohne jede Störung, und am
Morgen erhielten wir abermals ein Lamm, welches wie
das am vorigen Abend zubereitet wurde. Dann kam
der Melek herbei, um uns zum Aufbruch aufzufordern.
Schon während der Nacht waren einige Gruppen der
Chaldäer aufgebrochen, und so war unsere Begleitung
nicht so zahlreich wie am vorigen Tage.

Wir ritten vom Abhange des Gebirges in das hier
sehr breite Thal des Zab hernieder. Fruchtfelder gab es
hier gar nicht. Höchstens sah man in der Nähe eines
einsamen Weilers ein wenig Gerste ihren Halm erheben.
Der Boden ist außerordentlich fruchtbar, aber die ewige
Unsicherheit benimmt den Bewohnern die Luft, eine Ernte
für ihre Feinde heranzuziehen.

Dagegen kamen wir an prächtigen Eichen- und Walnußwäldern vorüber, die hier in einer Kraft und Frische
gediehen, wie sie sonst nicht häufig anzutreffen ist.

Wir hatten eine Vor- und eine Nachhut und wurden
von dem Haupttrupp ringsum eingeschlossen. Mir zur
Rechten ritt der Bey, und zur Linken der Melek. Dieser
aber sprach nur wenig; er hielt sich bei uns jedenfalls
nur des Beys wegen auf, welcher ein sehr kostbarer Fang
für ihn war, und den er nicht aus dem Auge lassen wollte.

Höchstens eine halbe Stunde hatten wir noch bis
Lizan zu reiten, als uns ein Mann entgegen kam, dessen
Gestalt sofort in die Augen fallen mußte. Er war von
einem wirklich riesigen Körperbau, und auch sein kurdisches
Pferd gehörte zu den stärksten, die ich jemals gesehen
hatte. Bekleidet war er nur mit weiten Kattunhosen und
einer Jacke aus demselben leichten Stoffe. Ein Tuch
bedeckte anstatt des Turbans oder der Mütze seinen Kopf,
und als Waffe diente ihm eine alte Büchse, welche jedenfalls nicht orientalischen Ursprunges war. Hinter ihm
ritten in ehrerbietiger Entfernung zwei Männer, die im
dienstlichen Verhältnisse zu ihm zu stehen schienen.

Er ließ die Vorhut an sich vorüber und hielt dann
bei dem Melek an. „Sabbah'l ker — guten Morgen!“
grüßte er mit volltönender Baßstimme.

„Sabbah'l ker!“ antwortete ihm auch der Melek.

„Deine Boten,“ fuhr der Ankömmling fort,„sagten
mir, daß ihr einen großen Sieg errungen habt.“

„Katera Chodeh — Gott sei Dank, es ist so!“

„Wo sind deine Gefangenen?“

Der Melek deutete auf uns, und der andere musterte
uns mit finstern Blicken. Dann fragte er:

„Welcher ist der Bey von Gumri?“

„Dieser.“

„So!“ sagte gedehnt der Riese. „Also dieser Mann
ist der Sohn des Würgers unserer Leute, der sich Abdel-Summit-Bey nannte? Gott sei Dank, daß du ihn gefangen hast! Er wird die Sünden seines Vaters zu tragen
haben.“

Der Bey hörte diese Worte, ohne sie einer Entgegnung zu würdigen; ich aber hielt es nicht für geraten,
diesem Manne eine falsche Vorstellung von uns zu lassen.
Darum wandte ich mich nun an den Anführer mit der
Frage:

„Melek, wer ist dieser Bekannte von dir?“

„Es ist der Raïs von Schuhrd.“

„Und wie heißt er?“

„Nedschir-Bey.“

Das Kurmangdschi-Wort Nedschir bedeutet: ‚tapferer
Jäger‘, und da sich der Riese zugleich den für einen Chaldäer so ungewöhnlichen Titel ‚Bey‘ zugelegt hatte, so war
sehr leicht zu erraten, daß er keinen gewöhnlichen Einfluß
besitzen müsse. Dennoch aber sagte ich ihm:

„Nedschir-Bey, der Melek hat dir die Wahrheit nicht
vollständig gesagt. Wir sind — —“

„Hund!“ unterbrach er mich drohend. „Wer redet
mit dir? Schweige, bis du gefragt wirst!“

Ich lächelte ihm sehr freundlich in die Augen, zog
aber dabei mein Messer recht auffällig aus dem Gürtel.

„Wer giebt dir die Erlaubnis, die Gäste des Melek
Hunde zu nennen?“ fragte ich ihn.

„Gäste?“ sagte er verächtlich. „Hat der Melek nicht
soeben euch seine Gefangenen genannt?“

„Eben darum wollte ich dir sagen, daß er dir die
Wahrheit nicht vollständig mitgeteilt hat. Frage ihn, ob
wir seine Gäste oder seine Gefangenen sind.“

„Seid, was ihr wollt; gefangen hat er euch dennoch. Aber stecke dein Messer in den Gürtel, sonst schlage
ich dich vom Pferde!“

„Nedschir-Bey, du bist ein sehr spaßhafter Mann;
ich aber bin sehr ernst gestimmt. Sei in Zukunft höflich
gegen uns, sonst wird es sich zeigen, wer den andern vom
Pferde schlägt!“

„Hund und abermals Hund! Da hast du es!“

Bei diesen Worten erhob er die Faust und versuchte,
sein Pferd an das meinige zu drängen; aber der Melek
hielt ihn bei dem Arme fest und rief:

„Beim heiligen Jesujabos, halte ein, sonst bist du
verloren!“

„Ich?“ rief der Riese ganz verdutzt.

„Ja, du!“

„Warum?“

„Dieser fremde Krieger ist kein Kurde, sondern ein
Emir aus dem Abendlande. Er hat die Kraft des Bären
in der Faust und er trägt Waffen bei sich, denen niemand
widerstehen kann. Er ist mein Gast; sei fortan freundlich
mit ihm und den Seinigen!“

Der Raïs schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte keinen Kurden und keinen Abendländer.
Weil er dein Gast ist, so will ich ihm verzeihen; aber er
mag sich in acht nehmen vor mir, sonst erfährt er, wer
der Starke ist: er oder ich. Laß uns weiterziehen; ich
kam nur, um dir Willkommen zu sagen.“

Dieser Mann war mir ganz sicher an Körperstärke
weit überlegen; aber es war nur eine rohe, ungeschulte
Kraft, die mir keineswegs bange machen konnte. Daher
erwiderte ich zwar kein einziges Wort auf seine ‚Verzeihung‘, fühlte aber auch nicht etwa einen übermäßigen
Respekt vor ihm. Dabei hatte ich eine gewisse Ahnung,
daß ich mit ihm doch auf irgend eine Weise näher zusammengeraten werde.

Wir setzten den unterbrochenen Ritt weiter fort und
gelangten bald an den Ort unserer Bestimmung.

Die elenden Häuser und Hütten, aus denen Lizan
besteht, liegen zu beiden Seiten des Zab, der hier sehr
reißend ist. In seinem Bette liegen zahlreiche Felsblöcke,
die das Flößen und Schwimmen außerordentlich erschweren, und die Brücke, die ihn überspannt, ist aus
rohem Flechtwerk gefertigt und mittels großer, schwerer
Steine über einige Pfeiler befestigt. Dieses Flechtwerk
giebt bei jedem Schritte nach, so daß mein Pferd nur
sehr ängstlich die Brücke passierte; doch kamen wir wohlbehalten alle an dem linken Ufer an.

Bereits drüben auf der andern Seite war unser Zug
von Frauen und Kindern mit Jubelgeschrei empfangen
worden. Die wenigen Häuser, welche ich erblickte, waren
jedenfalls als Wohnort so vieler viel zu eng, und so vermutete ich, daß unter den Anwesenden auch zahlreiche
Bewohner benachbarter Orte zu finden seien.

Das Haus des Melek, wo wir absteigen wollten, lag
auf dem linken Ufer des Zab. Es war ganz nach kurdischer Art, aber halb in das Wasser des Flusses hineingebaut, wo der kühlende und stärkere Luftzug die Mücken
verscheuchte, an denen diese Gegenden leiden. Das obere
Stockwerk des Gebäudes hatte keine Mauern; es bestand
einfach aus dem Dach, welches an den vier Ecken von je
einem Backsteinpfeiler getragen wurde. Dieser luftige Raum
bildete das Staatsgemach, in welches uns der Melek führte,
nachdem wir abgestiegen waren und ich mein Pferd Halef
übergeben hatte. Es lag da eine Menge zierlich geflochtener Matten, auf denen wir es uns leidlich bequem
machen konnten.

Der Melek hatte natürlich jetzt nicht viel Zeit für
uns übrig; wir waren uns selbst überlassen. Bald aber
trat eine Frau herein, die einen starken, breiten, aus
Bast geflochtenen Teller trug, der mit allerlei Früchten
und Eßwaren belegt war. Ihr folgten zwei Mädchen,
im Alter von ungefähr zehn und dreizehn Jahren, und
trugen ähnliche, aber kleinere Präsentierbretter in den
Händen.

Alle drei grüßten sehr demütig, und dann stellten sie
die Speisen vor uns nieder. Die Kinder entfernten sich,
die Frau aber blieb noch stehen und musterte uns mit verlegener Miene.

„Hast du einen Wunsch?“ fragte ich sie.

„Ja, Herr,“ antwortete sie.

„Sage ihn!“

„Welcher von euch ist der Emir aus dem Abendlande?“

„Es sind zwei solcher Emire hier: ich und dieser da.“

Bei den letzten Worten deutete ich auf den Engländer.

„Ich meine denjenigen, welcher nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Arzt ist.“

„Da werde ich wohl gemeint sein,“ lautete meine
Antwort.

„Bist du es, der in Amadijah ein vergiftetes Mädchen gesund gemacht hat?“

Ich bejahte, und sie sagte darauf:

„Herr, die Mutter meines Mannes wünscht sehnlich,
einmal dein Angesicht zu sehen und mit dir zu sprechen.“

„Wo befindet sie sich? Ich werde gleich zu ihr gehen.“

„O nein, Chodih. Du bist ein großer Emir; wir
aber sind nur Frauen. Erlaube, daß sie zu dir kommt!“

„Ich erlaube es.“

„Aber sie ist alt und schwach und kann nicht lange
stehen — — —!“

„Sie wird sich setzen.“

„Weißt du, daß in unserm Lande sich die Frau in
Gegenwart solcher Herren nicht setzen darf?“

„Ich weiß es, aber ich werde es ihr dennoch erlauben.“

Sie ging. Nach einiger Zeit kam sie wieder herauf
und führte eine Frau am Arme, deren Gestalt vom Alter
weit vornüber gebeugt war. Ihr Gesicht hatte tiefe Runzeln, aber ihre Augen blickten noch mit jugendlicher
Schärfe umher.

„Gesegnet sei euer Eingang in das Haus meines
Sohnes!“ grüßte sie. „Welcher ist der Emir, den ich
suche?“

„Ich bin es. Komm und laß dich nieder!“

Sie erhob abwehrend die Hand, als ich auf die Matte
deutete, die in meiner Nähe lag.

„Nein, Chodih; es ziemt mir nicht, in deiner Nähe
zu sitzen. Erlaube, daß ich mich in einer Ecke niederlasse!“

„Nein, das erlaube ich nicht,“ antwortete ich ihr.
„Bist du eine Christin?“

„Ja, Herr.“

„Auch ich bin ein Christ. Meine Religion sagt mir,
daß wir vor Gott alle gleich sind, ob arm oder reich,
vornehm oder niedrig, alt oder jung. Ich bin dein Bruder, und du bist meine Schwester; aber deiner Jahre sind
viel mehr als der meinigen; daher gebührt dir der Platz
zu meiner rechten Seite. Komm und laß dich nieder!“

„Nur dann, wenn du es befiehlst.“

„Ich befehle es!“

„So gehorche ich, Herr.“

Sie ließ sich zu mir führen und setzte sich an meiner
Seite nieder; dann verließ ihre Schwiegertochter das Gemach. Die Alte blickte mir lange forschend in das Gesicht;
dann sagte sie:

„Chodih, du bist wirklich so, wie du mir beschrieben
wurdest. — Kennst du Menschen, bei deren Eintritt sich
der Raum zu verfinstern scheint?“

„Ich habe viele solche Leute kennen gelernt.“

„Kennst du auch solche Menschen, welche das Licht
der Sonne mitzubringen scheinen? Wohin sie nur immer
kommen, da wird es warm und hell. Gott hat ihnen die
größte Gnade gegeben: ein freundliches Herz und ein fröhliches Angesicht.“

„Auch solche kenne ich; aber es giebt ihrer wenig.“

„Du hast recht; aber du selbst gehörst zu ihnen.“

„Du willst mir eine Höflichkeit sagen!“

„Nein, Herr. Ich bin ein altes Weib, welches ruhig
nimmt, was Gott sendet; ich werde niemand eine Unwahrheit sagen. Ich habe gehört, daß du ein großer
Krieger bist; aber ich glaube, daß du deine besten Siege
durch das Licht deines Angesichtes erringst. Ein solches
Angesicht liebt man, auch wenn es häßlich ist, und alle,
mit denen du zusammentriffst, werden dich lieb gewinnen.“

„Oh, ich habe sehr viele Feinde!“

„Dann sind es böse Menschen. Ich habe dich noch
nie gesehen, aber ich habe viel an dich gedacht, und meine
Liebe hat dir gehört, noch ehe dich mein Auge erblickte.“

„Wie ist dies möglich?“

„Meine Freundin erzählte mir von dir.“

„Wer ist diese Freundin?“

„Marah Durimeh.“

„Marah Durimeh!“ rief ich überrascht. „Du kennst sie?“

„Ich kenne sie.“

„Wo wohnt sie? Wo ist sie zu finden?“

„Ich weiß es nicht.“

„Aber wenn sie deine Freundin ist, mußt du doch
wissen, wo sie sich befindet.“

„Sie ist bald hier, bald dort; sie gleicht dem Vogel,
welcher bald auf diesem, bald auf jenem Zweige wohnt.“

„Kommt sie oft zu dir?“

„Sie kommt nicht, wie die Sonne, regelmäßig zur bestimmten Stunde, sondern sie kommt wie der erquickende
Regen, bald hier, bald dort, bald spät und bald früh.“

„Wann erwartest du sie wieder?“

„Sie kann noch heute in Lizan sein; sie kann aber
auch erst nach Monden kommen. Vielleicht erscheint sie
niemals wieder, denn auf ihrem Rücken lasten viel mehr
Jahre, als auf dem meinigen.“

Das klang alles so wunderbar, so geheimnisvoll, und
ich mußte unwillkürlich an Ruh 'i Kulian, den ‚Geist der
Höhle‘, denken, von welchem die alte Marah Durimeh in
ebenso geheimnisvoller Weise zu mir gesprochen hatte.

„So hat sie dich besucht, als sie von Amadijah kam?“
fragte ich.

„Ja. Sie hat mir von dir erzählt; sie sagte, daß
du vielleicht nach Lizan kommen würdest, und bat mich,
für dich zu sorgen, als ob du mein eigner Sohn seist.
Willst du mir dies erlauben?“

„Gern; nur mußt du auch meine Gefährten mit in
deine Fürsorge einschließen.“

„Ich werde thun, was in meinen Kräften steht. Ich
bin die Mutter des Melek, und sein Ohr hört gern auf
meine Stimme; aber es ist einer unter euch, dem meine
Fürbitte nicht viel helfen wird.“

„Wen meinst du?“

„Den Bey von Gumri. Welcher ist es?“

„Der Mann dort auf der vierten Matte. Er hört
und versteht ein jedes deiner Worte; die andern aber
reden nicht die Sprache deines Landes.“

„Er mag hören und verstehen, was ich sage,“ antwortete sie. „Hast du gehört von dem, was unser Land
gelitten hat?“

„Man hat mir vieles erzählt.“

„Hast du gehört von Beder-Khan-Bey, von Zeinel-Bey, von Nur-Ullah-Bey und von Abd-el-Summit-Bey,
den vier Mördern der Christen? Sie fielen von allen
Seiten über uns her, diese kurdischen Ungeheuer. Sie zerstörten unsere Häuser, verbrannten unsere Gärten, vernichteten unsere Ernten, entweihten unsere Gotteshäuser,
mordeten unsere Männer und Jünglinge, zerfleischten
unsere Knaben und Mädchen und hetzten unsere Frauen
und Jungfrauen, bis sie sterbend niederstürzten, noch in
den letzten Atemzügen von den Ungeheuern bedroht. Die
Wasser des Zab waren gefärbt von dem Blute der unschuldigen Opfer, und die Höhen und Tiefen des Landes
waren erleuchtet von den Feuersbrünsten, welche unsere
Dörfer und Flecken verzehrten. Ein einziger, fürchterlicher Schrei tönte durch das ganze Land. Es war der
Todesschrei von vielen tausend Christen. Der Pascha von
Mossul hörte diesen Schrei, aber er sandte keine Hilfe,
weil er den Raub mit den Räubern teilen wollte.“

„Ich weiß es; es muß gräßlich gewesen sein!“

„Gräßlich? O, Chodih, dieses Wort sagt viel zu
wenig. Ich könnte dir Dinge erzählen, bei denen dir das
Herz brechen müßte. Siehst du die Brücke, auf welcher
du über den Berdizabi gekommen bist? Ueber diese
Brücke wurden unsere Jungfrauen geschleppt, um nach
Tkhoma und Baz geführt zu werden; sie aber sprangen
hinab in das Wasser, um lieber zu sterben. Keine einzige
blieb zurück. Siehst du den Berg mit seiner Felsenmauer
dort zur Rechten? Dort hinauf hatten sich die Leute von
Lizan gerettet, weil sie sich dort sicher glaubten, denn sie
konnten von unten gar nicht angegriffen werden. Aber
sie hatten nur wenig Speise und Wasser bei sich. Um
nicht zu verhungern, mußten sie sich Beder-Khan-Bey ergeben. Er versprach ihnen mit seinem heiligsten Eid die
Freiheit und das Leben; nur die Waffen sollten sie abliefern. Dies geschah; er aber brach seinen Schwur und
ließ sie mit Säbel und Messer ermorden. Und als den
Kurden von dieser blutigen Arbeit die Arme weh thaten,
da machten sie es sich leichter: sie stürzten die Christen
von der neunhundert Fuß hohen Felsenwand herab: Greise,
Männer, Frauen und Kinder. Von mehr als tausend
Chaldani entkam nur ein einziger, um zu erzählen, was
da oben geschehen war. Soll ich dir noch mehr erzählen,
Chodih?“

„Halte ein!“ wehrte ich schaudernd ab.

„Und nun sitzt der Sohn eines dieser Ungeheuer hier
im Hause des Melek von Lizan. Glaubst du, daß er
Gnade finden wird?“

Wie mußte es bei diesen Worten dem Bey von Gumri
zu Mute sein! Er zuckte mit keiner Wimper; er war zu
stolz, um sich zu verteidigen. Ich aber antwortete:

„Er wird Gnade finden!“

„Glaubst du dies wirklich?“

„Ja. Er trägt nicht die Schuld von dem, was andere thaten. Der Melek hat ihm Gastfreundschaft versprochen, und ich selbst werde nur dann Lizan verlassen,
wenn er sich in Sicherheit an meiner Seite befindet.“

Die Alte senkte nachdenklich den ergrauten Kopf.
Dann fragte sie:

„So ist er dein Freund?“

„Ja. Ich bin sein Gast.“

„Herr, das ist schlimm für dich!“

„Warum? Denkst du, daß der Melek sein Wort
brechen wird?“

„Er bricht es nie,“ antwortete sie stolz. „Aber der
Bey wird bis an seinen Tod hier gefangen bleiben, und
da du ihn nicht verlassen willst, so wirst du deine Heimat
niemals wiedersehen.“

„Das steht in Gottes Hand. Weißt du, was der
Melek über uns beschlossen hat? Sind wir nur auf dieses
Haus beschränkt?“

„Du allein nicht, aber die andern sämtlich.“

„So darf ich frei umhergehen?“

„Ja, wenn du dir einen Begleiter gefallen lässest.
Du sollst nicht Gastfreundschaft wie sie, sondern Gastfreiheit erhalten.“

„So werde ich jetzt einmal mit dem Melek sprechen.
Darf ich dich geleiten?“

„O Herr, dein Herz ist voller Güte. Ja, führe mich,
damit ich rühmen kann, daß mir noch niemals solche
Gnade widerfahren ist!“

Sie erhob sich mit mir und hing sich an meinen Arm.
Wir verließen das luftige Gemach und stiegen die Treppe
nieder, die in das untere Geschoß führte. Hier trennte
sich die Alte von mir, und ich trat hinaus auf den freien
Raum vor dem Hause, wo eine große Anzahl der Chaldäer versammelt war. Nedschir-Bey stand bei ihnen. Als
er mich erblickte, trat er auf mich zu.

„Wen suchest du hier?“ fragte er mich in rohem Tone.

„Den Melek,“ antwortete ich ruhig.

„Er hat keine Zeit für dich; gehe wieder hinauf!“

„Ich bin gewöhnt, zu thun, was mir beliebt. Befiehl
deinen Knechten, nicht aber einem freien Mann, dem du
nichts zu gebieten hast!“

Da trat er näher an mich heran und streckte seine
mächtigen Glieder. In seinen Augen funkelte ein Licht,
das mir sagte, daß der erwartete Zusammenstoß jetzt
geschehen werde. So viel stand sicher: wenn ich ihn nicht
gleich auf der Stelle unschädlich machte, so war es um
mich geschehen.

„Wirst du gehorchen?“ drohte er.

„Knabe, mache dich nicht lächerlich!“ entgegnete ich
lachend.

„Knabe!“ brüllte er. „Hier nimm den Lohn!“

Er schlug nach meinem Kopfe; ich parierte mit dem
linken Arme den Hieb und ließ dann meine rechte Faust
mit solcher Gewalt an seine Schläfe sausen, daß ich
glaubte, sämtliche Finger seien mir zerbrochen. Er
stürzte lautlos zusammen und lag steif wie ein Klotz.

Die Umstehenden wichen scheu zurück; einer aber rief:

„Er hat ihn erschlagen!“

„Ich habe ihn betäubt,“ antwortete ich. „Werft ihn
in das Wasser, so wird er die Besinnung bald wieder
finden.“

„Chodih, was hast du gethan!“ erscholl es hinter mir.

Ich wandte mich um und erblickte den Melek, welcher
soeben aus der Thür getreten war.

„Ich?“ fragte ich. „Hast du diesen Mann nicht vor
mir gewarnt? Er schlug dennoch nach mir. Sage ihm,
er soll es ja nicht wieder thun, sonst werden seine Töchter
weinen, seine Söhne klagen, und seine Freunde trauern!“

„Ist er nicht tot?“

„Nein. Beim nächsten Male aber wird er tot sein.“

„Herr, du bereitest deinen Feinden Aerger und deinen
Freunden Sorge. Wie soll ich dich schützen, wenn du
dich nach immerwährendem Kampfe sehnst?“

„Sage dies dem Raïs, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß du zu schwach bist, ihn vor meinem Arme zu
beschützen. Erlaubst du ihm, mich zu beleidigen, so gieb
nicht mir die Schuld, wenn ich ihn Anstand lehre.“

„Herr, gehe fort; er kommt jetzt wieder zu sich!“

„Soll ich vor einem Manne fliehen, den ich niedergeschlagen habe?“

„Er wird dich töten!“

„Pah! Ich werde keine Hand zu rühren brauchen.
Passe auf!“

Meine Gefährten hatten von ihrer offenen Wohnung
aus den ganzen Vorgang mit angesehen. Ich winkte
ihnen mit dem Auge, und sie wußten, was ich von ihnen
begehrte.

Man hatte den Kopf des Raïs mit Wasser gewaschen.
Jetzt richtete er sich langsam empor. Auf einen Faustkampf durfte ich es nicht ankommen lassen, denn sowohl
mein Arm, mit dem ich seinen Hieb pariert hatte, als
auch meine rechte Hand war in den wenigen Augenblicken
ganz beträchtlich angeschwollen; ich mußte froh sein, daß
mir dieser Goliath nicht den Arm zerschmettert hatte. —
Jetzt erblickte er mich, und mit einem heiseren Wutschrei
stürzte er auf mich zu. Der Melek suchte ihn zu halten;
auch einige andere griffen zu, aber er war stärker als sie
und rang sich los. Jetzt wandte ich das Gesicht nach
dem Hause hin und rief ihm zu:

„Nedschir-Bey, blicke da hinauf!“

Er folgte der Richtung meiner Augen und sah die
Gewehre aller meiner Gefährten auf sich gerichtet. Er
hatte doch genug Besinnung, um diese Sprache zu verstehen. Er blieb halten und erhob die Faust.

„Mann, du begegnest mir wieder!“ drohte er.

Ich zuckte nur die Achsel, und er ging davon.

„Chodih,“ meinte der noch vor Anstrengung keuchende
Melek, „du befandest dich in einer großen Gefahr!“

„Sie war sehr klein. Ein einziger Blick hinauf nach
meinen Leuten hat diesen Mann unschädlich gemacht.“

„Hüte dich vor ihm!“

„Ich bin dein Gast. Sorge dafür, daß er mich
nicht beleidigt!“

„Man sagte mir, daß du mich suchest?“

„Ja. Ich wollte dich fragen, ob ich frei in Lizan
umhergehen kann.“

„Du kannst es.“

„Aber du wirst mir eine Begleitung geben?“

„Nur zu deiner Sicherheit.“

„Ich verstehe dich und füge mich darein. Wer wird
mein Aufseher sein?“

„Nicht Aufseher, sondern Beschützer, Chodih. Ich
gebe einen Karuhja an deine Seite.“

Also einen Vorleser, einen Geistlichen! Das war mir
lieb und recht.

„Wo ist er?“ fragte ich.

„Hier im Hause wohnt er bei mir. Ich werde ihn
dir senden.“

Er trat in das Innere des Gebäudes, und bald
darauf kam ein Mann heraus, der in den mittleren
Jahren stand. Er trug zwar die gewöhnliche Kleidung
dieser Gegend, aber in seinem Wesen hatte er etwas an
sich, was auf seinen Beruf schließen ließ. Er grüßte mich
sehr höflich und fragte nach meinem Begehr.

„Du sollst mich auf meinen Wegen begleiten!“ sagte ich.

„Ja, Herr. Der Melek will es so.“

„Ich wünsche vor allen Dingen, mir Lizan anzusehen.
Willst du mich führen?“

„Ich weiß nicht, ob ich darf, Chodih. Wir erwarten
jeden Augenblick die Nachricht von dem Eintreffen der
Berwarikurden, welche kommen werden, um euch und
ihren Bey zu befreien.“

„Ich habe versprochen, Lizan nicht ohne den Willen
des Melek zu verlassen. Ist dir dies genug?“

„Ich will dir trauen, obgleich ich verantwortlich bin
für alles, was du während meiner Gegenwart unternimmst.
Was willst du zunächst sehen?“

„Ich möchte den Berg besteigen, von welchem Beder-Khan-Bey die Chaldani herabstürzen ließ.“

„Es ist sehr schwer emporzukommen. Kannst du gut
klettern?“

„Sei ohne Sorge!“

„So komm und folge mir!“

Während wir gingen, beschloß ich, den Karuhja
nach seinen Religionsverhältnissen zu fragen. Ich war
mit denselben so wenig vertraut, daß mir eine Aufklärung
nur lieb sein konnte. Er kam mir mit einer Frage recht
glücklich entgegen:

„Bist du ein Moslem, Chodih?“

„Hat dir der Melek nicht gesagt, daß ich ein Christ
bin?“

„Nein; aber ein Chaldani bist du nicht. Gehörst
du vielleicht zu dem Glauben, welchen die Missionare aus
Inglistan predigen?“

Ich verneinte, und er sagte:

„Das freut mich sehr, Herr!“

„Warum?“ fragte ich.

„Ich mag von ihrem Glauben nichts wissen, weil
ich von ihnen selbst nichts wissen mag.“

Mit diesen wenigen Worten hatte dieser einfache
Mann alles gesagt, was sich überhaupt über diese Leute
sagen läßt.

„Bist du mit einem von ihnen zusammengetroffen?“
fragte ich.

„Mit mehreren; aber ich habe den Staub von meinen
Füßen geschüttelt und bin wieder fortgegangen. Kennst
du die Lehren unsers Glaubens?“

„Nicht genau.“

„Du möchtest sie wohl auch nicht kennen lernen?“

„O doch, sehr gern. Habt ihr ein Glaubensbekenntnis?“

„Jawohl, und ein jeder Chaldani muß es täglich
zweimal beten.“

„Bitte, sage es mir!“

„Wir glauben an einen einzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer und Vater aller sichtbaren und unsichtbaren
Dinge. Wir glauben an den Herrn Jesus Christus, den
Sohn Gottes, der da der einzig geborene Sohn seines
Vaters ist vor aller Welt, der nicht geschaffen wurde,
sondern der da ist der wahre Gott des wahren Gottes;
der da ist von demselben Wesen mit dem Vater, durch
dessen Hände die Welt gemacht und alle Dinge geschaffen
wurden; der für uns Menschen und zu unserer Seligkeit
vom Himmel herabgestiegen ist, durch den heiligen Geist
Fleisch ward und Mensch wurde, empfangen und geboren
von der Jungfrau Maria; der da litt und gekreuzigt
wurde zur Zeit des Pontius Pilatus, und starb und
wurde begraben; der da am dritten Tage wieder auferstand, wie in der Schrift verkündigt war, und fuhr gen
Himmel, um zu sitzen zur Rechten seines Vaters und
wiederzukommen, um zu richten die Lebendigen und die
Toten. Und wir glauben an einen heiligen Geist, den
Geist der Wahrheit, welcher ausging von dem Vater, den
Geist, der da erleuchtet. Und an eine heilige, allgemeine
Kirche. Wir erkennen zur Erlassung der Sünden eine
heilige Taufe an und eine Auferstehung des Leibes und
ein ewiges Leben!“

Nach einer Pause fragte ich:

„Haltet ihr auch die Fasten?“

„Sehr streng,“ antwortete er. „Wir dürfen während
hundertzweiundfünfzig Tagen keine Nahrung aus dem Tierreiche, auch keinen Fisch essen, und der Patriarch genießt
überhaupt nur Nahrung aus dem Pflanzenreiche.“

„Wie viele Sakramente habt ihr?“

Er wollte mir eben antworten; aber unsere für mich
so interessante Unterhaltung wurde von zwei Reitern
unterbrochen, die im Galopp auf uns zugesprengt
kamen.

„Was giebt es?“ fragte er sie.

„Die Kurden kommen,“ ertönte die Antwort.

„Wo sind sie?“

„Sie haben bereits die Berge überschritten und
kommen in das Thal hernieder.“

„Wie viel sind ihrer?“

„Viele Hunderte.“

Dann ritten sie weiter. Der Karuhja blieb halten.

„Chodih, laß uns umkehren!“

„Warum?“

„Ich habe es dem Melek versprochen, falls die Berwari kommen sollten. Du wirst nicht wollen, daß ich
mein Wort breche!“

„Du mußt es halten. Komm.“

Als wir den Platz vor dem Hause des Melek erreichten, herrschte dort eine außerordentliche Aufregung;
aber ein planvolles Handeln gab es nicht. Der Melek
stand mit einigen Unteranführern beisammen; auch der
Raïs war bei ihnen.

Ich wollte still vorübergehen und in das Haus eintreten; aber der Melek rief mir zu:

„Chodih, komm her zu uns!“

„Was soll er hier?“ zürnte der riesige Raïs. „Er ist
ein Fremder, ein Feind; er gehört nicht zu uns!“

„Schweig!“ gebot ihm der Melek; dann wandte er
sich zu mir: „Herr, ich weiß, was du im Thale Deradsch
und bei den Dschesidi erfahren hast. Willst du uns einen
Rat geben?“

Diese Frage kam mir natürlich sehr willkommen, dennoch aber antwortete ich:

„Dazu wird es bereits zu spät sein.“

„Warum?“

„Du hättest schon gestern handeln sollen.“

„Wie meinst du dies?“

„Es ist leichter, eine Gefahr zu verhüten, als sie zu
bekämpfen, wenn sie schon eingetreten ist. Hättest du die
Kurden nicht angegriffen, so brauchtest du dich heute nicht
gegen sie zu verteidigen.“

„Das will ich nicht hören.“

„Aber ich wollte es dir dennoch sagen. Wußtest du,
daß heute die Kurden kommen würden?“

„Wir alle haben es gewußt.“

„Warum hast du nicht die jenseitigen Pässe besetzt?
Du hättest feste Stellungen erhalten, die gar nicht einzunehmen waren. Nun aber haben die Kurden das Gebirge
bereits hinter sich und sind dir überlegen.“

„Wir werden kämpfen!“

„Hier?“

„Nein, in der Ebene von Lizan.“

„Dort also willst du sie empfangen?“ fragte ich verwundert.

„Ja,“ antwortete er zögernd.

„Und du stehst noch hier mit deinen Leuten?“

„Wir müssen ja erst unser Hab und Gut und die
Unsrigen retten, ehe wir fort können!“

„O Melek, was seid ihr Chaldani für große Krieger!
Seit gestern wußtet ihr, daß die Kurden kommen würden,
und habt nichts gethan, um euch zu sichern. Ihr wollt
mit ihnen kämpfen und sprecht doch davon, die Euren und
euer Eigentum zu flüchten. Ehe ihr damit fertig seid,
ist der Feind bereits in Lizan. Gestern habt ihr die Kurden überrascht, und darum wurden sie besiegt, jetzt aber
greifen sie selbst euch an und werden euch verderben!“

„Herr, das mögen wir nicht hören!“

„So werdet ihr es erfahren. Leb wohl, und thue,
was du willst!“

Ich machte Miene, in das Haus zu treten; er aber
hielt mich am Arme zurück.

„Chodih, rate uns!“

„Ich kann euch nicht raten; ihr habt mich vorher
auch nicht um Rat gefragt.“

„Wir werden dir dankbar sein!“

„Das ist nicht notwendig; ihr sollt nur vernünftig
sein. Wie kann ich euch beistehen, diejenigen Männer zu
besiegen, welche herbeigekommen sind, um mich und meine
Gefährten zu befreien?“

„Ihr seid ja nur meine Gäste, nicht aber meine Gefangenen!“

„Auch der Bey von Gumri?“

„Herr, dränge mich nicht!“

„Nun wohl, ich will nachgiebiger sein, als ihr es
verdient. Eilt dem Feinde entgegen und nehmt eine Stellung, an welcher er nicht vorüber kann. Die Kurden
werden nicht angreifen, sondern einen Boten senden, der
sich zuvor nach uns erkundigen soll. Diesen Boten bringt
hierher, und dann will ich euch meinen Rat erteilen.“

„Gehe lieber mit, Chodih!“

„Das werde ich gern thun, wenn ihr mir erlaubt,
meinen Diener Halef mitzunehmen, der dort hinter der
Mauer bei den Pferden ist.“

„Ich erlaube es,“ sagte der Melek.

„Aber ich erlaube es nicht,“ entgegnete der Raïs.

Es entspann sich jetzt ein kurzer, aber heftiger Streit,
in welchem schließlich der Melek recht behielt, da die
andern alle auf seiner Seite standen. Der Raïs warf
mir einen wütenden Blick zu, sprang auf sein Pferd und
ritt davon.

„Wo willst du hin?“ rief ihm der Melek nach.

„Das geht dich nichts an!“ scholl es zurück.

„Eilt ihm nach und beschwichtigt ihn,“ bat der Melek
die andern, während ich Halef rief, mein Pferd und das
seinige bereit zu machen.

Dann stieg ich in unsern Raum hinauf, um die Gefährten zu instruieren.

„Was ist los?“ fragte der Engländer.

„Die Kurden von Gumri kommen, um uns zu befreien,“ antwortete ich.

„Sehr gut! Yes! Brave Kerls! Meine Flinte her!
Werde mit dreinschlagen! Well!“

„Halt, Sir David! Fürs erste werdet Ihr noch ein
wenig hier bleiben und meine Rückkehr erwarten.“

„Warum? Wo wollt Ihr hin?“

„Hinaus, um zu unterhandeln und die Sache vielleicht im Guten beilegen zu helfen.“

„Pshaw! Sie werden wenig Kram mit Euch machen.
Sie werden Euch erschießen! Yes!“

„Das ist höchst unwahrscheinlich.“

„Darf ich nicht mit?“

„Nein. Nur ich und Halef.“

„So geht! Aber wenn ihr nicht wiederkommt, schlage
ich ganz Lizan in Grund und Boden! Well!“

Auch die andern fügten sich. Nur der Bey machte
eine Bedingung:

„Chodih, du wirst nichts ohne meinen Willen thun?“

„Nein. Ich werde entweder selbst kommen oder dich
holen lassen.“

Damit nahm ich meine Waffen, stieg hinab und sprang
in den Sattel. Der Platz vor dem Hause war leer geworden. Nur der Melek wartete auf mich, und einige
Bewaffnete waren geblieben, um die gefangenen ‚Gäste‘ zu
bewachen.

Wir mußten die gebrechliche Brücke wieder passieren.
Drüben auf der andern Seite des Stromes ging es wirr
zu. Landesverteidiger zu Fuß und zu Roß ritten und
liefen bunt durcheinander. Der eine hatte eine alte Flinte,
der andere eine Keule. Ein jeder wollte kommandieren,
aber nicht gehorchen. Dazu war das Terrain mit Felsen,
Bäumen und Büschen besetzt, und bei jedem Schritte hörte
man eine andere Neuigkeit von den Kurden. Zuletzt kam
gar die Kunde, daß der Raïs von Schuhrd mit seinen
Leuten davongezogen sei, weil sich der Melek mit ihm
gestritten hatte.

„Herr, was thue ich?“ fragte der Melek in nicht
geringer Sorge.

„Suche zu erfahren, wo sich die Kurden befinden.“

„Das habe ich ja bereits gethan, aber ein jeder bringt
mir eine andere Kunde. Und siehe meine Leute an! Wie
soll ich mit ihnen zum Kampf ziehen?“

Der Mann dauerte mich wirklich. Es war sehr leicht
zu erkennen, daß er sich auf seine Leute nicht verlassen
könne. Der so lange auf ihnen lastende Druck hatte sie
entmannt. Zu einem hinterlistigen Ueberfall hatten sie
gestern den Mut gehabt; heute aber, wo es nun galt, die
Folgen davon zu tragen, mangelte es ihnen an der nötigen
Thatkraft. Es war nicht eine Spur von militärischer
Zucht zu bemerken; sie glichen einer Herde von Schafen,
welche gedankenlos den Wölfen entgegen rennen.

Auch der Melek selbst machte nicht den Eindruck
eines Mannes, der die jetzt so nötige Willenskraft und
Widerstandsfähigkeit besaß. Es war mehr als Sorge, es
war fast Angst, die sich auf seinem Angesicht abspiegelte,
und vielleicht wäre es von Nutzen für ihn gewesen, wenn
Nedschir-Bey sich noch an seiner Seite befunden hätte.
Es war mir sehr klar, daß die Chaldäer gegen die Berwari-Kurden den kürzeren ziehen würden. Daher antwortete ich auf die Klage des Melek:

„Willst du meinen Rat hören?“

„Sage mir ihn!“

„Die Kurden sind euch überlegen. Es giebt nur zwei
Wege, die du jetzt einschlagen kannst. Du ziehst dich
mit den Deinen schleunigst auf das andere Ufer des Flusses
zurück und verteidigst den Uebergang. Dadurch gewinnst
du Zeit, Verstärkungen an dich zu ziehen.“

„Dann aber muß ich ihnen alles opfern, was am
rechten Ufer liegt.“

„Sie werden dies ohnehin nehmen.“

„Welches ist der zweite Weg?“

„Du unterhandelst mit ihnen.“

„Durch wen?“

„Durch mich.“

„Durch dich? Chodih, willst du mir entfliehen?“

„Das fällt mir gar nicht ein, denn ich habe dir ja
mein Wort gegeben.“

„Werden sich diese Kurden auf Unterhandlungen einlassen, nachdem wir sie gestern überfallen haben?“

„Ist nicht ihr Anführer dein Gefangener? Das giebt
dir eine große Macht über sie.“

„Du bist ihr Gastfreund; du wirst so mit ihnen verhandeln, daß sie den Nutzen, wir aber den Schaden haben.“

„Ich bin auch dein Gastfreund; ich werde so mit
ihnen reden, daß beide Teile zufrieden sein können.“

„Sie werden dich festhalten; sie werden dich nicht
wieder zu mir zurückkehren lassen.“

„Ich lasse mich nicht halten. Sieh mein Pferd an!
Ist es nicht zehnmal mehr wert, als das deinige?“

„Fünfzigmal, nein, hundertmal mehr, Herr!“

„Glaubst du, daß ein Krieger so ein Tier im Stiche
läßt?“

„Niemals!“

„Nun wohl! Laß uns einstweilen tauschen! Ich lasse
dir meinen Rapphengst als Pfand zurück, daß ich wiederkomme.“

„Ist dies dein Ernst?“

„Mein vollständiger. Vertraust du mir nun?“

„Ich glaube und vertraue dir. Willst du deinen
Diener auch mitnehmen?“

„Nein, er wird bei dir bleiben; denn du kennst mein
Pferd nicht genau. Es muß jemand bei dir sein, der den
Hengst richtig zu behandeln versteht.“

„Hat es ein Geheimnis, Herr?“

„In der That.“

„Chodih, dann ist es für mich gefährlich, das Roß
zu reiten. Dein Diener mag es besteigen, und du nimmst
das seinige, während er bei mir zurückbleibt.“

Das war es ja eben, was ich wünschte. Mein Pferd
war in den Händen des kleinen Hadschi Halef Omar jedenfalls besser aufgehoben, als in denen des Melek, der nur
ein gewöhnlicher Reiter war. Dann antwortete ich:

„Ich füge mich in deinen Willen. Erlaube, daß ich
sofort die Tiere wechsele!“

„Sogleich, Herr?“

„Allerdings. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Wirst du die Kurden wirklich finden?“

„Sie werden schon dafür sorgen, daß sie gar zu bald
gefunden werden. Aber, könnten wir nicht meine beiden
Vorschläge vereinigen? Wenn deine Leute mit den Berwari ins Handgemenge kommen, ehe man mich gehört hat,
so ist alles verloren. Gehe mit ihnen über den Fluß
zurück, so habe ich mehr Hoffnung auf Erfolg!“

„Aber wir geben uns da in ihre Hände!“

„Nein, ihr entkommt ihnen und gewinnt Zeit. Wie
wollen sie euch angreifen, wenn ihr die Brücke besetzt?“

„Du hast recht, Herr, und ich werde sofort das Zeichen
geben.“

Während ich vom Pferde sprang und Halefs Tier
bestieg, setzte der Melek eine Muschel an den Mund, die
an seiner Seite gehangen hatte. Der dumpfe, aber kräftige Ton war weithin vernehmbar. Die Chaldani kamen
von allen Seiten zurückgeeilt, denn diese Richtung behagte
ihnen weit mehr als diejenige eines gefährlichen Angriffes
auf die tapfern und wohlbewaffneten Kurden. Ich hingegen ritt vorwärts, nachdem ich Halef einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, und befand mich bald ganz
allein, da auch Dojan zurückgeblieben war.

Siebentes Kapitel.

Der Geist der Höhle.

Meine Aufgabe schien mir gar nicht schwierig zu sein.
Von den Kurden hatte ich wohl nichts zu fürchten, und
da sie Rücksicht auf das gefährdete Leben ihres Beys zu
nehmen hatten, so ließ sich erwarten, daß ein Vergleich
zu stande kommen werde.

So ritt ich langsam vorwärts und horchte auf jedes
Geräusch. Ich gelangte auf den Rücken einer niedrigen
Bodenwelle, wo Wald und Busch weniger dicht standen,
und erblickte von hier aus einen Krähenschwarm, der
weiter unten über dem Walde schwebte, sich zuweilen auf
die Zweige niederlassen wollte, aber immer wieder aufflog.
Es war gewiß, daß diese Vögel aufgestört wurden, und
ich wußte nun, wohin ich mich zu wenden hatte. Ich ritt
den kleinen Hügel hinab, war aber noch gar nicht weit
gekommen, als ein Schuß fiel, dessen Kugel jedenfalls mir
gelten sollte; sie traf aber nicht. Im Nu schnellte ich
mich vom Pferde und stellte mich hinter dasselbe. Ich
hatte den Blitz des Pulvers gesehen und wußte also, wo
der ungeschickte Schütze stand.

„Kur'o, thue dein Kirbit zur Seite!“ rief ich.
„Du triffst ja eher dich als mich!“

„Fliehe, sonst bist du des Todes!“ klang es mir entgegen.

„Ehz be vïa kenïam — darüber muß ich lachen!
Welcher Mann schießt seine Freunde tot?“

„Du bist nicht unser Freund; du bist ein Nasarah!“

„Das wird sich finden. Du gehörst zu den Vorposten
der Kurden?“

„Wer sagt dir das?“

„Ich weiß es; führe mich zu deinem Anführer!“

„Was willst du dort?“

„Mein Gastfreund, der Bey von Gumri, sendet mich
zu ihm.“

„Wo ist der Bey?“

„In Lizan gefangen.“

Während dieser Verhandlung bemerkte ich recht wohl,
daß noch mehrere Gestalten herbeikamen, die aber hinter
den Bäumen verborgen bleiben wollten. Der Kurde fragte
weiter:

„Du nennst dich den Gastfreund des Bey. Wer
bist du?“

„Ein Emir giebt nur einem Emir Auskunft. Führe
mich zu deinem Anführer, oder bringe ihn her zu mir.
Ich habe als Bote des Bey mit ihm zu reden.“

„Herr, gehörst du zu den fremden Emirs, die auch
gefangen worden sind?“

„So ist es.“

„Und bist du wirklich kein Verräter, Herr?“

„Katischt, baqua — was, du Frosch!“ rief da laut
eine andere Stimme. „Siehst du denn nicht, daß es der
Emir ist, welcher ohne Aufhören schießen kann? Gehe zur
Seite, du Wurm, und laß mich hin zu ihm!“

Zugleich kam ein junger Kurde hinter einem Baume
hervor, trat mit größter Ehrerbietung zu mir heran und
sagte:

„Allahm d'allah — Gott sei Dank, daß ich dich
wiedersehe, Herr! Wir haben große Sorge um euch gehabt.“

Ich erkannte sogleich in ihm einen der Männer,
welche gestern dem Melek glücklich entkommen waren, und
antwortete:

„Man hat uns wieder ergriffen, aber wir befinden
uns wohl. Wer ist euer Anführer?“

„Der Raïs von Dalascha, und bei ihm ist der tapfere
Emir der Haddedihn vom Stamme der Schammar.“

Das war mir lieb, zu hören; also hatte Mohammed
Emin doch, wie ich vermutet hatte, den Weg nach Gumri
gefunden und kam nun, uns zu befreien.

„Ich kenne den Raïs von Dalascha nicht,“ sagte ich.
„Führe mich zu ihm!“

„Herr, er ist ein großer Krieger. Er kam gestern
am Abend, um den Bey zu besuchen, und da er hörte,
daß dieser gefangen sei, so schwur er, Lizan der Erde gleich
zu machen und alle seine Bewohner in die Hölle zu senden.
Jetzt ist er unterwegs, und wir gehen voran, damit er
nicht überrumpelt wird. Aber Herr, wo hast du dein
Pferd? Hat man es dir geraubt?“

„Nein, ich ließ es freiwillig zurück. Doch komm, und
führe mich!“

Ich nahm mein Tier am Zügel und folgte ihm. Wir
waren nicht viel über tausend Schritte gegangen, so stießen
wir auf eine Gruppe von Reitern, unter denen ich zu
meiner großen Freude Mohammed Emin erblickte. Er
befand sich zu Pferde und erkannte auch mich sofort.

„Hamdulillah,“ rief er, „Preis sei Gott, der mir die
Gnade giebt, dich wiederzusehen! Er hat dir den Pfad
erleuchtet, daß es dir glückte, diesen Nasarah zu entkommen. Aber,“ fügte er erschrocken hinzu — „du bist entflohen, ohne dein Pferd mitzunehmen?“

Dies war ihm ein ganz unmöglicher Gedanke, und
ich beruhigte ihn auch auf der Stelle:

„Ich bin nicht entflohen, und das Pferd gehört noch
mir. Es befindet sich in der Obhut von Hadschi Halef
Omar, bei dem es sicher ist.“

„Du bist nicht entflohen?“ fragte er erstaunt.

„Nein. Ich komme als der Abgesandte des Bey von
Gumri und des Melek von Lizan. Wo ist der Mann,
der hier zu gebieten hat?“

„Ich bin es,“ antwortete eine tiefe Stimme.

Ich sah mir den Mann scharf an. Er saß auf einem
starkknochigen, zottigen Pferde, das nur mit Palmenfaser aufgezäumt war. Es war sehr lang und außerordentlich hager gebaut. Ein ungeheurer Turban bedeckte
seinen Kopf, und sein Angesicht starrte von einem so borstigen und dichten Bart, daß man nur die Nase und zwei
Augen erblickte, die mich jetzt unheimlich forschend anfunkelten.

„Du bist der Raïs von Dalascha?“ fragte ich ihn.

„Ja. Wer bist du?“

Mohammed Emin antwortete an meiner Stelle:

„Es ist Kara Ben Nemsi Emir, von dem ich dir
erzählt habe.“

Der Kurde grub seinen Blick abermals tief in den
meinigen, und es schien dann, als ob er sich im klaren
über mich befände. Er sagte:

„Er soll uns später erzählen und mag sich uns jetzt
anschließen. Vorwärts!“

„Laß halten; ich habe mit dir zu sprechen,“ bat ich.

„Schweig!“ fuhr er mich an. „Ich bin der General
dieser Truppen, und was ich sage, das hat ohne Widerrede zu geschehen. Ein Weib redet, ein Mann aber handelt. Jetzt wird nicht geplaudert!“

Ich war nicht gewohnt, in einem solchen Tone mit
mir reden zu lassen. Auch Mohammed Emin gab mir
unbemerkt einen aufmunternden Wink. Der Raïs war
bereits einige Schritte fort; ich trat vor und griff seinem
Pferde in die Zügel.

„Halt! Bleib! Ich bin der Abgesandte des Bey!“
warnte ich ihn mit ernster Stimme.

Ich habe immer gefunden, daß ein furchtloses Wesen,
unterstützt durch ein wenig Leibesstärke, diesen halbwilden
Leuten imponiert. Hier aber schien es, daß ich mich verrechnen sollte; denn der Mann erhob die Faust und
drohte:

„Mensch, die Hand vom Pferde, sonst schlag ich!“

Ich erkannte, daß meine Sendung vollständig verunglückt sei, wenn ich mich nur im geringsten von ihm
einschüchtern ließe. Darum ließ ich wohl mein Pferd
fahren, nicht aber das seinige, und antwortete:

„Ich bin hier an Stelle des Bey von Gumri und
habe zu befehlen; du aber bist nichts als ein kleiner Kiaja,
der augenblicklich zu gehorchen hat. Steige ab!“

Da riß er die Flinte von der Schulter, faßte sie beim
Laufe und wirbelte sie um den Kopf.

„Ker, seri te tschar tan kim,“ brüllte er, „ich spalte
dir den Kopf in vier Teile, du Dummkopf!“

„Versuche es, doch zuerst gehorche!“ entgegnete ich
lachend.

Mit einem raschen Ruck riß ich sein Pferd auf die
Hinterbeine nieder und schlug dem Tiere dann den Fuß
mit solcher Gewalt an den Bauch, daß es erschrocken
wieder emporprallte. Diese beiden Bewegungen folgten
so schnell aufeinander, daß der Kiaja augenblicklich abgeschleudert wurde. Ehe er sich erheben konnte, hatte ich
ihm die Flinte und das Messer entrissen und erwartete
seinen Angriff.

„Sa — Hund!“ brüllte er, indem er emporschnellte
und sich auf mich warf; „ich zermalme dich!“

Er sprang auf mich ein; ich hob nur den Fuß bis
zur Gegend seiner Magengrube — ein Tritt, und er überschlug sich rückwärts zur Erde nieder. Nun nahm ich
sein eigenes Gewehr empor und zielte auf ihn.

„Mann, bleib weg von mir, sonst schieße ich!“ gebot
ich ihm.

Er raffte sich empor, hielt sich die Magengegend und
blickte mich mit wutfunkelnden Augen an, wagte aber doch
keinen Angriff mehr.

„Gieb mir meine Waffen!“ grollte er drohend.

„Später, wenn ich mit dir gesprochen habe!“

„Ich habe nichts mit dir zu sprechen!“

„Aber ich mit dir, und ich bin gewohnt, mir Gehör
zu verschaffen; das merke dir, Kiaja!“

„Ich bin kein Kiaja; ich bin ein Raïs, ein Nezanum!“

Obgleich dieser Vorgang bis jetzt nur wenige Augenblicke in Anspruch genommen hatte, war er doch von den
anrückenden Kurden bemerkt worden, und es hatte sich
eine bedeutende Anzahl derselben, die sich immer mehr
vergrößerte, um uns versammelt. Doch sagte mir ein
einziger Blick, daß keiner von ihnen gewillt war, voreilig Partei zu ergreifen. Darum antwortete ich unbesorgt:

„Du bist weder ein Raïs noch ein Nezanum; du
bist nicht einmal ein freier Kurde, wie diese tapferen
Männer hier, denen du befehlen willst.“

„Beweise es!“ rief er in höchster Wut.

„Du bist der Dorfälteste von Dalascha; aber die sieben
Orte Dalascha, Chal, Serschkiutha, Beschukha, Behedri,
Biha und Schuraisi gehören zu dem Lande Chal, welches
dem Statthalter von Amadijah Tribut bezahlt und folglich dem Pascha von Mossul und also auch dem Großherrn in Stambul unterthänig ist. Der Aelteste eines
Dorfes, welches dem Padischah Tribut entrichtet, ist aber
nicht ein freier Nezanum, sondern ein türkischer Kiaja.
Wenn mich ein freier, tapferer Kurde beleidigt, so fordere
ich mit der Waffe Rechenschaft von ihm; denn er ist der
Sohn eines Mannes, der vor keinem Menschen sein Knie
beugte. Wagt es aber ein türkischer Kiaja, der ein Diener
des Mutessarif ist, mich einen Hund zu nennen, so werfe
ich ihn vom Pferd herab und gebe ihm die Sohle meines
Fußes auf den Leib, damit er die Demut lerne, die er
jedem tapfern Manne schuldig ist! Sagt mir, ihr Männer: Wer hat den Tribut-Einsammler eines türkischen
Dorfes zum Anführer der berühmten Kurden von Berwari gemacht?“

Ein lautes Murmeln ließ sich rundum hören. Dann
antwortete einer:

„Er selbst.“

Ich wandte mich an den Sprecher:

„Kennst du mich?“

„Ja, Emir, die meisten von uns kennen dich.“

„Du weißt, daß ich ein Freund und Gast des Bey bin?“

„Wir wissen es!“

„So antworte mir: Gab es unter den Berwari keinen,
der würdig gewesen wäre, die Stelle des Bey zu vertreten?“

„Es giebt ihrer viele,“ antwortete er stolz; „aber
dieser Mann, den du Kiaja nennst, ist oft in Gumri. Er
ist ein starker Mann, und da er eine Blutrache mit dem
Melek von Lizan hat und wir mit einer langen Wahl
keine Zeit verlieren wollten, so haben wir ihm den Befehl
übergeben.“

„Er ist ein starker Mann? Habe ich ihn nicht vom
Pferde geworfen und dann zu Boden getreten? Ich sage
euch, daß sein Leib die Erde nicht wieder verlassen, seine
Seele aber zur Dschehennah fahren soll, wenn er es noch
ein einziges Mal wagt, mich oder einen meiner Freunde
zu beleidigen! Die Faust eines Emir aus Tschermanistan
ist wie Kumahsch für den Gefährten, für den Feind aber
wie Tschelik und Demihr.“

„Herr, was forderst du von ihm?“

„Der Bey ist in Lizan gefangen. Er sendet mich zu
euch, um mit eurem Anführer zu besprechen, was ihr thun
sollt. Dieser Mann aber will dem Bey nicht gehorchen;
er will nicht mit mir reden und hat mich einen Hund
genannt.“

„Er muß gehorchen — er muß dich hören!“ rief es
im Kreise.

„Gut,“ antwortete ich. „Ihr habt ihm den Befehl
übertragen, und so mag er ihn behalten, bis der Bey
wieder frei ist. Aber wie ich ihm seine Ehre gebe, so soll
er mir auch die meinige erweisen. Der Bey hat mich gesandt; ich stehe hier an seiner Stelle; will dieser Kiaja
in Frieden mit mir verkehren und mich behandeln, wie
ein Emir behandelt werden muß, so gebe ich ihm seine
Waffen zurück, und der Bey soll bald wieder in eurer
Mitte sein.“

Ich blickte mich forschend im Kreise um. Es standen, so weit ich sie sehen konnte, weit über hundert Männer zwischen den lichten Büschen umher, und alle riefen
mir ihre Zustimmung zu. Darauf wandte ich mich zu
dem Kiaja:

„Du hast meine Worte gehört; ich erkenne dich als
Anführer an und werde dich deshalb jetzt Agha nennen.
Hier hast du deine Flinte und dein Messer. Und nun
erwarte ich, daß du auf meine Worte hörst.“

„Was hast du mir zu sagen?“ brummte er höchst
mißmutig.

„Rufe alle deine Berwari zusammen. Sie sollen nicht
eher vorgehen, als bis unsere Besprechung zu Ende ist.“

Er blickte mich sehr erstaunt an.

„Weißt du denn nicht, daß wir Lizan überfallen
wollen?“ fragte er mich.

„Ich weiß es; aber es geschieht auch später noch zur
rechten Zeit.“

„Wenn wir zaudern, so werden die Nasarah über
uns herfallen. Sie wissen, daß wir kommen; sie haben
uns gesehen.“

„Eben weil sie es wissen, sendet der Bey mich zu
euch. Sie werden euch nicht überfallen; sie haben sich
über den Zab zurückgezogen und werden die Brücke verteidigen.“

„Weißt du dies genau?“

„Ich selbst habe es ihnen angeraten.“

Er blickte finster vor sich nieder, und auch aus dem
Kreise rings umher wurde mancher mißbilligende Blick
auf mich geworfen. Dann entschied er sich:

„Herr, ich werde thun, was du verlangst; aber glaube
nicht, daß wir von einem Fremden einen schlechten Rat
annehmen werden!“

„Das thue, wie du willst! Laß einen freien Platz
aussuchen, wo wir Raum genug haben, um die Versammlung überblicken zu können. Die Assiretah mögen zur
Beratung kommen, die andern aber sollen den Ort bewachen, damit ihr keine Sorge zu haben braucht.“

Er gab die nötigen Befehle, und nun kam reges
Leben in die Leute. Dabei hatte ich Zeit, einige Worte
mit Mohammed Emin zu sprechen. Ich erzählte ihm
unsere Erlebnisse seit unserer Trennung und wollte ihn
nun auch nach den seinigen fragen, als gemeldet wurde,
daß ein passender Platz gefunden sei. Wir mußten aufbrechen.

„Sihdi,“ sagte der Haddedihn, „ich danke dir, daß
du diesem Kiaja gezeigt hast, daß wir Männer sind!“

„Hat er dies an dir nicht auch bemerkt?“

„Herr, ich habe kein solches Glück wie du. Ich wäre
von diesen Männern zerrissen worden, wenn ich ihm nur
halb so viel gesagt hätte, wie du. Und dann bedenke,
daß ich nur wenige kurdische Worte reden kann; sie aber
haben nur einige unter sich, die etwas Arabisch verstehen.
Dieser Kiaja muß ein berüchtigter Dieb und Räuber sein,
weil sie solchen Respekt vor ihm haben.“

„Nun, du siehst, daß sie mich nicht weniger achten,
obgleich ich kein Dieb und Räuber bin. Wenn er mich
beleidigt, schlage ich ihm ins Gesicht; das ist das ganze
Geheimnis der Scheu, die sie vor mir haben. Und
das merke dir, Mohammed Emin: — nicht die Faust
allein thut es, sondern wer einen guten, fruchtbaren Hieb
austeilen will, bei dem muß zugleich auch der Blick des
Auges und der Ton der Stimme ein Schlag sein, der
den Gegner niederstreckt. Komm, man erwartet uns;
wir trennen uns nicht wieder.“

„Welche Vorschläge hast du zu machen?“

„Du wirst sie hören.“

„Aber ich verstehe euer Kurdisch nicht.“

„Ich werde dir das Nötige von Zeit zu Zeit verdolmetschen.“

Wir gelangten zwischen den weit auseinander stehenden Büschen und Bäumen hindurch an eine Lichtung, die
genug Raum zur bequemen Verhandlung bot. Rundum
waren die Pferde angebunden. Etwa zwanzig martialische
Krieger saßen mit dem Agha in der Mitte des Platzes;
die übrigen aber hatten sich ehrerbietig zurückgezogen, entweder bei den Pferden oder tiefer im Busche stehend, um
für unsere Sicherheit zu sorgen. Es war ein malerischer
Anblick, den diese sonderbar gekleideten Kurden mit ihren
so verschieden aufgeschirrten Tieren boten; doch hatte ich
keine Zeit, weitere Betrachtungen darüber anzustellen.

„Herr,“ begann der Agha, „wir sind bereit, zu hören,
was du uns zu sagen hast. Aber gehört dieser auch mit
zu den Assiretha?“

Er deutete dabei auf Mohammed Emin. Diesen bös
gemeinten Hieb mußte ich sofort zurückgeben.

„Mohammed Emin ist der berühmte Emir der Beni
Haddedihn vom Stamme der Arab-esch-Schammar. Er ist
ein weiser Fürst und ein unüberwindlicher Krieger, dessen
grauen Bart selbst der Ungläubige achtet. Noch niemand
hat es gewagt, ihn vom Pferde zu werfen oder ihm den
Fuß auf den Leib zu setzen. Sage noch ein einziges Wort,
welches mir nicht gefällt, so kehre ich zum Bey zurück,
nehme dich aber vor mich auf das Pferd und lasse dir
in Lizan die Fußsohlen peitschen!“

„Herr, du wolltest in Frieden mit mir reden!“

„So halte du selbst diesen Frieden, Mensch! Zwei
Emire wie Mohammed Emin und ich lassen sich von tausend Männern nicht beleidigen. Mit unseren Waffen
brauchen wir dein ganzes Land Chal nicht zu fürchten.
Wir stellen uns unter das Odschag dieser Berwari-Kurden, die nicht zugeben werden, daß die Freunde ihres
Bey beleidigt werden.“

Wer das Odschag anruft, dem ist der beste Schutz
auf alle Fälle sicher, und so erhob sich auch sofort der
älteste der Krieger, nahm Mohammed und mich bei der
Hand und beteuerte mit drohender Stimme:

„Wer diese Emire kränkt, der ist mein Feind. Ser
babe men — beim Haupte meines Vaters!“

Dieser Schwur des angesehensten Kurden war kräftig
genug, uns von jetzt an gegen die Beleidigungen des Kiaja
zu schützen. Dieser fragte nun:

„Welches ist die Botschaft, die du uns auszurichten
hast?“

„Ich habe euch zu sagen, daß der Bey von Gumri
der Gefangene des Melek von Lizan ist —“

„Das wußten wir vorher; dazu brauchst du nicht zu
uns zu kommen.“

„Wenn du in die Dschehennah zu deinen Vätern
kommst, so bedanke dich bei ihnen dafür, daß sie dich zu
einem so höflichen Mann gemacht haben. Nur bei den
Negern und Adschani ist es Sitte, einander nicht vollständig aussprechen zu lassen; dein Chodschah aber hat
die Rute verdient!“

Trotzdem ich die Zurechtweisung also selbst übernommen hatte, zog doch auch der alte Kurde seine Pistole
hervor und meinte gleichmütig:

„Ser babe men — beim Haupte meines Vaters! Vielleicht wird man bald die Stimme dieses Gewehres vernehmen! Fahre weiter fort, Emir!“

Es war gewiß eine eigentümliche Lage. Wir beiden
Fremdlinge wurden gegen den eigenen Anführer in Schutz
genommen. Was würde wohl ein civilisierter Kavallerierittmeister dazu sagen? Solche Dinge können nur im wilden
Kurdenlande vorkommen! Ich folgte der Aufforderung
und redete weiter:

„Der Melek von Lizan verlangt das Blut des Bey.“

„Warum?“ fragte es umher.

„Weil durch die Kurden so viele Chaldani gefallen
sind.“

Diese Behauptung brachte unter meinen Zuhörern
eine ganz bedeutende Aufregung hervor. Ich ließ sie einige
Zeit gewähren und bat sie dann, mich ruhig anzuhören:

„Ich bin der Abgesandte des Bey; aber ich bin zu
gleicher Zeit auch der Bote des Melek; ich liebe den Bey,
und auch der Melek hat mich gebeten, sein Freund zu sein.
Darf ich einen von ihnen betrügen?“

„Nein,“ antwortete der Alte.

„Du hast recht gesprochen! Ich bin fremd in diesem
Lande; ich habe weder mit euch noch mit einem Nasarah
eine Rache und darum muß ich das Wort des Propheten
befolgen: ‚Dein Wort sei der Schutz deines Freundes!‘
Ich werde zu euch so sprechen, als ob der Bey und der
Melek hier ständen und mit euch redeten. Und Allah
wird eure Herzen erleuchten, daß kein ungerechter Gedanke eure Seele verdunkelt.“

Wieder nahm der Alte das Wort.

„Rede getrost, Herr; rede auch für den Melek, denn
auch er hat dich gesandt. Du wirst nur die Wahrheit
sagen, und wir glauben, daß du uns nicht beleidigen und
erzürnen willst!“

„So hört, meine Brüder! Es ist noch nicht viele
Jahre her, da gab es ein großes Geschrei auf den Bergen
und ein großes Wehklagen in den Thälern; die Menschen
weinten auf den Höhen, und die Kinder der Menschen
heulten in den Tiefen; das Schwert wütete wie die erste
Stunde des jüngsten Tages, und das Messer lag in der
Hand des tausendfältigen Todes. Saget mir, wer führte
dieses Schwert und dieses Messer?“

„Wir!“ erscholl es triumphierend rundum im Kreise.

„Und wer waren jene, welche untergingen?“

Dieses Mal kam der Anführer allen zuvor:

„Die Nasarah, die Allah verderben möge!“

„Was hatten sie euch gethan?“

„Uns?“ fragte er verwundert. „Sind sie nicht Giaurs?
Glauben sie nicht an drei Götter? Beten sie nicht Menschen an, welche längst gestorben sind? Predigen nicht die
Ulemas die ewige Vernichtung gegen sie?“

Es wäre hier die größte Unvorsichtigkeit gewesen,
theologische Streitfragen aufzugreifen; darum antwortete
ich einfach:

„Also ihr habt sie wegen ihres Glaubens getötet!
Ihr gebt zu, daß ihr sie getötet habt, Hunderte und
Tausende?“

„Viele Tausende!“ sagte er stolz.

„Nun wohl, ihr kennt die Thar, die Blutrache. Dürft
ihr euch wundern, daß die Verwandten der Gemordeten
sich jetzt erheben und euer Blut fordern?“

„Herr, sie dürfen das nicht; sie sind Giaurs!“

„Du irrst, denn Menschenblut bleibt Menschenblut.
Das Blut Abels war nicht das Blut eines Moslem, und
dennoch sprach Gott zu Kain: ‚Das Blut deines Bruders
schreit mir von der Erde empor.‘ Ich war in vielen
Ländern und bei vielen Völkern, deren Namen ihr nicht
einmal kennt; sie waren keine Moslemim, aber die Blutrache hatten sie doch, und sie wundern sich nicht darüber,
daß auch ihr den Tod der Eurigen rächt. Ich stehe hier
als ein unparteiischer Bote; ich darf nicht sagen, daß nur
ihr allein das Recht zur Blutrache habt, denn auch eure
Gegner haben ihr Leben von Gott erhalten, und wenn
sie es nicht gegen euch verteidigen sollen, so seid ihr feige
Mörder. Ihr gebt zu, daß ihr Tausende von ihnen getötet habt; nun dürft ihr euch nicht wundern, wenn sie
das Leben eures Bey von euch fordern, der in ihre Hände
gefallen ist. Eigentlich hätten sie das Recht, grad so viele
Leben von euch zu fordern, als ihr ihnen genommen habt.“

„Die Giaurs mögen kommen!“ murrte der Agha.

„Sie werden auch kommen, wenn ihr ihnen nicht die
Hand der Versöhnung reicht.“

„Der Versöhnung? Bist du toll?“

„Ich bin bei Sinnen. Was wollt ihr ihnen thun?
Der Zab liegt zwischen ihnen und euch, und es würde
euch sehr viele Leben kosten, um die Brücke oder eine Furt
zu erstürmen. Und bis euch dies gelänge, hätten sie so
viele Helfer aus Aschihtha, Serspitho, Zawitha, Minijanisch, Murghi und aus andern Orten erhalten, daß sie
euch erdrücken würden.“

Da erhob sich der Anführer mit der Miene eines
Anklägers vom Boden.

„Weißt du, wer daran schuld ist?“ fragte er.

„Wer?“ erwiderte ich ruhig.

„Du selbst, nur du allein.“

„Ich? Inwiefern?“

„Hast du uns nicht vorhin selbst gestanden, daß du
ihnen den Rat gegeben hast, sich hinter den Fluß zurückzuziehen?“ — Und zu den andern gewendet, fügte er
hinzu: „Seht ihr nun, daß er nicht unser Freund, sondern ein Verräter ist?“

Ich entgegnete ihm:

„Grad weil ich euer Freund bin, habe ich ihnen
diesen Rat gegeben; denn sobald der erste Mann von
ihnen unter euren Waffen gefallen wäre, hätten sie den
Bey getötet. Soll ich vielleicht zurückkehren und dem
Bey sagen, daß ihr sein Leben für nichts achtet?“

„So meinst du also, daß wir gar nicht angreifen
sollen?“

„Das meine ich allerdings.“

„Herr, hältst du uns für Feiglinge, die nicht einmal
den Tod jener Männer rächen, welche gestern gefallen
sind?“

„Nein. Ich halte euch für tapfere Krieger, jedoch
aber auch für kluge Männer, welche nicht unnötigerweise
in den Tod rennen. Ihr kennt den Zab; wer von euch
will hinüberkommen, wenn drüben der Feind liegt und
jeden einzelnen von euch mit einer Kugel zu empfangen
vermag?“

„Daran bist nur du allein schuld!“

„Pah! Ich habe damit dem Bey das Leben gerettet.
Soll dies umsonst geschehen sein?“

„Du hast nicht ihm, sondern dir das Leben retten
wollen!“

„Du irrst. Ich und meine Gefährten, wir sind Gäste
des Melek. Nur der Bey und die Kurden, welche mitergriffen wurden, sind Gefangene. Sie sterben, sobald ihr
die Feindseligkeiten beginnt.“

„Und wenn wir nicht glauben, daß du der Gast des
Melek bist, wie willst du es uns beweisen?“

„Stände ich hier, wenn ich Gefangener wäre?“

„Er könnte dich auf dein Wort entlassen haben. Aus
welchem Grunde hat er dich unter den Schutz seines
Hauses genommen? Wer hat dich ihm, dem Melek von
Lizan, empfohlen?“

Ich mußte eine Antwort geben, und ich gestehe offen,
daß ich mich schämte, den Namen eines Weibes nennen
zu müssen.

„Ich wurde ihm empfohlen zwar nur von einem
Weibe, auf dessen Wort er aber sehr viel zu geben scheint.“

„Wie heißt dasselbe?“

„Marah Durimeh.“

Ich hatte gefürchtet, mich lächerlich zu machen, und
war daher überrascht von der ganz entgegengesetzten Wirkung, welche dieser Name hervorbrachte. Der Agha machte
ein sehr überraschtes Gesicht und meinte:

„Marah Durimeh? Wo hast du sie getroffen?“

„In Amadijah.“

„Wann?“ forschte er weiter.

„Vor wenigen Tagen.“

„Wie bist du ihr begegnet?“

„Ihre Enkeltochter hatte Gift gegessen, und da ich
ein Hekim bin, so wurde ich geholt. Ich traf Marah
Durimeh dort und rettete die Kranke.“

„Hast du der Alten gesagt, daß du nach Gumri und
Lizan gehen würdest?“

„Ja.“

„Hat sie dich nicht gewarnt?“

„Ja.“

„Und als du bei deinem Vorsatze bliebst, was that
sie da? Besinne dich. Vielleicht hat sie dir ein Wort
gesagt, welches ich dir nicht nennen darf.“

„Sie sagte, wenn ich in Gefahr komme, so solle ich
nach dem Ruh 'i kulyan fragen. Dieser werde mich beschützen.“

Kaum hatte ich dieses Wort genannt, so stand der
Sprecher, welcher sich erst mir so feindselig gesinnt gezeigt
hatte, vor mir und reichte mir die Hand entgegen.

„Emir, das habe ich nicht gewußt. Verzeihe mir!
Wem Marah Durimeh dieses Wort gesagt hat, dem darf
kein Leid geschehen. Und nun wird deine Rede vor unsern
Ohren Achtung finden. Wie stark sind die Nasarah?“

„Das werde ich nicht verraten. Ich bin ebenso ihr
Freund wie der eurige; ich werde auch ihnen nicht sagen,
wie stark ihr gekommen seid.“

„Du bist vorsichtiger, als es nötig ist. Glaubst du
wirklich, daß sie den Bey töten werden, wenn wir sie angreifen?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Werden sie ihn freigeben, wenn wir uns zurückziehen?“

„Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Der Melek
wird auf meine Rede hören.“

„Aber es sind mehrere der Unsrigen getötet worden:
sie müssen gerächt werden.“

„Habt ihr nicht vorher Tausende der Nasarah getötet?“

„Zehn Kurden gelten höher als tausend Nasarah!“

„Und die Chaldani denken, daß zehn Nasarah höher
gelten, als tausend Kurden.“

„Würden sie uns den Blutpreis bezahlen?“

„Ich weiß es nicht, aber ich gestehe euch offen, daß
ich an ihrer Stelle es nicht thun würde.“

„So wirst du ihnen den Rat geben, es nicht zu thun?“

„Nein, denn ich rede sowohl bei euch als auch bei
ihnen nur das, was zum Frieden dient. Sie haben wenige
von euch getötet, ihr aber Tausende von ihnen; also wären
nur sie es, die einen Preis zu fordern hätten. Außerdem
haben sie den Bey in ihrer Gewalt, und wenn ihr ernstlich nachdenkt, so werdet ihr erkennen, daß sie euch gegenüber im Vorteile sind.“

„Sind sie sehr kriegerisch gestimmt?“

Eigentlich hätte ich jetzt „Nein“ sagen sollen, ich zog
es aber vor, eine ausweichende Antwort zu geben:

„Habt ihr sie gestern vielleicht feig gesehen? Meßt
das Blut, welches den Zab hinabgeflossen ist; zählt die
Knochen, welche noch heute das Thal des Flusses füllen,
aber fragt ja nicht, ob der Zorn der Hinterlassenen groß
genug zur Rache ist!“

„Haben sie viele und gute Gewehre?“

„Das werde ich nicht verraten. Oder soll ich auch
ihnen sagen, wie ihr bewaffnet seid?“

„Haben sie auch ihre Habe auf das andere Ufer gerettet?“

„Nur der Unkluge läßt seine Habe zurück, wenn er
sich flüchtet. Die Chaldani haben übrigens so wenig
Eigentum, daß es ihnen nicht schwer fallen kann, es mit
sich zu nehmen.“

„Tritt zurück! Wir werden jetzt beraten, nachdem
wir alles gehört haben, was ich wissen wollte.“

Ich folgte diesem Gebote und erhielt dadurch Gelegenheit, Mohammed Emin mit dem bisherigen Inhalte
unserer Verhandlung bekannt zu machen. Noch bevor die
Kurden zu einem Entschlusse gekommen waren, näherten
sich einige ihrer Krieger und brachten einen unbewaffneten
Mann herbei.

„Wer ist das?“ fragte der Agha.

„Dieser Mann,“ antwortete einer, „schlich heimlich
in unserer Nähe herum, und als wir ihn ergriffen, sagte
er, daß er von dem Melek an diesen Emir abgesandt
worden sei.“

Bei den letzten Worten deutete der Sprecher auf mich.

„Was sollst du bei mir?“ fragte ich den Chaldani.

Diese Sendung wollte mir verdächtig oder doch wenigstens sehr unvorsichtig erscheinen. Jedenfalls aber gehörte
ein ungewöhnlicher Mut dazu, sich unter die feindseligen
Kurden zu wagen.

„Herr,“ antwortete er, „du bliebst dem Melek zu
lange aus, und so sandte er mich, um dir zu sagen, daß
der Bey getötet wird, wenn du nicht sehr schnell zurückkehrst.“

„Seht ihr, daß ich euch recht berichtet habe?“ wandte
ich mich an die Kurden. „Laßt den Mann schleunigst
umkehren. Er mag dem Melek sagen, daß mir nichts
geschehen ist und daß er mich in kurzer Zeit wieder bei
sich sehen wird.“

„Führt ihn fort!“ gebot der Agha.

Man gehorchte, und dann wurde die Verhandlung
schnell wieder aufgenommen.

Ich mußte mir gestehen, daß das Erscheinen dieses
Boten von günstigem Einflusse auf die Entschließungen
der Kurden sein werde; dennoch aber kam es mir sonderbar vor, daß dieser Mann abgeschickt worden war. Der
Melek hatte sich doch kurz vorher nicht gar so blutdürstig
gezeigt, und aus Rücksicht auf mich war die Drohung
auch nicht nötig, da ich als Gastfreund des Bey doch von
den Kurden nichts zu fürchten hatte.

Endlich waren die Assiretah zu einem Entschluß gekommen, und ich wurde wieder herbeigerufen. Der Anführer nahm das Wort:

„Herr, du versprichst uns, bei den Nasarah kein Wort
zu sagen, welches zu unserm Schaden ist?“

„Ich verspreche es.“

„So wirst du jetzt zu ihnen zurückkehren?“

„Ich und mein Freund Mohammed Emin.“

„Warum soll er nicht bei uns bleiben?“

„Ist er euer Gefangener?“

„Nein.“

„So kann er gehen, wohin es ihm beliebt, und er
hat beschlossen, an meiner Seite zu bleiben. Was soll ich
dem Melek sagen?“

„Daß wir die Freiheit unseres Bey verlangen.“

„Und dann?“

„Dann mag der Bey bestimmen, was geschehen soll.“

Diese Bestimmung konnte einen gefährlichen Hintergedanken haben; darum erkundigte ich mich:

„Wann soll er ausgeliefert werden?“

„Sofort, mit seinen Begleitern.“

„Wohin soll er kommen?“

„Hierher.“

„Ihr werdet nicht weiter vorwärts dringen?“

„Für jetzt nicht.“

„Aber dann wohl, wenn der Bey ausgeliefert worden ist?“

„Es wird dann geschehen, was der Bey bestimmt.“

„Und wenn der Melek ihn erst dann ausliefern will,
wenn ihr friedlich nach Gumri zurückgekehrt seid?“

„Herr, darauf gehen wir nicht ein. Wir ziehen nicht
eher von hier fort, als bis wir den Herrscher von Gumri
bei uns sehen.“

„Was begehrt ihr noch?“

„Nichts weiter.“

„Dann hört, was ich euch noch zu sagen habe. Ehrlich
habe ich gegen euch gehandelt und werde dies auch gegen
den Melek thun. Ich werde ihn zu keinem Zugeständnis
bereden, welches ihm Schaden bringt. Und vor allem
merkt euch dies, daß der Bey sofort getötet wird, wenn
ihr diesen Ort verlaßt, ehe der Friede vollständig geschlossen ist.“

„Willst du etwa dem Melek zu diesem Mord raten?“

„Allah behüte mich davor! Aber ich werde auch nicht
zugeben, daß ihr den Bey nur zu dem Zweck zurückerhaltet, daß er euch dann gegen Lizan führt.“

„Herr, du redest sehr kühn und aufrichtig!“

„So merkt ihr wenigstens, daß ich es mit meinen
Freunden ehrlich meine. Schicket euch in Geduld, bis ich
wiederkehre!“

Ich stieg aufs Pferd, Mohammed Emin ebenso. Wir
verließen den Platz, und kein Kurde begleitete uns.

„Welche Botschaft hast du auszurichten?“ fragte der
Haddedihn.

Ich erklärte ihm meinen Auftrag und auch meine
Bedenken. Während dieser Auseinandersetzung gingen
unsere Pferde einen schnellen Schritt, und wir hatten beinahe den Fluß erreicht, als ich zur Seite von uns ein
verdächtiges Rascheln zu vernehmen glaubte. Ich wandte
mein Gesicht der Gegend zu und sah in demselben Augenblick das Aufleuchten zweier Schüsse, welche auf mich und
Mohammed gerichtet waren. Sofort nach dem Doppelknalle rannte das Pferd des Haddedihn mit seinem Reiter
durch die Büsche; auf das meinige aber hatte man besser
gezielt: es brach augenblicklich zusammen, und da der
Vorfall ganz unerwartet und blitzschnell über uns kam,
so fand ich nicht einmal Zeit, meine Füße aus den Steigbügeln zu befreien. Ich stürzte mit und kam halb unter
das Pferd zu liegen. Im nächsten Augenblick sah ich acht
Männer beschäftigt, sich meiner Waffen zu bemächtigen
und mich zu binden. Einer von ihnen war derjenige,
welcher vorhin als ein Bote des Melek bei mir gewesen
war. So hatte mich mein Mißtrauen also doch nicht
betrogen!

Ich vermutete eine Schurkerei des Raïs von Schohrd,
des Nedschir-Bey, und wehrte mich aus Leibeskräften.
Ich lag an der Erde, und mein rechtes Bein steckte unter
dem Pferde; aber ich hatte doch die Arme zur Verfügung,
und wenn man sie mir auch festzuhalten und zu fesseln
suchte, so gelangen mir doch noch einige gute Stöße, ehe
ich wehrlos gemacht wurde. Mit acht kräftigen Männern
aber fertig zu werden, davon war natürlich keine Rede,
zumal sie mir beinahe noch während des Sturzes die
Waffen entrissen hatten.

Nun zogen sie mich unter dem Pferde hervor, so daß
ich mich auf die Füße erheben konnte. Es war nicht das
erste Mal, daß ich mich in Fesseln befand, aber auf eine
so niederträchtige Weise war ich doch noch nicht gebunden
worden. Man hatte mir nämlich Riemen an die Handgelenke geschlungen und mittels derselben den rechten Arm
über die Brust hinweg auf die linke Achsel, den linken
Arm aber auf die rechte Achsel gezogen und dann im
Nacken die Riemen so fest geknotet, daß mir die Brust
fast bis zur Atmungsunfähigkeit zusammengepreßt ward.
Außerdem wurden die Kniee so miteinander verbunden,
daß ich keine weiten Schritte zu gehen vermochte; und um
das Maß voll zu machen, ward ich mit dem einen Ellbogen an den Steigbügel eines der Buschklepper geschnallt,
— sie waren zu Pferde, hatten aber ihre Tiere vor dem
Ueberfalle hinter die Büsche versteckt.

Von dem Aufblitzen der Schüsse an bis zu dem Augenblick, wo ich an dem Pferde befestigt war, waren kaum
drei Minuten vergangen. Ich hoffte, Mohammed Emin
werde zurückkehren, wollte aber nicht um Hilfe rufen, um
mir diesen Menschen gegenüber keine Blöße zu geben.
Reden aber mußte ich nun doch einmal:

„Was wollt ihr von mir?“ fragte ich.

„Nur dich wollen wir,“ antwortete der mutmaßliche
Anführer. „Auch dein Pferd wollten wir, aber du hattest
es nicht bei dir.“

„Wer seid ihr?“

„Bist du ein Weib, daß du so neugierig bist?“

„Pah! Ihr seid Hunde im Dienste Nedschir-Beys. Er hat sich nicht an mich gewagt; drum sendet
er seine Meute, damit ihm ja die Haut nicht geritzt
werde!“

„Schweig! Weshalb wir dich gefangen nehmen, das
wirst du bald erfahren. Doch verhalte dich still und
schweigsam, sonst bekommst du einen Knebel in den Mund!“

Die Männer setzten sich langsam in Bewegung. Wir
kamen an den Fluß, ritten — natürlich außer mir, da
ich gehen mußte — eine Strecke an demselben hinab und
hatten dann wohl eine Furt erreicht, denn wir gingen in
das Wasser.

Am jenseitigen Ufer stand eine Schar Bewaffneter,
die sich aber bei unserm Anblick sofort unsichtbar machte.
Jedenfalls war es Nedschir-Bey, welcher das Gelingen
seines Streiches dort abgewartet hatte und sich nun befriedigt zurückzog.

Das Bett des Flusses war hier mit scharfkantigen,
schlüpfrigen Steinen besäet; das Wasser reichte mir stellenweise bis an die Brust, und da ich zu eng an das Pferd
gefesselt war, so hatte ich mehr als genug auszustehen,
ehe wir das andere Ufer erreichten. Dort blieben sechs
von den Reitern zurück, während mich die übrigen zwei
weiter schleppten.

Es ging am Flusse abwärts bis an ein wildes Bergwasser, welches sich hier von der linken Seite her in den
Zab ergießt. Nun ritten die beiden längs dieses Wassers
aufwärts. Es war für mich ein beschwerlicher Weg, zumal die Eskorte nicht die mindeste Rücksicht auf mich
nahm. Kein Mensch begegnete uns. Nachher ging es
seitwärts hin über wildes Gerölle, durch wirres Dorngestrüpp, und ich merkte, daß man auf diese Weise das
Dorf Schohrd vermeiden wolle, dessen ärmliche Hütten und
Häusertrümmer ich bald unter uns erblickte.

Später bogen wir wieder nach rechts und gelangten
in eine wilde Schlucht, welche in das Thal von Raola
hinabzuführen schien. Hier kletterten wir eine Strecke
weiter, bogen um einige Felsen und gelangten endlich an
ein Bauwerk, das einem vier bis fünf Ellen hohen,
kubischen Steinhaufen glich und nur eine einzige niedrige
Oeffnung zeigte, welche zugleich als Thür und als Fenster
zu dienen schien.

Vor diesem Steinwürfel stiegen sie ab.

„Madana!“ rief der eine.

Sogleich ließ sich in dem Innern der Hütte ein heiseres Grunzen vernehmen, und einige Augenblicke später
trat ein altes Weib aus dem Loch hervor. Madana heißt
auf deutsch: „Petersilie“. Wie die Alte zu diesem würzigen Namen gekommen war, weiß ich nicht; aber als sie
jetzt ganz nahe vor mir stand, duftete sie nicht nur nach
Petersilie, sondern es entströmte ihr eine Atmosphäre,
welche aus den Gerüchen von Knoblauch, faulen Fischen,
toten Ratten, Seifenwasser und verbranntem Hering zusammengesetzt zu sein schien. Hätte mich die Fessel nicht
an dem Pferde festgehalten, so wäre ich einige Schritte
zurückgewichen. Gekleidet war diese schöne Bewohnerin
des Zabthales in einen kurzen Rock, den man bei uns
wohl kaum als Scheuerlappen hätte benutzen mögen; der
Rand desselben reichte nur wenig bis über die Kniee
herab und ließ ein Paar gespenstische Gehwerkzeuge sehen,
deren Aussehen vermuten ließ, daß sie bereits seit langen
Jahren nicht mehr gewaschen worden seien.

„Ist alles bereit?“ erkundigte sich der Mann und
stellte eine lange Reihe von kurzen Fragen, die alle mit
„Ja“ beantwortet wurden.

Jetzt wurde ich losgebunden und mit weit niedergebogenem Haupte in die Hütte geschoben. Es gab doch
einige Ritzen in der Mauer, durch welche ein Lichtstrahl
einzudringen vermochte, und so konnte ich das Innere des
Bauwerkes ziemlich genau erkennen. Dasselbe bildete einen
kahlen, viereckigen, roh aufgemauerten Raum, in dessen
hinterster Ecke man einen starken Pfahl tief und fest in
die Erde gerammt hatte. Neben demselben lag ein mäßiger
Haufen von Streu und Blätterwerk, und in der Nähe
erblickte ich neben einem gefüllten Wassernapfe einen großen
Scherben, der früher wohl einmal zu einem Krug gehört
hatte, jetzt aber als Schüssel benützt wurde und eine Masse
enthielt, welche halb aus Tischlerleim und halb aus Regenwürmern oder Blutegeln zu bestehen schien.

Zwar hätte ich mich trotz meiner Fesseln doch immerhin einigermaßen zu sträuben vermocht, aber ich ließ es
ruhig geschehen, daß ich mit einem starken Strick an den
Pfahl gebunden wurde. Dies geschah in der Weise, daß
ich auf die Streu zu liegen kam. Meine Arme blieben
nach wie vor auf den Achseln befestigt.

Das Weib war draußen vor dem Eingang stehen
geblieben. Der eine meiner Begleiter verließ schweigsam
die Hütte, der andere jedoch hielt es für notwendig, mir
einige Verhaltungsmaßregeln zu erteilen.

„Du bist gefangen,“ bemerkte er ebenso treffend wie
geistreich.

Ich antwortete nicht.

„Du kannst nicht entfliehen,“ belehrte er mich in sehr
überflüssiger Weise.

Ich antwortete wieder nicht.

„Wir gehen jetzt,“ fuhr er fort; „aber dieses Weib
wird dich sehr streng bewachen.“

„So sage ihr wenigstens, daß sie draußen bleiben
soll!“ bemerkte ich endlich doch.

„Sie muß in der Hütte bleiben,“ erwiderte er; „sie
darf dich nicht aus den Augen lassen und soll dich auch
füttern, wenn du Hunger hast; denn du kannst deine
Hände nicht gebrauchen.“

„Wo ist das Futter?“

„Hier!“

Er deutete auf den wackern Scherben, dessen Inhalt
mir so verführerisch entgegenlachte.

„Was ist es?“ erkundigte ich mich.

„Ich weiß es nicht, aber Madana kann kochen, wie
keine zweite im Dorfe.“

„Warum schleppt ihr mich hierher?“

„Das habe ich dir nicht zu sagen; du wirst es von
einem andern erfahren. Mache keinen Versuch, dich zu
befreien, sonst giebt Madana ein Zeichen, und es kommen
einige Männer, um dich noch schlimmer zu fesseln.“

Jetzt ging auch er fort. Ich hörte die sich entfernenden Schritte der beiden Männer; dann kam die holde
„Petersilie“ hereingekrochen und kauerte sich neben dem
offenen Eingang in der Weise nieder, daß ich grad vor
ihrem Blicke lag.

Es war zwar keine angenehme Lage, in welcher ich
mich befand, sie machte mir doch weniger Sorgen als der
peinigende Gedanke an die Gefährten in Lizan. Der
Melek lauerte mit Schmerzen auf mich, und die Kurden
erwarteten wohl längst schon meine Wiederkehr. Und
hier lag ich angebunden, wie eine Dogge in der Hundehütte! Was mußte daraus entstehen!

Einen Trost hatte ich doch. War Mohammed Emin
nach Lizan gekommen, so hatte man sicher sofort den Platz
aufgesucht, an welchem ich überfallen worden war. Man
fand das tote Pferd und die Spuren des Kampfes, und
im übrigen mußte ich dann auf den Scharfsinn und die
Verwegenheit meines treuen Halef bauen.

So lag ich längere Zeit in Gedanken versunken und
zermarterte mir vergebens den Kopf, um eine Art und
Weise, wie die Flucht gelingen könne, zu ersinnen. Da
störte mich die Stimme der holden Madana auf. Sie
war ein Weib; warum sollte sie so lange schweigen!

„Willst du essen?“ fragte sie mich.

„Nein.“

„Trinken?“

„Nein.“

Das Gespräch war zu Ende, aber die duftende Petersilie kam herbeigekrochen, ließ sich in der unmittelbaren
Nähe meiner armen Nase häuslich nieder und nahm dann
den von mir verschmähten Scherben auf ihren Schoß.
Ich sah, daß sie mit allen fünf Fingern der rechten Hand
in das geheimnisvolle Amalgam langte und dann den
zahnlosen Mund wie eine schwarzlederne Reisetasche auseinanderklappte — ich schloß die Augen. Eine Zeitlang
hörte ich ein mächtiges Geknatsch; sodann vernahm ich
jenes sanfte, zärtliche Streichen, welches entsteht, wenn die
Zunge als Wischtuch gebraucht wird, und endlich erklang
ein langes, zufriedenes Grunzen, welches ganz hörbar aus
einer wonnetrunkenen Menschenseele kam. O Petersilie,
du Würze des Lebens, warum duftest du nicht draußen
im Freien!

Nach langer Zeit erst öffnete ich die Augen wieder.
Mein Schirm und Schutz saß noch immer vor mir und
hielt die Augen forschend auf mich gerichtet. In diesen
Augen schimmerte ein wenig Mitleid und viel Neugierde.

„Wer bist du?“ fragte sie mich.

„Weißt du es nicht?“ antwortete ich.

„Nein. Du bist ein Moslem?“

„Ich bin ein Christ.“

„Ein Christ und gefangen? Du bist kein Berwari-Kurde?“

„Ich bin ein Christ aus dem fernen Abendlande.“

„Aus dem Abendlande!“ rief sie erstaunt. „Wo die
Männer mit den Frauen tanzen? Und wo man mit
Schaufeln ißt?“

Also der Ruhm unserer abendländischen Kultur war
bereits bis zu den Ohren der Petersilie gedrungen: sie
hatte von unserer Polka und von unsern Löffeln gehört.

„Ja,“ nickte ich.

„Aber was willst du hier in diesem Lande?“

„Ich will sehen, ob hier die Frauen schön sind,
wie die unserigen.“

„Und was hast du gefunden?“

„Sie sind sehr schön.“

„Ja, sie sind schön,“ stimmte sie bei, „schöner als in
einem andern Lande. Hast du ein Weib?“

„Nein.“

„Ich bedaure dich! Dein Leben gleicht einer Schüssel,
in der weder Sarmysak noch Saljanghosch ist!“

Sarmysak und Saljanghosch, Schnecken in Knoblauch?
Sollte dies das fürchterliche Gericht sein, welches vorhin
in der „Reisetasche“ verschwand! Und das hatte die Petersilie ohne „Schaufeln“ bewältigt!

„Willst du dir kein Weib nehmen?“ erkundigte sie
sich weiter.

„Ich möchte vielleicht wohl, aber ich kann nicht.“

„Warum nicht?“

„Kann man es thun, wenn man so gefesselt ist?“

„Du wirst warten, bis du wieder frei geworden bist.“

„Wird man mir die Freiheit wiedergeben?“

„Wir sind Chaldani; wir töten keinen Gefangenen.
Was hast du gethan, daß man dich gebunden hat?“

„Das will ich dir erzählen. Ich bin über Mossul
und Amadijah in dieses Land gekommen, um — — —“

Sie unterbrach mich hastig:

„Ueber Amadijah?“

„Ja.“

„Wann warst du dort?“

„Vor kurzer Zeit.“

„Wie lange bliebst du dort?“

„Einige Tage.“

„Hast du dort vielleicht einen Mann gesehen, der ein
Emir und ein Hekim aus dem Abendlande war?“

„Ich habe ihn gesehen.“

„Beschreibe ihn mir!“

„Er hat ein Mädchen gesund gemacht, welches Gift
gegessen hatte.“

„Ist er noch dort?“

„Nein.“

„Wo befindet er sich?“

„Warum fragst du nach ihm?“

„Weil ich gehört habe, daß er in diese Gegend
kommen wird.“

Sie sprach mit einer Hast, welche nur von dem lebhaftesten Interesse hervorgebracht sein konnte.

„Er ist bereits in dieser Gegend,“ sagte ich.

„Wo? Schnell, sage es!“

„Hier.“

„Hier in Schohrd? Du irrst; ich habe nichts davon
gehört!“

„Nicht hier in Schohrd, sondern hier in deiner
Hütte.“

„In dieser Hütte? Katera aïssa — um Jesu willen,
dann wärst du's ja!“

„Ich bin der Mann, nach dem du fragst.“

„Herr, kannst du dies beweisen?“

„Ja.“

„Wen trafst du in dem Hause der Kranken, welche
Gift gegessen hatte?“

„Ich traf dort Marah Durimeh.“

„Hat sie dir einen Talisman gegeben?“

„Nein; aber sie hat mir gesagt, wenn ich hier in Not
kommen werde, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen.“

„Du bist's, du bist's, Herr!“ rief sie, indem sie die
Hände zusammenschlug. „Du bist der Freund von Marah
Durimeh; ich werde dir helfen; ich werde dich beschützen.
Erzähle mir, wie du in diese Gefangenschaft geraten bist!“

Dies war heut bereits zum dritten Male, daß ich
die wunderbare Wirkung von dem Namen Marah Durimehs
erlebte. Welche Macht besaß dieses geheimnisvolle Weib?

„Wer ist Marah Durimeh?“ fragte ich.

„Sie ist eine alte Fürstin, deren Nachkommen vom
Messias abgefallen und zu Muhammed übergetreten sind.
Nun thut sie Buße für sie und wird ruhelos hin und
her getrieben.“

„Und wer ist der Ruh 'i kulyan?“

„Das ist ein guter Geist. Die einen sagen, es sei
der Engel Gabriel, und andere meinen, daß es der Erzengel Michael sei, der die Gläubigen beschützt. Er hat
hier gewisse Orte und gewisse Zeiten, wo und wann man
zu ihm kommen kann. Aber erzähle mir vorher, wie du
gefangen wurdest!“

Die Erfüllung dieses Wunsches konnte mir nur Nutzen
bringen. Ich überwand die Unannehmlichkeit meiner
Körperlage und die Beschwerden, welche mir die Armfesseln verursachten, und erzählte meine Erlebnisse von
Amadijah bis zur gegenwärtigen Stunde. Die Alte hörte
mir mit der größten Aufmerksamkeit zu, und als ich geendet hatte, faßte sie fast zärtlich die eine meiner zusammengeschnürten Hände.

„Herr,“ rief sie, „du hast recht vermutet: Nedschir-Bey ist es, der dich gefangen hält. Ich weiß nicht,
weshalb er es gethan hat, aber ich liebe ihn nicht; er ist
ein gewaltthätiger Mann, und ich werde dich retten.“

„Du willst mir diese Fesseln abnehmen?“

„Herr, das darf ich nicht wagen. Nedschir-Bey wird
bald kommen, und dann würde er mich sehr bestrafen.“

„Was willst du sonst thun?“

„Emir, heut ist der Tag, an welchem man um
Mitternacht hier zum Ruh 'i kulyan geht. Der Geist
wird dich erretten.“

„Willst du bei ihm für mich bitten?“

„Ich kann nicht zu ihm; ich bin sehr alt, und der
Weg ist mir zu steil. Aber“ — — — sie hielt inne und
blickte nachdenklich vor sich nieder; dann blickte sie mich
forschend an — — „Herr, wirst du mir eine Lüge sagen?“

„Ich sage dir die Wahrheit!“

„Wirst du fliehen, wenn du mir versprichst, es nicht
zu thun?“

„Was ich verspreche, das halte ich!“

„Deine Arme schmerzen dich. Wirst du hier bleiben,
wenn ich sie dir losbinde?“

„Ich verspreche es.“

„Aber darf ich sie dir auch wieder fesseln, wenn
jemand kommt?“

„Auch das.“

„Schwöre es!“

„Die heilige Schrift gebietet: Eure Rede sei ja ja,
nein nein; was darüber ist, das ist unrecht. — Ich
schwöre nicht, aber ich verspreche es dir und werde mein
Wort halten.“

„Ich glaube dir!“

Sie erhob sich halb und versuchte es, die Riemen
in meinem Nacken zu lösen. Ich gestehe reumütig, daß
mir in diesem Augenblicke der Duft der guten „Petersilie“
nicht im geringsten widerwärtig war. Ihr Vorhaben
gelang, und ich streckte die schmerzenden Arme mit Wonne
aus und gönnte der so lange eingepreßten Brust einen
tiefen Atemzug. Madana aber nahm von jetzt an ihren
Platz draußen vor der Hütte, wo sie jeden Nahenden
bereits von weitem sehen und hören konnte. Daß unsere
Unterhaltung durch die Thüröffnung fortgesetzt werden
könne, bewies mir die brave Alte auf der Stelle.

„Wenn jemand kommt, werde ich dich einstweilen
wieder binden,“ sagte sie; „und dann — dann — —
dann — — — o Herr, würdest du wiederkommen, wenn
ich dir erlaube, einmal fortzugehen?“

„Ja. Wohin aber soll ich gehen?“

„Hinüber auf den Berg, zum Ruh 'i kulyan.“

Ich horchte erstaunt auf. Das war ja ein Abenteuer, wie mir noch selten eines geboten worden war.
Ich sollte heimlich aus meiner Gefangenschaft beurlaubt
werden, um den geheimnisvollen „Geist der Höhle“
kennen zu lernen.

„Ich gehe, und du kannst dich darauf verlassen, daß
ich ganz sicher wiederkomme!“ versprach ich Madana mit
Freuden. „Aber ich kenne den Weg ja nicht!“

„Ich rufe Ingdscha, welche dich führen wird.“

Ingdscha heißt „Perle“. Dieser Name war vielversprechend.

„Wer ist Ingdscha?“ erkundigte ich mich neugierig.

„Eine der Töchter von Nedschir-Bey.“

„Von diesem?“ fragte ich überrascht.

„Die Tochter ist anders als der Vater, Herr.“

„Aber wird sie mich auf den Weg führen, da sie
weiß, daß es ihrem Vater gilt?“

„Sie wird. Sie ist der Liebling Marah Durimehs,
und ich habe mit ihr gesprochen von dem fremden Emir,
welcher das Gift besiegt und dessen Waffen niemand
widerstehen kann.“

Also war mein Ruf als Wunderdoktor selbst bis
hierher gedrungen. Erstaunt fragte ich:

„Wer sagte das?“

„Dein Diener hat es in Amadijah dem Vater der
Kranken erzählt, und Marah Durimeh hat es Ingdscha
wiedergesagt. Sie ist begierig, einen Emir aus Frankistan
zu sehen. Soll ich sie rufen, Herr?“

„Ja, wenn es nicht viel gewagt ist.“

„Dann aber muß ich dich vorher binden, doch bloß
bis ich wiederkomme.“

„So thue es!“

Ich ließ mich unter diesen Umständen ganz gern
wieder fesseln, und als dies geschehen war, verließ die
Alte die Hütte. Bald kehrte sie zurück und meldete, daß
Ingdscha kommen würde. Sie entfesselte mir die Hände,
und ich fragte, ob sie im Dorfe gewesen sei, und äußerte
die Besorgnis:

„Aber wenn man dich gesehen hat? Du sollst mich
doch bewachen!“

„O, die Männer sind nicht daheim, und die Frauen,
welche mich ja gesehen haben können, werden mich nicht
verraten.“

„Wo sind die Männer?“

„Sie sind gen Lizan gegangen.“

„Was thun sie dort?“

„Ich habe nicht gefragt. Was geht mich das Treiben
der Männer an! Wenn Ingdscha kommt, wird sie es
dir vielleicht sagen.“

Die Alte setzte sich wieder vor die Thür. Nach einiger
Zeit aber stand sie eilig auf und lief einer sich nahenden
Person entgegen. Ich hörte vor der Hütte ein leises
Geflüster, und dann verdunkelte sich der Eingang, um die
„Perle“ einzulassen.

Gleich der erste Blick auf die Eingetretene sagte mir,
daß der Name Ingdscha hier ganz an seinem Platze sei.
Das Mädchen mochte neunzehn Jahre zählen, war hoch
gebaut und von so kräftigen Körperformen, daß sie ohne
Bedenken die Frau eines Flügelmannes aus der alten,
preußischen Riesengarde hätte werden können. Dennoch
war das Gesicht ein mädchenhaft weiches und hatte jetzt,
dem Fremden gegenüber, sogar einen sehr bemerkbaren
Anflug von Schüchternheit.

„Sallam, Emir!“ grüßte sie mit fast leiser Stimme.

„Sallam!“ antwortete ich. „Du bist Ingdscha, die
Tochter des Raïs von Schohrd?“

„Ja, Herr.“

„Verzeihe, daß ich mich nicht erhebe, um dich zu begrüßen. Ich bin an diesen Pfahl gebunden.“

„Ich denke, Madana hat dich einstweilen frei gemacht?“

„Nur die Hände.“

„Warum nicht auch das übrige?“

Sie bog sich sofort zu mir nieder, um mir die Stricke
zu lösen, ich aber wehrte ab:

„Ich danke dir, du Gute! Aber ich bitte dich dennoch, es nicht zu thun, da wir zu lange Zeit brauchen,
um mich wieder zu binden, wenn jemand kommt.“

„Madana hat mir alles erzählt,“ erwiderte sie.
„Herr, ich werde nicht leiden, daß du hier am Boden
liegst, du, ein Emir aus dem Abendlande, der alle Länder der Erde bereist, um Abenteuer zu erleben!“

Aha, das waren die Folgen von der Aufschneiderei
meines kleinen Hadschi Halef Omar. Das Mädchen hielt
mich für einen abendländischen Harun al Raschid, welcher
Jagd auf Abenteuer machte.

„Du wirst es aus Vorsicht dennoch leiden müssen,“
antwortete ich. „Komm, laß dich an meiner Seite nieder
und erlaube, daß ich dir einige Fragen vorlege!“

„Herr, deine Güte ist zu groß. Ich bin ein armes,
geringes Mädchen, dessen Vater dich noch dazu tödlich beleidigt hat.“

„Vielleicht verzeihe ich ihm um deinetwillen.“

„Nicht um meinet-, sondern um meiner Mutter willen,
Herr. Er ist nicht mein rechter Vater; der erste Mann
meiner Mutter ist gestorben.“

„Armes Kind! Und der zweite Mann deiner Mutter
ist wohl streng und grausam mit dir?“

Ihr Auge leuchtete auf.

„Streng und grausam? Herr, das sollte er nicht
wagen! Nein, aber er verachtet sein Weib und seine Töchter; er sieht und hört nicht, daß sie sich in seinem Hause
befinden; er will nicht haben, daß wir ihn lieben, und
darum — darum ist es keine Sünde, wenn ich dich zum
Ruh 'i kulyan geleite.“

„Wann wird dies geschehen?“

„Grad um Mitternacht muß man auf dem Berge sein.“

„Er befindet sich in einer Höhle?“

„Ja. Allemal um Mitternacht am ersten Tage der
zweiten Woche.“

„Aber wie merkt man, daß er zugegen ist?“

„An dem Lichte, welches man mitbringen muß. Man
setzt ein Licht vor den Eingang der Höhle und zieht sich
zurück. Brennt es fort, so ist der Geist nicht da; verlöscht es aber, so ist er zugegen. Dann tritt man wieder
hinzu, geht drei Schritte weit in die Höhle hinein und
sagt, was man will.“

„In welchen Angelegenheiten darf man mit dem
Geiste sprechen?“

„In allen. Man kann ihn um etwas bitten; man
kann einen andern verklagen; man kann sich auch nach
etwas erkundigen.“

„Aber ich denke, der Geist spricht nicht! Wie erhält
man seine Antwort?“

„Wenn man den Wunsch gesagt hat, so geht man
bis an das Bild zurück und wartet kurze Zeit. Beginnt
das Licht wieder zu brennen, so ist die Bitte erfüllt, und
nach kurzer Zeit, oft schon in der ersten Nacht noch erhält man auf irgend eine Weise die Nachricht, welche man
erwartet hat.“

„Was ist das für ein Bild, von dem du redest?“

„Es ist ein hoher Pfahl, an welchem das Bild der
heiligen Mutter Gottes befestigt ist.“

Das überraschte mich, da ich wußte, daß die Chaldani
lehren, die heilige Maria sei nicht die Mutter Gottes,
sondern nur die Mutter des Menschen Jesus. Der geheimnisvolle Ruh 'i kulyan schien sonach ein guter Katholik
zu sein.

„Wie lange bereits steht dieses Bild?“ fragte ich.

„Ich weiß es nicht; es steht schon länger als ich lebe.“

„Und hat noch kein Kurde oder Chaldani gesagt,
daß es fort müsse?“

„Nein, denn dann würde der Ruh 'i kulyan für
immer verschwunden sein.“

„Und dies wünscht niemand?“

„Niemand, Herr. Der Geist thut Wohlthat über
Wohlthat in der ganzen Gegend. Er beglückt die Armen
und beratet die Reichen; er beschützt die Schwachen und
bedroht die Mächtigen; der Gute hofft auf ihn, und der
Böse zittert vor ihm. Wenn ich den Vater bitte, dich
frei zu geben, so verlacht er mich; wenn es ihm aber der
Geist gebietet, so wird er gehorchen.“

„Warst auch du einmal des Nachts oben bei der
Höhle?“

„Mehrere Male. Ich habe für meine Mutter und
Schwester gebeten.“

„Wurde deine Bitte erfüllt?“

„Ja.“

„Wer brachte dir die Erfüllung?“

„Die ersten Male kam es des Nachts, und ich konnte
nichts sehen; beim letzten Male aber war es Marah
Durimeh. Der Geist war ihr erschienen und hatte sie
zu mir gesandt.“

„So kennst du Marah Durimeh?“

„Ich kenne sie, seit ich lebe.“

„Sie ist wohl oft bei euch?“

„Ja, Herr. Und dann gehe ich mit ihr auf die
Berge, um Kräuter zu sammeln, oder wir besuchen die
Kranken, welche ihrer Hilfe bedürfen.“

„Wo wohnet sie?“

„Niemand weiß es. Vielleicht hat sie nirgends eine
Wohnung, aber sie ist in jedem Hause willkommen, in
das sie kommt.“

„Woher stammt sie?“

„Darüber wird sehr verschieden gesprochen. Die
meisten erzählen, daß sie eine Fürstin aus dem alten
Geschlechte der Könige von Lizan sei. Das war ein gar
mächtiges Geschlecht, und ganz Tijari und Tkhoma war
ihm unterthan. Sie aßen und tranken aus goldenen Gefäßen, und alles andere war von Silber und Metall
gemacht. Da aber wandten sie sich dem Propheten von
Medina zu, und der Herr schüttelte die Wolken seines
Zornes über sie aus; sie wurden verstreut in alle Lande.
Nur Marah Durimeh war ihrem Gott treu geblieben,
und er hat sie gesegnet mit einem hohen Alter, mit einem
weisen Herzen und mit großen Reichtümern.“

„Wo hat sie diese Reichtümer, da sie doch keine
Wohnung besitzt?“

„Niemand weiß es. Einige sagen, sie habe ihr Gold
in der Erde vergraben. Viele aber behaupten, sie habe
Macht über die Geister der Tiefe, welche ihr so viel Geld
bringen müssen, als sie brauche.“

„Also sie hat dir von mir erzählt?“

„Ja, alles, was dein Diener in Amadijah von dir
berichtet hat. Sie hat mir befohlen, sobald ich höre, daß
du in diese Gegend gekommen seist, solle ich hinauf zur
Höhle gehen, um den Ruh 'i kulyan zu bitten, dich vor
allem Unfall zu behüten. Nun aber wirst du dies selbst
thun.“

„Du gehst nicht ganz mit zur Höhle?“

„Nein. Wenn du selbst kommst, so kann ich fern
bleiben. Hast du nicht Hunger, Herr? Madana sagte
mir, daß du ihr erlaubt habest, dein Mahl zu verzehren.“

„Wer hatte dieses Mahl bereitet?“

„Sie selbst. Der Vater hat es bei ihr bestellt.“

„Warum nicht bei euch?“

„Weil wir nicht wissen sollen, daß er einen Gefangenen verbirgt. Der Mann Madanas ist sein bester
Gefährte, und darum hat sie den Befehl erhalten, dich
zu bewachen.“

„Wo sind die Männer eures Dorfes?“

„Sie werden sich in der Gegend von Lizan befinden.“

„Was thun sie dort?“

„Ich weiß es nicht.“

„Kannst du es nicht erfahren?“

„Vielleicht. Doch sage, Herr, ob du essen willst!“

Ich antwortete ausweichend:

„Ich verschmähte das Gericht, weil ich nicht gewohnt
bin, Schnecken mit Knoblauch zu essen.“

„O, Emir, ich werde dir etwas anderes bringen. In
einer Stunde ist es Nacht; ich eile, und dann komme ich
wieder, um dir von allem zu bringen, was wir haben!“

Sie erhob sich eilig, und ich bat:

„Erkundige dich auch, was eure Männer thun!“

Sie ging, und es war dies just zur rechten Zeit geschehen; denn noch waren kaum zehn Minuten vergangen,
so trat Madana, welche das Mädchen begleitet hatte, in
höchster Eile herein.

„Ich muß dich fesseln!“ rief sie. „Mein Mann
kommt, gesandt von Nedschir-Bey. Er darf nicht wissen,
daß wir miteinander gesprochen haben. Verrate mich nicht!“

Sie band mir die Arme wieder empor und hockte
sich dann neben dem Eingang nieder. Ihr altes, runzeliges
Gesicht nahm dabei einen unnahbaren, feindseligen Ausdruck an.

Bereits nach wenigen Sekunden erscholl der Hufschlag
eines Pferdes. Ein Reiter hielt vor der Hütte an, stieg
ab und trat herein. Es war ein alter, hagerer Kerl,
welcher jedenfalls nicht seinem Innern, wohl aber ganz
gut seinem Aeußern nach zu meiner braven „Petersilie“
paßte. Er trat ohne Gruß zu mir und untersuchte meine
Fesseln; als er diese in Ordnung fand, wandte er sich
barsch an sein Weib:

„Gehe hinaus und horche nicht!“

Sie verließ lautlos die Hütte, und er kauerte sich
mir gegenüber auf dem Boden nieder. Ich war wirklich
neugierig, was mir dieser Petersilius zu sagen habe, dessen
Kleidern der bereits beschriebene Duft seiner Madana im
Superlativ entströmte.

„Wie heißest du?“ herrschte er mich an.

Natürlich antwortete ich ihm nicht.

„Bist du taub? Ich will deinen Namen wissen.“

Wieder erfolgte das, was der Musiker tacet nennt.

„Mensch, wirst du antworten!“

Bei diesem Befehle versetzte er mir einen Tritt in
die Seite. Mit den Händen konnte ich ihn nicht fassen,
aber die Beine konnte ich wenigstens so weit bewegen,
als nötig war, ihm meine Ansicht von der Sache ohne
alle theoretische Auseinandersetzungen beizubringen; ich zog
die zusammengefesselten Kniee empor, stieß sie wieder aus
und schnellte mittels dieser Bewegung den Mann vom
Erdboden empor, daß er, wie von einer Katapulte geschleudert, an die Mauer flog. Sein Knochengerüst mußte
von einer ganz vorzüglichen Dauerhaftigkeit sein; er besah
sich zwar zunächst von allen Seiten, meinte aber dann im
besten Wohlsein:

„Mensch, das wage nicht wieder!“

„Rede höflich, so antworte ich höflich!“ entgegnete
ich nun.

„Wer bist du?“

„Spare solche Fragen! Wer ich bin, das weißt du
schon längst.“

„Was wolltest du in Lizan?“

„Das geht dich nichts an.“

„Was wolltest du bei den Berwari-Kurden?“

„Auch dies geht dich nichts an.“

„Wo hast du dein schwarzes Pferd?“

„Es ist sehr gut aufgehoben.“

„Wo hast du deine Sachen?“

„Da, wo du sie nicht bekommen wirst.“

„Bist du reich? Kannst du ein Lösegeld bezahlen?“

„Tritt näher, wenn du es haben willst. Merke dir
einmal, Mann: ich bin ein Emir, und du bist ein Untergebener deines Raïs. Nur ich allein habe zu fragen,
und du hast zu antworten. Glaube nicht, daß ich mich
von dir ausforschen lasse!“

Er schien es doch für das Klügste zu halten, auf
meine Ansicht einzugehen; denn er meinte nach kurzem
Ueberlegen:

„So frage du!“

„Wo ist Nedschir-Bey?“

„Warum fragst du nach ihm?“

„Weil er es ist, der mich überfallen ließ.“

„Du irrst!“

„Lüge nicht!“

„Und doch irrst du. Du weißt ja gar nicht, wo du
dich befindest!“

„Meinst du wirklich, daß ein Emir aus Frankistan
zu täuschen ist? Wenn ich von hier aus das Thal herniedersteige, komme ich nach Schohrd. Rechts davon liegt
Lizan, links Raola, und da oben auf dem Berge ist die
Höhle des Ruh 'i kulyan.

Er konnte eine Bewegung des Erstaunens nicht verbergen.

„Was weißt du von dem Geiste der Höhle, Fremdling?“

„Mehr wie du, mehr wie alle, die in diesem Thale
wohnen!“

Wieder war es Marah Durimeh, welche mich zum
Herrn der Situation machte. Der Nasarah wußte offenbar nicht, ob er sich nun des ihm gewordenen Auftrags
werde entledigen können.

„Sage, was du weißt,“ meinte er.

„Pah! Ihr seid nicht wert, von dem Geiste der Höhle
zu hören. Was willst du bei mir? Weshalb habt ihr
mich überfallen und gefangen genommen?“

„Wir wollen von dir zunächst dein Pferd.“

„Weiter.“

„Deine Waffen.“

„Weiter!“

„Alle deine Sachen.“

„Weiter!“

„Und alles, was deine Begleiter bei sich haben.“

„O Mann, du bist bescheiden!“

„Dann werden wir dich freilassen.“

„Glaubst du? Ich glaube es nicht, denn ihr wollt
noch mehr.“

„Nichts weiter, als daß du dem Melek von Lizan
befiehlst, den Bey von Gumri nicht loszugeben.“

„Befiehlst? Bist du verrückt, Alter? Du meinst, ich
könne dem Könige von Lizan Befehle erteilen, und wagst
es doch, mir Vorschriften zu machen, du, ein Wurm, den
ich mit Füßen trete!“

„Herr, schimpfe nicht!“

„Ich schimpfe nicht; ich sage die Wahrheit. Schäme
dich, Mensch! Du nennst dich einen Christen und bist doch
ein ganz gemeiner Dieb und Räuber. Auch ich bin ein
Christ und werde überall erzählen, daß die Chaldani
schlimmer sind, als die kurdischen Wegelagerer. Die
Berwari haben mich, den Christen, mit Freuden aufgenommen; die Nasarah und Dschohrd aber haben mich
hinterrücks überfallen und mich ausgeraubt.“

„Du wirst nichts erzählen, denn wenn du nicht thust,
was ich dir sage, so wirst du niemals wieder ohne
Fesseln sein.“

„Das wird sich finden, denn der Melek von Lizan
wird mich von euch fordern.“

„Wir fürchten ihn nicht; er hat uns nicht zu befehlen, und wir werden noch heut sehr mächtige Verbündete erhalten. Wirst du thun, was ich gefordert
habe?“

„Niemals!“

„So wisse, daß ich erst morgen wiederkomme. Du
bekommst niemand zu sehen, als nur mich und deine Wärterin, welche dir kein Essen mehr bringen darf. Der
Hunger wird dich gefügig machen! Und da du mich mit
den Füßen getreten hast, so sollst du zur Strafe auch
dürsten müssen.“

Er schüttete das Wasser aus dem Napfe, machte noch
eine verächtliche Gebärde gegen mich und trat dann hinaus
in das Freie. Da hörte ich ihn einige Zeit lang in befehlendem Tone mit seinem Weib reden, dann stieg er
aufs Pferd und ritt davon.

Ich wußte nun, warum man sich meiner bemächtigt
hatte. Dem Raïs von Dschohrd war an einem Kampfe
mit den Kurden gelegen, und daher sollte ich als Vermittler unschädlich gemacht werden; nebenbei konnte man
sich dann auch mein Eigentum aneignen. Der angebliche
Bote des Melek war von dem Raïs geschickt worden, um
sich zu überzeugen, wo ich mich befände.

Nach einiger Zeit trat Madana ein.

„Hat er dich beleidigt, Herr?“ war ihre erste Frage.

„Laß es gut sein!“

„Emir, zürne ihm nicht! Der Raïs hat es ihm geboten. Aber er war sehr zornig auf dich. Ich soll kein
Wort mit dir sprechen und darf dir weder Essen noch
Trinken geben.“

„Wann kommt er wieder?“

„Erst morgen, sagte er. Er muß noch in der Nacht
nach Murghi reiten.“

„Kommen unterdessen andere Männer herbei?“

„Ich glaube es nicht. Es dürfen nur wenige wissen,
wo du dich befindest. Er hat dir das Wasser ausgeschüttet;
ich werde an die Quelle gehen, um dir anderes zu holen.“

Sie that es und brachte auch einen Bündel Kienspäne herbei, um die Hütte zu erleuchten; denn es begann
bereits stark zu dunkeln. Eben hatte sie den ersten brennenden Span in eine Mauerlücke gesteckt, als von draußen
Schritte erschollen. Zum Glück war ich noch nicht entfesselt worden. Aber was war das? Diese hastigen
Lungentöne gehörten sicher einem Hunde, der mit aller
Gewalt an der Leine vorwärts strebte — jetzt ein kurzer
scharfer Laut — o, diesen kannte ich, denn ich hatte ihn
oft genug gehört.

„Dojan!“ rief ich im frohesten Tone.

Ein lautes Bellen und ein menschlicher Ruf war zu
vernehmen; dann sauste der Hund durch den Eingang
herein, riß die brave „Petersilie“ über den Haufen und
stürzte sich, vor Freude heulend, über mich her. Und
gleich im nächsten Augenblick erschien der drohende Lauf
einer Büchse in der Thür, und eine Stimme fragte:

„Sihdi, bist du drin?“

„Ja, Halef!“

„Ist Gefahr?“

„Nein. Du kannst ohne Sorge eintreten!“

Nun schob der kleine Hadschi erst die Büchse, dann
seinen zwölfhaarigen Schnurrbart und endlich sich selbst
herein.

„Hamdulillah, Sihdi, daß ich dich habe! Wie kommst
du an diesen fremden — — — Maschallah, du bist gefangen, du bist gefesselt! Von diesem Weibe? Von diesem
Drachen? Fahre zur Dschehennah, du Ausbund aller
Häßlichkeit!“

Er riß im höchsten Grimme seinen Dolch heraus.

„Halt, Halef!“ gebot ich. „Ich bin zwar gefangen,
aber diese Frau ist meine Freundin. Sie hätte mich errettet, auch wenn du nicht gekommen wärst.“

„Dich? Errettet, Sihdi?“

„Ja. Wir hatten uns den Plan bereits besprochen.“

„Und ich wollte sie erstechen!“ — Er wandte sich
mit strahlendem Gesichte zu ihr: „Preis sei Allah, der
dich erschaffen hat, du schönste der Frauen in Kurdistan!
Dein Haar ist wie Seide, deine Haut wie die Verschämtheit der Morgenröte, und dein Auge glänzt wie ein Stern
des Himmels. Wisse, du Holde: ich bin Hadschi Halef
Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
al Gossarah! Du hast meinen Freund und Gebieter mit
der Güte deines Herzens erquickt, und darum — — —“

„Halt ein!“ unterbrach ich den Fluß seiner Rede.
„Diese Frau versteht kein Wort arabisch, sondern nur
kurdisch.“

Jetzt suchte er seinen ganzen kurdischen Wortvorrat
zusammen, um ihr verständlich zu machen, daß er sie für
die schönste und würdigste aller Frauen halte und daß
sie sich für alle Tage ihres Lebens auf seine Freundschaft
verlassen könne. Ich aber half ihm und ihr aus der
Verlegenheit, indem ich ihr erklärte:

„Madana, du sprachst heut von meinem Diener, der
dem Vater der Kranken in Amadijah von mir erzählt
hatte. Dieser hier ist es! Er hat meine Spur gefunden
und bis hierher verfolgt, um mich zu retten.“

„O Herr, was wirst du nun thun? Wirst du fliehen?“

„Sei unbesorgt! Ich werde nichts thun, ohne zuvor
mit dir gesprochen zu haben. Setze dich ruhig nieder!“

Unterdessen hatte Halef meine Bande zerschnitten und
neben mir Platz genommen. Ich befand mich jetzt in
Sicherheit, denn mit ihm und dem Hunde fürchtete ich
keinen Nasarah.

„Sihdi, erzähle,“ bat er.

Ich berichtete ihm auf das ausführlichste, was mir
widerfahren war, und es versteht sich ganz von selbst,
daß ich von ihm häufig durch die lebendigsten Ausrufungen
unterbrochen wurde. Endlich sagte er:

„Sihdi, wäre ich ein Pascha, so würde ich Madana
belohnen und Ingdscha heiraten. Da ich aber kein Pascha
bin und schon meine Hanneh habe, so rate ich dir: Nimm
du die ‚Perle‘ zur Frau! Sie ist groß und stark —
wie du selbst!“

„Ich werde es mir überlegen,“ erwiderte ich lachend.
„Nun aber, vor allen Dingen, sage mir, wie es in Lizan
steht, und wie du auf meine Spur gekommen bist.“

„O, Sihdi, das hat eine große Verwirrung gegeben.
Es geschah, was du gesagt hattest: die Nasarah zogen
sich über den Fluß zurück und warteten auf deine Rückkehr. Aber du kamst nicht — — —“

„Kam nicht der Haddedihn?“

„Er kam, und als er über die Brücke reiten wollte,
wäre er beinahe erschossen worden; doch ich erkannte ihn
noch zur rechten Zeit. Er erzählte, daß man unterwegs
auf euch geschossen hätte. Sein Pferd war gestreift worden
und mit ihm durchgegangen. Es dauerte längere Zeit,
bis er es zu zügeln vermochte; dann ritt er zurück und
fand mein Pferd, das du geritten hattest, tot am Boden
liegen; du aber warst verschwunden.“

„Holte er nicht schnell bei den Kurden Hilfe?“

„O nein, Sihdi. Er glaubte, sie seien euch heimtückisch nachgefolgt, um euch zu töten; denn ihr Anführer,
der Kiaja, war ein böser Mann gewesen. Darum eilte
der Haddedihn nun schnell nach Lizan, um uns herbeizuholen.“

„Jetzt kamt ihr in Verlegenheit?“

„Ich nicht, Sihdi, aber die andern. Ich wußte, was
zu thun sei, und habe es später auch richtig gethan. Sie
jedoch hielten einen großen Rat, und es wurde beschlossen,
eine Gesandtschaft zu den Kurden zu schicken; sie sollten
dich oder deinen Leichnam herausgeben.“

„Gott sei Dank! So weit war es nicht gekommen!“

„Herr, wärest du von ihnen getötet worden; — bei
Allah, ich wäre nicht eher aus diesem Lande fortgegangen,
als bis ich alle Berwari nach und nach erschossen hätte!
Du weißt es, daß ich dich lieb habe!“

„Ich weiß es, mein braver Halef. Doch weiter!“

„Die Gesandtschaft wurde von den Kurden sehr
schlimm aufgenommen —“

„Wer war dabei?“

„Mohammed Emin, zwei Kurden, die mit uns
von den Nasarah gefangen wurden, der Schreiber des
Melek und ein Nasarah, der arabisch reden kann und den
Dolmetscher des Haddedihn machen sollte. Zuerst wollten
die Kurden nicht glauben, daß du überfallen worden seist;
sie hielten das für eine Hinterlist von dem Melek. Als
sie aber das tote Pferd sahen, glaubten sie es. Nun behaupteten sie, die Nasarah hätten dich beseitigt, weil sie
keinen Vermittler haben wollten. Es wurden Botschaften
hin und her gesandt. Dann kam auch Nedschir-Bey und
sagte, du seist von den Berwari-Kurden erschossen worden;
er habe es vom andern Ufer aus gesehen — — —“

„Der Schuft!“

„Das ist er, Sihdi. Aber er soll seinen Lohn erhalten! So wäre es beinahe zum Kampf gekommen; da
aber ging ich zum Melek, der sich grad bei dem Bey
von Gumri befand, und bat ihn, sie sollten einen Waffenstillstand abschließen, und ich wolle während dieser Zeit
sehen, ob ich dich finden könne. Sie glaubten, das sei
unmöglich; aber als ich von unserm Hunde sprach, bekamen sie Hoffnung. Es wurde nun noch eine letzte Gesandtschaft fortgeschickt, mit der ich gehen sollte. Die
Berwari zeigten sich einverstanden, daß beide Teile bis
morgen mittag auseinander bleiben sollten; bist du dann
noch nicht wieder da, so geht der Kampf los.“

„Nun, und du?“

„Wir gingen mit dem Hunde an die Stelle, wo das
Pferd liegt. Dojan fand sofort deine Fährte und zog
mich fort bis an den Fluß. Es war klar, daß du über
das Wasser hinübergeschafft worden warest. Die andern
meinten, ich solle erst nach Lizan zurück, um über die
Brücke an das andere Ufer zu kommen; ich aber hatte
keine Zeit dazu, denn der Abend war schon nahe. Ich
zog mich aus, wickelte meine Kleider um den Kopf, legte
die Waffen darauf und ging mit dem Hunde allein hinüber.“

„Fandet ihr die Spur sofort?“

„Ja, Sihdi. Wir folgten ihr, nachdem ich mich wieder
angekleidet hatte — und da sind wir nun, Effendi!“

„Halef, das werde ich dir nicht vergessen!“

„Schweig, Herr! Du hättest ganz dasselbe und auch
noch mehr für mich gethan!“

„Was sagte der Engländer?“

„Man versteht seine Sprache nicht, aber er ist ganz
wütend herumgelaufen und hat ein Gesicht gemacht, wie
ein Panther, wenn er gefangen ist.“

„Weiß Nedschir-Bey, daß du mich suchst und den
Hund bei dir hast?“

„Nein. Er war schon vorher wieder fort.“

„Sind dir hier Leute begegnet?“

„Niemand. Der Hund führte mich durch eine Gegend,
wo kein Mensch zu gehen scheint.“

„Wo befindet sich mein Rappe?“

„Im Hofe des Melek. Ich habe ihn dem Haddedihn
übergeben.“

„So ist er in guten Händen.“

Da erschollen leichte Schritte draußen. Halef griff
nach seinen Waffen, und Dojan machte sich sprungfertig.
Ich beruhigte beide, denn es war Ingdscha, die eintrat.

Das Mädchen blieb ganz erstaunt am Eingange stehen,
als sie den Diener und den Hund erblickte.

„Fürchte dich nicht,“ sagte ich; „dieser Mann und
dieser Hund sind dir freundlich gesinnt.“

„Wie kommen sie hierher?“

„Sie haben mich aufgesucht, um mich zu befreien.“

„So willst du uns verlassen?“

„Jetzt noch nicht.“

„Bedarfst du noch des Ruh 'i kulyan?“

„Ja. Willst du mich noch zu ihm führen?“

„Gern, Emir. Hier habe ich dir Speise und Trank
gebracht. Nun aber wird es nicht ausreichen für zwei
und den Hund.“

Sie trug einen großen Binsenkorb, der voll bepackt war. Es hätten fünf Männer sich satt essen können.

„Sorge dich nicht, du Gute,“ antwortete ich; „es
reicht für mehr als für uns. Du und Madana, ihr beide
sollt auch mit zulangen.“

„Herr, wir sind Frauen!“

„In meinem Vaterlande werden die Frauen nicht
verachtet. Bei uns sind sie die Zierde und der Stolz des
Hauses und nehmen beim Mahle den Ehrenplatz ein.“

„O, Emir, wie glücklich sind eure Frauen!“

„Aber sie müssen mit Schaufeln essen!“ fiel die ‚Petersilie‘ in sehr mitleidigem Tone ein.

„Das sind keine Schaufeln, sondern kleine, zierliche
Werkzeuge von schönem Metall, mit denen es sich ganz
vortrefflich und noch viel appetitlicher essen läßt, als mit
den nackten Fingern. Wer bei uns sich während des
Essens die Hände mit Speise besudelt, der gilt für einen
unreinlichen und ungeschickten Menschen. Ich will euch
einmal zeigen, wie ein solcher Kaschyk aussieht.“

Während Ingdscha ein mitgebrachtes Tuch auf den
Boden breitete, um die Speisen darauf zu legen, nahm
ich Halefs Dolchmesser und schnitt mit demselben einen
tüchtigen Span aus dem Pfahle, um daraus einen Löffel
zu schnitzen. Er war bald fertig und erregte, als ich
ihnen den Gebrauch desselben an dem Wassernapfe zeigte,
die Bewunderung der beiden einfachen Frauen.

„Nun sage selbst, o Madana, kann man dieses kleine
Ding ein Kürek nennen?“

„Nein, Herr,“ antwortete sie. „Ihr braucht doch
keine so großen Mäuler zu haben, als ich erst dachte.“

„Herr, was wirst du mit diesem Kaschyk thun?“
fragte Ingdscha.

„Wegwerfen.“

„O nein, Emir! Magst du mir ihn nicht schenken?“

„Für dich ist er nicht schön genug. Für die Perle
von Schohrd müßte er von Silber sein.“

„Herr,“ meinte sie errötend, „er ist schön genug! Er
ist schöner, als wenn er von Altyn und Gümisch gemacht worden wäre; denn du hast ihn gefertigt. Ich
bitte dich, schenke ihn mir, damit ich eine Erinnerung
habe, wenn du uns verlassen hast!“

„So behalte ihn! Aber du sollst mich morgen mit
Madana in Lizan besuchen und da werde ich euch noch
etwas Besseres geben.“

„Wann willst du fort von hier?“

„Das wird der Ruh 'i kulyan bestimmen. Jetzt aber
setzt euch herzu. Wir wollen unser Mahl beginnen.“

Ich mußte diese Bitte noch einige Male wiederholen,
ehe sie erfüllt wurde. Halef hatte bisher gar nicht gesprochen, sondern nur immer das schöne Mädchen beobachtet.

Jetzt stieß mein kleiner Diener einen Seufzer aus
und meinte in arabischer Sprache:

„Sihdi, du hast recht!“

„Womit?“

„Selbst wenn ich ein Pascha wäre, ich paßte nicht
zu ihr. Nimm du sie, Sihdi! Sie ist schöner als alle,
die ich gesehen habe.“

„Es wird hier schon ein Jüngling sein, den sie lieb hat.“

„Frage sie einmal!“

„Das geht nicht, mein kleiner Hadschi Halef; das
würde sehr unhöflich und zudringlich sein.“

Ingdscha hatte wohl bemerkt, daß von ihr die Rede
war; darum sagte ich zu ihr:

„Dieser Mann ist bereits ein guter Bekannter von dir.“

„Wie meinst du das, Emir?“

„Es ist der Diener, von dem dir Marah Durimeh erzählt hat. Die andern haben alle geglaubt, daß
ich ermordet worden sei, und nur er allein hat es gewagt, mir nachzufolgen.“

„Er ist ein kleiner, aber ein treuer und mutiger
Mann,“ meinte sie mit einem Blick der Anerkennung auf ihn.

„Was sagte sie von mir?“ fragte er, da er diesen
Blick ganz wohl bemerkt hatte.

„Sie sagte, du seist ein sehr treuer und mutiger
Mann.“

„Sage ihr, sie sei ein sehr schönes und gutes Mädchen, und es sei sehr schade, daß ich so klein und kein
Pascha bin.“

Während ich seine Worte verdolmetschte, reichte er
ihr die Hand entgegen, und sie schlug lachend ein. Dabei
strahlte ihr Angesicht so lieb und gut, daß mich ein aufrichtiges und warmes Bedauern überkam, indem ich an
das einförmige, freudenlose Leben dachte, das ihrer in
diesem Lande wartete.

„Hast du nicht einen Wunsch, den ich dir erfüllen
könnte?“ fragte ich sie infolge dieser freundschaftlichen
Aufwallung.

Sie blickte mir einige Sekunden lang nachdenklich in
das Gesicht und antwortete dann:

„Ja, Herr, ich habe einen Wunsch.“

„Sage ihn!“

„Emir, ich werde sehr viel an dich denken. Wirst
du dich auch zuweilen an uns erinnern?“

„Oft, sehr oft!“

„Scheint der Mond bei euch auch so wie bei uns?“

„Ganz so.“

„Herr, blicke am Abend eines jeden Vollmondes zu
ihm empor; dann werden sich da oben unsere Augen
treffen!“

Jetzt war ich es, der ihr die Hand hinüber reichte.

„Ich werde es thun — und ich werde auch an andern Abenden deiner gedenken, wenn der Mond am Himmel
steht. So oft du ihn erblickst, so denke, daß er dir meine
Grüße bringen soll.“

„Und er dir die unsrigen!“

Jetzt stockte die Unterhaltung; wir waren ins Elegische geraten. Doch kehrte während des weiteren Verlaufs des Mahles die vorige Stimmung wieder zurück.
Ingdscha war sogar die erste, die das Wort von neuem
ergriff:

„Wird dein Diener mit zur Höhle gehen, Herr?“

„Nein. Er wird jetzt nach Lizan zurückkehren, um
meine Gefährten zu beruhigen.“

„Das mag er thun, denn ihnen droht Gefahr.“

„Welche?“ fragte ich anscheinend ruhig.

„Es waren vorhin zwei Männer hier. Der eine ritt
zu dir, und der andere blieb im Dorfe zurück. Mit diesem habe ich gesprochen. Er sollte niemand etwas sagen,
aber er hat mir doch genug verraten, was ich dir erzählen
muß. Du glaubst, daß der Streit bis morgen mittag
ruhen soll?“

„Ich hoffe es.“

„Es giebt viele Leute, die dies nicht wünschen, und
diese Männer haben sich meinen Vater zum Anführer
gewählt. Er hat Eilboten nach Murghi, Minijanisch und
Aschitha, auch das Thal abwärts bis nach Biridschai und
Ghissa gesandt, um alle waffenfähigen Männer herbeizurufen. Sie werden sich noch während der Nacht versammeln und dann am Morgen über die Berwari herfallen.“

„Welche Unvorsichtigkeit! Dein Vater wird das ganze
Thal unglücklich machen!“

„Glaubst du, daß die Berwari uns überlegen sind?“

„An Kriegstüchtigkeit, ja, wenn auch heute noch nicht
an Zahl. Aber wenn einmal der Kampf entbrannt ist,
so wird er an allen Orten auflodern, und dann sind die
Kurden euch hundertfach überlegen; denn die Chaldani
sind von den Stämmen der Kurden auf allen Seiten eingeschlossen.“

„O Gott, wenn du recht hättest!“

„Ich habe recht, das darfst du mir glauben! Wenn
es heut und morgen nicht gelingt, einen Frieden zu stande
zu bringen, so brechen noch viel schlimmere Zeiten über
euch herein, als zur Zeit von Beder-Khan und Nur-Ullah-Bey. Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß die Chaldani
mit Weib und Kind vollständig ausgerottet werden.“

„Ist dies wirklich dein Ernst, Emir?“

„Wirklich und wahrhaftig!“

„O Jesus, was sollen wir thun?“

„Weißt du, wo dein Vater die Streitsüchtigen versammeln will?“

„Nein; das konnte ich nicht erfahren.“

„Weißt du auch nicht, wo er sich jetzt befindet?“

„Er reitet von einem Orte zum andern, um die
Männer zum Kampfe aufzumuntern.“

„So kann uns nur vielleicht der Ruh 'i kulyan helfen.
Bis dahin aber muß ich Vorbereitungen treffen.“

„Thue es, Herr, und alle Friedfertigen werden dein
Andenken segnen, wenn du längst nicht mehr bei uns bist!“

Das Mahl war beendet, und daher fragte ich Halef:
„Wirst du den Weg nach Lizan finden können, doch
so, daß dich unterwegs niemand bemerkt?“

Er nickte, und ich fuhr fort:
„Du gehst zum Melek und zum Bey von Gumri und
sagst ihnen, wie und wo du mich gefunden hast.“

„Soll ich sagen, wer dich überfallen hat?“

„Ja. Nedschir-Bey hat mich gefangen genommen,
damit ich den Frieden nicht vermitteln könne. Er verlangt für meine Freiheit mein Pferd, mein Eigentum und
alles, was meine Gefährten bei sich tragen.“

„Der Scheïtan soll's ihm geben!“

„Du siehst, daß man mir bereits alles genommen hat.
Laß mir deine Pistolen und dein Messer hier. Auch den
Hund behalte ich da.“

„Nimm die Flinte dazu, Sihdi! Ich komme auch
ohne Waffen nach Lizan zurück.“

„Die Flinte könnte mir hinderlich sein. Erzähle
dann dem Bey und dem Melek, daß der Raïs von Schohrd
Boten gesandt hat in alle Orte auf- und abwärts von
Lizan, um die Einwohner zum Kampfe aufzuwiegeln. Sie
sollen sich während der Nacht an einem Orte versammeln,
den ich leider nicht kenne, und dann wollen sie über die
Berwari herfallen. Auch der Raïs selbst reitet überall
herum; und ich lasse dem Melek sagen, daß er ihn sofort
festnehmen soll, sobald er ihn erwischen kann.“

„Sihdi, ich wollte, ich träfe diesen Menschen jetzt
unterwegs; ich habe ihn mir genau gemerkt und würde
ihn unschädlich machen.“

„Du allein? Das laß bleiben! Du bist ihm nicht
gewachsen; er ist zu stark für dich.“

Der kleine Mann erhob sich mit der Miene eines
Beleidigten, reckte seine geschmeidigen Glieder und rief:
„Zu stark für mich? Was denkst du, Sihdi, und wo
ist dein weises Urteil auf einmal hingeraten! Habe ich
nicht Abu Seif besiegt? Habe ich nicht noch viele andere
große Thaten verrichtet? Was ist dieser Nedschir-Bey gegen
den berühmten Hadschi Halef Omar? Ein blinder Frosch,
eine lahme Kröte, die ich zertreten werde, sobald ich sie
erblicke. Du bist Emir Kara Ben Nemsi, der Held aus
Frankistan; soll ich, dein Freund und Beschützer, mich
vor einem zerlumpten Chaldani fürchten? O Sihdi, wie
wundere ich mich über dich!“

„Wundere dich meinetwegen, aber sei vorsichtig. Es
kommt jetzt alles darauf an, daß du glücklich Lizan erreichst.“

„Und wenn sie nun fragen, wann du mir nachfolgen
wirst; was soll ich ihnen antworten?“

„Sage ihnen, daß ich wohl bis zum Morgen bei
ihnen sein werde.“

„So nimm hier die Pistolen und den Dolch, auch
hier den Kugelsack, und Allah behüte dich!“

Dann trat er zu Ingdscha und reichte ihr die Hand:

„Lebe wohl, du schönste unter den Schönen! Wir
sehen uns wohl wieder.“

Auch der guten ‚Petersilie‘ reichte er die Hand:

„Lebe wohl, auch du, liebliche Mutter der Chaldani!
Meine Augenblicke bei dir waren süß, und wenn du dir
auch einen Löffel wünschest, so werde ich dir sehr gern
einen schnitzen, damit du denken kannst an deinen Freund,
der von dir geht. Sallam, du Kluge, du Treue, Sallam!“

Sie verstanden zwar beide nicht, was er sagte, aber
sie nahmen seine Worte freundlich auf, und Madana verließ sogar mit ihm die Hütte, um ihn eine Strecke zu
begleiten.

Ich blickte durch den Eingang, um an dem Stand
der Sterne die Zeit zu bemessen; denn auch die Uhr war
mir abgenommen worden. Es mochte vielleicht zehn Uhr sein.

„Es ist zwei Stunden vor Mitternacht. Wann gehen
wir?“ fragte ich das Mädchen.

„In einer Stunde.“

„Meine Zeit ist sehr kostbar. Kann man mit dem
Geist der Höhle nicht eher sprechen?“

„Die rechte Zeit ist genau um Mitternacht. Er wird
zornig, wenn man eher kommt.“

„Bei mir wird er nicht zornig werden.“

„Weißt du das gewiß?“

„Ganz gewiß.“

„So laß uns gehen, sobald Madana zurückgekehrt ist.“

„Haben wir ein Licht?“

Sie zeigte mir schweigend einige kurze Binsenflechten,
die mit Hammeltalg getränkt waren. Auch Feuerzeug
hatte sie bei sich. Dann fragte sie:

„Herr, ich habe eine Bitte.“

„Sprich!“

„Wirst du meinem Vater verzeihen?“

„Ja; um deinetwillen.“

„Aber der Melek wird ihm zürnen!“

„Ich werde ihn besänftigen.“

„Ich danke dir!“

„Hast du nicht erfahren, wer meine Waffen erhalten
hat und die anderen Sachen, die man mir abgenommen hat?“

„Nein. Der Vater wird sie wohl haben.“

„Wo pflegt er solche Dinge aufzubewahren?“

„Nach Hause hat er nichts gebracht; ich hätte es
bemerkt.“

Jetzt kam Madana wieder.

„Herr,“ sagte sie mit stolzer Miene, „dein Diener ist
ein sehr verständiger und höflicher Mann.“

„Woraus schließest du dies?“

„Er hat mir etwas gegeben, was ich seit langer Zeit
nicht mehr erhalten habe: — einen Oepüsch, einen großen
Oepüsch.“

Ich glaube, ich habe bei diesem naiv-stolzen Bekenntnisse ein sehr verdutztes Gesicht gemacht. Halef einen
Kuß? Dieser alten, guten, duftigen ‚Petersilie‘? Einen
Kuß auf die ‚Reisetasche‘, in deren Oeffnung die Schnecken
mit Knoblauch verschwunden waren? Das war mir schier
unglaublich. Daher fragte ich:

„Einen Oepisch? Wohin?“

Sie spreizte mir die braunglasierten, dürren Finger
der Rechten entgegen.

„Hierher, auf diese Hand. Es war ein Elöpüsch,
wie man ihn nur einem vornehmen, jungen Mädchen giebt.
Dein Diener ist ein Mann, dessen Höflichkeit man rühmen
muß.“

Also ein Handkuß nur! Aber trotzdem eine Heldenthat meines wackern Halef, zu der ihm jedenfalls nur
seine Liebe zu mir die Ueberwindung gegeben hatte.

„Du kannst stolz darauf sein,“ antwortete ich. „Das
Herz des Hadschi Halef Omar schlägt dir voll Dankbarkeit entgegen, weil du dich so freundlich meiner angenommen
hast. Auch ich werde dir dankbar sein, Madana“ — hierbei machte sie unwillkürlich eine Bewegung, als wolle sie
mir die Finger zum Handkusse entgegenstrecken, und daher fügte ich sehr eilig hinzu: — „nur mußt du warten,
bis ich wieder in Lizan bin.“

„Ich werde warten, Herr!“

„Jetzt werde ich mit Ingdscha zur Höhle gehen. Was
wirst du thun, wenn jemand unterdessen kommt, um
nach mir zu sehen?“

„Emir, rate mir!“

„Bleibst du hier, so trifft dich der Zorn des Betreffenden. Daher ist es besser, du versteckst dich, bis wir
zurückkehren.“

„Ich werde deinen Rat befolgen und an einen Ort
gehen, wo ich die Hütte beobachten und auch eure Rückkehr bemerken kann.“

„So wollen wir aufbrechen, Ingdscha.“

Ich steckte die Waffen zu mir und nahm den Hund
an die Leine.

Die Jungfrau schritt voran, und ich folgte ihr.

Wir gingen eine Strecke weit den Weg zurück, auf
dem ich zur Hütte gebracht worden war; dann stiegen
wir rechts aufwärts und verfolgten diese Richtung, bis
wir die Höhe erklommen hatten. Dieselbe war mit Laubwald bestanden, so daß wir eng nebeneinander gehen
mußten, um uns nicht zu verlieren.

Nach einiger Zeit lichtete sich die Holzung wieder,
und wir hatten einen schmalen Felsensattel zu überschreiten,
der zu einer steilen Falte des Berges führte.

„Nimm dich in acht, Herr,“ warnte das Mädchen.
„Von jetzt an wird der Weg sehr beschwerlich.“

„Das ist nicht gut für alte Leute, die zu dem
Geist der Höhle wollen. Hier können nur junge Füße
steigen.“

„O, auch die Alten können empor, nur müssen sie
einen Umweg machen. Von jenseits führt ein ganz guter
Pfad bis in die Nähe der Höhle.“

Indem wir einander gegenseitig stützten, kletterten
wir Hand in Hand empor und gelangten schließlich in ein
Gewirr von großen Steinblöcken, zwischen denen ich das
Ziel unserer Wanderung vermutete, die bis jetzt über
eine halbe Stunde gedauert hatte.

Jetzt bildeten die Blöcke eine Art offenen Gang, in
dessen Hintergrunde sich eine dunkle Wand erhob. Ingdscha blieb stehen.

„Dort ist es,“ sagte sie, auf das Dunkel deutend.
„Du gehst gradaus und wirst am Fuße jener Wand eine
Oeffnung sehen, in die du das Licht setzest, nachdem
du es angezündet hast. Dann kehrst du zu mir zurück.
Ich warte hier auf dich.“

„Kann man das Licht hier sehen?“

„Ja. Aber es wird jetzt vergebens brennen, denn es
ist noch lange nicht Mitternacht.“

„Ich werde es doch versuchen. Hier ist die Leine;
halte einstweilen den Hund und lege ihm die Hand auf
den Kopf.“

Ich nahm die Kerzen und schritt vorwärts. Es war
ein Gefühl außerordentlicher Spannung, das mich jetzt
beherrschte, und dies war gar kein Wunder; sollte ich doch
in das Geheimnis eindringen, das den „Geist der Höhle“
umhüllte. Freilich, den eigentlichen Kern dieses Geheimnisses ahnte ich bereits.

Ich langte vor der Felsenwand an und bemerkte die
Höhle, deren Eingang gerade so hoch und breit war, daß
ein Mann in aufrechter Haltung Zutritt nehmen konnte.
Ich lauschte einige Augenblicke, hörte aber nicht das mindeste, und brannte dann eine der Kerzen an, die ich
auf den Boden der Höhle niederstellte. Das ging sehr
leicht, da die Kerze unten eine genügende Breite besaß.

Nun kehrte ich wieder zurück. Ich sagte mir, daß
für einen nicht Unbefangenen schon ein gut Teil Mut
dazu gehöre, in der Stunde der Mitternacht den Berg zu
besteigen, um mit einem Geiste in Verkehr zu treten.

„Das Licht brennt. Nun warte, ob es verlöschen
wird,“ sagte Ingdscha.

„Es geht nicht der leiseste Lufthauch; wenn das Licht
verlöscht, so ist es also ein sicheres Zeichen, daß der Ruh
zugegen ist.“

„Sieh!“ meinte das Mädchen, mich hastig am Arme
fassend. „Es ist verlöscht!“

„So gehe ich.“

„Ich erwarte dich hier.“

Als ich wieder an die Höhle kam, bückte ich mich
nieder, um nach dem Lichte zu fühlen — es war weggenommen worden. Ich hegte die Ueberzeugung, daß der
Geist sich ganz nahe, vielleicht in einer Seitennische, befinde, um jedes Wort hören zu können. Ein anderer
hätte nun einfach seine Angelegenheit in akroamatischer
Weise vorgetragen und dann sich zurückgezogen; dies aber
lag nicht in meiner Absicht. Ich trat zwei Schritte in
die Höhle hinein.

„Ruh 'i kulyan!“ rief ich halblaut.

Es erfolgte keine Antwort.

„Marah Durimeh!“

Wieder keine Antwort.

„Marah Durimeh, melde dich getrost; ich werde dein
Geheimnis nicht verraten. Ich bin der Hekim aus Frankistan, der dein Urenkelkind in Amadijah vom Gifte
befreite, und habe augenblicklich sehr notwendig mit dir
zu sprechen.“

Ich hatte mich nicht getäuscht — seitwärts war ein
Geräusch zu vernehmen, als ob sich jemand überrascht vom
Boden erhebe; dennoch aber vergingen mehrere Sekunden,
ehe eine Antwort erfolgte. Dann erklang es:

„Du bist wirklich der Hekim-Emir aus Frankistan?“

„Ja. Vertraue mir! Ich ahnte, daß du selbst der
Ruh 'i kulyan bist; ich werde dein Geheimnis bewahren.“

„Es ist deine Stimme, aber ich kann dich nicht sehen.“

„Verlange ein Zeichen von mir!“

„Gut! Was hatte der türkische Hekim in seinem
Amulet, mit dem er den Teufel der Krankheit vertreiben
wollte?“

„Eine tote Fliege.“

„Emir, du bist es wirklich! Wer hat dir die Höhle
gezeigt?“

„Ingdscha, die Tochter von Nedschir-Bey. Sie steht
da draußen und erwartet mich.“

„Gehe noch vier Schritte vorwärts!“

Ich that es und fühlte mich dann von einer Hand
gefaßt, die mich nach seitwärts in eine Spalte zog,
wo sie mich eine Strecke weiter führte.

„Jetzt warte. Ich werde das Licht anzünden.“

Einen Augenblick später brannte die Kerze, und ich
sah Marah Durimeh vor mir stehen, eingehüllt in einen
weiten Mantel, aus dem ihr hageres Gesicht wie dasjenige
eines Totenkopfs mir entgegengrinste. Auch heut hingen
ihr die schneeweißen Haarzöpfe bis beinahe zur Erde herab.
Sie leuchtete mich an.

„Ja wirklich, du bist es, Emir! Ich danke dir, daß
du gekommen bist. Aber du darfst keinem Menschen sagen,
wer der Geist der Höhle ist!“

„Ich schweige.“

„Ist es ein Wunsch, der dich zu mir führt?“

„Ja. Aber er betrifft nicht mich, sondern die Chaldani, die einem großen Unglücke entgegengehen, das
nur du vielleicht von ihnen abzuwenden vermagst. Hast
du Zeit, mich anzuhören?“

„Ja. Komm und setze dich.“

In der Nähe lag ein langer, schmaler Stein, der
Raum genug für zwei bot. Er bildete wohl stets die
Ruhebank des Höhlengeistes. Wir ließen uns nebeneinander darauf nieder, während das Licht auf einer
Steinkante stand. Dann sagte die Alte mit besorgter
Miene:

„Deine Worte verkünden Unheil. Rede, Herr!“

„Weißt du schon, daß der Melek von Lizan den Bey
von Gumri überfallen und gefangen genommen hat?“

„Heilige Mutter Gottes, ist das wahr?“ rief sie,
sichtlich im höchsten Grade erschrocken.

„Ja. Ich selbst war dabei als Gast des Bey und
wurde gefangen.“

„Ich weiß nichts davon, kein Wort. Ich war während der letzten Tage drüben in Hajschad und Biridschai
und bin erst heut über die Berge gekommen.“

„Nun halten die Berwari-Kurden da unten vor Lizan,
um morgen den Kampf zu beginnen.“

„O ihr Thoren, die ihr den Haß liebt und die Liebe
haßt! Soll sich das Wasser wieder vom Blute röten und
das Land vom Scheine der Flammen? Erzähle, Herr,
erzähle! Meine Macht ist größer, als du denkst; vielleicht
ist es noch nicht zu spät.“

Ich folgte ihrem Gebote, und sie lauschte mit angehaltenem Atem meiner Darstellung. Es war, als hätte
ich den Tod neben mir sitzen, und doch hing von diesem
skelettartigen, geheimnisvollen Wesen vielleicht das Leben
von Hunderten ab. Kein Glied ihres Körpers bewegte
sich, und keine Falte ihres Mantels zitterte; aber sofort,
als ich geendet hatte, fuhr sie vom Steine empor.

„Emir, noch ist es Zeit. Willst du mir helfen?“

„Gern.“

„Ich weiß, du mußt mir auch von dir erzählen,
aber nicht jetzt, nicht jetzt, sondern morgen; jetzt giebt es
Nötigeres zu thun. Der Geist der Höhle ist stumm gewesen; noch nie hat ihn jemand sprechen hören; heut aber
wird er reden, heut muß er reden. Laß dich von Ingdscha führen, Herr, und eile hinab nach Lizan. Der Melek,
der Bey von Gumri und der Raïs von Schohrd sollen
sogleich zum Ruh 'i kulyan kommen.“

„Werden sie gehorchen?“

„Sie gehorchen; sie müssen gehorchen, glaube es mir!“

„Aber der Raïs ist nicht zu finden!“

„Emir, wenn ihn niemand findet, so wirst doch du
ihn finden; ich kenne dich. Auch er muß kommen, ob
gleichzeitig oder ob später als die beiden andern; wenn
er nur bis zum Morgen erscheint. Ich werde warten.“

„Sie werden mich fragen, von wem ich den Auftrag
erhalten habe. Ich werde antworten: ‚Vom Ruh 'i
kulyan;‘ weiter kein Wort. Ist es so recht?“

„Ja. Sie brauchen nichts zu wissen, am allerwenigsten aber, wer der Geist der Höhle eigentlich ist.“

„Soll ich wieder mitkommen?“

„Du kannst sie begleiten, aber in die Höhle darfst du
nicht mit eintreten. Was ich ihnen zu sagen habe, ist für
keines andern Ohr. Sage ihnen, sie sollen sofort in die
Höhle treten und darin gradaus fortschreiten, bis sie in
einen Raum gelangen, der erleuchtet ist.“

„Kannst du es bewirken, daß ich wieder erhalte, was
man mir abgenommen hat?“

„Ja; trage keine Sorge. Aber jetzt gehe; morgen
sehen wir uns wieder, und dann kannst du mit Marah
Durimeh sprechen, so lange es dir gefällt!“

Ich ging und traf Ingdscha noch an demselben Platze,
an dem ich sie verlassen hatte.

„Du warst lange dort, Herr,“ sagte sie.

„Desto schneller müssen wir jetzt gehen.“

„Du mußt doch warten, bis das Licht wieder brennt,
sonst weißt du nicht, ob dir deine Bitte erfüllt wird.“

„Sie wird erfüllt.“

„Woher weißt du es?“

„Der Geist sagte es!“

„O Herr, hättest du seine Stimme gehört?“

„Ja. Er hat sehr lange mit mir gesprochen.“

„Das ist noch niemals geschehen; du mußt ein sehr
großer Emir sein!“

„Ein Geist beurteilt den Menschen nicht nach seinem
Stande.“

„Hast du ihn vielleicht gar auch gesehen?“

„Von Angesicht zu Angesicht.“

„Herr, du erschreckst mich! Wie sah er aus?“

„Solche Dinge darf man nicht enthüllen. Komm,
du sollst mich führen; ich muß schnell nach Lizan
hinab.“

„Was wird da aus Madana, die auf dich wartet?“

„Du bringst mich zuerst auf den rechten Weg, und
dann kehrst du zu ihr zurück, um ihr zu sagen, daß sie
nicht mehr auf mich warten solle. Ich werde morgen nach
Schohrd kommen.“

„Was aber soll sie meinem Vater sagen, wenn er
dich von ihr verlangt?“

„Sie soll sagen, daß er sogleich zum Geist der Höhle
kommen solle. Auch wenn du deinen Vater triffst, sendest
du ihn sofort hinauf zur Höhle. Er muß kommen, er
mag vorhaben, was er will. Wenn er nicht auf der
Stelle gehorcht, so ist es um ihn geschehen.“

„Herr, mir wird bange. Komm, laß uns gehen!“

Ich nahm den Hund wieder bei der Leine und das
Mädchen bei der Hand. So stiegen wir bergab, wobei
es natürlich schneller ging, als vorher bergan. Als
wir die Einsattelung erreichten, wandten wir uns nun
nach rechts hinab anstatt nach links hinüber, und das
Mädchen kannte das Terrain so genau und führte mich
so sicher, daß wir bereits nach einer starken Viertelstunde
den Weg erreichten, der Lizan mit Schohrd verbindet.
Hier blieb ich stehen und sagte:

„Nun kenne ich den Pfad; wir müssen uns trennen.
Als ich heut hier herabgeschleppt wurde, habe ich mir den
Weg genau angesehen. Ich danke dir, Ingdscha. Morgen
sehen wir uns wieder. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Sie hatte meine Hand ergriffen und einen kaum fühlbaren Kuß darauf gehaucht; dann eilte sie wie ein verscheuchtes Reh in das Dunkel der Nacht hinein. Ich
stand eine volle Minute lang bewegungslos, dann schlug
ich den Weg nach Lizan ein, während meine Gedanken
sich — rückwärts nach Schohrd bewegten.

Ich mochte vielleicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt haben, als ich den Hufschlag eines Pferdes vor mir
erschallen hörte. Ich trat zur Seite hinter einen Busch,
um nicht gesehen zu werden. Der Reiter kam eilig näher
und an mir vorüber — es war der Raïs. Schon war
er vorüber, da rief ich ihn an:

„Nedschir-Bey!“

Er hielt sein Pferd an.

Ich machte Dojan von der Leine frei, um ihn in
seinen Bewegungen nicht zu hindern, falls mir sein Beistand nötig würde, und trat dann zu dem Raïs.

„Wer bist du?“ fragte er.

„Dein Gefangener,“ antwortete ich, sein Pferd beim
Maule fassend.

Er beugte sich vor und sah mir in das Gesicht. Dann
griff er nach mir; ich aber war schneller und packte seine
Faust.

„Nedschir-Bey, höre in Ruhe, was ich dir zu sagen
habe. Der Ruh 'i kulyan sendet mich: du sollst sofort
zur Höhle kommen.“

„Lügner! Wer hat dich befreit?“

„Wirst du dem Rufe des Geistes folgen oder nicht?“

„Hund, ich töte dich!“

Er langte mit seiner freien Hand nach dem Gürtel,
zu gleicher Zeit aber gab ich ihm aus allen Kräften einen
plötzlichen Ruck; er wurde bügellos und flog in einem
weiten Bogen vom Pferde herab.

„Dojan, faß!“

Der Hund warf sich auf ihn, während ich mir Mühe
geben mußte, das Pferd zu beruhigen. Als mir dies
gelungen war, sah ich den Raïs bewegungslos am Boden
liegen; Dojan stand über ihm und hatte zwischen seinem
aufgesperrten Gebiß den Hals des Mannes.

„Nedschir-Bey, die kleinste Bewegung oder das leiseste
Wort kostet dir das Leben; dieser Hund ist schlimmer als
ein Panther. Ich werde dich binden und dich mit nach
Lizan nehmen; rührst du ein Glied falsch, oder sagst du
ein lautes Wort gegen meinen Willen, so lasse ich dich
zerreißen.“

Er sah den grimmigen Tod vor Augen und wagte
nicht den geringsten Widerstand. Zunächst nahm ich ihm
seine Waffen ab: — Flinte und Messer. Dann fesselte
ich ihn mit der starken Hundeleine grad in der Weise,
wie man mich gefesselt hatte, und endlich stieß ich ihn
empor und band ihn an den Steigbügel, grad so, wie man
es mir gemacht hatte.

„Erlaube, Nedschir-Bey, daß ich aufsteige; du bist
heut lang genug zu Pferde gesessen. Vorwärts!“

Er folgte ohne Widerstand, denn er mußte einsehen,
daß derselbe vollständig nutzlos wäre. Es fiel mir nicht
ein, meine jetzige vorteilhafte Lage zu benutzen, um den
Mann zu verhöhnen, und so verhielt ich mich vollständig
schweigsam. Er selbst unterbrach die Stille, aber in einem
so vorsichtigen Tone, daß ich die Befürchtung heraushörte,
der Hund werde ihn beim ersten Laute packen.

„Herr, wer hat dich befreit?“

„Das hörst du später.“

„Wohin bringst du mich?“

„Das wirst du sehen.“

„Ich werde Madana peitschen lassen!“ grollte er.

„Das wirst du bleiben lassen! Wo hast du meine
Waffen und die andern Sachen?“

„Ich habe sie nicht.“

„Sie werden sich finden. Höre, Nedschir-Bey, hast
du kein besseres Pferd als dieses?“

„Ich habe Pferde genug!“

„Das ist mir lieb. Ich werde sie mir morgen ansehen und mir eins derselben auswählen für das, das du
mir heut erschießen ließest.“

„Der Scheïtan wird dir eins geben. Morgen um
diese Zeit bist du wieder gefangen!“

„Wollen sehen!“

Jetzt trat wieder Stille ein. Er trabte gezwungener
Weise nebenher, der Hund hart an seinen Fersen, und
bald sahen wir Lizan vor uns liegen.

Der Ort hatte sich während meiner Abwesenheit in
ein Heerlager verwandelt. Drüben auf dem rechten Ufer
des Zab herrschte vollständige Dunkelheit, hüben aber
brannte Feuer an Feuer, an welchen zahlreiche Männergruppen lagen oder standen. Das größte Feuer brannte
vor dem Hause des Melek, wie ich schon von weitem bemerkte. Um jeden unnützen Aufenthalt zu vermeiden,
setzte ich mein Pferd in Trab; der Gefangene mußte gleichfalls traben. Dennoch erkannte man mich allenthalben.

„Der Fremde, der Fremde!“ erscholl es, wo ich vorüber kam. Oder es ertönte der Ruf: „Nedschir-Bey!
Und gefangen!“

Wir hatten bald ein zahlreiches Gefolge hinter uns,
das sich Mühe gab, mit uns Schritt zu halten. So
gelangten wir zum Hause des Melek. Hier waren wenigstens sechzig Bewaffnete versammelt. Der erste, den ich erblickte, war — Sir David Lindsay, welcher behaglich an
der Mauer lehnte. Als er mich sah, ging mit seinem
gelangweilten Gesichte eine gewaltige Veränderung vor:
— die Stirn schob sich empor, und das Kinn fiel tief
herunter, als sei es in Ohnmacht gesunken; der Mund
öffnete sich, als solle ein ganzer Fowling-bull verschlungen
werden, und die Nase richtete sich auf, wie der Hals eines
Gemsbockes, wenn etwas Verdächtiges in den Wind kommt.
Dann that der lange David einen herkulischen Sprung
auf mich zu und fing mich, der ich soeben vom Pferde
springen wollte, in seinen geöffneten Armen auf.

„Master, Sir!“ brüllte er. „Wieder da? Heighday-heisa!Huzza! Welcome! Hail, hail, hail!“

„Na, erdrückt mich nicht, Sir David! Andere Leute
wollen auch etwas von mir übrig behalten!“

„Eh! Oh! Ah! Wo habt Ihr gesteckt? Wo gewesen?
Wie gegangen, he? Selbst befreit? Lack-a-day, Gefangenen mitgebracht! Wunderbar! Unbegreiflich! Yes!“

Da aber wurde ich bereits von der andern Seite
gefaßt.

„Allah illa allah! Da bist du ja, Effendi! Allah
und dem Propheten sei Dank! Nun sollst du erzählen!“

Es war Mohammed Emin. Und Amad el Ghandur,
sein Sohn, der neben ihm stand, rief:

„Wallahi, das hat Gott geschickt! Nun hat die Not
ein Ende. Sihdi, reiche uns deine Hand!“

Und dort seitwärts stand der kleine brave Hadschi
Halef Omar. Er sagte kein Wort, aber in seinen treuen
Augen funkelten zwei große Freudentropfen. Ich reichte
auch ihm die Hand:

„Halef, das habe ich zum großen Teile dir zu danken!“

„Rede nicht, Sihdi!“ antwortete er. „Was bin ich
gegen dich? Eine schmutzige Ratte, ein häßlicher Igel,
ein Hund, der froh ist, wenn ihn dein Auge mit einem
Blick beglückt!“

„Wo ist der Melek?“

„Im Hause.“

„Und der Bey?“

„In der verborgensten Stube, weil er die Geisel ist.“

„Laßt uns hineingehen!“

Es hatte sich eine große Menschenmenge um uns
versammelt. Ich schnürte den Raïs vom Bügel los und
bedeutete ihm, mit mir in das Haus zu treten.

„Du bringst mich nicht hinein!“ knirschte er.

„Dojan, paß auf!“

Dieser Ruf genügte. Ich ging voran, das Ende
der Schnur in der Hand haltend, und der Gefangene
folgte ohne Zögern. Als die Thür geschlossen war, erhob
sich draußen ein tosendes, hundertstimmiges Murmeln:
die Menge suchte sich den für sie noch geheimnisvollen
Vorgang zu erklären. Drinnen trat uns der Melek entgegen. Als er mich erblickte, stieß er einen Ruf der lebhaftesten Freude aus und streckte mir beide Hände entgegen.

„Emir, was sehe ich! Du bist wieder zurück? Heil
und unverletzt? Und hier — — ah, Nedschir-Bey!
Gefangen!“

„Ja. Kommt herein, und laßt euch erklären!“

Wir traten in den größten Raum des Erdgeschosses,
wo Platz für uns alle war. Hier ließen sie sich erwartungsvoll auf die Matten nieder, während der Raïs
stehen mußte; seine Leine hatte der Hund zwischen den
Zähnen, der bei der geringsten Bewegung des Gefangenen
ein drohendes Knurren ausstieß.

„Wie ich in die Hände des Raïs von Schohrd geraten bin, und wie man mich behandelt hat, das hat euch
wohl hier Halef ausführlich erzählt?“ fragte ich.

„Ja,“ erklang es im Kreise.

„So brauche ich es nicht zu wiederholen und — — —“

„O doch, Emir, erzähle es noch einmal selbst!“ unterbrach mich der Melek.

„Später. Jetzt haben wir keine Zeit dazu, denn es
giebt sehr Notwendiges zu thun.“

„Wie wurdest du frei, und wie ward der Raïs selbst
dein Gefangener?“

„Auch das sollt ihr später ausführlich hören. Der
Raïs hat die ganze Gegend aufgestachelt, sich morgen früh
auf die Berwari zu werfen. Das wäre das Verderben
der Chaldani — —“

„Nein!“ ließ sich eine Stimme vernehmen.

„Streiten wir uns nicht! Es gab nur einen, der hier
helfen konnte, nämlich der Ruh 'i kulyan — — —“

„Der Ruh 'i kulyan!“ erscholl es erstaunt und erschrocken.

„Ja, und ich ging zu ihm.“

„Wußtest du seine Höhle?“ fragte der Melek.

„Ich fand sie und erzählte ihm alles, was geschehen
war. Er hörte mir ruhig zu und sagte mir, ich solle — —“

„Er hat mit dir gesprochen? Du hast seine Stimme
gehört? — Emir, das ist noch keinem Sterblichen widerfahren,“ rief einer der vornehmen Chaldäer, die mit uns
eingetreten waren. „Du bist ein Liebling Gottes, und
auf deine Stimme müssen wir hören!“

„Thut es, ihr Männer; das wird zu eurem Heile
gereichen!“

„Was sagte der Geist der Höhle?“

„Er sagte, ich solle sofort nach Lizan gehen und den
Melek, den Bey von Gumri und den Raïs von Schohrd
zu ihm bringen.“

Ein lautes „Ah!“ der Bewunderung ging durch die
Versammlung, und ich fuhr fort:

„Ich eilte herab und begegnete dem Raïs. Ich sagte
ihm, daß er zu dem Ruh 'i kulyan kommen solle, und
da er dem Rufe des Geistes nicht gehorchen wollte, so
nahm ich ihn gefangen und brachte ihn hierher. Holt
den Bey herbei, damit er es erfährt!“

Der Melek erhob sich.

„Emir, du scherzest nicht?“ fragte er.

„Diese Sache ist zu ernst zum Scherze!“

„So müssen wir gehorchen. Aber ist es nicht gefährlich, den Bey mitzunehmen? Wenn er uns entflieht,
so sind wir ohne Geisel.“

„Er muß uns versprechen, nicht zu entfliehen, und
er wird sein Wort halten.“

„Ich hole ihn.“

Er ging und brachte nach wenigen Augenblicken den
Bey mit sich herein.

Als der Herrscher von Gumri mich erblickte, eilte
er auf mich zu.

„Du bist wieder da, Herr!“ rief er. „Alochhem
d'Allah — Gott sei Dank, der dich mir wiedergegeben
hat! Ich habe die Kunde von deinem Verschwinden mit
großer Betrübnis vernommen, denn ich wußte, daß meine
Hoffnung nur auf dich allein zu setzen sei.“

„Auch ich habe an dich mit banger Sorge gedacht,
o Bey,“ antwortete ich ihm. „Ich wußte, daß du
wünschest, mich frei zu sehen, und Allah, der immer gütig
ist, hat mich aus der Gewalt des Feindes errettet und
mich wieder zu dir geführt.“

„Wer war der Feind? Dieser hier?“

Er deutete bei diesen Worten auf Nedschir-Bey.

„Ja,“ antwortete ich ihm.

„Allah verderbe ihn und seine Kinder nebst den Kindern seiner Kinder! Bist du nicht der Freund dieser
Leute gewesen, so wie du der meinige gewesen bist?
Hast du nicht gesprochen und gehandelt, wie es zu ihrem
Besten diente? Und dafür hat er dich überfallen und
gefangen genommen! Siehst du nun, was du von der
Freundschaft eines Nasarah zu erwarten hast?“

„Es giebt überall gute und böse Leute, unter den
Muselmännern und unter den Christen, o Bey; darum
soll der Freund nicht mit dem Feinde leiden.“

„Emir,“ entgegnete er, „ich liebe dich. Du hattest
mein Herz erweicht, daß es Gedanken des Friedens hegte
gegen diese Leute. Nun aber haben sie sich an dir vergriffen, und darum mag das Messer zwischen mir und
ihnen reden.“

„Bedenke, daß du ihr Gefangener bist!“ warf ich ein.

„Meine Berwari werden kommen und mich befreien,“
antwortete er stolz.

„Sie sind ja bereits da, aber sie sind zu schwach
an Zahl.“

„Es sind noch viele Tausend hinter ihnen.“

„Wenn diese kommen, so ist es um dich geschehen.
Sie würden dich nur als Leiche finden. Du bist als
Geisel hier und wirst den Angriff deiner Leute mit dem
Leben bezahlen müssen.“

„So sterbe ich. Allah hat alles im Buche verzeichnet,
was dem Gläubigen geschehen soll. Kein Mensch kann
sein Kismét ändern.“

„Bedenke, daß der Melek mein Gastfreund ist! Er
hat nicht gewollt, daß mir Uebles geschehe, und nur der
Raïs ist es gewesen, der ohne Wissen der übrigen feindlich gegen uns gehandelt hat.“

„Wie bist du entkommen, Herr?“

„Frage den Ruh 'i kulyan!“

„Den Ruh 'i kulyan?“ rief er verwundert. „War
er bei dir?“

„Nein, ich war bei ihm, und er wünscht, daß auch
du zu ihm kommst.“

„Ich? Wann?“ erkundigte er sich fast bestürzt.

„Sofort.“

„Herr, du scherzest! Der Ruh 'i kulyan ist ein gewaltiger, mächtiger Geist, und ich bin nichts als ein
armer Oelidschi, der vor dem Unsichtbaren zittern muß.“

„Er ist nicht unsichtbar.“

„Hast du ihn gesehen?“

„Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.“

„Und du bist nicht sofort gestorben?“

„Wie du siehst, lebe ich noch.“

„Ja, ihr Emire aus Frankistan wißt, wie man mit
Geistern zu verkehren hat!“

„Giebt es hier nicht viele Leute, die bei dem Ruh
'i kulyan gewesen sind, ohne darauf sterben zu müssen?“

„Sie haben zu ihm gesprochen, aber sie haben ihn
nicht gesehen.“

„Ich habe dir nicht gesagt, daß du ihn sehen wirst.
Er hat befohlen, daß der Melek, du und Nedschir-Bey
sofort zur Höhle kommen sollt. Willst du diesem Befehle
ungehorsam sein? Auch der Melek wird dahin kommen!“

„Dann gehe auch ich mit.“

„Das wußte ich. Aber wirst du dabei nicht vergessen, daß du der Gefangene des Melek bist?“

„Glaubt er, daß ich ihm entfliehe?“

„Er muß vorsichtig sein. Willst du ihm versprechen,
keinen Fluchtversuch zu machen, und giebst du ihm dein
Wort, freiwillig wieder hierher zurückzukehren?“

„Ich gebe ihm mein Wort.“

„Reiche ihm die Hand!“

Er that dies, und der Melek versicherte ihm:

„Bey, ich vertraue dir und werde dich nicht bewachen,
obgleich mir der Besitz deiner Person jetzt wichtiger ist,
als große Schätze. Wir werden nicht gehen, sondern
reiten, und du sollst frei auf deinem Pferde sein.“

„Reiten?“ fragte ich. „Ist dies nicht unmöglich bei
diesem Wege?“

„Es giebt einen Umweg,“ antwortete er, „der zwar
länger ist, auf dem wir aber zu Pferde die Höhle
eher erreichen, als wenn wir die Höhen mühsam erklettern.
Du reitest mit, Herr?“

„Ja, obgleich ich nicht mit zum Geiste gehen werde.“

„Was aber soll mit Nedschir-Bey geschehen?“

Der Genannte wartete meine Antwort gar nicht ab,
sondern sagte tückisch:

„Ich gehe nicht mit; ich bleibe hier!“

„Du hast gehört, daß dich der Ruh 'i kulyan verlangt,“ warnte ihn der Melek mit ernster Stimme.

„Was dieser Fremde sagt, brauche ich nicht zu beachten!“

„So willst du dem Geiste nicht gehorchen?“

„Ich gehorche ihm, aber nicht, wenn er mir diesen
Franken schickt!“

„Aber ich befehle es dir!“

„Melek, ich bin Nedschir-Bey, der Raïs von Schohrd;
du hast mir nichts zu befehlen!“

Der Melek sah mich fragend an, darum wandte ich
mich zu meinem kleinen Hadschi Halef Omar:

„Halef, hast du gesehen, ob es hier Stricke giebt?“

„Siehe, dort im Winkel liegen genug, Herr,“ antwortete er.

„Nimm davon und komm!“

Der kleine Hadschi merkte, was geschehen solle. Er
versetzte dem Raïs, der ihm in der Richtung stand, einen
nicht sehr freundschaftlichen Rippenstoß und nahm dann
die aus Leff gearbeiteten Stricke vom Boden auf. Ich
aber erklärte dem Melek:

„Will er nicht mit, so wird er gezwungen. Wir
binden ihn auf das Pferd, so daß er sich nicht bewegen
kann.“

„Versucht es,“ drohte der Raïs. „Wer mir nahe
kommt, dem thue ich so, wie du es mit dem Manne Madanas gemacht hast!“

„Was meint er?“ fragte Halef.

„Er soll auf das Pferd gebunden werden, will aber
einen jeden niedertreten, der es wagt, sich ihm zu nahen.“

„Maschallah, der Mensch ist verrückt!“

Bei diesen Worten that der kleine Mann einen
Sprung, und im nächsten Augenblick lag der riesige Chaldani, der allerdings an den Händen gefesselt war,
auf der Erde. Eine halbe Minute später waren ihm die
Beine so fest und eng zusammengebunden, daß seine ganze
Gestalt so unbeweglich war, als ob sie in einem Futterale stäke.

„Aber, Halef, er soll ja auf dem Pferde sitzen?“
erinnerte ich.

„Ist nicht nötig, Sihdi,“ antwortete er. „Wir legen
diesen Dschadd mit dem Bauch auf das Pferd; so kann
er schwimmen lernen.“

„Wohl; schaffe ihn hinaus!“

Der Kleine faßte den Großen beim Kragen des Gewandes, hob ihn halb empor, drehte sich um, so daß
Rücken auf Rücken kam, und schleifte ihn hinaus. Die
anderen folgten. Jetzt trat Lindsay zu mir heran.

„Master,“ sagte er. „Habe nichts verstanden, nothingnot, weniger als nichts. Wohin geht Ihr?“

„Zum Höhlengeist.“

„Höhlengeist? Thunder-strom! Darf ich mit?“

„Hm! eigentlich nicht.“

„Pshaw! Werde diesen Geist nicht aufessen!“

„Glaube es!“

„Wo wohnt er?“

„Droben in den Felsen.“

„Felsen? Giebt's da Ruinen?“

„Weiß nicht. Es war dunkel oben während meiner
Anwesenheit.“

„Felsen! Höhlen! Ruinen! Geister! Vielleicht auch
Fowling-bulls?“

„Ich glaube nicht.“

„Und dennoch gehe ich mit! War hier so lange
allein; kein Mensch versteht mich. Bin froh, daß ich
Euch wieder habe. Nehmt mich mit!“

„Nun wohl; aber zu sehen werdet Ihr wohl nichts
bekommen.“

„Disagreeable, uncivil! Wollte auch einmal Geist
sehen — Geist oder Gespenst! Gehe aber doch mit! Yes!“

Als wir aus dem Hause traten, war die ganze Bevölkerung Lizans vor demselben versammelt; doch herrschte
trotz der vielen Menschen eine tiefe Stille. Man sah bei
dem Scheine der Fackeln ganz deutlich, daß ich mit Halefs
Hilfe den Raïs auf das Pferd befestigte; aber keine Lippe
regte sich, um nach der Ursache dieses gewiß ungewöhnlichen Verfahrens zu fragen. Unsere Pferde nebst den
nötigen Fackeln wurden herbeigeschafft, und dann erst, als
wir aufsaßen, erklärte der Melek den Versammelten, daß
wir im Begriffe ständen, den Ruh 'i kulyan aufzusuchen.
Er befahl, bis zu unserer Wiederkehr nicht das geringste
zu unternehmen, und dann ritten wir zwischen den erstaunten Zuhörern davon.

Voran ritt der Melek mit dem Bey; dann folgte
Halef, der das Pferd des Raïs am Zügel führte, und
der Engländer beschloß mit mir den kleinen Zug. Der
Melek und Lindsay trugen die beiden Fackeln, die den
Weg erleuchten sollten.

Dieser Weg war zunächst ein gebahnter Pfad; später
wichen wir von demselben ab, hatten aber Raum genug
für zwei nebeneinander gehende Pferde. Es war ein überaus phantastischer Ritt. Unter uns lag das bisher nur
von höchstens vier Europäern betretene Thal des Zab im
tiefsten, unheimlichen Dunkel. Diesseits, rechts von uns,
glänzte die blutrote Lohe der Fackeln von Lizan zu uns
herauf; links, jenseits des Wassers, zeigte ein mattheller
Fleck die Stelle an, wo die Kurden lagerten; über uns
dunkelte die Bergesmasse, auf deren Höhe der Geist hauste,
der selbst mir ein Rätsel war, obgleich er mir erlaubt
hatte, ihn zu ‚rekognoszieren‘; und was nun uns sechs
selbst betraf, so ritten wir zwischen den gespenstischen Reflexen unserer Kienbrände, bestanden aus einem Araber
der Sahara, einem Engländer, einem Kurden, zwei Nasarah und einem Deutschen und hatten einen Gefangenen
in der Mitte.

Da bogen wir um eine Felsenkante; das Thal verschwand hinter uns, und vor uns tauchten die weit auseinander stehenden Stämme des Hochwaldes auf, auf dessen
weichem Boden wir aufwärts ritten. Das flackernde Licht
der beiden Flammen wanderte von Ast zu Ast, von Zweig
zu Zweig, von Blatt zu Blatt; neben, vor und hinter
uns huschte, schwirrte und flatterte es wie zwischen den
Spalten eines Gespensterromanes; der schlafende Wald
atmete schwer rauschend, und die Huftritte unserer Pferde
in dem tiefen Humusboden klangen wie die fernher tönenden Wirbel eines Trommler-Trauermarsches.

„Schauerlich! Yes!“ meinte der Engländer halblaut,
indem er sich schüttelte. „Möchte nicht allein da zu dem
Geiste reiten. Well! Ihr wart allein?“

„Nein.“

„Nicht? Wer war dabei?“

„Ein Mädchen.“

„A maid! Good lack! Jung?“

„Ja.“

„Schön?“

„Sehr!“

„Interessant?“

„Versteht sich! Interessanter als ein Fowling-bull.“

„Heavens, habt Ihr Glück! Erzählt!“

„Später, Sir. Ihr werdet sie morgen auch sehen.“

„Well! Werde beurteilen, ob sie wirklich interessanter
ist, als Fowling-bull. Yes!“

Das leise geführte Gespräch verstummte wieder. Es
lag etwas Heiliges, Unberührbares in dieser tiefen Waldesnacht, und von jetzt an gab es keinen andern Laut als
nur zuweilen das Schnauben eines unserer Pferde. So
kamen wir immer weiter empor, bis wir einen Bergkamm
erreichten, wo die beiden Voranreitenden anhielten.

„Wir sind am Ziele,“ sagte der Melek. „Hier drüben,
zweihundert Schritte hinab sind die Felsen, in denen sich
die Höhle befindet. Hier steigen wir ab und lassen unsere
Pferde zurück. Gehst du mit?“

„Ja, um des Raïs willen, aber nur bis zur Höhle.
Löscht die Fackeln aus!“

Wir banden die Pferde, bei denen Halef und Lindsay
zurückbleiben sollten, an die Bäume und knüpften dann
den Raïs los. Damit er gehen konnte, wurden ihm auch
die Bande von den Beinen genommen. Dojan, der Hund,
stand dabei und beobachtete ihn mit Augen, die selbst
in der Dunkelheit zu erkennen waren; sie hatten fast jenen
phosphoreszierenden Glanz, den man an den Augen
einer Tintorera bemerkt, wenn des Nachts das Meerwasser leuchtet und man dieses fürchterliche Ungeheuer in
der durchsichtigen Flut deutlich erkennen kann.

„Raïs, du folgst dem Melek und dem Bey. Ich gehe
hinter dir. Zauderst du, so lernst du die Zähne dieses
Hundes doch noch kennen!“

Mit diesen Worten gab ich das Zeichen, unsern Weg
nun fortzusetzen. Die angegebene Reihenfolge wurde beibehalten, und Nedschir-Bey weigerte sich nicht im mindesten, meiner Weisung Folge zu leisten. Wir schritten
quer über den Bergkamm hinüber und dann eine Steilung
hinab, von der aus ich die Felsen unter uns liegen
sah. Nach kaum mehr als fünf Minuten standen wir an
demselben Orte, an dem Ingdscha während meiner
Unterredung mit dem Ruh 'i kulyan auf mich gewartet
hatte.

„Ihr sollt in die Höhle treten und dann so lange
gradaus gehen, bis ihr Licht findet,“ bemerkte ich.

Das Abenteuer schien die Beteiligten doch nicht so
ganz gleichgültig zu lassen, wie ich aus ihren langen,
tiefen Atemzügen schloß; denn ihre Gesichter konnte ich
nicht deutlich sehen.

„Emir, binde mir die Arme los!“ bat da der Raïs.

„Das wollen wir nicht wagen,“ antwortete ich.

„Ich entfliehe nicht; ich gehe mit hinein!“

„Schmerzen sie dich?“

„Gar sehr.“

„Du hast sie mir ganz ebenso binden lassen, und ich
mußte die gleichen Schmerzen noch viermal länger ertragen,
als du. Dennoch würde ich die Schnur lösen, aber ich
glaube deiner Versicherung nicht.“

Er schwieg; mein Mißtrauen war also wohl begründet gewesen. Die beiden andern nahmen ihn in ihre
Mitte.

„Herr, bleibst du hier, oder gehest du zu den Pferden
zurück?“ fragte der Bey.

„Wie ihr es wollt.“

„So bleibe hier. Dieser Mann könnte es doch notwendig machen, dich zu brauchen.“

„So geht; ich werde euch hier erwarten.“

Sie gingen, und ich ließ mich auf einen Stein nieder.
Der Hund hatte seine Pflicht so gut begriffen, daß er
dem Raïs so lange folgte, bis ich ihn zurückrief. Nun
kauerte er sich neben mir nieder, legte mir den feinen Kopf
auf das Knie und ließ sich von meiner Hand streicheln.

So saß ich eine lange, lange Zeit allein im Dunkel.
Meine Gedanken schweiften zurück über Berg und Thal,
über Land und Meer zur Heimat. Wie mancher Forscher
hätte viel dafür gegeben, hier an meiner Stelle sein zu
können! Wie wunderbar hatte mich Gott bis hierher geleitet und beschützt, während ganze, große, wohlausgerüstete
Expeditionen da zu Grunde gegangen und vernichtet worden waren, wo ich die freundlichste Aufnahme gefunden
hatte! Woran lag dies? Wie viele Bücher hatte ich über
fremde Länder und ihre Völker gelesen und dabei wie viele
Vorurteile in mich aufgenommen! Ich hatte manches Land,
manches Volk, manchen Stamm ganz anders — und besser
gefunden, als sie mir geschildert worden waren. Der Gottesfunken ist im Menschen niemals vollständig zu ersticken,
und selbst der Wildeste achtet den Fremden, wenn er sich
selbst von diesem geachtet sieht. Ausnahmen giebt es
überall. Wer Liebe säet, der wird Liebe ernten, bei den
Eskimos wie bei den Papuas, bei den Aïnos wie bei den
Botokuden. Mit so ganz heiler Haut war ich zwar auch
nicht davongekommen, denn einige Schmarren, Schrammen
und Löcher hatte diese Haut doch immerhin davongetragen; aber doch nur, weil ich sozusagen als ‚armer Reisender‘ gewandert war, und man weiß ja, daß selbst der
‚höflichste Handwerksbursche‘ zuweilen ein scharfes Wort
oder gar einen unsympathischen Klaps mit in den Kauf
nehmen muß. Dürfte ich doch ein Pionier der Civilisation, des Christentums sein! Ich würde nicht zurückdrängend oder gar vernichtend unter meine fernen Brüder
treten, die ja ebenso Gottes Kinder sind, wie wir stolzen
Egoisten; ich würde jede Form der Kultur und auch den
kleinsten ihrer Anfänge schätzen; es kann ja nicht der eine
Sohn Allvaters grad so wie der andere sein, und nicht
dem Eigennutze, sondern nur der Selbstlosigkeit kann es
gelingen, mit wirklichem Erfolge das erhabene Wort zu
lehren, das „den Frieden predigt und das Heil verkündigt“. Dieses Wort, es stammt ja nicht von einem
Xerxes, Alexander, Cäsar oder Napoleon, sondern von
Dem, der in einem Stalle geboren wurde, aus Armut
Aehren aß und nicht wußte, wohin er sein Haupt legen
sollte, und dessen erste Predigt lautete: „Selig sind die
Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“ —

So verging weit über eine Stunde, und noch saß ich
allein. Ich wollte fast befürchten, daß den Gefährten in
der Höhle ein Unfall widerfahren sei, und ging bereits
mit mir zu Rate, ob es nicht besser wäre, ihnen zu folgen,
als ich endlich Schritte hörte.

Ich erhob mich. Es waren die drei, und — wie ich
gleich sah — man hatte dem Raïs die Fesseln gelöst.

„Du hast sehr lange warten müssen!“ bedauerte der
Melek.

„Ich bangte bereits für euch,“ antwortete ich, „und
wäre wohl in kurzem nachgekommen.“

„Das war nicht nötig. Herr, wir haben den Ruh 'i
kulyan gesehen und mit ihm gesprochen!“

„Habt ihr ihn erkannt?“

„Ja. Es war — — — sage du zuerst den Namen!“

„Marah Durimeh?“

„Ja, Emir. Wer hätte dies gedacht!“

„Ich! Ich habe es geahnt schon seit längerer Zeit.
Was habt ihr mit ihr gesprochen?“

„Das ist Geheimnis und wird Geheimnis bleiben.
Herr, diese Frau ist eine berühmte Meleka, und was
sie zu uns redete, hat unsere Herzen zum Frieden gestimmt.
Die Berwari werden unsere Gäste sein und Lizan dann
als unsere Freunde verlassen.“

„Ist dies wirklich so?“ fragte ich, herzlich erfreut.

„Es ist so,“ antwortete der Bey von Gumri. „Und
weißt du, wem wir dies zu verdanken haben?“

„Dem Ruh 'i kulyan.“

„Ja, aber zunächst doch dir. Emir, die alte Königin
hat uns befohlen, deine Freunde zu sein, aber wir waren
es ja bereits schon vorher. Bleibe bei uns in diesem Lande
als mein Bruder und als unser aller Bruder!“

„Ich danke euch! Auch ich liebe das Land meiner
Väter und möchte einst mein Haupt in demselben zur Ruhe
legen; aber ich werde mit meinen Gefährten bei euch weilen
so lange, als es meine Zeit gestattet. Wird Marah Durimeh auch fernerhin der Ruh 'i kulyan bleiben?“

„Ja, doch niemand darf es wissen, daß sie es ist.
Wir haben geschworen, es zu verschweigen, bis sie gestorben ist. Auch du wirst nicht davon sprechen, Emir?“

„Zu keinem Menschen!“

„Sie wird dich morgen nach der Zeit des Mittages
in meinem Hause besuchen, denn sie hat dich lieb, als ob
du ihr Sohn oder Enkel seist,“ bemerkte der Melek. „Jetzt
aber laßt uns gehen.“

„Und die Chaldani, die Nedschir-Bey zusammengerufen hat?“ fragte ich rasch, denn ich wollte sicher gehen.

Da trat der Erwähnte zu mir heran und reichte mir
die Hand entgegen.

„Herr, sei auch mein Freund und Bruder, und verzeihe mir! Ich bin auf falschem Wege gewandelt und will
gern umkehren. Du sollst alles wieder erhalten, was ich
dir abgenommen habe, und ich werde gleich jetzt zum Versammlungsorte meiner Leute gehen, um ihnen zu sagen,
daß Frieden ist.“

„Nedschir-Bey, nimm meine Hand; ich verzeihe dir
gern! Aber weißt du, wer mich aus der Gefangenschaft
befreit hat?“

„Ich weiß es. Marah Durimeh hat es mir gesagt.
Madana und Ingdscha sind es gewesen, und meine Tochter
hat dich dann selbst zum Ruh 'i kulyan geführt.“

„Du zürnest den beiden?“

„Ich hätte ihnen sehr gezürnt und sie sehr hart bestraft; aber die Worte der alten Meleka haben mir die
Erkenntnis gebracht, daß die beiden Frauen sehr wohl
gehandelt haben. Erlaube, daß auch ich dich besuche!“

„Ich bitte dich darum! Nun aber kommt, ihr Brüder! Meine zwei Gefährten werden sich um uns sorgen.“

Wir verließen den geheimnisvollen Ort, klimmten
die Anhöhe empor und fanden den Engländer und Halef
wirklich in großer Sorge um mich.

„Wo bleibt ihr denn, Master?“ rief mir Lindsay
entgegen. „Beinahe wäre ich gekommen, um diesen Holeghost um euretwillen totzuschlagen!“

„Ihr seht, daß diese kühne That nicht nötig war, Sir.“

„Was gab es denn da unten?“

„Später, später; jetzt wollen wir aufbrechen.“

Da nahm mich Halef beim Arme.

„Sihdi,“ raunte er mir zu, „dieser Mann ist ja nicht
mehr gefesselt!“

„Der Geist der Höhle hat ihn befreit, Halef.“

„So ist dieser Ruh 'i kulyan ein sehr unvorsichtiger
Geist. Komm, Sihdi, laß uns den Menschen sofort wieder
binden!“

„Nein. Er hat mich um Verzeihung gebeten, und
ich habe ihm verziehen!“

„Sihdi, du bist ebenso unvorsichtig wie der Geist!
Aber ich werde klüger sein: ich bin Hadschi Halef Omar
und verzeihe ihm nicht.“

„Du hast ihm nichts zu verzeihen!“

„Ich? Nicht?“ fragte er verwundert. „O viel, sehr
viel, Sihdi!“

„Was denn?“

„Er hat sich an dir vergriffen, an dir, dessen Freund
und Beschützer ich bin, und das ist viel ärger, als wenn
er mich selbst gefangen genommen hätte. Wenn ich ihm
verzeihen soll, so mag er auch mich um Verzeihung bitten.
Ich bin ein Türke, kein Kurde und kein feiger Nasarah,
sondern ein Radschul el arab, der seinen Sihdi nicht
beleidigen und nicht kränken läßt. Sage ihm das!“

„Vielleicht giebt es Gelegenheit dazu. Jetzt aber
steige auf! Du siehst, die andern sitzen bereits zu Pferde.“

Der Melek hatte neue Fackeln angebrannt, und der
Rückweg wurde angetreten. Man war jetzt nicht so
schweigsam wie aufwärts, und nur ich beteiligte mich nicht
an dem Gespräche, das von den drei Eingeborenen in
fließendem Kurdisch, zwischen Lindsay und Halef aber
mittelst englischer und arabischer Sprachbrocken geführt
wurde, von denen die beiden gegenseitig kaum den hundertsten Teil verstanden.

Unser Besuch auf dem Berge gab mir viel zu denken.
Worin bestand die Macht, die diese Marah Durimeh
auf den Scheik sowohl als auch auf den Bey von Gumri
ausübte? Der Umstand, daß sie Königin gewesen war,
konnte an und für sich von keiner solchen Wirkung sein.
Es gehörte mehr als dies dazu, um in so kurzer Zeit
zwei Gegner zu versöhnen, die sich in Beziehung sowohl
auf ihre Abstammung als auch auf ihren Glauben so
schroff gegenüber standen. Und fast ebenso wunderbar war
es, aus dem wilden, ungefügen Nedschir-Bey so schnell einen
freundlichen, lammfrommen Mann zu machen. Warum
sollte dies alles Geheimnis bleiben, auch für mich?
Ein anderes Menschenkind hätte sich mit einem solchen
Einflusse, mit einer solchen Macht gebrüstet. Diese Marah
Durimeh war nicht nur ein geheimnisvolles Menschenkind,
sondern jedenfalls auch ein ungewöhnlicher, außerordentlicher Charakter. Welch ein Sujet für einen neugierigen
Menschen, der sich in der weiten Welt umhertreibt,
um interessante Gegenstände für seine Feder zu finden!
Ich gestehe, daß mir jetzt das Geheimnis der alten Königin
weit mehr am Herzen lag, als vorher die Streitigkeit
zwischen den Kurden und Chaldani.

Als wir die Lichter von Lizan wieder vor uns erblickten, meinte der Raïs von Schohrd:

„Jetzt muß ich mich von euch trennen.“

„Warum?“ fragte der Melek.

„Ich muß an den Versammlungsort meiner Leute,
um ihnen zu sagen, daß Frieden ist, sonst könnten sie ungeduldig werden und noch vor dem Morgen gegen die
Kurden losbrechen.“

„So gehe.“

Er ritt von uns rechts ab, und wir waren in zehn
Minuten in Lizan. Die Leute empfingen uns mit neugierigen Gesichtern. Die laute Stimme des Melek rief
sie zusammen, und dann richtete er sich in dem Sattel
empor, um ihnen zu verkünden, daß aller Kampf zu Ende
sei, weil der Ruh 'i kulyan es geboten habe.

„Wollen wir die Berwari bis morgen warten lassen?“
fragte ich ihn dann.

„Nein. Sie sollen es sofort erfahren.“

„Wer soll der Bote sein?“

„Ich,“ antwortete der Bey. „Sie werden keinem
so leicht glauben wie mir. Reitest du mit, Herr?“

„Ja,“ stimmte ich bei, „nur warte noch ein
wenig.“

Ich wandte mich zu demjenigen Chaldani, der mir
am nächsten stand, mit der Frage:

„Du kennst den Weg nach Schohrd?“

„Ja, Emir.“

„So genau, daß du ihn auch im Dunkeln findest?“

„Ja, Emir.“

„Kennst du dort Ingdscha, die Tochter des Raïs?“

„Sehr gut.“

„Und vielleicht auch ein Weib, das Madana heißt?“

„Auch das.“

„So nimm jetzt ein Pferd und reite hin. Du sollst
diesen beiden sagen, daß sie sich ohne Sorgen zur Ruhe
legen können, denn es ist Frieden. Der Raïs ist mein
Freund geworden und wird ihnen nicht zürnen, daß ich
aus der Hütte entkommen bin.“

Ich fühlte mich verpflichtet, den beiden braven Frauen
Nachricht von dem glücklichen Ausgange der heutigen Verwicklungen zu geben; denn ich konnte mir ja denken, daß
sie in Beziehung auf das Verhalten des Raïs sehr in
Sorge sein würden. Und nun schloß ich mich dem Bey
von Gumri an. Wir hatten unsere Pferde bereits in
Gang gebracht, als uns der Melek nachrief:

„Bringt die Berwari mit! Sie sollen unsere Gäste
sein.“

Ich kannte den Weg, trotzdem er durch Bäume und
Sträucher sehr beschwerlich gemacht wurde. Aber wir
hatten noch nicht viel über die Hälfte desselben zurückgelegt, als uns ein lauter Zuruf entgegenscholl:

„Wer kommt?“

„Freunde!“ antwortete der Bey.

„Sagt die Namen!“

Jetzt erkannte der Bey den Posten an der Stimme.

„Sei ruhig, Talaf, ich bin es selbst!“

„Herr, du selbst bist es? Schükr' allah — Gott sei
Dank, daß ich den Ton deiner Stimme vernehme! Ist
es dir gelungen, zu entfliehen?“

„Ich bin nicht entflohen. Wo lagert ihr?“

„Reite grad aus, so wirst du die Feuer sehen!“

„Führe uns!“

„Ich darf nicht, Herr!“

„Warum nicht?“

„Ich gehöre zu den Wachen, die ausgestellt worden
sind, und darf diesen Ort nicht eher verlassen, als bis
ich abgelöst werde.“

„Wer befiehlt bei euch?“

„Noch immer der Raïs von Dalascha.“

„Da habt ihr euch einen außerordentlich klugen Anführer gewählt. Jetzt aber bin ich da, und ihr habt nur
mir zu gehorchen. Die Wachen sind nicht mehr nötig.
Komm und führe uns!“

Der Mann nahm seine lange Flinte über die Schulter
und schritt uns voran. Bald sahen wir die Lagerfeuer
zwischen den Stämmen der Bäume leuchten und gelangten
an denselben Platz, wo wir am vorigen Tage die Beratung gehalten hatten.

„Der Bey!“ erklang es rundum.

Alle erhoben sich voll Freude, um ihn zu begrüßen.
Auch ich wurde umringt und mit manchem freundschaftlichen Händedruck bewillkommnet. Nur der bisherige
Anführer stand von ferne und beobachtete die Scene mit
finsterem Blick. Er sah, daß seine Macht am Ende sei.
Endlich aber trat er doch herbei und reichte dem Bey
die Hand.

„Willkommen!“ sagte er. „Du bist entronnen?“

„Nein. Man hat mich freiwillig freigegeben.“

„Bey, das ist das größte Wunder, welches ich erlebe.“

„Es ist kein Wunder. Ich habe mit den Chaldani
Frieden geschlossen.“

„Du hast zu schnell gehandelt! Ich habe nach Gumri
gesandt, und in der Frühe werden viele Hunderte von
Berwari zu uns stoßen.“

„Dann bist du selbst es, der zu schnell gehandelt hat.
Hast du nicht gewußt, daß dieser Emir nach Lizan ging,
um Frieden zu machen.“

„Er wurde überfallen.“

„Aber du erfuhrst dann später, daß es nicht der
Melek war, der ihn überfallen ließ.“

„Was bekommst du von den Chaldani für den Frieden?“

„Nichts.“

„Nichts? O Bey, du hast zu unklug gehandelt! Sie
haben dich überfallen und mehrere der Unserigen getötet.
Giebt es keine Blutrache und kein Blutgeld mehr im
Lande?“

Der Bey blickte ihm ruhig lächelnd in das Gesicht;
aber dieses Lächeln war beängstigend.

„Du bist der Raïs von Dalascha, nicht?“ fragte er
mit sehr freundlicher Stimme.

„Ja,“ antwortete der andere verwundert.

„Und mich kennst du wohl?“

„Warum sollte ich dich nicht kennen!“

„So sage mir, wer ich bin!“

„Du bist der Bey von Gumri.“

„Richtig! Ich wollte nur sehen, ob ich mich täuschte;
denn ich dachte, dein Gedächtnis habe dich verlassen. Was
glaubst du wohl, daß der Bey von Gumri dem Manne
thun wird, der es wagt, ihn vor so vielen tapfern Männern unklug zu nennen?“

„Herr, willst du mir meine Dienste mit Undank
lohnen?“

Da auf einmal nahm die Stimme des Bey einen
ganz anderen Ton an.

„Wurm!“ donnerte er. „Willst du gegen mich ebenso
thun, wie du es zuerst mit diesem Emir aus Frankistan
gethan hast? Sein Mund wies dich zurecht, und seine
Hand hat dich gezüchtigt. Soll ich mich vor dir fürchten,
da sich der Fremdling nicht scheut, dich vom Pferde zu
werfen! Welchen Dienst hast du mir geleistet, und wer
hat dich zum Anführer ernannt? Bin ich es gewesen?
Ich sage dir, der Ruh 'i kulyan hat uns geboten, Frieden
zu schließen, und weil die Stimme des Geistes zur Milde
geraten hat, so will ich auch dir vergeben. Aber wage
nicht noch einmal, gegen das zu handeln, was ich rede
und was ich thue! Du steigst sofort zu Pferde und
reitest nach Gumri, um den Berwari zu sagen, daß sie
ruhig in ihren Dörfern bleiben können. Gehorchst du
nicht vollständig und augenblicklich, so bin ich mit diesen
Kriegern morgen in Dalascha, und man soll von Behedri
bis Schuraïst, von Biha bis Beschukha im ganzen Lande
Chal erfahren, wie der Sohn des gefürchteten Abd-el-Summit-Bey den Kiaja züchtigt, der ihm zu widerstreben
wagt. Mache dich auf und davon, Sklave der Türken!“

Die Augen des Bey leuchteten so unheimlich, und
sein Arm streckte sich zu gebieterisch aus, daß der Raïs
ohne ein weiteres Wort zu Pferde stieg und schweigend
davonritt. Dann wandte sich der Bey zu den andern:

„Holt die Wachen herbei, und folgt uns nach Lizan!
Ihr sollt von unsern Freunden bewirtet werden.“

Mehrere eilten fort; die andern löschten die Feuer
aus, und ohne daß ein Wort der Frage oder des Widerspruchs gefallen war, hatten wir bereits nach zehn Minuten die Lichtung verlassen und ritten auf Lizan zu.

Als wir dort anlangten, bot sich uns eine sehr
lebendige Scene dar. Man hatte mächtige Haufen Holzes
errichtet, um die Feuer zu vermehren und zu vergrößern;
viele Chaldani waren beschäftigt, Hammel zu schlachten,
und sogar zwei prächtige Ochsen lagen am Boden, um
abgehäutet, ausgenommen, zerstückelt und dann an den
Feuern gebraten zu werden. Dazu waren alle Uejütasch
des Ortes zusammengeschleppt worden; sie bildeten eine
lange Reihe, und an ihnen saßen die Frauen und Mädchen, um Körner in Mehl zu verwandeln und aus dem
Mehl dann breite Brotfladen herzustellen.

Man begrüßte sich zunächst still, und die eine Schar
mengte sich vorsichtig und noch mißtrauisch unter die
andere; aber bereits nach einer Viertelstunde hatte man
sich in Freundschaft vereinigt, und überall erklangen fröhliche Stimmen, die den Geist der Höhle lobten, weil
er das Leid in Freude verwandelt hatte.

Wir Honoratioren (ich gebrauche dieses Wort natürlich mit ungeheurem Stolze) saßen im Parterre des Melek
vereint, um beim Schmause über die Begebenheiten der
letzten Tage zu reden. Natürlich war auch mein wackerer
Halef dabei, der meine öffentliche Anerkennung seiner
Treue und seines mutigen Verhaltens mit sichtlicher Genugthuung entgegennahm. Der Tag war bereits angebrochen, als ich mich mit den Gefährten in den oberen
Raum des Hauses begab, um einige Stunden zu schlafen.

Als ich erwachte, hörte ich unten die bekannte Stimme
des Raïs von Schohrd. Ich eilte hinab und wurde von
ihm mit großer Freundlichkeit begrüßt. Er hatte mir
alles mitgebracht, was mir abgenommen worden war; es
fehlte nicht das geringste, und dazu sagte er mir, daß er
zu jeder Genugthuung bereit sei, die ich von ihm
fordern möchte. Natürlich wies ich das entschieden ab.

Vor dem Hause lagen Kurden und Chaldani wirr
durcheinander. Sie schlummerten noch friedlich.

Da sah ich von unten herauf zwei weibliche Gestalten
langsam nahen. Ich legte die Hand wie einen Schirm
über die Augen und erkannte Ingdscha mit der holden
„Petersilie“. Die alte, süße Madana hatte sich wahrhaft
prachtvoll herausgeputzt, wie ich sah, als sie näher kamen.
Ihr Haupt wurde beschattet von einem Hut, der bloß
noch aus einer unendlich breiten Krämpe bestand, und
um den übrigen Teil zu ersetzen, war ein großer Busch
von Hahnenfedern über die klaffende runde Oeffnung gebunden. An Stelle der Schuhe aber waren zwei prachtvoll rote Fußlappen um die Füße gewickelt, leider aber
war die Farbe nicht mehr zu erkennen. Von ihren Hüften
wallte ein buntscheckiger Teppich hernieder, der die
Stelle des Rockes zu vertreten hatte und von einer Schärpe
festgehalten wurde, die ich an einem andern Ort für
ein altes Küchenhandtuch gehalten hätte. Ihr Oberkörper war eingehüllt in ein Ding, für das den richtigen
Namen zu entdecken selbst dem gründlichsten Garderobekenner nicht gelungen wäre. Es war teils Kasawiaka,
teils Kartoffelsack, teils Beduine und teils lateinisches
Segel, teils Konzerttuch und teils Stuhlkappe, teils Saloppe und teils Geiferlatz. Zwischen diesem geheimnisvollen Toilettestück und dem Teppich guckte das Hemd
hervor — aber, o süße Petersilie, ist dies Leinen oder
Mastrichter Sohlenleder? Giebt es denn im Zab kein
Wasser, traute Erretterin eines Emirs aus Germanistan?

Ganz anders wandelte Ingdscha nebenher. Ihr
dichtes, volles Haar hing in zwei Zöpfen weit über den
Rücken herab; auf dem Scheitel kokettierte ein kleines, in
Falten gelegtes türkisch-rotes Tuch; schneeweiße, weite
Frauenbeinkleider gingen bis zu niedlichen Smyrnaer
Stiefelchen herab; ein blaues, gelbbeschnürtes Baschi-Bozukjäckchen reichte grad bis zu der Taille, und darüber
trug sie einen Saub von dünnem, blauen Baumwollenstoff.

Als sie näher kam und mich erblickte, färbten sich
die Wangen ihres bräunlichen Gesichtes dunkler. Meine
„Petersilie“ aber kam sofort mit Siebenmeilenschritten
auf mich losgestiegen, legte die Arme über die Brust und
forcierte eine Verbeugung, die so tief ging, daß die
Spitzen ihrer Hüften fast über den wagrecht liegenden
Rücken emporragten.

„Sabahh 'l ker — guten Morgen, Herr!“ grüßte
sie. „Du wolltest uns heute sehen, hier sind wir!“

Das war eine militärisch kurze Meldung, ich antwortete:

„Seid willkommen und tretet mit mir in das Haus.
Meine Gefährten sollen die Frauen kennen lernen, denen
ich meine Rettung verdanke.“

„Herr,“ sagte Ingdscha, „du hast uns einen Boten
gesandt; wir danken dir, denn wir waren wirklich in
Sorgen.“

„Hast du deinen Vater bereits gesehen?“

„Nein. Er ist seit gestern nicht in Schohrd gewesen.“

„Er ist hier. Komm herein!“

Schon unter der Thür stießen wir auf den Raïs,
der soeben das Haus verlassen wollte. Er machte ein
einigermaßen erstauntes Gesicht, als er seine Tochter
erblickte, fragte sie aber doch mit freundlicher Stimme:

„Suchst du mich?“

„Es ist Krieg, und ich habe dich seit gestern nicht
gesehen,“ antwortete sie.

„Aengstige dich nicht; die Feindschaft ist vorüber.
Geht zur Frau des Melek; ich habe keine Zeit.“

Es schritt hinaus, schwang sich auf sein Pferd und
ritt davon. Ich aber stieg mit den beiden nach oben,
wo die Genossen soeben ihre Morgentoilette beendet
hatten.

„Heigh-day, wen bringt Ihr da, Master?“ fragte
Lindsay.

Ich nahm die beiden Frauen bei der Hand und führte
sie ihm zu.

„Das sind die beiden Ladies, welche mich aus der
Höhle des Löwen befreiten, Sir,“ antwortete ich. „Diese
hier ist Ingdscha, die Perle, und diese andere heißt Madana, die Petersilie.“

„Petersilie, hm! Aber diese Perle ist prächtig! Habt
recht gehabt, Master! Aber beide brav, alle beide. Werde
ihnen ein Geschenk geben, gut bezahlen, sehr gut. Yes!“

Auch die anderen waren erfreut, meinen Besuch kennen
zu lernen, und ich darf wohl sagen, daß den beiden Chaldäerinnen sehr viel Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Sie blieben da bis Mittag, wo sie das
Mahl noch mit uns einnehmen mußten, und dann begleitete
ich sie eine Strecke Weges nach Schohrd zu. Als ich von
ihnen schied, fragte Ingdscha:

„Herr, hast du dich wirklich mit meinem Vater ausgesöhnt?“

„So ist es.“

„Und hast du ihm vollständig verziehen?“

„Vollständig.“

„Und er zürnt mir nicht? Er wird mich nicht
schelten?“

„Er wird dir nicht ein unfreundliches Wort sagen.“

„Wirst du ihn einmal besuchen?“

„Bin ich denn dir und ihm willkommen, Ingdscha?“

„Ja, Herr!“

„So komme ich bald, vielleicht schon heute, vielleicht
auch morgen.“

„Ich danke dir. Lebe wohl!“

Sie reichte mir die Hand und schritt weiter.

Madana aber blieb bei mir stehen und wartete, bis
das Mädchen außer Hörweite war; dann fragte sie:

„Herr, weißt du noch, was wir gestern gesprochen
haben?“

Ich ahnte, was jetzt kommen werde, und antwortete
daher lächelnd:

„Jedes Wort.“

„Und doch hast du ein Wort vergessen.“

„Ah! Welches?“

„Besinne dich!“

„Ich glaube, alles zu wissen.“

„O, grad das beste, das allerbeste Wort hast du vergessen.“

„So sage es!“

„Das Wort von dem Geschenke!“

„Meine gute Madana, ich habe es nicht vergessen.
Verzeihe mir, ich komme aus einem Lande, wo man die
Frauen höher hält, als alles andere. Sie, die so schön,
so zart und liebenswürdig sind, sollen sich nicht mit schweren
Lasten plagen. Darum haben wir euch eure Geschenke
nicht mitgegeben. Ihr sollt sie nicht diesen weiten Weg
nach Schohrd tragen müssen, sondern wir werden sie euch
heute noch senden. Und wenn ich morgen komme, so wird
dein Anblick mein Herz erfreuen, denn ich werde dich geschmückt sehen mit dem, was ich dir aus Dankbarkeit verehre.“

Die Wolke schwand, und heller Sonnenschein glänzte
auf dem runzeligen Angesicht der guten Petersilie. Dieselbe schlug die Hände zusammen und rief:

„O, wie glücklich müssen die Frauen deines Landes
sein! Ist es weit bis dahin?“

„Sehr weit.“

„Wie viele Tagreisen?“

„Weit über hundert.“

„Wie schade! Aber du kommst morgen wirklich?“

„Sicher!“

„Dann lebe wohl, Herr! Der Ruh 'i kulyan hat gezeigt, daß du sein Liebling bist, und auch ich versichere
dir, daß ich deine Freundin bin!“

Nun gab sie mir die Hand und eilte Ingdscha nach.
Wäre Germanistan nicht so viele Tagreisen entfernt gewesen, so hätte meine Petersilie vielleicht versucht, aus
eigener Anschauung kennen zu lernen, „wie glücklich unsere
Frauen sind!“

Ich hatte den Rückweg noch nicht sehr weit verfolgt,
als ich eine Gestalt rechts von der Höhe herabsteigen sah.
Es war die alte Marah Durimeh. Auch sie hatte mich
erkannt; sie blieb stehen und winkte mir. Als sie sah,
daß ich ihrem Winke Folge leistete, drehte sie sich um und
stieg mit langsamen Schritten wieder den Berg hinan,
wo sie hinter einem Gesträuch verschwand. Dort erwartete
sie mich.

„Der Friede Gottes sei mit dir, mein Sohn!“ begrüßte sie mich. „Verzeihe mir, daß ich dich zu mir
heraufsteigen ließ. Meine Seele hat dich lieb, und im
Hause des Melek kann ich nicht allein mit dir sein; darum
rief ich dich zu mir. Hast du ein wenig Zeit für mich?“

„So viel du willst, meine gute Mutter.“

„So komm!“

Sie nahm mich bei der Hand, wie es eine Mutter
mit ihrem Kinde thut, und führte mich noch einige hundert
Schritte weiter, bis wir einen moosbewachsenen Fleck
erreichten, von dem aus man die ganze Gegend überblicken konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Sie setzte
sich nieder.

„Komm, nimm an meiner Seite Platz!“

Ich folgte ihrem Gebote. Sie ließ den weiten
Mantel fallen, und nun saß sie neben mir so greis, so
ehrwürdig, so Ehrfurcht gebietend, wie eine Gestalt aus
der Zeit der Propheten Israels.

„Herr,“ begann sie, „blicke auf, dahin zwischen Süd
und Ost. Diese Sonne bringt Frühling und Herbst,
bringt Sommer und Winter; ihre Jahre sind mehr als
hundert Male über mein Haupt dahingegangen. Siehe
dieses Haupt an! Es hat nicht mehr das Grau des Alters,
sondern das Weiß des Todes. Ich sagte dir bereits in
Amadijah, daß ich nicht mehr lebe, und ich habe die Wahrheit gesprochen; ich bin ein — Geist, der Ruh 'i kulyan.“

Sie hielt inne. Ihre Stimme klang dumpf und hohl,
wie wirklich aus dem Grabe heraus; aber sie vibrierte
doch wie unter der Regung eines lebendigen Herzens, und
die Augen, die auf das Gestirn des Tages gerichtet
waren, zeigten einen leichten, feuchten Glanz.

„Ich habe viel gehört und viel gesehen,“ fuhr sie fort.
„Ich sah den Hohen fallen und den Niedern emporsteigen;
ich sah den Bösen triumphieren und den Guten zu Schanden
werden; ich sah den Glücklichen weinen und den Unglücklichen jubeln. Die Gebeine des Mutigen zitterten vor Angst,
und der Zaghafte fühlte den Mut des Löwen in seinen
Adern. Ich weinte und lachte mit; ich stieg und sank
mit — dann kam die Zeit, in der ich denken lernte.
Da fand ich, daß ein großer Gott das All regiert und
daß ein lieber Vater alle bei der Hand hält, den Reichen
und den Armen, den Jubelnden und den Weinenden.
Aber viele sind abgefallen von ihm; sie lachen über ihn.
Und noch andere nennen sich zwar seine Kinder, aber sie
sind dennoch die Kinder dessen, der in der Dschehennah
wohnt. Darum geht ein großes Leid hin über die Erde
und über die Menschen, die sich nicht von Gott strafen
lassen wollen. Und doch kann keine zweite Sündflut
kommen, denn Gott würde keinen Noah finden, der der
Vater eines besseren Geschlechtes werden kann.“

Sie machte eine neue Pause. Ihre Worte, der Ton
ihrer Stimme, dieses tote und doch so sprechende Auge,
ihre langsamen, müden und doch so bezeichnenden Gesten
machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich begann die
geistige Herrschaft zu begreifen, die dieses Weib auf die
intellektuell armen Bewohner dieses Landes ausübte. Sie
fuhr fort:

„Meine Seele zitterte, und mein Herz wollte brechen;
das arme Volk erbarmte mich. Ich war reich, sehr reich
an irdischen Gütern, und in meinem Herzen lebte der Gott,
den sie verworfen hatten. Mein Leben starb, aber dieser
Gott starb nicht mit. Er berief mich, seine Dienerin zu
sein. Und nun wandere ich von Ort zu Ort, mit dem
Stab des Glaubens in der Hand, um zu reden und zu
predigen von dem Allmächtigen und Allgütigen, nicht mit
Worten, die man verlachen würde, sondern mit Thaten,
die segnend auf jene fallen, die der Barmherzigkeit des
Vaters bedürftig sind. Die alte Marah Durimeh und
der Ruh 'i kulyan sind dir ein Rätsel gewesen; sind sie
es dir auch jetzt noch, mein Sohn?“

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihre dürre Knochenhand erfassen und an meine Lippen drücken.

„Ich verstehe dich!“

„Ich wußte es, daß es bei dir nur dieser Worte
bedurfte; denn auch du ringst mit dem Leben, ringst mit
den Menschen außer dir und mit dem Menschen in dir
selbst.“

Ich schaute rasch auf zu ihr. War sie mit der Gabe
des Sehens begnadet? Wie kam es, daß ihr Auge so tief
drang und so richtig blickte? Ich antwortete nicht, und
sie fuhr nach einer Weile fragend fort:

„Du bist ein Emir in deinem Lande?“

„Nicht das, was bei euch ein Emir ist. Bei uns
giebt es Emire der Geburt, Emire des Geldes, Emire des
Wissens und Emire des Leidens, des Duldens und des
Ringens.“

„Zu welchen gehörest du?“

„Zu den letzteren.“

Sie blickte mich lange forschend an; dann fragte sie:

„Bist du reich?“

„Ich bin arm.“

„Arm an Gold und Silber, aber nicht arm an andern
Gütern; denn dein Herz teilt Gaben aus, die andere erfreuen. Ich habe gehört, wie viele Freunde du dir erworben hast, und auch mich hast du beglückt. Warum
bleibst du nicht daheim; warum gehest du in ferne Länder?
Man sagt, du wanderst, um mit deinen Waffen Thaten
zu verrichten; aber dies ist nicht wahr, denn die Waffen
töten, und du willst den Tod des Nächsten nicht.“

„Mara Durimeh, ich habe noch keinem gesagt, weshalb ich die Heimat immer wieder verlasse; du aber sollst
es hören.“

„Weiß es auch in deiner Heimat niemand?“

„Nein. Ich bin dort ein unbekannter, einsamer
Mann; aber diese Einsamkeit thut meinem Herzen wohl.“

„Mein Sohn, du bist noch jung. Hat dir Allah
bereits solches Leid beschert, daß deine Seele einwärts
geht?“

„Das ist es nicht, sondern es ist das, was dich noch
leben läßt,“ erwiderte ich.

„Erkläre es mir!“ sagte sie.

„Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert
des Tropfens erkennen, der dem Dürstenden das Leben
rettet. Und auf wem das Gewicht des Leides und der
Sorge lastete, ohne daß eine Hand sich helfend ihm entgegenstreckte, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der
er sich vergebens sehnte. Und doch ist mein ganzes Herz
erfüllt von dem, was ich nicht fand, von jener Liebe,
die den Sohn des Vaters auf die Erde trieb, um ihr
die frohe Botschaft zu verkünden, daß alle Menschen Brüder sind und Kinder eines Vaters. Und wie der Heiland
aus den Höhen, wohin kein Sterblicher dringen kann, auf
die kleine Erde herniederstieg, so gehen nun seine Boten
hinaus in alle Welt, um das Evangelium der Liebe zu
verkündigen allen, die noch in Finsternis wandeln. Das
sind die Emire des Christentums, die Helden des Glaubens, die Meleks der Barmherzigkeit.“

„Aber nicht alle lehren das, was du jetzt gesprochen
hast. Es giebt Sendlinge, die die Boten des echten
Glaubens verfolgen. Siehe dieses Land an, über dem
jetzt die Sonne leuchtet. Dieselbe Sonne hat Tausende
hier sterben sehen, und derselbe Fluß, den du hier vor
uns erblickst, hat Hunderte von Leichen mit sich fortgerissen. Und warum? Frage die Emire des Glaubens,
die dort hinter den Bergen von Karitha und Tura
Schina wohnten; frage die Scheiks der christlichen Fürsten,
die bei den Statthaltern des Sultans waren und dies
alles ruhig geschehen ließen! Hat nicht jeder christliche
Sultan und Schah das Recht und die Pflicht, die Christen
zu schützen, sie mögen sich befinden, wo es nur immer sei?
Ich habe heut um Mitternacht die Christen dieses Thales
vom Tode errettet, ich, das Weib; warum haben diese
Emire weniger Macht als ich? Einst war ich Meleka;
jetzt bin ich nur ein altes Weib; aber dennoch hören
Türken, Kurden und Chaldani meine Stimme. Auch ich
habe heut um Mitternacht das Christentum verkündet,
aber nicht das Christentum des Wortes, über dessen Sinn
die Abgefallenen streiten, sondern das Christentum der
That, daran niemand zweifeln kann. Züchtigt die Bösen, und
sie werden es euch später danken, während die Guten, die
sich nach Erlösung sehnen, euer Nahen mit Freudigkeit
begrüßen werden. Sendet nicht Boten, die wie einzelne
Funken im Meere verlöschen, sondern sendet Männer,
vor denen sich der Unterdrücker fürchtet; dann werden die
Berge jauchzen und die Thäler jubilieren; das Land wird
Segen bringen zu jeder Zeit, und es wird das Wort von
einem Hirten und einer Herde sich erfüllen. Hat nicht
dieser eine Hirt bereits seinen Statthalter auf Erden?
Warum wendet ihr selbst euch von ihm weg? Kehrt zu
ihm zurück; dann seid ihr einig, und die Macht dessen,
der euch sendet, wird die Erde zu dem Belad el Kuds
machen, in dem Milch und Honig fließt!“

Sie hatte während ihrer Rede sich erhoben. Ihre
vorher gebeugte Gestalt stand aufrecht vor mir; in ihren
erstorbenen Zügen zeigte sich plötzliches Leben; ihre tief
eingesunkenen Augen leuchteten vor Begeisterung, und ihre
Stimme erscholl laut und voll, als ob sie zu Tausenden
rede. Es war ein Augenblick, den ich nie vergessen werde.
Jetzt hielt sie erschöpft inne und setzte sich wieder nieder.
Diese Frau mußte viel gesehen und gehört, viel gefühlt
und gedacht, vielleicht auch gar manches gelesen haben.
Was sollte ich ihr antworten?

„Marah Durimeh, tadelst du auch mich?“ fragte
ich sie.

„Dich? Warum meinst du das?“

„Weil ich auch ein Bote bin.“

„Du?! Wer hat dich gesandt?“

„Niemand. Ich komme selbst.“

„Um zu lehren?“

„Nein, und doch auch ja.“

„Ich verstehe dich nicht, mein Sohn. Erkläre es!“

„Du selbst hast gesagt, daß du Boten der That
wünschest, aber der That, die nicht im Meere verlischt.
Gott teilt die Gaben nach seiner Weisheit aus. Dem
einen giebt er die erobernde Rede und dem andern befiehlt
er, zu wirken, bevor die Zeit kommt, da er nicht mehr
wirken kann. Mir ist die Gabe der Rede versagt, aber
ich muß wuchern mit dem Pfunde, das Gott mir verliehen hat. Darum läßt es mich in der Heimat nimmer
ruhen; ich muß immer wieder hinaus, um zu lehren und
zu predigen, nicht durch das Wort, sondern dadurch, daß
ich jedem Bruder, bei dem ich einkehre, nützlich bin. Ich
war in Ländern und bei Völkern, deren Namen du nicht
kennst; ich bin eingekehrt bei weiß, gelb, braun und schwarz
gefärbten Menschen; ich war der Gast von Christen,
Juden, Moslemin und Heiden; bei ihnen allen habe ich
Liebe und Barmherzigkeit gesäet. Ich ging wieder fort
und war reich belohnt, wenn es hinter mir erklang: ‚Dieser
Fremdling kannte keine Furcht; er konnte und wußte mehr
als wir und war doch unser Bruder; er ehrte unsern
Gott und liebte uns; wir werden ihn nie vergessen, denn
er war ein guter Mensch, ein wackerer Gefährte; er war
— — ein Christ!‘ Auf diese Weise verkündige ich meinen
Glauben. Und sollte ich auch nur einen einzigen Menschen
finden, der diesen Glauben achten und vielleicht gar dann
lieben lernt, so ist mein Tagewerk nicht umsonst gethan,
und ich will irgendwo auf dieser Erde mich von meiner
Wanderung gern zur Ruhe legen.“

Es entstand eine lange, lange Pause. Wir beide
blickten wortlos zur Erde nieder; dann ergriff sie langsam
mit beiden Händen meine Rechte.

„Herr,“ sagte sie, „ich liebe dich!“

Dabei sahen mich die alten Augen so mütterlich innig
an, daß ich's nie vergessen werde!

„Mein Sohn,“ sagte sie, „wenn du dieses Thal verlassen hast, so wird mein Auge dich nie wiedersehen, aber
Marah Durimeh wird für dich beten und dich segnen, bis
dieses Auge geschlossen ist. Du sollst nun auch der einzige
sein, der außer den dreien, die um Mitternacht beim
Ruh 'i kulyan waren, mein Geheimnis erfährt. Willst du?“

„Wenn Schweigen besser ist, so verzichte ich darauf;
doch willst du es mir wirklich und gewiß gern anvertrauen, so nimm meinen Dank dafür.“

„Diese drei haben geschworen, nie ein Wort davon
zu sagen — — —.“

„Auch ich werde nie darüber sprechen.“

„Zu keinem Menschen?“

„Zu niemand!“

„So sollst du alles hören.“

Und nun erzählte sie. Es war eine Geschichte, die
als Sujet einen Autor berühmt machen könnte, eine lange
Geschichte aus jener Zeit, in der die drei Teufel Abdel-Summit-Bey, Beder-Khan-Bey und Nur-Ullah-Bey das
Christentum im Thale des Zab ausrotteten, eine Geschichte,
die mir die Haare sträuben machte. Es dauerte lange,
ehe sie beendet war, und dann saß die Alte noch geraume
Zeit in tiefem Schweigen neben mir. Nur ein leises
Schluchzen unterbrach dann und wann die Stille, und die
knöcherne Hand langte nach den Augen, um die immerfort
rinnenden Thränen zu trocknen. Dann legte sie ermüdet
und ganz von selbst ihr Haupt an meine Schulter und
bat mit leiser Stimme:

„Gehe jetzt! Ich wollte hinab nach Lizan gehen; aber
ich steige nochmals zurück, um zu warten, bis mein Herz
wieder ruhig schlägt. Am Abend komme ich zu euch.“

Ich achtete diesen Wunsch und ging.

Als ich in Lizan anlangte, sah ich keine Kurden mehr;
aber der Bey hatte auf mich gewartet.

„Emir,“ sagte er, „meine Leute sind fort, und auch
ich scheide von hier; aber ich erwarte, daß du zurück nach
Gumri kommst.“

„Ich komme.“

„Auf lange Zeit?“

„Auf kurze Zeit, denn die Haddedihn sehnen sich
nach den Ihrigen.“

„Sie haben mir versprochen, mitzukommen, und wir
werden dann beraten, wie ihr am sichersten den Tigris
erreicht. Lebe wohl, Emir!“

„Lebe wohl!“

Der Melek stand mit meinen Gefährten dabei. Der
Bey verabschiedete sich nochmals bei ihnen und eilte dann
davon, um seine Kurden zu erreichen.

Marah Durimeh hielt Wort: sie kam des Abends;
und als sie mich ungehört sprechen konnte, fragte sie
mich:

„Herr, willst du mir eine Bitte erfüllen?“

„Von Herzen gern.“

„Glaubst du an die Macht der Amulette?“

„Nein.“

„Aber dennoch habe ich dir heut eins gemacht. Willst
du es tragen?“

„Als Andenken an dich, ja.“

„So nimm es. Es hilft nicht, so lange es geschlossen
ist; aber wenn du einmal eines Retters bedarfst, so öffne
es; der Ruh 'i kulyan wird dir dann beistehen, auch
wenn er nicht an deiner Seite ist.“

„Ich danke dir.“

Das Amulett war viereckig und in einem zusammengenähten Kattunlappen eingeschlossen. Da es mit einem
Bande versehen war, hing ich es mir gleich um den Hals.
Später sollte es mir allerdings sehr nützlich sein, trotz
meines offen gestandenen Unglaubens; freilich konnte ich
nicht erwarten, daß der Inhalt ein so überraschender sei. —